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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Wie alles anfing Neulich schaute ich auf einem Rastplatz zwei Buben zu. Es waren Brüder, der eine etwa acht, der andere etwa fünf Jahre alt. Ihnen war langweilig, und so begannen sie, auf Anregung des Grösseren, zu kämpfen. Natürlich war dieser überlegen und so verleidete es dem Kleineren nach einer Weile. Um sich den Bruder, dem das Spiel deutlich grösseren Spass machte, vom Leib zu halten, hob er einen Stecken auf, den er drohend schwang, und tatsächlich wich der Stärkere zurück. Aber schon bald hob dieser einen grösseren Stecken auf und griff wieder an. Das Ganze verlief spielerisch, sie schlugen mit den Stecken nicht wirklich zu und lachten dabei. Ich schaute zu und dachte: So hat also das Wettrüsten angefangen. Ich bin überzeugt, dass Waffen von kleinen Brüdern erfunden wurden. Womit ich nicht behaupten will, dass Michail Timofejewitsch Kalaschni-

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kov oder die Herren Heckler und Koch zwingend grosse Brüder hatten, aber zu Urzeiten muss es ein kleiner Bruder gewesen sein, der die Keule erfunden hat. Er glaubte, damit die Gerätschaft gefunden zu haben, die ein friedfertiges Leben ermöglicht. Ähnlich muss es dem Menschen ergangen sein, der das erste Werkzeug erfand. Es muss sich um einen faulen Menschen gehandelt haben. Angenommen, die Nahrung bestand aus Nüssen, die mit den Zähnen aufgeknackt werden mussten. Eine mühselige Arbeit. Dieser Mensch hätte lieber am nahe gelegenen Bach in der Wiese gelegen und den Wolken zugeschaut. Da erinnerte er sich, dass ihm vor Kurzem ein Stein auf den Fuss gefallen war. Der Stein war hart gewesen. Die Nuss ist hart. Der Stein ist grösser. Was also, wenn man einen Stein auf eine Nuss fallen lässt? Bingo! Die Nüsse liessen sich nun viel schneller und schmerzloser knacken. Dieser Mensch hatte gleichzeitig den Nussknacker, die Halbtagsstelle und die ausgewogene Work-Life-Balance erfunden. Es hätte alles so schön sein können. Wenn da nicht der Fleissige gewesen wäre, der sich die Nussknackermethode aneignete und sie nutzte, um doppelt so viele Nüsse zu sammeln und zu knacken wie anhin. Dadurch hatte er mehr Nahrung, wurde stärker, seine Sippe wuchs und unterwarf jene des faulen Erfinders. Bald waren alle angehalten, wieder den ganzen Tag Nüsse zu knacken, und das Betrachten der

Wolken geriet in Verruf. So wurden die Starken stärker und die Fleissigen schwangen obenauf. Schlechte Zeiten für die Schwachen und Faulen brachen an. Was immer sie erfanden, um sich das Leben zu erleichtern, es wurde zweckentfremdet, um ihnen das Leben zu erschweren. Bis eines Nachts einer von ihnen in den Sternenhimmel schaute und eine Idee hatte: Was, wenn ich den Starken und Fleissigen erzähle, dass es da oben Wesen gibt, die tausendmal stärker sind als wir und tausendmal mehr zu leisten vermögen? Die unser Schicksal beeinflussen können und die wir wohlstimmen, in dem wir die Arbeit unterbrechen und ihnen unsere Zeit widmen? Was, wenn ich erzähle, dass diese mächtigen Wesen es gerne sehen, wenn wir nett zueinander sind, uns gegenseitig helfen und bescheiden leben, anstatt uns mit Keulen zu prügeln und immer grössere Nussvorräte anzulegen? Der Mensch unter dem Sternenhimmel lächelte und schlief bald selig ein. Er hatte die Lösung gefunden. Dachte er.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: SARAH WEISHAUPT (SAVVE@VTXMAIL.CH) SURPRISE 333/14

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