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Ausgabe November 4/2017

THEMA Wachstum gegen Armut? AKTUELL Bewegt sich die Fifa?

Das Magazin von


2 EDITORIAL Liebe Leserinnen und liebe Leser Erinnern Sie sich an das Bild jenes jungen Vaters aus Syrien zu schenken. Ihre Gesichter haben sich mir eingeprägt, und vor oder dem Irak, ein kleines Kind auf seinen Armen, das Gesicht ihrer Würde empfand ich allergrössten Respekt, denn es ist so von Schmerz und Scham verzerrt, tränenüberströmt und er- wenig selbstverständlich, diese Würde zu wahren, wenn der schüttert, bei der Landung nach der lebensgefährlichen Flucht Krieg einem alles genommen hat. über das Mittelmeer? Solche Bilder Für Menschenrechte und für Menschen­sahen wir in den letzen Jahren häufig. würde einzustehen, ist die Pflicht von uns Aber dieses eine Pressebild habe ich allen. Überall. Jederzeit. damals lange angeschaut, denn der Dass ich bei Solidar einen Beruf ausSchmerz dieses Mannes darüber, dass üben durfte, bei dem es zentral um diese er sein Kind einer lebensbedrohlichen Rechte und diese Würde geht, empfinde Situation hatte aussetzen müssen, hat ich als ausser­ordentliches Privileg. Und mich tief bewegt. ich danke I­hnen von Herzen, dass ich Ich habe auf meinen Dienstreisen viele dabei auf Sie zählen durfte, auf Ihre Mütter und Väter kennengelernt, die Unterstützung und auf Ihr Vertrauen. ­allesamt darunter leiden, dass sie ihren Wenn ich nun Solidar Suisse verlasse, Kindern keine Sicherheit geben können, Esther Maurer um den Asylbereich auf Bundesebene keine Geborgenheit, keine Perspektiven. Direktorin Solidar Suisse zu übernehmen, so weiss ich unsere Weil sie als Flüchtlinge in einem ­fremden Organisation in besten Händen: bei Land mehr schlecht als recht leben, und weil sie über Jahre Barbara Burri und Felix Gnehm. Ich freue mich ausserordenthinweg abhängig sind von fremder Hilfe. Einige zerbrechen lich, dass sie hochmotiviert sind, gemeinsam Solidar Suisse ­daran. Andere bieten Tag für Tag enorme Kräfte auf, um die zu leiten und weiterzuentwickeln, und ich hoffe, dass Sie ihnen Familie zusammenzuhalten und ihren Kindern trotz widrigster ebenfalls Ihr Vertrauen schenken. Umstände immer wieder ein Lächeln, ein Stück Zuversicht Esther Maurer

MEDIENSCHAU

8.8.2017 Zürichs Ärger mit «Blutsteinen» Die jüngste Ladung chinesischer Steine verbaut die Stadt Zürich zurzeit am Stauffacher. (…) Sie stammen aus chinesischer Produktion. (…) Entfacht hatte die Diskussion das Schweizer Arbeiterhilfswerk (heute Solidar Suisse). Dieses machte die «blutigen Steine» aus den asiatischen Steinbrüchen zum Thema und prangerte die dortigen Arbeitsbedingungen an (…). Inzwischen hat sich die Aufregung um die chinesischen Steine gelegt, o ­ bwohl Menschenrechtsverletzungen in China weiterhin vorkommen. Ein Grund ist, dass die Stadt sich verpflichtet hat, sich an das Label Fair Stone zu halten.

24.7.2017 Zürich engagiert sich in Libanon In Libanon leben Hunderttausende syrischer Flüchtlinge. Um libanesische Gemeinden zu entlasten, hat die Stadt Zürich zusammen mit dem Hilfswerk Solidar ­Suisse im Dezember drei Projekte gestartet. Wie der Besuch einer Delegation vor Ort zeigte, lassen sich damit Verbesserungen erreichen. (…) Eine Gemeinde musste die Trinkwasserversorgung für die einheimische Bevölkerung und die syrischen Flüchtlinge rationieren. Dies sorgte für Spannungen. Inzwischen wurde ein 550 Meter tiefer Brunnenschacht gebohrt, der die gesamte Bevölkerung wieder mit genug sauberem Trinkwasser versorgt.

17.7.2017 Er hat die Nepalesen überzeugt Was sich in Nepal am 25. April und am 12. Mai 2015 ereignete, hat bis heute Einfluss auf das Leben der dortigen Bevölkerung: Schwere Erdbeben haben grosse Teile der Infrastruktur zerstört. (…) Zahlreiche Hilfsorganisationen unterstützen die betroffenen Familien beim Wiederaufbau – so auch Reto Gerber. Der 38-Jährige leitet in Nepal ein Wiederaufbauteam für Solidar Suisse. Im Melamchi-Tal werden Häuser gebaut sowie Wasserleitungen für Haushalte und Bewässerungskanäle für die Landwirtschaft erstellt. Es würden jetzt erdbebensichere Häuser gebaut (…) mit lokalen Materialien wie Holz und Steine.


INHALT 3 THEMA Wachstum gegen Armut? 

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Ohne soziale Gerechtigkeit bringt Wachstum den Armen nichts 

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Solidar-KoordinatorInnen diskutieren, wie der Rohstoffboom der Bevölkerung nützen statt schaden könnte  8 Beispiel Burkina Faso: Das Wachstum im Norden hat fatale Folgen im Süden 

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El Salvador: Wie eine aktive Zivilgesellschaft zu mehr sozialer Gerechtigkeit beitragen kann 11 AKTUELL Nach fünf Jahren verlässt Direktorin Esther Maurer Solidar Suisse: ein Interview zum Abschied  13 Viele kambodschanische Arbeits­ migrantInnen werden in Thailand ausgebeutet

THEMA

Wachstum führt nicht automatisch zu Reichtum, vielmehr droht er im Kollaps des Planeten zu enden. Es braucht Umverteilung und Massnahmen gegen den Klimawandel.

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Führt die neue Menschenrechtspolitik der Fifa zu einer fairen WM? 16 KULTURELL Solidar zeigt einen Film am Human Rights Filmfestival in Zürich

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EINBLICK Margarida Chaessa engagiert sich in Moçambique für den Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle  18 KOLUMNE9 NOTIZEN PINGPONG 

12 & 14 14

15 AKTUELL Kambodschanische MigrantInnen werden in Thailand häufig ausgebeutet und ausgeschafft. Solidar unterstützt die traumatisierten und mittellosen Zurückgekehrten. IMPRESSUM

Herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zürich, Tel. 044 444 19 19, E-Mail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 80-188-1 Mitglied des europäischen Netzwerks Solidar Redaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Marco Eichenberger, Lionel Frei, Eva Geel, Cyrill Rogger

Layout: Binkert Partner, www.binkertpartner.ch / Spinas Civil Voices Übersetzungen: Milena Hrdina, Katja Schurter, Jean-François Zurbriggen Korrektorat: Jeannine Horni, Catherine Vallat Druck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 Schaffhausen Erscheint vierteljährlich, Auflage: 37 000

Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 70.–, Organisationen mindestens Fr. 250.– pro Jahr). Gedruckt auf umwelt­ freundlichem Recycling-Papier. Titelbild: Ein pakistanisches Mädchen arbeitet an einer Stickerei, mit der sie zum Familieneinkommen beiträgt. Foto: Usman Ghani. Rückseite: Unterstützen Sie mit dem Kauf einer Solidar-Geschenkkarte unsere weltweiten Projekte.


4 In Burkina Faso arbeiten viele Menschen auf eigene Faust in Minen und Steinbrüchen: für mickrige Einkommen, unter gefährlichen Arbeitsbedingungen und mit zerstörerischen Auswirkungen auf die Umwelt.

WACHSTUM GEGEN ARMUT? Die Annahme, dass Wachstum automatisch zu Reichtum führt, hält sich hartnäckig, obwohl zahlreiche historische Erfahrungen dagegen sprechen. Abgesehen davon, dass unser Planet ungebremstes Wachstum gar nicht verkraftet, kommt der Wohlstand auch nicht automatisch bei den Armen an. Dafür braucht es Umverteilung, demokratische Beteiligung, würdige Arbeit und Massnahmen gegen den – durch das Wachstum im Norden verursachten – Klimawandel, dessen Auswirkungen sich besonders im Süden zeigen. Lesen Sie auf den nächsten Seiten, wie Solidar sich für soziale Gerechtigkeit engagiert. Foto: Andreas Schwaiger


THEMA

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6 UMVERTEILUNG STOPPT ARMUT Damit Wachstum zur Armutsbekämpfung beiträgt, braucht es Umverteilung. Dies zeigen Geschichte und Gegenwart. Text: Joachim Merz, Foto: Usman Ghani Wirtschaftswachstum führt automatisch zu Entwicklung und Armutsreduktion, so der naive Irrglaube der Modernisierungstheorie. Begründet in den 1960er Jahren, hat er bis heute überlebt. Noch immer glauben PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen im globalen Norden wie im globalen Süden an diese einfache Formel, vor allem in Zeiten, in denen ­fortgesetztes Wirtschaftswachstum nicht mehr als Naturgesetz gelten kann. Übersehen wird, dass es sehr wohl ein Wachstum gibt, das die Armut nicht nur nicht verringert, sondern verschärft, das die Schere zwischen Arm und Reich aufgehen lässt und keine Jobs schafft für die vielen Arbeitslosen, Unterbeschäftigten, informell oder scheinselbständig Beschäf­

tigten. Wachstum ohne Beschäftigung ist im 21. Jahrhundert längst eine Realität. Weiter wie bisher ist keine Option Selbst wenn die Welt wieder zu kontinuierlichem Wirtschaftswachstum zurückfinden würde, wäre das Armutsproblem damit noch längst nicht vom Tisch. Ganz zu schweigen von den schwerwiegenden und irreparablen Umweltschäden, die wir mit unserem Wachstum und Konsum verursachen. Das Ziel, die Erderwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts nicht über 2 Grad ansteigen zu lassen, erscheint vielen ExpertInnen bereits als Illusion – mit Folgen, die sich bereits heute abzeichnen (siehe Seite 10). Und obwohl sich die kritischen Stimmen häufen,

­mfasst die gegenwärtige Wachstumsu diskussion immer noch ein weites Spannungsfeld – vom unverantwortlichen «Weiter wie bisher» und der Leugnung des Klimawandels bis zu Degrowth (Wachstumsrücknahme) und Konzepten für eine Postwachstumsgesellschaft. Wachstum allein befreit nicht aus der Armut Was heisst das für arme Länder? Wachstum ist nur dann armutsreduzierend, wenn es breitenwirksam ist und das ­wirtschaftliche Potenzial der armen und benachteiligten Bevölkerungsgruppen gefördert wird. Dazu gehört zwingend, dass die Arbeitskraft in Wert gesetzt wird, d.  h. dass sich Menschen durch


THEMA 7 Junge Frauen in ihrem Zelt in der pakistanischen Stadt Lahore.

­ rbeit aus der Armut befreien können. A Dies ist nur unter Bedingungen menschenwürdiger Arbeit möglich: existenzsichernde Löhne, soziale Sicherungssysteme, Mitsprache durch Gewerkschaften und Arbeitnehmendenvertretungen. Und es ist auch nur dann möglich, wenn überhaupt Arbeit geschaffen wird, d. h. das Wachstum arbeits- und nicht kapital­ intensiv ist. Eine besondere Herausforderung stellt auch die Digitalisierung der Arbeit dar. Zentral ist deshalb, wie und ob der Staat willens und fähig ist, durch eine progressive Steuer- und Sozialpolitik zu einer Umverteilung der Einkommen beizusteuern. Was Umverteilung bewirken kann, zeigt die Oxfam-Kampagne «Even it up»: Bei fortgesetztem Wachstum ohne Korrekturen in der Einkommensverteilung würden bis 2019 beispielsweise in Indien 90 Mio. Menschen die Armut hinter sich lassen. Nicht wenig. Wird jedoch gleichzeitig das Ausmass der sozialen Ungleichheit reduziert, erhöht sich diese Zahl drastisch: Bis zu doppelt so viele Menschen würden der Armutsfalle entkommen. Auch die

Cartoon von Gerhard Mester

Weltbank anerkennt, dass es dringend Umverteilung braucht, soll bis 2030 das nachhaltige Entwicklungsziel 1 der Uno erreicht werden, Armut in all ihren Formen und überall zu beenden.

r­ egeln. Eigentlich ist aus der Geschichte Europas bekannt, wie neben der Einkommens- und Vermögensverteilung Politik konkret gestaltet werden muss, um Armut wirksam zu bekämpfen: Es braucht staatliche Inves­ titionen in Bildung und Gesundheit und einen guten Service public für alle – also das genaue Gegenteil des herrschenden Privatisierungsmantras.

Menschenwürdige Arbeit und guter Service public Die von der Uno verabschiedeten nachhaltigen Entwicklungsziele streben unmissverständlich menschen­wür­ dige Arbeit für alle an (Ziel 8). Der Staat muss durch eine Armutsbekämpfung, so die Uno, progressive Steuer­politik wird nur möglich sein, wenn die Menschen stabile, gut bezur Umverteilung der zahlte Jobs haben. Eine Zahl Einkommen beitragen. macht die Herausforderung besonders deutlich: Zwischen 2016 und 2030 braucht es allein für Kämpfen für globale Fairness die frisch auf den Arbeitsmarkt strö- Solidar Suisse setzt sich dafür ein, dass menden jungen Menschen 470 Millio- Wachstum die Armut auch wirklich nen neue Jobs. Armutsbekämpfung, ­verringert: In Projekten weltweit fördern Umverteilung und der Erhalt unserer wir die Arbeitsrechte, stärken GewerkUmwelt sind nur ­unter der Bedingung zu schaften und Organisationen von Arbeierreichen, dass das Wirtschaftswachs- terInnen, engagieren uns für Demokratie tum politisch gesteuert wird (siehe Arti- und Menschenrechte. Wir setzen den kel Seite 8). Der Markt wird es nicht Hebel dort an, wo die politischen Weichen für nachhaltige Entwicklung und für wirksame Armutsbekämpfung gestellt werden, in unseren Kooperationsländern wie auch in der Schweiz. Dabei ist eine starke Zivilgesellschaft, die ihre Rechte einfordert, ein wichtiges Entwicklungsziel (siehe Seite 11). Globale Fairness heisst für Solidar Suisse, die Früchte des Wachstums gerecht zu verteilen – und die Prämissen von Wachstum und Konsum zu überdenken. Entwicklung ist keine Einbahnstrasse und geht nicht nur den globalen Süden an. Das nachhaltige Entwicklungsziel 12 der Uno fordert verantwortungsvollen Konsum und Produktion. Beginnen wir vor der eigenen Haustür.

Joachim Merz ist Programmleiter Bolivien und Südliches Afrika bei Solidar Suisse.


8 UMWELTZERSTÖRUNG UND KORRUPTION Es braucht Druck aus der Zivilgesellschaft, damit der Staat gegen ausbeuterische Rohstoffunternehmen vorgeht. Ein Gespräch mit den Solidar-KoordinatorInnen aus Moçambique, Burkina Faso und El Salvador. Interview: Katja Schurter, Fotos: Goran Tomasevic und Andreas Schwaiger

Der Rohstoffboom hat in Burkina Faso und Moçambique zu schnellem Wachstum geführt. Kommt der Ertrag auch bei der armen Bevölkerung an? Dieudonné Zaongo: Gold ist das Haupt­ exportprodukt Burkina Fasos, und viele ausländische Firmen kommen ins Land, um es auszubeuten. Unter der früheren Regierung waren Korruption und Betrug an der Tagesordnung. Ein neues Bergbaugesetz von 2015 bestimmt, dass die Unternehmen die Umwelt schützen und die lokalen Gemeinschaften fördern müssen. Doch sie halten sich nicht daran: So holen sie lieber qualifizierte Leute aus anderen Regionen, statt lokale Arbeitskräfte auszubilden. Doch nun zwingen die Leute mit Demonstrationen und Strassensperren die Unternehmen an den Verhandlungstisch. So wird die eine Schule oder das andere Spital gebaut. Jorge Lampião: Auch in Moçambique ist das schnelle Wachstum auf die Ausbeu-

tung der Rohstoffe Kohle, Gas und Gold zurückzuführen. Mit dem Sinken der Rohstoffpreise verringerte sich das Brutto­ nationaleinkommen wieder. Zugenommen hat dafür die Korruption. Der Boom im Minensektor zieht externe Investitionen ­ und MigrantInnen an. Sie kommen aus so fernen Ländern wie Nigeria und bauen die Mineralien auf eigene Faust ab. Auch junge MosambikanerInnen gehen in die Minen statt zur Schule. Das ist sehr gefährlich: Immer wieder sterben Menschen in zusammengefallenen Minen. Es werden auch häufig Menschen umgesiedelt – mit oder ohne Zustimmung. Und diese ist relativ: Die Menschen werden nicht über die Bedeutung der Umsiedlung und über Alternativen dazu informiert. Wenn das Kompensationsgeld aufgebraucht ist, finden sie sich in Gebieten ohne jegliche Infrastruktur wieder: keine Schule, kein Gesundheitszentrum, keine öffentlichen Verkehrsmittel.

El Salvador hingegen hat im März dieses Jahres ein Gesetz verabschiedet, das jeglichen Bergbau verbietet. Wie kam es dazu? Yolanda Martinez: Im Jahr 2000 hat die Regierung Lizenzen für die Goldextrak­ tion an Unternehmen vergeben, z. B. an OceanaGold. In El Salvador werden die Mineralien nur an der Oberfläche abgebaut, was mit massiver Umweltzerstörung verbunden ist. Deshalb haben die AnwohnerInnen gegen die Lizenzvergabe protestiert: Sie besetzten das Gelände, zerstörten die Maschinen und blockierten Strassen. Die Leute, die umgesiedelt werden sollten, nahmen das Kompensa­ tionsgeld nicht an. So konnte OceanaGold die Mine nicht realisieren und klagte die Regierung von El Salvador wegen entgangener Profite an – verlor jedoch den Prozess (siehe Solidarität 1/2017). Nun ist die Regierung einen Schritt weitergegangen und hat den Bergbau insgesamt


KOLUMNE

THEMA 9

Ein Mann wäscht in Moçambique Gold auf seinem kleinen Stück Pachtland (links). Solidar-KoordinatorInnen Dieudonné Zaongo, Yolanda Martinez und Jorge Lampiã​o.

An der WM sollen Strassenhändle­ rInnen ihre Waren rund um die Stadien nicht verkaufen dürfen.

Hans-Jürg Fehr Präsident Solidar Suisse

Fakten gegen Dogmen verboten. Dass das Gesetz durchkam, ist jedoch den zivilgesellschaftlichen Organisationen zu verdanken. Ist denn Umweltzerstörung kein Problem in Burkina Faso und Moçambique? Lampião: Doch, natürlich. Beim infor­ mellen Bergbau – ohne Unternehmen, die den Abbau organisieren – werden überhaupt keine Bestimmungen eingehalten. Ein Problem ist auch die Ent­ waldung: Unternehmen kaufen riesige Grundstücke, fällen die Bäume und ­exportieren sie nach China. Uns bleibt das kahle Land. Zaongo: Neben 7000 ArbeiterInnen in ­industriellen Minen gibt es zwei bis vier Millionen informelle GoldschürferInnen – inzwischen suchen mehr als 700 000 Jugendliche nach Gold, statt zur Schule zu gehen. Rund um die Gruben bilden sich riesige Camps mit bis zu 20 000 Leuten. Sie benutzen Zyanid, ohne dessen verheerende Wirkung auf die Umwelt zu kennen. Es gelangt in die Flüsse und vergiftet Mensch und Tier. Die Umwelt wird nicht geschützt, wenn der Staat nicht ­kontrolliert – und der tut es nur aufgrund von Druck aus der Zivilgesellschaft. Was muss geschehen, damit auch die Bevölkerung vom Wachstum profitiert? Zaongo: Die Unternehmen müssen die Umwelt schützen, lokale Leute engagieren und Infrastrukturen wie Schulen oder Spitäler zur Verfügung stellen. Aber die Regierung kann den Goldabbau nicht wirklich kontrollieren. Die Unternehmen deklarieren nicht das ganze Gold, sie schmelzen es ein und schmuggeln es über die Grenze nach Togo.

Lampião: Die Unternehmen müssen ihre soziale Verantwortung wahrnehmen und für Infrastruktur sorgen. Denn sonst haben die Armen – in Moçambique leben 45 Prozent unter der Armutsgrenze – ausser dem Schaden nichts davon. Das gleiche Problem stellt sich bei der kommerziellen Landwirtschaft: In riesigen Gebieten plant die Regierung den Anbau von Baumwolle und Soja für den Export durch brasilianische und japanische Firmen. Eine Million Familien wären davon betroffen. Es braucht Kontrollmechanismen und eine effektive Bekämpfung der Korruption. Schätzt du das Abbauverbot in El Salvador als positiv ein? Martinez: Auf jeden Fall. Denn auch in El Salvador würden nur die Unternehmen profitieren, für die Bevölkerung blieben Verschmutzung und die Zerstörung ihrer ­Gemeinschaften durch Umsiedlung. Wäre ein Verbot eine Option für Burkina Faso und Moçambique? Lampião: Nein, das ökonomische Potenzial von Kohle, Gas und Gold ist viel zu gross. Wir müssen uns für eine öko­ logische Ausbeutung der Rohstoffe einsetzen, von der auch die Bevölkerung profitiert. Zaongo: Wenn die Regierung dafür sorgt, dass die Rohstoffe umweltschonend ausgebeutet und die Profite im Sozial­ bereich eingesetzt werden, kann es für die Menschen positiv sein. Aber dafür brauchen wir ein unabhängiges Parlament, das die Regierung kontrolliert. Und eine starke Zivilgesellschaft, welche die Regierung unter Druck setzt, wenn sie korrupt ist und die Rechte der Bevölkerung nicht durchsetzt.

Wachstum bringt Wohlstand für alle. Das ist eines der oft gehörten neoliberalen Dogmen, die einem Faktencheck nicht standhalten. Den behaupteten Automatismus gibt es nicht. Wachstum kann auch etwas ganz anderes bewirken, nämlich die Vermehrung des Reichtums der herrschenden Oberschicht und die Fortsetzung von Armut und Rechtlosigkeit der erwerbstätigen oder erwerbslosen Bevölkerung. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) taugt nicht als Massstab für Lebensqualität, weil es nichts aussagt über die Verteilung der wirtschaftlichen Wertschöpfung. Für eine einigermassen gerechte Verteilung sorgt aber nicht die Wirtschaft, sondern die Politik. Diese Erkenntnis, gewonnen aus unzähligen historischen Erfahrungen, ist ebenso unbestreitbar wie das Wissen, dass nicht der freie Markt die Umwelt schützt, sondern der demokratische Staat. Die Politik muss den Unternehmen menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Löhne vorschreiben. Sie hat für Investitionen in die Bildung, ins Gesundheitswesen und in die Infrastrukturen zu sorgen. Sie muss die finanziellen Mittel dafür bei denen holen, die sie haben – mittels progressiven Steuern. Sie hat Sozialversicherungen einzurichten, damit die Menschen auch im Alter oder bei Krankheit über ein existenzsicherndes Einkommen verfügen. Sie muss die Menschenrechte garantieren und auch die Mächtigen dem Rechtsstaat unterwerfen. Wenn all diese Bedingungen erfüllt sind, kann Wachstum das Wohlstandsniveau heben und die Lebensqualität für alle verbessern. Aber nur dann.


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Bauer Boureima Zoungranna h ​ at die Veränderungen durch den Klimawandel selbst miterlebt.

DER KLIMAWANDEL IST BITTERE REALITÄT Im globalen Norden verursacht, zeigen sich die Auswirkungen des Klimawandels zum Beispiel in Burkina Faso. Text: Arlette Badolo, Foto: Solidar

Der Klimawandel macht den Bauern und Bäuerinnen in Burkina Faso zunehmend das Leben schwer. Der 80-jährige Boureima Zoungranna aus Boussé, einer Kleinstadt 50 Kilometer von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt, erinnert sich: «Früher konnte ein Bauer auf seinem Feld 10 bis 15 Wagenladungen ernten. Heute ernten wir auf einer grösseren Fläche 8 bis höchstens 10 Wagenladungen.» Seïdou Ouedraogo aus dem 20 Kilo­ meter entfernten Niou pflichtet ihm bei: «Die Veränderung ist eindeutig, es bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu meistern.» Das Problem sind Dürre und Erosion, bedingt durch den Klimawandel. Verminderung der Erosion Um den Auswirkungen des Klimawandels etwas entgegenzusetzen, unterstützt Solidar Suisse die BäuerInnen in Burkina Faso mit verschiedenen Massnahmen. So vermittelt unsere lokale Partnerorga­ nisation Association Tind Yalgré (ATY) Methoden, um die Erosion der Böden zu ­verhindern. Zum Beispiel «Zaï»: Mit dieser

Methode wird das Saatgut in 30 Zentimeter tiefe Mulden gepflanzt und die Erde rundherum aufgeschüttet. Damit können auch unfruchtbar gewordene Böden zurückgewonnen werden. Regen­ auffangbecken, aus denen die Felder ­bewässert werden können, helfen ebenfalls, Dürreperioden zu überstehen. Denn immer häufiger fällt zu wenig Regen. Ausgleich der Ernteausfälle ATY vermittelt den BäuerInnen auch Techniken, um mit dem aufgefangenen Wasser gegen Ende der Regenzeit Gemüse anzubauen. So können sie ihr Einkommen erhöhen. Denn zu dieser Zeit gibt es in der Hauptstadt eine grosse Nachfrage nach frischem Gemüse, weil das Getreide fast aufgebraucht ist und alle auf die Ernte warten. So können die ProduzentInnen ihr Gemüse profi­ tabler vermarkten. «Wir verkaufen einen Sack mit 50 Kilogramm Auberginen für 10 000 Francs (etwa 17 Franken), und alle sechs Tage kann geerntet werden», erzählt Francis Ouedraogo mit einem

­ächeln auf den Lippen. Auch Seïdou L Ouedraogo konnte damit seine wegen des Klimawandels gesunkene Produktion wieder steigern: «Und dies nicht etwa, weil es mehr geregnet hätte, sondern wegen der neuen Anbaumethoden, die ­ wir bei ATY gelernt haben», betont er. Zum Ausgleich der Ernteausfälle tragen auch Schaf- und Ziegenzucht bei. Die Familien erhalten von ATY drei Tiere, von deren Nachwuchs geben sie nach zwei Jahren wiederum drei Tiere z­ urück. Zusätzliche Weiterbildungen schlagen sich direkt in einer ertragreicheren Produktion und dem besseren Schutz gegen den Klimawandel nieder. Zum Beispiel lassen die BäuerInnen ihre Tiere nicht mehr frei herumlaufen, sondern sammeln ihren Mist ein, weil sie gelernt haben, d ­ araus Dünger zu machen. Oder sie verarbeiten die Feldfrüchte, bevor sie sie verkaufen, und erzielen so höhere Erträge. Fati Ouedraogo stellt zum Beispiel Soumbala her, eine Art Bouillonwürfel aus lokalen Gewürzen. «Auch meine Hirse- und Mais­ kekse verkaufen sich gut», meint sie.

Arlette Badolo ist Expertin für Klimawandel in Burkina Faso.

Ihre Spende wirkt Mit Ihrem Beitrag von 50 Franken können zwei BäuerInnen eine sechstägige Weiterbildung zum Gemüse­ anbau während der Regenzeit besuchen. Für 100 Franken erhält eine ­Familie zwei Ziegen, mit denen sie eine Zucht beginnen kann, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. www.solidar.ch/klima


THEMA 11 ADIT-Präsidentin Blanca Assujena Flores besucht Oscar López, der sich mit Unter­stützung der Organisation als Imker eine Existenzgrundlage aufbaut.

OHNE DRUCK GEHT NICHTS Das Beispiel El Salvador zeigt, dass aktive Mitsprache mehr soziale Gerechtigkeit bewirken kann. Text: Anja Ibkendanz, Foto: Barbara Mangold Die Ungleichheit in El Salvador ist seit ­jeher gross. In den 1980er Jahren hat die massiv ungleiche Verteilung von Reichtum und Zugang zu Land zur Entstehung des Bürgerkriegs beigetragen. Die Ungleichheit besteht heute noch, aber in geringerem Ausmass. Mit der Wahl der ersten linken Regierung 2009 hat sich die Mitsprache der Bevölkerung deutlich erhöht. Zwar ist der Spielraum begrenzt, da die Regierung nicht über die Mehrheit der Stimmen im Parlament verfügt. Trotzdem verfolgt sie – auch auf Druck der zivilgesellschaftlichen ­Organisationen – eine progressive Politik, zum Beispiel für Frauen und Jugendliche. Missstände benennen Der Druck kommt auch von Partneror­ ganisationen von Solidar Suisse. Sie verstehen ihre Rolle als Teil einer kritischen Zivilgesellschaft, die Missstände benennt und Verbesserungen verlangt. Denn auch gegenüber einer linken Regierung muss Mitsprache immer wieder einge­ fordert und durchgesetzt werden. So hat ADIT, eine Organisation für Lokalentwicklung in Tejutepeque, einer etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt San

Budgets verabschiedet. Mit konkreten Verbesserungen für die lokale Bevölkerung: Auf Antrag der Basisorganisa­tio­ nen werden zum Beispiel Projekte zur Trinkwasserversorgung aus den Gemein­ de­ budgets finanziert. Und im Norden des Landes haben Solidar-Projektpartner die Schaffung von 18 Frauenbüros in ländlichen Gemeinden erwirkt, was die Beteiligung von Frauen an den kommunalen Entscheidungs­ prozessen wesentlich erhöht hat. Sehr wichtig ist auch, dass die Gemeindeausgaben nun offengelegt werden. Das trägt zur Förderung von Verantwortlichkeit, demokratischer Kontrolle und Glaubwürdigkeit bei und wirkt einer politischen Kultur entgegen, die noch viel zu oft von Korruption, mangelnder Strafverfolgung und Autoritarismus bestimmt ist.

Salvador entfernten Gemeinde, in den letzten 15 Jahren unzählige Initiativen – z.  B. für neue Strassen oder Strom­ anschlüsse – durchgebracht. Ihre Unter­ stützung von Jugendlichen beim Aufbau kleiner, tragfähiger Unternehmen habe viel Zivilgesellschaft gegen Oligarchie bewirkt, erzählt ADIT-Präsidentin Blanca Dass die Solidar-Partner und viele weiAssujena Flores: «Nun will die Mehr- tere Organisationen heute in El Salvaheit der Jugendlichen in der Region dor soziale und demokratische Impulse bleiben und sich ­geben, liegt auch hier eine Lebensan ihren Wurzeln Auch gegenüber grundlage aufbauin den vielfältigen einer linken Regierung sozialen Kämpfen en.» Dies wirkt auch der Verbreitung von und Bewegungen muss Mit­sprache mafiösen «Mara»des Landes, die eingefordert werden. Banden entgegen, sich für Mitspradie vor ­allem arme, che, gerechtere perspektivlose Jugendliche zu rekrutieren Ver­ teilung des Reichtums ein­ setzen. versuchen. Ein grosser Erfolg in einem Solange die mächtigen Familien nicht Land, das von Auswanderung und Ge- mehr Verantwortung für das Allgemeinwalt geprägt ist. wohl übernehmen, bleiben die Möglichkeiten für die arme BevölkerungsmehrMitbestimmung in den Gemeinden heit beschränkt. Gerade deshalb ist Es wurden auch Gemeindeentwicklungs- eine starke Zivilgesellschaft wichtig. komitees geschaffen, in denen die loka- Denn reale Demokratie kann nur mit len sozialen Organisationen vertreten ­sozialer Gerechtigkeit gedeihen. sind. Sie sind integraler Teil der Gemeindeverwaltung, alle wichtigen Entscheide Anja Ibkendanz ist Programmleiterin werden hier diskutiert sowie Pläne und Zentralamerika bei Solidar Suisse.


12 NOTIZEN Fünf-Tage-Woche in chinesischen Spielzeug­fabriken

Katastrophen­schutz in pakistanischen Schulen Anfang Juni hat Solidar ein Projekt ­gestartet, das Notfallvorsorge und Katastrophenprävention an 75 Schulen in den Armenvierteln von Peshawar verbessern soll. Peshawar und die umliegenden Gebiete waren in den letzten Jahren häufig von Erdbeben, Überschwemmungen und Terroranschlägen betroffen. Dank Frühwarnsystemen und der kompetenten Reaktion des Schulpersonals werden 25 000 SchülerInnen, häufig Kinder von Flüchtlingen aus Afghanistan, besser vor den Auswirkungen von Katastrophen geschützt.

Dank dem Einsatz von Solidar Suisse und China Labor Watch wird ab Januar 2018 die reguläre Arbeitswoche bei allen chinesischen Zulieferfabriken der Spielzeugproduzenten Mattel, Disney und Hasbro von sechs auf fünf Tage reduziert. Dadurch steigen auch die Löhne der ArbeiterInnen. China Labor Watch hat erreicht, dass bei ICTI-Care, einem wichtigen Standard in der chinesischen Spielwarenproduktion, für die Zulieferbetriebe der grossen ­internationalen Spielwarenkonzerne nur noch eine reguläre Arbeitswoche von fünf Tagen akzeptiert wird. Damit haben die ArbeiterInnen dieser Spielzeugfab­ riken nicht nur mehr Freizeit, sondern werden für allfällige Überstunden am Samstag deutlich besser bezahlt. Das

Nothilfe für Rohingya

El Salvador: 30 Jahre für Fehlgeburt

Neue Co-Direktion bei Solidar Suisse Der Vorstand von Solidar Suisse hat Barbara Burri und Felix Gnehm als neue Co-Direktion der Entwicklungsorgani­ sation Solidar Suisse gewählt. Barbara Burri war zuvor als Leiterin Stab und Felix Gnehm als Leiter der internationalen Programme von Solidar Suisse tätig. Die beiden treten per 1. Dezember 2017 die Nachfolge von Esther Maurer an. www.solidar.ch/codirektion

chinesische Arbeitsgesetz schreibt die 40-Stunden-Woche vor, und für Überstunden am Wochenende muss der doppelte Stundenlohn ausbezahlt werden. Die neue Regelung betrifft insgesamt 28 Fabriken, die in China mit ICTI-Care assoziiert sind. Solidar Suisse ist erfreut über den jüngsten Entscheid von ICTICare, wird aber genau verfolgen, wie die Vorgaben umgesetzt werden. www.solidar.ch/5tage

Anfang Juli dieses Jahres wurde die 19-jährige Evelyn Hernández in El Salvador zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie eine Fehlgeburt hatte. Sie ist nicht die Einzige: An einer Veranstaltung im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» diskutieren Anja Ibkendanz von Solidar Suisse und Maja Hess von medico international schweiz die Folgen des absoluten Abtreibungsverbots in El Salvador und lassen per Filmclip Betroffene zu Wort kommen. Am 5. Dezember um 19 Uhr im 2. Stock der Photobastei in Zürich. www.solidar.ch/agenda

Seit Ende September leistet Solidar Suisse in Bangladesch Nothilfe für die aus Myanmar vertriebenen Rohingya. In Kooperation mit der deutschen Arbeiterwohlfahrt (AWO) werden Flüchtlinge südlich von Cox’s Bazar mit dem Nötigsten versorgt. Die meisten der über 500 000 Menschen, die im August aus Myanmar nach Bangladesch geflüchtet sind, haben kein Dach über dem Kopf, keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, leiden an Hunger, und viele sind traumatisiert. Mit dem Monsun steigt das Risiko von Krankheitsausbrüchen. Die notleidenden Menschen erhalten Zeltplanen, Hygienesets, Küchenutensilien und Nahrungsmittel. www.solidar.ch/rohingya


AKTUELL 13 alle Menschen zu gelten haben. Da braucht es Organisationen wie Solidar und Menschen, die sich beruflich oder finanziell für Solidarität mit all jenen einsetzen, die ein schweres Schicksal erleiden.

MENSCHENWÜRDE IM ZENTRUM Direktorin Esther Maurer verlässt Solidar Suisse Ende November. Eine Bilanz. Interview: Katja Schurter, Foto: Joachim Merz

Vor fünf Jahren hast Du bei Solidar Suisse angefangen. Was hast Du Dir damals vorgenommen? An Entwicklungszusammenarbeit war ich seit meiner Jugend interessiert, ich hatte rudimentäre Vorkenntnisse und Erfahrungen aus Einzelprojekten im Ausland. Dennoch war mein Einstieg bei Solidar ein Schritt in eine neue Welt: Ich musste enorm viel lernen. Der Vorstand hatte mich gewählt, um bei der Führung und Organisationsentwicklung Schub zu geben. In diesen Bereichen fühlte ich mich wohl und setzte mir einen sehr engen Zeitplan, um die wichtigsten Verände­ rungen umzusetzen. Ich wollte, dass sich Solidar als kompetente Organisation der Entwicklungszusammenarbeit aufstellen kann und das grosse Engagement der Mitarbeitenden und die überzeugende Ausrichtung in der Projektarbeit von aussen gewürdigt werden.

telbar um die Arbeit mit und für Menschen geht. Ich war immer eine überzeugte Sozial­ demokratin. Der politische Kampf für die Würde der Menschen – das ist der rote Faden. Und den spinne ich nun weiter in meiner neuen Aufgabe als Leiterin des Bereichs Asyl in der Bundesverwaltung.

Von der Kantonsschullehrerin und Prorektorin über die Zürcher Polizei­ vorsteherin zur Direktorin einer NGO. Gibt es einen roten Faden in Deiner Berufskarriere? Durchaus. Ich hätte mir nie einen Beruf vorstellen können, bei dem es nicht unmit-

Welche Herausforderungen meinst Du? Internationale Solidarität wird momentan von vielen PolitikerInnen schlecht geredet. Hemmungslos werden die Budgets überall dort gekürzt, wo es um Solidarität geht. Es gibt sogar Medien, die sich darüber lustig machen, dass Menschenrechte für

Hast Du Deine Ziele bei Solidar erreicht? Solidar Suisse ist mittlerweile eine anerkannte, eigenständige Entwicklungsorganisation mit ausgeprägtem Fachwissen in den Bereichen faire Arbeit und Förderung der Demokratie. Wir haben uns – und das war mir ganz besonders wichtig – zu einer «lernenden Organisation» entwickelt, die bereit ist, sich ständig zu verbessern. Die hohe Veränderungsbereitschaft und der Anspruch an Professionalität geben mir Zuversicht, dass Solidar mit den schwierigen Herausforderungen der Zukunft umgehen kann.

Gibt es Momente, die Dich in diesen fünf Jahren besonders geprägt haben? Ich empfand es stets als Privileg, wenn ich auf Dienstreisen vom ersten Moment an eine grosse Nähe zu Land und Leuten erleben durfte, weil mir unsere lokalen Mitarbeitenden ihre Kultur, ihr Denken und Empfinden, aber auch die Not jener Menschen, die von Solidar Unterstützung erhalten, näher brachten. Ich durfte immer wieder tief bewegende Momente erleben: die Besuche bei Flüchtlings­ familien im Libanon oder die Gespräche mit älteren Menschen in Moçambique, die ganz ohne Einkünfte nun auch noch für die Enkelkinder sorgen müssen, weil deren Eltern an Aids gestorben sind – um nur zwei Beispiele zu nennen. Diese Begegnungen motivierten mich und schenkten mir Kraft für die tägliche Arbeit. Gab es auch Momente, die Du kaum aushalten konntest? Weil Solidar Suisse sich aktiv gegen das Unrecht, gegen Armut und Ausbeutung engagiert, war ich immer auf der Seite ­jener, die etwas positiv beeinflussen können. Und das lässt uns das Traurige und Unfassbare besser ertragen: Handeln ist einfacher, als nur Zuschauerin zu sein. Was wünschst Du Deiner Nachfolge? Ich weiss Solidar bei der neuen Co-Leitung von Barbara Burri und Felix Gnehm in absolut kompetenten Händen. Beide verfügen über langjährige Erfahrung in Führungsfragen und in der Entwicklungszusammenarbeit. Ihre neue Aufgabe verlangt Flexibilität und die Fähigkeit vorauszudenken: Immer wieder gilt es zu prüfen, welcher Hebel wo angesetzt werden muss, um am meisten Wirkung für benachteiligte Menschen zu entfalten – und es braucht Mut, diesen Weg zu gehen, auch wenn er noch so steinig ist. Ich wünsche ihnen dabei viel Freude und viel Kraft.


14 PINGPONG SOLIDAR-SUDOKU 8

Spielregeln

1 9 1

5

3

8

2 5

1 9

4

2 7

6 8

9

2 8

2

1 2

3

Lösungswort

1=E, 2=T, 3=I, 4=H, 5=C, 6=U, 7=G, 8=L, 9=N

7

Schicken Sie das Lösungswort an Solidar Suisse – mit einer Postkarte oder per E-Mail an: kontakt@solidar.ch, Betreff «Rätsel». 1. & 2. Preis 3. Preis

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ein Schal Hirseguetzli

Die Preise stammen aus Projekten der Solidar-Partnerorganisationen ADDI und ATY in Burkina Faso (siehe Artikel S. 10).

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Füllen Sie die leeren Felder mit den Zahlen von 1 bis 9. Dabei darf jede Zahl in jeder Zeile, jeder Spalte und in jedem der neun 3 x 3-Blöcke nur einmal vorkommen. Das Lösungswort ergibt sich aus den schraffierten Feldern waagrecht fortlaufend, nach folgendem Schlüssel:

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Einsendeschluss ist der 8. Dezember 2017. Die Namen der GewinnerInnen werden in der Solidarität 1/2018 veröffentlicht. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Mitarbeitende von Solidar Suisse. Das Lösungswort des Rätsels in Solidarität 3/2017 lautete «Kinoklubs». André Glardon aus Wallenried hat ein T-Shirt, Rosmarie Beutler aus Untersiggenthal einen Rucksack und Julia Ogay-Zosso aus Lausanne einen USB-Stick gewonnen. Wir danken den Mitspielenden für die Teilnahme und dem Projekt LanzArte in Bolivien für die Preise.

NOTIZEN Bundesrat gegen Konzernverantwortung

Aktionsplan gegen Asbest in Kambodscha

Der Bundesrat hat am 15. September 2017 die Botschaft zur Konzern­verant­ wortungs­initiative veröffentlicht. Er bezeichnet zwar Menschenrechtsverletzungen durch Konzerne mit Sitz in der Schweiz als Problem. Dennoch empfiehlt er die Initiative ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung. Er setzt auf freiwillige Massnahmen und hofft, dass auch dubiose Multis in Z ­ukunft die Menschenrechte achten, obwohl ­diverse Beispiele zeigen, dass Freiwilligkeit nicht zu einem Umdenken in allen Konzernzentralen führt. Die Konzernverantwortungsinitiative will alle Konzerne verpflichten, die Menschen­ rechte bei ihren Geschäften zu achten. Sie sollen in Zukunft für Menschenrechts-

Asbest wird in Kambodscha nach wie vor verwendet, obwohl es hoch krebs­ erregend ist. Im Juli fand eine von Solidar unterstützte Weiterbildung zu den Auswirkungen von Asbest statt, die VertreterInnen von Ministerien, Arbeitgebenden und Gewerkschaften zusammenbrachte. Dabei wurde über die Gefahr von Asbest sowie dessen konkrete Verwendung in Kambodscha informiert und Massnahmen gefordert, um Krebs und andere von Asbest ausgelöste Krankheiten zu vermeiden. Mit Erfolg: Der kambodschanische Arbeitsminister Huy Han Song will nun einen Aktionsplan für ein asbest­ freies Kambodscha erarbeiten. www.solidar.ch/asbest_kambodscha

verletzungen und Umweltzerstörungen haften, die sie verursachen. Denn nur wenn Verstösse Konsequenzen haben, halten alle Multis die Menschenrechte ein. www.solidar.ch/br_kovi


AKTUELL 15 Nach ihrer Rückschaffung aus Thailand findet Phoeun Bun Unterkunft und Beratung im Cambodian Women’s Crisis Centre.

AUSGEBEUTET UND AUSGESCHAFFT Solidar Suisse hilft kambodschanischen MigrantInnen, die in Thailand ausgebeutet wurden. Zum Beispiel Phoeun Bun *. Text: Bernhard Herold, Foto: Andreas Schwaiger Die Hoffnungen der vielen KambodschanerInnen, die in Thailand ihr Glück suchen, sind gross. Doch stattdessen begegnen sie häufig Ausbeutung. So auch die 38-jährige Phoeun Bun: «Ich arbeitete zuerst auf dem Bau, musste dann Betteln gehen. Dabei hat mich die Polizei erwischt und nach Kambodscha zurückgeschafft.» Sie ist eine von über 500 000 KambodschanerInnen, die in Thailand ein Auskommen suchen. Armut, fehlende Arbeits­ möglichkeiten und Landlosigkeit sind die Hauptursachen für die massive Migration aus dem ländlichen Kambodscha nach Thailand. Denn dort sind die Löhne doppelt so hoch. Die MigrantInnen wandern jedoch oft illegal ein, weil es billiger und schneller ist, und laufen Gefahr, von den Arbeitgebenden ausgebeutet zu werden. Zudem verschulden sich viele bei Arbeitsvermittlungsagenturen. So auch Phoeun Bun. In Thailand krampfte sie zunächst auf dem Bau. Als sie mit ihrem zweiten Kind schwanger wurde, musste sie ihre Arbeit aufgeben. Der Arbeitsvermittler zwang sie, betteln zu gehen. Drei Monate lang musste sie ihm jeden Abend ihre ­gesamten Einnahmen abgeben. Ihr blieben

lediglich Kost und Logis. «Den versprochenen Anteil habe ich nie bekommen», erzählt Phoeun Bun. Thailand bestraft MigrantInnen Unterstützung aus der Heimat bekommt sie keine – obwohl die sklavereiähnlichen Bedingungen in thailändischen Industrien wie etwa der Hochseefischerei interna­ tional bekannt sind. Diesen Juni hat Thailand ein Dekret erlassen, das hohe Strafen für undokumentierte MigrantInnen und deren Arbeitgebende vorsieht. In der Folge wurden viele kambodschanische ArbeiterInnen verhaftet und ausgeschafft. Gleichzeitig wurde eine Frist gesetzt, während der sie sich registrieren konnten und einen vorläufigen Aufenthaltsstatus erhielten. Dies heisst jedoch auch, dass sie ihre Stelle nun kaum mehr wechseln können und abhängiger sind von den Arbeitgebenden. Trotzdem nutzten 223 000 KambodschanerInnen diese Möglichkeit. Unterstützung für Zurückgeschaffte Phoeun Bun blieb diese Chance verwehrt, da sie bereits früher ausgeschafft

worden war. Unterstützung fand sie erst beim Kriseninterventionszentrum, das die lokale Solidar-Partnerorganisation Cambodian Women’s Crisis Centre betreibt. Es liegt im nordwestlichen Grenzgebiet zu Thailand. Täglich schaffen die thailändischen Behörden dort rund 100 MigrantInnen nach Kambodscha zurück. Hier hat Phoeun Bun endlich mit ihren Kindern für bis zu acht Monate Unterschlupf gefunden. So kann sie aufschnaufen und sich in Ruhe die nächsten Schritte überlegen: «Wahrscheinlich werde ich versuchen, legal nach Thailand arbeiten zu ­gehen. Wie das mit zwei Kindern gehen soll, weiss ich allerdings noch nicht. Am liebsten hätte ich ein eigenes kleines Haus mit einem Laden, um für mich und meine Kinder zu sorgen.» * Auf Wunsch der Betroffenen wurde der Name geändert (Name der Redaktion bekannt).

Bernhard Herold ist Programmleiter Asien bei Solidar Suisse.

Kriseninterventionszentrum Die Solidar-Partnerorganisation Cambodian Women’s Crisis Centre will den Menschenschmuggel eindämmen, sichere Migrationswege aufzeigen und den Zugang zu Information und Beratungsdiensten für die Betroffenen verbessern. Die Organisation sensibilisiert die lokalen Behörden und die Grenzpolizei für die Probleme der ArbeitsmigrantInnen und bietet eine Notunterkunft sowie rechtliche und psychologische Beratung für die oft traumatisierten und mittellosen Zurückgeschafften. www.solidar.ch/cwcc


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Fifa-Nachhaltigkeitschef Federico Addiechi (2. von links) beantwortet an einer SolidarDiskussion Fragen zur Einhaltung der Menschenrechte an der Fussball-WM.

DIE FIFA BEWEGT SICH – AUF DEM PAPIER Eine neue Menschenrechtspolitik fliesst auch in das Bewerbungsverfahren für Austragungsländer ein. Doch die konkreten Auswirkungen sind offen. Text: Fabienne Widmer, Foto: Solidar Verspricht die Fifa nur, sich zu reformieren, oder tut sie es tatsächlich? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Medien und Solidar Suisse seit dem Amtsantritt von Gianni Infantino 2016. Und sie lässt sich leider nicht ­einfach mit Ja oder Nein beantworten. Bereits im Februar dieses Jahres hat Solidar die Fifa an einer Diskus­sion zum Thema «Fifa im Wandel: Schein oder Sein?» öffentlich mit der Frage konfrontiert, ob und wie sie sich punkto Einhaltung der Menschenrechte verbessern will. Der Fifa-Nachhaltigkeitschef Federico Addiechi wurde nicht müde zu betonen, dass die Fifa sich bereits seit mehreren Jahren um den Einbezug der Menschenrechte kümmere. Und dass er sich persönlich manchmal mehr Druck aus der Zivilgesellschaft wünscht. So weit, so gut. Fifa-Menschenrechtspolitik In der Zwischenzeit hat sich tatsächlich einiges getan – jedenfalls auf dem ­Papier. So hat die Fifa eine Menschen-

werberländern ergänzt. Auch hier konnte Solidar Suisse im Ver­nehm­las­sungs­­ prozess mitwirken. Die definitive Fassung ist jedoch noch nicht öffentlich.

Prüfstein WM 2026 Für ­ Solidar ist entscheidend, dass ein Land, das eine WM veranstalten will, die Einhaltung der Menschenrechte nachhalrechtspolitik etabliert, in der geregelt ist, tig gewährleisten muss. Dies gilt sowohl wie die Fifa Menschenrechtsverstössen für die Einhaltung der Arbeitsbedingunvorbeugen will, wie sie diese identifi­ gen rund um den Stadionbau als auch zieren und auch wiedergutmachen will, für die Einhaltung der Menschenrechte wenn sie doch geschehen. Solidar Suisse bei WM-Infrastrukturbauten. Für die WM hatte die Möglichkeit, den Entwurf die- 2026 bewerben sich Marokko und das Trio USA/Kanases Dokuments da/Mexiko. Die zu kommentieren, Ein Land, das eine WM ­ und fand die Vorerste WM, die veranstalten will, muss vollständig – ingaben vollständig und grund­sätzlich klusive Vor- und die Menschenrechte begrüssenswert. Nachbereitung – dauerhaft einhalten. Aber: Im Papier unter dem neuen fehlen konkrete Regime stattfinHinweise, wie die Menschenrechtsver- det, wird z­eigen, wie ernst es die Fifa pflichtung in die Vorbereitung der Fuss- mit den Menschenrechten meint. Immer ball-WM in Russland 2018 und Qatar wieder neu auf­­ tauchende Gerüchte 2022 einfliesst. um die Geschäftsführung von Präsident Zentral ist nun, wie die Fifa ihre neue ­ Infantino jedenfalls wecken kein VerMenschenrechtspolitik in die Bewer- trauen. bungsverfahren für neue Weltmeisterschaften einbauen will. Sie hat das Fabienne Widmer ist bei Solidar Bewer­bungs­­ver­fah­ren für die WM 2026 Suisse für Online-Kampagnen um Anforderungen bezüglich Einhal- zuständig. tung der Menschenrechte in den Be-


KULTURELL 17 Ein syrischer Arbeiter auf einer Baustelle hoch über Beirut.

ten, als er selbst noch ein Kind war und sein Vater, der ebenfalls als Bauarbeiter im Exil lebte, nach Hause kam. Die Stimme erzählt vom Schicksal der Arbeiter: Sie kommen zum Einsatz, wenn alles in Schutt und Asche liegt, wenn Häuser und Städte wiederaufgebaut werden müssen.

DER GESCHMACK VON ZEMENT Solidar zeigt einen Film über syrische Bauarbeiter im Libanon, und Landeskoordinator Tarek Daher berichtet über die Situation der Flüchtlinge. Text: Iwan Schauwecker, Foto: Filmstill «Taste of Cement»

Der Film beginnt mit einem langen ­Kameraflug: über einen Steinbruch zur dicht besiedelten Küste, in eine Vorstadt von Beirut; auf der einen Seite die Weite des blauen Meers, auf der anderen ­Erdölspeicher und die Skyline der Stadt. Unten rauschen endlose Auto­ko­lonnen auf einer zwölfspurigen Autobahn. Doch die Landschaft und das Leben der LibanesInnen bleibt für die Protago­ nis­ ten des Films weitgehend Kulisse: In l­uftiger Höhe arbeiten sie am Rohbau ­ eines Hochhauses, inmitten von Armierungs­ eisen und Betonelementen; über ihnen schwebt Baumaterial an den Stahlseilen eines Krans. «Taste of Cement», der Gewinnerfilm des Filmfestivals Visions du Réel in Nyon, ­porträtiert Bauarbeiter aus Syrien, die in Beirut einen Wolkenkratzer hochziehen. Die traumähnlichen Bilder der Baustelle

wechseln sich ab mit den traumatischen Erinnerungen an den Krieg in Syrien. Die Heimat gibt es nicht mehr Das Hochhaus ist die Welt für die Bauarbeiter. Nach getaner Arbeit gelangen sie durch ein Loch in das Untergeschoss. Dort essen sie, dort sind ihre Schlaf­ matten. Ab 19 Uhr gilt für sie und viele andere syrische Flüchtlinge im Libanon eine Ausgangssperre. So versammeln sie sich im Keller des Rohbaus vor einem kleinen Fernseher, um Nachrichten aus Syrien zu erhalten. Von Angst geplagt und der grundlegendsten Menschenund Arbeitsrechte beraubt, hoffen sie auf eine Rückkehr in ihre Heimat. Doch diese Heimat gibt es nicht mehr. Die Stimme eines Arbeiters aus dem Off nimmt uns mit in eine Zeit, als in Syrien noch keine Panzer durch die Städte roll-

Eine Million Flüchtlinge im Libanon Inzwischen leben über eine Million SyrerInnen im Libanon. Wie die Protagonisten des Films, der am Zürcher Human Rights Filmfestival gezeigt wird, verdienen viele Männer ihr spärliches Geld auf den Baustellen des Landes und ermöglichen als billige und stets verfüg­bare Arbeitskräfte den B ­ auboom im v­ ormals kriegsversehrten Beirut. Solidar Suisse unterstützt syrische Flücht­ linge im Libanon mit Unterkünften und Gütern der Grundversorgung. Tarek Daher, der das Hilfsprogramm im Libanon koordiniert, informiert nach dem Film über die aktuelle Situation der syrischen Flüchtlinge im Libanon. Am 8. Dezember, 18.30 Uhr, im Kino Riff­raff in Zürich. Details siehe: www.solidar.ch/agenda

Iwan Schauwecker ist bei Solidar Suisse für die Website und Medien­ arbeit zuständig.

Solidar ist am Human Rights Film Festival Das Human Rights Film Festival in Zürich findet dieses Jahr zum 3. Mal statt. Die gezeigten Filme sind ein Plädoyer für die Menschenrechte und gegen willkürliche und strukturelle Gewalt. Solidar Suisse unterstützt das Festival als Partner. www.humanrightsfilmfestival.ch


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WASSER STÄRKT DIE DEMOKRATIE Margarida Chaessa weiss, wie wichtig der Zugang zu Wasser ist, damit sich die Ärmsten am ­öffentlichen Leben in Moçambique beteiligen können. Text und Fotos: Stéphane Cusin


EINBLICK 19 ­ rzählt Margarida Chaessa, die Verante wortliche für Wasserprojekte bei Solidar Suisse in Moçambique. Das Wasser liegt in der Familie In Chaessas Familie hat der professionelle Umgang mit Wasser Tradition. Der Vater von Margarida Chaessa war Brunnenmeister in seinem Dorf und kannte sich in den Feinheiten des Metiers aus. Die Tochter trat in seine Fussstapfen und absolvierte eine technische Ausbildung in der Hauptstadt Maputo. Mit dem Diplom in der Tasche trat sie eine Behördenstelle als Verantwortliche für Wasser und sanitäre Einrichtungen an, wo sie sich ein fundiertes Fachwissen aneignete. Beeindruckt von ihrer praktischen Erfahrung, lud Solidar-Landeskoordinator Jorge Lampião sie in sein Team ein, um die Ausbildung der lokalen AkteurInnen im Wasserprojekt Utsanana von Solidar Suisse zu übernehmen. Solidar bietet hier unentbehrliches Knowhow, denn kommunale Trinkwasserversorgungen fehlen. Und auch wenn der Staat eine gewisse Unterstützung bereitstellt, mangelt es den Gemeinden an den ­nötigen Finanzen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen: Bildung, Gesundheit, und natürlich Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Margarida Chaessa bildet die Mitglieder von Wasserkomitees in Moçambique aus, damit Brunnen nicht nur gebaut werden, sondern auch längerfristig Wasser führen.

Von Hand einen Brunnen graben oder das Wasser im Fluss holen und kilometerweit nach Hause tragen – das ist Alltag für viele Menschen in Moçambique. Ein Alltag voller Gefahren: «Angriffe von ­Krokodilen sind keine Seltenheit. Frauen und Kinder werden beim Füllen ihrer Wasserkanister am Fluss getötet. Und das schmutzige Wasser verursacht Krankheiten, die tödlich ausgehen können»,

Komitee sorgt für nachhaltige Wasserversorgung «Nach der Festlegung der Prioritäten lade ich die Bevölkerung zu einer ersten Sitzung ein. Dort präsentiere ich die ­Basis des Projekts: das Wasserkomitee», beschreibt Margarida Chaessa ihre Tätigkeit. Sie weiss aus Erfahrung, wie entscheidend dieses erste Treffen ist. ­ ­«Häufig sind die Männer erstaunt, dass das Wasserkomitee aus Männern und Frauen besteht», schmunzelt sie. Die zwölf Komitee-Mitglieder zu bestimmen, ist eine Herausforderung. Sie müssen von der Gemeinschaft anerkannt werden, denn Wasser ist ein Gemeingut, bei dem die gute Bewirtschaftung entscheidend ist. «Auch wenn es schnell gehen sollte, vor allem wegen der Risiken, den

jeder Tag ohne sauberes Wasser für die Kinder bedeutet, nehme ich mir die nötige Zeit für den Aufbau einer soliden und anerkannten Organisation», betont Chaessa. «Ich reise immer wieder in die Gemeinden, lerne die Menschen kennen und führe Schulungen durch. Dadurch wachsen die Mitglieder in ihre Rolle hinein und gewinnen Selbstvertrauen, vor allem die Frauen.» In den Schulungen geht es um Gruppenleitung und die Verantwortungsbereiche der Einzelnen: Wartung und Reparaturen, das Einkassieren der Monatsbeiträge bei den Familien, Buchhaltung, Hygiene und Abwasserreinigung. Wenn das Komitee konstituiert und einsatz­ bereit ist, werden die technischen Installationen in Angriff genommen: Bohrung, Speicherbecken, Pumpe, Brunnen. ArchitektInnen der Demokratie Moçambique hat einen weiten Weg hinter sich. Auf die Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1975 folgten lange Jahre des Bürgerkriegs. Mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von 1992 hat sich das Land auf den Weg der Demokratie begeben, der in den letzten Jahren ­jedoch immer wieder durch das Wiederaufflammen von Gewalt gefährdet wurde. Der demokratische Dialog lässt sich nicht anordnen, er wird im Alltag gelernt und gelebt. Margarida Chaessa ist überzeugt, dass der Zugang zu Trinkwasser und seine gemeinschaftliche Verwaltung es der armen Bevölkerung ermöglicht, am öffentlichen Dialog teilzuhaben, die Gemeinschaft aktiv mitzugestalten und wirksame ArchitektInnen der Demokratie zu sein. Bis heute hat Solidar mehr als 150 000 Menschen in Moçambique den Zugang zu Wasser ermöglicht. Chaessa ist zuversichtlich: «Mein Land wird sein Engagement, allen nachhaltigen Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen, weiterverfolgen. Ich bin stolz darauf, mit meiner Arbeit dazu beitragen zu können.» www.solidar.ch/utsanana

Stéphane Cusin ist für das Stiftungsfundraising in der Romandie verantwortlich.


MÖCHTEN SIE FREUDE BEREITEN UND GLEICHZEITIG GUTES TUN? Drei Sujets – drei Projekte – Existenzsicherung für viele. ZUCKERWATTE: Süsse Unterstützung für menschenwürdige Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen in Bolivien. GOLDSTÜCK: Kostbare Unterstützung für eine bessere Zukunft der arbeitenden Kinder in den Goldminen von Burkina Faso. NESTWÄRME: Behagliche Unterstützung für menschenwürdige Unterkünfte syrischer Flüchtlingsfamilien im Libanon.

So einfach funktioniert es: • Bestellen Sie Solidar-Geschenkkarten im Wert von je 50 Franken mit dem beiliegenden Antworttalon oder per Mausklick unter: www.solidar.ch/geschenk • Sie erhalten Ihre Geschenkkarten, die Sie mit einem persönlichen Text versehen können, mit Geschenkcouvert und der Rechnung für Ihre Spende in den nächsten Tagen zugestellt. Wir garantieren Ihnen die Lieferung vor Weihnachten für alle Bestellungen, die bis zum 20.12.2017 bei uns eintreffen. Bei Fragen kontaktieren Sie uns bitte unter 044 444 19 19 oder kontakt@solidar.ch

Mit jeder Karte unterstützen Sie die weltweiten Entwicklungsprogramme von Solidar Suisse zugunsten benachteiligter Menschen.

Solidarität 4/2017  

Magazin von Solidar Suisse

Solidarität 4/2017  

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