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Mission Europa Afrikanische Pfarrer für unsere Kirchen Motorradler – E-Bikes überrollen die Schweiz

Der Fan als Mäzen: Projektfinanzierung durch Crowdfunding

Nr. 272 | 30. März bis 19. April 2012 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


Macht stark.

www.strassenmagazin.ch ❘ www.strassensport.ch ❘ Spendenkonto PC 12-551455-3 Strassenmagazin Surprise, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, Tel. 061 564 90 90, Fax 061 564 90 99

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Titelbild: Karin Scheidegger

Viele haben das Gefühl, sie müssten etwas tun. Aber wissen nicht recht, was. Und sie haben keinen Ort dafür, keine Bewegung, der sie sich anschliessen könnten. «Sagt mal, engagiert ihr euch eigentlich bei Occupy?», fragte eine Bekannte kürzlich die gemütliche Runde beim Sonntagsbrunch. Die Mienen wurden ratlos, irgendwie findet man das ja auch nicht recht mit den Banken, aber nein, natürlich hat niemand auch nur dran gedacht, auf dem Zürcher Paradeplatz sein Zelt aufzuschlagen. Zu weit weg ist das Thema vom eigenen Alltag, und vor allem: Zu klein die Wahrscheinlichkeit, dass auf die Art wirklich etwas zu ändern wäre. Es gibt, was die eigene Lebensführung angeht, aber tatsächlich ein paar Alternativen. Man könnte anders wohnen, anders anlegen, anders einkaufen. Unser Autor Stefan Michel hat ein bisschen vor der eigenen Haustür gekehrt. Und nachgefragt, was die Alternativen konkret nützen. Damit man neue Wege gehen kann und dabei Orte findet, an denen man etwas verändern kann.

BILD: ZVG

Editorial Am richtigen Ort suchen

DIANA FREI REDAKTORIN

Viele glauben zwar an irgendeine höhere Macht, an irgendeine Art von Spiritualität, aber sie wissen nicht recht, an was. Und sie haben keinen Ort dafür. In die Kirche zu gehen, liegt nicht im Trend. Doch es gibt sie noch, die Gemeinden mit einem reichen Gemeinschaftsleben, wo Väter mit Babys und alte Leute zusammen an einem Tisch sitzen und Suppe essen. Für Kirchgänger bedeutet der Glaube nicht nur Religion, sondern auch Gemeinschaft. In Pfungen bei Winterthur gibt es einen Pfarrer, Benignus, zu dem auch Teenies gerne in den Gottesdienst kommen. Aber ausgerechnet er hat gespürt, wie einsam man als Pfarrer sein kann in der Schweiz. Von zu Hause ist er es gewohnt, auch in der Priesterrolle als Mensch wie jeder andere wahrgenommen zu werden, mitten drin zu sein. Vielleicht war gerade das der Grund, wieso er es geschafft hat, mit der Kinderkirche und den Sternsingern ein Gemeinschaftsgefühl aufleben zu lassen, wie er es von der Kirche in Nigeria her kennt. Dass Benignus Afrikaner ist, ist in der Pfungener Kirche unterdessen fast nur noch Nebensache. Auch andere haben ihren Ort gefunden, nämlich die E-Biker, sie haben sogar ganz viele Orte gefunden: in der Stadt, in den Bergen, dem See entlang. Mit den wärmeren Temperaturen werden sie wieder auftauchen, und zwar gleich überall. Mehr zur verblüffenden Karriere des Elektrovelos ab Seite 14. Wir wünschen Ihnen gute Lektüre Diana Frei

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Bitte schicken Sie uns Ihre Anregungen oder Kritik: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 70, redaktion@strassenmagazin.ch. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion behält sich vor, Briefe zu kürzen. SURPRISE 272 /12

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10 Afrikanische Pfarrer Nach Europa geschickt BILD: KARIN SCHEIDEGGER

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Inhalt Editorial Alltag und Sonntag Basteln für eine bessere Welt Mit Eiern an den Friedensmarsch Aufgelesen Auf die Frauen einen heben Zugerichtet «Ich bin ja nicht blöd» Strassensport Karitativ kicken Starverkäufer Helmut Geier Porträt Die Schreibtischtäterin Crowdfunding Schwarmfinanzierte Kultur Le mot noir Alles inklusive Schweizerdeutsch S Totemügerli aus Lautsprecher Nr. 4 Kulturtipps Textile Innenansichten Ausgehtipps Verschwitzte Posen Verkäuferporträt Ewig Flüchtling? Projekt Surplus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

Sie gingen als «Sex-Pfarrer» durch die Medien und lieferten Stoff für süffige Dok-Filme: afrikanische Priester. Das Beispiel von Pfarrer Benignus aus Pfungen allerdings zeigt: Mit etwas Offenheit und Fingerspitzengefühl auf beiden Seiten geht es auch anders. Eine Geschichte darüber, wie das missionierte Afrika zu uns zurückfindet. Wie Kulturen aufeinanderprallen. Und wie sie sich annähern.

14 Elektrovelos Lifestyle auf dem Motor-Rad BILD: ZVG

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Elektrovelos boomen in der Schweiz wie kein anderes Zweirad. Jedes neunte verkaufte Velo war 2010 mit Elektromotor ausgerüstet. Mit dem Boom wuchert auch das Angebot, das Elektrovelo hat sich vom Nutzfahrzeug zum Lifestyle-Gadget gemausert. Noch stärker als die Verkäufe steigen jedoch die Unfallzahlen und es entstehen neue ökologische Probleme. Der Boom wird zur Bombe.

BILD: REUTERS/LUKE MACGREGOR

17 Wirtschaft Neue Wege suchen Einkaufen per Gemüse-Abo, Anlegen bei der alternativen Bank, Wohnen in der Genossenschaft: Es gibt alternative Wege, sich seinen Alltag einzurichten. Es sind Wege, die einem ein besseres Gewissen versprechen und die das Schlagwort Nachhaltigkeit etwas weniger vage scheinen lassen. Die Frage ist aber: Wie sinnvoll sind diese Alternativen wirklich? Und wie sinnvoll wäre es, wenn plötzlich alle umsteigen würden? Eine Art Gebrauchsanleitung für den nachhaltigen Lifestyle.

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ILLUSTRATION: SIMON DREYFUS | WOMM

1. Nehmen Sie Freilandeier (sind nicht nur aus tierfreundlicher Haltung, sondern haben auch eine härtere Schale) in beliebiger Anzahl und reinigen sie mit Essigwasser. Kochen Sie sie wachsweich bis hart, also fünf bis sieben Minuten.

2. Nehmen Sie 500 g Randen (ergibt rotviolett), 100 g Heidelbeeren (graublau), ein Briefchen Safran oder 100 g Kamillenblüten (gelb), 500 g Karotten (orangegelb) und/oder 500 g Spinat (grün). Zerkleinern, respektive zerreiben Sie die Zutaten und geben sie einzeln jeweils in zwei Liter Wasser.

3. Weichen Sie die Zutaten mehrere Stunden ein (beim Gemüse nicht nötig) und kochen die Sache eine halbe bis eine Stunde. Filtern Sie danach das Gebräu und lassen es erkalten.

4. Zeichnen Sie nun mit einem Wattestäbchen oder einem Pinsel und Zitronensaft Muster und Parolen auf das Ei. Sie können dazu auch eine Nadel oder heisses Wachs verwenden. An den betreffenden Stellen wird das Ei keine Farbe annehmen. Legen Sie das Ei nun in den gewünschten Farbtopf und lassen es ungefähr eine halbe Stunde drin (je länger, desto intensiver die Farbe).

5. Peace!

Basteln für eine bessere Welt Eier färben für den Frieden: Der diesjährige Ostermarsch steht unter dem Motto «Stopp der wirtschaftlichen Gewalt – Rohstoffe zum Leben» (am 9. April, 13 Uhr, Treffpunkt im Eichholz, Bern). Da es ja ein Friedensmarsch ist, empfehlen wir Ihnen, keine rohen Eier mitzunehmen, um Filialen oder gar Vertreter ausbeuterischer Schweizer Firmen damit zu bewerfen, sondern die Eier zu kochen, batikmässig – mit einheimischen, natürlichen Rohstoffen – zu färben, mit Parolen zu versehen und an Passanten zu verschenken. SURPRISE 272 /12

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Weinende Männer Nürnberg. «Mannsbilder» titelt der Strassenkreuzer, auf dem Titel ein tätowierter, weinender Spieler des 1. FC Nürnberg nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga. Im Interview sagt Soziologe Peter Loos zum «modernen Mann», dass der vor allem im bürgerlichen und akademischen Milieu existiere. Im Arbeitermilieu werde weiterhin von einer «biologisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit ausgegangen», die aber weniger moralisch überhöht würde, weil schlicht die Bewältigung der alltäglichen Notwendigkeiten im Vordergrund stünde.

Alkoholleichen am Frauentag Graz. Autorin Susanne Scholl lässt sich im neu gestalteten Megaphon über den Frauentag aus. Der 8. März sei nichts anderes als ein Feigenblatt vor der Diskriminierung der Frauen: Während an 364 Tagen im Jahr alles noch beim Alten sei, tue man am Frauentag so, «als wisse man, dass auch Frauen Menschen seien». Die Männer hätten den 8. März schon immer geschätzt: «Man trank und trank – natürlich immer auf das Wohl der Frauen, die die Alkoholleichen dann nach Hause schaffen durften».

8.50 Euro pro Stunde «zu viel» München. «Die Süddeutsche Zeitung» (SZ) ist eine der führenden Tageszeitungen Deutschlands. Weniger führend sind die Anstellungsbedingungen für ihre Zeitungsverträger. Seit sich mehrere Zustellungsbetriebe konkurrenzieren, arbeiten diese für Dumpinglöhne. Manfred Koller trägt seit 20 Jahren die SZ aus, heute für rund 8.50 Euro pro Stunde. Doch seinem Betrieb ist der Zustellauftrag entzogen worden, «weil die Angestellten zu viel verdienen und zu schlecht arbeiten», sagt der Arbeitgeber. «Weil wir uns wehrten», sagt Noch-Verträger Koller.

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Zugerichtet Die Sau rauslassen Des Angeklagten Hosenboden hängt auf Kniehöhe, was der Richter von vorne aber nicht sehen kann. Mirko P. hat sich für die Verhandlung extra aufgebrezelt. Oder zumindest, was Möchtegern-Gangstas darunter verstehen: eine Baggy mit XXL-Hoodie, Blingbling um den Hals, an den Füssen Air Jordans. Und in den Augen dieser «Du bist mir voll egal»-Blick. Ob er zum Tatvorwurf aussagen wolle, fragt der Richter den Beschuldigten. «Natürlich, indem ich das bestreite», sagt Mirko. Er bestreitet, am letztjährigen 1. Mai während der traditionellen Randale mehrere Steine gezielt in Richtung der Polizisten geworfen zu haben. Im Kreis 4 traf sich eine «zusammengerottete Gruppe» von rund 20 Westentaschenrevolutionären und schmiss Steine, Flaschen und Brandsätze auf die Polizisten. Linke Inhalte wurden dabei keine transportiert. Sie brüllten überwiegend Unflätigkeiten, in denen die Mütter der Polizisten eine entscheidende Rolle spielten. «Ich bin da nur zufällig in die Menge geraten, als ich mir die Stadt anschauen wollte», leiert Mirko rum – in reinem Balkanslang, obwohl er in der Schweiz geboren, Schweizer Bürger und zudem Werkstattchef ist. Aber ausgerechnet ihn hätten sie rausgefischt. Der Polizist, der ihn beobachtet hatte und dingfest machte, war ein alter Bekannter von ihm, sie hatten an Mirkos Wohnort Schwamendingen bereits miteinander zu tun gehabt. «Wenn ich wirklich Steine geschmissen hätte, dann sicher nicht unter den Augen dieses Polizisten, ich bin ja nicht blöd», meint er. «Und da ich nicht blöd bin, hätte ich mich vermummt beim Steinewerfen, dann aber hätte er mich

gar nicht erkennen können.» Triumph schwingt in seiner Stimme. Verwegen setzt er noch einen drauf: «Und es wäre doch völlig unlogisch, das Tuch runterzunehmen, nachdem ich Steine geschmissen hätte.» Der Polizist aber hat Mirko mit einem weissen Tuch gesehen, das er bis über die Nasenspitze gezogen hatte, das verrutschte und das danach in seiner Tasche gefunden wurde. Das stimme nicht, wendet Mirko ein, der Polizist habe bei der Festnahme einfach irgendein Tuch vom Boden aufgelesen, das nicht ihm gehöre, er würde doch kein Vermummungstuch aufbewahren. «Ich bin ja nicht blöd.» Den Beweis für diese Behauptung bleibt er freilich schuldig. Stattdessen zieht der Richter einen Trumpf aus dem Ärmel: Am Tuch fanden sich DNA-Spuren, die eindeutig von Mirko stammen. «Was sagen Sie dazu?» – «Davon weiss ich nichts, das höre ich zum ersten Mal», meint Mirko. Ein Waisenknabe. Und überhaupt: Es stehe Aussage gegen Aussage. Das sieht der Richter anders, an der DNAAnalyse und der Zeugenaussage des Polizisten bestünden keinerlei ernsthafte Zweifel. Mirko P. hingegen habe sich in Widersprüchen verheddert. Wegen Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, Landfriedensbruch und Widerhandlung gegen das Vermummungsverbot verurteilt der Richter Mirko zu einer Busse von 300 Franken sowie einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 60 Franken. Das beschlagnahmte weisse Tuch werde eingezogen und der Vernichtung überlassen, vervollständigt der Richter das Urteil. «Sie weinen Ihrem Tuch doch keine Träne nach, oder?»

ISABELLA SEEMANN (ISEE@GMX.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 272 /12


BILD: ZVG

Surprise Strassensport Testen Sie zum Saisonstart die Nati Massimo Ceccaroni, Heinz Herrmann oder Thomas Häberli schwärmen vom torreichen und attraktiven Strassenfussball. Fussballikonen testen anlässlich der Ligaturniere regelmässig unsere Nationalmannschaft. Nun steht dieses exklusive Streetsoccer-Erlebnis erstmals allen Fussball-Afficionados offen. Surprise Strassensport organisiert am 21. April in Basel ein Benefizturnier. Und mit etwas Losglück spielen Sie gegen die Schweizer Nationalmannschaft, die beim Homeless World Cup 2011 in Paris sensationell abgeräumt hat. Entdecken Sie mit Ihren Freunden oder Geschäftspartnern eine neue Fussballvariante und unterstützen Sie damit das sportorientierte Sozialprojekt von Surprise. Angepfiffen wird das Turnier von Patrick Rohr. Die Leitung des Turniers gibt der TV-Moderator dann aber an Ex-Fifa-Schiedsrichterin Nicole Petignat ab. Die langjährige Liga-Supporterin erhält diesmal Unterstützung von offiziellen Homeless World Cup Referees aus Deutschland und Holland. Das Schiri-Team leitet am Nachmittag auch den Schiedsrichterkurs. Ein weiteres Angebot von Surprise, bei dem sich jedermann aktiv an der Strassensport-Liga beteiligen kann. Erste Teams haben sich bereits angemeldet. Das Feld ist nicht nur sportlich bunt gemischt und geht von Mannschaften aus der Politik bis zu den Velokurieren von Basel. Also zögern Sie nicht: Starten Sie mit Surprise Strassensport in den Frühling und ermöglichen Sie über 150 Randständigen eine ganze Fussballsaison! Die Surprise-Liga startet dann übrigens am Sonntag.

Sonntag, 22. April, 11 Uhr Bäumlihof Basel, Saisoneröffnung Surprise Strassensport.

Benefizturnier Anmeldung an: Lavinia Biert, l.biert@strassenmagazin.ch

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@strassenmagazin.ch

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BILD: ZVG

Samstag, 21. April, 18 Uhr Bäumlihof Basel, Anpfiff Benefizturnier.

Ein Team besteht aus mindestens einem Goalie und drei Feldspielern. Pro Spieler wird eine Benefizkopfprämie von mindestens 50 Franken verlangt. Mehr Infos zum Turnier, Strassenfussball und der Liga auf: www.strassensport.ch

Starverkäufer Helmut Geier Isabelle Lehmann aus St. Gallen nominiert Helmut Geier als Starverkäufer: «Heute morgen habe ich in St. Gallen beim Globus Surprise gekauft. Zudem gab ich ihm einen Zustupf für einen Kaffee. Er bedankte sich mit drei Wangenküssen inmitten der Fussgängerzone und sagte: Sie riechen sehr fein. Die Küsse samt Umarmung und den wohlgemeinten Komplimenten habe ich wirklich sehr genossen. Seine herzliche Spontaneität hat mich berührt. Kurz: Dieser Dienstagmorgen war für mich tatsächlich eine sehr willkommene Surprise. Und deshalb vote ich für Helmut als herzlichsten Surprise Starverkäufer der Stadt St. Gallen.»

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Porträt Eine Schublade voller Leichen Um ihren Krimis Glaubwürdigkeit zu verleihen, lernt die 44-jährige Zürcher Autorin Petra Ivanov Albanisch, steigt in den Schiesskeller und schaut beim Sezieren einer Leiche ganz genau hin. VON ISABELLA SEEMANN (TEXT) UND ANDREA GANZ (BILD)

ihrem Publikum. Bis zu 30 Lesungen jährlich hält sie für Erwachsene. Rund 120 Lesungen gibt sie an Schulen, wo sie aus ihren Jugendbüchern liest, denen die Jugendlichen gerne folgen, die sie lieben und die sie auf Fortsetzungen hoffen lassen. Geschichten, die etwas über die Welt erzählen, sie begreifbarerer machen und die der Autorin zahlreiche Auszeichnungen wie das Kranichsteiner Jugendliteraturstipendium eingebracht haben. Bei alledem kann sie durchaus ihren Ruhm einordnen. Zum Beispiel, indem sie erzählt: Ihre zwei Söhne seien «eher uninteressiert», dass ihre Mutter Krimis und Jugendromane schreibt, die sie selber nicht lesen, weil sie freiwillig kaum Romane lesen. Dabei hat die Literatur liebende Mutter alles getan, um in ihnen die Leselust zu erwecken. Ja, eigentlich fing sie sogar an, Krimis für junge Menschen zu schreiben, weil ihre Kinder fanden, es gäbe keine coolen Schweizer Jugendbücher. Petra Ivanov schaute sich in den Buchläden um und merkte, dass es nur ganz wenige Schweizer Jugendbuchautoren gab. Und weil sie noch freie Kapazitäten hatte, entschied sie sich, dieses Feld zu beackern. Petra Ivanov hat das Gesicht einer jugendlichen Träumerin, wäre da nicht dieser entschlossene Zug um den Mund, der ahnen lässt, zu welcher Härte sie fähig ist. Wenn sie recherchiert, dann unter vollem Körpereinsatz. Sie fährt mit dem Streifenwagen mit, setzt sich auf den Pferderücken, geht in den Schiesskeller und schaut dem Gerichtsmediziner über die Schulter, wenn er eine Leiche seziert. Für ihren letzten Krimi «Tatverdacht», der im Swisscoy-Camp in Kosovo spielt, hatte sie vor Ort nachgeforscht. Sogar Albanisch hat sie gelernt, um ihre Protagonisten besser zu verstehen. Über den ganzen Globus hinweg hat sie ein Netzwerk gesponnen mit Menschen, die ihr bei ihren Recherchen behilflich sind. Und bei der Kantonspolizei Zürich wie auch bei der Staatsanwaltschaft prüfen einige Beamte in den Ferien ihre Manuskripte. Ihre schriftstellerische Arbeit beruht auf dem angelsächsischen Erfolgsmodell: Informationen zusammentragen und daraus einen spannenden

Plötzlich fing Petra Ivanov an zu morden. Nachts um halb drei stand sie auf, setzte sich an ihr Pult und schrieb einen Krimi. Schrieb die Nacht durch bis zum Morgengrauen, wenn die Kinder aufwachten und sie ihrem Broterwerb nachgehen musste. «Die Geschichten wollten einfach niedergeschrieben werden», sagt sie, «ich konnte mich nicht dagegen wehren.» Sie speisten sich aus ihrem Erlebten als Lokalredaktorin, Gerichtsreporterin, als Medienbeauftragte beim Heks, dem Hilfswerk der Evangelischen Kirche. Es ging um Frauenhandel, Asylwesen, Russenmafia, Drogenhandel, Krieg. Die Themen brodelten weiter in ihrem Hinterkopf. Eins fällt auf: Unter den bekanntesten Krimiautoren waren viele vor ihrer Schriftstellerkarriere Journalisten. Edgar Wallace, Georges Simenon, Michael Connelly, Ruth Rendell, Stieg Larsson. Kein Zufall, findet Petra Ivanov: «Journalisten sind Wahrheitssucher. Sie können packende Geschichten erzählen und wissen, was hinter den Kulissen geschieht.» Mittlerweile gehört die 44-jährige Zürcherin zu den bestverkauften Autoren auf dem anhaltend boomenden Markt der Polizei- und Detektivgeschichten. Auf der Welle der Schweizer Krimis surft sie neben Peter Zeindler und wenigen anderen ganz oben. Heute schreibt sie ihre Mordgedankenspiele zu Bürozeiten auf. Und sie ist eine der fleissigsten Autorinnen des Landes. Sechs Krimis und drei Jugendromane hat sie schon geschrieben und zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Zürcher Krimipreis 2010. Ihr viertes Jugendbuch ist soeben in die Buchläden ausgeliefert worden. Darin räumt die Bestsellerautorin einem von Jugendlichen stark frequentierten Medium einen Platz ein: dem Internet. «Control» erzählt die Geschichte einer 16-jährigen Zürcherin mit kosovarischen Wurzeln, die wegen eines verlockenden Angebots nach New York reist. Dort wartet aber kein Modedesigner auf sie, dafür droht Lebensgefahr. Weitere Krimis sind in Arbeit. Petra Ivanovs Schubladen sind voller Leichen. «Ich könnte Es kann vorkommen, dass ihr ein Bordellbesitzer, den sie durch jedes Jahr zwei Romane rausbringen», sagt sie ihre Krimi-Recherchen kennenlernte, eine Story steckt. und erklärt auch gleich, weshalb dies unklug wäre: «Ich darf den Markt nicht übersättigen.» Derzeit ist an ruhige Arbeit sowieso nicht zu denken. Höllenkrach Plot konstruieren. Zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere war es der und Kälte vertreiben sie aus ihrem Arbeitszimmer zu Hause. In ihrer Beruf der Journalistin, der ihr die Türen öffnete. Brauchte sie für ihren Wohnung im Kreis 3 werden Wände, sanitäre Anlagen und Heizungen Krimi eine Szene im Schlachthof, schrieb sie zuerst eine Reportage darausgerissen. Sie zieht von Café zu Café. Treffpunkt ist das «Piazza» am über. Mittlerweile hat sie sich einen Namen als Krimiautorin gemacht Idaplatz. Unscheinbar wirkt sie. Mausbraunes, mittellanges Haar, komund es kann schon mal vorkommen, dass ihr ein Bordellbesitzer, den sie munes Shirt, Faserpelzgilet, Jeans, schwarze Brille. Dazu ein ernster durch ihre Recherchen für den Krimi kennenlernte, eine Story steckt, die Blick. Nichts an ihrem Auftreten deutet auf ihre Weltgewandtheit hin. sie dann einer Zeitung anbietet. Doch ihre journalistische Arbeit hat sie Sie wuchs in den USA auf, bildete sich an der Dolmetscherschule zur vorläufig auf Eis gelegt. «Durch die Literatur erreicht man andere Leser Übersetzerin aus, heiratete in Moskau einen Russen, letztes Jahr reiste als durch Zeitungen», sagt sie. «Zudem bleiben beim Lesen von Gesie mehrere Monate durch Südamerika, die nächste Recherchereise nach schichten die Fakten anders hängen als beim Lesen von Zeitungen.» Das Namibia ist bereits in Planung, sie bereiste einige Konfliktherde, Georfinden auch ihre Leser, wie sie an Lesungen oft zu hören bekommt. Und gien und Kosovo. In Talkshows gibt sie kesse Antworten, Lesungen so gelingt Petra Ivanov als Krimiautorin das, was sie anfänglich als Jourabsolviert sie inzwischen ohne Lampenfieber, diskutiert souverän mit nalistin anstrebte: das wirkliche Leben zu zeigen und aufzuklären. ■ SURPRISE 272 /12

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Afrikanische Pfarrer «Hier ist man es sich gewohnt, ruhig zu beten» Während sich hierzulande immer weniger junge Männer fürs Priesteramt in der katholischen Kirche entscheiden mögen, hat Afrika einen Priesterüberschuss. Immer mehr von ihnen kommen in die Schweiz – eine Gratwanderung zwischen den Kulturen.

VON FLORIAN BLUMER (TEXT) UND KARIN SCHEIDEGGER (BILDER)

Die Ankunft in Innsbruck war ein Schock für den 26-jährigen Priesterschüler Benignus Ogbunanwata aus Nigeria. Noch nie war er zuvor ausserhalb seines Landes gewesen. «Wie ein Brief mit Couvert und Adresse» sei er von seinem nigerianischen Bischof nach Innsbruck geschickt worden, um dort das Priesterseminar zu absolvieren, sagt Benignus im Gespräch am Sonntagmorgen vor dem Gottesdienst in Pfungen, das zehn Bahnminuten von Winterthur entfernt liegt, und lacht laut heraus. «Alles ist anders gewesen: das Klima, die Mentalität, die Sprache, das Brot. Selbst das Wasser hat anders geschmeckt.» Ein Glück, ist er nicht gleich in der Schweiz gelandet: «Zwischen der österreichischen und deutschen und der Schweizer Kirche liegen Welten», sagt er heute, mit 23 Jahren Arbeits- und Lebenserfahrung in den drei deutschsprachigen Ländern. «Wäre ich direkt in die Schweiz gekommen, wäre es wohl zu viel gewesen.»

Positives», obwohl es Pfarrer Benignus vielleicht manchmal nicht so genau nehme. Sie nickt aber zustimmend, als ihr Mann, langjähriger Präsident der Kirchgemeinde, einwirft, dass ihr nigerianischer Pfarrer sehr gewissenhaft arbeite und langfristig plane. Nur verstanden habe er ihn anfangs nicht so gut. Doch nun könne man mit ihm ja sogar Schweizerdeutsch sprechen. Weiter klingt es bei den Jetzers und ihren Tischgenossen, durchaus repräsentativ für die eingefleischten Kirchgänger, die sich heute eingefunden haben, so: «Benignus hat vieles angerissen, er hat eine offene, fröhliche und überzeugende Art, er ist sehr liebenswürdig, er ist – wie sagt man neumodisch? – authentisch. Er gibt viel und verlangt viel – vielleicht manchmal etwas zu viel.» Diese Aussagen mögen erstaunen, zumindest wenn man sich sein Bild über afrikanische Pfarrer mittels Schweizer Medien gemacht hat. Da war zum Beispiel der SF-Reporter-Film über Pfarrer Chidi Ilechukwu im urnerischen Seelisberg. Pfarrer wie Einheimische servierten dem Reporter die Story inklusive Klischees auf dem Silbertablett: Pfarrer Chidi sang, trommelte und tanzte in der Kirche im abgelegenen, von hohen Bergen umrahmten Innerschweizer Dorf, die knorrigen Dorfbewohner gaben sich ihrerseits alle Mühe, die Vorurteile zu bestätigen: So verweigerten sie ihrem unbeholfen dastehenden Pfarrer auf dem Friedhof vor der Kamera den Handschlag, einer erhob stattdessen die Faust: «E Chile sett e Chile si, nid e Rumpelchischte. Mir wend e Gottesdienscht, nid

«Ich bin ein ausgeliehenes Gut» Ausgesucht hatte sich der junge Nigerianer seinen Europaaufenthalt nicht: Er war zusammen mit einem Kollegen von seinem Bischof zum Lernen in die Fremde geschickt worden. Dies ist in Afrika üblich, nach dem Vorbild von Jesus, der seine Apostel jeweils zu zweit zu entsenden pflegte, wie Benignus erzählt. Nach Abschluss des Priesterseminars bekam er den Auftrag, in «Erst gingen Missionare aus Europa nach Afrika, nun kehrt Europa zu bleiben, um hier als Priester tätig zu sich die Missionierung um.» sein. «Ich bin ein ausgeliehenes Gut», sagt Benignus – der sich, wie in Afrika üblich, mit e Götzedienscht!» Ein paar Dorfbewohner konnte Chidi dann doch für dem Vornamen ansprechen lässt – und lacht wieder. Tatsächlich könnsich gewinnen, im Beitrag wird er als zwar unter Einsamkeit leidender, te ihn sein Bischof in Nigeria jederzeit zurückrufen. Was in Pfungen aber unermüdlicher Kämpfer für seine Sache dargestellt. Eine Erfolgsgrosses Bedauern auslösen würde. geschichte schien sich abzuzeichnen – bis die Medien ein Jahr darauf Denn entgegen dem landesweiten Trend hat Pfarrer Benignus eine meldeten: «Afrikanischer Pfarrer aus der Innerschweiz stiehlt 900 Franlebhafte Gemeinde, die an Zulauf gewinnt, auch von jungen Leuten. Am ken aus der Opferkasse.» Fastensonntag erscheinen rund 70 Gläubige. Neben den für den Kirchgang herausgeputzten älteren Semestern hat es auch junge Pärchen, FaGegen Verdächtigungen ist auch Gott machtlos milien mit Kindern und auch eine Gruppe von Teeniemädchen indischer Für die Bestätigung eines weiteren Klischees war dann im Herbst Abstammung. Die 16-jährige Eveline, eine von ihnen, sagt: «Ich komme 2011 ein afrikanischer Pfarrer in Kappelen, Solothurn, besorgt: Auch er gerne zu Pfarrer Benignus in die Kirche, weil er auch seine eigene Meihatte – wie in Afrika üblich, wo der Pfarrer meist keinen Lohn erhält nung einbringt. Das macht die Predigt interessanter.» Eveline und ihre und selbst über die Vergabe der Spenden entscheidet – eigenmächtig Freundinnen – eine von ihnen ist Ministrantin bei Benignus – sitzen mit über die Kollekte verfügt. Auch mit dem Zölibat nahm er es nicht so geweiteren rund 30 Kirchgängern im Keller des Pfarrhauses an einem nau: Er begann ein intimes Verhältnis mit der Sekretärin des Pfarramts. Tisch und essen Suppe. Es sei keine Liebe gewesen, die Einsamkeit habe ihn dazu getrieben, Heute ist «Suppensonntag». An einem anderen Tisch sitzen sechs sagte er gegenüber dem «Blick», der die «Sex-Beichte des katholischen ehemalige Mitglieder des Pfarreirats und der Kirchenpflege bei MinesPfarrers» dankbar abnahm. trone und einer Flasche Wein zusammen. Madeleine Jetzer sieht «viel

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«Benignus gibt viel und verlangt viel – vielleicht manchmal etwas zu viel», heisst es in der Gemeinde über den Pfarrer.

fürwortet den Austausch mit afrikanischen Kirchen. Doch er habe in seiAuch Pfarrer Benignus hat den Film über Pfarrer Chidi gesehen und ner früheren Nachbargemeinde miterlebt, wie das Einsetzen eines afriden «Blick» gelesen. Er beklagt, dass durch diese Fälle die Vorurteile verkanischen Pfarrers in der Schweiz Schwierigkeiten brachte. Diese kamen stärkt wurden und man umgekehrt von den anderen rund 20 nigerianiunter anderem daher, dass der Pfarrer die ihm entgegengebrachten Erschen Pfarrern, die anerkannt gute Arbeit in ihren Schweizer Pfarreien leisten, in der Öffentlichkeit kaum etwas hört. Ingesamt sind es rund 60 Afrikaner, die in «Als afrikanische Priester in der Schweiz haben wir ein Schweizer Kirchgemeinden als Pfarrer angeschweres Kreuz zu tragen.» stellt sind. Damit sind sie die grösste Gruppe nach den Polen mit rund 70 Pfarrern, etwa wartungen an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit nicht erfüllen konnte. gleich gross wie diejenige der Italiener und grösser als die der FranzoWirth ist der Meinung, dass die dauerhafte Einsetzung von afrikanischen sen und Deutschen. Aus Angst vor Gerüchten ist Benignus froh, dass er Pfarrern keine Lösung für das Problem des Priestermangels sein kann. die Kollekte zur Aufbewahrung nach dem Gottesdienst nicht mit nach «Wenn das Christentum wirklich gelebt wird, dann müsste es auch hier Hause nehmen muss. Auch Ministranten lasse er im Auto nur auf dem Leute geben, die sich engagieren», sagt der St. Galler Pfarrer. Rücksitz Platz nehmen und er achte genau darauf, dass er sich nie mit Pfarrer Benignus selbst hat kein Problem mit Pünktlichkeit: «Ich bin einem von ihnen alleine in einem Raum aufhalte. «Wenn nur schon der bei meiner Tante aufgewachsen, die von Nonnen erzogen wurde. Sie Verdacht auf dich fällt», sagt er, «bist du erledigt. Dann kann dich kein war diesbezüglich sehr streng.» Doch auch er berichtet von gravierenGott dieser Erde mehr retten.» Für die Verfehlungen seiner zwei Landden, kulturell bedingten Problemen und sagt: «Als afrikanische Priester leute, sagt Benignus, habe er sich sehr geschämt. in der Schweiz haben wir ein schweres Kreuz zu tragen.» So kennt auch Einzelfälle also, die die Regel bestätigen, dass die Integration ausläner das «riesige Problem» der Einsamkeit: «Daheim können sich viele discher Pfarrer in der Schweiz ansonsten gut funktioniert? nicht vorstellen, wie es hier ist. In Nigeria spürt man nicht viel vom Zölibat, das Pfarrhaus ist immer voll von Leuten. Der Pfarrer wird als ein Die Einsamkeit des Pfarrers Mensch wie jeder andere wahrgenommen.» In Europa spüre er dagegen Pfarrer Josef Wirth, zuständig für mehrere katholische Pfarreien in der die Haltung: «Der Priester soll seine Arbeit tun, aber bitte nicht als Stadt St. Gallen, sagt zum Thema: «Es ist eigentlich ein guter Gedanke: Mensch, sondern als Übermensch.» Benignus beklagt zudem, dass in Erst gingen Missionare aus Europa nach Afrika, nun kehrt sich die Misder Schweiz fast kein Austausch zwischen inländischen und ausländisionierung um.» Wirth ist ein liberaler Pfarrer, seit Jahren steht er als Präschen Priestern stattfände. Es gebe von offizieller Seite keine Bemühunsident der religionsunabhängigen Friedensorganisation Friedensdorf vor. gen, die ausländischen Pfarrer zu integrieren: «Wer sich nicht selber akEr selbst war auch schon auf Einladung einer Pfarrei in Nairobi und be-

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Integrieren muss sich Pfarrer Benignus selber: «Wer sich nicht selber aktiv um Kontakte bemüht, der vereinsamt.»

tiv um Kontakte bemüht, der vereinsamt.» Benignus nahm sein Schicksal selbst in die Hand. Er versucht, das Gemeinschaftsgefühl, wie er es von der Kirche in Nigeria kennt, auch in seiner Kirchgemeinde in Pfungen aufleben zu lassen – Schritt für Schritt, natürlich. Neben Neuerungen wie der Einführung einer «Kinderkirche», der Anwerbung neuer Ministranten und dem Wiederaufleben der Sternsinger, pflegt er auf institutioneller Ebene einen regen Austausch mit den umliegenden reformierten Gemeinden. Auf privater Ebene trifft er sich immer wieder mit anderen Pfarrern, an diesem Abend fährt er zum Beispiel noch zur Geburtstagsfeier eines afrikanischen Kollegen in Solothurn. Einmal, erzählt Benignus, sei er von einem Mitglied der reformierten Kirchgemeinde Dättlikon, einer Gemeinde, die seiner Kirchgemeinde angeschlossen ist, auf einen Flug über die Schweiz in dessen selbstgebautem Flugzeug mitgenommen worden. Dass ihm dieser seine Heimat aus ungewohnter Perspektive gezeigt hat, habe ihn sehr gerührt. Doch solche Erlebnisse bleiben die Ausnahme. «Die Bescheidenheit der Leute finde ich wunderschön» Sehr ungewohnt war für Benignus, wie ernst die Europäer sind. In Afrika verstehe man den Gottesdienst, die Preisung Gottes, als eine Feier, an der man ausgelassen und fröhlich sei. Viele Schweizer Katholiken würden sich auch nicht als Teil einer Gemeinschaft sehen, sondern eher die Haltung einnehmen: Ich zahle Kirchensteuer, also habe ich Anspruch auf diese und diese Leistung. Immer weniger seien bereit, sich ohne Lohn einzusetzen. «Die Freiwilligenarbeit stirbt», sagt Benignus. Doch neben all den Dingen, die ihm hier Mühe bereiten, gibt es auch viele Dinge, die er an der Schweiz sehr schätzen gerlernt hat. Zum Beispiel: «Die Bescheidenheit der Leute finde ich wunderschön.» Ganz beSURPRISE 272 /12

sonders betont Benignus die Bedeutung der Demokratie, dass sie die Schweizer stark in ihren Handlungen präge. «Diesbezüglich sind Österreich und die Schweiz wie Tag und Nacht.» Das ausgeprägte Demokratieverständnis zeige sich auch in der Kirche: Während man andernorts vom Bischof geschickt werde und dann der «Oberboss» der Gemeinde sei, komme man in der Schweiz erstmal auf Bewährung und werde dann von der Gemeinde gewählt oder abgewählt. «Demokratie ist für mich ein sehr hohes Gut», sagt Benignus, «wie auch das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen.» Und er fühle sich wohl in Pfungen. Der Austausch, den er durch seine Entsendung nach Europa bis jetzt erfahren habe, sei für ihn «Gnade und Bereicherung». Auch Benignus benützt das Bild von der Missionierung, als deren Frucht nun Afrikaner nach Europa kommen. Aber: «Ich zweifle daran, dass dies hier mit Freude aufgenommen wird.» Um auf den Priestermangel zu reagieren, seien ausländische Priester eine mögliche Sofortmassnahme. Langfristig müsste man aber die Situation hierzulande verbessern, damit sich wieder mehr Leute ausbilden lassen, «und diese Massnahme sehe ich in der Schweiz nicht.» Trotz auch guter Erfahrungen mit Tanz und Trommeln im Gottesdienst, wie sie zum Beispiel Pfarrer Kenneth im Wallis und im Thurgau gemacht hat, hält Benignus seine Gottesdienste in aller Regel ganz im hierzulande üblichen Stil ab. Gelacht wurde diesen Sonntag in der Kirche nicht. «Mir ist bewusst: Ich bin in einer Schweizer Kirche, als katholischer Priester in einer refomierten Gegend. Tanz kann man vielleicht einmal oder zweimal im Jahr in einem Gottesdienst bringen, mehr nicht.» Denn: «Hier ist man es sich gewohnt, ruhig zu beten. Wenn ich die ganze Freude, mit der ich in Nigeria predige, auf einmal hier einbringe, dann rennen die Leute weg.» ■

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BILD: PG.DE PHOTOGRAPHY BY CHRIS COLLS/ORLANDO BLOOM & BLACKTRAIL

Elektrovelos Surren statt keuchen 20 Jahre nach den ersten Elektrovelo-Experimenten posieren Hollwood-Stars auf heissen E-Bikes und motorisierte Mountainbikes kraxeln die Berge hoch. Doch der E-Boom kann zur Bombe werden.

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VON OLIVIER JOLIAT

Unfallkurve verläuft parallel zu den Verkaufszahlen. So zählte man im Kanton Zürich 2011 mit 41 Unfällen beinahe doppelt so viele wie 2010. In mehr als der Hälfte der Fälle waren die E-Biker schuld. Ueli Zoelly, Chef der kantonalen Verkehrspolizei Zürich, gab sich gegenüber dem «Tagesanzeiger» besonders besorgt darüber, dass heute immer mehr Personen auf den elektrisch motorisierten Sätteln sitzen, die davor nie oder selten Fahrrad gefahren sind. Diesen Eindruck bestätigt Olivier Busato von der City Cycles AG, der seit 15 Jahren Elektrobikes verkauft: «Es kommen immer mehr Kunden, die nicht besonders velo-affin sind. Aus Sorge um die Gesundheit dieser Käufer bieten wir deshalb neu eintägige Kurse an. Nebst Technik- und Unterhalts-Workshop gehört auch ein Fahrtraining dazu, mit Bremstests und Tipps zum Verkehrsverhalten.» Auch der Gesetzgeber hat Anfang März auf den neuen Trend reagiert und führt auf Juli ein Helmobligatorium für starke Elektrovelos ein. Ausgenommen von der Regelung sind leicht motorisierte E-Velos mit maxi-

Philippe Kohlbrenner ist im Zügelstress. Knapp 20 Jahre nachdem er aus einem Coronado-Göppel, einer Autobatterie und einem Scheibenwischermotor sein erstes Elektrovelo zusammengeschraubt hat, will es der 49-jährige Tüftler nochmals wissen. Seinen Job als Entwicklungsleiter einer Medizinalfirma hat er vor drei Jahren gekündigt, um in der Garage einen neuen E-Motor zu entwickeln. Speedped heisst sein neues Antriebssystem. Während Kohlbrenners Ur-E-Bike, der sogenannte «Rote Büffel», just reichte, um die 350 Höhenmeter auf seinem Heimweg schmerzlos zu überwinden, kann man mit seinen Speedped-Bikes locker Touren von 150 Kilometern abspulen. Damit hat der Wiedereinsteiger im boomenden E-Bike-Markt, was die Reichweite angeht, die Nase vorn, und ergänzt nicht ohne Stolz: «Am Berg schlägt mich eh keiner.» Darum braucht er neue Produktionsräume. Mit 60 verkauften Bikes 2011 ist er noch ein kleiner Nischenanbieter. Aber Kohlbrenner darf für 2012, wie die gesamte E-Bike-Branche, mit einer massiven Absatzsteigerung rechnen. Der E-Bikes sind für viele Käufer, frei von ökologischen Gedanken, Markt hat sich in der Schweiz in den letzten ein urbanes Lifestyle-Gadget. fünf Jahren verzehnfacht. 2011 waren 14,1 Prozent aller verkauften Velos mit Elektromotor ausgerüstet – 49 615 in effektiven Zahlen, was gegenüber dem Vorjahr mal 250 Watt Leistung. Velos mit Motoren von 500 bis 1000 Watt brauein Plus von über 10 000 Stück bedeutet. Der Schweizer Branchenleader chen schon heute ein Mofa-Nummernschild, die Fahrer einen geprüften Biketec AG, dessen «Flyer» hierzulande schon als Synonym für das Velohelm. Wenn das Velo aber ohne eigene Pedalleistung, also nur mit Elektrovelo gilt, rechnete 2011 – Export mit eingerechnet – mit 60 000 Motorenkraft, 20 km/h oder schneller fährt, muss künftig gar ein Mofaverkauften Elektrovelos. Die Fahrradbranche rüstet sich fürs grosse Gehelm getragen werden. Das dürfte jenen die Lust auf solch ein schnittischäft mit Elektromotoren, zumal die Zahlen für Sport- und Alltagsveges Modell nehmen, die gerne ihre Haare im Fahrtwind föhnen. Doch los konstant oder sogar rückläufig sind. der nächste Problemfall in Zusammenhang mit Elektrobikes ist bereits Beim Kaufentscheid geht es längst nicht mehr nur um die Reichweilanciert. te oder darum, ob man den Kinderanhänger ankoppeln kann. E-Bikes sind für viele Käufer, frei von ökologischen Gedanken, ein urbanes LiUntrainiert den Berg hinauf festyle-Gadget. So wirbt die deutsche Designschmiede PG mit Orlando Neuerdings bieten einige Marken auch Elektro-Mountainbikes an. Bloom und Lady Gaga im Sattel für ihr «Non Plus Ultra»-Modell BlackStärkere Motoren und verbesserte Antriebssysteme ermöglichen, dass Trail. Non plus ultra sind auch die über 100 km/h Spitze und die minman nun die Berge elektronisch surrend statt laut keuchend erklimmt. destens 59 500 Euro, die man für den limitierten Edelstuhl im schwarEingefleischte Mountainbiker haben dafür höchstens deftige Sprüche zen Karbon-Look hinblättern muss. Für nicht mal einen Zehntel dieses übrig, da der sportliche Reiz des Sich-Bergauf-Kämpfens unbedingt zum Preises kann man sich den Stromer kaufen, mit dem Leonardo DiCaprio Vergnügen gehört. Ebenso die tretfaulen Downhill-Piloten. Ihre Kamikaletzten Herbst durch New York kurvte. Obwohl auch das E-Bike aus ze-Trails sind meist in der Nähe von Seilbahnstationen angelegt. So könBern zu den stark motorisierten Elektroflitzern gehört, gelangen den Panen die massiv gefederten Adrenalingeschosse wenigstens eine gemütparrazis ein paar Fotos. liche Bergfahrt geniessen. Dennoch verlaufen die Zuwachskurven für elektrifizierte Bergkraxler Die Unfallkurve steigt noch steiler als für normale Elektrovelos, wie Sven Bernhardt vom deutDer Wunsch nach mehr Leistung und Tempo ist auch bei den ganz norschen Hersteller Haibike bestätigt: «Gerade der Run auf die sportlichen malen E-Velo-Kunden erkennbar. Kohlbrenner: «Ich habe drei verschiedeElektro-Mountainbikes ist dieses Jahr wieder ungebrochen. Man kann ne Akkus im Angebot, aber praktisch alle wollen den stärksten, obwohl von einer Verdreifachung der Produktionsmengen sprechen, wobei geer 1000 Franken teurer ist.» Doch obwohl auch für ihn der Fahrspass erst rade die hochwertigen Modelle besonders schnell vergriffen waren.» ab 25 Stundenkilometern beginnt, riegelt Kohlbrenner seine Speedpeds Und das noch vor dem eigentlichen Saisonstart. Genaue Stückzahlen bei 45 Stundenkilometern ab. «Ab 50 km/h dreht wegen des Luftwiderkann er aus konzernpolitischen Gründen nicht preisgeben. stands nur noch der Motor. Die Pedale kann man dann ‹chüdere›. Da ist Der Verdacht liegt nahe, das vor allem untrainierte Mountainbiker es konsequenter, gleich Töff zu fahren. Ausserdem wird es mit noch mehr vom neuen Angebot Gebrauch machen. Noch sieht man diese E-MTBs Tempo zu gefährlich.» Kohlbrenner ist, obwohl ein sehr geübter Fahrer, selten in den Bergen. Einzelne Vermieter haben sie jedoch schon im Anselbst schon zweimal unter ein Auto geraten. Einmal war der Autofahrer gebot und die Lenzerheide wirbt bereits mit geführten E-Bike-Touren. schuld, einmal er selbst. Der Unfallgrund ist jedoch bei Auto- wie VeloDoch mit Blick auf die oben erwähnte Strassenunfallstatistik könnte das fahrern derselbe: Man unterschätzt Leistung und Tempo der E-Bikes. verlockende Naturerlebnis für ungeübte Fahrer schnell zum Horrortrip Unfälle mit Elektrovelos werden erst seit Kurzem statistisch geauf einem motorisiertem Geländegeschoss mutieren – für sie selber und sondert erfasst. Die Zahlen findet die Polizei jedoch alarmierend. Die andere. SURPRISE 272 /12

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Zudem ist das Verhältnis von Bikern und andern Nutzern von Wald frustrierte Käufer zurück, sondern hochgiftiger Chemie- und Elektround Bergen bereits jetzt angespannt. Weniger in den Bergen, dafür müll. «Ein unsachgemäss entsorgter Akku ist eine Ökobombe», sorgt umso mehr auf den Naherholungshügeln rund um Bern, Basel oder sich der E-Bike-Pionier Kohlbrenner. «Die Entsorgung ist in der Schweiz Zürich. leider noch nicht klar geregelt.» Olivier Busato engagiert sich neben seinem Einsatz für Elektrovelos Doch die meisten Schweizerinnen und Schweizer setzen auf Qualität mindestens so sehr für Mountainbiker. Mit dem Verein Trailnet setzt er und heimische Werkarbeit. 4000 bis 7000 Franken muss man für einen sich schon lange für ein Nebeneinander von allen Waldnutzern ein. Momentan kämpft TrailFür ungeübte E-Biker könnte der Ritt auf dem motorisierten net gegen das im Januar verschärfte Berner Geländegeschoss zum Horrortrip mutieren – für sie selber Waldgesetz, das Biken nur noch auf befestigund für andere. ten Waldstrassen erlaubt und damit faktisch verbietet. E-Mountainbikes sieht Busato nicht als zusätzliches Problem: «Motorisierte Fahrzeuge, und dazu gehören Dolphin, Flyer, Stromer oder eben Speedped rechnen. Das Investment auch Elektrovelos, sind im Wald sowieso verboten.» Bleibt die Frage, ob freut nicht nur die heimische Ökonomie, sondern vor allem die Umwelt. diese E-Biker das Gesetz beachten oder im Temporausch einfach an den Und auch international sind die hochpreisigen Schweizer Modelle geVerbotsschildern vorbeibrettern. fragt, da sie punkto Qualität, Technik und Zuverlässigkeit zur absoluten Spitze gehören. So heisst es vielleicht bald nicht nur: Das läuft wie ein Billigbikes als Ökobomben Schweizer Uhrwerk, sondern wie ein Schweizer E-Bike. Das Elektrovelo hat den Nimbus als reines Nutzfahrzeug jedenfalls Die nächsten Jahre werden zeigen, welche E-Bikes zukunftsträchtig definitiv abgestreift. Bereits wird an E-Rennvelos getüftelt und für die sind. Gute Ideen und ein wachsender Markt sind noch längst keine ErHipster-Fraktion werden schon E-Fixies beziehungsweise E-Singlefolgsgarantie. Die schmerzhafte Erfahrung machte auch Kohlbrenner. speed-Bikes angeboten – was sich bei Velos, die von ihrer spartanischen Seine erste Firma ging 2001 Konkurs. Kohlbrenner freut sich, ist die darEleganz und technischer Reduktion auf das Nötigste leben, wie ein aus hervorgegangene Biketec AG mit den von ihm mitentwickelten schlechter Scherz liest. Kein schlechter Scherz, sondern wirklich übel Flyer-Bikes heute die Schweizer Branchenleaderin. Noch mehr freut er sind Billigbikes, die der Schweizer Topografie nicht gewachsen sind. sich aber über die eigene neue Produktionsstätte und Perspektive: «Ich Schon unter 1000 Franken bekommt man solche, meist mit schwachen baue in meiner Nische Schritt für Schritt an meiner Zukunft und der Vordernabenantrieben ausgerüstete Velos. Doch wenn Akku oder Motor meines E-Velos.» Ein gesundes Motto des Pioniers, das sich manch annach kurzem Einsatz am Hügel den Geist aufgeben, bleiben nicht nur derer Hersteller im Boomrausch besser merken sollte. ■

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BILD: KEYSTONE

Wer sein Konsumverhalten ändern will, muss neue Wege suchen …

Wirtschaft Wir können auch anders Es gibt Möglichkeiten, unseren Konsum ökologischer und sozialer zu gestalten. Was taugen sie? Ein kleiner Marktbummel durch die Bereiche Wohnen, Mobilität, Finanzen und Lebensmittel.

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VON STEFAN MICHEL

Natürlich könnte man als Bioselbstversorger leben und sein mit erneuerbarer Energie gespiesenes Haus nur selten verlassen. Die meisten aber wollen Teil ihrer Zeit sein, ihre Freizeit geniessen und die Annehmlichkeiten das 21. Jahrhunderts nutzen – um den Preis des schlechten Gewissens, das die einen häufiger, die anderen seltener beschleicht. An den Angeboten der Konsumwirtschaft ist fast kein Vorbeikommen: Wir kaufen beim Grossverteiler ein und beteiligen uns so an Transportwahn und Wegwerfwirtschaft. Wir fahren zur Arbeit und zum Vergnügen und machen uns mitschuldig an Umweltverschmutzung und Zersiedelung. Und über unser Bankkonto sind wir Teil des globalen Finanzkasinos. Die gute Nachricht ist: Es gibt Alternativen. Die andere Art, Lebensmittel zu beziehen, sein Geld verwalten zu lassen und sich fortzubewegen. Sie müssen weder teuer noch handgestrickt noch unpraktisch sein. Die Frage ist aber: Sind sie mehr als eine Beruhigungspille für kritisch Konsumierende? Böten sie auch der breiten Masse die Möglichkeit, nachhaltiger zu leben?

rechnung über Lunch-Checks bis zum Basler Bon-Netz-Bon. Alle diese Komplementärwährungen, wie sie korrekt heissen, sind aber nur an definierten Orten gültig. Speziell an ihnen ist, dass sie keinen Zins abwerfen und deshalb nicht gehortet, sondern schnell weitergegeben werden. So sorgen sie für mehr Umsatz. Für Finanzmarktkritiker Missbach ist jedoch nicht das Geld schuld am Wachstumswahn. «Das Problem ist, dass private Banken mehr ausleihen dürfen, als sie besitzen. Da geschieht eine extreme Aufblähung, die beispielsweise zur letzten Finanzkrise geführt hat.» Genossenschaftlich geschäften Unternehmen, die die Nachhaltigkeit zum Kernprinzip haben, sind oft als Genossenschaft organisiert: von der Genossenschaftsbeiz über den genossenschaftlich organisierten Handwerksbetrieb bis zu Medienbetrieben wie der WOZ. Nicht, weil sie keinen Gewinn machen dürfen, wie viele meinen, sondern weil der Gewinn in die wirtschaftliche Tätigkeit investiert werden muss. Aktiengesellschaften hingegen müssen ihren Gewinn zugunsten ihrer Aktionäre maximieren, sonst sinkt ihr Aktienkurs. «Genossenschaften haben nicht den extremen Druck wie Aktiengesellschaften, eine maximale Rendite zu erwirtschaften. Darum müssen sie auch nicht solche Risiken eingehen», erklärt der Ökonom Mathias Binswanger. Eine Wirtschaft aus lauter Genossenschaften wäre dennoch nicht zwangsläufig eine bessere. «Es hat sich gezeigt, dass Genossenschaften eine gewisse Anfälligkeit für Korruption haben», nennt Binswanger einen gewichtigen Nachteil – das haben Beispiele aus Wohnbaugenossenschaften in Deutschland gezeigt. Auch Migros, Coop oder Raiffeisen Bank sind Genossenschaften, führen diesen Umstand auch gerne als Beweis ihrer sozialen Gesinnung an. Im Wettbewerb verhalten sie sich aber kaum anders als AGs. Immerhin: «Die Löhne in der Chefetage sind da nie so eskaliert wie in Aktiengesellschaften», hält Binswanger fest.

Der Weg am Finanzkasino vorbei Die Finanzkrise liess in vielen den Wunsch wachsen, sich vom Finanzmarkt unabhängig zu machen. Andreas Missbach, Finanzmarktexperte der Erklärung von Bern, winkt ab: «Völlig unabhängig vom Finanzmarkt ist man nur, wenn man kein Geld benutzt und zur Tauschwirtschaft zurückkehrt.» Im Buch «Saubere Renditen» listet Missbach Möglichkeiten auf, sein Geld sozial und ökologisch sinnvoll verwalten zu lassen. Er nennt einzelne Fonds, aber auch ganze Bankhäuser, an die man sich wenden kann. Die bekannteste auf diesem Feld ist die Alternative Bank Schweiz (ABS). Martin Rohner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der ABS, erklärt: «Kunden, die bei uns anlegen, wissen, was mit ihrem Geld pasGenossenschaftlich wohnen siert. Mit unseren Förder-Kassenobligationen können sie bestimmen, Ein Bereich, in dem viele Schweizerinnen und Schweizer geradezu dass ihr Geld zum Beispiel in die biologische Landwirtschaft, in erneunach Alternativen lechzen, ist der Wohnungsmarkt. Denn hier ist die erbare Energien oder in den sozialen Wohnungsbau investiert wird.» gängige Form – eine Mietwohnung auf dem freien Markt – vor allem eiDer Preis für das gute Gewissen ist ein tieferer Zins als bei konventiones: teuer. Besonders in Städten und Agglomerationen steigen die Mienellen Geldanlagen. Die bei Bankenskeptikern beliebte Postfinance übriten. Zugleich nimmt die Wohnfläche pro Kopf zu. Darum verbrauchen gens lässt ihre Anlagen von der UBS verwalten. Da sie keine Banklizenz Schweizer Haushalte trotz steigender Effizienz immer mehr Energie. hat, ist sie nicht berechtigt, selber Fonds zu verwalten. Die Alternative ist zumindest in Städten mehr als ein NischenproNachhaltige Anlagen liegen im Trend. Auch profitorientierte Gedukt: Wohnbaugenossenschaften und andere gemeinnützige Wohnbauschäftsbanken bieten solche Titel an. «Der grösste Teil des nachhaltig angelegten Gelds wird in Fonds investiert, die nach meinem Verständnis nicht nachhaltig «Der grösste Teil des nachhaltig angelegten Gelds wird in Fonds sind», kritisiert Missbach, «um die Risiken zu investiert, die nicht nachhaltig sind.» minimieren, halten die Branchenleader-Fonds vor allem Aktien der grössten Firmen.» Er träger bewirtschaften ihre Häuser nur kostendeckend und können desnennt ein Beispiel: «Kürzlich habe ich einen nachhaltigen Wasserfonds halb weit unter dem Markt- beziehungsweise Spekulationspreis vermieentdeckt, der auch Aktien der Firma Andritz enthält, die den ökologisch ten. In einigen Städten haben bis zu 20 Prozent der Einwohner das und sozial verheerenden Ilisu-Staudamm in der Türkei baut.» Glück, eine Genossenschaftswohnung mieten zu können. Viele allerWas aber wäre, wenn die Schweizer scharenweise ihr Geld zur Aldings erst nach Jahren auf der Warteliste. Schweizweit sind es nur rund ternativen Bank trügen? «Wir können einen Wachstumsschub verkraffünf Prozent. Die Gemeinnützigen beteiligen sich zudem weniger am ten», ist Rohner überzeugt, «das bedingt aber, dass sich die Kunden Rennen um immer grössere Wohnungen. Sie tragen somit weniger Verauch für die ABS engagieren, etwa indem sie ABS-Aktien zeichnen oder antwortung an der Zubetonierung von Naturraum. selber nachhaltige Projekte vorschlagen, in die wir investieren können.» Denn das ist die Krux: Wächst die Nachfrage nach alternativen Anlagen Mobilität der kurzen Wege und Finanzdienstleistungen schneller als das Angebot, dann müssen Günstiger Wohnraum hat einen weiteren Vorteil: Menschen können entweder die Nachhaltigkeitskriterien gelockert werden oder das Geld dorthin ziehen, wo sie arbeiten. Würden alle Autopendler ihre CO2-Bifliesst in riskantere Projekte. Wachstum ist auch in diesem Bereich nicht ohne Risiko zu haben. lanz verbessern wollen und suchten einen Platz in einem Vorortszug, Nun sagen einige, die Wurzel des Übels sei das Geld an sich und der würden sie auf gewissen Strecken für Chaos sorgen, denn da sind die Zwang, Zins abzuwerfen. Tatsächlich sind Wachstumswahn und damit Züge und Busse bereits voll. Gewiss ist es um ein Vielfaches ökologiverbundene riskante Geschäfte auch darin begründet. Alternativen zum scher, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren – aber auch Geld gibt es: von der in der Schweiz relativ weit verbreiteten WIR-Abdiese rollen nicht ohne Strom oder Benzin. Zudem gehen der Ausbau

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BILD: REUTERS/LUKE MACGREGOR

… und nicht nur, was den Arbeitsweg betrifft, für sich selber die Weichen neu stellen.

Leute wissen wollen, wo ihr Essen herkommt. Aber diese Art des Verdes S-Bahn-Netzes und die Zersiedelung der Landschaft Hand in Hand. triebs wird ein Nischenangebot bleiben. Es ist schon rein logistisch unDie wirklich nachhaltige Mobilität ist die der kurzen Wege – am besten zu Fuss oder auf dem Velo. Womit wir wieder beim knappen Wohnraum in den Zentren wäBaugenossenschaften beteiligen sich weniger am Rennen um ren. Für Thomas Stahel, Geschäftsleiter der immer grössere Wohnungen. Das beugt der Zubetonierung vor. verkehrspolitischen Umweltschutzorganisation umverkehR und Autor eines Buches über stadtmöglich, die ganze Schweiz so zu versorgen.» Auf Nachfrage lässt sich und wohnpolitische Bewegungen in Zürich, steht fest: «Viele Leute würSchwarzenbach bezüglich der Bedeutung der Vertragslandwirtschaft auf den gerne in Zürich wohnen, finden dort aber keine bezahlbare Woheine Schätzung hinaus: «Der Anteil der Bevölkerung, die ihren Gemüsenung. Also pendeln sie.» bedarf aus der regionalen Vertragslandwirtschaft deckt, liegt im Promillebereich. Im Optimalfall liesse sich dieser Anteil vielleicht bis in den Mein Partner, der Gemüsebauer tiefen einstelligen Prozentbereich steigern.» Zum Vergleich: Die Schweiz Ein weiterer Alltagsbereich mit Verbesserungspotenzial ist die Proversorgt sich insgesamt zu 52 Prozent selber. «Die Zahlen kann man duktion und der Vertrieb von Nahrungsmitteln. Die Grossverteiler benicht miteinander vergleichen, da sie unterschiedliche Produkte umfasmühen sich redlich, lokale, saisonale und biologische Frischware anzusen», schränkt Schwarzenbach ein. Einen Hinweis geben sie dennoch, bieten. Direkt daneben liegen aber die Erdbeeren zur Weihnachtszeit, dass mit kleinräumiger Produktion und kurzen Transportwegen gerade die Bohnen aus Ostafrika und um die halbe Erdkugel transportierte Äpdie geballte Bevölkerung in den Städten nicht zu ernähren wäre. fel. Wochenmärkte, auf denen Bauern ihre eigenen Güter verkaufen, Schwarzenbach empfiehlt, an einem anderen Ort anzusetzen: «Wir essind eine Möglichkeit, wirklich regional und mit direktem Bezug zu den sen viel zu viel Fleisch. Würden wir uns da einschränken und mehr Produzierenden einzukaufen. Eine andere ist die regionale Vertragspflanzliche Lebensmittel essen, wäre viel Energieeinsparung möglich. landwirtschaft. Gemeint sind feste Partnerschaften zwischen landwirtÜber die Tierfütterung braucht es neun pflanzliche Kalorien, um eine schaftlichen Produzenten und ihren Abnehmern. In der Westschweiz tierische Kalorie herzustellen.» entstanden, spriesst diese Form inzwischen auch in der DeutschDer Marktbummel zeigt: Wir können anders konsumieren, Möglichschweiz. Beliebt sind «Gemüse-Abos», ein Warenkorb, den die Genoskeiten sind da. Einige sind ein Nischenprodukt, weil sie eine Komfortsenschaftsmitglieder wöchentlich geliefert bekommen oder an einem fioder Zinseinbusse bedeuten. Andere sind gerade deshalb sozial- und xen Ort abholen. Darin steckt, was in den angeschlossenen Betrieben ökoverträglich, weil sie nie das Ziel hatten, die Massen zu bedienen. Ungerade geerntet wurde. Roger Schwarzenbach, Dozent für Agrarwirtsere individuelle Nachhaltigkeitsbilanz können wir mit ihnen allemal schaft an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenaufpolieren. schaften in Zollikofen, ordnet ein: «Es liegt ganz klar im Trend, dass die ■ SURPRISE 272 /12

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BILD: MANUEL UEBERSAX

Was einmal als privates Dessertschlemmen in der guten Stube begann, wird bald zum «Schnouse-Tearoom» in Bern.

Crowdfunding Vom Krümel zum Kuchen Oft scheitern Ideen für ein eigenes Unternehmen und kulturelle Vorhaben am Geld. Mit Crowdfunding hat sich ein neuer Weg aufgetan, Ideen mit dem nötigen Kapital zu versehen – auch in der Schweiz.

VON DIANA FREI

Felix Graber freut sich: «David Lynch braucht mich.» Eben ist er über die Internetplattform kickstarter.com angefragt worden, ob er einen Dokumentarfilm über den amerikanischen Regisseur mitfinanzieren wolle. Felix hat mit 25 Dollar schon einen Konzertfilm unterstützt, und immer wieder mal kommt dank seinem kulturellen Engagement ein Päckchen an: einmal ein Filmplakat, dann eine CD, und seinen Namen kann man auch schon in einem Filmabspann lesen.

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Als «A new way to fund & follow creativity» bezeichnet sich kickstarter.com, die amerikanische Fundraising-Plattform, die Vorbild für Nachahmer weltweit geworden ist. Erst vor einigen Wochen wurden fast zeitgleich die ersten zwei Crowdfunding-Plattformen in der Schweiz lanciert: 100-days.net, ein Projekt der Gründer des Städte-Newsletters Ron Orp, und wemakeit.ch mit einem Team um Rea Eggli im Hintergrund, die schon die Kulturmanagement-Agentur «Swissandfamous» auf die Beine gestellt hatte. Während sich wemakeit.ch auf kulturelle Projekte konzentriert, bietet 100-days.net eine grosse Bandbreite an ProSURPRISE 272 /12


«100 Tage ist die Zeiteinheit, in der es möglich ist, einen Effort durchjekten in verschiedensten Geschäftsfeldern. Vom Theater bis zum Teazuhalten und auch etwas zu erreichen», sagt Romano Strebel von 100room ist alles mögliche dabei. days.net «aber man muss viel arbeiten in dieser Zeit.» Das heisst: Das Modell ist grundsätzlich einfach: Ein Projektinitiant stellt sein Freunde anschreiben, engste Freunde und Verwandte dazu bringen, mit Vorhaben vor und legt einen Betrag fest, den er zur Umsetzung braucht. gutem Beispiel voranzugehen und eine erste Spende zu tätigen, FaceUnd wer sich dazu berufen fühlt, ihn zu unterstützen, spendet. Es gilt book nutzen, eigene Adresskarteien plündern, Flyer verteilen, Banner allerdings die Alles-oder-nichts-Regel: Wird der angestrebte Betrag nicht auf die eigene Homepage einbinden. Crowdfunding kann sich zum termingerecht erreicht, gehen alle Beträge an die Unterstützer zurück. Crashkurs im Kleinunternehmertum entwickeln, 100-days.net stellt eiNun ist also auch in der Schweiz ein Machergeist erwacht, den es gens ein Handbuch mit 100 Tipps zur Verfügung. Donat Berger hat eine so bisher nicht gab. Statt dass man sich enttäuscht gibt über mangelnelegante Lösung dafür gefunden, sein Projekt bekannt zu machen: «Ich de Fördergelder, hilft man sich selber – ganz nach dem Motto: Auch viele Krümel geben einen Kuchen. Es spielt der Spassfaktor, Projektfinanzierung wird als «Crowdfunding ist die Renaissance des genossenschaftGame gehandelt. Rea Eggli von wemakeit.ch lichen Gedankens in Form einer Onlineplattform.» meint dazu: «Der Unterstützer übernimmt eine spielerische Verantwortung und verändert sich habe Freunde, die eigene Projektideen haben, persönlich angeschrieben vom Kulturkonsument zu einem Kulturermöglicher.» Dank ihrer Plattund sie auf 100-days.net aufmerksam gemacht – und nebenbei angefom kann man schon die ersten Produkte in Händen halten – so geht merkt, dass man dort auch meinen Tearoom unterstützen kann.» zum Beispiel ein Buch über die Wahrnehmung von Architektur in Druck «Bisher hat man mit dem Internet und speziell mit Social Media Ausund eine Modelinie mit Sommersprossenmotiv, die Kunst und Kleid vertausch, Kontakte und Spass gefördert. Jetzt entdecken wir das Internet bindet, wird lanciert. Ohne Gesuch, ohne Fördergremium, ohne den beals Medium des Möglichmachens», sagt Strebel. schränkten Topf, der für viele reichen muss. Crowdfunding – die Entscheidend für den Unterstützer ist das Gefühl, an etwas Einzigar«Schwarmfinanzierung» – ist die erste demokratische Kultur- und Innotigem teilhaben zu können – sei es mit dem Projekt an sich oder mit dem vationsförderung. «Goodie», dem Dankeschön. «Die Dankeschöns sind in der Regel Dinge, die man sich sonst nicht kaufen kann», sagt Rea Eggli von wemakeit.ch. Wenn der Tourbus zum Erfolg fehlt Im Abspann eines Films genannt werden. Mit der Hauptdarstellerin esCrowdfunding ist im Kern eine amerikanische Idee: Die Amis sind gesen gehen. Bei Studioaufnahmen einer Band dabeisein, fürs Booklet zuübte Fundraiser, man unterstützt, was einem am Herzen liegt. «Wir hasammen mit den Musikern posieren.Das Goodie bedient den Fan im Mäben hier nicht die Donation-Kultur und den Gemeinschaftssinn wie in zen. Und umgekehrt: Es weckt den Mäzen im Fan. den USA», sagt auch Romano Strebel, Mitinitiant von 100-days.net, «insofern leisten wir Pionierarbeit.» Aber die Schweiz hat eine starke VereinsStadtpark im Untergrund kultur und Erfahrung mit gemeinnützigen Projekten. «Crowdfunding», Crowdfunding scheint viele Leute tatsächlich aus der Reserve zu so Strebel, «ist die Renaissance des genossenschaftlichen Gedankens in locken. Plötzlich trauen sich die Schweizer, sich zu präsentieren. Sich Form einer Onlineplattform.» Dabei ist auch die Verwandtschaft zu Ron anzupreisen. Und dafür zu sorgen, dass Geldeintreiben nicht als Betteln Orp spürbar: Hier wie dort geht es darum, eine Community zu schaffen, missverstanden wird. Man verteidigt unter öffentlicher Beobachtung Leute zu vernetzen und sie gemeinsame Themen entdecken zu lassen. seine Ideen und hat keine Angst davor, dabei zu scheitern. Ganz angeCrowdfunding spült Projekte an die Oberfläche, von denen kaum jekommen ist Crowdfunding in der Schweiz allerdings doch noch nicht. mand erfahren hätte, und macht sichtbar, was an Ideen und kreativem Grosse Projekte, für die der eigene Bekanntenkreis nicht mehr ausreicht, Potenzial in nächster Nähe alles vorhanden ist. haben es noch schwer. Beträge zwischen 3000 und 7000 Franken anzuOft steht ein Projekt schon zu weiten Teilen, und über Crowdfunding streben, sei momentan noch realistischer als 30 000 bis 40 000 Franken, wird noch eine Restfinanzierung gesucht. «Ein Theaterprojekt zum Beisagt Eggli. spiel, das auf kleinen Bühnen schon gespielt wurde, bekam Anfragen Was möglich wäre, wenn sich die Idee einmal etabliert hat, zeigt ein für grosse Häuser. Dafür fehlte aber das Geld, weil das eine teurere AusBeispiel aus New York: Hier suchten zwei Architekten – der eine war stattung und einen Tourbus braucht», sagt Rea Eggli. auch als Nasa-Ingenieur tätig, der andere als Regierungsmitarbeiter – «Virgin Tales» wiederum ist ein ausfinanzierter Kinofilm, dessen Re133 416 Dollars für einen unterirdischen Park in der Lower East Side. Der gisseurin ein zusätzliches Gleis begehen will: «Mein Film thematisiert Betrag konnte gedeckt werden, das Projekt startet am 6. April. Dass sich den Keuschheitsboom in den USA. Als wir in der Postproduktion waren, Leute auf die Art für ein Projekt aussprechen, erinnert schon fast an wurde die Initiative gegen die Sexualisierung der Volksschule eingereicht. Wir möchten deshalb den Bogen zur Schweiz schlagen und hier direkte Demokratie. Nur, dass man hier sogar dafür zu zahlen bereit ist, eine Diskussion darüber anreissen, was die Tabuisierung der Sexualität um seine Stimme abzugeben. ■ für Folgen haben kann», sagt Mirjam von Arx. Dazu stellt sie Informationsmaterial her, das auch an Schulen abgegeben werden soll, und Podiumsdiskussionen sollen einen Dialog über das Tabuthema auslösen. Crashkurs im Unternehmertum Ganz anderer Art ist Donat Bergers Idee, auch wenn sie ebenfalls mit Fragen rund um Verführung oder Enthaltsamkeit zu tun hat: Er will einen Tearoom eröffnen, der ausschliesslich Desserts im Angebot führt. Auch er geht schon länger mit seiner Idee schwanger: «Vor vier Jahren habe ich aus allen Heftli Rezepte ausgeschnitten und als ich den zweiten Ordner hätte beginnen müssen, sagte ich zu meiner Frau: Nun muss ein Anlass her, um all die Rezepte ‹abzubauen›.» So haben sie bei sich zu Hause regelmässig Dessert-Sechsgänger serviert, bis die Wohnung aus allen Nähten platzte. Die Idee für den Tearoom war geboren. 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www.100-days.net www.wemakeit.ch

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BILD: ANDREA GANZ

Le mot noir Poolferien Kürzlich in der Provence. «Und, was sagst du?», sieht meine Freundin Marie auf ihr neues Ferienhaus. «Schlimmer, als ich erwartet habe», starre ich auf die Ruine.» «Komm schon», ist Marie sofort motiviert. «Es war das oder einmal im Jahr All-inclusive-Ferien mit Pool!» «Absolut korrekt», sage ich. «Und die gute Nachricht: Hier brauchst du keinen Pool. Da würden die Kinder nach dem Steineschleppen nur absaufen.» «Wir haben vier Tage Zeit, bis die Küche steht. Du und ich!», klärt Marie trocken auf. «Dein Exmann war doch ganz nett», weiche ich aus. «Und für seine Kinder macht er das sicher gern.» «Vier Tage!», hebt Marie drohend vier Finger hoch, während ich über den Garten blicke und seufze: «Dann Schichten zu je 14 Stunden. Und die Kinder mähen den Rasen. Oder jäten. In Schichten zu je vier Gameboy-

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Stunden!» «Und ich koche!», wirft Marie ihren Trumpf in die öden Blumenbeete. «Ich gehe nicht jagen, wenn du das meinst», bremse ich. «Viel Pasta und viel Kalorien! Das müsste reichen», bleibt Marie am Ball. «Wasser haben wir ja schon», mache ich auf optimistisch. «Oder ist der Brunnen da fürs ganze Dorf?» «Das wird der Pool, aber den können wir fertig graben, wenn die Küche steht.» «Wie teuer waren denn diese All-inclusive-Ferien?», will ich murrend wissen. «Du weisst nicht, wie es mit Kindern ist», mault Marie und hebelt das Waschbecken aus der gefährlich bröckelnden Wand. «Absolut korrekt», sage ich. «Und du machst das toll!» «Ich brauche einfach einen ruhigen Ort! Wo ich nur ich sein kann und die Kinder spielen können», redet Marie weiter. «Hier fackeln sie in Ruhe eine Katze ab, ist doch ideal!», stimme ich mit ein. «Wer keine Kinder hat, ist eigentlich ein Egoist!» «Absolut korrekt», sage ich. «Aber dafür stehe ich doch erstaunlich oft auf fremden Baustellen. Und wenn ich daheim meinen Kühlschrank öffne, frage ich mich, woher diese permanenten Mengen an Fischstäbchen und Erdbeereis kommen. Die der Hund nicht frisst!» «Ich sagte doch, keine Fischstäbchen!», lässt Marie das Becken zu Boden donnern. «Kriegen sie ja nicht! Ich kaufe frischen Fisch, säge ihn daheim in Form, pappe frischen Spinat dazwischen und paniere schön. Dann essen sies!»

«Seit du ihnen diese Hühnerfarm gezeigt hast, essen sie nicht mal mehr Eier!», ist Marie immer noch sauer. «Ich habe ihnen bloss erklärt, wie schön es ohne Batterie sein könnte», werde ich schuldbewusst. «Und Elefantenreiten im Zoo hat ihnen Spass gemacht!» «Genau, das hätte ja gereicht! Warum erklärst du ihnen, wie genau so ein Tier da leidet?» «Damit sie nicht ins Delphinarium wollen?», werde ich nun sauer. «Wie lange wird das denn?», will Marie abwesend wissen. «Vier achtzig, und willst du die Theke höher?», knurre ich. «Ich will eine gute Mutter sein», knurrt Marie zurück. «Deine Latte ist ziemlich hoch. Ich bin froh, wenn die Kleinen überleben.» «Und all die anderen Mütter!», rammt Marie Schrauben in die Wand. «Ihr macht euch doch nur gegenseitig fertig», sage ich. «Du bist eine tolle Mutter. Punkt.» «War dieses Ferienhaus eine Schnapsidee?», will Marie leise wissen. «Du gräbst für deine Kinder sogar einen Pool», tauche ich scheinheilig ab. «Ist doch auch irgendwie all inclusive!»

DELIA LENOIR LENOIR@HAPPYSHRIMP.CH ILLUSTRATION: IRENE MEIER (IRENEMEI@GMX.CH) SURPRISE 272 /12


Schweizerdeutsch Die Tomate als Stimmprobe Wir reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist – und das ist gut so. Die Ausstellung «Sapperlot!» in der Nationalbibliothek in Bern befasst sich mit der Vielfalt der Schweizer Dialekte. Neben historischen und aktuellen Tondokumenten bietet «Sapperlot!» auch Gelegenheit, die eigene Mundart aufnehmen zu lassen.

«Sprich, damit ich dich sehe!», sagte Sokrates in der Antike. Dieser Imperativ ist eines von vielen Zitaten an der Infowand vor dem Ausstellungsraum. Schon der griechische Philosoph erkannte, dass sich das Wesen des Menschen in seiner Mundart offenbart. Und tatsächlich: Wenn man sich unter die 13 Hörstationen stellt, die in der Mitte des Raumes von der Decke hängen, bekommt man sehr schnell eine Ahnung davon, wie eng Identität und Sprache miteinander verknüpft sind. Im steten Wechsel rieseln 40 Tonaufnahmen aus der ganzen Schweiz aus den Lautsprechern herunter. Da hört man zum Beispiel Jugendliche in der Stadt Zürich 2009 mit «Sbescht wos je hets gits» oder die Parabel des verlorenen Sohnes, 1913 aufgezeichnet im Tessiner Dorf Cavergno. Und auch wenn man nicht aller Landessprachen mächtig ist, spürt man den Charakter des Erzählten heraus. Die Sprachmelodie eines jeden Dialektes oder Idioms kreiert ihre unverkennbare Dramaturgie: Ein Effekt, mit dem übrigens auch das bekannte «Totemügerli» von Franz Hohler spielt, das hier aus Lautsprecher Nr. 4 erklingt. Die Beleuchtung im Raum ist gedimmt, sodass man die Stimmen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit erfassen kann. In Schaukästen entlang der Wände wird das Schweizer Idiotikon, das Sammelwerk der Schweizer Mundarten, bestehend aus vier grossen Wörterbüchern, vorgestellt. Die Anfänge dieser systematischen Erfassung der einheimischen Sprachenvielfalt reichen bis ins spätere 19. Jahrhundert zurück. Weiter hinten stehen historische Aufnahmegeräte und zeugen ebenfalls von der langen Tradition der Sprachforschung. Ein schönes Element ist auch der Teppich, in den die Seenlandschaft der Schweiz gestanzt wurde. Die 13 Lautsprecher sind jeweils über der dazugehörigen Region angebracht. Sprache wird hier als ein lebendiges, immer im Wandel befindliches Kulturgut präsentiert. Eine Aufzeichnung von Fussball-Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld ist besonders interessant, denn obwohl sich der Coach in Schweizerdeutsch ausdrückt, verraten bestimmte Betonungen und Satzstellungen seine deutsche Herkunft. Beim Zuhören kommt man nicht darum herum, über das ambivalente Verhältnis von uns Schweizern gegenüber der deutschen Hochsprache nachzudenken. «Die Dialektsprache hatte in unserem Land schon immer eine wichtige Stellung», sagt Hans-Dieter Amstutz, Leiter Kommunikation der Nationalbibliothek. «Wir definieren uns seit jeher über die gesprochenen Dialekte, vor allem in der Deutschschweiz.» Hier sei das Nebeneinander der Dialekte und des Hochdeutschen, die sogenannte Diglossie, speziell und sorge auch für Spannungen. «Man denke nur an die vielen Diskussionen, ob zum Beispiel im Kindergarten Mundart oder Schriftdeutsch gesprochen werden solle», erinnert Amstutz. Die Idee für die aktuelle Ausstellung wurde der Nationalbibliothek vom Phonogrammarchiv der SURPRISE 272 /12

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VON MONIKA BETTSCHEN

Der Phonograph erfasste schon früh, wer «Tünne» und wer «Waie» sagte.

Universität Zürich zugetragen. Dort fand anlässlich des 100-Jahre-Jubiläums 2009 bereits eine kleine Ausstellung zu diesem Thema statt. Die Organisatoren fanden, dass diese Inhalte in der Nationalbibliothek auch sehr gut in einem grösseren Rahmen gezeigt werden könnten. «Nebst dem, dass wir die einzigartige Sprachenvielfalt in unserem Land aufzeigen, wollen wir deshalb auch einen Einblick in die Sprachforschung geben», so Amstutz. Den Besucherinnen und Besuchern bietet sich die Möglichkeit, sich aktiv an der Forschung zu beteiligen. Für diese Ausstellung wurde eigens eine Web-Applikation entwickelt, die es den Nutzern ermöglicht, eine Sprachprobe aufzunehmen. In zwei Kojen im hinteren Teil des Ausstellungsraums stehen zwei Arbeitstische mit Mikrofonen und Computern bereit. Man hat die Wahl, entweder eine Stimmprobe abzugeben oder aber die bereits erfassten Aufzeichnungen abzuhören. Es ist eindrücklich, wie etwa ein simples Wort wie «Tomate» in den unterschiedlichen Regionen ganz verschieden ausgesprochen wird. Aufnehmen und abhören können auch Menschen, denen der Weg in die Nationalbibliothek zu umständlich ist – und zwar via Internet unter www.stimmen.uzh.ch. Nach Ausstellungsende wertet die Universität die Aufnahmen aus. ■ «Sapperlot! Mundarten der Schweiz», Nationalbibliothek Bern, noch bis am 25. August www.nb.admin.ch/sapperlot

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Kulturtipps

Was vom Kleidungsstück übrig blieb: ein roter Faden, innere Werte.

Die Versicherungstagung werde zum Überlebenskampf. Hat Lippes Boss gesagt.

Buch Wenn Hüllen zerfallen

DVD Einer flog aus dem Kaff

Der Stilpapst Jeroen van Rooijen geht 44 Modeklassikern an die Wäsche und enthüllt, was in und hinter den Hüllen steckt.

Als naiver Gutmensch fährt Tim Lippe an eine Versicherungstagung. Die lokale Metropole Cedar Rapids wird zum Pool, in dem der Grünschnabel mit Haien schwimmen lernt.

VON CHRISTOPHER ZIMMER VON NILS KELLER

Für die einen ist ein Kleiderkauf ein Ausflug ins Paradies und jeder Shop ein Modemekka. Für die anderen ist just dasselbe eine Qual und der Verlust eines treuen textilen, doch leider untragbar gewordenen Begleiters ein existenzielles Drama – nur noch überboten vom folgenden Martyrium des Shoppen-Müssens. Die Spanne derer, die es zur Mode zieht oder zwingt, ist gross. Und das Wissen um die textile Kultur reicht von leidenschaftlicher Kompetenz bis zu panischer Ignoranz. Den einen wie den anderen sei hier ein ganz spezielles Buch an die Herznaht gelegt: Dieses versammelt 44 Folgen der Kolumne «Zerlegt», die zwischen 2004 und 2010 im «NZZ Folio» erschienen sind. Die Versuchsanordnung ist jeweils die gleiche: Meister Jeroen van Rooijen durchtrennt alle Nähte und beugt sich anschliessend sachkundig über die Auslegeordnung der Einzelteile. Dabei macht er vor nichts Halt, weder vor der Feinrippunterhose für 15 Franken noch vor der Hermès-Tasche für 3550 Franken. So liest man allerhand Wissenswertes aus der Welt der Mode-Insider. Zunächst natürlich viel über Material, Schnitt, Verarbeitung und Qualität. Doch das ist nur der Anfang. Denn höchst unterhaltsam liefert uns van Rooijen zum Stofflichen noch den Stoff: Geschichte und Anekdoten, Marketing und Margen, Produktionsorte und -wege oder Renommee und In-Faktor. Kein Wunder, dass «Zerlegt» 2010 Gast in der Ausstellung «Global Design» im Museum für Gestaltung Zürich war. Von hauchzart bis wetterfest, von erotisch bis wandertauglich präsentieren sich die Von-Kopf-bis-Fuss-Bekleidungen. Selbstverständlich sind auch Ikonen dabei: das kleine Schwarze, die 501, Converse (die nur mit dem Teppichmesser zu zerlegen waren) oder das Schweizer Taschenwunder Freitag. Nostalgisch wird es mit Fliege, Kummerbund, Corsage und Co. Und den makabren Schlusspunkt setzt das letzte (Toten-)Hemd. Übrigens kann man auch sprachlich die Welt der Mode beschnuppern: Ein Satz wie «die innenliegenden Overlocknähte sind mit einem sich aufbauschenden Puffgarn versäubert» zergeht auf der Zunge. Wens da gelüstet mitzutun, der kann zum beigelegten «Pfeiltrenner» von Bernina greifen, dem kaum eine Naht widersteht.

Als Versicherungsberater im tiefschläfrigen Brown Valley vertraut Tim Lippe (Ed Helms) seinen Mitmenschen. Als sein Arbeitskollege und Vorbild Roger sich zwecks Lustgewinn erdrosselt, muss Lippe zum ersten Mal an die regionale Versicherungstagung in Cedar Rapids fahren. Sein Boss (Stephen Root) erwartet von ihm, dass der bereits mehrmals gewonnene «Two Diamond Award» wieder an seine Versicherung geht. So steigt Lippe zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug und macht sich auf, den christlichen Ruf seines Arbeitgebers zu retten. Doch Lippes Naivität reicht viel weiter als erwartet: So sieht er den Tod von Kollege Rogers als Unfall, irritiert die Prostituierte mit direkter Sympathie – und versucht sich blind an die rigiden Anweisungen seines Bosses zu halten. Als er im überbuchten Hotel mit dem Schwarzen Wilkes und dem vermeintlichen Verräter Ziegler (John C. Reilly) ein Zimmer teilen muss, gerät er schnell ins Fahrwasser der Erwachsenen, für die diese Tagung eher eine feucht-fröhliche Auszeit ist als der von Lippes Boss angedrohte Überlebenskampf. Zu den drei grossen Jungs gesellt sich die spitzzüngige Joan Ostrowski-Fox (Anne Heche), in die sich Lippe nach dem ersten Schock prompt verguckt. Seine Leichtgläubigkeit und die korrupten Machenschaften der anderen lassen den Award in weite Ferne rücken. Eine Komödie im Milieu der Versicherungsagenten anzusiedeln, würde einige Gelegenheit bieten, sich über eine wenig geliebte Berufsgattung lustig zu machen. Doch Autor Johnston und Regisseur Miguel Arteta schaffen mithilfe der spielfreudigen Besetzung ein Panoptikum des alltäglichen Wahnsinns: Cedar Rapids gelingt es, weltschmerzende Ironie, alkoholisierten Genitalhumor und warmherzigste Augenblicke gegeneinander auszujonglieren. Das klingt etwa so unwahrscheinlich wie das Versprechen, dass Lippe in der komplexen Erwachsenenwelt flügge werden kann. Ja, er entpuppt sich sogar als ehrlicher Schelm, ohne den Film in die Kitschfalle tappen zu lassen. Solch gewitzte Kunststücke sind selbst im Kino rar.

Jeroen van Rooijen: «Zerlegt. Kleidung auf dem Seziertisch.»

OV mit deutschen, englischen und französischen Untertiteln,

NZZ Libro 2011. 39.00 CHF.

Extras: Entfallene Szenen, Filmdokumentation.

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Miguel Arteta: «Cedar Rapids» (USA 2011), mit Ed Helms, John C. Reilly, Anne Heche,

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BILD: MICHAEL MEIER, AUS DER SERIE «VIELLEICHT LIEBER MORGEN», 2008

Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

«Roger»: Das Statement des Fotografierten gibts im Helmhaus zu lesen.

Ausstellung Kei gschtopfti Juwelier Das Helmhaus widmet dem «Chreis Cheib» eine kunterbunte Ausstellung. Selten hat man sich im Helmhaus derart vergnügt. Das Quartier unterhält auch fernab der Strasse. VON FABIENNE SCHMUKI

«I mim Quartier, da gits kei Banke und s’git kei gschtopfti Juwelier und niemert macht Millione Franke i mim Quartier.» Werner Wollenbergers Worte empfangen den Besucher beim Betreten der Ausstellung «Grösser als Zürich». Die rund zweimonatige Bespielung des Helmhauses mit diversen Rahmenveranstaltungen dreht sich um ein Thema: die Kunst im Zürcher Quartier Aussersihl, dem Kreis 4. Nein, Millionen Franken verdiente im Jahr 1959, als das Lied von Wollenberger entstand, im Kreis 4 wohl kaum einer. Doch das ist lange her, und während sich das Quartier wandelt – von der Sündenmeile zum Ausgangsmekka zum Luxuswohnviertel – jammern die einen, und die anderen wandeln ihre Sorgen in kreatives Schaffen um. Nicht nur die mediale Vielfalt ist ein Vergnügen, sondern auch der Inhalt der Kunstwerke. Ob Fotografien von orthodoxen Juden (von Livio Piatti, 1992 – 1997), Thomas Otts «Perfektes Paar» oder der Mailverkehr von Margot Zanni, die in Paris, Texas, gerne etwas Land erstehen würde («Travis, Jane and Hunter», 2003) – die Werke von Künstlern aus dem Kreis 4 sind alles andere als homogen und tun vor allem eines: unterhalten. Wenn auch der Pressetext zur Ausstellung vom Präsidialdepartement der Stadt Zürich etwas schönrednerisch daherkommt, in einem Punkt hat er recht: Im «Chreis Cheib» wimmelt es nur so von Künstlern, Galerien, kreativem Geist. 222 Positionen aus der bildenden Kunst machen den Kreis 4 «grösser als Zürich», dazu gesellen sich 48 auftretende Autorinnen und Autoren, sechs Konzerte, zwölf Filme. Kreative Zentren können in einer Stadt nicht eingepflanzt werden, sie brauchen Raum, um entstehen und sich entfalten zu können. Ohne genau zu wissen, in welche Richtung es mit dem Kreis 4 weitergeht, entlässt diese Ausstellung den Besucher, ohne Zukunftsprognosen zu wagen. Der schöne (Rück-)Blick in die Vergangenheit und Gegenwart vermittelt das Gefühl, dass, wenn man fest daran glaubt, alles für immer so bleiben wird. Genau wie es Wollenberger schon vor rund 50 Jahren in sein Lied verpackte: «I mim Quartier bisch en blinde Passagier im Zug der Zeit und möchtsch es blibe.»

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Velo-Oase Bestgen, Baar

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Otterbach

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fast4meter, storytelling, Bern

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Streib. Outplacement., Basel

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

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Brockenstube des Reformierten Frauenvereins Aesch-Pfeffingen

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Klinik Sonnenhalde AG, Riehen

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Schweiz. Tropen- und Public Health-Institut, BS

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Migros Zürich, Kulturprozent

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Psychiatrische Dienste Aargau AG (PDAG)

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Locher, Schwittay Gebäudetechnik GmbH, BS

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Weingut Rütihof, Uerikon

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AnyWeb AG, Zürich

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Niederer, Kraft & Frey, Zürich

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Musikschule archemusia, Basel

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Paulus-Akademie Zürich

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Anne Hoffmann Graphic Design, Zürich

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Thommen ASIC-Design, Zürich

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BEVBE Ingenieurbüro, Bonstetten

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homegate AG, Adliswil

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ratatat – freies Kreativteam

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Kaiser Software GmbH, Bern

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bölsterli hitz gmbh, 8005 Zürich

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www.rechenschwaeche.ch

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Philip Maloney, Privatdetektiv

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Strassenmagazin Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

«Grösser als Zürich – Kunst in Aussersihl», noch bis zum 22. April, Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr, Helmhaus Zürich, Limmatquai 31. www.helmhaus.org SURPRISE 272 /12

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Babur fragt nach. Mit strengem Blick.

Auf Tour Kritischer Geist Thema Terroranschlag in Opernform – das mag etwas gewagt anmuten, ist man sich im gehobenen Musiktheater doch eher grosse Geschichten um noch grössere Leidenschaften und Ränkespiele gewohnt. Doch der britische Komponist Edward Rushton mit Wohnsitz in Zürich ist nicht Verdi, und Babur nicht Rigoletto. Und so geht es bei «Babur in London» um junge Leute, die sich in einem Londoner Vorort darauf vorbereiten, einen Terroranschlag zu verüben. Doch sie werden am Vorabend ihres Vorhabens von einem Geist heimgesucht, von Babur eben, einem Künstler und Krieger. Und der kritische Geist fragt nach. Solange, bis sich die jungen Leute ein Gewissen drum machen, ob sie nicht vielleicht doch auf dem Holzweg sind. Die Oper ist in der Schweiz, Grossbritannien und Indien auf Tournee, das Ensemble für neue Musik Zürich begleitet dabei die Londoner Opera Group. (dif)

BILD: ZVG

BILD: DODÓ DEÉR/PETER KUNTNER

BILD: SARAH BEATON

Ausgehtipps

Lücke, schattenhafte Flüchtigkeit.

Nur keine Eile. Penelope hat noch 20 Jahre Zeit.

Aarau Zwischenräume füllen

Zürich/Rapperswil Postkartengrüsse

Der US-Amerikaner Raymond Carver gilt als Meister der Kurzgeschichte, insbesondere, weil er die Auslassung meisterlich beherrschte und damit Zwischenräume für die Interpretation schuf. Die Ausstellungsmacher von «Fischteich» wollten diese Zwischenräume räumlich erfahrbar machen und haben zu Carvers Kurzgeschichte «Warum tanzt ihr nicht?» räumliche Installationen kreiert, «in denen sich vielschichtige Gedankenwelten entfalten können». In Carvers Geschichten geht es zumeist um die grundlegenden Fragen des Lebens. «Warum tanzt ihr nicht?» handelt von einem alten Mann, der auf ein junges Pärchen trifft, bei dem es so ist, wie es bei ihm auch mal war. Die Weglassung ist übrigens eine Kunst, zu der auch Carver erst durch einen unerbittlich streichenden Lektor gezwungen wurde. Passend: Im Forum Schlossplatz findet am 28. und 29. April eine Schreibwerkstatt zum Thema statt. (fer)

Odysseus werkelt im Ausland an seinem Ruf als grosser Held und zu Hause sitzt Penelope. Und wartet. Immerhin muss sie sich einiges einfallen lassen, um sich die Freier vom Hals zu halten, und um ihren Glauben an die Rückkehr des Liebsten 20 Jahre lang aufrechterhalten zu können. Ihre Tage sind also ausgefüllt durch die Kunst des Wartens. Nelly Bütikofer, Grande Dame der Schweizer Tanzszene, hat sie in eine Tanz- und Musikperformance übersetzt. «Liebe Grüsse. Odysseus» heisst die Produktion lapidar, und besonders sympathisch macht einem die Formel den Helden nicht. Umso interessanter zu erfahren, was Penelope antreibt, diesem Kerl so geduldig treu zu bleiben. Mit der Radiostimme im Ohr, die ständig latest News über Odysseus’ Abenteuer verkündet und vor dem Hintergrund einer Toncollage, die die Stimmen der allgegenwärtigen Freier in die gute Stube trägt. (dif)

«Warum tanzt ihr nicht? Eine literarische Szenerie»,

«Liebe Grüsse. Odysseus oder: Die Kunst auf ihn zu

noch bis 3. Juni, Mi bis So 12 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr,

warten», Theater Stock Zürich, Mi, 18. bis Sa, 21. April,

So ab 11 Uhr, Forum Schlossplatz, Aarau.

jeweils 20 Uhr; Rittersaal Schloss Rapperswil,

www.forumschlossplatz.ch

Fr, 17. und Sa, 28. April, jeweils 20 Uhr. www.fasson-theater.ch

Anzeigen:

«Babur in London», Fr, 30. März, 20 Uhr, Theater Rigiblick Zürich, Mi, 4. April, 20 Uhr, Gare du Nord Basel, Do, 5. April, 20 Uhr, Lokremise St. Gallen www.theater-rigiblick.ch, www.garedunord.ch, www.kulturticket.ch

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BILD: ZVG

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Youngster mit Schmeichelstimme: Michael Kiwanuka.

Auch OSS 117 hat eine Art Bond-Girl im Schlepptau.

Zürich Neuer Schwung für alten Soul

Zürich Auf Bonds Spuren

Zu den beliebtesten Spielchen des Popbetriebs gehört die mediale Vorhersage der Newcomer eines neuen Jahres. Michael Kiwanuka stand von der BBC bis zum «Spiegel» auf so ziemlich jeder entsprechenden Liste für 2012. Und zwar nicht, weil die Journis einander abschreiben, sondern weil sein Potenzial geradezu ins Ohr springt. Man könnte meinen, die Retro-Soul-Welle müsste langsam abklingen, doch mit dem jungen Engländer dürfte sie noch einmal an Schwung gewinnen. Nach Amy Winehouse und Adele (für die Kiwanuka letztes Jahr Konzerte eröffnete) wandelt nun ein Mann auf den Spuren von Bill Withers und Al Green. Sein Debütalbum «Home Again» klingt, als wäre es in den frühen 70ern eingespielt worden: federnd, emotional und entspannt, denn neben Soul hat der Youngster auch Sinn für Jazz und Folk im Sinne einer Joni Mitchell. Einen Preis für Originalität wird Michael Kiwanuka nicht gewinnen, spätestens an den Open-Airs aber wird er mit seiner schmeichelnden Stimme die Massen erobern. Das anstehende Klubkonzert dürfte das letzte im kleinen Rahmen sein. (ash)

«The Artist» sagt nach fünf Oscars unterdessen allen was, und viele hatten ihren Spass am genregenau getroffenen Stummfilm. Das war aber nicht Michel Hazanavicius’ erster Film, in dem er vergangene Welten stilsicher und mit viel Humor wieder aufleben liess. Geübt hat er bereits mit zwei Agentenfilm-Persiflagen. Schon vor James Bond gab es in Frankreich einen ähnlichen Charakter, nämlich den Topspion OSS 117. Ob James Bond oder OSS 117 – der effektsichere Hazanavicius hat das Grundinventar der Genreklischees an sich im Visier, und Hauptdarsteller Jean Dujardin (ja, der gleiche wie in «The Artist»), zitiert Sean Connerys Verkörperung des Playboy-Agenten mit wohldosierten Manierismen. Wobei man sieht: Dujardin ist nicht einfach eine zufällig frappante Kopie eines Stummfilmstars. Der Mann ist als Topspion genauso überzeugend. Das Filmpodium zeigt die beiden Filme «Le Caire, nid d’espions» von 2006 und «Rio ne répond plus» von 2009 im April und Mai. (dif)

Michael Kiwanuka: Do, 19. April, 19 Uhr, Mascotte, Zürich.

unterschiedliche Anfangszeiten.

Michel Hazanavicius: «Le Caire, nid d’espions», Filmpodium Zürich, So, 1. April, Di, 3. bis Do, 5. April, Sa, 7. und So, 8. April und weitere Spieldaten,

Näheres unter www.filmpodium.ch

BILD: MATTHIAS WILLI

Basel Ausgepumpte Rockstars «Das ist die einzige Art zu zeigen, wie wir wirklich sind», fand die singende Schauspielerin Juliette Lewis. Die einzige Art heisst: Verschwitzt und ausgepumpt, aber glücklich – «The Moment After the Show» eben. Unter diesem Titel haben der Fotograf Matthias Willi und der Journalist und Surprise-Mitarbeiter Olivier Joliat in ihrem Bildband an die 100 Bands versammelt: Weltstars von Iggy Pop bis Placebo und Muse, aber auch Schweizer Grössen wie Endo Anaconda. Ergänzt werden die Fotos durch kurze Texte zur Entstehung sowie Exklusivinterviews mit Robert Trujillo von Metallica und Anthony Thomas von den Basler Lombego Surfers, in denen der Alltag einer Stadiontour neben jenem einer Klubtour steht. Eröffnet wird die Ausstellung in der Kaserne Basel mit einem Doppelkonzert der Stoner-Rocker Karma To Burn und den Indierockern Blackmail, abgeschlossen dann Anfang Mai von Jon Spencer’s Blues Explosion – drei Bands, die selbstverständlich ebenfalls im Buch vertreten sind. (ash) Ausstellung: «The Moment After The Show», Mi, 4. April bis So, 6. Mai, Kaserne, Basel. Vernissage mit Karma To Burn und Blackmail: Mi, 4. April, 20.30 Uhr. Finissage mit Jon Spencer Blues Explosion: So, 6. Mai, 20 Uhr. www.aftertheshow.ch SURPRISE 272 /12

Für Posen reicht die Kraft nicht mehr: Iggy Pop «after the Show».

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Verkäuferporträt «Meine Freunde nennen mich Ceye» Rene Metzger, 38, lebt in der Gegenwart und braucht wenig, um zufrieden zu sein – seine Freiheit, jede Menge Musik und seine ganz eigenen vier Wände.

«Ich weiss schon jetzt, was ich an die Wand hänge, wenn ich endlich in meiner eigenen Einzimmerwohnung lebe: Ein Punk-Poster und eine Che-Guevara-Fahne. Die Fahne habe ich von einem Freund geschenkt bekommen. Che Guevara war ein Freiheitskämpfer. Für mich ist die Freiheit auch ganz wichtig. Darum will ich auch raus aus der ZwakWohnung. Das ist die Zürcher Wohn- und Arbeitskoordination. In dieser Wohnung in Oerlikon wohne ich gemeinsam mit einem Mann und einer Frau. Die sind aber beide älter als ich, er hat schon graue Haare. Mit denen verstehe ich mich gut, aber da gibt es mir einfach zu viele Regeln. Gegen Autorität und Vorschriften habe ich mich schon immer gewehrt. Dann haue ich irgendwann einfach ab, wenn es mir zuviel wird. Ich wurde vor zwei Jahren schon einmal in der Surprise porträtiert. Sehr viel hat sich seither nicht verändert. Ich suche noch immer eine Frau, mit der ich durch die Nacht tanzen kann. Ich würde sie auch ausführen, aber mit ihr würde ich kein Bier trinken. Eher ein Glas Wein, das hat mehr Stil. Und dann würde ich ihr meine eigene Wohnung zeigen. Das ist vielleicht die grösste Veränderung seit den letzten zwei Jahren: Ich habe gute Chancen auf meine eigene Einzimmerwohnung. Wenn alles klappt, wohne ich vielleicht schon im Sommer alleine. Das ist zurzeit mein grösster Wunsch. Es reicht, wenn jemand einmal in der Woche nach mir schaut, ich brauche keine tägliche Kontrolle. Ich leide zwar an Bewegungsstörungen, an Zerebralparese, aber ich komme sehr gut alleine zurecht. Ich bin auch viel unterwegs mit meinem GA. Manchmal fahre ich nach Biel, wo ich früher Surprise verkauft habe. Dort kenne ich auch noch ein paar Leute, die besuche ich dann. Überhaupt hatte ich noch nie Mühe, Leute kennenzulernen. Ich komme meist gut an, deshalb habe ich auch viele Freunde. Auch in Oerlikon habe ich gute Freunde gefunden. Das sind Hip-Hopper, die haben ein Studio und machen Musik. Ich bin jetzt auch ein HipHopper, das sieht man auch meiner Kleidung an. Mir gefällt vor allem deutscher Rap. Heute, vor dem Interview, hab ich gerade RAF 3.0 gehört, die gefallen mir gut. Manchmal nehmen mich meine Freunde mit ins Studio. Da kann ich dabei zuschauen, wie sie Musik machen. Wir haben zusammen ein paar Insider-Codes, wie unsere Hip-Hopper-Namen. Mir haben sie auch einen gegeben: Meine Freunde nennen mich Ceye. Das finde ich cool. Früher stand ich mehr auf Punk. Ich hab mich aber nie wie einer angezogen. Und meine Frisur war auch nicht anders: Ich hatte schon immer flache, kurze, blonde Haare. Später begann ich, Techno zu lieben: Ich gehe nicht nur an die Streetparade, sondern auch auf Goa-Partys. Letztes Jahr, als ich auf dem Weg war zu einer Goa-Party im Zürcher Oberland, traf ich auf dem Perron meinen eineiigen Zwillingsbruder. Den hatte ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Wir haben kurz geredet; es war schön, ihn mal wieder zu sehen. Sonst habe ich aber keinen Kontakt mehr zu ihm oder meiner Familie. Meine Freunde sind jetzt meine Familie.

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BILD: ZVG

AUFGEZEICHNET VON FABIENNE SCHMUKI

Ausser der Musik mag ich Baustellen, mir gefällt der Dreck und der Lärm. Zu Weihnachten hab ich von der Zwak ein Buch mit Kranen auf Baustellen von der ganzen Welt erhalten. Das schaue ich gerne an. Mit der Zwak haben wir auch mal eine Reise gemacht, nach Italien. Gerne würde ich mal nach Spanien reisen. Wegen der Wärme, dem Meer und den hübschen Frauen. Das gibts in Italien zwar alles auch, aber Spanien tönt exotischer. Ich verkaufe gerne Surprise. Heute habe ich 20 Hefte verkauft, das ist ziemlich gut. Ich verkaufe im Niederdorf, manchmal bekomme ich ein Zehnernötli statt nur die sechs Franken, die das Heft kostet. Ich weiss nicht, ob ich das mein Leben lang machen werde. Aber es gefällt mir gut und ich verdiene mehr als zuvor in meinen anderen Jobs. Und ich mag die Leute, meine Betreuer und auch meinen Chef. Wenn ich ihn im Surprise-Büro besuche, dann macht er mir einen Kaffee. Er leert die Rähmli für mich in die Tasse, weil er weiss, dass ich dafür zu stark zittere. Es ist viel besser als mein alter Job in der Werkstatt. Dort machte ich nur eine Handbewegung, ich hab mich gelangweilt. Ich bin jemand, der sich gerne bewegt, der gerne tanzt. Das ist Freiheit.» ■ SURPRISE 272 /12


Eine Chance für alle! Werden Sie Surprise-Götti oder -Gotte Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten als andere. Menschen, die sich aber wieder aufgerappelt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt Struktur und wieder einen Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Die Surprise-Strassenverkäuferinnen und -verkäufer helfen sich

Marlies Dietiker Olten

Ausserdem im Programm SurPlus: Marika Jonuzi, Basel Fatima Keranovic, Baselland Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

selber. Das verdient Respekt und Unterstützung. Regelmässige Verkaufende werden von Surprise gezielt unterstützt. Die Teilnehmer am Programm SurPlus sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit). Mit der Programmteilnahme übernehmen die Surprise-Verkaufenden mehr Verantwortung; eine wesentliche Voraussetzung dafür, wieder fit für die Welt und den Arbeitsmarkt zu werden.

Andreas Ammann Bern

Tatjana Georgievska Basel

Jovanka Rogger, Zürich Jela Veraguth, Zürich Wolfgang Kreibich, Basel Kurt Brügger, Basel

Anja Uehlinger, Baden Peter Gamma, Basel René Senn, Zürich Josiane Graner, Basel

Ja, ich werde Götti/Gotte von: 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

Vorname, Name

Telefon

Strasse

E-Mail

PLZ, Ort

Datum, Unterschrift

1 Monat: 500 Franken

272/12 Talon bitte senden oder faxen an: Strassenmagazin Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@strassenmagazin.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 272 /12

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

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Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

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Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden von der Strassenmagazin Surprise GmbH geführt, die vom gemeinnützigen Verein Strassenmagazin Surprise kontrolliert wird. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Datum, Unterschrift 272/12 Bitte heraustrennen und schicken oder faxen an: Strassenmagazin Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@strassenmagazin.ch

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Herausgeber Strassenmagazin Surprise GmbH, Postfach, 4003 Basel www.strassenmagazin.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@strassenmagazin.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@strassenmagazin.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Reto Aschwanden, Florian Blumer (Nummernverantwortlicher), Diana Frei redaktion@strassenmagazin.ch Ständige Mitarbeit texakt.ch (Korrektorat), Yvonne Kunz, Delia Lenoir, Irene Meier, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Monika Bettschen, Andrea Ganz, Olivier Joliat, Nils Keller, Stefan Michel, Karin Scheidegger, Fabienne Schmuki Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 15000, Abonnemente CHF 189.–, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 61

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83, M +41 79 428 97 27 Claudia Pleuss, Patrick Würmli, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@strassenmagazin.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@strassenmagazin.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3013 Bern, bern@strassenmagazin.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@strassenmagazin.ch Strassensport T +41 61 564 90 10, F +41 61 564 90 99 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat, David Möller l.biert@strassenmagazin.ch, www.strassensport.ch Trägerverein Strassenmagazin Surprise Präsident: Peter Aebersold Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen. SURPRISE 272 /12


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Ist gut. Kaufen! Wer etwas verkauft, braucht Geld. Schlichte Wahrheit – gute Sache. Denn 50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute. Alle Preise exkl. Versandkosten.

Surprise Zeitungs-Taschen (34 x 36 cm); CHF 37.50 neon-orange schwarz

Surprise City-Taschen (24,5 x 35,5 cm); CHF 40.– rot blau schwarz

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Surprise Rucksäcke (32 x 40 cm); CHF 89.– schwarz rot

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Dazu passend: Leichtes T-Shirt, 100%Baumwolle, für Gross und Klein.

Schön und gut. Grosses Badetuch 100 x 180 cm aus sehr langlebigem Zwirngarn, 100% handgepflückte Baumwolle. Mit Surprise-Logo eingewebt und von A bis Z in der Schweiz hergestellt. Vorder- und Rückseite verschiedenfarbig: vorne kühles Aquablau, hinten heisses Rot.

Herren CHF 25.– S (schmal geschnitten) Kinder CHF 20.– XS S Alle Preise exkl. Versandkosten.

Strandtuch (100 x 180 cm) CHF 65.–

50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute.

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Von Aarberg bis Zuoz. Surprise gibt es beim Strassenhändler Ihres Vertrauens. Oder im Abo per Post.

24 Ausgaben für 189 Franken oder als Gönner-Abo für 260 Franken. Gutes lesen, Gutes tun und gleich bestellen! www.strassenmagazin.ch, www.strassensport.ch, Spendenkonto PC 12-551455-3 Strassenmagazin Surprise, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99


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