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Ausgabe Mai 2/2011

CHINA Ausbeutung in der Schmuckstein-Industrie

Thema Globalisierung der Solidarit채t Das Magazin von


2 EDITORIAL

3 dern den Menschen nützen», meint LAC-Geschäftsleiterin Suki Chung. Konkret heisst das: Wir setzen uns auch dafür ein, dass im Freihandelsabkommen, das aktuell zwischen der Schweiz und China verhandelt wird, Arbeits- und Menschenrechte verankert werden. Das Beispiel China steht für unser Entwicklungsverständnis, das sich seit der Gründungszeit des SAH verändert hat. Nicht mehr Hilfe steht im Zentrum sondern solidarische Zusammenarbeit mit Partnern in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wir unterstützen Projekte vor Ort und fordern in der Schweiz eine Politik ein, die soziale Gerechtigkeit fördert.

Ruth Daellenbach, Geschäftsleiterin Solidar Suisse

Liebe Leserin, lieber Leser, ABB, Nestlé, Swatch und andere Schweizer Firmen produzieren in China. Sie verdienen dort gut. Wenn Menschenrechtsorganisationen wie unsere Partnerorganisation Labour Action China (LAC) nach den Arbeitsbedingungen in ihren Betrieben vor Ort fragen, ist die Antwort häufig: «No comment – darüber sprechen wir nicht.» Solidar Suisse unterstützt LAC darin, ArbeiterInnen in China zu organisieren und ihre Rechte zu verteidigen (siehe Seite 4). Internationale Solidarität will aber mehr: «Ihr müsst mithelfen, dass Schweizer Firmen in China nicht nur Profite machen, son-

Dafür steht der neue Name Solidar Suisse (siehe S. 14), den wir uns zum 75. Geburtstag schenken. Zur Jubiläumsveranstaltung mit Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey und Odile Bonkougou, Bildungsministerin von Burkina Faso, am 27. Mai in Zürich laden wir Sie herzlich ein (siehe S.12). Die Solidarität erscheint ebenfalls im neuen Kleid. Neu ist nicht nur das Layout, sondern auch das Konzept der Schwerpunktnummern. Dieses Heft hat die Globalisierung der Solidarität zum Thema, die Solidar mit seiner Arbeit umsetzen möchte. Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen!

Die Arbeit von Solidar Suisse Damit eine nachhaltige Entwicklung weg von Armut, Ausbeutung und Ausgrenzung stattfinden kann, müssen anständig bezahlte Arbeitsstellen zur Verfügung stehen, die Grundrechte respektiert und die demokratische Mitbestimmung garantiert werden. Die historische Erfahrung lehrt, dass prekäre Lebensverhältnisse nur von den betroffenen Menschen selbst beseitigt werden können. Wir können sie aber dabei unterstützen. In diesem Sinn versteht sich Solidar als Entwicklungspartnerin. Wir engagieren uns an der Seite von Arbeitern und Bäuerinnen, von Arbeitslosen und Landlosen, von Gewerkschaften und Basisorganisationen für die

Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. In den ärmsten Ländern Afrikas und Lateinamerikas sowie in Schwellenländern wie China und Südafrika (siehe S. 4 und 18) setzen wir uns ein für faire Arbeitsbedingungen, für ausreichende Einkommen, für Demokratie und für die Einhaltung von Menschenrechten. Bei Katastrophen leisten wir zudem humanitäre Hilfe. Auch in Südosteuropa streben wir mit unseren Programmen bessere Arbeitsbedingungen an. Hier steht der Aufbau von sozialpartnerschaftlichen Strukturen im Vordergrund. Damit die Armut weltweit überwunden werden kann, braucht es ein Umdenken

in den reichen Industrienationen, auch in der Schweiz. Solidar setzt sich deshalb mit Kampagnen dafür ein, dass die Schweizer Wirtschafts- und Aussenpolitik zur Respektierung der Menschenrechte beiträgt. Aktuell zum Beispiel mit dem «SolidarGemeinderating» (siehe S. 13). Mit diesem Rating geben wir Gemeinden ein Instrument in die Hand, um globales Denken mit lokalem Handeln zu verknüpfen: Sie sollen sich entwicklungspolitisch engagieren und nur fair pro­du­ zierte Waren einkaufen. Damit unterstützen wir wirkungsvoll den Kampf um grundlegende Arbeitsrechte in den Entwicklungs- und Schwellenländern. www.solidar.ch

AKTUELL Solidar engagiert sich gegen miserable Arbeitsbedingungen in China

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THEMA Eine wirtschaftlich globalisierte Welt braucht die Globalisierung der Solidarität 

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Was trägt Solidar zur Globalisierung von unten bei? 8 Partnerschaften für Solidarität: Stimmen aus dem Süden, Osten, Norden

10 THEMA

Solidar-Gemeinderating für globale Gerechtigkeit 13 Kolumne

So könnte eine Partnerschaft für die Globalisierung der Solidarität aussehen: in den Ländern des Südens und Ostens – und in der Schweiz.

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NOTIZEN

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PINGPONG  Kulturelles Der 1. Mai von Nicaragua bis Burkina Faso   NETZWERK Neue Projekte und Entwicklungen im Netzwerk der SAH-Vereine  EINBLICK Eddie Cottle hat als Koordinator der WM-Kampagne in Südafrika neue Massstäbe gesetzt

14 AKTUELL

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Solidar unterstützt die ArbeiterInnen in der chinesischen Schmuckstein-Industrie im Kampf um ihre Arbeitsrechte.

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16

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18 EINBLICK

KULTURELLES

Wie wird der 1. Mai in Solidar-Schwerpunktländern begangen?

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Eddie Cottle sorgt dafür, dass die Erfahrungen der Kampagne für würdige Arbeitsbedingungen rund um die WM in Südafrika weiter wirken.

IMPRESSUM Herausgeber: Solidar Suisse, Quellenstrasse 31, Postfach 2228, 8031 Zürich, Tel. 044 444 19 19, E-Mail: kontakt@solidar.ch, www.solidar.ch, Postkonto 80-188-1 Mitglied des europäischen Netzwerks Solidar Redaktion: Katja Schurter (verantwortliche Redaktorin), Rosanna Clarelli, Christian Engeli, Alexandre Mariéthoz, Cyrill Rogger

Layout: Atelier Binkert, www.atelierbinkert.ch Übersetzungen: Irene Bisang, Ursula Gaillard, Milena Hrdina, Walter Roselli Korrektorat: Marianne Enckell, Jeannine Horni Druck und Versand: Unionsdruckerei/subito AG, Platz 8, 8201 Schaffhausen Erscheint vierteljährlich, Auflage: 37 000

Der Abonnementspreis ist im Mitgliederbeitrag inbegriffen (Einzelmitglieder mindestens Fr. 50.–, Organisationen mindestens Fr. 250.– pro Jahr). Gedruckt auf umweltfreundlichem Recycling-Papier. Titelbild: Unsere Schmucksteine werden in China unter prekären Arbeitsbedingungen hergestellt. Rückseite: Xueying Jiang mit dem Bild ihres an Silikose gestorbenen Mannes (siehe auch Artikel S. 4). Fotos: Ming Pao


4 AKTUELL

Keine Masken, keine Verträge, keine Entschädigung

KOLUMNE

Hang Tung Chow und Suki Chung von Labour Action China kämpfen gegen gesundheitsschädigende Arbeitsbedingungen in der chinesischen Schmuckindustrie.

Hans-Jürg Fehr Präsident Solidar Suisse und SP-Nationalrat

Durchbruch

Viele Steine, die Schmuck in Schweizer Geschäften zieren, werden unter miserablen Arbeitsbedingungen in China hergestellt. Labour Action China unterstützt den Kampf der ArbeiterInnen um ihre Rechte. Interview: Katja Schurter, Fotos: Ming Pao

Obwohl China weltweit das grösste Wirtschaftswachstum hat, gibt es in absoluten Zahlen am meisten Arme: 150 Millionen Menschen oder 12 Prozent der Bevölkerung leben mit weniger als einem Dollar pro Tag. Besonders auf dem Land ist die Armut gross, weshalb viele in den boomenden Städten nach Arbeit suchen. Dort finden sie schlechte Arbeitsbedingungen vor. Zum Beispiel in der Schmuckstein-Industrie in der Provinz Guangdong. Unsere Partnerorganisation Labour Action China (LAC) unterstützt die ArbeitsmigrantInnen seit 2004 im Kampf um ihre Arbeitsrechte. Ende März besuchten Suki Chung und Hang Tung Chow auf Einladung von Solidar, Unia und Solifonds die Schweiz. Wir haben ihnen ein paar Fragen gestellt. Was sind die Hauptprobleme der ArbeiterInnen in der SchmucksteinIndustrie? Die gefährlichen Arbeitsbedingungen. Die ArbeiterInnen erhalten nur einmal im Monat eine Papiermaske gegen den Staub. Diese waschen sie, um sie mehrmals verwenden zu können. In den Fabriken gibt es keine Lüftungen. Nach zwei Stunden sind die ArbeiterInnen von Kopf bis Fuss mit Staub bedeckt. Sie müssen die Steine mit blossen Händen in sehr

kleine Stücke schneiden und färben. Die Folge sind Krankheiten wie Silikose (Staub­lunge), abgeschnittene Finger, Ertauben wegen des Maschinenlärms. Laut WHO müssen alle Fabriken von staatlichen Gesundheitsinspektionen überprüft werden. Die offiziellen Statistiken zeigen aber, dass dies bei weniger als einem Prozent der Fabriken geschieht. Die Arbeitgebenden müssen also keine Konsequenzen befürchten, wenn sie die Sicherheitsbestimmungen nicht einhalten. Die Arbeitszeit beträgt 12 Stunden, dazu kommen meist Überstunden. Mehr als 80 Prozent der ArbeiterInnen haben keine Verträge, und die Löhne sind tief. Was geschieht, wenn die ArbeiterInnen an Silikose erkranken? Meist sind sie dann schon entlassen – oder ihnen wird gekündigt, weil sich die ersten Symptome zeigen. Sie wissen nicht, dass sie das Recht auf Kompensation haben und gehen zurück in ihren Herkunftsort. Ohne Arbeitsvertrag können sie auch kaum beweisen, dass sie für die Firma gearbeitet haben, geschweige denn vor Gericht gehen. Die ArbeiterInnen erzählen uns, dass ihnen die Spitäler vor Ort eine offizielle Diagnose verweigern, weil diese von den Arbeitgebenden bestochen werden. Eine

Dia­gnose aus Spitälern ihrer Herkunftsregionen wird jedoch vor Gericht nicht anerkannt. Was braucht es, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern? Das Problem ist die extrem ungleiche Machtverteilung zwischen Arbeitgebenden und Angestellten. Die Regierung ist immer auf der Seite der ArbeitgeberInnen, denn sie will die Wirtschaft ankurbeln – und dafür braucht es ausländische Investitionen. In China gibt es keine Gewerkschaftsfreiheit. Zugelassen ist einzig die All-China Federation of Trade Unions (ACFTU), die Teil der Regierung ist und zur Kontrolle der ArbeiterInnen eingesetzt wird und nicht, um ihre Inte­ ressen zu vertreten. Die legalen und in­ stitutionellen Hindernisse für ArbeiterInnen, ihre Rechte einzufordern, müssen beseitigt werden. Und es braucht einen effektiven Schutz. Das würde nicht mal so viel kosten – die Kompensationszahlungen sind viel teurer! Welche Strategie verfolgt LAC? Wir organisieren die ArbeiterInnen, unterstützen sie, wenn sie gerichtlich gegen

ihre ArbeitgeberInnen vorgehen, und führen eine internationale Kampagne. Der gerichtliche Weg ist eine effektive Strategie, um Rechte einzufordern. Es braucht aber auch sozialen Druck, damit sich etwas verändert. China ist das Produktionsland, viele Hongkonger Firmen sind in der Schmuckstein-Industrie tätig, und die Schweiz ist eine grosse Abnehmerin. Wir üben Druck auf Hongkonger Firmen aus, indem wir vor ihrem Hauptsitz protestieren. Eine davon war Lucky Gems, die in China Tausende von ArbeiterInnen beschäftigt und zu den grössten Exporteurinnen von Halbedelsteinen Asiens gehört. Mit eurer Kampagne habt ihr erreicht, dass Lucky Gems dieses und letztes Jahr von der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld ausgeschlossen wurde. Wie ist euch das gelungen? Der Durchbruch gelang uns nach fünf Jahren Kampagne gegen Lucky Gems aufgrund von sechs Gerichtsprozessen wegen Verletzung des Gesetzes für Ar-

beitsgesundheit (siehe S. 20). Es ist das erste Mal, dass ein Hongkonger Unternehmen wegen Verletzung der Arbeitsrechte von einer internationalen Messe ausgeschlossen wird. Wir haben damit aber auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen bei Lucky Gems erreicht: eine Lüftung, industrielle Masken und Handschuhe für die ArbeiterInnen. Den Maschinen wird nun beim Schneiden der Steine Wasser zugeführt, damit es weniger Staubentwicklung gibt. Dies ist ein bedeutender Erfolg, denn Prävention ist wichtiger als Kompensation. Was können wir in der Schweiz tun? Ihr könnt Druck machen auf die 300 in China tätigen Schweizer Firmen, die im Jahr 2009 300 Millionen Franken investierten. Wenn die Arbeitsstandards in China höher sind, fällt die Konkurrenz zwischen billiger Arbeit in China und teuren Jobs in der Schweiz weg. www.lac.org.hk

Solidar setzt sich seit Jahren dafür ein, dass die Entwicklungszusammenarbeit unterstützt wird durch eine Aussenwirtschaftspolitik, die der Nachhaltigkeit verpflichtet ist. Unsere Trägerorganisation SP pocht im Parlament immer wieder mit Nachdruck auf die Integration von sozialen, ökologischen und menschenrechtlichen Mindeststandards in die Wirtschaftsabkommen der Schweiz mit Entwicklungs- und Schwellenländern. Nun gibt es erste Erfolge für diese politische Arbeit zu melden: In das internationale Kakaoabkommen ist erstmals ein Kapitel «Nachhaltige Entwicklung» eingefügt worden. Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich zur «Verbesserung der Arbeitsbedingungen der im Kakaobereich tätigen Bevölkerung» und haben dabei insbesondere die Kernarbeits­normen der Internationalen Arbeitsorganisation zu beachten. Das Abkommen enthält sogar Verfahrensregeln zur effektiven Durchsetzung dieser Normen und macht damit den entscheidenden Schritt von der Proklamation schöner Grundsätze zu deren Anwendung. Das Kakaoabkommen widerlegt die bisher vom Bundesrat vertretene Position, die Entwicklungsländer selbst lehnten solche Nachhaltigkeitskapitel ab. Es setzt den Massstab, hinter den kein Handelsabkommen mehr zurückfallen darf. Schon gar nicht das mit China angestrebte Freihandelsabkommen. Die Aussenpolitische Kommission des Nationalrates hat den Bundesrat beauftragt, ein Nachhaltigkeitskapitel zu verhandeln. Noch ein kleiner Durchbruch.

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THEMA

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globalisierung der Solidarität PAKISTAN Alles ist kaputt Wenn Bäuerinnen in Moçambique angemessene Preise für ihre Produkte erhalten, können sie sich aus der Armut befreien.

In einer wirtschaftlich globalisierten Welt braucht es auch eine Globalisierung der Solidarität, um die Ausbeutung zu stoppen und einen sozialen Ausgleich zu erreichen. Dies ist nur möglich, wenn Organisationen, die für eine gerechtere Gesellschaft einstehen, international zusammenarbeiten. Wie eine solche weltumspannende Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung aussehen könnte, ist Gegenstand der folgenden Texte. Text: Zoltan Doka, Fotos: Jürg Gasser (o.), Alberto Vargas (S. 8), Joachim Merz und Svetlana Dingarac (S. 9)


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Ob in Nicaragua, Moçambique oder Serbien: Solidar engagiert sich in Zusammenarbeit mit seinen Partnerorganisationen für eine Welt ohne Gewalt und Ausbeutung.

Das Wort Globalisierung ist seit der neoliberalen WenDie wirtschaftliche  de Anfang der 1980er JahGlobalisierung lässt über re in aller Munde. Es meint eine Milliarde Menschen  die Globalisierung der Märkte, des Handels, der in Armut zurück Kapitalströme und der Arbeitskräfte. Diese Art der Globalisierung Der spekulative Handel mit Lebensmithat vor allem in den Entwicklungslän- teln hat Hunger und Armut zur Folge. dern, aber auch in den Industrienationen Und die Umwelt wird unter dem Primat der Rendite nach wie vor schamlos ausnegative Auswirkungen. Die Globalisierung hat die Ausgrenzung gebeutet. Diese Kehrseite der Globaliund Prekarisierung von Millionen von sierung lässt heute über eine Milliarde Menschen beschleunigt. Die fortgesetz- Menschen in Armut zurück. Die Finanzinten Deregulierungen führten zur gröss- dustrie im Norden unterstützt die Kapitalten Finanzkrise seit 80 Jahren, deren flucht der Mächtigen aus dem Süden Preis nicht die VerursacherInnen zahlen. weiterhin tatkräftig. Und entzieht damit

den Ländern des Südens Milliarden an dringend benötigten Steuermitteln, die sie für die Entwicklung ihres Landes brauchen würden. Globalisierung von unten Es gibt aber auch eine Globalisierung von unten, die nicht von Macht- und Kapitalinteressen angetrieben wird. Zum Beispiel, wenn Bäuerinnen und Gewerkschafter sich zu Aktionsbündnissen zusammenschliessen, wenn Menschenrechtsorganisationen politische Trans­ parenz einfordern, wenn ArbeiterInnen Widerstand gegen ihre Ausbeutung leisten. Diese Beispiele sind global, weil sie sich über die Grenzen hinweg vernetzen.

Sie stellen die Menschen und ihre Grundrechte, die soziale Gerechtigkeit ins Zent­rum und nicht die Rendite. Kooperation auf gleicher  Augenhöhe Solidar Suisse ist Teil dieser Globalisierung von unten. In langfristiger Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen im Süden und im Osten unterstützen wir diese in ihrem täglichen Engagement für eine solidarische und gerechtere Welt. Dabei geht es um weit mehr als die Finanzierung ihrer Projekte. Es ist eine Partnerschaft, die von Solidarität und gegenseitigem Respekt geprägt ist. Sie hat immer das konkrete Ziel vor Augen, die

Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Die Tätigkeit unserer Partnerorganisationen besteht oft in beharrlicher Bildungs-, Informations- und Kampagnenarbeit, deren Erfolg sich manchmal erst nach Jahren zeigt – wie bei uns in der Schweiz, wo viele soziale Errungenschaften oft erst nach Jahrzehnten der politischen Auseinandersetzung erreicht worden sind und nach wie vor verteidigt und erkämpft werden müssen. Verantwortung im Norden In der Schweiz und in Europa weist Solidar Suisse mit seinen Kampagnen auf unsere Mitverantwortung für eine solidarische und gerechtere Welt hin und zeigt konkrete Handlungsmöglichkeiten auf. Dabei spielt die Trägerschaft von Solidar – die Gewerkschaften und die SP – eine

wichtige Rolle. Gemeinsam können wir die Anliegen und Forderungen breit abgestützt in die Gesellschaft und in die Politik tragen. Und auf europäischer Ebene wirken wir in unserem Netzwerk Solidar aktiv an einer progressiven und menschenwürdigen Politikgestaltung mit. Auf den folgenden Seiten beleuchten PartnerInnen von Solidar Suisse aus ihrer Perspektive, warum es eine Globalisierung der Solidarität braucht und wie die Kooperation mit Solidar dazu beiträgt.


THEMA 11

10 thema Jelena Mijovic, Vertreterin von Solidar Suisse in Serbien

Khalid Mahmood, Labour Education Foundation, Pakistan

Die ArbeiterInnen brauchen weltweit gleiche Rechte

Warum es  Sozial­part- nerschaften  braucht

Ruth Genner, Vorsteherin Tiefbau- und Entsorgungs­ departement der Stadt Zürich

Die Solidar- Kampagne  hat gewirkt Martin Dahinden, Deza-Direktor

Zivilgesellschaft – treibende Kraft für Wandel

Yolanda Areas Blass und Jose Angel Bermudez, nicaraguanische GewerkschafterInnnen

Globalisieren wir  die Hoffnung

Von gleichen Rechten profitieren alle Stimmen aus dem Süden, Osten, Norden zur Frage, wie Partnerschaften für eine Globalisierung der Solidarität aussehen könnten. Khalid Mahmood Mit den Programmen des Internationalen Währungsfonds IWF ab den 1980er Jahren wurden in Pakistan Subventionen gestrichen und Staatsbetriebe privatisiert. Dies kostete zwei bis drei Millionen ArbeiterInnen die Stelle: Immer mehr Menschen mussten informell unter schlechten Bedingungen arbeiten, und die Löhne sanken. Da demokratische Institutionen fehlen, können Arbeitsrechte kaum eingefordert werden. So verdienen Frauen für die gleiche Arbeit die Hälfte und sind wegen der allgegenwärtigen männlichen Dominanz nicht frei, zu arbeiten. Sie müssen selbst über ihr Leben entscheiden und sich organisieren können. Deshalb ist die demokratische Entwicklung der Gesellschaft ein

Ziel der Labour Education Foundation. Wie wichtig die Vernetzung mit Basisorganisationen ist, hat auch die Zusammenarbeit mit Solidar nach den Überschwemmungen in Pakistan gezeigt: NGOs, Parteien und Gewerkschaften kamen zusammen, um den Menschen zu helfen. Unsere Freiwilligen vor Ort trugen viel zu dieser Hilfsaktion bei. Wenn die KapitalistInnen die Welt nach ihren Interessen globalisieren, sollten die ArbeiterInnen ihre eigene Globalisierung organisieren. Ihre Situation ist in vielen Ländern des Südens ähnlich: Im Zuge der Deregulierungspolitik wurden ihre Rechte beschnitten. Im Norden haben sie ihre Jobs verloren, weil die Unternehmen die billigsten Arbeitskräfte im Süden

suchen. Wir können viel voneinander lernen: auch der Norden vom Süden. Wenn wir gemeinsam für gleiche Rechte kämpfen, überlegen es sich Firmen zweimal, ihre Produktion nach Pakistan auszulagern, und so verlieren die ArbeiterInnen in der Schweiz ihre Jobs nicht. Ruth Genner Ich lege es gerne offen: Die Kampagne von Solidar hat mitgeholfen, dass Zürich die faire Beschaffung vorantrieb. Zum einen fühlten wir uns direkt angesprochen, zum anderen löste die Kampagne Fragen in der Bevölkerung, im Parlament und in den Medien aus. Dies hat durchaus den Druck erhöht, vorwärts zu machen. 2007 beschloss die Stadt Zürich ein Beschaffungsleitbild. Es enthielt jedoch Lücken in sozialen Belangen. Deshalb ergänzte der Stadtrat das Leitbild vergangenes Jahr mit sozialen Richtlinien. Umgesetzt werden diese unter anderem mit einem Verhaltenskodex für VertragspartnerInnen der Stadt Zürich, die zum Beispiel bei Steinen von ausserhalb Europas ein international anerkanntes Zertifikat einreichen müssen.

Zürich hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben. Dazu gehören auch faire Arbeitsbedingungen, denn das Konzept der Nachhaltigkeit hat neben der ökologischen und der ökonomischen eine soziale Dimension. Diesbezüglich hat die öffentliche Hand als bedeutende Kundin einen beträchtlichen Einfluss, der keineswegs lokal begrenzt ist. Ich bin froh, wenn Solidar diese Botschaft weiterträgt. Martin Dahinden Die Überwindung der Armut ist das zentrale Anliegen der Entwicklungszusammenarbeit. Um es zu erreichen, müssen die betroffenen Menschen konsequent im Mittelpunkt aller Anstrengungen stehen. Dafür braucht es eine funktionierende Zivilgesellschaft. In vielen Ländern des Südens ist die Regierung nicht demokratisch legitimiert. Korruption und Misswirtschaft sind an der Tagesordnung. Eliten bereichern sich zuweilen schamlos an den Reichtümern des Landes. Arme, marginalisierte Bevölkerungsgruppen, oft sogar die Bevölkerungsmehrheit, gehen dabei leer aus. Unter diesen Voraussetzungen spielt die Zivilgesellschaft eine entscheidende Rolle: Sie ist der wichtige öffentliche Raum,

in dem sich Menschen organisieren und für ihre Anliegen eintreten. Vielerorts ist sie die treibende Kraft für gesellschaftlichen und politischen Wandel – wie auch die jüngsten Ereignisse im arabischen Raum belegen und bestätigen. Sowohl private NGOs wie Solidar Suisse als auch die Deza messen deshalb der Zivilgesellschaft eine grosse Bedeutung bei. Sie gründet nicht zuletzt in unserer eigenen geschichtlichen Erfahrung und der Art, wie wir eine partizipative Demokratie verwirklicht haben. Jelena Mijovic Die Zahl der Armen in Serbien steigt zusehends und droht, jeglichen Optimismus im Land zu ersticken. Um die wachsende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die schwere ökonomische Krise zu lindern, die nun fast zwanzig Jahre andauert, steht uns zurzeit nur ein Werkzeug zur Verfügung: der Sozialdialog mit dem Ziel sozialer Partnerschaften. Sozialdialog heisst, die gegnerischen Parteien in einen Dialog einzubinden und Arbeitgebende, Gewerkschaften und die Regierung an einen Tisch zu bringen. Vereinbarungen zur sozialen Partnerschaft, die zur Lösung

CARToon von Anna Sommer

alltäglicher Probleme der Arbeitswelt beitragen, können ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum bewirken. Die Programme von Solidar erhöhen das Bewusstsein der PartnerInnen für die Wichtigkeit des Sozialdialogs in Serbien. Weiterbildungen stärken ihre Verhandlungsfähigkeit, so dass sie ihre Anliegen an den Treffen mit ihren GegenspielerInnen in der Arbeitswelt einbringen können. Denn nur in einer gemeinsamen Anstrengung können die Arbeitslosigkeits- und Armutsraten in Serbien gesenkt werden. Jüngst hat die Unterstützung von Solidar ein konkretes Ergebnis gebracht: Im Dezember 2010 wurde die erste Branchenvereinbarung im Baugewerbe, im Februar 2011 in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelindustrie unterzeichnet. Yolanda Areas Blass und Jose Angel Bermudez Weil wir in einer globalisierten Welt mit einem globalisierten Wirtschaftssystem leben, müssen wir auch unsere Rechte, die Solidarität, unsere Hoffnungen, das Leben in Würde globalisieren. Es geht um die Globalisierung des Kampfs der Mehrheit für eine andere Welt, in der wir ohne Gewalt und Unterdrückung leben können. Die Gewerkschaften sind dabei wichtige PartnerInnen. Solidar unterstützt uns bei der gewerkschaftlichen Organisierung der ArbeiterInnen in Nicaragua. Dies hat dazu beigetragen, dass die Schere zwischen arm und reich ein bisschen kleiner geworden ist. Unser Interesse ist es, grössere soziale Gleichheit durchzusetzen, eine Gesellschaft, in der das Wohlbefinden der Menschen im Zentrum steht. Hier treffen wir uns, denn dies ist ebenso das Ziel der schweizerischen Gewerkschaften. Die solidarische internationale Zusammenarbeit ist für uns kein karitativer Akt. Wir sind gleichberechtigte PartnerInnen, die sich in der Konfrontation mit ihren Problemen und bei der Erreichung ihrer gemeinsamen Ziele begleiten. Denn angesichts der globalen Krise des Kapitalismus bleibt uns ArbeiterInnen nur die Solidarität.


THEMA 13

12 Notizen

An der Jubiläumsveranstaltung von Solidar werden sich Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey und Odile Bonkoungou, Bildungsministerin von Burkina

Nothilfe in West Sumatra abgeschlossen Nach dem Erdbeben, das West Sumatra im September 2009 erschütterte und über 1000 Menschen tötete, hat Solidar Suisse Nothilfe geleistet (siehe Solidarität 1/10). In temporären Notunterkünften fanden mehr als 3000 Menschen Schutz, bis ihre Häuser wieder aufgebaut waren. Um den Wiederaufbau von insgesamt 200 000 zerstörten Häusern zu unterstützen, haben wir 113 Handwerker in erdbebensicheren Baumethoden ausgebildet. Ausserdem bauten wir in Kooperation mit dem Schweizerischen Roten Kreuz für 992 Haushalte Gemeinschaftstoiletten, welche die Gesundheitssituation der Bevölkerung nachhaltig verbessern. Kurz-

fristig konnte das SAH im Oktober 2010 auch die Opfer des Tsunamis auf den Mentawai-Inseln mit Lebensmitteln, Decken und Kochutensilien unterstützen (siehe Solidarität 1/11). Mit dem Abschluss des Wiederaufbaus schliesst Solidar im Mai sein Büro in Padang und beendet seine Aktivitäten in Indonesien.

ganz anderen Punkt des Globus gar nicht bewusst. Hier setzt das Solidar-Gemeinderating an. Mit den gesammelten Informationen bewerten wir die Gemeinden nicht nur, sondern zeigen konkret auf, wo sie in ihrer täglichen Arbeit verantwortungsbewusster handeln können. So werden die Schweizer Gemeinden zu gewichtigen Partnerinnen für die Globalisierung der Solidarität.

Ausgaben für Entwicklungs­ zusammenarbeit Solidar Suisse arbeitet in elf Ländern und 50 Projekten mit lokalen PartnerInnen an der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen. Die konkrete Zusammenarbeit vor Ort ist aber nur eine Seite der Medaille. Damit sich an der Situation der Menschen in den Entwicklungsländern nachhaltig etwas ändert, braucht es auch eine Verhaltensänderung aller AkteurInnen aus Staat, Gesellschaft und Wirtschaft in den Ländern des Nordens. Unser Verhalten hat direkte Auswirkungen auf die Lebensbedingungen anderer Menschen: So etwa, wenn wir uns entscheiden, Fair-Trade-Kaffee zu kaufen, oder wenn eine Gemeinde für den neuen Schulhausplatz auf Pflastersteine aus Kinderarbeit verzichtet. Global denken – lokal handeln Solidar sensibilisiert mit seiner Kampagnenarbeit die AkteurInnen in der Schweiz für ihre globale Verantwortung. Eine zentrale Rolle kommt dabei der öffentlichen Hand zu – sprich dem Bund, den Kanto-

nen und den Gemeinden. Sie haben eine Vorbildfunktion für die KonsumentInnen und für Unternehmen. Diese soll mit dem «Solidar-Gemeinderating – global denken, lokal handeln» gestärkt werden. Handlungsmöglichkeiten  aufzeigen Das Solidar-Gemeinderating untersucht über 70 Gemeinden in der ganzen Schweiz darauf, wie Behörden und Verwaltung ihre globale Verantwortung wahrnehmen. Konkret prüfen wir, ob die Gemeinden sozial nachhaltig einkaufen und inwiefern sie sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren. Gegenwärtig werden die ersten Resultate publiziert. Klar ist: Die Unterschiede zwischen den Gemeinden sind enorm. Auch dann, wenn Gemeinden ähnlicher Grösse miteinander verglichen werden. Viele Gemeinden, die eine tiefe Punktzahl erreichen, sind überrascht: Oftmals sind ihnen die direkten Auswirkungen ihres Verhaltens auf die Menschen auf einem

Ausgewählte Städte, in Franken pro EinwohnerIn und Jahr (Zahlen 2009): 20 18

19.50 Genf 9.70 Basel 6.80 Zürich 2.50 Bern 0.30 Chur

16 14 12 10 8 6 4 2

Chur

Ein Grund zum Feiern?

Text: Cédric Wermuth

Bern

Anfang April 2011 hat die Internationale Bau- und Holz-Gewerkschaft (BHI) ihre Kampagne für faire Arbeitsbedingungen bei der Fussball-WM 2014 in Brasilien lanciert. In Rio de Janeiro forderten VertreterInnen von Gewerkschaften und NGOs von der Fifa und der brasilianischen Regierung einen Dialog darüber, wie würdige Arbeitsbedingungen im Vorfeld der Weltmeisterschaft sichergestellt werden können. Die brasilianischen Mitgliedsgewerkschaften der BHI kämpfen für die Ausweitung der Gesamtarbeitsverträge auf Subunternehmen, für faire Löhne, gewerkschaftliche Organisationsfreiheit, die 40-Stunden-Woche auf dem Bau, die Schaffung neuer, dauerhafter Arbeitsplätze und für Weiterbildung. Die Kampagne in Brasilien kann auf der Erfolgsgeschichte in Südafrika aufbauen (siehe S. 18). In den nächsten Jahren werden in Brasilien knapp 100 Milliarden Franken in Infrastrukturbauten investiert (Verkehr, Tourismus, Stadien). Das 20-fache des Bauvolumens in Südafrika. Wie in Südafrika wird es Aus­dauer und eine enge Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften, NGOs und Kampagnenorganisationen brauchen, um faire Arbeitsbedingungen durchzusetzen und die Chancen für Entwicklung und Armutsbekämpfung zu nutzen. Der Anfang ist gemacht. www.solidar.ch/news

Mit einem Rating will Solidar Suisse das globale Verantwortungsbewusstsein in Schweizer Gemeinden stärken.

Zürich

Fair Games – Fair Play: von Südafrika nach Brasilien

Faso, über Erfolge und Grenzen der Entwicklungszusammenarbeit unterhalten. Anschliessend überbringen SP-Präsident Christian Levrat, SGB-Präsident Paul Rechsteiner und Joe Weidenholzer, Präsident des europäischen Netzwerks Solidar, Grussbotschaften zum Jubiläum. In einer Ausstellung wird die Arbeit von Solidar Suisse präsentiert und die Gelegenheit geboten, mit den VertreterInnen unserer Auslandbüros ins Gespräch zu kommen. Ein Apéro mit Musik von Tremozioni lässt den Abend ausklingen. Freitag, 27. Mai, ab 17.30 Uhr im Volkshaus Zürich. www.solidar.ch/agenda

rating für globale Gerechtigkeit

Basel

Die diesjährige Silver Rose, die Auszeichnung des europäischen Netzwerks Solidar für herausragende Solidaritätsarbeit, ging an drei PreisträgerInnen. Mit der Labour Education Foundation (LEF), mit der Solidar Suisse seit den Überschwemmungen in Pakistan zusammenarbeitet (siehe S. 10), wurde eine Organisation geehrt, die sich seit Jahren für gerechte und faire Arbeits-

bedingungen einsetzt. Mit Kampagnenund Bildungsarbeit sowie der Organisierung Tausender von ArbeiterInnen in Gewerkschaften trägt LEF dazu bei, dass die Decent-Work-Agenda in Pakistan durchgesetzt wird. Neben LEF wurden die Latvian Trade Union of Health and Social Care Employers (Litauische Gewerkschaft) und Robert Badinter, der sich für die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich eingesetzt hat, ausgezeichnet. www.solidar.org

Genf

Silver Rose für Partner­ organisation von Solidar Suisse

Fairste Gemeinde Wie schneidet ihre Gemeinde ab? Welche ist die verantwortungsbewussteste Gemeinde in der Schweiz? Schauen Sie jetzt nach unter: www.solidar.ch/gemeinderating


14 PINGPONG

KULTURELLES 15

SAH-Rebus

Solidaritäts-Barometer Spielregeln Wenn Sie die Bilder benennen und die neben den Bildern angegebenen Buchstaben streichen oder austauschen, ergibt sich das Lösungswort.

Schicken Sie das Lösungswort an Solidar – mit dem beiliegenden vorfrankierten Service-Talon, einer Postkarte oder per E-Mail an kontakt@solidar.ch, Betreff «Rätsel». Jede richtige Lösung nimmt an der Verlosung teil. 1. Preis Ein Einkaufsgutschein der gebana im Wert von Fr. 100.– 2. und 3. Preis Einkaufsgutscheine von gebana im Wert von je Fr. 50.– Die Preise wurden uns freundlicherweise von der gebana zur Verfügung gestellt. Einsendeschluss ist der 4. Juli 2011. Die Namen der GewinnerInnen werden in der Solidarität 3/2011 veröffentlicht. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt. Der Rechts­weg ist ausgeschlossen. Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Mitarbeitende von Solidar. Das Lösungswort des Rätsels in Solidarität 1/2011 lautete «Solidar Suisse». Die GewinnerInnen sind ausgelost: Christian Steiner aus Seltisberg hat eine Umhängetasche, Barbara Wyss Flück aus Solothurn ein Seidentäschchen und Christoph Meier aus Bern ein Etui gewonnen, alles Produkte des Werkstücks des SAH Basel. Wir danken den MitspielerInnen für ihre Teilnahme und dem Werkstück für die gestifteten Preise.

Die nächste Solidarität widmet sich dem Schwerpunktthema «Menschenwürdige Arbeit als Armutsbekämpfungsstrategie». In diesem Zusammenhang möchten wir gerne von Ihnen wissen, was menschenwürdige Arbeit für Sie bedeutet. Was ist Ihrer Ansicht nach der minimale Standard, der für alle Menschen weltweit gelten sollte? Würdige Arbeitsbedingungen beinhalten für mich: Existenz sichernder Lohn Keine Diskriminierung Sicherheit am Arbeitsplatz Kranken- und Unfallversicherung Kündigungsschutz Altersversorgung Keine Zwangs- und Kinderarbeit Bezahlter Mutterschaftsurlaub Arbeitslosenversicherung Fünf Wochen Ferien Lohngleichheit für Frauen und Männer Freie gewerkschaftliche Organisierung Gesundheitsförderung Gesamtarbeitsverträge Einhaltung der Menschenrechte

auswertung Barometer Befürworten Sie den Namenswechsel von Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH zu Solidar Suisse? 3

30 37

36

Bringt der neue Name unsere Werte und Ziele zum Ausdruck?

37 ja 36 nein 3 keine eindeutige Antwort

Die Zustimmenden fanden, der Name Schweizerisches Arbeiterhilfswerk SAH sei nicht mehr zeitgemäss, Solidar Suisse hingegen modern, aussagekräftiger und grenzüberschreitend. Ausserdem würden die Frauen nicht mehr ausgeschlossen. Schlecht fanden LeserInnen den Namenswechsel, weil der Bezug zur Arbeiterbewegung verloren gehe und der Name nichts sagend sei. Es wurde auch die Sorge geäussert, das SAH könnte dadurch an Bekanntheit verlieren.

20 10

33 19 16 16 14 11

Solidarität Partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit Gerechtigkeit Würdige Arbeitsbedingungen Überwindung von Armut und Ausbeutung Demokratie

Kommentar von Christian Engeli, Leiter Kommunikation Nach 75 Jahren haben wir uns einen neuen Namen gegeben. Er vermittelt kurz, prägnant und unmissverständlich, was der Grundwert unserer Arbeit ist: Solidarität. Solidar verdeutlicht auch unseren partnerschaftlichen Ansatz. Der Begriff «Hilfswerk» ist aus der Entwicklungszusammenarbeit längst verschwunden, weil er ein paternalistisches Verständnis ausdrückt. Wir verstehen uns als Entwicklungspartnerin, die vor Ort mit Basisorganisationen der Zivilgesellschaft zusammenarbeitet, um sie in ihrem Kampf um fundamentale Rechte und bessere Arbeitsund Lebensbedingungen zu unterstützen. Der bisherige Name Schweizerisches Arbeiterhilfswerk wurde häufig nicht mit unserer internationalen Entwicklungszusammenarbeit assoziiert. Der neue Name schafft hier mehr Klarheit. Der Name ist neu, unser Engagement bleibt gleich: Wir setzen uns mit unseren Projekten und Kampagnen dafür ein, dass die Welt etwas gerechter wird. Unsere Solidarität zählt!

Der 1. Mai da und dort Wie wird eigentlich der Mai in unseren Schwerpunktländern gefeiert und welche Bedeutung hat er? Ein Streifzug. Text: Katja Schurter, Fotos: FNT, Nicolás Quinteros, Abdoul Karim Sawadogo

Nicaragua: Tag der ArbeiterInnen

«Der 1. Mai ist der Tag der ArbeiterInnen, nicht der Tag der Arbeit», meint José Ángel Bermúdez, Generalsekretär der FNT (Frente Nacional de los Trabajadores), dem grössten Gewerkschaftsbund Nicaraguas und Partner von Solidar Suisse. Als 1889 in Paris der 1. Mai zum Tag der ArbeiterInnen erkoren wurde, geschah dies im Gedenken an zehn Jahre Kampf um menschenwürdigere Arbeitsbedingungen und humanere Arbeitszeiten, in dessen Verlauf zu viele KämpferInnen ihr Leben lassen mussten. «Zum 1. Mai organisiert die FNT deshalb landesweit Versammlungen, in denen wir uns Gedanken machen über erreichte und verfehlte Ziele sowie über neue Heraus­ forderungen.» Zu den wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahre zählen die Erhöhung der Mindestlöhne und die Unterzeichnung eines Kollektivarbeitsvertrages mit den «Maquilas». Neben geregelten Löhnen und gesetzlich vorgegebenen Leistungen schliesst dieser Vertrag auch medizinische Behandlung und sozialen Wohnungsbau ein.

Kosovo: Sozialer Dialog Friedliche Proteste der Gewerkschaften, begleitet von ehemaligen Angestellten aus dem öffentlichen Dienst und RentnerInnen, markieren die 1.-Mai-Feierlichkeiten im Kosovo. Die Menschen versammeln sich auf dem zentralen Platz in Pristina und äussern ihre Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsrechte wie zum Beispiel «Anständige Löhne für Angestellte» oder «Wir wollen sozialen Dialog». In anderen Städten im Kosovo gibt es keine öffentlichen 1.-Mai-Feierlichkeiten, weshalb die Leute mit FreundInnen und Familie für ein Picknick aufs Land fahren, Essen gehen oder eines der Konzerte besuchen, die landesweit zum 1. Mai organisiert werden.

gierung vorgeschlagenen Mindestlohn von 815 Bolivianos (117 Franken). Denn obwohl die Regierung die geplante Erhöhung des Benzinpreises Ende 2010 aufgrund von Protesten wieder zurücknehmen musste, steigen die Preise weiter. Und da Bolivien nach der Sanierung seiner Finanzen über historisch einmalige 10 Milliarden Franken internationale Reserven verfügt, fordert die COB, diese für die Finanzierung des Mindestlohns zu verwenden. Burkina Faso: Teures Leben auf der Tagesordnung

Bolivien: 105 Jahre 1. Mai

Bolivien feiert den 1. Mai seit 1906. Seit Jahrzehnten organisiert die Gewerkschaft Central Obrera Bolivia (COB) die 1.-Mai-Demonstrationen – sowohl in La Paz, wo 2010 zwischen 15 000 und 20 000 Personen teilnahmen, als auch in den Departementshauptstädten. Dort werden Arbeitsrechte eingefordert, dieses Jahr zum Beispiel eine Erhöhung des Mindestlohns auf 8300 Bolivianos (1190 Franken) – gegenüber dem von der Re-

Burkina Faso hat eine lange gewerkschaftliche Tradition. So wurde zum Beispiel sechs Jahre nach der Unabhängigkeit der damalige Präsident Maurice Yaméogo am 3. Januar 1966 mit einem Generalstreik abgesetzt. Seither ist der 3. Januar ein bezahlter Feiertag. Auch der 1. Mai wird gebührend gefeiert: Jedes Jahr gehen die ArbeiterInnen in der Hauptstadt und im Landesinnern auf die Strasse, um der Regierung ihre Forderungen zu präsentieren. Ungerechte Gebühren, Gewerkschaftsfreiheit und steigende Preise für Alltagsgüter, die das Leben verteuern, sind Themen des diesjährigen 1. Mai.


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Netzwerk 17

stärkere Stellung Das Netzwerk der SAH-Vereine in der Schweiz entwickelt sich weiter.

Osama Silwadi/Apollo Images

Text: Yves Ecoeur, Nationaler Sekretär der SAH-Regionalvereine

Olivenöl aus dem SAHProjekt in Palästina. «Die Abnahmegarantie für unsere Ernte gibt uns Sicherheit» sagt Hasan Kharashah über r e die Zusammenarbeit mit der gebana und it L 3 der Kampagne Olivenöl. Kharashah lebt NEUE mit seiner Familie im Westjordanland vom ERNTE Erlös seiner rund 300 Olivenbäume. Neben der garantierten Abnahme der Ernte profitieren er und hunderte weiterer Kleinbauern von Vorfinanzierungen und erhalten für ihr Öl Preise, die rund 25% über den Marktpreisen liegen. Ausserdem fliessen pro Kanister verkauftem Olivenöl 6.– Franken in medizinische und soziale Projekte in Palästina. Reservieren Sie jetzt 3 Liter frisch gepresstes Bio-Olivenöl Extra Vergine und unterstützen Sie damit palästinensische Bauernfamilien! Bestellen Sie auf www.gebana.ch, per Telefon 043 366 65 00 oder mit dem untenstehenden Talon. Ich bestelle: × 3l Bio-Olivenöl Extra Vergine im Kanister für CHF 89.–

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Während das SAH neu unter dem Namen Solidar Suisse auftritt, hat sich auch bei den regionalen SAH-Vereinen einiges getan. Das im Oktober 2008 geschaffene Nationale Sekretariat, das die zehn Vereine koordiniert, Lobbying betreibt und neue Programme entwickelt, wurde im Juli 2010 wie geplant verstärkt. Wir befinden uns nun in der Konsolidierungsphase: Zum einen muss das Lobbying für die Interessen von Benachteiligten wie Arbeitslose und MigrantInnen sowie für Integra­ tionsmassnahmen weiterentwickelt werden. Wegen Überlastung war dies bisher etwas stiefmütterlich behandelt worden. In der politischen Arbeit und der Vernetzung mit unseren PartnerInnen der Linken liegt noch einiges Potenzial brach. Eine unverzichtbare Akteurin Das nationale Netzwerk der regionalen SAH-Vereine darf stolz darauf sein, sich als unverzichtbare Akteurin im Bereich der beruflichen Integration positioniert zu haben. Eines von vielen Beispielen dafür ist das Programm CT2, das junge Menschen unterstützt, die nach Abschluss von Lehre oder Studium eine Stelle suchen. Es wird von allen zehn SAH-Regionalvereinen angeboten. Weitere Projekte befinden sich in der Pipeline. Allerdings müssen solch grosse Projekte auf einer rechtlich solideren Basis stehen. Deshalb wollen wir unser Netzwerk als nationalen Verein konstituieren. Parallel dazu stärken wir die Kommunikation, damit die Stimme der Solidarität in der Schweiz besser gehört wird. Denn es vergeht kaum eine Woche, ohne dass mir jemand sagt, er oder sie habe gar nicht gewusst, wie vielseitig das SAH aktiv ist. Es reicht nicht, eine wirkungsvolle Arbeit zu machen, wir müssen sie auch bekannt machen. Die neue Struktur und die zusätzlichen Mittel sollen es uns ermöglichen, die Lücke im Bereich der Kommunikation zu schliessen und uns stärker zu positionieren. Indem wir Solidarität sichtbar machen und zeigen, dass alle Menschen über Ressourcen verfügen und etwas zum Gemeinwohl beitragen können, wird offenbar, dass eine menschlichere und gerechtere Gesellschaft möglich ist. Das ist der Kern unserer Arbeit. www.sah.ch/schweiz

SAH Zürich: Potenzial- und Perspektivencheck AssesSAH Klassische Assessments richten sich an bildungsgewohnte, sprachlich kompetente Personen. Diese Form der Potenzialund Perspektivenabklärung eignet sich für eine grosse Zielgruppe des SAH Zürich nicht: die (Langzeit-)Erwerbslosen ab 16 Jahren ohne qualifizierten Berufsabschluss. Deshalb haben wir ein auf diese Zielgruppe zugeschnittenes Assessment mit standardisierten, erprobten Testverfahren und handlungsorientierter Kompetenzerhebung entwickelt. Dabei halten wir den Abklärungsprozess mit maximal acht Stunden bewusst kurz. AssesSAH bietet konkrete Empfehlungen zur beruflichen Reintegration. Es kann einzeln gebucht oder in bestehende Programme integriert werden. www.sah-zh.ch

Wettbewerb des SAH Zürich Das SAH Zürich führt im Rahmen des SAH-Jubiläums einen Wettbewerb durch. Es gibt 75 tolle Preise zu gewinnen. Teilnehmen können alle ausser den MitarbeiterInnen des SAH Zürich. Teilnahmeschluss ist der 30. November 2011. www.sah-zh.ch

SAH Waadt: neue Bildungsmassnahme Inizio Das SAH Waadt hat Anfang Jahr in Vevey das Projekt Inizio lanciert, das sich speziell an Jugendliche richtet, die vom Jugendschutz betreut werden. Ziel ist ihre nachhaltige soziale Integration. Die Tagesstruktur für zehn Jugendliche wird von einem interdisziplinären Team aus den Bereichen Berufssoziologie, Pädagogik und Kunsttherapie geleitet. Das Wochenprogramm beinhaltet interne wie externe Arbeitseinsätze, soziokulturelle Aktivitäten und Hilfe bei der Arbeits­ suche. Es berücksichtigt die Realität der Jugend­ lichen, die eine schwierige Situation haben, im aktuellen sozialen Kontext. www.oseo-vd.ch

VivA-Arbeitsvermittlung Die VivA-Arbeitsvermittlung des SAH Zürich organisiert Feststellen für Personen, die bei der IV angemeldet sind. In enger Koordination mit den zukünftigen Arbeitgebenden werden den KandidatInnen ihrem Profil angepasste Stellen angeboten. Probetage bieten Gelegenheit, die jeweiligen Stellen näher kennen zu lernen. Bis ein halbes Jahr nach Stellenantritt werden die Teilnehmenden der VivA-Arbeitsvermittlung begleitet, um sicherzustellen, dass sie im Erwerbsprozess bleiben. Die Vermittlungsphase ist auf sechs Monate befristet. Kann eine Person in diesem Zeitraum nicht platziert werden, wird das Dossier an die IV zurückgegeben. www.sah-zh.ch

SAH Zentralschweiz: Frauenpalaver 2011 Das Frauenpalaver des Programms Migration Co-Opera bringt einmal im Monat Frauen zusammen, die an einem interkulturellen Austausch interessiert sind. Gemeinsam von Schweizerinnen und Migrantinnen organisiert, steht es dieses Jahr unter dem Motto «Andere Länder – andere Sitten». Interessierte Frauen treffen sich um 19 Uhr im Luzerner Senti­treff zur Diskussion über folgende Themen: Das Matriarchat in Indonesien (24.5.); Rituale der tamilischen Frau – Welche Rituale sind in der Schweiz noch möglich? (28.6.); Mutter und Tochter aus der Türkei: zwei verschiedene Integrationsgeschichten (6.9.); Somalische Frauenrollen – vor und nach der Migration (25.10.); Rechte/Unrechte der Frauen in Kurdistan/Iran (25.11.). www.sah-zs.ch


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Einblick 19

Eddie Cottle bei der feierlichen Übergabe der WM-Kampagne an die brasilianischen Gewerkschaften in Johannesburg im Mai 2010.

Kampagne setzt Massstäbe Eddie Cottle hat die Kampagne für würdige Arbeitsbedingungen rund um die WM in Südafrika koordiniert. Nun setzt er sich dafür ein, dass aus den Erfahrungen gelernt wird – sowohl in Brasilien als auch im südlichen Afrika. Text: Katja Schurter, Foto: Joachim Merz

WM mit ihren Rieseninvestitionen eine neue Dimension, andererseits war es die erste globale Kampagne der Gewerkschaften aus Anlass eines solchen Gross­ereignisses. «Wir mussten eine ganz neue Kampagnenform entwickeln, es gab dafür kein Modell. Wir konnten von Erfahrungen aus anderen Ländern profitieren und erhielten über das Finanzielle hinaus Unterstützung», erzählt der ausgebildete Pädagoge, den es jedoch nie in die Schule zog. Es musste zum Beispiel eine Antwort auf die Frage gefunden werden, wie ArbeiterInnen organisiert werden können, wenn 70 Prozent von ihnen auf drei Monate befristete Verträge haben. In der Zusammenarbeit mit der Unia kamen die zwei Ebenen internationaler Austausch und konkreter Arbeitskampf zusammen. «Wir erfuhren, wie die Unia illegalisierte ArbeiterInnen in der Schweiz organisiert. Obwohl die Probleme nicht die gleichen sind wie in Südafrika, gibt es doch viele Ähnlichkeiten: Auch auf den WM-Baustellen gab es viele schlecht gestellte ArbeiterInnen, die kaum Wahlmöglichkeiten haben.»

Eddie Cottle liebt seine Arbeit: «Das Engagement für die Emanzipation der ArbeiterInnen ist Teil meiner Identität.» Als Jüngster von acht Kindern einer Familie aus der Arbeiterklasse, die während der Apartheid gezwungen wurde, in ein Township zu ziehen, entwickelte er früh ein politisches Bewusstsein. Dies hat seine Laufbahn geprägt. Eddie Cottle war Koordinator der Kampagne «Fair Games – Fair Play» im Vorfeld der Fussball-WM in Südafrika (siehe Kasten). Nun setzt er für die Interna­tionale Bau- und Holz-Gewerkschaft (BHI) die Er­fahrungen der Kampagne im südlichen Afrika um. Neue Ufer Für Eddie Cottle hat die Kampagne neue Massstäbe gesetzt: Einerseits war die

Weitreichende Wirkung Die Kampagne entfaltete denn auch über die WM hinaus Wirkung: «Vor der WM konzentrierten sich die Gewerkschaften in Südafrika auf festangestellte ArbeiterInnen, obwohl es schon länger eine Entwicklung in Richtung Temporärarbeit gab – mit massiven Entlassungen und einem dramatischen Wandel in den Arbeitsbedingungen und sozialen Beziehungen. Die Kampagne hat dazu geführt, dass Arbeit anders angeschaut wird.» Dazu gehört der Einbezug der Lebensbedingungen der ArbeiterInnen und die Zusammenarbeit mit Community-Organisationen – was Cottle, der sich neben der Lohnarbeit im Kampf um BürgerInnenrechte und würdige Unterkünfte engagiert, besonders am Herzen liegt. Die Kampagne förderte auch die Zusammenarbeit unter verschiedenen Gewerkschaften und mit Organisationen wie dem Labour Research Service (LRS). «Dank der Studien von LRS – zum Bei-

spiel zum Wirkungsradius der involvierten Firmen oder der Wirtschaftsmacht der Fifa – entwickelten wir uns zur einzigen Stimme, die einen Kontrapunkt zum Chor der WM-Begeisterten setzen konnte», bilanziert Eddie Cottle. Keine einfache Aufgabe, Profite zu kritisieren, die mit Fussball erzielt werden. Denn die Leute in Südafrika lieben Fussball. Mega-Events als Schlüsselereignis Internationale Solidarität ist für Eddie Cottle bei der Globalisierung von sportlichen Mega-Events entscheidend: «Die Fifa ist eine globale Wirtschaftsakteurin: Fernsehrechte, Kleidung, Fanartikel sind darin involviert – und darüber hinaus Banken und Baufirmen. Deshalb hat die BHI globale Sportkampagnen als Schlüsselelement in ihre Arbeit integriert.» Die Erfahrungen werden einerseits an Brasilien weitergegeben, wo die WM 2014 stattfinden wird (siehe S. 12). Andererseits sollen sie bei Grossprojekten im südafrikanischen Energiesektor und im Baugewerbe in Zimbabwe, Zambia und Moçambique angewandt werden. «Der internationale Charakter von BHI ist toll», schwärmt Eddie Cottle. «Ich erfahre, wie Gewerkschaften an verschiedenen Orten der Welt arbeiten. Das empfinde ich als Chance und als Privileg.»

Fair Games – Fair Play Die internationale Kampagne «Fair Games – Fair Play» wurde gemeinsam von Solidar, Unia und BHI durchgeführt. Sie forderte faire Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der WM 2010 und appellierte an die soziale Verantwortung der Fifa. Mit Erfolg: Sie erreichte eine Lohnsteigerung, verhinderte Lohndumping durch Subunternehmen und stärkte die Gewerkschaften. Die Fifa sah sich veranlasst, öffentlich ihre Unterstützung für faire Arbeitsbedingungen zu erklären – ein Novum. www.solidar.ch/fairgames


Anklage gegen Lucky Gems Xueying Jiang kündigte im Februar 2002 ihre Arbeitsstelle, um ihren Ehemann zu pflegen, der bei seiner Arbeit für Lucky Gems an Silikose erkrankt war. Er starb im September 2004 an den Folgen der Krankheit. Bei Xueying Jiang wurde im Januar 2006 ebenfalls Silikose diagnostiziert. Sie musste ein Jahr um ein Zertifikat kämpfen, das ihre Berufskrankheit bestätigt. Im Januar 2008 gelangte sie vor das Schiedsgericht in Huizhou. Dieses verneinte seine Zuständigkeit, weil Lucky Gems inzwischen ihren Sitz nach Haifeng verschoben hatte. Jiang legte Berufung ein. Im April 2009 verurteilte das Bezirksgericht von Huizhou Lucky Gems zu 320 000 Yuan (40 000 Franken) Entschädigung und Versicherungsleistungen. Sowohl Jiang als auch Lucky Gems legten Berufung ein. Im Februar 2010 verurteilte das Gericht Lucky Gems zu einer Entschädigung von 466 000 Yuan (65 000 Franken). Lucky Gems Antrag um ein Wiederaufnahmeverfahren wurde im August 2010 definitiv abgelehnt.


Solidarität 2/2011