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Als Juwel ins Jenseits Eine Schweizer Firma macht aus Toten Diamanten Anonym spendiert: Die Tradition des «Caffè sospeso» fasst Fuss

«Wilderei ist organisierte Kriminalität»: Zoo-Kurator Bauert über Verbrechen im Urwald

Nr. 326 | 30. Mai bis 12. Juni 2014 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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Titelbild: iStockphoto

Gerade eben war es noch üblich, Tote zu begraben, dann begann man, Totenasche in Seen zu streuen. Und jetzt presst man sie zu Diamanten. Mein Kollege Amir Ali war bei der Firma «Algordanza» im bündnerischen Domat/Ems zu Besuch, die genau das tut: Zwei Gramm Graphit, aus der Asche des Verstorbenen gewonnen, verewigt sie in einem synthetisch hergestellten Diamanten. Man möchte meinen, beim Sterben ginge es ums Weggehen, ums Verschwinden. Und damit ums Loslassen. Aber offensichtlich geht es für viele eher ums Bewahren. Algordanza, übrigens, ist Rätoromanisch und heisst «Erinnerung». Und die wäre an sich etwas sehr Flüchtiges, Geistiges. Offenbar muss sie aber materialisiert werden, weil sie sonst nicht recht wahr sein kann. Seit Jahren mehren sich die Konservierungsmethoden von Erinnerungen. Früher hatte man vielleicht ein Foto seines Liebsten im Portemonnaie. Heute hat man Hunderte von iPhone-Fotos gespeichert und postet sie fleissig. Seine Verwandten lässt man sich als 3D-Figuren ausdrucken, um sie aufs Buffet zu stellen. Haltbar gemachtes Familienglück. Und jetzt also die Diamantbestattung.

BILD: ZVG

Editorial Erinnerung in der Konserve

DIANA FREI REDAKTORIN

Es ist, als ob die Angst zunähme, dass sich Gefühle verflüchtigen könnten, wenn man sie nicht festhält. Und das tun sie natürlich – sie tun es aber auch, wenn man sie festzuhalten versucht. Es ist an sich eine seltsame Art von Besitzdenken, die einen überhaupt sagen lässt: «Auf ewig mein.» Egal, ob tot oder lebendig. Interessant ist: Der Bewahrungstrend scheint ein Zeichen unserer Zeit zu sein. Denn er erhält ausgerechnet jetzt Auftrieb, da alles entmaterialisiert wird. Geräte funktionieren kabellos, und die meisten Notebooks haben heute kein DVD-Laufwerk mehr. Ob Filme, Musik, Texte: Der Datenträger, das Physische, verschwindet, alles existiert nur noch in der Cloud. Die Spuren unseres Denkens, unserer Existenz: in der Wolke. Aber mit der Vorstellung, dass auch Tote einfach diffus im Himmel oder sonst irgendwie verflüchtigt sein sollen, haben wir Mühe. Hier setzt ein Unsterblichkeitskult ein. Und vielleicht hängt es ja zusammen: das Bedürfnis, Tote festzuhalten, und das Gefühl, dass das Leben nur noch aus digitalen Dateien oder Streamings besteht. Ein flüchtiges Nichts, das nicht mehr greifbar ist, wenn die Technik mal nicht funktioniert. Aber die Menschen sollen umso mehr auf ewig erhalten bleiben. Denn eigentlich mag die Vergänglichkeit niemand so recht. Wir wünschen Ihnen eine lebendige Lektüre. Herzlich Diana Frei

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Wir sind gespannt auf Ihre Kritik, Ihr Lob oder Ihre Anmerkungen. Schreiben Sie uns! Auf leserbriefe@vereinsurprise.ch oder an Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. Oder diskutieren Sie mit uns auf www.facebook.com/vereinsurprise SURPRISE 326/14

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10 Diamantbestattung Für immer mein Bei der Bündner Firma «Algordanza» kann man sich für teures Geld aus der Asche seiner verstorbenen Liebsten Diamanten pressen lassen. Diese Art der Bestattung liegt im Trend: Aus aller Welt bringen Kunden die Asche ihrer Angehörigen nach Domat/Ems, um diese für immer bei sich tragen zu können. Was steckt dahinter?

BILD: PHILIPP BAER

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Inhalt Editorial Gefühle haltbar machen Die Sozialzahl Familienglück oder Prekariat? Aufgelesen Bienen mieten Zugerichtet Zugriff durch die Manteltasche Leserbriefe Nicht gleich «Rassismus» schreien Starverkäufer Abdurahman Tiku Porträt Kind der Landstrasse Munduruku Selbstverteidigung im Urwald Fremd für Deutschsprachige 652 Meter über Meer Hagen Rether Sezierte Klischees Kultur Sezierte Klischees Ausgehtipps Heller Wahnsinn Verkäuferinnenporträt International Raus aus der Versager-Schublade Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP Da läuft was Stadtführer Christen über seine Tour

14 Wilderei «Es ist üblich, Feinde zu vergiften» BILD: ZOO ZÜRICH, THOMAS SCHUPPISSER

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Wilderei ist nicht nur gefährlich für die gejagten Tiere, sondern auch für alle, die gegen dieses Verbrechen ankämpfen. Für Martin Bauert zum Beispiel, den leitenden Kurator des Zoo Zürich. Ist er in Magaskar, so isst er nichts, das für ihn gekocht wurde. Denn mit seinem Engagement für den Tierschutz macht er sich Feinde, die keine Skrupel kennen. Im Interview spricht er über das grosse Geschäft mit illegalen Gütern. Und darüber, wie etliche davon den Weg in die Schweiz finden.

20 Caffè sospeso Eine Tasse Solidarität

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BILD: ZVG

Ein Kaffee ist nicht einfach ein Kaffee. Sondern das Eintrittsbillett für die Teilhabe am sozialen Leben. Deshalb gibt es in Neapel seit Langem die Tradition des «Caffè sospeso»: Ein Gast trinkt einen Kaffee und bezahlt einen zweiten, den er anonym einem Menschen mit wenig Geld überlässt. Die Idee erlebt derzeit eine Renaissance, mit der Umsetzung hapert es jedoch oft – Surprise will es besser machen.

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Die Sozialzahl Mehr Teilzeitarbeit – gut so

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Die Schweiz ist eine Arbeitsges ellschaft. Wer hätte da gedacht, dass das Land im eur opäischen Vergleich trotzde m den zweithöchsten Anteil an Teilzeiterwerbstätigen auf weist? Die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Mit rund einem Drittel Teilzeitarbeitenden liegt die Schweiz noch vor Deutschlan d (27,3 Prozent) und weit vor Frankreich (18,4 Prozent). Nur in den Niederlanden arbeiten mehr Leute Teilzeit als hie rzulande. Weiter zeigen die neuen Zahlen, dass die Teilzeiterwerbstätigkeit in der Schwei z in den letzten zwanzig Jah ren deutlich an Bedeutung gewonn en hat. Sowohl der Anteil an männlichen wie jener an wei blichen Teilzeitbeschäftigten ist grösser geworden. Allerdin gs unterscheiden sich die Ent wicklungen klar nach Geschle cht: Männer haben häufige r eine Vollzeitstelle gegen ein e Teilzeitstelle von 80 oder 90 Prozent eingetauscht. Frauen hingegen haben ihr teilzeitliches Engagement eher ausgeb aut, also zum Beispiel von einer 50- zu einer 70-prozent igen Erwerbstätigkeit gewech selt. Darf die Familienpolitik also frohlocken? Verweisen die Zahlen auf eine wachsende Bereitschaft der Männer, sich in der Familie stärker zu engagie ren? Und können Frauen darum vermehrt beruflich tätig sein und so ihre materielle Unabhängigkeit verbessern? Vorsicht! Schaut man sich die Teilzeittätigkeit von Vätern mit kleinen Kindern genaue r an, erkennt man zwar, das s dieser Anteil grösser geword en ist, aber immer noch erst bei rund 10 Prozent liegt. Anders formuliert: 9 von 10 Männern arbeiten weiter Vollzeit, auc h wenn sie in besonderem Ma sse in der Familie gefragt wär en. Damit ist auch klar, das s Frauen weiterhin eine mehrfac he Belastung durch ihre Be-

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flichtungen zu tragen rufstätigkeit und ihre familiären Verp Kindererziehung und haben. Sie bleiben weiterhin für erwerbstätig sind. sie n wen Hausarbeit zuständig, auch eine Stelle mit einem Trotzdem ist der Anteil der Frauen, die ent haben, in den Proz 90 zeitlichen Volumen von 50 bis Prozent gestiegen. 33 auf letzten zwei Jahrzehnten von 23 schaft, die schon Wirt Das entspricht den Forderungen der zeitliche Verfügihre länger darauf pocht, dass die Frauen barkeit in den Firmen ausweiten. ten Entwicklungen Doch erneut aufgepasst: Die aufgezeig auch ganz anders interim Bereich der Teilzeitarbeit können ichende Prekarisiepretiert werden – nämlich als eine schle en auch entstehen, rung der Arbeitswelt. Teilzeitstellen könn ungen durchsetzen, weil Unternehmen Arbeitszeitverkürz he Produktivität bei natürlich mit der Erwartung, die gleic itskräften zu erhalten. tieferen Löhnen von denselben Arbe die Kategorie der 90Darum verzeichnet folgerichtig gerade Anstieg. Und auch das Prozent-Teilzeitstellen den stärksten Frauen kann durcherhöhte Zeitvolumen bei berufstätigen e Berufstätigkeit tärkt vers e Dies aus anders erklärt werden: den Erwerbseinieren stagn mag auch eine Reaktion auf die Krankenversidie für aben kommen bei wachsenden Ausg ehr sein. DaVerk en tlich cherung, die Miete und den öffen ren sozialen unte aus mit sehen sich vor allem Haushalte gungsgrades häfti Besc Schichten zu einer Ausdehnung ihres gezwungen. @VE REIN SURP RISE CAR LO KNÖ PFEL (C.K NOE PFEL BILD : WOM M

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Zweitdomizil Stadtpark Wien. «Eigentlich habe ich ja eine kleine Gemeindewohnung im 22. Bezirk», erzählt Helmut. Dass er im vergangenen November und Dezember trotzdem unter der Kleinen Ungarbrücke im Stadtpark wohnte, habe mit dem Alkohol zu tun: «Ich war halt in eine tiefe Saufphase geraten, hatte entsprechende Kumpels kennengelernt.» Dies machte ihn zum Obdachlosen aus sozialen Gründen. In der Wohnung sei er isoliert gewesen, im Park dagegen war er «immer mit Leuten zusammen».

Bienen zu vermieten Graz. In Europa gibt es sieben Milliarden Bienen zu wenig. Die 23-jährige Kärntner Jungimkerin Maria Bodner kämpft mit einem bemerkenswerten Projekt dagegen an: «Rent a Bee» vermietet Bienenstöcke. Für 160 Euro bekommt man die Kiste und stellt sie für zwei Monate bei sich im Garten oder auf dem Balkon auf. Morgens aufmachen, abends zumachen – mehr muss der Mietimker nicht können. Die Belohnung: Honig vom eigenen Balkon. Bis zu acht Kilo produzieren die Bienen in dieser Zeit.

Krampfhaft einzigartig Stuttgart. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom: Unter diesem Titel handelt das Stuttgarter Strassenmagazin Trottwar unsere komplexen Verhaltensmuster zwischen Trend und Individualismus ab. Durchschnitt sein ist verpönt – und doch wollen viele genau das, was sie bei anderen sehen. Wir konstatieren: Noch nie gab es so viel Freiheit im persönlichen Ausdruck. Und noch nie so viel Druck, sich anzupassen. Auch Individualismus kann Mainstream sein.

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Zugerichtet Bekanntschaft mit einem Handwerk Die Verwahrlosung der Sitten schreitet auch in der Diebstahlbranche voran. Es ist müheloser, einer alten Frau die Handtasche zu entreissen und davonzurennen, als jemandem unbemerkt die Rolex vom Handgelenk zu stibitzen. Zu Ersterem reicht Rohheit, zu Letzterem braucht es Geschick, Training, das Witterungsvermögen eines hochgezüchteten Jagdhundes. Und Einfallsreichtum. Die Gebrüder Lacatus* gehören nicht zu den internationalen Spitzenkräften der Zunft, aber – das muss man ihnen zugestehen – sie betrieben die Besitzergreifung fremden Eigentums ohne Gewalt. Sie hatten sogar einen kreativen Einfall, auch wenn sie ihn dilettantisch umsetzten. Sie schnitten die Innenseiten ihrer Manteltaschen so auf, dass die Hand, von aussen hineingesteckt, innen frei und unter dem Schutz des Stoffes zugreifen konnte. Als Revier hatten die Brüder den Zürcher Hauptbahnhof auserkoren. Von den beiden, gebürtige Rumänen, ist in der Verhandlung nur einer zu sehen, denn wenn sie auch im Team klauen, verurteilt wird getrennt. Lacatus Nr. 1 macht nicht den Eindruck eines wendigen, gemeinen Taschendiebes. Er ist 42, älter aussehend, mit schlechtem Gedächtnis für sein Geburtsdatum, aber von solider Erscheinung: «Ich gebe die mir zur Last gelegten Taten zu, bereue diese. Ich entschuldige mich für die Taten und bitte um eine milde Strafe.» Wer alles zugibt, darf hoffen. Der erste Zugriffs-Versuch ging leer aus. Ausersehen war ein grüner, über einen Gepäckwagen gehängter Parka, der Besitzer holte sich vielleicht ein Bier.

Nr. 1, eine Hand am Handy, eine in der aufgeschlitzten Tasche des blauen Regenmantels, griff in den Parka. Da war nichts zu holen. Sein Bruder hatte mehr Glück. Er wurde in einem Sommerjackett fündig, das über einer Stuhllehne hing: Ein Portemonnaie mit 700 Franken und etlichen Bankkarten wechselte den Besitzer. Die beiden waren gerade dabei, ein Taxi zu besteigen, als Polizisten sie am Kragen packten und hinauszerrten. So erzählt es Nr. 1. Weshalb er, der Gewalt doch verabscheut, nicht umhin konnte, sich zu wehren. Er schlug, heisst es in der Anklage, nach dem Polizisten und beschimpfte ihn. Was ihm nicht zum Vorteil gereichte. Nachteilig hatte sich auch ein Satz aus der polizeilichen Vernehmung ausgewirkt: Das sei doch alles ganz normal, so würde man sich eben sein Geld verdienen. Gewerbsmässiger Diebstahl, sagt da der Staatsanwalt, das verschärft die Strafe. «Wollten Sie denn mit den Diebstählen etwas verdienen?» erkundigt sich der Richter. «Was kann man da verdienen?», fragt der Dieb nun zurück. «Ich verdiene nur Ärger damit.» Das ist wahr, er ist einschlägig vorbestraft, er wurde in der Bewährung rückfällig, nun muss er wegen mehrfachen Diebstahls sowie Versuchs und Gehilfenschaft dazu, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, rechtswidrigen Aufenthalts und mehrfacher Missachtung einer Eingrenzung für 24 Monate ins Gefängnis. Da trifft er seinen Bruder. Vielleicht inspiriert sie die Abgeschiedenheit ja zu neuen Ideen. Die präparierten Mäntel werden nach Abschluss des Strafverfahrens vernichtet. * persönliche Angaben geändert ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 326/14


Leserbriefe «Ihre Ausführungen sind mir ein Graus» Nr. 324: Weisse Elite Kulturdebatte – Auf der Migranten-Safari «So einfach ist das nicht» Notwendig, dass über die Problematik der Rollenbesetzung geschrieben wird. Nur, gleich «Rassismus, Rassimus» zu schreien, geht an der Sache vorbei. Die Stellungnahme von Jennifer Mulinde-Schmid trifft’s am besten. Seien wir ehrlich, eine Ophelia schwarz und athletisch fordert eine Hamletbesetzung, die nur schwer zu finden ist. Eine Diskriminierung kann auch ausgemacht werden über «zu dick», «zu hässlich», «zu gross», und um das Wichtigste zu erwähnen: Die Inszenierung muss die Zuschauer abholen, und entsprechend soll sie stimmig sein. In der Oper, weil oft fantastisch und überkandidelt, sind darum öfters vielfarbige Besetzungen anzutreffen. Vergessen wir nicht: «Porgy and Bess» darf nur von Schwarzen aufgeführt werden. Isabelle Wanner, Baden Fremd für Deutschsprachige – Pippi Kurzstrumpf «Ein Stück Literatur» Welch gelungenes Stück Literatur Sie hier geschaffen haben! Wirklich, als Deutschlehrerin und Leserin vieler verschiedener Artikel hat mich Ihr Text sehr beeindruckt und zum Lachen gebracht. Natalie Ojimba, per e-mail

unverständlichen Ansichten abgehobener Juristen und Richter mit totalem Realitätsverlust auf das gesunde Rechts- und Unrechtsempfinden der Volksseele prallen, heisst das noch lange nicht, dass die hochstudierten Rechtsverdreher mit ihren oft nicht nachvollziehbaren Ansichten auch wirklich Recht haben; auch wenn deren Sichtweise vielleicht sogar dem Buchstaben, aber nicht dem Sinn eines Gesetzes entspricht. Gerade der von Ihnen erwähnte Fall Nekti T. ist ein schlechtes Beispiel. Eine sehr viel strengere Strafe wäre angemessen gewesen. Der Raser hat das Leben einer jungen Frau vernichtet und eine ganze Familie ins Unglück gestürzt. Echte Reue und Schuldbewusstsein hat er nie gezeigt, er versuchte sich herauszulügen und hatte von Anfang an nie etwas anders im Kopf als die Frage: «Wie komme ich hier am besten weg, damit ich meine Zukunft gestalten kann?» Er befasste sich auch nie damit, sich in die Opferfamilie hineinzuversetzen. Von einer vor dem Gericht geheuchelten, vagen «Entschuldigung» sei hier gar keine Rede. Unsere Ordnung ist längst nicht nur verloren geglaubt, sie ist verloren. In einem Fall wie dem geschilderten haben Theorien von «Rechtskultur» und «Resozialisierung» nichts zu suchen. Um es kurz zu machen: Ihre Ausführungen gerade im letzten Abschnitt zu diesem Thema sind mir ein Graus, reine Theorie. Ich bin nicht Jurist, aber von meiner Bildung her immerhin mit einem gesunden, nicht verbogenen Rechtsempfinden ausgestattet. Explizit in diesem Fall wäre im Sinne des gesunden Volksempfindens eine wirklich exemplarisch harte Bestrafung angezeigt gewesen. Hugo Enz, Adliswil

Nr. 325: Stark ohne Steak

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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Surprise allgemein «Vielfältig, kritisch» Seit unzähligen Jahren kaufe ich Surprise, wann immer ich nach Winterthur oder Zürich komme. Früher stets aus Solidarität mit den Stellenlosen, seit einigen Jahren wegen der Qualität Ihres Magazins und aus Solidarität. Ihre Artikel sind interessant geworden, vielfältig, kritisch und sehr gut geschrieben. Ernst Hutter, Eglisau

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Zugerichtet – Rache oder Vergeltung «Harte Bestrafung angezeigt» Seit Langem kauft meine Frau Surprise, ich lese das gut aufgemachte Heft mit zunehmendem Interesse. Der Beitrag «Rache oder Vergeltung» ist mir nun aber wirklich schräg hereingekommen. Sie vertreten da rechtsphilosophische Ansichten, die ich nicht teilen kann. Mir ist schlichtweg kein Fall bekannt, den die schweizerische Justiz auf irgendeiner Stufe zu hart beurteilt hätte. Das mittlerweile abgegriffene Wort «Kuscheljustiz» hat durchaus seine Berechtigung. Wenn die verdrehten,

Starverkäufer Abdurahman Tiku Anita Gantenbein aus Frenkendorf nominiert Abdurahman Tiku als Starverkäufer: «Abdurahman Tiku begrüsst mich beim Coop Frenkendorf jeweils schon von Weitem mit einem freundlichen Lächeln, und dies schon seit Jahren. Seine bescheidene und unauffällige Art beeindruckten mich immer wieder aufs Neue, steht er doch den ganzen Tag auf den Beinen und verkauft Surprise. Für mich ist dies nicht selbstverständlich. Für die Zukunft wünsche ich Abdurahman Tiku, dass das Leben noch viele schöne Überraschungen für ihn bereithält und dass ich noch oft ein paar Worte mit ihm wechseln darf.»

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Porträt Grenzen überwinden Christian Mehr ist ein «Kind der Landstrasse». Er ist manche Grenze entlanggegangen – diejenige zwischen Leben und Tod und jene zwischen Freiheit und Bevormundung. Mit dem ersten internationalen Roma-Solidaritätsfestival in Zürich will er mit Musik Grenzen überschreiten. VON MICHAEL HERZIG (TEXT) UND ANDREA GANZ (BILD)

boren worden wäre, wäre ich nicht mehr da.» Das ist ein bemerkenswerter Umgang mit einem Schicksal, für das andere die Verantwortung tragen. «Natürlich hätte ich gerne einen Tag lang Ruhe. Doch so geht das halt nicht. Und mich nur als Opfer zu fühlen, bringt überhaupt nichts. Das lähmt nur. Aber mit der Wut in mir hätte ich eigentlich zum Massenmörder werden müssen.» Stattdessen wurde Christian Mehr drogenabhängig. Auf die Jugend im Heim folgte die Zeit auf der Gasse. Er erlebte die Szenen am Platzspitz und am Letten, sah Freunde sterben und kam mit 32 zur Einsicht, dass er einen Strich ziehen müsse. Daraufhin absolvierte er einen Entzug und eine stationäre Therapie. Je grösser die Distanz zur Drogenszene wurde, umso stärker setzte Christian Mehr sich mit seiner Vergangenheit auseinander. Er las die Akten, die über ihn angelegt worden waren. Je mehr er erfuhr, desto mehr Distanz zu seiner Vergangenheit gewann er auch wieder. «‹Kinder der Landstrasse› kann man nicht überwinden. Ich werde jeden einzelnen Tag daran erinnert, wenn ich meinen Körper im Spiegel betrachte. Auch verdrängen und betäuben nützt nichts. Also habe ich gelernt, damit zu leben.» Neben der persönlichen Traumatisierung gibt es das Trauma der Jenischen als Gemeinschaft. «Der Protest in Bern ist der einzige Weg, weil die Kantone den Jenischen nie freiwillig Standplätze geben werden.» Christian Mehr hat in den Medien mitverfolgt, wie die Berner Allmend geräumt wurde, wie die Jenischen registriert wurden und ihre Wertgegenstände konfisziert. Trotzdem glaubt er an die Kraft des Protests. «Ich hoffe, dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema in Gang kommt.» Mit der Be-

«Ich wollte sehen, woher mein Vater stammt.» Aus diesem Grund machte Christian Mehr eine Reise: Über Wien fuhr er nach Budapest, von dort nach Bukarest und weiter nach Transsilvanien. Gefunden hat er weder das Dorf seines Vaters noch lebende Familienmitglieder. Ein Teil des Clans war während des Zweiten Weltkrieges nach Süditalien geflohen, wo Christian Mehrs Grossmutter bis zu ihrem Tod lebte. Von den in Rumänien Zurückgebliebenen kamen die meisten in deutschen Konzentrationslagern um. Obschon er seiner Familiengeschichte nicht näherkam, kehrte Christian Mehr nicht ohne Erkenntnis nach Zürich zurück. In Budapest beobachtete er einen Aufmarsch der rechtsextremen Jobbik-Partei: 800 Männer in Uniform und mit Armbinden skandierten Roma-feindliche Parolen. Noch während dieser Machtdemonstration entschloss sich Christian Mehr, ein Roma-Solidaritätsfestival auf die Beine zu stellen. «Mir wurde klar, dass ich aktiv werden musste. Es geht hier auch um mein Volk!» Zurück in der Schweiz redete und überredete er, bis er eine Gruppe von Leuten überzeugt hatte, ihn zu unterstützen. «Musik ist die beste Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten. Und darum geht es mir. Wir müssen das suchen, was uns über Grenzen hinweg verbindet. Das ist nämlich gar nicht so einfach: Die Roma sind Roma, die Sinti Sinti und die Schweizer Jenischen wollen mit allen anderen nichts zu tun haben.» Christian Mehrs Mutter ist jenisch, sein Vater war Rom. Christian kam 1966 im Frauengefängnis Hindelbank zur Welt, wo seine Mutter wegen ihrer Abstammung ad«Mit der Wut in mir hätte ich eigentlich zum Massenmörder ministrativ versorgt worden war. Die adminiswerden müssen.» trative Versorgung war eine zivilrechtliche Zwangsmassnahme ohne strafrechtliches Urteil und ohne Rekursmöglichkeit, mit der Vormundschaftsbehörden und Psyrichterstattung geht er hart ins Gericht. Selbst Dokumentarfilme wie chiater zwischen 1941 und 1981 bei vielen Menschen Gott gespielt und ‹Jung und jenisch› des Schweizer Fernsehens würden Vorurteile bekräfihren Lebensweg für immer verändert haben. tigen anstatt Verständnis zu schaffen. «Das ist ein hübsches Bilderbuch, Auch Christian Mehr wurde ein Opfer der Pro Juventute, die mit mehr nicht.» Unterstützung der lokalen Vormundschaftsbehörden Fahrenden die KinDas grösste Risiko im Kampf für Gleichberechtigung sieht Christian der raubte. «Die Zeit in Hindelbank ist mein Kapital. Darum weiss ich Mehr nicht im Umgang von Politik und Medien mit den Jenischen, sonheute, was gut ist und was schlecht.» Im Rückblick erscheint Christian dern in mangelnder Solidarität untereinander. «Es gibt viele Gruppen, Mehr das Gefängnis weniger schlimm als das, was folgte. 1967 platzierdie zerstritten sind. Wenn sich das nicht ändert, gewinnt am Ende doch te die Vormundschaftsbehörde Christian Mehr in eine Pflegefamilie in noch Pro Juventute mit der Behauptung, dass die Jenischen nichts wert Burgdorf im Emmental, wo er in einem Waschzuber mit brühend heisund zu nichts fähig seien. Auch das Hilfswerk hat die Familien gegensem Wasser landete. Achtzig Prozent seines Körpers erlitten Verbreneinander ausgespielt.» Eine Feststellung, die Christian Mehr zu seiner nungen dritten Grades, die auf Brusthöhe enden. Der Verdacht, dass Kernbotschaft zurückbringt. «In Europa leben fast 20 Millionen Sinti, Christian an den Händen gehalten und dann in das Wasser gesteckt worRoma und Jenische. Gemeinsam wären sie stark.» den ist, liegt nahe. Die Behörden hakten den Vorfall als Unfall ab. Christian Mehrs Vater hat seinen Sohn im Spital besucht. AnschliesMit viereinhalb Jahren wurde Christian Mehr aus dem Spital entlassend fuhr er auf Anweisung der Vormundschaftsbehörde nach Italien, sen. Seither vergeht kein Tag ohne Schmerzen und Schmerzmittel. Er um seine Papiere in Ordnung zu bringen. Als er zurückkehren wollte, kann nur mit Spezialschuhen gehen, muss die Durchblutung seiner Beiwurde ihm die Einreise verweigert. 1974, drei Monate bevor die Einreine alle zwei Jahre überprüfen lassen und lebt mit dem Risiko, irgendsesperre aufgehoben worden wäre, starb er. ■ wann einmal eines oder beide Beine zu verlieren. «Ich hatte Glück, denn es ist ein Privileg, in der Schweiz zu leben. Wenn ich in Rumänien geMehr Informationen zum Roma-Festival vom 20. und 21. Juni in ZH auf Seite 26. SURPRISE 326/14

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Diamantbestattung Glänzend in die Ewigkeit In den Bündner Bergen presst ein Unternehmer Diamanten aus menschlicher Asche. Die glänzenden Reliquien stehen für einen tiefgreifenden Wandel.

VON AMIR ALI (TEXT) UND PHILIPP BAER (BILDER)

pan brach ein. Rinaldo Willy – Anfang dreissig, gestutzter Bart, kariertes Jackett, schwarze Schuhe mit Doppelschnalle – sitzt im schlichten Empfangsraum. Hier nehmen die Mitarbeiterinnen von Algordanza die Asche von den Angehörigen in Empfang. Und hier überreicht ihnen Rinaldo Willy sechs Monate später in einer aufwendig gefertigten Box aus Zwetschgenholz den Diamanten. Weil der Stein sehr klein ist, sei das Ritual umso wichtiger, sagt Willy, während er sich zur Veranschaulichung die weissen Handschuhe überzieht: «Wir zelebrieren das ein bisschen.» Willy bringt die Diamanten auch persönlich zuhause vorbei, zumindest in der Schweiz und im nahen Ausland. Dann findet die Übergabe in der Küche statt oder im Wohnzimmer. Da, wo der Verstorbene am liebsten war. Die Diamanten seien ein Geschäftsmodell, ja, aber: «Unsere Dienstleistung unterstützt die Hinterbliebenen beim Trauern.» Seinen Mitarbeitern hat Willy in einem Fünfsternhotel eine Schnellbleiche im angemessenen Umgang mit Kunden geben lassen. Begrüssung, Bewegungen

«Da, ein Hase», ruft Rinaldo Willy freudig und zeigt hinüber zur Magerwiese, die von seinem Firmengebäude zum alpinen Nadelwald ansteigt. Der Wind bläst, als wollte er alles davontragen. Auf der anderen Seite des Rheins erhebt sich das Calandamassiv, von dort hört Willy manchmal die Wölfe heulen. Im hintersten Winkel des Chemie-Geländes von Domat/Ems, 586 Meter über Meer, zehn Autobahnminuten ausserhalb von Chur, liegt die Industrie inmitten archaischer Natur – und wird das Natürlichste am Menschsein zu einem industriellen Präzisionsprodukt: Rinaldo Willys Maschinen transformieren sterbliche Überreste in die Unvergänglichkeit. Die Algordanza AG, romanisch für «Erinnerung», macht aus Totenasche Diamanten. Schon früher war der Tod hier hinten ein Geschäft, wenn auch ungleich martialischer: In den kleinen, rot getünchten Gebäuden, in denen heute Rinaldo Willys Diamantenpressen stehen, produzierte die Ems Patvag Minenzünder, die sie nach der Übernahme durch Christoph Blocher in den AchtziAlgordanza hat in der Schweiz zwölf Angestellte und presst pro gern an das südafrikanische Apartheidregime Jahr 800 Verstorbene aus aller Welt zu Diamanten – Tendenz lieferte. Mittlerweile hat die Patvag umgesattelt steigend. und die Arbeitsplätze nach Osteuropa ausgelagert. Die Gebäude, die man wegen des einst und Gespräche: Alles soll noble Würde ausstrahlen. «Wir wollen unsepotenziell gefährlichen Umgangs mit Sprengstoff mit Hunderten Metern ren Kunden eine einzigartige Erfahrung bieten.» Versteht sich, dass dieAbstand zur nächsten Chemie-Halle baute, bieten Rinaldo Willy heute se Erfahrung ihren Preis hat: Ab knapp 4800 Franken ist man dabei. Für die Diskretion, die sich ein Bestatter wünscht. Und Platz zum Expandiesen Preis gibt es einen Erinnerungsdiamanten von einem Viertel Kadieren: Noch stehen hier Hallen leer. Nebenan üben Kantonspolizisten, rat, also etwa 0,05 Gramm. wie man Selbstmörder aufhält. Ansonsten ist der Standort ein Idyll: Vor zehn Jahren, noch als Student der Betriebswirtschaft, hat Willy Manchmal, wenn Willy Kunden vom Büro hinüber in die Anlage führt, angefangen. «Von den Banken gab’s für diese Idee natürlich kein Geld», kommen sie an äsenden Rehen vorbei. «Die Japaner flippen dann komerinnert er sich. Mittlerweile hat Algordanza in der Schweiz zwölf Anplett aus», sagt er. Handys werden gezückt und die Bambis per Skype ligestellte und presst pro Jahr 800 Verstorbene aus aller Welt zu Diamanve nach Fernost geschaltet. Die Hinterbliebenen vergessen dann für eiten – Tendenz steigend. «Der Diamant ist die Bestattungsform der Zunen Moment ihr Leid. kunft», sagt Willy und meint: ideal für den modernen Menschen, der nicht an einem Ort verwurzelt ist. Denn wo soll ein Grabstein stehen am «Wir zelebrieren das ein bisschen» Ende eines Lebens, das sich zwischen Zürich, New York und Kapstadt Mexiko, Deutschland, Chile, Hawaii, Japan, San Francisco, Hongabgespielt hat? Wo die Asche verstreut werden? kong, Singapur: In Ems trifft Asche aus der ganzen Welt ein. Juden und Als Diamant in die Ewigkeit: Das klingt nach einer Spielerei für eine Muslime sind für Algordanza uninteressant, weil bei ihnen die Erdbeextravagante Schicht gutbetuchter Jet-Setter, die nicht nur den Bezug zu stattung Pflicht ist. Aber sogar Indonesien, das grösste muslimische dem einen prägenden Ort im Leben verloren hat, sondern auch zu den Land der Erde, ist mit seiner Minderheit von drei Millionen Christen ein Traditionen, nach denen wir uns seit Tausenden Jahren richten. Eine Elivalabler Markt. Algordanza ist als Holding organisiert. Der Hauptsitz ist te, die sich zu gut ist, um neben anderen im Boden zu verrotten oder vom in der Schweiz, die Niederlassungen in 24 Ländern werden von EinheiWinde verweht zu werden. Aber zu Rinaldo Willy kommen «Lastwagenmischen geführt. Sie müssen sich auskennen mit den jeweiligen Gefahrer und Serviertöchter genauso wie Banker und Manager», wie er bepflogenheiten, «dem nonverbalen Umgang mit dem Sterben und Trautont. Der kulturelle Wandel, für den die Diamanten stehen, geht tiefer. ern», wie es Willy nennt. Der Bestatter verdient immer: Diese Binsenweisheit stimmt im extraEwige Jagdgründe im Taschenformat vaganten Fall der Erinnerungsdiamanten aus Ems nicht ganz. Rinaldo Der Friedhof ist nicht nur örtlich gebunden, sondern zudem eine verWillys Geschäft reagiert genauso unvorhersehbar wie sensibel auf Kawaltete Zone, reglementiert von der Kirche oder vom Staat. Und nach 25 tastrophen. Beim Tsunami vor zehn Jahren in Südostasien etwa holten Jahren ist die ewige Ruhe zu Ende, wird das Grab wieder ausgehoben. Willys Vertreter in Thailand gleich Wagenladungen von Urnen im deutDer Nächste bitte. Auf dem Friedhof sind wir über den Tod hinaus Teil schen Konsulat in Phuket ab. In Fukushima hingegen warf man 25 000 der Gemeinschaft. Ein Rädchen im Getriebe. Eines, das stillsteht. Die AlTote innert weniger Tage in Massengräber. Willys wichtigster Markt JaSURPRISE 326/14

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Das Geschäft mit dem Tod blüht: Rinaldo Willy demonstriert eine alte Diamantpresse …

ternative: Man lässt sich im Wind verstreuen oder am Fluss. Kehrt dahin zurück, wo man schliesslich herkommt, irgendwie. Das Problem dabei: Wer denkt noch an einen, wenn nichts mehr da ist? Man weiss es ja aus eigener Erfahrung: Die Lebenden sind so sehr mit dem Leben beschäftigt, dass sie kaum Zeit haben für die Toten. Der Diamant löst dieses Dilemma. Ewige Jagdgründe im Taschenformat. «Mit dem Diamanten bleibt etwas Schönes von mir übrig», sagt Rinaldo Willy. «Etwas Unvergängliches. Ein Familienerbstück.» Mit dem Stein werde auch die Geschichte des Menschen weitergegeben, der darin verewigt ist. Man erweist dem Toten nicht die letzte, sondern die fortwährende Ehre.

in Betrieb genommen: drei Meter hohe Ungetüme aus Stahl, je 18 Tonnen schwer und eine halbe Million Franken teuer. Man musste das Fundament des Gebäudes verstärken, damit es sie trägt. Im freien Teil der Halle sind drei weitere Bahnen verstärkten Bodens zu sehen: Zwölf eigens für Algordanza angefertigte Pressen sollen dereinst hier stehen. Wenn ein Verstorbener als Asche in Ems ankommt, wird er zur anonymen 13-stelligen Nummer. «Unsere Laborantinnen sollen nicht dauernd einen Namen vor sich haben. Wir müssen Distanz schaffen, zum Selbstschutz und aus Pietät.» Seine zwei Laborantinnen beschäftigt Willy Teilzeit im Jobsharing, damit ihnen die Arbeit nicht zu nahegeht. Diamanten wachsen aus organischem Kohlenstoff. Die Kremationsasche enthält nur zwei bis fünf Prozent davon – «leider nicht viel», sagt Willy. Es gibt Kritiker wie etwa den Basler Gemmologen Henry A. Hänni, der es für unmöglich hält, aus reiner Totenasche Diamanten zu fabrizieren: «Der Sinn der Verbrennung ist ja, dass nichts Organisches übrig bleibt.

Strategische Luxusprobleme In Japan, wo der Ahnenkult Tradition hat und die Kremation Pflicht ist, generiert Algordanza jeden dritten Auftrag. Und die Feuerbestattung ist weltweit auf dem Vormarsch. In der Schweiz, wo Algordanza knapp zehn Prozent des Umsatzes macht, lassen sich bereits über 80 Prozent der Menschen nach Manchmal kommen die Angehörigen auf dem Weg zum ihrem Tod verbrennen – macht rund 40 000 Kremationen pro Jahr. Deutschland kommt mit Skifahren in den Bündner Bergen vorbei, während in der einer Quote von 50 Prozent auf 380 000 EinPresse der Diamant wächst. Dann werde viel gelacht. äscherungen. Und dann ist da China. Dort hat zwar die Erdbestattung Tradition, aber der Also auch kein Kohlenstoff», sagt Hänni. «Vertrauen ist das Wichtigste», Platzmangel und die Kosten für die Gräber haben dazu geführt, dass sagt Rinaldo Willy, der seinerseits garantiert, dass nichts von aussen mittlerweile knapp die Hälfte der Toten kremiert wird. Ein Riesenmarkt, hinzugegeben wird. Und er lässt sich den Glauben seiner Kunden an die von dem Willy vorerst die Finger lässt: Er könnte ihn gar nicht bedieReinheit des Produkts etwas kosten. Willy hat viel Geld ausgegeben für nen. Gerade erst musste er die Lieferfrist von drei auf sechs Monate vereinen Schweizer Notar, der den gesamten Prozess während dreier Molängern. «Strategische Luxusprobleme» nennt er das. Die Nachfrage nate begleitet hat. Er hat sich ISO-zertifizieren lassen und steht mit Wiübersteigt die Kapazität seiner Maschinen, Rinaldo Willy kommt mit kipedia in einem Rechtsstreit, weil der Eintrag zur Diamantbestattung dem Diamantenpressen nicht nach. Gerade eben hat er neue Maschinen

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…, die eben durch topmoderne Maschinen ersetzt wurde, je 18 Tonnen und eine halbe Million Franken schwer.

die Frage aufwirft, ob dafür nicht eine besondere Kremation nötig sei, bei der genügend Kohlenstoff in der Asche zurückbleiben würde. Chemo-Patienten sind heller Zwei Gramm Graphit: Das ist die Essenz eines Menschenlebens. Zumindest dann, wenn aus dem Toten ein Diamant werden soll. Zwei Gramm Graphit, also reinen Kohlenstoff, gewinnen die Laborantinnen von Algordanza in einem aufwendigen Prozess von Säurebädern und Filtration aus der Asche – egal, wie gross oder schwer der Mensch war. Wie viel davon tatsächlich vom Verstorbenen stammt, kann man nicht sagen – auch der Sarg und die Kleidung hinterlassen ihre Rückstände. Der Graphit wird gepresst und sieht schliesslich aus wie eine kleine Knopfbatterie. Zusammen mit Platinscheiben kommt er in eine Zelle, die Willy und seine Partner entwickelt haben. Am Schluss sieht der Kern aus wie ein Hornuss-Ball: rund und etwas flachgedrückt. Woraus das Ganze besteht, sagt Willy nicht, Betriebsgeheimnis. Nur so viel: Ganze 52 Einzelteile gehören dazu. Der Kern kommt in die Presse, und dann heisst es: warten. In Willys teuren Maschinen herrschen Bedingungen wie Hunderttausende Meter unter der Erdoberfläche: 1400 Grad Celsius und ein Druck von über 50 000 bar. Für einen Stein von einem Karat – Kostenpunkt 21 890 Franken – bleibt der Kern mindestens einen Monat in der Maschine. Heraus kommen erstklassige Diamanten, die meist einen leichten Blaustich aufweisen. Das kommt vom Bor, das sich während eines Lebens im Körper ablagert. Wie blau ein Diamant wird, kann Willy nicht beeinflussen – «die Steine sind halt doch Naturprodukte». Was er beobachtet hat: Krebspatienten, die eine Chemotherapie hatten, ergeben hellere Diamanten. Während der Verwandlung von Asche in Diamanten hat Rinaldo Willy Zeit, um eine Beziehung zu seinen Kunden aufzubauen. Die Familie SURPRISE 326/14

des Toten wird über jeden Produktionsschritt informiert, per Telefon oder schriftlich. Manchmal kommen die Angehörigen auf dem Weg zum Skifahren in den Bündner Bergen vorbei, während in der Presse der Diamant wächst. «Das sind in der Regel fröhliche Momente», sagt Rinaldo Willy. Dann werde viel gelacht in den Hallen von Algordanza. Am Ende kontrolliert der Chef jeden Stein persönlich. Ist er in den Ferien, wird nicht ausgeliefert. Willy kennt sich aus mit delikaten Geschäften. Der gelernte Treuhänder weiss: Vertrauen und Diskretion sind sein höchstes Gut. Deshalb zeigt er Besuchern keine menschliche Asche und keine Diamanten, die aus ihr hergestellt worden sind. Sondern nur ein Schaustück, in dem die Überreste eines Schäferhunds stecken. Auch fassen er und seine Mitarbeiter den fertigen Diamanten nur mit Handschuhen oder mit der Pinzette an. Niemand anderer als die Hinterbliebenen berührt den Stein mit blossen Händen. Vor allem Katholiken Als Willy anfing, waren es vor allem Hinterbliebene, die mit der Asche ihrer Gatten oder Mütter zu ihm kamen. Heute geben die meisten Kunden ihren eigenen Stein in Auftrag. Drei Viertel seien Frauen, «die kümmern sich mehr». Aber auch immer mehr Männer wollen geregelt haben, was nach ihrem Tod mit ihnen geschieht, wie viele Diamanten aus ihrer Asche gepresst werden und wer sie bekommt. Und Willy sieht klare Unterschiede zwischen den Religionen: Die meisten europäischen Kunden sind Katholiken. «Die haben diese Tradition des Leichenkults», sagt er. Und Sie selbst, Herr Willy? Was geschieht mit Ihnen, wenn Sie sterben? Der junge Mann lächelt und hält kurz inne. Verbrannt werden wolle er – was dann geschehe, bestimme die Familie. «Aber seien wir ehrlich», schiebt er dann nach. «Es wäre ja schon seltsam, wenn ausgerechnet ich nicht zu einem Diamanten würde.» ■

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SURPRISE 326/14 BILD: KEYSTONE/EPA BARBARA WALTON


Wilderei Im Dunstkreis von Drogenund Menschenhandel Martin Bauert ist leitender Kurator des Zoo Zürich. Als solcher kämpft er auch gegen Wilderei und muss dabei ab und zu um sein Leben fürchten. Wieso, erzählt er im Interview.

INTERVIEW VON ADRIAN SOLLER

Herr Bauert, eine halbe Million Franken jährlich gibt der Zoo Zürich für Naturschutzprojekte aus. Ein grosser Teil davon wird für die Bekämpfung von Wilderei eingesetzt. Wieso macht das ein Zoo? Martin Bauert: Weil es nötig ist. Funktionierende Ökosysteme sind schliesslich unsere Existenzgrundlage. Neben der Klimaveränderung bedrohen invasive Arten und Wilderei ebendiese Grundlage. Nimmt die Wilderei weiterhin so zu wie bisher, gibt es in 20 Jahren in Afrika keine Elefanten mehr. Im asiatischen Raum war die Wilderei in den vergangenen Jahrzehnten so intensiv, dass sich die genetische Zusammensetzung der Elefantenpopulationen verändert hat. Immer mehr Bullen wachsen keine Stosszähne mehr, sie werden deshalb von Wilderern in Ruhe gelassen. Unsere Ökosysteme werden sich in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändern – eben gerade wegen der Zunahme von invasiven Arten und dem Verlust von wichtigen Tierarten durch Wilderei. Der Zoo Zürich sieht es als seine Aufgabe an, die Bevölkerung für diese Themen zu sensibilisieren. Zudem lohnen sich Investitionen in Naturschutzprojekte auch ökonomisch. Ein Zoo, der sich engagiert, wird gesellschaftlich nicht abgehängt. Wer besucht schon eine Institution, die überholt ist? Also machen Sie Naturschutz vor allem für’s Image? Nein, es ist viel mehr als nur Imagepflege. Naturschutz gehört zu unserem Selbstverständnis. Es ist das, was unserer Meinung nach ein Zoo heute zu leisten hat. Der Zoo Zürich versteht sich als eine Art Technorama der Natur – als Naturschutzzentrum. Tiere ausstellen und dafür Geld verlangen reicht in der heutigen Zeit längst nicht mehr aus. Das Halten von Tieren ist bei uns keine eigentliche Zielsetzung mehr. Unser Ziel ist es vielmehr, Besucher für die Natur zu begeistern. Die Tiere sind unsere Botschafter. Dank ihnen haben wir viele Besucher, dank ihnen können wir die breite Masse für den Naturschutz gewinnen und dank ihnen können wir so viel Geld für Projekte sammeln. In Masoala, zum Beispiel, kommt ein Viertel des gesamten Nationalpark-Budgets von uns. Was unternehmen Sie konkret gegen Wilderei? Neben einigen kleineren Naturschutz-Engagements unterstützen wir sechs Hauptprojekte in sechs unterschiedlichen Regionen. Bei den meisten unserer Naturschutzanstrengungen ist Wilderei ein grosses Thema. In Thailand zum Beispiel unterstützen wir Ranger vor Ort gegen die Wilderung von Asiatischen Elefanten. In Kenia geht es um bedrohte SURPRISE 326/14

Nashörner, in der Antarktis um illegale Fischerei – und in Madagaskar, unserem bekanntesten Projekt, unterstützen wir den Kampf gegen die illegale Rodung von Edelhölzern. Meistens unterstützen wir die Nationalparks zum einen bei der Beschaffung von Ausrüstung – und zum anderen mit wissenschaftlicher Expertise. Ich bin selber oft in Madagaskar, wo ich beim Umweltministerium für den Naturschutz lobbyiere. Eine nicht immer ganz ungefährliche Angelegenheit. Inwiefern? Wilderei ist organisierte Kriminalität. Meist findet sie im Dunstkreis von Drogen- und Menschenhandel statt. In Madagaskar bin ich wegen meines Engagements gegen den illegalen Holzhandel nicht überall beliebt. Darum esse ich dort bei Einladungen nie, was extra für mich zubereitet wurde. In Madagaskar ist es üblich, seine Feinde zu vergiften. Ich nehme an, Sie haben sich nicht nur in Madagaskar Feinde gemacht. Auch der amerikanische Gitarrenhersteller Gibson dürfte Sie nicht unbedingt mögen. Sie sprechen die Gibson-Anklage an. Vor zwei Jahren habe ich die amerikanische Staatsanwaltschaft in der Beweisfindung unterstützt. Unter anderem durch meinen Expertenbericht konnte die Anklage beweisen, dass Gibson wissentlich illegal gerodetes Edelholz eingekauft hatte. Aber da ist der amerikanische Gitarrenhersteller längst nicht der Einzige. Grundsätzlich ist jeder Klavier-, jeder Geigen-, jeder Gitarrenhersteller, der Tropenholz verwendet, mit der Frage konfrontiert, ob sein Holz legalen oder illegalen Ursprungs ist. Die meisten Holzverarbeiter können nicht genau wissen, wo das Holz, das sie verarbeiten, herkommt. Im Handel ist jenes Holz nicht deklariert. Auch in der Schweiz nicht? Gerade in der Schweiz. Edelhölzer sind bei uns sehr verbreitet. Vor allem für die Herstellung von Musikinstrumenten werden sie oft eingesetzt. Wie kann ich sicher sein, dass mein Instrument nicht aus illegalem Holz angefertigt wurde? Das Beste ist, Produkte mit zertifiziertem Ursprung zu kaufen. Doch selbst wer auf ein Gütesiegel wie FSC schaut, das für nachhaltige Forstwirtschaft steht, geht ein Restrisiko ein. Wo grosse Mengen umgewälzt werden, kann nie alles geprüft werden. Auch sind FSC-Kriterien je nach Land unterschiedlich. Wenn man sicher sein will, dann kauft man am besten Produkte aus heimischen Hölzern.

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«Ein Kampf gegen Wilderei ist in erster Linie ein Kampf gegen Korruption», sagt Martin Bauert.

Gibt es in der Schweiz neben illegal gerodeten Hölzern auch illegale Tierprodukte zu kaufen? Die Schweiz ist weltweit einer der grössten Umsatzmärkte für Reptilienleder. Doch im hiesigen Handel dürften illegale Wildlederprodukte kaum verbreitet sein. Unsere Artenschutzbehörden kontrollieren sehr effizient.

weismaterial auf WildLeaks gepostet. Als Informant will ich den Empfänger meiner Informationen möglichst persönlich kennen. Ein Logo einer Organisation auf einer Homepage reicht mir nicht aus, um Vertrauen zu schaffen. Die Organisationen, die hinter WildLeaks stehen, wollen vor allem Whistleblower ansprechen, die über keine vertrauenswürdigen Kontakte verfügen. Hat man keine anderen Optionen, wird man diese Möglichkeit vielleicht nutzen. Vielleicht. Doch so oder so: Fehlende Informationen sind oft nicht das Problem. Es gibt leider gerade allzu viel Information über Vergehen

Ob legal oder nicht: Für den Artenschutz dürfte der Handel mit Tierleder immer schlecht sein. Nein, das sehe ich ganz und gar nicht so. Im Gegenteil: Der legale Handel ist grundsätzlich gut. Oft sind es gerade Handelseinschränkungen, die den illegalen Handel lukrativ machen. Darf man selbst gegen gute Bezahlung im ex«Ich habe selber Bilder aus Madagaskar an Interpol weiterjugoslawischen Raum keinen Bären oder in Botswana keinen Löwen mehr schiessen, ist geleitet. Nie hätte ich das auf WildLeaks gepostet.» das für den Artenschutz nicht unbedingt hilfreich. Profitiert die lokale Bevölkerung nicht vom Handel mit Tierprodukten, empfinden sie die Tiere umso mehr als gegen das Artenschutzabkommen und genügend Gesetze. Will man Störfaktor. Darum lieber eine kontrollierte Nutzung als ein Verbot. BesWilderei bekämpfen, reicht es nicht, Informationen zu sammeln. Man ser, es profitiert die lokale Bevölkerung, als die Mafia. muss handeln, man muss sich dafür einsetzen, dass bestehende Gesetze umgesetzt werden. Ein Kampf gegen Wilderei ist in erster Linie ein Gegen ebendiese illegale Nutzung setzt sich die neue InternetKampf gegen Korruption. Hier hat WildLeaks, denke ich, ein Problem. plattform «WildLeaks» ein. Auf der Seite können Informanten WilDas Internet ist global – der Aktionsradius der dahinterstehenden Orgaderei-Verbrechen melden – und das anonym (siehe auch Seite nisationen aber nicht. Ich bezweifle, dass sich WildLeaks gleichzeitig 17). Ist dieser Ed-Snowden-Ansatz erfolgversprechend? um gerodete Bäume in Madagaskar und um die Wilderei von Luchsen Ich glaube nicht. Vielleicht straft mich die Zeit Lügen, aber ich halte in der Schweiz kümmern kann. Ich bevorzuge deshalb Initiativen lokaWildLeaks und andere Whistleblower-Seiten für keine Lösung des Willer NGOs und Behörden. Allenfalls aber kann die Seite dazu beitragen, derei-Problems. Ich habe selber Bilder aus Madagaskar an Interpol und einen gewissen Öffentlichkeitsdruck zu erzeugen. ■ an engagierte NGOs weitergeleitet. Nie hätte ich dieses sensible Be-

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BILDER: REUTERS/NOOR KHAMIS

Die Wilderei in Kenia hat zugenommen: 384 Elefanten und 19 Nashörner mussten 2012 ihr Leben lassen, berichtet der Kenya Wildlife Service.

Wilderei Whistleblower für den Tierschutz Im Kampf gegen den illegalen Handel mit wildlebenden Arten haben Umweltorganisationen ein Online-Portal für Whistleblower ins Leben gerufen. Insider können fortan anonym Hinweise, Schriftstücke, Fotos und Videos auf die Webseite WildLeaks hochladen. VON RAMY SROUR / INSP

Seit Februar ist eine Whistleblower-Webseite für Wilderei freigeschaltet: WildLeaks. Getragen wird sie von der Elephant Action League (EAL) in den USA, betreut wird sie von einer Gruppe ehemaliger Gesetzeshüter, Journalisten und Umweltschützer in aller Welt. «WildLeaks zielt darauf ab, die strafrechtliche Verfolgung von Schmugglern, korrupten Beamten und in Wildlife-Verbrechen involvierten Personen zu erleichtern», erläutert Andrea Crosta, EAL-Mitbegründer und treibende Kraft hinter der Initiative. «Wir ermutigen Whistleblower dazu, diesen vollständig anonymen Prozess zu nutzen, vor allem diejenigen, die in repressiven Staaten leben, in denen eine freie Kommunikation nicht möglich ist und wo die örtlichen Behörden selber in die Wildlife-Delikte involviert sind.» Crosta zufolge soll das eingehende Material erst auf seine Glaubwürdigkeit hin untersucht und dann an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden wie Interpol weitergeleitet werden. Die WildLeaks-Initiative wurde nur wenige Tage vor der Londoner Konferenz über den illegalen Handel mit wildlebenden Arten gestartet. Auf der Konferenz wurden auf Einladung der britischen Regierung Staats- und Regierungschefs über die Mittel und Wege diskutiert, wie SURPRISE 326/14

dem illegalen Wildlife-Handel und der Zerstörung von Wäldern beizukommen sei. Allgemein wird davon ausgegangen, dass das illegale Geschäft mit wildlebenden Tieren und Pflanzen inzwischen mehr abwirft als der Handel mit Kleinwaffen, Gold, Diamanten oder Öl. Schmuggel finanziert Terror Laut der Environmental Investigation Agency, einer in London angesiedelten internationalen Umweltgruppe, wird der Schmuggel für den Tod von jährlich mehr als 50 000 Elefanten und für eine auf 3500 Stück geschrumpfte Population wildlebender asiatischer Tiger verantwortlich gemacht. Im Januar hatte das Stimson Centre in Washington in einem Bericht auf Verbindungen zwischen Wilderei und Terrorfinanzierung hingewiesen. Aktivisten und Wissenschaftler sind gleichermassen davon überzeugt, dass zum Beispiel die militante islamistische Al Shabaab einen grossen Teil ihrer Aktivitäten mit Einkünften aus dem illegalen Elfenbeinhandel finanziert. Schätzungen zufolge werden mit dem Schmuggel wildlebender Arten weltweit mehr als 17 Milliarden US-Dollar jährlich umgesetzt. An dem Geschäft verdienen nicht zuletzt terroristische Gruppen, vor allem in Afrika. ■ www.street-papers.org / IPS

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Wilderei Die Jagd der Munduruku-Krieger In den letzten Jahren hat der Munduruku-Stamm in Brasilien immer wieder beobachtet, dass Goldgräber in ihr Gebiet eindringen und illegal nach Gold suchen. Vergangenes Jahr reiste der Stammeshäuptling nach Brasilia, um dort die Regierung dazu zu drängen, alle nicht-einheimischen Bergleute vom Gelände des Stammes zu weisen, aber die Sache wurde auf die lange Bank geschoben. Also nahm der Stamm die Sache selbst in die Hand. Der Reuters-Fotograf Lunae Parracho erhielt die einmalige Gelegenheit, mit den Munduruku-Kriegern im Urwald auf Goldgräberjagd zu gehen.

BILDER VON LUNAE PARRACHO / REUTERS

www.street-papers.org / Reuters / INSP / Übersetzung Jan Seyfried

Munduruku-Indianer nähern sich auf der Suche nach illegalen Goldschürfern einer Schürfstelle auf ihrem Gebiet in der Nähe des Caburua-Flusses, eines Zuflusses des Tapajos und des Amazonas im westlichen Bundesstaat Para.

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Ein Stammesmitglied tr채gt einen Affen, den er unterwegs erjagt hat, um ihn sp채ter zu essen. In der N채he des Tapajos-Flusses.

Munduruku-Krieger bewachen einen illegalen Goldsch체rfer, der auf ihrem Territorium gefangen genommen wurde. SURPRISE 326/14

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BILD: REUTERS/NACHO DOCE

Caffè sospeso Aufgeschoben und gut aufgehoben Zwei bezahlen, einen davon spenden: Die alte neapolitanische Tradition des «Caffè sospeso» liegt derzeit weltweit im Trend. Und scheitert vielerorts daran, dass die anonyme Spende nicht abgeholt wird. Surprise will es zusammen mit Schweizer Gaststätten besser machen.

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VON AMIR ALI

Ein Kaffee ist mehr als ein Kaffee: Mit den vier Franken, die ein Schweizer Espresso mittlerweile kostet, kauft man sich auch das Recht auf Teilnahme am öffentlichen Leben. Das Kaffeehaus, das Gartenbistro, die Bar – das sind Orte der sozialen Vernetzung. Der Konsum von Getränken ist oft wenig mehr als ein Vorwand, um zu lauschen und zu beobachten, sich Gedanken zu machen und abzuschweifen, Freunde und Fremde zu treffen oder einfach mittendrin allein zu sein. Kaffeetrinken kann man auch zuhause, sofern man eines hat. Im Café hingegen wird Privates bewusst öffentlich gelebt. Das Café ist ein Ort, an dem Gesellschaft greifbar wird – und meist ein Ort mit Konsumationszwang. Der Espresso am Tresen ist die Eintrittskarte dazu. Wer bezahlt, ist drin. Und einmal drin, sind alle gleich. Sitzen teure Anzüge neben Jeans und Kapuzenpullis. Wer nicht bezahlen kann, bleibt draussen. Und ist nicht gleich, auch wenn das keinem auffällt. Niemand merkt, wenn einer nicht ins Café geht. Ein Kaffee für vier, fünf Franken: Für die meisten ist es nicht mehr als eine alltägliche Nebensächlichkeit. Andere drehen jeden der vier Franken zweimal um und sparen sie sich woanders ab. Die meisten und die anderen zusammenzubringen – das ist der Gedanke hinter einem «Caffè sospeso». Wie vieles, was gut ist, kommt dieser im wörtlichen Sinn «aufgehängte» oder «aufgeschobene» Kaffee aus dem tiefen Süden Italiens. Seit über hundert Jahren kennt man in den Kaffeehäusern Neapels den Sospeso: Wer es sich leisten kann und in Spendierlaune ist, bezahlt einen oder zwei Kaffees mehr, als er trinkt. Der Barista verbucht die «Aufgeschobenen» – meist macht er mit Kreide Striche an einer dafür vorgesehenen Wandtafel oder sammelt die Kassenbons in einem Glas – und serviert sie später jemandem, der den Besuch im Café eigentlich nicht vermag. Niederschwellig und vor allem diskret bringt der Sospeso Spender und Empfänger zusammen. Was Anfang des 20. Jahrhunderts fester Bestandteil des sozialen Lebens in Neapel war, verkam im Laufe der Jahrzehnte zur folkloristischen Tradition, praktiziert nur noch von den Bewohnern der Altstadt und zu Weihnachten. Seit ein paar Jahren feiert der Sospeso allerdings ein Comeback: In wirtschaftlich schweren Zeiten macht diese kleine Geste einen grossen Unterschied. Wienerisch – charmant Die Idee des aufgeschobenen Kaffees hat sich im Zuge der Wirtschaftskrise über ihren Ursprungsort in Süditalien hinaus verbreitet. In Spanien, ebenfalls hart von der Krise getroffen, gibt es bereits «Bocadillos pendientes», also aufgeschobene Sandwiches. Befeuert durch die sozialen Medien ist die Tradition des solidarischen Aufschiebens auch weiter gen Norden vorgerückt: Die englischsprachige Facebook-Seite «Suspended Coffees» hat mittlerweile über 265 000 Anhänger. In zahlreichen amerikanischen und britischen Städten sammeln Café-Angestellte hinter dem Tresen Kassenbons oder machen Striche für vorbezahlte Heissgetränke. In der Normandie gibt es neben aufgeschobenen Kaffees auch «Baguettes payées». Der Wiener Kaffeehausbetreiber Daniel Landau sagt: «Die Welt wird man damit zwar nicht retten. Aber für mich hat die Aktion etwas Wienerisch-Charmantes, weil sie so einfach ist», «Es ist eine anonymisierte Freundschaftsgeste.» Wenige Wochen nach der Einführung des Sospeso in seinem Café zeigte sich Landauer beeindruckt: «Am Anfang war ich überwältigt, wie viele Gäste spenden. Dabei fordern wir nicht aktiv dazu auf. Trotzdem wird eindeutig mehr gegeben als angenommen. Etwas anzunehmen fällt vielen schwer.» Damit formuliert der Wiener ein so unerwartetes wie omnipräsentes Problem der neu entdeckten Sospeso-Kultur: In der Regel sammeln sich die Kreidestriche und Kassenzettel – und werden nicht abgeholt. Das erscheint nur auf den ersten Blick sonderbar. Während Bedürftige in Neapel seit über hundert Jahren ins Café gehen und fragen: «C’è SURPRISE 326/14

un sospeso?», fehlt ihnen andernorts das Wissen darüber, dass im Bistro um die Ecke der kleine alltägliche Luxus «aufgeschoben» auf sie warten könnte. Wer in der Situation ist, einen Sospeso in Anspruch nehmen zu müssen, dürfte von Facebook-Kampagnen wie «Suspended Coffees» eher wenig mitbekommen. Wartende Kaffees Hier will der Verein Surprise ansetzen: Er geniesst hohes Vertrauen bei Menschen, die von Armut betroffen sind und verfügt als Institution über Kontakte zu anderen sozialen Einrichtungen. Über dieses Netzwerk können Menschen am Rand der Gesellschaft dorthin geführt werden, wo die Kaffees warten. Zum Start des Projektes «Café Surprise» haben sich acht Cafés und Restaurants in Bern, Zürich und Basel mit dem Verein Surprise zusammengetan (siehe vereinsurprise.ch/cafesurprise). Zum Beispiel die Post Bar, unweit der Johanniterbrücke, die von der St. Johanns-Vorstadt ins Kleinbasel führt. In der Zwischennutzung in einem ausgedienten Postamt hängt schon seit Längerem eine Schiefertafel, auf der das Personal spendierte Kaffees mit Kreidestrichen notiert. Bloss: Abgeholt wurden die Basler Aufgeschobenen bisher nur selten. Von der Kooperation mit dem Verein Surprise erhoffen sich die Macherinnen und Macher der Post Bar nun, dass die Aufgeschobenen in Zukunft auch abgeholt werden. Auch in der Brasserie Lorraine ist Solidarität nichts Neues. Die Berner Kollektivbeiz hat schon früher spontane Aktionen durchgeführt, die in diese Richtung gingen. So bekamen zum Beispiel frisch entlassene Bauarbeiter in der «Brass» ein Gratis-Mittagessen. «Wir fanden die Idee des aufgeschobenen Kaffees nobel», sagt ein Kollektivmitglied. «Man kann etwas spenden, ohne in Erscheinung zu treten.» Und das noble Prinzip, dass in der «Brass» kein Konsumzwang herrscht, wird um eine Dimension erweitert: Wer es sich nicht leisten kann, hat nicht nur keine Verpflichtung, etwas zu bestellen – er kann nun sogar seinen Kaffee trinken, wie jeder andere auch. ■

Café Surprise – eine Tasse Solidarität Für Spendierer: Besuchen Sie eines der teilnehmenden Cafés in Zürich, Bern oder Basel. Sie haben die Möglichkeit, neben ihrem eigenen Kaffee eine zusätzliche Tasse zu bezahlen – und anonym einer bedürftigen Person zu spendieren. Dieser Kaffee wird auf der Strichliste notiert. Für Geniesser: Wenn Sie ein Café-Surprise-Lokal betreten und knapp bei Kasse sind, dann fragen Sie das Personal oder schauen Sie auf der Strichliste nach, ob bereits ein kostenloser Café Surprise spendiert wurde. Für solidarische Gastronomen: Weitere Cafés, Bars und Restaurants sind herzlich eingeladen, mitzumachen. Vor Ort erkennen Sie diese am Café-Surprise-Logo an der Tür. Zudem finden Sie alle teilnehmenden Lokale sowie weitere Informationen auf unsere Webseite: vereinsurprise.ch/cafesurprise

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BILD: ZVG

Fremd für Deutschsprachige 200 000 Kosovaren 652 m ü. M. Heute schreibe ich nicht über die Schweiz, Ausländer oder Überfremdungsangst. Heute geht es um die andere Seite der Migrationsmedaille: um einen der Orte, wo Ausländer wie ich herkommen. Stellen Sie sich jetzt aber nicht voreilig abgemagerte Ziegen und zerfallende Lehmhütten vor. Ich nehme Sie nicht mit in so ein verlassenes Dorf, wo gastarbeitende Väter wie meiner herkommen. Nein, ich nehme Sie mit nach Prishtina, in die Hauptstadt des jungen Staates Kosova. Jung nicht nur, weil er sich erst 2008 für unabhängig erklärte, sondern auch, weil fast die Hälfte der Bevölkerung unter 18 ist. Auch von hier aus machen sich viele auf, ihr Glück im Ausland zu suchen. Und lassen dabei viele zurück, die nicht zu Ausländern werden,

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sondern vielleicht zu Arbeitslosen, vielleicht aber auch zu Politikerinnen, Maisverkäufern oder Dokumentarfilmerinnen. All jene machen dann aus Prishtina die Stadt, in die aufstrebende albanische Secondas wie ich reisen auf der Suche nach avantgardistischer albanischer Literatur, ihrer Identität oder nach Daten für irgendwelche sozialwissenschaftlichen Dissertationen. Oder, wie in meinem Fall, um an einer Konferenz teilzunehmen. Ich verschone Sie bewusst vor demo- und topografischen Daten. Letzteres nur schon, weil ich zu wenig Schweizerin bin, um Städte zu quantifizieren. (Jetzt muss ich doch noch kurz auf die Schweiz und ihr Verhältnis zum Fremden kommen: Warum wird, wenn man Schweizern von einer Gegend erzählt, in der sie noch nicht waren, erst mal nach Einwohnerzahl und Höhenlage gefragt? Wollen sie so die Kontrolle über den unbekannten Ort erringen?) Lassen wir das so stehen. Lieber erzähle ich Ihnen nun von meinen ersten Eindrücken. Fahren wir vom Flughafen zum Hotel: Das Taxifenster gibt den Blick frei auf ein dichtes Netz aus Stromleitungen und Beschriftungen. Sämtliche Gewerbetreibende scheinen mit Schriftzügen zu werben, die «Europa» rufen: German Tore, Autolarje Evropa, Swiss Mebel. Kein Spengler, Plättlileger, keine Autowaschanlage, geschweige denn Privatklinik kommt ohne westliche Verheissung aus. Auch eine Grup-

pe von Kindern mit Down-Syndrom, schallt es aus dem Radio, lädt zu einem Musikfestival mit dem Namen «Po vimë, Evropë!» – «Europa, wir kommen!» Was die offiziellen Beschriftungen des öffentlichen Raums angeht, so sind die USA tonangebend: Fährt man am Parking Bill Clinton vorbei, kommt man zum George-BushSquare, um dann wiederum zum Bill-ClintonBoulevard zu gelangen. Doch diese symbolische Okkupation beunruhigt keinen: Die Leute orientieren sich eh nicht an den Strassennamen, sondern an Bars, Häusern von Prominenten oder Botschaften. So findet der Fahrer das Hotel erst, als ich die Schweizer Botschaft erwähne, die in der Nähe liegt. Der Taxifahrer entpuppt sich übrigens als Ingenieur, der im Kommunismus studiert und 22 Jahre lang Fabriken gebaut und instand gehalten hat, vor dem Krieg. Als er hört, dass ich aus der Schweiz bin, beginnt er in fast akzentfreiem Französisch von seiner Tochter zu berichten, die auch in Zürich lebe. Bevor er mir erzählen kann, wo er so gut Französisch gelernt hat, kommen wir im Hotel an. Und, wenn Sie es denn unbedingt wissen müssen: Prishtina zählt ca. 200 000 Einwohner und liegt 652 Meter über dem Meeresspiegel.

SHPRESA JASHARI (SHPRESAJASHARI@HOTMAIL.COM) ILLUSTRATION: RAHEL NICOLE EISENRING SURPRISE 326/14


Hagen Rether Aus Liebe zur Wahrheit Politisches Kabarett wider Gag-Glückseligkeit und gebrüllte Empörung: Hagen Rether kommentiert die Aktualität mit bissiger Ironie. Im Juni auch in der Schweiz.

Die mentale Kulisse ist der Schmerz eines von der Welt enttäuschten Intellektuellen. Der sitzt in der Person Hagen Rethers an einem Flügel und setzt sich redend und spielend zur Wehr. Während seiner rund drei Stunden dauernden Pianoplaudereien lässt der 45-Jährige seine Gedanken die ganze Strecke laufen. Von Gott zur Welt zur Gesellschaft und zurück. Mehrmals. Immer schön entlang einer langen Achse des Bösen: mit Blick auf die katholische Kirche, die Macht im Allgemeinen und Vorzeige-Linke im Speziellen sowie auf die verblödeten Medien. Es geht um den Steuerberater als modernen Beichtvater, um den Sklavenhandel als Wirtschaftsfaktor oder um die Vorteile des Sitzpinkelns. Und alles ist so schön leise. Dabei werden Fragen zermalmt wie: Warum verdient ein Hauptschullehrer weniger als seine Kollegin am Gymnasium? Wie ist das jetzt mit all den Turbokapitalisten von nebenan? Greenpeace unterstützen und dann mit der Billig-Airline in den Urlaub fliegen? Und Nike tragen? «Aber was rege ich mich noch auf», ist einer von Rethers kopfschüttelnden Standardsätzen. Seine Entrüstung ist nicht laut, dafür beissend, vorgetragen in grösster Seelenruhe. Seit 2013 heisst sein Programm immer gleich: «Liebe». Seine bisher erschienenen CDs heissen «Liebe» eins bis fünf. Das Wort als Kontrapunkt zu Zynismus, Relativismus und Doppelmoral ist bei ihm tatsächlich Programm. Zumindest im deutschen Sprachraum findet sich derzeit kaum jemand, der sich so präzise durch die Trümmerlandschaften der modernen Wissensgesellschaft formuliert wie Hagen Rether. Intellektuell brillant und sprachlich messerscharf betreibt der Kabarettist Aufklärung in ihrer virtuosesten Form, mit allem, was seine Kunstform bietet: Ironie, Satire, Sarkasmus. Wort für Wort seziert er Klischees mit solcher Schärfe, dass die Stimmung auch schon mal ins Unbehagliche kippt und das Publikum nicht mehr weiss, ob Lachen noch angebracht ist. Es geht hier auch ausschliesslich um schwere Kost wie Ungleichheit, Massentierhaltung und Islamfeindlichkeit. Zu Letzterer lässt er sich in den letzten Jahren mit Vorliebe aus: «Früher hiess das Spiel ‹Kanaken raus!› und kam aus der Unterschicht. Heute heisst das Islamkritik und kommt von ganz oben.» Dann stellt er sich den muslimischen Vater vor, der in der S-Bahn Titelseiten gegenübersitzt wie etwa «Papst contra Mohammed» (Spiegel), «Wie gefährlich ist der Islam?» (Stern) oder «Mekka Deutschland» (noch einmal der Spiegel). Akribisch klappert Rether stets die aktuellen Reizwörter ab und stellt sie in einen differenzierten Kontext: «Das Kopftuch hat nicht nur mit Unterdrückung zu tun. Das hat auch was mit Stolz und Identität zu tun. Und oft sind es auch diese jungen Frauen mit Kopftuch, die viel besser Deutsch können und viel besser integriert sind als ihre vollkommen überassimilierten, bauchnabelgepiercten Arschgeweihschwestern.» SURPRISE 326/14

BILD: KLAUS REINELT

VON YVONNE KUNZ

Betreibt Aufklärung in virtuoser Form: Hagen Rether

Mit Liebe überschüttet wird bei Rether niemand, jeder kriegt sein Fett weg, ganz besonders aber die Medien. Immer diese Aufregung um nix, diese Hysterie! Spalter seien da am Werk, Scharfmacher, die versöhnende Stimmen als Sozialromantiker abkanzeln. «Ja sicher, Multikultikuschelkurs!», blafft er. «Was denn sonst? Prügelkurs? Die Alternative können wir uns im Nahen Osten angucken!» So sehr der gebürtige Rumäne all die diffusen «sie» da oben anprangert, so sehr ist er überzeugt von der Kraft des Einzelnen. Wenn ihn etwas wirklich nervt, dann ist es die Denkfaulheit der modernen Wohlstandsgesellschaften: «Herr, wir sind so hohl, wie wir voll sind», sagt er in seiner Vater-unser-Variation. Oder er bringt den Hinweis, dass ohne unsere Gier die Gier der Banker nicht zählen würde. Klar, man kann das alles besserwisserisch und altbacken finden. Sicher, sein Lösungsansatz ist simpel: «Wie wär’s mal mit Verantwortung übernehmen?» Doch nur schon der Ansatz einer inneren Entgegnung – «das ist doch reichlich naiv, wenn nicht gar utopisch» – zeigt, wie sehr es einen wie Hagen Rether braucht. Bei all seiner Frustration über eine moralisch bankrotte Gesellschaft schafft er es, ein unverbesserlicher Optimist zu bleiben. Alles könnte besser werden, wenn nur jeder einmal nachdenken würde. Dafür ist er hier, um den Anstoss zu geben. Der Kabarettist verkörpert etwas, das selten ist: eine Haltung. Er weicht nie aus, sondern bezieht Stellung. Nach drei Stunden wird auch allen klar, warum das Programm «Liebe» heisst: aus wahrhaftiger Liebe zur Wahrheit. ■ Hagen Rether: «Liebe», Do, 12. Juni, Casinotheater, Winterthur; Fr, 13. Juni, Bern, La Cappella, Bern; Sa, 14. Juni, Miller’s Studio, Zürich, jeweils 20 Uhr. www.hagenrether.de

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BILD: ZVG BILD: ZVG

Kultur

Ein bisschen tollkühn muss man einfach sein, wenn man abheben will.

Unverblümter Ton, gnadenloser Ansatz: Violette Leduc.

Buch Überflieger

Kino Niedergeschriebene Wut

Torben Kuhlmanns Bilderbuch «Lindbergh» erzählt die abenteuerliche Geschichte eines kleinen Helden und seines grossen Traums vom Fliegen.

«Violette» widmet sich dem Leben, Leiden und Schreiben von Violette Leduc. Die Filmbiografie zeichnet ein hartes Porträt der Französin, weckt aber auch Interesse am Œuvre der Autorin.

VON CHRISTOPHER ZIMMER

VON MICHAEL GASSER

Niemand ist zu klein für einen grossen Traum. Nicht einmal, wenn man so mäuschenklein ist wie die Maus in «Lindbergh», die so gerne in Bibliotheken stöbert und eines Tages, als sie zurückkehrt, das Haus verlassen vorfindet. Nur sie ist noch da, von Fallen umzingelt und mutterseelenallein. Wo können die anderen Mäuse nur sein? Etwa in Amerika, von dem so viel erzählt wird? Wie gerne wäre sie bei ihren Freunden. Aber der Weg ist weit und gefährlich, und die Schiffe im Hafen von Hamburg werden von hungrigen Katzen wie Festungen bewacht. Da erwacht in der kleinen Maus durch die Begegnung mit Fledermäusen ein tollkühner Plan: Sie will fliegen lernen! Und dann auf nach Amerika! Von nun an erfindet und baut sie ein Fluggerät nach dem anderen, jedes noch waghalsiger und fortschrittlicher als das vorherige, und lässt sich dabei von Rückschlägen und selbst von Abstürzen nicht entmutigen. Doch dieses ungewöhnliche Treiben bleibt nicht unbemerkt. Bald macht die geheimnisvolle Flugmaus Schlagzeilen, und in der Zeitung erscheint ein Bild von ihr. Ein Bild, das auch den Eulen nicht entgeht, die jeden ihrer Schritte mit glühenden Augen verfolgen. Im letzten Moment kann die Maus ihren Fängen entkommen, ihr kleines Flugzeug hebt ab und folgt den Schiffen der Auswanderer über den weiten Ozean bis nach Amerika. Torben Kuhlmann erzählt mit seinen Illustrationen voller wunderbarer Details nicht nur die Geschichte eines liebenswerten kleinen Helden. Wie im Zeitraffer zieht zugleich die Geschichte der Fliegerei von Leonardo da Vinci bis Lindbergh an uns vorbei, und dabei wandelt sich der Blick auf die Welt einer vergangenen Zeit mehr und mehr von der Mausin die Vogelperspektive. So muss es gewesen sein, damals, als der Traum vom Fliegen auch bei den Grossen, den Menschen, noch in den Kinderschuhen steckte. Und so wird mancher kleine Mensch beim Blättern in diesem Buch gemeinsam mit der mutigen Maus einen grossen Traum zur lebendigen Wirklichkeit machen.

«Hässlichkeit bei einer Frau ist eine Todsünde», sagt Violette Leduc (Emmanuelle Devos) und leidet. Unter ihrem Aussehen, ihrer illegitimen Herkunft und einem Mangel an Liebe. Die Filmbiografie «Violette» von Regisseur Martin Provost zeigt, wie sie sich ihrem Mann, dem mediokren Schriftsteller Maurice Sachs (Olivier Py), an den Hals wirft, doch der ist schwul und die Beziehung bloss zum Schein. Um sich über Wasser zu halten, betreibt Leduc (1907–1972) Schwarzhandel. Das ist lukrativ, doch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist damit rasch Schluss. Für die Französin ein weiterer Grund, Wut zu verspüren. In Paris bringt sie ihre Gefühle zu Papier und unterbreitet das Geschriebene der von ihr verehrten Simone de Beauvoir (Sandrine Kiberlain). Diese ist von den schriftstellerischen Versuchen angetan und hilft Leduc, das Werk zu veröffentlichen. Doch das Buch findet kaum Käufer. Was die Leiden der Autorin noch erhöht. Also schreibt sie sich den Frust von der Seele und plündert ihre Gefühlswelt: Sie erzählt über die lesbische Liebe oder eine Abtreibung im fünften Monat und wie man den Fötus stückweise aus ihr herauszieht. Während de Beauvoir, ihre lebenslange Mentorin, Erfolge feiert, wird Leduc ignoriert. Zu unverblümt ist ihr Ton, zu gnadenlos ihr Ansatz. «Ich bin alt, neurotisch, verrückt und immer allein», zetert sie und schleudert ihren Unmut nicht zuletzt jenen entgegen, die ihr wohlgesinnt sind. «Niemand ist ungeheuerlich, wenn wir es alle sind», schrieb de Beauvoir 1964 im Vorwort zum sechsten und einmal mehr autobiografischen Roman von Leduc, «La Bâtarde». Ein unerwarteter, dafür ersehnter Bestseller. «Violette» ist ein Film über ein Entchen, das sich als hässlich empfindet und nicht zum Schwan wird, aber seine Stimme findet. Die Kamera von Yves Cape gräbt sich mit langen Einstellungen ins Gesicht seiner Antiheldin ein und geht auf jede noch so kleine Regung ein. Die oft schmerzliche und überaus zurückhaltend und dunkel gefilmte Hommage führt zwar nicht dazu, dass man Leduc sympathisch findet, aber dazu, dass man sie respektiert. Womit der erste Schritt zu ihrer überfälligen Wiederentdeckung getan wäre.

Torben Kuhlmann: Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus. Nord Süd Verlag 2014. 26.90 CHF

Martin Provost: «Violette», Frankreich 2013, 139 Min., mit Emmanuelle Devos, Sandrine Kiberlain, Olivier Gourmet u. a. Der Film läuft derzeit in den Deutschschweizer Kinos.

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Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Falafel muss nicht Fast Food sein, es geht auch homemade. 01

Gemeinnütziger Frauenverein Nidau

Piatto forte Die Kichererbse – für die, die nichts zu lachen haben

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Velo-Oase Erwin Bestgen, Baar

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Bruno Jakob Organisations-Beratung,

Würde man eine Weltkarte zeichnen, die die Verbreitung der Kichererbse zeigt, wäre das zugleich eine Karte der ärmsten Gebiete. Dabei kann die Kichererbse auch für verwöhnte Gaumen eine Delikatesse sein. Zum Beispiel als Falafel. VON TOM WIEDERKEHR

Stilgerecht werden die Kichererbsen beim türkischen Gemüse- und Fruchthändler um die Ecke besorgt. So hat schon das Rohmaterial einen orientalischen Touch. Die Kichererbsen werden für zwölf bis 18 Stunden im kalten Wasser eingelegt. Die Erbsen gehen dabei fast um das Dreifache auf. Also darauf achten, dass sie in einer genügend grossen Schüssel mit reichlich Wasser liegen. Sobald die Kichererbsen aufgequollen sind, das Wasser abgiessen, die Erbsen abtropfen lassen und dann zu einer feinen Paste verarbeiten. Das geht entweder mit dem Fleischwolf, dem Passe-vite oder dem Mixer. Jetzt würzen und die richtige Konsistenz schaffen: Zu 1 kg trockenen Kichererbsen – das ergibt ca. 40 Falafel – vier Bund gehackte, flache Petersilie, jeweils zwei gehäufte Esslöffel gemörserte Koriander- und Kreuzkümmelsamen sowie acht gepresste Knoblauchzehen hinzugeben. Wer es noch orientalischer mag, kann zwei Bund Petersilie durch Koriandergrün ersetzen. Alles zusammen mit zwei Kaffeelöffeln Salz sowie Pfeffer und Sambal Oelek nach Geschmack würzen. Jetzt geht es darum, die richtige Konsistenz zu schaffen, damit die Falafel später nicht auseinanderfallen: dafür zwei gehäufte Esslöffel Kichererbsenmehl und drei Kaffeelöffel Backpulver der Masse hinzugeben. Nun für zwei bis drei Stunden in den Kühlschrank stellen, damit sich die Aromen verbinden und alles nochmals aufquellen kann. Anschliessend golfballgrosse Kugeln formen, zu kleinen Küchlein platt drücken und in Sesamsamen wenden. Jetzt die Falafel entweder in etwas Öl anbraten oder noch besser frittieren: Ein Liter hitzebeständiges Öl langsam in einer grossen Pfanne erhitzen und die Falafel vorsichtig reingeben. Auf mittlerer Hitze für ca. fünf bis sechs Minuten ausbacken. Zu den Falafeln wird im arabischen Raum entweder Tahina, eine Sesampaste, oder Babaganoush, ein wunderbar rauchiges Auberginenpüree, serviert. Beides gibt es ebenfalls im «Türken-Lädeli» Ihres Vertrauens zu kaufen.

Pfäffikon SZ 04

Balz Amrein Architektur, Zürich

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Supercomputing Systems AG, Zürich

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Kultur-Werkstatt – dem Leben Gestalt geben, Wil SG

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Schluep Degen Rechtsanwälte, Bern

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Anyweb AG, Zürich

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A. Reusser Bau GmbH, Recherswil

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Verlag Intakt Records, Zürich

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Hotel Basel, Basel

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Homegate AG, Zürich

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Balcart AG, Therwil

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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applied acoustics GmbH, Gelterkinden

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Privat-Pflege, Hedi Hauswirth, Oetwil am See

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Hofstetter Holding AG, Bern

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Bachema AG, Schlieren

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fast4meter Bern, Storytelling & Moderation

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Fischer & Partner Immobilien AG, Otelfingen

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Oechslin Architektur GmbH, Zollikerberg

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Thommen ASIC-Design, Zürich

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mcschindler.com, PR-Beratung, Redaktion, Corporate Publishing, Zürich

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Bezugsquellen und Rezepte: http://piattoforte.ch/surprise 326/14 SURPRISE 326/14

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Ausgehtipps

Auf der Bühne feuriger als hier: «Romengo».

Zürich Grenzen überwinden Unter dem Motto «Roma-Ember Against Racism» findet das erste internationale Roma-Solidaritätsfestival statt. In der Alten Kaserne in Zürich werden Aktivistinnen, Politiker und Historikerinnen aus ganz Europa die Lage der Roma diskutieren. An den Abenden treten Bands unterschiedlicher Stilrichtungen auf, sowohl Roma-Formationen aus Osteuropa, als auch Rock-, Punk- und Ska-Bands aus der Schweiz, Westeuropa und den USA. «Musik ist die beste Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten», sagt Festival-Organisator Christian Mehr (siehe Porträt Seite 8). Der Ertrag des Festivals wird dem ungarischen Roma-Dorf Bódvalenke›gespendet. (mih)

Von Herzen: die Textsammlung «Wohnen».

Ein spinnenartiges Ding wartet bei der Bocciabahn.

Wetzikon/Winterthur Literatur von unten

Basel Verwegen spazieren

Wie wohnen ohne Geld? Diese Frage stellte die Caritas Zürich in einer Schreibwerkstatt, die sie mit der Schriftstellerin Tanja Kummer und der Journalistin Andrea Keller durchführte. Entstanden sind Texte, die auf beeindruckende Art und Weise von schwierigen Wohnverhältnissen im Boomkanton Zürich erzählen. Die Caritas hat diese «Literatur von unten» in einer Broschüre gesammelt – und schickt einige der Autorinnen auf Tournee. Jene, die im Turbokapitalismus nach Schweizer Art auf der Strecke bleiben, erhalten so nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht. Bereits stattgefunden haben Lesungen in Zürich und Bülach. Im Juni kann man die Texte in Wetzikon und Winterthur live erleben. Im Anschluss ist Raum für Gespräche und Diskussionen zum Thema. Die Broschüre gibt es kostenlos bei der Caritas Zürich. (ami)

Die Universitären Psychiatrischen Kliniken UPK machen eine Freiluftausstellung, in der Kunstschaffende Verwegenes ausstellen. Das ist nicht zwingend draufgängerisch, aber es ist Kunst, die sich ihren eigenen Weg sucht. Da ist zum Beispiel das spinnenartige Rund von Michel Pfister. Er hat eine offene Holzkugel in den Garten gestellt, und wer um sie herumgeht, sieht, wie sich ihre Form je nach Blickwinkel verändert. Andernorts breiten sich Martina Lauingers leuchtend rote Knäuel aus wie invasive Pflanzen, die den Park langsam in Beschlag nehmen. Jörg Siegeles Aluminiumformen wiederum krallen sich in Eisenstangen und scheinen doch fortschweben zu wollen: der Freiheit entgegen. Man wage den verwegenen Spaziergang und entdecke Neues. (dif)

«Wohnen/Schreiben». Lesungen: Di, 10. Juni, 19 Uhr,

Kliniken UPK Basel, Wilhelm Klein-Strasse 27, bis

Scala Wetzikon und Do, 26. Juni, 19 Uhr, Alte Kaserne

Fr, 29. August, im Park bis So, 28. September, täglich

Winterthur. Eintritt frei, Kollekte. Broschüre bestellen:

geöffnet von 8 bis 20 Uhr.

«Verwegen – Ein Kunstsommer im Innen- und Aussenraum», Direktionsgebäude Universitäre Psychiatrische

www.caritas-zuerich.ch

Anzeigen:

«Roma-Ember Against Racism», erstes internationales Roma-Solidaritätsfestival, Fr, 20. und Sa, 21. Juni, Alte Kaserne, Zürich. Programm: http://artists-for-roma net.ning.com/ profiles/blogs/romafestival-roma-ember-againstracism-20-21-june-2014-zurich-ch

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Arbeiterkampf hautnah: Stadtführung mit StattLand.

Schnapslieder am Neuenburgersee: Palko! Muski.

Bern Wo Büezer bügle

Neuchâtel Polka-Punk meets Klassik

In den Sozialen Stadtrundgängen von Surprise in Basel und bald in Zürich bekommen die Teilnehmer die Stadt aus der Sicht derjenigen präsentiert, die sich fast ohne Geld und Arbeit durchs Leben schlagen. In Bern kann man sich derweil mit den erfahrenen Stadtführern von StattLand, die jeweils mit Schauspielern zusammenarbeiten, über den Stadtteil III aus dem Blickwinkel der Arbeit informieren. Oder eben, wie man dem in Bern sagt, dem «Bügu». Im traditionellen Arbeiterviertel, das von Monbijou über Sandrain bis zum Mattenhof reicht, geht man der Frage nach «Fluch und Segen der Arbeit» nach. Entstanden ist die Tour in Zusammenarbeit mit dem Verein TRiiO, der sich seit 20 Jahren mit dem Fluch der Nicht-Arbeit auseinandersetzt, indem er erwerbs- und stellenlosen Menschen Beratung und Hilfe bietet. Bis der Surprise-Stadtrundgang auch in Bern angekommen ist, empfehlen wir wärmstens: Schauen Sie sich die Bundesstadt doch einmal mit StattLand aus Sicht der Arbeiter und Arbeitslosen an. (fer)

Zum 14. Mal geht an den Ufern des Neuenburgersees ein musikalischer Grossanlass über die Bühne. Den Auftakt machen die lauten Gitarren: Mit The Offspring und The Hives stehen zwei nicht mehr ganz frische, aber umso schwergewichtigere Vertreter des zeitgenössischen Punkrock auf der Hauptbühne. Auf den Nebenbühnen ist unter anderem Schweizer Musik zu hören: der melodiöse Rock’n’Roll der Rambling Wheels und die düster-kraftvollen Silver Dust. Puts Marie aus Biel sind mit neuem Material zurück, und der Berliner Star-DJ Paul Kalkbrenner legt auf. Am Samstag kann man sich die säuselnden Kiffer-Beats des zum Reggae-Musiker mutierten Gangstarappers Snoop Lion antun. Keinesfalls verpassen sollte man aber danach Palko!Muski. Die fünf Zürcher spielen mit ihren Schnapsliedern zwischen Polka-Punk, Disco und Zigeunermusik zum Mitternachtskonzert auf. Und am Sonntag präsentiert der Genfer Star-Trompeter Erik Truffaz sein neustes Werk «Avant l’Aube» – unterstützt von Franz Treichler von den Young Gods und klassischen Musikern des Ensemble Symphonique Neuchâtel und des Orchesters Victor Hugo Franche-Comte. Surprise verlost 2 x 2 Tickets für den Donnerstag. Mail bis am 8. Juni an redaktion@vereinsurprise.ch, Betreff: Verlosung Festi’neuch. (ami)

«Bern büglet», Stadtrundgang von StattLand, nächste öffentliche Rundgänge (keine Anmeldung nötig): Mi, 4. Juni, 18 Uhr; Sa, 28. Juni, 14 Uhr. 20 CHF, ermässigt 15 CHF. Gruppenführungen auf Anmeldung. www.stattland.ch

Festi’neuch. Do, 12. bis So, 15. Juni, Neuchâtel. www.festineuch.ch

ANZENBERGER GALLERY, WIEN & THE ARTIST

Pfäffikon Der Irrsinn der Welt

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Welche Welt ist verrückt? Die Realität oder ihre Gegenwelt? Wo ist die Grenze? Wer bestimmt sie? Mit seiner aktuellen Ausstellung nähert sich das Vögele Kultur Zentrum sinnlich und kritisch dem Wahnsinn im Alltag, in der globalisierten Welt, in der Diagnostik und Psychopathologie sowie im Versprechen einer anderen Welt. Gezeigt werden anarchische, witzige, freche, exzentrische, absurde und poetische Arbeiten, die sich mit dem Anderssein ebenso wie mit Ordnungssystemen beschäftigen. Der Wahnsinn sprengt Normen. Manchmal ist er beängstigend, manchmal faszinierend, aber immer ausserordentlich. Und damit wie gemacht für eine Ausstellung. Zu den Wahnsinnigen in Pfäffikon gehören unter anderem der Art-Brut-Künstler Paul Amar, der Essayfilmer Harun Farocki, das verstorbene Luzerner Stadtoriginal Emil Manser und der Fotograf Klaus Pichler, der Menschen inszeniert, die sich gerne verkleiden. (dif) «Der helle Wahnsinn; das Leben jenseits von Normen», noch bis So, 21. September, Mi bis So 11 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr, Vögele Kultur Zentrum Pfäffikon/SZ. www.voegelekultur.ch SURPRISE 326/14

Fotograf Klaus Pichler mag verkleidete Menschen.

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Verkäuferinnenporträt International «Die Schauspielerei hat mich aus dem Schneckenhaus geholt» Lernschwierigkeiten, Gewalt in der Ehe, Depressionen: Emma Folan aus Liverpool hatte in ihrem Leben mit vielen Problemen zu kämpfen. Das Verkaufen des Strassenmagazins The Big Issue in the North, sagt sie, habe ihr Leben komplett verändert. Und durch die Schauspielerei kann sie wieder sie selber sein.

«Seit zehn Wochen bin ich nun Verkäuferin des nordenglischen Strassenmagazins Big Issue in the North. Einige Leute meinen, alle Strassenverkäufer seien alkohol- und drogenabhängig, aber das stimmt nicht. Jeder kann in Schwierigkeiten geraten. The Big Issue in the North hilft auch denen, die gerade Gefahr laufen, in Not zu geraten. Ich bin über meinen Freund Morley, der auch Strassenverkäufer ist, zu The Big Issue in the North gekommen. Bei unserem ersten Treffen hat er mir erzählt, dass er das Magazin verkauft, und ich habe ihn damals selber sofort in die Versager-Schublade gesteckt, aber da lag ich falsch. Das Verkaufen des Strassenmagazins hat mein Leben komplett verändert. Ich habe keinen besonders guten familiären Hintergrund. Und ich leide am Sotos-Syndrom. An normalen Schulen konnte ich wegen meiner Lernschwierigkeiten nicht mithalten, und so habe ich eine Sonderschule besucht. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Am Tag, an dem ich die Schule verlassen musste, habe ich geweint, weil ich bleiben wollte. Nach der Schule habe ich als Pflegehelferin gearbeitet, was mir wirklich viel Spass gemacht hat. Ich habe auch geheiratet, aber mein Mann hat mich misshandelt. Es ging mir psychisch immer schlechter, und dann wurde es so schlimm, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich habe meinen gewalttätigen Mann verlassen, und dann stand ich vor dem Nichts. Ich war nie ganz auf der Strasse, aber ich habe in Wohnheimen übernachtet. Einige davon waren richtig schlimm. Seit 16 Jahren leide ich unter Depressionen, und jetzt bin ich endlich an einen Psychiater überwiesen worden. Es ist eine Schande, dass ich so lange darauf warten musste. Mir liegt es sehr am Herzen, das Bewusstsein für seelische Erkrankungen zu schärfen, um die Einstellung der Leute dazu zu ändern. Vor ein paar Jahren bin ich Collective Encounters beigetreten, das ist eine Organisation, die mit Theaterstücken für Veränderungen in der Gesellschaft sorgen möchte. Inzwischen habe ich schon in fünf Stücken mitgespielt. Letztes Jahr sind wir sogar während des «With One Voice»-Festivals im Royal Opera House aufgetreten. Das war umwerfend! Erst vor Kurzem bin ich im Kulturzentrum Bluecoat mitten in Liverpool aufgetreten, dort habe ich die Rolle einer jungen Frau gespielt, die in Kinderheimen aufgewachsen ist. Die Schauspielerei hat mich aus meinem Schneckenhaus herausgeholt und mir Selbstbewusstsein gegeben, sodass ich ich selbst sein kann. Ich habe gelernt, dass ich trotz meiner Lernschwierigkeiten genauso viel wert bin wie jeder andere. Ich lebe in einer betreuten Unterkunft. Das heisst, ich habe meine eigene Wohnung, aber es gibt dort Betreuer, die ich rund um die Uhr erreichen kann. Anfangs hatte ich Angst davor, alleine in einer eigenen Wohnung zu leben, aber das Betreuerteam in Liverpool, das beim Einrichten der Unterkunft geholfen hat, hat mir Mut gemacht und mich motiviert. Meine Hündin Pippa leistet mir Gesellschaft. Sie ist schon bei mir, seit sie ein paar Wochen alt war.

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BILD: FRANCES BARRETT

AUFGEZEICHNET VON FRANCES BARRETT

Das Verkaufen von The Big Issue in the North hilft mir auch mit meinen psychischen Problemen. Ich habe einen Grund, morgens aufzustehen. Ohne diese Aufgabe, die mich motiviert, würde ich nur zuhause sitzen und mich selbst bemitleiden. Für mich ist das Verkaufen wirklich eine Rettungsleine. Ich habe schon einige Stammkunden, die sich erkundigen, ob bei mir alles in Ordnung ist, wenn sie mich einige Tage nicht gesehen haben. Wir scherzen und lachen zusammen. Ich finde, das ist eine wirklich schöne Möglichkeit für Menschen, andere zu unterstützen. Meine Botschaft an obdachlose Menschen ist: Wenn ich es schaffe, trotz allem, was ich durchgemacht habe, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen – dann kann es jeder schaffen. ■ Übersetzung: Andrea Hoffman www.street-papers.org / The Big Issue in the North – UK SURPRISE 326/14


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, Nahverkehrsabonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Elsa Fasil Bern

Kostana Barbul St. Gallen

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Ralf Rohr Zürich

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Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

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326/14 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 326/14

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Amir Ali (ami), Florian Blumer (fer), Diana Frei (dif, Heftverantwortliche), Mena Kost (mek) redaktion@vereinsurprise.ch, leserbriefe@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Melanie Kobler (Grafik), Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Philipp Baer, Frances Barrett, Andrea Ganz, Michael Gasser, Michael Herzig, Andrea Hoffman, Yvonne Kunz, Lunae Parracho, Jan Seyfried, Adrian Soller, Ramy Srour Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 18 000, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Svenja von Gierke

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Surprise Da läuft was

BILD: BEN KOECHLIN

Surprise Stadtrundgang Die Armut kommt auf leisen Sohlen Seit rund einem Jahr führt Markus Christen Gäste durch die sozialen Institutionen Kleinbasels – er kennt sie alle aus eigener Erfahrung. In seinem persönlichen Erfahrungsbericht erzählt er von Hektik und Ruhe und warum seine Tour an einer der lautesten Kreuzungen von Basel startet. VON STADTFÜHRER MARKUS CHRISTEN

«Von der Sozialhilfe zur Selbsthilfe» ist das Motto meiner Tour – Tour 3 der Sozialen Stadtrundgänge in Basel. Das Motto ist auf den ersten Blick unspektakulär, aber nach zwei Stunden sind viele Besuchergruppen überrascht von den ungewohnten Einblicken in ihre eigene Stadt. Wir treffen uns an einer der lautesten Kreuzungen im Kleinbasel – ganz bewusst. Manche Gäste sind da bereits irritiert. Doch dieser Lärm und die damit verbundene Geschäftigkeit sind der Hintergrund meiner Führung. Denn das Leben von Armutsbetroffenen spielt sich meist im Abseits ab: in der Stille und nicht in der Betriebsamkeit. Die Hektik im Alltag ist einer der Gründe, die es Menschen erschweren, sich mit dem Thema wachsender Armut auseinanderzusetzen. Oder ist es ihnen möglicherweise ganz recht, im Lärm abzutauchen, um dieser «unangenehmen Thematik» aus dem Weg zu gehen? Die erste soziale Institution, die ich mit einer Gruppe besuche, ist der Treffpunkt Glaibasel. Mit rund 20 Interessierten im kleinen Zimmer an der Feldbergstrasse wird es eng. Und die Enge wirkt auf die Gruppe – und ganz besonders auf die meist langjährigen Gäste dieser Einrichtung, einem wichtigen Zuhause für viele Obdachlose. Einige motzen oder ziehen sich in den zweiten Aufenthaltsraum zurück. Manchmal fallen wenig schmeichelhafte Bemerkungen in meine Richtung. Denn hier suchen Armutsbetroffene jene Ruhe, die sie auf der Strasse oder in ihrer eigenen Bleibe nicht finden. Kürzlich jedoch hörte sich einer der Stammgäste meine Ausführungen genau an – und mit einem Schmunzeln lieferte er jene Details nach, die ich diesmal nicht erwähnte. Ich war baff und erfreut, dass nach einem Jahr Widerstand sich mit einzelnen Gästen nun eine Stimmung von Vertrauen und Akzeptanz einstellte. Die nächste Station der Führung ist die Matthäus-Kirche: Hier erzähle ich etwas über das Sonntagszimmer der reformierten Kirche unter der Leitung von Thawm Mang, erkläre die Lebensmittelausgabe von Tischlein deck dich und erläutere den Hintergrund zu den Armutszahlen in Basel. So ernst die Thematik auch ist, der Humor darf auf einem Sozialen Stadtrundgang nicht fehlen. Auch Armutsbetroffe-

ne lachen gerne – das kommt selten genug vor. Auf der Claramatte rede ich über die Verdrängungspolitik städtischer Behörden und ernte oft verständnisloses Staunen. «Was ist die Alternative, wenn Obdachlose, Drogenabhängige oder Prostituierte vertrieben werden?», fragen viele. Und dann sage ich, dass es keine Alternativen gibt. Armut wird ausgegrenzt. Margrit Clement, die uns als Nächste empfängt, ist Basels «Miss Winterhilfe» schlechthin. Noch immer ist ihr anzumerken, dass sie das Lampenfieber vor den Führungen packt. Doch wenn sie Geschichte und Zweck dieses gemeinnützigen Vereins erläutert, hat sie die Leute «im Sack». Viele Fragen unter den Gästen löst jeweils der Besuch bei Planet13 aus, dem basisorganisierten Internetcafé mit kostenlosem Internetzugang, Gratis-Bewerbungshilfen und -Sprachkursen sowie einer «Uni von unten». Die Institution mit breitem Angebot hat vor allem in Flüchtlingskreisen Kultstatus. Der Abschluss erfolgt nach einer vorletzten Station vor dem Eingang des Sozialamts im Brockino beim Erasmusplatz. Die Leiterin im Reich der Tassen und Secondhand-Kleider ist Claudia Pleuss. Sie erklärt der Gruppe die Idee des Sozialkaufhauses. Meine persönliche Mission auf Tour 3 ist es, Vorurteile gegenüber Armutsbetroffenen abzubauen. Wer mit mir durch diesen Teil Kleinbasels läuft, soll künftig anders über jene Menschen denken, die am Rande der Gesellschaft leben. Anmeldungen für die Tour 3 mit Markus Christen unter rundgang@vereinsurprise.ch oder 061 564 90 40. Weitere Infos unter www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang

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auch g u e N msta a S am

Nehmen Sie an einem «Sozialen Stadtrundgang» teil! Erleben Sie Basel aus einer neuen Perspektive! Tour 1: Konfliktzone Bahnhof – vom Piss-Pass zur Wärmestube. Samstag, 7. Juni 2014 um 9 Uhr. Tour 2: Kleinbasel – vom Notschlafplatz zur Kleiderkammer. Samstag, 21. Juni 2014 um 9 Uhr. Tour 3: Kleinbasel – von der Sozialhilfe zur Selbsthilfe. Samstag, 14. Juni 2014 um 9.30 Uhr. Anmeldungen unter rundgang@vereinsurprise.ch oder 061 564 90 40. Weitere Infos unter www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang

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