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Nicht lustig Schweizer Komiker nehmen sich zu wenig ernst Hingeschaut: Thomas Kessler war mit Surprise in Basel unterwegs

«Ohne Sprache kann man sich keine Zukunft vorstellen»: Nazlije Aliji aus dem Film «Neuland»

Nr. 322 | 28. März bis 10. April 2014 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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Nehmen Sie an einem «Sozialen Stadtrundgang» teil! Erleben Sie Basel aus einer neuen Perspektive! Tour 1: Konfliktzone Bahnhof – vom Piss-Pass zur Wärmestube. Dienstag, 8. April 2014 um 9 Uhr. Tour 2: Kleinbasel – vom Notschlafplatz zur Kleiderkammer. Mittwoch, 9. April um 9 Uhr. Tour 3: Kleinbasel – von der Sozialhilfe zur Selbsthilfe. Dienstag, 15. April 2014 um 9.30 Uhr. Anmeldungen unter rundgang@vereinsurprise.ch oder 061 564 90 40. Weitere Infos unter www.vereinsurprise.ch/stadtrundgang

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Titelbild: Keystone, ZVG /Collage: WOMM

So viel vorweg: Humor ist natürlich Geschmackssache. Und darüber lässt sich bekanntlich nicht streiten. Ob absurder Nonsens, britisch-schwarzer Witz oder laute Schenkelklopfer: Wo der eine schmunzelt, bleibt dem anderen das Lachen im Hals stecken. Hauptsache, es gibt für jeden etwas zu lachen. Satire allerdings kann und muss mehr leisten, als nur lustig zu sein. Sie hält uns den Spiegel vor und legt den Finger in kollektive Wunden. Anders gesagt: Satire ist Humor mit gesellschaftlicher und politischer Relevanz. Sie bringt uns zum Lachen, gerade weil ihr Ziel nicht lustig ist, sondern todernst. Der satirische Witz ist eine Dienstleistung: Er macht Irritationen sichtbar, die sonst im Dunst der Zusammenhänge verborgen bleiben. Das ist unabdingbar in unserer immer komplexer werdenden Realität. Wenn Satire dieses Ziel verfehlt, macht sie AMIR ALI REDAKTOR sich überflüssig. Es ist noch nicht lange her, dass der Schweizer Humor – und jene, die ihn von Berufs wegen betreiben – ins Gerede gekommen sind. Doch keine Angst: Die schwarz angemalte Birgit Steinegger und der Kabarettist gewordene Berner Stadtpräsident spielen in unserer Titelgeschichte (ab Seite 14) nur Nebenrollen. Unser Autor Christof Moser geht dafür jener Frage nach, zu der die aufgeregte mediale Debatte der vergangenen Wochen nie vorgedrungen ist: Warum bringen die Hofnarren der Eidgenossenschaft so selten die Schärfe und den Biss zustande, die Gesellschaft und Politik verdient hätten? Aktuell läuft in den Schweizer Kinos ein bemerkenswerter Film: «Neuland» begleitet Schülerinnen und Schüler einer Basler Integrationsklasse auf ihren ersten Schritten in der neuen Heimat Schweiz. Das ist nicht primär lustig, gibt aber dennoch zu schmunzeln. Gerade weil der Blick in dieses Klassenzimmer Irritationen freilegt, die uns das Phänomen Migration so ungewohnt nah bringen. Das grosse Ziel der jungen Migranten ist sehr schweizerisch: eine Lehrstelle finden. Längst nicht alle erreichen dieses Ziel. Eine, die es geschafft hat, ist Nazlije Aliji. Unsere Redaktorin Mena Kost hat die «Neuland»-Protagonistin zu einem sehr persönlichen Gespräch getroffen (ab Seite 10). Eine angenehm irritierende Lektüre wünscht Ihnen Amir Ali

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Wir sind gespannt auf Ihre Kritik, Ihr Lob oder Ihre Anmerkungen. Schreiben Sie uns! Auf leserbriefe@vereinsurprise.ch oder an Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. Oder diskutieren Sie mit uns auf www.facebook.com/vereinsurprise SURPRISE 322/14

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BILD: WOMM

Editorial Irritationen


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10 Neuland Angekommen BILD: ROLAND SCHMID

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Inhalt Editorial Witzige Dienstleistung Die Sozialzahl Oma an der Urne Aufgelesen Hanseaten für Lampedusa Zugerichtet Der Entblösser Leserbriefe «Das Problem sind die Menschen» Starverkäuferin Emsuda Loffredo-Cular Porträt Flüchtlinge in der guten Stube Stadtrundgang Impressionen eines Profis Fremd für Deutschsprachige Im Aldi Fumetto Geförderter Comic Kultur Handbuch für Träumer Ausgehtipps Kurzfutter Verkäuferporträt Im Teufelskreis Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

Abschied nehmen, wenn das Leben gerade richtig losgeht: Nazlije Aliji verlor mit achtzehn ihre Mutter und verliess ihre Heimat Serbien, um in die Schweiz zu kommen. Ihren Neuanfang in der fremden Schweiz dokumentiert der preisgekrönte Film «Neuland», der eben angelaufen ist. Heute, vier Jahre später, spricht sie fliessend Deutsch und absolviert eine Lehre. «Die erste Zeit in einem neuen Land», sagt sie im Interview, «fühlt man sich wie ein Mensch ohne Augen.»

14 Satire Kein Witz BILD: ZVG

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Seichtes Blödeln mit Blocher und Gags unter der Gürtellinie: Die Schweizer Kabarettszene steht nicht erst seit der kurzzeitig aufgeflammten Rassismus-Debatte im Ruf, Mittelmass ohne Biss zu produzieren. Unser Autor Christof Moser analysiert – und kommt zum Schluss: Satire ist eine todernste Sache. Nur haben das die hiesigen Humorarbeiter noch nicht realisiert.

ILLUSTRATION: SARAH WEISHAUPT

17 Arbeit Ich, die Mogelpackung

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An der Mitarbeiter-Einführungsveranstaltung einer grossen öffentlichen Institution sinkt unsere Autorin in ihrem Stuhl zusammen. Vor zwei Jahren noch organisierte sie als Mitarbeiterin in der Kommunikationsabteilung eine grosse Ausstellung, nun brachte sie die Not dazu, sich für eine Stelle in der Kantine zu bewerben. Die alleinerziehende Mutter beschreibt, wie es sich anfühlt, als Angestellte in der Dienstleistungswelt unsichtbar zu werden.

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60 % 50 % 40 % 30 % 20 % 10 % 18– 29 Jahre

30– 39 Jahre

50– 59 Jahre

40– 49 Jahre

60– 69 Jahre

70+ Jahre

Wochen Ferien für alle» Ja-Anteile der Volksinitiative «6 ein flexibles Rentenalter» Ja-Anteile der Volksinitiative «Für , SeneForum Zürich, 22.01.2014

Quelle: gfs.bern, Claude Longchamp

Die Sozialzahl Jung und links, alt und rechts? Die Alterung der Schweizer Gesellschaft schreitet voran. Die Folgen werden heftig diskutiert. Werden die Renten in den kommenden Jahrzehnten noch sicher sein? Wird es genügend Pflegepersonal geben? Sollen die Alten eine nationale Erbschaftssteuer zahlen? Das alles steht zur Debatte. Nur die Frage, ob der demografische Wandel einen Einfluss auf die Politik hat, darüber wird erstaunlich wenig geredet und geschrieben. Dabei liegt es auf der Hand, dass die zunehmende Zahl von älteren Menschen dazu führen wird, dass die Entscheide an der Urne konservativer ausfallen werden, dass Sicherheit wichtiger wird als Innovation, dass die Innenorientierung gegenüber einer Öffnung weiter an Boden gewinnen wird. So zumindest will es das Klischee. Aber treffen diese Behauptungen auch zu? Zunächst ist festzuhalten, dass das politische Gewicht der Älteren tatsächlich steigt. Inzwischen liegt das Medianalter der Stimmberechtigten schon bei 56 Jahren. Das heisst: Die Hälfte der Stimmbürgerinnen und -bürger ist jünger als 56, die andere älter. Das Medianalter wird in den kommenden Jahren weiter steigen. Dazu kommt, dass die Stimmbeteiligung altersabhängig ist: Wer jung ist, geht seltener zur Urne. Indizien weisen darauf hin, dass dies tatsächlich auf einen Alterseffekt zurückzuführen ist, dieser Zusammenhang also über die Generationen hinweg besteht und darum nicht damit erklärt werden kann, dass die Stimmenden, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, eine stärkere Bindung an die direkte Demokratie haben als die jungen Schweizerinnen und Schweizer, die in der Zeit der Globalisierung zu ihrem Stimmrecht gekommen sind. Daraus ergibt sich eine

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itische Position vom Alter ab? nächste Frage: Hängt die pol rückt dann allmählich in die Ist man also jung und links, und rechts ist? Es gibt Hinpolitische Mitte, bis man alt lich einen Einfluss auf die poweise, dass das Alter tatsäch bhängig von Bildung und Ein litischen Entscheide hat, una en beid den an dies eint fik sch kommen. Die abgebildete Gra Wochen Ferien für alle» und «6 ven iati Init Beispielen der r zu belegen: Je höher das Alte «für ein flexibles AHV-Alter» tletz – en beid die lehnten sie der Stimmenden, desto eher ab. Allerdings könnte man n iege Anl – lich gescheiterten orteneffekt in dieses Schaubild auch einen sogenannten Koh sind damit Differenzen, die hineininterpretieren – gemeint hrungen ergeben, die einer sich aus prägenden Lebenserfa einsam sind. Es ist die Genebestimmten Altersgruppe gem h Phasen der Armut am eige ration der Grosseltern, die noc uem sich gegen zu viel Beq nen Leib erfahren mussten, die . fen um beide Vorlagen verwar lichkeit aussprechen und dar ett bt sich für die Zukunf Verfolgen wir diese Spur, so ergi den Jahren werden die men was Erstaunliches: In den kom kommen. Sie stellen die geburBabyboomer ins Rentenalter werden mit ihren Stimmen das tenstärksten Jahrgänge und er blich prägen. Die Babyboom politische Geschehen massge es Neu auf ig gier neu stellen, stehen im Ruf, alles infrage zu ventionen zu halten. Wenn Kon an ig wen zu sein und sich tung bis ins Alter bewahren, sich die Babyboomer diese Hal en Ufern aufbrechen. Das rewird die Schweiz bald zu neu Zeitalter wird zu Ende gehen. aktionäre und konservative öffnen und auf Neues einlasDie Schweiz wird sich wieder s? Wir werden sehen. sen. Zu viel Zweckoptimismu PFE L@ VER EIN SUR PRI CAR LO KNÖ PFE L (C.K NOE WO MM BIL D: SIM ON DRE YFU S,

SE.C H)

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Das Steuersünderparadies Kiel. Apropos Humor: Im Schleswig-Holsteiner Strassenmagazin Hempels zeigt eine Karikatur Alice Schwarzer mit einem neuen Aspekt der Emanzipation. «Dieses Feld kann frau … doch nicht einfach so den Jungens überlassen», sagt die Steuersünderin und zeigt – auf eine Schweizer Flagge. Und weist damit auf eine beruhigende Tatsache hin: Minarettverbot hin, Massenwanderungsinitiative her, unser schönes Land wird im Ausland also nach wie vor nicht auf unsere Abschottungsfreudigkeit reduziert.

St. Pauli loves Lampedusa Hamburg. Apropos Abschottungsfreudigkeit: Giusi Nicolini, Bürgermeisterin von Lampedusa, wehrt sich seit Jahren gegen die rigide europäische Flüchtlingspolitik, der jedes Jahr Tausende von Menschen an ihrer Küste zum Opfer fallen. Nun bekommt sie Unterstützung aus St. Pauli: Bürger des Hamburger Stadtteils, wo die Lampedusa-Flüchtlinge offenbar «besonders herzlich aufgenommen» wurden, haben sich zusammengeschlossen, um die italienische Insel in einer Art inoffizieller Städtepartnerschaft tatkräftig zu unterstützen.

Unabhängiger Cider London. In Schottland wird in einem knappen halben Jahr über die Unabhängigkeit von Grossbritannien abgestimmt. Dies hat Separatisten auf der ganzen Insel Aufwind verliehen, von welchen Big Issue nicht weniger als sieben – mehr oder weniger ernsthafte – aufzählt. So sagt ein Vertreter der «Regionalist Party» aus dem südlichen Wessex: «Was uns unterscheidet, sind unser Dialekt, unser Cider (Apfelwein) und dass wir eine ländliche Region sind, die die Dinge anders sieht als London.»

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Zugerichtet Wenn der Hibiskus blüht Frau Mayer* sass auf ihrem Gartensitzplatz und trank Eistee. Es war ein heisser Julitag, die Hecke mit den Rosen, dem Hibiskus und der Weigela blühte üppig, sodass Frau Mayer für die Passanten unsichtbar war. Sie selber aber hatte den Durchblick durch Löcher im Gebüsch. Und was erblickten ihre grünen Augen? Nichts Schönes. Einen Mann mit heruntergelassener Hose. Am helllichten Tag. Er stand im Hauseingang gegenüber. Rund um den Block an der Wohnstrasse spielen häufig Mädchen, es ist ein Park mit Spielplatz in der Nähe. Der Entblösser, gab sie zu Protokoll, wirkte nicht so, als ob er jemanden erschrecken wollte. Eher entrückt, gequält. Er war damit beschäftigt, zur Sache zu kommen. Angewidert von diesen nackten Tatsachen rief sie die Polizei. Der Entblösser, als er den Tumult bemerkte, schnappte seinen Rucksack und sah zu, dass er Land gewann. Nach einer Stunde kam er jedoch zurück und wiederholte das Spiel. Bei der Polizei zeigte man Frau Mayer Fotos eines einschlägig bekannten Mannes. Der Angeklagte, nennen wir ihn Herr Philipp, 43, ein Mann mit starren, erschrockenen Augen, ist gelernter Koch und arbeitslos. Vor Gericht gibt er sich eher zugeknöpft. In hastiger, ruckartiger Rede versichert er dem Richter, dass es sich um einen Irrtum handeln müsse. «Weil ich das nie mehr mache», sagt er. «Ich habe im Gefängnis achtzehn Monate gebüsst. Seit dieser Zeit weiss ich es. Ich mache das nicht mehr! Weil ich! Für meine frühere Straftat! Gebüsst! Habe!» Er setzt Ausrufungszeichen zwischen die Wörter, die Silben. «Nie! Wieder! Nie mehr! In meinem Leben! Das ist tabu!» Er leugnet. Weil nicht

sein kann, was nicht sein darf. Sein Kopf weiss, was nicht sein darf, aber sein Kopf ist machtlos gegen den Zwang, der ihn lenkt. «Ich war mit dem Velo unterwegs, da wurde mir sehr heiss, es hat mich doch niemand gesehen, als ich mich im Schatten ein bisschen abkühlte.» Eine glatte Ausrede. Tatsächlich macht es ihm ohne Zuschauerinnen gar keine Freude. Sein Strafregister ist voller einschlägiger Einträge, auch eine Verurteilung wegen sexueller Handlungen mit einem Kind ist dabei. Ob er es mit Therapie versucht hat? «Oh ja, vielfältig», sagt er. Eine tiefenpsychologische Behandlung habe keinen Erfolg gebracht. Sein «letztes Wort» klingt trotzig, wie das eines Kindes, verzweifelt, dass man ihm doch glauben solle: «Ich habe alles zugegeben von früher. Achtzehn Monate Gefängnis, das hat bei mir seelisch gearbeitet. Ich will nicht, dass es mich einholt! Ich will die Frau, mit der ich lebe, nicht verlieren! Ich will mit ihr nach Kenia auswandern! Ich will ein anständiger Mann sein! Aber die Hitze, da haben meine Nerven nicht mitgespielt.» – «Ich glaube, Sie machen sich was vor», entgegnet der Richter. Für die Entblössungen wird er wegen Exhibitionismus verurteilt. Der Richter verhängt eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten, bedingt auf zwei Jahre, die aufgeschoben wird für eine Therapie. «Sie müssen Ihre Sexualität verarbeiten, Sie brauchen Hilfe! Und auch für die Öffentlichkeit ist es wichtig, dass Sie sich in den Griff bekommen.» * persönliche Angaben geändert

ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 322/14


Leserbriefe «Beim Skifahren keine Albaner getroffen» Denkersatz oder -anstoss Ihr Artikel hat mir gefallen, weil er zum Denken anregt. Ich teile Ihre Meinung, dass Zitate Glückssache sind. Dann nämlich, wenn deren Sinn nicht verstanden worden ist und sie als Denkersatz verwendet werden. Ich halte viel von Sprichwörtern, weil sie als Denkansätze wirken können und Grundsätzliches ins Blickfeld rücken. Peter Haldimann per E-Mail

Nr. 319 Wörter von Pörtner: Entfremden Wie an der Haussitzung Ihre Kolumne ‹Entfremden› hat mir aus der Seele gesprochen. Grad letzte Woche hatten wir eine Haussitzung, wo genau, fast wortwörtlich wie in Ihrer Kolumne festgehalten wurde, dass die Haltung eines Bewohners nicht in unser Haus passt. Fazit: Das Problem sind die Menschen … Wahrscheinlich brauchen die Surprise-Leserinnen und -Leser diesen Spiegel nicht unbedingt, und trotzdem finde ich es gut, dass Sie solche Kolumnen schreiben. Judith Handschin per E-Mail

Nr. 318 Fremd für Deutschsprachige: Integration und Ausrüstung Wieder in die Berge Lachen ist Massage für die Innereien und damit gesund. Selten so gelacht wie bei Ihrem Text! Wenn Du als Schweizer Hüslibesitzer unter Deines-

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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gleichen bleiben willst, musst Du in die Berge. Habe beim Skifahren auf jeden Fall noch keine Türken und keine Albaner getroffen. Dafür kann ich mich als FCB-Fan über die Leistungen von Shaqiri, Xhaka, Safari, Berati & Co. freuen. Soll die Schusterin darum bei ihren Leisten bleiben? – Ja nicht! – Also, fahren Sie nächstes Weekend wieder in die Berge! Paul Jud per E-Mail PS: War Skilehrer und würde Ihnen gratis Unterricht erteilen

Nr. 320 Fremd für Deutschsprachige: Rocco Wenn etwas in der Schweiz nicht klappt Mit Freude (und, je nach Thema, betreten bis traurig) lese ich immer Ihre Kolumne! Auch mir als «Schon-immer-Schweizerin» (oder wie Mensch das nennen will) wirds Angst und Bange (bin aber ebenso wütend und ratlos) ob der ständig wiederkehrenden menschenfeindlichen Initiativen der SVP – die dann auch noch angenommen werden. Egal, was in der Schweiz nicht klappt oder passiert (teure Wohnungen, zu wenig Sitzplätze im Tram und so weiter) – immer und an allem sollen «die AusländerInnen» schuld sein. Niemals werde ich das verstehen – bin im Gegenteil glücklich darüber, wie viele sympathische Menschen aus vielen Ländern ich in meinem Leben (das nun doch schon bald 54 Jahre dauert) kennenlernen durfte. Für mich gibts nur Menschen – solche, die ich mag und solche, die ich nicht mag. Wie sie heissen, woher sie oder ihre Eltern ursprünglich kamen, interessiert mich höchstens insofern, als ich gerne etwas über andere Lebensgeschichten als meine erfahre. Für mich sind Menschen, die in der Schweiz leben, keine AusländerInnen – schon gar nicht mit dem negativen, abwertenden Unterton, mit dem leider viele offenbar dauerfrustrierte MitbürgerInnen dieses Wort gebrauchen. Silvia Büsch, Zürich

BILD: ZVG

Nr. 317 Wörter von Pörtner: Zitate sind Glückssache

Starverkäuferin Emsuda Loffredo-Cular Anne Treccarichi aus Pratteln schreibt: «Meine Starverkäuferin ist Emsuda Loffredo-Cular, die Surprise in Pratteln verkauft. Sie wirkte am Anfang sehr schüchtern und zurückhaltend, ich traute mich gar nicht, sie anzusprechen. Was ein Fehler war, da sie eine sehr herzliche Art hat. Ich freute mich sehr, als ich sie nach längerer Zeit wieder sah, da ich mir schon Sorgen um sie gemacht hatte. Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie eine Stelle bekommt und leichter durchs Leben gehen darf!»

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Porträt Die Brückenbauerin Wenn sie Flüchtlinge bei sich zuhause wohnen lässt, macht sie auch mal ihre Tür zu: Anni Lanz kämpft schon ihr halbes Leben für die Rechte von Migranten. Das bringt sie immer wieder an Grenzen – auch an ihre eigenen. VON NICOLE MARON (TEXT) UND LUCIAN HUNZIKER (BILD)

ten unschlüssig sein oder Lücken aufweisen. Seien sie aber einmal beschlossen, würden sie gelten. Auch dann, wenn sie im Widerspruch zu den Menschenrechten stünden. In diese Kategorie fällt für Anni Lanz nicht nur die Ausschaffungsinitiative von 2010, sondern auch die Asylgesetzrevision von 2013, nach der Kriegsdienstverweigerung nicht mehr als Asylgrund gilt. Der Kontakt, den Anni Lanz zu Flüchtlingen und Sans-Papiers pflegt, ist ein ganz persönlicher. Aber nicht nur hier bemüht sie sich um mehr Wärme: «Wenn ich im Zug oder im Tram jemandem gegenübersitze, beginne ich manchmal ein Gespräch, wenn mein Gegenüber signalisiert, dass er offen dafür ist.» Oft genügten ein Lächeln oder ein paar freundliche Worte, um jemandem zu zeigen, dass man ihn als Mensch wahrnehme, sagt Lanz. «So einfach wäre es, aufeinander zuzugehen! Aber die meisten Menschen kommen gar nicht erst auf die Idee.» Man kann sich leicht vorstellen, wie Anni Lanz mit ihren leuchtenden Augen und ihrem aufmerksamen Blick Brücken baut. Und doch behauptet sie von sich selbst, ein ängstlicher und zurückhaltender Mensch zu sein. «Gerade weil ich so bin, versuche ich, meine Grenzen zu überwinden. Denn meine Hemmungen ärgern mich! Ich versuche, ihnen entgegenzuwirken. Aber es ist jedes Mal wieder eine Überwindung.» Dass Anni Lanz die Nähe zu Menschen Überwindung kostet, kann man sich nur schwer vorstellen. Seit 28 Jahren nimmt sie Flüchtlinge und Sans-Papiers bei sich zuhause auf. Bis zu sechs Personen hatte sie zeitweise in ihrer Dreizimmerwohnung untergebracht. Auch jetzt gerade

Auch wenn sie es abstreitet: Anni Lanz ist eine vielbeschäftigte Frau. «Nicht immer ist so viel los wie heute», versichert sie, als schon zum zweiten Mal das Telefon klingelt. Seit ihre Nummer in gewissen Kreisen kursiert, wenden sich viele mit ihren Anliegen privat an sie. Die 68-jährige Menschenrechts-Aktivistin, wie sie sich selbst am liebsten nennt, engagiert sich für Flüchtlinge und Sans-Papiers. Leistet Hilfe, wo der Staat keine Unterstützung bieten kann oder will. Sie hilft Anträge und Beschwerden zu schreiben, stellt Härtefallgesuche, begleitet bei Behördengängen, macht Besuche im Ausschaffungsgefängnis. Anni Lanz kümmert sich seit fast 30 Jahren um Menschen, für die sonst nur wenige einstehen. Und zwar mit radikaler Entschlossenheit. Grund dafür ist eine Erkenntnis, die sie in den Achtzigerjahren hatte. Als aktives Mitglied der Frauenbewegung ging ihr die Haltung gegenüber den Frauen gegen den Strich: «Man unterstellte uns, dass wir etwas beschränkt seien. Dagegen haben wir uns gewehrt. Dann fiel mir plötzlich auf, dass auch Migranten so betrachtet wurden.» Seither war Anni Lanz für verschiedene Organisationen tätig, zuerst für die Asylkomitees der Region Basel, danach auf nationaler Ebene für «Solidarité sans frontières» und die nationale Plattform für Sans-Papiers. Heute engagiert sie sich im Basler Solinetz und im Verein der Basler Anlaufstelle für Sans-Papiers. Wenn Anni Lanz an die Siebziger- und Achtzigerjahre zurückdenkt, wird ihre Stimme lauter, ihre Handbewegungen bestimmter, scheint sie wieder ganz vom alten Kampfgeist erfüllt. Es war eine Zeit der Aufbruchstimmung, die Zeit, «Heute sind die Migrantinnen zurückhaltender. Sie haben Angst, in der sie zusammen mit kurdischen und türsich zu exponieren, weil sie negative Auswirkungen befürchten.» kischen Frauen die Selbsthilfegruppe Manolya ins Leben rief. «Heute sind die Migrantinnen leider zurückhaltender», bedauert sie. «Sie haben Angst, sich zu expowohnen zwei Eritreerinnen bei ihr. Asylsuchende, die zuvor zwei Jahre nieren, weil sie negative Auswirkungen befürchten, was bestimmt auch lang in einer unterirdischen Zivilschutzanlage lebten. an der aktuellen Migrationspolitik liegt.» In den meisten OrganisatioIhr Engagement hat Lanz auch schon an die Grenzen des Gesetzes nen, die sich für die Rechte von Migranten einsetzen, sitzen ausgeführt. Weil sie bei einer Polizeikontrolle von zwei Afrikanern stehen schliesslich Schweizer im Vorstand. «Es besteht ein Widerspruch zwiblieb, wurde sie vor einigen Jahren verzeigt. «Streng genommen könnte schen Paternalismus und Schutzauftrag», sagt Lanz. Aktivisten setzten man schon bestraft werden, wenn man einem Sans-Papier ein Buttersich für Flüchtlinge und Sans-Papiers ein, wenn sie Unterstützung bebrot gibt», sagt sie. nötigen. Gleichzeitig sei dies eine Bevormundung: «Wir gehen davon Anni Lanz teilt, was sie hat. Doch auch für sie ist Privatsphäre unaus, dass wir für sie sprechen müssen, weil sie nicht für sich selber spreabdingbar. «Ich muss mich bis zu einem gewissen Punkt abgrenzen», chen können.» Damit tappten sie in die gleiche Falle wie jene, die einen räumt sie ein. «Ich mache schon mal von der Möglichkeit Gebrauch, Integrationszwang forderten: «Auch damit unterstellt man den Migranmeine Tür hinter mir zu schliessen, wenn ich arbeiten muss oder allein tinnen und Migranten letztlich, dass man sie zu ihrem Glück zwingen sein will. Ich bin manchmal hart, aber ich respektiere die Bedürfnisse muss, weil sie selbst nicht wissen, was gut für sie ist.» meiner Gäste nach Unabhängigkeit auch.» Wenn Anni Lanz erzählt, schliesst sie oft die Augen, als liesse sie die Anni Lanz kann radikal sein. Wenn Leute sie anrufen, weil sie Geld Erinnerungen an sich vorbeiziehen. Dann wieder schweift ihr Blick in von ihr wollen, klemmt sie das Gespräch sofort ab. «Wenn man mich bedie Ferne. Scheinbar abwesend schaut sie in eine Zimmerecke, doch die handelt wie einen Bankomaten, werde ich wütend. Darauf gehe ich gar Worte, die sie dabei spricht, sind klar und unmissverständlich: «Ich war nicht ein.» Als erneut das Telefon klingelt, ist Anni Lanz wieder voll Taoft als Lobbyistin im Bundeshaus und hatte auch die Gelegenheit zu betendrang. Zuerst erteilt sie dem Anrufer eine zögerliche Absage, da sie obachten, wie Gesetze verabschiedet wurden. Ich kann Ihnen sagen, daein paar Tage wegfahren wollte. Sekunden später jedoch lenkt sie ein: bei geht es gar nicht immer professionell zu.» Gesetze, sagt Lanz, könn«Ach komm, ich machs doch.» ■

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Neuland «Wie ein Mensch ohne Augen» Der preisgekrönte Dokumentarfilm «Neuland» begleitet junge Migranten bei ihren ersten Schritten in der Schweiz. Protagonistin Nazlije Aliji (22) spricht über Abschied, Neuanfang – und ihr Leben dazwischen.

VON MENA KOST (INTERVIEW) UND ROLAND SCHMID (BILDER)

Vor vier Jahren kamen Sie in die Schweiz. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an jenen Tag zurückdenken? Es war an einem Donnerstag, und es war Winter. Ich flog mit meinem jüngeren Bruder von Pristina nach Zürich. Es war mein erster Flug und ich hatte solche Angst, dass ich während des ganzen Flugs die Augen geschlossen hatte und ganz vergass, dass ich in ein neues Land und ein neues Leben fliege. Als wir ankamen, war ich sehr verwirrt. Natürlich hatte ich ein Bild von diesem Land im Kopf. Auch mein Vater, der seit 20 Jahren hier lebt und arbeitet, hatte mir von der Schweiz erzählt. Aber wenn man etwas mit eigenen Augen sieht, ist alles ganz anders.

ten jemanden töteten. Aber das kam vor. Ich habe nur die Schatten des Krieges zu spüren bekommen. Die Erwachsenen hatten Angst, und Kinder spüren das. In dieser Zeit sind wir in den Kosovo gegangen – wir sind Albaner und waren eine Minderheit in Bujanovac. Im Kosovo war es dann etwas besser, die Amerikaner waren dort. Wir konnten einkaufen gehen und alles. Später sind wir nach Bujanovac zurückgezogen. Heute leben dort Albaner, Serben und Roma. Alle können ein mehr oder weniger normales Leben führen, es ist ziemlich Multikulti. Aber die Arbeitslosigkeit ist sehr schlimm. Wie haben Sie sich auf den Abschied von Ihrem Leben in Bujanovac vorbereitet? Ich wusste, dass wir in die Schweiz gehen würden. Aber ich lebte, wie wenn meine Zukunft in Serbien gewesen wäre. Ich tat alles, um irgendwann studieren zu können. Bis zwei Tage vor der Abreise ging ich zur Schule. Mein Traum war es, Primarlehrerin zu werden. Alle sagten: Wa-

Als Sie hier ankamen, sprachen Sie kein Wort Deutsch. Die erste Zeit in einem neuen Land fühlt man sich wie ein Mensch ohne Augen. Es gibt Migranten in der Schweiz, die auch nach 40 Jahren kaum Deutsch sprechen. Ich weiss nicht, wie sie ihr Leben meistern. Mich hat die Sprachlo«Die Sprache ist Voraussetzung für fast alles. Erst wenn man sigkeit unheimlich gestört. Es war eine Zeit ohmit den Menschen sprechen kann, sieht man sie richtig.» ne Hoffnung. Ohne Sprache kann man sich keine Zukunft vorstellen. Wie soll man sich rum gehst du in die Schweiz? Bleib besser hier! Aber ich fand, ich gehe ohne Sprache integrieren oder eine Arbeit finden? Nicht einmal einkaujetzt dorthin und versuche es. Wenn es nicht klappt, komme ich zurück. fen kann man. Die Sprache ist Voraussetzung für fast alles. Erst wenn man mit den Menschen sprechen kann, sieht man sie richtig. Sie leben nun seit vier Jahren in der Schweiz. Was fällt Ihnen hier auf? Heute, nach vier Jahren in der Schweiz, sprechen Sie fliessend Zum Beispiel, dass sich die alten Frauen besonders gut pflegen und Deutsch. Wie haben Sie das geschafft? schön machen. Viele brauchen Lippenstift, Make-up und alles. Das ist Man muss sehr diszipliniert sein und streng mit sich selbst. Und es bei uns anders. Das fand ich am Anfang sehr seltsam. Aber ich habe es hilft, ein Ziel zu haben – ich wollte ja unbedingt eine Lehrstelle finden. mir dann so erklärt: Wahrscheinlich hatten sie in ihrer Jugend keine Am Anfang habe ich mich oft geschämt: Wenn mich jemand etwas geZeit, sich schön zu machen. Und jetzt holen sie das eben nach. fragt hat, konnte ich nicht antworten. Und nicht alle Schweizer sprechen Englisch. Wie würden Sie die Schweizerinnen und Schweizer beschreiben? Eher distanziert. Die Leute öffnen sich erst, wenn sie einen besser Wie ging das im Alltag? kennen. Dann sind sie dafür sehr offen. Was ich hier bis heute nicht verNach zwei Wochen begann mein Deutschkurs. Natürlich haben wir stehe, ist das Verhältnis zu den Eltern. Die Eltern sind einfach die Eltern, dort etwas gelernt, aber es wurde Hochdeutsch gesprochen und nicht mehr nicht. Manche sehen sie nicht einmal an den Feiertagen. Das seDialekt. Die Schweizer erlebte ich als sehr freundlich, alle, die ich auf he ich auch bei meiner Arbeit bei der Spitex: Viele alte Menschen sind der Strasse ansprach, gaben sich Mühe und wollten helfen. alleine. Sie haben Kinder, aber keines kommt zu Besuch. Aber viele geniessen das Leben trotzdem, sie lachen und unternehmen etwas. Ich bin Warum sind Sie in die Schweiz gekommen? froh, dass sie damit umgehen können. Es war schon lange geplant, dass wir irgendwann zu meinem Vater ziehen würden. Bei uns in Serbien ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch, es Im Sommer 2010, nach einem halben Jahr Deutschkurs, begann gibt kaum Perspektiven. Wir wollten uns in der Schweiz eine bessere die Schule: die zweijährige Integrationsklasse in Basel. Dort starZukunft aufbauen und wieder als Familie zusammenleben. Dann, drei tet auch der Film «Neuland». Monate vor dem Flug, starb meine Mutter an Leukämie. Wenn sie noch Oh Gott, der erste Tag! Wir standen alle auf dem Pausenplatz auf dem leben würde, wäre sie auch mitgekommen. Kasernenareal und wurden in Klassen eingeteilt. Ich fragte mich: Warum sind hier Kameras? Was ist das für ein seltsames Schulsystem? Dann Was für ein Leben haben Sie in Serbien zurückgelassen? wurden wir informiert und gefragt, ob wir mitmachen wollten. Ich sagIch bin in Bujanovac aufgewachsen, einer kleinen Stadt im Süden. te Ja, ohne zu wissen, worum es genau ging. Ein Film? Da mach ich Als ich sechs, sieben Jahre alt war, habe ich den Kosovo-Krieg mitbemit. Allerdings hatte ich wirklich nur das Wort «Film» verstanden, mehr kommen. Nicht direkt, ich habe zum Beispiel nie gesehen, wie PolizisSURPRISE 322/14

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«Man hat dieses Bild von der reichen Schweiz im Kopf. Aber bei meiner Arbeit bei der Spitex sehe ich: Das stimmt überhaupt nicht.»

nicht. Am Anfang war alles sehr peinlich: Ich sprach so schlecht Deutsch und wurde bei meinen Versuchen, zu reden, auch noch gefilmt. Aber für den Film waren diese Momente natürlich wichtig.

«Viele Ausländer wollen sehr, sehr gerne eine Lehre machen. Aber wer keine Chance bekommt, wird immer von Sozialleistungen leben.»

Was bedeutete Ihnen die Schule? Für mich war sie sehr wichtig. Wir hatten grosses Glück mit unserem Lehrer, Herrn Zingg. Er hat viel Erfahrung und ist immer für seine Schüler da. Er war unser Berater. Es gibt einem viel Kraft, wenn jemand da ist, der sich für einen einsetzt. Wenn es so etwas wie einen Basler Nobelpreis gäbe, müsste Herr Zingg ihn bekommen. Ausserdem war ich glücklich, dass ich in der Schule junge Leute traf, die in der gleichen Situation waren wie ich. Wer sich den Film ansieht, dem wird bewusst, wie die Integrationsschüler kämpfen müssen. Sie haben es geschafft, eine Lehrstelle zu finden – etwas, das auch vielen Schweizer Jugendlichen ohne Sprachprobleme nicht gelingt. Es ist unglaublich schwierig. Wichtig ist, dass man das Wort «Nein» nicht so ernst nimmt. Man muss denken: Okay, die wollen mich nicht. Aber es gibt vielleicht andere, die mich wollen. Herr Zingg hat uns in dieser Situation viel Kraft gegeben. Zum Beispiel hat er uns von einer ehemaligen Schülerin erzählt, die sehr schlecht Deutsch sprach. Er hatte für sie kaum Hoffnung. Und sie hat trotzdem eine Lehrstelle gefunden. Herr Zingg hat uns immer gesagt: Wer wirklich will, der findet auch etwas. Aber gute Noten und wenig Absenzen sind natürlich schon Voraussetzungen. Und man muss es irgendwie schaffen, sich persönlich vorstellen zu können. Im direkten Gespräch ist mehr möglich.

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Seit letztem Sommer sind Sie in der Lehre zur Fachangestellten Gesundheit. Wie kamen Sie zu der Stelle? Ich habe jeden Tag telefoniert – vergeblich. Irgendwann wusste ich nicht mehr, wo ich es noch versuchen sollte. Dann stiess ich auf die Spitex Basel. Auch dort sagte man mir, es sei keine Stelle mehr frei. Aber ich redete einfach weiter. Nach vielen Gesprächen und drei Schnuppertagen bot mir die Spitex eine Lehrstelle an. Bis dahin hatte ich mich gar nicht auf diese dreijährige Ausbildung beworben, weil ich mir sowieso keine Chancen ausrechnete. Als ich hörte, dass es nun doch klappt, habe ich zuerst gedacht, ich hätte es falsch verstanden. Aber es war wahr. Im Film gibt es diese Szene, in der Ihnen Ihr Lehrer sagt, er halte es nicht für realistisch, dass Sie Primarlehrerin werden können. Das war immer mein Traum. Darum war ich sehr traurig. Aber heute gefällt mir die Arbeit in der Pflege sehr gut. Bei der Spitex kann man viel lernen, sieht hinter viele Türen. Was haben Sie gelernt? Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass es in der Schweiz Armut gibt. Man hat dieses Bild von der reichen Schweiz im Kopf. Aber bei meiner Arbeit sehe ich: Das stimmt überhaupt nicht. Seit ich arbeite, bin ich erwachsener geworden, ich verstehe vieles besser. Und ich bin dankbar dafür, dass ich selbst gesund bin und genug zu essen habe. Manchmal kommt es eben anders als geplant. SURPRISE 322/14


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Im Schulzimmer: «Ich war glücklich, dass ich hier junge Leute traf, die in der gleichen Situation sind wie ich.» (Filmstill aus «Neuland»)

Jetzt läuft «Neuland» in den Schweizer Kinos. Der Film gewann den Publikumspreis der Solothurner Filmtage und ist für den Schweizer Filmpreis nominiert. Gefällt Ihnen der Film? Er gefällt mir gut, er ist authentisch. Und er zeigt, dass das Klischee von den kriminellen Ausländern falsch ist. Viele kommen in die Schweiz, weil sie kommen müssen, weil sie ein schweres Schicksal haben, und nicht wegen der Arbeit. Was mich selbst betrifft: Wenn ich mich im Film sehe, dann denke ich schon, oh Gott, warum habe ich diesen Satz nur gesagt? Und was habe ich hier eigentlich an? Und diese Frisur! Freuen Sie sich über den Erfolg des Films? Ja. Vielleicht hilft der Film zu verstehen, warum wir hier sind. Dass es manchmal um Leben und Tod geht. Man sollte nicht die Nationalitäten lieben, sondern die Menschen. Die Firmen sollten den Schülern der Integrationsklassen eine echte Chance geben. Viele Ausländer wollen sehr, sehr gerne eine Lehre machen. Aber wer keine Chance bekommt, wird immer von Sozialleistungen leben. Was haben Sie für Pläne für die Zukunft? Ich stelle mir mein Leben in der Schweiz vor, in Basel. Zuerst will ich meine Lehre mit Erfolg absolvieren. Wie es dann weitergeht, weiss ich noch nicht. Vielleicht hänge ich später noch eine Ausbildung zur Pflegefachfrau an. Das wären noch zwei Jahre Fachhochschule. Hat die Schweiz Sie verändert? Nein, ich bin noch dieselbe. Aber etwas ist passiert, das ich nicht erwartet hätte: Wenn ich in den Ferien in Serbien bin, dann vermisse ich die Schweiz. Also Basel, mein Leben hier, unsere Wohnung, alles. Und wenn ich in der Schweiz bin, vermisse ich das Leben in Serbien. Ich bin jetzt dazwischen. Wo auch immer ich bin, ich vermisse das andere. ■ SURPRISE 322/14

«Neuland» – sensible Nahaufnahme des Integrationsalltags «Was machst du? Schreibst du auf Farsi? Hier schreibt man von links nach rechts!» Der 19-jährige Ehsanullah, übers Meer und die Berge aus Afghanistan in die Schweiz geflüchtet, sitzt in einem Schulzimmer in Basel und dreht auf die Bemerkung seines afghanischen Klassenkollegen hilflos das Schulheft hin und her, um den Anfang zu finden. Die Szene ist komisch und berührend zugleich. Und sie ist sinnbildlich für ihn und seine Klassenkollegen, darunter Nazlije Aliji und ihr Bruder Ismail, die unter Anleitung ihres unermüdlichen Lehrers Christian Zingg den Anfang in ein neues Leben in der Fremde suchen. Die Basler Regisseurin Anna Thommen und ihr Filmteam begleiteten die Schüler einer Basler Integrationsklasse über zwei Jahre, vom ersten bis zum letzten Tag. Sie fuhren mit ins Klassenlager, sie waren beim Vorstellungsgespräch Ehsanullahs für eine Lehrstelle dabei und auch dann, als Nazlije ihren Freundinnen in der alten Heimat via Skype von ihren Erfahrungen berichtet. «Neuland» erzählt von lustigen und ernüchternden Begegnungen, von Hoffnung und Enttäuschung, von Aufbruchstimmung und Heimweh. Und er gibt einen selten direkten Einblick in den Alltag von Migration und Integration. Dafür wurde er unter anderem für den Schweizer Filmpreis nominiert (Gewinner bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt), mit dem Publikumspreis der Solothurner Filmtage und dem Preis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm am Zurich Film Festival ausgezeichnet. «Neuland» läuft derzeit in den Deutschschweizer Kinos. (fer)

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Satire Jetzt mal im Ernst Schweizer Kabarettisten sehen sich als Opfer politisch korrekter Humorlosigkeit. Dabei hätten unsere Kuschelkomiker mehr Ernsthaftigkeit dringend nÜtig.

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VON CHRISTOF MOSER

Fünf Thesen kursieren landläufig über die Schweizer Humorindustrie, die nicht erst seit gestern der Kritik ausgesetzt ist, massentaugliche Harmlosigkeit zu produzieren: 1. Schweizer Humor war noch nie besonders lustig, geschweige denn bissig, weil die Schweizer Konsensgesellschaft in Humorfreiheit lebt. 2. Ein mafiöses Humorkartell – Deckname Dick und Doof mit Segelohren – fördert das TV-taugliche Mittelmass. 3. Den Humorverantwortlichen fehlt der Mut. 4. Den Humorarbeitern fehlt das Geld. 5. Die grössten Komiker findet man heute in der Politik.

Stewart, der für seine satirische Newssendung bei «Comedy Central» mit dem Slogan «the most trusted name in fake news» wirbt, bei amerikanischen TV-Zuschauern laut einer Umfrage des US-Magazins Time längst als glaubwürdigster Nachrichtensprecher. Der Befund lautet also: Satire ist eine todernste Sache. Aber da fängt es schon an mit der Begriffsverwirrung in der Schweizer Humorszene: Da wird gar nicht unterschieden zwischen Satire, Comedy und Kleinkunst, da ist als humoristischer Eintopf alles ein bisschen alles. Hauptsache, es wird gelacht. Was beim SRF-Humorflaggschiff «Giacobbo/Müller» dem Publikum als Satire verkauft wird, kommt meist über den Kalauer nicht hinaus.

Der Konsens ist nicht schuld Was Satire tatsächlich leisten kann, zeigt zum Beispiel die deutsche Seit sich der Berner SP-Stadtpräsident Alexander Tschäppät im verARD mit ihrem Format «Neues aus der Anstalt». Kürzlich gaben dort gangenen Dezember auf die Bühne von «Das Zelt» wagte und abgestanvier Satiriker deutsche Einwanderungsbeamte, die Barmherzigkeit mit dene Italiener-Witze zum Besten gab («Wissen Sie, warum Italiener so technokratischer Gründlichkeit exekutierten und im Akkord der Realität klein sind? Weil ihnen die Mutter immer sagt: ‹Wenn du mal gross bist, entnommene Asylgesuche mit ebenso realen Begründungen abschmetmusst du krampfen gehen›»), ist der Schweizer Humor ins Gerede geterten: «So, was haben wir denn da? Fall Munirau. Sie will ihre Tante kommen. Als das Schweizer Fernsehen SRF Ende 2013 im satirischen nach Deutschland holen, die eine schwerbehinderte Tochter hat und von Jahresrückblick «Endspott» dann auch noch eine schwarz bemalte BirHeckenschützen bedroht wird. Okay, schutzbedürftig, passt. Aber Mogit Steinegger über den Schirm flimmern liess und Komiker Massimo ment: Die ist ja noch in Syrien! Um nach Deutschland einreisen zu dürRocchi unter Antisemitismus-Verdacht geriet («Bei jüdischem Humor fen, hätte sie bis zum 31. März 2013 in den Libanon flüchten müssen. gibt es immer Zinsen, die jemand verdienen will»), war eine aufgeregte Abgelehnt! Und das nächste Mal einfach etwas früher fliehen.» Das ist mediale Debatte nicht mehr aufzuhalten: Wie lustig oder eben nicht lusso nah an der Realität, dass einem jedes Lachen im Hals stecken bleibt. tig, wie rassistisch ist die Schweizer Humorindustrie? Die ernsthafte Frage lautet: Warum bringen die Humorarbeiter hierzuDie Suche nach Antworten auf diese Frage geht davon aus, dass der lande eine solche Schärfe kaum je hin? Die verbreitete These, dass die Schweizer Humor im privaten Kreis und in der alkoholisierten HalböfSchweizer Konsensgesellschaft bissige Satire unmöglich macht, hat Slamfentlichkeit an Stammtischen und Bartresen genauso geschmacklos ist, wie er eben sein darf: mal bösartig, mal verletzend, mal schadenfreudig und ironisch, gerne Da wird gar nicht unterschieden zwischen Satire, Comedy fremden- und noch lieber frauenfeindlich, und Kleinkunst, da ist als humoristischer Eintopf alles ein häufig mit Blondinen als Zielscheiben, dafür bisschen alles. Hauptsache, es wird gelacht. kaum noch mit Manta-Fahrern. Worüber die Bewohner dieses Landes witzeln, spotten und Poet und Theaterautor Gabriel Vetter kürzlich in einer Humordebatte in lachen, wenn sie sich gesellig treffen, um sich derb bis justiziabel von der Basler Tageswoche mit dem Hinweis auf die Satirequalitäten der der Traurigkeit der Realität abzulenken, soll hier nicht das Thema sein. Schweden gekontert. «Was den diskursiven Konsens und die politische Das Thema ist die Comedy-Industrie, die keinen Tag vorüberziehen Korrektheit angeht, ist Schweden noch um einiges radikaler als die lässt, ohne Lustigkeiten zu produzieren, die Sendeminuten, ZuschauerSchweiz», sagt Vetter. «Umso erstaunlicher ist, dass der Humor in Schweränge und die Kehlen der Massen mit Gluckslauten füllt, höchst erfolgden generell schärfer, hinterhältiger und komplexer ist als der Schweizer reich zwar, aber eben nicht immer lustig, wobei auch hier unterschieHumor.» Als Beispiel dafür erwähnt der Slam-Poet die schwedische den werden muss. Sketch-Show «Hipp-Hipp», die immer wieder die im Norden sehr beliebHumor ist Geschmackssache. Die Brachialwitzigkeit eines Marco ten Sozialreportagen persifliert, in denen aufgezeigt wird, wie gesellRima («Ich habe kein Problem damit, wenn ein Neger Offizier der schaftliche Aussenseiter ihr Leben meistern. In einem der Sketches ist Schweizer Armee ist – aber er soll sich dann nicht beschweren, wenn einer der Aussenseiter ein junger Neonazi. «Heute wird viel über sogeich ihn während der Nachtübung nicht sehe»), der ungekonnt am eigenannte Nazis geredet. Aber wie lebt es sich wirklich als Nazi im Schwenen Anspruch scheitert, zum Nachdenken anregen zu wollen, kann den von heute? Wir haben einen Nazi besucht», sagt der Moderator im getrost als Betriebsunfall vergessen werden. Auch die Schenkelklopfer typischen TV-Slang. Dann beginnt die Reportage. Der Clou: Der Neonazi eines Peach Weber («Meine Problemzone ist der Kopf. Das ist dort, wo ist blind. Sein Alltagsproblem: Dass er als blinder Rassist nicht sehen das Haar notgelandet ist») muss niemand lustig finden. kann, ob er einen Ausländer vor sich hat oder nicht. Die satirische Reportage zeigt ihn zum Beispiel, wie er einen Hot-Dog-Verkäufer rassisSatire, die glaubwürdigsten News tisch beschimpft, im Glauben, einen Kebab-Verkäufer vor sich zu haben. Aber hier geht es um Satire. Ihr Wert als Spiegel für die gesellschaftWarum ist das gute Satire? Weil sie den in Schweden allgegenwärtiliche Selbsterkenntnis kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. gen medialen Sozialdrama-Porno ebenso bitterböse aufs Korn nimmt, Gerade auch, weil viele Medien diese Spiegelfunktion nicht mehr wahrwie sie die Dummheit von Rassisten aufspiesst. «Sogar die Blindheit nehmen in ihrem Bestreben, dem Publikum aus ökonomischem Anpasfunktioniert hier jenseits jeglicher platten Behinderten-Diskriminierung. sungsdruck immer häufiger nach dem Mund zu schreiben und senden. Gleichzeitig nimmt der Sketch den jungen Nazi an sich absolut ernst, Es ist auch kein Zufall, dass Satireformate auf der Höhe der Zeit daherstatt ihn einfach nur lächerlich zu machen – was den Humor noch kommen wie Nachrichtensendungen. Die deutsche «Heute Show» und schärfer, noch pointierter, noch besser macht», sagt Vetter. Womit wir die amerikanische «The Daily Show» sind die «Tagesschau» der postdewieder beim entscheidenden Punkt angelangt sind: Professioneller Humokratischen Gegenwart, in der die Realität jeden noch so bösen Witz mor ist eine ernsthafte Angelegenheit – und teuer. Natürlich müssen bei an Absurdität oft bei Weitem übertrifft. Kein Wunder, gilt Komiker Jon SURPRISE 322/14

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der Bewertung des Schweizer Humors auch die Mittel und damit das Personal berücksichtigt werden, die zur Verfügung stehen. So muss zum Beispiel die Sendung «Giacobbo/Müller» mit vier fest verpflichteten Gagschreibern auskommen, während bei der «Heute Show» im ZDF drei Dutzend angestellt sind. Und die paar wenigen freien Gagschreiber hierzulande erhalten pro verwendete Pointe gerade mal 70 Franken. Vielleicht wäre es ja tatsächlich lustiger in diesem Land, die gebührenfinanzierten Sender würden im Dienst des Schweizer Humors satirischen Talenten ein Auskommen garantieren, statt ihre Mittel in immer neue, eingekaufte Spielshowformate zu stecken. Allzu wahr ist heikel Und natürlich fehlt es den Humorverantwortlichen oft auch einfach an Mut, wie ein weiteres Beispiel von Gabriel Vetter zeigt. Seit 2012 produziert Vetter jeden zweiten Samstag auf Radio SRF1 die Satiresendung «Vetters Töne», für die er Originalaussagen von Politikern, Wirtschaftsführern und anderen Prominenten neu zusammenschneidet. Im Oktober 2012, nachdem im Mittelmeer vor Lampedusa ein Boot mit 500 Flüchtlingen gekentert war, spielt er Aussagen von UBS-Chef Marcel Ospel ein, dessen Grossbank genau fünf Jahre zuvor mit Steuergeldern gerettet werden musste: «Es ist nicht meine Art, im Sturm die Segel zu streichen. Wenn ich trotzdem heute von Bord gehe, dann aus der Überzeugung, dass wir das Schlimmste überstanden haben, dass sich das Sturmtief langsam verzieht und wir bald wieder in ruhigeren Gewässern kreuzen werden», so der gescheiterte Wirtschaftskapitän bei seinem Abgang an der Generalversammlung. «Wenn die Flüchtlingsboote nicht nur mit Menschen gefüllt wären, sondern zum Beispiel mit UBSAktien, dann wäre das Boot ‹too big to sink› und würde gerettet», spottete Vetter in seiner Sendung. «Oder wenn ein somalischer Flüchtling sich statt Schwimmflügeli zwei Goldbarren an die Oberarme binden würde, wären seine Überlebenschancen relativ gesehen grösser.» Radio SRF1 war das zuviel, wie Gabriel Vetter gegenüber Surprise erstmals publik macht: «Es hiess, ich würde mich auf Kosten von Toten lustig machen.» Die übliche Wiederholung der Sendung wurde gestrichen.

Ein Barometer für den Schweizer Humor: Knallfrosch Rocchi.

regisseur Samuel Schwarz und Musiker Raphael Urweider gegen SRF Zensur oder Frage der Qualität? denn auch die Absicht, eine Diskussion anzustossen. «Es stört mich Aber erklären die Schweizer Produktionsbedingungen, die von weganz grundsätzlich, dass die Schweizer Humorszene oft Witze auf Kosnig Geld und mutlosen Vorgesetzten geprägt sind, lächerlich platte ten von Albanern, Dicken oder anderen Minderheiten und AusgegrenzSketches wie jenen mit Birgit Steinegger, die im SRF-Jahres-«Endspott» ten macht, gleichzeitig aber mit eingeladenen Polit-Grössen harmlos mit schwarzer Schuhwichse im Gesicht Frau Mgubi gibt? Der Sketch, der eine Satire auf die «Rassismushysterie» (SRF-Unterhaltungschef Christoph Gebel) sein Die Humoristen des Landes haben sich erfolgreich gegen sollte, die nach dem missglückten Handtajede Qualitätsdebatte imprägniert. schenkauf der US-Milliardärin Oprah Winfrey im Sommer 2013 in einer Zürcher Luxusboutiherumblödelt. Satire sollte sich gegen Mächtige und nicht gegen Schwaque angeblich grassierte, bediente sich nicht nur der längst als rassische richten», sagte Urweider damals. Das zielte direkt auf Mike Müller tisch enttarnten Kulturtechnik des «Blackfacing» (weisse Künstler malen und Viktor Giacobbo, die im Ruch stehen, das einheimische Humorsich schwarz an), sondern bemühte im Versuch, alles so ausgeglichen schaffen zu monopolisieren und als Teil der Humorelite nicht mehr gewie möglich der Lächerlichkeit preiszugeben. Auch das Bild der armen willt zu sein, sich mit bösartiger Satire Feinde zu schaffen. Auf derartiSchweiz, die am Gängelband von internationalen Organisationen zapge Kritik reagiert Giacobbo eher humorlos. «Moralanwälte» seien die pelt. Selbst bei SRF hielten die Verantwortlichen diesen Sketch für völKritiker, konterte er die Humorkritik in einem Tages-Anzeiger-Interview. lig missglückt, konterten aber Kritik mit den Worten: «Wir werden die «Die Linken reagieren in der Regel beleidigter als die Rechten.» Und Satirefreiheit verteidigen.» Giacobbo verteidigte den Gebrauch des Worts Neger: «Jeder in meinem Eine symptomatische Reaktion, nicht nur in diesem Fall: Während Beruf ist so weit Trotz- beziehungsweise Kindskopf, dass er am liebsten der ganzen Humordebatte der letzten Monate konterten die führenden Ausdrücke verwendet, die verboten sind.» Humoristen des Landes die aufkommende Kritik mit Protestgeschrei ge«Die Schweden», sagt Slam-Poet Gabriel Vetter, «haben wie alle Skangen gefährliche Zensurbehörden. Und Gejammere gegen den erstens andinavier einen Hang zum angelsächsischen Humor, der im Gegensatz geblich humorlosen und zweitens angeblich linken Mainstream. Sie imzur deutschsprachigen Komik grossen Wert auf die literarische Tradition prägnieren sich damit erfolgreich gegen jede Qualitätsdebatte. Zu Recht legt. Sprache ist dort Kritik, ist Politik.» Nimmt man Viktor Giacobbo verteidigte Magazin-Kolumnist Daniel Binswanger die Strafanzeigen gebeim Wort, wird der tatsächliche Grund für die flaue Satire hierzulande gen das Steinegger-Blackfacing und den Rocchi-Antisemitismus mit schonungslos offengelegt: Die Schweizer Komiker nehmen den Humor dem bedauernden Satz: «Bevor nicht geklagt wird, geschieht – rein gar zu wenig ernst. nichts.» So steckte hinter der angedrohten Rassismusklage von Theater■

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Arbeit In der Dienstleistungshölle Unsere Autorin war jahrelang erfolgreich in der Kommunikationsbranche tätig. Dann drohte ihr der Absturz in die Aussteuerung. Gezwungen, fast jedes Jobangebot anzunehmen, landete sie erst an der Verkaufsfront, dann in der Kantine – und erlebte, wie es sich anfühlt, unsichtbar zu werden.

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VON NICOLE KOHLER*(TEXT) UND SARAH WEISHAUPT (ILLUSTRATIONEN)

gehend autonom in unserer Schicht. Das ist hier anders. Der Chef beobachtet mich genau: Ist die Kaffeemaschine sauber geputzt, die Kasse aufgeschlossen, das Brot aufgebacken? Ich bin in der Probezeit. Vielleicht kontrolliert er mich auch so genau, weil er denkt, dass ich noch andere berufliche Optionen habe. Das mit den Optionen, das ist so eine Sache. Nach meinem vorigen Job als PR-Redaktorin bin ich nach anderthalb Jahren Stellensuche und einer ernsthaften Erkrankung in ein Loch gefallen. Obwohl ich die ganze Zeit aktiv suchte und alle meine Kontakte abklapperte, fand ich keinen Job mehr in meiner Branche. Zuerst war es nur ein Verdacht, das Gefühl, dass ich ein Handicap habe. Ist es mein Alter? Ich bin 47, habe ein abgeschlossenes Studium, Berufserfahrung, Weiterbildungen absolviert. Sind es meine etwas eingeschlafenen Französischkenntnisse? Die Kinder? Das Geld wurde immer knapper, und ich stand kurz vor der Aussteuerung. Es musste dringend etwas geschehen. Nachdem ich mich und meinen Lebenslauf mithilfe von Beratungszentren und Freunden

Ich stehe zwischen Servierwagen und Dampfgarofen und versuche, die Bohnen aus dem Ofen zu nehmen. Die Garzeit ist abgelaufen, der Ofen gibt einen schrillen Piepston von sich, und ich muss den Behälter mit dem Gemüse schleunigst wechseln, weil es sonst welk wird. Prompt greife ich zu schnell in den Ofen und verbrenne mir am 100 Grad heissen Wasserdampf, der aus der Wanne entweicht, den Arm. Es zischt, aber an eine Behandlung ist nicht zu denken. Denn ich habe heute die Mittagsschicht, und das bedeutet: Ich bin dafür verantwortlich, dass die rund 15 Wannen mit Vegi- und Fleischmenus rechtzeitig nacheinander im Ofen angewärmt, dann als Reserve in den rückwärtigen Wärmewagen gestellt werden, damit uns vorne an der Front nicht die Ware ausgeht, wenn über 100 Leute ihr Mittagessen haben wollen. Der Mittagsdienst muss also im Auge haben, wieviel geliefert wurde, was wann aufgewärmt und was rechtzeitig aus der Hauptküche nachbestellt werden muss. Das Ganze muss zwischen vier Stationen hin und Anders gesagt: Nach rund 300 erfolglosen Bewerbungen war ich her gewuchtet und geschoben werden und bereit, fast alles zu machen. auf die Minute gar sein. Dabei habe ich noch Glück: Mir steht heute Patrizia* zur Seite, eine 44-jährige Südamerikanerin, die schon seit Jahren in dem zum x-ten Mal optimiert hatte und dennoch keinen Job fand, bewarb ich Selbstbedienungs-Restaurant in einem grossen öffentlichen Betrieb armich schliesslich auf weniger qualifizierte Stellen. Anders gesagt: Nach beitet und die Öfen und die Abfolge gut beherrscht. Sie gibt mir Tipps, rund 300 erfolglosen Bewerbungen war ich bereit, fast alles zu machen. wie lange ich was aufwärmen und wann ich es herausnehmen muss. Die ständigen Standardabsagen zehrten an meinem Selbstwertgefühl, die lange Arbeitslosigkeit mit zwei Kindern an meinen Finanzen. Ein Ich bin eine Mogelpackung mittelmässiger Job würde schon ausreichen. Denn wenn ich keinen Job Der Arm schmerzt. Ich gehe im Kühlraum eine Salbe holen. Es muss habe, bekomme ich auch keine Kinderzulage vom Staat. schnell gehen: Meine anderen Kolleginnen packen zwar beim EssenAusteilen mit an, müssen aber dazu andere Arbeitsschichten mit weiteEine Viertelstunde Mittagspause ren Aufgaben abarbeiten: das Salatbuffet betreuen oder an der Kasse sitIm November bewarb ich mich als Weihnachtsaushilfe bei einer groszen und einkassieren, zum Beispiel. sen Buchhandelskette. Die Chefin und ihre Assistentin stellten mich Zwei meiner Vollzeitkolleginnen sind Gastronomie-Profis. Dann gibt sofort ein, wohl wissend, dass sie eine gut ausgebildete Fachkraft für es noch drei Frauen, die nur Teilzeit arbeiten, so wie ich. Darunter Careinen Apfel und ein Ei bekamen. Stundenlohn: 25 Franken brutto, Teilmen, die wieselflink ist und schon zwei Grosskinder hat. Carmen ist zeit. Egal. Nicht egal war hingegen, dass man den ganzen Tag an der vom strategisch anspruchsvollen Mittagsdienst genauso überfordert wie gleichen Stelle steht, an einem Verkaufstisch. Am ersten Tag organisierich, obwohl sie aus der Gastronomie kommt. Ich nicht. Ich bin eine Mote ich für meine 20 Jahre jüngere Kollegin und mich einen Hocker. Wenn gelpackung, die ihr Berufsleben bislang vor allem in einem Büro oder in man sechseinhalb Stunden auf derselben Stelle steht, bekommt man einem Verkaufsraum verbracht hat. Ich habe zwar vor rund 15 Jahren Rückenschmerzen. eine Weile in einem Café gearbeitet. Wenig Personal, späte Schichten, Wir wurden eingearbeitet. Drei Stunden Informationen, ein Ordner, mit viel Tempo auf den Beinen auch dort. Aber damals waren wir weitein Badge, um in die Personaltoilette zu kommen. Mir schwirrte der Kopf von den vielen Informationen. Im Laufe des nächsten Monats lernte ich das schöne Geschäft, in dem ich früher so gerne für meine Tochter gestöbert hatte, anders kennen. Die Gereiztheit der Kolleginnen, die den ganzen Tag im Lärm des Weihnachtstrubels stehen und Fragen beantworten, zum Beispiel. An den drei Kassen neben uns standen ständig 15 Leute an. Wir hatten bei einer Schicht von sechseinhalb Stunden genau eine Viertelstunde Mittagspause. Das reichte gerade, um in die Teeküche zu gehen und sich ein mitgebrachtes Brötchen reinzuschieben. Dabei durfte ich nach sechseinhalb Stunden gehen. Das feste Personal, darunter eine junge Chefin, war teilweise bis zu elf Stunden im Laden. Die Gereiztheit stieg. Es wurde gelästert, über die Chefin, über die Kollegen. Das gehört zu unterbezahlten Jobs mit überforderndem Pensum: Das Personal fängt an, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Es wird gelästert und gemobbt. Auf diese Weise verschafft man sich Luft. Es ändert sich so zwar nichts, aber es scheint dabei zu helfen, dass man irgendwie durchhält. Man ist sich auch nichts Besseres gewöhnt. Dabei hatte ich noch Glück. Ich würde ja nach vier Monaten wieder gehen können. Immerhin merkte die Chefin trotz des Stresses, den auch sie hatte, dass die Produkte bei mir weggingen wie warme Semmeln, weil ich gut mit den Kunden reden kann. Sie liess mich weitgehend in Ruhe.

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Heute schliesst das Selbstbedienungs-Restaurant ausnahmsweise früher, denn es gibt noch eine Abendveranstaltung. Und für diese dürfen wir nach der normalen Schicht noch aufbauen und servieren. Ein grosser, jovialer Mann kommt auf uns zu. «Ich bin der Herr Meyer, der Chef von Ihrem Chef.» Aha. Er ist für den Bankettservice der Firma zuständig und hat gute Laune. Sicher weiss er nicht, dass wir hier seit elf Stunden arbeiten und Sonderschicht machen. Ob wir ein bisschen weniger freundlich zu den Gästen sind, weil wir so gestresst sind, ist sicher nicht so wichtig. Es gibt tatsächlich Momente, da stören die Kunden nur: Zum Beispiel wenn ich wegen eines Kaffees von einem Ende des Restaurants an die Kasse gerannt komme, während ich eigentlich gerade etwas anderes machen müsste. Schade eigentlich, denn der Umgang mit den Gästen macht Spass. Das Paradoxe in der Dienstleistungshölle: Wird das Personal zu sehr ausgepresst, dann leidet eigentlich das Geschäft. Das scheint aber niemanden weiter zu stören. Der einzige Vorteil des Knochenjobs Bei der Abendveranstaltung hält jemand einen Vortrag. Mit dieser Frau hatte ich vor genau acht Jahren als Kommunikationsbeauftragte zu tun. Als ich ihr eines Mittags das Essen über den Servierwagen reiche, stelle ich fest, dass sie mich nicht erkennt. Diese Arbeit macht unsichtbar. Der einzige Vorteil in meinem neuen Knochenjob: Daheim, im eigenen Haushalt, werde ich wahnsinnig schnell. Am Tag nach meiner zweitägigen Wochenendschicht sauge ich daheim Teppiche wie eine Rakete. Meine Tochter wundert sich. «Und du kochst auf einmal so viel, Mama!»

Die Kunden waren alle ziemlich gebildete Leute. Es irritierte mich, dass Leute, mit denen ich vorher in anderen Jobs auf Augenhöhe verhandelt hatte, mich nun nicht mehr als Gesprächspartner wahrnehmen, sondern lediglich in meiner Funktion als Auskunftsperson. Willkommen in der Dienstleistungswelt: Die Kunden hören, was ich zu sagen habe, kaufen das Das gehört zu unterbezahlten Jobs mit überforderndem Pensum: Produkt, und dann drehen sie sich um und haDas Personal fängt an, sich gegenseitig das Leben schwer zu ben mich vergessen. Die Kunden sehen regelmachen. Es wird gelästert und gemobbt. recht durch mich hindurch. Man wird unsichtbar. Aber was erwarte ich auch? Ich fanStimmt. Der Haushaltskram, früher nicht gerade meine Domäne, geht ge an, mein eigenes Verhalten beim Einkaufen zu beobachten: an der mir nun schneller von der Hand, und in Erinnerung an Arbeitskollegin Denner-Kasse, im Café, im Fachgeschäft. Bin ich als Kundin genauso Johanna, die wie eine Maschine arbeitet, lasse ich nichts mehr liegen. achtlos? «Keine Wege mit leeren Händen!» Sofort hebe ich alles auf, sammle Wäsche ein, wische Tische ab, poliere Besteck, warm. In einem HöllenDie Wahl der Qual tempo. «Vielleicht wird aus dir ja doch noch mal eine richtig gute HausKurz vor Weihnachten erhielt ich einen Anruf. Ob ich noch Interesse frau», sagt mein Freund sehnsüchtig. Mag sein. Aber nicht am Dampfan dem Gastronomie-Job hätte, für den ich mich beworben hatte? Dann garofen. Die Wunde am Arm ist mittlerweile aufgeplatzt. müsse ich aber sofort anfangen, im Januar. Ich hatte also die Wahl zwi■ schen einem befristeten Job im Stundenlohn, der nach einem Monat vorbei sein würde, und einer ebenfalls befristeten Anstellung in einem * Alle Namen geändert, auch jener der Autorin Knochenjob, allerdings für ein ganzes Jahr und mit allen Sozialleistungen. Ich war von der Arbeit und dem Weihnachtsrummel so mürbe, dass ich gar keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Aber hatte ich wirklich eine Wahl? Ich sagte zu. «Was glaubst du, wieviele Leute hier probearbeiten gekommen sind», sagt Patrizia zu mir, «es kamen sogar Männer, die den 30-Prozent-Job wollten!» Immerhin handelt es sich um einen der grössten Arbeitgeber der Stadt, mit guten Sozialleistungen, Personalrat, Einkaufsvergünstigungen. Am Tag, als wir die Einführungsveranstaltung für neue Mitarbeitende haben, sinke ich in meinem Stuhl zusammen. Die Personaldirektoren halten einen Imagevortrag und plaudern in freundlichem Moderatorengeplänkel über das Unternehmen. Beim anschliessenden Apéro schleiche ich sofort ab. Unter normalen Umständen wäre ich auf die Verantwortlichen zugegangen, hätte mich vorgestellt und bedankt. Aber was soll ich jetzt sagen, wenn sie fragen, wo ich anfangen werde? In der Cafeteria? Für weniger als die Hälfte an Gehalt? Weil ich sonst vorher in ihrem Haus nur Absagen bekommen habe? Wo ich vor zwei Jahren für die Kommunikationsabteilung eine riesige Ausstellung organisiert habe? Wo aber jetzt keine Stelle mehr frei ist? Dann wird jemand merken, dass ich am falschen Ort bin, wo ich doch woanders viel mehr für das Haus leisten könnte. Mogelpackung. Ich verdrücke mich schnell. SURPRISE 322/14

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CHRISTOPH MERIAN STIFTUNG

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Hat Thomas Kessler Basel gezeigt: Surprise-Stadtführer Rolf Mauti am Bahnhof.

Stadtrundgang Näher dran Die Nutzung des öffentlichen Raums ist ein Dauerbrenner. Thomas Kessler, Leiter der Basler Stadtentwicklung, hat auf dem Surprise-Stadtrundgang gesehen, was sich getan hat – und was zu tun bleibt.

VON THOMAS KESSLER (TEXT) UND KATHRIN SCHULTHESS (BILD)

In einer Zeit der virtuellen Welten und elektronischen Echtzeit-Kommunikation besteht das Risiko, die Welt vor der eigenen Nase nicht mehr klar zu sehen. Die gespielten Freuden und Nöte von TV-Stars sind vielen vertrauter als das Leben der Nachbarn oder der eigenen Verwandten. Auch der Kontakt zu den Ämtern, Banken, Post und anderen Servicestellen wird immer abstrakter. Viele wissen gar nicht mehr, wie ihr Pöstler aussieht, und die Hälfte der Wohnungen in den Schweizer Städten wird inzwischen von einer Person allein bewohnt. Der angebli-

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che Dichtestress ist in Wirklichkeit das Gefühl der Anonymität in einer auf Effizienz getrimmten Wohlstandsgesellschaft. Der Soziale Stadtrundgang gehört zu den Gegenkräften, die Menschen direkt mit Menschen in Verbindung bringen wollen. Das tun neben den traditionellen Vereinen auch die Urban-Gardening-Freunde und andere Vernetzer, doch der Soziale Stadtrundgang ist von besonderer Qualität. Die Stadt mit anderen Augen sehen, die Orte der Benachteiligten, das Engagement der Betroffenen und Helfenden, das Zusammenspiel von Behörden, Stiftungen, Freiwilligen und Hilfesuchenden – all das kompakt und direkt von Menschen zu erfahren, die selbst zu den SURPRISE 322/14


heit im öffentlichen Raum» zu erarbeiten. Dieses liegt nun vor und erObdachlosen gehören oder gehörten, macht den Rundgang zu einem klärt, was die vielfältige Stadt mit ihrer heterogenen Gesellschaft, den Muss – gerade für mich und meine Mitarbeitenden der Kantons- und unterschiedlichen Bedürfnissen und verschiedenen Ansprüchen will. Stadtentwicklung Basel-Stadt. Wir befassen uns mit der GesamtentDas Konzept verzichtet bewusst auf neue Regeln und Staatsinterventiowicklung dieser Stadt und ihren vielen Einzelbereichen, insbesondere nen, es setzt stattdessen auf die Kräfte der Zivilgesellschaft und ist ein auch den gesellschaftsbezogenen. Alle Bewohnerinnen, Gäste und Anstoss zu einer breiten Diskussion über das selbst- und mitverantPendler machen die Stadt aus und geben ihr ihren Charakter. Und alle wortliche Zusammenleben im öffentlichen Raum. Vier Leitsätze wurden haben ihre Bedürfnisse, Orte und Sehnsüchte. Dabei ist der Umgang mit dazu erarbeitet: 1. Der öffentliche Raum gehört allen. 2. Er ist vielfältig den Schwächsten und Benachteiligten ein wichtiger Indikator für den nutzbar. 3. Er ist sicher und gepflegt, und 4. Er macht die Stadt grün. Zustand der gesamten Gesellschaft. Öffentliche Räume sind also für die ganze Bevölkerung unabhängig Deshalb haben wir, das Team der Kantons- und Stadtentwicklung Baihres Geschlechts, ihres Alters und ihrer Herkunft als Lebensraum nutzsel-Stadt, uns von Surprise durch Basel führen lassen. bar, müssen dazu (vor allem für die Betagten, Kinder und Frauen) sicher Tour 1 des Sozialen Stadtrundgangs dreht sich um den konfliktiven und gepflegt sein und von den Einzelnen oder Gruppen so genutzt werBegegnungsort Bahnhof. Hier treffen Stadtbewohner auf Touristen, Beden, dass niemand ausgegrenzt oder übermässig gestört wird. schäftigte auf Arbeitslose und Gehetzte auf Müssiggänger. Wir starteten bei der Offenen Kirche Elisabethen, wo Freiwillige Lebensmittel (nahe am Ablaufdatum) Eine Stadt ist ein sensibler Organismus, jede Veränderung verteilen. Dann erhielten wir in zwei Einrichan einem Ort hat Auswirkungen auf andere Punkte im Netz tungen an der Wallstrasse einen Einblick in der Strassen, Plätze und Parks. das «Wohnzimmer» der Obdachlosen. Dort können sie ruhen, essen, waschen und arbeiDie Begegnungen am Surprise-Stadtrundgang haben Diverses aufgeten. Im Austausch dreht sich viel um das tägliche Überleben. Abzeigt. Erstens arbeiten viele Armutsbetroffene gerne und wollen Verantschliessend machten wir uns auf den Weg zur Wärmestube Soup&Chill wortung übernehmen. Zweitens beachten auch Obdachlose, Drogenabhinter dem Bahnhof, vorbei an versteckten Schlafplätzen, teuren Toilethängige und andere Betroffene innerhalb ihrer Gruppen gewisse Verten und abmontierten Bänken. haltensregeln, um miteinander und mit den Passanten auszukommen. Und drittens: Die bereits bestehenden Arbeitsangebote sind zwar beSchlaflose Nächte achtlich, trotzdem könnten noch mehr Arbeitsuchende gerade in die Tour 2 führt ins Kleinbasel, vom Notschlafplatz zur Kleiderkammer Pflege des öffentlichen Raums und der Grünräume einbezogen werden. der Betroffenen. Manche müssen täglich überlegen, wo sie die nächste Diese sinnvolle Beschäftigung hat positive Effekte – für die Arbeitenden Nacht verbringen und wie sie die nächste Mahlzeit oder ein Paar neue wie auch für die Nutzenden der (noch besser) gepflegten Räume. BeSchuhe bekommen. Die Stadtführer erzählten von schlaflosen Nächten hörden und Wirtschaft bleiben diesbezüglich weiter gefordert. in der Notschlafstelle, vom ersten Kaffee am Morgen in der Gassenküche, von geschenkten Pullovern aus dem Caritas-Kleiderladen oder vom Wildkraut im Rübenfeld Kampf um jeden Rappen bei der Schuldenberatungsstelle Plusminus. Gefordert bleiben jedoch auch wir alle – und zwar im notwendigen Eine Praktikantin aus unserer Abteilung fasste ihre Eindrücke so zuDiskurs im Spannungsfeld von Vielfalt und Einheit der Gesellschaft. sammen: «Die Surprise-Stadtführer vermitteln uns als Direktbetroffene Echte Toleranz lässt sich nämlich nicht auf einzelne Bevölkerungsteile einen unmittelbaren Zugang zu ihrem Leben und ihrer Situation. Die beschränken, auch Mitverantwortung nicht. Ohne aktives Engagement Leiter der Rundgänge waren beide sehr kompetent, und die Arbeit als für diese Werte keimen Ressentiments, Projektionen und FremdenfeindStadtführer gibt ihnen Würde und Selbstbewusstsein. Gefallen hat uns, lichkeit wie das Wildkraut im ungepflegten Rübenfeld. Wenn kurz nach dass wir die bekannten Basler Institutionen vor Ort erleben und ihre der Abstimmung zur Einwanderungs-Initiative linke Aktivisten an einer Klientel kennenlernen konnten. Als Erkenntnis geblieben ist mir zum Gant in Riehen «Expats go home»-Tafeln in die Luft halten; wenn erste Beispiel die Tatsache, dass es in Basel 240 Obdachlose gibt.» Umfragen zur Ecopop-Initiative zeigen, dass ein Drittel der Grünen SymFür mich und andere «alte Hasen» unserer Abteilung waren die Rundpathien für die Mischung von Abschottungs-, Bevölkerungs- und Umgänge ein spannendes Update. Das Zusammenspiel der Tages- und weltpolitik hat, bleibt noch sehr viel zu reden und zu tun. Nachtstrukturen, mobilen und stationären Unterstützungen und zwiWie das vorbildlich gemacht wird, zeigt der Soziale Rundgang. schen sozial Tätigen und Polizei, SBB, Grossverteilern und weiteren ■ Partnern hat ein beachtliches Niveau. Die Bereitschaft für die teilweise schwierigen Aushandlungsprozesse ist gross. So konnte zum Beispiel die Situation am Bahnhof beruhigt werden. Es kommt nur noch selten zu Reklamationen. Das war vor einigen Jahren noch anders, Zoff zwischen Betrunkenen oder Ärger mit aufdringlichen Bettlern sorgten für Gesprächsstoff und viel Vermittlungsarbeit. Die sensible Stadt Doch eine Stadt ist ein sensibler Organismus, jede Veränderung an einem Ort hat Auswirkungen auf andere Punkte im Netz der Strassen, Plätze und Parks. Auch sozial eingestellte Personen beschweren sich, Randständige würden beispielsweise den zentralen Claraplatz zu gewissen Zeiten geradezu dominieren. Die Nutzung des öffentlichen Raums ist in allen Städten ein Thema. Der Schweizerische Städteverband hat dazu die Arbeitsgruppe «Zentrum öffentlicher Raum» (ZORA) gegründet, und im Kanton Basel-Stadt wurde unsere Abteilung beauftragt, zusammen mit allen involvierten Stellen ein «Konzept zur Steigerung der Lebensqualität und der SicherSURPRISE 322/14

Thomas Kessler ist seit 2009 Leiter der Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt. Davor war er während 18 Jahren zuerst Drogendelegierter, dann Migrationsdelegierter des Kantons Basel-Stadt. Kessler ist zudem Mitglied der Eidgenössischen Kommissionen für Kinder- und Jugendfragen EKKJ und für Drogenfragen EKDF. www.entwicklung.bs.ch

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Fremd für Deutschsprachige Sehen und gesehen werden Was ist der erste Ort, der Ihnen beim Wort Kindheit einfällt? Bei mir ists der Aldi. Das heisst, erst der Rücksitz des Familienautos, das sich durchs Klettgau schlängelt, den Grenzübergang Trasadingen-Erzingen passiert und zum Halten kommt auf dem weiten Aldiparkplatz. Denn wir fuhren früher fast jeden Samstag zum Grosseinkauf rüber nach Deutschland. Meine Eltern vermochten es nicht, unsere drei Mäuler nur mit teuren Schweizer Nahrungsmitteln zu stopfen. Also gings ins Tüütsche, wie die Hallauer es nannten, um unsere Bestände an Öl, Milch, Fruchtsafterzeugnis usw. aufzufüllen. Mein Vater nahm jeweils CoopTaschen mit, um die Ware zu verstauen. Einerseits, weil er die 5×20 Pfennige für die Säcke, die sie dort Tüten nannten, sparen wollte,

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andererseits, um den missbilligenden Blicken einiger Nachbarn zu entgehen. Die mochten es nämlich nicht, wenn die Ausländer der Schweizer Wirtschaft ihr Geld vorenthielten. Ertappte man sie dabei, wie sie selbst via Aldi in den deutschen Markt investierten, drehten sie die Köpfe so flink weg, dass man die Verfolgung aufnehmen musste, um sein «Grüezi, Herr Gasser!» zu platzieren. Etwas, das sonst erwartet wurde, gerade von Ausländern. Den Aldi betreten, hiess eintauchen in einen ganz eigenen Kosmos aus Kühlregalen, Kartonboxen und gelben Preisschildern voller beglückend kleiner Zahlen. Meine Geschwister und ich flitzten durch die Gänge und überprüften, ob wirklich jeder Preis mit ,99 aufhörte. Unter dem Neonlicht drehte die Kundschaft ihre Runden: Eine Frau mit dicker Brille und Kopftuch langte tief in eine Kartonschachtel und zog ein Netz Tarocco-Orangen heraus. Ihre Enkelin schaute vom Kindersitz des Einkaufswagens aus einer wasserstoffblonden Turmfrisur nach. Ein Verkäufer mit schlechtem Hautbild blieb dynamisch stehen, als er von einem kurzhaarigen Ehepaar nach den Sprinkleranlagen für 29,99 gefragt wurde, die sie im Prospekt gesehen hatten. Ans Äussere des Aldi-Kunden, der mir am besten im Gedächtnis geblieben ist, kann ich mich am wenigsten erinnern. Ich weiss nur: Seine Haut war schwarz. Ich sah ihn bei den Peperoni und Kartoffeln stehen und dachte so-

fort an Sklaverei. In einem Dokumentarfilm hatte ich von den Schiffen und Ketten, von all dem Unfassbaren erfahren. Nun, da ich erstmals seither einen schwarzen Menschen sah, fühlte ich mich kläglich in meiner weissen Haut. Ich traute mich nicht, zu ihm hinzuschauen, weil er sonst bestimmt dachte, ich glotzte, weil ich Schwarzsein nicht normal fand. Dann fiel mir ein, dass er womöglich den Eindruck erhielt, ich ignorierte ihn, weil ich etwas gegen Schwarze habe. Also schaute ich doch, bemüht um natürliche Freundlichkeit im Blick – besann mich aber gleich wieder anders. Ich befürchtete, er könnte denken, ich wollte ihn mit meinem läppischen Lächeln für die Versklavung seines Volkes entschädigen. Ich sah ein, dass ich völlig unfähig war, und liess den Mann zurück bei den Kartoffeln. Wieder neben den Eltern, die schon an der Kasse standen, fragte ich, ob wir mitschuldig seien an der Sklaverei. Doch sie hörten mich nicht. Die beiden schwitzten beim Versuch, mit dem rasenden Tempo der Kassiererin mitzuhalten, und schaufelten die abkassierte Ware im Akkord in die Coop-Säcke.

SHPRESA JASHARI (SHPRESAJASHARI@HOTMAIL.COM) ILLUSTRATION: RAHEL NICOLE EISENRING (RAHELEISENRING.CH) SURPRISE 322/14


Fumetto Nachwuchs für den Comic FUMETTO 2013/MONICA TAROCCO

Alleine von ihren Werken können in der Schweiz nur sehr wenige Comiczeichner leben. Nun fördern fünf Schweizer Städte das Genre und vergeben am Comic-Festival Fumetto in Luzern erstmals gemeinsame Stipendien.

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Ziel des internationalen Comic-Festivals Fumetto sei es, frische Positionen zu zeigen, sagt Anette Gehrig, seit 2008 Leiterin des Cartoonmuseums Basel: «In Luzern bekommt man präsentiert, woran neue Zeichnerinnen und Zeichner arbeiten.» Heuer gibt es etwa Werke der Schweizerin Peggy Adam zu sehen, die 2007 den Durchbruch mit ihrer Graphic Novel «Luchadoras» schaffte und mit ihren Comics nicht zuletzt die Stellung der Frau untersucht. Oder Objekte des Südafrikaners Robin Rhode; er verbindet Streetart mit Performance und Fotografie. «In diesem Jahr steht am Fumetto auch das Thema Vermittlung im Vordergrund», sagt Gehrig. Und damit das Beispiel Finnland. «Dort wird der Comic stark gefördert, auch über die Landesgrenzen hinaus.» Und das überaus erfolgreich. Nun möchte man auch in der Schweiz einen Schritt in diese Richtung unternehmen: mit den Comic-Stipendien der Städte Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur und Zürich, die im April am Fumetto erstmals vergeben werden. In der Jury, die ein Hauptstipendium in der Höhe von 30 000 Franken und ein mit 15 000 Franken dotiertes Förderstudium vergibt, sitzt auch Anette Gehrig. Sie ist davon überzeugt, dass die finanzielle Unterstützung einem nötigen ersten Schritt gleichkommt. «Comic-Schaffende müssen gefördert werden, um überhaupt künstlerisch tätig sein zu können.» Denn Comics sind ähnlich arbeitsintensiv wie Romane und müssen in der Regel vorfinanziert werden. Was erklärt, weshalb nur sehr wenige Zeichner von ihren Veröffentlichungen leben können – so wie die Romands Derib («Yakari») oder Zep («Titeuf»). Die Deutschschweizer Comic-Szene besitze einiges an Potenzial, betont Gehrig. Für Peter Haerle, Direktor der Dienstabteilung Kultur der Stadt Zürich, ist klar, dass man die Gattung schon längst nicht mehr als «Schund» abtun kann. In den Jahren 2004 bis 2011 vergab Zürich – und das als einzige Schweizer Stadt – ein Comic-Werkjahr. Dieses wurde laut Haerle sehr geschätzt und: «Es hat mitgeholfen, den Bereich Comic zu stärken.» Dennoch hat man dem Comic-Werkjahr ein Ende bereitet. Aus der Einsicht heraus, dass die einzelnen Comic-Szenen hierzulande letztlich zu klein sind. «Mein Anliegen war es, eine breiter abgestützte Lösung zu finden», so Haerle – gefunden wurde sie im Zusammenschluss von mehreren Städten. Teilnahmeberechtigt waren Autorinnen und Autoren, die klassische oder auch experimentelle Formen des Mediums Comic berücksichtigen: «Das Genre Comic ist eine Kunstform, die zwischen der bildenden Kunst und der Literatur angegliedert ist», sagt er.

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VON MICHAEL GASSER

Hierzulande ist Potenzial vorhanden: Werke des Westschweizer Künstlers Exem.

Anette Gehrig formuliert es so: Der Comic sei eine sequenzielle Kunst, bei der es darum gehe, Bild mit Text zu verbinden. Und dabei eine Geschichte zu erzählen. Gross im Trend sind momentan die Graphic Novels. Geprägt wurde der Begriff schon in den 60er-Jahren vom amerikanischen Comic-Zeichner Will Eisner («The Spirit»). Mit der Bezeichnung will man vor allem einen Anspruch auf Tiefe und literarischen Gehalt geltend machen. Ein anderer Trend sind gemäss Gehrig digitale Comic-Veröffentlichungen. «Aber nach wie vor sind viele Zeichnerinnen und Zeichner am Kunsthandwerk interessiert – von der klassischen Umsetzung bis zu experimentellen Formen.» Schön sei jedenfalls, dass sich heutzutage auch Publikationen wie das Art-Magazin trauen, dem Comic einen Platz einzuräumen. Ein weiterer Beweis dafür, dass sich das Genre etabliert hat. Dass der Comic in den vergangenen 20 Jahren deutlich an Stellenwert gewonnen hat, führt Gehrig auch auf die Einführung diverser Hochschulausbildungen zurück. Zwar würde sie den Zeichnern noch ein Mehr an Publikationsmöglichkeiten wünschen, aber sie stellt fest: «Auf Gebieten wie der Animation oder Illustration werden jährlich neue Talente entdeckt und gefördert.» Jedenfalls hat sich dadurch bereits eine ziemlich rege Szene entwickelt. Und mit den Eingaben für die Stipendien zeigt sich auch Peter Haerle sehr zufrieden. Zu den Gewinnern darf er momentan nur soviel verraten: «Ein guter Anfang!» ■

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Kultur

Es gibt so viel zu tun. Aber man muss nicht.

Im Dilemma: Der Mönch und die moderne Medizin.

Buch Mit Schildkröten spazieren

DVD Eine Form von Reinkarnation

«Das Buch der hundert Vergnügungen» singt ein Loblied auf die einfachen Freuden, die keinen Rappen kosten.

Der junge indische Regisseur Anand Gandhi stellt in seinem Film «Ship of Theseus» die Frage: Sind die Menschen nach einer Organtransplantation noch dieselben?

VON CHRISTOPHER ZIMMER VON THOMAS OEHLER

Es ist nicht zu leugnen: Die Spass- und Zerstreuungsindustrie ist ein Milliardengeschäft, Freizeitfreuden sind ein teures Vergnügen, und wer nicht mithalten kann, wird zum Aussenseiter. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass es nicht anders zu gehen scheint. Das Angebot überzüchtet auch hier die Nachfrage, und allzuoft bleibt nach der Happy Hour ein schaler Geschmack im Mund zurück. Dan Kieran und Tom Hodgkinson behaupten: Das muss nicht so sein. Dagegen zu rebellieren, dem Schuften und Shoppen, den Zwängen von Status- und Konsumzwang zu entkommen, sei leichter als gedacht. Es genügt eine schlichte Rückbesinnung auf das, was vor diesem Terror Selbstverständlichkeit war, die Augen zu öffnen für die Fülle an Vergnügungen, die uns umgibt und die vor allem eines ist: kostenlos zu haben. Das sind, so die beiden Autoren, oft die besten Dinge im Leben. Und wirklich: Die Liste, die sie in ihrem «Buch der hundert Vergnügungen» aufzählen, scheint schier unerschöpflich zu sein. Und löst ein beständiges Aha-Erlebnis aus. Weil wir ja eigentlich alles selber wissen und auch durchaus machen würden, wenn wir die Musse dazu hätten. Doch ohne das geht es nicht, denn Müssiggang ist hier aller Tugenden Anfang, all der kleinen und dabei so köstlichen Vergnügungen, die uns unter den Sternzeichen von Liegestuhl und Hängematte erwarten, und mit denen wir uns die Zeit, die uns gehört, aus der Hektik zurückstehlen können: stöbern und kritzeln, plaudern statt chatten, Briefe schreiben und Gedichte lesen, Sex am Morgen oder auf dem Klo sitzen, Luftpolsterfolie platt drücken, das Fliessen eines Flusses oder Wolken beobachten, im Freien unter den Sternen schlafen, mit Schildkröten gemächlich spazieren gehen … und überhaupt in allem ein bisschen mehr unseren Launen und Impulsen folgen und ja nichts auf den St. Nimmerleinstag verschieben, sondern es machen, am besten gleich. Aus diesem Handbuch für Träumer und Baumhaus-Bewohner kann sich jeder seine Lieblinge herauspicken – oder eigene hinzufügen. Zum Beispiel: Müssig in diesem Buch blättern. Dan Kieran & Tom Hodgkinson: Das Buch der hundert Vergnügungen. Rogner & Bernhard 2013. 27.90 CHF

Es ist ein altes philosophisches Gedankenexperiment: Bleibt das Schiff des antiken Helden Theseus noch dasselbe, wenn alle seine Teile ausgetauscht worden sind? Regisseur Anand Gandhi überträgt das Motiv auf die moderne Medizin. Die junge Blinde schiesst mithilfe von Gehör, Technik und Freund Fotos von hohem künstlerischem Wert und wird von den Kritikern gelobt. Als sie neue Augen bekommt, gerät ihre Kreativität in eine Krise. Der streng vegan lebende Mönch, intellektuell und spirituell von vielen geachtet, befindet sich im Kampf gegen medizinische Tierversuche. Doch ihm wird eine Leberzirrhose diagnostiziert und eine Lebertransplantation empfohlen – wobei er just von derjenigen Medizin abhängig wird, die er bekämpft. Aus diesem Dilemma sieht er nur einen radikalen, aber letztlich erfolglosen Ausweg. Einem jungen Börsenmakler wiederum musste die Niere ausgetauscht werden. Kaum von der Operation genesen, lernt er einen mittellosen Mann kennen, dem die Niere illegal entfernt wurde. Und plötzlich erwacht in ihm, der bis anhin nur an Geld interessiert war, ein Gefühl sozialer Verantwortung. Er beschliesst, dem Mann zu helfen. Man kann im Dienst von etwas scheinbar Höherem (beispielsweise der Kunst, Ethik, Ökonomie) und trotzdem sehr ich-bezogen sein. So wie diese drei Menschen vor der Operation. Dann zwingt sie diese, von ihrem Egoismus abzukommen und jemand anderer zu werden, als sie früher waren. Es geht in Gandhis Film nicht nur um Fragen der Identität. Er beschäftigt sich auch mit Religion, Tod, Verlust, Liebe und mit politischen Themen wie Organhandel und Korruption. Ein Rundumschlag beinahe, der umso beachtlicher ist, als die Themen auf hohem, doch zugänglichem Niveau behandelt werden. Dass einem dank der fast dokumentarischem Schönheit der Bilder auch noch die indische Lebensweise vermittelt wird, ist ein zusätzliches Plus. Gandhis erster Langspielfilm gewann Preise an etlichen internationalen Festivals und wurde am Toronto International Film Festival 2012 als «versteckter Edelstein des Jahres» gepriesen. Anand Gandhi: «Ship of Theseus», Indien 2012, 140 Min., Aida Elkashef, Sohum Shah, Neeraj Kabi u.a., nur Englisch/Hindi mit englischen UT. Mit freundlicher Unterstützung von Les Videos, Zürich. www.les-videos.ch

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BILD: ISTOCKPHOTO

Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Hält Unheil vom Menschen fern: Bärlauchpesto.

Piatto forte Gestärkt in den Frühling Der Bärlauch ist ein Bote des Frühlings. Vermutlich heisst er so, weil die Bären sich nach dem Winterschlaf damit vollgefressen haben sollen, um wieder zu Kräften zu kommen. VON TOM WIEDERKEHR

Was dem Bären gut tut, kann dem Menschen nicht schaden. Tatsächlich hatte der Bärlauch im Mittelalter als Medizinpflanze den Ruf, ganz grundsätzlich Unheil vom Menschen abzuwenden. Ob das an seinem hohen Anteil an Alliin – einer schwefelhaltigen Aminosäure, wie sie auch im Knoblauch vorkommt – liegt, ist nicht bekannt. Aber immerhin diente in früheren Zeiten auch der Knoblauch der Abwehr unterschiedlichster unliebsamer Besucher. Heute weiss man um die antibakterielle Wirkung des Bärlauchs. Noch viel bekannter ist er allerdings für seinen prägnanten Geschmack, welcher ihn zu einer vielseitig einsetzbaren Gemüse- und Gewürzpflanze in der Küche macht. Auch die Lebensmittelbranche ist mit ihrer Suche nach neuen Geschmackserlebnissen und dem Trend zur Ursprünglichkeit folgend auf den Bärlauch gekommen. Von Brot und Weichkäse über die Bratwurst bis hin zur Suppe: Kaum ein Lebensmittel ist davor gefeit, mit Bärlauch parfümiert zu werden. Dabei eignet sich Bärlauch vor allem für die rohe Zubereitung, da sich bei Hitzeeinwirkung die schwefelhaltigen Stoffe verändern und den typischen Geschmack verlieren. Eine ideale Verwendung findet der Bärlauch also als Gewürz in kalten Saucen. So lässt sich zum Beispiel eine frisch gemachte Mayonnaise mit etwas fein geschnittenen Bärlauchblättern zu einer aromatischen Begleitung von Spargeln oder einem weissen, festen Fisch wie Kabeljaufilet variieren. Ein wirklich aromatischer Höhepunkt ist jedoch ein Bärlauchpesto: 100 Gramm frisch geerntete Bärlauchblätter mit 80 Gramm leicht angerösteten Pinienkernen und 60 Gramm fein geriebenem reifem Parmesan im Mörser fein zerreiben. Mit etwas Salz und Pfeffer würzen, mit zwei Teelöffel Zitronensaft abschmecken und einem Deziliter bestem Olivenöl auffüllen. Das passt nicht nur perfekt zu Pasta, sondern gibt als Begleitung auch Fleisch oder Weichkäse eine frühlingshafte Note.

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Balz Amrein Architektur, Zürich

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Supercomputing Systems AG, Zürich

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Kultur-Werkstatt – dem Leben Gestalt geben, Wil SG

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Schluep Degen Rechtsanwälte, Bern

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Anyweb AG, Zürich

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A. Reusser Bau GmbH, Recherswil

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Verlag Intakt Records, Zürich

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Hotel Basel, Basel

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Homegate AG, Zürich

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Balcart AG, Therwil

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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applied acoustics GmbH, Gelterkinden

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Privat-Pflege, Hedi Hauswirth, Oetwil am See

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Hofstetter Holding AG, Bern

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Bachema AG, Schlieren

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fast4meter Bern, Storytelling & Moderation

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Fischer & Partner Immobilien AG, Otelfingen

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Oechslin Architektur GmbH, Zollikerberg

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Thommen ASIC-Design, Zürich

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mcschindler.com, PR-Beratung, Redaktion, Corporate Publishing, Zürich

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

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VXL Gestaltung und Werbung AG, Binningen

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Proitera GmbH, Basel

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advocacy ag, communication and consulting, Basel

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Bezugsquellen und Rezepte: http://piattoforte.ch/surprise

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Man kann nicht alles auf einmal tun, aber man kann al-

BILD: ZVG

BILD: ZVG BILD: MARIE-ELSA SGUALDO 2012

Ausgehtipps

Kunstgenuss und Herumhängen in der Serini-Garage.

Sonntagsspaziergang oder düstere Machenschaften?

Bern Flüchtiges Vergnügen

Basel Augenblicke

Co-Labor ist ein «nomadisches Format», betrieben von drei Berner Kunststudentinnen. Sie wollen in Zwischennutzungen «Raum für Austausch, Belebung und Vernetzung» bieten. Dies haben sie letztes Jahr an der Seftigenstrasse getan, nun sind sie kurzzeitig in die Serini-Garage in der Lorraine eingezogen. Das Co-Labor soll nicht nur ein Ort zum Arbeiten und Experimentieren sein, sondern es soll auch reger Austausch stattfinden: jeweils dienstags ist ein öffentlicher Event angesagt – sei es Grillieren und Karten- oder Brettspielen, ein Auftritt der Improvisations-Wortakrobatinnen Sisters Funky Tongue oder ein südamerikanischer Filmabend. Co-Labor ist ein flüchtiges Vergnügen, schon für Anfang Mai ist der Abriss der Garage angekündigt. (fer)

Di, 29. April, südamerikanischer Filmabend mit Essen,

Der Augenblick ist genau – jetzt. Er ist auch ein Moment des Übergangs, in dem ein gegenwärtiges an ein neues Jetzt anschliesst. Und das Erhaschen dieses Augenblicks macht vielleicht die Faszination von Fotos aus. In der Lücke dazwischen oder auf dem Bild selber, davor und dahinter liegen Geschichten begraben. Die Schauspielerin Serena Wey und die Autorin Corina Lanfranchi haben also viele alte, anonyme Fotografien zusammengesucht und sie zwölf Autoren übergeben. Bei ihnen sind die Geschichten aus den Bildern herausgekrochen. Serena Wey und Jörg Schröder lesen sie an der Textvernissage vor, und man kann sie dort auch als Sonderblatt mitnehmen. Mitgeschrieben haben die Schweizer Buchpreisträgerin Ilma Rakusa («Mehr Meer»), Jan Lurvink («Windladen»), Markus Ramseier («Vogelheu») und Fantasy- und Kinderbuchautor Christopher Zimmer («Die Lichter von Thalis»), der uns regelmässig mit Literaturtipps beglückt. (dif)

jeweils ab 18 Uhr (Tür) resp. 20 Uhr (Beginn Veranstal-

Textvernissage, Fr, 4. April, 20 Uhr, TheaterGarage

tungen), Serini-Garage, Platanenweg 4, Bern.

Basel, Bärenfelserstrasse 20/Hinterhof.

les auf einmal lassen.

Auf Tour Die, die immer zu kurz kommen Sie kommen oft etwas zu kurz, die Kurzfilme. Sie reichen nicht für einen ganzen Kinoabend. Und bis ihnen jemand einige mehr ihrer Sorte zur Seite stellt, die zu ihnen passen, braucht es Aufwand. Den leistet Swiss Films nun zum zwölften Mal und bringt die KurzfilmnachtTour in 23 Deutschschweizer Städte. Da gesellen sich Western und Animationsfilme zu festivalerprobten Schweizer Kurzfilmen – und zwar nicht irgendwelchen. «Man kann nicht alles auf einmal tun, aber man kann alles auf einmal lassen» feierte in Cannes Premiere. «Noah» wiederum wurde von der Huffington Post kürzlich als «Citizen Kane» des FacebookZeitalters bezeichnet, jetzt ist er im Programmblock zum Thema «Generation Handy» zu sehen. Auch andere aktuelle Themen wie die schwul-lesbische Regenbogenfamilie stemmen die Kurzen. Daneben gibt es Kurioses wie den Museumswächter in «Rat de marée», der jeden Tag umgeben von ausgestopften Tieren arbeitet. Oder den ruppigen Showhypnotiseur Alfonso aus dem gleichnamigen Film, der am lokalen Talentwettbewerb noch einmal seine Künste zur Schau stellen will. (dif)

Co-Labor, Di, 1. April, Konzert: Di, 8. April, Grill& Spiel; Di, 15. April, Sisters Funky Tongue; Di, 22. April, Textmaschine mit Tyna Fritschy und Geneva Moser;

www.theatergarage.ch

Anzeigen:

«Kurzfilmnacht-Tour 2014», Fr, 28. März bis Sa, 24. Mai, in Basel, Chur, Baden-Wettingen, Aarau und vielen anderen Städten. www.kurzfilmnacht-tour.ch

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BILD: LUCIAN HUNZIKER

Anzeige:

Basel ist süss! Stadtoriginal –minu liebts pink.

Basel Tout Bâle vor der Linse Wenn Sie regelmässig Surprise lesen, kennen Sie Lucian Hunziker, der oft für uns fotografiert. Die letzten zwei Jahre arbeitete er auch an seinem Projekt «Basel in Portraits», für das er Tout Bâle ablichtete, wie die Promis in Basel heissen. 59 von ihnen inszenierte er im Stil von verschiedenen Fotokünstlern der letzten 150 Jahre: –minu à la David La Chapelle, Tanja Grandits à la Clifford Coffin u.s.w. So ist ein künstlerisches Who’s Who der Basler Promi-Szene entstanden. (fer) Lucian Hunziker: «Basel in Portraits», Ausstellung Mi, 9. April bis So, 20. April, Querfeldhalle Gundeldingerfeld, Basel. Buchbestellung unter www.lucianhunziker.com

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Verkäuferporträt «Ich bin richtig hungrig nach Arbeit» Tesfamikael Hailemikael (36) aus Eritrea verkauft Surprise im Berner Sulgenbach-Quartier. Jeden Tag joggt er auf den Hausberg der Hauptstadt. Seine Suche nach einer festen Stelle steckt in einem Teufelskreis fest.

«In den ersten drei Jahren in der Schweiz lief alles gut. Kurz nach der Ankunft im Empfangszentrum Basel Anfang 2008, wo ich den Asylantrag stellte, wurde ich nach Interlaken transferiert. Mir gefällt die Gegend dort sehr. Berge sind mir auch nicht fremd, in meiner Heimat Eritrea gibt es viele Berge. Nach einem Jahr bekam ich den Ausweis F für vorläufig aufgenommene Flüchtlinge und eine eigene Wohnung in Bern. Ich besuchte mehrere Deutschkurse und erhielt die Möglichkeit, in der Metallwerkstatt des ‹Gump- und Drahtesel›, eines sozialen Unternehmens zur beruflichen Integration, ein einjähriges Praktikum zu absolvieren. Die Arbeiten in dieser Werkstatt wie zum Beispiel Metall schneiden, Schweissen, Hartlöten oder Fräsen kannte ich zum Teil schon, denn in Eritrea hatte ich acht Jahre lang Militärdienst in einer Garage der Armee geleistet. Am Ende des Praktikums im ‹Gump- und Drahtesel› erhielt ich ein Zertifikat und machte mich damit voller Freude auf Arbeitssuche. Leider habe ich bis heute, nach mehr als 400 Bewerbungen, noch immer keine Anstellung. Zuerst habe ich auf meinem Gebiet und als Lagermitarbeiter eine Stelle gesucht, denn im ‹Gump- und Drahtesel› konnte ich auch im Lager Erfahrungen sammeln. Mit der Zeit bewarb ich mich zudem für Jobs auf dem Bau und im Gastgewerbe. Einige Male hat es schon mit einem Temporäreinsatz geklappt, aber sobald es um eine feste Vollzeitstelle geht, heisst es immer: ‹Ah, Sie haben den Ausweis F? Das geht leider nicht. Wir würden Sie anstellen, wenn Sie den B-Ausweis hätten …›. Ich weiss, dass es unter gewissen Umständen möglich ist, eine Person mit F-Ausweis anzustellen, aber das scheint für die meisten Arbeitgeber zu umständlich zu sein. Das Paradoxe ist: Damit ich die Aufenthaltsbewilligung B erhalte, muss ich genügend Einkommen nachweisen können – also eine Arbeit haben. Ich habe nun bereits fünf Jahre den F-Ausweis und versuche seit drei Jahren, eine Arbeit zu finden und selbst für meinen Lebensunterhalt zu sorgen. Mit dem B-Ausweis hätte ich schon längst eine Stelle, da bin ich mir sicher, ich habe gute Verbindungen zu mehreren Stellenvermittlungsbüros. So wie es in den ersten drei Jahren immer nach oben ging, geht es jetzt nach unten. Zuerst lernte ich sehr schnell und gut Deutsch, konnte viele Dinge in der Metallwerkstatt dazulernen, fing motiviert an, Arbeit zu suchen – und dann passiert nichts, ausser dass ich meine Fähigkeiten nach und nach wieder verliere, weil ich sie nicht einsetzen kann. Zum Glück habe ich viel Geduld und Hoffnung, deshalb versuche ich jeden Tag von Neuem, eine Stelle zu finden. Im Moment werde ich dabei auch einmal in der Woche über das Programm ‹Passepartout› vom Schweizer Arbeiterhilfswerk (SAH) unterstützt. Ich bin nach wie vor richtig hungrig nach Arbeit. Bei Surprise habe ich zwar eine Art Arbeit gefunden, aber ich möchte lieber etwas Mechanisches, Handwerkliches arbeiten, und zwar vollzeit. Ich bin noch jung und fit und will anpacken. Mit dem Verkaufen

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BILD: ISABEL MOSIMANN

AUFGEZEICHNET VON ISABEL MOSIMANN

von Surprise habe ich vor einem Jahr angefangen, weil es mir neben einem Taschengeld vor allem Struktur und Halt im Leben gibt. Mittlerweile sind meine vielen Stammkunden und auch die Mitarbeiter von Coop ein wenig wie meine Familie. Wenn ich vor dem Laden stehe, rufen sie von Weitem: ‹Hallo Michael, wie geits?›. Dann sprechen wir ein bisschen miteinander, das muntert mich auf und lässt mich meine Sorgen vergessen. Gut tut mir auch meine tägliche Joggingtour auf den Berner Hausberg Gurten. Diese eine bis eineinhalb Stunden rennen, bei jedem Wind und Wetter, brauche ich einfach. Hoffnung schöpfe ich immer wieder bei meinen Kirchenbesuchen am Wochenende. Ich bete und bitte darum, dass ich bald den B-Ausweis bekomme, den Schlüssel zum ‹normalen› Leben. Ein Leben, in dem ich meinen Lebensunterhalt endlich selbst verdienen kann. In dem ich vielleicht eines Tages heirate und eine Familie gründe. Ein Leben, in dem ich Dinge tun darf, die für andere selbstverständlich sind, wie zum Beispiel ein Handy- oder Internetabonnement abschliessen.» ■ SURPRISE 322/14


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, Nahverkehrsabonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Elsa Fasil Bern

Kostana Barbul St. Gallen

René Senn Zürich

Marlis Dietiker Olten

Negasi Garahassie Winterthur

Josiane Graner Basel

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

Anja Uehlinger Baden

Ralf Rohr Zürich

Emsuda Loffredo-Cular Basel

Fatima Keranovic Basel

Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

Vorname, Name

Telefon

Strasse

E-Mail

PLZ, Ort

Datum, Unterschrift

1 Monat: 500 Franken

322/14 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 322/14

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Amir Ali (ami, Heftverantwortlicher), Florian Blumer (fer), Diana Frei (dif), Mena Kost (mek) redaktion@vereinsurprise.ch, leserbriefe@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Melanie Kobler (Grafik), Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Lucian Hunziker, Thomas Kessler, Nicole Maron, Christof Moser, Isabelle Mosimann, Thomas Oehler, Roland Schmid, Kathrin Schulthess, Sarah Weisshaupt Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 18 300, Abonnemente CHF 189, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Christian von Allmen

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3013 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat (Medien), David Möller (Sportcoach) l.biert@vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen.

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Schön und gut. Ab sofort sind die trendigen Surprise-Caps und Surprise-Mützen mit eleganter Kopfwerbung wieder erhältlich. Beide Produkte in Einheitsgrösse. Jetzt Zugreifen!

Surprise-Cap CHF 16.– beige

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Ist gut. Kaufen! Die neuen Surprise-Taschen sind da! Gemeinsam mit dem Secondhand-Shop «Zweifach» aus Basel haben wir neue und schicke Surprise-Tasche entworfen! Die Taschen werden umweltfreundlich aus nicht mehr gebrauchten Lastwagenplachen genäht und mit Autogurten versehen. Sie sind geräumig und verfügen innen über ein grosses Zwischenfach. Erhältlich sind sie in den Farben Rot, Blau, Grün, Orange und Schwarz.

Zweifach ist ein Betrieb der Eingliederungsstätte Baselland und bietet jungen und erwachsenen Menschen mit einer Behinderung die Möglichkeit, im beruflichen Alltag Fuss zu fassen. Tun Sie sich, Zweifach und auch Surprise etwas Gutes und bestellen Sie noch heute ihre Tasche in ihrer Lieblingsfarbe! Surprise City-Taschen (24,5 x 35,5 cm); CHF 45.– (exkl. Versandkosten) schwarz orange grün blau rot

Der Surprise-Schriftzug soll folgende Farbe haben schwarz weiss silber

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