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In den 80ern Erinnerungen an bewegte Zeiten Motoren statt Mullahs – bei den Bikern von Bagdad

Göttliche Genüsse: wenn Glauben durch den Gaumen geht

Nr. 289 | 30. November bis 13. Dezember 2012 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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Freitag, 14. Dezember und Dienstag, 18. Dezember

Mit Surprise in die Weihnachtszeit Lesung exklusiver Kurzgeschichten von Paulo Coelho, Sibylle Berg, Zoe Jenny, Tim Krohn, Dieter Meier, Milena Moser, Max Rüdlinger, Ralf Schlatter, Ruth Schweikert, Christoph Simon und Gabriel Vetter. Im angenehmen Ambiente lesen Ralf Schlatter und Max Rüdlinger in Zürich, Matthyas Jenny in Basel. Lesung in Basel 14.12.2012, 19.00 Uhr

Lesung in Zürich 18.12.2012, 19.00 Uhr

Kleines Literaturhaus Buchhandlung Bachletten Bachlettenstrasse 7, 4054 Basel Matthyas Jenny

Sphères Hardturmstrasse 66, 8005 Zürich Ralf Schlatter Max Rüdlinger

Kollekte an Surprise

Kollekte an Surprise

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Titelbild: Die Sängerin Vera Kaa im Sedel 1983, fotografiert von Charles Seiler

Editorial Die Energie der Achtziger BILD: DOMINIK PLÜSS

Die Achtzigerjahre haben nicht den besten Ruf. Toupierte Dauerwellen, Neon-Farben, cremefarbene Blazer mit hochgekrempelten Ärmeln und überdimensionierten Schulterpolstern – unter ästhetischen Aspekten war es eine Ära des Schreckens. Auf kultureller, sozialer und auch wirtschaftlicher Ebene hingegen wuchsen in jenen Jahren neue Triebe, von denen manche bis heute in Blüte stehen. Davon erzählen wir in diesem Heft. «Eine ganze Kultur konnte sich entwickeln. Und zwar dauerhaft», sagt Young-GodsSänger Franz Treichler im Interview auf die Frage, was von den Achtzigern geblieben sei (Seite 10). In der Tat: Ob Konzertlokale, Klubs, Bars oder Galerien – heute haben Subkulturen in jeder Stadt ihre Treffpunkte, die oftmals in den Achtzigern er- RETO ASCHWANDEN kämpfte wurden. Die Rote Fabrik in Zürich und die Kaserne in Basel, der Sedel in REDAKTOR Luzern und die Berner Reitschule, die gerade ihr 25-jähriges Bestehen feierte, haben ihre Wurzeln in jener Zeit und sind heute etablierte Kulturhäuser. Manch erfolgreicher Konzertveranstalter oder Gastro-Unternehmer von heute begann einst in einer Kellerbar, die vielleicht nicht legal, sicher aber ein Ort zum Ausprobieren und Selbermachen war. Bis heute gibt es Unternehmen, die trotz Wachstum und Professionalisierung noch immer selbstverwaltet und von ihren Angestellten mitbestimmt sind. So wie die Zürcher Getränkehandlung Intercomestibles, der wir zu ihrem 25-jährigen Jubiläum einen Artikel widmen (Seite 14), der nicht nur vom Wachstum eines kleinen Spezialitätengeschäfts zum Millionenunternehmen erzählt, sondern auch zeigt, wie die Zürcher Beizenszene im letzten Vierteljahrhundert von Bedürfnisklauseln und Brauereidiktaten befreit wurde. Im Buch «Heute und Danach», aus dem einige Bilder dieser Ausgabe stammen, erinnern sich Beteiligte an damals. Wer einst «No Future» rief, blickt nun zurück auf seine Vergangenheit. Seinerzeit verstanden sich viele Achtziger als Avantgarde, die nichts wissen wollte vom Althergebrachten. Nun betreiben sie selber die Historisierung ihrer bewegten Jugend. Dass darin ein Widerspruch stecken könnte, sieht auch Franz Treichler. Trotzdem wird er bei den Buchvernissagen mit den Young Gods ihr Debütalbum von 1987 wiederaufleben lassen. Für ihn sei das eine Feier der Achtziger, sagt Treichler: «Ein Zelebrieren der damaligen Energie.» Ein bisschen der damaligen Energie würde uns heute nicht schaden. Und darum feiern wir gerne mit. Ich wünsche Ihnen schöne Erinnerungen Reto Aschwanden

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Bitte schicken Sie uns Ihre Anregungen oder Kritik: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 70, redaktion@vereinsurprise.ch. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion trifft eine Auswahl und behält sich vor, Briefe zu kürzen. SURPRISE 289/12

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10 In den 80ern Bewegte Zeiten Die Young Gods feiern den 25. Geburtstag ihres Debütalbums mit einer Reihe von Konzerten. Gleichzeitig blickt das Buch «Heute und Danach» zurück auf die bewegten Achtzigerjahre, als die Jugend im Kampf um Freiräume radikal mit den Traditionen brach. Was ist geblieben aus den bewegten Zeiten? Im Interview spricht Young-Gods-Sänger Franz Treichler über Ideologie, Nostalgie und Avantgardisten mit akustischen Gitarren.

14 Soziale Marktwirtschaft Ein Prost auf die Selbstverwaltung BILD: RETO OESCHGER/TAGES-ANZEIGER

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Inhalt Editorial Freiräume feiern Bastelseite Back to the 80ies Porträt Schwule Papis Brief aus Aleppo Söldner aus Irland Zugerichtet Scharmützel vor dem Stadion Hausmitteilung Spenden für Surprise Starverkäufer Markus Thaler Alltag im Irak Motorenknattern als Freiheitsmelodie Wörter von Pörtner Wenn der Bettler klingelt Film Die Stube als Studiokino Kulturtipps Jenseits der Trauer Ausgehtipps Short Storys von Surprise Verkäuferporträt Zerrissene Familie Projekt SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

BILD: AZZURRO MATTO/ENRICO GASTALDELLO

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Bis in die Achtzigerjahre war die Schweizer Beizenszene eine geschlossene Gesellschaft von Wirteverband und Grossbrauereien. Als dann illegale Bars aus dem Boden schossen, sorgte das Kleinunternehmen Intercomestibles für Biernachschub. Seither wuchs Intercomestibles vom Nischenplayer zu einem der grössten Zürcher Getränkelieferanten heran. Doch auch 25 Jahre nach der Gründung führen die Angestellten ihr Unternehmen selbstverwaltet und achten dabei auf Lohngerechtigkeit.

BILD: ZVG

17 Kult und Küche Göttliche Gaumenfreuden

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Weihnachten steht vor der Tür und bringt viele kulinarische Köstlichkeiten mit sich. Zu religiösen Feiern werden die Tafeln stets mit speziellen Gerichten gedeckt. Dabei geht es nicht nur darum, fein zu essen. Viele Feiertagsgerichte haben auch eine religiöse Bedeutung. Ein Streifzug durch die Küchen verschiedener Glaubensrichtungen.

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ILLUSTRATION: SIMON DREYFUS | WOMM

1. Besorgen Sie sich Fimo-Knetmasse in den schönsten Farben (also Neongelb, Neongrün, Neonpink und Neonorange), dazu Ohrhaken (erhältlich im Bastelladen).

2. Kneten Sie das Fimo weich und formen dann ein Schmuckstück nach Wahl in zweifacher Ausführung. Zum Beispiel ein Glacé-Cornet, eine Erdbeere oder andere Früchtchen.

3. Machen Sie jeweils oben ein Loch mit einer grossen Stopfnadel, lassen Ihre Schmuckstücke eine halbe Stunde im Backofen bei 110 Grad härten, lassen sie auskühlen und stecken danach die Ohrhaken durch die Löcher.

4. Und nun: Haare toupieren, Knoten ins T-Shirt und auf geht’s, back to the future!

Basteln für eine bessere Welt Kinder der 90er können ob so viel Geschmacklosigkeit nur die Köpfe schütteln. Gnade der späten Geburt? Tatsache ist: Die Herzen ihrer älteren Geschwister laufen über vor Nostalgie, wenn an 80er-Partys Sabrina poppt oder Billy rockt. So richtig gut wird’s aber erst mit dem richtigen Outfit. Klarer Fall: Fimo-Ohrringe müssen her. Und wir reden ja von den 80ern – Männer sind also explizit mitgemeint. SURPRISE 289/12

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BILD: GIANNI PISANO

Ein Paar seit 56 Jahren: Rรถbi Rapp und Ernst Ostertag.

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Porträt Eine Liebe für die Geschichtsbücher Röbi Rapp und Ernst Ostertag begegneten sich vor 56 Jahren. Sie verliebten sich, wurden ein Paar und sind es noch heute. Mit 82 Jahren blicken sie zurück auf ihre gemeinsame Zeit – und das Familienleben mit ihren fünf Söhnen. VON YVONNE KUNZ

New York hätte es Röbi wohl zum Showstar gereicht, in der Schweiz war er immerhin Kinderstar, aber auch ein talentierter Coiffeur, und als Frauendarsteller sang er abendfüllende Programme. «Schwulsein war ungemütlich», räumt Ernst ein, «aber sonst konnte man ja eigentlich schon machen, was man wollte.» Zum Beispiel im evangelischen Internat über Gandhi referieren. Bereits den 12-jährigen Ostertag hatte beeindruckt, dass Gandhi immer zwei Schriften mit sich trug: das «göttliche Lied» hinduistischer Erfahrung und Ethik und die Bergpredigt. Als Ernst den Buddhismus entdeckte, war es wie eine Heimkehr in seelenverwandtes Gebiet. Er entschied sich, darin so versiert zu werden, wie er, der ehemalige Klosterschüler, es in der Bibel war – mit der er sich aber nie anfreunden konnte. «Ich hab’s probiert, die theologischen Spe-

Auf ihren langen Reisen durch das Leben und die Welt sind ihnen auch jene fünf Männer aus ganz Asien begegnet, die sie ihre Söhne nennen, die sie unterstützt und gefördert haben. Es sind fünf unterschiedliche Geschichten, aber alle zeugen von einer speziellen geistigen Freiheit des Paares Rapp-Ostertag. Dieses Jahr haben sie, die seit 45 Jahren praktizierende Buddhisten sind, ihren tibetischen Sohn wiedergesehen. Er lebt als buddhistischer Mönch in Indien und ist Lehrer für rituellen Tanz und Musik. Dank ihm bekam Ernst bei grossen Meistern Audienzen, um mit ihnen zu meditieren. «Unser tibetischer Sohn und ich haben am selben Tag Geburtstag. Dieses Jahr wurde er 41, ich doppelt so alt», erzählt Ernst und sagt, wie schon zu seinem Sohn: «Das ist speziell!» Der Sohn zögerte keinen Sie haben sich noch nie gestritten, «nicht so richtig, nein», Moment, als es darum ging, nach Goa zu reisagt Röbi Rapp. sen, um gemeinsam Geburtstag zu feiern. Für Ernst war es ein Wiedersehen nach über 20 Jahren. Röbi sah ihn zum kulationen sind mir geläufig, das mache ich gern.» Aber was man da alersten Mal: «Es war sehr harmonisch, als hätten wir uns schon immer les glauben müsste! Die Jungfrauengeburt. Himmel und Hölle. «Dann ist gekannt.» die Einheit geteilt und man kann sie mit christlichen Dogmen auch nicht Röbi und Ernst, ihre Namen sind so etwas wie eine Marke. Zusamerreichen.» Und auch nicht mit islamischen: Ein zweiter Sohn wurde in men haben sie eine Vielzahl von Geschichten zu erzählen, kleine und Südthailand von seiner muslimischen Familie verstossen, weil er schwul grosse, verkehrte und amüsante. Zusammen haben sie auch Geschichte war. Er kellnerte in einem Tourismuszentrum, wo er Ernst und Röbi traf. geschrieben. Mit einem rauschenden Fest machten die beiden 2002 ihre Schon bald kam er für drei Monate als Tourist zu seinen Schweizer ErLiebe nach über vier Jahrzehnten öffentlich, ein Jahr später waren sie satzvätern, die ihm Jobs verschafften. Keiner hat besser geputzt! Zurück das erste Männerpaar, das seine Partnerschaft im Kanton Zürich regiin Thailand lernte er einen Australier kennen, der gerade seinen Partner strieren liess. Das machte sie endgültig zu Galionsfiguren der Schwudurch AIDS verloren hatte, und kümmerte sich um ihn. Die beiden sind lenbewegung und beendete ein langes Doppelleben. heute noch ein glückliches Paar. Man telefoniert regelmässig miteinanDie Anfänge der Beziehung fielen in eine Zeit, in der gegenüber der. Es geht ihnen gut. Auch in Australien haben Röbi und Ernst einen Schwulen seitens der Obrigkeit ein repressives Klima herrschte, beSohn. Ein Inder, der als Krankenpfleger arbeitet, wie seine Frau, sie hasonders nach einer Serie von Schwulenmorden 1957. Homosexuelle ben zwei Kinder. Auch der vierte Sohn in London hat zwei, zwei Töchwurden in Teilen der Presse diffamiert und bei Razzien in Szene-Lokater, und sie entwickeln sich bestens. «Das ist gewaltig», meint Ernst. len gedemütigt. Sie mussten zu peinlichen Befragungen erscheinen und Jetzt, wo die Töchter grösser werden, denkt der Sohn daran, nach Sri zur Registratur, bald auch zu Zwangs-Bluttests, denn die Syphilis ging Lanka zurückzugehen, er hat Heimweh. Die Töchter aber sind Englänum. Die Stadt verbot Männern das Tanzen und zerstörte so eine künstderinnen geworden. lerisch und intellektuell lebendige Kultur. Blicken Röbi und Ernst darauf Dann sprechen Röbi und Ernst auch noch von Aziz, ihrem ersten zurück, tun sie dies mit einer greifbaren Betroffenheit, aber auch mit Sohn. Röbi hat den Palästinenserflüchtling im Libanon kennengelernt, grosser Sachlichkeit und immer wieder mit spitzbübischer Freude ob der als er dort arbeitete. Wieder in die Schweiz, verschaffte er ihm eine Voeigenen Durchtriebenheit, mit der sie den Widerwärtigkeiten getrotzt halontärstelle an einer Coiffeurschule. Nach seiner Ausbildung ging er ben. Von Bitterkeit ist nichts zu spüren. Sie tragen ihr Schicksal, wenn nach Amman, fand sofort eine Stelle und hatte ein paar Jahre später ein man es so nennen will, mit der Bescheidenheit und Leichtigkeit einer eigenes Geschäft. Als nämlich der vorherige Besitzer während Unruhen gut sitzenden Strickjacke. Sie verströmen Dankbarkeit dafür, genau den erschossen wurde, legten die Kundinnen Geld zusammen, und er konnMenschen getroffen zu haben, bei dem es nie einen Zweifel gab. Sie hate den Laden kaufen. Auch in Herzensdingen hatte er Glück: Zwei Jahben sich noch nie gestritten, «nicht so richtig, nein», sagt Röbi. Vielleicht re musste er warten, aber schliesslich heiratete er seine Auserwählte, weil ihr gegenseitiger Respekt über allem und ausser Frage steht. eine wunderschöne braunblonde Palästinenserin mit wasserhellen AuDie Öffentlichkeit war für das junge Paar tabu. Es durfte keinerlei gen. «Ja», freut sich Röbi, als er auch diese Geschichte erzählt hat: «Das Überschneidungen geben zwischen Privat- und Berufsleben. Ernst Osterist fantastisch!» tag wäre seine Stelle als Schulleiter über kurz oder lang los gewesen. DaMan kann ihm nur beipflichten. ■ mals wurden Lehrer vom Volk gewählt, und die Schule liess ihn nach einem anonymen Tipp wissen, man würde ihn fallen lassen, sollte «es» Buchtipp: herauskommen. Umgekehrt konnte ihn Röbi, inzwischen Dokumentalist Barbara Bosshard: Verborgene Liebe – Die Geschichte von Röbi und Ernst. bei einem grossen Konzern, nicht zu Firmenanlässen mitnehmen. In Wörterseh Verlag 2012. SURPRISE 289/12

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Brief aus Aleppo Der verlorene Glaube des Heiligen Kriegers VON AMIR ALI

Aleppo ist derzeit kein Ort, an den man sich aus freien Stücken begibt. In der syrischen Stadt herrscht Krieg. Und doch waren wir alle freiwillig da: wir, die Reporter. Und sie, drei junge Männer in Uniform. Arabische Secondos, die im Westen aufgewachsen waren. Sie hatten Irland, Kanada und Spanien verlassen, um in den Heiligen Krieg zu ziehen. Sie waren gekommen, um zu töten. Und mussten damit rechnen, getötet zu werden. Sie kämpften gegen die Regierung, aber nicht nur: «Ich will dem Islam zu seinem Recht verhelfen», sagte der Ire. Er war Mitte 20 und hatte in der irischen Armee gedient. Sein Englisch klang nach Guinness und grünen Wiesen. Nicht nach dem Schwarztee, den wir tranken. Und nicht nach den Trümmern und den verlassenen Strassenzügen des Quartiers, in dem sich seine islamistische Brigade eingerichtet hatte. «Seit dem 11. September ist alles anders», sagte er angewidert. «Als Muslim bist du im Westen einen Dreck wert.» Mein Kollege, ein Brite, liess sich nichts anmerken. Später aber gestand er mir: «Ich hatte Angst. Diese Typen sind die grösste Gefahr für den Westen. Die dürfen niemals zurückkommen.» Enthauptungsängste hatte ich nicht. Mich beschäftigte, was diese jungen Männer aus Dublin, Quebec und Madrid hierher in den Staub und in die Trümmer getrieben hatte. Mit dem Islam hatte das nur wenig zu tun. «Ich habe vieles versucht», sagte der Ire, als wir abschweiften und auf seine alte Heimat zu sprechen kamen. «Ich arbeitete alles Mögliche. Ich versuchte, mich selbständig zu machen. Aber wenn du nicht in die richtige Schicht hineingeboren bist, hast du in Europa keine Chance.» Etwas später sagte er noch: «Glaubt bloss nicht, ihr würdet in einer Demokratie leben. Ihr seid nur eine ruhiggestellte Manövriermasse für jene, die euch abzocken.» Ich erschrak. Vor mir sass einer, der den Glauben an Europas Werte verloren und sich das schwarze Stirnband des Jihad umgebunden hatte. Mein Brite hat recht, dachte ich: Besser, die bleiben, wo sie sind. Noch besser: Sie hätten gar nie einen Grund gefunden, hierherzukommen.

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Zugerichtet Der Videobeweis Nach der Fussball-EM 2012 beschloss die FIFA die Einführung der Torlinientechnologie. Mit einem Chip im Ball oder einer Torkamera soll zweifelsfrei festgestellt werden, ob der Ball die Torlinie ganz überquert hat. Bis der Plan in der Praxis ankommt, wird es freilich noch dauern. Zur Diskussion steht noch, wie oft jede Mannschaft pro Spiel die Möglichkeit des technischen Nachweises in Anspruch nehmen darf. Zwei, drei Mal, ab wann nervt’s? Die ganze Sache entbehrt auch nicht einer gewissen modernen Grundlagenkomik, sind Fussballstadien doch abgesehen vom Tor bald besser überwacht als Hochsicherheitsgefängnisse. So wird das Tor zur Bastion der ungefilmten Freiheit, des Lebens an sich, mit all seinen Dramen, der Menschlichkeit und … aber dazu erfahren Sie zu gegebener Zeit mehr auf den Sportseiten. Hier geht es um das Superleague-Abendspiel des FC Zürich gegen den FC Basel vom 11. Mai des letzten Jahres, damals noch ein Spitzenspiel – und der Tumultklassiker schlechthin. Auch an besagtem Abend. Weil die Sicherheitsleute in der Basler Kurve Pyromaterial gefunden hatten, sperrten sie kurz vor Anpfiff vorübergehend einen Sektor. Das reichte. FCB-Fans verursachten einen Sachschaden im hohen fünfstelligen Bereich und verletzten Sicherheitsleute, indem sie unter anderem mit Müllcontainern, Einzelteilen von demolierten Essensständen und sanitären Anlagen nach ihnen warfen. Mehrere Kameras filmten den wild gewordenen Haufen und die Polizei stellte Bilder ins Internet. Der Angeklagte erinnert sich vor den Schranken des Gerichts, er habe nicht schlecht gestaunt, als er sein Bild gross im «Blick» sah. Er stell-

te sich und kam so zu einem von insgesamt 21 Verfahren, die die Zürcher Staatsanwaltschaft gegen die Randalierer einleitete. Er sei, so sagte der FCB-Fan aus, unfreiwillig in den tobenden Mob geraten. War schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort und nur deswegen auf den Videobildern zu sehen. In erster Instanz sahen es die Richter nicht als erwiesen an, dass der Angeschuldigte bei den Randalen eine aktive Rolle gespielt hatte: Freispruch! Doch die Staatsanwaltschaft ging in Berufung: Bei der Polizei war ein neuer Videobeweis aufgetaucht. In diesem Film aus einer anderen Perspektive erkenne man ganz klar den Angeklagten, der etwas werfe, mithin also keineswegs nur ein unbeteiligter Gaffer war. Beide Videos wurden während der zweitinstanzlichen Verhandlung mehrmals auf Grossleinwand gezeigt. Der 33-Jährige bestritt aber, der Mann im zweiten Video zu sein. Doch das Obergericht hatte «absolut keinerlei Zweifel», dass es sich bei dem Mann im Video um den Angeklagten handelte und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe wegen Landfriedensbruch. Was dem Basler wohl zum Verhängnis wurde, war seine karierte Dreiviertelhose, vor allem durch sie konnte er identifiziert werden. Es fragt sich aber schon, ab wann ein Videobeweis auch tatsächlich ein Beweis ist. Denn so klar, wie man es sich wünschen würde, ist er nicht. Einen halben Tag lang hat der Staatsanwalt sich die Videos in Standbildern immer wieder angeschaut. Und erst nach dem sechsten Mal sei der Verdacht langsam zur Gewissheit gereift. Jetzt stellen Sie sich das mal auf dem Platz vor! Nicht auszudenken!

YVONNE KUNZ (YVONNE.KUNZ@GMAIL.COM) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 289/12


Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Verein Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@vereinsurprise.ch

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Ruedi Kälin aus Zürich lief die fünf Meilen in 62 Minuten! Sie finden die Resultate unserer Läufer und weitere Informationen zum Surprise Charity Run unter http://charityrun.vereinsurprise.ch Der Job als Verkäufer ist nicht immer einfach – immer wieder müssen unsere Leute auf der Strasse nicht nur gegen Wind und Wetter, sondern auch gegen Vorurteile ankämpfen. Beim Charity Run haben sie die Möglichkeit, sich von einer anderen Seite zu zeigen. Das gibt ihnen Kraft und Selbstvertrauen. Das macht auch Surprise stärker. Nach den Turbulenzen der letzten beiden Jahre ist Surprise langsam wieder auf stabileren Beinen. Leider können wir aber weiterhin nicht so viele Hefte verkaufen, wie wir möchten. Einschränkungen vonseiten der Behörden verhindern die Anstellung von Leuten, die eigentlich gern Surprise verkaufen würden. Andere dürfen zwar verkaufen, damit aber nur einen bestimmten, von den Behörden vorgegebenen Betrag verdienen. Das sorgt nicht nur für viel administrativen Aufwand, sondern schlägt sich auch auf die Verkaufszahlen nieder. Deshalb sind wir weiterhin auf Spenden angewiesen. Wenn Sie unsere Verkäuferinnen und Verkäufer unterstützen möchten, finden Sie in diesem Heft Einzahlungsscheine.

Sie, geschätzte Leserin und Leser, stärken Surprise. Jedes Mal, wenn Sie bei Ihrer Strassenverkäuferin oder Ihrem Strassenverkäufer ein Heft kaufen. Einen Schwatz halten. Oder auch ganz einfach ein Lächeln schenken. Wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihre Treue und dafür, dass Sie Surprise stärker machen. Paola Gallo, Geschäftsleiterin

BILD: ZVG

Es läuft etwas! Surprise blickt auf ein bewegtes Jahr zurück. Wir haben Hefte geschrieben und verkauft. Die Surprise Strassensportliga sorgte mit Turnieren in Basel, Olten und Zürich für Spektakel, während sich unsere Nationalspieler am Homeless Worldcup in Mexiko als Stimmungskanonen präsentierten. Und der Surprise Strassenchor hat sich mit mitreissenden Melodien in die Herzen des Publikums gesungen. Ende September haben sich Verkäufer, Mitarbeiter und Sympathisanten in Bewegung gesetzt. Wortwörtlich. Gemeinsamen nahmen wir am Basler Marathon teil. Wir machen etwas für die Gesundheit und dabei gleichzeitig auch auf Surprise aufmerksam, so unsere Überlegungen. Der Effekt war grösser, als wir dachten – Surprise macht tatsächlich stark! Das Laufen begeisterte die Teilnehmer derart, dass wir auch am Luzerner Marathon teilgenommen haben und am Silvesterlauf in Zürich rennen werden. Surprise Charity Run heisst dieses Projekt. Die mitlaufenden Verkäufer sind begeistert. Sie können an Läufen teilnehmen, die sie sich nicht leisten könnten. Zudem zeigen sie sich als Läufer von einer neuen Seite: Ihre Leistung zählt, wird gemessen und gesehen. So erreichte Gherezgihier Ghide, ein Verkäufer aus Bern, den 20. Rang beim 5 Mile Run in Luzern;

BILD: DOMINIK PLÜSS

Hausmitteilung Surprise macht stark. Machen Sie uns stärker!

Starverkäufer Markus Thaler Ursula Gloor aus Oberentfelden nominiert Markus Thaler als Starverkäufer: «Ich wähle Markus Thaler für seinen Durchhaltewillen, bei schwierigen Verhältnissen Surprise zu verkaufen. Der Lärm beim Abbruch und Neubau des Bahnhofs in Aarau war unbeschreiblich, doch er blieb standhaft und freundlich. Markus Thaler ist mein Starverkäufer.»

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BILD: AZZURRO MATTO/ENRICO GASTALDELLO

Die Energie des Punk: Franz Treichler bei einem Guerilla-Konzert im Genfer Vorort Petit Lancy 1986.

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In den 80ern Kraft aus Frust Franz Treichler, Sänger der Kultband The Young Gods, gehört zu den wichtigsten Schweizer Musikern aus den Achtzigern. Das Buch «Heute und Danach» beleuchtet nun die Untergrund-Szene dieser Zeit und Treichler lässt das Frühwerk seiner Band live wiederaufleben. Im Gespräch blickt er zurück auf die Punk-Ära und erklärt, warum die Avantgardisten von einst nun ihre eigene Geschichte feiern.

INTERVIEW: RETO ASCHWANDEN

Franz, was bedeuten die Achtziger für dich? Für mich begann alles mit der Energie des Punk. Aus dieser Energie bezog ich die Kraft und die Haltung, mit der ich als 19-Jähriger in dieses Jahrzehnt startete, sei es in kultureller oder sozialer Hinsicht. Die Punks hatten uns gezeigt: Wenn du willst, dass etwas passiert, dann musst du deinen Arsch hochbekommen. Anfangs der Achtziger gab es keine Klubs in der Schweiz, kaum Konzertlokale und mit RecRec in Zürich gerade mal ein unabhängiges Plattenlabel. Weil es keine Infrastruktur gab, mussten wir sie selber schaffen. Du lebtest damals in Fribourg. Genau. Ich hatte eine Band namens Jof & The Ram und wir reisten zu Konzerten in der ganzen Schweiz. Wir fanden: Diese neue Kultur sollte auch in unserer Stadt stattfinden. Mit zwei anderen Leuten gründete ich das Fri-Son in Fribourg. Heute ist es ein renommiertes Konzertlokal, aber als wir anfingen, war es nur ein kleiner Raum von vielleicht 200 Quadratmetern mit einer selbstgebauten Bühne. Alles war improvisiert, aber es hat funktioniert.

Du selber zogst bald nach Genf. Das war ungefähr 1984. Im Fri-Son hatte ich mich um die Technik gekümmert und die ganzen Bands gemischt. Und weil wir nur zu dritt waren, musste ich auch putzen und Plakate aufhängen in der Stadt. Vier Tage die Woche arbeitete ich fürs Fri-Son. Dabei wollte ich doch eigentlich Musik machen. War das Fri-Son ein Job, hast du damit Geld verdient? Nein. Wir arbeiteten aus Leidenschaft. Ich kam direkt vom Konservatorium, wo ich klassische Gitarre studiert hatte. Nach zwei Jahren wollte ich auf die Musik fokussieren und zog nach Genf. Konservatorium und Punk – das sind zwei weit voneinander entfernte Welten. Ich habe Musik schon immer als Einheit betrachtet. Sie bewegt sich durch die Jahrhunderte, entwickelt sich mit den Technologien. Ich hatte nie Berührungsängste, fand sowohl Punkbands als auch Bach und Mozart toll. Bei der Abschlussprüfung am Konservatorium trug ich einen Irokesenschnitt. Die Leute dort hatten damit weniger Probleme als

«Die Leute am Konservatorium hatten weniger Probleme

Sahst du dich als Teil der Achtziger-Bewemit meinem Irokesenschnitt als mancher meiner Punkgung? Kumpel damit, dass ich klassische Gitarre spielte.» Wenn ich mich umblickte, passierte überall das Gleiche. Wenn die Leute in Zürich einen umgekehrt manche meiner Punk-Kumpel, die wussten, dass ich klassiOrt für sich wollten, dann gingen sie auf die Strasse. Dasselbe in Lausche Gitarre spielte: «He, was soll der Scheiss, willst du auf intellektuell sanne und Genf. Du zeigst, dass du da bist. Du bist jung und willst, dass machen?» Du kannst die Welt in Einzelteile zerlegen, solange du willst, etwas geschieht. Du willst eine Alternative zur konservativen Tradition am Ende ist alles eine Frage der Perspektive. um dich herum. Die Situation in der Kleinstadt Fribourg unterschied sich doch sicher von Zürich und Genf? Zürich war ein Vorbild. «Züri brännt» hiess es, als 1980 die Unruhen losgingen. Ich war zu dieser Zeit manchmal in Zürich und fand die Demos dort inspirierend. Es war mir aber klar, dass in Fribourg nicht mehr als 15 Leute auf die Strasse gehen würden (lacht). Trotzdem war die Aufbruchstimmung auch in Fribourg spürbar. In diesem ultra-katholischen Umfeld hatte sich bei vielen Leuten eine grosse Frustration angestaut. Das gab uns Kraft. SURPRISE 289/12

Der Kampf um Freiräume ging paradoxerweise einher mit strikter Abgrenzung. In der Deutschschweiz waren Teile der AchtzigerBewegung ziemlich dogmatisch. Gab es das auch in der Romandie? Weniger. In Fribourg lief so wenig, da lag es nicht drin, dass sich die paar Leute, die was ändern wollten, untereinander über ideologische Fragen stritten. Wir waren froh, dass etwas passierte, darum wurde es nie so radikal wie in Zürich. Ab 1987 war ich öfter dort, weil wir bei den Young Gods damals einen Zürcher Drummer hatten. Da fiel mir auf,

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dass manche Leute aus der Punk- und Hardcore-Szene sehr dogmatisch drauf waren. Es gab so sektenartige Gruppen, wo man dieses unbedingt und jenes auf keinen Fall tun sollte. Im Buch «Heute und Danach» ist nachzulesen, wie eine Gruppe Feministinnen bei einem Konzert der Band Mother’s Ruin die Bühne stürmte, weil die Sängerin einen Minirock trug. Ich weiss noch, dass ich mal die Plasmatics in Zürich sah. Die Sängerin trat oben ohne auf und hatte lediglich die Nippel mit Klebeband abgedeckt. Viele fanden das total daneben. Konnte ich nicht verstehen: So ein Stress wegen zwei Brüsten.

würden, war ich skeptisch. Wir haben derzeit Probleme, denn es gibt unterschiedliche Vorstellungen, wie es mit den Young Gods weitergehen soll. Momentan besteht die Band im Prinzip aus Bernard Trontin am Schlagzeug und mir. Bernard und ich fragten dann Cesare Pizzi, der auf den ersten Platten Keyboards gespielt hat, ob er ein paar Jubiläumsshows mit uns spielen möchte. Er sagte zu, und nach einigen Proben rief ich Lurker an und schlug Shows mit Material vom Debüt vor. Lurker fand das super: «Lass uns die Achtziger feiern!» Ist es nicht ein Widerspruch: Punk war ein radikaler Bruch mit der Rocktradition. Achtziger-Bands wie die Young Gods galten als Avantgarde. Nun führt ihr eure alten Songs wieder auf. Die Avantgarde feiert die eigene Vergangenheit. Als ich zum Treffen mit Bernard und Cesare ging, hoffte ich insgeheim, sie würden sagen: «Das machen wir nicht.» Nicht nur, weil ich für diese Konzerte zurückschauen muss, sondern auch wegen der Situation in der Band heute. Aber die beiden waren richtig scharf drauf. Ich ha-

Ihr werdet zur Veröffentlichung des Buches ein paar Shows mit Songs aus der Frühphase der Young Gods spielen. Spielt ihr das Material werkgetreu oder habt ihr es neu arrangiert? Einige der alten Maschinen laufen nicht mehr. Darum werden wir Computer von heute verwenden. Aber reduziert: ein kleines Keyboard und ein kleiner Sampler. Die Sounds sind aber dieselben. Ich habe fast alles aufbewahrt: Master«Jede Generation Tapes, Floppy-Disks …

muss auf die vorangegangene spucken. Das ist wohl ein Akt der Selbstbehauptung.»

Wie benutzt du heute eine Floppy-Disk? Ich habe ein paar alte Computer, die noch funktionieren. Zumindest um das Material zu überspielen. Wir sind jetzt bei den Proben und die laufen gut. Wobei wir nur die einfachen Songs spielen (lacht). Vor allem vom ersten Album, das vor genau 25 Jahren rausgekommen ist. Hättest du 1987 gedacht, dass du ein Vierteljahrhundert später Jubiläumsshows spielen würdest? Nicht wirklich. Es brauchte dafür ein Zusammentreffen verschiedener Umstände. Als mich Lurker Grand (einer der Buchautoren, Red.) vor einem Jahr anrief und fragte, ob wir zur Buchveröffentlichung spielen

be schon lange nicht mehr so viel Energie und Begeisterung erlebt in der Band. Es war ein Tritt in meinen Arsch. Das ist es, wo wir herkommen, und vielleicht hört es jetzt auch damit auf. Ich weiss nicht, ob die Young Gods eine Zukunft haben. Aber das jetzt fühlt sich grossartig an. Trotzdem wirkt es ein bisschen nostalgisch. Nostalgie ist mit im Spiel. Aber Nostalgie ist auch nicht mehr, was sie früher war (lacht). Im Ernst: Ich betrachte es als eine Feier der Achtziger. Ein Zelebrieren der damaligen Energie.

The Young Gods Eine Schweizer Band zum Angeben

«Heute und Danach» Eine Kulturgeschichte der Achtziger

Franz Treichler (*1961) ist Sänger und das einzige verbliebene Originalmitglied der Young Gods. Mitte der Achtzigerjahre in Genf gegründet, mauserten sich die Romands schnell zu einer Kultband des Untergrundes. Produziert von Roli Mosimann, bestand die Musik auf den bahnbrechenden ersten beiden Alben «The Young Gods» und «L’Eau Rouge» aus Schlagzeug, Gesang sowie Samples. Statt Bass und Gitarren nahmen Treichler und seine Mitmusiker kurze Sequenzen aus Orchesterwerken, verzerrten Gitarren, Akkordeon-Melodien und Umgebungslärm und formten daraus eigene Lieder. Treichler sang dazu ohne Rücksicht auf Verluste und entwickelte dabei ein ähnlich schamanisches Charisma wie Jim Morrison von den Doors. Das dritte Album «TV Sky» gefiel dann auch Rockhörern, zumindest bis sie im Konzert feststellten, dass die brachialen Gitarrenwände von einem Keyboarder erzeugt wurden. Bis heute schlagen die verschiedentlich umformierten Young Gods stilistische Haken: Trance in den Neunzigern, Ambient für die Expo 02, dann wieder harte Alben im alten Stil und Unplugged-Aufnahmen sowie Konzerte mit Orchesterbegleitung. Die Young Gods geniessen in den Indiekreisen der westlichen Hemisphäre Legendenstatus und wurden von David Bowie, U2 und Nine Inch Nails als Einfluss genannt. Neben Yello und vielleicht noch Celtic Frost zählen die Young Gods bis heute zu den wenigen Schweizer Bands, mit der hiesige Musikfans vor ausländischen Kollegen angeben können. (ash)

In den Achtzigern waren viele Lieder so improvisiert wie die Bühnen, auf denen sie gespielt wurden – Punk halt. Die Zeiten ändern sich und so ist das Buch über die damalige Szene ein aufwendig recherchierter und prächtig präsentierter Wälzer geworden. Auf rund 600 Seiten breitet ein hochkarätiges Autoren-Team (darunter Wolfgang Bortlik, Michael Lütscher und Surprise-Kolumnist Stephan Pörtner) Erinnerungen an eine Bewegung aus, die die Schweizer Kulturszene nachhaltig prägte. Franz Treichler, Muda Mathis, Boris Blank, Vera Kaa und Kuno Lauener erzählen neben vielen anderen vom Kampf um Freiräume, der bald auch innerhalb der Szene ausgefochten wurde. Neben der Musik thematisiert «Heute und Danach» auch Szenetreffpunkte, Drogen, Ästhetik und Medien und liefern dadurch eine eigentliche Kulturgeschichte der Achtzigerjahre. Fast 2000 zeitgenössische Fotos bieten Einblicke über das geschriebene Wort hinaus und eine Diskografie mit Anspruch auf Vollständigkeit lässt den Sammler stundenlang stöbern. Das Nachfolgebuch zu «Hot Love», dem Band über die Frühzeit der Punkbewegung, ist ein Brocken, der zum ausgiebigen Schmökern einlädt. (ash)

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Lurker Grand und André P. Tschan (Hrsg): «Heute und Danach – The Swiss Underground Music Scene of the 80’s» Edition Patrick Frey 2012. SURPRISE 289/12


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Was ist von den Achtzigern geblieben – sozial und kulturell? Eine ganze Kultur fand Anerkennung und konnte sich entwickeln. Und zwar dauerhaft. Wir wollten damals einen Ort, wo wir hinkonnten. Einen. Heute gibt es in jeder Stadt mehrere. Im Buch sprichst du in einem Interview über die Jugend von heute: Sie sei mehr an Handys und sozialen Netzwerken interessiert als an realen Freiräumen. Das möchte ich gern differenzieren. Mir scheint, das verändert sich gerade wieder. Es gab in Genf vor zwei Jahren Demos, als ein Lokal geschlossen wurde. Da gingen 2000 Leute auf die Strasse. Am Anfang war eure Musik radikal, experimentell und hart. Unterdessen seid ihr in Montreux mit einem klassischen Orchester aufgetreten und es gab ein Programm, wo ihr eure Songs mit akustischen Gitarren gespielt habt. War diese Entwicklung zu konventionellerer und zugänglicherer Musik eine kommerzielle Entscheidung oder einfach unvermeidlich? Diese Entwicklung machen viele Musiker durch. Manche Leute klagten schon bei unserem dritten Album «TV Sky» (1992): «Oh, jetzt spielt ihr Rock ’n’ Roll, vorher wart ihr spezieller.» Das stimmte im Grunde ja auch. Aber für mich war es eine natürliche Entwicklung. Bei den ersten beiden Alben nutzten wir das Sampling für Überraschungsmomente. Du wusstest nie, was als Nächstes kommt: eine klassische Passage, ein Heavy-Metal-Riff oder Musique concrète. Jeder Song war eine Welt für sich. Aber dann wollten wir ein Album mit einem einheitlichen Klang machen. Wie ein Maler: Du wählst bestimmte Farben und machst damit die Bilder für eine Ausstellung. Vielleicht ist es ja mehr Punk, mit den Jahren vom Punk wegzugehen, als jahrzehntelang Punk zu bleiben. Dem stimme ich zu. Okay, wir klingen weniger avantgardistisch. Aber «Oh that magic feeling, nowhere to go» – Franz Treichler heute. akustisch zu spielen war für uns avantgardistischer, als immer weiter neue Klangwelten zu basteln. Wir gehen dahin, wohin uns unsere Ideen tragen. Du weisst nie, was du von dieser Band zu erwarten hast. Das Überraschungsmoment «Ich mochte die Hippies immer. Sie hatten eine ist also immer noch da, einfach auf eine andere Weise. Überraschend war es auch, als ihr vor ein paar Jahren Konzerte gabt, bei denen ihr zum Woodstock-Film gespielt habt – Punks huldigen den Hippies. Nach diesen Auftritten kamen junge Leute auf uns zu und sagten: «Das war fantastisch, dabei dachte ich bisher, in Woodstock sei es bloss um irgendwelche Idioten gegangen, die nackt durch den Schlamm rannten.» Jede Generation muss auf die vorangegangene spucken. Das ist wohl ein Akt der Selbstbehauptung. Eine Zürcher Punkband sang seinerzeit: «Woodstock isch Scheisse gsi». Finde ich nicht. Mal abgesehen von den Nackten im Schlamm hatte diese Generation etwas zu sagen über den Krieg in Vietnam, über die Gegenkultur. Das war stark, ein massives Statement, dass man eine andere Gesellschaft wollte. Hast du das schon immer so gesehen? Immer. Auch als ich ein Punk war. Ich war nie einverstanden mit Freunden, die fanden: Scheisshippies. Ich mochte die Hippies immer. Sie hatten eine Vision. Übrigens wurde auch Punk bei vielen nach zwei, drei Jahren bloss zu einer Pose. Punk ist nicht nur Biertrinken und ein bestimmter Look. Es hat mit Haltung zu tun.

Vision.»

Vermisst du irgendwas aus den Achtzigern? Eigentlich nicht. Vielleicht auf der persönlichen Ebene: Wenn du 50 bist, wird es härter, Leute mit der gleichen Vision zu finden. In einer Band zu sein ist einfacher, wenn du jung bist. Leute mit Familie sind nicht so scharf auf ein Leben als Musiker, das nicht viel Geld einbringt. Woran arbeitest du derzeit? Ich hab die Musik zu einem Theaterstück geschrieben, die ich auch live spiele. Als Nächstes kommt Musik für einen Film. Und ich arbeite gern für Tanzgruppen. Ballett? Ja, also nicht klassisches Ballett, sondern zeitgenössischer Tanz, das gefällt mir sehr. Kann sehr experimentell sein. Ich stecke gerade in einer Übergangsphase, weiss nicht, ob ich eine Soloplatte in Angriff nehmen soll, ein neues Projekt starten oder doch was mit den Young Gods. Ich fühle mich wie in diesem Beatles-Song: «Oh that magic feeling, nowhere to go.» Kennst du den? Ist auf Abbey Road, zweite Seite. Meine liebste Beatles-Platte. ■ Die Young Gods präsentieren ihr Frühwerk live bei den Vernissagen des Buches «Heute und Danach» (siehe Seite 12): Sa, 1. Dezember, 20.30 Uhr, Rote Fabrik, Zürich / Fr, 7. Dezember, 21 Uhr, Usine, Genf / Sa, 8. Dezember, 20 Uhr, Fri-Son, Fribourg

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Ein Geschäftsleiter verdient pro Stunde nur sechs Franken mehr als ein Fahrer – die Intercomestibles-Belegschaft mit Beat Schegg (vorne, sitzend im blauen Pulli).

Soziale Marktwirtschaft Ein Vierteljahrhundert ohne Chef Der Zürcher Getränkegrosshandel Intercomestibles – besser bekannt als IC – feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen. In dieser Zeit wurde aus dem kleinen Spezialitätengeschäft im Zürcher Kreis 4 ein selbstverwaltetes Unternehmen mit zweistelligen Millionenumsätzen.

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VON JOËL BISANG

Heute kaum mehr vorstellbar, war es einst eine Tatsache: Zürichs Nachtleben präsentierte sich lange Zeit als gastronomische Wüste. Eine zwinglianisch geprägte Gesetzgebung untersagte den Ausschank nach Mitternacht, einige wenige Grossbrauereien diktierten den Bars und Kneipen das Angebot, und wer ein eigenes Lokal eröffnen wollte, brauchte den Segen des allmächtigen Wirteverbandes in Form eines Wirtepatents. Kurzum: Nachtschwärmer, die nach Mitternacht in Zürich noch Lust auf ein Bier verspürten, sahen sich in weiten Teilen der Stadt mit hochgeklappten Trottoirs konfrontiert.

tränkelieferungen» (so der Firmenslogan) von seinem Grosslager in der Zürcher Binz aus gut 400 Kunden, jährlich werden 25 000 Aufträge abgewickelt. Ein Wachstum, das es zu verdauen galt und das eine konstante Professionalisierung mit sich brachte. Bestand bei der Firmengründung der Antrieb vor allem im Wunsch nach einem unabhängigen Arbeiten ohne Chef, sind die Voraussetzungen, die es braucht, um einen Betrieb von der Grösse des IC auf Kurs zu halten, mittlerweile deutlich komplexer. Angesichts der eher tiefen Löhne ist es nicht immer einfach, für bestimmte Aufgaben Personen mit dem notwendigen Fachwissen zu finden. Denn ein Hauptpfeiler des Betriebsmodells ist die geringe Lohnschere: Ein Mitglied der siebenköpfigen Geschäftsleitung verdient im Intercomestibles pro Stunde mit 36 Franken brutto gerade mal sechs Franken mehr als ein Fahrer. Im Branchenvergleich sei dies für den Fahrer viel, für das GL-Mitglied dagegen eher wenig, so Schegg. «Gerade von Mitarbeitenden mit spezialisierteren Aufgaben erfordert unser Modell natürlich einen gewissen Idealismus.»

Bierkästen im Leichenwagen Die Angebotslücke füllten mit der Zeit illegale Bars. Hier zapfte und feierte Zürichs Untergrund ab den späten Achtzigerjahren: in besetzten Häusern, umfunktionierten Studentenwohnungen und auf Abbrucharealen. Zum Kern der Szene zählten die Betreiber eines kleinen, alternativen Spezialitätenge«Wir zeigen, dass selbstbestimmtes Arbeiten auch im schäftes mit Namen Intercomestibles im daRahmen einer kommerziell funktionierenden Organisation mals noch gänzlich unhippen Kreis 4, die mit möglich ist.» Bierlieferungen für die Subkultur ihren Lebensunterhalt bestritten. «Die Wirte im UnterIm Wettbewerb mit der Konkurrenz gelten zudem schon lange die Regrund bekamen von offiziellen Bierhändlern keinen Kredit und waren geln eines Geschäftes mit kleinen Margen, in dem jeder Rappen zählt. zudem froh, wenn nach langen Nächten die Lieferanten nicht schon am «Neben allen ideologischen Grundsätzen – rechnen muss man in unsefrühen Morgen wieder auf der Matte standen», erinnert sich Intercomerem Geschäft können», erklärt Schegg. Wesentlich sind zudem Verstibles-Gründer Stephan Pörtner, heute bekannter Krimiautor und Kohandlungsgeschick und Beziehungspflege, denn längst sind die Zeiten lumnist dieses Magazins. Geliefert wurde in den wilden Anfangstagen vorbei, als sich der Kunden- und Freundeskreis überschnitten und das in einem ehemaligen Leichenwagen, wichtige frühe Kunden waren negelieferte Bier abends am Tresen gemeinsam konsumiert wurde. ben den illegalen Bars auch Zürcher Szene-Institutionen wie das Xenix und der Provitreff, die bereit waren, für Waren von unabhängigen LieSelbstverwaltung als Erfolgsmodell feranten etwas höhere Preise zu bezahlen. Später bescherten unter anDas kleine Spezialitätengeschäft aus der Gründerzeit im Kreis 4 wurderem Bierlieferungen an die legendäre Hausbesetzer-Hochburg Wohlde zwar bereits 2001 aufgegeben, trotz rasantem Wachstum ist der Intergroth dem Punker-Unternehmen erstmals Umsätze, die es erlaubten, comestibles seinen Wurzeln und Idealen aber treu geblieben. Seit dem auch bei den Grosshändlern bessere Konditionen herauszuschlagen. Ausstieg von Gründer Pörtner gehört das Unternehmen den Mitarbeitenden, 40 der 51 Festangestellten sind gleichberechtigt in einem Verein Gastronomen im Wachstumsrausch organisiert, der die Aktienmehrheit hält und zweimal jährlich über alle Was 1987 als chaotischer Kleinstbetrieb seinen Anfang nahm, ist 25 grundsätzlichen Fragen entscheidet. Zudem besteht die Möglichkeit, Jahre später mit einem Umsatz von rund 16 Millionen Franken und gut durch Mitarbeit in den verschiedenen Kommissionen den Betrieb mit60 Mitarbeitenden einer der fünf grossen Getränkelieferanten auf dem zugestalten. Diese Selbstverwaltung sei zwar zeit- und manchmal enerPlatz Zürich. Die Liberalisierung des Zürcher Gastronomiegesetzes begieraubend, sagt Schegg, sie habe sich aber bewährt – auch wenn sich deutete 1997 das Aus für das ungeliebte Wirtepatent und brachte eine längst nicht alle Mitarbeitenden gleich intensiv dafür interessierten. Lockerung der strengen Öffnungszeiten. Die Voraussetzungen für eine «Wir zeigen, dass ein anderes, selbstbestimmtes Arbeiten auch im Rahmassive und nachhaltige Vergrösserung des Gastronomieangebotes in men einer grösseren, kommerziell funktionierenden Organisation mögder Stadt Zürich waren damit gegeben. lich ist», findet der 48-Jährige, und der wirtschaftliche Erfolg des BeIn die gleiche Zeit fiel auch die Gründung der unabhängigen Stadttriebs scheint ihm recht zu geben. brauerei Turbinenbräu, deren Geschichte fortan eng mit derjenigen des Wenig verändert hat sich auch die Ausrichtung des Sortiments. Dank IC verknüpft war. «Insgesamt war das ein historischer Schub, von dem konstant wachsender Kundenschaft ist es dem IC über die Jahre erfolgwir natürlich profitierten», sagt das langjährige Geschäftsleitungsmitreich gelungen, dem Angebot der Grossbrauereien eine konkurrenzfähiglied Beat Schegg im Gespräch. Schliesslich war man oft bereits seit Jahge Alternative entgegenzusetzen. So stammen gut 90 Prozent aller verren Lieferant zahlreicher, ehemals illegaler Wirte, die von den neuen, lekauften Biere von kleineren und grösseren regionalen Brauereien wie galen Möglichkeiten nur allzu gerne Gebrauch machten und bei deren der Turbinenbräu oder der Brauerei Locher. «Wir haben in der Stadt ZüKundschaft das neue Zürcher Lokalbier auf Anklang stiess. rich erfolgreich ein breites Sortiment an lokalen oder unter fairen BeDie Veränderungen in Zürichs Ausgeh-Angebot bescherten dem bis dingungen hergestellten Produkten etabliert», erklärt Schegg. Und eranhin betriebswirtschaftlich eher unbedarft agierenden Kollektivbetrieb gänzt grinsend: «Produkte wie Coca-Cola und Red Bull sind daneben in der Folge Wachstumsraten von zehn bis 20 Prozent pro Jahr. Mit dem unsere Konzession an den von den Grosskonzernen gesteuerten MasUmsatz vergrösserten sich auch die charakteristische rote Fahrzeugflotsengeschmack.» te und der Platzbedarf. Heute beliefert der Spezialist für «urbane Ge■ SURPRISE 289/12

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BILD: FRANK BLASER

Geschwinder Genossenschafter: Die Veloblitz-Fahrer gehören zum Stadtbild.

Soziale Marktwirtschaft Pedalen im Kollektiv Ähnlich wie der Zürcher Getränkegrosshandel Intercomestibles ist auch der Veloblitz ein Unternehmen, in dem die Mitarbeitenden den Kurs mitbestimmen. Gegründet wurde der Kurierbetrieb von Zürcher Veloaktivisten in einer Zeit, als die Autopartei Wahlen gewann. VON JOËL BISANG

«Veloweg» – so heisst es zumindest – lautete in den späten Achtzigerjahren unter Fahrrad-Aktivisten die Antwort auf die Frage nach dem kürzesten Zürcher Witz. Die Pointe mutet heute durchaus etwas altbacken an, sie dürfte aber die Situation vieler Velofahrer wiedergeben, in einer Zeit, in der schweizweit eine politische Partei mit dem eindeutigen Namen Autopartei auf dem Vormarsch war. Mit Jahrgang 1989 fällt auch die Geburtsstunde des Veloblitz in diese Zeit, und entsprechend stand an der Wiege des alternativen Kurierbetriebs zunächst die Idee, das Velo als Fortbewegungsmittel im Alltag zu propagieren. Zusammen mit Fahrrad-fanatischen Freunden aus dem Umfeld der damaligen IG Velo habe man verschiedene Ideen gewälzt, woraus schliesslich nach dem Vorbild anderer Städte der erste Zürcher Velokurier entstand, erinnert sich Veloblitz-Gründer Sämi Iseli im Gespräch. «Wer Ende der Achtziger im Alltag mit dem Fahrrad unterwegs war, galt schon etwas als schräger Vogel», erklärt der 45-jährige Velopionier. Damit, dass sich das Velo zum Lifestyle-Objekt entwickeln würde, habe damals wohl niemand gerechnet. Entsprechend tief war in der Gründungszeit – ganz im Gegensatz zu heute – auch der Coolness-Faktor der ersten Zürcher Velokuriere. Wurde der neue Kurierdienst anfänglich noch von Iselis WG-Zimmer aus betrieben, beschäftigt das seit 1995 als Genossenschaft organisierte Unternehmen heute rund 50 Mitarbeiter.

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Nachdem sich in den Anfangsjahren nur ein sehr kleiner Kundenkreis für das Angebot interessiert hatte, verzeichnete der Veloblitz ab Mitte der Neunzigerjahre eine deutlich steigende Nachfrage, insbesondere dank Aufträgen aus der Medien- und Kommunikationsbranche. Das Konzept der Selbstverwaltung überdauerte die Boomjahre, denen 2002 der Beinahe-Konkurs folgte. Nach einer Reorganisation haben die Genossenschafter – hauptsächlich Veloblitz-Mitarbeitende – auch heute noch eine, wenn auch begrenzte, Mitgestaltungsmöglichkeit in betrieblichen Fragen, die allerdings längst nicht von allen Berechtigten wahrgenommen wird. Etwa die Hälfte der beschäftigten Kuriere sei an einem Mitwirken interessiert, so Iseli, der das Unternehmen 1995 verlassen hat, seit 2010 aber wieder im Verwaltungsrat sitzt. Verpflegung vom Velokurier Nach den Krisenjahren Anfang des Jahrtausends, die unter anderem dem Aufkommen des Breitbandinternets geschuldet waren, steht der Veloblitz mittlerweile wieder auf einigermassen soliden Füssen. Schnelle Food-Lieferungen bilden ein wichtiges Standbein des Kurierdienstes, und die schnittigen schwarz-gelben Velokuriere sind aus dem Stadtbild kaum mehr wegzudenken. Ohnehin hat sich auf den Strassen Zürichs in der Zwischenzeit so einiges verändert. Die Stadt präsentiert sich velofreundlicher als vor 25 Jahren, und für viele ihrer Einwohner ist das umweltfreundliche Zweirad mittlerweile ein wichtiges – wenn nicht gar das wichtigste – Fortbewegungsmittel. Von der Bildfläche verschwunden ist hingegen die Autopartei. ■ SURPRISE 289/12


BILD: ZVG

Kult und Küche Speisen, wie es Gott gefällt Leib- und genussfeindliche Religionen? Von wegen. Ob Mazzeknödelsuppe, Lammbraten oder Momos – viele religiöse Festtage sind mit bestimmten Speisen verbunden, und das gemeinsame Mahl verbindet die Gläubigen mit dem Göttlichen.

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nische Weihnachtsessen wiederum erstreckt sich über zwölf Gerichte zu Ehren der zwölf Apostel. Dazu gehören eine Randensuppe, Karpfen paniert oder gebraten, Hering, gefüllte Piroggen, Sauerkraut mit Erbsen und Teigwaren mit Mohn.

Das Paradies, so wird es beschrieben, ist ein sinnenfrohes Schlaraffenland, in dem Bäche mit Milch und Honig fliessen, aus Brunnen köstlicher Wein rinnt und einem gebratene Tauben in den Mund fliegen. Ein Fasten mit Weihnachtsguetsli klein wenig von diesen Paradiesvorstellungen schwingt wohl auch mit, Im Grunde aber befinden wir uns gerade mitten in der Fastenzeit. Zuwenn wir religiöse Feste feiern. Weihnachten, die Geburt Buddhas, das mindest wurde früher zwischen dem 11. November und dem WeihLichterfest, Pessach oder das Brechen des Fastenmonats Ramadan – in nachtsfest kulinarischer Verzicht geübt. Das brachte das karge Gebäck jeder Religion sind Feiertage auch ein Fest der Kulinarik. Ein feierliches hervor, die Weihnachtsguetsli und den Stollen, die – so freudlos wollte Mahl hat den Status eines göttlichen Gebots. Es ist, als würden wir an es der Klerus – bloss aus Mehl, Hefe, Öl und Wasser bestanden. Später der festlich gedeckten Tafel einen kurzen Blick erhaschen auf den urerlaubten die Päpste auch Butter, Rosinen und Mandeln und – was heusprünglichen Garten Eden. tigen säkularen Fastengeboten gänzlich widerspricht – sogar SchokolaDort hatte Gott Adam und Eva verkündet: «Von all den Bäumen im de. In der frühen Neuzeit wusste man mit diesem bitteren, dunklen Garten Eden sollt Ihr essen.» Doch das Verbot folgte auf dem Fuss: Bloss Zeugs aus der Neuen Welt noch nicht viel anzufangen. Gerade der Heikein Erkenntnisobst naschen! Wie die Geschichte weiterging, ist als lige Abend am 24. Dezember trägt noch Grundzüge des Fastens in sich – Mahnung allgegenwärtig: Jede kulinarische Verfehlung kann gravierenwenn auch das Fastenessen Fisch in seiner Reinkarnation als Weihde Konsequenzen haben. Einmal kraftvoll zugebissen, auf ewig aus Eden verstossen – in eine Welt hinein, in der falsches Essen ebenfalls zu Scherereien führt. Jede kulinarische Verfehlung kann Konsequenzen haben. So alt die Religionen, so alt ist auch die BevorEinmal zugebissen, auf ewig aus Eden verstossen. mundung – und in keinen Lebensbereich mischt sich Religion so rigoros ein wie in die nachtskarpfen allzu oft durch üppige Panade und vor Mayonnaise strotNahrungsaufnahme. Finger weg von heiligen Kühen (Hinduismus)! zendem Kartoffelsalat eher ad absurdum geführt wird. Immerhin, zuSind die Gummibärchen auch halal (Islam)? Keine Rahmsauce zum Bramindest die Tradition, zu Mittag nur eine spärliche Mahlzeit zu sich zu ten (Judentum)! Menschen, die sich an religiöse Essensregeln halten, nehmen, hat sich in vielen Haushalten bis heute gehalten. sündigen nicht. Sie demonstrieren die Zugehörigkeit zu einer GemeinSämtliche heiligen Schriften erzählen Geschichten vom Essen und schaft und sie werden ständig an ihre religiöse Bindung erinnert, beim Trinken, vom Kochen und der Gastfreundschaft. Man soll sich nämlich Einkaufen, in der Küche und im Restaurant – also morgens, mittags und Gedanken machen um das Essen, nicht nur um Geschmack und Kaloabends. Ernährung wird zu einem wesentlichen Grundpfeiler der Relirien. Wer sich Gedanken macht, bevor er reinbeisst, isst dankbarer. Es gionsausübung. Weil die Nahrung dazu dient, Leben zu erhalten, ist sie kommt nicht von ungefähr, dass das Ernten und Essen in allen Religioheilig. nen von Segnungen und Gebeten begleitet wird. Und in einem gehen selbst die Agnostiker und Atheisten mit den Abendmahl mit dem Lamm Gottes Gläubigen aller Religionen einig: «Essen hält Leib und Seele zusamWie sehr Religionen auch heute noch unsere Speisepläne bestimmen, men.» hat der Zürcher Religionswissenschaftler Noam Hertig zusammen mit ■ einem jungen Team von praktizierenden Juden, Moslems, Christen, Hindus und Buddhisten in einem Buch erörtert, das seit Kurzem im Handel ist (siehe Interview Seite 19). «Was isSt Religion» vereint als Kochbuch der Weltreligionen die wichtigsten Speisegesetze aus Judentum, Christentum und Islam, widmet sich aber auch der Nahrungsaufnahme im Hinduismus und Buddhismus – und präsentiert Rezepte aus allen Religionen zum Nachkochen. Das Essen und die Speisen stehen in den jeweiligen Religionen für verschiedene Dinge: als Opfergabe, als BitSpezialangebot für Surprise-Leser te um Schutz, als Dank für eine gute Ernte, zur Stärkung der Gemeinschaft, zur Feier religiöser Ereignisse oder zur Wahrung religiöser TradiNoam Hertig (Hrsg.) tionen durch Einhaltung von Speisevorschriften. Was isSt Religion? Rezepte – Traditionen – Rituale – Tabus Manche Speisen sind jahrtausendealt und erzählen die Geschichte des Glaubens, wie beispielsweise Mazze, das ungesäuerte Brot, das am Über 250 farbige Abbildungen, jüdischen Feiertag Pessach gereicht wird und an die Befreiung der IsISBN 978-3-85932-690-3 raeliten aus der ägyptischen Sklaverei erinnert. Im Christentum bezieht CHF 39.– statt CHF 49.– (inkl. sich vor allem die liturgische Wortwahl stark auf das Essen und Trinken. MwSt. und portofreie Lieferung) Jesus Christus als Lamm Gottes, dessen Fleisch und Blut nach der Wandlung in Form von Hostie und Wein im Gedenken an das Letzte Gültig bis 31.12.12 Abendmahl verspeist werden. Jesus wurde von seinen Gegnern gar als Fresser und Säufer tituliert. Dies jedoch nicht, weil er über die Massen Bestellung per Post, Fax, E-Mail: ass, sondern weil er das gemeinschaftliche Mahl mit Menschen schätzBalmer Bücherdienst AG te und zur Verkündigung seines Evangeliums nutzte. Werd Verlag Vielfältig ist die Art, in der Weihnachten heutzutage in den einzelnen Kobiboden, 8840 Einsiedeln Ländern kulinarisch gefeiert wird. In Mitteleuropa dominieren Gans, Fax 055 418 89 19 Ente, Truthahn und Fisch; in England und den USA kommt der Truthahn werd@balmer-bd.ch als traditionelles Weihnachtsessen auf den Tisch. Die Franzosen bevorzugen Austern, Schnecken und Gänsebraten. In Norwegen werden bis Buchtitel und Code 0179 promizu 60 verschiedene Speisen an der Tafel gereicht. Das traditionelle polnent bei Bestellung angeben.

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Kult und Küche «Süssigkeiten essen fast alle» Der Zürcher Religionswissenschaftler und Rabbinatsassistent Noam Hertig hat den Religionen in den Kochtopf geschaut und gemeinsam mit praktizierenden Juden, Christen, Muslimen, Buddhisten und Hindus ein interreligiöses Kochbuch herausgegeben. Manche Rezepte sind jahrtausendealt.

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INTERVIEW: ISABELLA SEEMANN

Herr Hertig, was hat Sie bei Ihrem kulinarisch-theologischen Streifzug überrascht? Die unglaubliche Vielfalt an Gerichten, auch innerhalb einer Religion. So lernte ich neue Rezepte aus anderen Weltgegenden kennen, wie den marokkanisch-jüdischen Schabbateintopf Dafina, der jetzt öfters bei uns auf dem Herd schmort. Auch Protestanten dürften überrascht sein von der österlichen Favabohnensuppe der Kopten oder dem Entenbraten der indischen Thomas-Christen. Es ist beeindruckend, dass noch heute zu Festtagen nach jahrtausendealten Rezepten gekocht wird und sich die Symbolik erhalten hat. Welche Bedeutung kann eine Speise über die Sättigung und den Genuss hinaus haben? Durch die Speise erzählt man sich die Geschichte. So erinnert das Lammgericht am bedeutendsten islamischen Feiertag, dem Opferfest, daran, dass der Prophet Ibrahim als Zeichen seines Gottvertrauens seinen Sohn opfern wollte, er aber nach bestandener Prüfung aufgefordert wurde, stattdessen einen Widder zu schlachten und das Fleisch mit Verwandten und Bedürftigen zu teilen. Weshalb nimmt das Essen in sämtlichen Religionen einen solch wichtigen Stellenwert ein? Religion kann man nicht nur mit Geistigkeit irgendwo in spirituellen Höhen leben. Mit dem Essen holt der Mensch die Religion und damit sozusagen Gott an den Tisch runter und feiert die Heiligkeit mit einem gemeinsamen Mahl. Kann Essen religiöse Gefühle stärken? «Mit dem Essen holt der Mensch die Religion und damit Gewiss. Für säkulare Leute mögen Adventssozusagen Gott an den Tisch.» guetsli einfach Tradition haben, aber einen Christen versetzen die Düfte der Gewürze Welches Gericht eignet sich am besten, wenn man eine interreliauch in eine freudvolle Stimmung, eben in Vorfreude auf Weihnachten. giöse Runde bekochen möchte? Vegane Küche geht immer, also Gerichte ohne jegliche tierische Zutaten. Der eine isst nur koscher, der andere kein Rindfleisch, der Dritte Wenn man auch strenggläubige Hindus bestimmter Richtungen eingekeine Eier. Haben die Mitglieder des Kochbuch-Teams schliessladen hat, sollte man zudem auf Zwiebeln und Knoblauch verzichten, lich doch nur bei ihresgleichen gegessen? sie gelten manchen als anstössig. Süssigkeiten essen dafür ebenfalls fast Keineswegs. Am Anfang unseres Buches stand der Satz «Eine gemeinalle. same Mahlzeit ist das Öl für die Freundschaft», den meine Frau und ich an der Wand eines Kaffeehauses in hebräischer und arabischer Sprache Haben Sie auf den Esstischen der Religionen ein neues Liebgesehen hatten. Wir können seinen Wahrheitsgehalt nur bestätigen. Die lingsgericht entdeckt? Gastfreundschaft jener Familien, die das Essen ausgerichtet und uns ihMomos zu Saga Dawa. Das sind gedämpfte Teigtaschen mit Hackre Rezepte verraten haben, war überwältigend, jeder hat Rücksicht gefleischfüllung, die die Tibeter zu Ehren von Buddhas Geburtstag reinommen, gewisse Zutaten weggelassen oder etwas separat gekocht. So chen. An diesem höchsten buddhistischen Feiertag sollen sich alle von haben wir uns auch bei den Rezepten um Alternativen bemüht respekganzem Herzen freuen. Allein diese Momos sind eine Delikatesse, die tive die Gerichte entsprechend den Speisegesetzen deklariert, also als einen vor Freude strahlen lässt. koscher, halal, vegetarisch oder vegan. SURPRISE 289/12

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Alltag im Irak Die Biker von Bagdad Motoren heulen auf, Reifen quietschen – Jugendliche in Bandanas brettern mit frisierten Töffs durch die irakische Hauptstadt. Der Motorenkult ist Ausdruck der Rebellion gegen die religiösen Fundamentalisten.

VON PATRICK MARKEY

Ein Jugendlicher sitzt zusammen mit seiner langhaarigen Begleiterin auf dem Motorrad, ein seltener Anblick in einem Land, in dem der Umgang der Geschlechter in der Öffentlichkeit sehr eingeschränkt ist. Zwei andere Frauen, von denen eine «Ewige Liebe» in arabischen Schriftzeichen auf die Schulter tätowiert hat, stehen rauchend und kichernd bei einer Gruppe junger Biker am Ufer des Tigris nicht weit vom Highway. «Ich will so stark wie ein Mann sein», sagt Inas Mohammed Ali, 22 Jahre alt, die eine Stoffmütze über ihre Augen gezogen hat. «Die Jungs zeigen mir jetzt, wie man Motorrad fährt. Ich will nur weg von all dem Stress.» Wie für viele frustrierte Jugendliche bedeutet auch das Wochenendvergnügen der Biker von Jedriya vor allem eine Flucht aus der Zermürbung durch den allgegenwärtigen Mangel: keine Jobs, keine Infrastruktur, keine der Verbesserungen, die ihnen die steigenden Einnahmen aus dem Ölgeschäft laut den Versprechen der Politiker bringen sollten. «Wenn du hier

Es sieht aus wie ein Dragster-Rennen in Kalifornien. Aber wir befinden uns in Bagdad, wo die Rebellion der Jugendlichen und ihr Biker-Stil auf die konservativen Sitten des Irak treffen, eines Landes, in dem noch vor kurzem islamistische Milizen ihre radikalen Ideen mit Waffengewalt durchzusetzen versuchten. Gruppen irakischer Biker versammeln sich jeden Freitag im Distrikt Jedriya. Dort geniessen sie den Rausch der Geschwindigkeit, fordern die Behörden heraus und lassen die Probleme hinter sich, die das Leben mit sich bringt in einer Stadt, die immer noch mit Bombenanschlägen und Stromausfällen zu kämpfen hat. Hier fährt kein Harley-Club auf Uferstrassen dem Tigris entlang. Stattdessen rasen Teenager vorbei, die auf den Sitzen ihrer verbeulten Mopeds stehen. Andere brettern mit Hondas, die sie selbst aus gebrauchten Teilen zusammengeschustert haben. Wer Geld hat, fährt eine importierte Maschine. «Ehrlich «Was hat sich für uns seit dem Krieg schon getan? Wir sind gesagt lebe ich für die Geschwindigkeit», sagt jung und bis jetzt haben wir noch nichts Gutes gesehen.» Ahmed al-Kuwaiti, ein Regierungsangestellter, der an seiner roten Suzuki lehnt, die er «Shark» bist, bist du in einer anderen Welt», sagt Ahmed Faruq. Der Mechaniker getauft hat. «Was können wir schon machen gegen all die Probleme mit fährt eine gelbe Honda, auf deren Seite er mit lila Farbe «Monster» geStromabschaltungen, Arbeitslosigkeit, Gewalt? Dagegen, dass wieder jesprüht hat. «Was hat sich für uns seit dem Krieg schon getan? Wir sind mand entführt oder umgebracht wurde? Das Leben geht weiter.» Die irajung und bis jetzt haben wir noch nichts Gutes gesehen.» kische Hauptstadt ist heute sicherer als auf dem Höhepunkt des religiösen Konflikts zwischen schiitischen und sunnitischen Milizen, als die «Manche sind richtige Helden» Bomben der Selbstmordattentäter täglich hunderte Opfer forderten und In einem Land, wo das Leben der Jugendlichen oft eine schwierige jede Seite versuchte, ihre radikale Auslegung des Islams zu verbreiten. Gratwanderung zwischen Konservatismus und einem offeneren westZwar wird Bagdad immer noch von Bomben heimgesucht und die lichen Lebensstil darstellt, sind die Rennen der rebellischen Biker auf Stromknappheit gehört ebenso zum Alltag wie die religiösen Spannunden Highways rund um die Stadt noch ungewohnte Ereignisse, die eine gen, die nur knapp unter der Oberfläche brodeln. Neun Monate nach Menge Schaulustiger anziehen. «Ich mache mir Sorgen um sie. Sie sind dem Abzug der letzten amerikanischen Truppen kehrt in der Stadt aber noch so jung, und das ist wirklich gefährlich», meint Hussein Amad, der doch langsam wieder eine gewisse Normalität ein. Nach Jahren der die Motorradfahrer von der Heckklappe seines gelben Taxis aus beobamerikanischen Militärpräsenz im Land haben viele Iraker überwiegend achtet. «Aber manche von ihnen sind hier richtige Helden, die haben schlechte Erinnerungen an die USA, obwohl die amerikanischen Trupwas drauf.» pen Saddam Hussein aus dem Amt des Präsidenten vertrieben hatten. Der Irak ist aufgrund seiner religiös und ethnisch gemischten BevölDoch jetzt nach dessen Abzug wird der westliche Lebensstil immer bekerung mit Schiiten, Sunniten und Kurden grundsätzlich ein weniger liebter und macht der weit verbreiteten libanesischen Popkultur Konkonservatives Land als einige seiner Nachbarn, zum Beispiel Saudi-Arakurrenz.

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BILD: REUTERS/SAAD SHALASH

Freiheit auf zwei Rädern – auch für Frauen: irakische Biker in Bagdad.

bien und Iran. So zeigen sich in Bagdad Frauen oft ohne Verschleierung oder traditionelle Kopfbedeckung, zumindest in privaten Clubs oder in den als weniger konformistisch geltenden Vierteln. Westlich geprägte Friseursalons und sogar Fitness-Studios für Frauen wurden eröffnet. Doch infolge der amerikanischen Invasion, die 2003 zu Saddams Sturz führte, gerieten zahlreiche Stadtviertel unter die Kontrolle islamistischer Milizen. Konservative islamische Parteien gewannen zunehmend an Einfluss, was eine strengere religiöse Auslegung vieler Aspekte des Alltags mit sich brachte. Erstickt vom konservativen Klima Künstler, Filmemacher und Musiker sagen, dass sie vom konservativen Klima in ihrem Land erstickt würden. Lokale, die Alkohol verkaufen oder Clubs werden immer wieder von bewaffneten Gruppen überfallen und zerstört, manche werden sogar zum Ziel des Bombenterrors der Aufständischen. Ein Zeichen, dass der Einfluss der Milizen ungebrochen ist: Im Frühjahr dieses Jahres wurden mindestens 14 Jugendliche zu Tode geprügelt; es scheint sich um eine gezielte Aktion militanter Schiiten gegen junge Leute gehandelt zu haben, denen die Islamisten vorwarfen, westliche Kleidung und Frisuren im Stil der Emopunks zu tragen. In den schiitisch kontrollierten Vierteln kursierten Warnungen an die Jugendlichen, ihr Aussehen zu ändern. Auf dem Highway von Jedriya ist von einer solchen Bedrohung nichts zu spüren. Die Biker betrachten die Geschwindigkeit als Mittel der Selbstdarstellung. Sie tragen Jeans, Halstücher und zum Teil sogar Schutzkleidung aus Kunststoff, wie sie von professionellen Rennfahrern benutzt wird. Sie bewundern gegenseitig ihre Maschinen und beobachSURPRISE 289/12

ten einander, wie sie sich durch den dichten Verkehr schlängeln und dabei all die Tricks zeigen, die sie sich von den Sportsendungen im Satellitenfernsehen abgeschaut haben. Die Verkehrspolizei ist kein wirklich ernstzunehmender Gegner. Ihr Blaulicht vertreibt die Biker zwar für den Moment, aber bald darauf treffen sie sich an einem andern Ort. Zuschauer geniessen die Unterhaltung und haben nur Spott für die Polizisten, die sie wegzuweisen versuchen. Am nächsten Abend taucht eine schwer bewaffnete Spezialtruppe auf, um jene Männer festzunehmen, die mit Alkohol entlang des Highways aufgegriffen werden. Daraufhin zerstreuen sich die Fahrer in die Nacht. «Die Nachbarn haben sich beschwert, und wir haben Befehl, alle zu verhaften, die trinken», sagt ein Beamter des Innenministeriums, der seinen Namen nicht nennen will. «Diese Motorradkerle sind doch Kidnapper und Diebe. Nicht alle, aber die meisten.» Von Polizeiaktionen lässt sich der Mechaniker Salwan Satar nicht aufhalten. «Die Leute sind stolz auf uns, weil wir im Irak etwas Ungewohntes machen. Es ist etwas Neues.» Satar sitzt auf seiner Suzuki Bandit, einer grün und rot besprühten Spezialanfertigung. «Wir können auch auf eine Mine fahren und sterben, aber hier machen wir die Leute glücklich.» ■

www.street-papers.org / INSP Übersetzung aus dem Englischen von Veronica Koehn

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Spendenblues Vor Kurzem läutete es an meiner Tür. Ein junger Mann stand draussen. Keine Angst, er sei kein Bettler, sagte er zu mir. Ich fragte mich, wieso er annahm, dass ich mich vor Bettlern fürchte. Er reichte mir einen plastifizierten Zettel. Ich bat ihn, mir sein Anliegen selber vorzutragen. Er begann mühsam stotternd etwas von einer Stelle, die er nach langer Arbeitslosigkeit in einem Behindertenheim gefunden habe zu erzählen, für das er nun Weihnachtskarten verkaufe. Ich sagte, dass ich keine Weihnachten feiere und deshalb auch keine Karten brauche. Es ginge ja nicht um die Karten, antwortete der Mann, ich könne auch sonst etwas geben. Ich lehnte dankend ab. Da wurde der Mann ernsthaft böse. Ich sei ein kaltherziger und schlechter Mensch und deshalb unglücklich.

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Das möge wohl zutreffen, sagte ich, und da es weder so aussehe, als ob wir ins Geschäft kämen, noch dass sich hier eine Freundschaft anbahne, könnten wir uns ja wieder unserer jeweiligen Tätigkeit widmen. Ich verabschiedete mich und hörte noch, wie der Mann «Arschloch» zischte. Leider helfen da keine Meditationsseminare und Yogakurse – wenn mich einer Arschloch nennt, springt mein Puls auf 180 und ich reisse die Tür auf und frage: Was haben Sie gesagt? Arschloch? Ja, ich blieb beim Sie. Der Mann bestritt es vehement, meinte, Einbildung sei auch eine Bildung und warf mir wieder Hartherzigkeit, Verbittertheit, allgemeine Schlechtigkeit und tiefes Unglück vor. Alles in schnellem, sächsischen Deutsch ohne das geringste Stottern und dabei langsam zurückweichend. Da meldeten sich die Meditationsseminare und Yogakurse doch noch, ich atmete tief durch und dachte daran, dass es sich wahrscheinlich weder gut machte noch die Sache wert war, mich mit einem vermeintlich behinderten Spendensammler auf offener Strasse zu prügeln. Auch wenn der Mann ein Betrüger war. Kein seriöses Hilfswerk oder Behindertenheim schickt die Leute von Haustür zu Haustür. Höchstens die Hare Krishnas kamen früher vorbei, aber weil wir damals noch ein hübsches Täfelchen aus Mexiko an der Haustür hatten, das völlig grundlos behauptete, unser

Haushalt sei katholisch und man akzeptiere keine Propaganda von Protestanten oder anderen Sekten, versuchten sie bloss, Guetsli zu verkaufen und hüteten sich zu sagen in wessen Auftrag, obwohl das bei orange- und weissgewandeten Männern mit bis auf eine Strähne am Hinterkopf geschorenen Köpfen nicht allzu schwer zu erraten war. Wie dem auch sei. Wahrscheinlich rechnete der Mann damit, ältere Leute und Frauen zu Hause vorzufinden und offenbar zieht die Masche immer noch – vor allem in der Vorweihnachtszeit ist Mitleidheischen und Appellieren ans schlechte Gewissen ein gutes Geschäft. Wohlverstanden: Auch ich spende schön brav und regelmässig, trotz zeitweiliger Zweifel am Charity-Modell der Armuts- und Elendsbekämpfung. Allerdings bin sehr dankbar, wenn ich nicht gleich als hartherziger Halunke beschimpft werde, wenn ich es mal unterlassen sollte. In diesem Sinne: Frohe Spendenzeit.

STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 289/12


Film Kino wie vom Pizzaservice Dank Video on Demand kann man Filme spontan zu Hause sehen. Neu in der Schweiz ist leKino.ch. Auf dieser Plattform gibt’s Arthouse- und Schweizer Filme ganz nach persönlichem Gusto.

Bis vor einigen Jahren liefen die Filme erst einmal in den Kinos, und wenn in der Programmspalte irgendwann «Letzte Tage» stand, rannte hin, wer nichts verpassen wollte. Unterdessen hat sich einiges geändert. Denn mit Video on Demand (VoD) kann man sich auf Onlineportalen wie beim Pizzaservice jederzeit holen, worauf man Lust hat. Abhängig ist man allerdings davon, welche Filme dort angeboten werden, und auf vieles hat man nur in bestimmten Ländern Zugriff oder man muss mit den vorhandenen Sprachversionen vorlieb nehmen. In den USA haben sich 2008 die Major Players der Unterhaltungsindustrie auf zwei grosse Konkurrenzportale verteilt, und in der Schweiz gibt es zwei grosse VoDAnbieter, upc cablecom und Swisscom: Sie haben durchaus verschiedene Genres zur Auswahl, setzen allerdings beide hauptsächlich auf Blockbuster. Eine neue Plattform dagegen konzentriert sich auf den Arthouse-Bereich und auf Schweizer Filme: leKino.ch ist seit dem 10. November online. Im Gegensatz zu vielen anderen Plattformen stellen hier redaktionelle Mitarbeiter Zusammenfassungen und ausführliche Castund Crewangaben online, geben Empfehlungen ab und bündeln Filme zu thematischen Reihen. Die Plattform ist noch neu und einiges noch nicht vollständig umgesetzt – so ist erst geplant, Interviews mit Regisseuren online zu stellen oder Neues aus der Branche zu diskutieren. «Wir wollen bei den Leuten das Interesse für den europäischen unabhängigen Film wecken», sagt Francine Lusser, Co-Inhaberin der Firma UniversCiné Switzerland, die leKino betreibt. Gerade mit den Filmreihen kann man einzelne Werke aufs Podest heben, die sonst vergessen gehen würden. So bleiben sie eher im kollektiven Bewusstsein: «Wir ermöglichen den Filmen ein verlängertes Leben», sagt Lusser. Meistens handelt es sich um Zweitverwertungen, nachdem ein Film im Kino gelaufen ist, aber auch ein Beispiel wie der Schweizer Film «All that remains» ist nicht untypisch: Er ist in den Kinos der Romandie im Oktober 2011 gezeigt worden, Hauptdarstellerin Isabelle Caillat hat den Schweizer Filmpreis Quartz gewonnen, aber in der Deutschschweiz ist der Film nie angelaufen. «Es gibt viele schöne Filme, die nicht ins Kino kommen», sagt Lusser, und denen will sie eine Plattform geben. Dazu gehören oft auch Filme mit ausschliesslicher Festivalkarriere, und so bestehen unter anderem Partnerschaften zwischen leKino und dem Filmfestival Locarno, den Solothurner Filmtagen, der SRG SSR, die die meisten Schweizer Filme mitproduziert, und der Cinémathèque Suisse, dem filmhistorischen Gedächtnis der Schweiz. Auch für die Verleiher ist VoD neben Kino und DVD eine gängige Möglichkeit der Auswertung geworden. Zurzeit sind auf leKino über 350 Filme online abrufbar, bis Ende Jahr sollen es 500 sein, etwa ein Fünftel davon Schweizer Produktionen. SURPRISE 289/12

BILD: AGORA FILMS

VON DIANA FREI

So mancher lohnenswerte Film kommt gar nie ins Kino: «All that remains».

Der Gedanke, dass Video on Demand dem Kino über kurz oder lang das Wasser abgraben könnte, drängt sich auf, aber Francine Lusser meint: «Ich bin mit der Firma Tipi’mages selber auch Produzentin und kann sagen, dass die Kinoauswertung für einen Film weiterhin wichtig bleibt. Ich sehe leKino als Komplementär-, nicht als Konkurrenzangebot. Es gibt ja auch Filme, die man verpasst hat und auf die man nicht warten will, bis sie zufälligerweise am Fernsehen laufen.» Trotzdem, auf leKino kann man zum Beispiel «Elles» mit Juliette Binoche für sechs Franken sehen, nachdem man letzten Juli an der Kinokasse noch 18 Franken bezahlen musste. Diese Tatsache sieht aber auch Beat Käslin, Geschäftsführer der Arthouse Kinos in Zürich, gelassen: «Video on Demand ist in erster Linie eine Konkurrenz zum DVD-Geschäft. Die Entwicklungen spielen sich im Home-Video-Bereich ab und haben mit uns direkt nichts zu tun.» Natürlich, räumt er ein, finde in der Art und Weise, wie Filme konsumiert würden, ein allgemeiner Wandel statt, aber die Entwicklung werde sich erst auf die kommenden Generationen auswirken. Gerade ein Arthouse-Publikum legt Wert auf das Kinoerlebnis und so, meint Käslin, werde der Erfolg von VoD eher die grossen Kinobetreiber betreffen. «Wenn sich nun ein Anbieter auf Arthouse-Filme spezialisiert, ist das für uns nicht unbedingt schädigend. Im Gegenteil, es kann sogar bereichernd sein, weil die Leute so vielleicht erst recht auf den Geschmack kommen.» ■ www.leKino.ch

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BILD: ZVG

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Kulturtipps

Puh, wer da alles durch die Literaturgeschichte wuselt …

Geht da was? Der verschlossene Yossi (links) öffnet sich der Zukunft.

Buch Stress für Goethe

Film Exit aus dem Schneckenhaus

Ein witzig-frecher Literatur(ver)führer macht Lust auf eine Reise durch die Welt der Bücher.

Ein Film gegen trübe Winterstimmung: «Yossi» von Eytan Fox («The Bubble») zeigt seinem Protagonisten einen Weg, die Vergangenheit endlich vergangen sein zu lassen.

VON CHRISTOPHER ZIMMER VON THOMAS OEHLER

Katharina Mahrenholtz, NDR-Redaktorin in Sachen Kultur und Literatur, versteht es, mit wenig Worten gut und spannend zu informieren. Mit der Illustratorin Dawn Parisi hat sie Wissenswertes und Witziges zu bedeutenden und/oder erfolgreichen Werken der Literatur, hauptsächlich Europas und Amerikas, zusammengetragen – von Kinderbüchern bis zu anspruchsvollen Wälzern. Die Auswahl ist zwar eigenwillig-subjektiv, doch auch bunt und vielfältig. Vor allem aber ist dieses Kompendium kurzweilig: dank Mahrenholtz’ humorvoll-knappen Texten und den comicartigen Grafiken von Parisi, die den Kern einer Geschichte, komplizierte Personenkonstellationen oder Themenfelder treffend veranschaulichen. Eine Zeitachse (von 1300 bis 2011) bildet den roten Faden: Erfindungen, Entdeckungen und Ereignisse (bedeutende wie triviale), die die vorgestellten Bücher in die Weltgeschichte einordnen. Manche Werke und ihre AutorInnen werden auf ein bis zwei ganzen Seiten dargestellt, andere finden sich als Einspalter unter «Literatur im Schnelldurchlauf» oder als Notiz auf der Timeline und den Illustrationen. Dazwischen eingestreut sind auflockernde Grafiken zu Themen wie zum Beispiel «Novelle & Co.», «Todesarten und letzte Worte» (der Schriftsteller) sowie zu Genres wie Abenteuer, Crime oder Lovestory. Der Stil von Mahrenholtz ist erfrischend respektlos. Da «stresst» Schillers Erfolg den Herrn von Goethe, oder es heisst des Öfteren «Nichts für Einsteiger», «Puh» und «Anstrengend zu lesen». Mahrenholtz scheut sich auch nicht vor Trivialem und empfiehlt schon mal das Ausweichen auf die Verfilmung oder leichtere Werke eines Autors, wenn’s gar zu anspruchsvoll wird. Dazu gibt’s Smalltalk-Infos und jede Menge Anekdoten zu Schrullen und Schicksalen der Schreibenden. Für Gralshüter der Literatur mag diese Art Zugang zu Büchern ein Greuel sein, Freigeister haben wohl eher ihren Spass daran. Literaturgeschädigten oder -scheuen nimmt dieser Schmöker über Schmöker vielleicht sogar die Schwellenangst – und ist damit ein Fürsprecher der Bücher in Zeiten einer sich vom Bildungskanon entfernenden Kultur.

Wie lange lässt sich um den Verlust der grossen Liebe trauern? Ein Leben lang!, könnte die Antwort sein. Yossis grosse Liebe war Jagger. Vor zehn Jahren konnte man im Film «Yossi & Jagger» von Eytan Fox miterleben, wie zwei junge israelische Soldaten zueinander und zu ihrer Homosexualität fanden und – mit dem Tod Jaggers – brutal auseinandergerissen wurden. Jetzt begegnet uns Yossi (wie schon 2002 gespielt von Ohad Knoller) wieder als dicklicher, in sich gekehrter Spitalarzt. Yossi lebt und lebt nicht: Er arbeitet, soviel er kann, widersteht höflich aber bestimmt den Avancen einer Krankenschwester und der Kumpelhaftigkeit seines Kollegen, führt aber eigentlich kaum ein Privat-, geschweige denn ein Sexleben. Erst die Mahnung des Oberarztes, endlich Ferien zu nehmen, und eine unerwartete Begegnung mit Jaggers Mutter bringen ihn dazu, einen Schritt aus seiner Lethargie heraus zu machen: Er beschliesst, mit dem Auto in den Sinai zu fahren. Kaum losgefahren, begegnet er einem lustigen Haufen junger Soldaten – darunter dem hübschen, lebhaften Tom (unwiderstehlich dargestellt von Oz Zehavi), der offen zu seiner Homosexualität steht. Und bei dem Yossi erstmals seit Langem wieder Zuneigung verspürt. Yossi muss mehr als eine innere Hemmschwelle überwinden, um aufs Neue zu sich, seiner Sexualität und seinen Gefühlen stehen zu können. Mehr als einmal will er sich wieder in die innere Isolation zurückziehen. Doch das verhindern Toms entwaffnende Lebensfreude und herzerwärmende Sturheit, die nicht nur den verzagten Yossi aus der Reserve locken: Auch die Zuschauer – egal welchen Geschlechts und sexueller Orientierung – fühlen sich in ihren Bann gezogen. Fast möchte man allen einen solchen Tom wünschen. Dieser Film handelt nicht primär von schwuler Liebe in einer heterosexuellen Welt. Dieser Film handelt von der Chance, die unendlich schwere Trauer der Vergangenheit abzulegen und sich der Zukunft wieder mit Freuden zu öffnen. Fortsetzung folgt?

Katharina Mahrenholtz, Dawn Parisi: Literatur! Eine Reise durch die Welt der Bücher.

Eytan Fox: «Yossi», Israel 2012, 84 Min., mit Lior Ashkenazy, Ohad Knoller,

Cadeau/Hoffmann und Campe 2012. 31.90 CHF.

Oz Zehavi. Ab 6. Dezember 2012 in den Deutschschweizer Kinos.

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Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Im Kampf mit den Weltgewalten haben Two Gallants ein Shirt verloren.

Musik Gallanter Galopp Nach fünf Jahren Pause pfeift ein neuer Wind durch die Druckzonen der Two Gallants. Mit einem neuen Album kommt das Duo nun in die Schweiz, den Hochnebel wegpusten. VON OLIVIER JOLIAT

Sieben Jahre ist es her, da eröffneten die Two Gallants ihr «What the Toll Tells»-Album stimmig mit Wüstenwind und Westerngitarre. Dann krächzte Adam Stevens «I spent last night in Las Cruces jail» und die Gallanten galoppierten wie ein Gaul auf Tequila. Das Gitarre-Drum-Duo bezauberte mit so ruppigem wie charmantem Rumpel-Folk. Selten lagen rohe Gewalt und zarte Frühlingsgefühle so nah beisammen. Und in Zeiten, wo Duos wie The White Stripes gerade en vogue waren, widerlegten die Two Gallants das Klischee, dass Zweier-Combos so kurz wie simpel zu spielen haben. Mehrfach kratzten sie auf «What the Toll Tells» an der Zehn-Minuten-Grenze, nur einmal blieben sie unter vier. Das Folgealbum «Two Gallants» gefiel mit ein, zwei pubtauglichen Folknummern mit Herz. Doch schien Drummer Tyson Vogel und Gitarrist Adam Stevens die Puste auszugehen. Schade, aber verständlich, nach jahrelangem Touren rund um die Welt. Sie legten eine Pause ein und widmeten sich anderen Projekten. Nach fünf Jahren meldete sich das Duo diesen September zurück. «The Bloom and the Blight» heisst ihr viertes Album, und zum Auftakt pfeift kein Wind, sondern die Gitarre. Dann rollt das erste Riff vom «Halcyon Days» – ein Eifersuchtsdrama ohne Happy End, emotional wie musikalisch ein Roadtrip in der Waschtrommel. Die anderen Songs bieten ebenso erstklassiges Melodrama im Breitbandformat. Ihren RumpelFolk haben sie um Blues und Grunge erweitert. Inhaltlich haben die Two Gallants nicht viel verändert. Wie Schriftsteller James Joyce, von dessen Dubliner-Kurzgeschichten der Bandname stammt, erzählen sie vom Kampf des kleinen Mannes mit den grossen Weltgewalten: Liebe und Hass, Mythos und Religion. Die (Er-)Lösung liegt meist zwischen Alkohol und dem Tod. Die Aussichten für die Two Gallants sind indes rosig. Nicht nur haben sie auf «The Bloom and the Blight» zu alter Energie und Kreativität gefunden. Sie verstehen es jetzt auch, ihre Geschichten in drei Minuten zu erzählen, was das Feld gewogener Ohren gehörig erweitern dürfte. Nun bieten sich in der Schweiz zwei Möglichkeiten, live zu erleben, wie sich die Fronten zwischen den beiden Druckzentren auf- und entladen. Sollte man nicht verpassen.

01

TYDAC AG, Web-Mapping-Software, Bern

02

Kaiser Software GmbH, Bern

03

Balcart AG, Carton, Ideen, Lösungen, Therwil

04

Lions Club Zürich-Seefeld

05

Klimaneutrale Druckerei Hürzeler AG, Regensdorf

06

Scherrer & Partner GmbH, Basel

07

Balcart AG, Carton Ideen Lösungen, Therwil

08

Psychiatrische Dienste Aargau AG (PDAG)

09

Locher, Schwittay Gebäudetechnik GmbH, BS

10

fast4meter, storytelling, Bern

11

Klinik Sonnenhalde AG, Riehen

12

Schweiz. Tropen- und Public Health-Institut, BS

13

seminarhaus-basel.ch

14

Supercomputing Systems AG, Zürich

15

AnyWeb AG, Zürich

16

VXL gestaltung und werbung ‹› ag, Binningen

17

Cilag AG, Schaffhausen

18

Coop

19

Zürcher Kantonalbank

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Kibag Management AG

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Knackeboul Entertainment

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Brother (Schweiz) AG

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Musikschule archemusia, Basel

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Stoll Immobilientreuhand AG, Winterthur

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Proitera GmbH, Betriebliche Sozialberatung, BS

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Mo, 3. Dezember, Fri-Son, Fribourg; Di, 4. Dezember, Kaserne, Basel. 289/12 SURPRISE 289/12

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BILD: ZVG

BILD: LUCA CHRISTEN BILD:

©

ANNA SOMMER, STRAPAZIN NR. 75, 2004

Ausgehtipps

Zärtlich und zerstörerisch: The Swans.

Bern Barbarische Meditation

Spielen, ausprobieren – das Comicmagazin Strapazin.

Reitschulkultur: Clausette La Trine, hart geblitzt.

Basel Jenseits von Asterix und Micky Maus

Bern 25 Jahre Rosskultur

Immer neugierig, immer experimentierfreudig, manchmal waghalsig: Mit seinen bald 30 Jahren ist das Schweizer Comicmagazin Strapazin eines der weltweit langlebigsten – und ein sehr einflussreiches: Seine Geschichte reflektiert nicht zuletzt die Entstehung einer deutschsprachigen Comicszene jenseits der internationalen Heldenriege um Superman, Asterix und Micky Maus. Eine Ausstellung im Cartoonmuseum Basel widmet sich nun der unabhängigen Zeitschrift, die seit ihren Anfängen 1984 eine klare Haltung vertritt: keine MainstreamKost, sondern gestalterisch und erzählerisch avancierte Bildwelten. (mek) «Comics Deluxe! Das Comicmagazin Strapazin». Noch bis zum 3. März 2013 zu sehen im Cartoonmuseum Basel. www.cartoonmuseum.ch

D Party isch vrbii. Das gilt zwar für die grosse 25-Jahr-Jubiläumssause, nicht aber für den äusserst lebhaften Kulturbetrieb in der Reitschule. Im Dezember feiert ein bild- und sprachgewaltiges Jubiläumsbuch Vernissage, das Momentaufnahmen zum kulturellen Leben in der «Halle» präsentiert: Ein Jahr lang schossen die Berner Fotografen Luca Christen (der auch für Surprise fotografiert) und Fabian von Unwerth «harte Porträts» von Menschen, die in der Reitschule auftraten, auffielen oder aufbauten. Hart heisst: Augen zu, Augen auf, draufgeblitzt – keine Zeit für Posen. Dazu gibt es Gedichte und Kurztexte, die sprachliche Schlaglichter auf das Reitschulleben werfen. Die Vernissage des rund 100-seitigen Werks ist passenderweise in den «Art Souk» integriert. Das heisst: Wer das Buch einmal unter dem Arm hat, kann auch gleich noch Kunst ersteigern. Oder einfach dem Spektakel beiwohnen und danach zu Bands und DJs abtanzen. Denn, natürlich: Auch Kultur will gebührend gefeiert werden. (fer)

Die Swans könnte man der Einfachheit halber als Krachkünstler bezeichnen. Doch wer dem repetitiven Wummern standhält, verfällt unversehens in einen quasi-meditativen Frieden. Die Band um Michael Gira, einem Finsterling mit Grabesstimme, entstammt der New Yorker NoWave-Szene der Frühachtziger. Über die Jahre wechselten Besetzung und Stile, intensiv klangen die Swans aber immer. Das neue Album «The Seer» markiert nun den Kulminationspunkt einer 30-jährigen Karriere: zärtlich und zerstörerisch, abgründig und erhaben, monolithisch und feinsinnig. Zwei Stunden dauern die elf Stücke, allein der Titelsong sprengt die Halbstundengrenze. Das Grosswerk steht auch im Zentrum der laufenden Tournee. Gitarrist Kristof Hahn, der unter anderem mit zwei LapSteels hantiert, erklärte in einem Interview: «Das ist kein schöngeistiges Steelgitarrenspiel mehr, sondern richtig barbarisch.» (ash) Mo, 3. Dezember, 20 Uhr, Dachstock, Bern.

Anzeige:

«Art Souk», Do, 6. und Fr, 7. Dezember, Ausstellung ab 18 Uhr, Versteigerung ab 20 Uhr, am Freitag ab 23 Uhr Konzerte und DJs, Dachstock der Reitschule. Das Buch «Rosskultur» ist für CHF 48.- am «Art Souk» und danach in ausgewählten Buchläden erhältlich. www.rosskultur.ch

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BILD: URSULA SPRECHER UND ANDI CORTELLINI

UNIVERSAL STUDIOS

© BILD: ALFRED HITCHCOCK, PSYCHO, 1960,

Suspense? Hitchcock hatte es im Griff.

Zürich Whodunit? Man nehme einen Tatort, eine Handvoll Verdächtiger und einen Kommissar, der das Verbrechen allmählich aufklärt, und man hat das Konzept eines Krimis beisammen, bei dem vor allem die Frage im Raum steht: Whodunit? Wer hat’s getan? Nun gibt es natürlich allerlei Spielarten der Raffinesse, vielerlei Möglichkeiten der Spannungserzeugung. Wir wissen alle, dass Hitchcock der Master of Suspense war, aber auch Leute wie etwa Tatort-Kommissarin Delia Mayer oder Musikwissenschaftler Steffen Schmidt, der im Museum für Gestaltung über den «Sound des Bösen» spricht, haben einiges zum düsteren Genre zu erzählen. Und im Filmpodium gibt’s dazu jeweils den «Kriminalfilm des Monats». (dif)

Surprise-Verkaufende machen es vor: Winterzeit ist Lesezeit.

Basel/Zürich Suprise-Geschichten

«Verbrechen lohnt sich: Der Kriminalfilm», Museum für Gestaltung Zürich,

BILD: ZVG

Fr, 7. Dezember bis So, 2. Juni. www.museum-gestaltung.ch

Immer noch aktuell: Schamanin in Korea.

Zürich Moderne Schamaninnen In aufgeklärten, industrialisierten und digitalisierten Kulturen haben obskure Erscheinungen wie Schamanismus nichts mehr zu suchen. Oder? In Südkorea sieht man das anders: Lange verfolgt, betrachten ihn heute viele Einheimische als «Seele Koreas». Wie wird man Schamanin, wer geht hin und was passiert beim Ritual? Aufklärung für aufgeschlossene Geister liefert der Vortrag von Dr. Susanne Knödel vom Völkerkundemuseum Hamburg. (fer)

Und was halten Sie von der Vorweihnachtszeit? Der Jahresendzeit? Ist nicht unbedingt ein Aufsteller, finden Sie auch? Auch wenn in den Schaufenstern Sterne und Rentiere in Rot und Gold mit silbernem Lametta um die Wette strahlen: Man muss bei Dunkelheit aus dem Haus und kommt erst nach dem Eindunkeln wieder heim. Und die Mitfahrenden im Tram schauen derart blass und kränklich aus, dass auch umweltbewussten Zeitgenossen ein Südsee-Urlaub über Weihnachten unter medizinischen Aspekten durchaus einleuchtet. Um etwas Licht in diese dunklen Tage zu bringen, haben wir uns etwas für Sie ausgedacht. Es ist ein Zweipunkteprogramm: Erstens sollten Sie unbedingt die nächste Surprise-Ausgabe erwerben. Es ist ein ganz besonderes Weihnachtsheft, das Kurzgeschichten von Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftstellern versammelt. Fast alle exklusiv für Surprise geschrieben. Und es sind nicht irgendwelche Schreiberinnen und Schreiber: Wir sind stolz, Ihnen Kurzgeschichten von Paulo Coelho, Sibylle Berg, Zoe Jenny, Tim Krohn, Dieter Meier, Milena Moser, Max Rüdlinger, Ralf Schlatter, Ruth Schweikert, Christoph Simon und Gabriel Vetter empfehlen zu können. Denn wenn wir es uns genauer überlegen, gibt es ja durchaus Dinge, die gerade im Winter besonderen Spass machen. Eines davon ist Lesen: gemütlich, warm, mit Wollsocken, Tee und Kerzenlicht. Und dazu eignen sich lange, dunkle Abende ganz speziell gut. Besonders schön ist es natürlich, wenn einem jemand vorliest. So jemanden hat aber leider nicht jeder. Deshalb haben wir für Sie einen Vorleseabend organisiert: In Basel liest Ihnen Buchhändler, Verleger und Literat Matthyas Jenny Geschichten aus unserer Weihnachtsausgabe vor, in Zürich machen das Schriftsteller Ralf Schlatter und der Schauspieler und Schriftsteller Max Rüdlinger. Bei Kerzenlicht. Und warmem Tee. Kommen Sie vorbei, wir freuen uns auf Sie! (mek) Fr, 14. Dezember, 19 Uhr, Kleines Literaturhaus, Buchhandlung Bachletten, Basel

«Schamaninnen in Korea», Vortrag von Dr. Susanne Knödel, So 9. Dezember,

mit Matthyas Jenny. Di, 18. Dezember, 19 Uhr, Sphères, Hardturmstr. 66, Zürich

14 – 15.30 Uhr, Völkerkundemuseum Zürich.

mit Max Rüdlinger und Ralf Schlatter.

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Verkäuferporträt «Manchmal kann ich fast nicht mehr» BILD: IMO

Awet Iyasu (33) gehört zu den «glücklichen» Surprise-Verkäufern, die eine Arbeitsstelle haben. Doch zu seinem persönlichen Glück fehlt ihm seit vielen Jahren das Wichtigste: seine Frau und seine beiden Söhne. AUFGEZEICHNET VON ISABEL MOSIMANN

«Meine ersten, vielleicht sieben Lebensjahre verbrachte ich mit meinen Eltern in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea. Dann, eines Tages, brachte mich meine Mutter zu unseren Verwandten aufs Land und lief davon, ich glaube, sie ging in den Sudan. Von da an wuchs ich in der Familie meines Onkels auf. Als ich 18 Jahre alt wurde, musste ich in den Militärdienst eintreten – etwas anderes war nicht möglich, das bestimmt die Regierung. Nach acht Jahren konnte ich diesen Zwang nicht mehr ertragen und flüchtete zuerst ins Nachbarland Sudan, dann weiter nach Libyen. Insgesamt war ich etwa zwei Jahre unterwegs, weil ich mir in Libyen zuerst das Geld für die weitere Flucht über das Mittelmeer verdienen musste. Im Sommer 2007 kam ich im Empfangszentrum Vallorbe an und wurde kurze Zeit später in die Asylunterkunft Büren an der Aare transferiert. Zu meinem grossen Glück wohnten dort schon Surprise-Verkäufer, denn so erfuhr ich von der Zeitung und konnte schon bald mit dem Verkauf anfangen. Nur herumsitzen ohne Arbeit ist nichts für mich. Zudem wollte ich so schnell als möglich unabhängig leben, mein eigenes Geld verdienen und mir meinen grössten Wunsch seit meiner Flucht erfüllen: meine Frau und meine beiden Söhne eines Tages zu mir zu holen. Finanziell unabhängig wurde ich im Februar 2009, als ich im Berner Freizeit- und Einkaufszentrum Westside eine Stelle im Reinigungs- und Hausdienst fand. Seitdem beziehe ich keinen Rappen Sozialhilfe mehr. In der Reinigung arbeiten wir unregelmässig, mal am Morgen, mal am Abend, manchmal Samstag und Sonntag. Diese Wechsel sind einerseits anstrengend, weil ich vom Schlaf her nicht so schnell umstellen kann, andererseits bleiben mir so fast täglich einige Stunden, um Surprise zu verkaufen. Von aussen betrachtet bin ich ein Flüchtling, der es hier in der Schweiz geschafft hat. Ich arbeite, habe eine Wohnung, bin gesund – doch das Wichtigste, meine Familie, fehlt mir. Mein Problem ist, dass ich im Gegensatz zu vielen meiner Landsleute den Flüchtlingsstatus F (vorläufig aufgenommener Ausländer) erhalten habe. Mit diesem Status ist der Nachzug der Familie – im Gegensatz zur Aufenthaltsbewilligung B – nur möglich, wenn man genügend verdient, um den Lebensunterhalt für alle zu bestreiten. Letzten Sommer erhielt ich vom Bundesamt für Migration den Bescheid, dass mein Lohn nicht für vier Familienmitglieder reiche. Zudem sei meine Zweizimmer-Wohnung zu klein, um eine Familie darin unterzubringen. Ich dachte damals, ich werde verrückt. Den finanziellen Aspekt kann ich ja noch verstehen, aber ich kann doch nicht eine Drei- oder Vierzimmer-Wohnung mieten, wenn ich überhaupt nicht weiss, ob meine Familie einreisen darf! In diese Zweizimmer-Wohnung bin ich übrigens im letzten Jahr extra gezogen, um Miete zu sparen. Sie ist günstiger als andere Wohnungen,

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weil man mit einem Ölofen heizt. Das Öl dazu muss ich separat dazukaufen, und die Wohnung wird nie richtig warm und riecht immer ein wenig nach Öl. Wahrscheinlich würde mich eine Einzimmer-Wohnung mit Zentralheizung gleich viel kosten, und ich hätte warm. Ehrlich gesagt würde ich am liebsten hier am Ostring wohnen, wo ich im Einkaufszentrum Freudenberg Surprise verkaufe. Meine Kundinnen und Kunden sehen mir das wahrscheinlich nicht an, aber ich bin oft sehr, sehr traurig. Und manchmal kann ich fast nicht mehr, wenn ich an meine Frau und vor allem an meine beiden Buben denke. Sie sind 2009 in den Sudan geflüchtet, weil wir dachten, ich könne sie bald von dort in die Schweiz holen – wie andere Flüchtlinge auch, zudem hatte ich ja die Arbeitsstelle gefunden! Letztes Jahr sind sie dann weiter nach Äthiopien geflüchtet, weil das Leben für eine alleinlebende Frau im Sudan viel zu gefährlich ist. Ich hoffe so sehr, dass sich bald etwas ändert, dass ich irgendwie mehr verdienen kann oder dass sich mein Aufenthaltsstatus ändert. Denn ich wünsche mir, dass meine sechs- und siebenjährigen Söhne endlich zur Ruhe kommen und an einem friedlichen Ort aufwachsen können.» ■ SURPRISE 289/12


SurPlus – eine Chance für alle! Werden Sie Gotte oder Götti bei SurPlus Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten. Menschen, die kaum Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt wieder Struktur und mehr Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Das verdient Respekt und Unterstützung. Das Spezialprogramm SurPlus ist ein niederschwelliges Begleitprogramm für ausgewählte Surprise-Verkaufende, die regelmässig das Strassenmagazin

verkaufen und hauptsächlich vom Heftverkauf leben. Diese Verkaufenden erhalten nur geringe soziale Ergänzungsleistungen und werden im Programm SurPlus gezielt vom Verein Surprise unterstützt: Sie sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit, U-Abonnement) und werden bei Problemen im oft schwierigen Alltag begleitet. Mit einer Patenschaft leisten Sie einen wesentlichen Beitrag für die soziale Absicherung der Verkaufenden und ermöglichen ihnen, sich aus eigener Kraft einen Verdienst zu erarbeiten. Vielen Dank für Ihr Engagement!

Andreas Ammann Bern

Jela Veraguth Zürich

René Senn Zürich

Marlis Dietiker Olten

Kurt Brügger Basel

Fatima Keranovic Basel

Josiane Graner Basel

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Bob Ekoevi Koulekpato, Basel

Marika Jonuzi Basel

Peter Gamma Basel

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Jovanka Rogger Zürich

Ralf Rohr Zürich

Anja Uehlinger Aargau

Ja, ich werde Gotte/Götti und unterstütze das SurPlus-Programm von Surprise! 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

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289/12 Talon bitte senden oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 289/12

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

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Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden vom Verein Surprise geführt. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

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Datum, Unterschrift 289/12 Bitte heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch

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Herausgeber Verein Surprise, Postfach, 4003 Basel www.vereinsurprise.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@vereinsurprise.ch Geschäftsführung Paola Gallo (Geschäftsleiterin), Sybille Roter (stv. GL) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@vereinsurprise.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Reto Aschwanden (Nummernverantwortlicher), Florian Blumer, Diana Frei, Mena Kost redaktion@vereinsurprise.ch Ständige Mitarbeit Rosmarie Anzenberger (Korrektorat), Rahel Nicole Eisenring, Shpresa Jashari, Carlo Knöpfel, Yvonne Kunz, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Isabella Seemann, Priska Wenger, Tom Wiederkehr, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Amir Ali, Joël Bisang, Olivier Joliat, Patrick Markey, Isabel Mosimann, Thomas Oehler Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 15000, Abonnemente CHF 189.–, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 50 Oscar Luethi (Leitung)

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83, M +41 79 428 97 27 Thomas Ebinger, Anette Metzner, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@vereinsurprise.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Bruno Schäfer, Pappelweg 21, 3013 Bern, bern@vereinsurprise.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@vereinsurprise.ch Strassensport T +41 61 564 90 10, F +41 61 564 90 99 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat, David Möller o.joliat@vereinsurprise.ch, www.strassensport.ch Vereinspräsident Peter Aebersold

Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen. SURPRISE 289/12


Ist gut. Kaufen! Wer etwas verkauft, braucht Geld. Schlichte Wahrheit – gute Sache. Denn 50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute. Alle Preise exkl. Versandkosten.

Surprise Zeitungs-Taschen (34 x 36 cm); CHF 37.50 neon-orange schwarz

Surprise City-Taschen (24,5 x 35,5 cm); CHF 40.– rot schwarz

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*gemäss Basic 2008-2. Seite bitteMACH heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch

Dazu passend: Leichtes T-Shirt, 100%Baumwolle, für Gross und Klein.

Schön und gut. Grosses Badetuch 100 x 180 cm aus sehr langlebigem Zwirngarn, 100% handgepflückte Baumwolle. Mit Surprise-Logo eingewebt und von A bis Z in der Schweiz hergestellt. Vorder- und Rückseite verschiedenfarbig: vorne kühles Aquablau, hinten heisses Rot.

Herren CHF 25.– S (schmal geschnitten) Kinder CHF 20.– XS S Alle Preise exkl. Versandkosten.

Strandtuch (100 x 180 cm) CHF 65.–

50 Prozent des Verkaufspreises kommt Surprise zugute.

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*gemäss Basic 2008-2. Seite bitteMACH heraustrennen und schicken oder faxen an: Verein Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@vereinsurprise.ch SURPRISE 289/12

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Surprise läuft weiter! Surprise macht stark – machen Sie uns stärker und unterstützen Sie unsere Läufer. Der Verein Surprise stellt beim Zürcher Silvesterlauf 2012 am 16. Dezember wieder ein eigenes Team auf und kommt mit allen Charity Runnern und Strassenverkäufern gemeinsam ins Ziel. Wir suchen noch engagierte Persönlichkeiten, die uns beim Surprise Charity Run unterstützen.

«Ich laufe für Surprise, weil ich Spenden für ein gutes Projekt sammeln möchte.»

«Für Surprise zu laufen macht nicht nur stark – sondern auch Spass!»

Silvan Bommer (links) Surprise-Fan

Paola Gallo Surprise-Geschäftsleiterin

«Mir tut es gut, und Surprise profitiert auch davon.» Reto Bommer (rechts) Surprise-Vertriebsleiter ZH

«Ich möchte Surprise etwas zurückgeben, weil ich hier eine faire Chance bekommen habe.» Markus Thaler (links) Surprise-Verkäufer AG

«Ich laufe für Surprise, weil ich etwas für meine Gesundheit machen möchte.» Ruedi Kälin (rechts) Surprise-Verkäufer ZH

Setzen Sie ein Zeichen gegen soziale Ausgrenzung und Ungerechtigkeit. Laufen Sie für Surprise beim Zürcher Silvesterlauf! Oder unterstützen Sie unsere Surprise-Läufer mit einer Spende! Weitere Informationen und Angaben zur Anmeldung finden Sie unter: www.charityrun.vereinsurprise.ch

Spendenkonto: PC 12-551455-3 Verein Surprise, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99


Surprise Strassenmagazin 289/12