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Spacesharing Raum und wie wir ihn gemeinsam nutzen.

Schriftlicher Teil der Masterthesis von Sebastian Klawiter und Hanna Noller. Betreut von Prof. Dr.-Ing. Sokratis Georgiadis, Klasse f端r Architekturgeschichte, Theorie und Kritik und Designgeschichte an der Staatlichen Akademie der Bildenden K端nste Stuttgart.


Neue Spannungen in unserer Gesellschaft, sichtbar in den Protestbewegungen zu Stuttgart 21, im Gezipark in Istanbul oder auch in der globalen Occupybewegung, veranschaulichen das wachsende Bedürfnis der Menschen nach mehr Mitspracherecht bei der Planung und Entwicklung der sie umgebenden Räume und Städte. Der politische und wirtschaftliche Umgang mit öffentlichem Raum in den letzten Jahren, kreierte einen Missstand, den die Nutzer nicht mehr weiter hinnehmen möchten. Sie beginnen, durch Eigeninitiativen sich Raum zurückzuerobern. Gleichzeitig führt ein stetig steigendes Umweltbewusstsein dazu, dass neue Ideen und Konzepte zum nachhaltigen Umgang mit Ressourcen entwickelt werden.

Ausgangslage und Zielsetzung An der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart werden unter der Leitung der Fachgruppe Architektur seit Januar 2015 mit dem über drei Jahre angelegten Forschungsprojekt »Reallabor Spacesharing« neue Konzepte für die Steigerung der Nutzungsintensivierung von Gebäuden in städtischem Kontext entwickelt und umgesetzt. Das Projekt ist über den Innovations- und Qualitätsfonds des Landes Baden-Württemberg durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert. Der Forschungsansatz des »Reallabor Spacesharing« setzt sich intensiv mit dem Begriff der Nachhaltigkeit auseinander, der eng mit dem Ressourcenbedarf einer Gesellschaft und damit mit der Ressourceneffizienz verbunden ist. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass in städtischen Wachstumsregionen wie Stuttgart die umbauten Volumen und Nutzflächen zunehmen, während die Nutzungsdichte sinkt. Ziel des Projektvorhabens ist es, Raumnutzungen des Gebäudebestands mit dem bestehenden Bedarf und den Bedürfnissen heterogener Akteure räumlich zu kombinieren und somit die Nutzungseffizienz von Gebäuden im städtischen Kontext zu steigern. Im Zuge des theoretischen Teils unserer Masterthesis untersuchen wir unabhängig vom tatsächlichen Inhalt des Forschungsprojekts dessen Titel Spacesharing genauer und widmen uns der Frage: „Was ist Raum und wie nutzen wir ihn?“. Um den Wissensaustausch sowie die Kommunikation unter den TeilnehmerInnen und Interessierten des Forschungsprojektes »Reallabor Spacesharing« zu stärken, initiieren wir mit unserer Arbeit eine »Open - Source - Zines«-Sammlung. Diese Zines sind Low-Budget Magazine, schwarzweiß, kostengünstig auf A3 Papier zu drucken und zu einfachen DIN A4 Heften zu falten. Dadurch soll der Austausch, der Umgang und die Diskussion mit den erarbeiteten Thematiken vereinfacht werden. Diese Zines können im Zuge des Reallabors von Studierenden nach und nach erarbeitet werden und spontan ohne ein vorherig geplantes Ende entstehen. Weiter


können sie die vielfältigen Inhalte, greifbar und für alle Beteiligten schnell zugänglich machen. Um den übergeordneten Zusammenhang der einzelnen Hefte zu visualisieren, wurde in interdiziplinärer Zusammenarbeit mit Studierenden des Studienfachs Kommunikationdesign eine Layoutvorlage entwickelt, welche allen Beteiligten zur Verfügung gestellt wird.

Aufbau und Methodik Zu dem Titel Spacesharing sind vier Zines entstanden. Nach einer einleitenden Begriffsannäherung wird ein Überblick über die wichtigsten Aspekte der einzelnen Themengebiete und deren Bedeutung gegeben. Zum besseren Verständnis werden mittels kompakter Exkurse relevante Punkte weiter vertieft und verbildlicht. Ausgewählte und analysierte Fallbeispiele sollen ein konkretes sowie praktisches Verständnis vermitteln, um den Bezug zur realen Welt herzustellen. Als Grundlagen für die erarbeiteten Inhalte dienten umfassende Literatur-, Internetund Vorortrecherchen, diverse Vorträge sowie Gespräche mit fachspezifischen Experten.

Space / Raum

Zine 1

to share / the history of sharing

Zine 2

Dieses Zine gibt einen Überblick über die Begriffe Raum, privater Raum, öffentlicher Raum, Shared Space, virtueller Raum und den architektonischen Raum grundsätzlich und im Kontext des Themas Spacesharing.

In diesem Zine geht es um die Definition des Begriffs to share im Englischen sowie im Deutschen. Außerdem gibt es einen kurzen geschichtlichen Einblick in das Thema Eigentum. Was ist Eigentum und wie ist es entstanden? Weiterführend wird sich mit der Frage beschäftigt, wie sich Eigentum in der Geschichte der Menschheit entwickelt und verändert hat und was das für uns heute bedeutet.

The Sharing Economy

Zine 3

Commons

Zine 4

Die Sharing Economy ist in aller Munde. In diesem Zine wird kritisch hinterleuchtet, was die Sharing Ecnomy tatsächlich ist, wie sie sich entwickelt hat und welche Bedeutung sie derzeit einnimmt. Einige Fallbeispiele am Ende des Magazins geben einen weiteren Einblick in diese sich rasant entwickelnde weltweite Ökonomie. Dieses Zine gibt einen Überblick der Idee der Gemeingutwirtschaft (Commoning). Es werden die aktuellen Trends, Fragen, Diskussionen und Entwicklungen behandelt. Im Anhang werden einige aktuelle Projekte vorgestellt.


Persönlicher Bezug Wir, das sind Hanna Noller und Sebastian Klawiter, Masterstudenten der Architektur im 5. Semester an der Staatlichen Akademie der Bildenen Künste in Stuttgart und Teil einer Generation, die sich aufgrund der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Spannungen neue Fragen über unsere Lebensverhältnisse stellt und ihre Bedürfnisse, Bedenken und Ängste äußert. Wir befürchten, dass wir uns zukünftig urbanen Wohnraum, auch unabhängig von den Parametern Job, Gesundheit, Familie usw. betrachtet, immer weniger leisten können werden und Raum für soziale Interaktionen mit anderen Menschen immer weniger vorhanden sein wird. Die Tatsache, dass rein flächenmäßig betrachtet, genügend Raum vorhanden ist, der von uns und anderen Menschen genutzt werden könnte, dieser aber zunehmend privatisiert, verspekuliert, dadurch häufig überteuert, untergenutzt und nicht zugänglich ist, hinterfragen wir kritisch. Dieser Entwicklung möchten wir mit unserer Arbeit entgegenwirken. Wir wollen Alternativen dazu finden, diese aufzeigen und weiterentwickeln. Alternativen, die Raum öffnen und diesen für Menschen und deren Bedürfnisse wieder zugänglich und gemeinsam nutzbar machen. Hanna hat als Tischlergesellin und mit dem erfolgreichen Abschluss eines BWLStudiums ihren Bachelor in Architektur an der Hafen City Universität in Hamburg gemacht und während eines einjährigen Aufenthaltes an der Mimar Sinan Üniversitesi in Istanbul die Gezipark-Proteste 2013 hautnah miterlebt. Gemeinsam mit anderen Architekturstudenten und Künstlern hat sie dort die Projekte »Bellastock Istanbul« (Architektur aus Recyclingmaterial) und »Arakollektif« (Kunst und Design Kollektiv. »Ara« ist türkisch und bedeutet Suche) mit initiiert., die gemeinschaftlich gegründet und durchgeführt wurden. Zum Thema der Masterthesis Spacesharing führte sie nicht nur das Forschungsprojekt des Reallabors sondern auch ein gunrdsätzliches Interesse, das eben aus der Kombination von BWL-Studium, Architekturstudium und Tischlerlehre, die das Ganze im kleinen Maßstab der Raum- und Möbelplanung praktisch ergänzt, hervorgeht. Sebastian hat nach seiner erfolgreichen Ausbildung zum Schreinermeister in München Innenarchitektur an der Hochschule Coburg studiert. Während seiner Studienzeit hat er sich dem studentischen Verein »WIRGESTALTEN e.V.« angeschlossen und diesen als Vorstand weiterentwickelt. »WIRGESTALTEN e.V.« dient Studenten sowie Alumnis kreativer Fachrichtungen als Plattform, um im interdisziplinären Austausch freie Projekte zu verwirklichen und einen kulturellen Beitrag zu leisten. Während seiner 2 ½-jährigen Tätigkeit bei Studio Asif Khan in London, arbeitete er unter anderem an dem Coca-Cola-Pavillion für die Olympischen Spiele 2012 und bekam dadurch tiefe Einblicke in die komplexen städtebaulichen Planungsprozesse. Dabei war er nicht nur außenstehender Planer sondern wohnte direkt an der Grenze des Olympischen-Geländes und konnte deshalb die massiven durch Olympia verursachten Umstrukturierungen in seinem damaligen Wohnort London/ Hackney hautnah miterleben. In dieser Zeit wurde er Zeuge der London Riots. Dieses Ereignis hat ihn generell für Themen im soziale-städtebaulichen Kontext sensibilisiert.


Vorläufiges Fazit »Architecture is the space between people.« 1 Nach all den in unserer Arbeit aufgezeigten Theorien zu Raum, Zeit und Architektur, bringt diese schlichte Definition den Raum auf das Thema Spacesharing bezogen für uns am ehesten auf den Punkt. Fakt ist, dass Raum immer erst durch die Nutzer entsteht. Für uns stellt sich die Frage, wie architektonischer Raum zwischen Menschen, egal, ob nun in virtueller oder tektonischer Form, so initiiert, gestaltet und organisiert werden kann, dass er sich gemeinschaftlich und fair nutzen lässt um die grundsätzlichen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Der virtuelle Raum wird dabei in Zukunft mit Sicherheit eine immer größere Rolle spielen. Trotzdem wollen wir uns dabei stets im Maßstab des Menschen bewegen und uns nicht zu weit von ihm entfernen, da es letzenendes doch immer um unsere eigenen persönlichen Lebensbedürfnisse, Erwartungen und Wünsche geht. Wir müssen uns überlegen, wie wir leben wollen, welche Werte uns wichtig sind und wie wir miteinander umgehen möchten. Dabei bleibt niemandem etwas anderes übrig, als sich selbst eine Meinung zu bilden und eine Haltung anzunehmen. Der immer mehr zusammenwachsende gemeinsame Raum in dieser globalen Welt geht uns alle an. In dem Forschungsprojekt »Reallabor Spacesharing« sehen wir eine Chance, Alternativen und ein neues Bewusstsein für gemeinsamen Raum und wie wir mit ihm umgehen, entwickeln und ausprobieren sowie weiterentwickeln zu können.

 1 Doesinger, Stephan; Space between people; 2008; S. 17


Unterstützt haben uns: Prof. Dr.-Ing. Sokratis Georgiadis, AM Thomas Cappellaro, Friederike Schubert, Valerie Rehle, Ute Müller-Schlösser, die netten Mitarbeiter der Bibliothek der Akademie, Karin Schulte, Malte Bösche und Isabel Thoma. DANKE !

IMPRESSUM Titel  »Spacesharing. Raum und wie wir ihn gemeinsam nutzen.« Lehrstuhl  Prof. Dr.-Ing. Sokratis Georgiadis, Klasse für Architekturgeschichte, Theorie und Kritik, Designgeschichte Verfasser  Sebastian Klawiter und Hanna Noller Datum 20.07.2015 Herausgeber Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Am Weissenhof 1 70191 Stuttgart Informationen zum Reallabor Spacesharing www.abk-stuttgart.de/forschung/forschungsprojekte/reallabor-spacesharing.html Weiterführende Informationen https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/forschung/forschungspolitik/wissenschaft-fuer-nachhaltigkeit/reallabore/ Vorlayout / Gestaltung: Ute Müller-Schlösser, www.utemuellerschloesser.de Antonia Terhedebrügge, www.antoniaterhedebruegge.de Sarah Baumann, sarahbaumann01@gmail.com


Profile for hanna & sebastian

Spacesharing - Einleitung  

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