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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Blindgänger Ich bin stark kurzsichtig. Ohne Brille sehe ich nicht viel und vor allem nicht scharf. Trotzdem gehe ich jeweils ohne Brille in den Wald rennen. Die Umgebung wirkt auch in der Unschärfe immer wieder erbaulich. Der Bach, der mal grünlich, dann wieder klar fliesst und sich, wenn es viel geregnet hat, in eine reissende braune Brühe verwandelt. Die Bäume, die die Blätter verlieren, sodass der Himmel selbst im Tobel noch zu sehen ist, bis sie dann wieder spriessen und sich der Wald in eine grüne Höhle verwandelt. Der Weg, der mal trocken, mal pflotschig, mal nass und hin und wieder vereist ist. Nirgends erlebe ich den Wandel der Jahreszeiten deutlicher. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt renne. Natürlich könnte ich auch einfach spazieren gehen, aber dazu bin ich zu faul. Während ich also meine Umwelt im Grossen und

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Ganzen wahrnehmen kann, verliere ich im Kleinen die Übersicht. Da verschwimmen die Farben und Formen und erweisen sich beim Näherkommen dann als etwas ganz anderes als gedacht. Der schwarze Hund, der am Wegrand sitzt, ist ein Baumstrunk. Die braunen Büsche am Wegrand zwei Schafe, die bei der Freizeitanlage weiden. Der Zwerg mit dem glitzernden Cape ist ein silberner Papierkorb. Hin und wieder linsen Trolle durchs Geäst, Fabelwesen huschen zwischen den Bäumen hindurch, aus gut getarnten Hexenhäusern steigt Rauch auf. Dank meiner schlechten Sicht erhält sich der Wald etwas von seinem Geheimnis und bleibt eine Abenteuerzone, auch wenn ich den Weg, zumindest freiwillig, selten verlasse. Der Wald ist nicht umsonst ein beliebter Schauplatz für Märchen, Räubergeschichten und Horrorfilme. Für viele Eltern ist ein Kriterium bei der Wohnortsuche, dass es die Kinder nicht weit in den Wald haben. Erzählen ältere Leute von ihrer Kindheit, erwähnen sie, selbst wenn sie in der Stadt aufgewachsen sind, dass sie viel in den Wald gegangen seien. Der Wald ist unsere kleine Flucht, ein Gebiet, das der Zivilisation trotzt, glauben wir zumindest, obwohl unsere Wälder natürlich gut gepflegt sind. Der Wald wird rege genutzt, von Spaziergängern, Bikern, Hündelern. Mit Hunden hatte ich noch nie ein Problem, ich grüsse sie, wie ich auch alle Leute grüsse, denen ich begegne, weil ich erst im letzten Moment erkenne,

wer mir entgegenkommt. Vielleicht sind es ja Nachbarn oder Bekannte. Darum murmle oder keuche ich, je nach Streckenabschnitt, ein freundliches «’morge». Dabei habe ich festgestellt, dass joggende Frauen und Verbotstafeln nie zurückgrüssen. Die meisten anderen schon. Vielleicht sind es immer dieselben Leute, die ich treffe, denn ich gehe immer ungefähr um dieselbe Zeit rennen. Das Aufkommen der Mitjogger schwankt. Im Januar sind es immer mehr als sonst. Die guten Vorsätze. Auch die ersten warmen Tage locken viele hinaus, und der Beginn der Badesaison. Zu der Zeit sind es vor allem Frauen, meist in Zweierteams. Wenn es regnet oder schneit, sind an einem Samstagmorgen natürlich nur die seriösen Jogger, die Marathon- und Triathlonteilnehmer unterwegs. Ausser einem, der sich, gänzlich frei von solchen Ambitionen, auch beim hundertsten Mal von demselben grauen Findling erschrecken lässt.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: SARAH WEISHAUPT (SAVVE@VTXMAIL.CH) SURPRISE 323/14

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