Der ATLAS-Verbund – Europas Spezialeinheiten gegen Terror und Gewaltkriminalität

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C . L I P PAY

DER ATLASVERBUND Der ATLAS-Verbund ist die europäische Antwort auf Gewaltkriminalität und Terrorismus. 38 polizeiliche Spezialeinheiten aus insgesamt 31 Ländern gehören diesem Netzwerk an, das im Jahr 2001 unter dem Leitspruch „All together to protect you“ gegründet wurde. Das Buch bietet zum einen eine exklusive und umfassende Übersicht über den ATLAS-Verbund, seine Geschichte, Organisation und Aktivitäten. Zum anderen stellt es alle beteiligten Einheiten ­detailliert vor, von ihren Anfängen bis heute, mit Blick auf ihre Ausbildung, Ausrüstung und spektakulärsten Einsätze. Zahlreiche, größtenteils unveröffentlichte Fotos vermitteln authentische und faszinierende Einblicke in die Arbeit der Antiterror-Experten. Die hochwertige und großformatige Aufmachung mit Bildbandcharakter bringt die Aufnahmen besonders zur Geltung. Mit Unterstützung von ATLAS, allen Einheiten sowie Europol ist ein einzigartiges Sachbuch mit Informationen aus erster Hand entstanden, in dem diese europäische Erfolgsgeschichte bei der Kriminalitäts- und Terrorismusbekämpfung vor Augen geführt wird.

ISBN 978-3-96461-049-2

www.skverlag.de

DER ATLAS-VERBUND

Europas Spezialeinheiten gegen Terror und Gewaltkriminalität

C H R I S T O P H L I P PAY

DER ATLASVERBUND Europas Spezialeinheiten gegen Terror und Gewaltkriminalität


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© Copyright by Verlagsgesellschaft Stumpf + Kossendey mbH, Edewecht, 2021 Satz: Bürger Verlag GmbH & Co. KG, Edewecht Umschlagfotos: BOA (Polen), RAID (Frankreich), TEK (Ungarn); Rückseite: IE (Schweiz) Druck: mediaprint solutions GmbH, 33100 Paderborn ISBN 978-3-96461-049-2


C H R I S T O P H L I P PAY

DER ATLASVERBUND Europas Spezialeinheiten gegen Terror und Gewaltkriminalität


IN HALT SVER ZEI C HN I S

Inhalt Geleitwort, Grußworte und Vorwort Der ATLAS-Verbund

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– Von der Gründung bis heute

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– Rechtliche Grundlagen

25

– Organisationsstruktur des ATLAS-Verbunds

26

ATLAS-Expertengruppen und -Foren

29

– Expertengruppe „Gebäude“

30

– Expertengruppe „Maritim“

32

– Expertengruppe „Flugzeuge“

36

– Expertengruppe „Transport“

38

– Forum „C4“

40

– Forum „MEDIC“ (Taktische Medizin)

42

– Forum „NEGO“ (Verhandlung)

44

– Forum „SNIPER“ (Präzisionsschießen)

46

– Forum „ENTRY“ (Zugangstechniken)

48

– Forum „Innovation S.T.A.R.“

50

– Forum „Rapid Response“

52

Kooperation zwischen ATLAS und Europol ATLAS-Übungen Bewaffnung und Transportmittel

53 55 61

– Bewaffnung

62

– Transportmittel

65

Interview mit Dominique Soffers 4

Die Einheiten im Porträt

69

75 COBRA – Einsatzkommando BELGIEN 89 DSU – Directie van de speciale eenheden / Direction des Unités Spéciales BULGARIEN 99 S.O.B.T. – Spetsializiran otryad za borba s terorizma KROATIEN 107 ATJ LUČKO – Antiteroristička jedinica Lučko ZYPERN 113 E.R.U.  – Emergency Rescue Unit

ÖSTERREICH

M.M.A.D. – Mechanokíniti Monáda Ámesis Drasis

123 DÄNEMARK 131 AKS – Aktionsstyrken ESTLAND 139 K-komando FINNLAND 147 KARHU – Poliisin Valmiusyksikkö FRANKREICH 153 GIGN – Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale 165 RAID – Recherche, Assistance, ­Intervention, Dissuasion DEUTSCHLAND 173 GSG 9 der Bundespolizei 183 SEK BW – Spezialeinsatzkommando Baden-Württemberg GROSSBRITANNIEN 191 SCO19 – Specialist Crime and Operations GRIECHENLAND 199 E.K.A.M. – Eidiki Katastaltiki Antitromokratiki Monada UNGARN 207 TEK – Terrorelhárítási Központ ISLAND 217 VIKING – Sérsveit ríkislögreglustjóra IRLAND 225 ERU – Garda Emergency Response Unit TSCHECHIEN URNA – Útvar rychlého nasazení


INHA LTSVER ZEIC HNIS

231 GIS – Gruppo Intervento Speciale 243 NOCS – Nucleo Operativo Centrale di Sicurezza LETTLAND 253 OMEGA – Pretterorisma vienība LITAUEN 259 ARAS – Lietuvos Policijos Antiteroristinių Operacijų Rinktinė LUXEMBURG 265 USP – Unité Spéciale de la Police MALTA 273 SIU – Special Intervention Unit NIEDERLANDE 281 DSI – Dienst Speciale Interventies NORDIRLAND 289 HMSU – Headquarters Mobile Support Unit NORWEGEN 295 DELTA – Beredskapstroppen POLEN 301 BOA – Centralny Pododdział Kontrterrorystyczny Policji PORTUGAL 311 GIOE – Grupo de Intervenção de Operações Especiais 321 GOE – Grupo de Operações Especiais RUMÄNIEN 329 B.S.I.J. – Brigada Speciala de Interventie a Jandarmeriei 339 SIAS – Serviciul Independent pentru Intervenții și Acțiuni ­Speciale SLOWAKEI 345 LYNX Commando – Útvar Osobitného Určenia (ÚOU) SLOWENIEN 353 RED PANTHERS – Specialna Enota Policije SPANIEN 359 G.E.O. – Grupo Especial de Operaciones 369 UEI – Unidad Especial de Intervención SCHWEDEN 377 NI – Nationella Insatsstyrkan SCHWEIZ 385 IE – Interventionseinheiten

ITALIEN

Anhang

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Abkürzungen 394 Literatur 398 Zum Autor

399

Abbildungsnachweis 400

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Geleitwort, Grußworte und Vorwort

Geleitwort

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Interessierte an den europäischen Spezialeinheiten!

Ministerialrat Bernhard Treibenreif, B.A., M.A. ATLAS-Präsident Sondereinheit Einsatzkommando Cobra/Direktion für Spezialeinheiten (DSE)

Seit dem 11. September 2001 sind nun schon 20 Jahre vergangen. An diesem Tag starben mehrere tausend Menschen in den USA an den Folgen von gleichzeitig ausgeführten, unglaublich brutalen Terroranschlägen. Die schrecklichen Bilder gingen um die Welt. Auch an Europa ging dieses Ereignis nicht spurlos vorüber – und der Rat der europäischen Innenminister gab ein paar Tage später als Erstreaktion an die belgische EUVorsitzführung den Auftrag, die Kooperation unter den europäischen Polizei-Antiterror-Einheiten so schnell als möglich zu intensivieren. Kurze Zeit nach den Anschlägen saßen wir, die Kommandanten aller EU-Antiterror-Einheiten, unter der Vorsitzführung des damaligen Chefs der belgischen Spezialeinheit DSU, zusammen und gründeten den sogenannten ATLAS-Verbund – dies ist der enge Kooperationsverbund von mittlerweile 38 Polizei-Spezialeinheiten der 27 EUMitgliedstaaten, Großbritanniens und drei assoziierter Staaten (Island, Norwegen, Schweiz). Nach Jahren der Vorsitzführung durch Belgien und der Vizevorsitzführung durch Österreich ging die ATLASPräsidentschaft in weiterer Folge an die Niederlande, an Deutschland und im Jahr 2017 an Österreich über.

Seither ist viel geschehen: Der ATLAS-Verbund wurde von Anbeginn stetig weiterentwickelt – und zwar mit vollem Elan aller Einheiten, weil jeder Kommandant wusste, dass diese EU-weite Kooperation jederzeit zu reellen grenzüberschreitenden Einsatzanforderungen führen kann – und wird. Viele Beispiele

grenzüberschreitender Spezialeinsätze sind Beleg dafür. Leider blieb Europa von schweren Anschlägen wie in den Jahren 2003 in Madrid, 2005 in London, 2015 in Paris nicht verschont – und dies ist nur ein Auszug der Ereignisse. Durch drei EU-Ratsbeschlüsse unter Vorsitz Estlands und Österreichs wurde ein rechtliches Regelwerk geschaffen, das einerseits den ATLAS-Verbund als formelles Netzwerk auf europäischer Ebene verankerte und andererseits eine Stärkung dieses Verbunds, u. a. durch eine Kooperation mit Europol mit einem fixen jährlichen EU-Budget, zur Folge hatte. Dieses wiederum ermöglicht den ATLAS-Einheiten umfangreiche Aktivitäten wie beispielsweise Workshops, grenzüberschreitende Übungen oder gemeinsame Entwicklungen von Einsatztechniken und Einsatztaktiken. Mittlerweile werden europaweit gemeinsame Trainingszentren für Spezialeinheiten aufgebaut, und es wurde der Ausrüstungs- und Ausbildungsstandard aller ATLASSpezialeinheiten auf ein kompatibles Niveau gebracht. Viel Arbeit wartet noch. Aber Spezialeinheiten und deren Leiter haben unisono die Eigenart, dass sie sinnvolle und wichtige Ziele beharrlich verfolgen und dass sie Projekte zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wollen. Deshalb wird dieser Weg der gemeinsamen Entwicklung fortgesetzt. Ein gutes Stück eines gemeinsamen erfolgreichen Weges liegt hinter uns – ein langer Weg der notwendigen Weiterentwicklung und der gemeinsamen Verbesserung unserer Fähigkeiten liegt noch vor uns. Dem ATLAS-Leitspruch folgend „All togehter to protect you“ wollen wir alles in unserem Einflussbereich Stehende unternehmen, um die Menschen in unseren europäischen Staaten weiterhin bestmöglich zu schützen. Wiener Neustadt, Mai 2021 7


Geleitwort, Grußworte und Vorwort

Grußwort

Sehr geehrte Damen und Herren,

Monique Pariat Generaldirektorin der Generaldirektion Migration und Inneres der Europäischen Kommission

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seit vielen Jahren sieht sich die Europäische Union einer hohen Bedrohung durch organisierte Kriminalität und terroristische Gruppen gegenüber. Die jüngsten Terrorangriffe belegen einmal mehr die Relevanz einer schnellen Antwort und Strafverfolgung durch polizeiliche Interventionskräfte. Wir müssen die Kräfte über Europa hinweg vereinen, um unsere Bürger und Städte zu schützen. Der ATLAS-Verbund der polizeilichen Spezialeinheiten der EU-Mitgliedstaaten sowie der Schweiz, Norwegens, Islands und des Vereinigten Königreichs demonstriert deutlich den Mehrwert einer EU-Kooperation im Kampf gegen Kriminalität und Terrorismus. Die Zusammenarbeit über ATLAS ist ein Kernanliegen der EU in Hinblick auf die Minimierung von Schäden und das Reagieren auf Terrorattacken sowie Schwerverbrechen durch eine gesteigerte Kooperation und verbesserte Fähigkeiten der polizeilichen Spezialkräfte. Mit der Durchführung von Trainings, Seminaren und Studien, aber auch der Entwicklung spezifischer Ausrüstung, dem Austausch der Best Practice und der Ausführung gemeinsamer Übungen hat der Verbund seine Fähigkeiten bewiesen. Auf Anfrage kann eine Interventionseinheit in einem anderen Mitgliedstaat Unterstützung leisten bei menschengemachten Krisensituationen, die eine ernste direkte physische Bedrohung für Bevölkerung, Eigentum, Infrastruktur oder Institutionen darstellen, insbesondere bei Geiselnahmen, Entführungen und ähnlichen Ereignissen. Der Nutzen von ATLAS wird in ganz Europa geschätzt, denn das Netzwerk stellt ein einzigartiges EU-Instrument zur Stärkung der Reaktion auf Terror und Gewaltkriminali-

tät dar, und zwar unabhängig davon, wo in Europa sich solche Akte ereignen. Die Europäische Kommission fördert ATLAS seit mehr als zehn Jahren durch jährliche Finanzmittel von bis zu 1,5 Mio. Euro wie durch administrative und operative Unterstützung. Wir befürworten stark den Aufbau weiterer Trainingsmöglichkeiten und die noch engere Zusammenarbeit zwischen Europol und ATLAS, und wir sind überzeugt, dass beides den Wert des ATLAS-Verbunds weiter steigern wird. Wir möchten Sie ermutigen, das vorliegende Buch über diese europäische Erfolgsgeschichte zur operativen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der inneren Sicherheit zu lesen. Mit freundlichen Grüßen Monique Pariat Generaldirektorin der Generaldirektion Migration und Inneres der Europäischen Kommission


Geleitwort, Grußworte und Vorwort

Grußwort

Catherine De Bolle Direktorin Europol

Organisierte Kriminalität und Terrorismus bleiben die wichtigsten Herausforderungen für die innere Sicherheit der Europäischen Union. Die Bewertung der Bedrohungen durch schwere und organisierte Kriminalität 2021 (The Serious and Organised Crime Threat Assessment, SOCTA 2021) legt klar ein erschreckendes Ausmaß an Bedrohung durch organisierte Kriminalität offen. Die Gewalttätigkeit von Kriminellen hat in ihrer Häufigkeit und Schwere in der EU zugenommen. Der Terrorismus wird immer komplexer und vielgestaltiger und bleibt eine Gefahr für das Leben unserer Bürgerinnen und Bürger und ein fortwährender Angriff auf unsere gemeinsamen Werte und Grundrechte. Dies erfordert eine effektive strafrechtliche Verfolgung mittels verstärkter grenzübergreifender Zusammenarbeit, die alle verfügbaren Instrumente der EU-Mitgliedstaaten mobilisiert, inklusive der Verfügbarkeit gut trainierter und EU-weit kompatibler Spezialeinheiten (Special Intervention Units, SIU). ATLAS und Europol teilen eine Vision, die auf gegenseitigem Vertrauen, gemeinsamen Arbeitsweisen und geteilten Werten beruht. Aus diesem Grund entschied der Europäische Rat im Dezember 2017, den ATLAS-Verbund durch eine besser geordnete EU-Unterstützung zu stärken. 2018 stimmten Europol und der ATLAS-Verbund – der Zusammenschluss der 38 Spezialeinsatzkommandos der EU-Mitgliedstaaten sowie der assoziierten Länder (Schweiz, Norwegen und Island) und des Vereinigten Königreichs – darüber überein, ihre gemeinsamen Anstrengungen im Kampf gegen Terrorismus und schwere und organisierte Kriminalität auszubauen. Europol unterstützt den ATLAS-Verbund durch die Bereitstellung sicherer Kommunikationsplattformen und

Werkzeuge, bei der finanziellen Verwaltung und durch administrative und logistische Hilfe über ein ATLAS-Unterstützungsbüro bei Europol. Übergeordnet zielt Europol darauf, die operative Zusammenarbeit mit dem ATLASVerbund und anderen Strafverfolgungsexperten und Erstinterventionskräften, die möglicherweise neben den SIU eingesetzt werden, zu verbessern. Ziel ist, den größten Nutzen aus der Expertise, den Ergebnissen und Dienstleistungen von Europol zu ziehen. Tatsächlich werden die SIU in einer Vielzahl von Situationen zum Eingreifen gerufen, die nicht zwangsweise nur im Zusammenhang mit Terrorismus stehen. Die gemeinsamen Bemühungen des ATLAS-Verbunds und Europols sollen dazu beitragen, auf EU-Ebene die Kapazitäten für Erstreaktionen bei Terroranschlägen, Geiselbefreiungen oder anderen Krisen­ situationen zu optimieren. Ich bin erfreut, beitragen zu können zu dieser exzellenten Publikation, die aufzeigt, wie die Frauen und Männer der Spezialeinsatzkommandos im ATLAS-Verbund effektiv zur Sicherheit unserer Europäischen Bürgerinnen und Bürger beitragen. Europol setzt sich weiterhin uneingeschränkt für die Unterstützung des ATLAS-Verbunds als Schlüsselinstrument zur besseren Vorbereitung auf die Bekämpfung von Terroranschlägen und schweren Straftaten ein. Catherine De Bolle Direktorin Europol

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Geleitwort, Grußworte und Vorwort

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

Christoph Lippay

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Gewaltkriminalität und Terrorismus machen längst an keiner Staatsgrenze mehr Halt. Vielmehr stellen grenzüberschreitende kriminelle bzw. terroristische Vereinigungen ein enormes Bedrohungspotenzial dar. Europa bietet mit dem ATLAS-Verbund als Netzwerk von Antiterror- und Spezialeinheiten eine effektive und innovative Antwort auf diese Gefahr. Die europäischen Antiterror-Einheiten sind seit der Gründung von ATLAS im Jahr 2001 wesentlich näher zusammengerückt, tauschen sich kontinuierlich aus, definieren gemeinsame Standards und trainieren für gemeinsame Einsätze. Das selbst gewählte Motto „All together to protect you (Alle zusammen, um Euch zu schützen)“ erfüllt der Verbund somit tagtäglich auf vielfältige Weise. Zu Recht darf deshalb von einer europäischen Erfolgsgeschichte gesprochen werden, die mit dem hier vorliegenden Band erstmals umfangreich sichtbar gemacht werden soll. Es liegt im Wesen von Antiterror-Einheiten, weitgehend unerkannt zu agieren und keine Informationen preiszugeben, die Kriminellen oder Terroristen taktische Vorteile bieten könnten. Umso bemerkenswerter ist, dass für dieses Buch alle 38 Einheiten von ATLAS bereitwillig Informationen zur Verfügung gestellt haben. Sie öffneten ihre Türen und Archive, um exklusive Einblicke in ihre Organisation, Tätigkeiten und individuellen Besonderheiten zu gewähren, umrahmt von vielen bislang unveröffentlichten Bildern aus dem Alltag. Alle Portraits wurden von den jeweiligen Einheiten inhaltlich geprüft, sodass sämtliche Informationen authentisch und verifiziert sind.

Ohne die Mitwirkung aller 38 Einheiten, des ATLASVerbunds selbst sowie Europols wäre dieses Buch nicht zu verwirklichen gewesen. Den Kommandeuren und ATLASBeauftragten gilt daher mein tief empfundener Dank für die allzeit hervorragende Begleitung. Frau Monique Pariat, Generaldirektorin für Migration und Inneres der Europäischen Kommission, und Frau Catherine De Bolle, Direktorin von Europol, danke ich sehr für die wohlwollende Unterstützung dieses Buchprojekts und die freundlichen Grußworte. Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei den folgenden Personen, die mir die Idee zu diesem Buch gaben und mir bei der Umsetzung mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben: Polizeidirektorin Dr. med. Renate Bohnen, Oberrätin Mag. Renate Lanzenbacher, Ministerialrat Bernhard Treibenreif B. A., M. A., Dominique Soffers, „Schlagi“ und Damian I. Mein ganz spezieller Dank gilt Norbert Schweinberger für die großartige Beratung und Hilfe. „Last not least“ möchte ich meinem Lektor Dr. Robert Beyer für die absolut professionelle Bearbeitung und Herrn Dr. Justin Bender für die hervorragende englische Übersetzung herzlich danken. Dieses Buch ist allen Angehörigen von Antiterror-Einheiten gewidmet, die sich jeden Tag mit einem hohen persönlichen Engagement und unter Einsatz von Leben und Gesundheit dafür einsetzen, dass die Bürgerinnen und Bürger in Europa sicher und friedlich leben können. Christoph Lippay September 2021


DER ATLASVERBUND EINE EUROPÄISCHE ERFOLGSGESCHICHTE



ATLAS-Verbund: Von der Gründung bis heute

ATLAS-Verbund: Von der Gründung bis heute 1972: Ein Massaker als Ausgangspunkt Die Gründung zahlreicher Spezialeinheiten in ganz Europa, die Terrorismus und Gewaltkriminalität bekämpfen sollen, lässt sich im Wesentlichen auf ein Ereignis im September 1972 zurückführen: das Massaker während der Olympischen Spiele in München. Dass ausgerechnet israelische Sportler auf deutschem Boden während der „fröhlichen Spiele“ (so das Internationale Olympische Komitee) zum Opfer von Terroristen und letztlich dem Versagen der deutschen Polizei wurden, war menschlich und politisch eine Katastrophe. Um die Tragweite und die Konsequenzen in Bezug auf die Antiterror-Bekämpfung in den darauffolgenden Jahren besser nachvollziehen zu können, lohnt eine Erinnerung an den Ablauf dieses Anschlags, der mittlerweile rund ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Am frühen Morgen des 5. September 1972 beobachteten Fernmeldemonteure der Deutschen Post um 04:10 Uhr, wie acht Männer über den Zaun des Olympischen Dorfes in München kletterten. Gegen 04:35 Uhr erreichten die Acht, die der palästinensischen Terroristenorganisation „Schwarzer September“ angehörten, die Unterkunft der israelischen Sportler im Haus Connollystraße 31. Als sich die Terroristen gewaltsam Zutritt verschaffen wollten, realisierten einige Sportler und Betreuer sofort die tödliche Gefahr und versuchten, die Eindringlinge an der Wohnungstür aufzuhalten. Im Zuge dieser Gegenwehr wurde Mosche Weinberg, Trainer der israelischen RingerMannschaft, sofort erschossen. Der Gewichtheber Josef

Romano erlitt so schwere Schussverletzungen, dass er zwei Stunden später im Beisein seiner Kameraden verblutete. Einigen Sportlern gelang es im herrschenden Chaos, die Flucht zu ergreifen. Sie alarmierten die Polizei, während ihre neun Kameraden von den Terroristen als Geiseln genommen und gefesselt wurden. Es folgten nervenaufreibende Verhandlungen. Mehrere Ultimaten seitens der Terroristen verstrichen ohne Konsequenzen. Der Anführer der Terroristen, der sich „Issa“ nannte, tatsächlich aber Luttif Afif hieß, forderte die Freilassung von 232 Palästinensern und einem japanischen Terroristen aus israelischer Haft sowie von den Mitgliedern der deutschen Rote Armee Fraktion (RAF) Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die in deutschen Gefängnissen einsaßen. Israels Regierungschefin Golda Meïr lehnte diese Forderungen kategorisch ab. Israel werde nicht mit Terroristen verhandeln, so Golda Meïr. Mehrere deutsche Politiker, u. a. der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, boten sich im Austausch gegen die Israelis als Geiseln an, was von den Terroristen strikt abgelehnt wurde. Die deutsche Regierung lehnte wiederum das Angebot der israelischen Regierung ab, die eine Spezialeinheit nach München schicken wollte, um die Geiselnahme zu beenden.

Die deutschen Verhandlungsführer und die Terroristen einigten sich schließlich in den frühen Abendstunden darauf, dass die Terroristen mitsamt ihren Geiseln in die ägyptische Hauptstadt Kairo ausgeflogen werden sollten. Auch die neun israelischen Sportler willigten hierzu ein. Um 22:06 Uhr bestiegen die acht Terroristen zusammen mit ihren neun gefesselten Geiseln einen Bus. Die kurze Fahrt führte zu zwei wartenden Hubschraubern, die zuvor auf dem Olympia-Gelände gelandet waren. Etwa 15 Minuten später hoben beide Maschinen ab und nahmen

Ein palästinensischer Geiselnehmer erscheint auf dem Balkon der israelischen Sportler im Olympischen Dorf am 5. September 1972. 13


ATLAS-Verbund: Von der Gründung bis heute

Zwei Polizisten in Trainingsanzügen und mit Maschinenpistolen beziehen Position auf dem Dach des Gebäudes.

Kurs auf den nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt Fürstenfeldbruck. Dort sollte die Gruppe in eine Passagiermaschine steigen und ausfliegen. Tatsächlich plante die Polizei jedoch eine Befreiungsaktion auf dem Flugplatz. Noch bevor die Hubschrauber abhoben, erkannten die Sicherheitskräfte allerdings einen fatalen Irrtum: Als die Terroristen vom Bus in die Hubschrauber stiegen, realisierte die Polizei erstmals, dass es insgesamt acht Terroristen gab. Bis zu diesem Zeitpunkt war man von nur fünf Terroristen ausgegangen. Die auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck wartenden Einsatzkräfte waren auf diesen Umstand nicht vorbereitet. Entsprechend befanden sich auf dem Dach des Flughafengebäudes sowie am Rand des hell erleuchteten Rollfelds nur fünf Polizisten, die die Terroristen ausschalten sollten. Bewaffnet waren sie mit dem Sturmgewehr Heckler & Koch (HK) G3 und dem Präzisionsgewehr Steyr SSG 69. Aber kein einziger der fünf Beamten war als Präzisionsschütze ausgebildet. Nachdem die Hubschrauber auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck gelandet waren, stieg Kommandoführer „Issa“ mit einem weiteren Terroristen aus einer der beiden Maschinen aus. Die zwei inspizierten die bereitstehende Lufthansa-Boeing des Typs 727 und stellten wütend fest, dass sich keine Besatzung an Bord befand. Auf dem Rückweg der beiden zu den Hubschraubern erteilte der Einsatzleiter den Schießbefehl. Die fünf Polizeischützen

Einer der zerstörten Hubschrauber nach dem gescheiterten Befreiungsversuch in Fürstenfeldbruck nahe München. 14

hatten weder miteinander Funkkontakt, noch verfügten sie über Nachtsichtgeräte. Zudem kannten sie nicht die Position ihrer Kollegen am Rande des Vorfelds. Es entwickelte sich ein heftiges Feuergefecht, bei dem ein Polizeibeamter einen tödlichen Kopfschuss erlitt. Ein weiterer Beamter auf dem Rollfeld wurde versehentlich von seinem Kollegen auf dem gegenüberliegenden Dach für einen Terrorist gehalten, angeschossen und verletzt. Erst als gegen 00:00 Uhr mehrere gepanzerte Sonderfahrzeuge aus München eintrafen und in Sicht der Terroristen rollten, schien diesen die Ausweglosigkeit ihrer Situation endgültig bewusst zu werden. Einer der Terroristen eröffnete um 00:10 Uhr das Feuer auf die gefesselten Geiseln im ersten Hubschrauber und warf zusätzlich eine Handgranate in die Kabine, bevor er von der Polizei erschossen werden konnte. Keine der vier Geiseln überlebte die Detonation. Auch die fünf Geiseln im zweiten Hubschrauber wurden von den Terroristen erschossen. Um 01:32 Uhr wurde der Einsatz offiziell für beendet erklärt. Die tragische Bilanz: Die neun israelischen Geiseln waren tot. Ihre Namen: David Mark Berger, Zeev Friedman, Yossef Gutfreund, Eliezer Halfin, André Spitzer, Amitzur Schapira, Kehat Shorr, Mark Slavin und Yakov Springer. Aufseiten der Einsatzkräfte verlor der Polizeibeamte Anton Fliegerbauer sein Leben. Fünf der acht Terroristen waren erschossen worden, die drei überlebenden Terroristen ergaben sich und wurden inhaftiert. Nur wenige Wochen später kamen diese drei Terroristen auf gewaltsame Weise wieder frei, als sie im Zuge einer Flugzeugentführung freigepresst wurden. Die israelische Premierministerin Golda Meïr und das Sicherheitskabinett erteilten daraufhin dem Geheimdienst Mossad den Auftrag, die drei überlebenden Terroristen sowie die Drahtzieher des Olympia-Massakers aufzuspüren. In den nächsten 20 Jahren gelang es dem Mossad, zwei der drei Attentäter sowie mindestens zwölf Palästinenser zu töten, die verdächtigt wurden, an der Planung des Olympia-Massakers beteiligt gewesen zu sein.


ATLAS-Verbund: Von der Gründung bis heute

Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Buches lebt der letzte Attentäter: Jamal Al-Gashey. Er hält sich vermutlich in Afrika versteckt. Der Drahtzieher des Anschlags Mohammed Daoud Oudeh (genannt „Abu Daoud“) starb am 3. Juli 2010 in Damaskus eines natürlichen Todes.

Luftaufnahme des Polizeiarchivs München vom Debakel in Fürstenfeldbruck.

Europa reagiert Die Aufarbeitung der desaströsen Befreiungsaktion brachte in Deutschland und in vielen weiteren Staaten des damals noch in Ost und West geteilten Europas tiefgreifende Konsequenzen mit sich. In Deutschland erließ Bundesinnenminister Genscher noch im September den Befehl, eine Antiterror-Einheit auf Bundesebene aufzustellen. Hiermit beauftragt wurde der legendäre Offizier im damaligen Bundesgrenzschutz Ulrich K. Wegener, der als Verbindungsoffizier im Bundesinnenministerium tätig war und in seiner Funktion als Berater des Bundes-

innenministers Augenzeuge der misslungenen Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck geworden war. Wegener besuchte daraufhin die israelische Spezialeinheit Sayaret Matkal und das britische 22. Special Air Service Regiment (SAS). Beide Einheiten leisteten für den Aufbau der Grenzschutzgruppe 9 (GSG 9) wertvolle Unterstützung. In den deutschen Bundesländern wurden parallel kleinere Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Polizei gegründet, die insbesondere gegen Gewalttäter zum Einsatz kommen sollten. Auch Belgien reagierte sehr schnell auf die Ereignisse in München und gründete im November 1972 die Spezialeinheit „Diane“, genauso wie in der föderalen Schweiz mehrere Spezialeinheiten auf Ebene der jeweiligen Kantonspolizei aufgestellt wurden, zum Beispiel ARGUS (Kanton Aargau), BARRACUDA (Kanton Basel-Landschaft) oder ENZIAN (Kanton Bern). In Frankreich wurde die Groupe d’Intervention de la Gendarmerie Nationale (GIGN) ebenso als Reaktion auf das Münchner Massaker gegründet. Es existierte zwar bereits seit 1966 die „Brigade de Recherche et d’Intervention (BRI)“ mit einem taktischen Team. Doch BRI war primär für die Bekämpfung von Kriminellen vorgesehen und damals personell nicht in der Lage, Terrorkommandos wie in München wirksame Gegenwehr bieten zu können. Der Gendarmerieoffizier und passionierte Fallschirmspringer Capitaine Christian Prouteau erhielt den Befehl, die GIGN aufzustellen, was er im Jahr 1974 erfolgreich vermelden konnte. Wie sein deutscher Kollege Wegener war Prouteau ebenfalls Gast beim SAS-Regiment, das damals im englischen Hereford stationiert war. Prouteau besuchte aber auch des Öfteren die junge GSG 9 in Sankt Augustin bei Bonn. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre wurden zahlreiche weitere Einheiten gegründet, so zum Beispiel das Gendarmerieeinsatzkommando Cobra (1978) in Österreich oder die Grupo Especial de Operaciones (G.E.O.) in Spanien (1978). Westeuropa wappnete sich gegen den internationalen Terrorismus und blieb damit nicht allein. 15


ATLAS-Expertengruppen und -Foren

Forum „Innovation S.T.A.R.“ (Support Technologies for Assault and Reconnaissance) Das Forum „Innovation S.T.A.R.“ entstand aus dem 2015 eingerichteten Projekt „Drones“. Auf Anregung der Projektgruppe beschlossen die Kommandanten der ATLASSpezialeinheiten beim ATLAS Commanders’ Forum (ACF) in Brascov (Rumänien) im April 2019 einstimmig, die Projektgruppe in ein Forum zu überführen. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass die bis dahin geleistete Arbeit in dem auslaufenden Projekt „Drones“ weitergeführt werden kann und zusätzlich eine Erweiterung des Aufgabenfeldes vorgenommen wird. Zielvorgabe der Kommandanten war es, eine dauer-

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hafte Einrichtung in Form eines Forums zu schaffen, um der zunehmenden Bedeutung von moderner Einsatztechnik für die Spezialeinheiten gerecht zu werden. Die technische Entwicklung schreitet in vielen Bereichen zügig voran. Hier gilt es, Schritt zu halten und die Spezialeinheiten mit der bestmöglichen Technik auszustatten, die zuverlässig und schnell eingesetzt werden kann und einen taktischen Mehrwert für die Bewältigung der Einsatzlagen bietet. Das Forum „Innovation S.T.A.R.“ setzt sich intensiv mit Zukunftstechnologien und deren möglicher Einfüh-

rung bei Spezialeinheiten auseinander. Neben dem breiten Spektrum auf dem Gebiet der Drohnen und der Drohnenabwehr beschäftigt sich das Forum beispielsweise mit den Themen Robotik, Sensorik und Bildübertragung. Dazu wird Marktforschung betrieben, Produkte werden auf ihre Einsatztauglichkeit getestet, um u. a. im regen Austausch mit den ATLAS-Spezialeinheiten Ausstattungsempfehlungen aussprechen zu können. Das Forum „Innovation S.T.A.R.“ besteht derzeit aus neun Spezialeinheiten aus acht europäischen Ländern und wird vom Einsatzkommando Cobra (Österreich) geleitet.


ATLAS-Expertengruppen und -Foren

Das Forum ist wie keine andere Fachgruppe in den Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer mit anderen Netzwerken und Organisationen auf europäischer Ebene eingebunden. Durch regelmäßige Meetings und Workshops ist das Forum permanent bestrebt, bezüglich innovativer Techno-

logien nicht nur auf dem aktuellen Stand zu bleiben und die Spezialeinheiten up to date zu halten, sondern auch aktiv an technischen Entwicklungen zu arbeiten. Dem Forum ist es auch wichtig, mit den anderen Expertengruppen und Foren des ATLAS-Netzwerkes zusammenzuarbeiten, gemeinsame Übungen und Workshops durchzu-

führen, um Synergien bei der Anwendung verschiedener Einsatzmittel herbeizuführen. Auch die jeweiligen nationalen Polizeieinheiten sind am aktuellen Wissensstand interessiert und profitieren von den Erkenntnissen des Forums (z. B. Etablierung von Drohnenabwehrsystemen).

Forum „Innovation S.T.A.R.“ Gründung: 2019 Leitung:

EKO Cobra/DSE (Österreich)

Mitglieder: AKS (Dänemark), Delta (Norwegen), DSI (Niederlande), DSU (Belgien), EKO Cobra/DSE (Österreich), GSG 9 (Deutschland), Lučko (Kroatien), SEK Baden-Württemberg (Deutschland), UEI (Spanien).

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ATLAS-Expertengruppen und -Foren

Forum „Rapid Response“

Um das Leben Unschuldiger zu retten, ist bei Gewalttaten eine schnelle Intervention durch Polizeikräfte geboten. Dabei sollen Täter nach Möglichkeit örtlich festgesetzt und des Weiteren von ihrem Vorhaben, weiteren Unbeteiligten Schaden zuzufügen, abgebracht werden. Auf der anderen Seite ist das Risiko für die Einsatzkräfte enorm, da die Anzahl der Täter und deren Bewaffnung zumeist, speziell in der Initialphase, nicht bekannt sind. Diese schnelle Intervention (Rapid Response) setzt ein intensives Training, eine geeignete Ausrüstung und nicht zuletzt ein sehr entschiedenes Vorgehen im Einsatzfall voraus. Die Experten im ATLAS-Verbund analysierten die Anschlagsmuster weltweit und initiierten Ende 2014 das Projekt „Rapid Response“. Federführend waren hierbei die niederländische DSI (Dienst Speciale Interventies) und SCO19 (Specialist Crime and Operations) aus Großbritannien. Beide Einheiten waren für das Thema prädestiniert, da sie sich bereits intensiv mit mobilen SchnellInterventionsteams beschäftigt hatten. Zum Jahresbeginn 2015 wurde beschlossen, dass „Rapid Response“ innerhalb des ATLAS-Verbunds die weitere Arbeit als Projektgruppe weiterführen sollte. 52

Die ersten Einheiten in dieser neuen Projektgruppe waren Delta (Norwegen), DSI (Niederlande), DSU (Belgien), RAID (Frankreich) und SCO19 (Großbritannien). Als sich insbesondere im zweiten Halbjahr 2015 die Anschläge in Europa häuften, die von kleinen, mobilen und schwer bewaffneten Terrorteams verübt wurden, gewann die Projektgruppe „Rapid Response“ innerhalb von ATLAS nochmals deutlich an Bedeutung. Konsequenterweise wurde sie um die folgenden Einheiten erweitert: ERU (Irland), GIOE (Portugal), GSG 9 (Deutschland), Karhu (Finnland) und NOCS (Italien). Im Rahmen der länderübergreifenden Großübung „Common Challenge“ 2018 wurden die Strategien und Taktiken zur Rapid Response intensiv geübt. Schauplatz war die slowakische Stadt Komárno. Dort wurden Szenarien, angelehnt an die Terroranschläge in Paris im November 2015, inklusive einer Massengeiselnahme simuliert. Die inhaltlichen Schwerpunkte waren die Bekämpfung mehrerer, mobiler Täter, die Koordination zahlreicher unterschiedlicher Einheiten und der Einsatz von sondergeschützten Fahrzeugen. Die teilnehmenden Einheiten waren EKO/Cobra (Österreich), Lučko (Kroatien), Lynx

(Slowakei), Red Panthers (Slowenien) TEK (Ungarn) und URNA (Tschechien). Wie bei allen Projektgruppen innerhalb des ATLASVerbunds war auch die Arbeit von „Rapid Response“ zunächst zeitlich befristet. Das ATLAS Commanders’ Forum (ACF) entschied sich im Sommer 2019 jedoch dazu, dass das Thema innerhalb des Verbunds dauerhaft präsent sein und „Rapid Response“ die Arbeit in Form eines ATLAS-Forums weiterführen sollte. Die Leitung des Forums übernahm DSI aus den Niederlanden. Die strategische und taktische Konzeption, um gegen kleine und mobil agierende Terrorteams effektiv vorgehen zu können, ist auch weiterhin von großer Bedeutung. Die Handlungsmuster der Anschläge in der jüngeren Vergangenheit haben dies auf dramatische Weise aufgezeigt. Die Anschläge in Paris, Berlin, Nizza, London, Utrecht, München oder Wien waren alle typische Rapid-ResponseEinsatzlagen. Dass „Rapid Response“ eines der mitgliederstärksten Foren im ATLAS-Verbund ist, trägt diesem Umstand somit angemessen Rechnung.

Forum „Rapid Response“ Gründung: 2014 Leitung:

DSI (Niederlande)

Mitglieder: AKS (Dänemark), ARAS (Litauen), Delta (Norwegen), DSI (Niederlande), EKO Cobra/DSE (Österreich), ERU (Irland), GIGN (Frankreich), GIOE (Portugal), GSG 9 (Deutschland), Karhu (Finnland), NI (Schweden), OMEGA (Lettland), RAID (Frankreich), SCO19 (Großbritannien), SEK Baden-Württemberg (Deutschland), Spezialeinheiten der Schweiz, TEK (Ungarn) und URNA (Tschechien).


Kooperation zwischen ATLAS und Europol

Kooperation zwischen ATLAS und Europol Europol ist die europäische Strafverfolgungsbehörde mit Sitz im niederländischen Den Haag. Seit 2017 wird sie offiziell als „European Union Agency for Law Enforcement Cooperation“ betitelt. Sie unterstützt die 27 EU-Mitgliedstaaten bei der Bekämpfung schwerer Formen der internationalen Kriminalität sowie des Terrorismus. Diesbezüglich arbeitet Europol mit zahlreichen Partnerländern außerhalb der EU und mit internationalen Organisationen zusammen.

Die europäischen Staaten werden seit vielen Jahren mit kriminellen und terroristischen Netzwerken konfrontiert, die eine erhebliche Bedrohung für die innere Sicherheit der EU und damit eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen. Kriminelle und Terroristen machen an keiner Landesgrenze halt – ganz im Gegenteil. Gezielt werden die Schwachstellen im länderübergreifenden Informationsaustausch zwischen den Behörden ausgenutzt. Die deutliche Verschiebung der Strategie des sogenannten Islami-

schen Staates, im internationalen Umfeld Angriffe im Stil von Spezialeinheiten durchzuführen – ganz besonders in Europa –, sowie die wachsende Zahl ausländischer Terroristen zeigte die neuen Herausforderungen, denen sich die EU und ihre Mitgliedstaaten gegenübersahen. Es wurde deutlich, dass die Strafverfolgungsbehörden über gut ausgebildete und EU-weit interoperable Antiterror-Einheiten verfügen mussten, um adäquat auf Bedrohungen reagieren zu können. Damit war die grundsätzliche Frage verbunden, wie diese Zusammenarbeit organisiert werden könnte. Verschiedene Modelle wurden skizziert und diskutiert. Im April 2017 votierten schließlich die ATLAS-Kommandeure für die Fortführung von ATLAS als einen unabhängigen Verbund, jedoch bei künftig engerer Zusammenarbeit mit Europol. Die Kommandeure waren davon überzeugt, dass es besser sei, die vorhandenen Möglichkeiten effizienter zu nutzen, anstatt neue Formate und Strukturen zu schaffen. Am 10. Oktober 2018 unterzeichneten Europols Exekutivdirektorin Catherine De Bolle, Österreichs Innenminister Herbert Kickl und ATLAS-Präsident Bernhard Treibenreif im Rahmen der ATLAS-Europol-Konferenz die Richtlinien über die zukünftige Kooperation zwischen ATLAS und Europol. Diese Richtlinien definieren Ziele, Kooperationsbereiche, Arbeitsstrukturen, die Zusammensetzung des neu zu gründenden ATLAS-Unterstützungsbüros (ATLAS Support Office, ASO) sowie Budget- und Finanzangelegenheiten. Exekutivdirektorin Catherine De Bolle zeigte sich über ATLAS als neuen Kooperationspartner sehr optimistisch:

Kommandeure mit Innenminister Herbert Kickl bei der ATLAS-Europol-Konferenz 2018. 53


Kooperation zwischen ATLAS und Europol

Finance Tracking Program und die Financial Intelligence Unit) • Analyse von Online-Propaganda von Terroristen (über die Internet Referral Unit der EU) • Bekämpfung des illegalen Waffenhandels • internationale Zusammenarbeit zwischen den Terrorismusbekämpfungsbehörden.

Catherine De Bolle und Herbert Kickl ratifizieren die Kooperation. „Ein wichtiges Element, über das wir uns freuen, ist die Erleichterung des grenzüberschreitenden Einsatzes spezieller Interventionseinheiten. Europol engagiert sich auch für die Unterstützung von ATLAS bei der Entwicklung ehrgeiziger Projekte für die Zukunft, einschließlich der Einrichtung gemeinsamer Schulungsaktivitäten und der Bündelung von Ressourcen.“ Ein zentraler Bestandteil der geschlossenen Vereinbarung war die Einrichtung eines ATLAS-Unterstützungsbüros, das dem Europäischen Zentrum für Terrorismusbekämpfung (European Counter Terrorism Centre, ECTC) innerhalb der Einsatzdirektion am Europol-Hauptsitz angegliedert sein würde. Europol richtete das Zentrum im Januar 2016 ein. Es handelt sich gleichermaßen um ein Operations- wie Kompetenzzentrum für Angelegenheiten der Terrorbekämpfung. Das ECTC konzentriert sich auf folgende Tätigkeiten: • Bereitstellung operativer Unterstützung auf Ersuchen eines EU-Mitgliedstaats um Ermittlungen • Bekämpfung ausländischer Kämpfer • Austausch von Informationen und Fachwissen zur Terrorismusfinanzierung (über das Terrorist 54

Aufgrund dieses Tätigkeitsspektrums ist das ATLASUnterstützungsbüro (ASO) hier folgerichtig angesiedelt und bildet für beide Seiten eine zentrale Anlaufstelle sowie im dienstlichen Alltag die Hauptschnittstelle zwischen ATLAS und Europol. Für den ATLAS-Vorsitz dient das ASO als Unterstützung, indem es Kontakte zu strategischen und operativen Experten bei Europol in den relevanten Bereichen der Terrorismusbekämpfung sowie der schweren und organisierten Kriminalität herstellt. Für Europol ist ASO erster Adressat bei der Ansprache der verschiedenen europäischen Antiterror-Einheiten. Ein weiterer großer Vorteil wird in der Kontinuität eines dauerhaft existierenden Büros gesehen. Das ATLAS Executive Bureau (AEB) leistet hervorragende Arbeit, ist aber an die Dauer einer Präsidentschaft geknüpft. Mit einem Wechsel des Präsidenten, der alle vier Jahre stattfindet, wechseln zwangsläufig auch Sitz und Ansprechpartner des Executive Bureau. Mit einem solchen Wechsel gehen Erfahrung und persönliche Kontakte verloren, die erst wieder aufgebaut werden müssen. Mit dem neu eingerichteten ATLAS-Unterstützungsbüro, das seinen festen Sitz in der Europol-Behörde hat, wird eine Nachhaltigkeit gewährleistet, die man sich in Den Haag von Beginn an gewünscht hatte. Im Gegenzug kann das ATLAS-Unterstützungsbüro diverse Europol-Dienste in Anspruch nehmen, zum Beispiel Buchhaltungs-, IT- und Rechtsdienstleistungen. Des Weiteren verfügt Europol über enormes Fachwissen und ein Netzwerk von Spezialisten auf der ganzen Welt, das nun auch ATLAS offensteht.

Europol Die Behörde mit Sitz in Den Haag in den Niederlanden unterstützt die 27 EU-Mitgliedstaaten bei der Bekämpfung schwerer Formen der internationalen Kriminalität und des Terrorismus. Dabei arbeitet Europol mit zahlreichen Partnerländern außerhalb der EU und mit internationalen Organisationen zusammen. Aufgrund seiner Stellung im Zentrum der europäischen Sicherheitsarchitektur ist Europol in der Lage, spezifische Dienstleistungen zu erbringen, und nimmt folgende Funktionen wahr: • Zentrum zur Unterstützung von Strafverfolgungsmaßnahmen • zentrale Schaltstelle für Informationen über kriminelle Aktivitäten • Kompetenzzentrum für die Strafverfolgung. Der Tätigkeitsschwerpunkt liegt auf der Analyse. Rund 100 Auswertungsspezialisten zählen zu den bestausgebildeten Fachkräften in Europa. Auf EUEbene ist Europol gegenüber dem Rat der Justizund Innenminister rechenschaftspflichtig. Die derzeitige Direktorin Europols ist Catherine De Bolle, die dieses Amt im Mai 2018 übernahm.

Europol in Zahlen • mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter • 220 Europol-Verbindungsbeamte • rund 100 Auswertungsspezialisten • Unterstützung von über 40.000 internationalen Untersuchungen jährlich. www.europol.europa.eu


ÖS T E RRE I C H

COBRA

E IN SAT Z KO M M AN D O


Einsatzkommando „Cobra“ – Österreich

Die Erinnerungen an das Attentat des palästinensischen Terrorkommandos „Schwarzer September“ während der Olympischen Spiele in München 1972 waren noch überaus präsent, als sich Österreich plötzlich ebenfalls als Ziel palästinensischer Terroristen wiederfand. Ein Jahr nach den Ereignissen in München nahmen am 28. September 1973 zwei schwerbewaffnete Terroristen der palästinensischen Gruppierung „Al-Saika“ am Grenzbahnhof Marchegg mehrere Juden als Geiseln. Der Bahnhof diente damals für die aus der UdSSR ausreisenden jüdischen Emigranten als wichtiger Anlaufpunkt auf ihrer Weiterreise nach Israel. Glücklicherweise endete die Geiselnahme unblutig. Dieses Glück blieb jedoch nicht von langer Dauer. Am 21. Dezember 1975 stürmte ein international zusammengesetztes Terrorkommando mit dem Namen „Arm der arabischen Revolution“ die OPEC-Zentrale in Wien. Das Kommando stand unter der Führung des berüchtigten, venezolanischen Top-Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, volkstümlich bekannt als „Carlos“ oder „Der Schakal“. Zwei Delegierte und ein irakischer Sicherheitsmann wurden erschossen sowie elf Minister als Geiseln genommen. Ein Befreiungsversuch der Polizei scheiterte dramatisch. Unter anderem wurde der Einsatzleiter der Polizei angeschossen und schwer verletzt. Die Polizei, die damals nicht über die adäquaten Einsatzmittel- und auch nicht über die spezifischen Einsatztaktiken verfügte, musste die Terroristen nach Verhandlungen ausfliegen lassen. Der Bedarf an speziell ausgebildeten Polizeibeamten wurde mehr als offensichtlich. Als Konsequenz aus all diesen Ereignissen wurde am 1. Januar 1978 das Gendarmerieeinsatzkommando (GEK) mit 127 Mann in Dienst gestellt. Vor allem die deutsche GSG 9 und die französische GIGN standen dem GEK beim Aufbau beratend zur Seite. Fahnentrupp der Ehrenformation von Cobra. Feierliche ATLAS-Vorsitzübergabe am 29. Juni 2021 an die slowakische Lynx. 76


Einsatzkommando „Cobra“

In Anlehnung an die amerikanische Krimiserie „Mission: Impossible“, die im deutschsprachigen Raum unter dem Titel „Kobra, übernehmen Sie“ lief, verlieh ein österreichisches Printmedium in den 1970er-Jahren dem GEK das Synonym „Cobra“. Mehr und mehr setzte sich der Name „Cobra“ auch intern durch. Offiziell in den Einheitsnamen wurde „Cobra“ im Jahr 2002 übernommen und ist symbolisch auch im Einheitsabzeichen zu finden.

Struktur Seit der Gründung untersteht die Cobra dem Bundesministerium für Inneres (BMI). Dort ist sie direkt dem Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit unterstellt, der die gesamte österreichische Polizei in seinem Verantwortungsbereich hat. Im Jahr 2013 wurden im Zuge einer umfassenden Organisationsreform die vier bislang autark im Zuständigkeitsbereich des Bundesinnenministeriums organisierten Spezialverwendungen • Einsatzkommando Cobra, • Entschärfungsdienst, • Operative Ausgleichsmaßnahmen (heute Referat für Fahndungstechnik) und die • Spezialisierte Observation …  in der neuen Direktion „Einsatzkommando Cobra/ Direktion für Spezialeinheiten (EKO Cobra/DSE)“ zusammengeführt. Das Hauptquartier des EKO Cobra befindet sich seit Oktober 1992 in der Ausbildungs- und Einsatzzentrale in Wiener Neustadt, rund 30 km südlich der österreichischen Bundeshauptstadt Wien. Dort hat auch die militärische Spezialeinheit des Bundesheeres, das Jagdkommando, ihren Sitz. Bei der Errichtung der fünf EKO Cobra-Standorte in Wiener Neustadt, Wien, Graz, Linz und Innsbruck sowie der drei operativen Außenstellen in den Bundesländern Kärnten, Salzburg und Vorarlberg wurde der Vor-

gabe Rechnung getragen, dass jede Einsatzörtlichkeit im gesamten Bundesgebiet innerhalb von höchstens 70 Minuten erreicht werden soll. Für jeden Standort sind primäre örtliche Zuständigkeiten definiert, jedoch unterstützten sich die Standorte natürlich bei Einsatzlagen und Exekutivdiensten gegenseitig, was beinahe täglich vorkommt. Durch diese regionale Streuung der Standorte ist die Einsatz-Antrittszeit des EKO Cobra im internationalen Vergleich gesehen sehr kurz. In den Ballungszentren Österreichs sind EKO CobraKräfte schon binnen Minuten vor Ort, weil sich die Einsatzstandorte der Cobra in den größeren Städten Österreichs befinden. An jedem Standort und in den operativen Außenstellen ist die Einsatzabteilung in Form von mehreren Einsatzmo-

Angehörige des damaligen Gendarmerie­ einsatzkommandos (GEK) bei einer Übung Ende der 1970er-Jahre. dulen organisiert. Die Anforderung von Cobra-Einsatzkräften erfolgt im Regelfall direkt von den lokalen Polizeidienststellen an die örtlich zuständige Cobra-Dienststelle. Organisatorisch ist die Direktion in drei Abteilungen und das Referat für Stabsangelegenheiten gegliedert, denen der Direktor vorsteht. In der Abteilung 1 befinden sich das Personalmanagement, die Budgetverwaltung, die Technik und Infrastrukturangelegenheiten. Die Abteilung 2 ist für die Spezialkräfte „Entschärfungsdienst“, „Observation“, „Personenschutz“, „Air-MarshalWesen“, „Fahndungstechnik“ oder „Cobra Grund- und Spezialausbildung“ zuständig. 77


Einsatzkommando „Cobra“ – Österreich

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Einsatzkommando „Cobra“

Der operative Dienst der Sondereinheit EKO Cobra ist organisatorisch der Abteilung 3 zugeordnet, der auch die Standorte und die operativen Außenstellen untergeordnet sind. Diese Abteilung ist zuständig für: • Planung, Vorbereitung und Durchführung von operativen Einsätzen zur Bekämpfung von terroristischen Organisationen und Bewältigung von terroristischen Bedrohungslagen • Planung, Vorbereitung und Durchführung von sicherheits- und kriminalpolizeilichen Einsätzen, wenn dafür – aufgrund der Gefährlichkeit der Täter – speziell ausgebildete und ausgerüstete PolizeiSondereinsatzkräfte benötigt werden • Durchführung der operativen staatlichen Personenschutzmaßnahmen • Durchführung des Sicherungsdienstes auf österreichischen Zivilluftfahrzeugen bei erhöhter Gefährdungslage (Air Marshals) • Schutz von österreichischen Botschaften in Krisengebieten sowie Unterstützung bei der Lösung von schweren Kriminalfällen im Ausland, wenn Österreicherinnen oder Österreicher betroffen sind.

Aufgaben Das EKO Cobra führt Einsätze und Aufgaben vor allem auf Grundlage des österreichischen Sicherheitspolizeigesetzes und der österreichischen Strafprozessordnung durch. Neben dem originären Auftrag der Terrorismusbekämpfung deckt die Einheit ein breites Aufgabenspektrum ab. Die Festnahme von bewaffneten Personen fällt grundsätzlich in die Zuständigkeit des EKO Cobra. Auch die Unterstützung der Kriminalpolizei bei der Verhaftung gefährlicher Straftäter oder bei Zugriffshandlungen im Bereich der organisierten Kriminalität obliegt der Sondereinheit. Seit 1981 sichern EKO Cobra-Beamte als Air Marshals österreichische Zivilluftfahrzeuge. Am 1. Dezember 2002 wurden zudem die staatlichen Personenschutz-

Während im Inneren des sondergeschützten „Survivor“ ein Operator versorgt wird, beobachtet ein Sicherungsschütze die Umgebung.

dienste in ganz Österreich auf das EKO Cobra übertragen. Weitere Zuständigkeiten der EKO Cobra existieren für: • Geisellagen • Amoklagen • Erstürmung von Luftfahrzeugen • grenzüberschreitende Lagen • technische Einsätze wie Drohnenabwehr • Schutz österreichischer Auslandsmissionen • polizeiliche Tauchereinsätze. Einen Schwerpunkt bildet die Analyse von durchgeführten Polizeieinsätzen und Ereignissen im In- und Ausland. Alle Schusswaffengebräuche der österreichischen Exekutive werden durch das EKO Cobra analysiert. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Eigensicherungs- und Einsatzmodelle der österreichischen Exekutive in Form von Ausbildungskonzepten, Seminaren und Workshops ein.

Einsätze Im Durchschnitt absolviert das EKO Cobra pro Jahr rund 3.000 Einsätze. Diese setzen sich in der Regel zu je einem Drittel aus Täterlagen, Personenschutz und der Flugbegleitung als Air Marshals zusammen. Die erste Geiselnahme löste die Sondereinheit am 16. Juni 1980 in Graz. Ein 35-jähriger Mann drang bewaffnet in die Praxis eines Arztes ein und nahm 23 Geiseln. Die Verhandlungen gestalteten sich aufgrund des psychisch labilen Zustands des Geiselnehmers extrem schwierig. Als am nächsten Tag eine Geisel bei einem Fluchtversuch angeschossen wurde, stürmten Cobra-Beamte die Praxis und beendeten die Geiselnahme, ohne dass weitere Personen zu Schaden kamen. 79


Einsatzkommando „Cobra“ – Österreich

Als bisher einziger Antiterror-Einheit weltweit gelang es den Beamten des EKO Cobra, eine Flugzeugentführung noch während des Fluges zu beenden. Am 17. Oktober 1996 befanden sich vier Beamte des EKO Cobra an Bord einer Aeroflot-Maschine des Typs Tupolew Tu-154. Ihr Auftrag: Die Sicherung der Außerlandesbringung von Häftlingen von Österreich über Malta nach Lagos. Einem Flugpassagier gelang es allerdings, während des Fluges mit einem Messer bewaffnet ins Cockpit einzudringen und die Piloten in seine Gewalt zu bringen. Er forderte die Cockpit-Crew auf, das Flugzeug nach Deutschland oder Südafrika zu fliegen. Die Einsatzbeamten konnten mit ihrer mitgeführten Spezialausrüstung den Hijacker überwältigen und die Flugzeugentführung unblutig beenden. Vom damaligen Ministerpräsidenten und späteren russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich überreicht erhielten die vier EKO Cobra-Beamten einen Orden als Anerkennung für ihr entschiedenes Handeln.

MedEvac-Übung: Ein Verletzter wird zu einem Hubschrauber getragen, während Teammitglieder den Boarding-Vorgang sichern.

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Am 14. November 1996 wurde das EKO Cobra in die Justizvollzugsanstalt Graz-Karlau gerufen. Drei inhaftierte, hochgewaltbereite Häftlinge hatten zwei Justizbeamte schwer verletzt und drei weibliche Angestellte als Geiseln genommen. Sie forderten einen Hubschrauber sowie Lösegeld und agierten äußerst entschlossen. Nach neunstündigen intensiven Verhandlungen und taktischen Planungen gelang es schließlich einem Interventionsteam, die Täter zu überwältigen und alle Geiseln unverletzt zu befreien. Einen äußerst komplexen Einsatz führten fünf Beamte während des Libanonkrieges durch. Im Juli 2006 gelang es ihnen, zahlreiche Österreicher und Staatsangehörige anderer EU-Länder sowie von Drittstaaten aus dem Kampfgebiet im Libanon über Syrien in die sichere Heimat zu evakuieren. Im benachbarten Deutschland unterstützte das EKO Cobra die bayerischen Einsatzkräfte anlässlich des Amoklaufs in München im Juli 2016. Ein 18-jähriger Deutsch-Iraner erschoss im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) und der näheren Umgebung neun Menschen. Des Weiteren verletzte er fünf weitere Personen durch Schüsse zum Teil schwer. Aufgrund der Annahme eines Terroranschlages

mit mehreren Tätern wurden mehrere deutsche Spezialeinsatzkommandos und die GSG 9 der deutschen Bundespolizei nach München beordert. Zusätzlich nahm die Einsatzleitung in München das Unterstützungsangebot des EKO Cobra wahr, worauf insgesamt 42 Beamte im Münchner Stadtgebiet eingesetzt wurden. Der Einsatz dauerte insgesamt rund sieben Stunden, bis feststand, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Die Kooperation des EKO Cobra mit deutschen Spezialeinheiten im Rahmen einer großen Einsatzlage funktionierte wie gewohnt ausgezeichnet. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen fand im Juli 2017 in Hamburg der G20-Gipfel statt. Während und unmittelbar nach dem Gipfel kam es in Hamburg zu schweren Ausschreitungen. Die zahlreichen deutschen Spezialeinheiten wurden während des G20-Gipfels von 20 EKO Cobra-Beamten bei Interventions- und Festnahmeaufgaben und ihren rund 75 Kollegen der WEGA (Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) und von österreichischen Verkehrs- und Ordnungsdienstpolizisten unterstützt. Keinerlei Hilfe mehr konnten die EKO Cobra-Beamten allerdings am 21. Oktober 2008 leisten – und zwar aus-


Einsatzkommando „Cobra“

gerechnet auf dem Dach ihres Hauptquartiers in Wiener Neustadt. Ein von Haßfurt in Richtung Ungarn fliegendes Leichtflugzeug mit zwei Insassen zerschellte in den Abendstunden auf dem Dach der EKO Cobra-Zentrale. Der Pilot war bei zunehmend schlechter Sicht auf der Suche nach einem Notlandeplatz und verwechselte die Beleuchtung des Funkmastes auf dem Dach des Hauptquartiers mit den Lichtern des nahe gelegenen Flugplatzes Wr. Neustadt. Beide Flugzeuginsassen kamen ums Leben. Das Einsatzkommando hatte damals keine Opfer zu beklagen. Das Gebäude des EKO Cobra wurde durch den Aufprall und den anschließenden Brand schwer beschädigt.

Tragischer Einsatz Die Arbeit von Spezialeinheiten ist oft von einem hohen Risiko für die Einsatzbeamten geprägt. Selbst die beste Planung und Ausbildung kann die Risiken nur minimieren, aber nie gänzlich beseitigen. Ein Einsatz im Jahr 2013 markierte für das EKO Cobra und für die österreichische Polizei ein solch tragisches Ereignis. In der Region südlich von Sankt Pölten (Niederösterreich) ereigneten sich über Jahre hinweg gehäuft illegale Abschüsse von Rotwild. Das EKO Cobra wurde vom Landeskriminalamt Niederösterreich in die Fahndungsmaßnahmen einbezogen. Am 16. September 2013 gelang es schließlich drei EKO Cobra-Beamten kurz vor Mitternacht, das Fahrzeug eines Tatverdächtigen zu verfolgen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich beim Lenker um einen 55 Jahre alten Transportunternehmer, Jäger und „Waffennarren“. Während der Verfolgung kommt der Verdächtige bei Regen von der Fahrbahn ab, verlässt das Fahrzeug und lauert den folgenden Beamten auf, die kurz darauf eintreffen. Als sich diese dem verlassenen Pkw nähern, eröffnet er mit einem gestohlenen Sturmgewehr sofort das Feuer und verletzt einen Cobra-Beamten lebensgefährlich. Dieser verstirbt wenige Stunden später im Krankenhaus.

Wenig später eröffnet der weiterhin flüchtige Täter erneut das Feuer – diesmal auf den alarmierten Rettungsdienst. Er trifft einen Sanitäter tödlich, ein weiterer Polizeibeamter wird verletzt. Auf der weiteren Flucht stößt er auf eine Polizeistreife. Er trifft auch die beiden auf einer Fahndungsposition stehenden Beamten tödlich. Danach flüchtet er zu seinem Haus in der näheren Umgebung. In den frühen Morgenstunden des 17. September gelingt es der Polizei, den Verdächtigen zu orten. Bis zum Nachmittag wird von einer Geiselnahme ausgegangen, weil ein Kollege als vom Täter entführt gilt. Erst als dies ausgeschlossen werden kann, wird die Entscheidung getroffen, das Gebäude zu stürmen und den Täter festzunehmen. Die Beamten wähnen sich in höchster Gefahr, da überall im Haus Sprengfallen vermutet werden. Vom Täter fehlt zunächst jede Spur. Erst gegen Mitternacht entdecken die Beamten einen Zugang zu einem Geheimbunker im Haus. Als den Zugangstechnikern eine Öffnung gelingt, entdecken sie in dem Raum den Täter, der sich kurz vor dem Zugriff das Leben genommen hatte. Es werden sieben legale und 306 (!) illegale gestohlene Schusswaffen, darunter hochpreisige Jagdgewehre, im Anwesen gefunden. Außerdem können dem Täter noch zahlreiche weitere Straftaten wie Einbrüche, Brandstiftungen und auch ein Mordversuch nachgewiesen werden. Der Gesamtschaden dieser Taten beläuft sich auf mehr als 10 Millionen Euro. Der Verlust eines Cobra-Kollegen, zwei weiterer Polizeikollegen sowie des Sanitäters und der gesamte Einsatz haben innerhalb des EKO Cobra zu tiefer Bestürzung geführt, aber auch zu einer akribischen Analyse. Als ein Ergebnis wurde beispielsweise der Sanitätsbereich im Einsatzkommando wesentlich ausgebaut und professionalisiert.

Auswahl und Ausbildung Die Bewerbung für eine Aufnahme in die Spezialeinheit EKO Cobra steht jeder Polizeibeamtin und jedem Polizeibeamten der österreichischen Bundespolizei offen; unabhängig von Geschlecht oder Alter. Voraussetzung ist eine mindestens zweijährige Tätigkeit im polizeilichen Außendienst.

Cobra-Operator mit einer Glock 17 und aufgesetztem Laser-/Licht-Modul. 81


Einsatzkommando „Cobra“ – Österreich

Nach einer ersten Sichtung der Bewerbungsunterlagen werden die potenziell geeigneten Kandidaten ausgewählt und zu einem einwöchigen Auswahlverfahren nach Wiener Neustadt eingeladen. Hier müssen sie eine Reihe sportmotorischer, schießtechnischer, psychologischer und medizinischer Tests absolvieren. Die Kandidaten müssen zudem vier Knock-out-Kriterien erfolgreich bestehen. Das Versagen bei einer dieser Übungen bedeutet den Ausschluss vom gesamten Auswahlverfahren. Die Aspiranten, die die anspruchsvolle Eignungsprüfung bestanden haben, werden zur Grundausbildung zugelassen. Die Besten aus dem Ranking werden genommen.

Grundausbildung Jeweils etwa 20 bis 25 Beamte absolvieren ihren sechsmonatigen Grundausbildungslehrgang in der Ausbildungszentrale in Wiener Neustadt. Die angehenden Einsatzbeamten werden intensiv in den Bereichen Einsatztaktik, Schießen, Nahkampf, Seiltechnik und Sport ausgebildet. Auch hier sind die Anforderungen hoch; einige Lehrgangsteilnehmer geben regelmäßig auf. Seit der offiziellen Einführung der Cobra im Jahr 1978 haben mehr als 1.200 Polizeibeamtinnen und -beamte die Grundausbildung durchlaufen.

Spezialverwendungen beim EKO Cobra/DSE Nach der bestandenen Grundausbildung werden die Beamten je nach ihren Stärken und ihrer Eignung für eine oder mehrere Spezialisierungen ausgebildet. Diese sind:

Einsatztauchen Die Ausbildung zum Einsatztaucher erfolgt in verschiedenen Modulen. Der Schulungsstützpunkt der Taucher befindet sich am Attersee in Oberösterreich. Dieser zählt zu den tiefsten Seen Österreichs. Zu Beginn ist ein fünf Wochen 82

dauernder Grundtauchkurs zu absolvieren. Die Basisausbildung umfasst das Arbeitstauchen, Tauchen nach Vermissten und Beweismitteln. Danach folgen Spezialisierungsmodule wie Tieftauchen, Eistauchen und einsatztaktisches Tauchen. Jeder Taucher muss eine zweiwöchige Ausbildung beim Entschärfungsdienst (ESD) absolvieren, um mit unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen (USBV) umgehen zu können. Einsatztaucher entwickeln eine hohe Trainingsfrequenz. Mindestens zweimal zwei Tage pro Monat und zusätzlich je eine Woche pro Jahr werden für das Eistauchen, Tieftauchen und in das einsatztaktische Tauchtraining investiert. Die Kombination von Tauchen und Entschärfen ist einzigartig und die Cobra-Experten werden von Einheiten weltweit konsultiert. Einsatztaucher des EKO Cobra/DSE verfügen über die modernsten Ausrüstungen in Europa. Für Entschärfungseinsätze benötigen die Taucher etwa speziell angefertigte, antimagnetische Anzüge, um nicht unbeabsichtigt Sprengvorrichtungen auszulösen. Für die Entdeckung von Sprengvorrichtungen werden besondere Geräte, wie Röntgengeräte, benötigt. Für Tieftauchgänge wird eine spezielle Technik verwendet, mit der man bis zu 100 m tief tauchen kann. Neben Spezialausrüstungen verfügen die Taucher auch über Standardausrüstungen wie ballistische Helme, Schutzwesten, Lang- und Kurzwaffen. Bei normalen Tauchgängen in polizeilichen Einsätzen verwenden die Beamten herkömmliche Pressluft. Die Waffen werden immer mitgeführt. Kommuniziert wird unter Wasser mittels Funktechnologie auf Ultraschallbasis. Die Taucheinsatzmöglichkeiten des EKO Cobra/DSE sind äußerst umfassend. Besonders die Kombination Tauchen und Entschärfen ist außergewöhnlich. Daher ist das Know-how der Unterwasserentschärfer auch international sehr gefragt und Spezialeinheiten rund um den Globus greifen gerne auf die

Fähigkeiten des EKO Cobra/DSE zurück. Pro Jahr werden die Einsatztaucher des EKO Cobra ca. 30-mal angefordert.

Fallschirmspringen Neben den Hubschraubern und den Drohnen stehen dem BMI seit 1988 auch speziell ausgebildete Fallschirmspringer als taktisches Einsatzmittel aus der Luft zur Verfügung. Das lautlose Eingleiten auf Zielobjekte aus großen Höhen und Entfernungen, das Landen auf Hausdächern, in verbauten Gebieten und in alpinen Regionen sind das Spezialgebiet der Fallschirmspringer vom EKO Cobra. Die Militärfallschirmspringer-Basisausbildung beim Bundesheer in Wiener Neustadt muss jeder bzw. jede EKO Cobra-Angehörige bestehen. Beim sogenannten Automatenspringen sind seit 1988 insgesamt 848 Beamte des EKO Cobra von Militärfallschirmsprunglehrern für den Absprung mit automatisch ausgelösten Rundkappen ausgebildet worden. Besonders qualifizierte Beamte werden anschließend in die Leistungsgruppe aufgenommen. Nach einem fünfwöchigen manuellen Aufbaukurs erhalten sie nach positiver Absolvierung aller Prüfungen den Fallschirmspringerschein. Danach folgen Sonderausbildungen wie Alpinspringen, Nachtspringen, Gleiteinsätze und Gepäcksprünge. Seit 1994 bildet das EKO Cobra im Rahmen eines Schulungsbescheides der zivilen Luftfahrtbehörde selbst Fallschirmspringer, inklusive aller Zusatzberechtigungen, aus. Bisher absolvierten 51 Beamte des EKO Cobra diese umfassende Sonderausbildung. Mehr als 38.700 Sprünge wurden bis jetzt durchgeführt. Pro Jahr werden von den Fallschirmspringern etwa 1.300 Sprünge absolviert. Das Alpinspringen des EKO Cobra hat beim Militär und den polizeilichen Sondereinheiten in Europa einen

Cobra-Operator schützen einen verletzten Kollegen während einer Übung im Feld.


Einsatzkommando „Cobra“

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Einsatzkommando „Cobra“ – Österreich

besonderen Stellenwert. Regelmäßig begrüßen die Fallschirmspringer des EKO Cobra Gäste des österreichischen Jagdkommandos, der deutschen GSG 9 und der italienischen GIS im Ort Lienz, der sich mittlerweile seit 1994 als Kursort etabliert hat.

Präzisionsschießen Die Ausbildung zum Präzisionsschützen beim EKO Cobra umfasst unter anderem Waffen- und Gerätekunde, Schießen aus verschiedenen Positionen und auf verschiedene Distanzen, spezielle Kommandosprache und Funkverkehr, Waffengebrauchsrechtsschulungen, psychologische Schulungen. Die Schützen erlernen das Schießen unter Zeitdruck und auf Kommando. Die Präzisionsschützen schießen bei jedem Training den sogenannten kalten Schuss – das ist der allererste Schuss an einem Trainingstag. Dabei muss jeder Schütze auch bei schlechten äußeren Bedingungen (Wind, Regen, Kälte etc.) ein Kreisziel mit einem Durchmesser von ca. 2,5 cm aus 100 m Entfernung treffen. Bei den monatlichen Fortbildungen werden auch das Nachtschießen bzw. das Schießen bei schlechten Lichtverhältnissen trainiert.

Diensthundewesen Diensthunde werden seit jeher in Spezialeinheiten bei verschiedenen Einsätzen verwendet. Beim EKO Cobra/ DSE werden seit 1987 Malinois-Rüden (Belgische Schäferhunde) als Zugriffshunde eingesetzt. Diese Rasse bringt ideale Voraussetzungen und Eigenschaften für Zugriffe bei besonders gefährlichen Einsätzen in Objekten und im Gelände mit. Als Junghunde beginnen sie ihre Ausbildung, mit elf Jahren gehen sie meist in Pension und bleiben danach bei ihrem Hundeführer. „Nur wenn der Hund zum Menschen und der Mensch zum Hund vollstes Vertrauen hat, kann man die schwierigen Aufgaben, die sich in den Einsätzen stellen, bewältigen.“ So lautet das Motto in der Ausbildung im Diensthundewesen beim EKO Cobra/DSE. Die Zugriffshundeführer 84

müssen sich einer zweijährigen Ausbildung neben ihren anderen Aufgaben stellen. Während dieser Zeit lernen der Hundeführer und sein vierbeiniger Kamerad einander genau kennen. Die Ausbildung schließt mit einer dreitägigen Prüfung ab, in der die Beziehung und die Fertigkeiten von Hundeführer und Hund auf Herz und Nieren geprüft werden. Nur wer es schafft, mit seinem Hund eine echte Einheit zu bilden, und gleichzeitig offen ist, für seinen tierischen Begleiter alles zu geben, darf am Ende dieser Prüfung seinen Dienst als Teil eines neuen Hundeteams antreten. Die Mitnahme eines Diensthundes ist in der Einsatzplanung immer vorgesehen, wobei letztendlich der Hundeführer entscheidet, ob er den Hund losschickt oder nicht. Hier müssen vorher von der Einsatzleitung die rechtlichen Rahmenbedingungen geprüft werden. Die Aufgabe des Hundes ist ein zielgerichteter, lautloser Angriff auf den Täter, ohne sich ablenken zu lassen.

Personenschutz Die Ausbildung zum Personenschützer ist Teil der sechsmonatigen Grundausbildung. Aufbauend auf den Fähigkeiten, die in der Grundausbildung vermittelt werden, ist eine mehrwöchige spezielle Personenschutzausbildung zu absolvieren. Jeder Einsatzbeamte hat sich im Regelbetrieb neben seiner vorgeschriebenen Schwerpunktausbildung, in der die Inhalte aus der Grundausbildung verfestigt und ausgebaut werden, mehrmals im Jahr einer eintägigen Personenschutz-Weiterbildung zu unterziehen. Zusätzlich ist ein spezielles Personenschutz-Fahrtraining zu absolvieren. Die Ausbildungsqualität und auch -quantität ist im internationalen Vergleich adäquat. Eine Besonderheit des Personenschutzdienstes beim EKO Cobra stellt die ständige Verfügbarkeit dar. Die Beamten sind an allen Standorten jederzeit einsatzbereit und können Schutzpersonen über längere Zeiträume begleiten. Das EKO Cobra ist eine Einheit, die den Personenschutzdienst leitbildkonform leistet. In diesem Leitbild, das vom

EKO Cobra formuliert wurde, werden die Philosophie und die Werte des Personenschutzes beim EKO Cobra dargestellt. Dieses Leitbild stellt die Grundsätze des Handelns dar und macht Ausbildung, Ziele und Aufgaben im Personenschutz klar und transparent. Das ist in diesem sensiblen Bereich von enormer Bedeutung. Das EKO Cobra legt besonders großen Wert auf den Austausch und die Zusammenarbeit mit internationalen Personenschutzdiensten, damit die Taktiken in gemeinsamen Einsätzen kompatibel sind. Dies ist vor allem bei Auslandseinsätzen und bei Besuchen von ausländischen Gästen in Österreich von Bedeutung, denn hier arbeiten öfters „gemischte“ Teams miteinander. Es bestehen Mitgliedschaften beim European Network of People Protecting Forces (ENPPF) – mit regelmäßigen halbjährlichen Konferenzen und Workshops – sowie bei der Association of People Protecting Services (APPS), in der weltweit 68 staatliche Personenschutzorganisationen aus 60 Ländern verbunden sind. Bei der APPS werden Koordinationskonferenzen und diverse Ausbildungen und Workshops abgehalten. Darüber hinaus besteht seit 2015 eine Mitgliedschaft beim europäischen Black Griffin-Projekt. Unter der Führung der holländischen und deutschen Spezialeinheiten werden Standards im Personen- und Objektschutz in Krisenregionen erarbeitet. Die Taktiken des EKO Cobra sind hier kompatibel und es besteht auch ein sehr hoher Anerkennungsgrad bei fremden Einheiten hinsichtlich der Leistungen des EKO Cobra im Personenschutzdienst.

Seiltechnik Diese Spezialverwendung umfasst Seiltechnik, Alpinwesen und „Flugbeobachter für sicherheitspolizeiliche Sondereinsätze (FBS)“. Seit einigen Jahren gibt es beim EKO Cobra die „Taktische Ausbildung im unwegsamen Gelände“ (TAUG). Im Zuge der TAUG-Schulung muss jeder Einsatzbeamte einige Stunden pro Jahr in die Ausund Fortbildung investieren. Der Fokus dieser Ausbildung liegt auf Tarnen und Bewegen im Gelände sowie Orientie-


Einsatzkommando „Cobra“

rungskunde mit Karten oder technischen Hilfsmitteln wie GPS-Geräten oder Kompass. Bei der Basisausbildung in Seiltechnik wird unter anderem am Trainingsturm am Cobra-Gelände trainiert. Der 20 m hohe Turm mit sechs Etagen dient als Übungsobjekt in seiltechnischen und taktischen Belangen. Seiltechniker sind Spezialisten auf dem Gebiet der Knotenkunde, beherrschen verschiedene Abseilmethoden, Standplatzbau und Bergetechniken. Am Turm wird besonders an Teamwork, Konzentrationsfähigkeit, Kraft und Ausdauer gearbeitet. Für den Einsatz bei schwierigen Lagebildern muss die einsatztaktische Seiltechnik erlernt werden. Dazu gehören Eindringtools und verschiedene Ausrüstungen je nach Einsatzlage. Um speziell erhöhte Gefährdungslagen bewältigen zu können, wurde Anfang der 1980er-Jahre mit den damals zur Verfügung stehenden Hubschraubern der Flugpolizei (Jet Ranger Bell 206B und später auch Airbus Écureuil) ein Ausbildungs- und Einsatzkonzept für das EKO Cobra erstellt. Aus diesem Konzept entwickelte sich der „Flugbeobachter für sicherheitspolizeiliche Sondereinsätze (FBS)“. Seit 2008 stehen dem EKO Cobra/DSE auch die Eurocopter 135 zur Verfügung. Der FBS deckt neben grundsätzlichen Tätigkeiten wie Einweisen des Hubschraubers, Navigieren, Funk usw. auch folgende Verfahren ab: • Mitwirkung bei Fahndungsflügen • Anhalten von Fahrzeugen und Personen • taktische Sicherung von Kollegen aus der Luft • taktisches Abseilen • Gefangenentransporte • Bergeseilflüge (außer Alpinbergungen). Beim EKO Cobra/DSE sind derzeit ca. 120 Beamte als Flugbeobachter für sicherheitspolizeiliche Sondereinsätze ausgebildet. Sie unterstützen Polizisten auf lokaler und regionaler Ebene, unter anderem bei Naturkatastrophen (Hochwasser, Lawinenabgänge usw.).

Des Weiteren gibt es derzeit beim EKO Cobra/DSE ca. 35 Personen, die für den taktischen Einsatz im alpinen bis hochalpinen Gelände ausgebildet sind. Elf davon sind ausgebildete Polizeibergführer. Die Ausbildung wird der Jahreszeit und den Witterungsbedingungen entsprechend angepasst (Skitouren, Klettern, Orientierung usw.).

Air Marshals Seit 1981 schützen verdeckt operierende EKO CobraBedienstete Passagierflüge österreichischer Fluglinien. In den Monaten nach dem 11. September 2001 stiegen die Einsätze der Air Marshals rasant an. Bis heute gilt das EKO Cobra als einzige Antiterror-Einheit der Welt, die eine Flugzeugentführung noch in der Luft beenden konnte. Die Air-Marshal-Tätigkeit verlangt einen hohen Ausbildungsstand der eingesetzten Polizistinnen und Polizisten. Sehr

Schnelligkeit und Präzision: Vier CobraOperator beim Schießtraining.

viel Wert wird auf Nahkampftechniken gelegt. Das fordernde Training findet im eigens dafür gebauten Air-Mar­ shal-Trainingszentrum im Areal des EKO Cobra in Wiener Neustadt statt. Die vorhandene Ausbildungsinfrastruktur (u. a. Flugzeugnachbauten und interaktive Raumschießanlage) wurde für den Zweck der Air-Marshal-Ausbildung konzipiert und ist international absolut wettbewerbsfähig. Auch die Schulungen der Abschiebepool-Beamtinnen und -Beamten werden hier durchgeführt. Das EKO Cobra-Air-Marshal-Programm ist neben denen der Schweiz und Israels eines der ältesten Programme weltweit und hoch angesehen. Dadurch konnte ein sehr gut funktionierendes Netzwerk im Bereich der 85


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Airlines, internationaler Behörden und Ansprechpartner aufgebaut werden. Das Kernpersonal im Fachbereich Air Marshal und Abschiebungen beim EKO Cobra hat durch die langjährige Spezialisierung, die internationale, laufende Zusammenarbeit und die stetige Weiterentwicklung ein hohes Ansehen im Air-Marshal-Verbund und wird daher als Partner in der internationalen Kooperation geschätzt. Das österreichische Air-Marshal-Programm ist im Rahmen des Air-Marshal-Verbunds IIFSOC (International In-Flight Security Officer Committee) weltweit vernetzt. Das EKO Cobra ist als Gründungsmitglied im Lenkungsausschuss verankert. Ziel des Air-Marshal-Verbunds ist die gegenseitige Unterstützung sowie internationale Zusammenarbeit gegen terroristische Bedrohungen in der Zivilluftfahrt. Bei Trainerworkshops und jährlichen Konferenzen werden Erfahrungen ausgetauscht und Lösungsansätze für mögliche Bedrohungen erarbeitet. Auch technische Entwicklungen werden dabei diskutiert.

Spezialeinsatztechnik und Drohnen Seit 2020 gibt es innerhalb des EKO Cobra/DSE einen eigenen Fachbereich, der sich mit dem Einsatz und der Abwehr von Drohnen beschäftigt. Spezialtechniker sind bundesweit bei Einsätzen für die Herstellung von Satellitenkom-

munikation, Unterstützung der Zugriffsteams mit Robotern und unbemannten Luftfahrzeugen (Unmanned Aerial Vehicle, UAV) aller Art, Aufbau von Abhöranlagen und Videoübertragungen und Radarsystemen und anderen Sensoren zur Personendetektion innerhalb von Gebäuden und im freien Feld zuständig. Bei Hochrisikoeinsätzen führen die Techniker Öffnungen von Türen, Fenstern und Wänden mittels Öffnungstechnik durch. Ein weiteres Aufgabenfeld ist die Drohnenabwehr im Rahmen von Staatsbesuchen oder sensiblen Veranstaltungen. Mit einigen technischen Entwicklungen wie zum Beispiel einem Teamtracking-, einem Air Marshal-Kommunikations- oder einem Sniper Control System waren EKO Cobra-Techniker Vorreiter für dieses Spezialequipment. Die Ausbildung für diese Spezialverwendung dauert ca. zwei Monate und erfolgt in mehreren Stufen. Zuerst wird ein Öffnungstechnik-Kurs absolviert, danach die Berechtigung zum Einsatz- und Metallsprenger erworben. Parallel dazu erfolgt die Ausbildung an sämtlichem technischem Einsatzequipment der Fachbereiche Einsatztechnik und UAVNutzung und -Abwehr und die Ausbildung zum UAV-Piloten für Sonderlagen. Techniker des EKO Cobra übernahmen im Jahr 2015 im ATLAS-Netzwerk die Leitung der technischen Kompetenzgruppe. Die exzellente Vernetzung mit anderen europäischen

Spezialeinheiten gewährleistet den notwendigen Wissens- und Erfahrungsaustausch in diesem sich rasch entwickelnden Techniksegment.

Internationale Wettkämpfe Alle vier Jahre wird die Combat Team Conference (CTC) von der GSG 9 in Sankt Augustin bei Bonn organisiert. Sie gilt als weltweit bedeutendste Veranstaltung für polizeiliche und militärische Antiterror-Einheiten. Ein Sieg bei der CTC ist mit sehr hohem Prestige verbunden. 1999 trat das GEK erstmals mit dem neuen Wettkampfteam in Sankt Augustin an. 2003 und 2015 ging das EKO Cobra bei der CTC als Gesamtsieger hervor. 2015 reisten 43 Mannschaften mit rund 350 Teilnehmenden an. 17 Teams kamen aus Deutschland, 26 aus dem Ausland, darunter Einheiten aus Japan, Thailand, Hongkong, Brasilien und Kolumbien. Nach Siegen bei Spezialeinheiten-Wettkämpfen wie in Zürich (2008), in Györ (2010), in Jordanien (2011) oder im schweizerischen Neuchâtel (2014) und anderen Spitzenplatzierungen in Deutschland sowie den Niederlanden hat der Sieg des Cobra-Wettkampfteams bei der CTC 2015 das internationale Interesse am EKO Cobra weiter gestärkt.

Einsatzkommando Cobra/ Direktion für Spezialeinheiten (EKO Cobra/DSE) Land: Österreich Gründungsjahr: 1978

Cobra-Operator mit Sturmgewehr Steyr Mannlicher AUG, Kaliber .300 BLK. 88

Beitritt ATLAS-Verbund: 2001 Homepage: www.bmi.gv.at



C . L I P PAY

DER ATLASVERBUND Der ATLAS-Verbund ist die europäische Antwort auf Gewaltkriminalität und Terrorismus. 38 polizeiliche Spezialeinheiten aus insgesamt 31 Ländern gehören diesem Netzwerk an, das im Jahr 2001 unter dem Leitspruch „All together to protect you“ gegründet wurde. Das Buch bietet zum einen eine exklusive und umfassende Übersicht über den ATLAS-Verbund, seine Geschichte, Organisation und Aktivitäten. Zum anderen stellt es alle beteiligten Einheiten ­detailliert vor, von ihren Anfängen bis heute, mit Blick auf ihre Ausbildung, Ausrüstung und spektakulärsten Einsätze. Zahlreiche, größtenteils unveröffentlichte Fotos vermitteln authentische und faszinierende Einblicke in die Arbeit der Antiterror-Experten. Die hochwertige und großformatige Aufmachung mit Bildbandcharakter bringt die Aufnahmen besonders zur Geltung. Mit Unterstützung von ATLAS, allen Einheiten sowie Europol ist ein einzigartiges Sachbuch mit Informationen aus erster Hand entstanden, in dem diese europäische Erfolgsgeschichte bei der Kriminalitäts- und Terrorismusbekämpfung vor Augen geführt wird.

ISBN 978-3-96461-049-2

www.skverlag.de

DER ATLAS-VERBUND

Europas Spezialeinheiten gegen Terror und Gewaltkriminalität

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