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Kampfbereit Die Rollergirlz von Zürich Weststrasse Zürich: Quartieraufwertung durch Vertreibung

Glück ist mehr als Geld – Wohlstand muss neu definiert werden

Nr. 262 | 4. bis 17. November 2011 | CHF 6.– inkl. MwSt. Die Hälfte des Verkaufspreises geht an die Verkaufenden. Bitte kaufen Sie nur bei Verkaufenden mit offiziellem Verkaufspass.


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*gemäss Basic 2008-2. Seite bitteMACH heraustrennen und schicken oder faxen an: Strassenmagazin Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@strassenmagazin.ch

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Titelbild: Esther Michel

Editorial Ein gutes Gewissen BILD: DOMINIK PLÜSS

Viele Schweizerinnen und Schweizer haben bei den Wahlen für die neuen Mitteparteien votiert. Eine scheinbar widersprüchliche Entscheidung – neue Kräfte, die altbekannte Programme frisch verpacken, was soll das? Eine mögliche Antwort: Es soll alles so bleiben, wie es ist, einfach ein bisschen anständiger von der Art her. Die BDP bietet so gesehen eine Heimat für Menschen, die zu den Forderungen der SVP nicken, über den Stil der Partei aber die Nase rümpfen. Grünliberale wählen Menschen, die den Genüssen des Lebens durchaus zugetan sind, die Folgen des westlichen Lebenswandels auf die Umwelt aber doch verringern möchten. Es ist eine Politik des Sowohl-als-auch, deren einzige Wirkung die ist, dass sie das Gewissen ihrer Unterstützer beruhigt. RETO ASCHWANDEN

Ändern wird sich durch die Verschiebungen im Parlament nichts Grundlegendes. REDAKTOR Das war auch nicht zu erwarten, nötig wäre es trotzdem. Während die Schweizer «Occupy»-Bewegung noch basisdemokratisch ausdiskutiert, was denn ihre Forderungen sein könnten, untersucht mein Redaktionskollege Florian Blumer Alternativen zum Bruttoinlandprodukt als Messgrösse für den Wohlstand einer Nation. Das stete Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte hat uns zwar reicher gemacht, nicht aber zufriedener. Warum Wachstum nicht glücklich macht und wie man Wohlstand anders als nur monetär definieren könnte, lesen Sie ab Seite 10. Eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden spielt die Wohnsituation. Doch in den Städten bleibt die schöne Wohnung an guter Lage für immer mehr Leute ein Traum. Umgekehrt bereitet die Wohnsituation vielen Albträume. Zum Beispiel den Menschen an der Weststrasse. Jahrzehntelang ertrugen sie Lärm und Dreck. Nun wird die Transitachse zur Quartierstrasse umgebaut. Aufatmen können die Bewohner aber nicht. Denn der einstige «Auspuff der Nation» wird damit zu einer attraktiven Wohnlage, was die Hauseigentümer für massive Mieterhöhungen und Luxussanierungen nutzen. Den bisherigen Mietern bleibt nur der Wegzug. Aufwertungspolitik heisst das im Jargon der Behörden, für die Betroffenen bedeutet es Vertreibung. Einziehen werden an der Weststrasse Gutbetuchte, die das grosse Job- und Freizeitangebot der Stadt schätzen. Und manchmal werden sie auf ihrem Balkon sitzen und daran denken, dass es ja schon schlimm ist, dass Menschen mit kleinen Einkommen keine Chance haben auf dem Wohnungsmarkt. Sie werden froh sein, dass sie selber sich ihre Wohnung leisten können. Und bei den nächsten Wahlen ihr Kreuzchen dort hinmachen, wo die Bestätigung der herrschenden Verhältnisse bei gleichzeitiger Gewissensberuhigung versprochen wird. Ich wünsche anregende Lektüre Reto Aschwanden

Surprise ist auf Spenden angewiesen. Auch auf Ihre! Herzlichen Dank. PC-Konto 12-551455-3 Ihre Meinung! Bitte schicken Sie uns Ihre Anregungen oder Kritik: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, T +41 61 564 90 70, redaktion@strassenmagazin.ch. Es werden nur Leserbriefe abgedruckt, die mit vollem Namen unterzeichnet sind. Die Redaktion behält sich vor, Briefe zu kürzen. SURPRISE 262/11

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12 Stadtentwicklung Autos raus und die Mieter hinterher BILD: SOPHIE STIEGER

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Inhalt Editorial Gewissensfragen Basteln für eine bessere Welt Let’s roll Aufgelesen Angeheiterte Babybetreuung Zugerichtet Pornografiegeschädigte Leserbriefe Gedenktage ändern nichts Starverkäufer Bruno Bölsterli Porträt Besser als die andern Wirtschaft und Wohlstand Glücksökonomie statt Geldwirtschaft Wörter von Pörtner Von Berufs wegen berühmt Schweizer Autoren Halbfertiges im Publikumstest Kulturtipps Karlssons Lebensgeschichte Ausgehtipps Fernöstliche Klänge Verkäuferporträt Gegen das Bauchgefühl Programm SurPlus Eine Chance für alle! In eigener Sache Impressum INSP

40 Jahre lang ertrugen die Anwohner der Weststrasse in Zürich Lärm und Abgase. An der Transitroute mitten durch die Stadt fanden Studenten und Kreative, Ausländer und Randständige günstigen Wohnraum. Nun wird der einstige «Auspuff der Nation» zur Quartierstrasse umgebaut und Hauseigentümer vergolden ihre jahrelang vernachlässigten Liegenschaften. Wer die massiv steigenden Mietpreise nicht bezahlen kann, muss gehen. Eine Geschichte über eine Quartieraufwertung auf dem Buckel der Armen.

16 Heiraten Heimlich in der Elvis-Kapelle BILD: LUC-FRANÇOIS GEORGI

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Es ist wieder Schnapszahlzeit. Am 11.11.11 haben die Zivilstandsämter länger geöffnet als sonst, schweizweit heiraten Hunderte von Paaren. Für die Vermählung suchen viele nach dem Besonderen – ulkiges Datum, lauschiger Ort, rauschendes Fest. Vera Balschun und Andreas Alt haben sich für eine ebenso besondere Hochzeit entschieden und damit ein Tabu gebrochen: Sie haben für sich geheiratet statt für die Verwandtschaft. In Las Vegas. Zu zweit.

BILD: ESTHER MICHEL

19 Sport Rock ’n’ Rollschuhe

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Roller Derby ist ein reiner Frauensport. Allerdings einer von der untypischen Sorte. Die Zürich City Rollergirlz tragen Tattoos, Helme und Künstlernamen. In voller Fahrt checken und rempeln sie sich gegenseitig, denn wer sich überholen lässt, verliert. Individualistinnen gehen im Team auf, Büroangestellte verwandeln sich in Kampfsäue. Blaue Flecken gehören genauso dazu wie aufgemalte Narben, denn Roller Derby ist Punkrock auf Rädern.

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ILLUSTRATION: SIMON DREYFUS | WOMM

1. Nehmen Sie ein paar alte Turnschuhe. Sie sollten guten Halt bieten, eine harte Sohle haben und cool aussehen.

2. Besorgen Sie sich zwei Chassis-Platten inkl. Achsen und aller dazugehörigen Schrauben und Dämpfer, acht Rädchen und zwei Gummi-Stopper – erhältlich im Skateshop oder übers Internet (z.B. www.starwayroller.ch).

3. Nehmen Sie die Innensohlen aus den Schuhen, legen Sie die Chassis mittig auf die Sohlen und zeichnen Sie die Stellen für die Schrauben ein. 4. Machen Sie mit einem elektrischen Bohrer Löcher an den bezeichneten Stellen, stecken Sie die Schrauben von innen her durch und schrauben Sie die Chassis mit Muttern fest. Befestigen Sie nun auch Rädchen und Stopper.

(Die Anleitung ist sehr kurz gehalten, zugegeben. Fragen Sie doch auch im Shop nach Tipps oder konsultieren Sie www.quad-skates.de/skates/skates für eine detailliertere Beschreibung). Rollen Sie vorsichtig los. Verzichten Sie bitte auf das Wegchecken von Passanten – gründen Sie wenn schon ein neues Roller-Derby-Team. Die Zürich City Rollergirlz suchen noch Konkurrenz.

Basteln für eine bessere Welt Rollerblades sind so was von 90er, hier kommen die 70er! Machen Sie es wie die Zürich City Rollergirlz (siehe S. 19), aber auf Ihren eigenen, selbst zusammengeschraubten Rollschuhen. (Selbstverständlich gilt dieser Aufruf auch für City und Country Boyz aller Landesgegenden.) Es sind noch eineinhalb Monate, bis der Winter kommt, also nichts wie los. Rock’n’Roll!!! SURPRISE 262/11

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Aufgelesen News aus den 90 Strassenmagazinen, die zum internationalen Netzwerk der Strassenzeitungen INSP gehören.

Trinkende Karrieristinnen Hannover. Gemäss einer Studie der Leibnitz Universität gibt es immer mehr Frauen in Führungspositionen, die regelmässig trinken, weil sie unter dem doppelten Druck beruflicher Anforderungen und der Erfüllung der Mutterrolle leiden. Uni-Mitarbeiterin Wienemann sagt, dass der Griff zur Flasche sehr naheliegend sei: «Mit dem Glas Wein kann die Frau bei der Familie bleiben und muss nicht irgendwo anders hingehen. Joggen oder ins Fitnessstudio zu gehen, würde bedeuten, etwas für sich zu tun, aber dafür bleibt ganz wenig Zeit.»

Putzende Roma Graz. Mindestens seit 200 Jahren haftet Roma in Österreich das Image von Bettlern an, sagt Kulturwissenschaftler Wolfgang Göderle. Reinigungsunternehmer Hans Roth machte andere Erfahrungen. Im Zuge der Öffnung des österreichischen Arbeitsmarkts für die EU-8-Staaten, darunter Ungarn und die Slowakei, bietet er in einem Pilotprojekt Arbeitsplätze für Roma an. Vier von ihnen arbeiten heute als Vollzeitarbeitskräfte mit, da sich die Firma insbesondere mit ihrer Pünktlichkeit, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit sehr zufrieden zeigte.

Vom Analphabeten zum Ehrendoktor Dublin. Benjamin Zephaniah, aufgewachsen in Jamaika und Birmingham, wurde mit 13 Jahren als Analphabet aus der Schule geschmissen. «Du bist ein totaler Versager, der es nie zu etwas bringen wird», habe ihm seine Lehrerin noch mit auf den Lebensweg gegeben, erzählt der 54-Jährige mit den dicken Rastazöpfen im Interview. Später musste diese Lehrerin dann seine Werke in der Schule lehren. Denn Zephaniah ist heute einer der grössten zeitgenössischen Dichter Grossbritanniens, bekrenzt mit 15 Ehrendoktortiteln.

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Zugerichtet Welche Zweifel? Während der Urteilsverkündung vor dem Obergericht versank der Oberstaatsanwalt immer tiefer in seinem Anzug. In seinem Gesicht breitete sich Bestürzung aus. Man befürchtete, dass ihm jeden Moment die Tränen über die Backen kullern würden. Er hatte sich leidenschaftlich ins Zeug gelegt und hohe Strafen von bis zu fünf Jahren Haft für die drei Angeklagten gefordert. Vollumfängliche Freisprüche sind selten, trotz des Rechtsgrundsatzes in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Das Prinzip verhindert nicht nur Willkür, sondern verpflichtet die Justiz, einen Sachverhalt mit aller Gründlichkeit zu prüfen. Erst wenn keine vernünftigen Zweifel an der Schuld eines Angeklagten mehr bestehen, darf er verurteilt werden. Wer für schuldig befunden ist, kann im schriftlich begründeten Urteil, das je nach Komplexität eines Falles schon mal 100 Seiten umfassen kann, die Erwägungen des Gerichts nachlesen, wie Zweifel ausgeschlossen worden sind. So weit, so klar. Doch das mit dem Zweifel ist so eine Sache. Eine komplexe Problematik, in der kalte Objektivität auf menschliche Subjektivität prallt. Ganz besonders, wenn es um Sexualdelikte geht – Beweise gibt es dafür in der Regel nicht, nur unmittelbar Beteiligte und ihre jeweiligen Auffassungen über den Sachverhalt. Der Fall, der den Oberstaatsanwalt schliesslich geknickt aus dem Saal schlurfen liess, war so ein Sexualdelikt. Kein alltägliches: Nach einer Party ging eine 17-Jährige freiwillig mit in die Wohnung von drei jungen Männern. Einen davon fand sie eben «noch herzig». Mit diesem kuschelte sie sich auf das Sofa, während die anderen beiden im Neben-

zimmer Pornos schauten, wie jeden Abend. Dass sie mit dem herzigen jungen Mann Sex hatte, bekam sie nach eigener Aussage nicht mehr mit. Ohnmächtig sei sie gewesen. Derweil kamen die beiden Pornokonsumenten auf die Idee, mit ihren Mobiltelefonen selbst so ein Filmchen zu drehen. Das Sujet war ja im wahrsten Sinn des Wortes nahe liegend. Gedacht, getan. Die Details sind eklig. Nur so viel: Im Plädoyer des Staatsanwaltes kam das Wort «Gemüsebouquet» vor. Eingeklagt wurde dieses Treiben als Schändung. Dann der totale Freispruch. Versüsst mit Genugtuungen von je 20 000 für die zu Unrecht erstandene Haft. Das Gericht sah unüberwindbare Zweifel. Zweifel woran? Immerhin gab es einen Videobeweis. Das Gericht zweifelte denn auch nicht daran, dass sich der vom Opfer geschilderte Sachverhalt so zugetragen hatte. Auch nicht, dass das Opfer widerstandsunfähig gewesen sei – Voraussetzung für die Schändung. Die Zweifel betrafen die drei Männer: Es sei nicht sicher, dass ihnen bewusst gewesen sei, dass die Frau komatös war. Zudem bestünden Zweifel daran, dass die drei wussten, dass sie Unrecht begingen. Das Gericht hat wohl recht damit, dass die Männer nicht daran dachten, dass sie potenziell kriminell handelten. Das bestreitet nicht einmal der Staatsanwalt. Auch er glaubt, dass sich das Unrechtsempfinden verschiebt in einem Umfeld, in dem Pornografie so normal ist wie die «Tagesschau». Die Angeklagten sind auch Pornografiegeschädigte. Das steht ausser Zweifel. Zweifelhaft ist, ob Urteile wie dieses konstruktiv sind. Doch über Moral entscheidet nicht das Gericht. YVONNE KUNZ (YVONNE@REPUBLIK.CH) ILLUSTRATION: PRISKA WENGER (PRISKAWENGER@GMX.CH) SURPRISE 262/11


Leserbriefe «Für die Benachteiligten hat sich trotz der Gedenktage nichts geändert»

Kein Aufschrei in der übrigen Presse Ich danke für die Publikation von «Ungleichheit – Kein Aufschrei. Nirgends.» in Surprise Nr. 260, eine sehr wichtige Information, welche ich bis jetzt in keiner Zeitung, auch nicht in der WoZ, gelesen habe (ein Übersehen oder Vergessen meinerseits erachte ich als sehr unwahrscheinlich). Rolf Felix, Bern

Nominieren Sie Ihren Starverkäufer! Schreiben Sie uns mit einer kurzen Begründung, welche/n Verkäufer/in Sie an dieser Stelle sehen möchten: Strassenmagazin Surprise, Redaktion, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 (0)61 564 90 99, redaktion@strassenmagazin.ch

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Nr. 261: Grosse Bühne Das Volk, das donnern hilft Nützliche Idioten Bei Ihrem Artikel fällt mir unwillkürlich der Ausdruck vom nützlichen Idioten wieder ein. Stundenlanges Warten und keinerlei Anerkennung – wie gut, dass sich alle Du sagen können. Für mich eine gelungene Darstellung einer gegen aussen lässigen und leicht abgehobenen Clique (Theater) mit einer knallharten Hierarchie. Vergleiche zum wirklichen Leben sind erwünscht. Schade, dass keine Stellungnahme und in diesem Fall Anteilnahme der Schreiberin dieses ansonsten gelungenen Artikels stattfindet. Ich bekomme absolut keine Lust, nach diesem Artikel wieder mal ins Theater zu gehen, und kann für meinen Teil gut ohne diese Maschinerie leben, die ich, auch ohne Eintritt zu bezahlen, an jeder Ecke dieser Gesellschaft erleben kann. Thomas Schieweck per E-Mail Surprise allgemein Rätselecke erwünscht Ich bin seit über drei Jahren Pendler und kaufe seitdem ziemlich regelmässig Surprise bei Ihrer Strassenverkäuferin Frau Marlies Dietiker – eine sehr nette und verlässliche Verkäuferin! Ihr Magazin ist wirklich anders als andere Zeitschriften. Trotzdem würde ich bei einem Kaufpreis von aktuell sechs Franken doch eine Rätselecke begrüssen, die Ihrem Magazin bestimmt nicht zum Nachteil gereichen würde. Vielleicht könnten Sie dort auch mal einen Wettbewerb bringen, der Ihren Strassenverkäuferinnen und –verkäufern helfen könnte, weitere Kunden für Ihr Magazin zu gewinnen … Ansonsten lassen Sie das Magazin, wie es ist! Markus Fluri, Olten

BILD: ZVG

Nr. 260: Wahlzeit Ungleichheit – Kein Aufschrei. Nirgends. Die Betroffenen sind nie eingeladen Wieder, übrigens zum 18. Mal, nahte der 17. Oktober, der Tag, der «Gedenktag», für die Beseitigung der Armut. Und wie alljährlich so üblich wurden Ansprachen voller Verve gehalten. Oder man empörte sich verbal – ganz nach dem Motto «Empört Euch!». Es werden immer wieder «wissenschaftliche Untersuchungen» zum Thema Armut publiziert. Und dieses Jahr diskutierten gar, wie dem Artikel zu entnehmen ist, vom «Club Helvétique» Eingeladene über die «neue Akzeptanz sozialer Ungleichheit». Ich, und mit mir Tausende in diesem Land, von den weltweit in der Misere Lebenden gar nicht zu sprechen, hätten da mitdiskutieren können. Wir waren nicht eingeladen. Nur «Experten». Und sie haben sich, dieses Jahr am 17. Oktober, auch wieder zu Wort gemeldet: Professoren, Politiker und «Aktionäre», das heisst die an der «Armutsindustrie» Beteiligten. Nur geändert, geändert für die jeweils Benachteiligten, hat sich seit der «Augsburger Verordnung» von 1530 durch Karl V. trotzdem nichts. Und das wird, trotz der «Gedenktage», auch weiterhin so bleiben. René Reinhard, Basel

Starverkäufer Bruno Bölsterli Frau Eve Müller aus Solothurn nominiert Bruno Bölsterli als Starverkäufer: «Beim Gang durch die Stadt traf ich überraschend auf einen alten Bekannten – Bruno Bölsterli. Ich kaufte ihm ein Magazin ab und verlangte gleich ein Autogramm, welches ich auch erhalten habe. Ich nominiere ihn als Starverkäufer, und zwar nicht, weil ich ihn kenne, sondern weil ich es rührend finde, wie er seine Hefte mit kleinen, gelben ‹Dankeschön›Zetteln versieht. Dass er keine Schnute zieht, wenn jemand kein Heft kaufen will, sondern selbst dann noch ‹e schöne Daag› wünscht, macht ihn endgültig zu meinem Verkäufer Nummer eins.»

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Porträt Chance gepackt Vor 24 Jahren flüchtete er aus Sri Lanka, heute führt Suresh mit seiner Frau erfolgreich das Restaurant Fischerstübli mitten im Berner Matte-Quartier. Und bietet anderen Asylsuchenden, Studenten, Landsleuten in der Heimat Anschubhilfe. VON ISABEL MOSIMANN (TEXT) UND ANNETTE BOUTEILLER (BILD)

18 Jahre alt war Suresh, als er seine Heimat verliess. Er musste sich vor den Regierungstruppen in Sicherheit bringen, denn damals tobte der Bürgerkrieg in Sri Lanka. Suresh heisst mit ganzem Namen Sellathurai Ulakanathan Sureskumaran, darin enthalten sind an erster und zweiter Stelle traditionsgemäss die Namen des Grossvaters und des Vaters. Wegen des langen Namens nennen ihn die meisten einfach Suresh. Dass Suresh im Kanton Bern sesshaft wurde, entschieden die Behörden. Denn diese teilten ihn nach seiner Ankunft der Asylunterkunft Interlaken zu. Sein erster Plan nach der geglückten Flucht aus Sri Lanka war, vorübergehend in Kuwait zu leben und zu arbeiten, bis sich die Situation in der Heimat beruhigt hätte, bis die Tamilen gar ihren eigenen Staat erkämpft hätten. Doch nichts von dem traf ein. Suresh blieb und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Nach dem Einmarsch von Saddam Husseins Truppen in Kuwait musste er seine Flucht fortsetzen. Über den Irak, Jordanien, Russland, Polen und Deutschland landete er 1991 schliesslich in der Schweiz. Im grossen Deutschland hatte er sich verloren gefühlt und war deshalb in die kleinere, überschaubarere Schweiz weitergezogen. Suresh hatte Glück, im Zivilschutzbunker in Interlaken musste er nicht lange bleiben: «Nach zwei Monaten fand ich einen Job als Tellerwäscher im Steakhouse Churrasco in Bern.» Gut acht Jahre stand er als Casserolier, Küchenhilfe und Hilfskoch in Berns Restaurantküchen, dann beschloss er, sein eigener Chef zu werden. Er hatte begriffen, dass er als Ungelernter sonst bis zur Pension in fremden Küchen Salat waschen, Kartoffeln rüsten und Pfannen putzen würde. Eine wichtige Rolle bei der Eröffnung des eigenen Betriebs spielte Sureshs Frau, Nina Bollhalder. Die beiden haben 1995 geheiratet und sind Eltern zweier Söhne. Für Suresh ist klar: «Ohne meine Frau hätte ich kein eigenes Restaurant eröffnen können. Sie erledigt das Administrative, das Personelle und die Finanzen. Ich bin dafür vor allem im Restaurant tätig, im Service, manchmal auch in der Küche.» Als sie sich nach einem Betrieb umsahen, wurden sie im Berner Matte-Quartier fündig, dem ehemaligen Hafenviertel in der Aareschlaufe. Das Restaurant Fischerstübli, eine über 400 Jahre alte Wirtschaft, wurde im Frühsommer 1999 frei. Als sie es besichtigen wollten, wurden sie zunächst von der Polizei zurückgewiesen – die Matte war kurz zuvor überschwemmt worden und hatte auch den Keller des Fischerstübli unter Wasser gesetzt. Schliesslich klappte die Besichtigung und später auch die Unterzeichnung des Pachtvertrages. Alles andere als reibungslos verlief aber auch der Start des Betriebs. Suresh erinnert sich: «Nina und ich waren uns bewusst, dass wir keinen einfachen Ort gewählt hatten. Aber als am Eröffnungsapéro zwei Leute erschienen, nachdem wir 600 Einladungen verteilt hatten, sind wir schon erschrocken.» Doch Suresh sieht diesen

Schreck noch heute positiv: «Mich hat das motiviert, ich habe realisiert, dass wir einfach besser sein müssen als die andern. Zudem wollte ich zeigen, dass es ein Ausländer hier auch schafft.» Und Suresh hat es geschafft. Doch es brauchte Geduld. «Zeit ist wichtig, damit solide Beziehungen entstehen können», findet er und fügt lachend an: «Wenn ein Berner nach Zürich fährt, sucht er bis Olten den richtigen Platz!» Wieder in ernstem Ton sagt er: «Die Sprache ist ganz klar der Schlüssel zur Integration. Ich bin hier vor allem integriert, weil ich die Leute verstehen kann. Und weil ich mich für das Land, seine Kultur, die Politik hier interessiere und Bescheid weiss.» Suresh kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen er selbst gelacht und «ja, ja» gesagt hat, obwohl er nichts oder nur die Hälfte verstanden hat. Auf Sprachkenntnisse legen Suresh und seine Frau auch bei ihren Angestellten besonderen Wert: «Früher haben wir die Deutschstunden für unsere Angestellten noch im Restaurant organisiert. Heute schicken wir sie extern in Kurse.» Das hat Suresh selbst auch erlebt: «Damals im Churrasco bezahlten sie mir einen Deutschkurs und ich konnte mit der Zeit von der Abwaschküche an den Grill wechseln.» Für ihn war immer klar: «Ich will die Chance, die ich erhalten habe, weitergeben.» In den vergangenen zwölf Jahren haben rund 130 Leute aus den verschiedensten Nationen im Fischerstübli gearbeitet. Manche sind bereits ausgelernt, wenn sie kommen, und arbeiten voll mit, andere erhalten die Möglichkeit, das Gastgewerbe kennenzulernen und sich weiterzubilden. Darunter sind Asylsuchende mit Praktikum im Gastgewerbe ohne Anschlusslösung. Oder auch Studierende auf der Suche nach einem Nebenjob, die das Servicetablett zu Beginn noch mit beiden Händen tragen. Bei Suresh erhalten alle ihre Chance. Starthilfe leistet Suresh auch in Sri Lanka: Nach dem Ende des Bürgerkriegs 2009 hat er zusammen mit seiner Frau und seinen Geschwistern das Projekt MMC – Motivation Micro Credit – auf die Beine gestellt. MMC vergibt zinslose Kleinkredite an Familien, die für ihren Landwirtschaftsbetrieb zum Beispiel Saatgut, Werkzeuge oder einen Traktor benötigen. Die Kontaktperson vor Ort ist Sureshs in Colombo lebender Bru-

«Ich habe realisiert, dass wir einfach besser sein müssen als die anderen.»

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der. Die erste Familie erhielt rund zehntausend Franken. Mittlerweile hat sie bereits so viel zurückbezahlt, dass die nächste Familie berücksichtigt werden konnte. Vom Geld, das von den beiden Familien zurückfliesst, wird Anfang nächsten Jahres eine dritte Familie profitieren können. «Wir erhalten Spenden von Freunden und Verwandten. Ich selbst bezahle fünf Prozent der Menüeinnahmen von ‹Suresh’s Special› in den Fonds ein. Meine Schwester, die ein Nähatelier in Strasbourg betreibt, macht es ähnlich», erklärt Suresh die Finanzierung des Projekts. Und verrät damit gleichzeitig auch, woher sein schönes Hemd stammt. ■

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Wirtschaft Das Bruttoinlandunglück Weltweit steigt das Unbehagen. In den letzten Wochen formierte sich an den grossen Finanzplätzen die «Occupy»-Bewegung, auch immer mehr Superreiche zweifeln öffentlich am System. Kein Wunder: Statistisch ist längst erwiesen, dass anhaltendes Wirtschaftswachstum unser Wohlergehen gefährdet. VON FLORIAN BLUMER (TEXT) UND PATRIC SANDRI (ILLUSTRATION)

Ein Webstübler sucht nachts angestrengt den Boden unter einer Strassenlaterne ab, er hat sein Portemonnaie verloren. Einem hilfsbereiten Passanten erklärt er, dass er es vermutlich 100 Meter weiter verloren hat. Warum um alles in der Welt er denn hier suche? Antwort: «Na, dort oben hat es kein Licht.» Der Witz ist alt, über Webstübler wird schon lange nicht mehr gelacht. Seinen Irrtum scheinen wir aber noch heute nicht erkannt zu haben. Denn wenn es um die Suche nach unserem Glück und Wohlergehen geht, verhalten wir uns genauso wie der Webstübler. Mit

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immer katastrophaleren Folgen für die sozial Schwachen, die Umwelt und letztlich für uns selbst. «It’s the economy, stupid» – so lautet die unwiderlegte Weisheit für Regierungen, die (wieder-) gewählt werden wollen. Bill Clintons Kampagnenstratege bläute seinem Chef den Spruch ein, als dieser 1992 um das Amt des US-Präsidenten kämpfte. Clinton gewann damit das bereits verloren geglaubte Rennen gegen George Bush, der gerade den ersten Golfkrieg sowie den Kalten Krieg beendet hatte. Läuft die Wirtschaft gut, sind die Bürger zufrieden, lautet die simple Losung. So gibt es auch kaum eine Nachricht, die die Miene des «Tagesschau»-Sprechers übler verfinSURPRISE 262/11


stert als die Hiobsbotschaft, dass sich die Wachstumsprognose der Wirtschaft verschlechtert hat. Vom Volk über die Regierung bis zu den Medien herrscht seit Beginn der Industrialisierung Einigkeit: Die Wirtschaft muss wachsen, dann geht es uns gut. Gemessen wird die Wirtschaftsleistung mit dem BIP, dem Bruttoinlandprodukt. Eingeführt wurde die Bemessung nach dem Schock der Grossen Depression in den USA Ende der 20er-Jahre. Man suchte nach einem Fieberthermometer zur Messung der wirtschaftlichen Entwicklung. Das BIP misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innert eines Jahres in einem Land erzeugt werden. Dabei rechnet es wertungsfrei alles mit ein. Wenn jemand für 1500 Franken ein Velo kauft: gut fürs BIP. Wenn er sich dann bei einem Unfall damit das Bein bricht: noch besser fürs BIP. Ideal fürs BIP, wenn auch gleich noch ein Blechschaden am beteiligten Auto entsteht. Dann macht das insgesamt 4500 Franken plus fürs BIP und trägt also dreimal so viel zum Wirtschaftswachstum bei, wie wenn der Betreffende mit seinem Velo fröhlich unfallfrei geradelt wäre. Das BIP wie auch das Wirtschaftswachstum, das dessen jährlichen Anstieg beziffert (an Stagnation oder gar Abnahme mag schon gar niemand denken), haben einen grossen Vorteil: Sie sind einfach messbar und für jeden verständlich. Sie ermöglichen uns die Glückssuche im Schein einer hell leuchtenden Laterne. Ihr Nachteil: Sie führen uns in die Irre. Denn sie messen nicht das, wonach wir eigentlich suchen.

ist exponentiell. In 70 Jahren wäre unsere Wirtschaft viermal so gross wie heute. Es würde also viermal mehr gebaut, viermal mehr von allem verkauft oder es müsste viermal so viele Unfälle geben. Einen anderen Ansatz verfolgt zum Beispiel die Londoner New Economics Foundation (Slogan: «Wirtschaft, wie wenn Mensch und Planet zählen würden»). Sie errechnete 2009 einen Happy Planet Index (HPI), der die aus Umfragen ermittelte Lebenszufriedenheit ins Verhältnis zum

Bei zwei Prozent Wirtschaftswachstum müssten wir in 35 Jahren doppelt so viel konsumieren wie heute.

Geld macht nur Arme glücklich Jeffrey D. Sachs, Professor für Ökonomie an der Columbia University in New York und Berater der UNO, stellte jüngst in einem Artikel kurz und knapp fest: «In reicheren Ländern steigert Wirtschaftswachstum das Glück nicht.» In den letzten 30 Jahren hat sich das BIP in den Industrieländern im Schnitt verdreifacht. Die Lebenszufriedenheit hat sich in dieser Zeit gemäss Umfragen jedoch nicht verändert. Ausser in den USA: Dort ist sie gesunken. Wirtschaftlicher Fortschritt macht nur dort glücklich, wo Armut herrscht. Ist diese überwunden, wie bei uns für die Mehrheit der Fall, dann sind es andere Faktoren, die zählen: Kultur, Gesundheit, eine intakte Umwelt, Mitgefühl und Gemeinschaftssinn zum Beispiel. Je stärker aber der Fokus auf das BIP und dessen Wachstum gerichtet ist, desto stärker geraten die anderen Faktoren unter Druck. Soziale Ungleichheit und eine zerstörte Umwelt, auch das haben Studien ergeben, wirken sich auf das Wohlergehen aller negativ aus. Ende der 70er-, Anfang der 80er- und erneut zu Beginn der 90er-Jahre war die Weltwirtschaft in der Krise, das Wachstum stockte. Es waren goldene Zeiten für die Umwelt: Ihre Belastung sank, ablesbar zum Beispiel an einem abnehmenden CO2-Ausstoss. Auch die Finanzkrise von 2008 und 2009 brachte der Umwelt eine kurze Phase der Erholung. Doch nun sind die Wirtschaftsanalysten wieder optimistisch, zumindest diejenigen mit einem kurzfristigen Fokus: Die Konjunktur erholt sich. Die schweizerische Volkswirtschaft ist im zweiten Quartal 2011 gegenüber dem Vorjahr um 2,4 Prozent gewachsen. Das Setzen auf ein stetig steigendes BIP hat noch einen weiteren Haken: Es ist schlicht unmöglich. Denn Wachstum basiert immer auf dem Verbrauch von Ressourcen, die wir aus der Erde ziehen, daran würde auch eine konsequente Konzentration auf erneuerbare Energien und das Internet nichts ändern. Dies und Effizienzsteigerungen mögen uns zwar mehr Ertrag aus weniger Rohstoffen bringen, doch auch wenn wir uns auf den Kopf stellen: Die Erde wird nicht wachsen. Diesen Zusammenhang halten auch Urs P. Gasche und Hanspeter Guggenbühl in ihrem 2010 erschienenen Buch «Schluss mit dem Wachstumswahn» fest. Und rechnen vor: Wenn unsere Wirtschaft weiter jährlich um zwei Prozent zunimmt – über dieses Minimalziel herrscht politischer Konsens –, dann müssten wir in 35 Jahren doppelt so viel konsumieren, doppelt so viel bauen, doppelt so viel fliegen wie heute. Denn, so lernen wir es in der Schule, prozentuelles Wachstum SURPRISE 262/11

ökologischen Fussabdruck setzt. Auch wenn Ersteres mühsam in Umfragen ermittelt werden muss und eine schwammige Grösse ist, der HPI uns also zur Suche abseits der Strassenlampe nötigt: Die Tendenz ist klar und das Resultat für die Industrieländer vernichtend. Auf den ersten drei Plätzen der HPI-Länderliste stehen Costa Rica, die Dominikanische Republik und das von hoher Kriminalität geschüttelte Jamaika. Die Schweiz liegt auf Platz 52. Wir verdanken dies in erster Linie unserem enorm hohen Ressourcenverbrauch. Im industrialisierten Europa gibt es viele Individuen, die den Irrtum erkannt haben und abseits des wachstumsgesteuerten Gewinnmaximierungsdenkens wirtschaften. Es sind, wie die deutsche Journalistin Annette Jensen feststellte, längst nicht mehr nur Leute aus grün-alternativen und autonomen Kreisen: In ihrem jüngst erschienenen Buch «Wir steigern das Bruttosozialglück» berichtet sie über einen Schuhhersteller, der Mitarbeiterzufriedenheit, Umweltfreundlichkeit und Regionalität vor Profit stellt und trotzdem erfolgreich 90 Leute beschäftigt und Schuhe verkauft, die auch nicht mehr als solche von Nike oder Adidas kosten. Oder über eine Dorfgemeinschaft, die einen Grosskonzern rausgeworfen und ihre Stromversorgung selber in die Hand genommen hat. «Bruttoinlandglück» in Bhutan Auf Regierungsebene gibt es die Fokussierung auf grösstmögliches Wohlergehen statt auf Wirtschaftswachstum nur gerade im buddhistischen Himalaja-Kleinstaat Bhutan. Dort traf der König bereits vor knapp 40 Jahren die Entscheidung, dass sein Land nach dem «Bruttoinlandglück» streben soll. Seither wurden anhand von Volksumfragen über 70 – in der Mehrheit nicht-materielle – Indikatoren zur Glücksbemessung entwickelt, an ihnen richtet sich die Politik aus. In Ecuador und Bolivien gibt es einen ähnlichen Ansatz, «Gutes Leben» genannt und auf Lebenserkenntnisse der Indigenen gestützt. Doch vor allem Ecuador hat sich gleichzeitig auch stark dem Wirtschaftswachstum verschrieben – Konflikte mit dem Ziel Bewahrung und Respektierung der Natur sind vorprogrammiert, wie Lateinamerika-Experte Werner Hörtner in einem Interview zu bedenken gab. Trotz punktueller staatlicher Bemühungen zur Definierung einer sinnvolleren Grösse auch anderswo gilt im Rest der Welt heute wie vor 50 Jahren: Das BIP ist das Mass aller Dinge. Im Lied «Farbfoto» besang Mani Matter einst ein Werbeplakat, welches ein Pärchen in einer Kutsche bei Sonnenuntergang zeigt und ihm weismachen wollte: «Ds Glück sigi das, un es Glas vom ne Liqueur, i weiss nümme, wie me n ihm seit.» Das Lied endet auf der ironischen Note: «Üses mönschliche Läben uf Ärde, das müesst Ihr doch zugäh, isch mies. Und weme weiss, wo me ds Glück cha ga finde, de fragt me doch nid nach em Priis.» Vielleicht wäre es nun, 40 Jahre rasanten Wirtschaftswachstums später, an der Zeit, doch einmal nachzufragen. ■

Urs P. Gasche/Hanspeter Guggenbühl: Schluss mit dem Wachstumswahn, Plädoyer für eine Umkehr. Rüegger Verlag 2010.

Annette Jensen: Wir steigern das Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben. Verlag Herder 2011.

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Stadtentwicklung Exodus an der Weststrasse Vor zwei Jahren atmeten die Bewohner der Weststrasse in Zürich auf: Nach Jahrzehnten voller Lärm und Abgase wurde die Transitachse geschlossen. Doch nun machen Hauseigentümer das grosse Geschäft, während die Behörden zuschauen, wie Einkommensschwache aus der Stadt vertrieben werden.

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VON RETO ASCHWANDEN (TEXT) UND SOPHIE STIEGER (BILDER)

Diese Prognose von 2007 wird Schritt für Schritt Tatsache. Viele Liegenschaften werden umgebaut, die bisherige Mieterschaft mit Baulärm vergrault oder gleich gekündigt. Beim Mieterverband Zürich (MV) ist die Weststrasse schon seit Längerem ein grosses Thema. Geschäftsleiterin Felicitas Huggenberger sagt, der MV hätte in den letzten Jahren über 100 Leute aus der Weststrasse und Umgebung beraten. «Der ganze Kreis 3 und Teile des Kreis 4 stehen unter Aufwertungsdruck. In vielen Bera-

Ein Töff rollt im Schritttempo Richtung Wiedikon. Zwei Kinder fahren auf ihren Rollern Achter-Figuren. Ein paar Schritte weiter plaudern zwei Frauen vor der Haustür. Wären da nicht die lärmenden Baustellen und die russgeschwärzten Fassaden, die Weststrasse wäre eine hübsche Quartierstrasse mitten in der Stadt Zürich. Bald wird die Idylle Realität. Bis Ende Jahr sollen die Strassenarbeiten abgeschlossen sein, im nächsten Mai wird die Manche Wohnungen verteuerten sich von 1500 auf 3500 verkehrsberuhigte Westrasse offiziell eröffnet. Franken – ohne, dass renoviert worden wäre. Es könnte richtig schön werden. Die Kinder tungen ist die Anfechtung des Anfangsmietzinses ein Thema. Es gibt mit den Rollern und die plaudernden Frauen werden aber wohl nichts Wohnungen, deren Preise nach einem Mieterwechsel von 1500 auf 3500 davon haben. Denn entlang der Weststrasse steigen die Mieten rasant Franken gestiegen sind. Ohne, dass viel gemacht worden wäre, sondern und Zügelwagen sieht man fast so oft wie Betonlaster auf dem Weg zu nur, weil man das verlangen kann für eine Wohnung an dieser Lage: den Baustellen. Jeder zweite Mieter hier verliert seine Wohnung. schön zentral und der Verkehrslärm ist weg.» Huggenberger beobachtet Vor zwei Jahren noch hatten sich die Leute an der Weststrasse geauch eine Vielzahl von Sanierungen: «Es wird teilweise Wohnraum im freut. Endlich konnten sie aufatmen. Denn im Sommer 2009 waren die Luxussegment geschaffen, etwa durch Stockwerkeigentum.» Das kann Westumfahrung und der Üetlibergtunnel eröffnet worden. Ein Jahr späkein Normalverdiener bezahlen, besonders hart trifft der Wandel an der ter wurde die Weststrasse für den Durchgangsverkehr gesperrt. Davor Weststrasse aber sozial Schwache: «Manche Wohnungen waren richtige war die Transitachse als «Auspuff der Nation» bekannt. Seit 1971 war Löcher, in die seit Jahrzehnten nichts mehr investiert wurde. Die Mieter der Durchgangsverkehr von Bern und aus der Ostschweiz über die haben diese Missstände wegen der günstigen Mieten ertragen und finden Hardbrücke in den Kreis 4 geströmt, wo sich die Blechlawine über die nun wegen ihres kleinen Budgets nichts Neues.» Weststrasse durch Wiedikon bis zur Sihl wälzte, um dort in die Autobahn Richtung Chur und Süden zu münden. Als Teil der sogenannten Der Staat investiert, Private kassieren Westtangente war die Weststrasse de facto eine mehrspurige StadtautoMit Blick auf solche Härtefälle berichten die Menschen, die für diebahn, über die pro Stunde mehr als 1000 Autos und über 100 Lastwagen sen Artikel befragt wurden, immer wieder von einem Brief, den die rollten. Lärm- und Luftbelastung sprengten sämtliche Grenzwerte. Stadt an die Vermieter richtete. Bei Felicitas Huggenberger geht die GeSchön war es nicht an der Weststrasse, dafür gab es hier günstige schichte so: Die Behörden baten die Eigentümer, Kündigungen möglichst Wohnungen. Laut der Studie «Weststrasse im Wandel» der Zürcher sozialverträglich auszusprechen. Insbesondere auf ältere Menschen solHochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW gab es 2007 in der le doch bitte Rücksicht genommen werden. Zudem schickte die Stadt Häuserzeile direkt an der Strasse 595 Wohnungen, in denen 1181 den Vermietern ein Merkblatt mit Tipps für die Wohnungssuche, das Personen lebten. Die Hälfte davon waren noch keine 30 Jahre alt, 52 diese ihren Mietern weitergeben konnten. Das Merkblatt wiederum verProzent der Bewohner waren Ausländer aus 61 Nationen. Es gab viele wies auf eine Internetseite, die den Tipp bereithielt: Suchen Sie auch Einpersonenhaushalte und auch eine Menge Wohngemeinschaften. ausserhalb der Stadt. Das erinnert an eine mittlerweile berüchtigte AusDer Familienanteil war seit 1995 von 50 auf drei Prozent gesunken, in sage des Hauseigentümerverbandes: Es gibt kein Menschenrecht, in der den Geschäftsräumen hatten sich viel Autogewerbe und das RotlichtStadt Zürich zu wohnen. «Der Brief war zwar gut gemeint, doch der milieu eingemietet. Das durchschnittliche steuerbare Einkommen beSchuss ging hinten raus: Man hat den Eigentümern gezeigt, wie man die trug gemäss dieser Studie 40 100 Franken, der städtische Durchschnitt Mieter loswird», kommentiert Felicitas Huggenberger, die findet, die lag bei 61 900. Stadt hätte zuwenig gemacht. Schliesslich sei die Umfahrung, die zur Aufwertung führte, mit Steuergeldern finanziert worden. Die Gewinne Die Verdrängung der Armen hingegen streichen Private ein. Manche Kantone kennen die sogenannSchon bald dürften die Steuereinnahmen aus der Weststrasse steigen. te Mehrwertabschöpfung: Steigt eine Liegenschaft im Wert, ohne dass Ein Immobilienmakler prognostizierte diesen Juli im «Tages-Anzeiger» der Besitzer dafür etwas investiert hat (etwa bei Umzonungen von die Zusammensetzung der künftigen Mieterschaft: «Banker, Anwälte Landwirtschafts- in Bauland), wird eine Steuer erhoben. Der Kanton Züoder Leute, die vom Vermögen ihrer Eltern leben.» Die Behörden waren rich tut das nicht. Was aber die Stadt Zürich tun könnte: mit ihrer Stifsich bewusst, dass die Schliessung der Verkehrsachse Folgen haben tung für preisgünstigen Wohn- und Gewerberaum (PWG) selber auf würde. Günther Arber von der Stadtentwicklung Zürich schrieb in der dem Immobilienmarkt eingreifen. In der Langstrassengegend etwa kauferwähnten ZHAW-Studie, die Weststrasse sei «geradezu ein Modellfall, te sie in den letzten Jahren Liegenschaften, um sie dem Milieu zu entan dem sich ablesen lässt, wie Entscheide und Massnahmen der öffentziehen. An der Weststrasse aber wurde die PWG nicht aktiv. Die Stadt lichen Hand – hier die Festlegung von Verkehrsregimes und die Aufsagt, sie hätte aufgrund der horrenden Preissteigerungen nicht mit priwertung des Strassenraums – auf die Akteure des privaten Liegenvaten Investoren mithalten können. schaftsmarkts einwirken.» Konkreter beschrieben die Studienautoren Die Vorgänge an der Weststrasse sind für Huggenberger auch ein Ausdie erwartete Wirkung: «Die bisher an der Weststrasse stark vertretenen druck dafür, wie gross der Druck auf den Zürcher Wohnungsmarkt ist: statusniedrigen Bevölkerungsgruppen werden durch die Sanierung und «Mittlerweile haben auch Menschen aus dem Mittelstand Mühe, bezahldie höheren Mieten voraussichtlich zunehmend verdrängt.» SURPRISE 262/11

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BILD: MICHAEL SCHILLIGER

Einst rollten stündlich über 1000 Autos durch die Weststrasse, …

baren Wohnraum zu finden. Sind Totalsanierungen geplant, dann werden die Mieten häufig um ein Vielfaches teurer. Selbst Genossenschaften oder die Stadt Zürich können nicht richtig günstig bauen. Also zieht der Mittelstand in diese Neubauten. Damit die Stadt lebendig und durchmischt bleibt, brauchen aber auch Menschen mit einem Jahreseinkommen von unter 60000 Franken eine Bleibe, die sie bezahlen können.» An dieser Stelle hätte die Zürcher Stadtentwicklung zu Wort kommen sollen. Doch der zuständige Beamte schaffte es über mehrere Tage und auch auf Nachfrage hin nicht, die schriftlich gestellten Fragen zu beantworten.

Eigentümer ihre Liegenschaften vergolden. So gibt es in ihrer Nachbarschaft ein Haus, dessen Bewohner wegen anstehender Renovationen die Kündigung erhielten. Nach dem Auszug der Mieter wurde das Haus kurzzeitig besetzt. Als die Besetzer ausgezogen waren, liess der Besitzer

«Was in China Zwangsumsiedlung heisst, nennen sie in Zürich Quartieraufwertung.»

Der Trick mit dem Baugerüst An der Weststrasse gibt es eine Vielzahl von Hauseigentümern, die meisten von ihnen Private. Viele Gebäude gehören Einzelpersonen oder Erbgemeinschaften. Die Lage ist deshalb unübersichtlich, jeder Hausbesitzer schaut selber, wie er auf die neue Situation reagiert. Viele verkaufen, andere sanieren ihre Häuser selber, um danach höhere Mieten verlangen zu können. Nur wenige widerstehen dem Lockruf des Geldes, zum Beispiel die Vermieterin einer Studenten-WG, eine ältere Dame, die im selben Haus lebt: «Solange sie ebenfalls hier wohnt, dürfen wir wohl bleiben», erzählen die Studenten, die nicht namentlich genannt werden möchten. Doch auch sie erleben die Veränderungen hautnah: «Es ist unglaublich, mit welchem Tempo Dachstöcke ausgebaut werden, Fassaden gestrichen, Fenster ersetzt, ja ganze Häuser ausgehöhlt und umgebaut werden.» Der Verkehr ist weg, eines aber ist geblieben: «Der Boden vibriert – früher von den Lastwagen, heute von den Baumaschinen.» Ausserdem beobachten die Studenten, mit welchen Methoden manche

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das Gebäude einrüsten. Offenbar ein Ablenkungsmanöver: «Bauarbeiter sah man keine. Gebaut wurde nichts. Gemalt wurde nichts. Keine Fenster ersetzt. Dann plötzlich wurde das Baugerüst wieder abgebaut. Jetzt wohnen neue Mieter drin», erzählt einer aus der Studi-WG. Von einem Engagement der Stadt zugunsten der Weststrassenbewohner haben die Studenten nichts mitbekommen. Protestaktionen von Mietern sind ihnen ebenfalls nicht bekannt: «Viele der Mieter hier sind weder genügend vernetzt noch hätten sie gross Zeit, sich für irgendwas zu engagieren.» Zudem würden viele Weststrassen-Bewohner kaum über die Rechte eines Mieters Bescheid wissen. Mangelndes Wissen, kein Zusammenhalt und die Stadt sieht zu, wie neuer Wohnraum für Gutbetuchte entsteht, während langjährige Mieter selber schauen müssen, wo sie bleiben. So spielt eben der freie Markt. Die Verlierer verlassen die Stadt, die Gewinner reiben sich die Hände. Felicitas Huggenberger vom MV sagt: «Ein Vermieter dürfte laut Referenzzinssatz nicht mehr als 3,25 Prozent Nettorendite erzielen. Aber jeder Makler lacht Sie aus, wenn er das hört.» ■

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… heute ist die ehemalige Transitachse eine Quartierstrasse, an der nur noch Baustellen die Idylle trüben.

«Unter aller Sau» Franco Sesa lebte 13 Jahre lang an der Weststrasse. Letztes Jahr wurde das Haus, in dem er wohnte, verkauft. Hier erzählt er, wie er vor dem Aufwertungsterror schliesslich kapitulierte. AUFGEZEICHNET VON RETO ASCHWANDEN

«Bis diesen September lebte ich in einer Zweizimmerwohnung für 900 Stutz. Das lag grade so in meinem Budget, denn ich arbeite nur 50 Prozent und mache daneben eine Ausbildung. In der Nachbarschaft wohnten viele Kreative und Leute aus dem Gastgewerbe. Zudem Studenten, Ausländer und Sozialfälle. Wir hatten einen ungezwungen Umgang. Keiner hat gemeckert, wenn du mal spätabends geduscht oder gewaschen hast. Eine tolle Wohnlage war es natürlich nicht, denn durch den Verkehr hattest du dauernd Lärm und Dreck. Aber im Gegenzug bot das Quartier Wohnraum für Leute, die nicht nur dem Geld nachrennen wollten. Das kulturelle Angebot, auf das die Stadt so stolz ist, wurde von Menschen aufgebaut, die an Orten wie der Weststrasse wohnten. Die neuen Bars, Klubs und Galerien, die seit den 90ern entstanden sind, gibt es nur, weil man mit wenig Geld auskommen konnte. Diese Leute haben Zürich zum Leben gebracht, jetzt werden sie aus der Stadt gedrängt. Letzten Winter wurde unser Haus an eine grosse Immobilienfirma verkauft. Dann ging die Fresszettelpolitik los. Im Briefkasten lagen Schreiben im Stil von: Ich bin der neue Besitzer und will umbauen, bis in zwei Wochen müssen die Estrichabteile geräumt werden. Dauernd SURPRISE 262/11

schlichen unfreundliche Typen durchs Haus. Bei einer Wohnungsbesichtigung tauchte auch der neue Besitzer auf. Gegrüsst hat er mich nicht, dafür titulierte er unser Haus als Schandfleck von Zürich. Er vermittelte einem das Gefühl, man sei unerwünscht und nichts wert. Es war das reine Mobbing. Rund ums Haus hörtest du den ganzen Tag Baulärm, nicht mal über Mittag gaben die Ruhe. Anfang Sommer stellten sie ein Gerüst vor die Fassade. Arbeiter habe ich darauf nie einen gesehen. Dafür konnte nachts jeder Besoffene raufsteigen und auf die Balkone pissen. Kündigungen haben wir keine erhalten, dafür offerierten uns die neuen Besitzer, wir könnten fristlos ausziehen. Das habe ich dann auch gemacht. Nun lebe ich mit einer Kollegin in einer WG. Und das mit 41, nachdem ich zehn Jahre lang alleine gewohnt habe. Am meisten stört mich der Umgangston, der war unter aller Sau. Wir sind anständige Leute. Arbeiter, Steuerzahler, Bürger dieser Stadt, denen ein Minimum an Respekt zusteht. Aber man hat es nicht nötig gefunden, mit uns in Kontakt zu treten, zu diskutieren, irgendwas anzubieten. Es kamen lediglich Briefe: Liebe Weststrassen-Bewohner, die Umfahrung ist gebaut, jetzt könnt auch ihr aufatmen. Ja, genau einen Sommer lang. Die Behörden verstecken sich hinter dem freien Markt und sagen, da könne man halt nichts machen. Ich sehe das so: Was in China Zwangsumsiedlung heisst, nennen sie in Zürich Quartieraufwertung.» ■

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Heiraten Zwei allein vor dem Altar Vera Balschun und Andreas Alt haben getan, was man für selbstverständlich halten könnte: Sie haben ihren Hochzeitstag als Paar genossen. Aber im Nachhinein stellte sich heraus, dass das eine Provokation war. Denn sie haben heimlich geheiratet. VON DIANA FREI (TEXT) UND LUC-FRANÇOIS GEORGI (BILDER)

Am Montag, 9. Mai 2011, lagen Vera Balschun und Andreas Alt auf ihrem Bett in einem Hotel im Bryce Canyon im Südwesten Utahs, USA. Draussen schneite es, das Wetter war garstig. Sie waren in der Mitte einer einmonatigen Amerikareise angelangt, beide hatten kurz vor Abreise noch ihren Job gewechselt, und jetzt: Endlich raus aus dem Alltagsstress. Am Mittwoch würden sie in Las Vegas ankommen, und während sie so dalagen, sagten sie: Las Vegas – wollen wir da gleich heiraten? «Und wenn wir schon niemandem sagen, dass wir heiraten, dann doch gleich am Freitag, dem 13. Das fanden wir lustig», sagt Vera Balschun-Alt. Es war eine spontane Entscheidung und die Heirat somit eine heimliche. Als sie in Zürich abflogen, hätten beide nicht damit gerechnet, dass der weitere Verlauf des USA-Trips zu Flitterwochen werden sollte. Drüben, in der Special Memory Wedding Chapel, wo die berühmten Elvis-Hochzeiten stattfinden, fast 10 000 Kilometer von den Verwandten und Freunden entfernt, hat sich Andreas Alt keine Gedanken darüber gemacht, wie die Eltern reagieren würden: «Das habe ich mich erst danach gefragt. Am Anfang war ich wirklich der Meinung, sie würden cool reagieren: ‹Ja mein Gott, Las Vegas – kultig!›» Ganz so kultig fanden es die Verwandten dann allerdings doch nicht, aber das begann Andreas Alt erst zu ahnen, als er auf der hiesigen Seite des grossen Teichs angekommen war. Zurück auf dem Boden der Realität. Polizisten als Trauzeugen Die Idee war spontan, aber die entscheidende Frage war längst gestellt. Er, 37, hat sie, 42, schon vor drei Jahren gefragt, ob sie seine Frau werden möchte. Sie hat «Ja» gesagt, und dann hat man das Thema vor sich hergeschoben. Das Wie stimmte nicht, das Wo nicht, und auf ein grosses Fest hatten sie auch keine Lust. In Las Vegas stimmten dann plötzlich die Rahmenbedingungen. «Die Distanz zur Familie, die man physisch hatte, die hatte man auch im Kopf. Drüben war einfach Euphorie da», sagt Vera Balschun-Alt. Möglich, dass es eine Flucht vor Konventionen war. Aber nicht alle, die heimlich heiraten wollen, setzen sich ins Ausland ab. So heuerten zwei Heiratswillige an einem Dienstagvormittag im Juni in der Zürcher Altstadt kurzerhand zwei Stadtpolizisten als Trauzeugen an, weil sie niemandem von der Hochzeit erzählen wollten. Diese Lösung ist durchaus legitim. Die Trauzeugen müssen volljährig sein, die Sprache der Trauung verstehen und lediglich bezeugen, dass die Eheleute «Ja» gesagt haben. Etwa 150 bis 200 von jährlich 2400 Trauungen fänden mit dem Brautpaar und zwei Trauzeugen allein statt, schätzt der Leiter des Zivilstandsamtes der Stadt Zürich, Roland Peterhans. Solange nicht gerade Polizisten als Trauzeugen auftauchen, ist es für den Zivilstandsbeamten aber schwer zu beurteilen, ob es sich um eine heimliche Hochzeit handelt: «Wenn eine Hochzeitsgesellschaft nur aus vier Leuten besteht, kann das alles heissen. Wir wissen nicht, ob das Paar vielleicht drei Ta-

ge später noch im grossen Rahmen kirchlich heiratet und die zivile Trauung einfach nicht so wichtig ist.» Heimlich zu heiraten, ist in der Schweiz erst seit dem Jahr 2000 möglich, da eine Ehevorbereitung bis dahin auf der Gemeinde ausgehängt werden musste. Ursprünglich zum Zweck, dass man Einspruch erheben konnte, wenn ein Ehehindernis vorlag. Solche Einsprüche fanden aber nie statt und waren sowieso hinfällig, da ein Hindernis von Amtes wegen festgestellt würde. Eine Hochzeit geht die Öffentlichkeit also seit elf Jahren offiziell nichts mehr an. Die beste Freundin, die den Anspruch hat, Trauzeugin zu sein, und die Eltern, die gerne ein bisschen einbezogen würden in Liebesglück und Zweisamkeit des Nachwuchses, gibt es aber natürlich noch immer. Andreas Alt findet: «Man befriedigt mit einer Feier schon auch die Eitelkeiten der Verwandtschaft. Jeder stellt sich eine grosse Hochzeit vor, spezielle Räumlichkeiten, spezielles Essen, spezielle Spiele. Ob das Brautpaar das alles so schön findet, sei dahingestellt.» Im Brautkleid durch die Spielhalle «Ich würde sagen, dass gut ein Drittel unserer Brautpaare zunächst ohne das Wissen der Familie und Freunde heiratet», sagt Petra Dörr, Wedding Director in Las Vegas, die die Hochzeit der Balschun-Alts organisiert hat. Sie ist Deutsche und begann vor neun Jahren, in Las Vegas Hochzeiten zu planen, Hochzeitspaare zu betreuen und die Zeremonien zu übersetzen. Unterdessen führt sie als «Minister», also als Standesbeamtin und Vertreterin der Kirchgemeinde zugleich, Hochzeiten durch. Vera Balschun wurde am Freitag, dem 13., frühmorgens im Hotel abgeholt, zum Coiffeur und zur Kosmetikerin gefahren und dann zurückgebracht, wo der Bräutigam schon im Smoking auf sie wartete. «In Smoking und Brautkleid liefen wir durch die Spielhalle des Hotels, und alle begannen uns da schon zu gratulieren», sagt Vera Balschun-Alt. Bei 40 Grad Celsius heiratete sie ihren jahrelangen Verlobten. Das Paar empfinde seine Verbindung als so speziell, dass es diesen Moment für sich haben wolle und nun hier allein vor dem Traualtar stehe, sagte die Ministerin in ihrer Rede. Vera Balschun: «Ich hätte nie gedacht, dass ich so nervös würde. Weil wir ja allein waren. Und ich hatte auch für einen kurzen Moment das Gefühl: Oje. Es wäre wahrscheinlich schöner gewesen, wenn wenigstens die Familie hätte dabei sein können.» Der Fotograf machte Hochzeitsfotos, wie man sie kennt: das Paar vor der Kapelle, in

«Man befriedigt mit einer Feier auch die Eitelkeiten der Verwandtschaft.»

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der Kapelle, das Brautkleid sitzt perfekt, die Special Memory Wedding Chapel sieht aus wie in einem Kleinmädchentraum. Nur sind die Bankreihen im Hintergrund leer. Andreas Alt: «Dass wir zwei das sehr intim gefeiert haben, fand ich befreiend. Wir waren locker, freudig.» Nach der Trauung gingen sie nach «Venedig» Mittag essen – ins amerikanische Themenhotel mit Canal Grande, auf dem die Gondoliere italienische Lieder singen. «Danach gab es Champagner in Paris, und wir sind noch ein bisschen durch die Stadt der Liebe spaziert. Das bietet

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sich in Las Vegas an», sagt Andreas Alt, «nach New York haben wir es dann nicht mehr geschafft.» Der Tag war ein Tête-à-Tête, ein romantischer Ausflug zu zweit. Er fühlte sich trotzdem wie ein Hochzeitstag an. Andreas Alt sagte zum ersten Mal «my wife»: «Das war dann schon meine Frau. ‹Girlfriend›, das ist so teeniemässig.» Er lacht laut auf, und es ist ein begeistertes Lachen. Begeistert von der Frau, von der Hochzeit, von der Tatsache, dass man niemandem etwas erzählt hatte. Vom Gefühl, dass man zusammengehört. Auch sie sagte bei jeder Gelegenheit: «My husband wants …» Und auf Reisen bieten sich viele Gelegenheiten, den neuen Zivilstand im Alltag auszuprobieren: in Restaurants, bei Buchungen, Anmeldungen, Check-ins – die Personalien muss man glücklicherweise immer wieder angeben.

«Ich wusste, dass wir uns vielleicht anhören müssen, wir seien Egoisten», sagt Vera Balschun-Alt, «aber an sich sind auch diejenigen Egoisten, die unbedingt eingeladen werden wollen.» Nachdem sie aber ihre Schwägerin derart vor den Kopf gestossen hatten, meinte sie zu ihrem Mann: «Wir sagen es deinen Eltern nicht. Sorry. Wir lassen es einfach

«Dass wir zwei das sehr intim gefeiert haben, fand ich befreiend. Wir waren locker, freudig.»

«Habt ihr Schulden gemacht?» Und dann, Ende Monat, gings nach Hause. In den Dunstkreis von Erwartungen, von Rollen, Verpflichtungen, Traditionen. Und zum Problem: Wie sagen wir es den Verwandten? Der Liftboy im Hotel hatte die Freude mit dem Paar geteilt – und plötzlich kam die Unsicherheit, ob Mama zu Hause gleich reagieren würde. Nach eineinhalb Wochen klärte Vera Balschun-Alt ihre Mutter auf. Sie freute sich ehrlich. Dann war man auf Verwandtenbesuch in Rosenheim bei München und wollte die frisch gebackene Schwägerin aufklären. Andreas Alt hatte immer ein enges Verhältnis zu seiner Schwester, und nun war sie bei der Hochzeit ausgeschlossen. Sie hat «schon auch» gratuliert und «ein bisschen gelächelt», während der Schwager den Grappa aus dem Keller holte, um anzustossen. «Aber grundsätzlich war sie wohl geschockt», sagt Andreas Alt.

bleiben.» Sie haben es ihnen dann doch gesagt: «Jetzt müssen wir euch noch etwas beichten.» «Mein Gott, habt ihr Schulden gemacht?» «Nein, wir haben geheiratet.» Dem Vater ging der Laden runter. Die Mutter stand mit leuchtenden Augen auf und gratulierte. Dann kam die Frage: «Macht ihr ein Fest mit der Familie?» Das war das, was das Ehepaar Balschun-Alt nie wollte, aber die Wogen glätteten sich mit der Zeit. «Die Eltern gehören zu einer Generation, in der man auch entfernte Verwandte mit einer Karte informiert. Und für Vera war es dann auch wichtig, dass es alle wissen: ab auf Facebook», sagt er. «Das war nicht so gut», sagt sie. Die ganze Verwandtschaft rief an und fragte: «Warum sind wir nicht informiert worden? Wir haben es auf Facebook gelesen.» Und die Onkel und Tanten, deren gesellschaftliches Leben sich kaum virtuell abspielt, fühlten sich gleich doppelt ausgeschlossen. Vera Balschun-Alt und Andreas Alt wollten den Familien ein Fotobuch von der Hochzeit schenken. Sie hatten getextet: «Gruss an alle, die nicht unserem schönsten Tag beiwohnen konnten. Ihr habt etwas verpasst.» Nach den Reaktionen der Verwandtschaft wurde klar: Was nett gemeint war, würde zusätzlich Salz in die Wunden streuen. Und ebenso klar ist: Wer sich heimlich traut, muss sich auch trauen, Familie und Freunde zu schockieren. ■

Vera Balschun-Alt und Andreas Alt: «Wenn wir schon niemandem sagen, dass wir heiraten, dann doch gleich am Freitag, dem 13.»

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Vollkontakt während der Fahrt durch die Kurve: Die Rollergirlz Scarlet van Gore, Zippy ZaraNoia, Lauryn Drill (v.l.).

Sport Rollenkampf Roller Derby sieht aus, als ob sich eine Frauen-Punkband in die Rollschuhdisco verirrt hätte. Vor zehn Jahren in den USA als reiner Frauensport neu erfunden, hat die Subkultur die Schweiz erreicht. VON STEFAN MICHEL (TEXT) UND ESTHER MICHEL (BILDER)

Zippy ZaraNoia, Leopardenmuster auf ihren Schonern und einen Stern auf dem Helm, beschleunigt ihre Schritte und schlängelt sich durch die rollende Meute hindurch. Doch da kommt Malice in Wonderland angeschossen und wuchtet sie mit einem gezielten Check aus der Bahn. Zippy hebt ab und landet auf ihren Knieschonern. Das Geräusch der über den Betonboden kratzenden Plastikteile ist der Refrain des RolSURPRISE 262/11

ler Derby. Die Strophen bilden zischende Rollen, Rufe der Spielerinnen und Pfiffe der Schiedsrichterin. Noch mehr als ein akustisches ist es ein optisches Spektakel: Tätowierungen, Piercings, Hot Pants und Miniröcke zieren einige – nicht alle – der rollenden Gladiatorinnen. Es sieht aus wie eine Rauferei in der Rollschuhdisco. Die einen wollen nach vorn, die anderen versperren ihnen den Weg, wobei sie von weiteren gestört werden. Und immer wieder das Schleifgeräusch. Eine Läuferin rutscht von der Bahn, reisst eine

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Tattoos, harte Checks und Punk-Feeling: Zippy ZaraNoia (links) und Scarlet van Gore im Zweikampf.

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andere mit, die Schiedsrichterin pfeift, jene, die noch auf den Beinen stehen, richten sich auf und rollen in gemütlicherem Tempo weiter. Sekunden später kommt der nächste Angriff, wieder Beschleunigung, bullige Körpersprache, Rufe, Checks, Jubel bei den einen, Kopfschütteln bei den anderen. Eigentlich müsste dazu Stromgitarrenmusik laufen, die Schiedsrichter hätten männlich zu sein und ein paar Zuschauer sollten Lärm machen. Aber am Montagabend in einer zum Konsumzentrum umgebauten Industriehalle in Zürich West findet kein Ernstkampf statt, sondern das Training der Zürich City Rollergirlz. In der Schweiz haben sie keine Gegnerinnen. Sie sind das einzige Team des Landes. In den gut zwei Jahren ihres Bestehens sind sie zweimal gegen deutsche Equipen angetreten und haben zweimal verloren. Mehr als ein Dutzend Clubs sind in Deutschland aktiv, entsprechend höher ist das Niveau. Dass der ruppige Sport hierzulande ein zartes Pflänzchen ist, stört die Rollergirlz nicht. «Es ist ein Teamsport mit sehr lässigen Frauen – eine Mischung aus Geschicklichkeit, Geschwindigkeit und Kraft und das Ganze passiert auf Rollschuhen», fasst Scarlet van Gore zusammen, die seit bald zwei Jahren Gegnerinnen aus dem Weg räumt. Tut weh, macht Spass Die Initialzündung für Roller Derby in der Schweiz gab unpassenderweise ein Mann: «Crash Test Ref», ein einschlägiger Schiedsrichter aus Kanada, der hierhergezogen war und eine Gelegenheit zum Pfeifen suchte. In einem Internetforum für Englischsprechende in der Schweiz konnte er Ann aus Thun begeistern, die früher Rugby gespielt hatte und Roller Derby aus Magazinen kannte. «Tut bestimmt weh und macht einen Haufen Spass», dachte sich diese und trommelte Mitstreiterinnen zusammen. Seit Sommer 2009 fährt sie zweimal pro Woche nach Zürich zum Training und wird dort zu MissBehaving. Rund 30 Mitglieder zählt der Verein mittlerweile, zehn bis 15 rollen regelmässig im Training. Das Unpassende am männlichen Geburtshelfer ist, dass Roller Derby ein Frauensport ist. Männer dürfen nur als Schiedsrichter mittun, allerdings braucht es deren sieben, um die zehn Skaterinnen auf der Bahn im Auge zu behalten. «Roller Derby ist ein Vollkontaktsport für Frauen auf Rollschuhen», definiert Scarlet van Gore, deren Markenzeichen eine aufgemalte Narbe auf der Wange ist. «Wer Angst vor blauen Flecken hat, ist hier falsch», stellt Malice in Wonderland klar. Die Spielidee scheint simpel: Jedes Team besteht aus vier Blockern und einem Jammer – der amerikanischen Herkunft wegen gibt es nur englische Fachausdrücke und für diese keine weibliche Form. Die Jammer-Frau, markiert mit einem Stern auf dem Helm, gewinnt für ihr Team Punkte mit jeder Gegnerin, die sie überrundet. Die Blocker der anderen Mannschaft versuchen, sie daran zu hindern und zugleich ihrem eigenen Jammer eine Gasse freizurempeln. Dieses Gerangel bringt unzählige Situationen und Kollisionen mit sich, die Punkte ergeben, Strafen nach sich ziehen, einen Unterbruch provozieren und diesen wieder aufheben. So handgreiflich ein Roller Derby abläuft, so ausgeklügelt ist das Reglement und so raffiniert können die Spielzüge sein, mit denen sich Punkte erzielen lassen. «Roller Derby ist extrem taktisch», bekräftigt MissBehaving, die ihre Mitspielerinnen als vor dem Feld herfahrender «Pivot» dirigiert. Die ersten Roller-Derby-Wettkämpfe fanden in den USA in den Zwanzigerjahren statt. In den Siebzigern hatten sie sich zum choreografierten Zirkusspektakel à la Wrestling entwickelt. Auf Rundbahnen mit Steilkurven führten Frauen- und Männerteams in schimmernden Kostümen abgesprochene Schlägereien auf, in denen sie sich akrobatisch aufs Kreuz legten oder gleich über die Reling schmissen. In der Versenkung landete bald auch der Sport als solcher: Die Disziplin starb aus, Wiederbelebungsversuche mit Achterkursen und Fallgruben scheiterten. Anfang des jüngsten Jahrtausends holte der Legende nach ein Rockmusiker in Austin (Texas, USA) Roller Derby aus der Versenkung. Ur-

sprünglich nur als einmaliger, schräger Event gedacht, fingen die Skaterinnen sofort Feuer und erfanden den Sport neu als «Flat Track Roller Derby», also auf einer flachen Rundbahn. So konnte der Rollschuhkampf auf jedem Parkplatz abgehalten werden und war nicht mehr auf die «Banked Tracks» mit überhöhten Kurven angewiesen. In den USA kämpfen mittlerweile gegen tausend Frauschaften um Punkte und Ehre. Im Unterschied zu früher steht das Siegerteam nicht schon vor dem Anpfiff fest. Die Womens Flat Track Derby Association mit Sitz in Austin hat ein 40 Seiten starkes Reglement ausgearbeitet, sanktioniert weltweit Spiele und Ligen, organisiert Trainer- und Schiedsrichterlehrgänge und sorgt dafür, dass Teams von Melbourne bis Vancouver voneinander wissen. Die alte Form des Roller Derby – auch für Männer – existiert weiter. Aber die Musik spielt bei den Frauen auf der Flachbahn. Allen Verbandsstrukturen zum Trotz hat sich Roller Derby eine gute Dosis Rock ’n’ Roll erhalten, vergleichbar mit Turbogolf oder Radkurierrennen. Das Punkrockkonzert oder der entsprechende DJ nach dem «Bout» (Spiel) gehört zum guten Ton. Auf die Konzertbühne würde auch manche Spielerin gut passen: Hot Pants oder Minirock, Netzstrümpfe, wenig Stoff, viel Schminke, dazu Tätowierungen, Piercings und gefärbte Haare. Nichts von dem ist Pflicht, aber zur Roller-Berserkerin aufgebrezelt macht das Derby noch mehr Spass. Mehr als ein Stilelement sind die Roller-Derby-Namen, die einen neckisch wie Trash Can Baby, die anderen martialisch wie Bunny Butcher. «Die Namen stehen für unser Alter Ego, zu dem wir auf dem Track werden», klärt Scarlet auf. Die Skaterinnen sprechen sich auch mit ihren Künstlernamen an, mindestens solange sie die Rollschuhe tragen. Zweimal die Woche verwandelt sich die Büroangestellte in eine sexy Kampfsau. Frauenpower in Netzstrümpfen Rock ’n’ Roll ist die eine, Frauenpower die andere Seite von Roller Derby der neusten Generation. Ausnahmslos alle befragten Spielerinnen nennen den Frauenfaktor als einen der Gründe, weshalb sie den Kampf auf Rollschuhen lieben. Jodie, eine Berndeutsch sprechende Engländerin, sagt: «Dass Männer diesen Sport nicht ausüben können, gefällt mir irgendwie.» Ihre sportliche Vergangenheit sind Vollkontakt-Kickboxen und Inline Hockey. «Ich suchte einen Sport, der zu mir passt», erzählt die stämmige Blonde. «Ich bin nicht die fitteste Person, aber ich bin ziemlich stark. Es ist schön, einen Sport zu machen, bei dem du nicht dünn sein musst, um mitmachen zu können.» Ihr Roller-Derby-Name ist Norma Snockers. «Das ist Slang für riesige Titten», erklärt sie. «Ist schon cool, dass Roller Derby nur für Frauen offen ist», findet auch Malice in Wonderland, die eigentlich Nina heisst. Mit Feminismus habe das nichts

Die Frauen tragen Rollschuhe und Künstlernamen. So wird die Büroangestellte zur sexy Kampfsau.

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zu tun. «Aber alle, die hier dabei sind, sind starke Persönlichkeiten und auf ihre Art Individualisten», analysiert sie, die am liebsten als wendiger Jammer durchs Feld pflügt. Im Dezember treten die Schweizerinnen gegen die Roller Girls of the Apocalypse aus Kaiserslautern an, wie immer auswärts. Die Stätte ihres ersten Heimspiels suchen die Zürich City Rollergirlz noch, wie auch die ersten Gegnerinnen aus dem eigenen Land. «In Lausanne tut sich etwas», schürt MissBehaving Hoffnungen. Geht es nach ihr, dann stehen Roller Derby in den nächsten Jahren einige Schweizer Premieren ins Haus: der erste offizielle Bout in der Schweiz, das erste Duell zweier Schweizer Teams und dann hoffentlich auch der erste Sieg der Zürich City Rollergirlz. ■

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BILD: GUIDO SÜESS

Wörter von Pörtner Wir Alleskönner Die Berufswahl ist für die meisten Leute eine schwierige Sache. Einfacher hat es, wer berühmt ist. Berühmtsein ist ein Berufemultiplikator sondergleichen. Die nicht ganz abwegige Kombination Schaupieler/Sänger und umgekehrt wurde schon von Frank Sinatra, Elvis Presley, Peter Alexander, J.Lo und Ice Cube ausgefüllt. Auch Sportler haben sich gerne in der Sanges- und Schauspielkunst geübt, Fussballer, allein oder als Mannschaft, haben viele und zeitweise gar schröckliche Lieder aufgenommen. Yannick Noah dagegen ist in Frankreich ein höchst erfolgreicher Sänger. Vertreter von Muskelsportarten wie The Rock oder Arnold Schwarzenegger haben sich als Schauspieler etabliert, letzterer sogar als Politiker. Da sich Politik und Showbusiness schon immer geglichen haben, ist auch dies nicht allzu verwunderlich. Ronald Reagan hat es am wei-

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testen gebracht, aber auch Werner Vetterli oder Maximilian Reimann, bekannt aus Funk und Fernsehen, wie es damals hiess, schafften es hierzulande ins Parlament. Doch in den letzten Jahrzehnten ist die Sache ein wenig ausgeufert. Vor allem wer wegen etwas berühmt wird, das nicht unbedingt mit einer besonderen Fähigkeit zu tun hat, wie Mister und Missen, Ehepartner oder Kinder von Prominenten, erschliesst sich mit der Bekanntheit gleich einen ganzen Strauss neuer Berufsfelder: Stéphanie Berger, die zwar nicht gerne als ExMiss betitelt wird, weil eine Miss einem Schwingerkönig gleich, immer Miss Schweiz Anno Seinerzeit bleibt, posiert auf ihrer Homepage aber trotzdem mit Missenschleife, macht heute Comedy – was früher Kabarett hiess –, aber auch Schauspiel und Moderation. Noch eindrücklicher ist Shawne Fielding. Sie gibt auf ihrer Homepage folgende Berufe an: Model, Actress, Comedian, Writer, Commentator, Life Style & Fashion Icon and Charity Lady and Talk Show Host. Trotz dieser vielen Berufe beklagt sie andernorts, es sei ihr nicht möglich, den Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Vielleicht sollte sie beginnen zu malen, wie so viele Prominente und Ex-Prominente, die ausser den angestammten keine anderen geldwertigen Fähigkeiten an sich entdecken. Eine andere Möglichkeit wäre, ein Buch zu schreiben. Das kann jeder. Am besten ein

Koch- oder Kinderbuch, aber auch Ratgeber und Romane machen sich gut. Oder etwas designen, ein Parfum zum Beispiel. Doch warum sich entscheiden, wenn beides geht? Barbara Becker, vor der Ehe Schauspielerin, wurde erst Schmuckdesignerin und publizierte dann Pilates-Bücher. Vielleicht designt sie auch bald Backwaren, denn Michael Schumacher designt bereits Schuhe und was, wenn nicht der Name, qualifiziert ihn dazu? Weniger leuchtende Existenzen müssen sich die Qualifikation hart erarbeiten, sich mit jahrelangen Ausbildungen, reihenweise schlecht bezahlten Unterhundsposten, Rückschlägen, Missachtung, Spott und Kollegenschelte abplagen, bis sie auch nur in einem dieser Fächer – Gesang, Kabarett, Schauspielerei, Design, Schreiben – auf einen grünen Zweig kommen, ihre eigene Ausdrucksform finden und eines Tages sogar den bescheidenen Lebensunterhalt damit bestreiten können. Die ganz Glücklichen unter ihnen werden sogar berühmt. Und über Nacht zu Alleskönnern. Und nun entschuldigen Sie mich bitte: Ich muss noch meine neue Hutlinie absegnen und den Text für meine Rolle im neuen Musical «Köbi» lernen. STEPHAN PÖRTNER (STPOERTNER@LYCOS.COM) ILLUSTRATION: MILENA SCHÄRER (MILENA.SCHAERER@GMX.CH) SURPRISE 262/11


Schweizer Autoren Nicht auf dem Teppich bleiben Im Theater Neumarkt lassen Schweizer Autoren in der Veranstaltungsreihe «Teppich» ihre unveröffentlichten und unfertigen Texte aufs Publikum los. Statt ehrfürchtige Lesungen finden auf die Art angeregte Literaturdiskussionen statt.

Texte Schreiben ist eine Tätigkeit, die im stillen Kämmerlein stattfindet. Hat der Autor dann tatsächlich das Glück, einen Verlag für sein Werk gefunden zu haben, wird er vom Lektor jäh auf den Boden der Realität zurückgeholt: eine erste Reaktion von aussen auf den eigenen Text, die oft schwierig ist. Das muss nicht sein, finden die Initianten der Veranstaltungsreihe «Teppich», entstanden aus der einst politisch motivierten Vereinigung Schweizer Autoren Netz. Seit zwei Jahren erhalten Autoren jeden zweiten Montag im Monat im Theater Neumarkt die Möglichkeit, ihre noch unveröffentlichten und unfertigen Texte vor Publikum vorzutragen. In der Diskussion mit dem Publikum würden oft wichtige Fragen und Unklarheiten in Bezug auf den Text geklärt, so die Autorin Johanna Lier, Gastgeberin der November-Veranstaltung: «Natürlich ist das Vorlesen der Texte auch immer eine Art Test, ob das Geschriebene überhaupt funktioniert.» Neben der Arbeit am Text kämen dabei die unterschiedlichsten Themen zur Sprache: Schweiz-Bilder, Buchpreisbindung und Brotberufe etwa – oder «Das Schweigen der Schriftsteller» und das liebe Geld. Im Zentrum stehe jedoch immer der vorgetragene Text. «Der Austausch tut gut. Schreiben ist ein einsamer Beruf», so Lier. Manche würden sich während der Schreibarbeit mit befreundeten Autoren austauschen, aber die direkte Diskussion mit einem interessierten Publikum sei einzigartig. Ausgewählt werden die lesenden Autoren und Autorinnen von den wechselnden Gastgebern. Am 14. November sind dies die beiden Jungautorinnen Nora Zukker und Stefanie Sourlier aus Zürich, eingeladen von Lier und Dragica Rajcic. Zwei vielversprechende und ganz unterschiedliche Newcomerinnen, die ihre unvollendeten Texte auf das «Teppich»-Publikum loslassen werden: Sourliers Debüt «Das weisse Meer» ist eben bei einem renommierten Verlag erschienen – das 24-jährige Fräuleinwunder Zukker nennt sich Wortakrobatin und beschreibt sich auf ihrer Facebook-Seite folgendermassen: «Ich gefalle, ich überrasche, entsetze ein bisschen und versöhne dann.» Dass die Werkstattlesungen die Autorinnen in irgendeiner Weise weiterbringen werden, bezweifelt Lier nicht. Sie selber hat auch schon einen Text am «Teppich» vorgetragen und viel profitiert: «Es war eine gute Erfahrung, die mir Klarheit und vor allem einen wichtigen dramaturgischen Input für meinen Text gegeben hat, mit dem ich weiterarbeiten konnte.» Zudem könnten die ehrlichen und kritischen Reaktionen des Publikums helfen, Abstand zum eigenen Text zu gewinnen. Es gehe auch darum, mit Kritik umgehen zu lernen, sich mit Reaktionen auseinanderzusetzen und ganz einfach eiSURPRISE 262/11

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VON SARAH STÄHLI

Harrt der Publikumsreaktionen: Jungautorin Nora Zukker.

ne Diskussion über Literatur auszulösen. «Etwas, das meiner Meinung sowieso immer noch zu wenig stattfindet», so Lier. Im Anschluss an die Veranstaltung vom November wird erstmals die Mammutveranstaltungsreihe «Teppich:offen» im Neumarkt eingeläutet. Bis im Januar gehört die Spielstätte Chorgasse des Theaters Neumarkt während 24 Stunden am Tag ganz den «Teppich»-Knüpfern. «Es wird ein bunt gemischtes Potpourri aus Theater, Lyrik, Kunst, Film, Performance. Eine offene Werkstatt, in der auch spontane Aktionen Platz haben sollen», freut sich Lier. Von der Schlüsselübergabe bis zur Abschlussfeier am 8. Januar hat das in der Literaturszene bestens vernetzte «Teppich»-Team – zu dem unter anderen Melinda Nadj Abonji und Ruth Schweikert zählen – Carte blanche vom Theater erhalten. Zu sehen und hören gibt es während des Minifestivals unter anderem eine Yoga-Satire namens «True Nature», ein «palabre polyphonique», die Zürcher Buchvernissage des Romans «Julius» von Christian Zehnder – moderiert von Jürg Halter – oder das neue Spoken-Beats-Programm des Dichters, MCs und Sängers Jurczok 1001. Hingehen und abheben. ■

www.teppichteppich.ch www.theaterneumarkt.ch

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Kulturtipps

Mit der Elefantendame auf der Flucht. Endstation: Happy End.

Blick aus dem Fenster: In der Grauzone zwischen Dokumentation und Spielfilm.

Buch Karlsson und die Brandstifter

Kino Der grosse Abwesende

Allan Karlsson, der Held wider Willen in Jonas Jonassons Debütroman, lässt selbst als Methusalem so manche Bombe platzen.

Thomas Imbach verschmilzt in «Day Is Done» persönliche Anrufbeantworternachrichten mit betörend eingefangenen Aufnahmen der Welt vor seinem Fenster. Ein erfrischendes Filmexperiment.

VON CHRISTOPHER ZIMMER VON SARAH STÄHLI

An seinem 100. Geburtstag steigt Allan Karlsson in Pantoffeln aus dem Fenster des Altersheims. Er schlägt dem offiziellen Brimborium, das ihm blüht, ein Schnippchen und verduftet. Auf seiner Flucht lässt er am Busbahnhof erst nichtsahnend, dann wohlweislich, einen Koffer mit 50 Millionen Kronen mitgehen. Fortan hat er nicht nur die geprellten Verbrecher auf den Fersen, sondern auch Polizei und Presse. Innert wenigen Tagen avanciert er zum Medienstar und Verbrechergenie. So beginnt Jonassons Debütroman und so geht es munter weiter. Ungewollte Leichen und wunderbare Freundschaften pflastern Karlssons Weg, ein skurriles Panoptikum von Protagonisten, die alle einen aussergewöhnlichen Lebensroman beisteuern. Selbst wenn sie Tonnen wiegen, wie die nicht weniger flüchtige Elefantendame Sonja. Und jeder dieser Mitstreiter, ja, auch Sonja, trägt dazu bei, dass die Abenteuer unbeirrbar auf ein Happy End zusteuern. Dieser Plot allein schon ist es wert, das Buch in die Hand zu nehmen und vor seinem Ende nicht mehr wegzulegen. Doch Jonassons Einfallsreichtum ist damit noch lange nicht erschöpft. Neben dem Millionenkoffer des Krimimärchens öffnet er für uns auch den nicht weniger prall gefüllten Koffer von Karlssons Lebensgeschichte. Und damit kommt zum Schelmenroman noch eine Tour d’Horizon durch die Weltgeschichte, wie sie selbst ein Baron von Münchhausen nicht besser hätte erfinden können. Denn Karlsson, seines Zeichens gelernter schwedischer Sprengstoffexperte ohne politische Ambitionen, gerät auf seiner Lebensodyssee wie Forrest Gump an die grossen Brandstifter des Weltgeschehens. Er rettet Franco und Churchill das Leben, säuft mit Truman und diniert mit Stalin, schenkt erst den Amis und dann den Russen die Bombe, legt Wladiwostok in Schutt und Asche, tröstet den jungen Kim Jong Il und überquert den Himalaya zu Fuss. Und das sind, wohlgemerkt, nur ein paar Auszüge aus der Biografie eines der ungewöhnlichsten Helden der Literatur. Das alles erzählt Jonasson mit so erfrischendem und unaufdringlich lakonischem Humor, dass es das Buch überaus unterhaltsam und lesenswert macht. Weil stilles Lesen und lautes Lachen selten so nahe beieinanderlagen wie auf diesen Seiten.

Ein Turm wächst in die Höhe, ein Paar verschlingt sich küssend, ein Auto brennt in der Nacht, ein roter Teppich wird ausgerollt, ein übermütiger Motorradfahrer verunfallt, der erste Schnee fällt. Vor Thomas Imbachs Atelierfenster in Zürich spielen sich die Dramen und Glückseligkeiten des Lebens ab. Und er fängt sie in hypnotisch-schönen Bildern ein. Aus den Nachrichten seines Anrufbeantworters entfaltet sich auf der Tonspur des Films das ganz persönliche Drama des Regisseurs. Oder etwa doch nicht? Imbach nennt seinen Film eine «fiktive Autobiografie». Zu sehen kriegt man den Unbekannten, für den die enttäuschten, flehenden und flirtenden Nachrichten gedacht sind, nur ansatzweise, als schemenhaftes Spiegelbild im Fenster, von dem aus er filmt. Der Vater ruft an und erzählt schelmisch von den Ferien – «Das Essen ist gut, das Wetter sonnig, das Schiff hässlich» – und plötzlich ruft nicht mehr er an, sondern die Mutter, um die Beerdigung zu organisieren. Der kleine Sohn schreit erst nur im Hintergrund, als die Mutter des gemeinsamen Kindes dem Vater wieder einmal die Leviten liest – «Das Kind weint und du hast dich einfach aus dem Staub gemacht!» –, später ruft der Sohn den «Papi» selbst an, um «Gute Nacht» zu sagen. Aus den Nachrichten entsteht das Bild eines Frauenhelden, überforderten Vaters, Workaholics und vor allem das eines Unerreichbaren, ewig Abwesenden. Imbach begleitet eine junge Unbekannte von seinem Fenster aus mit seiner Kamera, während die eigene Freundin per Nachricht seine Flatterhaftigkeit beklagt. Wie der Film es schafft, das Private mit der Welt zu verknüpfen, ist ein grosses Sehvergnügen und läuft nur stellenweise Gefahr, zu einem eitlen Selbstporträt des Filmers zu verkommen. Ergänzt werden die mal amüsanten, mal nachdenklich stimmenden Nachrichten, die den Zuschauer dazu anregen, über sein eigenes Leben nachzudenken, mit Songs von Bill Callahan, Bob Dylan oder Bright Eyes, eindrücklich gecovert vom Zürcher Sänger George Vaine. Imbach («Happiness Is a Warm Gun», «Lenz») ist mit «Day Is Done» erneut ein persönliches Filmexperiment gelungen, das ganz nebenbei auch zum Porträt einer Stadt im Wandel geworden ist.

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.

Alphaville u. a. Der Film läuft ab 10. November in den Deutschschweizer Kinos.

Carl’s Books 2011. 21.90 CHF.

www.dayisdone.ch

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Thomas Imbach: Day is Done, 111 Min., Songs von Bill Callahan, Bob Dylan,

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Brilliante Bioküche – Vreni Gigers

Die 25 positiven Firmen Diese Rubrik ruft Firmen und Institutionen auf, soziale Verantwortung zu übernehmen. Einige haben dies schon getan, indem sie dem Strassenmagazin Surprise mindestens 500 Franken gespendet haben. Damit helfen sie, Menschen in prekären Lebensumständen eine Arbeitsmöglichkeit zu geben und sie auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit zu begleiten. Gehört Ihr Betrieb auch dazu? Die Spielregeln sind einfach: 25 Firmen werden jeweils aufgelistet, sind es mehr, fällt jener Betrieb heraus, der am längsten dabei ist.

Kochbuchdebüt.

Kochbuch Zwiebeln deluxe Die berühmteste Bioköchin der Nation hat ihr erstes Kochbuch herausgeben. Mit Vreni Gigers «Meine Frischmarktküche» kann man auch ohne Hummer und Kaviar kulinarisch brillieren. VON THOMAS STAHEL

Vreni Giger gehört zu den Grossen der Schweizer Spitzengastronomie und ist trotz ihrem Erfolg bodenständig geblieben. Mit «Meine Frischmarktküche» gibt die Appenzellerin ihr Debüt als Kochbuchautorin und präsentiert 80 Rezepte aus dem St. Galler «Jägerhof», wo sie seit 15 Jahren wirkt (mit unterdessen 17 Gault-Millau-Punkten). Doch wer mit Sterneküche Hummer, Stopfleber und Kaviar gleichsetzt, wird bei Giger eines Besseren belehrt. In der saisonalen Bioküche der 37-jährigen Bauerntochter stehen Süsswasserfische aus dem Bodensee, Wildpflanzen wie Brennnesseln und einheimische Pilze im Mittelpunkt. Exemplarisch für Gigers Küche ist die geschmorte Zwiebel mit Speckzander: Das Alltagsprodukt Zwiebel wird zuerst im Salzbett gegart, danach ausgenommen und mit Rahm bis zur Vollendung verfeinert – selten war eine Zwiebel so köstlich, oder wie es Giger selber sagt «einfach gut». Ihre Küche ist «nicht gekünstelt und nicht durchgestylt, sondern muss primär im Gaumen gut sein», schreibt Giger im Vorwort. Beim Durchblättern des Kochbuchs fallen zuerst die grossformatigen Fotos auf. Neben den Abbildungen der kunstvollen Gerichte finden sich auch Aufnahmen von Bodensee, Appenzell und dem «Jägerhof» – Gigers Naturverbundenheit wird so nochmals hervorgehoben. Die Rezepte sind knapp beschrieben und mit einem soliden Grundfachwissen gut nachzukochen. Begrüssenswert ist, dass Gigers Rezepte gänzlich ohne Meeresfisch auskommen und sich zahlreiche vegetarische Gerichte im Buch finden: Bärlauchgnocchi mit Morcheln, mit Quark und Ei gefüllte Riesenravioli an St. Galler Trüffel oder Salbeipapardelle mit Artischocken. Giger gibt auch einige interessante Hinweise aus ihrer Trickkiste: etwa dass sich eine Terrine auch in einem Besteckschubladeneinsatz herstellen lässt oder dass Leber nur ganz kurz angebraten werden soll, da sie sonst austrocknet. Schade allerdings, dass diese Tipps bei der Mehrheit der Rezepte fehlen. Auch die Warenkunde dürfte ausführlicher sein: Wo bekommt man Wacholder-Latwerge, was genau ist Räuchermehl? Ansonsten ist Vreni Giger jedoch ein ausserordentlich schönes und inspirierendes Kochbuch gelungen.

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www.rechenschwaeche.ch

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Philip Maloney, Privatdetektiv

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VXL gestaltung und werbung ag, Binningen

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Scherrer & Partner GmbH, Basel

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Balcart AG, Carton Ideen Lösungen, Therwil

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KIBAG Bauleistungen

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responsAbility, Zürich

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Odd Fellows, St. Gallen

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Coop

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Arbeitssicherheit Zehnder GmbH, Ottenbach

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Velo-Oase Bestgen, Baar

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Schweiz. Tropen- und Public Health-Institut, BS

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Augusta-Raurica-Loge Druidenorden Basel

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Druckerei Hürzeler AG, Regensdorf

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Klinik Sonnenhalde AG, Riehen

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Stellenwerk AG, Zürich

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www.bauernschlau.ch, Hof, Web, Kultur

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Axpo Holding AG, Zürich

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AnyWeb AG, Zürich

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Niederer, Kraft & Frey, Zürich

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Gemeinnütziger Frauenverein Nidau

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Knackeboul Entertainment, Bern

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Locher Schwittay Gebäudetechnik GmbH, Basel

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Kaiser Software GmbH, Bern

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Responsability Social Investments AG, Zürich

Möchten Sie bei den positiven Firmen aufgelistet werden? Mit einer Spende von mindestens 500 Franken sind Sie dabei! PC-Konto: 12-551455-3, Verein Strassenmagazin Surprise, 4051 Basel Zahlungszweck: Positive Firma + Ihr gewünschter Eintrag. Wir schicken Ihnen eine Bestätigung.

Vreni Giger: Meine Frischmarktküche. AT-Verlag. 98.– CHF.

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Ausgehtipps

Der tut nicht nur so: Sänger Charles Bradley.

Basel Spätberufener Soulman Soul alter Schule ist wieder schwer in Mode. Doch abgesehen von Amy Winehouse erreicht keiner der jungen Sänger auch nur annähernd die Intensität der Altvorderen. Das ist bei Charles Bradley anders. Was damit zusammenhängen mag, dass der Amerikaner zwar ein Newcomer, aber doch schon 62 ist. Dieses Jahr erschien auf dem Soul-Liebhaber-Label Daptone sein Debüt «No Time For Dreaming», ein Album voll grosser Melodien und trauriger Geschichten. Immerhin lebte Bradley jahrelang auf der Strasse und musste später erleben, dass sein Bruder ermordet wurde. Zwar sollte man Showbiz-Biografien grundsätzlich misstrauen, aber Bradley verfügt über eine dieser heute raren Stimmen, die echten Soul verströmen, weil sie gelebte Gefühle besingen. James Brown und Otis Redding sind tot, in Charleys Bradleys Gesang leben aber beide wieder auf. Gehen Sie ins Konzert. Tanzen Sie. Und schämen Sie sich Ihrer Tränen nicht. Denn das muss so sein beim Soul. (ash)

Bilder täuschen: «Underwater Love» ist ein Erotikmusical.

Für immer Serge: Jane Birkin.

Basel Für Cinemaniacs

Riehen/Zürich Gainsbourg japanisch

Es ist das Filmfestival, wo die Filmkunst sogar noch unabhängiger sein darf als in den Arthouse-Kinos. Wo künstlerische Formen wie auch ab und zu die Grenzen des guten Geschmacks etwas mutiger ausgelotet werden als im übrigen städtischen Kulturangebot: Das Clair-Obscur Filmfestival, vor 14 Jahren von unabhängigen Veranstaltern erstmals auf die Beine gestellt und seither von ihnen selber finanziert. Auf dem Programm steht mit «Underwater Love» zum Beispiel ein schräges japanisches Erotikmusical, musikalisch unterlegt vom Elektropopduo Stereo Total und gefilmt von Christopher Doyle, der durch die Wong Kar-Wai-Filme berühmt wurde. Aus Norwegen kommt eine Actionsatire, die die «wahre Geschichte» des Kalten Krieges erzählt, und der Kurzfilm «Just like the Movies» rekonstruiert die Ereignisse von 9/11 in New York anhand von Found-Footage-Bildern aus 52 HollywoodFilmen, die vor dem 11. September 2001 entstanden sind. (dif)

Sie kommt von ihrem Serge einfach nicht los. Auch 20 Jahre nach Gainsbourgs Tod verwaltet Jane Birkin weiter das Erbe ihres Ex-Mannes. Selbst wenn ein Journalist fest entschlossen ist, das Thema beim Interview wegzulassen – Birkin preist ihren Ex auch ungefragt als Dichter vom Rang eines Apollinaire. Sie hat Gainsbourgs Lieder schon mit Popbands, mit Streichorchestern und orientalischen Ensembles gespielt – nun tut sie es mit japanischen Musikern. Bevor Sie nun müde abwinken: Gainsbourgs Stücke funktionieren tatsächlich in unterschiedlichen Arrangements. Und Jane Birkin verfügt auch mit 65 über eine wunderbare hauchende Singstimme und eine Sinnlichkeit, die schon deutlich jüngere Interviewer bezauberte. (ash)

Clair-Obscur Filmfestival, 10. bis 12. November,

Anzeige:

Jane Birkin live. 6. November, 18 Uhr, Fondation Beyeler, Riehen; 24. Januar 2012, Kaufleuten, Zürich.

H95 Raum für Kultur, Horburgstrasse 95, Basel www.clair-obscur.ch

Charles Bradley live. 10. November, 20.30 Uhr, Kaserne Basel.

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Virtuosität in Socken: Ken Zuckerman und Mitmusiker.

Kunst als Genussmittel: Zum Beispiel von der Baslerin Iris Lydia Frei.

Basel Wie einst die Beatles

Zeitgenössische Kunst zu erschwinglichen Preisen – das verspricht der 12. Schweizer Kunstsupermarkt, und allein bei diesem Versprechen stehen manchem Kunstverständigen schon die Haare zu Berge. Das ist den Organisatoren des Kunstsupermarkts aber gerade recht, denn sie wollen den Kunstbegriff dem elitären Umfeld entreissen und die Malerei zum Genussmittel zu machen. Die Tradition kommt ursprünglich aus Spanien, wo viele Familien mit grösserer Selbstverständlichkeit ein Unikat eines lokalen Malers an die Wand hängen als den Kunstdruck aus der IKEA. Wer auch hierzulande ein Original für übers Sofa sucht, wird vielleicht in Solothurn fündig: 80 Künstler bieten 5000 Werke feil. (dif)

Spätestens seit George Harrison 1965 bei Ravi Shankar die Sitar entdeckte und sie in Beatles-Songs wie «Norwegian Wood» spielte, hat sich die Faszination der klassischen indischen Musik auch bei uns verbreitet. Konzerte sind ein Erlebnis der besonderen Art: Die Ragas genannten Stücke werden über komplexe rhythmische und melodische Strukturen improvisiert. Sie beginnen mit dem Stimmen der Instrumente, bauen sich langsam auf, bis sie in einem atemberaubenden, virtuosen Feuerwerk gipfeln. Seit 24 Jahren führt der US-Amerikaner Ken Zuckerman, einer der grössten Virtuosen auf der indischen Laute (Sarod), in Basel eine Schule für nordindische klassische Musik. Nun gibt er dort mit dem ebenfalls international renommierten Tabla-Spieler Swapan Chaudhuri ein Konzert, dazu wird auch die Sängerin Indrani Mukherjee auftreten. Und wer es George Harrison gleichtun will, der kann davor einen mehrtägigen Schnupperkurs zu besuchen. (fer)

Kunstsupermarkt, 11. November 2011 bis 6. Januar 2012, Mo bis Fr 14 bis 20 Uhr,

Konzerte: Indrani Mukherjee (klassisch indischer Gesang), 19. November,

Sa und So 11 bis 17 Uhr, Schöngrünstrasse 2, Solothurn www.kunstsupermarkt.ch

Ken Zuckerman & Swapan Chaudhuri (Sarod und Tabla), 25. November.

Solothurn Kunst shoppen

Schnupperkurs vom 18. bis 20. November. Ali Akbar College of Music,

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Birmannsgasse 42, Basel.www.aliakbarcollege.org

Das Hemd täuscht: Hader mags rabenschwarz.

Winterthur Achterbahn mit Hader Wer Humor schwarz und trocken mag, der wird von einheimischer Kost nicht satt, ja ihm droht geradezu der Hungertod. Gut, gibts Österreicher, gut, gibts Josef Hader! Zu sehen war er auch schon mehrfach auf der Kinoleinwand, etwa als Detektiv Brenner. Auf der Bühne erzählt er unter anderem von seiner Scheidung, die sich schon in der Hochzeitsnacht abzuzeichnen begann, als er am Abend noch etwas länger beim Pfarrer blieb. Oder von den Enttäuschungen des Lebens: Kinder, Liebe, die Akropolis. In der Realität ist alles etwas kleiner und schmutziger als im Prospekt. Schwärzer, trockener, dreckiger: Hader will sein Publikum erschüttern, wie er einmal sagte. Wie eine Achterbahnfahrt: Man wird durchgerüttelt, aber am Schluss findet man wieder Halt und geht heim. (fer) «Hader spielt Hader», 16. und 17. November, Casinotheater Winterthur.

Anzeige:

— www.theater-basel.ch, Tel. +41/(0)61-295 11 33 — SURPRISE 262/11

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Verkäuferporträt «Es kam alles anders» BILD: ZVG

Die 55-jährige gelernte Pharmaassistentin Beatrice Winiger ist eine waschechte Zürcherin, mit der es das Leben nicht immer gut meinte. Heute verkauft sie Surprise und weiss: Man sollte sich immer auf sein Bauchgefühl verlassen. AUFGEZEICHNET VON YVONNE KUNZ

«Gestern war ich mit einer Freundin im Kino. Wir sahen uns ‹La piel que habito› an, mit Antonio Banderas. Der Film hat mich richtig gehend gefesselt. Danach war ich total gut drauf. Sehr schade finde ich, dass diese kleinen Kinos, zum Beispiel das Nord Süd, allmählich verschwinden. Ich mag die persönliche Atmosphäre und das Nostalgische, das diese Orte verströmen. Das gilt auch für Restaurants. Im Niederdorf gibt es die ‹Bodega›, dort hat es noch diese alten Butzenfenster und das schöne, heimelige Holzinterieur. Schon früher bin ich ein Kulturfreak gewesen. Ein Genussmensch. Gerne denke ich an die Zeiten zurück, als ich regelmässig Konzerte im Volkshaus, dem Hallenstadion oder der Roten Fabrik besuchte. Bis heute bereue ich, dass ich die australische Band INXS im Volkshaus verpasst habe. Toll waren die Konzerte von Iggy Pop und den Pretenders. In den guten alten Zeiten tanzte ich leidenschaftlich gerne und spielte Bassgitarre in der Band Wild Child. Kulinarisch war ich damals schon voll bio! Ich bin also eine Avantgardistin. Mein Leben gleicht einer Odyssee. Unterwegs hatte ich viele Chancen, zum Beispiel hätte ich mal Model werden können. Ich hatte eine gute Stimme und wollte mich zur Opernsängerin ausbilden lassen. Auch wäre ich gerne Schauspielerin oder Dekorateurin geworden – ich hatte viel künstlerisches Talent. Doch leider kam alles anders, als ich es mir erträumt hatte. Alkohol ebnete den Weg zum sozialen Abstieg. Alkohol war dafür verantwortlich, dass ich immer gegen meine Intuition handelte. Mein Bauchgefühl sagte mir eigentlich immer das Richtige, dann machte ich aber das Gegenteil. Dadurch habe ich mir oft die falschen Freunde ausgesucht, die mich auf verschiedene Art und Weise ausnutzten. Im Alkohol suchte ich die Liebe, die mir fehlte. Immer wieder rappelte ich mich auf, schaffte den Entzug und landete trotz IV-Rente auf der Strasse. Mehr als ein halbes Jahr war ich obdachlos, schlief auch auf dem nasskalten Boden oder verbrachte die ganze Nacht in einem Gebüsch hinter dem Friedhof. Von dieser Zeit habe ich mich bis heute nie richtig erholt, weder körperlich noch seelisch. Die chronischen Schmerzen von den Fusssohlen bis ins Kreuz und die Ekzeme machen mich fertig. Früher war ich täglich mit dem Velo unterwegs, hielt mich so fit, das geht heute nicht mehr. Besonders leide ich unter dem Verlust meiner Selbständigkeit. Obwohl ich praktisch nichts mehr trinke, sehe ich nicht, wie ich aus dem Teufelskreis des Sozialwesens wieder herausfinden soll. Zurzeit wohne ich in der Wohngruppe ‹Daheim› – das ist aber nicht dasselbe wie ein eigenes Zuhause. Ich träume davon, am Meer zu leben. Seit meiner Kindheit fuhr ich jedes Jahr bis 2004 ans Meer. Jetzt hatte ich seit sieben Jahren keine

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Strandferien mehr. Die letzten Ferien verbrachte ich bei meiner Schwester am Manly Beach in Australien, schwamm jeden Tag, das gab mir Kraft und neuen Lebensmut. Am liebsten wäre ich geblieben, deshalb schob ich das Packen bis zum letzten Moment hinaus und verpasste fast das Flugzeug. Zu Surprise kam ich vor drei Jahren. Das gibt mir Halt im Leben. Vor allem die beiden Mitarbeiter im Surprise-Büro, Reto und Ralf, sind mir eine Stütze. Reto hat viel Geduld mit mir und ist sehr hilfsbereit. Dafür bin ich ihm dankbar. Heute habe ich es endlich geschafft, ihn mit einem Geschenk zu überraschen, einem kristallförmigen Stein aus grünem Quarz.» ■ SURPRISE 262/11


Eine Chance für alle! Werden Sie Surprise-Götti oder -Gotte Surprise kümmert sich um Menschen, die weniger Glück im Leben hatten als andere. Menschen, die sich aber wieder aufgerappelt haben und ihr Leben in die eigenen Hände nehmen wollen. Mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise überwinden sie ihre soziale Isolation. Ihr Alltag bekommt Struktur und wieder einen Sinn. Sie gewinnen neue Selbstachtung und erarbeiten sich aus eigener Kraft einen kleinen Verdienst. Die Surprise-Strassenverkäuferinnen und -verkäufer helfen sich

Jela Veraguth Zürich

Ausserdem im Programm SurPlus: Marika Jonuzi, Basel Fatima Keranovic, Baselland Bob Ekoevi Koulekpato, Basel Jovanka Rogger, Zürich

selber. Das verdient Respekt und Unterstützung. Regelmässige Verkaufende werden von Surprise gezielt unterstützt. Die Teilnehmer am Programm SurPlus sind sozial abgesichert (Ferien, Krankheit). Mit der Programmteilnahme übernehmen die Surprise-Verkaufenden mehr Verantwortung; eine wesentliche Voraussetzung dafür, wieder fit für die Welt und den Arbeitsmarkt zu werden.

Wolfgang Kreibich Basel

Tatjana Georgievska Basel

Kurt Brügger, Basel Anja Uehlinger, Baden Peter Hässig, Basel Andreas Ammann, Bern Marlies Dietiker, Olten

Peter Gamma, Basel René Senn, Zürich Josiane Graner, Basel

Ja, ich werde Götti/Gotte von: 1 Jahr: 6000 Franken

1/2 Jahr: 3000 Franken

1/4 Jahr: 1500 Franken

Vorname, Name

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PLZ, Ort

Datum, Unterschrift

1 Monat: 500 Franken

262/11 Talon bitte senden oder faxen an: Strassenmagazin Surprise, Administration, Spalentorweg 20, Postfach, 4003 Basel, F +41 61 564 90 99, info@strassenmagazin.ch, PC-Konto 12-551455-3 SURPRISE 262/11

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Surprise ist: Hilfe zur Selbsthilfe Surprise hilft seit 1997 Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Mit Programmen in den Bereichen Beschäftigung, Sport und Kultur fördert Surprise die soziale Selbständigkeit. Surprise hilft bei der Integration in den Arbeitsmarkt, bei der Klärung der Wohnsituation, bei den ersten Schritten raus aus der Schuldenfalle und entlastet so die Schweizer Sozialwerke.

Ich möchte Surprise abonnieren! 24 Ausgaben zum Preis von CHF 189.– (Europa: CHF 229.– ) (Verpackung und Versand bieten StrassenverkäuferInnen ein zusätzliches Einkommen.) Gönner-Abo für CHF 260.–

Eine Stimme für Benachteiligte Surprise verleiht von Armut und sozialer Benachteiligung betroffenen Menschen eine Stimme und sensibilisiert die Öffentlichkeit für ihre Anliegen. Surprise beteiligt sich am Wandel der Gesellschaft und bezieht Stellung für soziale Gerechtigkeit. Strassenmagazin und Strassenverkauf Surprise gibt das vierzehntäglich erscheinende Strassenmagazin Surprise heraus. Dieses wird von einer professionellen Redaktion produziert, die auf ein Netz von qualifizierten Berufsjournalistinnen, Fotografen und Illustratorinnen zählen kann. Das Magazin wird fast ausschliesslich auf der Strasse verkauft. Rund dreihundert Menschen in der deutschen Schweiz, denen der Arbeitsmarkt verschlossen bleibt, erhalten damit eine Tagesstruktur, verdienen eigenes Geld und gewinnen neues Selbstvertrauen.

Geschenkabonnement für: Vorname, Name

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Herausgeber Strassenmagazin Surprise GmbH, Postfach, 4003 Basel www.strassenmagazin.ch Öffnungszeiten Sekretariat 9 – 12 Uhr, Mo – Do T +41 61 564 90 90, F +41 61 564 90 99 info@strassenmagazin.ch Geschäftsführung Paola Gallo, Agnes Weidkuhn (Assistenz GF) Anzeigenverkauf T +41 61 564 90 90, M +41 76 325 10 60 anzeigen@strassenmagazin.ch Redaktion T +41 61 564 90 70, F +41 61 564 90 99 Reto Aschwanden (Nummernverantwortlicher), Florian Blumer, Diana Frei redaktion@strassenmagazin.ch Ständige Mitarbeit texakt.ch (Korrektorat), Yvonne Kunz, Delia Lenoir, Irene Meier, Stephan Pörtner, Milena Schärer, Priska Wenger, Christopher Zimmer Mitarbeitende dieser Ausgabe Annette Bouteiller, Luc-François Georgi, Esther Michel, Stefan Michel, Isabel Mosimann, Patric Sandri, Michael Schilliger, Sarah Stähli, Thomas Stahel, Sophie Stieger Gestaltung WOMM Werbeagentur AG, Basel Druck AVD Goldach Auflage 15 000, Abonnemente CHF 189.–, 24 Ex./Jahr Marketing, Fundraising T +41 61 564 90 61 Theres Burgdorfer, t.burgdorfer@strassenmagazin.ch

Sport und Kultur Surprise fördert die Integration auch mit Sport. In der Surprise Strassenfussball-Liga trainieren und spielen Teams aus der ganzen deutschen Schweiz regelmässig Fussball und kämpfen um den Schweizermeister-Titel sowie um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften für sozial benachteiligte Menschen. Seit 2009 hat Surprise einen eigenen Chor. Gemeinsames Singen und öffentliche Auftritte ermöglichen Kontakte, Glücksmomente und Erfolgserlebnisse für Menschen, denen der gesellschaftliche Anschluss sonst erschwert ist. Finanzierung, Organisation und internationale Vernetzung Surprise ist unabhängig und erhält keine staatlichen Gelder. Das Strassenmagazin wird mit dem Erlös aus dem Heftverkauf und mit Inseraten finanziert. Für alle anderen Angebote wie die Betreuung der Verkaufenden, die Sportund Kulturprogramme ist Surprise auf Spenden, auf Sponsoren und Zuwendungen von Stiftungen angewiesen. Surprise ist eine nicht gewinnorientierte soziale Institution. Die Geschäfte werden von der Strassenmagazin Surprise GmbH geführt, die vom gemeinnützigen Verein Strassenmagazin Surprise kontrolliert wird. Surprise ist führendes Mitglied des Internationalen Netzwerkes der Strassenzeitungen (INSP) mit Sitz in Glasgow, Schottland. Derzeit gehören dem Verband über 100 Strassenzeitungen in 40 Ländern an.

Vertriebsbüro Basel T +41 61 564 90 83, M +41 79 428 97 27 Zoë Kamermans, Patrick Würmli, Spalentorweg 20, 4051 Basel, basel@strassenmagazin.ch Vertriebsbüro Zürich T +41 44 242 72 11, M +41 79 636 46 12 Reto Bommer, Engelstrasse 64, 8004 Zürich, zuerich@strassenmagazin.ch Vertriebsbüro Bern T +41 31 332 53 93, M +41 79 389 78 02 Andrea Blaser, Alfred Maurer, Pappelweg 21, 3013 Bern, bern@strassenmagazin.ch Strassenchor T +41 61 564 90 40, F +41 61 564 90 99 Paloma Selma, p.selma@strassenmagazin.ch Strassensport T +41 61 564 90 10, F +41 61 564 90 99 Lavinia Biert (Leitung), Olivier Joliat, David Möller l.biert@strassenmagazin.ch, www.strassensport.ch Trägerverein Strassenmagazin Surprise Präsident: Peter Aebersold Wiedergabe von Artikeln und Bildern, auch auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von der Redaktion und dem Verlag jede Haftung abgelehnt. Surprise behält sich vor, an Verkaufende gerichtete Postsendungen zu öffnen. Barspenden an namentlich bezeichnete Verkaufende können nur bis zu einem Betrag von CHF 100.– weitergeleitet werden. Darüber hinausgehende Beträge sollen – im Einverständnis mit der Spenderin oder dem Spender – allen Verkaufenden zugute kommen.

SURPRISE 262/11


Macht stark.

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Surprise Strassenmagazin 262/11  

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