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Japan-Special von AlexFuka. Rippchen mit Kraut Japan-Style @JoSilberstein mit 10 Interviews über Heimat & Twitter Provozeihung / Die Zukunft des Drucks Verdammte, geliebte Heimat, wie bist Du mir egal 18 Twittersleut‘ erzählen, was es mit Heimat auf sich hat Mit SilentTiffy, Freval, Baranek, Riot36 Spreequell, Holadiho, Gebenedeite, Wikipippi deKlontjes, dasPoell, JoSilberstein, elsebuschheuer Frau_Elise, SibylleBerg, ThomasMalkowski MizziSchnyder, Agexit und Vergraemer

MAGAZIN AUS DEM INNEREN

Das erste seiner Art. Stijlroyal im neuen Look. Mit Japan-Special und den Helden unserer Twitter-Kindheit.

日本

スペシャル


Editorial

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Die Pflicht, die Frau und die Scholle


DIE AUTOREN


Sascha Logo auf dem Podium


Diese Sprache, dieses elegante Beleidigtsein, die Kritische Undistanz zur Distanz, Gepรถbel deluxe, so wollte ich auch mal sein


Hommage an die Erbsenpistole


Impressum / Inhalt Herausgeber Huck Haas Royalkomm.Design. Redaktion Huck Haas Editorial Design Huck Haas, Kacper Potega für Royalkomm.Design. Albrecht-Dürer-Straße 4 / 65195 Wiesbaden / Telefon 0611.89038955. huck@royalkomm.de www.royalkomm.de. Fotografen David Dieschburg (S. 1), mickmorley (S. 24), bit.it (S.30-33), pip (S. 38f), beene (S. 48f), campino (S. 56f), Cordula Finken (S. 106), FirstLady (S. 107), chewing (S. 109), tingelting (S. 111), tilla eulenspiegel (S. 113, 121), 13thJoerg (S. 115), Markus Warneke (S. 116f), Michael Haas - eurytos (S. 123), UlrikeA (S. 149), ohneski (S. 151), ameise (S. 153), Andre Günter (S. 155), boing (S. 180f), alle von photocase.de; eblind (S.20f) von stockxchange; Roman Walczyna (S. 2, 9, 210, 212), Daniel Roos (S. 10), Kacper Potega/Royalkomm (S. 12-13, 23, 28f, 35, 52, 59, 124f, 128f, 134f, 156-161, 162f, 168f, 174f, 186f, 206, 208), Alexandra Tabor (S. 14f, 17, 19), Alexandra Fukazawa (S. 64-105), Katja Klein (S. 136-147, 202), Daniela Warndorf (S. 171, 172), Andreas Gärtner (S. 182, 184, 207), Leonike de Klontjes (S. 191), Marlon Gego (S. 201), Noelle Poeller (S. 202), Michaela von Aichberger (S. 203), Thomas Malkowski (S. 205), Dirk Baranek (S. 209) Finanzdirektion Eric Portugall Programmierung Stijlroyal.de Eric Portugall, Björn Göbel Experte für neugeborenes Leben Bob Glück Gutelaunebär Marco Jung Frau_Elise-Layout Liesa Rustler Japan-Expertin / Japan-Layout Alexandra Gisela Fukazawa Lektorat Gitte Schorn, Mischa Wyboris. Druck W.B. Druckerei Gmbh Dr.-Ruben-Rausing-Str. 10 65239 Hochheim / Tel 06146.82 74-0 / www.wb-druckerei.de. Druckauflage Ausgabe Herbst/Winter 2009 3.000 Stück Presserecht Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht grundsaetzlich die Meinung der Herausgeber und der Redaktion wieder. Der Nachdruck von Beitraegen bedarf einer vorherigen schriftlichen Genehmigung von Royalkomm. Die übernommenen Artikel und Beitraege müssen mit dem Zusatz Stijlroyal/www.Stijlroyal.de gekennzeichnet werden. Alle Angaben ohne Gewähr. Vergangene Hefte und die aktuellen nachbestellen auf www.stijlregal.de.

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@sil ent tiffy Alexandra Tobor wächst in ärmlichen Verhältnissen auf.

Nach

einer

abgebrochenen

Peripatetiker-

Ausbildung auf der Galeere wird sie an einen Computer angeschlossen und lebt fortan von Tasten und Rausch. Ihre quasipoetischen Texte über Verteidigungsraketen und Schnee erschienen u.a. im Hairmetal-Magazin SPEX. Als Fotografin hirngesponnener

Randerscheinungen

sucht

die

designierte Schriftstellerin ihr Schaffen subkulturell aufzuwerten. Sie lebt in Marburg und hat zwei Rinder. Frau Tobor auf lostatsea.de und silent-diva.blogspot.com bitte kukken. Bei Twitter seit 19. März 2009

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Der TREND ZUM BEToNZAUN 1989 flohen meine Eltern, Geschwister und ich im FiatPolo nach Deutschland. Offiziell vor dem System, in Wirklichkeit wegen Oma. Still und leise flohen wir, das einzige Geräusch im friedvollen Morgendunst war das tollwütige Gekläff von Kampfhunden, die drohend an den Zäunen rüttelten. Und das Schlagen unserer Köpfe gegen das Dach des Wagens, der über die Schlaglöcher der Straße holperte, die nicht länger unser Zuhause war. Oma würde bald den zugelaufenen Köter an der Autobahnraststätte aussetzen und die letzten verbliebenen Hühner mit der Axt durch den Garten jagen. Die abgehackten Hühnerkrallen würden uns nicht länger als Spielzeug dienen. So rollten wir dahin über die Betonplatten, die von endlosen Kieferwäldern und Birkenhainen gesäumten, und wussten über Deutschland nur, dass dort Gummibärchen an Sträuchern wuchsen und die Straßen mit weißer Schokolade gepflastert waren. Eine Heimat hinter sich lassen, eine Heimat verlieren, pfffff, Opa-Geschwätz. Wir trugen eine unverschämte, sorglose Respektlosigkeit im kargen Gepäck, die Sorglosigkeit von Menschen, die nur eine einzige Welt kennen und dem Neuen und Unbekannten mit naiver Offenheit begegnen.

Hinter der Grenze war alles ganz anders. Sogar der Himmel. Erst sah er aus wie ein Glas Milch, in die Erdbeerpulver und Blaubeeren fallen. Dann wurde er abgedunkelt wie ein Kinosaal und zu beiden Seiten begannen Neonlichter ihr beeindruckendes, einschüchterndes Schauspiel. Für uns. Die wir nur Kartoffelfelder kannten, Wälder, und asymmetrische Reihen aus bewohnbaren Betonkästen und kommunistischen Profanbauten. Wie würde es sein, dort, bei euch? Euch, euch kannten wir bereits. Unsere Augen haben mit euch geschnäbelt, fasziniert über OTTO-Kataloge aus den 80ern schwirrend. Es war nichts Popelverschmiertes, nichts Knieverkrustetes an euch. Ihr wart mehr Puppen als Kinder, wenn wir denn so schöne Puppen gehabt hätten, nicht solche mit aufgemalten Kleidern, sondern solche aus Tüll mit tausenderlei Geschmeide dran. Ihr sauber polierten Glanzhäschen. Ihr hattet das, was wir entbehrten: Plastik, in allen Farben und Formen. Geschlafen habt ihr auf Matratzen aus glitzerndem Flausch. Ob diese fiebrige Phantasie für irgendwelche Kinder tatsächlich stimmte, weiß ich nicht. Aber ich war in euren Häusern und habe es gesehen. Die Harmonie und Geradlinigkeit, die Ordnung, die


Farben, wie sie alle aufeinander abgestimmt der inneren Ruhe und der Bedeutung zuspielten. 20 Jahre später, im Marburger Regen, gleiches Ambiente. Die Fassaden der Oberstadt glühen wie Weihnachtsbeleuchtung, wie große bunte Bonbons hängen Wohlfühllampen in den Fenstern der Fachwerkhäuschen. Selbstgezogene Kerzen anzünden und einen altmodischen Kessel Tee kochen, das sind Dinge, bei denen ich nicht mitmache. In diesen kleinen niedrigen Wohnungen, in diesen „urigen“ Höhlen gibt es so etwas wie Regendepression nicht. Da sind auch blasse Töne draußen in Deutschland, die dann aber wie durch Zauberhand im Innern wieder zu vollen, kräftigen Tönen anschwellen, fast zu kräftig. Wie der Lack an Heidelberger Nussknackern aus den Katalogen, die mein Opa aus Deutschland mitbrachte. Da standen sie wie glänzende erigierte Penisse mit ihrem Penis-Grinsen, grell und mächtig, im schwülen Licht von Weihnachtsbäumen, die zu meiner großen Verwunderung immer nur einfarbig und einheitlich geschmückt waren. Grobes, buntes Holzspielzeug, rot, gelb, blau, solche Farben – das gab es in Deutschlands Wartezimmern bei Kinderärzten:

lärmende Murmelbahnen, später ganz viele bunt eingepackte Traubenzuckerpastillen von der Apothekerin, die sehr bemüht war, laut und deutlich zu sprechen, so laut und deutlich wie die Pastillen bunt und süß waren, damit wir Neger aus dem Osten sie verstehen. Die Deutschen, wie ich sie kenne, leben in unerträglich bunten, unerträglich warmen Innenwelten. Warm gestrichene Wände haben sie, viel Holz (manchmal dunkel und wohlig, manchmal hell und erhaben), Korb und Natur, breite Regale, in denen sich Buchrücken an Buchrücken schmiegt in der Behaglichkeit gewissenhaft positionierter Leuchten. So ist das. Erst zwei Jahre, nachdem wir ausgezogen waren, das Paradies zu finden, kehrten wir in das Land zurück, das uns empfing wie eine kalte Leiche. Die Mauer war gefallen, der Kapitalismus marschierte in Polen ein. Und aus dem Fenster des neuen Opels sahen wir mit Entsetzen, was er angerichtet hatte. Diese Stadt, durch die wir durchmussten, war immer schwarz gewesen, die Häuser von Ruß, Schmutz und Fäulnis bedeckt. Man munkelte, bald würde man nur noch mit Gasmaske auf die Straße hinaustreten können.


SCHN ÖRKEL DES ADELS

Und plötzlich, inmitten dieser industriellen Katastrophenkulisse, die für diejenigen, die darin die Staffage bildeten, ganz selbstverständlich und langweilig war, ragte ein weißer Palast mit Minarettähnlichen Türmchen und zierlichen Erkerchen auf. Er bohrte sich aggressiv in das ärmliche Arbeiterviertel wie ein Feedbackheulen in die lieblichste Klavieretüde. Vor dem Palast lag ein perfekt bemessenes Stück Kunstrasen, dessen Grün man in der Natur lange suchen konnte. Das hatten sich die Neureichen selbst aufgebaut. Für die Abscheulichkeit dieses ästhetischen Missklangs schienen sie taub zu sein. Einige Meter weiter ein alter, verlassener Judenfriedhof, mit Grabsteinen, die in der Erde lagen wie die faulen Zähne im Mund eines uralten Leichenfundes. Und gegenüber im neu errichteten McDonald’s saßen Eltern mit ihren Kindern und aßen ganz vorsichtig ihre Pommes, für die sie die ganze Woche gespart hatten. So war das. Und so ist das heute.


Das ist alles so unbeschreiblich hässlich. Und doch. In Polen spüre ich die Freiheit. Weil dort sowohl in den Häusern als auch an den Häusern die totale Anarchie herrscht. Kein Amt ist zuständig dafür, Leute zu maßregeln, die Lust haben auf eine außerordentliche Geschmacklosigkeit. Es gibt da diesen Trend zum Betonzaun. Der Beton soll Marmor imitieren. Seine Formen die Schnörkel des Adels. Die Polen hängen ja sehr an ihrem verarmten Landadel, und die Nostalgie zelebrieren sie mit Kopien, die durch ihre Brutalästhetik den Schmerz in die Welt hinausschreien wie eine Mutter, der ihr Kind entrissen wurde. Die vorherrschende Häuserform ist und war immer schon der Kubus. Monolithische Stromkästen, die in abgebrannten Feldern stehen. Klötze, abgeworfen über einer traurigen Landschaft. Und die Betonzäune drumrum, die sind die größtmögliche Zierde. Und ich liebe es und beweine es zugleich, mit jeder Faser meines Herzens. Denn ich weiß, was dieses Grau und dieser

Müll mit den Menschen macht. Es macht sie innen bunt, innendrin, ganz tief drin, in der Seele. Da sind sie die glühenden Lämpchen, die funkelnden Wunderkerzen, das knisternde Feuerwerk, das ich so selten finde im Gemüt hiesiger Leute. Die räumlichen Verhältnisse und ihre Ausgestaltung auf dem Gebiet, aus dem ich komme (das Oberschlesische Industriegebiet) sind eine solche Herausforderung, dass die Phantasie und der Einfallsreichtum sich beständig am rauen Putz der kalten Wände aufreiben müssen, damit die Menschen, die dort leben, überleben können, von innen her. Ich sehe das aber nur, weil ich bei euch sitzen darf, in euren Paradiesen harmonischer Gemütlichkeit, die mir, nach vielen Jahren des Haderns und Fremdfühlens, doch zu einem Zuhause geworden sind. Und nichts weiter wollte ich erzählen als das, wie es bei euch aussieht, gesehen mit fremden, unreifen Augen. Damit ihr wisst, wo ihr herkommt. Ist nämlich schön da.


V

wie IN AT Vergraemer Der @Vergramer twittert seit dem 23.10.2008 u.a. dies „Finde es auch nicht toll, dass ich immer den Weg des geringsten Widerstands gehe. Würde mich lieber tragen lassen.“, das hier „Schütteln, um etwas anderes zu hören, funktioniert nicht nur beim IpodTouch, sondern auch bei langweiligen Gesprächen mit Menschen“, „Ein bisschen Hollywood täte meinem Leben gut. Happy End muss nicht sein, aber ein allmorgendliches `Was bisher geschah` wäre hilfreich“, „Meine Woche wäre entspannter verlaufen, hätte mir der Arzt gleich nach der Untersuchung am Montag gesagt, dass ich mich wieder anziehen darf“, auch dieses „Ich habe keine Falten, ich habe Deadlines“, besonders das hier ist uns unangenehm aufgefallen „Meine Eltern haben mir gerade eröffnet, dass sie sich scheiden lassen wollen. Das war vielleicht ein Schock. Dachte, sie wären schon lange tot“. Und dann schreibt er noch auf www.benefitz.de und man findet seine Ergüsse in dem Buch „6 Herrengedecke und ein Sessel aus Plüsch“.

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Wo ich unerwünscht bin, da bin ich zuhause

M

ir ist es egal, wo ich gerade bin. Ich fühle mich an einem Ort so unwohl wie an jedem anderen. Wo immer ich

mich aufhalte, ich möchte so schnell wie möglich weg. Wohin spielt keine Rolle. Ich halte es keine Sekunde länger aus. Ich sitze, stehe, liege auf heißen Kohlen. Es gibt für mich keine Heimat. Es gibt nur Schreckensorte. Und sie erwarten mich überall. Doch wenn ich schreibe „überall“, so ist das eine unzulässige Verallgemeinerung. Einige Flecken dieser Erde ertrage ich recht gut, und zwar alle Orte, an denen ich unerwünscht bin. Ich kann mich einfach unheimlich an den verdrehten Augen entnervter Mitmenschen erfreuen, ich sehe liebend gern zu, wenn jemand ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch herumtrommelt oder unruhig von einem Fuß auf den anderen steigt. Nur weil er denkt: „Hoffentlich verpisst sich der Typ bald wieder.“ Wo ich störe, da bin ich zu Hause. Wenigstens ein kleines bisschen. Mehr als anderswo. Unerwünscht zu sein ist mein großes Glück. Deshalb liebe ich Metzgereien so sehr. In Metzgereien bin ich zwar nicht unerwünschter als anderswo, aber man zeigt es mir deutlicher. Seit einigen Jahren halte ich mich, so gut es geht, in Fußnähe zu Metzgereien auf. Damit ich schnell mal zwischendurch so richtig unerwünscht sein kann. Ich glaube, ich bin metzgereisüchtig. Ich sehne mich permanent nach metzgereiischer Nähe. Das Metzgereiweh, das rasend schnell in mir aufkommt, macht mir den Aufenthalt in Wüsten oder einsamen Waldgebieten zur Qual. Als wären Trockenheit und


Als mache es bei der modernen Industriewurst noch einen Unterschied, ob sie mit Akne in Berührung kommt oder nicht.

das viele Laub nicht schon schlimm genug für mein Wohlbefinden. Dazu eine kleine Anekdote: Vor einigen Jahren unternahm ich mit zwei Freunden einen Campingurlaub in den Thüringer Wald. Ich war äußerst unerwünscht. Im Prinzip optimale Voraussetzungen für eine wunderschöne Zeit. Doch schon nach 2 Tagen überkam mich ein höllisches Metzgereiweh. Alleine das Wort „Metzgerei“ reichte mir, um in Tränen auszubrechen. Meine Freunde setzten das Wort in unseren Gesprächen exzessiv ein, weil sie hofften, mich auf diese Weise schnell loszuwerden. Das ist der Nachteil, wenn man unerwünscht ist: Man kämpft ständig darum, noch 5 Minuten länger bleiben zu dürfen. In den ersten Tagen unseres Campingurlaubs behalf ich mir mit einer Metzgereisimulation. Ich jagte Wildschweine und Füchse, schnitt einige in grobe Stücke, andere in hauchzarte Scheiben, und richtete sie unappetitlich in einem eigenen Zelt an. Das Zelt war bald voller Wurst vom Wild, ähnelte mit viel gutem Willen tatsächlich einer Metzgerei, doch die Augen lassen sich vielleicht überlisten, das Herz nicht. Schließlich machen nicht nur Wurstwaren und ihr Geruch den Charme einer Metzgerei aus, es sind vor allem die Menschen hinter dem Verkaufstresen. Und finden Sie einmal in einem Wald eine korpulente Frau mit fleischigen Oberarmen, die bereit ist, einen schulterfreien Kittel zu tragen und sich in ein Metzgereizelt mit Wildwurst zu stellen. Und Ihnen dann noch ein „Darfs etwas mehr sein?“ zublökt, nur weil Sie das brauchen, um glücklich zu sein. Das Ende vom Lied: Ich musste meinen Campingurlaub bald abbrechen. Mein


Metzgereiweh war einfach unerträglich.

Aufschnitt vor die Nase sagte „Hmm, Kleiner,

Der Anblick einer Metzgerei löst in mir Gefühle

gucke mal, leckerlecker Wurst“, führte sie dann

aus, wie sie der Dom in einem Kölner, der Hafen

dicht an meinem Gesicht vorbei und aß sie selbst.

in einem Hamburger oder der Alex in einem

Schlecht behandelt und ignoriert zu werden – das

Berliner weckt. Wenn ich eine korpulente Frau

vermisse ich in modernen Metzgereien. Früher

mit freigelegten fleischigen Oberarmen sehe, die

konnte ich stundenlang vor dem Tresen stehen

lauthals und mit rauer Stimme „Darfs etwas mehr

und übersehen werden. Halbe Ewigkeiten lang

sein?“ blökt, dann werde ich sentimental. Dann

zog man mir andere Kunden vor, die deutlich

weiß ich: Hier bin ich Dreck, hier darf ich’s sein.

nach mir das Ladenlokal betreten hatten. Heute

Doch ein kritisches Wort über moderne

hingegen ziehe ich beim Eintreten eine Nummer

Metzgereien soll an dieser Stelle nicht fehlen:

und komme tatsächlich an die Reihe, sobald meine

Metzgereien haben sich in den letzten Jahren

Zahl aufgerufen wird. Und selbst an Fleischtheken

stark verändert. Wenn ich heute in Berlin eine

in Supermärkten, noch vor wenigen Jahren ein

Metzgerei betrete, erwartet mich nur noch selten

sicherer Hort der räudigen Kundenbehandlung,

ein weiblicher Kampfpanzer mit fleischigen

habe ich erleben müssen, dass die einzige

Oberarmen, der während meiner Bestellung

Verkäuferin sich tatsächlich nach einer halben

nebenbei noch ein Schwein aufschlitzt. Und auch

Stunde auf den langen Weg von der Käsetheke zu

kein Meister mit Bleistift hinterm Ohr fordert mich

mir an die Wursttheke gemacht hat. Sie näherte

mit einem „Was wollense?“ auf, jetzt doch dalli

sich zwar langsam, kaum merklich, und bevor sie

meine Wünsche zu äußern. Stattdessen blickt mich

ankam, war der Supermarkt geschlossen, aber:

schon einmal ein dürrer, pickeliger Streetboy mit

Der besondere Charme ist dadurch abhanden

Schirmmütze herausfordernd an, der meine heiß

gekommen. Manchmal schlägt mir heutzutage

geliebte 250 g Pfeffersalami nur mit transparenten

sogar ein Lächeln entgegen. Vor drei Jahren wurde

Plastikhandschuhen anfasst. Als mache es bei der

mir in einer Metzgerei das erste Lächeln meines

modernen Industriewurst noch einen Unterschied,

Lebens zuteil. Das hat mir Metzgereien natürlich

ob sie mit Akne in Berührung kommt oder nicht.

eine Zeitlang verleidet. Noch heute würge ich

Dabei vermisse ich nicht einmal die Frage „Na,

allein bei dem Gedanken daran.

Kleiner, willst Du ein Stückchen Fleischwurst

Doch selbst diese unschöne Entwicklung hat

probieren?“. Mir hat noch nie ein Metzger ein

meiner Sucht keinen Abbruch getan.

Stück Wurst zum Probieren angeboten. Selbst

Metzgereien – sie sind und bleiben meine Heimat.

als ich noch ein Kind war, ging ich leer aus. Im

Und jetzt muss ich weg. Ich halte es am Computer

Gegensatz zu anderen Kindern. Immer sah ich

einfach nicht mehr aus.

neiderfüllt zu, wie der Meister ihnen die Wurst kredenzte. Mir hingegen hielt er ein Stück


Frau Berg schreibt Bücher und Theaterstücke, das neue Buch „Der Mann schläft“ ist beim Hanser Verlag erschienen. Das aktuelle Buch passt auch hervorragend auf jeden Geschenktisch und garantiert unter jeden handelsüblichen Weihnachtsbaum (Soll ich sagen). // Bille B. ist bei Twitter seit 25. April 2009.

@sibylleberg

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Meine Heimat gibt es nicht mehr Wenn man den Ort, an dem man geboren wurde, und größer, verlässt, wird man vielleicht einen angenehmen Platz zum Leben finden. Neue Bekannte, schöne Bäume, hübsche Straßen. Alles kann man finden, vielleicht ist es besser als das, was man aufgab, meist ist es nur anders und das Recht auf HEIMAT hat man verwirkt. Ich hätte nie geglaubt, dass ich den dermaßen von mir selbst missverstandenen Begriff HEIMAT jemals auch nur denken würde. Lange glaubte ich, überall leben zu können, frei von sentimentalen Gerüchen, doch dann begriff ich die eigene Beschränkung. Sicher kann ich irgendwo sein, in Asien oder Afrika, staunen kann man überall und sich bewegen und leben, doch nach einiger Zeit überall, beginne ich mich zu sehnen. Nach Menschen, die mir ähnlich sehen, nach Systemen und Werten, die mir vertraut sind. Nach Europa zurückkehren bedeutet, mich in Sicherheit wähnen. So fing es an, das Erkennen, dass ich weder der Typ für wildes Auswandern bin, und dass ich in meiner begrenzten Zeit nicht mehr viele Neuanfänge in fremden Ländern machen werde.

Schade, denke ich manchmal, wenn die Monate wie aneinandergereihte graue Pfützen vergehen. Schade, dass ich nicht 300 werde und viele Leben an vielen Orten probieren kann. Und ich begreife, dass ich nie das Gefühl kennenlernen werde, eine Heimat zu haben. Das klingt theatralisch, ist auch so gemeint, und nicht schlimm, ich stelle es nur fest. Ab und an fragten mich Schweizer Menschen, warum ich nicht in Deutschland wohne. Da käme ich doch her und so weiter. Und ich überlegte und suchte nach Gründen, denn eigentlich ist es ja überall ein bisschen Deutschland, also warum wohne ich denn nicht dort, bis mir einfiel: Meine Heimat gibt es nicht mehr, denn sie war eine Lüge. Ich bin aus dem Osten. Aus einem Osten, den es nicht mehr gibt, denn es war das Land, in dem es keine Nazis gab, keinen Hitler, keine religiösen Fanatiker, in dem alle gleich waren und kommunistische Ideen hatten. Der Westteil Deutschlands war mir so fremd wie Belgien oder der Kongo, und ist es immer ein wenig geblieben. Der Westen ist jetzt überall und die schöne Utopie OSTEN existiert nicht mehr. Ist verschwunden.


Auch als es den Osten noch gab, begann er komisch zu riechen, als ich in ein Alter kam, da ich zu denken begann und zu sehen, dass nichts von all den wunderbaren Versprechungen eingelöst wurde, die wir uns gegeben hatten. Meine Heimat verlor seine Heiligkeit. Geboren wurde ich in Thüringen, doch den bewussten Teil meiner Kindheit, nach 5, verbrachte ich in Rangsdorf, einem kleinen Kaff bei Berlin, in dem vornehmlich Berliner Bildungsbürger und Pendler lebten. Wir wohnten dort in einem immens großen Haus (der Witz mit: alles sieht so klein aus, kommt später), das in einem Kiefernwald stand. Der gesamte Ort war in den Bäumen gebaut, wie finnische Alvar AltoSiedlungen. Es gab zwei Seen und ungefähr 3 Autos, die aus Pappe bestanden und Trabant hießen. Das Haus, das unvorstellbar große, stammte aus den 30er Jahren, aus rotem Klinker und fein verwaschenem Marmor. Es sollte meine Liebe zu schönen Gebäuden nachhaltig beeinflussen. In der Küche gab es ein Bullauge, davor lag ein ungemein großer Garten mit

Rhododendren und Kiefern. Hinter dem Haus begann der Wald und in meiner Erinnerung war es immer Frühherbst und ein wenig diesig am Morgen, dort. Verließ man den Ort, folgten lange, leere Landstraßen mit Apfelbäumen am Rand, diese Äpfel, die es nicht mehr gibt. Sie sind vermutlich auch von daheim weggegangen und nie wiedergekommen. Damals konnte man auf diesen Landstraßen wunderbar wandern, weil es keine Autos gab, oder nur alle halbe Stunden mal eines, das wird sich unterdes geändert haben. Ich erinnere mich an vieles nicht mehr, nur an das Gefühl bei den Wanderungen, die ich unternahm, mit der Hoffnung, dass unterwegs ein Wunder passieren würde und ich kein Kind mehr sein müsste, denn der Zustand war mir immer völlig unangenehm. Ich mochte das Ausgeliefertsein nicht. Es war immer Sonntag und natürlich Frühherbst, vielleicht aber auch Sommer, und ich lief auf einer dieser Straßen, an der Kiesgrube vorbei immer geradeaus. Damals machte übrigens keiner ein Geschrei, wenn Kinder alleine wanderten, Radfuhren, im Wald spielten. Irgendwie


Ich befinde mich in dem Alter der Menschen, die ich damals nicht wahrgenommen hatte. Ich habe einen Mann ohne Haare. waren Kinderschänder noch nicht entdeckt, bekamen keinen medialen Popstarstatus, und ihre Zahl hielt sich außerordentlich in Grenzen. Es war warm und roch nach Nadelbäumen und Wiese. All das Zeug war voller Geschichten, die ich mir ausdachte, weil schon damals keiner mit mir spielen wollte, und hinter jeder Kiefer fanden unglaubliche Abenteuer statt. Es ist nicht wahr, dass man als Kind unempfänglich für die Schönheit der Natur ist. Vielleicht staunt man sogar mehr, als man es später vermag. Ich erinnere mich an jeden Baum, der in Rangsdorf stand, an den See, die Sandwege, alte Holzbrücken, Bäche und an die Sehnsucht, die diese Bilder machten, und mit der ich nichts anzufangen wusste. Vielleicht war es die Suche nach Einheit und Perfektion. Fast war es zu viel an Gefühlen, die ich nicht einzuordnen wusste. Ich wollte Teil davon werden, mich auflösen, oder die Erregung mit mir nehmen, die diese Schönheit herstellte. Ich erinnere mich an viele kleine Bungalow-Häuser, die immer wirkten, als ob Rauch aus ihren Schornsteinen käme, und ich überlegte mir, wie ich dort leben könnte, als erwachsener

Mensch, aber es fiel mir nichts dazu ein. Das war Erwachsenengeheimnis. Die Menschen in Rangsdorf, ich weiß nicht mehr, wie sie waren. Vermutlich einfach alt. So alt, wie jeder über 20 eben für einen jungen Menschen ist. Ich erinnere mich an Ausflüge mit der Familie, und an das unvermeidliche Essengehen, eine gewisse Aufregung in der DDR, denn Essengehen war Luxus. Die landestypischen Gerichte versuchten ein Gegengewicht zur Leichtigkeit der Landschaft herzustellen. Irgendwelche Dinge, die Soljanka hießen, Kloß und Braten. Für mäklige Fast-Teenager kein Schlemmerparadies. Schöne Gaststätten gab es nicht. Mit Gärten oder Terrassen, das war vermutlich zu viel Arbeit für den gleichen Lohn. Lokale gab es drinnen, und gelb, und zwei Gerichte zur Auswahl. Die Welt hatte Risse, aber sie war noch soweit in Ordnung, wie sie es eben für ein Fast- noch- Kind ist. Man weiß zu wenig und stellt nichts in Frage. Später weiß man auch nicht viel mehr, aber das Paradies ist geschlossen, wegen Erkennen. In den schönen alten Häusern wohnten vermutlich auch damals schon Leute, die auch nicht wussten, wie es geht. Einige


waren sicher bei der Stasi, andere schlugen ihre Kinder. Aber das war damals egal. In einer Zeit, da ich noch eine Heimat hatte, ohne es zu wissen. Ich war kurz vor dem Erwachsenwerden, das vermute ich heute, denn die letzten Erinnerungen an Rangsdorf sind, dass die Natur irgendwann ihren Reiz verlor. Wie über Nacht bestand sie nicht mehr aus Geschichten, sondern aus Bäumen. Dann verließ ich Rangsdorf, später auch die DDR und in den vergangenen hundert Jahren habe ich versucht, eine Heimat in der Schweiz zu bauen. Bei aller Liebe für dieses Land, ein sinnloses Unterfangen. Letzten Winter fuhr ich nochmals nach Rangsdorf. Um zu sehen, was den Unterschied zwischen Heimat und Wahlheimat ausmacht. Es war furchtbar kalt. Nichts da von milden Frühherbst- Gefühlen mit goldenem Licht- Ich stand vor dem alten Haus, das immer noch wunderschön war. Natürlich kleiner, als in meiner Erinnerung, aber dennoch war der Garten groß und die Kiefern immer noch da. Rangsdorf hatte sich kaum verändert. Das Seerestaurant war jetzt schön in Messing und mit vegetarischen Gerichten, auf dem

Eis liefen Menschen, die auf einmal alle jünger waren als ich. Ich befinde mich in dem Alter der Menschen, die ich damals nicht wahrgenommen hatte. Ich habe einen Mann ohne Haare. Ich lief durch Rangsdorf, auf der Suche nach alten Gefühlen, nach der Angst vor der Schule, Angst vor anderen Kindern, vor dem Klingeln der Schranke, wenn sie sich senkte, vor dem Tod, wovor ich alles Angst hatte, unfassbar. Und ich fand nichts. Außer Sandstraße, neuen Läden. Der Ort, an dem man geboren wurde, ist wie eine Familie. Man kann sie sich nicht aussuchen, man kann sich nur abwenden irgendwann, man kann Liebesgeschichten beginnen, mit anderen Orten, kann ewig suchen, nach dem Gefühl, das man hatte irgendwann vor hundert Jahren, aber man wird es nie mehr finden. Vielleicht taugt Heimat nur in der Kindheit. Rangsdorf war also immer noch ein wunderschöner Ort, aber das Geheimnis und die Sehnsucht, den er als Heimat ausgelöst hatte, lange Zeit zuvor, waren weg. Für immer.


@freval Frédéric Valin Frédéric Valin, Berlin. Schreibt hier und da über Wurstschneidemaschinen und die Beschaffenheit von Käseglocken, meistens bei spreeblick.com, aber auch in sonstigen Print-, Online- und Lehmtafelpublikationen. Wird nächstes Jahr ein Buch beim Verbrecherverlag veröffentlichen und wohnt bis dahin zu Hause die Miete ab. Nahziele: Endlich einmal die Balkonblumen durch den Winter zu bringen. Fernziel: Paradies, fliegende Hähnchen, whatever. @freval twittert seit 02. April 2008

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Es gibt keinen Plural für Heimat. Heimat ist ein Singularetantum, das klingt zwar nach Begräbnis, heißt aber genau das: Es gibt keinen Plural für Heimat. Es gibt auch keinen Plural für Weltall oder Lärm. Auch das sind Singulariatantum, das ist der Plural von Singularetantum. Was ist das für eine Welt, die für den Begriff, dass es für manche Worte keinen Plural gibt, einen Plural kennt. Im Französischen sagt man für Heimat pays natal. Geburtsland. Geboren bin ich in einem Kaff in Süddeutschland, das ist schon ein bisschen her. Im Allgäu, das heißt Berglandschaft. Ich hasse Berge, ich hasse Natur. Es ist schon ein bisschen her, das heißt: es war 1982. Mein Vater ist aus Frankreich zwischen all die Berge gezogen, weil er dachte, Heimat sei da, wo meine Mutter wohnt. Meine Mutter ist Deutsche. Später hat sich herausgestellt, dass sich mein Vater geirrt hat. Jetzt wohnt er in Deutschland und meine Mutter in Frankreich. So gleicht sich alles wieder aus im Leben. Ich bin aufgewachsen in der deutschesten aller Landschaften, lauter Eichen und andere idiotische Bäume. Karpfen in den Seen, Hechte, was weiß ich. Trotzdem bin ich französisch sozialisiert. An unserem Gartenzaun hörte Deutschland auf. Jedes Abendessen dauerte vier Stunden. Die Plattensammlung bestand ausschließlich aus Edith Piaf und Georges Brassens. Schimmelten im Kühlschrank Lebensmittel, wurden sie nicht weggeworfen, sondern als Delikatesse den Nachbarn aufgetragen, wenn sie mal zu Besuch kamen. Wir bekamen wenig Besuch von den Nachbarn. Ich bin zweisprachig aufgewachsen. In früher Kindheit äußert sich das so: Man nimmt alle Sprachen als eine wahr. Es gibt nicht Deutsch und Französisch, sondern nur Worte für Dinge. Manches sind gemütlichere Worte, andere sind schwerer auszusprechen. Ein pf zum Beispiel ist sehr schwer auszusprechen, das kriegt ein Kleinkind kaum über die Lippen. In meiner Sprache gab es keine pf, wenn ich einen Apfel wollte, habe ich pomme gesagt. Und wenn ich auf den Topf musste, pot. Das ging dann so: „Bitte eine pomme, merci.“ Oder: „Auf pot!“ Ich habe lange in diesem Mashup gesprochen, bis mich meine nicht eben fremdsprachenaffine Erzieherin nach meinem Kindergartentag zum SozialPsychiatrischen Dienst überstellen wollte, weil sie mich für verhaltensgestört, mindestens aber für schwachsinnig hielt.

Es gibt keinen Plural für Heimat. Es gibt auch keinen Plural für Weltall oder Lärm. Im Allgäu war immer viel von Heimat die Rede, da regiert die CDU. In unserem Wahlkreis hätte die CDU einen fußlahmen Ochsen aufstellen können, der wäre trotzdem in den Bundestag eingezogen. Die hätten den sogar auf einen Wagen gehoben und eigenhändig hingekarrt, wenn er es von selbst nicht gepackt hätte. In solchen Gegenden hält man noch viel von Tradition und Volksgut. Die Mutter meiner Exfreundin war Vorsitzende eines Trachtenvereins. Heimat, das war für sie einige von Kühen zugeschissene Hügel, ein bisschen Ringelreihen, ein paar Kässpätzle und der sonntägliche Kirchgang. So kriegt der Tag Struktur, zwischen Herd und Kirchgang. Ich habe sie mal gefragt, was sie an ihrer Heimat schön findet, ich frage das eigentlich nie, aber was will man sonst am Küchentisch mit einer Person reden, die die Zitter für bedeutender hält als das Klavier. Sie sah mich an und kaute. Sie hat noch nicht einmal nachgedacht, sie wusste es schlicht nicht. Später habe ich in diesem Käseblatt, das der Stern geworden ist, etwas gelesen, was sie hätte sagen können: „Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum. Wie gute Luft, die man atmet und für selbstverständlich hält. Erst wenn beides fehlt, erkennt man ihren Wert. Dann schmerzt die Lunge von Kneipenqualm und die Seele von Heimatverlust.“ Ach was, die Seele schmerzt. Das hat so viel - Tiefgang. Die Mutter meiner Exfreundin war, denke ich, sehr unglücklich. Verachtet von ihren Töchtern, weil leicht aus der Fassung zu bringen, engstirnig und verbohrt, von ihrem Mann, den sie hasste, auf die gleiche Weise zurückgehasst, gab es nicht viel, woran sie sich festhalten konnte. Und dieses „nicht viel“ ist ihr alles geworden.


Zugeschissene Hügel, ein bisschen Ringelreihen, ein paar Kässpätzle und der sonntägliche Kirchgang. Es gibt kein Konzept für Heimat. Was Heimat ist, hat bisher noch keiner erklären können. Vielleicht wird es deswegen immer so unansehnlich, wenn die Deutschen anfangen, Heimatliebe zu empfinden. Normalerweise passiert das ja nur, wenn ein Österreicher oder eine Weltmeisterschaft im Land ist. Dann holen alle ihre schwarz-rotgoldenen Fahnen aus dem Keller und spielen Party. Unverkrampfter Patriotismus nennt das Feuilleton so was. Besoffener Nationalismus ist auch richtig. Es hat etwas Tragikomisches, dass ausgerechnet den Deutschen mit ihrer „Heimat“ alle Gründungsmythen kaputtgegangen sind. Die anderen haben Revolution, Unabhängigkeitstage, Weltkriegssiege, die Deutschen müssen einen albernen Weltmeistertitel zur Weltsensation aufblasen. Historisch ist das ein schlechter Witz. Deswegen hat Der Spiegel, früher einmal Sturmgeschütz der Demokratie, inzwischen Konfettikanone des Spaßkonservatismus, versucht, Hermann den Cherusker zum Deutschen umzuschreiben. Damit man was hat, worauf man stolz sein kann. „Die Geburt der Deutschen“ hieß der Spiegeltitel, im Artikel wurde die Enthaltsamkeit und die Ehetreue der Germanen gepriesen und die Römer verteufelt, die Germanien romanisieren und einem Rechtssystem unterwerfen wollten. Hermann trat ins Feld und rettete Deutschland. „Ohne ihn gäbe es heute vielleicht weder Currywurst noch Saumagen,“ meint der Spiegel. Gott weiß, ich will kein Deutscher sein. Seele, Currywurst, Trachtenverein: Ein Heimatgefühl ist im Grunde eine bessere Dorfkneipe. Es ist ein dem Deutschen typisches Tresenbedürfnis. Heimatliebe, das ist etwas für Leute, die sich Alkoholismus nicht zutrauen. Inzwischen lebe ich in Neukölln, am Richardplatz, hier gibt es viele Eckkneipen. Die Nachbarin gegenüber beschimpft ihren Mann gerade als huju, das heißt Wichser, mehr verstehe ich nicht. Der algerische Papa sitzt einen Balkon tiefer und raucht seine Tüte. Jemand schreit auf Türkisch in sein Telefon. Die lettische Oma im Untergeschoss gießt ihre Blumen auf dem Hinterhof. Nein, Heimat ist das hier nicht. Aber es fühlt sich wie zu Hause an.

Heimat ist das hier nicht. Aber es fühlt sich wie zu Hause an


@baranek Dirk Baranek / www.dirk-baranek.de Geboren und aufgewachsen in einer ostwestfälischen Kurstadt, studiert und gearbeitet in Berlin, lebt Baranek seit 2000 in der schwäbischen Weltmetropole Stuttgart. Baranek war Comicverkäufer, Kleinverleger, Übersetzer, Redakteur, Konzeptioner, PR-Tanja. Aktuell schreibt er für Zeitungen, macht aber vor allem das Web voll. Blogs betexten, Communities regeln, in Websachen beraten - damit hält er sich eigentlich ganz ordentlich über Wasser. Irgendwann wird er der unbestrittene Contentking sein, wenn nicht vorher das Urheberrecht abgeschafft wird. Eine Karriere als Künstler strebt er nicht an. Bei Twitter seit 11. März 2007.

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Das dort draußen Ihr mit eurer scheiß Heimat!

Kenne ich nicht, habe ich nicht,

Neben prinzipiellen wohl auch

Die Eltern also mit ähnlichem

will ich nicht.

persönliche. Meine Vermutung:

Schicksal. Ende der Fünfziger

Ja, toll, dieses wohlige Gefühl

Hat was mit dem Erbe zu

die große Liebe. Heirat

der Heimkehr, dieses Ich-

tun, mit der Geschichte des

unterschwellig Marginalisierter.

kenn-hier-jeden-Stein-Ding.

Familienpacks. Das wurde vor

Die gesamte Verwandtschaft

Hier gehöre ich hin, hier habe

über 60 Jahren weggespült,

daher Schlesier. Offizielle

ich alles Recht der Welt zu

durcheinandergewirbelt

Bezeichnung: Vertriebene.

sein, hier kann ich einfach sein

in den Wirren nach Adolf

Im Zentrum die Großmutter,

ohne nachzudenken, weil ich

Nazis Mordmaschinenkrieg.

Witwe, starke Frau. Keine

die Spielregeln kenne, in- und

Das Weltchaos hatte

Familienfeier ohne Klage über

auswendig. So redet ihr da

sie hineingespült in die

die Verluste. Schlesien: das

draußen. Das nennt ihr Heimat.

ostwestfälische Provinz, ein

Haus, der Garten, das Licht,

ganzer Haufen Schlesier.

die Landschaft. Das Neue kein

Mutter als Kind mit reichlich

Ersatz. Subtile Verachtung für

Fluchttrauma versorgt, Vater

die Ureinwohner. Geizig, ohne

Aber ficke ich mich nicht selbst

dito. Die Ureinwohner waren

Geschmack, verstockt. Ein Leben

ins Knie, ist das nicht doch ein

nicht grade begeistert gewesen

im Notbehelf. Das Schicksal war

herber Verlust, zumindest ein

über die Neuankömmlinge, denn

hart, aber wir waren letztendlich

kleiner? Muss ich mir leid tun?

der Landstrich glänzt nicht in der

selber Schuld gewesen. Wegen

Okay, ein bisschen. Und woher

milden Sonne des Reichtums. Ich

dem Nazi-Horror. Bei dem wir

kommt das, dass ich höchstens

mein: östlich (!) von Bielefeld (!)

aber nicht mitgemacht hatten.

und mit Mühe zwar sesshaft bin,

- das sagt doch schon fast alles.

Wir waren schockiert gewesen,

aber ich das Heimatding nicht

Die Gegend ist eher bekannt

damals, als die Bettfedern

verorten kann und will? Gibt es

für viele Regentage und graue

meterhoch in den Breslauer

Gründe?

Kleinbauernnot. Wenig zu teilen.

Straßen lagen, weil der deutsche

SPD-Steinmeier kommt da auch

Mob die jüdischen Geschäfte

her.

gestürmt hatte.

Kenne ich nicht, habe ich nicht, will ich nicht.


Wir waren also anders als die da

alten Klamotten. Es gab keine

Drinnen, das ist die Wohnung.

draußen. Wir aßen anders, wir

Wurzeln, die auszugraben

Die eigenen Gemächer, schlicht,

sprachen anders, wir dachten

waren. Bis auf ein paar mickrige

aber doch zur Bequemlichkeit

anders. Da ich sowieso meine

Schwarz- weiß- Fotos. Keine

und einigermaßen komfortabel

gesamte Jugend eher in einer

Fundamente zum Freilegen.

ausgestaltet, sind wichtig. Wo

Art Dämmerschlaf verbracht

Heimat war das, was verloren

die genau sind, wird aber immer

zu haben scheine (fast keine

war. Für immer.

unwichtiger. Hauptsache, ich

Erinnerungen), ist mir das alles gar nicht klar gewesen, was das bedeutet. Vorher war alles eher ein interner Scherz gewesen, eine familiäre Marotte. Dann aber kam Mitte der Siebziger eine neue Mode auf. Nannte sich später Nostalgiewelle, die hippieske Überwindung von Spätausläufern schnörkelloser Nierentischästhetik. Die Freunde fingen an, die Dachböden der Großeltern zu durchwühlen und zogen alte Klamotten hervor, Plüschsofas, gedrechselte Schränkchen,

Mir war relativ früh klar, dass die ostwestfälische Kleinstadt nur einen zufälligen Ort darstellte, an den es mich per Geburt verschlagen hatte. Eng, langweilig, grau. Da musste ich raus. Wenn ich dort noch ab und zu bin, um mich unvermeidlichen Familienfeiern zu stellen, hat sich für mich nichts am Fluchtreflex geändert: Wann geht es wieder weg? Gibt es eine gute Ausrede,

Stellen sind gefunden, um das Leben nach eigenem Geschmack bequem einzurichten. An neuen Orten, in unbekannten Städten, muss das erst erarbeitet werden. Was aber auch verdammt viel Spaß macht.

überall gleich fremd und gleich vertraut. Ich gehöre nirgendwo

Flohmärkte stattfanden. Mein

der Welt auf Reisen. Das dort

Problem seinerzeit: Ich wusste

draußen.

keine Gerümpelkeller, keine

benutzen. Die bevorzugten

also schon mal nicht die Heimat.

Großstädten, die Erkundung

Keine gefüllten Dachböden,

man kennt, sind einfacher zu

Heimat kenne ich nicht. Ich bin

war die Zeit, als an jeder Ecke

gab es schlicht nicht bei uns.

meine Freiheit. Klar, Orte, die

gestalten? Der Geburtsort ist

Es folgte ein Leben in diversen

ich suchen sollte. Das Zeug

erstmal niemanden. Das ist

um die Reise möglichst kurz zu

bunte Lampenschirme. Es

nicht, in welcher Rumpelkammer

trete auf die Straße und kenne

hin und bin überall zuhause. Meine Heimat ist die Welt. (Einschränkung: die Erde). Ich scheiß auf (d)eine Heimat.


@JoSilberstein frug 10 Twittersleut‘ nach Twitter und Heimat und nach der Heimat in Twitter und bekam 10 bezaubernde Antworten. Die des Twitterns Unkundigen schauen am besten mal unter www.twitter.com nach,

was da so geht. Erklärungen zu dem Phänomen Twitter anmuten schnell, als würde man eine Sekte von Außerirdischen anpreisen. Zum Beispiel: twitter.com/euphoriefetzen oder twitter.com/tochtervon. Die Beiträge dieser beiden Twitterer kann man mal so völlig aus dem Zusammenhang reißen und betrachten und sich so einen Reim machen. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

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@euphoriefetzen, 26, Berlin Solange ich denken kann, wollte ich immer aus Cottbus weg. Ich bin dort geboren und aufgewachsen, aber es war mir nie Heimat. Ich bin so gut wie nie aus Cottbus rausgekommen, und obwohl es mal 100.000 Einwohner hatte, kannte jeder irgendwie jeden. Für mich ist es eine Errungenschaft, Cottbus hinter mir gelassen zu haben und nach Berlin gezogen zu sein. Heimat ist für mich mehr eine Wunschvorstellung als ein Ort, es klingt für mich zukünftig, vielleicht nach Illusion. Mir gefällt es in Berlin, aber es ist mehr wie ein Zuhause. Denke ich an Heimat, denke ich an die Seealpen und das Mittelmeer, im Moment fühlt es sich für mich an, als würde ich dort gerne leben. Es ist potenzielle Heimat. Das mag in ein paar Jahren anders sein, wenn ich vielleicht selbst mal eine Familie habe; Heimat ist wohl etwas, das sich entwickeln muss, was immer man damit verbindet. Ich habe noch nie so viele Menschen innerhalb so kurzer Zeit kennengelernt wie in den eineinhalb Jahren, die ich jetzt bei Twitter bin, obwohl ich erst nach und nach festgestellt habe, wie viele witzige und verrückte Charaktere es dort gibt. Es ist ein Ort, an dem Freundschaften entstehen können. Ich habe anfangs anders getwittert als jetzt, viele Links gepostet und Twitter mehr als Informationsplattform begriffen. Dass es auch eine emotionale Seite besitzt, habe ich erst später gemerkt. Ich würde Twitter nicht Heimat nennen; aber ich würde sagen, dass ich dort verwurzelt bin.

@tochtervon, 29, Berlin Ich bin dem Internet gegenüber schon immer eher skeptisch gewesen, erst recht jeder emotionalen Bindung, die daraus resultieren könnte. Schon deswegen kann Twitter für mich nur schwer Heimat sein. Generell trete ich vielem, zumindest zu Beginn, mit großer Distanz gegenüber. Das mag auf manche Menschen arrogant wirken, es ist so aber nicht gemeint. Mir liegt das Beobachten eher als das Agieren. Twitter ist eine abstrakte Form von Notizblock für mich, in den ich unkompliziert kurze Abrisse von Erlebtem, Dialogen, Gedanken oder Wortspielen eintragen kann. In erster Linie für mich, weshalb ich auch keinen so großen Wert darauf lege, in meinen 140 Zeichen verstanden zu werden, im Gegenteil. Ich freue mich trotzdem über Resonanz, auch über Unterhaltungen, die sich daraus ergeben können. Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Als ich 13 war, ist meine Familie ins Ruhrgebiet gezogen. Mit 23 bin ich aus beruflichen Gründen wieder nach Berlin zurückgekehrt. Im Ruhrgebiet fühle ich mich anders heimisch als in Berlin, aber beides ist Heimat, weshalb ich mich im Privaten auch oft hin- und hergerissen fühle. Das bleibt nicht aus, und ich sehe den Vorteil darin, sich nicht nur an einer Stelle willkommen zu fühlen. Mein Herz entscheidet sich nicht für eine einzige Heimat, weil es das nicht kann, und weil ich das nicht will. Heimat ist für mich dort, wo mir mein Herz aufgeht, selbst wenn ich nur daran denke. Es können auch mehrere sein, Orte genauso wie Menschen. Man ist sich derer sicher und spürt, dass man immer dorthin kann. Es fühlt sich vertraut an, in gewisser Weise geschützt. Heimat ist Familie, ist dort, wo man einige der vielen Masken ablegen kann, ohne sich ausgeliefert oder nackt zu fühlen. Und Heimat bleibt, egal wie lange man nicht dort war, oder ob man die Orte oder Menschen überhaupt jemals wiedersieht. Die innere Gewissheit zurückzukönnen, ist Heimat. Wenn ich Twitter nicht hätte, könnte ich ebenso gut in ein kleines schwarzes Büchlein kritzeln, das ich dann aber ständig nur verlegen würde. Es ist sicher etwas Persönliches von mir, jedoch nichts, dessen Verlust mir übermäßig naheginge. Wie bei einem Portemonnaie, das verloren geht, hat man das Gefühl, die Hälfte seines Lebens wäre fort, dabei muss man einige Dinge nur neu beantragen. Die anderen trägt man ja ohnehin in sich.


@343max, 31, Berlin Als ich fünf war, bin ich mit meinen Eltern in die Nähe von Moskau gezogen, das damals noch die Hauptstadt der Sowjetunion war. Wir haben nur dreieinhalb Jahre dort gelebt, aber diese Zeit hat mich geprägt. In der Schule wurden oft Heldengeschichten russischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg vorgelesen, und in dem Ort, in dem wir lebten, gab es kaum jemanden, der nicht auf irgendeine Weise unter den Spätfolgen des Krieges litt. Dass ich mich heute lieber als Europäer und Berliner fühle als als Deutscher, hat wohl damit zu tun, früh begriffen zu haben, was es eben auch heißt, Deutscher zu sein. Es war trotzdem eine schöne Zeit. Ich hatte viele Freunde, es war nicht weit zum Fluss, ich sprach sehr schnell fließend Russisch. Ich komme aus Berlin und wohne dort, aber es gibt eigentlich keinen Ort, der für mich Heimat in einem Sinne wäre, dass er meine Seele berührte. Vielleicht ist es dieser Ort in Russland; ich war seit 1987 nicht mehr da, aber wenn ich noch einmal dorthin käme, dann würde mich das tief bewegen, denke ich. Ich mache mir mehr Gedanken um Identität als um Heimat, und ich kann sagen, dass mir meine Twitter-Identität sehr wichtig ist. Wenn man früher bei langweiligen Partys mal vor die Tür gehen konnte wie zum Rauchen, um in einem Tweet sein Gelangweiltsein zusammenzufassen, das hatte immer auch etwas Befreiendes. Aber ist Twitter deswegen auch Heimat? Ich habe viele andere Identitäten, aber die bei Twitter ist besonders. Ich war sehr früh bei Twitter, als es noch ein Insidermedium war, ich habe viele Freunde hier kennengelernt und meine Freundin. In diesem Sinne kann Twitter ein Identitätsstifter sein. Aber ist es deswegen auch Heimat? Vielleicht ein bisschen. Dann jedenfalls, wenn man seine Heimat auch mal hassen darf.

@placetogo, 21, Bremen Vor zwei Jahren bin ich zum Studieren nach Bremen gezogen, aber eigentlich komme ich aus einem Dorf in der Nähe von Göttingen. In diesem Dorf war irgendwie jeder mit jedem bekannt, es gab das, was man als eine funktionierende Dorfgemeinschaft bezeichnet; es war ein Dorf, wie man sich eben ein Dorf so vorstellt. Ich habe mich dort nicht wohlgefühlt. Es ist in diesem Zusammenhang auch eine Übertreibung zu sagen, ich hätte in diesem Dorf gelebt; eigentlich habe ich dort mehr in meinem Zimmer gelebt. In gewisser Weise bin ich also aus meinem Zimmer nach Bremen gezogen. Meine Heimat ist, wo ich mich wohlfühle und wo ich sein kann, wie ich bin. Ich mag es nicht, mich verstellen zu müssen. Als ich nach Bremen kam, kannte ich niemanden, das hatte auch etwas Befreiendes. Mittlerweile ist das anders, aber wenn ich aus meiner Wohnung gehe, laufe ich nicht wie in diesem Dorf zwangsläufig jemandem in die Arme, der alles über mich weiß. Bremen ist meine Heimat, wenigstens im Moment; ich bade in dessen Anonymität. Ich sagte ja, dass ich es mag, mich nicht verstellen zu müssen, und deswegen bin ich bei Twitter ziemlich heimisch. Obwohl ein Ex-Freund über Twitter mit mir Schluss gemacht hat, na ja. Ich kann schreiben, was ich will, ich kann folgen, wem ich will. Und ich kann entscheiden, wer mir folgt und wer nicht. Ich mag die Großstadtanonymität, die man bei Twitter fortgesetzt findet, wenn man das möchte. Ich habe trotzdem Freunde hier kennengelernt, so ist es ja nicht. Ich habe mittlerweile mehr als 1000 Follower. Twitter ist auch ein kleines Ego-Pushing. Selbstdarstellung galore!


@formschub, 42, Hamburg, Berlin Meine Schwester und ich haben haben gerade das Haus unserer Großmutter geerbt, die vor einigen Wochen gestorben ist. Es steht in einem kleinen Ort im Harz, der Region, aus der unsere Eltern stammen, aber weder meine Schwester noch ich wollen das Haus behalten. Wir haben einfach keinen tieferen Bezug zu ihm, obwohl wir in den Schulferien früher oft dort gewesen sind. Ich bin schon früh in meinem Leben oft umgezogen, wegen des Berufes meines Vaters. Ich habe häufig die Schule wechseln müssen, zwei Mal habe ich zwei Jahre lang in Afrika gelebt. Vielleicht habe ich auch deshalb kein an einen bestimmten Ort gebundenes Heimatgefühl; wenn eine Heimat, dann eher eine Mentalitätsheimat, die nördliche Hälfte Deutschlands. Die Generation, die mit dem Internet aufwächst, macht Heimat wahrscheinlich generell mehr an Menschen als an Orten fest als unsere Eltern und Großeltern, das ist zumindest meine Vermutung. Twitter ist für mich nicht in erster Linie eine Heimat, ich würde eher sagen, es ist eine Ergänzung meiner Heimat. Ich habe meine Profilseite bei Twitter nach meinen Vorstellungen gestaltet, ich hab‘s mir ein bisschen schön gemacht, das gehört für mich dazu; denn Heimat ist ja immer auch dort, wo man sich wohlfühlt. Ich denke, Twitter kann beispielsweise für Menschen, die umziehen, eine Brücke in eine andere Stadt sein, weil es ermöglicht, persönliche Kontakte zu halten und schnell neue zu knüpfen. Durch die Begrenzung auf 140 Zeichen ist ein Tweet nicht viel mehr als ein Blitzlicht auf ein Leben. Sicherlich versuchen viele, sich zu verstellen, sich nicht allzu offen zu zeigen, aber auch das finde ich in Ordnung. Einige der Twitterer, denen ich folge, würde ich trotzdem gerne kennenlernen. Mich interessiert, wie tragfähig die virtuelle Schnittmenge zweier Twitterer für die Begegnung im richtigen Leben ist.

@Mlle_ Amandier, 25, Hildesheim Heimat ist für mich weniger ein fester Ort. Heimat ist ein Gefühl von Geborgenheit. Ich bin oft umgezogen, und mittlerweile spüre ich Heimat dort, wo ich Freunde habe, wo ich von Menschen umgeben bin, denen ich mich öffnen kann, bei denen ich mich mit allem zeigen kann, was mich ausmacht. Für mich ist Twitter tatsächlich eine Art Heimat geworden. Ich könnte sie virtuelle Heimat nennen, aber ich halte nicht viel davon, zwischen virtuell und real zu unterscheiden; hinter jedem Avatar verbirgt sich ja ein Mensch. Natürlich kann man niemanden allein über seine Tweets kennenlernen, aber letzten Endes erzählt doch jeder eine Geschichte über sich selbst. Wenn man nicht zu viel projiziert und sich bewusst mit dem Geschriebenen eines anderen auseinandersetzt, kann man einiges über ihn erfahren. Und wenn man wirklich neugierig geworden ist auf das große Ganze, gibt es ja Direct Messages, E-Mails, Telefonate, Treffen. Ich habe über Twitter mal von meiner erfolglosen WG-Suche berichtet und war sehr von den herzlichen Reaktionen überrascht. Menschen, die nur meine gebloggten Texte und meine Tweets kennen, haben mir dabei helfen wollen, eine neue Bleibe zu finden, sei es in ihren eigenen Wohngemeinschaften oder denen von Freunden. Sie haben mir signalisiert, bei ihnen willkommen zu sein, obwohl sie mich kaum kannten. Das fand ich großartig. Ich mag es zu spüren, wenn Menschen sich Gedanken machen, bevor sie twittern. Ich versuche, mich auf diese Gedanken einzulassen und glaube, dass es meine Art zu denken weiterbringt, dass es mich vielleicht auch als Mensch weiterbringt. Als ich mich bei Twitter angemeldet habe, hätte ich nicht geahnt, was für intensive Gefühle ich einmal mit einem virtuellen Ort verbinden würde.


@Hemelwandelaar, 57, Hoofddorp/Niederlande Meine Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle, wo ich hinpasse, wo meine Meinung gehört, wo sie akzeptiert, nicht notwendigerweise geteilt wird. Es gab einen Zeitpunkt in meinem Leben, da habe ich mich in Deutschland nicht mehr zu Hause gefühlt. Ich lebe seit fast 24 Jahren in Holland, und vielleicht ist es an der Zeit, mal wieder irgendwo anders hinzugehen, ich weiß es noch nicht genau. Ich bin seit vier, fünf Monaten bei Twitter, am Anfang habe ich mich dort gefühlt wie ein Einwanderer. Ich kannte niemanden, ich kannte mich nicht aus. Ich habe mich gefragt: Was rufst Du jetzt hier rein? Es war wie in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht. Ich habe eine Art Einbürgerungsverfahren durchlaufen, ich habe mich an Twitter gewöhnt und Twitter sich ein bisschen an mich. Schon dadurch, dass man sehr schnell sehr viele Menschen kennenlernen kann, wenn man das möchte. Ich twittere meistens „Gute Nacht“ und „Guten Morgen“, wer will, mag darin erkennen, dass ich gelernt habe, mich ein kleines bisschen heimisch zu fühlen. Über Twitter lässt sich bestimmt ein gewisses Maß an Nähe herstellen, zwischen manchen meiner Twitter-Bekannten und mir fühle ich ein Band. Nicht wie im richtigen Leben, aber immerhin, ein Band. Natürlich ist Twitter wie so viele Orte im Internet ein Platz für verlorene Seelen, die Psychologin in mir macht sich darüber Gedanken. Für viele ist es eine Flucht, vielleicht eine Zuflucht, manche Tweets mancher Menschen lassen tief blicken. Oft würde ich das gern kommentieren, aber das ginge zu weit. Einige meiner Twitter-Bekannten würde ich gern im richtigen Leben kennenlernen, aber in Holland ist die Szene wesentlich kleiner und schlechter organisiert als in Deutschland. Demnächst soll in Amsterdam ein Treffen stattfinden. Ich könnte mir gut vorstellen, da mal hinzufahren.

@PaulLaub, 31, Freiberg Heimat spielt in meinem Leben eine große Rolle, so kann man es wohl sagen, ich habe oft darüber nachgedacht. Vor sechs Jahren bin ich von meiner Geburtsstadt Meißen nach Freiberg gezogen, und obwohl die beiden Städte nur 40 Kilometer auseinanderliegen, war der Umzug für mich ein großer Schritt. Ich habe lange niemanden hier gekannt, aber vielleicht hat das auch an mir gelegen. Wahrscheinlich ist es für mich so, dass ein Ort über einen längeren Zeitraum Heimat wird. Potenziell ist für mich jeder Ort der Welt Heimat, ich müsste ihm nur genügend Zeit geben, sich als solche zu entwickeln. Heimat ist meine Basis, von der alles ausgeht, an der mein Leben beginnt. Ich denke, es ist Teil des Lebens aufzubrechen, und man vergisst das Heimweh desto schneller, je mehr man sich Neuem zu öffnen bereit ist. Im Internet ist meine Homepage meine Heimat, sie ist mein Haus, das ich baue, aber das vielleicht niemals ganz fertig wird, das unvollendet bleibt. Twitter ist so etwas wie die Begrenzung des virtuellen Grundstückes, auf dem das Haus entsteht; Twitter ist ein Gartenzaun, über den hinweg ich mit anderen Menschen im Internet kommunizieren kann. Vor diesem Gartenzaun stehend, kann man in mein Haus schauen, aber man sieht immer nur eine Seite. Ich selbst kann entscheiden, wann und wie nah ich an den Gartenzaun gehe und in andere Häuser schaue, und mit wem ich spreche und mit wem nicht. Twitter ist ein wichtiges Medium für mich geworden; es ist so etwas wie mein Verbindungsmittel im Worldwide Web.


@bjoerngrau, 31, Berlin Wenn man im engeren Kreis kommuniziert, mit Menschen also, die man gut kennt, dann ist Twitter schon so etwas wie Heimat, zumindest wie Zuhause. Twitter vermittelt mir das Gefühl, verstanden zu werden, auch wenn ich über Abseitiges schreibe; es hat oft so etwas von Zusammensitzen und Erzählen. Wie in Cliquen, wie an Stammtischen, das ist ja auch eine Art Heimat. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben ein paar Freunde und ich zusammengesessen und über Heimat diskutiert. Was es ist, wo es ist. Wir kommen alle von woanders, wohnen jetzt aber in Berlin. Zunächst waren alle der Meinung, wir seien so lange hier, dass Berlin jetzt unsere Heimat sei. Aber je länger der Abend dauerte und je mehr Whisky wir getrunken haben, desto mehr kippten die Meinungen: Am Ende des Abends war Heimat für die meisten der Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen sind. Ich glaube, bei mir ist es mittlerweile nicht mehr so, ich fühle mich in Berlin besser aufgehoben als in dem Ort bei Stuttgart, aus dem ich komme. Ich glaube, ich passe einfach besser nach Berlin, ich mag die Offenheit der Stadt und ihre Menschen. Doch, ich höre gern die Sprachfärbung meines Geburtsortes und freue mich, wenn ich alte Freunde von dort treffe. Aber ich brauche diesen Ort nicht, um mich darüber zu freuen, ich treffe diese Menschen auch an anderen Orten; ich brauche vielleicht nicht einmal etwas, das ich endgültig als Heimat definieren muss. Berlin ist mein Zuhause, und das Einzige, das mir hier fehlt, ist die Vielfalt süddeutscher Backwaren. Twitter ist zu meinem wichtigsten privaten Kommunikationsmedium geworden. Es sind Freundschaften entstanden, die sich im richtigen Leben fortsetzen. Und ich bin Teil der TwitkritRedaktion. Twitkrit ist kein Twitter-Heimatmagazin, sondern wir versuchen, Twitter aus einer wohlmeinenden Distanz, aus dem richtigen Leben heraus zu hinterfragen. Ohne es dabei zu überhöhen.

@litchi7, 37, Berlin Wenn alles normal gelaufen wäre, käme ich aus Berlin, aber dann bin ich doch in Würzburg geboren. Wir haben an vielen Orten gelebt, ich kann nicht sagen, dass ein bestimmter Ort für mich Heimat ist. Ich lebe in Berlin, und es gefällt mir hier, aber es ist mehr eine Station als eine Heimat. Meine Heimat ist dort, wo meine Eltern sind, Heimat hat für mich viel mit Zurückgehen zu tun, mit Kindheit, mit Jugend. Twitter ist mir eine geistige Heimat, es bietet eine Art geistiger Geborgenheit. Ich habe in meinem richtigen Leben enge Freunde, die mit meinen Geistesblitzen manchmal überfordert sind; nicht intellektuell, sie denken nur in anderen Strukturen als ich, was ja ganz normal ist. Bei Twitter finde ich Menschen, die meinen Humor ziemlich genau teilen, die Groteskes erkennen, wo ich es erkenne. Die in der Lage sind, Alltag pointiert abzubilden. Ich finde mich da manchmal wieder, das ist gute Unterhaltung. Ich denke schon, dass die meisten Tweets etwas über die Menschen sagen, die sie schreiben. Sie zeigen einen Teil von ihnen, vielleicht nur eine Facette. Es mag einiges Pose sein, diese ganzen Schlechte-Laune-Tweets an Montagen zum Beispiel. Trotzdem glaube ich zu erkennen, dass es bei Twitter Menschen gibt, die mir ähnlich sind. Und deswegen ist Twitter für mich tatsächlich so etwas wie Heimat.


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@spreequell Regina Hapel aus Berlin. Twittert seit dem 10. JULI 2009. Geboren in Berlin. Immer gezeichnet. Physik eher nicht so dolle. Grafikdesign-Studium. Werbeagenturen. Werbeagenturen gehasst. Selbstst채ndig. Dekorationszwang. Beachvolleyball immerzu. Erdnussbutter passt zu fast allem. Locken sind schwer zu pflegen. Freundschaften auch. reginahapel.illustration.de


Vorgestern kam mir Herr Kosin wieder entgegen. Er hatte seine Post geholt. Es war noch sehr früh und er hatte offenbar mit niemandem gerechnet. Nur widerwillig grüßten wir uns.


Ich wohne in

einem keinesfalls besonderen Haus...

...es ist ein Altbau, aber schmucklos, sogar etwas verkommen. Die Wohnung ist günstig und hell. Ich wohne in Kreuzberg. Im Hinterhaus. Zum Glück ist der Hof nicht ganz geschlossen. Ich sehe Bäume und viel Himmel. Ich wohne im dritten Stock. Ich weiß, dass meine Familie das Haus nicht angemessen findet. Sie wünscht sich mir etwas Mondäneres, feineres, weniger armseliges.. Aber ich bin glücklich.

Herr Kosin wohnt im Erdgeschoss. Seine Wohnung ist komplett mit schmutzigen Decken verdunkelt. Er ist sehr scheu und geht mit Einkaufswagen einkaufen. Diese stapeln sich im Hof. Mehrseitige Briefe der Hausverwaltung werden wohl daran nichts mehr ändern. Herr Kosin hat keinen Hals.

Tachchen!

Herr Büsum hat von Herrn Kosin gelernt, daß man seine Wäsche im Treppenhaus trocknen kann. Die Wäsche stinkt sehr, weil sie uralt ist. Nach verbranntem Kot mit süßlichem Waschpulver. Man berührt die Wäsche, wenn man vorbeimöchte.

Im ersten Stock wohnt Herr Büsum. Er ist stets feuchtfröhlich gutgelaunt. Ich hab selten so ein verquoll’nes Gesicht gesehen.

N’Tag! Herr Kosin ist zwanghaft. Nachts sortiert er wütend die Mülltonnen: Plastikmüll in die Gelbe Tonne, Pappe ganz raus, Blumen in die Biotonne. Tüten entleeren. Das macht Lärm. Daneben seine Einkaufswagen.

Er mag Schlagermusik...

„Alles Gute!”

Ich wohne im dritten Stock. Gut zu wissen, daß (nur) Till über mir wohnt. Er ist Toningenieur & hört gute Musik. Er sieht sehr gut aus! Von ihm habe ich „Fat Freddy’s Drop” ...Wir brennen uns ab und zu CDs.

Sein Neffe wohnt bei ihm. Auf 40qm! Der Neffe ist im Knast gewesen, hat jede Menge Tattoos und wenig Zähne.

Till hört oft sehr laut Musik. Das stört mich überhaupt nicht. Ich mag es, wenn die Bässe in den Wänden brummen.

Als ich neulich an meinem Geburtstag nach Hause kam, lag eine DVD von Fat Freddy’s Drop auf den Schuhregal.

Und dann ist da noch der Taubrich. Jeden Abend landet er auf dem niedrigen Dach gegenüber, gurrt einmal und schaut zu mir rüber. Zumindest rede ich mir das ein.

Er heißt Kolumbus. Wegen des Rauschens der Bäume, wegen Kolumbus ,Till und Kreuzberg ist es schön, hier zu wohnen. @Spreequell


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at Holadiho

Stephan Noller aka @holadiho (www.beimnollar.de) ist als sog. „Bub“ im Allgäu großgeworden. Deswegen musste er sich früh mit Texten und geschlachteten Schafen beschäftigen, sowie Industrieruinen. Von verstockten Allgäuern umgeben entwickelte er außerdem früh einen Hang zur Robotik. Aus diesem Grund betreibt der Bub heute die Firma nugg.ad in Berlin. Überhaupt Berlin und Allgäu. Ihn scheint die Haltung der Unfreundlichkeit und vorgehaltener Kälte magisch anzuziehen. Eine Tante aus dem Bergdorf ging seinerzeit zum Studieren nach Berlin und kam als Lesbe zurück. Er twittert seit dem 12. November 2007.


Heimatloser Nazi / Der Waldfestplatz

Kürzlich bin ich bei Frau Hess eingekehrt. Sie besitzt ein schönes altes Bauernhaus oberhalb von Bad Hindelang in einem bayrischen Tal. A urige stuabn, Weißbier, Brotzeit. Und alles irgendwie unter Hitlers Segen. Freunde haben in dem Haus früher ein gut gehendes Restaurant betrieben, das war toll. Nur am Hess-Geburtstag ist man nicht hingegangen, weil da dann doch recht viele braune Stiefel den Dielenboden der stuabn bevölkerten. Die Leute trafen sich auch einmal im Jahr auf dem Waldfestplatz. Ein Festplatz im Wald. Es wurde Weißbier gereicht und SchuhplattlerGruppen boten sich dar ebenso wie Tanzgruppen in historischen bäuerlichen Gewändern. Hätte dem Hitler auch gefallen. Wir hingen da als Kinder immer nur rum, weil es Möglichkeiten gab, sich was abzustauben. Dann fiel natürlich oft die unvermeidliche „fu weam bisch Du“- Frage. Vermutlich hat die Hess dem neuen Restaurant-Mieter auch diese Frage gestellt. Das Waldfest war ansonsten eine Eindringveranstaltung, weil es eigentlich mein Wald war, wo das stattfand. Meine Zufahrtsstraße. Überhaupt mein Gebiet. Ich hatte mehrere Baumhäuser im Umkreis von ein paar Kilometern und durchstreifte das Gelände übers Jahr professionell mit Pfeil und Bogen. Meine Heimat also, bevölkert von schuhplattlernden fu weam bisch Du- Fragern. Und da gab es Hubert (mit „p“ gesprochen), Michi


und Leo natürlich. Hubert und Michi waren die

Ganz überraschend. Hatten sogar ein paar andere

Freunde aus dem Oberdorf, der eine Sohn des

Kumpels aus dem Dorf mitgebracht, nur den Leo

Innenausstatters, der mit den schweren Gardinen und

nicht. Wollten mich verprügeln weil ich mich ja wohl

mysteriös endlagernden Teppichen im Schaufenster,

für was Besseres hielte mit Gymnasium und so. Die

vor dem nie einer stand. Der andere Sohn des stolzen

feinen Kerle. Wir standen uns an der Bundesstraße

Lebensmittelladens

dem

gegenüber und brüllten uns an mit diesen ungelenken

Hang. So mit bling-bling, wenn man zur Tür reinkam

Männergesten, die wir ja fast nur aus Filmen kannten.

und Grüas Gott. Hubert war der Held, weil er oft

Mein Bruder an meiner Seite, der Held. Michi und

gute Sachen zuhause hatte, an die man randurfte,

Hubert auf der anderen Seite.

abgelaufenes Zeug, Joghurts und so. Wir waren so

Politische Heimat

miteinander. Verbrachten alle Zeit. Hubert und ich

Der Moment, wo Du erfährst,, was der andere wählt.

waren eine Zeitlang wohl auch mal verliebt. Ich wohnte

Nicht selten ähnlich tiefgreifend und unverrückbar im

ja im Unterdorf, da wo die Zuagreisten lebten, deshalb

Ergebnis wie der erste Sex. Kann voll danebengehen.

kam ich immer hoch zu denen. Ach ja Leo. Leo war

Oder dich binden wie kein anderer Satz. Wo man

der Feind, Bauernsohn, der Stärkste in der Klasse.

politisch steht. Hat wenig mit aktuellen Debatten oder

Triezte mich gerne, weil ich ja Fremder war und im

anstehenden Wahlen zu tun. Vielmehr mit der Welt

Unterdorf lebte. Ich war natürlich mit diesem Scheiß-

unserer Eltern, der gefühlten Heimat in Ihren Herzen.

Pazifismus erzogen und wehrte mich immerfort mit

Dem Wunsch ihnen doch irgendwie bei allem Scheiß

Worten und Versuch einer Haltung. Irgendwann dann

nahe zu sein und … nachzueifern. Weil man irgendwann

durfte ich mit alten Klamotten in die Schule und

nach langem Bohren rausgefunden hat, was die wählen.

mich mit ihm prügeln. Oh, war das gut. Wie ich auf

Und ein bisschen später vielleicht auch warum. Und

den Anlass gewartet hatte. Wie ich zuschlug. Blut

dass etwas dahintersteckt, was man sonst kaum sah

auf beiden Seiten, danach war Ruhe für den Rest der

in dem tristen Familienalltag mit Campingurlaub und

Grundschulzeit.

Geldsorgen. Dass die mal irgendwas geträumt haben

In den letzten Tagen – als klar war, wer aufs Gymnasium

offenbar oder überraschend doch auch andere Dinge

gehen durfte und wer nicht – kamen Hubert und Michi

denken konnten als Hausfinanzierung und Karriere-

mich übrigens dann doch im Unterdorf mal besuchen.

Vorbereitung der Kinder sowie aller Welt immerfort

schräg

gegenüber

auf


irgendwie gefällig sein. Sich jemandem politisch nah fühlen, egal wie schematisch, oder vielleicht gerade, wenn ausreichend schematisch, war also ein Heimatgefühl in der Traumwelt der Eltern oder einfach in der Hoffnung, dass diese wenigstens irgendwann vor der Totalaufgabe mal so eine Traumwelt hatten. Bevor das mit den Kindern kam und so. Als würde man einen Auftrag haben und hätte jetzt einen Verbündeten gefunden. Politische Heimat auch als stille Übereinkunft der Unmöglichkeit von Heimat, der Notwendigkeit von Utopie, Wachhalten, bei den Träumen bleiben. Ein Code, der mit wenigen Zügen Übereinstimmung in den wichtigsten Dingen sicherstellen kann. Als käme man grad von einer Konferenz, auf der man zwei Tage nur über Lebensentwürfe, Gerechtigkeit und den Schmerz gesprochen hätte. Das Gefühl, dass kaum was passieren kann, weil der Referenzrahmen stimmt. Keine Deutschen unter den Opfern Blut und Boden. Heimat als Algorithmus. Betroffenheitsmessbecher. Wer kennt es nicht. In den Nachrichten wird über Katastrophen berichtet. Betroffenheit. Dann kommt der Satz „unter den Opfern sollen auch Deutsche sein“. Oh mein Gott! Deutsche unter den Opfern? Oder sind es doch nur Afrikaner, Asiaten oder irgendwelche kurdischen Hochzeitsgäste? Puh. Wie ekelhaft ist dieser Mechanismus und wie tief ist der eigentlich?


oder mit Bonnern drin vs. wenn eines in Burkina Faso

wäre und nicht immer auch irgendwo gespeichert,

runterkommt, ist nicht gleich, gell? Schon ein bisschen

gebackuped und geblackburied. Aber auch so halb

schlimmer in Bonn. Das sehen auch die Zeitungen

und ungar, wie Heimat eben sein muss, wenn überall

so. Und die Ermittler. Und die Konsequenzen für die

die Nazis lauern. Unter dem Deckmäntelchen eines

Sicherheit. Und die Beileidbezeugungen. Und die

Spiels, einer Medienente, eines Hypes. Twitter ist

Schweigeminuten. Was für ein ekelhafter Dreck.

eine Bruchstelle, an der Licht eindringt, das Licht vom

Da lass dich ruhig nieder: twitter

anderen Leben, von Menschen, die humorvoll, liebevoll

Oh, sind wir schon am Herzen? Heimat ist wohl wenn

und immer sehr nahe sind. Aber auch ausblenden,

überhaupt Sprache, Verbundenheit im Nichtsein und

fertigmachen, one click to unfollow. Härte. Falschheit

dem Schmerz darüber, in der Sehnsucht natürlich,

und Simulation. Auch twitter ist ein Waldfestplatz.

in den unsagbaren Dingen und dem Wunsch, alles

Aber ich habe meine Baumhäuser drumherumgebaut.

wachzuhalten, was einen eines Tages zu einem machen

Familie

könnte, der Heimat definiert. Twitter ist unfertig

Familie ist der schwierigste Nazi. Weil sie wichtig ist und

und ein ziemlich schlechtes Kommunikationsmittel.

Not tut. Weil sie viel Scheiß aushalten kann, viel mehr

Wird gelesen, was man schreibt? Wer liest es? Es

als alles andere. Ist aber auch die größte Quelle von

ist unfassbar viel unzuverlässiger als alle anderen

Falschheit und Kaputtgehen vermutlich. Das Ganze für

Kommunikationsmittel, die wir haben. Es fällt häufig

die Kindertum. Das für die Nachbarntum. Das für die

aus. Es liefert dms in die Timeline. Es löscht Follower.

Schuletum. Warum hast Du nicht angerufen? Wohin

Und dennoch ist es so vollgepackt von Heimatenergie

gehst Du? Muttertag. Vatertag. Sackhüpfen.

wie kein zweiter Ort. Weil es Wege verkürzt. Ins

Aber halt auch der wichtigste Versuch, Heimat mit

Herz treffen kann. Weil es ein per se utopischer Ort

auf den Weg zu geben. Der nicht zu schließende

ist. Also kein Ort. Nur das Gefühl einer Nähe und

Krater, wenn da was schiefgeht. Das Ein- Leben- lang

Unmittelbarkeit. Auch das Gefühl, wie das Leben sein

Hinterherrennen, um alles wieder ins Lot zu bringen.

könnte, wenn viele Mechanismen nicht mehr greifen.

Die Anrufe bei der Mutter.

Wenn Kommunikation wild und unkontrollierbar


Taxi fahren

Zuwendung zu den Büschen, Blumen und Bäumen

Die 20 Minuten auf dem Rücksitz, alleine mit

durch sie, die Wirksamkeit, das Knacken. Wir haben

dem müffelnden Fahrer. Eingebettet in schöne

die Kraft. Unmittelbarkeit und Spürbarkeit von

vollkommene Notwendigkeit. Das Telefonieren. Das

Arbeit. Geschafftsein am Abend. Die Schönheit einer

Plaudern mit dem Fahrer, wo man sonst nie plaudern

Pflanzung. Zugehörigkeit zu einer Kaste. Profession.

würde. Die stille, fast liebevolle Übereinkunft über das

Mit den Stiefeln, der Armeehose und der Rosenschere

Schweben zum Zielort und das Schweigegelübde, das

war klar, wie der Tag lief und was zu tun war. Alle Leute

über allem liegt. Der Film am Fenster, all die sinnlosen

sollten Zugang zu Rosenscheren haben. Container mit

Gewerbegebiete und Einkaufsmärkte, die Schilder.

Rosenscheren nach Afrika.

Aber auch die Klarheit der Verhältnisse. Wenn der

Wir sind nicht angetreten für eine Heimat verdammt

Fahrer sich als Nazi erweist, wird der Name notiert

Ist Heimat ein Nazi. Heimat. Wofür es sich nicht lohnt

und die Zentrale angerufen. Dann ist er seinen Job los.

zu leben. Erstarrung, Schematismus. Sich einkuscheln

Unfollowed. Wenn er klingelt im Morgengrauen mit

und Milchkaffee trinken. Müll trennen. Heimat ist

laufendem Motor, wie ein abstrakter Freund, alles nur

Angst. Die schönste Kraft ist für mich der Kampf gegen

darauf abgestellt, diesen leichten Auftrag auszufüllen.

sie, das Kotzen auf sie, das Knie in Ihrer Magengrube.

Wenn man in der Radikalität eines fremden Ortes

Und letztlich McDonalds. Nirgends ist Heimat näher.

reinfällt in seinen Wagen und sofort umhüllt ist von

An wenigen Orten ist die Gesellschaft offener, können

Sicherheit und Zielfindung.

Menschen jeglicher Couleur sich niederlassen, ohne

Rosenschere

angestarrt zu werden, ist weniger Ideologie, schick

Roter gummierter Griff, Sicherung, bananenförmiges

sein wollen und Kulturspießerei. Nirgends isst man

Messer. Zwei sehr glückliche Jahre habe ich verbracht

entspannter mit Kindern. Wie wir mal in Athen nach

mit einer solchen Schere stets an meinem Bein

3 Wochen frittiertem und ölsuppigem greek salad in

baumelnd in den weiten Taschen der Armeehose.

die Filiale gestürzt sind, als sei es eine Kirche. Begrabt

Wenn man sie vergessen hatte, ging man zurück,

mein Herz in der Nähe der nächsten McDonalds-

um sie zu holen. War sinnlos loszuziehen sonst. Die

Filiale.


RM ii pt p cK hr ea nu t 60


HÄH?!?

ZUTATEN

Ein vom Leben gelangweilter Koch hat uns mal

- Weißkohlblätter (ca.6-8 Stück)

erzählt, Rippchen mit Kraut, „Des isse gepökelt

- japanischen Sushireis (für 2 Personen 250g)

Stück Fleisch uff Sauerkraut im Topp gedünstet, was

- Schweinefleisch (Minutensteaks) (2 Filets)

anneres gibts nitt.“

- Pfeffer

Das kann man so sehen, aber man kann auch alles

- Salz

anders machen. Das hessische Nationalgericht haben

- Sojasoße

wir inzwischen in allen erdenklichen Variationen zubereitet. Es wurde molekular verarbeitet, es gab den Rippchen mit Kraut-Burger, wir servierten

- Bambusmatte zum Sushi- Rollen

Rippchen mit Unkraut, Rippchen mit Kraut als Suppe,

ZEIT

etc. Heute haben wir passend zum Japan-Special das

Zeit: 20-30 Min

Thema mal japanisch zubereitet. Es geht alles.


MACHART

MACHART

1. Das Schweinefleisch in Sojasoße, Pfeffer

7. Auf der Bambusmatte die blanchierten Kohlblätter

und Salz marinieren

auslegen, dann eine Schicht Reis darüber legen und

2. Reis im Reiskocher oder im Topf kochen

zum Schluss das Fleisch in gewünschter Menge in die

3. Topf mit Wasser zum Kochen bringen

Mitte platzieren.

4. Fleisch in einer Pfanne mit Butter kurz braten

8. Die Matte ganz fest zusammenrollen

5. Wenn das Wasser kocht, Weißkohlblätter

9. Die fertige Rolle wenn nötig mit Zahnstochern

ca. 5 Min blanchieren

fixieren, ansonsten in gewünschte Größe schneiden

6. Fleisch aus der Pfanne nehmen und in feine

10. Fertig!

Streifen schneiden Tipp: Sojasoße als Dipp und etwas geriebenen Ingwer als Beilage sehr zu empfehlen!


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私 の 家 日 本


Meine Damen und Herren, leider findet unsere Reise an dieser Stelle ihr Ende und es ist Ihnen nun wieder gestattet das Magazin von vorne nach hinten weiterzulesen. Wir hoffen, Sie hatten genauso viel Spaß am “Japanspezialteil” wie wir und haben eine Menge Eindrücke und Schafe mitgenommen. Weitere Informationen und alle deutschen Texte finden Sie auch auf unserer Homepage unter www.royalkomm.de.

御列席の皆様、 残念ながら、私たちの旅は、 最後にはこの時点で行われま すし、またあなたの 続きを読む前から、雑誌に戻 ることができた。 我々は多くの楽しみとしての 日本の"特別な部分では"と希 望を私たちが 数量の表示回数や羊の駅。 より詳細な情報と、すべての ドイツ語のテキストも見つけ ることができます私たちの ホームページ www.royalkomm.de 。

[さよ う な ら ] 終了時に


Man kann es kaum glauben, doch das ist Deutschland! Sie sehen hier den Nordpark in Düsseldorf. Seit 1975 kann man dort den wunderschönen japanischen Garten bewundern, der sich über 5.000 qm erstreckt. Japanische Gemeinden und Firmen haben ihn den Düsseldorfern als Zeichen besonderer Verbundenheit geschenkt. Dieser “Park der Besinnung” wurde von den japanischen Gartenarchitekten Iwakii Ishiguro und seinem Sohn Shojiro eigens für Düsseldorf entworfen und ist damit einzigartig. Alle 4-6 Jahre reist ein japanisches Gärtnerteam aus Japan an, um nach dem Rechten zu sehen. Jeder Baum und jede Blüte hat hier eine tiefere Bedeutung. Egal zu welcher Jahreszeit hat dieser Garten etwas ganz Besonderes, das jeden zum Träumen und Abschalten einlädt.

1つのほとんどは信じることができるが、 これはドイツだ! ここには、北公園にしている デュッセルドルフ。 1975年以来ですが、 美しい日本語 感心するの庭園は、 5,000平方メートル を超えています。 日本の企業や自治体は、デュッセルドル フの印として彼がいる 特別な贈り物に結ばれています。 この公園のこの”反射”によって作成さ れた日本語 庭アーキテクツIwakii石黒Shojiroデュッセ ルドルフと彼の息子のために特別に そしてユニークなデザイン。 すべての4-6年後に、日本からの順序で日 本語庭師チーム旅行 権利を見ることができます。それぞれの ツリーを、それぞれの花に深い意味を持 つ。 何があって、シーズンがあります この庭園はかなり 特に、すべての夢のために招待していま す。


16. Einmal in der Mitte falten und umdrehen 17. Den Kopf von innen rausziehen 18. Schnauze einfalten und Ohren nach hinten falten, Hinterteil zusammenfalten 19. Rücken etwas in Form bringen 20. Fertig!

一度の展開となる中

頭の中から取得する

鼻や耳の奥に展開、背中の部分を 畳む

⑳ Mähh

h...

何かの形に戻る

鼻や耳の奥に展開、背中の部分を 畳む


11. Den weißen unteren Teil nach vorne loslösen 12. So muss es aussehen, dann umdrehen 13. Hasenohr falten (entlang der langen Seiten nach innen falten, kleine Ecke einfalten) 14. Oben die Beine ausfalten, unten die Beine eindrücken 15. Die Hinterbeine eng anlegen

白の下の部分を解決するに進む

耳の展開:小さな内側側面に沿って 長い角を折る内側つ折り

それを確認する必要がありますを好 転させる

完全に上に表現、脚、脚を下げる

後ろ脚をしっかりと作成


6. Einmal in der Mitte falten, die geöffneten Seiten nach außen falten 7. Nach unten falten und umdrehen 8. Ecken nach innen falten 9. Talfalte: Ecken nach innen einklappen 10. Ohren falten

1回途中で展開 オープン側の外側を畳む

コーナー展開対内

ダウンを好転させる展開と

順番にプラグインを内側

耳を畳む


1. Die helle Seite muss nach oben zeigen. Das Papier in Sechstel falten. 2. Seiten nach innen falten. 3. Ecken nach hinten falten. 4. Seiten nach hinten falten und umdrehen. 5. Die Ecken des unteren Papiers so weit es geht nach hinten falten.

物事の明るい面上に顔をする必要が あります. 6番目の紙で折られる

内側展開

奥には、展開プラグイン

リアの展開となる

に折り畳まれた紙の下のコーナーに戻 る今のところは


折り紙


の手順

羊を囲いに


Wir testen in der Agentur japanische Lebensmittel auf ihren Geschmack. Es werden einige interessante Erfahrungen in Sachen Algen und Fisch gemacht, und wir stellen fest, dass Asiaten und Europ채er doch einen ganz unterschiedlichen Geschmack haben. Also Augen zu und Mund auf!


究極の テスト を食べ る

私たちは日本の食品検査庁の味 藻類や魚とは、いくつかの興味深い経 験をしている 我々はアジア人とヨーロッパ人を見 つけるのが非常に異なる 味。ので、自分の目や口を閉じる!


Bunte Regale säumen die engen Gänge des Supermarktes (oben links). An der Fischtheke gibt es täglich frischen Fisch, einmal in der Woche werden sie auch mit Fisch aus Japan beliefert (oben rechts). Mitarbeiter und Chef des japanischen Supermarktes (untern rechts).

カラフルシェルフ(左)トップは、スーパーマーケ ットの狭い通路が並ぶ 新鮮な魚、魚では、毎日のようにカウンターがある1 週間に1回、彼らがも 日本の魚(右)上からの供給に チーフスタッフと日本の安全保障スーパーマーケッ ト(右下)


In den deutschen Supermärkten kann man eine große Auswahl an Biersorten finden. In Japan gibt es weniger Biersorten, dafür aber unglaublich viele Sojasaucen. Auch in SHOCHIKU gibt es mehrere Regale an Sojasaucen, die sich nicht nur in der Marke, sondern auch im Geschmack unterscheiden.

ドイツのスーパーマーケットではビールの大規模な選択を見つけることができますすることができます。日本で は、ビールの種類少ないですが、醤油がたくさん。また、松竹では、ブランドの醤油だけではいくつかの棚だけで なく、味が異なっている。


Wie im Japanurlaub fühlt man sich, wenn man den Supermarkt von Herrn Heok auf der Immermannstraße in Düsseldorf betritt. Lauter fremde Schriftzeichen zieren die Wände und Lebensmittelverpackungen. Hier kann man fast alles finden, was das japanische Herz begehrt. Das Produktangebot geht von Mangabüchern, DVDs, frischem Zitronengras, Algengebäck, eingelegtem Gemüse, Geschirr und Bier bis zu Putzmitteln. Auf verhältnismäßig kleiner Fläche kann man in dem sehr gut sortierten Laden auf Entdeckungsreise gehen. Seit 18 Jahren gibt es den Supermarkt SHOCHIKU nun schon, und bereits in den 90ern war er einer der größten Vertriebe mit der vielfältigsten Produktauswahl. Nicht nur die typischen Instantsuppen stehen hier zum Verkauf, auch eine frische Gemüsetheke und eine gut sortierte Fischtheke lassen japanische Feinschmeckerherzen höher schlagen. Die zwölf Mitarbeiter von SHOCHIKU sorgen immer für ein ordentliches Erscheinungsbild und eine gute Kundenbetreuung, so wie es die japanische Regel verlangt. Während der Mittagsstunde betreten viele junge japanische Mütter mit ihren Kinderwagen den Laden und finden mit ein paar gezielten Blicken die Babynahrung. Zur Belustigung der Kleinen ist an der Wand ein großer Fernseher angebracht, der japanische Trickfilme zeigt. Als Deutscher kann man hier Stunden verbringen und sich all die bunten Regale anschauen. Noch vor zehn Jahren hatte er nur ca. 5% an deutschen Kunden, doch heute sind es bereits 25% der Deutschen, die sich in den japanischen Laden trauen. Viele scheinen wegen der fremden Schriftzeichen und des Japanischen, das hier gesprochen wird, etwas unsicher zu sein. „Die meisten deutschen Kunden sind Geschäftsleute, die schon einmal in Japan waren und bereits mit dem japanischen Essen vertraut sind“, erzählt Herr Li, ein Mitarbeiter. Obwohl die Belegschaft und auch die Geschäftsführung aus Korea und anderen asiatischen Ländern kommen, japanisch versteht hier jeder, und auch die Produkte sind ausschließlich auf Japaner ausgerichtet. Zwischendurch betreten Gruppen von deutschen Jugendlichen den Laden. Sie scheinen nicht zufällig den Supermarkt betreten zu haben, zielstrebig suchen sie die Süßigkeiten- und Eisecke auf. Gekleidet sind sie im Harajukustyle. Schleifen, Haarspangen, Plateauschuhe, Hundehalsbänder, verrückte Rockkreationen und Oberteile kleiden die Mädchen. Japanische Geschäftsmänner bahnen sich den Weg durch die schmalen Gänge bis an die Fischtheke, um sich Sushi „to go“ zu kaufen. Das bunte Treiben und das Gewusel der Mitarbeiter lässt einen vollkommen vergessen, wo man eigentlich ist, nämlich in Deutschland. Dieser Supermarkt ist das absolute Muss für jeden, der gerne einmal richtig japanisch kochen will, wer ein frisches Sushi „to go“ essen möchte oder für alle die, die einen kurzen Urlaub in den fernen Osten wagen wollen.


休暇で日本では、と感じる場合、朴 氏は、スーパーマーケットで デュッセルドルフではいつも通りに 入る男。 ラウター奇妙な文字は、壁や食品包 装を飾る。ここで ほとんどすべての場合は、日本人の 心の欲望を見つけることができま す。は、製品範囲は マンガ本、 DVDを、新鮮なレモング ラス、海藻ビスケット、漬物、 料理とビールを洗浄剤。 比較的小さな領域では、とてもよく 在庫のショップで見つけることがで きます 発見の旅。 18年には、スーパーマーケット松竹 され、現在90台で 彼は最大規模の販売代理店の中で最 も多様な製品を選択している。 販売だけでなく、インスタントスー プなど、典型的なここでは新鮮な カウンタと野菜にも在庫の魚カウン タ日本語 文化愛好家の心より高速で勝った。 松竹は12の従業員は常にまともな 提供 外観と優れた顧客サービスを、日本 のルールとして 必要な。 昼食時には、多くの若い母親が日本 語を入力すると Pramsと少数の視線と一緒にお店を 見つけてベビーフードを監督しまし た。 壁には、子供の娯楽のための大きな テレビ適切である 変な日本語を示しています。 ドイツのようにすることができます クラスは、すべての色鮮やかな棚ウ

ォッチ。 10年も前にいた ドイツの顧客の松竹は約5 %が、今 日はすでに、ドイツ、日本のショッ プでは、道の25 %です。多くの人 が変な文字が表示されると日本のた めには、不確実なことが話さここに 何かをしています。 "ほとんどの顧客は、ドイツ、日本 では、すでに日本食に精通している されているビジネスの方々に慣れて いるしている"李氏のスタッフに語 った。スタッフは、韓国をはじめと するアジア諸国からの管理を日本語 と日本の排他的に誰もがここの製品 を対象としている理解しています。 ドイツの若者のグループの間に入力 すると、ストアを入力してくださ い。彼らは誤ってお菓子の棚に彼ら の意図は、スーパーマーケットを入 力して検索していないようだ。 彼ら原宿スタイルの服を着ている。 は、女の子のドレスヘアクリップ、 高いブーツ、犬の首輪、クレイジー ロック作品とトップ粉砕。 日本の企業人の男性が魚に対抗する ための狭い通路を、順番に沿って行 く寿司を通じて道を開くにしてくだ さい。 慌ただしさは、スタッフの喧騒とは 完全に忘れているが、実際に、すな わちにある ドイツ。 このスーパーは絶対しなければなら ない人たちも実際に料理をする気に されると、移動するには、新鮮な寿 司を食べたり、短い時間極東への旅 行のためのすべての愛を望むように やってみたい日本語。


日 た

SHOCHIKU ist ein Supermarkt auf der Immermannstraße in Düsseldorf, doch bereits von außen erkennt man, dass es sich hier nicht um einen typisch deutschen Supermarkt handelt. Japanische Werbetafeln stehen vor dem Eingang, und sobald man den Laden betritt, hat man das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Hier wird man vom Personal auf japanisch angesprochen und kann ganz ungestört in die kleinen engen Gänge des Geschäftes abtauchen – auf eine Entdeckungstour ganz auf japanische Art und Weise...


ス 日本の珍の ー パ ためのスー ー マ パーマー ー ケ ケット口

松竹デュッセルドルフ常に男の通りにスーパーが、すでに 外から見ることができますは、これではない、ドイツの典型的な スーパーマーケット行為。 日本の看板の入り口の前に立つとすぐに自分の店に入る 1つの別の国の雰囲気を持っている。 ここでは、スタッフの1つで日本語と非常に平静な対応ができる ことです 小さな店の狭い通路には、ダイビングツアー 非常に日本の方法を...

ッ ト


[への参加を歓迎す る日本の特別]

を開始する...


...möchten wir Ihnen gratulieren, dass Sie es verstanden haben, diesen „Japan-Spezialteil“ von hinten nach vorne zu blättern, ganz nach japanischer Manier! Hier werden Sie eine Menge interessanter Dinge lesen und vor allem sehen können... Wir als Heimatmagazin interessieren uns für das „Japan in Deutschland“, für Japaner, die Deutschland als ihre neue Heimat sehen, wie sie es hier so finden und warum es sie hier hergezogen hat. Wir besuchen mit Ihnen Herrn Heok in Düsseldorf, der dort seinen japanischen Supermarkt hat, testen einige japanische Leckereien und zeigen Ihnen, wo man hier ein kleines Japan findet, ohne 9370 Kilometer und acht Stunden Flug hinter sich zu bringen. Sie werden auf den folgenden Seiten zum Origamimeister ausgebildet und werden nicht nur unser Schaf Hyazinth falten können, sondern eine ganze baltimorische Schafherde! Also lassen Sie die Finger knacken und legen Sie los mit dem „Japanspezial“!.

...我々はこのことを理解すること を祝福したいと思います “日本特別パート” 前から後ろまでスクロールする 日本風! ここでは、上のすべての参照を読 むことができる面白いことがたく さん見つかります... 我々としては、家庭雑誌に興味が ある “ドイツ、日本で” 、日本 ドイツとしては、新しい家を見て どのようにそれはこことここにい る理由を見つけることができます 撤回している。 お客様Heok公園とデュッセルドル フでは、訪問 同社が日本のスーパーのがいる いくつかの日本のお菓子や詳細試 す どこにすることができますここは 少し日本、なし 9370キロと8時間のフライトに戻 る 置く 。 彼らは、次のページにしている 折り紙をマスターし、訓練されて いないことができる唯一のジャッ ク羊展開 ボルチモアが羊の群れ全体! ので、自分の指をクラックして開 始させてください”日本”スペシ ャル!


す べての をグーグ 通訳を介 用いただ


のテキスト ルの翻訳 してご利 けます!


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ド イ ツ 私 の 家


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at elsebusch heuer kuck ucksei Schriftstellerin, Oberflächenbeschreiberin, kolumnierend, rezensierend,

essayierend, häufig frierend, „Mama of Twitter“ (JoSilberstein), mediales Multitalent (Sachsen-Sonntag), „unermüdliche Gladiatorin des echten Alltags“ (Spiegel online), „Die Unvermeidliche“ (Heiner Müller), „Die Pornografin“ (Marcel Reich-Ranicki), „Strahlende Rosette des Geistes“ (Sibylle Berg), „Enzian der Bildung“ (Sibylle Berg) „Sächsischer Wirbel-wind“ (dpa), „Wandelnde Wortgewalt“ (Sandra Maischberger), Hühner-herzenfresserin, Stummfilmverschlingerin, Heidenröslein-Singerin (Kunstliedfassung und Volksliedfassung), Autoritätsverweigerin, Wannen-baderin, Nicht-AutoBesitzerin, Nicht-Abschminkerin, ausgemachter Partyschreck, Kinderschreck, Pflanzenschreck, Haustierschreck, Namensverwechslerin, Gegen-GlastürenRennerin, passionierte Mittelfingerhochhalterin, Prosecco-aus-Dosen-Trinkerin, Ex-Praktikantin, Ex-Wetterfee, Ex-Hindu, Ex-Sabine, Ex-Ehefrau sowie Meisterin des beherzten Rosenschnitts sowie der Kompostierung. Else Buschheuer ist seit dem 3. April 2009 bei Twitter.


man kann nicht leben in einem sinatra-song in leipzig tragen viele leute „i love new york“-shirts. in new york aber trägt kaum jemand ein „i love leipzig“-shirt. man trifft auf beiden kontinenten dicke menschen, denen fritten aus den ohren hängen, aber mit den einen ist man dann eben blutsverwandt. da sitz’ ich also in new york. abgebrannt. abgekämpft. hässlich vor lauter selbstbehauptung. wir schreiben . . . was schreiben wir eigentlich? hochsommer 2005. vier jahre hab’ ich mich durchgewurschtelt. von romanvorschuss zu romanvorschuss, von bleibe zu bleibe, von date zu date, und mehrmals durch alle demütigungsrituale der homeland security. meine haare sind kurz. meine schuhe sind flach. mein konto ist leer. mein heldenzettel ist voll: den 11.9. 2001 überlebt, den großen blackout 2002 überlebt, in einem krishna-tempel gewohnt, von white-trashschlampen, denen ich miete schuldete, mit kampfhunden gejagt. zwangsräumung,

drogenschießereien vor der tür, polizei in der wohnung. ratten fraßen meinen proviant, kakerlaken liefen nachts über mich. einmal schnitt ich mir eine glatze, weil es sowieso egal war. und immer halb illegal, immer auf der flucht vor dem hausmeister, immer jemandes „cousine“. draußen nicht saufen, drinnen nicht rauchen, nicht wahlberechtigt, nicht arbeitsberechtigt, bloß nie beim sex im washington square park erwischen lassen. zu hause: was ist das? wo ist das? warum hab’ ich das nicht? warum wollte ich das nie? stattdessen die ständige umzieherei, das „schrobschrobschrob“ mit meinem rollenkoffer, treppauf, treppab durch den moloch und seine katakomben, all die ansichtskarten, die ich an die heimat schicke, auf denen ich schwärme, wie hoch die häuser sind, wie einzigartig das licht, wie multikulti die menschen, all die new-york-klischees, die klingen wie ein sinatra-song. das problem ist, man kann nicht leben in einem sinatra-song. keine sau kann leben

in einem sinatra-song, nicht mal sinatra. in new york zu leben, ohne millionär zu sein, das ist wie gegen den wind zu pissen. wie es mich ankotzt, dieses gitternetz der straßen, in denen die luft steht, immer zu kalt oder zu heiß, immer muffig. wie ich es satt hab’, das jaywalking, durch hastende gestalten, die styroporbecher balancieren und aussehen wie im werbespot von benetton. dieses bekiffte how-are-you-todayhoney. rattenkolonnen. nölige martinshörner. regenschirme, die beim ersten windstoß verrecken. zähe new yorkerinnen, die hinter glasscheiben an fitnessgeräten zupfen. verkrustete obdachlose mit nagelneuen nikes. zuckende hiphopper. dickhalsige cops. automaten, die nach meiner social-security-nummer fragen. und an jeder straßenecke lauert ein gregor-gysi-double. wie hab ich das so lange ausgehalten? wie halten es die anderen deutschen hier aus? schließen greencard-ehen mit al bundys, wühlen in kleiderspenden, essen in suppenküchen, überleben


ich erwache aus einem fiebertraum von illegalen putz- und burgergrill-jobs. warum gehen wir nicht nach hause, wo wir familien haben und dispokredite und eine krankenversicherung und barbara salesch und hartz vier? weil wir uns schämen. weil wir keine „quitter“ sein wollen. weil wir nicht scheitern wollen wie susan stahnke in hollywood. der gedanke ist unerträglich. sie sollen uns weiter beneiden, die kleingeister, die sich in kleinkarierten kleinstädten an kleinscheiß berauschen. wir bleiben! und wenn wir anschaffen gehen für einen lumpigen heimflug im jahr! nur um zu erzählen, dass wir auf dem spielplatz im west village sarah jessica parker gesehen haben. nur um „bei uns in downtown manhattan“ einzustreuen oder „wie sagt man gleich auf deutsch?“ kein wort darüber, dass wir manchmal drei tage an einer kokosnuss für 1 dollar 99 essen, dass wir katzen sitten, obwohl wir katzen hassen, dass wir uns fensterlose kellerlöcher mit wildfremden studenten aus wisconsin teilen. kein wort davon. jedenfalls hock’ ich in little india, lexington und 30. straße, „nur einen katzensprung vom empire state“, wie ich vor meinen deutschen freunden herumgeprollt habe. zwei koffer

in der untergemieteten wohnung, zwei weitere im storage, ein computer, ein drucker. in zwei wochen muss ich aus der wohnung raus, in vier wochen ist mein geld alle, und ohne greencard (abgelehnt!) stehe ich vor einem ernsten aufenthaltsproblem. das ist die situation. aber weg aus new york? dem schmelztiegel? dem big apple? new york – was ist das eigentlich? eine schimäre. eine fata morgana. eine fixe idee. das gibt nur keiner zu. und bin ich nicht zu alt für die scheiße? bin ich nicht wie hans albers in „große freiheit nr. 7“, der immer sagt „ich kann morgen wieder anheuern“, aber er heuert nicht an? und dann passiert es. der ganze new-york-schmompf fällt wie ein grind von mir ab. ich erwache wie aus einem fiebertraum. ich fühle mich wie jemand, der seit zwanzig jahren verheiratet ist, nur weil tante ulla auf der hochzeit gesagt hat: „das mit euch wird nie was!“. tante ulla ist tot. sudden death of tante ulla. ich reich’ die scheidung ein. meine scheidung von new york. ich werde zurückgehen nach deutschland. immerhin bin ich vierzig. da sucht man die wurzeln. da schließt sich der kreis. aber wohin in deutschland? in berlin habe ich zu viele leichen im keller. münchen ist zu bussibussi, hamburg zu cool, köln zu

schwul. vielleicht leipzig? leipzig fühlt sich aus 6000 kilometern entfernung exotisch an. die musik-stadt. die buchmessestadt. mutter der leipziger schule. die stadt mit den schönen namen: strohsackpassage, barfußgässchen, auerbachs keller, specks hof. die stadt, wo die hübschen mädchen an den bäumen wachsen. und ich bin ja von dort. und ich wär’ nicht allein. neo rauch ist doch auch zurückgegangen. masur hat dort noch sein haus. die sänger von rammstein, tokio hotel, den prinzen – alles leipziger. leibniz war einer, liebknecht war einer, bach sowieso. leipzig, yep, da geh’ ich hin. zwei wochen später, wir schreiben spätsommer 2005, bin ich in leipzig, in der innenstadt, zwischen altem rathaus und blechbüchse. ich habe einen job gefunden, mit regelmäßig kohle, beim fernsehen. ich sitze im nieselregen, lese in der leipziger volkszeitung über bedeutende menschen, von denen ich noch nie hörte, und bestelle in einer mediterranen fressbutze „gefühlte champignons“. überall wird geraucht und getrunken, und es hängen viele würste herum, wie im schlaraffenland, sehr viele würste, die sich bis in meine träume ranken werden.


das ist also leipzig. sowas wie heimat. zwanzig kilometer von hier bin ich geboren. hundert meter von hier kriegte ich meinen ersten kuss. ich weiß gar nicht mehr, von wem. robby? timo? maik? das war in einem anderen jahrtausend, in einer anderen gesellschaftsordnung, in einem anderen land. am leipziger hauptbahnhof, der mit der taubenverdreckten räuber-und-gendarm-ruine meiner kindheit nichts mehr zu tun hat, kaufe ich eine new york times. blättere. stutze. na also. trendsetter, ich. leipzig ist aufmacher im reiseteil! die heldenstadt, city of the heroes. leipzig, mein leipzig. ich möchte luftküsse werfen. die euphorie ist einseitig. hab’ ich wirklich gedacht, leipzig veranstaltet ein feuerwerk zu ehren meiner rückkehr? niemand kennt mich. niemand schätzt mich. niemand will mich. in den ersten wochen werde ich abgestoßen wie ein fremdorgan. ich kuckucksei. selber schuld. warum hab’ ich mir den stallgeruch in den weltmeeren abgewaschen? „du mit deinem new york“, sagt ein alter schulfreund genervt, und ich verstumme. „gehen sie doch zurück in das land, wo man striche macht“, rät eine postbeamte, weil es mir nicht gelingen will, zur deutschen haken-eins, zur deutschen balken-sieben zurückzukehren. ein zeitungsmann antwortet, als ich ihn mit jovialem „hi“ begrüße: „mior ham hior geen hai.“ leipzig verwirrt mich. es wimmelt von mundartkabaretts. die straßenbahnen scheinen sich gleichzeitig in alle richtungen zu bewegen, wie im film „sunrise“ von murnau. auf den straßen wird gebaut und gerempelt, und wenn ich bei rot rübergehe, hagelt

es belehrungen. die angolaner, die ich nach dem weg frage, erschrecken ob der ungewohnten ansprache, und als ich einer passantin „schicker hut!“ zurufe, huscht sie weiter, als hätte ich ihr ein obszönes angebot gemacht. leipzig ängstigt mich. nachts ist es dunkel und gruselig. in new york hab ich mich nie gefürchtet, nicht mal in der south bronx. im clara park, der grünen lunge leipzigs, verirre ich mich sogar. ist mir im central park nie passiert. leipziger küche sei „sophisticated and delicious“, schreibt die new york times. im „restaurant am bayerischen bahnhof“ könne man zum beispiel tolle schweinshaxe (pork knuckle) essen. mir steht der sinn nach sachen, die ich in new york nicht kriegen konnte. ich kaufe in der „gaufhalle“ kohlrabi, bautzener senf, mittelscharf, leinöl aus der lausitz, rotkäppchen-sekt, trocken, knusperflocken von zetti, spreewälder gewürzgurken und den guten „leckermäulchen“quark, bückware zu ostzeiten. ach schau, in leipzig macht man mayo auf den bagel, der vietnamese vom „asia-snack“ bietet alternativ döner an, und nadine, verkäuferin am sushistand, weiß nicht, was sashimi ist. gut. ich will nicht hochmütig sein. ich will mich hier mal nicht wie ein besser-wessi benehmen. es ist noch nicht lange her, da wusste ich selber nicht, was sashimi ist. und überdies: war ich in new york jemals frei? ist freiheit nicht das hier? ist freiheit nicht auch, nicht zu wissen, was sashimi ist? ich rauche wieder kette. ich saufe, auch draußen, auch sonntags. im sommer mache ich fkk im cospudener see. mein lieber scholli! die leipziger sind nicht so etepetete wie die new yorker, die einen vorm knutschen drei minuten mit listerine gurgeln

lassen. ich sammle neue alte vokabeln: schnipsgummi, gute stube, plastetüte, fruchtparadies, bohnenkaffee, amalgam, laminat, linoleum, bollorkarte, eingefrostet. ich betrachte streunende gruppen von skinheads wie eine aussterbende tierart. ich erschließe mir den öffentlichen nahverkehr. ich suche und finde eine wohnung, in der vier puertoricanische familien unterschlupf finden könnten. noch mögen mich die leipziger nicht zurück, aber das wird! jetzt bau’ ich mir erst mal ein nest. obwohl ich angst hab’ vor sachen wie mietvertrag, einbauküche mit durchreiche, hausratsversicherung, nasszelle, kaffe-service. mir graut vor einem briefkasten mit meinem namen drauf, vor blockwart, hausordnung, pop-ins. hier bin ich niemandes „cousine“. ich werd’ auch nicht, wie in new york, mit annie lennox verwechselt, sondern vielmehr permanent für mich gehalten. aber wer war das noch mal – ich? bin ich noch die, die ich als kind mal war? bin ich die, für die ich mich neulich noch hielt? bin ich für die wirklichkeit einer karstadt-kundenkarte geschaffen? ich beantrage ein telefon. vier wochen nix. ob das immer noch 15 jahre dauert? auto hat, glaub’ ich, sogar 16 jahre gedauert damals. in den überbleibseln meines jugendlichen hausrats, auf einem eilenburger hängeboden, finde ich meine anmeldung für einen „wartburg limousine“, bestellt in der ddr 1981, gleich nach meinem 16. geburtstag. den „wartburg limousine“ würde ich vermutlich inzwischen haben. shit happens. aber wie mache ich mir die leipziger gewogen? you just need to blend in, hat meine


ich will nicht hochm端tig sein


zimmerwirtin lydia in harlem gesagt, bevor sie mir riet, meine haare dunkel zu färben, um nicht mehr „schneeflocke“ gerufen zu werden. das ist der schlüssel. you just need to blend in. die gemeinsamkeiten muss der mensch betonen, nicht die unterschiede. nun hab’ ich blondierte strähnchen im leipziger retro-look. ich entwickle ein gisela-schlütereskes faible für deichmann-pumps und leopardenmuster. ich trage modeschmuck. und manchmal rock. ich bin dankbar, dass die leipziger mich aus der kruste geklopft haben. und die leipziger sehen, ich meine es ernst. sie sehen, ich möchte von ihnen lernen, möchte so sein wie sie. nix besseres. keine extrawurst. keine weltbürgerin. man trifft mich beim fleischer, beim friseur, im linienbus. warum nicht maln schwätzschn mit dem hausmeister? der mann aus dem küchenladen nimmt inzwischen meine pakete an. dem fliesenleger schenke ich die leckeren hallorenkugeln aus halle an der saale. ich entdecke den ossi in mir, in uns allen. nicht zu viel lebensfreude sollte man ausstrahlen, nicht mit erfolgen prahlen, keinen neid provozieren. auch nie einkaufen, ohne vorher die preise zu vergleichen. eintreten soll der mensch, eintreten, was das zeug hält. ich bin inzwischen mitglied der künstlersozialkasse, der techniker krankenkasse, einer videothek, eines fitnessclubs, bin inhaberin einer bahncard 50 prozent zweite klasse und nur noch einen steinwurf von der karstadt-kundenkarte entfernt. ich hab’ mir bongo-trommeln gekauft und nehme unterricht. ich belege den volkshochschulkurs „mit unbunten farben zu einem

strahlenden aussehen“. ich habe einen boyfriend... ähm... bartnor. das ganze programm. auf der liste der 100 wichtigsten leipziger belege ich laut bild immerhin schon den platz 101. ich bin stammkundin im schnapsladen am hauptbahnhof (leipzig ist schön. oder sauf ich mir leipzig schön?). ich hab’ eine stempelkarte beim galeriakaufhof-friseur. auf der karte sind schon neun stempel. noch einer, und ich krieg’ einen fassonschnitt frei. samstagfrüh um sieben hat sich der paketbote verbimmelt („vorpimmelt“). ich hab’ ihn reingelassen. und ein päckchen für meine nachbarin, frau lottke, angenommen. eine hand wäscht die andere, sagt frau lottke immer. sie ähnelt dem chinesen aus „frühstück bei tiffany“. in einem laden, der auf ddrprodukte spezialisiert ist, hab’ ich etwas gefunden. ein lila seifenbeutel aus dederon. da haben wir früher die westseifenreste reingetan, lux, fa, dove, alle durcheinander, um sie restlos aufzubrauchen. sonst kann ich mich an kaum was von früher erinnern. und meine wenigen erinnerungen scheinen dem entsetzlichen film „good bye, lenin“ entnommen, den ich in einem schrabbeligen programmkino in new york sah. die sachsen sind ein nettes völkchen. man darf sie nur nicht unnötig reizen, indem man ausländisch oder hochdeutsch spricht, das gesundheitssystem lobt, andere mit reiki behandeln will oder themen wie stasi und sed-vergangenheit anschneidet. man sollte keine beängstigenden kopfbedeckungen, sonnenbrillen, ansichten haben, nicht zusammenzucken, wenn jemand „überfremdung“ sagt und sich

nie, niemals mit dem eigenen arbeitgeber anlegen. ich steige inzwischen im taxi immer vorne ein, um den fahrer nicht zu kränken. ich entschuldige mich, wenn ich in einer budike nix kaufe. der weg zu besserung führt nach leipzig, las ich neulich auf einem plakat. ich bin felsenfest davon überzeugt. erst müssen wir vor unserer eigenen tür kehren, eh’ wir die welt verbessern können. zum beispiel bin ich viel hübscher geworden, seit ich hier wohne. das hat mit meinen wurzeln zu tun. und dass der kreis sich nun schließt. ich fürchte mich nicht mehr im dunkeln. ich verlaufe mich nicht mehr im park. ich sage nicht mehr „hi“, wenn ich ein geschäft betrete, sondern „dok!“ und gegessen wird, was auf den tisch kommt. ich hab’ neuerdings sogar telefon. und eine karstadt-kundenkarte. fehlt nur noch die marke für den aldi-einkaufskorb. es gibt bei aldi grad preisgünstigen rotwein, sagt frau lottke. australischen shiraz cabernet. ich soll ihr ein paar flaschen mitbringen. mach’ ich. eine hand wäscht die andere. in meiner guten stube heize ich immer tüchtig ein. an der wand habe ich new-york-motivtapete angebracht. es ist richtig gemütlich bei mir.

süddeutsche zeitung 2007


ich f端rchte mich nicht mehr im dunkeln


die Provo zeiih ung Wir predigen es seit Jahren, werden Sie so wie wir und Sie haben im Leben nur noch Funsorgen. Außerdem müssen Sie sich nicht mehr mit Müllbergen und fürchterlich gekleideten Menschen herumplagen, die sich am Fuße des 21. Jahrhunderts immer noch als Webmaster bezeichnen. Und wie soll das gehen? Lesen Sie selbst…

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Die Zukunft des Drucks ist rosig, aber nicht massenhaft. Zur Zeit erscheinen ca. 10.000 verschiedene Titel mit einer Gesamtauflage von 400 Millionen Exemplaren in Deutschland. Hinzu kommen Flyer, Broschüren und ähnliches. Du kannst es nicht mehr ertragen, denkt man sich manchmal angesichts der überquellenden Mülleimer. Kaufe ich mir eine Zeitschrift aus wissenschaftlichen Gründen, womöglich die Fachzeitschrift Page, dann nehme ich sie zuvörderst und schüttele sie über dem Papierkorb aus, reiße die dicken Pappwerbeeinlagen heraus, überblättere wenn möglich die Anzeigenseiten und versuche dann zu unterscheiden, was Redaktion und was Werbung ist. Es ist kaum noch zu unterscheiden. Es ist womöglich schon egal. Die Massen an gekauften redaktionellen Beiträgen sind da sozusagen die Schlachtbank der Printmedien. Gruselige Broschüren, die mit kruder Sprache und blödsinniger visueller Anmutung daherkommen, machen das Leben auch nicht reicher. Die klassische Imagebroschüre in all ihrer Trübnis und Feigheit ist in unseren Augen inzwischen der Abschaum der Menschheit, aber wenn sie nur eine marginale Veränderung in der Form und im Bild erführe, würde sie aufleben und könnte in Würde alt und grau werden. Das muss aber erstmal gemacht werden. Was ist zu tun? Da muss Vernunft einkehren, wo nur Angst und Bockigkeit regieren. Wir Designer müssen die Menschen ermutigen, neue Wege zu gehen. Der Print stirbt in trauriger Unzulänglichkeit, wenn wir nichts dagegen tun. Die Druckereien und Verlage heulen heute schon laut auf und vergraben sich in Herbeisehnen der „guten“ alten Zeit. Die gute alte Zeit ist aber neulich abgelaufen. Es gibt das Internet und die schier unendliche Reproduzierbarkeit von Printerzeugnissen, da hat sich was verändert. Und es ist ein Wunder, dass weltweit überhaupt noch ein einziger Baum verwurzelt in der Erde steht.

Und UND

Viele dieser Erzeugnisse kommen von sogenannten Internetdruckereien, die Flyer in absurden Auflagen zu sehr niedrigen Preisen anbieten, da bestellt man doch einfach mal 10.000 Stück Flugzettel für eine Veranstaltung, zu der nicht mehr als 50 Leute erwartet werden. Das Papier ist nichts mehr wert. Hohe Auflagen können getrost riskiert werden, zur Not wandert das Printprodukt halt in den Müll. Wir wissen es nicht mehr zu schätzen. Noch nicht mal den Fisch wickelt man heutzutage und hierzulande noch in Zeitungspapier ein. Aber zur Erinnerung: Das Papier kommt aus dem Wald und nicht aus dem Drucker. Laut dem Verband deutscher Papierfabrikanten liegt der Anteil von Altpapier bei Druck- und Pressepapier lediglich bei 36 Prozent (ohne Zeitungsdruckpapier). Der Rest muss dem Wald entrissen werden. Und an dieser Stelle beginnt ja spätestens der Kotzflash. Als die Volksdesignbewegung Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhundert den Prozess des Grafikdesigns mittels Programmen wie Corel Draw und WordArt mit hunzigen Entwürfen verwässerte, hätten die Designer aufmerksam werden müssen, doch statt zu handeln, feiert man sich in der eigenen Matrix weiterhin als unantastbar. Die Stundensätze für Grafikdesigner gipfelten in geradezu bizarren Unsummen, und hinten herum machten sich Hobbygrafiker daran, gruseligste Schriften mit krautigen Bildern zu kombinieren und bestimmten von unten herauf das Bild von Grafikdesign einer ganzen Generation. Genau diese Leute waren dann auch die ersten, die sich im Internet breitmachten, und so bekam das bislang bahnbrechendste Medium nach der Erfindung des Buchdruckes ein Gesicht von Laien. Viele Grafikdesigner wollen selbst heute noch nichts von Webdesign und den Möglichkeiten wissen, eine völlig andere Welt zu gestalten, die uns alle immer mehr bewegt und schließlich die Zukunft und die Gegenwart darstellt. Weiterhin wurden Massen von Printartikeln gestaltet und gedruckt.


Man wurde der Flut an bunten Zetteln und unmöglich

werden. Die Verdummung des Volkes hilft nieman-

gestalteten Heftchen und Broschüren überdrüssig,

dem, noch nicht mal dem Volk, und dem Designer

und als die florierenden Online-Druckereien der

letzten Endes auch nicht. Also haben wir uns gedacht,

analogen Branche auch noch das Wasser abgruben,

wir krempeln das jetzt von unten herauf nach oben

entschlossen sich die Meinungsmacher, dem Printpro-

auf. Wir schenken den Leuten etwas, das schlicht und

dukt einen nahen Tod anzudichten. Selbsterfüllende

ergreifend sagt, was wir können, ohne dass wir uns in

Prophezeihung galore.

Worthülsen verzetteln. Also haben wir mit dem Stijl-

Also ALSO

royal.Magazin das gemacht, was wir können und nun projizieren wir das auf die weite Welt. Die Idee, Dinge in angemessenen Auflagen, dafür aber hochwertig zu

Als wir 2006 zur Überzeugung kamen, doch noch

gestalten, ist nun das Wappen auf unserer Fahne der

neben unserer Website, ein schönes Printprodukt zu

Gestaltung. Wir reduzieren auf das Maximum.

produzieren, da waren wir uns schnell einig, dass die Imagebroschüre nicht Frage kommt. Es musste was neues sein, und natürlich musste es einigermaßen im Kostenrahmen unserer Möglichkeiten bleiben.

Denn DENN

Es ist ja nicht so, dass ein schönes Magazin in der

Was sollen wir schwadronieren, flehentlich, dass wir

Hand und auf dem Nachttisch als Nachtisch nicht was

Grafikdesign können, wenn wir es doch können? Also

Schönes wäre, und das kaputt-herbeizitierte hap-

blieb das Machen. Und wir wollten nicht untergehen

tische Erlebnis nicht doch eine große Rolle spielen

neben den Massen und dem ganzen Blödsinn auf dem

würde. Nur - dazu muss Qualität geschaffen werden.

Markt der Unerheblichkeiten. Natürlich wollten wir

So könnten im Rahmen neuer Vertriebswege die

die Gelegenheit nutzen und etwas Neues gestalten,

Auflage und die Erscheinungsweise auf den speziellen

das nur uns gehört. Wo der Störer nicht zwingend ist,

Moment reduziert werden. Statt wöchentlich mit einer

und auch nicht das Logo „das mir mal mein Neffe mit

Auflage von 100.000 in den Druck zu gehen, könnte

PowerPoint gemacht hat“ eingebaut werden muss.

ein Magazin einmal im Monat erscheinen, eleganter,

Schließlich müssen wir die Texte auch nicht für ima-

größer, haptischer Erfolg, mit dem was die Druck-

ginäre Leute schreiben, von denen gern behauptet

kunst im Stande ist zu leisten und mit einer Auflage

wird, sie verstünden das alles ja ohnehin nicht. Das ist

von dann vielleicht 20.000. Der Rest wird von Profis

der größte Graus überhaupt, die Angst der Szene vor

im Internet dementsprechend, nämlich passend und

dem dummen Kunden, der eigentlich nur verarscht

analog zum digitalen Medium, aufbereitet und dort

werden will. Der Einzelfall wird zur Allgemeinheit

publiziert. Sie wissen schon: akutell, zeitsparend, kos-

geredet, aber wirklich dumm ist nur der Berater, der

tenschonend, nah, überall abrufbar, zielgruppenori-

die Vorzüge seines Produkte nicht vermitteln kann,

entiert und so. Taschenbücher, Tageszeitungen, Fach-

und der Designer, dem nichts einfällt, und so (Alt-)

zeitschriften, bei denen es vor allen Dingen um die

Bewährtes präsentiert, weil der Prozess dann natürlich

Inhalte geht, müssen nicht mehr Ressourcen vernich-

weniger kompliziert erscheint. Gewohnheit ist schein-

tend produziert werden. Vielmehr könnten eReader,

bar einfach zu vermitteln. Doch Design und grafische

iPhones oder eBooks als Lesegeräte für Textinhalte

Gestaltung sprechen mit den Menschen, und die

herhalten und zum Beispiel ganze Jahresabos von

wollen doch den ganz Schmonz nicht mehr sehen. Die

Zeitschriften im Taschenformat mit sich herumtragen.

wollen doch gesalbt werden, sich ausruhen vielleicht,

Zudem ist das Internet quasi überall abrufbar. Sicher

erfreuen bestimmt und sicher auch mal gefordert

nicht für alle die Vorstellung von einer schönen, neuen


Welt: Man hat seine Musik, seine Korrespondenz,

selbst auf einem modernen Rechner mit moderner

Bücher, Zeitschriften, Tageszeitungen und womöglich

Internetverbindung noch genug Zeit bieten, stattdes-

noch sein komplettes Büro in einem einzigen Gerät,

sen das jeweilige Ladengeschäft aufzusuchen, um sich

und man kann soviel Musik, Bücher, Zeitungen und

vor Ort zu informieren. Eine Webseite ergibt eben

Tageszeitungen erwerben, wie man will, das Ding

nur dann wirklich Sinn, wenn sie innerhalb sinnvoller

wird einfach nicht schwerer. Die Freunde beim Umzug

Parameter bedienbar ist.

werden Ihnen ewig dankbar sein. Das ist die Zukunft, kurz angerissen.

Das Internet DAS INTERNET

Also ALSO

In erster Linie braucht eine Webseite Inhalte. Ausschweifende Texte werden im Internet nur selten

Zu den Werbeprospekten, mit denen unsere Brief-

gelesen. Im Internet wird zielorientiert nach Informa-

kästen Woche für Woche zu Stopfgänsen gemacht

tionen gesucht. Dementsprechend müssen diese auf-

werden, gibt es eine viel bessere Alternative. Diesel-

bereitet sein. Das lässt sich nur mit einer übersichtli-

ben Leute, die diese Blätter konzipieren, gestalten,

chen und benutzerfreundlichen Gestaltung erreichen,

die Druckadministration übernehmen, könnten exakt

einer Gestaltung im ästhetischen wie im technischen

den gleichen Content mit Hilfe eines Content Ma-

Sinne, die es erlaubt, die Webseite schnell aufzuru-

nagement Systems ins Internet stellen und pflegen,

fen, an möglichst vielen Endgeräten, Informationen

womöglich täglich, und bräuchten vielleicht nur die

schnell zu finden – und diese mit einem positiven

Hälfte der Zeit. Die Voraussetzungen hierfür sind

Gefühl wieder zu verlassen. Gleichzeitig muss eine

längst geschaffen. Content Management Systeme

solche Seite ständig mit neuen Inhalten gefüllt und/

wie das Dynamo Royal CMS können heute so an die

oder aktualisiert werden. Das lässt sich nur (kosten-)

einzelnen Webseiten zugeschnitten werden, dass

effizient gestalten, wenn die Webseite mit einem Con-

innerhalb einer halbstündigen Schulung jeder, der

tent Management System ausgestattet ist, das den

schon einmal am Computer einen Text geschrieben

Nutzer nicht durch unnötige Funktionen verwirrt und

hat, in der Lage ist, die Webseite zu pflegen.

ohne Mühe bedient werden kann. Nur dann ergibt

Inhalte INHALTE

Aber wie immer gilt: Man muss es richtig machen. Viele Unternehmen haben erkannt, dass man heute

alles überhaupt einen Sinn.

Sodann SODANN

Interessenten direkt Ansprechen. Mit Hilfe des soge-

ohne Webseite viel an Wahrnehmung einbüßt. Wen

nannten Predictive Behavioral Targeting lassen sich

ich bei Google nicht finde, den gibt es auch nicht.

mittels mathematischer Algorythmen und diverser

Was Internet aber genau bedeutet, was man damit

Messdaten aus dem Surfverhalten des Benutzers

jetzt genau anfängt, weiß – so scheint es – kaum einer

ausführliche Profile erstellen, mit deren Hilfe jedem

so recht. Und so werden unübersichtliche, überladene

Nutzer ein individuell zurechtgeschneiderter Content

Webseiten online gestellt, es werden im Backend Ty-

(und vor allem: Werbung) geliefert werden kann.

po3-CMS-Monster programmiert, die selbst innerhalb

Im Massenmedium Internet fühlt sich der Benutzer

eines großen Konzerns vielleicht nur eine Handvoll

so trotzdem noch als Einzelperson behandelt und

Mitarbeiter unter Valiumeinfluss bedienen können. Es

neigt eher dazu, Werbung in seinem Leseumfeld zu

werden überdimensionierte Flashseiten erstellt, die

akzeptieren. Auf diese Weise können nicht nur auf der


Schnatter popatter


eigenen Webseite dem Nutzer angepasste Werbein-

das selbst tun. Wir, die wir diese Welten gestalten

halte geboten werden, es wird auch immer einfacher

und Inhalte produzieren, aber auch unsere Freunde,

Werbung dort zu platzieren, wo sie tatsächlich auf

Bekannte, Verwandte, Kollegen, Kunden und Follower

Interesse stoßen könnte. Man muss niemanden mehr

innerhalb unser Zelle müssen angehalten werden, es

belästigen.

muss ihnen begreiflich gemacht werden, dass es ohne

Raum SINN

Vor allem aber gilt, das Internet als Organismus zu begreifen. Sicher fällt es jüngeren Menschen heute noch leichter, sich als Teil des Internets zu begreifen, wenn sie dort Inhalte abrufen und hinein stellen. Die richten

sie kein Internet gibt, weil der Begriff nur obendrein die physische Verbindung verschiedener Computer weltweit bedeutet.

Und also

Also wird es in einigen Jahren immer normaler, wenn

Termen an der richtigen Stelle, machen eine diesbe-

Menschen in U-Bahnen und Bussen sitzen und in

zügliche Kommunikation untereinander wesentlich

Lesegeräte starren, statt mit umständlich zurückgefal-

leichter, als wenn der Wenignutzer darauf besteht, die

teten Tageszeitungen zu hantieren. Die Frage, welche

Aktenordnerterminologie der späten 50er Jahre zu

Bücher man nun für den Urlaub einpackt, erübrigt

verwenden, wenn es um das Internet geht. Da werden

sich, wenn man einfach die gesamte Blibliothek

Daten immer noch vom Webmaster eingepflegt und

dabeihaben kann. Zeitunsabos via Wlan-Schnittstelle

nach dem Versenden eine E-Mail, nochmal durchge-

werden das normalste der Welt sein. Lexika und Wör-

bimmelt, um diese anzukündigen. Dann geht man ins

terbücher, Fach- und Schulbücher sowie Bücher und

Internet und ruft die Mail ab. Am besten mit einem

Magazine mit aktuellem Inhalt werden am Notebook

80486 und Windows 95 bei AOL. Gesurft wird mit

oder entsprechenden Lesegeräte gelesen werden.

dem Internet Explorer 5.5 im weltweiten Netz. „Ich

Übrig bleiben die hochwertigen gebunden Bücher,

geb‘ Dir mal eine Webadresse. Bist Du im Internet?“

durckveredelte Magazine, Bildbände und mittelfristig

„Jaaahhaaa, ich bin immer ‚im Internet.“ „Also… bist

auch Wandbehänge, Poster und Plakate. Der Besitz

Du bereit? Also: Weh Weh Weh Punkt…“ undso-

dieser Produkte muss wieder etwas Besonderes sein.

weiter. So unverkrampft kann das Internet sein. Und

Etwas, für das es sich lohnt, Bäume zu erlegen und

wenn ich zum Beispiel meinen Mitarbeitern URLs kurz

zu Brei zu verarbeiten. Das kann insgesamt etwas

via Skype übermittle, weil ich dann nicht auf einen be-

Schönes werden. Wie groß ist die Freude und die

sonderen Zeitpunkt der Aufmerksamkeit angewiesen

Aufmerksamkeit, wenn man dann in seinem Briefkas-

bin und auch nicht alle Dots und Unterstriche erklären

ten Werbung findet, die inhaltlich und optisch ihren

muss, werde ich kurzerhand für hochgradig internet-

Namen verdient. Es wirbt der Pfau und schlägt sein

süchtig und geisteskrank und somit als gerade noch

Rad. So wird es sein.

bemitleidenswert erklärt. Zu begreifen, dass das Internet ein gesellschaftlicher,

Die Zukunft kann genau jetzt beginnen.

in hohem Maße relevanter Raum ist, erschließt sich nur langsam. Doch dahin geht die Reise. Ein selbst-

Informieren Sie sich

verständliches Nutzen und Begreifen des Internets,

info@royalkomm.de oder 0611-89 03 89 55

seiner Möglichkeiten und seiner Nutzer muss das Ziel sein. Leider ist solcherlei von Seiten der Politik und ihrer Parteien kaum zu erwarten. Wir müssen


Sinn


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@Gebenedeite Bei Twitter seit 5. Juli 2007


Dich will ich loben: Hässliches, du hast so was Verlässliches. (Robert Gernhardt)

Zwei Türen weiter wohnt die Meerschweinchenfrau. Als ich eingezogen bin, hat sie mir jeden Morgen ihr Meerschweinchen unter die Nase gehalten. Sie stellte mir das Tier als Dora vor. Ich solle ruhig mal anfassen. Das war Dora aber offensichtlich gar nicht recht. Irgendwann war es wohl zuviel für das arme Ding, und jetzt lehnt die Meerschweinchenfrau immer alleine an der Brüstung des Laubengangs und starrt auf das Kopfsteinpflaster vor dem Haus. Meistens raucht sie. Im Sommer lässt sie die Wohnungstür den ganzen Tag offen stehen, als erwarte sie jeden Moment einen Besucher, vielleicht sogar einen Liebhaber, und sei nur noch kurz ins Bad, um ihre Frisur zu richten. Vor der Tür steht eine Wand aus ausgiebig getragener Garderobe, Dope und ein bisschen Verwesung. Die Meerschweinchenfrau hat mal in einer Fabrik gearbeitet, inzwischen ist sie in Frührente, erzählte sie mir mal, und ihr Blick fand an mir keinen Halt. Jetzt steht sie nur noch wegen der Medikamente so zeitig auf, dass sie mir morgens einen guten Tag und frohes Schaffen wünschen kann. Danach geht sie Likör einkaufen. Ich überhole sie auf der Treppe. „Guten Tag, wie geht‘s?“, ruft sie mir nach.

Der Pizzabäcker hat mir einen Zettel zugesteckt, auf dem steht, dass er Johnny heißt und mich liebt. Außerdem hat er noch seine Handynummer draufgeschrieben, damit wir uns bald treffen können. Wenn ich an der Pizzeria vorbeigehe, kommt er herausgeschossen, und wir führen das immergleiche Gespräch. „Kaffeetrinken?“ „Ochnöh.“ „Warum?“ „Keine Lust.“ „Andernmal?“ „Nein.“ „Kaffee und anschließend Massage.“ „Also, ich muss doch sehr bitten!“ „Morgen vielleicht?“ Der Hausmeister hat einen Haufen Restzähne im Maul und empfängt mich am Mäuerchen vor den Aschentonnen, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Da sitzt er und guckt die Aschentonnen an. Und guckt die Leute an, die vorbeikommen. Und guckt die Leute an, wie sie ihren Müll runterbringen. Und guckt den Müll an. Dass die ja nichts in die falsche Tonne werfen.


In der Waschküche darf das Licht, wie der Zettel an der Tür dem Wäscher in aller gebotenen Deutlichkeit mitteilt, nur während der Be- und Entladung der Waschmaschine eingeschaltet werden. Ansonsten nicht. Einmal, ich entlud gerade ordnungsgemäß die Waschtrommel und der Hausmeister war auf Patrouille, da erweckte der Lichtschein unter der Waschküchentür seine Aufmerksamkeit. „Die Scheißschlampe hat schon wieder das Licht angela...“ Die Tür flog auf. „Nein, ich bin‘s nur, die Fotze aus der Dritten.“ Der Einbeinige wohnt ein Haus weiter, da sind die Mieten noch billiger. Genau um halb neun morgens kommt er rüber, außer wenn es regnet. Den überflüssigen Teil seines Hosenbeins hat er sorgfältig an der Hüfte festgesteckt, damit die Bügelfalte nicht leidet. Nur weil er mit dem Hausmeister an den Aschentonnen rumhängt, muss er ja nicht gleich abgerissen aussehen. Wenn ich von der Arbeit komme, ist er immer noch da und kontrolliert, ob die Wölbung in meiner Einkaufstasche vielleicht von einer Flasche Schnaps stammt. Oder ob sich wenigstens ein Tetrapack Sangria durch den Stoff bohrt. Meistens schleppe ich aber nur Cola und Saft an. „Kauf dir mal was Richtiges!“, knötert er. „Nächstes Mal“, verspreche ich jedesmal. Dann nickt er, und ich darf weitergehen. Ganz genau eine Stunde, bevor die anderen die Nachtschicht an der Aschentonne eröffnen, geht der Einbeinige nach Hause. Der Rhythmus ist das Einzige, was ihn noch zusammenhält, sonst würde er aufplatzen wie ein altes Kissen, und Gott weiß, was dann passieren würde.

Das Neonazi-Arschloch ist vor ein paar Monaten gegenüber eingezogen. Das Neonazi-Arschloch ist groß und muskelbepackt und archaisch. Er hat eine Menge Neonazi-Freunde, die genauso aussehen wie er und sich nicht anders als gröhlend äußern können. Außerdem einen Gartenzwerg vor der Haustür und ein beleuchtetes Dekobärchen im Wohnzimmerfenster. Samstagvormittags treffe ich das Neonazi-Arschloch manchmal, wenn er den Yorkshire-Terrier seiner Freundin ausführt. Im Sommer finden bei schönem Wetter so ab zehn Uhr abends christianseneske Runden auf dem Mäuerchen statt, dann sitzen sie dort, der Hausmeister, der Einbeinige, das Neonazi-Arschloch und die Meerschweinchenfrau, die Frau aus dem Erdgeschoss ist vom Fensterbrett aus zeitweise zugeschaltet. Sie diskutieren über das mitgebrachte Bier, ob es noch kalt und reichlich genug ist, um die Nacht in Empfang zu nehmen, und ob Warsteiner wirklich besser ist als Krombacher. Meistens reicht es aber eh nur für Schloss. Beim Diskutieren vergeht die Zeit wenigstens, ohne dass man groß Notiz von ihr nimmt. „Wieso fährst du eigentlich nie weg?“ „Wieso sollte ich?“, antworte ich. „Ich habe doch hier alles, was ich brauche.“


@wikipippi nutellabrot. dachwohnung. mitte / untypisch. nicht 25. keine startup-tussi. kommunikationsdesigner. von werbung zu web. jung v. matt. springer & jacoby. pixelpark. schwimmen. rudelbildung. kunst. messie. #duweisstschon / bei twitter seit dem 22.11.2007

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Von Timbuktu

Wie es schon immer anfängt: Darmstadt. Ich muss

Royal Air Force damals im Dunkeln verfehlt hat. Drei

„Darmstadt“ sagen, wenn ich nach meiner Herkunft

dort verbliebene Jugendstil-Häuser erinnern an den

gefragt werde. Sofort denkt jeder an übelriechenden

früheren Glanz.

Brei, der sich durch zotteligen Pansen schiebt. Kein

Wir Darmstädter sind sicherlich alle sehr stolz darauf.

Wunder, dass ich perfektioniert habe, das Gespräch

Dennoch prägt mich weiterhin vorwiegend die

im Zweifel schnell auf Frankfurt zu lenken – die Stadt

Tatsache, dass ich aus einer Stadt mit Vorortcharakter

nebenan, die ich schon alleine deswegen oft ins

und einer weder kleinen noch großen kritischen Masse

Spiel bringen muss, weil die meisten zwar ausgiebig

an Bewohnern mit Verdauungsbefund komme, die auf

über „Darm“ lachen können, ansonsten aber keinen

ihre Poststempel lieber schreiben sollte: „Stadt der

blassen Dunst haben, wo die Stadt dazu beheimatet

Durchschnittlichkeit“.

sein könnte. Dass Darmstadt nach einem Rinnsal, dem „Darmbach“ benannt ist, das sich irgendwo

DURCHSCHNITTLICHKEIT

bedeutungslos durch die Felder schlängelt, ahnt erst recht niemand. Es ist auch alles dadurch keinen Deut

Wie entsetzlich – hätte ich doch etwas Aufregenderes

weniger peinlich.

wie Helgoland oder die Berge zu bieten gehabt, wo

Darmstadt muss damit leben, dass sich folglich nur

sich zwangsläufig abenteuerliche Geschichten um die

135.000 Menschen getraut haben, dort hinzuziehen.

größte Beachtung streiten. Aber Durchschnitt – das ist

Meinen Eltern war das mit dem Namen offenbar egal,

so Mittelfeldspieler. Oder Gangplatz. Oder 1,72 Meter

und so komme ich aus einer mittelkleinen Stadt oder

groß sein.

einem mittelgroßen Dorf, welches jeder, der schon

Durchschnittlichkeit. Das kam irgendwie nicht in

einmal da war, in erster Linie langweilig findet. Das

Frage. Als ich alt genug war, das zu merken, und noch

einzig Ruhmreiche an Darmstadt ist seine Jugendstil-

etwas älter war, um etwas zu tun, zog ich los. Erst

Vergangenheit, die als Statement einige Jahre per

von Zuhause aus, dann durch die ganze Welt. Zum

Poststempel in die weite Welt hinausgejagt wurde.

Durchschnitts-Heimat-Erbe gehörte für mich, eben

Der Hinweis war in jedem Falle nötig, denn der Zweite

diese möglichst oft und möglichst weit hinter mir zu

Weltkrieg hatte 1944 in einer halben Stunde alles

lassen.

in Schutt und Asche gelegt, was diesen Ruf jemals

Im Drang, den Heimatbegriff für mein Leben zu

begründet hatte. Sentimentale Jugendstil-Liebhaber

pulverisieren, füllte ich die folgenden zwanzig Jahre

besuchen Darmstadt trotzdem und hangeln sich heute

mit über hundert Reisen von Australien bis Timbuktu.

die Mathildenhöhe hinauf, den einzigen Ort, den die

Ich saß in afrikanischen Lehmhütten in Gambia,


mit riesigen Spinnen in Containern im australischen, 50 Grad heißen Outback, auf Malaria- und Bilharziosebedrohten

Nil-Dschunken

oder

in

jordanischen

Wüstenzelten im Wadi Rum und wirklich – fast – in Timbuktu. Auf dem Weg dorthin grillte ich mit meinem damaligen Freund 14 Stunden in einem überfüllten klapprigen Zug ohne Fensterscheiben, ohne Klo, im Gang kauernd, Hühner auf und neben uns und pinkelnde Kinder, deren Pipi unter meinem Rucksack durchsickerte. Timbuktu haben wir nicht ganz erreicht auf dieser Reise. Aber das Gefühl, Darmstadt weit hinter mir gelassen zu haben, das hatte ich gründlich geschafft. Dennoch:

Reisen

enden

irgendwann

mit

einer

Flugzeuglandung auf heimatlichem Boden. Und wenn ich nach vielen Wochen mit bunten Geldbündeln und lustigen Alu-Münzen zum ersten Mal wieder fünfzehn Mark im Flughafenbus hingelegte, schnappte die Heimat erneut nach meinen Knöcheln. Also weiter. Ich studierte in Paris, zog für meinen ersten Job nach Hamburg, später in ein winziges Dorf am Main (erst in einen Pferdestall, dann in eine alte Grundschule), ging für eine Firma nach London und dann weiter nach Berlin. Zwischenzeitlich bewohnte ich drei Wohnungen gleichzeitig, besaß viele Koffer und noch mehr Freunde, und irgendwann wieder weniger Freunde, weil ich ja immer weg war. Dazu weiterhin all die privaten Reisen. Postkarte an John, Postkarte von Mary, Souvenir aus Namibia, Reisetagebuch über Vietnam.

UND DANN WAR ICH PLÖTZLICH KAPUTT. Nach zwanzig Jahren Leben „mit Dauerkick“ quoll ich über vor Erlebnissen, war aber innerlich leer wie ein ausgehöhlter Baumstamm. Ein befremdlicher Zustand. Zu voll und zu leer gleichzeitig. Ich gehörte nirgendwo hin, und am allerwenigsten gehörte ich zu mir, ich war sozusagen vor mir selbst verreist. Die Darmstädter Wurzeln waren gründlich herausgerissen, aber nirgendwo wieder eingepflanzt worden. Ich war erfolgreich heimatlos geworden.

ICH ÄNDERTE ALSO MEIN LEBEN. Ich machte einfach mal nichts. Ich setzte mich in Berliner Cafés und guckte Löcher in die Luft. Jeden Tag. Fünf Monate lang. Danach war ich reif für die Klapse. Fünf Monate Löcher in die Luft starren, das hält wirklich kein Mensch aus. Somit musste ich wieder einen Ortswechsel vornehmen und verbrachte sieben Wochen im Kreis von anderen Durchgedrehten. Mit einem interessanten Fazit: Von all meinen Trips war das mit Abstand der unterhaltsamste und abenteuerlichste. Ein Ort, wo man in jeder Sekunde genau so sein durfte, wie man sich gerade fühlte. Das war echt. Das war lustig, traurig – und es war wahnsinnig entspannend.


Nach Balkonien Paulo Coelho hat sich die Mühe gemacht, das für mich

habe für mich einfach das „raffinierte“ Rumlungern

zu beschreiben („Veronika beschließt zu sterben“).

erfunden. Es findet innen statt. Es ist ein unsichtbares

Doch anders als Veronika wurde ich wieder ins richtige

Ausruhen – in den kleinen Momenten genau so wie

Leben ausgespuckt. Was ich nicht wollte. Ich wich aus

mitten im prallen Leben. Manchmal besteht es

und setzte mich mitten im Winter vier Wochen alleine

darin, auf einer Riesenparty innezuhalten und alles

auf ein Hausboot auf das ausgestorbene Rügen. Kein

wie einen tollen Film an sich vorbeiziehen zu lassen.

Kick, keine Leute. Dafür Natur. Ruhe. Und ich. Ach ja:

Manchmal heißt es, einen Menschen anzuschauen,

ICH!

statt ihm zuzuhören (bringt ohnehin 70% der Inhalte, wie Kommunikationsstudierte wissen). Und es besteht

ÜBERRASCHUNG

darin, Momente wahrzunehmen, die total winzig und gesellschaftlich

bedeutungslos

und

unbesonders

Ich war irre glücklich, diese vier Wochen. Diese

sind. Ich muss dafür nicht mehr nach Asien reisen. Und

Schlichtheit der Tage trieb mir ein Leuchten ins

wenn ich es doch tue, wie diesen Januar, dann sitze ich

Gesicht, welches ich abends im Spiegelchen meines

da herum und gucke aufs Meer.

schwimmenden Heimes anstaunte und daraus den formidablen Schluss zog, dass mir das mit dem

ERFÜLLUNG IST EINFACH

Nichtstun liegt. Gestatten, meine neue Leidenschaft: Rumlungern. Grundsteinlegung Rügen, 2006. Ein

Es geht nicht um die Jagd nach dem Kick für die Flucht

neuer Lebensabschnitt.

vor dem Durchschnitt. „Schneller, höher, weiter“ ist

Und das ist kein Witz. Es gibt seitdem dieses Vorher-

ein Prinzip, welches uns in größtmöglichen Abstand

Nachher in meinem Leben. Das Vorher fand ich ganz

zu Gelassenheit und Entspannung bringt. Das zeigt

gut. Viel rumgekommen, Karriere bestritten und in

sich ja auch daran, dass wir nicht in Schlafanzügen

Berlin angekommen. Das Nachher finde ich besser.

auf die Straße gehen dürfen (mein heimlicher Traum),

Ich komme immer noch rum, ich arbeite weiterhin, und

sondern vorher an uns herumfummeln und draußen

ich wohne immer noch in Berlin. Aber all das fühlt sich

dann toll gelaunt, mega-erfolgreich und voll lustig

ganz anders an als früher. Erfüllter. Entspannter.

daherkommen müssen. Ich lache ja selbst so gern.

Rumlungern

bedeutete

für

mich

nicht

den

Aber am liebsten doch über Witze von Leuten, die sich

kompromisslosen Wechsel in den totalen Stillstand.

dabei gerade relaxt zurückgelehnt haben.

Wahrscheinlich würde auch niemandem, der mich

So kann mit dem Prinzip des raffinierten Rumlungerns

kennt, dieses Attribut als erstes zu mir einfallen. Ich

eine simple Zugfahrt nach Wiesbaden mit drei


Menschen, die sich #duweisstschon03 Sätze in ihre Handys schreiben, so bereichernd sein wie eine Reise durchs wilde Kurdistan. Gemeinsam im Abteil herumliegen und sich bewusst machen, dass man gerade etwas total Sinnloses tut, ist über alle Maßen entspannend, sehr erheiternd und bleibt für immer in Erinnerung. Es ist einfach nicht wichtig, was wir machen, sondern vielmehr wie wir es machen. Mit mir kann man offenbar inzwischen ziemlich gut rumlungern, da sich immer wieder Leute bereit erklären, genau das mit mir zu tun. Ich vermute die geheime Anziehungskraft meiner Hollywoodschaukel bzw. meines gemütlichen Riesensofas zu kennen, auf dem man einfach nur „sein“ darf und nicht dauernd was sagen muss. Auf dem man in geselliger Runde einnicken kann, ohne dass sich gleich einer beschwert. Und wo man warmen Pudding bekommt, den jemand fürsorglich bereitet und mitgebracht hat. Solche wertvollen Momente sind für mich heute Glück. Ankommen und sich zu Hause fühlen. Nach zwanzig Jahren und hundert Reisen ist Heimat heute also etwas ganz Kleines für mich. Zum Beispiel auf meinem Balkon.

ZUM BEISPIEL MIT EUCH


@riot 36

Katja Klein / Fotografin, Berlin Seit 14. November 2007 bei Twitter

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Heimat/Neukölln Irgendwer hat mal geschrieben: „Heimat ist da, wo ich geliebt werde.“ Das hat mich berührt und nachdenklich zurückgelassen. Heimat ist für mich kein fester Ort, auf jeden Fall ist das nicht der Ort, an dem ich meine Kindheit verbracht habe, denn dort gab es nicht viel Liebe, sondern vor allem Enge und Intoleranz. In Berlin ist das anders. Hier finde ich für mich seit bald 20 Jahren Akzeptanz und Freiheit. Ich kann alles so machen oder sehen, wie ich das will – es ist schon okay. Nach langer Kreuzberger Zeit bin ich vor einigen Monaten umgezogen. Mein neuer Bezirk heißt Neukölln. Von Heimat kann nur bedingt die Rede sein. Alles ist fremd und faszinierend. Toleranz gibt es hier in rauen Mengen. Ob ich jetzt im Cocktailkleid oder im Morgenmantel rumlaufe, interessiert eigentlich niemanden. Aber ich fühle mich manchmal etwas verloren auf den Straßen, auf denen schon um neun das zweite Sterni geöffnet wird, während eine Neuköllnerin im Tschador mit Abstand ihrem Mann folgt. Auf denen es nach dem besten Schawarma riecht, die du jemals essen wirst. Und nach Erbrochenem. Auf den Straßen, die mich noch nirgendwo hinführen, weil ich hier noch kein Stammcafé und keine Lieblingsbar gefunden habe. Umso wichtiger ist für mich das Nach-Hause-kommen. Meine Wohnung ist sehr heimatlich, denn hierher kommen mit meiner Erlaubnis nur Menschen, die mir Gutes tun. Die weißen, leeren Räume sind genau der Gegenpol, den ich im Chaos Neukölln brauche; hier lärmen nur meine Punkplatten, hier riecht mein Essen, hier ploppen meine Korken, leuchten meine Blumen. Der Rest: Ruhe. Auch eine Heimat. Und wenn ich dann alleine mit der Freiheit am Küchentisch sitze, denk’ ich: Heimat ohne Fremde, das gibt es wahrscheinlich gar nicht.


In B erlin ist das anders


@JoSilberstein Marlon Gego

Twitterer seit dem 11. Mai 2009 ZWEI DÖRFER, EINE STRASSE / ZWISCHEN MITTELMEER UND MENSCHWERDUNG. EINE ERINNERUNG IN DREI KAPITELN I EIN DORF IN DER VULKANEIFEL / II EIN DORF IN FRANKREICH / III EINE STRASSE IN DER PROVINZ 148


Fried gehörte zweifellos zu diesen Menschen, derentwegen das Wort „Dorftrottel“ erfunden worden ist, bei allem Respekt war Fried nicht anders zu bezeichnen. Ich kann mich nicht daran erinnern, Fried je ohne Gummistiefel gesehen zu haben, vermutlich saß er in diesen dunkelgrünen, immer mit trockenem Schlamm überzogenen Stiefeln auch vorm Weihnachtsbaum. Morgens fuhr er im Dorf die Zeitungen aus, und wer bis dahin noch nicht wach war, wurde vom Nageln seines Vorkriegs-Traktors geweckt. Die Zeitung kam nie zur gleichen Zeit, die Morgenlektüre des ganzen Dorfes richtete sich nach Frieds Alkoholkonsum am Abend zuvor. Kam die Zeitung früh, war er halbwegs nüchtern geblieben, kam sie spät, hatte er im Gemischtwarenladen seiner Mutter übernachtet, zwischen Haushaltsschürzen, Kühlregal und geleerten Bierflaschen. Das Geburtshaus meiner Mutter steht in einem Dorf in der Vulkaneifel, das inklusive Neubaugebiet 900 Einwohner hat. Es steht gegenüber dem Grundstück, auf dem Fried ein paar Kühe und Schweine hielt und auf dem seine Mutter diesen kleinen Gemischtwarenladen betrieb. Wenn meine Eltern ohne mich verreisen wollten, wohnte ich in diesem Haus. In den ersten beiden Jahren meines Lebens unternahmen meine Eltern zwei Reisen ohne mich. Nach ihrer Rückkehr von der ersten konnte ich laufen, nach ihrer Rückkehr von der zweiten konnte ich sprechen. Das Leben in diesem Dorf war nach allen Seiten hin eingefriedet. Die große Politik kam in dem kleinen Dorf nie an, auch der Landrat kannte das Dorf nur seinem Namen nach. Massenarbeitslosigkeit, Friedensbewegung und kalter Krieg existierten nur in Zeitung und Fernsehen. Was das Dorf bewegte, das waren die Errichtung der Tennisplätze, die Verwandtschaftsbesuche am Wochenende und die Organisation des immernahen Backfestes. Wenn es Probleme gab, dann solche, die mit zwei, drei Handgriffen von einem der Handwerker aus der Nachbarschaft gelöst waren, jedenfalls kam es mir so vor. Wenn es gut für mich lief, durfte ich in einem der beiden Zimmer meiner Cousins schlafen. Diese Zimmer verfügten über große Betten und Rollladen, eine Ausstattung, die mich schon früh in meinem Leben lehrte, was es bedeutet, besonders gut zu schlafen. Ein dritter Grund war, dass mich dort niemand auf meine schulischen Leistungen ansprach, die mich selbst schon früh besorgten. Niemand in der Eifel interessierte sich für mein Leben in der Stadt, dazu war es zu weit weg, mein Leben, und die Stadt auch. Meine Verwandten sahen stattdessen zu, dass ich genug zu essen bekam. Zwei warme Mahlzeiten am Tag, dazu Kuchen, Süßigkeiten und Zwetschgen aus dem Garten. Wenn ich da war, verbrachte meine Großmutter die meiste Zeit in ihrer Küche. Dass ich auch als Jugendlicher noch Ferien in der Eifel machte, hatte weniger mit Schlafen und Essen zu tun als mehr mit meinem Status als Städter. Der Dorfjugend galt ich als Junge aus der großen Stadt, was mir die Töchter des Dorfes bis zu einem gewissen Zeitpunkt in Scharen ans Händchen trieb. Meine Kleidung war der der Dorfjugend um mindestens zehn Jahre voraus, obwohl ich nicht behaupten kann, ein auffallend gut gekleideter Jugendlicher gewesen zu sein. Später dann, als die rauchenden Dorfjungs Mofas hatten und ich nicht, wandten sich die Mädchen freundschaftlich von mir ab. Motorisierung schlägt Kleidung, das nahm ich hin, nur leicht verletzt. Nach meiner ersten Beerdigung, an der ich mit fünf Jahren teilnahm, sagte ich meiner Großmutter, ich würde gerne auch in diesem Dorf auf diesem Friedhof begraben werden, später mal. Ich kann nicht sagen, dass der Gedanke an meine eigene Beerdigung mich besonders bewegen würde, jedenfalls bislang nicht. Aber als ich kürzlich, nach sehr langer Zeit, mal wieder in dem Dorf war und vor den Gräbern meiner Großeltern und meines Onkels stand, da habe ich gedacht: Warum nicht in diesem Dorf beerdigt werden? Solange ich denken kann, habe ich dort immer am besten geschlafen.


Jeans Kneipe war immer schon am Morgen geöffnet. Wenn mein Vater und ich mittags kamen, waren wir die ersten Gäste, und Jean, ein hagerer Mann um die 60, roch in aller Regel schon nach Schnaps. Jean nahm die Bestellung meines Vaters wortlos entgegen, sagte nicht „Hallo“ und nicht „Auf Wiedersehen“, er sagte überhaupt nie etwas; auch nicht, wenn er abends mit den anderen Männern Boule spielte und Schnaps aus einer Limonadenflasche trank. Jeans Kneipe hatte keinen Namen und auch keinen Stil. Über der Tür hing ein gelbes Schild, auf dem „Bar. Tabac“ stand, und genau so sah die Kneipe auch aus. Sie war Jeans Zuhause, oder wenigstens der Ort, an dem er sich unbehelligt seiner Sucht ergeben konnte. In dem Dorf in Südfrankreich, in dem meine Eltern, mein Bruder und ich 13 Urlaube zusammen verbracht haben, roch es nach Eukalyptus, Rosmarin und Minze. Es lag wie ausgekippt zwischen Meer und nadelbewaldeten Bergen, die Küstenstraße hielt sich nicht lange in ihm auf. Das Dorf existierte nur, weil es dort eine Bucht gab, an der Menschen Urlaub machen wollten. Die Hotels waren in den Strand hineingebaut, und wenn man ein Zimmer zum Meer hin zugewiesen bekam, konnte man während des Frühstücks auf dem Balkon den ersten Schwimmern dabei zusehen, wie ihre Armschläge kurz die Wellen teilten. Abends schlief man im Rhythmus des Mittelmeeres ein, man hörte, wie es leise auf den Strand klatschte und Welle um Welle den Sand abtrug. Nach dem Frühstück mietete mein Vater ein Tretboot, in dem wir bis mittags gemeinsam diese Bucht durchmaßen. Da ich meinen Vater außerhalb dieser Ferien nur selten sah, wenn überhaupt, hat unser Vater-Sohn-Verhältnis im Wesentlichen in Südfrankreich stattgefunden. Der Ort war einer der wenigen, an denen wir unser gegenseitiges Befremden überwinden konnten. Als ich zu alt war, um mit meinen Eltern in den Urlaub zu fahren, endete auch dieses Vater-Sohn-Verhältnis. Im Grunde ist das bis heute so geblieben. Ich lernte in dem Dorf schwimmen, ich lernte, einen Fisch zu angeln, ich lernte, wie man küsst. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Eltern in Frankreich mal gestritten hätten, was sie sonst sehr häufig taten. Der Ort, oder besser der Ausblick, den man von ihm aus hatte, Berge, Bucht und eine Inselgruppe im Dunst des Horizonts, segnete unser Familienleben mit einem Frieden, in den ich mich fallen ließ wie in eine Kissenburg. Diese Urlaube waren meinen Eltern Versöhnung mit dem Misslingen ihres Alltages, was ich damals spürte, aber erst jetzt, da ich darüber nachdenke, in Worte fassen kann. Als ich vergangenes Jahr noch einmal in das Dorf kam, zum ersten Mal nach mehr als 20 Jahren, und feststellte, dass es dort noch immer nach Eukalyptus, Rosmarin und Minze riecht, dass der Blick der gleiche ist wie früher und das Hotel noch steht, in dem wir so oft waren, rang ich mit der Fassung. Ich stand allein am Strand, es regnete, das Meer war still und dunkel. Es fühlte sich an, als würde mich die Bucht umarmen.


Die Straße, in der ich aufgewachsen bin, ist eine Sackgasse, die auf eine Wand von vier Garagen zuläuft. Die Straße war gerade so lang, dass sich acht Reihenhäuser in ihr drängen konnten, vier auf jeder Seite, vor dreien stand ein Baum. Das Gute war, dass fast nie ein Auto in die Straße fuhr, und wenn doch, dann ziemlich langsam. Die zweite Garage von links war unsere, und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass ich einen guten Teil meiner Kindheit und Jugend damit zubrachte, Bälle in diese Garage zu schießen und zu werfen. Die Straße war mein Spielfeld, die Garage war mein Tor, und ich ein Junge auf dem vermuteten Weg zum Übersportler, der dann doch nicht aus mir geworden ist. Wenn der Herbst wiederkam, verlor die Kastanie gegenüber neben ihren Blättern auch Kastanien, die die Kinder dieser Straße sammelten und in den Tierpark brachten. Dafür gab es Freikarten, die, soweit es mich betraf, nie eingelöst wurden. Wenn genug Laub auf die Straße gefallen war, schoben wir es zu großen Haufen zusammen, in die wir dann mit Kettcars fuhren, einfach so. Wenn ich im Herbst spazieren gehe, habe ich manchmal noch den Geruch in der Nase, der über mir zusammenbrach, wenn ich in einen dieser Haufen raste. Waren bei uns zu Hause die Süßigkeiten ausgegangen oder wurden sie mir von meinen Eltern verwehrt, zog ich die Schuhe an und ging zu einem kinderlosen Ehepaar, das schräg gegenüber vor sich hinlebte. Wenn ich dort klingelte, tat sich die Tür zu einer Art Süßigkeitenparadies auf, als das die immerselbe Schublade arrangiert war. Weil mein Klingeln das Ehepaar ein paar Minuten lang von seinem Alltag befreite, der im Wesentlichen darin bestand, das Haus mit äußerlichem Wohlanstand zu versehen, war die Schublade immer gut befüllt, so oft ich auch nach Süßigkeiten fragte. Wenn diese Menschen einen Sinn in meinem Leben erfüllten, dann aber vor allem den, zu diesen zwei Generationen zu gehören, die wie Schutzwände in das Leben eines Kindes eingezogen sind und ihm erstaunlich lang die Sicht auf Unvermeidliches verstellen. Es ist ein guter Sinn. Die Häuser in der Straße waren keineswegs das, was man repräsentative Immobilien nennen wollte, doch jedes dieser Häuser verfügte über einen eigenen Kamin. Wenn wir im Winter vom Schlittenfahren aus dem Park kamen, abgekämpft und rotznasig, die Schlitten wie störrische Esel hinter uns her schleifend, rauchten in der Straße meistens die Kamine. Denke ich heute daran zurück, dann sehen die Bilder aus wie einem Fotoalbum entnommen. Die innenpolitische Gemütlichkeit der Bonner Republik dieser Jahre legte sich wie eine Decke auch auf unsere Straße. Ich kann nicht sagen, dass ich ein besonderes Verhältnis zu der Stadt hätte, in der ich aufwuchs und inzwischen wieder lebe, sie ist aus vielen Gründen provinziell und mittelmäßig. Es spräche für eine gewisse Weltläufigkeit, wenn ich sagen könnte, die Stadt sei für jemanden wie mich zu klein, mein Leben hier in alle Richtungen beschränkt. Die Wahrheit aber ist, dass mein Leben nicht nur ganz gut in diese seltsame Stadt, sondern auch in eine Straße passt. Sogar in eine kleine Sackgasse wie die, in der ich aufgewachsen bin, und die mir aus meinem Leben erzählt, wann immer ich sie besuche.


Living at the Autobahn

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In Deutschland wird mit dem „Leben hinter der Mauer“ noch immer ein tiefes Trauma hervorgerufen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass keiner der Bewohner unserer benachbarten Reihenhäuschen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt – ähnlich wie wir. Dabei ist das Leben hinter dem Autobahnschallschutzdings gar nicht so schlimm, wie die gemeine Vorstellung es in den Köpfen der Menschen hervorruft. Als Kind, als ich noch eine Straße weiter lebte, konnte ich zusammen mit dem Nachbarsjungen ungehindert durch das zur Tankstelle mit den blauen Fähnchen führende Tor marschieren, um das knappe Taschengeld für Cherry Coke, das verbotene schwarze Gold, zu verpulvern. Meinen Zähnchen hat es bis heute nur bedingt geschadet, ich kann alle fürchtenden Kinder also entwarnen. Das einzige klitzeklitzekleine Manko dieser Wohnlage ist also nur die nachts wie ein Bächlein rauschende A66. Mit großer Freude beobachtete ich, bis zu welchem Maße das menschliche Gehirn in der Lage ist, Geräuschkulissen auszublenden. Menschen, die bei offenem Fenster zu Besuch übernachteten, konnten selten „Rauschen des Bächleins“ zu den Krankenwagensirenen und dem Motorknattern der ADAC-Clubmitglieder sagen. Das habe ich nie verstanden, hatte ich doch eher Probleme, ohne diese Geräuschkulisse jemals die REM-Phase zu erreichen. Trotzdem bin ich froh, dass die Mauer steht. Die Mauer soll gefälligst nicht weg.


dasPoell

aka noĂŤlle poeller, mal philosophiedingenskirchen & irgendwas mit vergleichender literaturwissenschaft studiert, taxi gefahren, fotoassistentin gewesen, musik gemacht, fotoausbildung gemacht, an jeder bar gearbeitet, buchgehalten, musik wieder, viele konzerte gebucht im vor-allem-auch-punk-schuppen, musik- & konzertpromo, touren von psychotischen genies organisiert (& gefahren), jetzt magnetische schnallen-schnalle. twitter seit ostern 09. stolpere durch web 2.0 und hoffe auf wohlwollend nachsichtige. bloggt manchmal bei stijroyal.de (wenn ich mich trau), vielleicht ja bald mal wieder.

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macht of love baby! Oha! ein luftballon im mangrovenwald, denn damals stand berlin ja fürs versumpfen. alle haben einen ja immerzu gewarnt. berlin war ja gleichbedeutend mit untergehen à la christiane f. da wirste nur noch versoffen und verkifft. am lebendigen leib getollschockt, in den joint gerollt, der ja dann in die spritze und rein in den oberschenkel. aber da war ich ja schon eine person mit vergangenheit, und einer gar nicht mal so guten. auf jeden fall hätt’ ich in keinen oberschenkel gepasst, darüber war ich mir sicher. immerhin. rund 400 de-mark (die ü-achtjährigen unter euch werden sich dunkel erinnern...) schwer und um einen freund und ein arschloch erleichtert. (denn das arschloch hatte ja asyl beim freund gefunden.) 1996 war das. der ankunft im april folgte gefühlte 14 tage später der winter, an dem in berlin all die fallrohre platzten vor sich ausdehnender, weil eindeutig zu viel zu kalter kacke. und kacke, war das kalt. und das herz war ach so gebrochen. und der geldbeutel gleich so leer. und da waren diese einschusslöcher in den häuserfassaden ganz wie die krater im eigenen drinnen. der immerzu sehr schöne himmel, der einen easy von besseren zeiten träumen lässt, und das allein war manchmal genug. schaurig-traurig war diese zeit. verwegen und zum kotzen. und ab und zu kam dann ein paket von mutti mit tee & tütensuppen und einem lieben satz oder so. die erste bude, die ich mir leiste konnte, war 9 Quadratmeter groß in der wildromantischen wohnung einer enddreißigjährigen, bulimiekranken, erfolgreich-hysterischen und bis dato erfolglos-entwerfenden modedesignerin, die gleichzeitig mitglied einer freikirchlichen gemeinde am südstern war. so manches mal hatte ich im treppenhaus wieder kehrt gemacht wegen des vielen euphorisch gesungenen hosianna und halleluja. die christin war von nix so sehr überzeugt wie von der eigenen, wie ich glaube, dass sie dachte, glockenreinen singstimme. der scheinbare direktdraht zu jesus, der nicht nur sie, sondern z.b. garantiert auch mich voll lieben würde. weswegen ja auch eigentlich alles bald gut sein würde. jesus, der schlimme finger. „liebt“ einfach alle und verkauft das allen auch noch als vollkommen korrektes verhalten. schmieriger schwerenöter. und so manches mal hat die vermieterfreichristin und sau mir meine goldkronenspritzkekse von penny-markt (die unter 1 de-mark) ersatzlos weggefressen mit der bitte, sowas in meinem zimmer zu verstecken. das sagte sie mit ungespielter panik in den augen, das sah ich schon. dabei war das zimmer aber doch viel zu klein für so ’ne große kekspackung. beeindruckt hatte mich allerdings so manchen sonntagnachmittag der christliche mutantenstadl, welchen sie zum afterfreichristgottesdienstlichen sonntagssingen eingeladen hatte.

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kaffee gabs keinen. ist kaffee eigentlich unchristlich? weiß das jemand? hatte mich nie getraut, das zu fragen. Ich glaube, ich schulde der person noch 15 mark. also, falls du das hier liest, uta: DIE HAB ICH ALS SCHMERZENSGELD UNTERSCHLAGEN, WEIL ICH SO DOLLE GEFROREN HAB DEN WINTER UND FÜNF BRICKETS AM TAG EINFACH NICHT GENUG WAREN! und dann gab es ja auch noch das echte leben: mit der vertrauenserweckenden ausstrahlung einer rostigen trampolinfeder ließen sich auch besonders effektiv jobs aquirieren. am tollsten waren immer die potenziellen barchef-arschgesichter, die einen von oben bis unten abgescannt hatten und dann fasziniert angewidert den kopf schüttelten (ihr beknackten alkoholiker-pograbscher! na, schon auf alg 2 jetze?). und doch, ja, die verzweiflung war schon echt. obwohl man ja als kind der achtziger leicht in verdacht geraten kann, die verzweiflung angetäuscht zu haben…

80er jahre-gesichtsverzweiflungs-look: in den 80ern, da hat einem ein bisschen verzweiflung gut zu gesicht gestanden. da gab es lebensbedrohliche umstände: tschernobyl, irakkriege, helmut kohl. hatte es schon zum guten ton gehört, nicht mehr an ein leben über 30 zu denken. so alt würde man eh nie werden. uns würde im halsumdrehen eine radioaktiv verseuchte haselnuss in demselbigen stecken geblieben sein, bevor wir „hä?“ sagen könnten. wir würden alle in einer klimakatastrophe verenden wegen des rußauswurfs der brennenden ölfelder. alle himmel würden sich verdunkelt haben, alle sonnenblumen würden verrotten, und der birnenförmige bundeskanzler hätte es sich längst mit seiner hannelore auf dem obersalzberg zum ratzfatz-sterben gemütlich gemacht. 09er hach-das-wird-schon-alles-wieder-du-look: zum glück ist das ja heut ganz anders. heute trägt man hoffnungsfroh „zuversicht“. es bedroht einen ja auch nix. das bisschen angst vor terror, atomaren kriegen, korrupten wirtschaftsbossen, grenzdebilen politikern und verrückten teenagern, die darauf lauern, einem auf dem lückenlos-videoüberwachten bahnsteig die lampe auszublasen, das schockt doch längst nur noch die weicheier. die schwer zu integrierenden. die mit therapiehintergrund.


neinnein, man hat es doch mit 23 geschafft. hat man offene problemlösungsmöglichkeiten-gesichter, nicht doof, nur leider zuweilen ein wenig stulle dreinblickend vielleicht. damit man nicht den eindruck erweckt, etwa kompliziert zu sein. denn kompliziert sein verringert in jedem fall die vermehrungschancen. verzweiflung will heut’ keiner mehr sehen. die soll sich am besten verpissen und nur in den gesichtern der obdachlosenmagazinverkäufern zu sehen sein. DA gehört die doch nämlich hin. ...aber ich hatte auch glück und hab’ liebe, voll verrückte musikernerds gefunden, die mochten wie ich singe, und so war ich eine zeitlang ein klitzeklitzekleiner popstar. und, da mach’ ich echt nix vor, damit hab’ ich ja genau hierhin gepasst. berlin ist ja voll mit popstars und dj’s und schauspielern und schriftstellern und malern und computerkünstlern und models. und alle haben sie einen barjob. es steht sich auch viel einfacher zwölf stunden als getränkeautomat in der fixierrampe (laufsteg hinter theke) sabbernder draufgänger mit chronischem herz- oder kopf- (oder beides-) versagen. das lässt sich viel besser ertragen, wenn man wenigstens ca. derimal im monat im finsteren proberaumkeller irgendwie ein popstar ist. wenn man träumen kann, irgendwann vor höps wichtig oder pöps arschgeil auf der bühne zu stehen. wobei einem dann, wenn das passiert, auch wieder voll schlecht ist und man sich fragt, warum man denn da steht und wo jetzt das erdloch hin ist, in dem es sich blitzschnell versinken lässt. in dieser ambivalenz lässt es sich aber ganz gut aushalten hier. so ein bis zwölf jahre. es muss zwar nicht sein, aber es hilft, das nervenkostüm zeitweilig mit psychogenen substanzen zu entlasten. Damit meine ich aber im großen und ganzen bier und marihuana, welche beim maßvollen umgang die individuelle soziopathie weichklopfen und grinsen lassen kann. zu anderen substanzen will ich mich hier nicht äußern, würde für die auch nicht gut ausgehen, dazu blieben zu viele knorke gehirnzellen eigentlich liebenswerter kumpels auf der strecke. also, das mit dem popstarding bot sich irgendwie an. ist passiert. da war fast die ganze flasche rotwein getrunken worden und, schwups, war die stimme in einem lied auf einer cd zu hören. (schwöre, ohne den rotwein wäre es damals nicht gegangen!) und dann die auftritte. jedes mal davor der sterbende schwan und danach das hysterische huhn. das mit dem singen war bis dahin ein privates ding gewesen. alleine im wald und schön. dann war über den anderen stehend und angeglotzt zu werden nicht


die logische konsequenz. aber es hat vielen gefallen, und ich hatte denen geglaubt. einfach mal so. hab’ jetzt mit 40 eine buchhalthÄrische pause vom popstarsein eingeläutet, mache so mit 57 wieder weiter, bis dahin spiele ich vielleicht auch ganz gut gitarre, mal sehen. im moment üb’ ich mich darin normal zu sein, so wie immer gedacht ich nie sein kann. die geschichte anders, der name anders und der geruchssinn und so. und gut ist es in jedem fall hier. eine tolle stadt, interessant und berstet vor kulturellen angeboten. aber viel wichtiger noch: berlin macht wach, schärft die sinne. es ist groß, laut, dumm und viel. es gibt hier so viele menschen, dass man unweigerlich irgendwann auf die richtigen trifft, und ich meine wirklich liebe und tolle, die zu einem passen, die man nicht beleidigen muss, sondern mit denen man gerne rumstreunern mag und dampferfahren und kuchenessen und weinen und vernissagengäste besoffen anpöbeln und vorm wolfgehege im tierpark tee mit wodka trinken mag. damals hatte mich berlin in seine dünnen, tätowierten und freakigen arme genommen. es war okay, seltsam zu sein. alle waren irgendwie seltsam. eine große party von verlorengegangenen, die alle gehörig einen an der waffel haben. damals hatte sich in mir auch die dachschaden-theorie ausgebildet. nämlich die, dass wir alle hier die seltsamst verschiedensten dachschäden etabliert hatten, deshalb mit den interessant verschiedensten unfähigkeiten ausgestattet sind und so amputiert merkwürdig rührende gefühlstänzchen miteinander aufführten. im kern geht nun die berliner dachschaden-theorie davon aus, dass wir unsere defizite einfach alle in einen topf werfen, uns gegenseitig kompetent (weil doch ebenfalls voll gestört) die tränen trocknen, die köpfchen kraulen und uns lieb haben. ja, darum ging es dann nämlich. nix anderes, ums liebhaben. und das sind dann die tollen momente, um die es geht. baby!


@

FrauElise

37 Jahre alt, lebt am Bodensee und interessiert sich für Klimbim, Kaffeesatzlesen und komische Leute. Und natürlich für ihre beiden Katzen. Hat bis heute noch immer nicht die optimale Frisur gefunden und vermutet, dass das auch nichts mehr werden wird.

Bloggt unter offensichtlich.wordpress.com, arbeitet außerdem als Daniela Warndorf als

20. F ebruar 2009 bei Twitter, weiß Sabereitauchdemnicht mehr so genau, wie es dazu eigentlich

freiberufliche Texterin und Journalistin.

hat kommen können und wo das hinführen soll.

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Alpenglühen in Technicolor Wer an die 50er Jahre denkt, dem fallen vermutlich erst einmal Dinge wie Nierentisch, Elvis Presley, Petticoat oder Wirtschaftswunder ein. Doch die 50er waren vor allem eines, nämlich die goldene Zeit des Heimatfilms: In den unendlichsten Wäldern, auf den grünsten Wiesen und zwischen den höchsten Bergen kämpften wackere Förster, alleinstehende Landwirte oder kernige Bergbauern gegen das Böse. Und zum Schluss bekam immer der Hans oder der Franz die Resi oder eben die Liesel. Es wurde geheiratet, meistens unter freiem Himmel, während im Hintergrund die Kuhglocken läuteten. Happy End, heile Welt, und alles war wieder gut. Und zwar in Technicolor. Die wenigsten wissen: Der Heimatfilm ist das einzige Filmgenre, das in Deutschland entwickelt wurde. Man denke an Luis Trenker, der bereits in den 20er und 30er Jahren in unzähligen Filmen auf den Felsen herumkraxelte und seine strammen Waden in die Kamera hielt. Die Nationalsozialisten adaptierten den Heimatfilm, doch seine große Zeit hatte er schließlich im Nachkriegsdeutschland, denn da war er wichtig: Die Welt draußen lag in Trümmern, man sehnte sich nach Werten, nach heiler Welt und nach ein wenig Balsam für die Seele. Viele der ersten Heimatfilme waren interessanterweise Nachverfilmungen von Nazi-Filmen – man textete den Stoff ein wenig um, schrieb neue Musik dazu, und schon passte es wieder. Die Alliierten stuften diese Filme als unbedenklich ein und ließen sie daher zu. Bis in die 60er Jahre wurde Film um Film herausgebracht. „Die Mädels vom Immenhof“, „Da wo der Wildbach rauscht“ oder „Die Christel von der Post“ – wer kennt sie nicht? Auch der Bodensee, an dem ich aufgewachsen bin und an dem ich seit nun 37 Jahren noch immer lebe, hat seine großen Heimatfilme: „Die Fischerin vom Bodensee“ aus dem Jahr 1956 mit Marianne Hold, Annie Rosar und Gerhard Riedmann in den Hauptrollen ist so einer.

Statt Bergen und Wald bot der See hier die Kulisse: Man sah die arme, aber schöne Fischerin Maria in ihrem kleinen Boot vor der ehrwürdigen Meersburg im See herumpaddeln, um Fische zu fangen. Und tapfer kämpfte auch sie gegen das Böse: Abwässer im Bodensee, lästige Motorbootfahrer, gemeine Nachbarmädel und die Fischerkonkurrenz machten ihr das Leben schwer, dazu eckte Maria überall an und wurde wie eine Außenseiterin behandelt. Doch auch hier letztlich ein glücklicher Ausgang, und Maria fand sogar noch den Mann fürs Leben. Unvergessen auch „Drei Mann in einem Boot“: Jo (Walter Giller) und Harry (Hans-Joachim Kulenkampff) wollen am See ein paar Tage von ihrem Job in der Werbung ausspannen. Das geht gut, aber nur, bis ihre Freundinnen unerwartet auftauchen und den beiden lästig werden. Zusammen mit Kunsthändler Nolte (Heinz Erhardt) flieht das lustige Herrentrio daher auf dem Boot quer über den Bodensee von Österreich bis zum Rheinfall, dabei immer die drei Frauen dicht auf den Fersen. Alberner Junggesellenklamauk mit vielen Natur- und Seeaufnahmen. Großartig. Ich habe den Film sicher zehnmal gesehen. Diese Bodensee-Heimatfilme sind aber nicht nur immer wieder unterhaltsam. Es sind vor allem auch Filme, die das Bild des Sees bis heute prägen. Bodensee, das ist doch da, wo die Alpen glühen, wo das Wasser so blau ist und die Äpfel so rot sind. Und Bodensee ist die Blumeninsel Mainau mit den Bernadottes, die Insel Reichenau mit ihrem Gemüse und den alten Kirchen, Meersburg mit seiner Annette von Droste-Hülshoff, Bregenz mit der romantischen Seebühne und natürlich die Schweiz mit ihren Milchkühen. Natürlich scheint auch immer die Sonne. Und so fährt man nicht an den See, um hier was zu erleben, hierhin kommt man, um Ferien zu machen und um ein Stückchen heile Welt zu genießen. Eine Heimat, wie man sie sich nur wünschen kann.


Die Realität? Die sah in den 50er Jahren ganz anders aus, jedenfalls in meiner Familie. Beide Großelternpaare kamen erst nach dem Krieg an den See, beide mit so gut wie gar nichts im Gepäck. Die Eltern meines Vaters waren aus Danzig geflüchtet, die Eltern meiner Mutter waren ausgebombt. Noch heute erzählt mein Vater bei Familienfesten, wie man ihn als kleinen Jungen beim Eintauschen der Lebensmittelmarken als „elendes Flüchtlingspack“ beschimpft hatte. Beide Familien hatten nicht nur ihre eigentliche Heimat hinter sich gelassen, sondern mussten sich hier vor allem erst einmal wieder eine neue Existenz aufbauen. Und als man das nach und nach in den 50er und 60er Jahren, den Zeiten des Wirtschaftswunders, geschafft hatte, dachte niemand mehr daran, zurück in die alte Heimat zu gehen. Der Vater meiner Mutter führte ein gut laufendes Geschäft für Herrenausstattung, der Vater meines Vaters hatte einen guten Job bei der Stadt. Man war Mitglied im Gesangsverein, engagierte sich bei der Fasnacht, ging zum Fußball. Mittlerweile lebt nur noch eine meiner Omas, aber alle sind sie immer hier am See geblieben. Meine Eltern wuchsen als Nachbarn in der gleichen Straße auf, kamen zusammen, heirateten. Auch sie, als zweite Generation, hielten immer an dieser neuen Heimat fest: Den See haben sie nie wirklich verlassen. Und auch bei meinem Bruder und mir ist es ähnlich. Wir zogen zwar viele Male um und führten beide, wie auch meine Eltern, nicht unbedingt ein ruhiges, gerade abgestecktes Leben. Aber noch immer sind wir hier – ich in Konstanz, mein Bruder in Zürich, meine Eltern in Stockach. Und niemand hat je wirklich daran gedacht, mal ganz woanders hinzugehen. 2002 führte ich mein erstes Interview: Ich traf mich mit einem Autoren, dessen erstes Buch eben erschienen war. Eine komplizierte Geschichte, in der er sich mit seiner Kindheit hier am Bodensee auseinandersetzt. Das Gespräch zog und zog sich, nach drei, vier Stunden standen wir noch immer in diesem Park, der Wind rauschte durch die Bäume, es war bitterkalt.

Und er fragte mich: „Wo bist du eigentlich zu Hause, wo ist denn deine Heimat?“ Und ich stand da und hatte auf einmal Tränen in den Augen, denn da fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich mich hier nie richtig beheimatet gefühlt hatte. Und so schrieb er mir als Widmung in sein Buch: „Für Daniela, fast ohne Heimat.“ Ein Satz, der mich sehr berührte. Ich war damals immer ein bisschen wie die Fischerin Maria: Immer am Kämpfen gegen die Widrigkeiten des Lebens, nie irgendwo dazu gehörend, nirgends mal richtig zu Hause. Bedingt durch mehrere Klassenwechsel, aber auch bedingt dadurch, dass wir in meiner Familie immer ein bisschen anders waren als die anderen. Statt des hiesigen Dialekts sprachen wir alle gestochenes Hochdeutsch und hielten uns von allem fern, was nur irgendwie nach einheimischer Vereinsmeierei aussah. Zwar hatte ich die größte Zeit meines Lebens in Konstanz verbracht, aber Konstanten hatte es selten gegeben. Vermutlich habe ich deswegen so lange an dieser Stadt festgehalten. Und ich mag sie ja auch. Mittlerweile habe ich mich mit meiner „Heimat“ gut arrangiert, und mein Leben verläuft auch deutlich ruhiger. Ich lebe gerne hier. Ich mag die glühenden Alpen, das blaue Wasser und die roten Äpfel. Ich mag die Ruhe und die Klarheit, die das Wasser ausstrahlt. Ich weiß die Lebensqualität zu schätzen, die mir diese Gegend schenkt: Kurze Wege, gute Infrastruktur, genügend Raum für Rückzug und Stille, meine Freunde, meine Familie und meine Arbeit. Aber Heimat? Nein, Heimat ist für mich trotzdem immer noch etwas anderes. Der Duft von frischem Brot. Eine Kanne dampfender Tee. Mich mit den Katzen und einer Decke einkuscheln. Am Sonntagabend Tatort schauen. Im Sturm spazieren gehen, ein Stück Schokolade essen. Solche Dinge eben.

Heimat ist für mich kein Ort, Heimat ist für mich da, wo mein Herz wohnt. Und das wohnt gerade sehr schön. Allerdings nicht am Bodensee.


@Mizzischnyder / Mizzi Schnyder TWITTERIN SEIt dem 07. Juni 2009 Mizzi Schnyder (D/A), geb. 1980, absolvierte u.a. ein Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Irene Hohenbüchler. Neben dem Meisterschulpreis (2003) erhielt die Künstlerin ein Forschungsstipendium der Akademie sowie den Dr.-MariaSchaumayer-Preis (2009). Interventionen im öffentlichen Raum so wie Rauminstallationen realisierte sie z.B. in Boston, Belgrad, Venedig, Istanbul, Dresden und München. Mizzi Schnyder lebt und arbeitet in Wien. mizzischnyder.wordpress.com MUSA, Museum auf Abruf, Wien; ViennArt 2009: »Wiener Gerücht. Das Private und das Öffentliche«, Ausstellungsdauer: 09. Oktober bis 15. Oktober 2009 sowie IV. Chemnitzer Herbstsalon, 26. September - 25. Oktober 2009, Schloss Augustusburg, Haferboden

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Es sitzt sich unbequem: Heimaten auf Sesseln und St端hlen


Twitter war noch nicht erfunden worden, als ich

Hinter mir lag und liegt das Chemnitzer Umland.

mit sechzehn ein paar Tage in Wien verbrachte. Sie

Eine grüne Ebene. Leicht hügelig und dicht

müssen wissen, dass die Bedeutung des Wortes

besiedelt. Dort, wo früher Schlotfamilien friedlich

‚Städtereise‘ ein besonderes Gewicht hat, wenn

vor sich hin pafften, dominieren jetzt kommerziell

man sie von nirgendwo, nicht mal Iowa, aus antritt.

genutzte Zweckarchitekturen in strenger Symbiose

Wien begeisterte mich. Dort wollte ich hin. Was es

zu ihren großzügig angelegten Parkplätzen. Die

allerdings mit diesem Lebensentwurf tatsächlich auf

Veränderungen irritieren mehr und mehr und nagen

sich haben würde, davon hatte ich selbstverständlich

heimlich nachts an den Buchstaben von d a h e i m.

keine Ahnung.

Bonjour Tristesse gab es vormals in grau, inzwischen

An meinem Wiener Anfang nuschelte ich Weniges leise, und keiner konnte den weder bayerischen noch norddeutschen Akzent regional zuordnen. Deshalb wohl flüchteten sich die meisten in die Annahme, ich sei aus der Slowakei. Die buntgescheckte Welle deutscher Dialekte war seinerzeit nämlich noch lange nicht in Sicht. Diese flutete erst in den letzten beiden Jahren in das Land. Ende der Konversation. Dass der Wiener Charme sich gerne leidenschaftlich auf Fremde sowie Anderes richtet, fand ich jedenfalls bald enttäuscht heraus. Darunter leiden eigentlich alle: die Zug’rasten wie die Eingeborenen selbst. Anzumerken ist, dass sich die Opferbereitschaft diesem kulturellen Erbe

regiert sie großmarktgrell. Österreich wird in diesem Ausschnitt der blühenden Landschaften vergöttert. Eine Nachbarin schaut diszipliniert Alpenpanorama, weil sie in die Berge Urlaubmachen fährt. Das hiesige Umfeld bedauert meine gestreifte Katze, Isseymiyake-Schnyder, aufrichtig, weil sie als waschechte Wienerin nie an die frische Luft kann. Nein, denn die silbergraue Vierpföterin haust konsequent auf meinem Bett und wird niemals als Zubehör einer vermeintlichen Idylle plattgefahren werden. In dieser wilden Ferne verklärt sie sich ins magisch Märchenhafte, die Idee vom mondänen Wien. Deren besonderer Zauber trifft mich selbst hier dann auch immer wieder empfindlich.

gegenüber einigermaßen in Grenzen hält. Ich

Nach elfjähriger überwiegender Ortsabstinenz

persönlich machte jedenfalls vielfach Bekanntschaft

muss ich zuweilen sogar insistieren, wenn es darum

mit der in abfälligem Unterton genäselten Bemerkung

geht, dass ich im Osten geboren und aufgewachsen

„Ach, sie san aus Deutschland...“, gefolgt von

bin, wie kürzlich gegenüber einer sächsischen

betreten-bedeutungsvollem Schweigen. Die

Journalistin. Das mit der Sprache ist so eine Sache.

unausgesprochene Handlungsanweisung dieses

Das mit den Identitäten auch. Mein Name erweist

dialogischen Theaters hätte nun „ab“ zu lauten.

der Wahlheimat die Referenz, aber eben nicht

Durchbricht man aber das Zeremoniell an dieser

nur. Die Großeltern kommen aus Böhmen und

Stelle zunächst kraft Unwissen, dann durch Sturheit

Galizien, deshalb bin ich mit Erinnerungskultur der

und schließlich qua Ignoranz, so kann man wie ich

k.-und-k.-Monarchie,Operettenschnipseln sowie

heute verkünden: Sogar in Wien lässt sich Heimat

österreichaffiner Küche bestehend aus Paradeisern,

erarbeiten.

Buchteln und Semmelknödeln großgezogen


worden und fühle mich diesen Splittern irgendwie

Im Süden wate ich fast fortwährend durch

verpflichtet. Die Familie ist stark entwurzelt,

Inspirationsquellen. Nasse Füße holte ich mir auf

deswegen trifft der Titel, den Christa Wolf in “Kein

diese Weise zum Beispiel vom Kärntner Ortsbild-

Ort. Nirgends“ wählte, punktgenau ins Schwarze.

pflegegesetz. Ja, das heißt wirklich so. Allein der

Deswegen ist es auch ziemlich egal, wo ich lebe.

Name war für mich Anlass, etwas tieferliegend

Leute wie ich sitzen sowieso zwischen den Stühlen

im Archiv der Kulturgeschichten zu schürfen. Das

– oder besser: zwischen österreichischem Sessel

österreichische Trauma der Türkenbelagerung lauert

und deutschem Stuhl. Es ist eine Tatsache, dass mir

ja nicht nur latent im kollektiven Gedächtnis, sondern

im erwählten Wien gar nicht selten allzu Bekanntes

ist auch außen an St. Stephan eingeschrieben.

entgegenhallt. Das ‚K‘ spielt in dieser Hinsicht eine

Nach Osten, Richtung Feind, sind Schmähungen

gewichtige Rolle. Es steckt in kaiserlich-königlich

in den Südturm gemeißelt. Bis heute lässt sich das

genauso wie im Kommunismus und in Katholische

Thema ausgiebigst instrumentalisieren. Dies zeigt

Kirche.

die Unermüdlichkeit eines gewissen freiheitlichen

Mittlerweile gewinnt mein eigener Heimatbegriff zunehmend an Flexibilität. Von uns digitalisierten Weltbürgern wird inzwischen gemeinhin die Bereitschaft zum Umherpilgern erwartet. Wir sind moderne Monaden – pardon: Nomaden. Und das ist gut so. Heimat ist ja ein Wort, das einen ziemlich bitteren Abgang haben kann, wenn man es schluckt. Oder man erstickt dran. Schlimmstenfalls. Heimat ist für mich neuerdings dort, wo ich zeitweise für die Kunst zu Gast bin. Das heißt angestrengt einquartiert werden wie heuer im Terror-Künstlercamp der Dresdner OSTRALE oder als Gast von München851. Dabei ist München, nebenbei gesagt, wienverwandt. Denn auch hier hat die Gegenreformation einmal gesiegt. Dieser neuzeitliche Triumph ist zu schweren barocken Formen geronnen. Gerade, so scheint

Politikers. Indem er den fast 400 Jahre alten Schock öffentlich weiterhin bewältigt, wird selbst das Publikum wider Willen mit Sprüchen wie „Kein Geld für’s Türkenzelt“ – man beachte das exquisite Versformat – traktiert. Dabei bestand bereits im 16. Jahrhundert eine historisch ziemlich interessante Konstellation. Als nämlich Kaiser Maximilian I. ein neues Emblem für sich erfand, das auf der Spitze des Doms installiert wurde: ein goldglänzender Halbmond, der eine Sonne umkreiste. Wahrscheinlich diente dies als Sinnbild für die imperiale Politik der Habsburger. Der türkische Sultan hatte zeitgleich ebenfalls die Mondsichel zu seinem Wappen gemacht. Irritationen löste dieser Umstand im Zuge der ersten Kämpfe um Wien aus, als die Symbole erstmals kollidierten.

es, befindet sich die Freie Szene dort eklatant in

Das war 1529. Daraufhin entbrannte ein Streit um

Aufbruchsstimmung, indem sie den ungeraden

das Kipferl. Dieser endete erstaunlicherweise aber

Geburtstag der Stadt feiert und damit lustig loslässt.

erst 1683 mit der vielfach geforderten Demontage.

Es lebe also die #subkulturdebatte um die Basis und

Das Stück, dessen bewegliche Teile nun verschweißt

das Gefolge von @Zehra851, die ungehemmt gerade

sind und in dem Beleidigendes in Wort und Bild

auch auf Twitter wuchert.

eingraviert wurde, befindet sich heute im Wien-


Der Kahlschlag entwickelt offenbar seine eigene Dynamik

Museum. Ich dachte mir, es ist Zeit für eine funktionierende skulpturale 1:1-Rekonstruktion. Die Arbeit ‚Sonne, Mond & Sterne‘ wird – so mein Plan – die Projektionsfläche für aktuelle Debatten um die Integration sein können. Integration, das hat ja auch damit zu tun, eine Fremde zur Heimat werden zu lassen. Aber eigentlich darf ich ja nicht reden. Ich mit meiner piefkösen Herkunft. Wenn ich vom Ausland aus Nachrichten über Flugzeuge, die mit rechter Wahlwerbung über sächsischen Städten kreisen, verfolgen muss, schäme ich mich besonders. Die Ikonographie dieser Inszenierung: perfide geradewegs der Sonne entgegen. Mir fehlt es an der nötigen Distanz zur Analyse. Dennoch denke ich, dass zu oft Strukturen in der Region zerhackt wurden. Der Kahlschlag entwickelt offenbar seine eigene Dynamik. Aber auch die alpine Republik musste Verluste in Kauf nehmen. Im Vergleich zu der vormaligen Ausdehnung des drittgrößten europäischen Staates empfand man sich im 1918 neudefinierten Territorium als ‚Resterreich‘. Einen Begriff, den der österreichische Bildhauer, Querkopf und Grafiker Alfred Hrdlicka einmal in polemischem Zusammenhang zitierte. Resterreich, das immer noch alte Kraft und heute neues Kapital aus dem satten Nährboden seiner kolonialen Vergangenheit zieht. Stichwort: EU-Osterweiterung. Das ‚K‘ schon wieder. Als imperiale Initiale schlägt es manchmal zurück.


at agexit Andreas Gärtner 1966 das Licht erblickt. In einem Kreißsaal in Hindelang. Seitdem Studium von Wirklichkeiten, Liebe und Sex. Seit 1993 Rechnungswesen-Professional in wechselnden Positionen und Landschaften. Seit einigen Jahren Städter in München. Träumt oft vom Meer. Hat vor drei Jahren den Fernseher abgeschafft und ist sehr glücklich darüber. Ist von Musik jeder Art besessen. Seit ewiger Zeit Mitglied der Künstlergruppe „Die Experten“, www.die-experten.de. Twitterer seit dem 26.03.2008.

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Wie mir der Grünten auf den Magen schlägt

Der Grünten ist das Wahrzeichen des Oberallgäus. Unübersehbar erhebt er sich auf der linken Seite des Eingangs zum oberen Illertal, 1738 Meter hoch. Ich sitze im Zug nach Sonthofen, der Stadt, in der ich aufwuchs. Ab Kempten ertappe ich mich dabei, dass ich an der Fensterscheibe klebe, um diesen Berg ungestört in mich aufzunehmen. Meine Augen weiden sich hungrig am tiefen Grün der bewaldeten Hänge und der Klarheit des schroffen Gipfels. Gekrönt vom weiß-roten Fernsehturm des Bayerischen Rundfunks, ein perfekter Übergang in das unvergleichliche Blau des Allgäuer Himmels. Bald bin ich daheim, denke ich immer bei diesem Anblick. Erinnerungen durchfluten, wohlige Gefühle wärmen mich, als erfülle sich eine tiefe Sehnsucht. Als ich dreizehn war, erkundete ich mit Freunden die ehemaligen Eisenerzminen an den Hängen des Grüntens, das war aufregend und gefährlich. Eingebrochene Stollen, die wir mit Taschenlampen erforschten. Fanden dort versteinerte Fossilien, die wir als Schätze nach Hause brachten. Versteckten diese vor den Eltern, die davon nichts wissen durften. Waren


verdreckt von unten bis oben und

Begeisterung und fütterte meinen

kletterten, Hütten bauten,

müde, aber selig. Ich ignoriere

ersten Rechner damit. Vor dem

Lagerfeuer machten, geheime

die Gedanken, dass dies alles

Bahnhof die übliche Tristesse,

Versammlungen abhielten. Von

Illusionen seien, verklärte Bilder

darauf bin ich vorbereitet. Wie

diesem ist nichts übrig geblieben,

längst vergangener Tage, die ein

auch auf das Mittagessen bei

nach den größeren Hochwassern

Eigenleben in mir führten. Gegen

meinen Eltern. Ich erzähle kurz,

der letzten Jahre wurden das

die tief in die Seele gemeißelten

dass es mir gut gehe, beantworte

Flussbett verbreitert und dabei

Erinnerungen der Kindheit ist der

Fragen und erdulde dann eine

die wuchernden Waldstreifen auf

Geist machtlos. Inzwischen hat der

Stunde Berichte über Nachbarn

beiden Seiten entfernt. Die Iller

Zug fast Immenstadt erreicht, der

und sonstige Bekannte. Ich

liegt nun nackt da, breite Wege

Grünten steht wie ein mächtiger

bekunde Interesse, nehme

verlaufen auf beiden Seiten,

Krieger auf der linken Seite, der

Worte wahr und vergesse diese

keine verschlungenen Pfade

Fernsehturm sein erhobenes

wieder. Mein Zuhause liegt in

mehr. In meinen Erinnerungen

Schwert. Seine Bezeichnung

der Vergangenheit, nicht in der

versunken, stoße ich fast mit

als „Wächter des Allgäus“ ist

Gegenwart. In dieser ist mir das

einem Radler zusammen, der

durchaus rechtfertigt.

Haus meiner Eltern zu eng, bietet

im eng anliegenden, ätzend

keinen Raum für mein jetziges

gelben Fahrradtrikot und einem

Als ich in Sonthofen aussteige,

Leben. Die Zimmer meiner

schwarzroten Helm alles daran

sauge ich die frische Bergluft tief

Kinderjahre gibt es nicht mehr.

setzt, seine Freizeit effektiv

in meine Lungen. „Ritualisierte

Sind jetzt Gästezimmer, in denen

und gesundheitsfördernd zu

Reisen“ nenne ich diese

Plunder herumsteht, der nicht

verbringen. Ich blicke ihm lächelnd

Besuche im Allgäu. Dazu gehört

weggeworfen wird. Darunter

nach.

auch, dass ich als erstes in die

Gegenstände, die mich an meine

Ich erreiche den See. Den

Bahnhofsbuchhandlung gehe,

Kindheit erinnern, Pixi-Bücher, ein

Badeplatz, an dem ich ganze

dort etwas herumstöbere, mir

Diercke-Schulatlas, ein zerzauster

Sommer verbrachte, gibt es nicht

eine Packung Zigaretten kaufe

Plüschbär.

mehr, er musste einem neuen

und diese bei der gleichen

Nachmittags gehe ich zum

Abfluss zur Iller weichen. Wo sich

Verkäuferin wie vor zwanzig

Sonthofener Baggersee, an

einst ein Grasstreifen in einer

Jahren bezahle. Dies war damals

der Iller entlang. Vor dreißig

kleinen Bucht neben dem Seeweg

meine sonntägliche Pilgerstätte,

Jahren gab es auf beiden

hinzog, liegen jetzt Steinblöcke,

denn hier gab es die ersten

Seiten des Flusses dichten

das Ufer fällt steil ab, ein

Computerzeitschriften mit

Baum- und Strauchbewuchs,

hässlicher Ort. Ich ziehe mich aus,

Fünfeinviertel-Zoll-Disketten,

die Ufer waren nicht zu sehen.

springe in das sauberste, klarste,

die simple Spiele für DOS

Dies war der Dschungel meiner

aber auch kälteste Wasser, das ich

enthielten. Ich kaufte diese mit

Kindheit, in dem wir auf Bäume

kenne, und kraule zügig


seien. An den Wochenenden dann die Partys auf der großen Wiese gegenüber, unter den Strommasten. Lagerfeuer, Bier, Wein und anderes, immer jemand mit Gitarre, der „The answer, my friend, is blowin’ in the wind“ anstimmte. Alle grölten mit, mehr oder weniger zugedröhnt. Später dann das Gefummle in den Schlafsäcken, nah bei der knisternden Glut des verlöschenden Feuers. Nach dem Aufwachen am nächsten Morgen vom Frühtau klamme Kleidung, die nach kaltem Rauch roch, und ein schwerer Schädel. Ich löse mich von den Bildern der Vergangenheit, seufze tief und springe erneut in den See. Das Abendessen verläuft wie das Mittagessen, mir dröhnt der Kopf, als ich mich nach eineinhalb Stunden verabschiede, an das gegenüberliegende

ich ins Gymnasium ging, das

um ins „Barfly“ zu gehen. Eine

Ufer. Dort setze ich mich in die

gegenüber des Sees auf der

Kellerkneipe mitten in der Stadt,

Nachmittagssonne und lasse

anderen Seite der Iller liegt,

in der überwiegend Punk und

meine Blicke über das Wasser

fuhren wir an besonders heißen

Hardcore läuft, und der einzige

schweifen. Als ich zehn war, wurde

Tagen oft vor der Schule mit

Laden, in den man hier gehen

hier noch Kies abgebaut. Wir

dem Rad hierher, um uns kurz

kann. Anfang der Achtziger

kletterten auf die Förderbänder

abzukühlen. Einmal bekamen wir

befand sich dort eine Nobel-

des Schwimmbaggers und

dafür einen Verweis, als wir die

Disco, das „La Fontaine“, das nur

sprangen von diesen ins Wasser.

Frage nach dem Zuspätkommen

kurz existierte, genauso wie die

Das war natürlich verboten,

damit beantworteten, dass

Popper, die dort überwiegend

aber genau das reizte uns. Als

wir noch schwimmen gewesen

das Publikum ausmachten. Auf


dem Weg dahin komme ich durch

Jahren auch noch hier sitzen

mir jetzt vor. Die sich auflöst. Ich

die Fußgängerzone, die abends

oder längst dort sind, wohin ihre

verwahre meine Erinnerungen

ausgestorben war, ist und immer

Sehnsucht sie zog. Ich winke

an daheim erneut gut in meinem

sein wird. Kurz bevor ich von hier

mit der leeren Flasche, worauf

Herzen. Mache mir eine Dose

wegging, bezeichnete ich diese

mir der Barkeeper eine neue

Pepsi auf. Denke über die

Stadt als tote Stadt. Daran hat

hinstellt. Eine Stunde später

kommende Woche nach und freue

sich nichts geändert. Ich sehe nur

gehe ich wieder nach Hause. Ich

mich darauf. Ich bin wieder in

ein paar schlendernde Touristen

halte die Beklemmung, die sich

meiner Gegenwart angekommen.

und ein paar jugendliche Emos,

in mir ausbreitet, nicht mehr aus.

Die Sehnsucht ist für einige Zeit

die wie ich zielstrebig das „Barfly“

Auf dem Weg zurück zu meinen

gestillt.

ansteuern. Ich verharre kurz an

Eltern genieße ich die kühle Luft

meinem Lieblingsort im Zentrum,

der Nacht, betrachte die Sterne.

dem Brunnen vor dem Tabakhaus

Bevor ich den Vorhang zuziehe,

Raupold. Zwei Minuten später

betrachte ich die schwarze

steige ich Kellertreppen hinab,

Silhouette des Grüntens. Als

Musik dröhnt mir entgegen. An

spräche er mir aus der Seele.

der Theke begrüße ich ein paar alte Bekannte, Pumuckl, wegen

Es ist Sonntagnachmittag. Ich

seines roten Haarschopfes so

habe spät gefrühstückt und

genannt, Igor und einige andere.

kurz danach mit meinen Eltern

Sie freuen sich, mich mal wieder

Mittag gegessen. Rinderrouladen

zu sehen. Ich sage nicht, dass

mit Nudeln und Salat aus dem

ich nur wegen der Erinnerungen

eigenen Garten. Der unablässige

hier bin. Ich bestelle mir eine

Redefluss ist versiegt. Es ist alles

Meckatzer Halbe, wir unterhalten

gesagt. Ich schaue ungeduldig

uns etwas, später sitze ich da,

auf die Uhr, bin sehr erleichtert,

trinke, rauche, höre Musik. Denke

dass ich nicht mehr lange hier bin.

an meine Freunde, die wie ich

Alles, was hier früher so groß war,

von hier weggingen. Fühle mich

ist jetzt zu klein. Endlich ist es Zeit

zunehmend unwohler, hier ist

zu gehen, mein Zug fährt. Kurz

alles wie vor zwanzig Jahren,

hinter Immenstadt blicke ich ein

die gleichen Leute, die gleichen

letztes Mal zum Grünten zurück.

Gespräche. Frage mich, welche

Die Ränder verschwimmen in der

Träume die Unter-Zwanzigjährigen

flirrenden Hitze des Nachmittags,

hier haben, ob sie in zwanzig

wie eine Fata Morgana kommt er


@ThomasMalkowski Thomas Malkowski, 33 (hat noch nicht losgelassen und hält sich gut), Abi und Studium in Baden, seit 2004 bei Stuttgart. Lehrer. Will wieder nach Südbaden, um Lehrer zu bleiben und die Doktorarbeit in Germanistik zu vollenden. Mag humorvolle Menschen, die sich gerne selbst auf den Arm nehmen, vor allem wenn sie übergewichtig sind, weil es ziemlich schwer ist. Hört gerne Musik, hält sich für ein Rock-Chick, ist aber dann und wann für eine herzerweichende Ballade zu haben. Hat Mitleid mit selbstverliebten Menschen, noch mehr Mitleid mit selbstverliebten Männern, Mitleid mit Menschen, die denken, die linke Spur auf der Autobahn kann man für 9,95 Euro pro Monat abonnieren. Keine Mottos, keine Ideologien, aus dem Alter, in dem man Vorbilder hatte, ist er bereits raus. Wartet geduldig auf den körperlichen und geistigen Verfall.

186


D

ie Suche nach Heimat

Ich ging immer davon aus, dass es

kleine Ortschaft in der Nähe

ich in einer Wohngemeinschaft,

nur eine ortsgebundene Heimat

von Karlsruhe. Der Name der

was vieles erleichterte und dazu

geben muss. Deswegen war

Ortschaft ist unbedeutend wie

geführt hat, dass ich mich in

mir immer klar, dass ich keine

die Ortschaft selbst. Meine Eltern

Freiburg sehr gut fühlte und

Heimat habe und haben werde,

leben immer noch dort, also ist

immer noch fühle. Freiburg ist

bis Lukas Podolski mich des

es schon eher eine bzw. meine

für mich ein großes Dorf. Wenn

Besseren belehrte. Während der

Heimat, weil ich weiß, dass ich

man schnell zu Fuß ist, hat man

Fußballmeisterschaft 2006 musste

jederzeit dorthin kann, wenn es

die Stadt in einigen Stunden – wie

er gegen Polen spielen und

mir schlecht ginge oder ich Hilfe

eine kleine Insel – durchlaufen.

meinte, er habe zwei Heimaten.

bräuchte. Aber es sind eher meine

Das Leben, also das mir bekannte,

Das war das erste Mal, dass ich

Eltern als dieser Ort, denn wenn

spielt sich in der Kaiser-Joseph-

den Plural dieses Substantivs

meine Eltern von dort umzögen,

Straße (kurz KaJo) ab. Es hat

gehört habe, und mir ist damals

hätte ich diesem Ort nicht eine

sich viel seit meinem Wegzug

deutlich geworden, dass eine

Träne nachgeweint.

verändert. Was die Originalität

Heimat nicht ortsgebunden sein

der Stadt gefährdet, ist die

muss. So ist es auch in meinem

Ich habe in Freiburg studiert,

zunehmende Verbreitung von

Fall.

und bis heute ist es mir nicht

Geschäftsketten. Das führt dazu,

möglich, diese Stadt ad acta zu

wenn man nicht das Köpfchen

Meine erste Heimat ist mein

legen. Vor mehr als zehn Jahren

Richtung Himmel richtet, dass

Geburtsort. Meine Großmutter

machte ich mich auf den Weg

jede Innenstadt gleich aussieht.

lebt noch dort, aber es ist nicht

in einem Auto, das es heute

Unvergesslich bleibt aber das

meine Heimat oder noch besser,

bestimmt nicht mehr gibt, in den

Bächle, ein kleiner Wassergraben,

ich sehe diesen Ort nicht als

Breisgau. Ich war zuvor noch

der durch die Innenstadt läuft.

Heimat an. Ich habe dort gelebt,

nie dort gewesen, aber ziemlich

Nur wenige Zentimeter Wasser,

ich bin dort zur Schule gegangen,

neugierig, wie die Stadt sein

aber man sagt, wenn der Fuß

und ich hatte einige Freunde dort.

wird, in der ich in den nächsten

das Wasser berührt, würde man

Vielleicht werde ich eines Tages

Jahren leben werde. Da die alten

in Freiburg heiraten. Wird wohl

sehr sentimental und werde mich

Bekannten sich entweder für eine

stimmen, ich habe es noch nicht

nach diesem Ort sehnen. Heute

andere Universität oder für eine

ausprobiert, vielleicht sollte ich

ist es noch nicht soweit, und aus

Berufsausbildung entschieden

es machen. Wenn ich heute in

irgendeinem Grund möchte ich an

haben, bin ich damals ganz

Freiburg bin, erinnere ich mich an

diesen Ort nicht erinnert werden.

alleine nach Freiburg, und die

die alten Zeiten, an die Menschen,

Stadt empfing mich mit offenen

mit denen ich zusammen studiert

Armen. In den ersten Jahren lebte

habe, mit denen ich befreundet

Dann erfolgte ein Umzug in eine


war und bin. Die meisten haben

ich mich hier auskenne.

Freiburg verlassen und wohnen

den Mann zu verlieren. Was es heißt, älter zu werden und sich

verstreut durch Deutschland.

Ich weiß, wie meine Straße heißt,

auf das Ende vorzubereiten. Wie

Freiburg ist eine Heimat, die

wo meine Villa steht, wo der

man den Alltag trotz Krankheit

nicht mehr ist, die ich nicht mehr

nächste Bäcker zu finden ist und

und schlechter Laune meistern

habe und deswegen manchmal

wann die Post offen hat. Es ist

kann. Und auch wenn sie es nicht

so schmerzvoll. Deswegen kann

beruhigend zu wissen, dass man

zugeben würde, hat sie bestimmt

ich die Situation der Exilkünstler

hier nicht fremd ist. Es ist ein

auch einiges von mir gelernt.

– nicht, dass ich mich mit ihnen

Stückchen Welt, in dem ich mich

Es herrscht zwischen uns eine

vergleichen möchte – wie Heine,

wohl fühle, obwohl ich weiß, dass

gesunde Distanz, und manchmal

Mann oder Ausländer verstehen.

dieses Gefühl auch woanders

würde ich sie gerne durchbrechen

Freiburg ist für mich wie eine

zu haben ist. Aber wird man mir

und meine Nachbarin einfach

Wunde. Ich kratze sie jedes Mal

in Berlin-Mitte bei der Post das

umarmen. Aber das weiß sie nicht,

auf, wenn ich dort bin, und kann

Päckchen ohne das Vorzeigen

und es wäre ziemlich peinlich, weil

nicht zu lange dort bleiben, sonst

eines Ausweises aushändigen und

wir beide normalerweise ganz

besteht die Gefahr, dass ich an

mich mit dem Namen begrüßen?

anders sind.

der Stadt verbluten könnte.

Wird mich die Bäckereiverkäuferin freundlich anlächeln und mein

Auch die Stadt, in der ich arbeite,

Nach dem Studium bin ich wie

Lieblingsvollkornbrot in die

zähle ich zu einem oder zwei

ein Päckchen nach Kornwestheim

Tüte einpacken, bevor ich ein

Prozenten zu meiner Heimat. Es

verschickt worden, das nun meine

Wort sage? Wird mich die nette

geht ja nicht um die Stadt, von

jetzige Heimat oder der Ort, in

Filialleiterin der Drogerie nach

der behauptet wird, sie sei schön,

dem ich wohne, ist. Man muss

meinem Befinden und meiner

sondern um die Menschen, die

nicht wissen, wo Kornwestheim

Arbeit fragen? Ich weiß es nicht,

ich durch meine Arbeit kennen

liegt. Es liegt zwischen

glaube aber, dass dies nicht

und schätzen gelernt habe. Ich

Ludwigsburg und Stuttgart, und

möglich wäre.

werde diese Stadt eher früher

wenigstens von einer der beiden

als später verlassen, und bereits

Städte sollte man bereits gehört

Kornwestheim verbinde ich

heute stelle ich es mir schwer vor,

haben. Ich mag Kornwestheim

mit meiner Nachbarin und

diesen Menschen Lebewohl sagen

nicht, und ich stehe dazu. Es

Vermieterin, und auch wenn

zu müssen.

ist nicht meine Stadt, und ich

ich eines Tages nicht mehr da

möchte hier nicht alt werden.

sein werde oder sie diese Erde

So viel zu Orten. Meine Definition

Hätte ich einen Werbeslogan

verlässt, werde ich mich an sie

der Heimat ist schwammig.

für Kornwestheim entwickeln

erinnern. Unsere Beziehung

Vielleicht habe ich gar keine.

sollen, dann wäre es wohl dieser:

ist nicht einfach, und oft frage

In erster Linie sind es doch

„Kornwestheim – hier werden

ich mich, warum das so ist. Ich

meine Eltern, mein Bruder und

Alpträume wahr!“ Trotzdem (was

denke, wir beide haben keinen

dann meine Freunde, ohne die

für ein hässliches Wort) bin ich

einfachen Charakter. Meine

das Leben viel trauriger und

hier zu Hause. Ich habe mich

Vermieterin dient mittlerweile als

langweiliger wäre. Vielleicht habe

an die Stadt gewöhnt, und sie

Großmutterersatz, und ich wüsste

ich nicht wie Lukas Podolski zwei,

fungiert super als ein Wallpaper.

nicht, was Kornwestheim ohne sie

sondern mehrere Heimaten. Aber

Und weil sie nicht besonders

wäre. In den letzten Jahren war

vielleicht habe ich gar keine. Ich

schön ist, komme ich mir noch

es mir möglich, sehr viel durch sie

bin mir nicht sicher.

schöner vor, als ich es bin. Was ich

zu lernen. Ich habe erfahren, was

an Kornwestheim schätze ist, dass

es heißt, nach langen Ehejahren


@deKlontjes Leonike de Klontjes (28) ist Deutsche mit niederländischen Quadratwurzeln und Kommunikosophin summa cum leidenschaft. Sie begreift Heimat als Konstrukt und kreiert kommerzielle Texte und Konzepte in einem Hamburger Agenturnverein. Vor der Hansestadt belebte sie die Hauptstadt Berlin, die Fahrradstadt Münster sowie das Zweitausendseelendorf ihrer Geburt. Regelmäßige Auszüge aus ihrem Privatkopf finden sich seit dem 12. August 2008 auf www.twitter.com/deKlontjes.

190


heimat ist, wo milch und honig flieĂ&#x;en. 5:15 PM Jun 29th 2009 from TwitPic


Stadt/Land/Netz

Warum wir die Stadt bewohnen, das Land besehnen, die Provinz berümpfen, Verödung fürchten. (Ich jedenfalls.)

Man sollte meinen, Raum spiele zweitausend-

Am liebsten antworte ich „Von Welt“, ebenso

undneun keine Rolle mehr. Und mit ihm der

wie ich Ansichtskarten gerne mit „Viele Grüße

Ort. Und mit ihm die Heimat. Das Netz ist

aus Europa“ befülle. Beides zieht nur lange

der Raum, und das Netz ist weltweit; nicht

Gesichter nach sich, lernte ich mit den Jahren.

nur grenzüberschreitend, sondern jene ganz

Die Menschen wollen genauer wissen, wo

und gar auflösend. – Noch sieht die Erfahrung

genau ich mich aufhalte. Seit geraumer Zeit

anders aus.

antworte ich also: Hausestadt Hamburg. Und ich meine das auch so. Wie viele andere auch,

immer wieder faszinierend, dass die mir im netz* am häufigsten gestellte frage lautet: und woher kommst du? *DEM raumunabhängigen medium 5:52 AM Jan13th 2009 from web

deKlontjes

Leonike de Klontjes

weiß ich urbane Infrastrukturen zu schätzen. Ich mag die Massen von Mitmenschen, mit denen ich Tag für Tag nichts zu tun habe. Ich mag das vierundzwanzig/sieben Kulturprogramm, das ich genau genommen kaum nutze. Ich mag die nur einen Steinwurf entfernten Schaufenster all meiner Lieblingsschneider, auf deren Websites ich regelmäßig einkaufe.


Im Großen und Ganzen: Ich mag die Möglichkeiten der Stadt. Nicht unbedingt ihre Wirklichkeiten. Gewiss nicht ihre Wichtigkeiten. Ich mag die Möglichkeiten. Ich könnte, wenn ich wollte, und allein das macht mich froh. – Ja, ist das so? Lesen, wie es weitergeht? Verfolgen Sie die Hausestadtgeschichten der Leonike de Klontjes auf www.blogroyal.de. Ab sofort und nur dort, wir geben Ihnen unser Wort.


@Frauenfuss Die @Frauenfuss twittert seit dem 24.04.2009.

Die freie Grafikdesignerin kam irgendwann auf die

immf-Ausstellungen:

Schnapsidee, in Twitter zu rufen: „Folgt mir, ich

Nürnberg: Galerie „Armer Teufel“

male meine Follower!“ Fortan wart alles anders,

7. November:

denn die Menschen taten, wie ihnen geheißen,

Vernissage mit Lesungen und Poetry-Slam

und Michaela von Aichberger strich die Begriffe

7. November 2009 - 10. Dezember 2009

Freizeit, Urlaub, Wochenende und Schlaf aus ihrem

Bauerngasse 14

Gebrauchsvokabular.

90443 Nürnberg

Schon nach kurzer Zeit meldeten sich Verlage, Zeitschriften, Zeitungen, ja sogar die

Köln: Kulturbunker Köln Mülheim

altehrwürdige Deutsche Presseagentur, um sich

12. Dezember:

nach den Bildchen der Twittersleut‘ zu erkundigen.

Vernissage mit Lesungen und Poetry-Slam

So wurde sie berühmt, und jeder der Gemalten

12. Dezember 2009 - 2. Januar 2010

durfte sich extrem etwas darauf einbilden, zu den

Berliner Straße 20

Auserwählten zu gehören.

51063 Köln

@Frauenfuss hingegen wechselt nur in regelmäßigen Abständen die Streichhölzer, die

Hamburg: irene‘s interiors & meyola

zur Aufbleibung ihrer von Müdigkeit gezeichneten

26. Februar:

Äuglein ein fester Bestandteil geworden sind.

Vernissage mit Lesungen und Poetry-Slam

„Ach was“, sagt sie tapfer, „es macht mir Spaß,

26. Februar 2010 - 13. März 2010

und solange das so ist, male ich weiter.“ #immf

Lehmweg 6

Frauenfuss ist ein während der letzten Fußball-WM

20251 Hamburg

unglücklich gewählter Nickname. „Ich wollte mich bei unserer Tippgemeinschaft mit dem ironisch eingefärbten Namen „Frauenfußball“ anmelden.

Die illustrierten Twitterer finden Sie auf diesen

Das ß wurde zu ss und Ball wurde abgeschnitten.“

Seiten in folgender Reihenfolge:

Alles klar?!

@eeschen, @SibylleBerg, @gebenedeite, @ThomasMalkowski, @Vergraemer, @silenttify,

www. ich-male-meine-follower.de

@stijlroyal, @wikipippi, @kcpr

194


S a m m e lt r i e b Es reicht unserem tiefsten sadistischen Inneren nicht, wenn sich unsere Autoren für das Gelingen des Magazins die Fingerchen wund tippen. Wir haben sie auch noch auf die Straße geschickt, ihre Heimstraße, und ließen sie für uns, vor allem aber für Sie, liebe Leser, Abfall aufsammeln. Was eben so auf der Straße lag. Entstanden ist so ein Portrait unterschiedlicher Wohngebiete, Straßen, Städte der Autoren dieser Ausgabe, die auf der Straße mehr fanden, als nur Produkte der Verdauungstrakte belliger Haustiere. Kommen Sie näher und staunen Sie.

200


von @JoSilberstein aus dem John-F.-Kennedy-Park in Aachen


von @daspoell aus der AckerstraĂ&#x;e in Berlin


von @Frauenfuss vom SchloĂ&#x;platz in Erlangen


von @riot36 aus der Boddin-StraĂ&#x;e in Berlin


von @ThomasMalkowski aus der KarlstraĂ&#x;e in Kornwestheim


von @wikipippi aus der TorstraĂ&#x;e in Berlin


von @agexit aus der Appenzeller StraĂ&#x;e in MĂźnchen


von @piratenmarlene aus der RuhbergstraĂ&#x;e in Wiesbaden


von @baranek aus der BlumenstraĂ&#x;e in Stuttgart


Das Heft ist aus! Lasst mich nun zur Selbstentleibung schreiten!

N.O.A.I.N.! (von Saskia)


SAGT GUTE NACHT Gute Nacht, John-Boy, gute Nacht, Jason, gute Nacht, Mary-Ellen, gute Nacht, Ben, gute Nacht, Erin, gute Nacht, Jim-Bob, gute Nacht, Elizabeth, gute Nacht, John, gute Nacht, Olivia, gute Nacht, Zebulon gute Nacht, Esther, gute Nacht, Ike Godsey, und gute Nacht, Corabeth, Du alte Socke. Die n채chste Ausgabe erscheint (so der Herr (Haas) will) Anfang April 2010


Das Stijlroyal.Magazin ist ein Produkt von Royalkomm.Design. Infos: www.royalkomm.de

Stijlroyal 12 / Magazin aus dem Inneren  

Stijlroyal.Magazin ist ein Produkt von Stijlroyal Design & Magazin, Wiesbaden. www.stijlroyal.de

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