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Das Magazin von Solidar Suisse | Ausgabe Mai 2/2018

IM FOKUS

Kämpfen für globale Fairness Was Solidar erreichen will – von fairen Arbeits­bedingungen bis zu einem Leben ohne Gewalt.


02 Editorial

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Felix Gnehm, Barbara Burri Co-Direktion Solidar Suisse

Woran denken Sie beim Wort Fairness? An den Schwinger, der seinem besiegten Gegner das Sägemehl vom Rücken klopft? Oder an die junge Frau, die dem älteren Herrn im vollen Tram ihren Platz anbietet? Für Solidar ist fair, wenn Menschen anständig entlöhnt werden, wenn nachhaltig produziert und eingekauft wird, wenn Menschen gewaltfrei leben und ihre Rechte einfordern können. Kurz: Fairness ist die Basis einer funktionierenden Gesellschaft. Doch unsere Welt ist alles andere als fair: Nicht in den Fabriken von Kambodscha, wo Frauen während langen Schichten erschöpft und hungrig in Ohnmacht fallen. Und schon gar nicht in den Goldminen von Burkina Faso, wo Kinder tödlichen Gefahren im Stollen und beim Hantieren mit Gift ausgesetzt sind. Offensichtlich sind die Chancen sehr ungleich – unfair – verteilt. Das möchte Solidar ändern. Unser Kampf für globale Fairness zielt auf eine Welt, in der alle Menschen gleiche Chancen haben, gemäss ihren Begabungen und ungeachtet ihrer anfänglichen Stellung in der Gesellschaft. Das ist ein grosses Ziel – um es zu erreichen, braucht es alle. Auch Sie können dazu beitragen, zum Beispiel indem Sie unsere Kampagnen unterstützen, spenden, abstimmen und fair einkaufen. Anfang Mai haben wir unseren Präsidenten Hans-Jürg Fehr verabschiedet. Globale Fairness war und ist auch ihm ein Herzensanliegen. Mit Weitsicht, Kompetenz und riesigem Einsatz führte er Solidar Suisse zehn Jahre lang. Prägend war die Etablierung als eigenständige, thematisch fokussierte NGO unter neuem Namen. Er bekämpfte stets mit Nachdruck jegliche Form von Ungleichbehandlung und Diskriminierung und stand ein für Qualität in den Projekten und in der Organisation. Lieber Hans-Jürg, herzlichen Dank für deinen enormen Einsatz und deine wertvolle Unterstützung – alles Gute und Schöne für die Zukunft! Im gleichen Atemzug dürfen wir Carlo Sommaruga, SP-Natio­nalrat und engagierter Kämpfer für Gerechtigkeit, als würdigen Nach­folger begrüssen: Ein ebenso herzliches «Bienvenue chez Solidar Suisse, Carlo!»

Felix Gnehm

Barbara Burri


Inhalt 03

INHALT 04

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Im Fokus – Kämpfen für globale Fairness 06 Was hat Solidar Suisse erreicht? 08 Was bedeutet globale Fairness für die Mitarbeitenden? 10 Langjähriges Engagement gegen Gewalt an Frauen in Nicaragua

16

11 Repression gegen GewerkschafterInnen in Kambodscha 12 Burkina Faso: Kinder gehören nicht in die Goldmine

13 Nachgefragt  nna Biondi von der Internationalen A Arbeits­organisation ILO erklärt, warum es den Einsatz von Solidar braucht.

14 Festgehalten Aktuelles im Überblick

16 Anpacken  ek Nath Acharya engagiert sich in Nepal T für die Erdbebenopfer.

18 Hingeschaut Der Roman exit west wirft einen anderen Blick auf das Leben von Geflüchteten.

19 Mitkämpfen Aktiv werden mit Solidar Suisse

09 Kolumne 15 Sudoku und Medienschau 19 Impressum 20 Ihre Unterstützung zählt


04 Kämpfen für globale Fairness

IM FOKUS – KÄMPFEN FÜR GLOBALE FAIRNESS

Jugendliche in der burkinischen Mine Silmiougou kurz bevor sie sich mit der Seilwinde in die Grube lassen, um Gold zu suchen. Foto: Andreas Schwaiger


Faire Arbeitsbedingungen weltweit. Gleiche Chancen für alle. Menschen sollen in Bereichen, die sie betreffen, mitreden können. Und unser Konsum muss nachhaltig sein. Das ist für Solidar globale Fairness. Erfahren Sie auf den nächsten Seiten, wie hartnäckig wir uns gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen für diese Ziele einsetzen, welchen Erfolg wir haben und wie Sie mit uns kämpfen können.


GLEICHE CHANCEN FÜR KAMAL Warum kämpft Solidar für globale Fairness, und was haben wir bis jetzt erreicht? Dies zeigen drei Szenen aus dem Lebensalltag in unseren Schwerpunkt­ländern. Text: Felix Gnehm, Foto: Khalid Mahmood

Ouagadougou, Burkina Faso, Oktober 2017 Der verwahrloste Junge im zerrissenen, öl­ver­ schmierten T-Shirt, klopft ans Fenster unseres Autos. Er wedelt mit Lottoscheinen, die er mir verkaufen will. Obwohl ich keine Miene verziehe, lässt er nicht locker. Klopft beharrlich an die Scheibe. An der nächsten Ampel ist es ein noch kleineres Mädchen, das mich eindringlich anfleht, ihr ein in Zeitungspapier gewickeltes Tütchen Erdnüsse abzukaufen. Den ganzen Tag sind diese Strassenkinder auf den Beinen in der sengenden Sonne und den Abgasen. In Burkina Faso arbeiten laut Unicef 2,1 Millio­ nen Kinder zwischen 5 und 14, das entspricht schier unfass­baren 42 Prozent aller Kinder dieser

Altersgruppe. Auf Baumwollfeldern, in Granitstein­ brüchen und in Goldminen werden die kleinen Hände eingesetzt, statt Hefte und Bleistifte zu halten. Die Gründe dafür sind vielfältig – Armut, Schule in einer fremden Sprache, Misshandlung in der Familie –, und so facettenreich ist auch der Kampf von Solidar Suisse für eine Veränderung. Dank unseres jahrzehntelangen, unermüdlichen Einsatzes für mehrsprachige Bildung besuchen immer mehr Kinder einen verständlichen und quali­tativ hochstehenden Unterricht. Wer die Schule abgebrochen hat, kann den Unterricht nachholen und praktische Fertigkeiten erlangen. Die Unterstüt­ zung beim Einstieg ins Berufsleben eröffnet Wege aus der Armut.


Kämpfen für globale Fairness 07

Metallfabrik in Lahore, Pakistan: Hier arbeitet der 13-jährige Kamal zwölf Stunden pro Tag, um seine Familie zu unterstützen.

Lahore, Pakistan, Februar 2017 Der Lärm ist ohrenbetäubend. Funken sprühen mir vor die Füsse. Immerhin trägt der Junge hinter der archaischen Fräsmaschine eine Schutzbrille. Dafür nur Flip-Flops und weder Handschuhe noch Ohrenschutz. 13 Jahre alt sei er und keineswegs der Jüngste in dieser Fabrik, die Metallteile für Motorräder herstellt. Kamal erzählt uns, dass er das dritte von sechs Kindern sei. Seine Familie musste aus einer ländlichen Gegend Punjabs in die auf­ strebende Millionenmetropole Lahore umsiedeln, weil weder Büffelmilch noch der Reis von zwei Hektaren Land für ein ausreichendes Einkommen sorgten. Natürlich sei die Arbeit anstrengend, aber seine Familie sei froh, dass er diesen Job ergattern konnte. Kamal wollte schon immer gerne in die Schule gehen, aber dafür habe er neben den 12-Stunden-Schichten schlicht keine Zeit. Die 12 Millionen arbeitenden Kinder in Pakistan sind eine der hässlichsten Fratzen der globalen Unfairness, die Solidar Suisse bekämpft. In Kamals industriellem Quartier in der Megacity Lahore haben Solidar-Partner lokale Schulangebote aufgebaut. Hier existieren keine Gewerkschaften, und jeglicher Versuch, die ArbeiterInnen zu organi­ sieren, ist brandgefährlich. Wir arbeiten deshalb direkt mit den Behörden und dem Privatsektor zusammen. Schrittweise bekämpfen wir zunächst die prekärsten und gefährlichsten Bedingungen und schaffen gleichzeitig Perspektiven: Schulen, sichere Arbeitsplätze und kollektives Engagement für Quartiere und deren ArbeiterInnen. Jinotega, Nicaragua, Januar 2017 Die Sonne brennt, zum Glück spenden einige Bäume etwas Schatten. Nur langsam füllt sich der Korb mit roten Kaffeekirschen. Maria Pérez pflückt bis zu 70 Kilogramm Kaffee pro Tag und verdient damit rund zwei Franken. Seit halb fünf Uhr früh ist sie auf den Beinen, das steile Gelände macht ihr zu schaffen. Oft zieht sie sich Schürfwunden zu, weil sie abrutscht und mehrere Meter über den Boden schlittert. Bloss keine ernsthafte Verletzung! Denn sie hat keine Versicherung, und die Kosten für eine

Ärztin würden ihre Familie noch tiefer in die Armut stürzen. Als saisonale Pflückerin heuert sie zwi­ schen den Kaffee-Ernten auf den Tabakplantagen an oder schuftet als Taglöhnerin in einer der weni­ gen Fabriken. LandarbeiterInnen und «ArbeiterInnen auf eigene Rechnung», wie sich Strassenhändlerinnen, Taxifahrer und Marktfrauen selbst bezeichnen, gehören zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen in

In Burkina Faso arbeiten 2,1 Millionen Kinder zwischen 5 und 14 Jahren, das entspricht 42 Prozent. Nicaragua. Sie besitzen wenig oder nichts, haben keinen festen Lohn, keine Versicherung und keine Altersvorsorge. StrassenhändlerInnen sind oft von Vertreibungen betroffen. Dabei sind der informelle Sektor und die Exportlandwirtschaft die wichtigsten Wirtschaftszweige im Land. Unser Engagement in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften der LandarbeiterInnen und den Arbeitenden auf eigene Rechnung hat entscheidend zur Verbesserung der Situation von Hunderttausenden von ArbeiterInnen, Strassenhändlern und Bäuerinnen beigetragen. Diese krassen Beispiele aus der Welt der Arbeit sind ein Ausdruck des globalen unfairen Wirt­ schaftssystems. Deshalb stehen wir in unserem täglichen Kampf für globale Fairness ein. Globale Fairness bedeutet für uns, dass Menschen überall auf der Welt dieselben Rechte und Chancen haben sollen, dass sie frei von Gewalt leben können und dass niemand in Armut und Ausbeutung zurückge­ lassen wird auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Felix Gnehm ist Co-Direktor von Solidar Suisse.


08 Kämpfen für globale Fairness

FAIRNESS IST DER REGEN, DER WACHSEN LÄSST Was bedeutet für die MitarbeiterInnen von Solidar Suisse der Kampf um globale Fairness? Eine Auswahl der Antworten rund um den Globus. Fotos: Barbara Burri, Jürg Gasser, Andreas Schwaiger, Solidar

«Solidar Suisse unterstützt Menschen, die keine Stimme haben. Damit es globale Fair­ness gibt, muss jede Stimme gehört werden. Ich bin stolz, für eine Organisation zu arbeiten, die sich für eine gerechtere Welt einsetzt. Zum Beispiel mit den Berufs­bildungs­ programmen für Jugendliche – damit sie die Chance bekommen, sich zu entfalten.» Arjan Harxhi, Fahrer und Logistiker in Kosovo

«Ich fühle mich als Teil einer Bewegung, welche die globale Ungerechtigkeit an den Wurzeln packt. Solidar Suisse ist überzeugt, dass der Wandel von innen kommen muss. So unterstützen wir Marginalisierte und Ausgeschlossene, die sich selbst organisieren – von Frauen über Minderheiten bis zu Opfern –, damit sie die Kraft haben, Veränderungen zu fordern und sich lokal wie global zu vernetzen für die Vision einer fairen Welt.» Sanjiv Pandita, Programm­ verantwortlicher für faire Arbeit in Asien

«Niemand kann alleine existieren, wir sind stets auf andere angewiesen. Solidarität ist die Verbindung zu Menschen, die in einer prekären Situation sind, damit sie sich aus ihrer Situation befreien und unter würdigen Bedingungen leben können.» Célestine Béré, Verantwortliche für Partizipation in Burkina Faso

«Globale Fairness heisst für mich, dafür zu kämpfen, dass Frauen – unabhängig von ihrer sozialen und ökonomischen Situation – träumen und leben können, dass sie keine Angst vor der Zukunft haben und darauf vertrauen, dass das Leben ihnen die Möglichkeit gibt, zu wachsen und eine integre, ‹ganze› Person zu sein mit allen Rechten.» Rosario Tindal, Mitarbeiterin Kommunikation in Bolivien

«Globale Fairness bedeutet bessere Arbeitsbedingungen, welche die Arbeitsund Menschenrechte der ArbeiterInnen einhalten. Ich trage mit dem kontinuierlichen Monitoring und der Erfassung der Resultate, die Solidar in den Projekten erzielt, dazu bei. Denn so entwickeln wir stets neue Ideen und Lösungen und verändern die Projekte. Das macht meine Arbeit dynamisch und motiviert mich immer wieder aufs Neue.» Olivera Stepanovic, Projektmitarbeiterin in Serbien

«Anderen mit Fairness und Würde zu begegnen, ist der ‹Regen›, der ihnen hilft, zu wachsen und erfolgreich zu sein. Und genau das tut Solidar mit den bedingungs­losen Geldbeiträgen für Flüchtlinge. Fair ist, wenn ich einer geflüchteten Person sage: Es ist dein Recht, sicheres Asyl zu erhalten und deine Grundbedürfnisse befriedigen zu können.» Ayman al Ezzi, Manager des Cash-Projekts im Libanon


«Den herausforderndsten und am schlechtesten bezahlten Job hatte ich, als ich selbständig Hühner züchtete, weil ich keine Arbeit fand. Obwohl ich bis zum Umfallen arbeitete, machte ich nur Verluste. Seither verstehe ich die Situation und die Gefühle der auf eigene Rechnung Arbeitenden gut. Das motiviert mich, für ihre Rechte und faire Arbeits­ bedingungen zu kämpfen.» Alexander Rayo, Landeskoordinator in Nicaragua

«Gleichheit und Fairness bedeutet, dass alle die gleichen Chancen erhalten, und nicht, dass sie die gleichen Resultate erzielen.» Uzair Kamal, Verantwortlicher für Programm­entwicklung und Reporting in Pakistan

«Solidar unterstützt den Kampf für faire Arbeitsbedingungen mit Projekten in den Ländern und mit Kampagnenarbeit in der Schweiz. Diese in der Entwicklungs­­­zusam­ menarbeit einzigartige Herangehensweise über­zeugt mich. Denn der nachhaltige Umgang mit natürlichen und menschlichen Ressourcen gelingt nur, wenn die Verant­ wortung dafür global geteilt wird. Ich bin froh, mit meiner Arbeit einen Beitrag dazu leisten zu können.» Fabienne Widmer, Verantwortliche für Online-Kampagnen in Zürich

Solidar-Präsident

«Um neue Gesellschaftsstrukturen zu schaffen und die Globalisierung gerechter zu gestalten, reicht es nicht, auf lokaler Ebene zu intervenieren. Es braucht Solidari­ tät zwischen den Bewegungen und einen gemeinsamen Kampf für das Gemeinwohl in einer menschenwürdigen Welt, es braucht die Inklusion der Menschen, die an den Rand gedrängt werden. Es braucht Ge­setze, Regelungen und Bürgerrechte, die partizi­ pativ ausgehandelt werden – auch und gerade mit einer internationalen Per­spektive und zwischen den Ländern.» Francisca Waite, Verantwortliche Faire Arbeit und Partizipation in Moçambique

Hans-Jürg Fehr

Kämpfen für globale Fairness 09

Zwei Überzeugungen Mit diesem Text verabschiede ich mich von den LeserInnen der Solidarität. Die Kolumne gehörte zu meinem Amt als Präsident von Solidar Suisse, von dem ich nach zehn Jahren zurücktrete. Aus dieser Zeit resultieren zwei Überzeugun­ gen: Zum einen steht für mich der Sinn von Entwicklungszusammenarbeit ausser Frage. Die Wirkung vor Ort, verstanden als Verbesserung der Lebensumstände von armen, rechtlosen, diskriminierten Menschen, ist ohne Zweifel gegeben. Zum anderen sind mir aber auch die Grenzen dieser Art von Kooperation bewusst geworden, und es ist offensichtlich, wer sie zieht: die multinationalen Konzerne, der Freihandel, die ungehinderten Kapitalflüsse. Die «normalen» wirtschaft­ lichen Beziehungen zwischen Erster und Dritter Welt sind für Letztere fast immer entwicklungshemmend, umwelt­ zerstörend, ausbeuterisch. Sie sind nicht ansatzweise auf die Bekämpfung der Massenarmut ausgerichtet, sondern auf die eigenen Interessen. Zugespitzt formuliert: Die Aussenwirtschaft arbeitet gegen die Entwicklungszusammenarbeit, und leider ist die Aussenwirtschaft sehr viel wirkungsmächtiger. Die politische Arbeit muss deshalb darauf hinwirken, die Aussenwirtschaft den Zielen der Aussenpolitik unterzuordnen: dem Kampf gegen Armut und Umweltzerstörung, für die Menschenrechte, für Frieden und Demokratie. Die solidarische Kooperati­ on soll nicht auf den Nebenplätzen praktiziert werden, sie gehört auf den Hauptplatz.


HARTNÄCKIG GEGEN GEWALT In Nicaragua kämpft Solidar Suisse seit Jahren gegen Gewalt an Frauen: mit Erfolg – aber auch mit Rückschlägen.

Junge Frauen der SolidarPartnerorganisation Ana Lucila engagieren sich gegen die Straflosigkeit von Vergewaltigern in Nicaragua.

Text: Alexander Rayo, Foto: Andreas Schwaiger

2012 feierte Solidar Suisse einen grossen Erfolg. Das nicaraguanische Parlament nahm ein neues Gesetz gegen Gewalt an Frauen an. Es sieht schärfere Strafen vor und verfolgt Femizid – Mord an Frauen – als eigenständigen Straftatbestand. Endlich, fanden die Solidar-Partnerorganisationen, die entscheidend am Gesetz mitgewirkt hatten. Kirche gegen Frauen Doch es dauerte nicht lange, da schlug das Pendel zurück: Bereits 2014 wurde das Gesetz wieder abgeschwächt. Fundamental-christlichen Kreisen war es zu radikal. Die Regierung hat ihrem Druck nachgegeben und bei minderen Delikten wie sexuel­ ler Belästigung wieder wie früher eine Mediation zwischen Opfern und Tätern eingeführt. Gegen diese Verwässerung hatten Frauenorganisationen vergeblich gekämpft. Zudem wurde ein Familien­ gesetz eingeführt, das auf konservativen Rollen­ bildern beruht. Ein weiterer Rückschlag folgte 2015: Seither wird Prävention in Schulen behindert – Diskus­ sionsrunden oder Theateraufführungen, um Schul­ kinder für das Problem der Gewalt an Frauen zu

sensibilisieren, können wir nur noch unter er­ schwerten Bedingungen durchführen. Und 2016 wurden schliesslich die Frauenkommissariate der Polizei abgeschafft, also just jene Anlaufstellen, bei denen von Gewalt Betroffene spezialisierte Unter­ stützung erhielten. Rückgang der Gewalttaten Damit drohen die bisherigen Erfolge zunichte gemacht zu werden: In Matagalpa beispielsweise, 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt gelegen, haben Solidar-Partnerorganisationen Tausende von Frauen und Kindern beraten und betreut. Zusam­ men mit dem Frauenkommissariat haben sie er­ reicht, dass die Gewalttaten zurückgingen – laut Polizeistatistik um 30 Prozent. Auch vor Gericht gab es Erfolg um Erfolg: 90 Prozent der Prozesse zu Gewalt an Frauen wurden gewonnen. Damit diese hart erkämpften Errungenschaften nicht verloren gehen, kämpft Solidar Suisse weiter dafür, dass Gewalt an Frauen verhindert und geächtet wird und die Opfer Unterstützung erhalten. Alexander Rayo ist Solidar-Landeskoordinator in Nicaragua.


Kämpfen für globale Fairness 11

KÄMPFEN UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN Kambodscha ist von einem zunehmend repressiven politischen Klima geprägt. So wird der Kampf für Arbeitsrechte gefährlich. Text: Bernhard Herold, Foto: Solidar, Cartoon: Stephff

Tola Moeun, Direktor der Soli­ dar-Partnerorganisation Central, war gerade im Ausland, als ihn die Meldung erreichte, dass zu Hause eine Klage gegen ihn erhoben wurde. In der letzten Ausgabe der Solidarität hatten Tola Moeun wir den Kambodschaner noch mit der Aussage zitiert, Gewerk­ schaftsführerinnen und Menschenrechtsaktivisten seien zunehmend Repressalien ausgesetzt. Und schon traf ihn der lange Arm des autokratischen Hun-Sen-Regimes. Die offensichtlich politisch motivierte Anklage warf Tola Moeun und anderen vor, Gelder veruntreut zu haben, die für das Grab des 2016 ermordeten Politaktivisten Kem Ley bestimmt waren. Dabei hatte das Begräbnis­komitee, dem er angehörte, nichts mit der Finanzierung des Grabes zu tun. Das Beispiel zeigt, wie leicht es für das repressive Regime ist, unangenehme AktivistIn­ nen durch fadenscheinige Verfahren lahmzulegen. Eine unabhängige Justiz gibt es nicht. Langjähriges Engagement Seit 15 Jahren schon kämpft Tola Moeun für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und die Respektierung der Gewerkschaftsrechte in kambodschanischen Kleiderfabriken. Mit Erfolg: Der Mindestlohn wurde dieses Jahr von 153 auf 170 US-Dollar pro Monat erhöht. «Der Lohnanstieg war vor allem die Folge des Drucks von der Stras­ se», erklärt Moeun. Das Regime hatte erkannt, dass die inzwischen fast eine Million zählenden Textilarbeiterinnen (bei einer Bevölkerung von 16 Mio.) zu einem ernst zu nehmenden politischen Faktor geworden waren. Es setzte daher alles daran, diese zu vereinnahmen und unabhängige Gewerkschaften zu unterbinden. Anders lässt sich das 2016 in Kraft getretene Gewerkschaftsgesetz nicht erklären. Es schafft fast unüberwindbare Hürden für die Gründung unabhängiger Gewerk­ schaften und steht somit in krassem Widerspruch zu den internationalen Arbeits­normen, die Ver­

sammlungsfreiheit und das Recht auf Kollektivver­ handlungen garantieren. Damit nicht genug: «Auch internationale Kleider­ marken, die in Kambodscha produzieren, tragen mit ihrem Preisdruck zu tiefen Löhnen, überlangen

«Lasst mich helfen: Diese Zeitung braucht Luft zum Atmen». Mit der Schliessung der unabhängigen Cambodia Daily unterdrückt das Hun-Sen-Regime auch die Meinungsfreiheit.

Arbeitszeiten und zur Unterdrückung der Gewerk­ schaften bei», stellt Moeun fest. Deshalb versucht Central, diese zur Rechenschaft zu ziehen. Und wie geht es weiter für Tola Moeun? Er sitzt quasi im Wartesaal: «Ich warte auf die Vorladung, dann entscheide ich, ob ich zurück nach Kambod­ scha gehe oder im Exil bleibe.» Bernhard Herold ist Programmleiter Asien bei Solidar Suisse.

  Ihre Spende wirkt Ihr Beitrag von 50 Franken ermöglicht die Beratung einer kambodschanischen Näherin in einem Arbeitsrechtsstreit. Für 100 Franken kann die Gewerkschaft einen demokratischen Wahlprozess für die Vertreterinnen der Angestellten organisieren.


12 Kämpfen für globale Fairness

WENN GOLD ZU ARMUT FÜHRT In Burkina Faso schürfen Menschen in 500 Minen auf eigene Faust Gold. Auch viele Kinder arbeiten unter prekären Bedingungen in Goldminen, statt in die Schule zu gehen. Text: Lionel Frei, Foto: Andreas Schwaiger

«Ich lebe seit vier Jahren in der Goldmine. Hier sammle ich liegen gelassene Eisenstücke ein und verkaufe sie. Damit verdiene ich 300 Francs (50 Rappen) im Tag», erzählt der 12-jährige Ibrahim. Wir befinden uns in der Goldmine Silmiougou, im Norden der Hauptstadt Ouagadougou. Mitten in der Einöde steht ein improvisiertes Zeltdorf rund um Erdlöcher von mehreren Dutzend Metern Tiefe. Tausende von Menschen versuchen sich hier ihr mageres Einkommen zu verdienen: Sie graben nach Gold in den Stollen, sie handeln, kochen, bauen Gemüse an oder holen Wasser. Am Rand des Areals befindet sich das Bordell. In Silmiougou gibt es auch viele Kinder. Wegen der Armut oder Problemen in der Familie verlassen sie die Schule, um in der Mine zu arbeiten. Mit leerem Blick seilen sich die jungen MineurInnen ab. Neben unerträglicher Hitze und stundenlanger Beklemmung drohen ihnen Unfälle, die in den ungesicherten Gruben regelmässig vorkommen. «Vor ein paar Monaten wurde ein Kind bei einer Sprengung schwer verletzt», erzählt man uns. Zurück in die Schule Trotzdem ist es schwierig, die Kinder zum Verlassen der Mine zu bewegen. Gefahr und erbärmliche

  In der Schweiz raffiniertes Gold 90 Prozent des Goldes aus Burkina Faso landet in der Schweiz. Hierzulande befinden sich die vier grössten Goldraffinerien der Welt. Doch wie dieses Gold gefördert wurde, kümmert sie nicht. Die Konzernverantwortungsinitiative, über die wir nächstes Jahr abstimmen, will Schweizer Unter­ nehmen darauf behaften, die Menschenrechte auch im Ausland einzuhalten.

Mechanikerlehrling Franck mit seinem Lehrmeister.

Lebensbedingungen wiegen weniger als die Verdienstmöglichkeiten, weiss Sawadogo Nonraogo aus Erfahrung: «Wir Eltern in der Region sorgen uns sehr um unsere Kinder.» Solidar Suisse arbeitet mit SozialarbeiterInnen zusammen, die Treffen mit den arbeitenden Kindern organisieren. Sie erklären ihnen, dass sie Unterstützung erhalten, um die Mine zu verlassen. Die Jüngeren werden ermutigt, zur Schule zurückzukehren, den Älteren wird eine Berufsausbildung angeboten. So hat der 16-jährige Franck eine Mechanikerlehre begonnen. «Seit ich die Lehre mache, bin ich nicht mehr in die Mine zurückgekehrt. Und langsam beginne ich zu verste­ hen, wie die Welt der Mechanik funktioniert», sagt er lächelnd.

www.konzernverantwortungsinitiative.ch Lionel Frei ist in der Kommunikation von Solidar Suisse tätig.


Nachgefragt 13

NGOS SIND EINE WICHTIGE STIMME FÜR ARBEITSRECHTE Anna Biondi, Vizedirektorin der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, erklärt, warum es Organisationen wie Solidar Suisse braucht, um die Arbeitsrechte weltweit durchzusetzen. Interview: Lionel Frei, Foto: ILO

Und wie sieht die Situation derer aus, die sich für die Arbeitsrechte einsetzen? Der Global Rights Index hat letztes Jahr weltweit erhebliche Verletzungen der Rechte von ArbeiterIn­ nen festgestellt. Spezieller Grund zur Sorge waren Verhaftungen und Gewalt gegen Gewerkschaf­ terInnen. Wenn ArbeiterInnen höhere Löhne oder sichere Arbeitsbedingungen fordern, werden sie häufig unter Druck gesetzt oder sogar festge­ nommen. Multis sind oft für Arbeitsrechts­verletzungen verantwortlich. Kann ein Dialog mit ihnen funktionieren? Es hat sich gezeigt, dass Corporate Social Respon­ sibility allein nicht dazu führt, dass die Multis die Rechte der ArbeiterInnen und der Bevölkerung in ihrem Wirkungsbereich anerkennen. Die ILO fördert deshalb Ansätze, die alle AkteurInnen einbeziehen. Weil sich die Multis weltweit bewegen, genügt es auch nicht mehr, dafür zu kämpfen, dass die Arbeits­

rechte auf nationaler Ebene respektiert werden. Dies muss über Landesgrenzen und Kontinente hinweg geschehen. Unternehmen müssen ihre Verantwortung nicht nur am Hauptsitz, sondern auch in den Produktionsländern wahrnehmen. Welche Rolle können NGOs im Bereich faire Arbeit spielen? Einige fortschrittliche Standards sind der grossarti­ gen Synergie zwischen Gewerkschaften und Organisationen der Zivilgesellschaft zu verdanken. NGOs sind eine wichtige Stimme für Arbeitsrechte. Problematisch kann es sein, wenn Regierungen oder Arbeitgeber behaupten, die ArbeiterInnen seien zu wenig gebildet, um zu wissen, was das Beste für sie ist. Wenn dann eine NGO das Mandat erhält, die ArbeiterInnen weiterzubilden, ist es wichtig zu verifizieren, ob unabhängige Gewerk­ schaften etabliert und die Löhne erhöht wurden. Die Repräsentation darf nicht delegiert werden: Die ArbeiterInnen müssen mit eigener Stimme sprechen und ihre Forderungen stellen können.

NACHGEFRAGT

Warum braucht es den Einsatz für Arbeitsrechte global überhaupt? Es gibt grosse Fortschritte, aber auch besorgnis­ erregende Zeichen: Weiterhin sind weltweit mehr als 192 Millionen Menschen arbeitslos. Prekäre Arbeitsverhältnisse wachsen exponentiell, was die Arbeitsrechte weltweit immer mehr aushöhlt. 2017 arbeiteten schätzungsweise 42 Prozent der Arbei­terInnen (oder 1,4 Milliarden) unter prekären Bedingungen, das heisst ohne Arbeitsvertrag, ohne soziale Absicherung und mit Löhnen, die nicht zum Leben reichen.


14 Festgehalten

ASIEN: KAMPF GEGEN ASBEST Jedes Jahr sterben in Asien über 100 000 Arbeite­ rInnen an den Folgen von Asbest. Obwohl die Verantwortlichen die Gefahren von Asbest ganz genau kennen, verschweigen sie diese oder spielen sie herunter. Mit tödlichen Folgen. Deshalb infor­ miert Solidar Suisse ArbeiterInnen mit Kampagnen über den korrekten Umgang mit Asbest und unter­ stützt Erkrankte mit Beiträgen an die Behandlungs­ kosten. Gleichzeitig fordern wir ein Verbot der Verwendung von Asbest und haben in Zusammen­ arbeit mit einem überregionalen Anti-Asbest-Netz­ werk eine Petition lanciert, um den Handel mit Asbest zu verbieten.

FESTGEHALTEN

EL SALVADOR: AKTIONEN GEGEN ABTREIBUNGSVERBOT Am 8. März demonstrierten in San Salvador 5000 Frauen gegen das absolute Abtreibungsverbot. Denn in El Salvador ist Abtreibung sogar verboten, wenn das Leben der Mutter bedroht ist, der Fötus keine Überlebenschance hat oder die Schwanger­ schaft das Resultat einer Vergewaltigung ist (siehe Solidarität 1/2018). Teodora del Carmen Vásquez, die nach einer Totgeburt wegen Mordes zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, ist zwar Mitte Februar nach über zehn Jahren Haft endlich freigekommen. Doch über 30 Frauen sind weiterhin in Haft. Die Solidar-Partnerorganisationen in El Salvador kämpfen für deren Freilassung und für eine Reform des frauenfeindlichen Gesetzes.

CARLO SOMMARUGA WIRD NEUER SOLIDAR-PRÄSIDENT SP-Nationalrat Carlo Sommaruga ist der neue Präsident von Solidar Suisse. Der Aussenpolitiker gehört der Kommission für Entwicklungszusammen­ arbeit an, die den Bundesrat berät. Er besticht durch sein soziales Engagement und seine solidari­ sche Haltung. Mit Sommaruga wird erstmals ein Romand Solidar-Präsident. Er wurde am 8. Mai 2018 im Rahmen der Generalversammlung von Solidar Suisse gewählt. Sommaruga ersetzt Hans-Jürg Fehr, der die Organisation während zehn Jahren präsi­ dierte. Unter seiner Leitung hat sich Solidar Suisse als kämpferische NGO mit Entwicklungsprojekten und Kampagnen für faire Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten profiliert.


Sudoku und Medienschau 15

9

7

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SOLIDAR-SUDOKU

8 9

Füllen Sie die leeren Felder mit den Zahlen von 1 bis 9. Dabei darf jede Zahl in jeder Zeile, jeder Spalte und in jedem der neun 3 × 3-Blöcke nur einmal vorkommen.

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Schicken Sie das Lösungswort an Solidar Suisse – mit einer Postkarte oder per E-Mail an: kontakt@solidar.ch, Betreff «Rätsel».

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Hamit Seqiri von der Integrations­ fachstelle «Fabia Luzern» hat viel weniger mit Kosovarinnen und Koso­varen zu tun als noch vor 20 Jahren: «In 15 Jahren wird niemand mehr von schlecht integrierten Kosovaren sprechen, so wie heute die eingewan­ derten Italiener kein Thema mehr sind», sagt er. Diese Ansicht teilt Barbara Burri Sharani von Solidar Suisse. Sie hat eine Studie über die Kosovarinnen und Kosovaren in der Schweiz verfasst. Als Ehefrau eines Kosovaren ist sie bestens in der albanischen Gemeinschaft verankert. Sie stellt fest: Kosovarinnen und Kosovaren haben nicht nur den Weg an die Universi­ täten gefunden, sondern auch in die Politik. Dort engagieren sie sich insbesondere in der SP und der CVP.

1. Preis Paschminaschal aus Nepal 2. Preis Notizbuch aus handgeschöpftem Papier aus Nepal 3. Preis Tee aus Nepal Einsendeschluss ist der 15. Juni 2018. Die Namen der GewinnerInnen werden in der Solidarität 3/2018 veröffentlicht. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Mitarbeitende von Solidar Suisse. Das Lösungswort des Rätsels in Solidarität 1/2018 lautete «Duale Bildung». Marie-Pierre Maystre aus Genf hat eine Schürze aus Bolivien, Rolf Gärtner aus Regensdorf einen Schal aus Burkina Faso und Olivier de Rham aus Corsier-sur-Vevey eine Tasche aus Bolivien gewonnen. Wir danken den Mitspielenden für die Teilnahme und den Solidar-Partnerorganisationen in Bolivien und Burkina Faso für die Preise.

Lösungswort:

«Die Kosovaren sind in der Schweiz angekommen» Radio SRF 1, 16. 2. 2018

Das Lösungswort ergibt sich aus den grauen Feldern waagrecht fortlaufend, nach folgendem Schlüssel: 1 = I, 2 = K, 3 = E, 4 = M, 5 = P, 6 = A, 7 = F, 8 = N, 9 = T

Ungleichheitskrise p.s., 9. 2. 2018 In Kooperation mit Oxfam hat Solidar Suisse am 1. Februar eine Podiums­ diskussion im Volkshaus mit dem Titel «Steueroase Schweiz» organi­ siert. Das Thema: die Verantwortung des Tiefsteuerlandes Schweiz im Kontext der globalen Ungleichheit. (…) «Verglichen mit anderen sind wir nicht generell ein Tiefsteuerland», sagt FDP-Ständerat Ruedi Noser und merkt an, dass die Schweiz Firmen eine Steuer von mindestens 8 Prozent vorschreibt. Ellen Ehmke von Oxfam entgegnet, dass die 8 Prozent auf dem Papier häufig nicht dem entspre­ chen, was tatsächlich bezahlt wird. Sie lenkt damit das Gespräch auf einen wichtigen Aspekt: die fehlende Transparenz von Steueroasen. (…) Die Schweiz habe gemerkt, dass sie bei den internationalen Standards mitma­ chen müsse, suche dabei aber weiter nach Schlupflöchern. (…) Der globale Unterbietungswettlauf sei fatal, und auf längere Frist würden auch die ver­ mögenden Länder daran scheitern.

56 540 Dollar für jeden, würde Reichtum aufgeteilt 20 Minuten, 23. 1. 2018 280 Billionen Dollar: So viel Ver­ mögen gibt es weltweit. Das meiste davon horten Milliardäre. Wie aber würden wir leben, wenn der Reichtum an alle aufgeteilt würde? Das Vermö­ gen von 42 Milliardären macht so viel aus wie das der gesamten ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Das Un­ gleichgewicht zwischen Milliardären und Milliarden armer Menschen nimmt in den meisten Ländern zu, wie eine Oxfam-Studie kritisiert. (…) «Uns geht es um eine Trendumkehr der Polarisie­ rung zwischen Armen und Reichen», sagt Iwan Schauwecker von Solidar Suisse. Dabei geht es nicht nur um die Angleichung der Privatvermögen, sondern auch um genügend Geld für den Staat: «Wenn Milliardäre und Kon­ zerne Steuern nicht mehr umgehen, sind weltweit auch genügend Mittel für öffentliche Schulen und Gesund­ heit verfügbar.»

MEDIENSCHAU

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«Es brauchte unzählige ­Dorfversammlungen, um den Leuten verständlich zu machen, dass Häuser aus lokalen Materialien sicher sind.»

Tek Nath besucht Menschen, deren Haus beim Erdbeben in Nepal zerstört wurde, um abzuklären, welche Unterstützung sie brauchen.

«DIE ARMEN SIND MEINE UNIVERSITÄT» Tek Nath Acharya sorgt beim Wiederaufbau in Nepal für den guten Kontakt mit den Betroffenen. Mit durch­schlagendem Erfolg.

ANPACKEN

Text: Sandra Aeschlimann und Katja Schurter, Foto: Solidar

Nach der Arbeit sitzen wir im Melamchi Guesthouse. Wie immer ist Tek Nath mit von der Partie. Seine Familie kann er nur selten besuchen, sie wohnt eine dreitägige Busreise entfernt. Er kommt aus einem kleinen Dorf im Distrikt Rolpa, einer der ärmsten Gegenden Nepals. Natürlich vermisst er seine Frau und seine Söhne von fünf und neun Jahren. Aber man muss dort arbeiten, wo es Arbeit gibt. «What can do», sagt Tek Nath in seinem holprigen Englisch und lacht. «Ich muss meine Familie unterstützen und ich bin froh, so arbeiten zu können, denn meine Erfahrung dient der Gemeinschaft.» Unterstützung gemäss den Bedürfnissen Wie seine Heimatregion Rolpa, ist auch Melamchi hügelig. Die Wege zu den Dörfern, in denen Solidar Suisse die Menschen beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 2015 unterstützt, sind steil. Um die abgelegenen Familien zu erreichen, wandert Tek Nath durchschnittlich zwei Stunden täglich.

Denn er ist seit März 2016 für die Social Mobilisers zuständig, die den Kontakt mit der Bevölkerung gewährleisten, sie bei Problemen unterstützen und die Arbeit koordinieren. Genau der richtige Job für den umgänglichen Mann, der auch in Stresssitu­ ationen ruhig bleibt und die Armen als seine Univer­ sität bezeichnet. Denn diese Position verlangt eine ausgeprägte Fähigkeit zum Zuhören, Empathie und Verhandlungsgeschick. Tek Naths respektvolle Herangehensweise bewährt sich auch im Umgang mit den Social Mobilisers. Er sieht sich weniger als ihr Chef denn als Freund, der sie dabei unterstützt, Prioritäten zu setzen und ihre Ziele zu erreichen – und auch von ihnen lernen kann. Die Arbeit der Social Mobilisers trägt entschei­ dend dazu bei, dass das Projekt die Sorgen und Nöte der Bedürftigen berücksichtigt. «Wir erreichen die Bedürftigsten und Ärmsten», ist Tek Nath über­zeugt. Diese auszuwählen, war nicht einfach in einer Region, wo fast alle arm sind. Um zu entscheiden,


Anpacken 17

wer am dringendsten Unterstützung braucht, wurden die Bedürfnisse jedes einzelnen Haushalts aufgenommen. Wer mit dem Resultat nicht einver­ standen war, konnte sich beschweren. «Wir haben 800 Beschwerden überprüft – in direkten Gesprä­ chen, per Telefon und in öffentlichen Diskussionen, an denen die lokalen Autoritäten anwesend waren. 70 Prozent erwiesen sich als unbegründet, bei 30 Prozent haben wir die Auswahl verändert.» Dieses sorgfältige Vorgehen hat viel zur Akzeptanz der Solidar-Arbeit beigetragen.

möchte stets respektvoll und bescheiden sein und «dafür muss ich die Lebensumstände, Glauben und Traditionen der Menschen kennen». Dieses Wissen war von zentraler Bedeutung. Denn er musste die Menschen davon überzeugen, dass nicht lokale Baumaterialien wie Stein, Holz und Schlickmörtel zum Einsturz von 98 Prozent der Häuser in der Region geführt hatten, sondern die Konstruktionsweise, die nicht erdbebensicher war. So fand das Design der neuen Häuser bei den DorfbewohnerInnen zunächst keinen Anklang: «Es brauchte unzählige Dorfversammlungen, um den Leuten verständlich zu machen, dass die Häuser auch dann sicher sind, wenn wie bisher lokale Materialien verwendet werden», erzählt Tek Nath. Doch jetzt sind die Menschen glücklich: «Sie haben diesen Winter ein sicheres Zuhause. Ohne unsere Unterstützung hätten sie vielleicht ihre Häuser nicht wiederaufbauen können.»

Die richtigen Worte finden Und auch Tek Nath ist ausschlaggebend für den Erfolg des Projekts. Der 42-Jährige mit Master in ländlicher Entwicklung kommt selbst aus einer armen Familie und kennt die entsprechenden Probleme. Daraus zieht er seine Motivation: «Die Situation von Menschen verbessern, die von schrecklichen Entbehrungen und Armut betroffen sind.» Er weiss, wie wichtig es ist, die richtige Sprache und die richtigen Worte zu finden, um unterschiedliche Menschen anzusprechen. Er

Sandra Aeschlimann ist Programmverantwortliche Humanitäre Hilfe bei Solidar Suisse, Katja Schurter ist die Redaktorin der Solidarität.

Erdbeben in Nepal, April 2015

98 %

Soforthilfe

5493 6478

Im Melamchi-Tal wurden 7154 von 7300 Häusern zerstört.

Geldbeiträge

2456

Familien erhalten Zeltplanen

Familien erhalten je 250 Franken, um Saatgut und Nutztiere zu ersetzen

Familien erhalten Hygieneartikel

Stand Ende Februar 2015

2016

2017

2018

2019

Wiederaufbau Häuser Anschluss Trinkwasser

Soforthilfe

Geldbeiträge

Wiederaufbau Häuser

763 144 488

Projektende

Projektende

Anschluss Trinkwasser

Häuser werden bis Ende 2019 gebaut sein Häuser sind aktuell im Bau Häuser wurden per Ende Februar wiederaufgebaut

2246 1878

Haushalte werden bis Ende Juni 2018 angeschlossen sein Haushalte wurden per Ende Februar angeschlossen


18 Hingeschaut

FLUCHT OHNE FLUCHT Der pakistanische Autor Mohsin Hamid möchte mit seinem Roman exit west unsere Abgrenzung von Flüchtlingen durchkreuzen.

HINGESCHAUT

Text: Bernhard Herold

«Wir alle durchschreiten in unserem Leben viele Türen. Und immer lassen wir etwas zurück. Wir alle wissen, wie es ist, aufzubrechen und wie es ist, an einem neuen Ort anzukommen», sagte Mohsin Hamid in einem Interview auf Radio SRF2 zu seinem Roman exit west. Die Geschichte handelt von Nadia und Saeed. Die beiden leben «in einer von Flüchtlingen wimmelnden Stadt, in der es überwiegend noch friedlich zuging oder jedenfalls kein offener Krieg herrschte». Es könnte Aleppo vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs sein oder irgendeine Stadt in einem Land, das gerade in eine schwere Krise schlittert. Der Autor selbst lebt im pakistanischen Lahore und weiss wohl aus eigener Erfahrung, wie sich eine solch spannungsgeladene Atmosphäre anfühlt. Nadia und Saeed lernen sich in einer Weiterbildung kennen und verlieben sich. Zunächst hilft ihnen die wachsende Krise bei der Annäherung. Denn bald eskaliert die Lage so, dass Nadia bei Saeed und seinem Vater Schutz sucht. Anschläge und Ausgangssperren mehren sich. Regierung und Aufständische wechseln sich ab in der Kontrolle der Stadtquartiere. Schliesslich entscheiden sich Saeed und Nadia zur Flucht. Flüchtlinge sind nicht anders An diesem Punkt greift der Autor zu einem Trick, um uns vor Augen zu führen, dass Nadia und Saeeds Schicksal uns allen geschehen könnte: Er klammert die Flucht aus. Erst in einem Flüchtlingslager auf Lesbos setzt die Geschichte wieder ein. Auch die spätere Flucht nach London und die Weiterreise nach Kalifornien kommen nicht vor. Im Interview erklärt Mohsin Hamid, dass ihn stets gestört habe, wie Flüchtlinge in Medienberichten auf ihre Fluchtgeschichte reduziert würden, obwohl dies nur eine kurze, wenn auch dramatische Episode in ihrem

Leben darstelle. Mit der Reduktion des Lebens auf die Flucht werde eine Distanz zwischen Geflüchte­ ten und Nicht-Geflüchteten hergestellt: Wir, die nicht auf der Flucht sind, würden so Flüchtlinge als Andersartige betrachten und uns von ihnen abgren­

Wir alle wissen, wie es ist, aufzubrechen und wie es ist, an einem neuen Ort anzukommen. zen. Doch sie sind Menschen, die sich vor und nach ihrer Flucht mit ähnlichen existenziellen Fragen und Alltagsthemen beschäftigen wie wir. Während Krise und Flucht Nadia und Saeed einander zunächst näherbringen, entfremdet sie die Stresssituation später zunehmend. Trotz allem gelingt es ihnen, den gegenseitigen Respekt zu wahren. exit west ist ein lesenswerter Roman, der das aktuellste Thema unserer Zeit auf brillante Weise aufnimmt und doch zeitlos bleibt.

Moshin Hamid: exit west. Dumont Verlag 2017.


Mitkämpfen 19

AKTIV WERDEN Wir freuen uns, wenn Sie mit uns für globale Fairness kämpfen. Dazu gibt es im Kleinen wie im Grossen viele Möglichkeiten – hier ein paar konkrete Vorschläge.

MITMACHEN Quiz zu fairer Arbeit Was ist ein Existenzlohn und wie unter­ scheidet er sich vom Mindestlohn? Wie viel verdient eine Textilarbeiterin in Kambod­ scha, wie viel in der Schweiz? Testen Sie ihr Wissen zu fairer Arbeit und gewinnen Sie mit etwas Glück einen Preis. Und wenn Sie unseren Newsletter abonnieren, bleiben Sie auf dem Laufenden und können uns bei Petitionen und Aktionen im Kampf für globale Fairness unterstützen.

SPENDEN Ihre Spende noch wertvoller machen Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende, zum Beispiel für NäherInnen in Kambodscha. Noch wertvoller machen Sie Ihre regelmässige Spende, wenn Sie dafür ein Lastschriftverfahren (LSV) einrichten. Ein LSV verursacht weniger administrative Kosten und spart Porto und Papier – das bedeutet mehr Geld für unsere weltweiten Projekte. Einfach ein LSV-Antragsformular ausfüllen, das jederzeit widerrufen werden kann.

BEWUSST KONSUMIEREN Wie ernähre ich mich nachhaltig? Es gibt eine einfache Faustregel: den Fleischkonsum reduzieren und Lebensmittel meiden, die mit dem Flugzeug importiert wurden. Dies ist weder neu noch revolutionär noch ausreichend – aber für alle realistisch durchführbar. Und es bringt mehr, wenn alle Menschen etwas weniger Fleisch essen, als wenn wenige ganz darauf verzichten.

Spenden unter: www.solidar.ch/lsv

Tipps unter: www.solidar.ch/konsum

IMPRESSUM Herausgeber Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zürich, Tel. 044 444 19 19, E-Mail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch Postkonto 80-188-1 Mitglied des europäischen Netzwerks Solidar Redaktion Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Marco Eichenberger, Lionel Frei, Eva Geel, Cyrill Rogger

Layout artischock.net Übersetzungen Milena Hrdina, Katja Schurter, Petra Varilek Korrektorat Jeannine Horni, Catherine Vallat Druck und Versand Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 Schaffhausen Erscheint vierteljährlich, Auflage: 37 000 Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag

inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 70.–, Organisationen mindestens Fr. 250.– pro Jahr). Gedruckt auf umweltfreundlichem Recycling-Papier. Titelbild TextilarbeiterInnen demonstrieren in Phnom Penh für bessere Arbeitsbedingungen. Foto: Pring Samrang. Rückseite Rohingya-Frauen im Flüchtlingslager Cox’s Bazar. Foto: AWO International.

MITKÄMPFEN

Mitmachen unter: www.solidar.ch/quiz


IHRE UNTERSTÜTZUNG ZÄHLT

ÜBERLEBENSHILFE FÜR ROHINGYA Mit Ihrer Unterstützung konnte Solidar Suisse seit letztem September dringend benötigte Hilfe für Rohingya leisten. Sie flohen vor Gewalt und Vertreibung von Myanmar ins benachbarte Bangladesch. Innert drei Monaten haben wir 2831 Flüchtlinge mit Haushalt- und Küchenutensilien und mit Material für den Bau von Notunterkünften versorgt. Danke Die Situation ist weiterhin prekär: Wirbelstürme kündigen sich an. Der Monsun droht Notunterkünfte und Toiletten an den steilen Hängen wegzuwaschen und das Lager mit Abwasser zu über­schwem­­men. Solidar ergreift Massnahmen, um dies zu ver­hindern. Herzlichen Dank, dass Sie uns dabei unterstützen. www.solidar.ch

Solidarität 2/2018  

Magazin von Solidar Suisse

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