Page 1

Ausgabe September 3/2011

thema Arbeitsrechte f端r Hausangestellte BURKINA FASO Zweisprachige Bildung f端r alle Das Magazin von


2 EDITORIAL Liebe Leserin, lieber Leser, Bestimmt hatten Sie schon mit der «guten Seele in der Küche», der «Putzfee im Haus» zu tun: Die Rede ist von Frauen, die in unseren Haushalten bezahlte Arbeit leisten und manchmal gar ein bisschen zur Familie gehören. Andererseits lesen wir gelegentlich von Situationen, wo Hausangestellte in völliger Abhängigkeit von ihren ArbeitgeberInnen leben – bis hin zu sklavenähnlichen Zuständen.

wurden erzielt: Seit 2011 gibt es in der Schweiz einen Normalarbeitsvertrag, und im Juni wurde auf internationaler Ebene eine ILO-Konvention für Hausangestellte verabschiedet (siehe S. 4 –11).

Viel zu diesem Erfolg beigetragen haben die Gewerkschaften der Hausangestellten, vor allem aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Solidar Suisse unterstützt deren Arbeit in Südafrika (siehe Das Gemeinsame daran: Es hängt allein S. 6) und in Bolivien. Im Zentrum stehen von der Moral und dem Willen der ArbeitInformations- und Lobbyarbeit. Eine begebenden ab, wie sie ihre Hausangesonders grosse Herausforderung ist die stellten behandeln. Die meisten sind Organisierung der Hausangestellten, da Frauen und sehr oft Migrantinnen. Vielen es oft schwierig ist, Arbeiterinnen im Priwerden Arbeitsrechte und die Anerkenvathaushalt zu erreichen. Unsere Partner nung ihres Berufsstandes vorenthalten. Ruth Daellenbach, vernetzen sich auch auf internationaler Regelungen gab es bis vor kurzem kaum. Geschäftsleiterin Solidar Suisse Ebene, um Rechte für Hausangestellte zu erkämpfen. Wir solidarisieren uns mit Zusammen mit seinen Partnern setzt sich Solidar Suisse seit einigen Jahren dafür ein, dass das The- ihrem Kampf und setzen uns für eine Ratifizierung der KonvenRuth Daellenbach ma in der Schweizer Öffentlichkeit diskutiert und auf gesetzli- tion in der Schweiz ein.  cher Ebene Massnahmen getroffen werden. Einige Erfolge

Medienschau

14.6.2011 Zürich am fairsten und solidarischsten (…) Die Städte Zürich und Genf stecken – gemessen am Steuerertrag – am meisten Geld in Projekte der Entwicklungshilfe und kaufen am fairsten ein. Das zeigt eine Studie von Solidar Suisse, die 88 Schweizer Gemeinden untersucht hat. Auf dem letzten Platz liegt Köniz BE. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch freut sich über die gute Bewertung: «Solidarität ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für das gute Zusammenleben in einer Gesellschaft.» Doch nicht nur grosse Städte liegen im Ranking vorne. Die Urner Gemeinde Altdorf etwa mischt im oberen Drittel mit. (…)

4.6.2011 Petition gegen Fifa-Steuerprivilegien Der Weltfussballverband Fifa soll nicht mehr von Steuerprivilegien profitieren dürfen. Dies fordern die Juso Schweiz und das Hilfswerk Solidar Suisse in einer gemeinsamen Petition. (…) Angesichts der Korruptionsskandale, Bestechungsvorwürfe und der Ignoranz gegenüber von Menschenrechten sei es nicht mehr zu rechtfertigen, die Fifa als gemeinnützige Organisation zu privilegieren. (…)

25.5.2011 «Die Regierung verschliesst die Augen» Seit 1984 unterstützt Solidar Suisse Projekte in Mosambik. Angestrebte Ziele sind unter anderem die Stärkung von Basis- und Gemeindeorganisationen für eine aktive Partizipation (…). Jorge Lampiao (…) schickt seine Mitarbeiter in die ländlichen Regionen, um dort vor Ort mit den Menschen in den Dörfern in Kontakt zu treten und ihnen im Grundsatz ihre Rechte klarzumachen und ihnen zu zeigen, wie sie für ihre Rechte einstehen sollen. «Das Schwierige dabei ist die Tatsache, dass so ein Umdenken nicht von heute auf morgen geschieht. Es ist ein langwieriger Prozess, der Geduld verlangt.» (…)


3 THEMA Hausarbeit ist international einer der prekärsten Arbeitsbereiche 4 Sadsawu engagiert sich für Hausangestellte in Südafrika 

6

Endlich Mindeststandards für Hausangestellte dank ILO-Konvention und Normalarbeitsvertrag  8 Serge Gaillard: Wie setzt sich das SECO für würdige Arbeits­ bedingungen ein?

11

AKTUELL Burkina Faso: Die Erziehungsministerin will die zweisprachige Bildung 12 aufs ganze Land ausdehnen

THEMA

100 Millionen Frauen arbeiten weltweit als Hausangestellte: In einem der prekärsten Arbeitsbereiche sollen endlich Mindeststandards gelten.

4

Solidar-Gemeinderating: Die globale Verantwortung wird unterschiedlich wahrgenommen  15 Kolumne7 NOTIZEN

10

PINGPONG

14

AKTUELL

Die Resultate des SolidarGemeinderatings lassen erkennen, wie unterschiedlich Gemeinden ihre globale Verantwortung wahrnehmen.

15

Kulturelles Ausstellung «Die andere Seite der Welt» 16 NETZWERK Neuigkeiten aus den SAH-Vereinen 

KULTURELLES 17

EINBLICK Jelena Mijovic: mit Sozialdialog die ökonomische Krise in Serbien 18 überwinden 

18

EINBLICK

Die Ausstellung «Die andere Seite der Welt» zeigt die humanitäre Schweiz aus der Perspektive ihrer AkteurInnen.

16

Jelena Mijovic bekämpft die negativen Folgen der Privatisierungen in Serbien, indem sie die SozialpartnerInnen an einen Tisch holt.

IMPRESSUM Herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zürich, Tel. 044 444 19 19, E-Mail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 80-188-1 Mitglied des europäischen Netzwerks Solidar Redaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Rosanna Clarelli, Christian Engeli, Alexandre Mariéthoz, Cyrill Rogger

Layout: Binkert Partner, www.binkertpartner.ch / Spinas Civil Voices Übersetzungen: Irene Bisang, Ursula Gaillard, Milena Hrdina, Walter Roselli, Jean-François Zurbriggen Korrektorat: Stéphane Cusin, Jeannine Horni Druck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 Schaffhausen Erscheint vierteljährlich, Auflage: 37 000

Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 50.–, Organisationen mindestens Fr. 250.– pro Jahr). Gedruckt auf umweltfreundlichem Recycling-Papier. Titelbild: Hausangestellte in Südafrika arbeiten rund um die Uhr und verdienen einen Bruchteil des Mindestlohns. Foto: Sadsawu Rückseite: Solidar Suisse setzt sich gegen Ausbeutung im Kaffeehandel ein. Foto: Spinas Civil Voices


4


THEMA

Würdige Arbeit für Haus­ angestellte Hausarbeit ist einer der prekärsten Arbeitsbereiche weltweit. Oft unterbezahlt, ohne geregelte Arbeitszeit, ohne Vertrag, ohne Sozialversicherung. Der Anteil an Schwarzarbeit ist hoch. Millionen Frauen migrieren von armen in reiche Länder, vom Land in die Stadt, um in fremden Haushalten zu arbeiten. Ihre eigenen Kinder lassen sie zurück in der Obhut von Grossmüttern, Schwestern, Tanten – oder von Migrantinnen aus noch ärmeren Ländern. Ein grosser Teil ihrer Einkommen geht zurück an die Familien zuhause – unverzichtbar, um zum Beispiel die Ausbildung der Kinder zu ermöglichen. Fortsetzung auf S. 9

5


6 thema Hausangestellte in Südafrika kümmern sich um alles, sind der Willkür ihrer ArbeitgeberInnen ausgesetzt und verdienen einen Bruchteil des Mindestlohns.

Es gibt keine Freiheit, wenn Hausangestellte nicht frei sind Die Generalsekretärin unserer südafrikanischen Partnerorganisation Sadsawu zur Situation von Hausangestellten und warum es so schwierig ist, sie zu organisieren. Text: Myrtle Witbooi, Foto: Sadsawu «Wir sind alles in einem», erklärt Phumzile Tsabalala. «Wir räumen auf, wir putzen, wir kochen, wir jäten, wir ziehen die Kinder auf, wir pflegen die Kranken, wir kaufen ein, wir beantworten das Telefon, wir waschen und bügeln, wir unterhalten den Besuch … Aber wir sind niemand. Wir sind unsichtbar.» An einem Workshop zur Vorbereitung der ILO-Konvention, der von der Gewerkschaft der Hausangestellten Sadsawu (siehe Kasten) und dem Labour Research Service im Juli 2010 durchgeführt wurde, machte Phumzile Tsabalala die Realität von Hausangestellten deutlich.

Sadsawu Die Solidar-Partnerorganisation Sadsawu (South African Domestic Services and Allied Workers Union) setzt sich in Südafrika für die Rechte von Hausangestellten ein. Sie arbeitet mit dem Arbeitsministerium zusammen, um Minimallöhne und -arbeitsbedingungen festzulegen, und verteidigt ArbeiterInnen bei widerrechtlichen Entlassungen. Sadsawu organisiert die Hausangestellten und bietet ihnen Weiterbildung zu ihren Rechten. www.sadsawu.org

Wenig Lohn und keine Privatsphäre In Südafrika gibt es über eine Million Hausangestellte. Viele von ihnen verdienen nicht einmal den gesetzlichen Minimallohn von 1500 Rand. Gemäss dem südafrikanischen Amt für Statistik erhalten die bestbezahlten fünf Prozent 2500 Rand (etwa 300 Franken) und die am schlechtesten bezahlten fünf Prozent 300 Rand (36 Franken) im Monat. Der mittlere Lohn beträgt 1000 Rand (etwa 120 Franken) – von dem ein grosser Teil bereits für die Reise zur Arbeit draufgeht. Hausangestellte, die bei den Arbeitgebenden wohnen, haben wiederum sehr wenig Privatsphäre und müssen oft mehr als zehn Stunden pro Tag arbeiten. «Wir sind die ersten, die aufwachen: Um fünf Uhr stehen wir auf, um das Frühstück für die Familie zu bereiten. Wir gehen erst zu Bett, nachdem alle gegessen haben und der letzte Teller gespült ist – oft nach zehn Uhr. Wir können jederzeit entlassen werden, wenn jemand in der Familie wütend auf uns ist, auch wenn das Gesetz Grundsätze für eine faire Behandlung festhält», veranschaulicht Phumzile Tsabalala ihre Arbeitsbedingungen. Schwierige Organisierung Die Arbeit, die Hausangestellte verrichten, ist lebenswichtig. Dies zeigt sich auch an ihrer grossen Zahl. Sie machen sieben bis acht Prozent aller Anstel-

lungsverhältnisse in Südafrika aus. Aber die hohe Arbeitslosigkeit macht Hausangestellte anfällig für physische, emotionale und sexuelle Ausbeutung. Es ist eine grosse Herausforderung,xHausangestellte x zu organisieren. Denn die Arbeitgebe­rInnen wollen nicht, dass Sadsawu mit den Hausangestellten spricht. Manchmal drohen sie sogar, ihre Angestellten zu entlassen, wenn sie der Gewerkschaft beitreten. Sadsawu gibt den Hausangestellten eine Stimme, indem sie sich ans Arbeitsministerium wendet und die Arbeiterinnen bei Mediationen oder Schiedsgerichtsverfahren vertritt. ILO-Konvention durchgebracht Die im Juni 2011 angenommene ILOKonvention für Hausangestellte ist ein grosser Erfolg, und Sadsawu wird ihn nutzen, um für die Rechte und Würde von Hausangestellten zu kämpfen. «Was wir schon immer gewusst haben, wird nun auch von der ILO anerkannt: Hausangestellte sind Arbeiterinnen», meinte Hester Stevens, die Präsidentin von Sadsawu, nach der Annahme der Konvention in Genf. Der Sieg ist den Organisationen der Hausangestellten zu verdanken, die nicht müde wurden, bei Regierungen und in der Geschäftswelt für die Konvention zu lobbyieren. Über zwei Jahre lang waren wir damit beschäftigt und engagierten uns beharrlich in Kommissionen und


KOLUMNE

THEMA 7

Hans-Jürg Fehr Präsident Solidar Suisse und SP-Nationalrat

Rechte gegen Armut

passen und Verfahren installieren, damit Hausangestellte ihre Rechte wahrnehmen können. Aber wir sind zuversichtlich, dass ein Land nach dem anderen die Konvention ratifizieren wird, wenn wir mit der Solidarität weiterkämpfen, die wir Der Kampf geht weiter Der nächste Schritt ist nun die Ratifizie- aufgebaut haben. Wir werden nicht rurung der Konvention. Als Arbeiterinnen hen, sondern diesen Prozess in jedem Land beobachten und diejenigen Länder anprangern, in denen Hausangestellte kei«Wir putzen, wir kochen, ne Rechte haben. Es gibt wir jäten, wir pflegen, keine Freiheit, solange wir ziehen die Kinder auf … Hausangestellte nicht frei Aber wir sind niemand.» sind, und wir sind entschlossen, unseren Kampf fortzuwissen wir, dass es nicht selbstverständ- führen bis wir ihre Freiheit in Südafrika lich ist, dass die Länder ihre Gesetze an- und überall auf der Welt erreicht haben. Diskussionen dafür. Wir haben uns durchgesetzt, obwohl einige Regierungen nicht glücklich sind über die Konvention.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, Jemen – die jungen Völker dieser nordafrikanischen Staaten wollen aus ihrer Armut heraus. Sie wollen ein besseres Leben führen können im eigenen Land. Und was verlangen sie, um diesem Ziel näher zu kommen? Demokratie und Menschenrechte. Viele Menschen sehen den Zusammenhang zwischen Demokratie und besseren Lebensbedingungen nicht. Wir von Solidar Suisse schon, denn das ist exakt der Ansatz, den wir in unseren Entwicklungsprogrammen verfolgen: Wer sich aus einem Leben voller Mangel befreien will, muss seine grundlegenden Rechte einfordern. Die Menschenrechte, die demokratischen Mitbestimmungsrechte, die fundamentalen Arbeitsrechte. Diese Instrumente braucht es, um gewerkschaftlich eine anständig bezahlte Arbeit und politisch eine funktionierende Grundversorgung durchsetzen zu können. Das sind wiederum die Vo­ raussetzungen für ein menschenwürdiges Dasein und die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Solidar geht Entwicklungspartnerschaften mit Basisorganisationen ein, um sie in ihrem Kampf um ihre Rechte zu unterstützen. Nur wer frei seine Meinung äussern darf, kann seine Bedürfnisse in politische Entscheidungsprozesse einbringen. Nur wer die Vereinigungsfreiheit besitzt, kann sich gewerkschaftlich organisieren und kollektive Arbeitsverträge aushandeln. Nur wer das Wahlrecht hat, kann korrupte Regierungen abwählen. Armut ist immer mit Unrecht verbunden, ihre Überwindung mit Rechten.


8 thema

Rechte für Hausangestellte Die ILO verlangt in einer Konvention menschenwürdige Arbeitsverhältnisse und Schutz vor Ausbeutung für Hausangestellte – ein historischer Durchbruch. Text: Vania Alleva und Mauro Moretto, Foto: Christophe Koessler

Die Plenarsitzung der 100. ILO-Konferenz hat am 16. Juni 2011 in Genf eine Konvention zum weltweiten Schutz von Hausangestellten verabschiedet, mit einer Mehrheit von 396 gegen 16 Stimmen bei 63 Enthaltungen. Die Konvention «Menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte» legt erstmals weltweite Standards für Arbeitsverhältnisse in der informellen Ökonomie fest. Ein historischer Durchbruch, für den sich die Unia und Solidar Suisse gemeinsam eingesetzt haben. Endlich Mindeststandards Ziel der Konvention ist es, die Arbeitsbedingungen von über 100 Millionen Haus-

Aktionen rund um die ILO-Konferenz «Wir sind der Motor der Gesellschaft, trotzdem müssen wir manchmal unter Bedingungen der Halbsklaverei leben», empörte sich Ernestina Ochoa, VizePräsidentin des internationalen Netzwerks der Hausangestellten, am 14. Juni 2011 in Genf. Um 7.30 Uhr startete die peruanische Gewerkschafterin den Aktionstag für die Gleichstellung von Frauen und Männern rund um die Statue zu Ehren der Sans-papiers mit einer Demonstration zur Unterstüt-

zung der Frauen in der Hauswirtschaft. Hungerlöhne, lange Arbeitszeiten und die Unmöglichkeit, eine Aufenthaltsund Arbeitserlaubnis zu erhalten, gehören zu deren grössten Problemen. Über hundert Personen, darunter viele GewerkschaftsvertreterInnen aus der ganzen Welt, machten mit ihrem bunten Protest Druck für die Unterzeichnung der internationalen ILO-Konvention und die Besserstellung ihrer Kolleginnen in der Schweiz und weltweit.


THEMA 9 Mit einem Strassentheater machten die Gewerkschaften der Haus­angestellten Mitte Juni in Genf auf ihre Forderungen aufmerksam.

angestellten zu regeln und diese besonders verletzliche Gruppe Arbeit­nehmender zu schützen. Die unterzeichnenden Staaten müssen Zwangs- und Kinderarbeit sowie jegliche Form der Diskriminierung

wichtiger Schritt zur Besserstellung der Hausangestellten. Unia und Solidar fordern die Staatengemeinschaft und vor allem den Bundesrat auf, die Konvention möglichst rasch zu ratifizieren.

Boombranche in der In den letzten zehn Jahren Schweiz hat sich die Zahl der HausIn den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Hausangestellten in Schweizer angestellten in Schweizer Privathaushalten mehr als Privathaushalten mehr als verdoppelt. verdoppelt: Inzwischen sind es weit über 100 000 Arabschaffen und die gewerkschaftlichen beitnehmende – Tendenz steigend. ArRechte der Arbeitnehmenden garantie- beits- und Anstellungsbedingungen im ren. Ein schriftlicher Arbeitsvertrag, der Haushaltsbereich sind prekär. Immer unter anderem Lohn, Arbeitszeiten und wieder deckt die Gewerkschaft Unia Freizeit regelt, wird Pflicht. Zudem etab- krasse Fälle von überlangen Arbeitszeiliert die Konvention international gültige ten und Löhnen von elf Franken pro Mindeststandards (mindestens 24 Stun- Stunde oder weniger auf. den Freizeit am Stück, Respektierung Seit Januar 2011 ist der verbindliche der Schutzalter- und Mindestlohnbestim- Normalarbeitsvertrag für Arbeitnehmenmungen sowie der Sozialversicherungs- de in der Hauswirtschaft in Kraft. Hausansprüche). Weitere Artikel betreffen die angestellte, die mehr als fünf Stunden speziellen Rechte von MigrantInnen, die pro Woche in einem Privathaushalt arbeiVermittlung von Hausangestellten durch ten, haben Anrecht auf den Mindestlohn spezielle Rekrutierungsbüros und den – unabhängig davon, ob sie ReinigungsSchutz vor Ausbeutung. Ausserdem arbeiten erledigen, waschen, einkaufen, müssen die Beschäftigten angemessen kochen, Kinder betreuen oder Betagte über ihre Rechte informiert und die Min- und Kranke in der Alltagsbewältigung deststandards von den Behörden kon- unterstützen. Der Mindestlohn beträgt 18.20 Franken für Ungelernte, 20 Frantrolliert werden. ken für Ungelernte mit vier Jahren Berufserfahrung und 22 Franken für GeLangwierige Verhandlungen Hinter dem Erfolg stehen jahrelange Be- lernte. Obwohl sie etwas unter den mühungen der internationalen Gewerk- Forderungen der Gewerkschaften liegen, schaftsbewegung und langwierige Ver- bedeuten verbindliche Mindestlöhne für handlungen in der tripartiten Kommission, die betroffenen Beschäftigten eine grosdie die Konvention ausarbeitete. Unter- se Verbesserung. stützt wurde die Gewerkschaftsdelegati- Offen bleibt jedoch nach wie vor die drinon von Regierungen insbesondere aus gende Forderung nach einer RegularisieAsien, Lateinamerika, Afrika, den USA rung von Sans-papiers, die oft in Hausund Australien. Die Konvention ist ein halten beschäftigt werden (siehe Kasten).

Brain waste und Illegalisierung Migrantinnen, die als Hausangestellte arbeiten, sind oft gut ausgebildet. Ihre Auswanderung bedeutet ein Brain drain – und ein Brain waste: Ihre Kompetenzen werden abgezogen und nicht genutzt. Dies gilt auch in der Schweiz. Viele haben keine Aufenthaltsbewilligung und müssen deshalb schwarz arbeiten: Laut Schätzungen erbringen sie im Kanton Zürich rund 30 Prozent der Arbeitsstunden von Hausangestellten. Eine andere Gruppe sind die so genannten «SenioPair»: Frauen, meist aus Osteuropa, die pflegebedürftige Menschen betreuen, den Haushalt machen und rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Zunehmender Sozialabbau und die Privatisierung von Betreuungsaufgaben, die Alterung der Bevölkerung und die vermehrte Erwerbstätigkeit von Frauen haben bei uns eine steigende Nachfrage nach Dienstleistungen im Haushalt geschaffen. Es geht nicht darum, diesen Wirtschaftszweig oder die damit verbundene Migration zu unterbinden, sondern im Gegenteil um Anerkennung und Regelung in Form minimaler Arbeitsstandards. Der Schweizer Normalarbeitsvertrag und die ILO-Konvention für Hausangestellte bedeuten wichtige Fortschritte. Sie sind jetzt umzusetzen, und das geht nur im Verbund mit migrationspolitischen Massnahmen, die gegen die Schattenwirtschaft im Haushaltsbereich wirken. Ruth Daellenbach


10 Notizen

Pakistan: ein Jahr danach

Jubiläumsfeier

Die Jahrhundertflut im August 2010 hat in Pakistan über 1,8 Millionen Häuser und 74 Prozent der Anbaufläche zerstört sowie Vieh im Wert von insgesamt 5,1 Milliarden getötet. Bis heute sind mehr als 20 Millionen Menschen von den Auswirkungen der Flut betroffen. Dank der Nothilfepakete von Solidar Suisse konnten über 2000 betroffene Familien die Schlammmassen aus ihren Häusern entfernen, Möbel und Wertsachen retten und sich eine Notunterkunft bauen. Mit dem Bau von 800 Übergangsunterkünften wurde ausserdem Familien mit vielen Kindern im kalten und nassen Winter Schutz geboten (siehe Solidarität 4/2010). In derselben Gegend initiierten wir im März 2011 mit der Labour Education Foundation, unserer lokalen Partnerin, ein Projekt, um besonders Frauen die Möglichkeit zu bieten, wieder ein Einkommen zu erwerben. In Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der UNO werden Bewässerungssysteme wiederhergestellt, damit die Ernte während des Sommers genügend bewässert werden kann. Solidar wird sich in diesem Bereich weiterhin und langfristig engagieren. Auch im Süden von Pakistan haben wir über 1500 Nothilfepakete verteilt. Im Distrikt Layyah unterstützt Solidar die betroffene Bevölkerung seit März mit der Ausbildung lokaler Handwerker in flutresistenten Baumethoden. Am Beispiel von 350 Häusern für Witwen, Kranke und Behinderte setzen sie die gelernten Methoden sogleich praktisch um. www.solidar.ch/pakistan

Ende Mai feierte Solidar Suisse sein 75-Jahr-Jubiläum unter neuem Namen. Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey diskutierte mit der neuen burkinischen Erziehungsministerin Koumba Boly Barry über Erfolge und Grenzen der Entwick-

lungszusammenarbeit. Laut Koumba Boly Barry profitieren die vom System Ausgeschlossenen – Jugendliche und Erwachsene, die keine Chance hatten, je eine Schule zu besuchen – von der Zusammenarbeit mit der Schweiz. Dank der zweisprachigen Bildung könnten sie sich jetzt alphabetisieren und bilden. Auch Micheline Calmy-Rey betonte die Wichtigkeit der Förderung der einheimischen Sprachen, weil Bildung zur Überwindung von Armut führe. 350 Personen feierten mit uns. Der ebenfalls gezeigte Film mit Impressionen aus der 75-jährigen Geschichte des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks ist zu finden unter: www.solidar.ch/75.html

Schluss mit der Steuer­ befreiung für die Fifa Am 1. Juni 2011 haben Solidar und die Juso Schweiz gemeinsam die Petition «Schluss mit der Steuerbefreiung für die Fifa» lanciert. Denn angesichts der anhaltenden Korruptionsskandale, Bestechungsvorwürfe und der Ignoranz punkto Menschen- und Arbeitsrechte ist die Privilegierung des Weltfussballverbandes als «gemeinnützige Organisation» nicht mehr zu rechtfertigen. Von 2007 bis 2010 hat die Fifa drei Millionen Franken Ertragssteuern bezahlt – bei einem Gewinn von 2,35 Milliarden Franken allein bei der WM in Südafrika. Für Südafrika resultierte ein Verlust von drei Milliarden, die nun im Kampf gegen die Armut fehlen. Gleichzeitig bezahlte die Fifa ihren Managern Boni von 50

Neues Mandat im Kosovo Solidar Suisse hat für die Deza das Mandat «Diaspora für Entwicklung» übernommen. Es hat zum Ziel, die Ressourcen von KosovarInnen in der schweizerischen Diaspora – sprich Know-how, Finanzen und Erfahrung – in soziale und ökonomische Initiativen im Kosovo einfliessen zu lassen. Die Aufgabe von Solidar besteht in der Ver-

Millionen Franken. Wäre die Fifa wie ein Unternehmen behandelt worden, hätte sie 180 Millionen Franken Steuern zahlen müssen. Am 15. Juni 2011 hat SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr eine Interpellation eingereicht, mit der er den Bundesrat auffordert, der Fifa die Gemeinnützigkeit abzuerkennen. Die Petition wurde Mitte August mit 10 000 Unterschriften übergeben. www.solidar.ch/fifawatch

mittlung von Kontakten zur Diaspora in der Schweiz und in der Beratung der lokalen Organisation, welche die Projekte im Kosovo umsetzt. Die einjährige Pilotphase beginnt im September: Zunächst klären wir die Bedürfnisse im Kosovo und die Ressourcen in der Schweiz ab. Anschliessend werden während drei Jahren Projekte entwickelt und durchgeführt. www.solidar.ch/kosovo


standpunkt 11

würdige Arbeit gegen armut Menschenwürdige Arbeit spielt eine entscheidende Rolle im weltweiten Kampf gegen die Armut. Die Internationale Arbeits­organisation ILO trägt wesentlich dazu bei – zum Bei­spiel mit der neuen Konvention für Hausange­stellte. Text: Serge Gaillard, Leiter der Direktion für Arbeit im SECO

Die Wirtschaft wird globaler. Diese Internationalisierung kann zum erfolgreichen Kampf gegen die Armut beitragen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Gewinne des internationalen Handels allen zugute kommen. Man spricht in dieser Beziehung gerne von der sozialen Dimension der Globalisierung, die es zu stärken gilt. Nur würdige Arbeit hilft gegen Armut Die Arbeitsbedingungen und -beziehungen spielen in dieser Hinsicht eine zentrale Rolle. Ihre Ausgestaltung entscheidet darüber, ob möglichst grosse Teile der Bevölkerung eines Landes am wirtschaftlichen Fortschritt teilhaben können. Dabei spielen sowohl quantitative als auch qualitative Elemente eine Rolle: Quantitativ, weil die Schaffung von Arbeitsplätzen die Voraussetzung für eine möglichst hohe Erwerbsbeteiligung ist. Qualitativ, weil nur Arbeit für ein Entgelt und zu Bedingungen, die ein Leben in Würde erlauben, eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Armut spielen kann. Deshalb kommt dem Einsatz für eine menschenwürdige Arbeit auf Weltebene eine grosse Bedeutung zu.

Gleiche Rechte für Hausangestellte Förderung der ILO-Normen Die Internationale Arbeitsorganisation Die Schweiz spielt in der ILO traditionell (ILO) spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie eine sehr aktive Rolle. Unser Engagegeniesst wegen ihrer dreigliedrigen ment hat drei Schwerpunkte: Wir setzen Struktur, die neben der Beteiligung der uns für eine starke und relevante ILO ein Regierungen auch diejenige der Arbeit- – mit einer glaubwürdigen Normenpolitik geber und der Arbeitnehmerinnen vor- und effizienten Organen. Weiter bemüsieht, eine einzigartige Legitimität. Aktu- hen wir uns um die Umsetzung und Förellstes Beispiel für den Beitrag der ILO derung von ILO-Normen in der Schweiz. zur weltweiten Förderung von men- Darunter fallen die Ratifikation von Norschenwürdiger Arbeit ist die Verabschie- men sowie allgemeine Fragen der Kohädung einer Konvention für Hausange- renz zwischen Wirtschafts- und Sozialpostellte an der 100. Session der litik. Schliesslich setzt sich das SECO für Internationalen Arbeitskonferenz vom Juni. Diese Norm Die Arbeitsbedingungen soll sicherstellen, dass die entscheiden darüber, speziell verwundbare Kategoob grosse Teile der Bevöl­ rie der Hausangestellten die gleichen Rechte wie andere kerung am wirtschaftlichen ArbeitnehmerInnen geniesst. Fortschritt teilhaben. Die Schweiz hat der Konvention in der Schlussabstimmung zugestimmt – auch als Zeichen in- die Förderung der ILO-Normen in der ternationaler Solidarität. Die leider etwas Welt ein, zum Beispiel mit der Unterstützu detaillierte Norm wird jedoch nicht zung von ILO-Projekten im Rahmen einfach umzusetzen sein. Wir werden der wirtschaftlichen Entwicklungszusameine sorgfältige Analyse der relevanten menarbeit. gesetzlichen Rahmenbedingungen machen müssen, bevor wir über eine Ratifikation entscheiden können.


12 Zweisprachig zum Erfolg In Burkina Faso gehen immer mehr Kinder in eine zweisprachige Schule. Ein Besuch in der Primarschule Gambastenga.

Dank zweisprachiger Bildung haben sich die Leistungen der SchülerInnen verbessert und der Mädchenanteil ist gestiegen. Die burkinische Erziehungsministerin möchte das Modell auf das ganze Land ausdehnen.

Text und Fotos: Christian Walther «Komplizierte Rechenaufgaben, Grammatik, Naturkunde, eigentlich gefällt mir jedes Fach», sagt Sonia Kiékiéta. Sie ist elf Jahre alt und eine der neugierigsten Schülerinnen von Gambastenga, einer kleinen Stadt 50 Kilometer nördlich der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou. Sonia besucht eine von rund 130 zweisprachigen Schulen. Deren Prinzip ist so simpel wie bestechend: Die SchülerInnen werden zuerst in ihrer Muttersprache unterrichtet und danach in Französisch. «Bis vor einigen Jahren hat man hierzulande noch nach dem alten System aus der Kolonialzeit unterrichtet», erklärt Dominique Ilboudo, der Lehrer in Gambastenga. «Die LehrerInnen sprachen vom ersten Schultag an nur Französisch. Die meisten SchülerInnen verstanden nichts, denn auf dem Land spricht niemand Französisch.» Französisch und Mooré Französisch ist zwar Amts- und Verkehrssprache in Burkina Faso, doch wird

es fast ausschliesslich in Ministerien und Universitäten gesprochen. Wer nicht das Privileg hat, dort zu arbeiten, spricht eine der rund 60 lokalen Sprachen und Dialekte. In Gambastenga ist es Mooré. In der Schule üben die Jüngsten erst einfache Begrüssungsrituale auf Französisch, während mich die FünftklässlerInnen mit ihren Grammatikkenntnissen verblüffen. Wer aufgerufen wird, steht auf. Wenn die Antwort korrekt ist, lässt der Lehrer andere Schüler die richtige Antwort wiederholen, macht der oder die Aufgerufene einen Fehler, klopfen die Mitschülerinnen auf ihre Pulte. Die Eltern machen mit In der «Cuisine de l’école bilingue» kochen derweil vier Frauen auf offenem Feuer das Mittagessen für die 120 SchülerInnen. Ihre Jüngsten haben sie sich mit einem Tuch auf den Rücken gebunden. Dank des gemeinsamen Mittagsmahls erhält jedes Schulkind zumindest einmal pro Tag ein warmes Essen. Burki-

na Faso ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt, über die Hälfte der Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum. Manche Schulen verfügen zudem über Gemüsegärten oder eine Geflügelzucht. 2010 konnte die Schule in Gambastenga eine halbe Tonne Bohnen ernten. Die Produkte werden auf dem Markt verkauft und der Erlös für den Erwerb neuer Lehrmittel verwendet. Der Unterricht in landwirtschaftlicher Produktion und die Förderung der einheimischen Kultur sind integraler Bestandteil der zweisprachigen Schulen, was ihre Akzeptanz in der Bevölkerung stärkt. Mädchenanteil gestiegen Denn schliesslich sollen die Eltern ihre Kinder zur Schule schicken. Früher war das in der Regel nur dem Erstgeborenen vergönnt. Heute trifft man an den zweisprachigen Schulen genauso viele Mädchen an wie Jungen. Der Altersunterschied innerhalb einer Klasse ist jedoch


aktuell 13 Bildung als ganz­heitliche Vision Die burkinische Erziehungsministerin Koumba Boly Barry war auf Einladung von Solidar in der Schweiz. Ein Gespräch über die zweisprachige Bildung. Interview und Foto: Katja Schurter

augenfällig. «An meinem ersten Schultag war ich bereits neun Jahre alt, und ich war nicht der Älteste», erinnert sich Souleymane Bontogo. Doch er habe hart gearbeitet und seinen Primarschulabschluss nach vier statt der üblichen fünf Jahre gemacht. Heute studiert Bontogo in Ouagadougou Rechtswissenschaften und ist überzeugt, dass er nur dank des Besuchs einer zweisprachigen Schule studieren konnte. «Einige aus meiner Klasse sind auf dem Dorf geblieben, doch zwei Mädchen sind Lehrerinnen geworden, einige Jungen Zimmermann und drei werden wie ich Juristen.» Auch Sonia Kiékiéta scheint schon genau zu wissen, wo ihr Weg sie dereinst hinführen wird: «Ich will Ärztin werden, damit ich meinen Landsleuten und meinen Eltern helfen kann.» Sehen Sie den mitenand-Beitrag mit Sonia zur zweisprachigen Bildung in Burkina Faso: www.solidar.ch/sonia.html

Die burkinische Regierung möchte die von Solidar initiierte zweisprachige Bildung zum allgemeinen Schulmodell machen. Warum? Weil es ein sehr gutes Konzept der Basisbildung mit einer ganzheitlichen Vision ist: Kultur, Produktion und eine Perspektive des Lernens in jedem Alter. Es ist ein Prozess mit Kindern, Jugendlichen und Eltern, der wichtig ist für die Gemeinschaft. Deshalb hat die Regierung entschieden, die zweisprachige Bildung auf das ganze Land auszuweiten. Einerseits müssen die bestehenden in zweisprachige Schulen transformiert werden, andererseits braucht es auch neue Schulen. Wie soll dies vor sich gehen? Wir müssen die LehrerInnen weiterbilden, die Gesellschaft sensibilisieren, didaktisches Material herstellen und den Prozess begleiten. Aktuell sind 127 von 11 000 Schulen in Burkina Faso zweisprachig. Laut unserem Aktionsplan soll bis 2020 die Mehrheit der Schulen zweisprachig sein. Wir möchten pro Jahr 1500 Schulen transformieren. Das scheint ein sehr ambitioniertes Ziel zu sein. Mit den nötigen Mitteln ist es möglich. Wir sind dafür jedoch auf PartnerInnen in der Entwicklungszusammenarbeit angewiesen. Ausserdem braucht es eine gute Strategie – zum Beispiel das Modell bereits im LehrerInnenseminar einzuführen. Es ist wichtig, dass die LehrerInnen nicht das koloniale Bildungssystem reproduzieren, das sie selbst als SchülerInnen erlebt haben.

Widerstand gegen die zweisprachige Bildung kommt nicht aus der Bevölkerung, sondern von den Intellektuellen. Sie denken, es sei nutzlos, Mooré zu lernen, weil man damit nirgends hinkomme. Aber gemäss dieser Argumentation würden wir ja besser gleich Chinesisch statt Französisch lernen, oder? Du musst zuerst dich selbst kennen und dir selbst vertrauen, bevor du anderen etwas geben kannst. Was ist Ihre Vision für die Bildung in Burkina Faso? Die Umsetzung des Rechts auf Bildung. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jede Erwachsene soll Bildung erhalten, ob Frau oder Mann, Junge oder Mädchen, Bäuerin oder Behinderter. Meine Vision ist ein integrierendes Bildungssystem. Wichtig ist auch die lokale Verankerung: Das Spezifische einer Region muss in die Bildung aufgenommen werden, damit das Gelernte etwas mit dem Leben der Menschen zu tun hat. Das Bildungssystem soll die lokale Entwicklung fördern. Diesen Frühling gab es Unruhen in Burkina Faso – wie präsentierte sich die Situation Ende Mai? Zwei Tage vor meiner Abreise machten SchülerInnen ein Sit-in vor meinem Ministerium, um die streikenden LehrerInnen aufzufordern, in die Schule zurückzukehren. Denn die Examen standen an. Wir haben zurzeit eine soziale Krise wie viele andere Länder auch. Die Alphabetisierung vieler Jugendlicher und Erwachsener hat zu einer kritischen Masse geführt, die eine neue Regierungsform möchte. Das müssen wir anerkennen.


14 PINGPONG Solidar-Sudoku 9 8

9

5

7

8

5

6 8

4

5 1

1

9

4

2

5 4 2

4

7

1

7

2

3

Solidaritäts-Barometer Spielregeln

2

3

1

6

8

9

5

Füllen Sie die leeren Felder mit Zahlen von 1 bis 9. Dabei darf jede Zahl in jeder Zeile, jeder Spalte und in jedem der neun 3x3-Blöcke nur ein Mal vorkommen. Das Lösungswort ergibt sich aus den schraffierten Feldern waagrecht fortlaufend, nach folgendem Schlüssel: 1=R, 2=O, 3=C, 4=N, 5=D, 6=E, 7=K, 8=W, 9=T

Lösung:

Sollen Kaffee-Multis wie Nestlé ihr Angebot konsequent auf Fairtrade umstellen (siehe hintere Umschlagseite)? Ja, sie sollen konsequent fair gehandelten Kaffee anbieten. Jein. Sie sollen in allen Produktelinien auch fairen Kaffee anbieten – und den KonsumentInnen so die Wahl lassen. Nein, das ist nicht nötig. Beantworten Sie den Solidaritäts-Barometer auf dem beigelegten Antworttalon. PS: Schreiben Sie ein Email an George Clooney, damit er Nestlé auffordert, faire Arbeitsbedingungen für die KaffeebäuerInnen zu garantieren: www.solidar.ch/kaffee

Schicken Sie das Lösungswort an Solidar Suisse – mit dem beiliegenden vor­frankierten Antwort-Talon, einer Postkarte oder per E-Mail an: kontakt@solidar.ch, Betreff «Rätsel». Jede richtige Lösung nimmt an der Verlosung teil. 1. Preis Einkaufsgutschein der gebana im Wert von 150 Franken 2. Preis Einkaufsgutschein der gebana im Wert von 100 Franken 3. Preis Einkaufsgutschein der gebana im Wert von 50 Franken Die Preise wurden uns freundlicherweise von der gebana zur Verfügung gestellt.

Einsendeschluss ist der 26. September 2011. Die Namen der GewinnerInnen werden in der Solidarität 4/2011 veröffentlicht. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Mitarbeitende von Solidar. Das Lösungswort des Rätsels in Solidarität 2/2011 lautete «denke global – handle lokal». Die GewinnerInnen sind ausgelost: Jean-Baptiste de Weck aus Pierrafortscha, Elsbeth Reutimann aus Dachsen und Ferenc Ozvegyi aus Kriens haben gebana-Einkaufsgutscheine gewonnen. Wir danken den Mitspielenden für ihre Teilnahme und der gebana für die gestifteten Preise.

ein testament ändern

Es gibt immer wieder Gründe, ein Testament anzupassen: Neue Begünstigte werden aufgenommen, alte gestrichen, die einen sollen mehr, die anderen weniger erhalten. Das ist ganz leicht – wenn einige Regeln beachtet werden. Zum Beispiel, dass beim handschriftlichen Testament jede Änderung mit vollständigem Namen und Erstelldatum zu unterzeichnen ist. Im Merkblatt «Ein Testament ändern» finden Sie alle nötigen Informationen dazu. Sie können es auf dem beigelegten Service-Talon bestellen oder direkt bei Christof Hotz, 044 444 19 45. PS: Sollten Sie das SAH in Ihrem Testament berücksichtigt haben, müssen Sie trotz der Namensänderung nichts unternehmen. im Zuge einer Änderung empfiehlt es sich jedoch, den neuen Namen Solidar Suisse einzusetzen.


aktuell 15

global denken, lokal handeln! Wie nehmen die Gemeinden ihre globale soziale Verant­ wortung wahr? Die Resultate des Solidar-Gemeinderatings zeigen enorme Unterschiede. Text: Cédric Wermuth, Foto: Martin Gassner

Gemeinden sollen nur Waren einkaufen, die unter fairen Arbeitsbedingungen produziert wurden – wie diese Pflastersteine aus Vietnam.

Solidar Suisse lanciert die erste Kampagne unter neuem Namen: Das «SolidarGemeinderating – global denken, lokal handeln». Sie ist eine Weiterentwicklung der Kampagne «Kehrseite – keine Ausbeutung mit unseren Steuergeldern!» und richtet sich an die öffentliche Hand, insbesondere an Gemeinden. Mit Telefoninterviews (ca. 70 Fragen) und aufwendigen Recherchen haben wir über 80 Schweizer Gemeinden auf die Frage hin untersucht, ob sie ihre globale Verantwortung wahrnehmen. Konkret untersucht das Rating das entwicklungspolitische Engagement der Gemeinden und ob sie beim Einkauf von Waren auf deren Produktionsbedingungen achten. Beide Bereiche werden in der Bewertung je zur Hälfte berücksichtigt. Insgesamt konnten die Gemeinden 100 Punkte erreichen. Es gibt fünf Kategorien: Für 0 bis 5 Punkte gibt es einen Globus, für 6 bis 25 Punkte zwei Globen und danach je einen zusätzlichen Globus pro 25 Punkte.

Die Resultate Ein erster Blick auf die Resultate zeigt enorme Unterschiede. Von Gemeinden, die mehr oder weniger offen die Position einnehmen, die Probleme der Menschen in den Entwicklungsländern gingen sie nichts an, bis zu absoluten Vorzeigefällen haben wir alles angetroffen. Tendenziell achten Gemeinden, die Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit unterstützen, beim Einkauf eher auf die Produktionsbedingungen und umgekehrt.

ten in der Rangliste. Dass globale Verantwortung weniger eine Frage der Grösse als vielmehr des politischen Willens ist, zeigt auch das Beispiel Altdorf: Die 9000-Seelen-Gemeinde erreicht 67 Punkte und schwingt in der Zentralschweiz deutlich obenaus. Regionale Unterschiede Spannend sind auch die regionalen Unterschiede. So geben Gemeinden in der Nordwestschweiz (Bern, Aargau, Solothurn) tendenziell höhere Beiträge für die Entwicklungszusammenarbeit, hinken dafür im Beschaffungswesen deutlich hinterher. Die Südostschweiz (Glarus und Graubünden) schneidet deutlich am schlechtesten ab: Von sechs untersuchten Gemeinden kommt keine über zwei Globen hinaus. Das «Solidar-Gemeinderating – global

Grosse und Kleine Die grösseren Städte übernehmen tendenziell mehr Verantwortung als die kleinen Gemeinden. Sie geben verhältnismässig viel Geld aus für die Entwicklungszusammenarbeit und achten beim Einkauf eher auf die Produktionsbedingungen. Absolute Spitzenreiterin ist denn auch die grösste Gemeinde, die Stadt Zürich (89 von 100 Globale Verantwortung Punkten). Leider zeigt sich ist weniger eine Frage der am Beispiel Zürich aber auch eine Gefahr: Gerade die BeiGemeindegrösse als des träge an Projekte in der Entpolitischen Willens. wicklungszusammenarbeit werden leicht Opfer von Spar- und Abbauplänen. Mit den be- denken, lokal handeln» wurde 2011 zum schlossenen Budgetkürzungen senkt die ersten Mal durchgeführt. In Zukunft soll Stadt Zürich ihre Beiträge ab sofort von das Rating wiederholt und ausgebaut 2,6 Millionen jährlich auf 0,5 Millionen. werden. Damit lässt sich die Entwicklung Beim nächsten Rating wird Zürich damit des globalen Verantwortungsbewusstsatte 20 Punkte und einen Globus verlie- seins bei den Gemeinden nachvollziehen. ren. Auch sonst reihen sich nicht alle grossen Gemeinden vorne ein: So landet Chur (33 000 Einwohner, 1 Globus) ganz un-


16 kulturelles

Zwischen «Gutes tun» und Karrierestreben Die Ausstellung «Die andere Seite der Welt – Geschichten der humanitären Schweiz» setzt sich mit Sinn und Zweck von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit aus­ einander. Text: Katja Schurter Eine Reise durch das Erfahrungsspektrum von Menschen, die sich für die Menschenrechte, in der Entwicklungszusammenarbeit oder der humanitären Hilfe engagiert haben, erwartet die Besucherin. In zwei- bis fünfminütigen Filmbeiträgen werden diverse Themen – von Motivation über Wasser und Ernährung, Enttäuschungen, Liebe und Partnerschaft, traumatische Erlebnisse bis zum Einfluss der Medien und der Rolle des Geldes – behandelt und bieten einen Einblick in ganz unterschiedliche Realitäten. Welchen Beitrag sie sehen möchten, können die Zuschauenden per Fernbedienung bestimmen – im demokratischen Abstimmungsverfahren. Was motiviert, was enttäuscht? Veränderungen in der Motivation für ein Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit werden verschiedentlich festgestellt. Während Laurent Barbanneau von Médecins Sans Frontières beklagt, dass der frühere Idealismus von Karrierestreben abgelöst worden sei, findet es Rudolf Högger von der Deza wohltuend, dass die humanitäre, leicht abwertende Haltung «Tue Gutes» einer nüchternen und trotzdem engagierten Motivation gewichen sei. Für Barbara Burri Sharani, die im Auftrag des damaligen SAH im Jahr 2000 in den Kosovo ging, war das Gefühl, etwas bewirken zu können, sehr motivierend: «Wir haben viel Tragisches gesehen, aber es war auch viel Hilfe nötig und sehr viel möglich.»

Al Imfeld erzählt von seiner grössten Enttäuschung, als er 1951 sein Idol Albert Schweitzer in Lambarene traf. Schweitzer teilte ihm mit, «der Afrikaner ist, wenn ein Mensch, dann erst ein Kind», und Imfeld bekam mit, dass Schweitzer den Leuten Nummern um den Hals hängte, da er die Gesichter von Schwarzen nicht unterscheiden konnte. Als Schweitzer dann dem gerade anwesenden südafrikanischen Innenminister sagte, «ihr geht den richtigen Weg», verliess Imfeld tief enttäuscht Lambarene – und setzte sich später aktiv gegen die Apartheid ein. Rolle der Medien Weiter führt die Filmspur zur durchaus ambivalent beurteilten Rolle der Medien. Einerseits betont Marta Fotsch von Amnesty international, dass der Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen ohne Druck der Medien nicht möglich wäre, andererseits wird kritisiert, dass sich die humanitäre Hilfe immer mehr an der Logik der Medien orientierte und JournalistInnen manchmal Öl ins Feuer gössen, wenn sie heikle Bilder veröffentlichten. Auf der Suche nach dem spektakulären Bild wird auch die Würde der Menschen nicht respektiert. Als Martine Bourquin für das IKRK in einem Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand im Einsatz war, riss ein Journalist einfach die Decke von einer Leiche, um ein Foto zu machen. Da wurde sie so wütend, dass sie auf ihn losging.

Menschenrechte in der Schweiz Ausserdem sind die Beiträge für den Kurzfilmwettbewerb zu sehen, der zur Ausstellung ausgeschrieben wurde. Bemerkenswert ist der Film «Unknown» einer siebten Klasse aus Belp, der mit dem Schulpreis ausgezeichnet wurde. Am Beispiel von vier afghanischen Flüchtlingen – leider ausschliesslich Männer – findet er stimmige Bilder für die perspektivlose und ausgegrenzte Situation von Flüchtlingen in der Schweiz. Und stellt explizit die Frage, wie es um die Einhaltung der Menschenrechte in der humanitären Schweiz steht. Zu sehen unter: www.humem.ch

Weitere Stationen der Ausstellung 30. Sept. bis 11. Nov. 2011 ETH Zürich 7. bis 31. Okt. 2011 Universität Basel 18. Nov. 2011 bis 12. Feb. 2012: Historisches Museum St. Gallen 17. Nov. 2011 bis Januar 2012: Heiliggeist-Kapelle Luzern 9. bis 21. Jan. 2012: Theater Uri in Altdorf Die Ausstellung wurde von Solidar Suisse unterstützt.


Netzwerk 17 SAH Wallis: Migrantinnen schreiben Bücher

Sieben Frauen aus der Türkei, Syrien, Mazedonien und dem Irak, die Kurse des SAH Wallis besucht haben, haben je ein Buch geschrieben, in dem sie ihre Ge-

schichte erzählen. Die Bücher zeigten, dass AsylbewerberInnen und MigrantInnen ganz generell etwas zu geben hätten und nicht nur hier seien, um zu profitieren, erklärte Véronique Barras, die Verantwortliche des Integrationsprogramms, kürzlich im Le Nouvelliste. Die vom SAH Wallis angebotenen Französischkurse sind stets ausgebucht, und die Warteliste wird immer länger. Das SAH wird sein Kursangebot ausbauen und plant neue Module zur Alphabetisierung. www.oseo-vs.ch

SAH Zentralschweiz: Team blitzblank Seit dem 25. Juni 2011 reinigen erwerbslose Flüchtlinge, vorläufig Aufgenommene und Asylsuchende sieben Schulhausanlagen in der Stadt Luzern. Der Pilotversuch «Team blitzblank» reagiert einerseits auf die stärkere Nutzung der Pausen- und Spielplätze von Schulanlagen an den Wochenenden, was zu grösserer Verschmutzung und Vandalismus geführt hat. Die regelmässige Reinigung garantiert die Zugänglichkeit der Anlagen und das Wohlbefinden der

Quartierbevölkerung. Andererseits leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Integration von benachteiligten Menschen in den Arbeitsmarkt. Ihre beruflichen und persönlichen Kompetenzen werden gestärkt und ihre Vermittlungsfähigkeit verbessert. Gleichzeitig kommen sie in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Das Pilotprojekt ist eine Zusammenarbeit von Stadt und Kanton Luzern mit dem SAH Zentralschweiz. www.sah-zs.ch

SAH Zürich: Lauf gegen Rassismus Zum zehnten Mal wird am Sonntag, den 25. September 2011 in Zürich der Lauf gegen Rassismus durchgeführt. Organisiert vom Zürcher Gewerkschaftsbund und dem SAH Zürich, findet er wie in den vergangenen Jahren in der Bäckeranlage im Kreis 4 statt. Der Erlös kommt dieses Jahr unter anderem dem impuls-treffpunkt des SAH Zürich zugute. Dieser bietet Hilfe und Beratung in den Bereichen Arbeitsrecht, Arbeitslosenversicherung, Umgang mit Erwerbslosigkeit und Stellensuche. Mehr als die Hälfte der Ratsuchenden ist ausländischer Herkunft. Unterstützt werden zudem – auch im Zeichen der Kampagne

«10 Jahre Sans-papiers-Bewegung» – die Sans-papiers-Anlaufstelle Zürich, die Freiplatzaktion Zürich und SOS Rassismus Deutschschweiz. Weitere Informationen und Anmeldung für LäuferInnen und SponsorInnen unter 044 241 97 92 oder www.laufgegenrassismus.ch

SAH Genf: Mit Kreativität zu mehr Eigenständigkeit Im Motivationssemester Semo des SAH Genf beschäftigen sich die jungen TeilnehmerInnen mit künstlerischen und handwerklichen Themen, die sich an den aktuellen soziokulturellen Gegebenheiten orientieren. Abwechslungsweise besuchen sie Workshops zu Holz, Ökodesign und Multimedia und werden dabei von fachlich versierten AusbildnerInnen begleitet. Neben der sozioprofessionellen Integration können die Jugendlichen durch kreative Tätigkeiten ihre Eigenständigkeit stärken. Sie eignen sich neue Fachkompetenzen an und schaffen etwas, das nicht nur kommerziellen Zwecken dient. So werden junge Menschen, die ihren Platz in der Berufswelt noch nicht gefunden haben, motiviert, eine Arbeit von Anfang bis Ende engagiert zu erledigen, während zugleich ihre Konzentrationsfähigkeit und ihr Selbstvertrauen wächst. All diese Faktoren sind grundlegende Voraussetzungen für eine zukünftige Integration in den Arbeitsmarkt. Die Workshops tragen ausserdem dazu bei, Jugendlichen handwerkliche Berufe näher zu bringen, die heute oft als unattraktiv gelten. Auch dies erweitert ihren Horizont und zeigt ihnen neue Möglichkeiten für ihre berufliche Zukunft. www.oseo-ge.ch


18

«allein erziehende mütter sind eine gefährdete spezies» Für Jelena Mijovic, die Vertreterin von Solidar Suisse in Serbien, ist der Sozialdialog das wichtigste Mittel, um Krise und Arbeitslosigkeit zu überwinden. Text: Katja Schurter, Foto: Dragan Ivanovic


Einblick 19 teilzunehmen, konnte sie sich jedoch über einen Erfolg freuen: Ende April haben die Gewerkschaften, die Regierung und die ArbeitgeberInnen ein landesweites Sozialabkommen unterzeichnet, mit dem Ziel, die serbische Wirtschaft zu stärken und den Wohlstand allen zugänglich zu machen. Das Abkommen schreibt eine Krankenversicherung für alle Angestellten und das Schliessen von Beitragslücken im Pensionsfonds sowie einen Mindeststundenlohn von 102 Dinars (ca. 1.20 Franken) fest. «Davon kannst du zwar nur knapp überleben und keine Familie ernähren, aber es ist trotzdem ein Fortschritt», ist Jelena überzeugt. «Ich bin froh, dass das Abkommen unterzeichnet wurde, denn der Sozialdialog war völlig blockiert, weil sich die SozialpartnerInnen gegenseitig die Legitimität absprachen.» Doch am Ziel ist Jelena Mijovic damit noch lange nicht: «Nun geht es um die Umsetzung – denn unterzeichnet wird Vieles.» Jelena Mijovic beim Besuch einer Baustelle, um die Arbeitsbedingungen zu kontrollieren und für die Wichtigkeit von Schutzmaterial zu sensibilisieren.

Jelena Mijovic sitzt nicht gerne still. Immer ist sie auf der Suche nach der nächsten Herausforderung. Daran mangelt es in ihrer Funktion als Leiterin des SolidarKoordinationsbüros in Serbien nicht. «Mich motiviert es, die ArbeiterInnen zu unterstützen, sei es durch die Vernetzung der SozialpartnerInnen oder durch Weiterbildung. Es ist ein schwieriges Gebiet, neben Fortschritten gibt es immer wieder auch Rückschläge», ist ihr bereits nach einem Jahr Tätigkeit klar. Geduld und Hartnäckigkeit sind gefragt, denn «du kannst die Situation nicht über Nacht verändern. Wir befinden uns seit dem Auseinanderbrechen von Jugoslawien in einer permanenten Krise, und die Privatisierungen hatten viele negative Auswirkungen.» Bevor Jelena Mijovic Mitte Mai in die Schweiz reiste, um am Treffen aller LändervertreterInnen von Solidar Suisse

Frauen noch immer diskriminiert So schreibt das Arbeitsgesetz in Serbien einen einjährigen Mutterschaftsurlaub vor – die fortschrittliche Regelung wird jedoch in der Praxis unterlaufen: «Junge Frauen werden nicht angestellt oder sie müssen unterschreiben, dass sie nicht schwanger werden. Und allein erziehende Mütter sind die am meisten gefährdete ‹Spezies› überhaupt. Frauen arbeiten immer – während die Männer vor dem Fernseher sitzen. Viele wehren sich nicht gegen unbezahlte Überstunden oder Schikanen, weil sie Angst haben, ihre Stelle zu verlieren», weiss die allein erziehende Mutter, die nach einem langen Arbeitstag mit ihrem vierjährigen Sohn zum Fussballspielen geht, egal wie müde sie ist. Viele ArbeitnehmerInnen hatten bis anhin keine Krankenversicherung, denn der Staat als Hauptarbeitgeber hatte die Beiträge nicht bezahlt. «Als dies vor ein paar Jahren publik wurde, waren die Firmen jedoch schon an AusländerInnen verkauft, die diese Kosten nicht übernehmen wollten. Folglich haben wir weiterhin weder Krankenversicherung noch Pensi-

on. Mit der Unterzeichnung des Sozialabkommens sollten wir nun endlich Renten bekommen.» Sozialdialog gegen die Krise Solidar engagiert sich seit sechs Jahren für den Sozialdialog, der ArbeitgeberInnen, Regierung und Gewerkschaften an einen Tisch bringt. «Wir unterstützen Projekte der Jugend- und Frauensektionen der Gewerkschaften und fördern den Sozialdialog auf nationaler wie lokaler Ebene. Dass die SozialpartnerInnen, die vor ein paar Jahren kein Wort miteinander gesprochen hätten, nun zusammensitzen, ist auch ein Verdienst von Solidar», ist die diplomierte Übersetzerin überzeugt. Für sie ist der Sozialdialog das wichtigste Instrument zur Bekämpfung der ökonomischen Krise und der Arbeitslosigkeit in Serbien. Doch dessen Durchführung ist weiterhin nicht einfach. «Die Regierung sollte Gesetzesentwürfe dem sozialen Wirtschaftsrat zur Vernehmlassung vorlegen, doch sie ‘vergessen’ dies häufig oder tun es erst einen Tag vor Ablauf der Frist», ärgert sich Jelena Mijovic. Ihr nächstes Ziel sind Gesamtarbeitsverträge mit einzelnen Unternehmen. Längerfristig wünscht sie sich die konsequente Anwendung des Arbeitsgesetzes und ausländische Investitionen, die nachhaltige und faire Arbeitsplätze schaffen.

Solidar Suisse in Serbien Solidar setzt sich in Serbien für den Sozialdialog ein, um die negativen Folgen der Privatisierung abzufedern. Dazu bringen wir Behörden, Gewerkschaften und Arbeitgeber an einen Tisch, damit gemeinsame Lösungen für die ökonomische Krise und die Arbeitslosigkeit erarbeitet werden können. Jüngste Erfolge sind der Abschluss von Gesamtarbeitsverträgen (GAV) in verschiedenen Branchen und ein landesweites Sozialabkommen (siehe Text).


e presso Keine Ausbeutung im Kaffeehandel Weltweit kämpfen an die 100 Millionen KaffeebäuerInnen und PlantagenarbeiterInnen um ihre Existenz, während hier im Norden für ein Kilo Kaffee bis zu 100 Franken bezahlt werden (etwa in Form von Nespresso-Kapseln). Abhilfe bietet der faire Handel, der Mindestpreise und Abnahmegarantien gewährleistet. Sind Sie auch der Meinung, dass Nestlé konsequent fair gehandelten Kaffee anbieten soll? Dann schreiben Sie George Clooney ein E-Mail! Er soll Nestlé auffordern, faire Arbeitsbedingungen für die KaffeebäuerInnen zu garantieren – und andernfalls keine NespressoWerbung mehr machen. www.solidar.ch/kaffee

Solidarität 3/11  

Magazin von Solidar Suisse

Solidarität 3/11  

Magazin von Solidar Suisse