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Kein Comic Wie Superhelden im echten Leben Gutes tun

Am Zaun: Ibrahim hat die Festung Europa bezwungen

Verschärfte Wohnungsnot: Plötzlich steht sogar der Mittelstand auf der Strasse

Nr. 334 | 19. September bis 2. Oktober 2014 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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Vorname, Name

Telefon

Strasse

E-Mail

PLZ, Ort

Datum, Unterschrift

Anzahl Taschen

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*gemäss Basic 2008-2. Seite bitteMACH heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, 4051 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch

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Titelbild: Pierre-Elie de Pibrac/IFA

Die Real-Life Superheroes sind sonderbare Helden des Alltags: Menschen, die sich als Superhelden verkleiden und sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen. Natürlich ist das Superhelden-Spiel in erster Linie einfach ein durchgeknalltes Hobby. Es ist aber auch ein seltsamer Auswuchs einer Gesellschaft, in der die Selbstdarstellung omnipräsent ist. Und es ist ein Symptom eines unfähigen Sozialstaats. Denn wie könnte man in einem funktionierenden Land nur auf die Idee kommen, die Welt in Strumpfhosen retten zu müssen? Insofern evozieren die Real-Life Superheroes das düstere Science-Fiction-Szenario einer Welt, in der unsere Zivilisation zusammenkracht, unsere Werte zerbrechen und das Zusammenleben wieder auf einem archaischen Stand angekommen ist. Übrig geblieben sind: Obdachlose, die Polizei und ein paar Superhelden, die sich im DIANA FREI Kompetenzgerangel mit der Polizei Strassenschlachten liefern und nebenher Verbre- REDAKTORIN cher jagen oder Sozialarbeiter spielen. Es wäre die Story darüber, wie «The Watchman» und «The Human Fly» nach der Apokalypse eine neue Weltordnung schaffen. Dass die Bewegung, von den USA ausgehend, bereits internationale Ausläufer hat, klingt lustig. Aber es heisst auch: Das Vertrauen in diejenigen, die Aufgaben wie Verbrechensbekämpfung und die Sorge für Bedürftige eigentlich übernehmen sollten, schwindet offenbar weltweit. Statt dass man sich auf die Polizei und ein Sozialsystem verlassen zu können scheint, wittern Superhelden die Chance auf ihren Einsatz. Hoffen wir also, dass «The Watchmen» und «The Man and the Green Skull Mask» nicht eines Tages auch bei uns patrouillieren. Es würde nichts Gutes bedeuten. Diejenigen, die von Europa noch weit weg sind, hat Redaktionskollege Amir Ali zusammen mit dem Fotografen Pascal Mora besucht: in Melilla, der spanischen Exklave am nördlichsten Rand Marokkos. Ali hat sich vom Kameruner Ibrahim erzählen lassen, wie sich der Versuch anfühlt, den meterhohen Maschendrahtzaun zwischen Afrika und Europa in stockdunkler Nacht zu überwinden (ab Seite 10). Ibrahim berichtet von Überwachungsmonitoren, vom feinem Metallgeflecht über dem Maschendrahtzaun, an dem Hände und Füsse keinen Halt finden, und von der Angst im Nacken, doch noch umzukommen. Aber er hat es geschafft, nach etlichen Versuchen. Das Recht auf ein besseres Leben hat er sich damit nicht erklettert. Ob sein Traum sich doch noch in einen Albtraum verwandelt, wird von Gesetzen abhängen. Von Regelungen, von Staaten, von theoretischen Grundsätzen. In der Praxis hat er sein Schicksal bis hierher selber in die Hand genommen, mit Willen und schierer Muskelkraft. Man könnte sagen: fast wie ein Superheld. Aber ohne Verkleidung. Und ohne Fans im Publikum. Herzlich Diana Frei

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Wir sind gespannt auf Ihre Kritik, Ihr Lob oder Ihre Anmerkungen. Schreiben Sie uns! Auf leserbriefe@vereinsurprise.ch oder an Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, 4051 Basel. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. Oder diskutieren Sie mit uns auf www.facebook.com/vereinsurprise SURPRISE 334/14

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BILD: ZVG

Editorial Helden dieser Welt


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10 Migration Hart an der Grenze Melilla ist ein Hotspot der Migration: Jedes Jahr versuchen Tausende junge Männer aus Afrika, in die kleine spanische Exklave in Marokko und damit auf europäischen Boden zu gelangen. Obwohl Spanien und die EU immer wieder Millionenbeträge in die Grenzanlage investieren, obwohl Melilla eine eigentliche Festung ist: Es kommen immer mehr Migranten. Ein Offizier des spanischen Grenzschutzes erzählt, was er und seine Leute dagegen tun. Und ein junger Kameruner erzählt, wie er es trotzdem geschafft hat.

BILD: PASCAL MORA

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Inhalt Editorial Postapokalyptische Welt Die Sozialzahl Vorurteile freigelegt Aufgelesen Miley Cyrus’ Award Zugerichtet Locker davongekommen Hausmitteilung Augenöffner Starverkäufer Herbert Engeler Porträt Malkovichs Ex-Praktikant Fremd für Deutschsprachige Heimat und Geometrie Kultur Gewaltfrei rebellieren Verkäuferporträt International Zoologe mit Megafon Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP Surprise – Mehr als ein Magazin Neue Stadtführer

15 Wohnungsnot Mittelstand in der Notschlafstelle BILD: KEYSTONE

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«Laden verloren, Pensionskasse verloren, Wohnung verloren»: Michi H. wurde innert kurzer Zeit vom Geschäftsmann zum Obdachlosen. Damit ist er nur einer unter vielen: Die Ämter in Basel, Bern und Zürich registrieren immer mehr Menschen, die sich verschulden und aus ihren regulären Mietverhältnissen fallen. Sie landen zwar nicht auf der Strasse – aber auf dem Wohnungsmarkt haben sie kaum mehr eine Chance. Soziale Institutionen, die Wohnraum vermitteln oder eine Meldeadresse zur Verfügung stellen, sind am Anschlag. Experten sehen die Politik in der Pflicht – doch Lösungen sind nicht in Sicht.

18 Soziale Bewegung Maskierte Gutmenschen

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BILD: PIERRE-ELIE DE PIBRAC/IFA

Sie denken sich Namen aus wie «Der Wächter», «Phoenix Jones» oder «Der Mann und die grüne Totenkopfmaske». Dann basteln sie sich die Kostüme dazu und ziehen los, um Gutes zu tun und das Böse zu stoppen. In den USA sind die Superhelden des realen Lebens zu einer regelrechten Bewegung geworden. Manche helfen einfach Obdachlosen auf der Strasse, andere legen sich mit Verbrechern an. Der Autor Tea Krulos hat einige von ihnen über Jahre begleitet. Im Interview erzählt er, dass es dabei auch schon ziemlich brenzlig wurde.

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Die Sozialzahl Gute Schweizer, schlechte Schweizer 50 Jahre ist es her, dass der Bundesr at anlässlich der Landesausstellung 1964 in Lausanne meh r über die Befindlichkeit der Schweiz und der Schweizer wiss en wollte. Er beauftragte dazu den Theatermacher Charles Apothéloz, der sich mit Unterstützung von Fachleuten und IBM Schweiz daran machte, mit damals modernsten Mitteln in die Seele der Besucherinnen und Besucher der Expo 64 zu blicken. So rasant das Projekt startete, so schnell kamen polit ische Turbulenzen auf. Als der Bundesrat den Fragebogen sah, hätte er das Unterfangen am liebsten beerdigt. Schliesslich akzeptierte er die 14. Version (!) des Fragebogens, verbot aber eine Publikation der Resultate und liess die Lochkarten schr eddern. Nur dank der Zivilcourage von Apothéloz gelangte n später einzelne Resultate der Volksbefragung an die Öffentlic hkeit. Diese offenbarten, dass die Menschen in der Schweiz in vielen Fragen fortschrittlicher dachten als ihre Regierung. Diesen Faden hat das Künstlerduo Com &Com anlässlich des Jubiläums der Expo 64 in diesem Jahr aufgegriffen. Sie wiederholen diese Befragung online und werd en die Resultate auf der Webseite www.pointdesuisse.ch verö ffentlichen. Zuvor haben sie ähnlich wie bei der Landesausstel lung in einem Vorprojekt eine repräsentative Umfrage unter rund 1000 Personen aus allen Landesteilen der Schweiz machen lassen. Aus den 25 Fragen zu den persönlichen Einstellungen und Meinungen über die aktuelle Lage des Landes sticht eine heraus, die fast wortwörtlich aus dem Fragebogen zur Land esausstellung vor 50 Jahren übernommen wurde: «Kann man ein «guter Schweizer» sein, wenn man … ?»

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Kein Grund zum Feiern Berlin. Zehn Jahre Hartz IV: Das gibt bei unseren Nachbarn im Norden zu reden. Das grosse sozialpolitische Reformprojekt der rot-grünen Regierung Schröder war 2004 mit dem Versprechen gestartet, Arbeitslose wieder in den Markt zu integrieren – auch dank Sanktionen. Die Bilanz: Hartz IV hat die Ausgrenzung Langzeitarbeitsloser nicht etwa verringert, sondern verschärft. Waren sie 2004 im Schnitt noch 48 Wochen auf staatliche Transferleistungen angewiesen, sind es heute 130 Wochen.

Prominent ignoriert London. Die Welt schaut hin, wenn Miley Cyrus auftritt. Für das Video zu ihrem Song «Wrecking Ball» bekam sie einen MTV Music Award. Den Preis nahm an ihrer Stelle ein junger Mann entgegen – «im Namen der 1,6 Millionen obdachlosen Jugendlichen in den USA»: Er selber wollte einst Model werden und landete auf den Strassen von L.A. Der Junge sei selbst schuld, hiess es danach in einigen Medien. Cyrus’ Konter: «Hilft diese herablassende Haltung den Leuten, ihre Untätigkeit zu entschuldigen?»

Schelmisch gerechnet Dortmund. Illegale Geschäfte lohnen sich – für jene, die sich nicht erwischen lassen. Und seit Neustem auch für den Staat: In der EU gelten ab September neue Grundlagen für die Berechnung des BIP. Da zählen Rüstungsausgaben plötzlich als Investitionen, und die Umsätze aus anrüchigen Branchen wie Prostitution, Drogenhandel und Tabakschmuggel werden mitgerechnet – als Schätzungen, versteht sich. Auch Schwarzarbeit zählt neu dazu. Allein für Deutschland ergibt sich so ein Plus von 82 Milliarden Euro. Die USA übrigens rechnen schon seit einem Jahr so. Das Resultat: plus 3,5 Prozent.

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Zugerichtet Kleider machen Leute Dragana M.* sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Anklagebank und lässt keck ihr Füsschen kreisen. Der Richter hat die hochhackigen, rotlackierten Pumps direkt vor Augen und einen tiefen Einblick in das beigefarbene, dekolletierte Kleid. Dieses hat die 34-jährige Frau mit Bedacht gewählt: Es sitzt wie eine zweite Haut, modelliert einen formvollendeten Busen und eine schlanke Taille, kurz, es bringt eine Traumfigur raffiniert zur Geltung. Dass dieser edle Körper nicht irgendwie verhüllt, sondern durch exquisiten Chic immer wieder neu präsentiert werden will, scheint die Anklage zu bestätigen: Gemeinschaftlicher Diebstahl teurer Markenkleidung aus einer Modeboutique wird der Frau vorgeworfen, die vermeintlichen Diebespartner kommen gesondert vor Gericht. Dafür hat die gebürtige Serbin einen Dolmetscher zur Seite, der weit mehr leistet als verlangt wird, er empfindet nach und mit, ja, mehr als das, er empfindet besser als das Original, ausdrucksvoller, dramatischer, engagierter. Wenn Dragana aufgebracht ist, spricht er die übersetzten Sätze in noch aufgebrachterer Weise aus, wenn sie schnippisch ist, ist er schnippischer, wenn sie traurig ist, ist er trauriger. Nur das Weinen überlässt er ihr allein. Das Duo zornig: «Ich bin überhaupt nicht mit der Anklageschrift einverstanden, weil, zu dieser Zeit war ich mit Freunden im Ausgang, und ich kann nicht für etwas Verantwortung übernehmen, was ich gar nicht gemacht habe, puh», ruft Dragana. «Puh», übersetzt der Dolmetscher. Das Duo dramatisch: «Niemals würde ich stehlen! Ich gehe lieber betteln! Lieber würde ich meine Schwieger-

mutter anbetteln, statt zu stehlen!» Während in besagter Nacht in die Modeboutique eingebrochen wurde, will Dragana mit einer Freundin um die Häuser gezogen und erst am frühen Morgen in deren Wohnung zurückgekehrt sein. Dragana legte sich auf dem Sofa schlafen. «Am Mittag», so berichtet sie, «stand ich auf und sah die Taschen in der Küche.» Ein Mann sei ein und aus gegangen. «Ich bin unschuldig. Hab doch gar nichts gemacht!» Plötzlich stand die Polizei in der Wohnung, Dragana, ihre Freundin, deren Mann und ein weiterer Serbe wurden verhaftet und Kleider im Wert von 30 000 Franken beschlagnahmt. Doch nur die Hälfte konnte überfallenen Geschäften zugeordnet werden. Der Einbruch in der Boutique war einer aus einer ganzen Serie. Zeugen sagten aus, aber die Puzzle-Teile ergeben kein Bild. Der eine will eine schwarzhaarige Frau in der Gegend der Boutique gesehen haben, erkannte aber Dragana bei einer Gegenüberstellung nicht. Zwei Polizisten wurden von Draganas Mann nach dem Einbruch in ihrer Wohnung im nigelnagelneuen Adidas-Anzug und goldenen Nike-Turnschuhen empfangen, aber die Sachen konnten nicht als Diebesgut zugeordnet werden. «Eine Verurteilung kann jedoch nur erfolgen, wenn keine vernünftigen Zweifel vorliegen», sagt der Richter. «Darum ist die Angeklagte in dubio pro reo freizusprechen.» Dragana sagt dankeschön für den Freispruch. «Sie brauchen sich nicht zu bedanken», ruft ihr der Richter grimmig hinterher, als sie sich lasziv aus dem Saal bewegt. * persönliche Angaben geändert ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH)

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Hausmitteilung Elvis tritt auf

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion Spalentorweg 20, 4051 Basel F +41 (0)61 564 90 99 redaktion@vereinsurprise.ch

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Sein Enthusiasmus für die neue Rolle, die neue Aufgabe und nicht zuletzt auch die neuen Verdienstmöglichkeiten als Stadtführer ist spürbar. Die Knacknuss, die in der Vorbereitungsphase im Zentrum stand, ist die Arbeit an der eigenen Biografie: Das Wichtigste, damit eine Tour gelingen kann, ist die Präsentation am Anfang. Hier entscheidet sich, ob die geführte Gruppe innerlich mitzieht. In dem Moment entscheidet sich, ob das Publikum den Mann, der vor ihnen steht, als Opfer sieht oder als Stadtführer. Als – selber betroffenen – Experten in Sachen Armut. Es ist im Grunde jedes Mal auf’s Neue ein Outing als Armutsbetroffener, bei dem die Opferrolle vermieden wird. Sondern aufgezeigt, warum ein Mensch heute in der Schweiz aus der Leistungsgesellschaft hinausfallen kann. Werner Hellinger ist ein Kämpfer. Schon als Kind hatte er mehrere Unfälle, die Operationen nach sich zogen. Er hat sich in eine Gesellschaft hineingekämpft, in der er einen festen Platz hatte. Nachdem er diesen Platz verloren hat, hat er seine neue Rolle jetzt gefunden. Und er will den Leuten etwas zeigen: eine Stadt aus einem anderen Blickwinkel. Aus einem, der nicht immer schön ist. Aber wichtig zu kennen. (dif) ■ Lesen Sie mehr auf Seite 31.

BILD: ZVG

Der Basler Stadtführer Wolfgang Kreibich ist seit Mai krankheitshalber ausgefallen. Unterdessen ist Werner Hellinger, der sich selber «Elvis» nennt, eingearbeitet: Seit August nimmt er schon regelmässig an Probetouren teil. Wir haben ihn bereits vor zwei Jahren angesprochen und versuchten ihn als Stadtführer zu gewinnen. Er hat damals abgelehnt: Er wollte sich nicht öffentlich als Armutsbetroffener zeigen und verkaufte Surprise bis anhin auch lieber an Personen, die er schon kannte, als sich auf die Strasse zu stellen. Unterdessen ist er aber zu dem Schritt bereit, sich zu «outen» und anderen zu zeigen, wie es sich mit wenig Geld lebt. Werner Hellinger hat jahrelang bei der Sozialhilfe als Verwaltungsangestellter und bei der Credit Suisse als Kurier gearbeitet, bevor er 2006 wegen Mobbing und Burn-uut seinen Job verlor und sich in psychiatrischer Behandlung wiederfand. Danach wurde er zu Elvis: In der Arbeitslosigkeit versuchte er sich als Marktfahrer, verkaufte restaurierte Jukeboxen und Elvis-Platten. Die Fünfziger waren seine Zeit, die Ära, deren Stimmung und Musik ihn durch die Jahre 2006 bis 2014 trugen. Elvis hat nun eine neue Rolle im Leben. Sprachlich versiert und sicher im Auftreten ist er einer, der den Leuten die Armutsproblematik näherbringen kann. Beim Thema Armut denkt mancher vor allem an Alkoholoder Drogenabhängige, doch gerade Werner Hellinger ist mit seiner Geschichte heute ein typischer Armutsvertreter: einer, der jahrelang gearbeitet hat, dann aus der Leistungsgesellschaft hinausgefallen ist und jetzt, mit 61 Jahren, zu alt ist, um in ihr wieder einen Platz zu bekommen.

Starverkäufer Herbert Engeler Surprise-Leserin Béatrice Corthésy schreibt: «Herr Engeler steht schon frühmorgens an der Hardbrücke in Zürich. Ohne sich aufzudrängen: Man könnte ihn auch ‹übersehen›, wenn man das möchte. Sobald man ins Gespräch kommt, spürt man aber seine Offenheit. Und er hat ein äusserst sympathisches Lachen. Ausserdem ist er Vegetarier – das gibt noch ein paar Extrapunkte dazu :). Er ist definitiv mein Starverkäufer.»

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Porträt Zeit ist Film Giacun Caduff hatte gleich zwei gute Gründe, warum es ihn in die USA zog: der Film und die Liebe. Mittlerweile ist der 35-Jährige wieder öfters in Basel anzutreffen. Jetzt kommt sein Streifen «20 Regeln für Sylvie» mit Carlos Leal in der Hauptrolle in die Kinos. VON MICHAEL GASSER (TEXT) UND LUCIAN HUNZIKER (BILD)

Check», wie Caduff sagt. «Selbst jemand wie Malkovich muss sich jahrelang dafür einsetzen, damit ein Projekt zustande kommt. Das hat meine Illusion vom unbestrittenen Star zerbröseln lassen.» 2008 kehrte Caduff erstmals wieder für eine längere Periode in die Schweiz zurück, aus familiären Gründen. Weil er mit ruhigen Minuten nichts anzufangen weiss, begann er in der Region Basel ein Autokino zu organisieren, das bis heute betrieben wird. 2009 begründete er das Gässli Film Festival, das nicht bloss die Zuschauer unterhalten, sondern auch Plattform für junge Filmtalente sein will. Dass Caduff beim Film «20 Regeln für Sylvie» trotz allem die Regie übernommen hat, entsprang einem Zufall. Einem, der am Schopf gepackt sein wollte. «Mir wurde bewusst, dass der Streifen nicht zustande kommt, wenn ich ihn nicht selbst realisiere.» Megan Woodward, eine Kollegin aus den USA, hatte als Fingerübung ein Drehbuch entwickelt. «Dessen Struktur war saugut», schwärmt Caduff. In der Folge wurde der Text durch Viola von Scarpatetti «übersetzt und verschweizert». Dann ging die Suche nach Geldern, Crew und Cast los. Um den Streifen finanzieren zu können, beteiligte sich Caduff auch am letztjährigen Engadin-Skimarathon. Für jeden Kilometer zahlten Sponsoren etwas in sein Filmkässeli. «Deshalb wollte ich es auf Biegen und Brechen schaffen, die 42 Kilometer zu laufen.» Was auch gelang und dem Projekt 12 000 Franken einbrachte.

Die Gewinner des 6. Gässli Film Festivals sind gekürt und die Stargäste – Cartoonist Robert Crumb und Regisseur Terry Zwigoff – wieder verabschiedet, Ersterer nach Frankreich, Letzterer in die USA. Für Giacun Caduff, den Gründer des Events, noch lange kein Grund zum Durchatmen. Schliesslich steht die Premiere seines Films «20 Regeln für Sylvie» mit Carlos Leal und Viola von Scarpatetti in den Hauptrollen an. Und obschon er keine Zeit hat, nimmt er sich für ein Gespräch welche. Das rund 70-minütige Interview nutzt Caduff kurzerhand dazu, um für den Festivalbetrieb ausgeborgte Schlüssel wieder ihrem Eigentümer zu übergeben – und mit Manuel Miglioretto lädt er auch einen seiner Protagonisten an den Tisch. Der drahtige Baselbieter mit Bündner Wurzeln spricht im Eiltempo. Kaum ist eine Frage ausgesprochen, antwortet er bereits. Und gerät darob ins Erzählen. Er spricht von seiner Kindheit, in der Mickey Mouse, Fussball und TV verpönt waren und das nächste Kino weit entfernt. Weshalb es ihn dennoch zum Film hingezogen habe, vermag er nicht zu sagen. Dass seine Tante, die Schauspielerin Rinalda Caduff, Einfluss gehabt haben könnte, schliesst er nicht aus. «Einmal durfte ich bei der Sitcom ‹Café Bâle›, wo sie jahrelang mitwirkte, die Regieassistenz übernehmen», erinnert sich der 35-Jährige. «Das war super.» Seine Maturaarbeit nahm Caduff zum Anlass, den ersten Film zu drehen, eine Art schweizerischen Zwei Jahre lang war Giacun Caduff Praktikant bei John Malkovich. James Bond. Der Geheimagent ihrer Majestät Danach assistierte er dem Batman-Regisseur Christopher Nolan. hatte es ihm seit seinem ersten Kinobesuch Erfahrungen zu sammeln war die Hauptsache. angetan: «Moonraker» – mit Roger Moore als Agent 007. Caduff ist froh, dass sein Erstling nicht auf YouTube zu finden ist. Dies beweist seine abwehrende HandCaduff hatte Carlos Leal für den Film nicht im Kopf, aber als Gast bewegung. Längst hat er andere Ansprüche an die Qualität, höhere. am Gässli Film Festival 2011 hätte er ihn nur zu gerne dabeigehabt. Der Weil sein Vater Architekt ist und sich wünschte, dass der Sohn derSchauspieler allerdings liess die Anfrage unbeantwortet. Unversehens einst das Büro übernähme, schrieb sich Caduff an der ETH ein. Vor Stukreuzten sich dann die Wege der beiden Schweizer doch noch. Man dienbeginn wollte er in Los Angeles sein Englisch aufpolieren. Und es tauschte sich aus, kam ins Reden, und nach einer Bedenkfrist sagte der kam, wie es kommen musste. Caduff verliebte sich, kehrte kurz für ein frühere Sänger der Rap-Band Sens Unik für die Hauptrolle in «20 Regeln Semester in die Schweiz zurück und erkannte alsbald: Sein Weg führt für Sylvie» zu. «Eine sehr organische Entwicklung», findet Caduff, grinst zurück zu seiner Freundin, in die USA und zum Film. Im kalifornischen zufrieden und lehnt sich für zwei Sekunden zurück. Was wäre denn Long Beach absolvierte er den Bachelor in Filmwissenschaften. Fünf passiert, wenn der Romand ihm eine Abfuhr erteilt hätte? «Bei mir ist Jahre später machte er sich an den Master in Creative Producing an der alles Gambling», antwortet der Filmschaffende. In aktuellen Fall hat CaUniversity of California in Los Angeles. «Auch weil ich merken musste, duff auf die richtige Karte gesetzt. Noch sei er nicht dazu gekommen, dass ich kein Autor bin. Ich habe viel zu lange für ein Drehbuch.» Als an ein nächstes Projekt zu denken. «Ich bin total mit dem Release bebegnadeter Networker fokussierte sich Caduff auf lieber auf die Kunst schäftigt.» Jetzt hofft er einfach, dass sein Werk möglichst gut vom Pudes Produzierens. Zwei Jahre lang war er Praktikant im Büro des Schaublikum aufgenommen wird. Wenn nicht, würde das Giacun Caduff spielers John Malkovich («Dangerous Liaisons») – ohne Entlöhnung. zwar missfallen, ihn aber nicht erschüttern. «Schliesslich gibt’s keine Danach assistierte er dem Batman-Regisseur Christopher Nolan. ErfahAutobahn zum Erfolg.» ■ rungen zu sammeln war die Hauptsache. «Bei Malkovich habe ich alles über’s Business gelernt.» Dieser Giacun Caduff: «20 Regeln für Sylvie», Schweiz 2014. Der Film läuft zurzeit in den Lebensabschnitt sei ein absoluter Augenöffner gewesen. «Ein RealityDeutschschweizer Kinos. www.20regeln-movie.ch

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Migration Eine Frage der Ehre Hauptmann Gallego und seine Männer kämpfen gegen die Anstürme von afrikanischen Migranten im spanischen Melilla. Ibrahim aus Kamerun hat es zusammen mit Hunderten anderen trotzdem über den millionenteuren Grenzzaun geschafft. Eine Reportage vom südlichsten Rand Europas.

VON AMIR ALI (TEXT) UND PASCAL MORA (BILDER)

Ibrahim, 28, aus Kamerun, wusste, worauf er sich einliess, als er in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai am Zaun stand. Ibrahims sanfte Stimme bricht, wenn er von jener Nacht erzählt: «Es war mein dritter Versuch, aber so nahe an den Zaun hatte ich es zuvor nicht geschafft. Es war wie im Film. Wir waren Hunderte, und alle wollten dasselbe: einfach nur da rüber.» Ein Jahr und acht Monate zuvor hatte seine Reise begonnen: «Es war der 29. September 2012, ein Samstag.» Ibrahim bestieg einen Zug in der Hauptstadt Yaoundé und fuhr nach Norden. Fünf Monate später war er einer von Tausenden, die sich im Wald von Gourougou auf die letzte Etappe vorbereiteten: Der Zaun, nur wenige Kilometer von ihnen entfernt, war das letzte Hindernis auf seinem Weg. Doch je näher er Europa kam, desto langsamer ging es vorwärts. Ein Jahr verging, Ibrahim versuchte es mehrmals von Tanger aus über das Wasser und ertrank dabei zweimal fast im Mittelmeer. Im Mai kehrte er zurück in den Wald. Wenige Tage später war Ibrahim bei einem der grössten Anstürme dabei, den Melilla je erlebt hat. «Wir waren etwa 800 Leute, vor allem Malier und Kameruner, und wir waren gut vorbereitet. Mit uns waren vier Frauen, eine davon schwanger», erzählte er. «Nach Mitternacht brachen wir auf. Vom Wald waren es etwa zwölf Kilometer bis zum Zaun. Wir

Als er Ibrahim sah, verzog Hauptmann Gallego das Gesicht. Er war sichtlich enttäuscht. Gestern hatte er uns den Zaun rauf und runter chauffiert, seinen Zaun, und uns alles erklärt: Wie sie kommen, warum sie nicht kommen dürfen, und dass das alles ein «fettes Problem» sei, für das er auch keine Lösung habe. Er hatte sich klar ausgedrückt und war freundlich geblieben. Und jetzt spazierten wir an dem Tisch draussen vor dem Casino Militar von Melilla vorbei, wo Gallego sein Bier trank, und hatten Ibrahim im Schlepptau. «Der da ist über den Zaun gekommen?», sagte der Hauptmann, und es war eher eine Feststellung als eine Frage. Ich nickte. Es war klar, dass die Unterhaltung damit beendet war. Am Tag zuvor hatte Gallego uns im Jeep der Guardia Civil durch Melilla gefahren, von ganz unten am Meer bis ganz hoch zum Zaun. Ein uralter Mercedes mit marokkanischen Nummernschildern blockierte den Kreisel. Gallego lehnte sich auf die Hupe. «Die haben das Gefühl, sie seien hier mit dem Eselskarren unterwegs», sagte er und grinste. Gallego war 20 Jahre bei der Guardia Civil in San Sebastian, wo er gegen die Militanten der baskischen ETA kämpfte. «Es gibt Morddrohungen gegen mich», sagte er. Darum will er nicht, dass sein Gesicht fotografiert wird. Vor fünf Jahren Melilla ist ein Ort, wie ihn ein fieser Drehbuchautor nicht besser wurde Gallego nach Melilla versetzt, an den hätte erfinden können: die Landgrenze zwischen den Ärmsten südlichsten Rand Europas. und den Reichsten der Welt. Wenn im spanischen Fernsehen der Wetterbericht kommt, sieht man Melilla nicht. Es liegt marschierten mehrere Stunden über Ziegenpfade durch kleine Nadelso weit unten auf der Karte, dass es von dem Balken verdeckt wird, über wälder. In einer Senke warteten wir, den Zaun etwa einen Kilometer vor den die Börsenkurse flimmern. Was aber nicht weiter schlimm ist, meist uns. Dann, gegen 4.30 Uhr, kam der Helikopter. Die Guardia Civil hatte scheint ohnehin die Sonne. Melilla ist, zusammen mit dem weiter westuns entdeckt. Das hiess, dass auch die Marokkaner bereits auf dem Weg lich gelegenen Ceuta, europäisches Territorium auf dem afrikanischen sein mussten.» Kontinent. Ein Ort, wie ihn ein fieser Drehbuchautor nicht besser hätte Gallego steuerte den Jeep dem Zaun entlang. Er und seine Männer, erfinden können: die Landgrenze zwischen den Ärmsten und den Reichsagte er, seien das Erste, was «el negro», der Schwarze, von Europa sesten der Welt. he. «Aber wir sehen ihn schon lange vorher.» Jeder Sektor des Zaunes, Deshalb der Zaun: Seit in den letzten zehn Jahren immer mehr junA1 bis A79, ist totalüberwacht, alle zehn Meter gibt es Infrarotkameras ge Männer aus Ländern südlich der Sahara versuchen, über Melilla nach und Flutlichter, Geräuschsensoren und Bewegungsmelder. Der HelikopEuropa zu gelangen, hat die EU die zwölf Kilometer Grenze für Millioter der Guardia Civil, der auf dem kleinen Flughafen von Melilla steht, nen Euro aufgerüstet. Mittlerweile stehen da drei Zäune, sechs Meter ist mit einer Wärmebildkamera bestückt, genauso wie einige Fahrzeuge. der höchste, bewehrt mit rasiermesserscharfem Nato-Stacheldraht. Damit lässt sich jede Bewegung im Gelände auch in stockdunkler Nacht Gallego war fünf Jahre lang Chef des Zauns. Jetzt, mit über 55, ist er auf Kilometer entfernt entdecken. seit Kurzem Reservist und kümmert sich um die Sorgen der BevölkeOft stürmen die jungen Männer aus Afrika die Grenze zu Hunderten, rung. Und um Journalisten. «Der Draht mit den Klingen ist gut sichtbar», die rohe Wucht des Schwarmes ist ihre einzige Chance gegen die techsagte Gallego. «Wer da raufklettert, weiss, worauf er sich einlässt.» SURPRISE 334/14

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«Niemand beantragt in Melilla Asyl»: Migranten im Auffanglager.

nische Übermacht. «In letzter Zeit sind sie immer besser organisiert, fast schon militärisch», sagt Gallego. «Viele von uns waren schon mehrmals am Zaun», erzählte Ibrahim weiter. «Manche haben ihn auch schon bezwungen, wurden dann aber von der Guardia Civil wieder nach Marokko abgeschoben. Das ist ein Vorteil, denn diese Brüder kennen das Terrain. Sie wissen, wo man am besten angreift und wie man auf der anderen Seite ins Lager kommt. Nur weil du es auf europäischen Boden geschafft hast, bist du noch nicht in Sicherheit. Sicher bist du erst im Campo. Wir haben eine Taktik entwickelt: Einige stossen mit langen Haken den Nato-Stacheldraht am ersten Zaun hoch, damit die anderen darunter hindurch können.» Jedes Mal, wenn sie wieder stürmen, schaffen es einige, manchmal viele. Mit Ibrahim gelangten in jener Nacht gegen 500 Menschen auf europäischen Boden. Jedes Mal bleiben aber auch Schwerverletzte zurück, werden von den Grenzschützern der Forces Auxiliaires auf der marokkanischen Seite zusammengeschlagen und mit Steinen beworfen, fallen vom Zaun oder ziehen sich tiefe Schnittwunden zu. Manchmal wird auch scharf geschossen. In den letzten zwei Jahren sind über 40 Menschen am Zaun von Melilla gestorben. «Als der Helikopter kam, teilten wir uns auf. Eine Gruppe rannte zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Andere bewegten sich zum Zaun hinunter. Ich bekam Angst. Ich wusste nicht, was jetzt passieren würde. Aber ich wusste, dass dies der Moment war: jetzt oder nie. Ich realisierte, dass ich jetzt mein Leben auf’s Spiel setzen würde. Ich war seit zwei Jahren unterwegs, und in der nächsten Stunde könnte ich tot sein oder drüben, in Europa. Ich rannte los, etwa eine Viertelstunde lang ohne Unterbruch.» Dann stand Ibrahim am Zaun. «Da wird gedrängt, gezogen, geschrien, Leute klettern übereinander,

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stossen vorwärts. Manche finden den Tod an Ort und Stelle. Aber alleine schafft es keiner, und es können nicht alle rüber.» «Wir geben den Marokkanern Bescheid» Hauptmann Gallego lenkte den grün-weiss lackierten Jeep in die Sicherheitszone Pinares de Rostrogordo und parkierte, unten im letzten Sektor, A79, wo der Zaun endet und die Grenze jäh ins Mittelmeer abfällt. Er lehnte sich an die Brüstung über der Klippe. Von seinem Gurt baumelte die kleine Beretta mit weissem Kunstperlmuttgriff. Durch das Gewirr von Maschendraht war auf der anderen Seite ein marokkanischer Soldat zu sehen, eine vermummte Gestalt in der bereits brütenden Vormittagssonne. Hin und wieder zog er an einer Zigarette. Gallego winkte ihm zu, aber der Gruss blieb unerwidert. «Wenn wir sie kommen sehen, geben wir den Marokkanern Bescheid», sagt Gallego. Über die Methoden der Kollegen von der anderen Seite will er nicht urteilen, Marokko sei ein souveräner Staat, «sie tun, was sie für richtig halten». Ibrahim begann zu klettern. «Oben auf dem ersten Zaun spürte ich plötzlich einen dumpfen Schmerz am Hinterkopf. Ein Stein hatte mich getroffen, geworfen von einem marokkanischen Soldaten. Ich spürte, wie mir das Blut in den Nacken floss, aber ich konnte mich halten.» «An einem gewissen Punkt spürst du, wie deine Füsse kalt werden, als hättest du sie in einen Eisschrank gesteckt. Ich weiss nicht, warum, vielleicht weil dir der Draht das Blut abschneidet. Aber du machst einfach weiter. Du darfst nicht zurückschauen, sonst bekommst du Angst. Da hinten gibt es nichts, was dir helfen könnte. Du schaust einfach nur hoch und kletterst.» Am dritten Zaun, der allerletzten Hürde, merkten sie, dass sich etwas verändert hatte. «Da war plötzlich ein sehr feines Geflecht angebracht SURPRISE 334/14


über dem Maschendrahtzaun, den wir schon kannten. So fein, dass unsere Finger und Zehen keinen Halt fanden. Das Problem ist, dass du für diese ganze Aktion nur drei, vier Minuten hast. Du musst drüben sein, bevor sich genügend Guardia Civil an der Stelle versammeln können, wo du runterkommst.» Tattoos und rasierte Beine Hauptmann Gallego stellte den Wagen im Hof des Hauptquartiers der Guardia Civil auf ein Parkfeld und gab die Schlüssel in der Garage ab. Oben, gleich einen Stock über seinem Büro, befindet sich «die Zentrale». In einem fensterlosen Raum sassen vier Uniformierte vor Monitoren. In der Zentrale läuft alles zusammen, was die Kameras und Bewegungsmelder am Zaun registrieren. Melillas Augen und Ohren sind 24 Stunden am Tag weit geöffnet. «La pantalla», ein grosser Bildschirm an der Wand, unterteilt in viele kleine Ausschnitte, ist das Einzige, was hier Augen und Ohren der Festung: Überwachungsschirm in der Zentrale. fotografiert werden darf. Wechselnde Einstellungen zeigen alle Sektoren des Zauns. «Wenn da irgendwo eine Ratte durchhuscht – wir sehen sie», witzelte einer der vier Beamten. Wie viel das alles kostet, ist nicht genau bekannt. 2005 gab die spanische Regierung 33 Millionen Euro aus, um den dritten Zaun zu bauen. 700 Beamte, davon 300 nur für den Schutz des Zauns, hat allein die Guardia Civil in Melilla stationiert, das mit rund 13,5 km2 etwa so gross ist wie die Stadt Aarau. Hinzu kommen die Policia Nacional und die Grenzpolizei. Trotzdem kommen immer mehr Menschen über den Zaun, dieses Jahr laut den Behörden schon mehr als 3500. Schon fast zweieinhalb Mal so viele wie 2013. «Warum setzt man den Zaun nicht unter Strom? Das wäre doch das Einfachste», frage ich Hauptmann Gallego. «Das geht nicht», sagt er ruhig und senkt den Blick. «Europa dreht ja schon durch, wenn wir Stacheldraht anbringen wollen oder Wasserwerfer einsetzen.» Also baut man weiter am Zaun: Im April sprach Madrid wieder ein«Nicht mein Job»: Polizist Gallego. mal 1,3 Millionen Euro für den Zaun, im Juni weitere 1,5. Brüssel hat erst diesen Sommer 10 Millionen Euro Soforthilfe für Ceuta und Melilla dia Civil Migranten wieder nach Marokko zurückschafft. Ein Video auf überwiesen. Und der Innenminister versprach bei seinem jüngsten BePalazóns Blog Melilla Frontera Sur zeigt eine Kolonne von Geländewasuch vor Ort, die Korps von Guardia Civil und Nationalpolizei temporär gen, die am helllichten Tag Dutzende Afrikaner zum Zaun bringen. Dann zu verstärken. werden sie durch die kleinen Türen, die alle paar hundert Meter ins Melilla ist eine eigentliche Garnisonsstadt. In den Drei- und ViersterDrahtgeflecht eingelassen sind, den marokkanischen Grenzschützern nehotels an der Plaza de las Culturas checken jeden Tag uniformierte übergeben. Männer mit grossen schwarzen Taschen ein und aus: Guardia Civil, Policia Nacional, Luftwaffe, Marine. Sie sitzen morgens in den Cafés beim Frühstück, und Die Grenze von Melilla wird laufend mit Millionen Euro ausgebaut. nach der Siesta sind auffällig viele durchtraiTrotzdem kommen immer mehr Menschen über den Zaun, dieses nierte Tätowierte mit Bürstenschnitten und rasierten Beinen unterwegs. Die Parkplätze an Jahr schon mehr als 3500, fast zweieinhalb Mal so viele wie 2013. der Gasse zwischen den Hotels Anfora und Rusadir nehmen Streifenwagen und MannschaftsNGOs wie Human Rights Watch und Médecins sans Frontières krititransporter mit vergitterten Fenstern in Beschlag. Wenn sich am Zaun sieren diese Praxis seit Jahren: Sie verletze das Recht jedes Migranten etwas tut und die Zentrale der Guardia Civil Alarm schlägt, dann klatauf ein rechtsstaatlich korrektes Verfahren, sobald er europäischen Boschen hier die Blaulichter an die Fassaden und jaulen die Sirenen durch den erreicht hat. Die Regierung in Madrid bestritt jeweils, dass solche die Nacht. Ausschaffungen überhaupt stattfinden. Nachdem Palazóns Video durch die spanischen Medien gegangen war, gab der Innenminister bei einem Der Zaun als Selbstzweck Besuch in Melilla im Juni offiziell zu: Ja, wir tun es, aber es ist nicht ilDann weiss jeweils auch José Palazón, dass es losgeht. Er steigt dann legal. aus dem Bett in seiner Wohnung, die gleich neben dem Hotel Rusadir Was der Minister auch noch sagte: «Nach Spanien kommt man nicht liegt, packt die Videokamera und fährt ebenfalls hoch zum Zaun, den durch’s Fenster. Sondern durch die Türe, wie es sich gehört.» Will heisBlaulichtern hinterher. Palazón, ein hochgewachsener Mittfünfziger mit sen: Wer die Grenze illegal übertritt, verwirkt sein Recht auf das Recht. dichtem Bart und entspanntem Blick, unterrichtet an einer Hochschule «Sie haben daraus eine Frage der Ehre gemacht», sagte Palazón. All in Melilla Betriebswirtschaft. Vor über zehn Jahren hat er die NGO Prodie Millionen für den Zaun und die Truppen, das müsse ja zu etwas gut dein gegründet, und seither verbringt er mehr Zeit am Zaun als in der sein. «Da dürfen also keine Menschen rüber», resümierte er. Dabei maSchule. Palazón dokumentiert die Anstürme der Migranten und die Archen die afrikanischen Zaunstürmer nicht einmal die Hälfte der Migranbeit der Guardia Civil. Oder, wie er sagt: deren Übergriffe. ten in Melilla aus. Rund 60 Prozent sind derzeit Syrer und Maghrebiner, Anfang dieses Jahres ist es ihm gelungen zu beweisen, dass die GuarSURPRISE 334/14

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Der Grenzschutz kostet zig Millionen: Ein Abschnitt des Zauns oberhalb des CETI.

«Der Zaun ist zum Selbstzweck geworden»: Aktivist Palazón.

te froh sein, wenn es einmal am Tag etwas zu essen gab. Seit ich im Campo bin, habe ich sechs Kilo zugenommen.» Doch das Lager ist nur ein Zwischenziel. Das erste Wort, das man hier lernt: «Salida», Abreise. Wer hier ankommt, will weiter auf’s Festland, wo es Arbeit gibt und man versuchen kann, sich weiter in den Norden durchzuschlagen. «Niemand beantragt in Melilla Asyl», sagte José Palazón. Gleich bei der Registrierung eröffne man den Migranten, dass das Verfahren in Melilla mindestens drei Jahre daure. «Drei Jahre in Melilla: Wer will das schon», lachte Palazón. Ein bürokratisches Paradox: Um nach Spanien zu kommen, müssen die Migranten ein Dokument unterschreiben, in dem sie sich bereit erklären, Spanien freiwillig zu verlassen. Es ist, als ob sie gleich im Voraus auf alle Rechte verzichten. Dann werden sie auf’s Festland gebracht. Immer dienstags und mittwochs ist Salida. Dann hängen die Aufseher im Campo die Listen auf. «Wenn du deinen Namen am Brett siehst, kannst du packen. Um elf Uhr abends geht das Schiff nach Malaga», erklärte Ibrahim. Die freiwillige Ausreise steht dann bei niemandem auf dem Programm. «Nach fünf Jahren in Spanien erhalten sie eine Aufenthaltsbewilligung», erklärte Palazon. «Bis dahin sind sie Freiwild.» Ist wieder einmal ein Ausschaffungsflug nach Kamerun organisiert, sammelt die Polizei in

die mit gekauften Papieren über den regulären Grenzübergang kommen – und dafür wohl auch die Beamten beidseits der Grenze schmieren. Das aber sehe man nicht, und davon spreche niemand, so Palazón. Der Zaun und die Anstürme hingegen erregten Aufmerksamkeit und Empörung. Damit liessen sich die Millionen aus Madrid und Brüssel rechtfertigen. «Der Zaun ist zum «Es bringt nichts, wenn man dem Afrikaner einen Fisch schenkt», Selbstzweck geworden», sagte Palazón. sagte Gallego. «Man muss ihm das Fischen beibringen.» Aber das Hauptmann Gallego führte uns zurück in sei nicht sein Job. den Hof, wo eine Gruppe von Guardia-CivilBeamten gerade eine neue Wärmebildkamera den grossen Städten der iberischen Halbinsel Kameruner ein, bis der auf einem Kastenwagen montierte. «El honor, nuestra principal divisa» Flug voll ist. «Aber», sagte Palazón, «solange sie sich im Süden aufhal– Die Ehre ist unser oberstes Ideal, steht da eingemeisselt auf einem ten, lässt man sie in Ruhe. Dort braucht man sie.» Die Polizei in Madrid Steinblock neben dem Pförtnerhäuschen. Und über dem Eingang: «Tohabe auch schon ganze Busladungen afrikanischer Migranten direkt do por la patria», alles für das Vaterland. nach Almeria geschickt, wo sie vor den Treibhäusern abgeladen worden Das alles, meinte Gallego zum Abschied, sei ein grosses Drama, und seien. Dort ernten sie für ein paar Euro am Tag Gurken und Tomaten. es brauche eine grosse Lösung. «Es bringt nichts, wenn man dem AfriOhne die billigen Arbeitskräfte hätte Spaniens Gemüseindustrie gegen kaner einen Fisch schenkt», sagte er dann noch. «Man muss ihm das Fidie Konkurrenz aus Marokko keine Chance. schen beibringen.» Aber das sei nicht sein Job. «Der Zaun ist der Zaun, Die Nacht war hereingebrochen über dem Campo, der Zaun auf der und unsere Aufgabe ist der Schutz der Grenze.» anderen Seite der Strasse zog sich im schmutzigen Licht der Strassenlaternen den Hügel hinauf. Ibrahim blieben noch fünf Minuten bis 23.30 Niemand will hier Asyl Uhr, dann musste er drin sein. «Was immer ich tun kann, um etwas zu Oben, wo der Zaun sich von der Strasse löst, um sich um den Golfverdienen, werde ich tun», sagte er, als ich ihn zurück zum Tor begleiplatz von Melilla zu ziehen, liegt das Auffanglager. CETI nennen es die tete. «Ich habe meine Heimat verlassen, um etwas zu finden. Meine FaSpanier, Campo de Estancia Temporal de Inmigrantes. Für die rund 1400 milie und mein Dorf haben mich unterstützt und bezahlt. Jetzt ist es Menschen, die hier leben, ist es schlicht das Campo. Das Lager. nicht an mir, zu wählen.» Ibrahim ist seit zwei Monaten im Campo. «Das Leben hier besteht ■ aus Essen und Schlafen. Ganz anders als im Wald oben. Dort konnten wir uns manchmal vier Wochen oder länger nicht waschen. Man konn-

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Wohnungsnot «Plötzlich klopft der untere Mittelstand bei uns an» Die Wohnungsnot in Basel, Bern und Zürich nimmt immer bedrohlichere Ausmasse an. Bei kleinsten Problemen finden sich Menschen mit kleinem Einkommen schnell auf der Strasse wieder. Richtige Lösungskonzepte aber fehlen. VON SARA WINTER SAYILIR

Rund 290 Menschen ohne festen Wohnsitz sind derzeit beim Basler Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter gemeldet, Tendenz steigend. «Als ich vor sechs Jahren hier anfing, waren es vielleicht 20 Leute», sagt Co-Geschäftsleiter Michel Steiner im Gespräch. «Jedes Jahr kommen im Durchschnitt 50 neue dazu.» Seit 2012 ist der Schwarze Peter die zentrale Meldestelle für Menschen ohne festen Wohnsitz im Kanton BaselStadt. Denn um Unterstützung wie zum Beispiel Sozialhilfe zu bekommen, muss man einen festen Wohnsitz angeben. Auffällig ist, meint der 44-jährige Steiner, dass seit etwa zwei Jahren immer mehr Menschen von Obdachlosigkeit betroffen sind, die nicht aus der klassischen Klientel des Schwarzen Peters stammen. Es handelt SURPRISE 334/14

sich nicht mehr nur um die sogenannten Randständigen mit Suchtproblematiken oder anderen psychischen Erkrankungen. Im Gegenteil: «Vielen siehst du nicht unbedingt an, dass sie Unterstützung brauchen», so Steiner. Auf der Strasse zu landen, gehe schneller als man denkt, sagt er: «Oft reicht ein einziges Steinchen, das herausbricht, um das ganze Gebäude zusammenstürzen zu lassen.» Wie bei Michi H., 44. Drei unbezahlte Krankenkassenrechnungen über insgesamt rund 1100 Franken haben ihn sein Geschäft und seine Wohnung gekostet. 2012 hatte er all sein Erspartes inklusive seiner Pensionskasse in einen Computerspieleladen an bester Lage gesteckt. Als die Einnahmen einbrachen, zog Michi H. mit dem Laden an einen günstigeren Standort und investierte all sein restliches Geld in die Neueröffnung. «Doch dann kam die Krankenkasse», erzählt er. «Sie wollten

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BILD: KEYSTONE

einfach das Inventar holen. Selbst der Kon«Menschen am Rande der Gesellschaft haben bereits seit kursbeamte hat gesagt, diese Krankenkasse sei Jahren keine Chancen mehr auf eine günstige Wohnung besonders harsch», sagt er. In der Folge dauerte es nicht mehr lange, bis Michi H. auf der auf dem freien Markt.» Strasse stand. «Laden verloren, Pensionskasse Walter von Arburg, Sozialwerke Pfarrer Sieber Zürich verloren, Wohnung verloren», fasst er seine Situation resigniert zusammen. tengünstigen Segment sich auch bei ihnen gefasst machen müssen: 20 Heute hat Michi H. 100 000 Franken Schulden, arbeitet als Briefträger bis 30 Absagen, in manchen Fällen auch bis zu doppelt so viele, bis ihbei einer privaten Zustellungsfirma und wird zusätzlich vom Arbeitsamt nen einmal eine Wohnung zugesprochen werde. «Die Vermieter sind unterstützt. Wegen der früheren Mietzinsausstände aber hat er kaum uns gegenüber reserviert», sagt sie offen. Gleichzeitig verzeichnet die IG Aussicht, auf dem freien Markt eine Wohnung zu finden. «Ich war einWohnen eine starke Zunahme an Vermittlungsbedürftigen. Besonders mal gemeinsam mit meiner Freundin bei einer Immobilienverwaltung. seit 2013 hat sich die Lage verschärft: Die Anmeldungen nehmen zu, die Da heisst es dann, bitte bringen Sie einen Betreibungsauszug», erzählt Vermittlungen aber ab. Die Angst, keine Wohnung zu finden, führe bei Michi H. von einem Bewerbungsversuch. «Am nächsten Tag war schon den Klienten zu einem immensen Druck. «Das ist neu», sagt Plattner, die Absage da. Zu viele Schulden.» Bei über 15 Wohnungen ist Michi H. «und auch die Verschuldung hat massiv zugenommen, vor allem Mietbereits vorstellig geworden: nur Absagen. zinsausstände, Steuerschulden und nicht gezahlte KrankenkassenbeiträAnstatt günstige Wohnungen an Bedürftige abzugeben, vermieten ge.» Doch wenn jemand ein starkes Nervengeflecht habe und dranbleidie Hausverwaltungen lieber an gut aufgestellte Bewerber mit einbe, dann bekäme er auch was, motiviert sie Betroffene. «Gerade habe ich wandfreiem Leumund, geregeltem Einkommen und, am liebsten, eine Familie mit sechs Kindern vermitteln können, nach drei Jahren», für Schweizer Pass. Sie können es sich leisten, wählerisch zu sein: AktuelPlattner ein Grund, eine Flasche Sekt zu öffnen. len Zahlen zufolge liegt der Leerwohnungsbestand des Kantons bei tieJenen, die trotzdem auf der Strasse landen, bleiben in Basel einzig fen 0,2 Prozent. Im Vorjahr war es noch ein Zehntelprozent mehr. Dadie Notwohnungen oder die Notschlafstellen. «Bisher hat jeder, der ein zu zählen selbstverständlich auch Wohnungen im oberen Preissegment, Bett gebraucht hat, auch eines bekommen», betont Nicole Wagner, Leitezu denen ärmere Einkommensschichten keinen Zugang haben. Für sie rin der Sozialhilfe Basel-Stadt, die auch die Notschlafstellen und -wohbleiben höchstens geschätzte 0,1 Prozent übrig. Und auf diese bewernungen verwaltet. Von einer Zunahme der offenen Obdachlosigkeit ben sich sämtliche Menschen mit geringen und mittleren Einkommen, könne man deshalb nicht sprechen. Doch auch Wagner ist bewusst, wie die gerade auf Wohnungssuche sind. schwer es ist, Anschlusslösungen für diejenigen zu finden, die einmal Viele landen deshalb bei der IG Wohnen, die im Raum Basel günstiin einer Notwohnung oder bei der Notschlafstelle gelandet sind. ge Wohnungen an unterstützungsbedürftige Menschen vermittelt. MitAusser den konstant belegten Notwohnungen und der Notschlafstelarbeiterin Anne Plattner beschreibt, worauf Wohnungssuchende im kos-

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sich ja in den 1990er Jahren bewusst entschieden, statt auf Sozialwohle gibt es in Basel-Stadt keinen amtlich bezuschussten Wohnraum. Mit nungen auf Wohnzuschüsse zu setzen. Sobald die Mieten steigen, explostaatlicher finanzieller Unterstützung einzig bei den Personen selbst andieren auch die Kosten für die Wohnzuschüsse. Würde die Stadt über zusetzen, wie es im Kanton Basel-Stadt seit einigen Jahren gemacht mehr eigenen Wohnraum verfügen, könnte sie diesen zur Kostenmiete werde, findet Wagner «im Grundgedanken richtig, sonst gäbe es ja Veran Menschen mit knappem Budget vermieten und wäre unabhängiger zerrungen auf dem Markt». vom Markt.» Zürich habe 2012 in einer Abstimmung beschlossen, in der In Bern sei die Lage auf dem Wohnungsmarkt ebenfalls prekär, komStadt ein Drittel gemeinnützigen Wohnungsbau zu sichern. Zusätzlich mentiert der Verein Kirchliche Gassenarbeit Bern den geringen Leergibt es im Kanton Zürich einen Fonds, bei dem vor allem Genossenwohnungsbestand in der Hauptstadt, der seit Jahren zwischen 0,4 und schaften die Möglichkeit haben, Wohnungen subventionieren zu lassen. 0,5 Prozent pendelt. Das sieht auch Peter Kobi so, Koordinator der ObEine zunehmende Verdrängung aus der Stadt in günstigere Wohngebiete dachlosenhilfe der Stadt Bern. «Einen absoluten Anstieg der Obdachlogebe es trotzdem, so Bieri. senzahl gibt es aber nicht», sagt er am Telefon und fügt hinzu: Die Stadt Eine Folgeerscheinung davon: Die Aargauer Gemeinde Riniken soBern biete schliesslich vergünstigten Wohnraum an, vorausgesetzt, man wie andere Deutschschweizer Gemeinden forderten kürzlich Vermieter habe einen möglichst reinen Betreibungsregisterauszug. «Ein Killerkriund Hausbesitzer in einem Brief dazu auf, nicht an zuziehende Sozialterium ist natürlich, wenn jemand schon mal wegen Mietzinsausstänhilfeempfangende zu vermieten. Nur – wo sollen sie denn hin? den oder Steuerschulden von der Stadt Bern betrieben wurde.» Dann Im Kanton Zürich findet im September eine weitere Abstimmung habe man eigentlich kaum eine Chance, so Kobi. statt, die es Gemeinden ermöglichen soll, bei Um- oder Auszonungen Was bleibt, ist die Flucht in die Agglomeration oder die Unterkunft einen Mindestanteil an günstigem Wohnraum festzulegen. bei Privatpersonen, die keine Betreibungsregisterauszüge verlangen. In Basel hingegen soll vor allem das seit Juli 2014 in Kraft getretene «Diese Gruppe nimmt eindeutig zu», meint Kobi und merkt an, dass seiWohnraumfördergesetz (WRFG) Anreize für Investoren und Genossenne Behörde eigentlich nicht wisse, wo diese Menschen effektiv unterkämen. In Härtefällen könne das Sozialamt zwar oft noch die eine oder andere Unterkunft «Wie wäre es mit Containerwohnungen als Übergangsbei der städtischen Liegenschaftsverwaltung erbitten, sagt Kobi und vermutet: «Offenbar finlösung für ungenutzte Flächen?», schlägt Anne Plattner den die Leute derzeit noch genügend Nischen von der Basler IG Wohnen vor. in der Region Bern, sonst würden sich mehr Leute bei mir melden.» Doch die Notschlafstelschaften schaffen, in günstigen Wohnraum zu investieren. Damit hängt len und -wohnungen seien voll ausgelastet und setzten zwischenzeitdie Schaffung von bezahlbarem Wohnraum hier weiterhin vom Goodlich auch Notbetten und zusätzliche Matratzen ein, beschreibt er die Siwill der Investoren ab, zudem machen die Planungs- und Bauphasen tuation der Wohnungslosen. der Neubauprojekte eine schnelle und flexible Reaktion auf die derzeiNach dem Sozialwohnungsskandal im Frühjahr – als öffentlich wurtige Krise unmöglich. «Wie wäre es mit Containerwohnungen als Überde, dass etliche Mieter aufgrund ihrer finanziellen Lage überhaupt keigangslösung für ungenutzte Flächen?», schlägt Anne Plattner von der nen Anspruch auf Sozialwohnungen haben – erstellt eine unabhängige IG Wohnen stattdessen vor – Stichwort Zwischennutzung beispielsAgentur derzeit eine Studie. Sie soll die Vor- und Nachteile der Fördeweise für das sogenannte Rheinhattan-Areal. Auch leere Büroflächen rung von Wohnraum der Förderung von Einzelpersonen gegenüberstelsollten unkompliziert umgenutzt werden können. «Mein Traum wäre, len. Erste Ergebnisse sind bis Ende des Jahres zu erwarten. Auch Kobi dass wir irgendwo ein kleines Stück Land finden und einen Geldgeber», und seine Behörde wurden bereits befragt. Allerdings: «Vor- und Nachbeschreibt Plattner ihren persönlichen Lösungsansatz, «und dann fanteile heben sich fast auf», sagt er etwas ratlos. gen wir einmal mit drei Containern an, Einzimmerwohnungen. In Zürich sei die Lage ähnlich wie in Basel, meint Walter von Arburg Michel Steiner vom Schwarzen Peter sieht Handlungsbedarf vor alvon den Sozialwerken Pfarrer Sieber in der Stadt am Limmat. Tatsächlem auf politischer Ebene: Er und seine Kollegen fordern vom Kanton, lich beträgt der Leerstand im Kanton Zürich derzeit etwa 0,76 Prozent, auf einen Teil der Rendite zu verzichten und eine sofortige Bevorzugung in der Stadt sogar nur etwa 0,22 Prozent. Hier stehen zudem vor allem sozial Schwacher bei den Liegenschaften von Immobilien Basel-Stadt teure Objekte leer, was von Arburg wie folgt kommentiert: «Menschen zu erwirken. am Rande der Gesellschaft haben bereits seit Jahren keine Chancen In Bern wird derzeit gebaut: Demnächst biete eine neue Überbauung mehr auf eine günstige Wohnung auf dem freien Markt.» der Immobilien Stadt Bern mit 148 Wohnungen etwas Entlastung, stellt Auch Cordula Bieri von der Caritas Zürich bestätigt dies. Bereits seit Kobi in Aussicht. Doch mit 2000 Wohnungen, von denen die Stadt Bern einiger Zeit beschäftigt sie sich mit dem Themenkomplex Armut und ja nur einen Teil vergünstigt vermiete, sei auf dem gesamten hauptWohnen und hat dazu auch zwei Broschüren herausgebracht. Prekäre städtischen Wohnungsmarkt von schätzungsweise 45 000 Wohnungen Wohnverhältnisse seien ein grosses Thema bei ihren Klienten, so Bieri. insgesamt nicht allzu viel auszurichten, sagt er abschliessend. «Der Doch auch Bieri ist bemüht, darauf hinzuweisen, dass trotz der desolaDruck auf dem Immobilienmarkt ist schon enorm.» Es sei sehr viel Geld ten Lage auf dem Wohnungsmarkt selten jemand auf der Strasse lande. mit dem Kauf und Verkauf von Wohnungen zu verdienen, sagt er und «Die meisten wohnen schon irgendwie», sagt sie, auch wenn viele vermutet: «Der Druck wird eher noch zunehmen.» Wohnverhältnisse in Bezug auf Platz, Zustand der Wohnungen oder La■ ge höchst bedenklich seien. Die Stiftung Domicil, die wie die IG Wohnen Wohnungen an Bedürftige vermittelt, arbeite am Anschlag und habe mit viel zu vielen Anmeldungen zu kämpfen. Gerade Menschen, die gerade eben nicht ins Betreuungsraster des Sozialstaats fallen, sogenannte Working Poor, seien besonders betroffen, da sie oft keinerlei Unterstützung bekämen. Bieri sieht die Frage Objektförderung versus Subjektförderung anders als die Baslerin Wagner und der Berner Kobi: «Es ist schon ganz spannend zu sehen, dass Basel als Kanton, der voll auf Subjektförderung gesetzt hat, nun damit an seine Grenzen stösst. Die Stadt Basel hat SURPRISE 334/14

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Soziale Bewegung In Strumpfhosen f端r das Gute

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Der amerikanische Autor Tea Krulos hat mit seinem Buch «Heroes in the Night: Inside the Real-Life Superhero Movement» (Die Helden der Nacht: Die Bewegung der Superhelden im echten Leben) eine einzigartige Bewegung dokumentiert: Menschen nähen sich ihre eigenen Kostüme und denken sich Superheldennamen aus. Dann ziehen sie für die Gerechtigkeit los – entweder, um gemeinnützige Arbeit zu verrichten oder um mit Gadgets ausgerüstet echte Verbrecher zu stellen.

VON CHRIS ANDERSON/IFA (INTERVIEW) UND PIERRE-ELIE DE PIBRAC/IFA (BILDER)

Die Real-Life Superheroes faszinieren Sie seit Langem, Sie haben ein Buch herausgegeben und schreiben einen Blog. Woher kommt das grosse Interesse? Zuerst einmal war ich schon immer ein Superhelden- und Comic-Fan, schon als Kind. Vor einigen Jahren las ich von Leuten, die sich wie Superhelden verkleiden und versuchen, das auch zu leben. Das fand ich spannend. Für einen Artikel begann ich hier in Milwaukee einen lokalen Superhelden zu suchen. Ich fand einen Typen, der sich «The Watchman» (Der Wächter) nennt. Ich schrieb ihm über MySpace eine Nachricht: «Ich interessiere mich sehr für das, was Du tust, und möchte mit Dir rumziehen, um herauszufinden, um was es Dir geht.» Wir verabredeten uns also am späten Abend in einem Park in der Nähe meiner Wohnung. Er trug sein ganzes Superhelden-Outfit mit Maske. Der Typ war mir sympathisch, er meinte es sehr ernst und schien kein bisschen verrückt – jedenfalls nicht so verrückt, wie ich es für möglich gehalten hätte. Von da an hatte ich bei den Real-Life Superheroes als sozialer Bewegung angebissen und wollte alles über sie erfahren. Und ich merkte, dass das Material für ein ganzes Buch reichen würde. Sie sind für das Buch durch das ganze Land gereist und haben diese Gestalten getroffen? Ja, ich war in zwölf Städten, quer über die USA verteilt. In San Diego gab es sogar ein grosses Treffen. Ich habe im Ganzen wahrscheinlich etwa 100 dieser Typen getroffen.

einpfeffern. Doch jeder kriegte vom Pfefferspray ab, weil er sich unkontrolliert in der Luft verteilte. Darauf wurden alle richtig wütend, eine Frau zog die Schuhe aus und griff Phoenix Jones an, sie schlug ihm mit den Schuhen mehrmals ins Gesicht. Also benutzte er wieder den Pfefferspray. Einen Mann, der dabei war und filmte, stiessen sie gegen eine Wand, und mir schlug einer ins Gesicht. Das Ganze dauerte vielleicht fünf oder zehn Minuten, dann tauchte die Polizei auf und war gar nicht erfreut, Phoenix Jones anzutreffen. Die Polizei behält ihn im Auge? Oh ja, alle kennen ihn. Er ist oft auf Patrouille. Einen Tag später wurde er festgenommen und am darauffolgenden Morgen wieder rausgelassen. Er ging gleich wieder auf Patrouille. Wie verdient er denn sein Geld? Was tut er beruflich? Er ist Betreuer für autistische Kinder. Gibt es da vielleicht eine Verbindung zum Wunsch, Gutes zu tun? Ja, er hat sicher gute Absichten. Er will in Seattle, wo er wohnt, patrouillieren und für die Sicherheit der Leute sorgen. Aber wissen Sie, das ist nicht wie im Comic. Manchmal hätte er die Leute von einer Schlägerei abhalten sollen, doch er machte die Situation nur noch schlimmer. Wenn die Leute nicht gerade Fans von Gestalten wie Phoenix Jones sind, tolerieren sie denn diejenigen, die gemeinnützig aktiv sind? Die verwirren die Polizei ein wenig. Ich war einmal mit ein paar Typen auf Patrouille, als uns die Polizei anhielt. Die dachten, es gäbe in der Nähe eine Verkleidungsparty, doch die Jungs sagten: «Nein, wir sind auf Patrouille.» Da wurden die Polizisten ernst und begannen ihre Ausweise zu kontrollieren und die Personalien zu überprüfen. Am Ende sagten

Sie schreiben auch über die Extreme der Bewegung. Einige sind einfach gemeinnützig tätig, während andere sogar auf den Strassen patrouillieren? Ich denke, diese Leute wissen, dass sie nicht «Diese Leute wissen, dass sie nicht dafür gemacht sind, dafür gemacht sind, Verbrecher zu fassen. Aber sie schlüpfen gern in die Persönlichkeit Verbrecher zu fassen. Aber sie schlüpfen gern in die Pereines Superhelden. So können sie mittels ihrer sönlichkeit eines Superhelden.» Superhelden-Identität zum Beispiel gemeinnützig tätig werden. Ihnen geht es um eine Art sie: «Okay, aber seid vorsichtig.» Sie können es ihnen ja nicht verbieten. Selbstdarstellung, bei der sie sich verkleiden und Gutes tun können. So Seit wann ist es illegal, verkleidet durch die Gegend zu spazieren? haben sie viele Zuschauer, die über sie reden und sich mit der Sache an sich beschäftigen. Viele Comic-Helden haben eine Entstehungsgeschichte. Haben die Real-Life Superheroes das auch? Oder was sind ihre Beweggründe? Aber einige glauben, dass sie Verbrechen bekämpfen können. Die meisten haben keine besonders spannende Geschichte. Einige haJa, das glauben sie. Eine beunruhigende Vorstellung. ben eine schwierige Vergangenheit mit Drogen und Alkohol, und das war sozusagen ihre Rettung. Wahrscheinlich helfen sie sich mit der So wie Phoenix Jones? Es wurde von einem Vorfall mit Pfefferspray Superhelden-Identität selbst am meisten. berichtet. Da war ich dabei und kassierte eine Faust in’s Gesicht. Wir waren auf Wir sprachen über Phoenix Jones. Haben Sie noch andere spezielle Patrouille. Es war etwa zwei Uhr morgens, als wir eine Gruppe von LeuFiguren kennengelernt? ten sahen, die in eine Schlägerei verwickelt waren. Darunter waren zwei In einem Kapitel meines Buchs geht es um einen Typen, der nennt sich oder drei Typen, die richtig zuschlugen und sich auf den Boden warfen. «The Man and the Green Skull Mask» (Der Mann und die grüne TotenPhoenix Jones rannte so schnell er konnte mitten in die Gruppe und kopfmaske), der damals vielleicht 62 Jahre alt war. Er ist ein Veteran des schrie alle an, sie sollten aufhören, was sie nicht taten, also wollte er sie SURPRISE 334/14

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«Captain Jackson» in seinem Element.

Vietnamkriegs. Seine Hauptaufgabe ist es, den Obdachlosen zu helfen. In seiner Stadt gibt es sehr viele Obdachlose, und die obdachlosen Vietnamveteranen beschäftigten ihn besonders. Ich besuchte ihn und war anfangs etwas skeptisch wegen dieses gruseligen Outfits. Doch ich war überrascht, als alle Obdachlosen ihn kannten.

liche Fliege). Wo sind die Ursprünge der Bewegung und warum wird sie heute immer grösser? Die gegenwärtige Bewegung hat ihre Anfänge 2005 oder 2006 und ging stark vom Internet aus. Sie ist innerhalb eines Jahres herangewachsen, das geschah sozusagen über Nacht.

Was tat er denn konkret? Er kannte die verschiedenen Orte, wo diese Leute sind. Er ging zu ihnen hin, sprach mit ihnen, fragte sie, wie es ihnen geht, was sie an Essen und Kleidung brauchen.

Worum geht es bei «The Human Fly»? Seine wahre Identität ist unklar, es gibt widersprüchliche Aussagen. Er war jedenfalls Stuntman und hat sogar den Rekord von Motorradstuntman Evel Knievel gebrochen, mit einem Sprung auf einem raketengetriebenen Motorrad über 27 Schulbusse. Er kam aber in mein Buch, weil er auch eine karitative Seite hat. So wird berichtet, dass er einen Teil seines Einkommens an Kinderspitäler gespendet und die Kinder dort auch besucht habe. Das entspricht in meinen Augen den Real-Life-SuperheroIdealen.

Viele dieser Helden müssen sich wohl mit Gadgets helfen, da sie ja keine echten Superkräfte haben? Es gibt hier in Milwaukee einen Typen, der nennt sich «Blackbird». Er macht interessante technische Geräte wie Nachtsicht-Ferngläser. Ich entdeckte in dieser Subkultur weitere Figuren, die sich selbst «Gadgeteers» nennen und die nicht patrouillieren, sondern Ausrüstungsgegenstände wie Rüstungen und Verbrechensbekämpfungsgeräte für Real-Life Superheroes entwickeln. In Seattle lernte ich einen weiteren Gadgeteer kennen, Victim, der wie ein Bilderbuch-Erfinder aussieht, mit dicken Brillengläsern, Rossschwanz und Schnauz, mit Stiften in den Taschen. Seine Werkstatt hat er in einer Garage, und dort arbeitet er an verschiedenen stichund schusssicheren Rüstungen und einem Handgerät, das mit blauem und rotem Licht die Illusion eines Polizeiwagens erzeugt. Es ist, als stünde die Polizei gleich um die Ecke. Andere nennen sich «Oracles» und bieten den Real-Life Superheroes technische Unterstützung an. Das ist alles Teil der Szene. In Ihrem Buch kommt ein historischer Bezug vor, Sie blicken über Jahrzehnte zurück zu Gestalten wie «The Human Fly» (Die mensch-

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Wie arbeiten diese Figuren? Stehen Sie miteinander in Kontakt? Viele von ihnen haben eine Facebook-Seite. Es gibt mindestens ein RealLife-Superhero-Forum, wo sich viele von ihnen austauschen. Einige haben eigene Shows bei Internet-Radiostationen, andere schreiben einen Blog. Es gibt auch Real-Life Superheroes, die Aufzeichnungen ihrer Patrouillen online stellen, die sehr interessant sein können. Für andere dagegen bleibt das Ganze Privatsache, sie wollen gar nichts von den Medien wissen. Gibt es neben den Real-Life Superheroes auch Real-Life Bösewichte? Den Bösewichten habe ich auch ein Kapitel gewidmet. Ich beschreibe sie als Sub-Kultur oder Anti-Bewegung. Sie ziehen nicht durch die Strassen und begehen Boshaftigkeiten, sie sind eher wie Trolle im Internet, Provokateure in Verkleidung. Sie nehmen die Persönlichkeiten von BöseSURPRISE 334/14


Wer ein Superheld sein will, der ziehe die Jeans aus: «Captain Prospect».

wichten an und richten eine Facebook-Seite ein. «Einige der Real-Life Superheroes haben eine Drogen- oder Viele von ihnen drehen auch kurze Filme, in Alkohol-Vergangenheit. Wahrscheinlich helfen sie sich mit denen sie sich über die Real-Life Superheroes der Superhelden-Identität selbst am meisten.» lustig machen und sie beschimpfen. Mir scheint ihre Kritik an den Real-Life Superheroes teilweise berechtigt. Denn die sagen ja, sie wollten Von der Sorte gibt es einige, was in der Bewegung verpönt ist. Es geht Gutes tun. Aber viele Menschen sind karitativ tätig und brauchen dafür ja eigentlich darum, dein eigenes Ding zu machen. Andere Real-Life nicht die Anerkennung, die ein durch die Strassen stolzierender SuperSuperheroes haben ihnen gesagt, dass sie verklagt oder zur Unterlasheld bekommt. Mir schienen die «Bösewichte» interessant, weil sie krisung gezwungen werden würden. Davon habe ich zwar noch nie getisch sind. Aber viele von ihnen sind einfach nur boshafte Menschen und hört, aber man kann ja nie wissen. haben Freude daran, sich über andere, die Gutes tun, lustig zu machen. Sie schreiben über Figuren rund um den Globus. Gibt es auch einen Real-Life Superhero im Nahen Osten? Ich habe von keinem gehört. Für mich ist interessant zu erfahren, wie die Idee in den verschiedenen Ländern interpretiert wird. Da kommt ständig Neues hinzu. Vor ein paar Monaten kontaktierte mich jemand aus Berlin via Facebook, der gerade ein Team mit fünf oder sechs Leuten auf die Beine gestellt hatte. In Deutschland gibt es nun also auch ein Team. In meinem Buch kommen einige Personen aus Australien vor, jemand aus Finnland und zwei aus Italien. In Grossbritannien sind in den letzten Jahren ein paar ganze Teams entstanden. Ein Superhero nennt sich «Statesman», er tauchte kurz in den Medien auf. Die Magazine bekamen Wind von der Geschichte, gingen aber unfair mit ihm um. Sie veröffentlichten ein Bild und versuchten so, seine Identität aufzudecken. Was auch gelang.

Was ist in der Szene verpönt oder wird begrüsst? In der Szene gibt es viel Theater, weil die Leute die ganze Zeit streiten. Da geht es um Sachen wie Patrouillenmethoden, wie man sich in der Öffentlichkeit verhalten soll, welche Kostüme praktisch sind. Was denken Sie, wie wird sich die Bewegung entwickeln? Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie langsam stirbt. Doch dann tauchen wieder Leute auf, die sie neu entdeckt haben und begeistert sind. Sie bewegt sich in kurzen Zyklen. Ich glaube, dass sie noch eine Weile überleben wird. ■ (AUS DEM AMERIKANISCHEN VON SVEN WILMS)

Buch: Tea Krulos: «Heroes in the Night: Inside the Real

Die meisten haben eigene Namen und Kostüme, aber mir sind der «Bradford Batman» und «Moon Knight» aufgefallen. Werden die nicht urheberrechtlich verfolgt? SURPRISE 334/14

Life Superhero Movement», Chicago Review Press 2013, nur auf Englisch erhältlich, 19.40 CHF. Tea Krulos’ Blog: heroesinthenight.blogspot.com

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BILD: ZVG

Fremd für Deutschsprachige Massivverwandlung Als Kind war es mir oft unbegreiflich, dass meine beiden Lebensorte, Hallau und Kërçova, gleichzeitig existieren sollten. Schienen sie mir doch so verschieden: Sie klangen unterschiedlich, stellten mir unterschiedliche Aufgaben und gaben mir ganz unterschiedliche Grundgefühle zum Leben. Ja, es kam mir manchmal so vor, als sei ich gar nicht mehr wirklich dieselbe, wenn ich aus Hallau, meinem damaligen Wirkungskreislein, austrat, mit meiner Familie Grenzen um Grenzen durchfuhr, um im ebenfalls kleinen Kërçova anzukommen. Eine Verwandlung schien sich zu vollziehen bei dieser Überfahrt. Wahrscheinlich wurden in mir die notwendigen Anpassungen für das kurzzeitige Leben dort vorgenommen. Diese Veränderungen zu benennen war fast unmöglich. Einmal probierte ich es so: Wenn man mit dem

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Flugzeug hinreist, merkt man die Verwandlung am stärksten, weil sie so schnell passiert. Das fühlt sich an, wie wenn dein Gehirn im Kopf einmal rumgedreht wird, um 180 Grad. Dann steigst du aus, etwas schwindlig, etwas aufgeregt, und bist parat für die warmen, staubigen Strassen und die fröhlichen, dichtgedrängten Abende mit Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen – und für dich selbst als Wiedergekommene, nicht als Anderswo-Herkommende. Wenn ich dann eine Weile dort war und mir all das selbstverständlich wurde, begann ich zu fürchten, der andere Ort existiere vielleicht gar nicht mehr. Und wer konnte schon wissen, ob er nicht einfach verschwand, wenn wir ihn verliessen. Das Gefühl war zwar gewiss ein trügerischer Spuk, doch es liess mich nicht los und knetete aus meinem leisen Zweifel am Wahrscheinlichen ein ganz und gar unwahrscheinliches Szenario: Vielleicht, zum Beispiel wenn wir den Gotthardtunnel durchquert hatten und auf der italienischen Autobahn dahinzurrten, schmolz das steinerne Massiv zusammen und verwandelte sich ins Dorf am anderen Ort, in die Strasse, die in dieses hineinführt und in den Stall meines Grossvaters samt Kühen, die ich dann fütterte, am Morgen nach der Ankunft. Diese These war natürlich viel zu unplausibel, als dass ich sie jemandem gegenüber geäussert hätte. Aber sicherheitshalber beschloss ich, sie wissenschaftlich zu widerlegen. Ich begann

mit basaler Physik: Ich nahm eine Traube vom Balkongeländer meines Onkels mit, doch schon bei Gostivar verschwand das Versuchsobjekt in meinem Mund. Doch ich gab nicht auf: Ein anderes Mal scheuchte ich eine Fliege ins Auto, um zu schauen, was mit ihr passieren würde beim Übertritt in den anderen Ort. Doch wieder vergeblich: Sie flüchtete sich in Niš aus dem Fenster. Doch dann wurde mir klar, dass nicht die Physik, sondern die Geometrie eine Antwort bereithielt: Wenn A Hallau, B Kërçova und C die Sonne war, so waren A und B dauerhaft über den Fixpunkt C miteinander verbunden, als Dreieck. Damit nun die Sonne nicht durch irgendwelche Tricks ausgetauscht oder sonstige empirische Zweifel aufkommen konnten, musste ich sie während der Fahrt ständig im Auge behalten. Doch der Beweis der gleichzeitigen Existenz beider Orte steht leider bis heute aus. Ich hatte nicht mit der Astronomie gerechnet: Irgendwann, nachdem ich von meiner teilnehmenden Beobachtung schon weisse Flecken vor den Augen hatte, liess mich die Dreiecksgeometrie im Stich. Die Sonne ging unter.

SHPRESA JASHARI (SHPRESAJASHARI@HOTMAIL.COM) ILLUSTRATION: RAHEL NICOLE EISENRING (RAHELEISENRING.CH) SURPRISE 334/14


Kino Machen statt hoffen In «Everyday Rebellion» besuchen die beiden Dokumentarfilmer Arash und Arman Riahi gewaltfreie Bewegungen – von Occupy über Femen und bis hin zum Arabischen Frühling. Das Werk offeriert keine Lösungen, macht aber Mut.

Arash und Arman Riahi hatten eine Vision: Die beiden im Iran geborenen, aber überwiegend in Österreich aufgewachsenen Filmemacher wollten «Iran Revolution» drehen, eine Dok über die Grüne Revolution in ihrer alten Heimat. «Wir wollten unseren Beitrag leisten», erinnert sich Arash Riahi. Doch rasch hätten er und sein Bruder erkannt, dass um’s Jahr 2011 auch andernorts Bewegungen im Entstehen begriffen waren: der Arabische Frühling, Occupy in den USA, das spanische Movimiento 15M oder auch die feministischen Femen aus der Ukraine, die sich bereits 2008 formierten, aber erst zwei Jahre später – durch ihre Oben-ohneAktionen – ins internationale Blickfeld und Bewusstsein rückten. Die Riahis glaubten ein klares Muster zu erkennen. Sämtliche Bewegungen agierten horizontal, sprich: ohne Führer. Die beiden Brüder warfen ihre Ursprungsidee über Bord und machten sich auf die Suche nach weiteren Verbindungspunkten der Organisationen. Ihr Weg, der sich nach und nach zu einem Film entwickelte, führte die Riahis etwa nach Kopenhagen, wo sie nicht nur Aktivisten aus aller Welt begegneten, sondern auch einem Referat der Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth beiwohnten. Diese hatte bei ihren Studien – die sich auf die Jahre von 1900 bis 2006 konzentrierten – herausgefunden, dass Rebellionen doppelt so effektiv sind, wenn sie auf Gewalt verzichten. «Zudem zeigte sich, dass ein durchschnittlicher gewaltfreier Aufstand zweieinhalb Jahre dauert», erklärt die US-Amerikanerin im Film. Wer rebelliert, muss also auch über einen langen Atem verfügen. Einen solchen legten die Riahis ebenfalls an den Tag. Die Filmemacher begleiteten die Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko, eine frühere Fernsehjournalistin, bis ins unfreiwillige Exil nach Paris. Oder waren zugegen, als eine studentische Occupy-Anhängerin von ihren Erfahrungen mit der Armut in New York erzählte: «Ich habe gelernt, welches Essen man noch zu sich nehmen kann, obschon es verrottet ist.» Im Iran selbst war es dem Duo nicht möglich zu filmen, dennoch fand man Mittel und Wege, um sich Bilder und Statements zu verschaffen. Die politischen Hintergründe der SURPRISE 334/14

BILD: VINCA FILM

VON MICHAEL GASSER

Alles in Schutt und Asche? Nicht, wenn man mit anpackt.

verschiedenen Proteste variieren stark, wie das Werk der Riahis mit dem Titel «Everyday Rebellion» nachweist. Während in Spanien insbesondere die Langzeitfolgen der Bankenkrise und die hohe Arbeitslosigkeit im Vordergrund stehen, geht es in Syrien um Leben und Tod. «Während den Dreharbeiten waren die Aktivisten der Meinung, es sei nur eine Frage von Monaten, bis Präsident Assad stürzt», erinnert sich Arash Riahi. Es sollte anders kommen. Die verschiedenen Organisationen vereinten Menschen, die mit dem Ist-Zustand der Gesellschaft nicht mehr zufrieden sind, so Arash Riahi. «Und die Wiedererlangung eines Verbundenheitsgefühls gehört zu den Zielen aller Bewegungen, die wir besucht haben.» Wirklich überrascht habe ihn, wie stark die verschiedenen Bündnisse miteinander verknüpft seien. Und zwar nicht nur über Twitter oder Facebook. «So begegneten wir etwa einem Aktivisten aus Jordanien völlig unerwartet wieder an einem Workshop, den er gemeinsam mit einer Vertreterin von Occupy besuchte.» Aufgrund von «Everyday Rebellion» würden er und sein Bruder immer wieder von neuen Be-

wegungen kontaktiert, sagt Arash Riahi. Deshalb haben sich die zwei dafür entschieden, das Thema weiter zu beackern. Nicht nur denken sie an ein Sequel, mit der Website «everydayrebellion.net» haben sie eine zusätzliche Plattform erschaffen, auf der sich Aktivisten austauschen können. Zurück zum Film: Arash Riahi betont, dass dieser keine Lösungen anbiete. «Wir können nichts daran ändern, dass auf der Welt viele schlechte Dinge passieren.» Dennoch verfüge jeder Mensch in sich über Kraft und Macht. «Wir wollen die Menschen dazu motivieren, sich zu behaupten und zu kämpfen.» Das klinge vielleicht etwas drastisch, gibt der 42-Jährige zu. Und zitiert darum eine Erkenntnis des Revolutionsexperten Srdja Popovic, der den serbischen Politiker und Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic stürzen half: «Stop hoping, make it happen.» ■

Riahi Brothers: «Everyday Rebellion», Österreich/ Schweiz, 110 Min. Der Film läuft zurzeit in den Deutschschweizer Kinos. www.everydayrebellion.net

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BILD: DIETER MEIER: GEHEN, 1970, PERFORMANCE STILL, ARCHIVE DIETER MEIER, COURTESY GALERIE THOMAS ZANDER, KÖLN AND GRIEDER, CONTEMPORARY, ZURICH

BILD: ZVG

Kultur

Zwischen diesen Buchdeckeln steckt die Hölle auf Erden. Dieter Meier hinterfragt den öffentlichen Raum.

Buch Höllenkunde

Performance Archaische Momente

Dominique Thommys teuflische Episoden sind eine Forschungsreise in die allzu menschlichen Abgründe der Hölle.

Der Körper ist ein starkes Ausdrucksmittel im öffentlichen Raum. Damit spielen die Kuratoren von «Mouvement III – The City Performed» am Bieler Centre PasquArt.

VON CHRISTOPHER ZIMMER MONIKA BETTSCHEN

Wer den Teufel zu oft im Munde führt, auf den färbt er unweigerlich ab. Da ist eben Nomen nicht nur Omen, sondern gehörig Schwefel und Rauch. Wer wüsste das besser als Dominique Thommy-Kneschaurek, der nach langen Theaterwanderjahren mit seiner besseren Hälfte in Basel nicht nur das Theater-Café zum Teufel, sondern auch das Kulturhotel Teufelhof gegründet und beides lange geführt hat. Da wird der Name des Bocksbeinigen wohl nicht nur in dezent formulierte Werbebroschüren, sondern auch in so manchen Fluch Eingang gefunden haben. Man kann Dominique Thommy also mit Fug und Recht einen Experten nennen. Umso erfreulicher, dass er uns zum 25-Jahre-Jubiläum des Teufelhofs an seinem Erfahrungsschatz teilhaben lässt und in 25 Episoden Einblicke in eine Region gewährt, die zwar jenseits unserer irdischen Gefilde liegt, aber doch ganz und gar von dieser Welt ist. In ein schwarzes Cover gehüllt, unter dem das feurige Rot lauert, finden sich kürzere und längere Studien über die Freuden und Leiden der teuflischen Heerscharen, die eines bald enthüllen: Dass nämlich die Beelzebübischen allzu menschliche Schwächen und Gebrechen haben, mit einem Wort, doch recht arme Teufel sind. Da lesen wir in diesem satanischen Sittenspiegel von Arbeitslosigkeit bei Seelenmangel versus Arbeitsüberlastung bei zuviel Nachschub, von ineffizienter Verwaltung, antiquierten Foltermethoden und Rationalisierungsversuchen, von Langeweile, Freizeitgestaltung und recht humanen Wunschträumen. Man schlägt sich auch im Höllenpfuhl mit Ethik und Kultur herum, mit Selbstzweifeln und Nörgelei, und all das noch durch die Ewigkeit potenziert. Die Hölle! Und doch schleicht sich beim Lesen dieser Satiren, die immer mit einem Pferdefuss in der Theologie rumdümpeln, der Verdacht ein, dass sie zwar in der Hölle handeln, doch allzu oft die Hölle auf Erden meinen. Nicht als grosses Drama, als Weltenbühne, auf der über Jedermanns Existenz entschieden wird, sondern als hartnäckig neugierige Forschungsreise in Abgründe, in denen uns aus allen Höhlen flackernde Spiegel vorgehalten werden.

Wer ab und zu eine Kunstperformance zu sehen bekommt weiss, was für unterschiedliche Gefühle eine solche Aktion wachrufen kann: Irritation genauso wie Faszination oder Neugier. Die zwölfte Ausgabe der Schweizer Plastikausstellung erweitert deshalb den Begriff von Kunst im öffentlichen Raum radikal und stellt keine statischen Werke aus Holz oder Metall, sondern bewegte menschliche Körper ins Zentrum. «Der Mensch im Austausch mit seiner Umgebung ist hier quasi das smarte und mündige Ausstellungsmaterial», sagt Gianni Jetzer, Co-Kurator der Ausstellung «Mouvement III – The City Performed» im Bieler Centre PasquArt. Während der vergangenen Sommermonate haben Performances aus aller Welt Biels Stadtbild geprägt. Ergänzend dazu findet nun mit «The City Performed» eine Ausstellung statt, welche die buchstäblich bewegte Geschichte dieser Kunstsparte ab den frühen Sechzigerjahren bis heute beleuchtet. Performance hat oft eine politische Dimension. Darum integriert die Ausstellung auch Kunstschaffende, die für ihre Interventionen riskierten, inhaftiert zu werden, wie zum Beispiel den chinesischen Konzeptkünstler und Menschenrechtsaktivisten Ai Weiwei. An Performances entstehen zwischen Künstlern und Passanten häufig Situationen, in denen sich alle Beteiligten ihrer eigenen Grenzen bewusst werden. «Le Mouvement» thematisiert diese Schnittstellen zwischen öffentlichem und privatem Raum. «In Biel haben wir seit einigen Jahren den Wegweisungsartikel, der die Polizei dazu ermächtigt zu entscheiden, was geht und was stört. Es macht also Sinn, sich ernsthaft Gedanken über das Zusammenleben auf engem urbanem Raum zu machen», so Gianni Jetzer. «Performance kann den Blick für den öffentlichen Raum, den wir alle täglich betreten, ohne ihn richtig wahrzunehmen, schärfen und den Einzelnen dazu animieren, diesen Raum anders als üblich zu nutzen», sagt Jetzer. «Wir sind es gewohnt, zielgerichtet von A nach B zu gehen. Performance hat etwas Archaisches und appelliert mit ihrer unmittelbaren Ausdrucksstärke direkt an die Menschen, diese Gleichgültigkeit gegenüber der gewohnten Umgebung zu hinterfragen.»

Dominique Thommy-Kneschaurek: Pfui Teufel! 25 höllische Episoden.

«Mouvement III – The City Performed», noch bis So, 2. November, Mi bis Fr 14 bis

Edition Text & Media 2014. 25 CHF.

18 Uhr, Sa und So 11 bis 18 Uhr, Centre PasquArt, Seevorstadt 71–73, Biel www.pasquart.ch

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Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Die Äpfel dafür pflücken Sie im Licht des abnehmenden Mondes. 01

Fast4meter, Bern

Piatto forte Keine Sünde

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Axpo Holding, Baden

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Stoll Immobilien Treuhand, Winterthur

04

Kaiser Software GmbH, Bern

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mcschindler.com, Online-PR-Beratung, Zürich

Der Apfel ist der König der Früchte. Keine andere Frucht musste so oft als Namensgeber herhalten für alles, was rund war und benannt werden wollte.

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archemusia Musikschule, Basel

07

BEVBE Ingenieurbüro, Bonstetten Klinik Sonnenhalde AG, Riehen

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Lions Club, Zürich Seefeld

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Schweizerisches Tropen- und Public Health-

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Institut, Basel

Aber nicht nur etymologisch und kulinarisch hat es der Apfel weit gebracht. Auch biologisch gesehen verdient er hohe Würden: Als Vertreter der Pflanzenfamilie Rosaceae – also der Rosengewächse – entstammt er derselben Gattung wie die Rosen. Ob der Apfel allerdings seinen Ruf als verführerischer Hauptdarsteller im berühmtesten Sündenfall zu Recht hat, ist mehr als fraglich. Was Adam und Eva assen, ist in den Worten der Bibel lediglich als Frucht vom Baum der Erkenntnis beschrieben. Zudem trugen die beiden dabei Feigen- und keine Apfelbaumblätter. Nichtsdestotrotz spielt der Apfel in alten Kulturen eine wichtige Rolle. Die jeweiligen Mythen sind reich an Äpfeln oder dem, was man Apfel nannte. Auch bei den Etruskern ist der Apfel auf vielen Grabmalereien oder auf bemalter Keramik wiederzufinden, weil er als Symbol für Fruchtbarkeit galt. Das scheinen auch die alten Griechen so gesehen zu haben: Es galt als Heiratsantrag, einem Mädchen einen Apfel zuzuwerfen und als dessen Zustimmung, wenn es ihn auffing. Überhaupt keine Sünde sind allerdings getrocknete Apfelringe, die man am besten selber macht. Damit sie im getrockneten Zustand ein anregendes Aroma haben, müssen sie im frischen Zustand erst recht geschmackvoll sein. Überzüchtete, hochglänzende Früchte können Sie getrost vergessen. Interessant dagegen sind zum Beispiel der Sauergrauech oder Boskoop, welche beide in der Schweiz an Hochstammbäumen wachsen. Beide Sorten sind im Geschmack leicht säuerlich und ergeben delikate Apfelringe. Die Früchte müssen nicht perfekt aussehen, kleine Makel können Sie beim Ringeschneiden einfach wegrüsten. In einer Schüssel etwas Zitronenwasser bereitstellen. Dann mit einem Apfelausstecher oder einem Rüstmesser das Kerngehäuse entfernen und in ca. 5 bis 7 mm dicke Ringe schneiden. Im Zitronenwasser aufbewahren, bis alle Äpfel verarbeitet sind, mit Haushaltpapier abtrocknen und auf Holzspiesse aufreihen. Die Holzspiesse direkt auf das Backofengitter legen, sodass die Apfelringe zwischen den Gitterstäben voneinander getrennt zu hängen kommen. Schliesslich im 60 – 70° C warmen Backofen für drei Stunden trocknen lassen. Für das beste Ergebnis ist es unerlässlich, dass Sie Äpfel verwenden, die beim Licht des abnehmenden Mondes gepflückt wurden. Denn sie sind, wie uns Horaz verrät, die besten. Oder ist auch das bloss ein Mythos?

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VXL Gestaltung und Werbung AG, Binningen

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

Bezugsquellen und Rezepte: www.piattoforte.ch/surprise

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VON TOM WIEDERKEHR

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Gemeinnütziger Frauenverein Nidau 13

Velo-Oase Erwin Bestgen, Baar

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Bruno Jakob Organisations-Beratung,

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Pfäffikon SZ Balz Amrein Architektur, Zürich

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Supercomputing Systems AG, Zürich

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Kultur-Werkstatt – dem Leben Gestalt geben,

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Wil SG

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Schluep Degen Rechtsanwälte, Bern

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Anyweb AG, Zürich

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A. Reusser Bau GmbH, Recherswil

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Verlag Intakt Records, Zürich

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Hotel Basel, Basel

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Homegate AG, Zürich

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Balcart AG, Therwil

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

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BILD: ZVG

BILD: ZVG BILD: STEFAN ROHNER

Ausgehtipps

Skeptische Stimme im Kopf: Yara Bou Nassar.

Zwischen Kunst und Alltag: Mathieu Merciers Dinge.

St. Gallen Der Status der Dinge Lampen, Möbel, Fahrräder, Typografien: Mathieu Merciers künstlerisches Schaffen bewegt sich zwischen Kunst und Alltag. Mercier deplaziert gezielt alltäglich erscheinende Dinge und stellt hintergründig die Frage nach ihrem Status zwischen Funktionalität und künstlerischer Zweckfreiheit. Etwa, wenn er Sportgerätschaften in monströse Leuchten verwandelt. Auch in St. Gallen, wo Mercier erstmals in der Schweiz zu sehen ist, wird er seiner Freude an der Verwandlung in neuen Arbeiten Ausdruck verleihen. So finden sich bei Mercier mitunter auch Naturschauspiele gerne einmal im Museum wieder. Man darf also gespannt sein. Neben Merciers Ausstellung sind in St. Gallen auch Werke von Christoph Büchel und Roman Signer zu sehen. (ami)

Bern Das Zuhause als Mosaik Das Musiktheaterstück «Collecting Home» beschreibt die grenzenlose Reise einer Frau (gespielt von der jungen libanesischen Schauspielerin Yara Bou Nassar) auf der Suche nach Identität, Freiheit und dem, was man Heimat nennt. Einzig der Ausgangspunkt ihrer Reise ist klar: Beirut. Die folgenden Stationen ihrer Migration sind Städte, von denen sie noch nie gehört hat und die durch die Gewohnheiten ihrer Bürger bestimmt werden. Unterwegs sammelt sie Geschichten und Erinnerungsstücke, um daraus ihr neues Zuhause zu bauen. Sie bewegt sich unablässig, in der Hand nichts als den Koffer, in ihrem Kopf die Musik (live gespielt vom Schweizer Klarinettisten und Bassisten Paed Conca) und eine skeptische Stimme, die ständig Fragen stellt, die nie beantwortet werden. (ami)

Individuell und kollektiv: Die Frage nach dem Wohin.

Zürich Doppelhelix der Identität «Weshalb brauchen Menschen eine nationale Identität? Wohin und zu wem gehören wir?», fragt der Zürcher Regisseur Enzo Scanzi in The Project. Das Stück lehnt sich an die Arbeit der in Zürich lebenden ukrainisch-israelischen Künstlerin Marina Belobrovaja an, die für ihr Buch «The DNA-Project» 49 Jüdinnen und Juden aus der Schweiz, aus Deutschland, Russland, Israel und aus der Ukraine zu ihrem Jüdisch-Sein interviewt hat. Scanzi und Teatro Matto verdichten das dokumentarische Material zu einem Stück über Identität und stellen die «Doppelhelix der Identität» als individuelle und gleichzeitig kollektive Frage auf die Bühne und zur Diskussion. (ami) «The Project. Ein dokumentarisch-fiktiver Abend

«Collecting Home – Stories of cities with missing walls»,

über Identität», Premiere Do, 25. September, 20 Uhr,

Mathieu Mercier: «Everything but the kitchen sink»,

Mi, 1. bis Sa, 4. Oktober jeweils 20.30 Uhr und

weitere Spieldaten Fr, 26., Sa, 27., Di, 30. September

Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen, Lokremise,

So, 5. Oktober, 19 Uhr, Tojo Theater Reitschule Bern.

und Mi, 1. bis Sa, 4. Oktober, jeweils um 20 Uhr,

noch bis So, 9. November. www.kunstmuseum.ch

www.tojo.ch

Kulturmarkt, Ämtlerstrasse 23, Zürich.

Anzeigen:

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BILD: ZVG

BILD: ZVG

Hier kann man sich an einem Grashalm festhalten und auf Frieden hoffen.

Baden Utopie des Friedens Der Kunstraum Baden nimmt sich Krieg und Frieden vor, und zwar nicht den von Tolstoi, sondern den ganz aktuellen. Der Blick setzt in der Intimität des Privatlebens an, richtet sich auf die Darstellung in den Medien und schliesslich auf die aktuellen Krisengebiete im Nahen Osten. Die Ausstellung «Warzone Peace» ist essayistisch angelegt und thematisiert den Frieden als grosse, letztlich aber unerreichbare Utopie. Denn Frieden, das wäre weit mehr als Zusammenleben ohne Gewalt. Es wäre eine Wirtschaft, die brummt; es wäre Wohlstand, Lebensglück. Wäre das wirklich möglich, immer, für alle? Antworten haben möglicherweise Andreas Hagenbach, Eric Hattan, Anna Jermolaewa und Daniela Keiser – die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung. (dif) «Warzone Peace», Mi bis So, 14 bis 17 Uhr, Eintritt frei, noch bis am So, 2. November, Kunstraum Baden, Haselstrasse 15, Baden. www.kunstraum.baden.ch Es knallt, es raucht, die Tür geht auf.

Anzeige:

Zürich Gaukelei Die Theatersaison geht wieder los, und im Schiffbau öffnen sich die Türen, um das Publikum auf eine Entdeckungstour hereinzulassen. Der Produktion «Der schwarze Hecht» – dem Paul-Burkhard-Musikstück um ein chaotisches Familienfestessen mit dem Auftritt des Zirkusdirektors Obolski und dessen Zirkusprinzessin Iduna – entspringen Gaukler und Zirkusfiguren und bevölkern die Räume. Es gibt Tanz, Theater, Musik, und artistisches Programm, dazu technische und künstlerische Führungen, Konzerte, Lesungen … In Breakdance-, Beatbox- und GraffitiWorkshops in Zusammenarbeit mit dem Moods und der Swiss Hip Hop Society lernen Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene von Grössen der Szene. Hinter den Kulissen geben die Abteilungen von Beleuchtung und Maske bis hin zu Kostüm und Requisite Einblicke in ihre Arbeit. Und wenn man dann nach einem langen Nachmittag ganz viel erfahren und gelernt hat, kriegt man ein Ensemble-Konzert der Schauspieler zu hören, danach Moods-Konzerte und Party. (dif) Tag der offenen Tür, Gaukler und Gangster: Sa, 27. September, von 15 bis 20 Uhr gratis, Schiffbau Zürich, danach Konzerte mit Eintritt im Schiffbau und Helsinki. www.schauspielhaus.ch, www.moods.ch

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Verkäuferporträt International «Ich wollte nicht lernen, wie man tötet» Hendrik Beune hat Schiffe gebaut, Schalentiere gezüchtet und fernab der Zivilisation zwei Kinder aufgezogen. Dann machte ihm sein Rücken einen Strich durch die Rechnung. Seither verkauft er das Magazin Megaphone in Vancouver.

«Ich habe 2009 angefangen, Megaphone zu verkaufen. Für mich geht es dabei vor allem darum, soziales Kapital aufzubauen. Das halte ich für viel wichtiger als die moderne Wirtschaft, die nur sich selbst dient und in vielerlei Hinsicht zerstörerisch ist. Ich versuche das zu korrigieren, indem ich gute Beziehungen zu anderen Menschen aufbaue. Ich mache verschiedene Dinge, die mich glücklich machen und gesund erhalten. Megaphone spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Wenn ich meinen Stammkunden die Zeitung bringe, bin ich viel mit dem Fahrrad unterwegs. So komme ich auch zu den Bauernmärkten, wo ich das Magazin öffentlich verkaufe. Ich ziehe viel Sinn daraus, unterschiedliche Menschen zu treffen. Mit meinen Kunden rede ich über so ziemlich alles. Oft fragen sie mich, ob ich obdachlos bin – zum Glück nicht mehr, sage ich dann. 2010 bin ich aus einer schäbigen, rattenverseuchten Unterkunft in eine anständige Wohnung gezogen. Ich war lange selbständig, dann verletzte ich mich am Rücken und konnte nicht mehr arbeiten, bekam aber auch keine Entschädigung. Für eine Weile lebte ich auf der Strasse. Ich wühlte in Mülleimern und war ziemlich am Ende. Ich hatte nie Sozialhilfe bezogen, war zu stolz und hatte es immer geschafft, irgendwie zurechtzukommen. Aber als ich nach Vancouver kam, konnte ich kaum noch gehen. Nach drei Tagen ohne Essen liess ich mich überzeugen, mich für Nahrungsmittelhilfe anzustellen. Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden. Mit 19 Jahren zog ich nach Kanada. Der Hauptgrund war mein Pazifismus. Wegen des Zweiten Weltkriegs und der Hilfe der Kanadier und Amerikaner, die die Niederlande von den Besatzern befreit hatten, existiert eine Vereinbarung mit der NATO: Ich wurde eingezogen. Ich wollte aber nicht lernen, wie man Menschen tötet, ich wollte Biologie studieren. Mein Cousin in Edmonton sorgte dafür, dass ich einen Platz an einer kanadischen Uni bekam. 1974 erhielt ich meinen Bachelor in Zoologie und Ökologie. Eine Zeit lang arbeitete ich im Norden der Provinz British Columbia. Ich lernte Flugzeuge zu fliegen und untersuchte abgeschiedene Wasserläufe. Danach arbeitete ich für ein Museum. Den Sommer darauf ging ich wieder nach Norden und forschte über Grizzly-Bären. Da war ich richtig in der Wildnis unterwegs, manchmal mehrere Tage lang auf dem Pferderücken. Meine Leidenschaft aber waren die Ozeane. Ich begann, ein elf Meter langes Schiff zu bauen. Daneben arbeitete ich viereinhalb Jahre Vollzeit für das Ministerium für Fischerei und Ozeane. Ich schrieb einen Bericht, der so lang ist wie das Buch, das ich gerade lese: 650 Seiten über das Mündungsgebiet des Fraser River. Was mich angeht, war das meine Doktorarbeit! Als ich fertig war, hinterliess ich meinem Chef ein Exemplar und verabschiedete mich nach Kalifornien. Ich machte eine Ausbildung zum Tauchlehrer, organisierte Reisen und baute ein zweites, noch längeres Boot. Später züchtete ich Schalentiere nördlich von Vancouver,

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BILD: JACKIE WONG

AUFGEZEICHNET VON JACKIE WONG

weit abseits der Zivilisation, wie wir sie kennen. Ich lebte in der Wildnis des Desolation Sound, zwölf Jahre lang inmitten vieler Tiere und nur unter wenigen Menschen. Ich gründete eine Familie und zog zwei Kinder gross. Inzwischen war ich über 40 und arbeitete jeden Tag körperlich hart. Mein Rücken wurde immer schlimmer, und ich wusste, ich musste meinen Lebensstil ändern. Also kam ich zurück nach Vancouver. Seitdem engagiere ich mich sozial, weil ich denke, dass das der Ökologie sehr verwandt ist. Die Unterschiedlichkeit der Menschen in der Downtown Eastside, die so viele Nischen füllt, hat mich genauso angezogen wie eine wilde Landschaft. Ich mag das: Die Menschen sind so verschieden und leben doch in derselben Stadt zusammen. Ich glaube sehr an gemischte Gemeinschaften. Diese Verbindungen zu knüpfen ist wirklich sehr wichtig. Ich denke, es ist mein Hauptziel, und auch der Zweck von Megaphone.» ■ www.street-papers.org – Megaphone, Canada SURPRISE 334/14


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, Nahverkehrsabonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Elsa Fasil Bern

Kostana Barbul St. Gallen

René Senn Zürich

Marlis Dietiker Olten

Negasi Garahassie Winterthur

Josiane Graner Basel

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

Anja Uehlinger Baden

Ralf Rohr Zürich

Emsuda Loffredo-Cular Basel

Fatima Keranovic Basel

Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

Vorname, Name

Telefon

Strasse

E-Mail

PLZ, Ort

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1 Monat: 500 Franken

334/14 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, 4051 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 334/14

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Herausgeber Verein Surprise, Spalentorweg 20, 4051 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Amir Ali (ami, Heftverantwortlicher), Florian Blumer (fer), Diana Frei (dif), Mena Kost (mek) redaktion@vereinsurprise.ch leserbriefe@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Melanie Kobler (Grafik), Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Monika Bettschen, Michael Gasser, Lucian Hunziker, Pascal Mora, Sara Winter Sayilir, Sven Wilms, Jackie Wong Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 17 850, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Svenja von Gierke

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3013 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert (Leitung), l.biert@vereinsurprise.ch, Olivier Joliat (Medien), David Möller (Sportcoach) www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen. SURPRISE 334/14


Surprise Mehr als ein Magazin

FOTO: PALOMA SELMA

Letzter Schliff für die Premiere als Stadtführer Werner Hellinger alias Elvis startete Anfang September mit seiner ersten Tour als Stadtführer auf Tour 2. Der Weg vom Armutsbetroffenen zum professionellen Stadtführer, der Besuchergruppen die Schattenseiten der Stadt Basel aufzeigt, ist lang. Elvis gelang der Einstieg in seine neue Tätigkeit innerhalb kurzer Zeit. Zusammen mit Projektleiterin Sybille Roter (rechts) erarbeitete er seinen Text für die sozialen Institutionen mit Informationen zu struktureller Armut in Basel. Den letzten Schliff für seinen Auftritt verpasste ihm Schauspielerin Carina Braunschmidt (Mitte), die bereits den anderen Basler Stadtführern wichtige Hinweise für ihre neue Lebensrolle gab. Mehr zum neuen Stadtführer auf Seite 7.

Neue Stadtführer in Zürich Am 3. Oktober startet der neue Soziale Stadtrundgang in Zürich. Sechs Stadtführer werden den Besuchergruppen auf fünf verschiedenen Touren die Auswirkungen von Armut in Zürich zeigen. Unter Anleitung der Theater- und Sozialpädagogin Nicole Stehli (Dritte von links) entwickelten die Surprise-Verkäufer und Schauspieler der Theatergruppe Schrägi Vögel seit Anfang des Jahres ihre eigenen Touren und Texte. Mehr Informationen zum Projekt, den Touren und Stadtführern in der nächsten Ausgabe.

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«ICH BIN FAN VOM ROTEN KREUZ. DANK IHM HABE ICH SAUBERES TRINKWASSER UND BLEIBE GESUND.» Vatsana Vilaivone (12), Nambak (Laos)

ken 20 Fran n: spende S M S r e p SS 20 R ED C R O an 464

Jedes Jahr sterben 3,5 Millionen Menschen an den Folgen von verschmutztem Trinkwasser. Bitte werden auch Sie Fan vom Roten Kreuz: Nur mit Ihrer Unterstützung können wir gemeinsam Menschen in Not und Elend helfen. Jetzt Fan werden: www.redcross.ch/helfen oder

Vereint für mehr Menschlichkeit

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