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SCHWERPUNKT:  Sachmedien STANDPUNKT: Bücher für «Tweens»

DIE ZEITSCHRIFT DES SCHWEIZERISCHEN INSTITUTS FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIEN

SCHWEIZER KINDER- UND JUGENDBUCHPREIS: Die Shortlist ist da

BUCH & MAUS 1/20


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EDITORIAL / INHALT

Liebe Leserinnen und Leser

INHALT SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

Wer heute etwas wissen will, kann sich im Internet aus einer überwältigenden Fülle an Informationen zu jedem x-beliebigen Thema bedienen: Die Antwort auf die Frage, wie gross

Individuelle Kunstwerke: die neuen Sachbücher

eine rote Waldameise wird, worin das Aufgabenprofil einer Ar-

Die Pitschis und Fredericks unter den Sachbüchern

beitsbiene besteht oder wann das lateinische Alphabet erfun-

ANDREA LÜTHI

den wurde, ist heute stets nur einen Klick entfernt. Doch auch wenn das Sachbuch seine Funktion als Nachschlagewerk

2

ELISABETH EGGENBERGER

Umwelt und Klima: Die Kinder sollen’s richten

6

8

CHRISTINE TRESCH

weitgehend an das World Wide Web abgetreten hat, tut das seiner Popularität keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Die Nachfrage nach individuell gestalteten, innovativ illustrierten BUCH & MAUS 1/2020

und gut erzählten Werken für Kinder und Jugendliche steigt beständig. Wir beleuchten in unserem Schwerpunkt Entwicklungen

Das Lesen von Sachtexten verlangt nach Begleitung

«Autorschaft ist heute ein Überlebensfaktor» – Interview mit Ninon Ammann, Roland Hausheer und Markus Roost

Bäume, Bibel, Bräuche – Schweizer Sachbücher

Sachbuchmarkts für junge LeserInnen und sprechen mit Non-

KARIN SCHNEUWLY

tuellen visuellen Wissensvermittlung. Ausserdem fragen wir

13

MANUELA KALBERMATTEN

und Trends und thematische wie ästhetische Facetten des fiction-IllustratorInnen über die Herausforderungen einer ak-

11

HANSJAKOB SCHNEIDER

Gelebte Geschichte(n)

16

18

NORA JÄGGI

danach, welche «Sachbuchklassiker» bis heute gern gelesen und betrachtet werden; wie sich die reichhaltige Schweizer Sachbuchlandschaft von der Bibel bis zum Brauchtum auch

Geschichte spielen – Historisches in Games

über unkonventionelle Themen erstreckt, und welche Kompe-

STANDPUNKT

tenzen die Lektüre eines Sachtexts erfordert. Schliesslich er-

Bücher für «Tweens»

kunden wir, wie Sachcomics über spannende Biografien und

22

ANDREA DUPHORN

Computerspiele anhand detailliert inszenierter historischer

AUS DEN SEITEN GEHÜPFT

Settings Geschichte(n) vermitteln.

Hier erobern Kinder die Tiefdruckpresse

Wir wünschen Ihnen eine informative und erhellende Lek-

20

BENJAMIN BEIL

23

SARAH EGGEL

türe und einen schönen Frühling mit vielen bereichernden Le-

PANORAMA SCHWEIZ

seerlebnissen fiktionaler wie nicht-fiktionaler Natur.

Fünf Kunstwerke stehen auf der Shortlist

24

CHRISTINE LÖTSCHER

Elisabeth Eggenberger und Manuela Kalbermatten

NEUERSCHEINUNGEN

Redaktorinnen Buch & Maus

Bilderbücher Kinderbücher Jugendbücher Sachbücher Comic

26 29 33 37 37

GETROFFEN AM SIKJM AUS DEM INSTITUT / INFOS VERZEICHNIS / IMPRESSUM / AGENDA

38 38 40

TITELBILD AUS: ANETE MELECE: DER KIOSK. © 2020 ATLANTIS / ORELL FÜSSLI, ZÜRICH. © 2019 BY ANETE MELECE. SIEHE S. 27.


2

SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

INDIVIDUELLE KUNSTWERKE:  DIE NEUEN SACHBÜCHER

Als vor über elf Jahren in Buch & Maus 3/08 Jochen Weber von

Originalreihe, die sich an Kinder ab acht Jahren richtet. Auch

der Internationalen Jugendbibliothek in München den Sach-

bei Ravensburger soll «Wieso? Weshalb? Warum?» mit gefälli-

buchmarkt für Kinder beschrieb, formulierte er, was in seinen

gen Illustrationen und alltagsnahen Themen neu Vier- bis Sie-

Augen dringend not tat: «Eine möglichst grosse Bandbreite

benjährige ansprechen, während die «junior»-Reihe sich mit

und keine Beschränkung auf einige ständig wiederkehrende

Pappbüchern an Kleinere und die «ProfiWissen»-Edition an

Themen. Nicht nur die altbekannten Top Ten wie Ritter oder

Ältere richtet.

Vulkane, von denen wir glauben, dass junge Menschen sich

Neben diesen – wohl auch durch die Anpassung der Ziel-

dafür interessieren oder interessieren sollten. Weniger Kanon.

gruppe nach unten – nach wie vor sehr starken Reihen fällt

Mehr Vielfalt.» Und: «Sachbücher sind Literatur, keine Ge-

aber die grosse Zahl von Einzelwerken im Sachbereich auf.

brauchsliteratur. Die Verlage sollten gerade diesen Aspekt be-

Während etwa der Gerstenberg-Verlag vor einigen Jahren die

tonen und sich auf die Stärken, Qualitäten und Möglichkeiten

Reihe «Sehen Staunen Wissen» (deutsche Übersetzungen

des Mediums Sachbuch besinnen.»

einer englischen Reihe aus dem Dorling Kindersley Verlag) aufgab, publiziert er heute einzelne Werke, die jedes ein eige-

Vom Serienformat zum individuellen Kunstwerk

nes Konzept, oft sehr vom Illustrativen aus gedacht, präsentieren. Was diese Bücher ausmacht, zeigt ein schneller

Es scheint, als seien seine Wünsche gehört worden: Heute ist

Vergleich. 1993 ist in der Reihe «Sehen Staunen Wissen» das

der Sachbuchmarkt für Kinder und Jugendliche thematisch

Buch «Schrift. Von den ersten Bilderschriften bis zum Buch-

äusserst vielfältig, gestalterisch innovativ und dazu erfolg-

druck» erschienen. Dem Reihenkonzept entsprechend, wird

reich. Der «Branchenmonitor Buch» des Deutschen Börsenver-

darin ein Thema auf ein bis zwei Doppelseiten behandelt,

eins spricht eine deutliche Sprache: 2019 machte das

etwa «Ägyptische Schrift», «Ein mittelalterlicher Psalter» oder

Sachbuch und Sachbilderbuch ein Umsatzplus von 8.5 % ge-

«Schreibmaschinen». Der Bildanteil ist gross und besteht aus-

genüber dem Vorjahr – das ist deutlich mehr als die ganze Wa-

schliesslich aus kleineren Fotos (bzw. abfotografierten Wer-

rengruppe Kinderbuch, die ein Plus von 4.6 % verzeichnen

ken), die auf den Seiten begleitet werden von ganz kurzen

konnte. Ähnlich sah es in den Vorjahren aus. Das Sachbuch für

«Texthäppchen», die jeweils übertitelt sind. Pro Kapitel gibt es

Kinder konnte kontinuierlich zulegen, und zwar mehr als das

daneben einen Einführungstext. Das Buch wird mit einem In-

Kinderbuch insgesamt. Woran liegt das? Und was zeichnet

haltsverzeichnis eingeleitet und endet mit einem Register

den deutschsprachigen Sachbuchmarkt für junge LeserInnen

und Bildnachweisen. Die leicht zugängliche Bildlichkeit und

heute aus?

die aussagekräftigen Titel erleichtern die Orientierung.

Wer an Kindersachbücher denkt, denkt auch heute noch

2019, also 26 Jahre später, hat Gerstenberg wieder ein Sach-

oft zuerst an Reihen. Die beliebten Reihenkonzepte – vorne-

buch zum Thema Schrift im Programm. Es ist Vitali Konstanti-

weg «Wieso? Weshalb? Warum?» von Ravensburger und «Was

novs «Es steht geschrieben. Von der Keilschrift zum Emoji».

ist was» von Tessloff – sind nach wie vor stark aufgestellt. Der

Schon auf dem Cover fällt die Präsenz des Autorennamens

Wiedererkennungswert durch die Reihengestaltung ist gross,

auf, der im Beispiel von 1993 nur im Kleingedruckten er-

das Doppelseitenkonzept gut bekannt. 73 Bände sind in der –

scheint. Das Buch ist ein Autorenwerk – oder eher: ein Illustra-

vor wenigen Jahren neu gestalteten – «Was ist was»-Reihe

torenwerk. Nicht das Foto und auch nicht der Text stehen hier

heute lieferbar. Das Buchprogramm wurde nach Altersgrup-

im Zentrum, sondern das ganze Buch ist von den Illustratio-

pen diversifiziert mit eigenen «Was ist was»-Reihen für Kin-

nen her gedacht. Öffnet man das – grossformatige – Buch, fin-

dergartenkinder und ErstleserInnen neben der eigentlichen

det

man

sich

in

einem

in

ungleichmässigen

Panels

BUCH & MAUS 1/ 2020

Sie heissen «Alle Welt», «Es steht geschrieben», «Wanderungen» oder «Das Museum der Tiere». Sie sind grossformatig, aufwändig gestaltet und liebevoll illustriert. Sie stehen in Museumsshops und in Einrichtungsboutiquen, zieren Kinderzimmer auf Instagram-Accounts und bescheren dem Buchhandel in einer schwierigen Zeit steigende Umsätze: Eine neue Garde von Kindersachbüchern ist auf Erfolgskurs. VON ELISABETH EGGENBERGER


ILLUSTRATION UND TEXT: VITALI KONSTANTINOV AUS: «ES STEHT GESCHRIEBEN». © 2019 GERSTENBERG.

3

BUCH & MAUS 1/ 2020

Vitali Konstantinovs «Es steht geschrieben» fasziniert durch die Fülle höchst kreativ und eigensinnig umgesetzter Informationen.

aufgeteilten Layout wieder. Durch das ganze Werk wird ein vi-

häppchenweise präsentiert. Dass es eine ganz eigene und

suelles Konzept beibehalten, nämlich die comicartige Gestal-

nicht zu unterschätzende Kompetenz braucht, die schiere

tung in schwarz und rot und ganz ausgewählten weiteren

Menge an Text- und Bildinformationen zu sichten und zu be-

(Buntstift-)Farben. Die gedämpfte Farbigkeit steht im Kontrast

urteilen, ist ein anderes – und wichtiges! – Thema. Doch Fakt

zu den Farbfotos im älteren Buch. Auch hier sind die LeserIn-

ist: Allein mit guten Fotos lockt ein Buch kein Kind hinter dem

nen aber aufgefordert, sich die Informationen aus Text und

Smartphone hervor. Eine Rückbesinnung auf die Alleinstel-

Bild zu erschliessen, wobei sie eine Mehrarbeit leisten müs-

lungsmerkmale des Buches ist daher kein Zufall. Was kann

sen. Zwar ist das Buch auch bei Konstantinov in Kapitel aufge-

das Buch, was der Bildschirm nicht bereitstellen kann? Es ist

teilt und diese wiederum behandeln meist ein – betiteltes –

dies seine Materialität. Das Buch punktet mit grossem Format,

Thema pro Seite oder Doppelseite. Doch weitere Titel fehlen in

wertiger

der Regel, die Texthäppchen sind zudem in der Textsorte nicht

und/oder literaturästhetischen Anspruch. Kurz – es sind schö-

einheitlich, sondern zeigen mal als Sprechblasen den Teil

ne Bücher, die man gerne in die Hände nimmt. Sie wecken

einer Geschichte oder Anekdote, von der jeweils nur eine

durch die kreative Umsetzung Interesse an einem Thema, ver-

Szene in Text und Bild angetönt wird, mal sind es erläuternde

führen zum Blättern und Lesen.

Gestaltung

und

einem

hohen

künstlerischen

Sachtexte, Beispiele oder Legenden zu Illustrationen. Das Werk fasziniert, es zieht durch die Fülle an kreativ umgesetz-

Politiker und Pilze, Lebensmittel und Leuchttürme

ter Information in den Bann, und es nähert sich seinem Thema auch auf einer weiteren Ebene, indem die Schriften als

Am Anfang steht nicht mehr unbedingt das Kind oder der/die

Gestaltungselement eingesetzt werden. Die Lust des Illustra-

Jugendliche mit einem Rechercheauftrag oder mit Fragen zu

tors und Autors an der gestalterischen, kreativen Umsetzung

Vulkanen oder dem Leben im Mittelalter, sondern die lustvolle

des Themas springt einem aus jeder Seite entgegen.

Neugier, sich dem attraktiven Buch zu widmen und dabei

Was ist in den Jahren zwischen den zwei Büchern gesche-

ganz nebenbei eine Menge nützlicher und unnützer Fakten

hen? Das, was im Buch «Schrift» von 1993 in der Reihenwer-

mitzubekommen. Aktuelle Sachbücher behandeln Themen

bung noch als «brillante Farbaufnahmen» angepriesen wurde,

von Moore bis Menstruation, von Pilze bis Politik, von Lebens-

ist heute kein Verkaufsargument mehr. Wer gute Bilder eines

mittel bis Leuchttürme. Auch unbekanntere und für Kinder

mittelalterlichen Psalters oder verschiedener Schreibmaschi-

und Jugendliche nicht auf den ersten Blick zugängliche und

nentypen haben möchte, findet diese per Klick im Internet

attraktive Sachbereiche werden ansprechend aufbereitet.

tausendfach. Schon PrimarschülerInnen können das Internet

Solche Sachbilderbücher, in einer grossen thematischen

für ihre Recherchen nutzen und finden Bilder, Videos, Töne

Vielfalt mit je ganz eigenem Konzept und stark von den Illus-

und ja, auch Texte. Die Informationen werden dabei ebenfalls

tratorInnen geprägt, sehen wir zurzeit viele auf dem Markt.


4

© 2019 GERSTENBERG.

Mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis belohnt wurde etwa

Barmann (Aladin 2015/18). In vielen dieser Werke treten die Il-

«Bienen» von Piotr Socha, von dem inzwischen auch «Bäume»

lustratorInnen auch als AutorInnen auf: Sie haben ein Kon-

vorliegt (Gerstenberg 2016/18).

zept und tragen Fakten zusammen, die sie bildnerisch

Ähnlich aufwändig gestaltet und in ihrer Fülle an Informa-

umsetzen. Das Buch ist vom Bild her gedacht. Nicht mehr der

tion und kreativer, sprühender Lust an Farbe und wilder Ge-

Verlag steht für die Konzeptarbeit, kein Experte für die Darle-

staltung fast überwältigend sind die Sachbücher zu Pilzen und

gung der Fakten, sondern das Lektorat einer Fachperson wird

Eiern der – wie Socha – polnischen Illustratorin Asia Gwis

– im besseren Fall – in einem zweiten Schritt noch beibezogen.

(Knesebeck-Verlag 2019/20). Doch auch einheimische Bei-

Die ästhetische Erscheinung dieser Bücher dürfte auch ein

spiele gibt es: etwa Ninon Ammanns Sachbuch zu Schwäm-

wichtiger Verkaufsgrund sein. So erschliessen sie sich auch

men (Atlantis 2019, siehe das Interview auf S. 13), Mira Gysis

eher ungewöhnliche Vertriebswege und stehen in hippen Ein-

Bauernhof-Bilderbücher (NordSüd 2018/20) oder die etwas an-

richtungsläden oder in Shops von Kunstmuseen in den Rega-

ders kategorisierten Tier- und Pflanzenlexika von Adrienne

len. Ihr oft sehr grosses Format macht sie zu dekorativen

INSERAT

BUCH & MAUS 1/2020

«B Ä U M E ».

ILLUSTRATION: PIOTR SOCHA AUS:

Piotr Sochas Sachbilderbücher bestechen mit filigransten Illustrationen.


5

Von den Schwämmen zu den Sternen: Aktuelle Sachbücher widmen sich einer Vielfalt von Themen, die sie auf sehr individuelle Weise aufbereiten.

Elementen, zumal ihre Fülle an Information nicht nur Kinder,

eine Lektüre des ganzen Buches von vorne bis hinten das be-

sondern auch Erwachsene zum Staunen bringen kann.

friedigendste Leseerlebnis bietet – und möglicherweise einen

In eine andere und doch ähnliche Richtung gehen die erzählenden Sachbücher, die durch ihre literarischen Qualitäten

grösseren Erkenntnisgewinn und mehr Aha-Erlebnisse als eine kurze Internetrecherche.

BUCH & MAUS 1/ 2020

überzeugen und daneben eine Menge Sachwissen transpor-

Auch für viele Sachbilderbücher gilt: Oft fehlt Inhaltsver-

tieren. Auch sie richten sich nicht nur an ein junges Publikum,

zeichnis oder Register, um sich zügig orientieren zu können

lassen sich doch Erwachsene ebenfalls gerne in unterhalten-

und relevante Informationen zu finden. Für eine schnelle

der Art komplizierte Sachverhalte erklären. Und auch hier be-

Suche nach einer Antwort auf eine Frage bleibt den SchülerIn-

hauptet sich das Buch, weil es sich auf seine Stärken besinnt:

nen das Internet. Umso wichtiger, dass sie die Medienkompe-

in diesem Fall, mit einer längeren, gut erzählten Geschichte zu

tenz vermittelt bekommen, um die Antworten, die sie dort

fesseln. Der Chemiker, Philosoph und Autor Jens Soentgen

finden, einzuordnen und zu beurteilen. Die neuen Sachbücher

etwa erzählt in «Die Nebelspur» für Jugendliche von der Ent-

hingegen verführen zum Blättern und Lesen, ermöglichen ein

deckung atomarer Teilchen durch den schottischen Nobel-

tiefes Eintauchen in eine Materie, sei es durch faszinierende,

preisträger Charles Wilson. Darin wird nicht nur der Mensch

ungewohnte Darstellungen oder eine mitreissende, gut ver-

Wilson in all seinen Facetten lebendig, der Autor setzt Wilsons

ständliche Erzählstimme. So gelingt es ihnen auch, Themen

Erfindung der Nebelkammer auch in eine Beziehung zur

nahezubringen, die nicht als erstes auf der Interessensliste

schottischen Kulturgeschichte und schafft es nicht zuletzt mit

von Kindern stehen. Sachbücher sollen und dürfen Spass ma-

viel Humor, wie nebenbei physikalische Sachverhalte rund

chen. Dennoch müssen sie auch sachlichen Kriterien stand-

um Elektronen und ionisierte Strahlung zu erklären.

halten: Ist vermerkt, wer für die fachliche Beratung zuständig war? Gibt es Angaben dazu, wo online oder in anderen Bü-

Von der Recherche zum Leseerlebnis

chern qualitativ hochwertige weiterführende Informationen gefunden werden können? Werden faszinierende Fakten nicht

Ähnlich, aber mit einem etwas jüngeren Zielpublikum, weiss

nur wiedergegeben, sondern auch der Weg zur wissenschaftli-

auch Johan Olsen die LeserInnen mit einem komplexen wis-

chen Erkenntnis erklärt, allfällige Zweifel diskutiert und auch

senschaftlichen Thema bei Stange zu halten: In «Warum gibt

klar gemacht, was nicht bekannt ist? Werden Begriffe einge-

es uns? Die Entwicklung des Lebens vom Urknall bis zu dir»

führt und definiert statt vorausgesetzt? Wenn dies gewähr-

erzählt er in lockerem, witzigem und plauderndem Ton, gut

leistet ist, kann sich das Sachbuch für Kinder und Jugendliche

verständlich und unterlegt mit vielen Bezügen zur kindlichen

– ob künstlerisch gestaltet oder fesselnd erzählt – gegen an-

Lebenswelt die Geschichte vom Leben auf der Erde. Die Gestal-

dere Medien behaupten: dank seiner ganz eigenen Qualitäten.

tung ist wie bei Soentgen bewusst ruhig gehalten, die Illustrationen zurückhaltend eingesetzt, der Text steht im Zentrum.

LITERATUR

Der Erzähler ist sehr präsent, nimmt die Lesenden «bei der Hand» und führt sie in das Thema ein. Begriffe werden erklärt und definiert, bevor sie wieder verwendet werden. Sachver-

VITALI KONSTANTINOV Es steht geschrieben. Von der Keilschrift zum Emoji

Hildesheim: Gerstenberg 2019. 72 S., ca. Fr. 32.00

halte werden in grössere Zusammenhänge gesetzt und ihre Wichtigkeit so unterstrichen. Für eine schnelle Recherche sind diese Sachbücher nicht geeignet. Immerhin wartet «Warum gibt es uns?» mit einem

JENS SOENTGEN Die Nebelspur. Wie Charles Wilson den Weg zu den Atomen fand

Mit Bildern von Vitali Konstantinov. Wuppertal: Peter Hammer 2019. 116 S., ca. Fr. 29.00

kleinteiligen Inhaltsverzeichnis und aussagekräftigen Titeln auf, so dass ein bestimmtes Kapitel ausfindig gemacht und gelesen werden kann. Doch der Text ist aufbauend gestaltet und oft wird auf früher erklärte Konzepte verwiesen, weshalb

JOHAN OLSEN Warum gibt es uns? Die Entwicklung des Lebens vom Urknall bis zu dir

Mit Bildern von Lara Paulussen. Aus dem Dänischen von Inge Wehrmann. Weinheim: Beltz & Gelberg 2019. 141 S., ca. Fr. 24.00


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SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

DIE PITSCHIS UND FREDERICKS UNTER DEN SACHBÜCHERN «Pitschi», «Schellen-Ursli», «Frederick» – die meisten können auf Anhieb Bilderbuchklassiker aufzählen, ohne über die Definition des Begriffs nachzudenken. Die wenigsten aber werden dabei an ein Sachbilderbuch denken. Gibt es auch Sachbilderbuchklassiker? Und wenn ja – was zeichnet diese Werke aus? VON ANDREA LÜTHI* Zum Begriff des Kinderbuchklassikers gibt es in der Wissen-

schichte und Bilder Empathie wecken. Das ist kaum der Fall

schaft unterschiedliche Positionen: Kriterien der einen Grup-

bei einem Buch aus einer Reihe, das vor allem die Abläufe in

pe von ForscherInnen sind Langlebigkeit und Popularität;

verschiedenen Spitalräumen wiedergibt und das im gleichen

andere heben die Vorbildfunktion des Buches und seine litera-

Stil gestaltet ist wie Bücher über Dinosaurier oder Fahrzeuge.

rische oder ästhetische Qualität hervor. Die Literaturwissenschaftlerin Bettina Kümmerling-Meibauer hat in ihrem Werk

Wie wichtig ist Aktualität?

(2003) die verschiedenen Ansätze erläutert und eine Verbin-

Die Geschichte, Elisabeths Empfinden und die Figurenbezie-

dung vorgeschlagen, die hilft, den reinen Bestseller vom Klas-

hungen in «Elisabeth wird gesund» sind zeitlos. Da aber bei

siker zu unterscheiden, selbst wenn die Grenzen unscharf

Sachbilderbüchern die Wissensvermittlung zentral ist, ist Ak-

bleiben. Obwohl das Sachbuch aus der Klassikerdiskussion

tualität ein wichtiger Aspekt. Die technische Ausstattung des

bisher weitgehend ausgespart wurde, lohnt es sich, darüber

Spitals sowie Bekleidung und Bezeichnung der Pflegefach-

nachzudenken, warum gewisse Sachbilderbücher über Jahr-

leute hatten sich durch die Jahrzehnte gewandelt. Deshalb ge-

zehnte hinweg bei Publikum und Fachwelt erfolgreich sind.

staltete Blass 2004 ihre Bilder neu. Weber redigierte den Text; erneut tat er dies für die Neuauflage 2013. So taucht neu etwa

Empathie wecken

ein Spitalclown auf, und auch der Alltag ausserhalb des Spitals wurde modernisiert: Im Kindergarten, den die jünger ge-

Wir schauen in ein Klassenzimmer. Alle Kinder nehmen leb-

machte Elisabeth nun besucht, gibt es mehr Diversität, und

haft am Unterricht teil, nur ein Mädchen nicht. Es ist blass,

der Vater besucht sein Töchterchen nun ebenfalls im Spital.

stützt den Kopf auf das Pult und hält sich den Bauch. Viele

Ein weiteres Beispiel für solche Anpassungen ist das Sach-

Kinder haben in den 1970er- und -80er-Jahren mit Elisabeth

bilderbuch «Der Ernst des Lebens» (Thienemann). Es bereitet

gelitten, die wegen einer Blinddarmentzündung ins Spital

Kinder auf den Schulanfang vor und findet sich auch als Mini-

muss. Das Bilderbuch «Elisabeth wird gesund», geschrieben

ausgabe in deutschen Schultüten. Das 1993 von Sabine Jörg

von Alfons Weber, illustriert von Jacqueline Blass, erschien

verfasste und von Ingrid Kellner illustrierte Buch sticht künst-

1969. Alfons Weber war Arzt und wollte den Kindern mit sei-

lerisch oder erzählerisch nicht aus Werken der Zeit hervor,

nem Buch die Angst vor dem Spitalbesuch nehmen. Fachlich

wird aber seit Jahren neu aufgelegt. 2015 erschien es zudem in

genau und dennoch verständlich gibt das Buch Einblick ins

einer Neuauflage mit Illustrationen von Antje Drescher. Die

Spital und die Abläufe. Vor allem aber erlebt das Kind in Bil-

Perspektiven sind gewagter, Figuren und Zeichenstrich unbe-

dern und Text mit, was Elisabeth fühlt, wie Spitalpersonal und

fangener. Die starren Bankreihen sind weg; die Kinder sitzen

Eltern das Mädchen begleiten. In der Neuauflage von 2013 (At-

in Gruppen zusammen und lesen am Boden. Neu begleiten

lantis) ist in einem rezeptionsgeschichtlichen Abriss zu lesen,

Mutter und Vater die Hauptfigur an ihrem ersten Schultag ge-

dass die Kombination aus Sachwissen und Nähe zu den Kin-

meinsam. Obwohl der Text derselbe ist, ändert sich die Wahr-

dern in den 1960er-Jahren Aufsehen erregte, weil sie neu war.

nehmung der Situationen durch die Illustrationen stark.

Dass das Bilderbuch vielen Kindern in Erinnerung geblieben

Sachbilderbücher zu Natur und Tieren dagegen altern the-

ist und sie das Leseerlebnis als Eltern an ihre eigenen Kinder

matisch weniger. Dennoch müssen Erzählweise und Illustrati-

weitergeben möchten, hat wohl auch damit zu tun, dass Ge-

onsstil auch heutige Kinder ansprechen. Das ist bei Anne

*ANDREA LÜTHI ist Literatur- und Filmwissenschaftlerin und war Lektorin

Möllers «Rotschwänzchen, was machst du hier im Schnee?»

in einem Bilderbuchverlag. Heute ist sie als Redaktorin, freie Lektorin und

(Atlantis 2003) der Fall. Zwar gibt es diverse Bilderbücher zum

Kinderbuchrezensentin tätig.

Überwintern von Tieren. Ähnlich wie «Elisabeth wird gesund»

BUCH & MAUS 1/ 2020

«Kinderliteratur, Kanonbildung und literarische Wertung»


BUCH & MAUS 1/ 2020

ILLUSTRATIONEN OBEN: JACQUELINE BLASS AUS: ALFONS WEBER / JACQUELINE BLASS: «ELISABETH WIRD GESUND». © 1969 EX LIBRIS UND 2013 ATLANTIS / UNTEN: IELA MARI AUS: «EIN BAUM GEHT DURCH DAS JAHR». © 1973 ELLERMANN UND 2007 MORITZ.

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Elisabeth muss 1969 und 2013 ins Spital – dazwischen hat sich in Text und Bild viel getan. Der Jahreskreislauf eines Baums ist dagegen viel zeitloser.

hebt sich dieses Sachbilderbuch aber hervor durch die Kombi-

mehrfach prämierte und vom Verlag als sein «bekanntestes

nation von wissenschaftlichen Fakten und einer berührenden

Buch» bezeichnete Werk zeigt Ausschnitte aus Kunstwerken,

Geschichte, wobei Möller die Natur auch von ihrer unerbittli-

alphabetisch geordnet von Adler über Erdbeere und Himmel

chen Seite zeigt. Wird das Rotschwänzchen, das nicht in den

bis Zylinder, und lenkt dabei den Blick auf Details. Indem es

Süden fliegt, den harten Winter überstehen? Möllers fachlich

auf Klassiker zurückgreift, sie aber auf neue, originelle Weise

präzise, detailreiche Bilder wecken nach wie vor die Neugier,

präsentiert, wurde es selbst zum Klassiker.

etwa für die verschiedenen Texturen von Pflanzen oder das

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es Themen wie

Leben unter der Erde. Die Illustratorin öffnet den Blick aufs

Natur oder Kunstgeschichte gibt, die vor allem in Bezug auf

Ganze, bettet den Vogel in seinen Lebensraum ein, lässt ihn

die Bildebene zeitloser sind als andere. Bei Sachbilderbü-

mit anderen Tieren interagieren und schafft so Stimmungen.

chern, die Kinder auf eine Situation vorbereiten sollen und ein bestimmtes Umfeld zeigen, ist Aktualität wichtiger. Deshalb

Einzigartige Stile mit Bestand

sind Anpassungen naheliegend, sofern sich das Buch über Jahrzehnte bewährt hat. Dass ein Sachbilderbuch in Erinne-

Das Bilderbuch «Ein Baum geht durch das Jahr» der italieni-

rung bleibt, kann damit zusammenhängen, dass es zur Er-

schen Grafikerin Iela Mari von 1973 (Ellermann; Moritz,

scheinungszeit überraschte und innovativ war – aufgrund

jüngste Auflage 2010) überzeugt noch heute durch seine grafi-

seines unverkennbaren Stils etwa, der Darstellung eines The-

sche Reduziertheit, die klaren Formen und Farben. Nur in Bil-

mas oder der Erzählweise. Sicher prägen sich Sachbilderbü-

dern erzählt es vom Jahreskreislauf eines Baums. Parallel

cher aber auch ein, wenn sie Emotionen auslösen. Werke, die

erlebt man in den poetischen Illustrationen, wie Pflanzen,

primär die technische Neugier befriedigen, das Gefühl fürs

Vögel und ein Siebenschläfer das Jahr verbringen. Mit dem

Ganze aber vernachlässigen und sich stilistisch nicht hervor-

Wechsel zum Frühling kommen Farben ins Bild; alles wird üp-

heben, sind wohl austauschbarer. Es lässt sich hingegen kaum

piger, bis die Farben wieder hin zur schwarz-weissen Winter-

eindeutig bestimmen, was Klassiker oder bewährtes, langlebi-

stimmung schwinden. Ein besonderer Fall, was Zeitlosigkeit

ges Werk ist. Ebenso offen bleibt die Frage, wer den Klassiker-

angeht, ist auch das 1994 erschienene Werk «Das kleine Mu-

status wie stark bestimmt: Literaturwissenschaft, Verlage,

seum» von Alain Le Saux und Grégoire Solotareff (Moritz): Das

Publikum, PädagogInnen oder Medien.


8

SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

Die Trendthemen auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt werden immer auch von der gesellschaftlichen Aktualität bestimmt. Vor wenigen Jahren veröffentlichte fast jeder Verlag Titel zum Komplex Flucht und Migration; seit dem letzten Sommer stapeln sich Bücher rund um den Klimawandel auf den Tischen von Buchhandlungen und RezensentInnen. Greta Thunberg und die «Fridays for Future»- und «Extinction Rebellion»-Bewegungen haben diese Entwicklung wesentlich befördert. Klima und Umweltzerstörung waren aber bereits nach 1968 wichtige Themen in der Kinder- und Jugendliteratur. Umweltzerstörung, atomare Bedrohung, Artensterben, Globalisierung und Bauboom sind nur einige Stichworte, die in fiktiven Texten und Sachbüchern seit damals aufgegriffen werden. Stellvertretend für viele andere Texte seien hier

Negieren und endlos verhandeln: PolitikerInnen reden, Kinder handeln.

Jörg Müllers Bildtafeln in «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft» von

Greta Thunberg hat denn auch den Boom an neuer Kinder-

1973 erwähnt, in denen der Illustrator die Verstädterung einer

und Jugendliteratur zum Thema wesentlich beeinflusst. «Vor-

Landschaft über 20 Jahre hinweg universell lesbar macht. Ein

bild Greta», titelte die «NZZ am Sonntag» zur Vorstellung von

Bilderbuch mit so viel verdichteter Gegenwartsproblematik

neuen Klimabüchern unlängst; die deutsche Wochenzeitung

hatte es bislang nicht gegeben. Wie ein Trojanisches Pferd

«Die Zeit» wiederum überschrieb einen entsprechenden Arti-

sollte es, so Müller retrospektiv in einem Interview mit SRF 2

kel mit «Schnell Geld verdienen mit Greta». Allein die unter

Kultur, in die Familien «eindringen», die Eltern aufschrecken

Gretas Namen erschienenen, die explizit über ihr Leben und

und die Kinder zum Nachfragen bewegen.

ihr politisches Programm verfassten oder aber die mit ihrem Konterfei werbenden Kinder- und Jugendbücher böten ausrei-

Der Greta-Effekt

chend Stoff für einen ganzen Artikel.

Der menschengemachte Klimawandel ist seit Jahrzehnten

Ökologische Gesten

wissenschaftlich belegt. Lange schon hätten politische EntscheidungsträgerInnen Zeit gehabt, Massnahmen für eine

Unter den vielen weiteren Neuerscheinungen zum Thema fal-

nachhaltige Klimapolitik zu treffen. Stattdessen wird verhan-

len vor allem diejenigen Titel auf, die mit Ratschlägen aufwar-

delt, umverteilt und negiert. Bis sich vor eineinhalb Jahren

ten, wie Kinder und Jugendliche die Welt verbessern, ja retten

eine 15-jährige Schülerin vor das schwedische Parlament

können. Titel wie «100 Dinge, die du für die Erde tun kannst»

stellte und einen wirksamen Klimaschutz einforderte. Dieses

(Schwager & Steinlein) und «50 kleine Revolutionen, mit de-

Mädchen begann ihre Peers, aber auch Erwachsene zu mobili-

nen du die Welt (ein bisschen) schöner machst» (dtv junior)

sieren und wurde rasch zur Symbolfigur – genauso wie zur ne-

oder auch «Das Bessermacher-Buch. 75 Ideen, mit denen du

gativen Projektionsfläche.

die Welt veränderst» (Coppenrath) verbindet ein Mix aus Hintergrundinfos und Tipps zum eigenen Handeln. Im franzö-

*CHRISTINE TRESCH ist am SIKJM in der Kulturarbeit und der Literalen

sischsprachigen Raum spricht man in diesem Kontext von

Förderung tätig.

«écogestes». Ökologische Gesten sind verführerisch, denn sie

BUCH & MAUS 1/ 2020

Die Klimakrise ist nicht nur eines der bestimmenden Themen in der öffentlichen Diskussion, sie schlägt sich auch auf dem Sachbuchmarkt für Kinder und Jugendliche nieder. Viele Bücher zur Stunde fordern die jungen LeserInnen auf, das Klima zu retten – und verlieren dabei das grosse Ganze aus dem Blick. VON CHRISTINE TRESCH*

ILLUSTRATION: STEPHANIE MARIAN AUS: KRISTINA SCHARMACHERSCHREIBER: «WIE VIEL WÄRMER IST 1 GRAD?» © 2019 BELTZ & GELBERG.

UMWELT UND KLIMA:  DIE KINDER SOLLEN’S RICHTEN


BUCH & MAUS 1/ 2020

ILLUSTRATION: WENDY PANDERS AUS: MARC TER HORST: «PALMEN AM NORDPOL». © 2020 GABRIEL.

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Ein Blick aufs Ganze statt Ökogesten: «Palmen am Nordpol» macht die grossen Zusammenhänge mit anschaulichen Bildern und Geschichten greifbar.

geben uns das Gefühl, etwas für die Umwelt getan zu haben

teln wichtiges Wissen und können Kinder, aber auch Erwach-

und damit selber nicht mehr Teil des Problems zu sein.

sene für einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit Res-

So finden sich in all diesen Büchern Ratschläge zum spar-

sourcen sensibilisieren.

sameren Verbrauch von Wasser im Alltag, der aber nie in Beziehung gesetzt wird zu Fakten, die den Wasserverbrauch viel

Liebeskummer und rülpsende Kühe

einschneidender beeinflussen: etwa zur Tatsache, dass die Herstellung eines neuen Autos über sechsmal mehr Wasser

Es gibt aber auch Neuerscheinungen zum Klimawandel, die

braucht als eine einzige Person in der Schweiz im Durch-

schwierige Zusammenhänge nicht einfach auf simple Hand-

schnitt pro Jahr. Geht es um den CO2-Ausstoss, wagt kein Buch

lungsanweisungen reduzieren und ohne die Instrumentalisie-

zu erwähnen, dass jeder neue Mensch auf der Welt 58,6 Ton-

rung ihrer LeserInnen auskommen. So greift etwa Kristine

nen CO2-Emissionen im Jahr bedeutet, etwa so viel wie 24

Scharmacher-Schreiber in «Wie viel wärmer ist 1 Grad? Was

Jahre Autofahren. Würden wir die Tipps der Bücher konse-

beim Klimawandel passiert» auf jeder Doppelseite in einfa-

quent umsetzen, könnten wir maximal einen Drittel der Kli-

cher Sprache ein klimarelevantes Thema auf: Was ist der Un-

mafaktoren positiv beeinflussen. «Die besten Lösungen sind

terschied zwischen Klima und Wetter? Welche Klimazonen

komplex und nicht ideologiekonform. Bezogen auf Bildung

gibt es? Welche Rolle kommt der Sonne zu? Wie kommen die

heisst das, dass wir uns von einfachen, intuitiven Rezepten

Jahreszeiten zustande? Sie thematisiert natürliche und vom

verabschieden müssen», schreibt Rolf Jucker, der Geschäftslei-

Menschen verursachte Klimaeinflüsse und erläutert den öko-

ter der Schweizer Stiftung SILVIVA und Experte für nachhal-

logischen Fussabdruck. Der Illustratorin Stephanie Marian ge-

tige Bildung, in einem Beitrag zum Dossier «Nachhaltig essen»

lingt es, die im Text Schritt für Schritt entwickelten Fakten

des Forums «Ernährung heute».

und Zusammenhänge erklärend und spielerisch zugleich ins

Bringen also all die Sachbücher, die Kindern und Jugendli-

Bild zu setzen, mal grossflächig, dann wieder über Vignetten,

chen die Klimafrage ans Herz legen wollen, nichts, weil sie

ab und zu mit comicartigen Szenen. Leider verfügt dieses auf

einen systemischen Blick vermissen lassen und ihre LeserIn-

Recyclingpapier und mit mineralölfreien Farben produzierte

nen nur ganz selten darauf hinweisen, dass vor allem unsere

Buch weder über Inhaltsverzeichnis noch Register.

politischen und wirtschaftlichen Strukturen effizientes Han-

Auch in Marc ter Horsts und Wendy Panders «Palmen am

deln verhindern? Natürlich nicht. Viele der Ratgeber vermit-

Nordpol. Alles über den Klimawandel» finden sich die grossen


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ILLUSTRATION: STEPHANIE MARIAN AUS: KRISTINA SCHARMACHER-SCHREIBER, STEPHANIE MARIAN: «WIE VIEL WÄRMER IST 1 GRAD?» © 2019 BELTZ & GELBERG.

Bögen zum Thema Klima, von der Entstehung der Erde bis in

der mit kurzen Texten und Fakten im Schlagzeilenformat. Im

die Gegenwart. Schon die Kapitelüberschriften – zum Beispiel

Kapitel «Das Eis schmilzt!» steht das Satellitenbild des fast

«Schornsteine & Rinderrülpser», «Wasserstoff & Insektenbur-

schneefreien Kilimandscharos einer eigenen Aufnahme des

ger» oder «Doch, stimmt! & Nein, stimmt nicht!» – zeigen aber,

Berges sowie einer vom Aletschgletscher gegenüber. Das sind

dass der Zugang hier unkonventioneller ist.

zum Teil spektakuläre Bilder von grosser, zwiespältiger

Das komplexe Thema wird über Geschichten und Anekdo-

Schönheit. Denn sie belegen auf Schritt und Tritt das Zeitalter

ten sinnlich und überraschend vermittelt. So erzählt ter Horst,

des Anthropozän, der menschgemachten globalen Verände-

wie der schwedische Physiker Svante Arrhenius sich nach ge-

rungen und ihrer Auswirkungen auf unser Zusammenleben

scheiterter Ehe aus Liebeskummer in die Arbeit stürzte und

und das Klima.

den Treibhauseffekt entdeckte. Er stellt die Millionen von

Bücher rund um den Klimawandel für Kinder und Jugendli-

rülpsenden Kühen auf der Welt, deren Methanausstoss die

che werden auch 2020 auf dem Sachbuchmarkt den Ton ange-

Umwelt gewaltig belastet, anderen Wiederkäuern wie Kame-

ben. Unter den Neuerscheinungen finden sich wiederum

len, Giraffen oder Hirschen gegenüber oder zeigt, warum die

zahlreiche Titel, denen der Gestus «Tu etwas, sonst werden wir

Yucca-Palme bald nur noch in unseren Wohnzimmern überle-

alle sterben!» eingeschrieben ist. Dieser Appell müsste aber an

ben wird, aus ihrem ursprünglichen Habitat aber verschwin-

uns Erwachsene, an Politik und Wirtschaft gerichtet sein. Bis

det. Ein Kapitel beschäftigt sich mit den Argumenten

die Klimajugendlichen sich politisch Gehör verschaffen kön-

derjenigen, die den Klimawandel negieren; ein anderes stellt

nen, sind die Ziele des Pariser Klimaabkommens nämlich

Energieformen der Zukunft vor. Zu komplizierte Themen,

längst den Bach runter geschwommen.

davon ist ter Horst überzeugt, gibt es für Kinder keine. Und Kinder müssen auch nicht immer alles bis ins Letzte verstehen – das tun wir Erwachsenen ja auch nicht. Zu einem Handbuch, das man nicht mehr weglegen will, wird «Palmen am Nordpol» aber auch wegen des durchdachten graphischen Konzepts und der Illustrationen von Wendy Panders, die in

LITERATUR KRISTINA SCHARMACHER-SCHREIBER (TEXT) / STEPHANIE MARIAN (ILLUSTRATION)

einer Mischung aus Genauigkeit und humorvollem Kommen-

Wie viel wärmer ist 1 Grad?

tar den Text begleiten. Auch dieses Buch ist ausschliesslich

Was beim Klimawandel passiert

aus Materialen hergestellt, die rezykliert werden können.

Weinheim: Beltz & Gelberg 2019. 93 S., ca. Fr. 22.00 MARC TER HORST (TEXT) / WENDY PANDERS (ILLUSTRATION / GESTALTUNG)

Das Anthropozän von oben

Palmen am Nordpol

Der

französische

Fotojournalist

Yann

Arthus-Bertrand

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Stuttgart: Gabriel 2020. 184 S., ca. Fr. 27.00

schliesslich lädt uns in «Dünnes Eis – Was braucht die Welt, damit sie hält?» dazu ein, die Erde von oben genauer anzuschauen. Er paart Satellitenaufnahmen der NASA mit eigenen Luftaufnahmen aus geringerer Höhe. Ergänzt werden die Bil-

ANNE JANKÉLIOWITCH U. A. (TEXT) / YANN ARTHUS-BERTRAND (FOTOS) Dünnes Eis – Was braucht die Welt, damit sie hält?

Aus dem Französischen von Kristina Petersen. Stuttgart: Gabriel 2019. 75 S., ca. Fr. 22.00

BUCH & MAUS 1/ 2020

Aktuelle Diskurse prägen den Sachbuchmarkt. In der Klimadebatte sind Jugendliche die zentralen ProtagonistInnen.


SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

DAS LESEN VON SACHTEXTEN VERLANGT NACH BEGLEITUNG Sachtexte stellen an SchülerInnen komplexe Anforderungen. Lehrpersonen, die sie im Unterricht einsetzen, sollten sich daher gezielt mit der Vermittlung dieser Textform beschäftigen. VON HANSJAKOB SCHNEIDER*

BUCH & MAUS 1/ 2020

Sachtexte lesend verstehen zu können, gehört heute zu den

ten Wörtern besteht, die nicht wie in der Alltagssprache vari-

wichtigen Qualifikationen. Gerade thematisch komplexere

iert werden können.

Texte zeichnen sich durch hohe Strukturiertheit, Präzision

• Sachtexte sind gut strukturiert: Abschnitte (oft mit Titeln),

und Verdichtung aus, damit Informationen gut verstanden,

Verweise und typografische Mittel (z. B. Fett- oder Kursiv-

gelernt und behalten werden können. Durch diese Eigenschaf-

druck) geben Hinweise auf eine bestimmte Anordung und

ten haben schriftliche Texte den Vorteil, dass sie schnell über-

Entwicklung von Themen. Auch sogenannte ‹Advance Orga-

blickt und bei Bedarf gezielt zu Rate gezogen werden können.

nizers›, dem Text vorangestellte Abschnitte, in denen die

Dies macht sie auch für das schulische Lernen zu zentralen

Lesenden darüber informiert werden, was sie im Text erwar-

Instrumenten, denn mit zunehmender Schulstufe werden die

tet, was sie lernen können usw., sind typisch für Sachtexte.

Inhalte der Sachfächer komplexer und die Notwendigkeit für

Die Forschung hat gezeigt, dass diese Textelemente das Ver-

eine schriftliche Grundlage nimmt zu. Allerdings zeigen Un-

stehen signifikant verbessern können.

tersuchungen, dass das Lesen von Sachtexten in der Schule

• Sachtexte sind verdichtet: Sie orientieren sich an einem

nicht nur für SchülerInnen eine anspruchsvolle Aufgabe ist. Es

Thema und verfolgen dieses zielgerichtet. Abweichungen und

verlangt auch von Lehrpersonen ein spezifisches Wissen, das

Nebenthemen müssen immer sachlich gerechtfertigt sein.

die Kenntnis sprachlicher Schwierigkeiten der Texte ebenso einschliesst wie die gezielte Anleitung zum Lesen.

Was verstehen die Lesenden?

Das Lesen von Texten braucht mindestens die Elemente Texte, Lesende und Leseanlässe. Im Folgenden werden daher

Textverstehen entsteht immer im Zusammenspiel von Lesen-

zunächst Sachtexte mit ihren spezifischen Eigenschaften cha-

den und Texten. Für Kinder oder Jugendliche, die mit den oben

rakterisiert und gezeigt, welche davon tendenziell Herausfor-

genannten Merkmalen von Sachtexten wenig vertraut sind,

derungen für das Leseverstehen bieten. Danach stehen die

bieten sich zahlreiche Verstehenshürden. So erkennen sie oft

Lesenden, die SchülerInnen, im Zentrum. Es wird gefragt, wel-

nicht, welche Wörter Fachwörter sind und damit eine spezifi-

che Texteigenschaften für sie besonders schwierig sind. Der

sche und definierte Bedeutung tragen. Dies wird ihnen aber in

letzte Teil ist der Frage gewidmet, wie das Lesen so angeleitet

vielen Lehrbuchtexten auch schwer gemacht, weil nach der

werden kann, dass die Lernenden möglichst viel profitieren.

stilistischen Maxime «Variation erfreut die Lesenden» Fachwörter nicht konstant verwendet werden; vielmehr finden

Was macht Sachtexte besonders?

sich nicht selten Varianten dazu (z. B. wird das Fachwort «Bronchie» ersetzt durch «Atemweg» oder durch «Atemkanäl-

Während viele Kinder mit Geschichten aufwachsen, weil Er-

chen»). Es ist dann den Lernenden überlassen, herauszufin-

wachsene mit ihnen Bilderbücher anschauen und ihnen Ge-

den, ob ein Fachwort vorliegt und welches es wäre.

schichten erzählen oder vorlesen, findet die Beschäftigung

Viele Lernende haben aber auch Mühe, die Grobstruktur

mit Sachtexten nicht im gleichen Umfang statt. Dies ist einer

eines Sachtextes zu erkennen: Welches sind die Hauptthe-

der Gründe, weshalb Kinder in der Schule mit den folgenden

men? Wie hängen sie zusammen und wie werden sie entwi-

Grundeigenschaften vieler Sachtexte nicht gut vertraut sind:

ckelt – und woran kann man dies erkennen? Auch hier sind

• Sachtexte sind präzise: Dies zeigt sich insbesondere in der

viele Lehrbuchtexte nicht optimal gestaltet: Es finden sich

Verwendung des Fachwortschatzes, der aus fachlich definier-

keine leitenden Untertitel, die Abschnitte handeln von ganz verschiedenen Angelegenheiten und die visuelle Strukturie-

*HANSJAKOB SCHNEIDER ist Professor für Deutsch und für Deutsch als

rung verwirrt mehr, als dass sie eine klare Übersicht ermög-

Zweitsprache auf der Schuleingangsstufe an der Pädagogischen Hoch-

licht. Die für Sachtexte typische Verdichtung schliesslich zeigt

schule Zürich und forscht im Bereich des Lesens und Schreibens.

sich einerseits in langen, komplexen Sätzen, die an alle Schü-

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lerInnen hohe Anforderungen stellen und die besonders für

buchtexte sprachlich oft weit entfernt von optimalen Sachtex-

Leseschwächere oft zur Überforderung werden. So lautet der

ten sind. Deshalb wurden Textoptimierungen vorgenommen

erste Satz im Kapitel des Biologielehrbuchs «Erlebnis Biologie»

und SekundarschülerInnen bezüglich des Verstehens eines

(Schroedel 2012) zur Atmung: «Beim Atmen strömt die Luft

optimierten und des ursprünglichen Textes verglichen. Die

durch die beiden Nasenlöcher in ein verzweigtes System von

Resultate zeigten, dass auf der Sekundarstufe 1, Niveau A, die

Nasenmuscheln und Nebenhöhlen, die in unseren hohlen

Textoptimierungen tatsächlich zu signifikant besserem Ver-

Oberkiefer- und Stirnknochen liegen.»

stehen geführt haben. SchülerInnen des Niveaus B hingegen

In diesem Satz fallen nicht nur die Länge und die komplexe

konnten von den Textoptimierungen wenig profitieren. Ihnen

Satzstruktur auf, sondern auch die Dichte an Fachwörtern:

halfen kleinschrittige, einfache Fragen, die sich auf Informa-

Nasenmuscheln, Nebenhöhlen, Oberkieferknochen, Stirnkno-

tionen beziehen, die an der Textoberfläche ablesbar sind.

chen. Erschwerend kommt dazu, dass sich hier nicht ansatz-

SchülerInnen mit wenig ausgeprägten Lesefähigkeiten, so

weise eine Bedeutungserläuterung dieser Begriffe findet. Auch

das Fazit der Studie, müssen im Leseprozess unterstützt wer-

dies, die Inhaltsdichte, ist für Sachtexte typisch. In Lehrbuch-

den, sei es durch gezielte Fragen oder eigentliche Leseanlei-

texten findet sie sich gelegentlich in einem Mass, das die Ver-

tungen. Ergänzend wäre es sinnvoll, Strategien zu vermitteln,

arbeitung der Texte enorm erschwert.

die dabei helfen, Sachtexte zu verstehen; etwa zu untersuchen, nach welcher Struktur ein Text aufgebaut ist. Die Schule

Wie mit Sachtexten umgehen?

trägt eine Verantwortung dabei zu verhindern, dass SchülerInnen in Sachfächern aus sprachlichen Gründen scheitern. Eine

Eine umfangreiche Schweizer Forschungsstudie (vgl. Schnei-

bewusste Unterstützung des Leseprozesses ist also eine Mass-

der u. a. 2018: «Textseitige Massnahmen zur Unterstützung

nahme zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit.

des Leseverstehens im Biologieunterricht») zeigt, dass LehrINSERAT

BUCH & MAUS 1/ 2020

SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN


SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

«AUTORSCHAFT IST HEUTE EIN ÜBERLEBENSFAKTOR» Das Illustrieren von Sachbüchern ist per se eine anspruchsvolle Kunst. Immer öfter setzen GestalterInnen nun aber auch selber Themen und gestalten eigene Bücher. Mit Ninon Ammann, Roland Hausheer und Markus Roost über Herausforderungen visueller Wissensvermittlung gesprochen hat MANUELA KALBERMATTEN. Mit welchen Sachbüchern sind Sie selber aufgewachsen?

ständnis gibt GestalterInnen die Freiheit, visuelle Kreativität

Ninon Ammann: Die Sachbuchreihe «Wissen» mit ihren vie-

zu entfalten. Die zweite Technik besteht im ‹Abtasten› von

len Bildern und Texten hat mich stundenlang beschäftigt.

Oberflächen während des Zeichnens, ein Prozess, in dem ein

Roland Hausheer: Fasziniert haben mich die «MONDO»-

implizites Wissen über die Hand einsinkt.

Bücher , in die man die Bilder selber einkleben konnte.

MR: Man lernt, nicht das zu zeichnen, was man denkt, son-

Markus Roost: Und die Serie «Was ist was». Nicht die Bilder,

dern das, was man sieht.

aber die Themen sind mir geblieben: Mars-Expeditionen!

RH: Und das, was man versteht! Resultat ist ein Erfah-

BUCH & MAUS 1/ 2020

rungswissen, fast eine Art Körperwissen. Dann waren es die Themen, die Sie inspiriert haben, sich

MR: Viele ZeichnerInnen können tief in der Materie versinken,

auf Nonfiction-Illustration zu spezialisieren?

es wird ihnen nie langweilig, über Stunden an Details wie

RH: Ich persönlich habe einfach sehr gern gezeichnet. Meine

einem Blättchen oder einem Maschinenteilchen zu feilen.

Leidenschaft war das illusionistische Abbilden. Wir machen ja

NA: Mich fasziniert auch das Tüfteln: Wie visualisiert man

keine Naturabbildungen: Wir erzeugen Illusionen dreidimen-

einen Wissensbereich, ohne dass es trocken wird?

sionaler Objekte – eine «magische» Kunstform. Damit sprechen Sie bereits den Aspekt der Vermittlung an. Im Beschrieb des Bachelor-Studiengangs Illustration Non-

MR: Ich persönlich wollte nicht primär besser zeichnen kön-

fiction an der Hochschule Luzern wird die Bedeutung des

nen. Ich war auch nicht speziell wissenshungrig. Mich

analytischen Schauens betont. Was bedeutet das genau?

faszinierte die kommunikative Kraft der Zeichnung.

RH: Wir ergründen in analytischen Denk- und Zeichenpro-

NA: Auch ich wollte herausfinden, wie man etwas darstellen

zessen die äussere und innere Struktur einzelner Objekte und

kann, was sich nicht auf den ersten Blick erschliesst; wie man

erarbeiten ein Repertoire an Formbeobachtungen. Dieses Ver-

komplexe Gegenstände anschaulich macht.

ILLUSTRATION NONFICTION – PERSONEN UND AUSBILDUNG

Ninon Amman, für Ihre Diplomarbeit, die als Sachbilderbuch bei Atlantis erschien, haben Sie ein sehr spezielles

Roland Hausheer (*1968) leitet an der Hochschule Luzern, De-

Thema gewählt. Wie kamen Sie auf die Schwämme?

sign & Kunst, den Bachelor-Studiengang Illustration Nonfic-

NA: Ich war vor einiger Zeit in Griechenland in einem tollen

tion; Markus Roost (*1977) ist dort als Dozent Projektunterricht

Schwamm-Museum. Dass es zum Naturschwamm fast keine

tätig. Ninon Ammann (*1988) hat den Studiengang nach ihrer

Publikationen gibt, hat mich herausgefordert. Also habe ich

Ausbildung zur Gestalterin absolviert. Der Studiengang bildet

Informationen aus diversen Quellen zusammengetragen.

Studierende im Bereich visueller Wissensvermittlung und di-

Dabei wurde mir klar, wie viel es zu diesem Thema zu sagen

daktischer Visualisierung aus. Sie entwickeln handwerkliches

gibt, und dass es sich prima als Sachbuchthema für Kinder

Können in traditionellen und digitalen Gestaltungsmethoden

eignet: Auch und gerade weil der Schwamm kein Tier ist, das

und experimentieren mit verschiedenen Techniken mit dem

einen Jööö-Effekt auslöst. Die Faszination für ein Thema über-

Ziel, sich in der Wissenschaftsillustration und an der Schnitt-

haupt erst zu wecken, das hat mich gepackt.

stelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit zu betätigen, etwa in Ausstellungen. Zur Zeit absolvieren in Luzern rund 35 Stu-

Atlantis ist mehrfach mit ungewöhnlichen Themen aufge-

dierende den Bachelor Illustration Nonfiction; dazu kommen

fallen. Die meisten Verlage werden aber wohl lieber noch

Studierende des Vertiefungsstudiengangs Knowledge Visuali-

ein Buch über Dinosaurier als über Schwämme drucken.

zation an der Zürcher Hochschule der Künste.

Wie stark können GestalterInnen eigene Themen setzen?

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FOTO: © 2020 MANUELA KALBERMATTEN, SIKJM.

Roland Hausheer, Ninon Ammann und Markus Roost nutzen zur visuellen Wissensvermittlung ganz unterschiedliche Bildsprachen.

MR: Das setzt bei VerlegerInnen den Glauben an ein Thema

MR: In der Zeitungsillustration kommt aber ein weiterer Fak-

und auch die Grundlage voraus, mit einem Buch ökonomisch

tor dazu: die Charakteristik des Moments. Ein Leuchtkäfer

scheitern zu können. Auf der anderen Seite sind die Gestal-

verlangt, filmisch betrachtet, eine andere Szene als eine Kröte.

terInnen gefordert. Als ich in der Ausbildung war, wurde vi-

Ausserdem läuft im Hintergrund immer eine Geschichte ab.

suelle Vermittlung noch als Dienstleistung verstanden. Heute

Das Bild der Glühwürmchen etwa hat für mich mit Kommu-

kann man nicht mehr ‹nur› zeichnen, man muss eigene Werke

nikation zu tun: Da diskutieren zwei Männchen über ein

entwickeln. Autorschaft ist ein Überlebensfaktor geworden.

Weibchen. Auch in der Illustration zu den Graukranichen: Da formation. Aber dieses Sprengen des Formats ist ein gestalter-

RH: Für die wissenschaftliche Illustration brauchte man

isches Mittel, um zu zeigen, dass diese Vögel in Bewegung

immer viel Fachwissen. Das Illustrieren im Bereich der Medi-

sind. Auch im Sachbuch sind solche kompositorischen Inspi-

zin etwa verlangt eine lange Einarbeitungszeit. Wenn ich für

rationen wichtig.

wissenschaftliche Publikationen illustriere, arbeite ich aber im Rahmen spezifischer Konventionen. Ich muss die Materie

Was bedeutet das für Sachbücher für Kinder?

verstehen, um sie bildlich umsetzen zu können – ich habe

NA: Da gilt es, eine Verbindung zum Alltag herzustellen. Die

dabei aber wenig Gestaltungsspielraum. In diesem Sinn ist die

Wassermenge, die ein fussballgrosser Schwamm pro Tag fil-

populäre Wissensvermittlung für GestalterInnen vielseitiger.

tert, kann man auf 3000 Liter beziffern – oder sie mit zwölf gefüllten Badewannen fassbar machen.

Ihre Illustrationen im SJW-Heft «Vom Dachs zum Schwein»

MR: Bei den Schwämmen liegt die Herausforderung auch

sind, wie die Originaltexte von Daniele Muscionico, zuerst

darin, dass man es nicht mit Individuen zu tun hat. Es wäre

in der «NZZ» erschienen. In der für SJW aufbereiteten Form

ein fataler Konzeptentscheid, die Schwämme zu Protagonis-

hat man aber das Gefühl, sie seien auf die junge Ziel-

ten zu machen, à la SpongeBob.

gruppe zugeschnitten: Die Tierdarstellungen wirken foto-

NA: An den Literaturtagen in Solothurn habe ich erlebt, dass

realistisch, aber auch dynamisch und emotionalisiert …

Kinder die Schwämme sehr spannend fanden. Als sie nach der

MR: Die Funktion einer Zeitungsillustration ist eine andere als

Lesung frei zeichnen durften, haben sie sich für Schwämme

die einer Sachbuchillustration. Zwar bildet der Text in beiden

statt für Fische entschieden.

Fällen die Grundlage. In der Zeitung steht aber die Attraktivität des Bildes im Zentrum, es gibt keinen Anspruch auf Wis-

Wenn das Erzählen von Geschichten auch in der visuellen

sensvermittlung. Einflechten kann man ihn trotzdem: Die

Wissensvermittlung eine so wichtige Rolle spielt – was un-

Flasche im Bild der Geburtshelferkröte etwa demonstriert die

terscheidet sie denn eigentlich genau vom fiktionalen

Grössenverhältnisse. Das entspricht der Tradition des Wis-

Zeichnen?

sensbilds: Man gibt verdeckte didaktische Impulse. Das ist

MR: Ausschlaggebend ist nicht der Stil, sondern der Inhalt.

hier nur in sehr reduzierter Form geschehen. Umso besser,

Wer sich stark am Thema entzündet, tendiert wohl eher zu

dass die Bilder in beiden Formaten funktionieren.

Nonfiction; wer eine Geschichte erzählen will, eher zu Fiction. Aber diese Trennung existiert in der Praxis nicht.

Wie sehr geht es bei der nichtfiktionalen Illustration um

RH: Man kann zur Vermittlung grundsätzlich alle Bildspra-

Abbildung, wie stark um das Erzählen von Geschichten?

chen nutzen! Die Ausbildung weist aber Unterschiede auf: Der

RH: Immer zentral ist der Anspruch, dass man dem Tier, dem

Studiengang Fiction ist eher als Autorenausbildung konzip-

Gegenstand wirklich gerecht wird. Sachbuchillustrationen

iert, die Studierenden entwickeln explizit ihre eigene Bild-

sind demselben Prinzip verpflichtet wie wissenschaftliche Il-

sprache. Wir wollen dagegen verschiedene Bildsprachen

lustrationen: Es muss ein Typus erkennbar sein.

vermitteln.

BUCH & MAUS 1/ 2020

springt der eine zum Bild hinaus. Das deutet man nicht als InInwiefern bedeutet das, selbst ExpertIn zu werden?


MARKUS ROOST / ROLAND HAUSHEER AUS: «VOM DACHS ZUM SCHWEIN». © 2018 SJW. / NINON AMMAN: «WUNDERTIER SCHWAMM». © 2019 ATLANTIS.

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Sachbilder erfüllen didaktische Zwecke und sie erzählen Geschichten: von der Bewegungslust des Kranichs bis zur Reinigungskraft des Schwamms.

Gewinnt das Sachbuch für Kinder und Jugendliche in Ihrer

geschulten Augen aber schnell. Ich denke an die Tusch-

‹Zunft› generell an Bedeutung?

zeichnung eines Giftpilzes, über die schluddrig aquarelliert

RH: Seit die Ausbildung von der wissenschaftlichen Illustra-

wurde, und unten steht in einer alten Schnürchenschrift der

tion auf den Bereich populärer Wissensvermittlung ausge-

lateinische Name: Da merkt man, das musste aussehen wie

dehnt wurde, ist das Interesse gestiegen, ja. Als Diplomarbeit

das Notizbuch eines Pilzprofessors aus dem 17. Jahrhundert.

sind Kinderbücher aber noch die Ausnahme. NA: Ich schreibe gern und wollte Text und Bild zu einem

Apropos Vergangenheit. Sie beide arbeiten zu zweit und

Gesamtprodukt zusammenbringen. Ich kann mir daher gut

digital; Frau Amman, Sie arbeiten besonders gern analog.

vorstellen, wieder ein Sachbilderbuch für Kinder zu machen.

Wo liegen die Vorteile?

BUCH & MAUS 1/ 2020

MR: Als ich 2003 beim «Tagesanzeiger»-Magazin anfing, wollte Damit dürften Sie gut fahren: Sachbücher für junge Leser-

ich den Qualitätsanspruch der illusionistischen Illustration

Innen legen ständig zu, vor allem individuell gestaltete

trotz Zeitdruck nicht aufgeben. Da ist die Zusammenarbeit

Einzelwerke (siehe S. 2). Wie beurteilen Sie diesen Trend?

mit Roland optimal: Ich mache die Bildidee in Form einer

RH: Sicher wirken hier gesellschafts- und bildungspolitische

Montage. Roland analysiert Materie, Perspektive und Licht

Diskurse mit. Die Nachfrage nach Bildern für komplexe Wis-

und setzt die Bildidee konkret um.

sensinhalte steigt: Vielleicht auch, weil weniger gelesen wird.

RH: Dabei male ich digital, auf dem Grafik-Tablet. So arbeite

Auch in der Wissenschaft steigt der Druck, Forschung zu visu-

ich an einem Bild etwa vier Stunden.

alisieren und breit zugänglich zu machen.

NA: Ich habe alle Lebewesen mit Farbstift und Kreide gezeich-

MR: Zudem ist der Zugang zu Sachthemen in einer hoch-

net, weil es mir gefällt, dass diese Technik eine gewisse Hand-

technologischen Welt wichtig. Poetische oder existenzialisti-

schrift zeigt. Die Hintergründe sind aber digital erstellt.

sche Ansätze ziehen wohl weniger als technische Themen, die

MR: Ich finde es schön, dass die junge Generation wieder

man im wahrsten Sinne des Wortes ‹greifen› kann. Wenn sich

Wertschätzung für dreckige Hände zeigt. Und das analoge

Gewissheiten auflösen, wächst der Wunsch, Wissen zu erwer-

Zeichnen, etwa auf dem Buchmarkt, wieder kultiviert wird.

ben, das als gesichert gilt – und es an Kinder weiterzugeben.

RH: Wichtig ist die Fähigkeit, zu entscheiden, wann welche Methode sinnvoll ist und was zur eigenen Arbeitsweise passt.

Sehen Sie den auch im Sachbuchbereich verbreiteten Retro-Trend als Teil dieser Entwicklung?

Worin sehen Sie die Herausforderungen der visuellen Wis-

RH: Einerseits werden alte Werke ausgegraben; andererseits

sensvermittlung in Zukunft?

wird oft ‹auf alt› gemacht. Enzyklopädien evozieren eine fik-

RH: Für abstrakte Konzepte gute Umsetzungen zu finden; all

tive Vergangenheit, in der alles wahr und exakt war und in der

die immateriellen Bedingungen, die das Leben heute prägen,

Forschung ‹saubere Arbeit› geleistet wurde.

sinnlich und emotional erfahrbar zu machen – das wird die

MR: Die illusionistische Darstellung hat auch etwas Harm-

grosse Herausforderung der Zukunft sein.

loses. Man kann sich damit ‹wohlfühlen›. Nicht wie mit einem Indie-Comic, bei dem man immer Angst haben muss, dass der Hauptfigur gleich der Kopf abfällt. Aquarellbilder einer Pflanze etwa wecken, wenn sie gut gemacht sind, ein wohliges Gefühl. Natürlich entsprechen sie einem Ideal; wir haben es zum

LITERATUR: NINON AMMANN Wundertier Schwamm

Zürich: Atlantis 2019. 40 S., ca. Fr. 25.00

Beispiel mit einer Art ‹Übertulpe› zu tun, die alle positiven Eigenschaften einer Wissens- und Bildungstradition zusammenbringt mit dem Glauben daran, dass es ideale Dinge gibt. Ob eine Illustration authentisch oder retro ist, entlarvt sich

DANIELE MUSCIONICO (TEXT) / ROLAND HAUSHEER UND MARKUS ROOST (ILLUSTRATION) Vom Dachs zum Schwein. Heimische Tiere

Zürich: SJW 2018. 40 S., ca. Fr. 6.00


16 SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

BÄUME, BIBEL, BRÄUCHE – SCHWEIZER SACHBÜCHER Bäume sind wie Menschen – mit dem Unterschied, dass sie,

mit der Zeit immer Wald. Heutzutage kennen Kinder die

wie Robert Walser einmal feststellte, nicht reisen. Ich wohne

Baumsorten kaum mehr. Sie lernen Französisch, Deutsch und

neben einer dicken, ausladenden Blutbuche. Jetzt, im Winter,

Englisch in der Schule, aber ob ein Baum eine Eiche, eine Kas-

sind ihre Äste kahl. Im SJW-Heft «Bäume – Die perfekten Wun-

tanie oder eine Erle ist, wissen die meisten nicht. Nicht nur

derwerke» von Rolf Jucker erfahre ich einiges über ‹meinen›

aus diesem Grund ist ein solches Sachbuch über Bäume von

Baum. Zum Beispiel, dass seine Äste um die Mittagszeit am

Nutzen. Rolf Jucker zufolge hörten seine beiden Kinder nie

dünnsten sind, denn das Wasser fliesst dann nicht mehr nach

damit auf, Warum-Fragen zu stellen. Als Dozent lehrte und

oben. Erst gegen Abend und in der Nacht nehmen die Wurzeln

forschte er mehrere Jahre in Wales und habe dort realisiert,

wieder Wasser auf und schieben es hoch – so werden Stamm

dass er am liebsten im Wald leben würde. Heute leitet Jucker

und Äste gegen Abend wieder dicker. «Hier passiert Ähnliches,

die Stiftung SILVIVA. Diese lehrt und lernt mit Kindern und Er-

wie wenn man mit einem Trinkhalm ins Glas bläst, anstatt

wachsenen in der Natur. Gregor Forster hat das SJW-Heft mit

Wasser zu saugen: Der Druck erzeugt Luftblasen.» Dieser

vielen Farben und Formen und einer grossen Liebe für das na-

Druck kann das Wasser in Bäumen bis zu 25 Meter hochpum-

turwissenschaftliche Detail illustriert.

pen. Bei meiner Blutbuche sorgt dieser Druck im Frühling dafür, dass Wasser und Nährstoffe zu den Knospen kommen,

Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen

um die neuen, dunkelroten Blätter wachsen zu lassen. Gibt es gefährliche Bücher? Das ist die Frage, die sich der LauBäume sind stabile Wunderwerke

sanner Theologieprofessor Thomas Römer in seiner «Geschichte der Bibel» stellt. Ja, die Bibel könne zum gefährlichen

Das sind die poetischen Stellen im Heft. Ansonsten wird viel

Buch werden, so wie auch der Koran oder die Schriften des

Biologisches erklärt, etwa, wie die Osmose funktioniert und

Zen-Buddhismus – wenn man die Texte wörtlich nehme. Doch

was genau Fotosynthese ist. Ein für mich und meine Wohnsi-

Römer geht es um Aufklärung; darum, zu betonen, dass die

tuation interessantes Kapitel geht der Frage nach, warum

Religionen und Schriften der Juden und Christen auf gemein-

Bäume so stabil sind. Unsere Blutbuche ist höher gewachsen

same Ursprünge zurückgehen. Im Mittelpunkt seines mit der

als die umstehenden Häuser, die Wurzeln haben den Asphalt

Genfer Comic-Künstlerin Léonie Bischoff gestalteten Sachco-

gesprengt, und die Äste des Baumes ragen fast in unsere Woh-

mic steht ein Paar, das vor allem eines ist: neugierig. Neugie-

nung hinein. Wenn es stark stürmt, habe ich manchmal Angst

rig, etwas über die Geschichte der Erde zu erfahren; neugierig,

um den Baum. Von Rolf Jucker erfahre ich, dass Holz aus zwei

Fragen zu stellen. Spannend wird die Erzählung dann, wenn

sehr unterschiedlichen Stoffen besteht: Aus Zellulose und Lig-

neben den biblischen Motiven die europäische Philosophie zu

nin. Zellulose sorgt dafür, dass Bäume, aber auch Gräser und

Rate gezogen wird: Kant oder Kierkegaard etwa, beides Philo-

Blumen im Wind biegsam bleiben. Stabilität und Härte wie-

sophen, die über den Ursprung des menschlichen Denkens

derum bekommt ein Baum durch Lignin: «Dieser Stoff ent-

und nicht zuletzt über Texte, die von Menschen geschrieben

stand vor etwa 360 Millionen Jahren, weil die Bäume in die

wurden, nachgedacht haben. So zeigt der Autor, dass

Höhe wachsen mussten, um ans lebenswichtige Licht zu ge-

Philosophiegeschichte gar nicht so weit von Religionsge-

langen.» Bäume haben deswegen bessere Überlebenschancen

schichte entfernt ist.

als Gras: Überlässt man eine Wiese sich selbst, wird daraus

Im Vorwort weist der Comicautor David Vandermeulen darauf hin, das der Klerus noch heute Bibelstellen dazu benutzt,

*KARIN SCHNEUWLY lebt als freie Autorin und Lektorin mit ihrer Familie in

eine politische Haltung oder ein Weltbild zu rechtfertigen –

Zürich.

etwa dass Homosexualität Sünde sei – und zeigt auf, wie ge-

BUCH & MAUS 1/ 2020

Die Vielfalt der Themen, mit denen sich Schweizer SachbuchkünstlerInnen beschäftigen, ist bemerkenswert: Sie widmen sich der Natur genauso wie der Schriftkultur, der Religion und dem reichen Brauchtum der Schweiz. Die spannendsten Neuerscheinungen gelesen hat KARIN SCHNEUWLY*.


ILLUSTRATION: YVONNE ROGENMOSER AUS: BARBARA PIATTI / YVONNE ROGGENMOSER: «FESTE UND BRÄUCHE IN DER SCHWEIZ». © 2019 NORDSÜD.

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fährlich es sein kann, das, was in der Bibel steht, wörtlich zu verstehen. Nicht zuletzt wurden Entdecker wie Giordano Bruno, Lorenzo Valla, Kopernikus, Kepler, Newton, Buffon und Darwin von denen verdammt, die die Wahrheit in der wortgetreuen Lektüre der Schriften sahen. Römers und Bischoffs Comic dagegen zeige, so Vandermeulen, «bei allem Respekt vor dem Glauben eines jeden (...), dass eine wörtliche Bibellektüre unsinnig ist. Denn die Bibel ist, wie er gern wiederholt, nicht auf einmal entstanden und ganz gewiss nicht vom Himmel gefallen». Sie sei «das Ergebnis unzähliger Einzelbeiträge und Veränderungen». Als Theologe, Historiker und Pädagoge BUCH & MAUS 1/ 2020

habe Römer auch die Ungereimtheiten und Widersprüche in

Kaum eine Schweizer Tradition kennt so viele Formen wie die Fasnacht.

der Bibel betont und gezeigt, wie sie aus verschiedenen Traditionen und Geschichten komponiert sei. In diesem Sinn ist

sind sehr kinderfreundlich formuliert: Es sind keine auf Infor-

das Werk Denk- und Aufklärungsarbeit in einem.

mation beschränkten Sachtexte, sondern in Anekdoten ver-

Bemerkenswert an der Publikation sind die äusserst viel-

packte kurze Geschichten. So haben etwa die Tiere im Text

farbigen Zeichnungen, was dem Buch auch eine leicht esoteri-

über den Zuger «Stierenmarkt» Namen – sie heissen Pongo,

sche Note verleihen könnte. Besonders auffallend ist es dann,

Karlo Kamilo, Jubel Janka, Vortuno, Bolero, Anibal, Vilan und

wenn einzelne Szenen oder Gleichnisse aus der Bibel beson-

Biver –, was die Erzählungen persönlich und äusserst lebendig

ders bunt illustriert werden, während die Szenen, die das Paar

macht; oft glaubt man, das entsprechende Fest während der

im Dialog zeigen, in eher ruhigeren Farben gehalten sind.

Lektüre geradezu im Hintergrund zu hören.

Lichter auf dem Aabach

farbenfroh, humorvoll und mit viel Liebe für das Detail mit

Yvonne Rogenmoser hat die Geschichten um die Bräuche Filzstiften illustriert. Sie legt das Augenmerk vor allem auf Nicht um Geschichte, sondern um Geschichten geht es in dem

Menschen in unterschiedlichen Kleidungen und verschiede-

wunderbar bebilderten Sachbilderbuch «Feste & Bräuche in

nen Festsituationen: an der «Chilbi», als Zuschauer bei Pferde-

der Schweiz» von Barbara Piatti und Yvonne Rogenmoser.

rennen oder beim «Morgestraich» in Basel. Das macht die

Jeder Schweizer Kanton hat seine eigenen Bräuche, und als

Lektüre zu einem lebendigen, schönen Erlebnis.

ersten nimmt sich das Werk dem «Silvesterchlausen» in Appenzell Ausserrhoden an. Von da geht es, und zwar entlang der Jahreszeiten, quer durch alle Schweizer Kantone. Bekannte Bräuche wie der «Morgestraich» in Basel oder das «Sächsilüüte» in Zürich werden ebenso beschrieben wie einige weniger bekannte: etwa das Mammutflossrennen auf der Sitter und der Thur oder die Lichterschwemme in Ermensee, wo Kinder am 6. März Kerzen auf Holzflössen den Aabach hinuntertreiben lassen – was bedeutet, dass die Nacht hell wird und der Frühling kommen kann. In der Regel orientiert sich der Text aber stark an den offiziellen kantonalen Feiern, die auch mit christlichen Feiertagen zusammenfallen: Ostern, Samichlaus, Weihnachten. Andere stellen das Wetter in den Mittelpunkt und haben eine Verbindung zum Bauernleben. Die Texte von Barbara Piatti

LITERATUR ROLF JUCKER (TEXT) / GREGOR FORSTER (ILLUSTRATION) Bäume – Die perfekten Wunderwerke

Zürich: SJW 2019. 32 S., ca. Fr. 6.00 THOMAS MÖLLER (TEXT) / LÉONIE BISCHOFF (ILLUSTRATION) Die Geschichte der Bibel ... und die Erfindung des Monotheismus

Aus dem Französischen von Edmund Jacoby. Die Comic-Bibliothek des Wissens, Bd. 8. Berlin: Jacoby & Stuart 2019. 80 S., ca. Fr. 18.00 BARBARA PIATTI (TEXT) / YVONNE ROGENMOSER (ILLUSTRATION) Feste & Bräuche in der Schweiz

Zürich: NordSüd 2019. 96 S., ca. Fr. 30.00


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ILLUSTRATION: HELEN BATE AUS: «PETER IN GEFAHR». © 2019 MORITZ.

SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

GELEBTE GESCHICHTE(N) Sachcomics haben in den letzten Jahren auf dem Kinder- und

allen Widrigkeiten schaffte zu überleben, und von ihrem

Jugendbuchmarkt einen regelrechten Boom erlebt. Selbst Ver-

Leben nach dem Krieg erzählt das Nachwort in Text und Bild.

lage, die üblicherweise keine ‹konventionellen› Comics her-

Nicht von welterschütternden Umwälzungen, sondern von

ausgeben, haben diese Medien entdeckt. Historisch gesehen

ganz alltäglichen Ereignissen erzählt Riad Sattoufs Comic-

sind Sachcomics Werke, die sich der sachlichen Information

serie «Esthers Tagebücher» (Reprodukt, seit 2017). Sie schildert

vor allem in erzieherischer Weise widmen. Für heutige Werke

in dokumentarischem Stil Szenen aus dem Leben eines Pa-

zentral ist jedoch die Vermittlung von Wissen, das faktisch be-

riser Mädchens. Auch hier führt in Sattoufs unverkennbaren

gründet und dokumentiert ist, aber mit den visuellen und ver-

Zeichnungen die Protagonistin selbst durch die Episoden, die

balen Darstellungsmitteln des Comic gestaltet wird. Vor allem

jeweils auf einer Seite entfaltet werden. Pointiert und quirlig

biografische

Kontexten

werden Akne, nervige Brüder und soziale Ungleichheiten von

scheinen das Interesse zu wecken. Dabei greifen die Comic-

Esther neben- und miteinander diskutiert. Im dritten Band

KünstlerInnen unterschiedliche Strategien auf, um Authentiz-

kommt die Zwölfjährige nun aufs Gymnasium, während die

ität

historische

anstehende Präsidentschaftswahl in Frankreich den his-

Fotografien, Bilder aus Filmen, von Kunstwerken und Gebäu-

torischen Bezugsrahmen bildet – doch auch Trump bekommt

den werden eingeflochten und zitiert. Die Verbindung his-

den einen oder anderen Seitenhieb verpasst. Esther selbst sin-

torischer Fakten mit ProtagonistInnen, die zur Identifikation

niert über ihr Leben als zukünftige Präsidentin und fordert

einladen, eignet sich besonders gut, um Kindern und Ju-

mehr Ferien für Kinder und einen Beraterstab, der nur aus

gendlichen Sachinformationen und historische Ereignisse auf

Frauen besteht (Jungs sind doof); ausserdem würde sie sich für

packende Art und Weise näherzubringen.

härteres Durchgreifen bei Attentätern stark machen.

zu

Darstellungen

suggerieren:

in

historischen

Nachgezeichnete

und

«Ich heisse Peter und ich erzähle euch eine Geschichte, die mir genau so passiert ist.» So stellt sich der sechsjährige Peter

Ernste Themen: Rassismus und Homophobie

in Helen Bates Kinder-Sachcomic «Peter in Gefahr» vor und berichtet von seinen Erlebnissen im zweiten Weltkrieg in Un-

Auch im Verlagsprogramm von Carlsen zeigt sich der Einfluss

garn. Wie viele andere Juden und Jüdinnen sind auch Peter,

der grossen Beliebtheit von Graphic Novels. Diese gestalten

seine Eltern und seine Cousine Eva vom Holocaust betroffen

die gegenwärtige Entwicklung der Sachcomics ausschlagge-

und werden aus ihrem Haus in Budapest vertrieben. Nur

bend mit: neben Format, erzählerischem Anspruch und Kom-

Malstifte und Block darf der Junge in das neue Zuhause mit-

plexität wird auf einen spannungserzeugenden Erzählstil

nehmen, das er und seine Familie mit drei anderen jüdischen

gesetzt. Sachliches Hintergrundwissen erscheint ergänzend in

Familien teilen. Peters kindliche Erzählstimme erzeugt eine

einem von der Erzählung abgetrennten Beitrag und reflektiert

glaubhafte Perspektive auf die Ereignisse der Zeit. In ruhigen

den biografischen und historischen Kontext stichhaltig.

Bildfolgen wird die unbarmherzige Situation des Krieges

Ein Millionenpublikum sieht 1962 live zu, wie der schwarze

geschildert; zugleich helfen Peter Spiele und neue FreundIn-

Weltmeister und Profiboxer Emile Griffith (1938–2013) Benny

nen gegen Hunger, Kälte und Langeweile. Ein Stadtplan von

Paret im New Yorker Madison Square Garden ins Koma prü-

Budapest mit den eingezeichneten Stationen von Peters Ge-

gelt. Kurz darauf stirbt Paret an seinen Verletzungen. Grund

schichte und historische Familienfotos rahmen den Comic

für die ungebremsten Schläge von Griffith sollen homophobe

und belegen seine Historizität. Davon, wie es die Familie trotz

Beleidigungen des Gegners gewesen sein. Komplex wird die biografische Darstellung im Sachcomic «Knock out!» durch die

*NORA JÄGGI studiert Religionswissenschaft, Germanistik und Skandina-

Themen Homophobie, Rassismus und die kontroverse Hal-

vistik an der Uni Zürich und beschäftigt sich auf vielfältige Art mit Comics.

tung der Gesellschaft nach dem unbeabsichtigten Totschlag.

BUCH & MAUS 1/ 2020

Die Verbindung von Lebensgeschichten und historischem Wissen in Sachcomics spricht Kinder und Jugendliche an. Dabei scheuen Comic-KünstlerInnen heute auch vor kontrovers diskutierten Themen und komplexen Inhalten nicht zurück. Einen Blick auf die reichhaltige Landschaft biografischer Sachcomics geworfen hat NORA JÄGGI*.


ILLUSTRATION: ALEXANDRE FRANC AUS: JÉRÔME TUBIANA / ALEXANDRE FRANC: «GUANTANAMO KID». © 2019 CARLSEN.

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«Guantanamo Kid» erzählt aus der persönlichen Sicht Mohammed el Gharanis von den menschenverachtenden Bedingungen in Guantanamo.

BUCH & MAUS 1/ 2020

Retrospektiv schildert der in die Jahre gekommene Griffith

ist ein kreatives Gesamtkunstwerk aus verschiedenen bio-

seinem imaginierten Kontrahenten Paret seine ganz persön-

grafischen Episoden. Mit einer Preisverleihung für den «un-

liche Sicht auf sein Leben. Die Schuld begleitet Griffith sein

säglichsten Lover der Weltgeschichte» leitet Strömquist ihre

Leben lang und stellt ein Leitmotiv des neusten biografischen

Würdigung weiblicher Figuren ein, die (beinahe) von den

Comics von Reinhart Kleist dar. Ein kurzer Bericht zum Boxs-

Biografien ihrer prominenten männlichen Geliebten und Part-

port in den USA, der historisch stark von heteronormativen

ner verdrängt wurden. «I’m every woman» arbeitet mit Zitaten

Zuschreibungen geprägt ist, gibt dem faktenorientierten Teil

aus biografischen Texten, Briefen und Interviews und

des Werks weitere Tiefe. Ebenso zeigen zusätzliche Kurzpor-

verbindet Gemälde berühmter KünstlerInnen mit ironisch-

traits homosexueller BoxerInnen, dass Emile Griffith nicht der

witzigen Dialogen und Kommentaren. Dekonstruiert werden

einzige Sportler war, dessen Karriere von Identitätsdiskursen

nebenher gängige Narrative: Nicht nur die Kernfamilie, auch

und gesellschaftlichen Projektionen geprägt wurde. Norma-

Pinguine, die scheinbar monogam leben, werden als kulturelle

tive Geschlechts- und Körperkonzeptionen prägen den Boxs-

Imagination entlarvt. Jede Episode ist in Stil, Farben und Form

port bis heute, so viel wird aus der Lektüre deutlich.

anders konzipiert und inszeniert die feministische Linie des Bandes auf einzigartige, wuchtige und ungebremste Weise.

Äussere und innere Gefängnisse

Die Beispiele zeigen nur einen Teil des weiten Spektrums biografischer Zugänge im aktuellen Sachcomic. Verschiedene

In den ebenfalls durchgehend schwarz-weissen Bildsequen-

Darstellungsformen werden gewählt, um jungen LeserInnen

zen von Jérôme Tubianas und Alexandre Francs «Guantanamo

Lebensgeschichten wie Sachverhalte unterhaltend und infor-

Kid» steht die klare Linienführung im Kontrast zu den Wirren

mativ zu vermitteln. Die Grenzen von Wahrheit, subjektiver

der dargestellten Ereignisse. Doch Beleidigungen aufgrund

Erinnerung und Sachlichkeit werden dabei durch die bildliche

seiner dunklen Hautfarbe kennt auch Mohammed el Gharani

Gestaltung künstlerisch ausgelotet. Gerade der ästhetische

seit seiner Kindheit. In Saudi-Arabien wird ihm der Zugang zu

Anspruch in Kombination mit der narrativen Vermittlung

Bildung verwehrt, da er immigrierter Staatsbürger aus dem

machen die Stärke dieses noch jungen Genres aus.

Tschad ist und aus armen Verhältnissen stammt. Als Jugendlicher reist er mit gefälschtem Pass nach Pakistan, um eine Ausbildung zu machen. Nach einem Moscheebesuch wird er

LITERATUR

vom pakistanischen Militär verhaftet. Jahrelange Schikanen

HELEN BATE

und Folter im Gefängnis folgen. El Gharani werden terroristi-

Peter in Gefahr. Mut und Hoffnung im Zweiten Weltkrieg

sche Aktivitäten als Al-Qaida-Kämpfer vorgeworfen, er landet

Aus dem Englischen von Mirjam Pressler. Frankfurt am Main: Moritz 2019. 44 S., ca. Fr. 18.00

auf der berüchtigten Militärbasis Guantanamo Bay. Wie sich historische Dokumente gewinnbringend im Sachcomic einbinden lassen, zeigt sich an wiedergegebenen Gefängnisbe-

REINHARD KLEIST Knock out! Die Geschichte von E. Griffith

Hamburg: Carlsen 2019. 137 S., ca. Fr. 26.00

richten und Gerichtsakten. Die Abbildung von authentischem Material stützt den Wahrheitsanspruch der auf vielen Gesprächen basierenden Graphic Novel. Die journalistische Sicht wird am Ende in einem Bericht von Jérôme Tubiana

JÉRÔME TUBIANA / ALEXANDRE FRANC Guantanamo Kid. Die wahre Geschichte des Mohammed el Gharani

Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Hamburg: Carlsen 2019. 173 S., ca. Fr. 29.00

dargelegt; in vielen Gesprächsauszügen werden darin weitere Erfahrungen Mohammed el Gharanis ungeschönt diskutiert. Die geballte Ladung von Bildern und Texten der schwedischen Comic-Künstlerin Liv Strömquist in «I’m every woman»

LIV STRÖMQUIST I’m every woman

Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Berlin: Avant 2019. 108 S., ca. Fr. 29.00


20

SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN

GESCHICHTE SPIELEN – HISTORISCHES IN GAMES Am 6. November 2017 war im Online-Magazin GIGA eine ku-

puterspielwelten. Im Fall von «Assassin’s Creed» sind sie gar

riose Schlagzeile zu lesen: «Assassin’s Creed Origins: Entwick-

das Markenzeichen einer überaus erfolgreichen Computer-

ler waren schneller als Archäologen.»

spiel-Reihe. So ist das ptolemäische Ägypten von «Assassin’s

Was war passiert? Eine Woche zuvor hatten ForscherInnen

Creed Origin» nur eines von zahlreichen historischen Set-

bei der Untersuchung der fast 5000 Jahre alten Cheops-Pyra-

tings: Sie reichen vom antiken Griechenland («Assassin’s

mide mit Hilfe neuer Scan-Technologien zwei bislang un-

Creed Odyssey») über Jerusalem und Damaskus zur Zeit des

bekannte Räume in der Nähe der oberen Königsgrabkammer

Dritten Kreuzzugs («Assassin’s Creed») und Florenz und Rom

entdeckt. Die Cheops-Pyramide findet sich als virtueller Nach-

zur Zeit der Renaissance («Assassin’s Creed II») bis hin zum

bau im Action-Adventure-Computerspiel «Assassin’s Creed

Paris der französischen Revolution («Assassin’s Creed Unity»).

Origins». SpielerInnen können das Bauwerk erforschen und

Die historischen Architekturen und Figuren der «Assassin’s

neben den bereits länger bekannten Grabkammern tatsäch-

Creed»-Spiele zeigen dabei eine audiovisuell beeindruckende

lich auch die beiden – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des

Detailfülle, die nicht zuletzt aufgrund der rasanten techni-

Spiels am 27. Oktober 2017 noch gar nicht entdeckten –

schen Entwicklung zeitgenössischer Computerspiele mit

Vorkammern betreten. Die ab 16 Jahren empfohlene «Assas-

jedem neuen Teil weiter zunimmt.

sin’s Creed»-Reihe ist bekannt für ihre aufwändig gestalteten historischen Schauplätze, für die das Entwicklerstudio Ubisoft

Kämpfend durch alle Epochen

auch immer wieder HistorikerInnen, ArchäologInnen und andere ExpertInnen hinzuzieht. Im Fall von «Assassin’s Creed

Sind Computerspiele also die neue ‹Geheimwaffe› der

Origins» war der französische Architekt Jean-Pierre Houdin,

Geschichtsvermittlung? Dieser Verdacht mag naheliegen. Vir-

der einige kontrovers diskutierte Theorien über den Aufbau

tuelle Rekonstruktionen von historischen, oft zerstörten Bau-

der ägyptischen Pyramiden veröffentlicht hat, Teil des Ent-

ten gehören längt auch zu den Werkzeugen der Archäologie,

wicklungsteams. Houdins Hypothesen folgend, hatte Ubisoft

und somit scheint es nur ein kleiner Schritt zu den virtuellen

die beiden Vorkammern spekulativ in die Cheops-Pyramide

Welten zeitgenössischer Computerspiele zu sein. So war

eingefügt – zu Recht, wie sich kurz darauf herausstellte.

Ubisoft beispielsweise Kooperationspartner der Ausstellung «Von Mossul nach Palmyra: Eine virtuelle Reise durch das

Vom antiken Griechenland zur französischen Revolution

Weltkulturerbe» (Bundeskunsthalle Bonn 2019), in der BesucherInnen die virtuellen Rekonstruktionen zahlreicher vom

Das mag ein skurriler Einzelfall sein. Doch er veranschaulicht

Krieg zerstörter Städte und Denkmäler ‹besichtigen› konnten.

sehr pointiert die zahlreichen Querverbindungen zwischen

Doch so (technisch) faszinierend die virtuellen Nachbauten

einer akademischen Geschichtswissenschaft, populären Ge-

historischer Schauplätze auf den ersten Blick auch anmuten,

schichtsdiskursen und Unterhaltungsmedien, das heisst For-

so zwiespältig ist ihre Kombination mit Spielmechaniken, die

men von Public History. Neben Historienromanen und

sich auf den zweiten Blick zeigt. Denn während sich das his-

-filmen, Doku-Dramen und Geschichtsmagazinen sind his-

torische Szenario mit jedem neuen Spiel der «Assassin’s

torische Stoffe mittlerweile auch fester Bestandteil von Com-

Creed»-Reihe ändert, bleiben die Spielmechaniken – das Gameplay – doch mehr oder weniger identisch. Die SpielerInnen schleichen und kämpfen sich durch die Spielwelt und

*BENJAMIN BEIL ist Professor für Medienwissenschaft mit Schwerpunkt

Digitalkultur am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu

verbessern dabei die Fähigkeiten ihrer Spielfigur. Mit anderen

Köln. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Computerspiele, TV-Se-

Worten: Es macht spielmechanisch kaum einen Unterschied,

rien, partizipative Medienkulturen und Transmedialität.

ob die Figur über die Dächer einer antiken Tempelanlage oder

BUCH & MAUS 1/ 2020

Historische Schauplätze, Stoffe und Figuren sind populäre Elemente heutiger Computerspiele. Sind Games die neuen Geschichtsvermittler? Oder bilden die historischen Settings nur den Hindernisparcours für Abenteuer und Action? Einen kritischen Blick auf Grenzen und Potenzial von «Assassin’s Creed» geworfen hat BENJAMIN BEIL* .


ILLUSTRATIONEN: COVER DER ASSASSIN’S CREED DISCOVERY TOUR: «ANCIENT EGYPT». © UBISOFT 2018 / SPIELSZENE AUS: «ASSASSIN’S CREED ORIGINS». © UBISOFT 2017.

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Die historischen virtuellen Welten der «Assassin’s Creed»-Computerspiele bestechen durch Detailfülle – Geschichtswissen wird nebenbei vermittelt.

diejenigen einer modernen Fabrikhalle klettert. Das histo-

selbst erkannt. So findet sich in fast allen Spielen der Reihe

rische Setting ist in beiden Fällen vor allem ein Spielplatz, ein

eine Datenbank, die Informationen zu bestimmten his-

Hindernislauf.

torischen Gebäuden und Figuren enthält. Auch wenn diese

BUCH & MAUS 1/ 2020

Eine solche Dissonanz zwischen Spielmechanik und Set-

Zusatzinformationen meist recht knapp ausfallen, verkürzen

ting ist keinesfalls nur in der «Assassin’s Creed»-Reihe zu

sie doch den ersten Rechercheweg zu einer weiterführenden

finden: Sie prägt praktisch jedes Computerspiel, das ein his-

Beschäftigung mit den historischen Inhalten des Spiels. Einen

torisches Setting nutzt, von Strategiespielen wie «Civilization»

Schritt weiter ging Ubisoft 2018 mit der Erweiterung von «As-

und «Total War» bis hin zu First-Person-Shootern wie «Call of

sassin’s Creed Origins» (und dem Nachfolger «Assassin’s

Duty» oder «Battlefield». Geschichte wird hier stets zu einer

Creed Odyssey») durch den sogenannten Discovery-Modus. In

Ansammlung historischer ‹Requisiten› (berühmte Ereignisse,

diesem Spielmodus gibt es keine Gegner und keine Spielziele.

Persönlichkeiten und Orte), die in erster Linie dazu dienen,

Die SpielerInnen können die virtuelle Welt so frei und ‹un-

Spielerzählungen inhaltlich auszuschmücken. Auch in vielen

gestört› erforschen. Sie können sogar an Führungen teilneh-

Romanen, Filmen und Fernsehserien wird das historische Set-

men und auf diese Weise das virtuelle Ägypten ganz wie ein

ting schnell in den Hintergrund gedrängt und dient lediglich

riesiges Freilichtmuseum erleben.

als Rahmen für oftmals zeitlose (oder eben auch: zeitgenös-

Auch der Discovery-Modus hat als Lernspiel seine Tücken.

sische) Abenteuer- und Liebesgeschichten. In Computerspie-

Zwar mag er zur Vermittlung von historischem Wissen besser

len mögen diese Reibungsflächen stärker ins Auge fallen, weil

geeignet sein als das Originalspiel. Die beiden bislang er-

die historischen Elemente hier nicht nur mit Erzählungen,

schienenen Touren zeigen aber in der didaktischen Aufberei-

sondern auch mit (abstrakten) Spielregelwerken kombiniert

tung dieses Wissens noch deutliche Schwächen, vor allem –

werden. Das Kernproblem bleibt jedoch das gleiche.

und dies mag nicht einer gewissen Ironie entbehren –, weil das virtuelle Setting zu detailliert und technisch zu perfekt ist

Forschen im Discovery-Modus

und damit keinen Raum für geschichtswissenschaftliche Leerstellen lässt. So suggeriert die «Discovery Tour», dass die

Wichtiger erscheint somit, mit welcher Erwartungshaltung

Cheops-Pyramide genau so und nicht anders ausgesehen ha-

SpielerInnen an ein mediales Produkt wie «Assassin’s Creed»

be. Geschichtswissenschaftliche Spekulationen und Dispute

herantreten. Die Spiele sind in erster Linie Unterhaltungspro-

lässt die fotorealistische Oberfläche der Spielwelt nicht

dukte, keine Serious Games, also keine Lernspiele. Ihre Spiel-

durchscheinen.

herausforderungen erfordern Geschicklichkeit und Taktik,

Auch über die zwei ‹neuen› Kammern in der Pyramide wer-

aber eben kein (oder nur ein sehr geringes) historisches Fach-

den sich nur die wenigsten SpielerInnen gewundert haben –

wissen. Dies bedeutet jedoch im Umkehrschluss nicht, dass

zumindest nicht, bevor sie im November 2017 vielleicht zufäl-

man in den Spielen nicht doch etwas über Geschichte lernen

lig eine kuriose Schlagzeile gelesen haben ...

kann. Es handelt sich jedoch in der Regel um ein beiläufiges Lernen. Referenzen zu historischen Ereignissen, Orten, Figuren und Objekten dienen als Anstoss für eine weiterführende

COMPUTERSPIELE

Auseinandersetzung mit historischen Themen in anderen

Assassin’s Creed Origins

(Sach- und Lern-)Medien.

Gold Edition. Ubisoft 2017.

Offenbar haben die «Assassin’s Creed»-EntwicklerInnen diese Problematik – oder positiv gewendet: dieses Potenzial –

Discovery Tour by Assassin’s Creed: Ancient Egypt

Ubisoft 2018.


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VOLL VERSPIELT UND VOLL VERLIEBT Bücher, die von der turbulenten Übergangsphase zwischen Kindheit und Pubertät erzählen, nehmen auf dem Buchmarkt eine immer wichtigere Rolle ein. Sie einer Altersgruppe zuzuordnen, fällt nicht leicht – dafür bieten sie vielschichtige und individuelle Lektüren (in) einer wichtigen Lebensphase, meint ANDREA DUPHORN *.

ILLUSTRATION: ULRIKE MÖLTGEN AUS: JUDITH BURGER: «ROBERTA VERLIEBT». © 2019 GERSTENBERG.

STANDPUNKT: BÜCHER FÜR «TWEENS»

gehen, fällt uns irgendwie nichts mehr ein.» Das Zum-erstenMal-Verliebtsein spielt also eine wichtige Rolle. Für die einen, weil sie es zum ersten Mal sind – für die anderen, weil sie es noch nicht sind. Nun sind Kinderbücher, die von der ersten Liebe erzählen, nicht neu. Man denke nur an Peter Härtlings «Ben liebt Anna» (1979), Bo. R. Holmbergs «So was macht die

Welches Buch eignet sich für welches Lesealter? Vor wenigen

Neu dagegen ist, wie vielschichtig darüber erzählt wird. Dass

Jahren genügte zur Einordnung meist ein kurzer Blick: Wie ist

meist noch viele andere Themen in die Erzählung einfliessen.

das Titelbild gestaltet? Gibt es Innenillustrationen und wenn

Und: dass auch körperliche Veränderungen wie ein wachsen-

ja, in welchem Verhältnis stehen die zum Text? Ist der Text in

der Busen oder die erste Periode einbezogen werden.

grosser oder kleinerer Schrift gesetzt, sind es kürzere oder längere Kapitel? Was für einen Umfang hat das Buch insge-

Doch besser am perfekten Rülpser feilen!

samt? Und nicht zuletzt: Wie alt ist die Hauptfigur und wovon handelt die Geschichte?

So macht sich die elfjährige Gustav in Lara Schützsacks

Inzwischen ist das nicht mehr ganz so leicht. Kindsein ist

Roman «Sonne, Moon und Sterne» (Sauerländer 2019) zu Be-

komplexer, schneller, bunter geworden. Und das spiegelt sich

ginn der Handlung Sorgen, dass es sich bei den kleinen Erhe-

auch in den Büchern für die 10- bis 13-Jährigen wider. Neben

bungen auf ihrer Brust um Krebs handeln könnte. Dabei

den klassischen Familien-, Freundschafts- und Abenteuerge-

könnte sie das dank ihrer zwei älteren Schwestern, «die sich

schichten gibt es immer mehr Titel, welche die Zeit zwischen

geistig und körperlich (bereits) am schlimmsten Ort befinden,

Gerade-noch-Kind-Sein und beginnender Pubertät beschrei-

den Gustav sich vorstellen kann» – der Pubertät –, eigentlich

ben. In Tamara Bachs «Wörter mit L» (Carlsen 2019) etwa er-

besser wissen. Aber für Gustav ist ein perfekter Rülpser eben

zählt die neunjährige Pauline staunend von der besten

noch viel interessanter als der eigene Körper oder Jungs. Zu-

Freundin, die nun «voll und ganz» in einen Mitschüler verliebt

mindest, bis sie Moon kennenlernt …

sei, während sie selbst sich noch fragt, «warum Jungs plötzlich

Ganz anders erlebt es die gleichaltrige Roberta in «Roberta

(so) wichtig sind. Dass man dauernd darüber reden muss. (…)

verliebt» von Judith Burger (Gerstenberg 2019), die nur noch an

als hätte es ein Zeichen gegeben, eine Hupe, einen Start-

Felix denken kann. «Er ist in ihrem Kopf, ihrem Herz und

schuss, irgendwas. Als hätten sich alle verabredet. Nur mir hat

ihrem Bauch.» Roberta ist wahrhaft leidenschaftlich verliebt.

keiner Bescheid gegeben.»

Da kann ihre Mutter noch so oft sagen, dass sie dazu noch zu jung ist. «(…) sich verlieben. So was kommt doch erst viel spä-

Miteinander gehen – oder miteinander spielen?

ter!»

Ähnlich ergeht es der Hauptfigur in Sabine Lemires und Ras-

bensgefühl von Mädchen und Jungen auf der Schwelle zur Pu-

mus Bregnhøis Graphic Novel «Mira» (Klett Kinderbuch 2018).

bertät. Mal sind die Hauptfiguren noch kindlich, mal sind sie

Miras allerbeste Freundin hat einen «Club der Verliebten» ge-

überraschend reif; fast immer sind es Mädchen. Wir werden

gründet, in dem Mira (9 Jahre) nicht mitmachen darf, weil sie

also einfach genauer hinschauen müssen als früher, um zu

noch nie verliebt war. Sie versucht also, in ihren besten Freund

sagen, welches Buch für welches Lesealter – und vor allem: für

Louis verliebt zu sein – und scheitert kläglich: «Louis und ich

welche/n LeserIn! – geeignet ist. Dafür werden wir mit vielen

hatten (…) immer so viel Spass, und jetzt, wo wir miteinander

spannenden, wenig stereotypen Büchern reichlich belohnt.

Fazit: Gute Kinderbücher sind so vielschichtig wie das Le-

*ANDREA DUPHORN arbeitet in einer Personalmarketing-Agentur. Seit

ihrem Studium am Institut für Jugendbuchforschung in Frankfurt am Main rezensiert sie seit fast 30 Jahren Kinder- und Jugendbücher für Tageszeitungen und Fachzeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

BUCH & MAUS 1/2020

Liebe» (2002) oder Per Nilssons «Für immer Milena» (2003).


AUS DEN SEITEN GEHÜPFT

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HIER EROBERN KINDER DIE TIEFDRUCKPRESSE In der Druckstelle Basel können Kinder und Jugendliche kreativ tätig werden und in Text und Bild etwas Eigenes erschaffen. Die Werkstatt an einem geschäftigen Nachmittag besucht hat SARAH EGGEL . «Das ist ein Zwerg.» Die neunjährige Rejana zeigt auf die Figur, die sie auf ein weisses Blatt Papier gezeichnet hat. Barbara Schwarz nickt ihr zu: «Ja, doch, jetzt sehe ich es, hier ist die Nase.» Die Literaturvermittlerin pinnt das Blatt an die Wand, an der schon eine Reihe weiterer Zeichnungen hängt, die von den jungen BesucherInnen der Druckstelle Basel gestaltet FOTO: © SARAH EGGEL, SIKJM.

wurden und zu einem Lexikon zusammengefasst werden sollen. Die Beiträge sind bunt, mit Bleistift, Tusche, Aquarell- oder BUCH & MAUS 1/2020

Acrylfarben gemalt; sie tragen die kreativsten Titel, und die Sujets reichen von Tierfiguren bis zu Alltagsgegenständen. «Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Kinder ihre eigenen Geschichten entwickeln können», erklärt der Kunstvermittler Mathis Rickli. Er hat die Druckstelle, eine Schreib-, Buchbindund Druckwerkstatt im Quartier Klybeck in Basel, vor vier Jah-

Die Werkstatt bietet jungen KünstlerInnen Raum für kreative Versuche.

ren zusammen mit Barbara Schwarz und Zora Marti initiiert und 2017 eröffnet. An vier Nachmittagen pro Woche experi-

die sich der kreativen Arbeit professionell widmen. Dadurch

mentieren hier Kinder und Jugendliche mit Text und Bild, sie

wird die Einsicht gefördert, dass zwischen KünstlerIn und

schreiben, zeichnen, drucken, kleben und vervielfältigen.

Werk eine Verbindung existiert, hinter dem fertigen Produkt ein Schaffensprozess steht. «Die an die Autorin gerichtete

Ein Ort für persönliche Schaffensprozesse

Frage ‹Das hast du gemacht?› wird zum Katalysator für ein ‹Oh, ich kann das auch probieren!›», erzählt Rickli. Im Rahmen

Die Projekte, die in der Druckstelle entstehen, sind so vielfäl-

der Kooperationen wurden mehrere Publikationen realisiert,

tig wie die jungen KünstlerInnen. Manche Kinder haben eine

in denen die in der Druckstelle geschaffenen Werke veröffent-

klare Vorstellung davon, was sie machen möchten, andere

licht wurden. Auch die Druckstelle-Zeitung «Gazete» bietet

kommen seit mehreren Jahren und sind noch immer auf der

alle zwei Monate die Möglichkeit, die eigenen Bilder und Texte

Suche nach ihrem persönlichen Zugang zur kreativen Arbeit.

der Öffentlichkeit zu zeigen.

So hätten die Schaffensprozesse auch viel mit Vertrauensar-

In der Druckstelle hat Orela damit begonnen, mit Tusche

beit zu tun, berichtet Mathis Rickli. Die Kinder müssten die

auf ein weisses Blatt zu zeichnen. Schwungvoll führt sie die

KunstvermittlerInnen erst kennenlernen, damit sie eine ei-

Feder über das Papier. Zwei Jungen ritzen weiter unten am

gene künstlerische Arbeit wagen könnten – im Wissen, dass

langen Tisch auf einer Folie verschiedene Formen für einen

ihr Werk in guten Händen ist. Wichtig ist besonders, dass die

Tiefdruck aus. «Das ist ein gebrochenes Herz, ein Fuss und ein

Kinder aus eigener Initiative kommen, betont Rickli: «Wir ver-

Fenster», erläutert Jasin seine Formen auf der Folie, die er mit

stehen uns explizit nicht als eine Art Kinderhort. Die Druck-

roter Farbe bestreicht. Die bestrichene Folie wird auf ein weis-

stelle ist ein Raum der Kinder, den sie freiwillig besuchen und

ses Blatt Papier gedrückt und unter die hauseigene Tiefdruck-

nicht auf Wunsch der Eltern.»

presse gelegt. Jasin stellt sich hinter das grosse Rad und

Besonders die Ferienprogramme, die oft Kooperationsprojekte mit kulturellen Institutionen wie der Kunsthalle Basel

beginnt zu drehen, sodass sich die dicke Walze der Tiefdruckpresse in Bewegung setzt und sein Werk entstehen lässt.

oder dem Cartoonmuseum umfassen, bieten den TeilnehmerInnen die Möglichkeit, verschiedene kulturelle Erfahrungen

INFORMATIONEN

zu machen: Sie besuchen Museen oder begegnen Menschen,

www.druck-stelle.ch


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PANORAMA SCHWEIZ

FÜNF KUNSTWERKE STEHEN AUF DER SHORTLIST Juryarbeit bedeutet immer, schwierige Entscheidungen zu

und eröffnet einen neuen Zugang zum Grimmschen Text –

treffen. Schliesslich ist Kunst, auch wenn es Kriterien gibt, auf

einen ästhetischen Raum, der vom Tessiner Illustrator An-

die man sich guten Gewissens einigen kann, immer Ge-

toine Déprez aufgegriffen wird. Gerade weil sie auf Farbe

schmackssache. Wenn es um Literatur für Kinder und Ju-

verzichten und auf Tiefe und Weite des Chiaroscuro, der Hell-

gendliche geht, verschärft sich das Problem noch einmal.

Dunkel-Malerei setzen, weiten die Bilder die schwankhaften

Kann man ein Bilderbuch für die Kleinsten überhaupt mit

Episoden des Märchens zu einer Welt voller Magie aus. Kühn

einem Jugendroman vergleichen? Wie viel Pädagogik verträgt

und originell in Technik, Form und Zuschnitt, inszeniert das

die Literatur? Und sollte man nicht lieber die jungen LeserIn-

Buch mit plastischer Wucht ein dynamisches Wechselspiel

nen bestimmen lassen, was ihnen gefällt und was nicht?

zwischen Alt und Neu.

Doch Juryarbeit bedeutet immer auch die Möglichkeit, in Ruhe über all diese Fragen nachzudenken, sich über Ansprü-

Lebensreisen in eigenwilligen Bildern ...

che und Kriterien auszutauschen. Genau das war an den bisherigen Sitzungen der Jury für den ersten Schweizer Kinder-

«Grandir» erzählt von einer Reise, die jeder und jede kennt –

und Jugendbuchpreis der Fall. Vier Jurorinnen und ein Juror

oder nach und nach kennenlernt: der Reise durch das Leben.

aus unterschiedlichen Sprachregionen und Arbeitsfeldern

Vor dem schneeweissen Hintergrund der hochformatigen

diskutierten nicht nur ausgiebig über die über 80 eingereich-

Seiten entfalten sich die vielfältigen, fantastischen Metamor-

ten Werke, sondern entschieden, eine Auswahl der künstle-

phosen einer Frau, von der Verwobenheit in die Gebärmutter

risch überzeugendsten, originellsten Bücher zu treffen.

bis zum letzten Abschied per Rakete. Die messerscharfen, schlichten Sätze von Laëtitia Bourget stehen im Kontrast zu

Überzeugend vom Text bis zur Haptik

Emmanuelle Houdarts üppigen, verspielten Illustrationen. Der Übergang zwischen Menschlichem, Tierischem und Mon-

Dabei zeigte sich einmal mehr, dass Buchgestaltung im Zu-

strösem ist fliessend; Wurzelwerke verbinden Belebtes und

sammenspiel aller drei Dimensionen – Text, Bild und Layout,

Unbelebtes zu vibrierenden Assemblagen. Jede Seite ist als

Haptik des Buchkörpers – mit viel Liebe zum Detail eine der

einzigartiges Gemälde gestaltet, und die barocken Ornamente

ganz grossen Stärken der Schweizer Kinderliteratur ist. Des-

lassen die LeserInnen in eine allegorische und wuselnde Welt

halb stehen drei Bilderbücher, ein italienisches, ein französi-

eintauchen, in der alles lebt und sich ständig wandelt.

sches und ein deutsches, auf der Shortlist. So unterschiedlich

Auch in Francesca Sannas Bilderbuch «Ich und meine

sie auch sind in ihren thematischen Zugängen und im Stil, so

Angst» ist die Schlüsselfarbe Weiss. Umspielt von einer rei-

überzeugen sie doch alle durch einen kraftvollen, eigenwilli-

chen, in ebenso kräftigen wie durchlässigen Tönen gehalte-

gen künstlerischen Ausdruck.

nen Welt aus Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen wächst

Im grossen Bilderbuchformat und mit dynamischen Illus-

und schrumpft dieser weisse Fleck, erscheint mal als weiches

trationen in prachtvoll leuchtendem Schwarz und Weiss ins-

Kuscheltier, mal als Schutzengel, mal bedrohlich wie ein

zeniert «Il tavolino magico» eine innovative Interpretation des

Dschinn. Er verkörpert in diesem dynamischen, so schwung-

Grimmschen Märchens «Tischlein deck dich». Die Neudich-

voll wie sorgfältig komponierten Bilderbuch die Angst, die

tung des preisgekrönten italienischen Autors Roberto Piumini

ständige Begleiterin der kleinen Ich-Erzählerin. Dabei ist von

lebt von ihrem Rhythmus und den Klangfarben der Sprache

Anfang an klar, dass Angst auch etwas Gutes sein kann. Doch als das Mädchen in ein neues Land kommt, wird das Weiss um

*PD DR. CHRISTINE LÖTSCHER forscht und lehrt am ISEK – Populäre Kultu-

es herum plötzlich überdimensional gross – es füllt die ganze

ren der Universität Zürich zu Kinder- und Jugendmedien.

Buchseite und trennt die Protagonistin von den anderen Kin-

BUCH & MAUS 1/ 2020

Drei Bilderbücher, eine Graphic Novel und eine Jugenderzählung stehen auf der Shortlist für den ersten Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis, der an den Solothurner Literaturtagen verliehen wird. Einen Einblick in die nominierten Werke gibt Jurypräsidentin CHRISTINE LÖTSCHER*.


BUCH & MAUS 1/ 2020

V. O. L. IM UHRZ.: «TOTSCH». © DA BUX 2019 / EMMANUELLE HOUDART: «GRANDIR» © LES GRANDES PERSONNES 2019 / ANTOINE DÉPREZ: «IL TAVOLINO MAGICO». © MARAMEO 2019 / FRANCESCA SANNA: «ICH UND MEINE ANGST». © NORDSÜD 2019) / NANDO VON ARB: «3 VÄTER». © EDITION MODERNE 2019.

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Vom Bilderbuch über die Jugenderzählung bis zur Graphic Novel: Alle fünf nominierten Werke überzeugen mit ästhetischer Qualität und Originalität.

dern, hält sie fest und will sie nicht aus ihrem Würgegriff

des Aufwachsens in der Provinz erzählt er von einer scheinbar

lassen. Bis das Mädchen erkennt, dass alle Kinder Ängste

unmöglichen Freundschaft – zwischen einem Pummelchen

haben und auf jeder Schulbank im Klassenzimmer ein kleiner

und dem coolsten Typen der Stadt. Der Autor erzählt in einer

weisser Geist sitzt und aufpasst.

subtilen, präzisen Sprache von der Annäherung zweier ganz unterschiedlicher Jugendlicher. Mit wenigen Worten lässt er

... und kraftvollen Texten

seine Figuren lebendig werden, mit ihren Gedanken, Sorgen und Nöten. Dabei entfaltet der Text einen rhythmischen

Die Kunst der Buchgestaltung erreicht in der Schweiz nicht

Sound und hat auch einiges an Action zu bieten.

nur im Bilderbuch ihre Höhepunkte. «3 Väter», die Graphic Novel des Zürcher Grafikers und Illustrators Nando von Arb, erzählt mit viel Tempo, das die Seiten fliegen lässt wie Vogel-

LITERATUR

schwingen, vom Leben einer Patchworkfamilie – und davon,

ROBERTO PIUMINI (TEXT) / ANTOINE DÉPREZ (ILLUSTRATION)

was es heisst, als Kind in einer wilden Dynamik der Gefühle

Il tavolino magico

Widerstandskräfte zu entwickeln. Denn in einer chaotischen

Gordola: Marameo Edizioni 2019. 32 S., ca. Fr. 30.00

Familie aufzuwachsen, bringt Schmerz mit sich, aber auch

LAËTITIA BOURGET (TEXT) / EMMANUELLE HOUDART (ILLUSTRATION)

Entwicklungsmöglichkeiten. Mit archaischer Bildkraft erzählt

Grandir

das Buch aus einer radikalen Kinderperspektive, was es

Paris: Les Grandes Personnes 2019. 40 S., ca. Fr. 30.00

heisst, drei Väter zu haben, die kommen und gehen, und eine

FRANCESCA SANNA

Mutter, der alles zu viel ist. Die expressiven Szenen evozieren

Ich und meine Angst

ein Gefühl für diese schwankende Welt und für das Kind, das

Zürich: NordSüd 2019. 40 S., ca. Fr. 21.00

lernt, auf lustvolle Weise im Chaos zu navigieren. Bei den erzählenden Büchern für Kinder und Jugendliche war die Vielfalt nicht ganz so gross wie bei den Buchkunstwerken aus Text und Bild. Eine Entdeckung war die Jugenderzählung «Totsch» aus der Feder des vor allem als Krimiautor bekannten Sunil Mann. Mit viel Gespür für die Atmosphäre

NANDO VON ARB 3 Väter

Zürich: Edition Moderne 2019. 296 S., ca. Fr. 49.00 SUNIL MANN Totsch

Werdenberg: da bux 2019. 58 S., ca. Fr. 9.00


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BILDERBÜCHER

CLAUDIA DE WECK Meine liebsten Spielsachen

FRAUKE ANGEL (TEXT) /

Zürich: Atlantis 2020. 22 S., ca. Fr. 15.00

JULIA DÜRR (ILLUSTRATION) Disco!

Ein strahlender Lausbub mit roten Wangen läuft aus dem Cover mitten hinein in die Welt, die er erkunden will. Seinen Bären und seine Spielsachen lässt er buchstäblich links liegen, dafür folgt ihm eine vorwitzige Maus auf Schritt und Tritt und die fröhliche Erforschung einer Reihe von Alltagsgegenständen beginnt. Der Junge ist magisch angezogen vom Saugrohr des Staubsaugers und hantiert an dessen Knöpfen. Kleider und Schuhe sind genauso faszinierend wie Klopapierrollen und Küchenutensilien, Körbe und Bücherregal. Und dass Handtasche und Handy äusserst interessante Spielobjekte sind, wissen ja nicht nur Kinder! Der Bär folgt anfänglich noch etwas zögerlich, doch am Ende ist es gerade er, der im Licht der Nachttischlampe von allen Entdeckungen eine kleine Trophäe mit ins Bett, in die Nacht rettet. Die wohl vielen Betrachtenden vertrauten, von Illustratorin Claudia de Weck in ihrem typischen Strich pointiert gezeichneten Situationen reihen sich zu einer kleinen Geschichte nahe am neugierigen Kind und seiner kindlichen Spiellust. Die Künstlerin rhythmisiert dabei zwischen Doppelseiten und Einzelseiten und lässt ihre Figuren und Gegenstände auf zarten Hintergrundfarben auftreten. Die Frage, was genau ein Spielzeug ist und was man mit welchen Gegenständen machen darf oder nicht, stellt sich hier nicht. Es geht ums Entdecken und Experimentieren, ums Betrachten und Befühlen. Da wird ausgeräumt und umgeräumt, mal mit tierischem Publikum, mal mit tierischen Mitstreitern – aber immer mit Freude und Forscherdrang. Kein Wunder sind die Wangen bei so viel Energie rot und wird der Maus bisweilen schwindelig. Ein so anregendes Spiel- und Lernumfeld wünscht man allen Kindern. Allfällige elterliche Ängste dürfen da beim Betrachten getrost hinten anstehen.

SUZANNE LANG ( TEXT) / 

Wer kennt es nicht? Mit dem falschen Bein aufgestanden, eine richtig schlechte Laune – und alle um einen herum sind gut drauf? Genau diesem Gefühl haben sich die Geschwister Suzanne und Max Lang kongenial in ihrem Bilderbuch «Jim ist mies drauf» angenommen und einen kleinen Schimpansen namens Jim Panse zu ihrem Protagonisten gemacht. Jim ist wahrlich mies drauf und durch nichts aufzumuntern. Weder sein bester Freund, ein Gorilla namens Nick, noch die anderen Tiere des Urwalds sind in der Lage, Jims miese Laune zu vertreiben. Und sie bemühen sich redlich, indem sie Jim zu allerlei Aktivitäten animieren. Doch nichts hilft, Jim bleibt mies drauf, obwohl er vehement – und schliesslich brüllend – behauptet, keine schlechte Laune zu haben. Bis sein bester Freund Nick mit einem ebenso verkniffenen Gesicht vor ihm steht und auch miese Laune hat. Zusammen stellen sie fest, dass es völlig in Ordnung ist, auch mal schlechte Laune zu haben. Und dass alles wieder besser wird. Suzanne und Max Lang ist mit «Jim ist mies drauf» ein wunderbares Bilderbuch gelungen, an dem im Sinne des All-AgeKonzeptes nicht nur junge, sondern auch ältere LeserInnen ihre Freude haben werden. Mit zum Teil wenigen Strichen gelingt es ihnen, Jims Emotionen pointiert zu veranschaulichen und zu vermitteln. Sie schaffen es zu zeigen, dass man Gefühle auch mal rauslassen darf – und dass echte FreundInnen das verstehen. Ein wunderbares Bilderbuch über den Umgang mit negativen und positiven Gefühlen!

Jungs mögen Fussball und die Farbe Blau, Mädchen Tanzen und Pink. – Klar haben solch starre Geschlechterstereotype einen Methusalem-Bart, in viel zu vielen Köpfen leben sie aber munter weiter. Wehe, wer die mumifizierten Schubladen aufmischt, wie die forsche Pina in diesem klugen und spannenden Bilderbuch. Schauplatz ist die Brutstätte der sozialen Identität: der Kindergarten. Hier spielen Vorbilder und Vorurteile eine grosse Rolle, umso gewaltiger, was dann passiert: «Pina sagt, es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Es gibt nur Lieblingsfarben. Deshalb sind meine jetzt Rot und Pink. Violett und Rosa mag ich aber auch», verkündet der Ich-Erzähler gleich auf der ersten Seite. Ob das lange gutgeht? Erst einmal ist es aufregend: Übernachtungsparty im rosa Nachthemd, mit dem der begeisterte Disco-Tänzer am nächsten Morgen auch in den Kindergarten geht. Prompt kommt die kalte Dusche, allerdings nicht von den Kindern, sondern vom Papa seines besten Freundes: Nein, Fussball ist nichts für Mädchen und der Junge soll «den albernen Fummel ausziehen, weil ihm sonst übel wird». Und auch die Erzieherin behauptet, ein Junge in Mädchenkleidern sei verkleidet. Zum Glück ist Pina eine beherzte Freiheitskämpferin und bietet Paroli. Sogar zum Thema Schwulsein hat sie klare, aufmunternde Worte. Ihr Plädoyer für Selbstbestimmung wirkt und so gibt’s ein kunterbuntes Happyend. Dramaturgisch dicht, facettenreich und mit viel Sprachwitz und Komik ist das Bilderbuch erzählt. Dazu kommen fröhlichfiligrane Illustrationen, die viel Guck- und Diskussionsstoff bieten – statt verkrampfter Belehrung wird hier eine überzeugend leichtfüssige Alltagsgeschichte wider Rollenzuweisungen geboten.

BARBARA JAKOB

SABINE PLANKA

MARION KLÖTZER

Wien: Jungbrunnen 2019. 32 S., ca. Fr. 22.00

Jim ist mies drauf Aus dem amerikanischen Englisch von Pia Jüngert. Bindlach: Loewe 2020. 32 S., ca. Fr. 19.00

BUCH & MAUS 1/2020

MAX LANG (ILLUSTRATION)


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BILDERBÜCHER

MICHA FRIEMEL (TEXT) / JACKY GLEICH (ILLUSTRATION) Lulu in der Mitte

ANETE MELECE

PATRICIA MACLACHLAN (TEXT) /

München: Hanser 2020. 32 S., ca. Fr. 21.00

Der Kiosk

FRANCESCA SANNA (ILLUSTRATION)

Zürich: Atlantis 2020. 40 S., ca. Fr. 25.00

Meine Freundin Erde

BUCH & MAUS 1/2020

Mittelkind, Sandwich-Kind oder Dazwischenkind – wie man das zweite von drei Kindern auch nennen mag, in der Geschichte von Micha Friemel geht es um Lulu, und sie ist «Lulu in der Mitte». Die Geschwisterkonstellation ist prägend und besonders das mittlere Kind spürt oftmals eine Ambivalenz in seiner Rolle. Mal zu klein für etwas, mal bereits zu gross – zwischen diesen Polen schwankt Lulu auch. Aber als sie deswegen abends weint und eine Art Identitätskrise hat, sind ihre Eltern sofort zur Stelle. Das Bilderbuch heisst uns willkommen im Alltag einer vielbeschäftigten, sehr lebendigen Familie, die aus Mama, Papa, Oma und drei Kindern besteht – ein Hund und ein Goldfisch sind auch noch dabei. Die Schweizer Autorin spricht aus eigener Erfahrung und so gelingt es ihr, die Vielzahl an Situationen, Emotionen und Konflikten, die ein ganz normaler Tag so mit sich bringt, überzeugend in Worte zu fassen. Dabei wechseln sich knappe Dialoge mit treffenden Beschreibungen ab. Das Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild vibriert. Micha Friemel und Illustratorin Jacky Gleich haben sich intensiv ausgetauscht und dann in der Zusammenschau überlegt, wo der Text ergänzt, geändert oder umgestellt werden soll. Auf den farblich angenehm zurückhaltenden Buntstiftillustrationen entdeckt man deutlich mehr. Ist im Text nur von Lulu die Rede, sieht man die Mama am Schreibtisch, den Bruder Kaspar lesend und Leonor, das Baby, im Tragetuch beim Papa, der sich im Bad die Zähne putzt. So wie Jacky Gleich die Szene mit ihren in Mimik und Gestik trotz Strichmännchenarmen und -beinen sehr ausdrucksstarken Figuren umsetzt, ist das ein grosses Vergnügen. Nach all der pädagogischen Literatur zu Sandwichkindern ist dies nun ein gelungenes Bilderbuch zum Thema.

Tag für Tag sitzt Olga in ihrem Kioskhäuschen und verkauft Zeitungen, Socken, Seife «und andere nützliche Sachen». Abends lässt sie die Jalousien herunter, klappt ihren Sessel aus und liest Chips knabbernd Reisejournale. Ihre paar Quadratmeter Lebensraum füllt sie komplett aus: mit ihrer Sehnsucht nach Strand, Sonne und fernen Ländern – und ihrer enormen Leibesfülle. Die wird ihr eines Morgens zum Verhängnis, als zwei Jungen Süssigkeiten klauen wollen. Völlig ausser sich versucht Olga, den Dieben hinterher zu hechten. Doch herrje, sie steckt ja in ihrem Kiosk fest! Der ungewohnte körperliche Einsatz bekommt der dicken Frau schlecht. Krach, kippt sie samt ihrem Häuschen um. Noch mit den Füssen strampelnd macht Olga eine erstaunliche Entdeckung: Ist sie vielleicht freier als gedacht? Schnell rappelt sie sich auf, und – tatsächlich: Sie kann mit dem Kiosk herumgehen! Ihr Spaziergang wird abenteuerlich: Olga stolpert über eine Hundeleine, fällt in den Fluss und treibt stromabwärts Richtung Meer. Als sie nach drei Tagen und Nächten an Land gespült wird, findet sie sich am Strand ihrer Träume wieder. Tagsüber verkauft Olga jetzt Eis. Abends lässt sie die Jalousien offen und geniesst den Sonnenuntergang. Die lettische Autorin, Illustratorin und Animationskünstlerin Anete Melece hat die ebenso absurde wie rührende Geschichte ursprünglich als animierter Kurzfilm erzählt. Für die Buchausgabe hat sie nun sämtliche Bilder neu gezeichnet, arrangiert und mit witzigen Details gespickt. Ihre ausdrucksstarken FilzstiftIllustrationen lassen die liebevoll stereotypisierten Charaktere mit ihrem dramatischen Mienenspiel lebendig werden – so entsteht bei jeder/m Lesenden ein eigener Animationsfilm.

Bodmer. Zürich: NordSüd 2020. 42 S., ca. Fr. 24.00

ANTJE EHMANN

ALICE WERNER

SARAH EGGEL

Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas

Hügel, Wiesen, Seen und Wälder in ausdrucksstarken Farben schmücken bereits das Vorsatzpapier dieses Bilderbuches; eine Seite weiter fliegt ein junges Mädchen mit schwarzen Haaren und dunkler Haut auf einem orangefarbenen Laubblatt über den Titel «Meine Freundin Erde» in das Buch hinein. Diese Freundin wacht in der von Francesca Sanna künstlerisch umgesetzen Geschichte aus ihrem Winterschlaf auf. Sie hört den Frühlingsgeräuschen von Menschen und Tieren zu und sieht die kleinsten Wunder der Natur, wie die silbrigfeinen Fäden der Spinne. Sie lässt den Sommerregen auf die sattgrüne Landschaft fallen, bläst Herbstwinde, sodass die roten, orangen und gelben Laubblätter über mehrere Seiten tanzen, bevor sie – am Ende des Kreislaufs – Schnee über die schlafenden Bären und Eichhörnchen streut und sich selbst zur Ruhe legt. Spannend sind die unterschiedlich gestalteten Interaktionen zwischen Mädchen und Natur: Szenen mit viel Dynamik – in einer reitet das Mädchen auf dem Rücken eines Zebras mit einer Zebraherde durchs Bild – wechseln sich mit ruhigeren Szenen ab, etwa wenn das Mädchen mit dem Eisbären an einem Wasserloch liegt und auf Beute wartet. Die Lasercut-Seiten ermöglichen immer wieder neue Einblicke und Entdeckungen, sodass die LeserInnen wie das Mädchen durch die Löcher oder über die abgerundeten Ränder der Seiten auf die Landschaften schauen können. Patricia MacLachlans poetischer Text zu den vielfältigen Tätigkeiten der Freundin Erde ergänzt Francesca Sannas Illustrationen, sodass aus Text und Bild ein faszinierendes, üppig-farbiges Kunstwerk wird – eine Liebeserklärung, die daran erinnert, die Erde zu schützen.


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BILDERBÜCHER

OLE KÖNNECKE HANS P. SCHAAD

Desperado

sChly Mandli

München: Hanser 2019. 32 S., ca. Fr. 40.00

JOHANNA THYDELL (TEXT) / EMMA ADBÅGE (ILLUSTRATION) Blödes Bild!

«Chlyne Maa, wo chunsch du her?» – «He, vo de blaue Berge!» – «Worum bisch dänn du so chly?» – «Bi nüd chli, han e Frau.» – Das Bild, das an dieser Stelle den Dialog begleitet, zeigt das Männchen neben einer erwachsenen Frau. Der fragende Bub quittiert mit «guet». Das Männchen kontert: «Gar nüd guet, si isch mer gstorbe.» Der Grafiker und Zeichenlehrer Hans P. Schaad (1928–2002) hat beim Diogenes Verlag mehrere Bilderbücher veröffentlicht und langlebige Kinderbücher illustriert (z. B. Franz Caspars «Fridolin»). Das quadratische, grüne Bändchen «sChly Mandli», das erstmals 1969 erschien, ist typisch für Schaads raschen, cartoonhaften Zeichenstrich, den er hier mit leichtem Pinsel kolorierte. Inhaltlich entspringt die Geschichte einer kindlichen Logik, die Drastisches ad absurdum führt: Die Frau ist tot, der Gemüsegarten wird von den Hasen kahl gefressen. Also schiesst der Winzling diese über den Haufen und trifft dabei seine linke Hand. «Das isch jetzt au schaad», meint der Bub aus dem Off. «Gar nüd so schaad», sagt der Betroffene, «jetz bruuch i nu na äin Häntsche». Keck streckt das Männchen die rechte Hand mit rotem Fäustling in die Luft und lacht. Ein Plädoyer für ein ironisch-pragmatisches Wegstecken von Widrigkeiten? So liest das kaum, wer brave Szenen sucht oder stur nach ‹political correctness› fragt. Wer jedoch bedenkt, wie Kinder Schockierendes benennen und damit spielen, um Grenzen auszuloten, der wird mitlachen. Als Beleg für ein ‹böses Kinderbuch nach 68› taugte schon die Erstausgabe nur bedingt: Der mündliche Text wurde vor 1926 aufgezeichnet und findet sich als Nr. 2647 in «Kinderlieder der deutschen Schweiz» der Volkskundlerin Gertrud Züricher. Aber natürlich machen die Bilder die Musik – kompromisslos und launig, verspielt und frech.

Im gestreckten Galopp reitet der Miniheld Roy abenteuerlustig auf seinem stattlichen und so gar nicht verzweifelten Pferd Desperado durch die Bilderbuchseiten. Sein Schöpfer, der Bilderbuchkünstler Ole Könnecke, hat ganz offensichtlich eine Western-Vergangenheit – und nun hat er daraus sein ureigenes und vor allem urkomisches Westernnarrativ gebildet. Zum Auftakt heisst es noch ganz lapidar: «Roy reitet jeden Morgen auf Desperado in den Kindergarten. Die Eltern bleiben zuhause. Sie müssen arbeiten.» Im Kindergarten wartet die überaus nette Erzieherin Heidi (ob wir eine sympathische Wild-West-Alternative zu Heidis Frau Rottenmeier sehen?). Doch als Roy eines Tages verschläft, ist alles anders: Der Kindergarten ist zerstört, Heidi verschwunden. Was ist passiert? Black Bart will Heidi heiraten, sie ihn aber nicht. Da hat er sie mit seinen drei Banditen hoch zu Ross entführt. Roy und Desperado machen sich sogleich an die Verfolgung, die vor einem Schuppen endet. Ein flott gegrabener Tunnel bringt die zwei zu Heidi, während der Schurke draussen in Anlehnung an einen historisch verbrieften Postkutschenräuber, der auch Gedichte schrieb, lesenderweise auf Heidis Ja-Wort wartet. Genau wie die Banditen aus «Lucky Luke» bemerken seine Kumpane von dem Rettungsmanöver nicht das Geringste – bis Desperado seinen grossen Auftritt hat und sie zu einer rasanten Flucht zwingt. Als die Eltern abends fragen, wie es im Kindergarten war, meint Roy, ganz kindlicher Abenteurer: «Och, eigentlich wie immer». Auf meist weissem Grund setzt Könnecke seinen freien Tuschestrich, krakeliger als auch schon. Flächen sind dynamische Handkolorierungen. Dies führt auch auf Illustrationsebene zu Lebendigkeit und einem fröhlichen Zusammenspiel von Bild und Text: Kein Element ist ohne Sinn, jede Bewegung und Mimik, jeder Ausschnitt realisiert eine kleine Pointe.

HANS TEN DOORNKAAT

BARBARA JAKOB

MARION KLÖTZER

Biel: die Brotsuppe 2019. 32 S., ca. Fr. 19.00

Aus dem Schwedischen von Maike Dörries. München: Kunstmann 2019. 32 S., ca. Fr. 22.00

Wildes Wachsmalstift-Gekritzel überzieht schon das Vorsatzpapier dieses Bilderbuches, eine Seite weiter sieht man die kleine Minze mit roten Backen am Küchentisch vor einem leeren Blatt. Wieder einmal hat sie keine Idee, was sie malen soll, ihr grosser Bruder Max jedoch schon: Schliesslich ist Max drei Jahre älter, hat dreimal so tolle Einfälle und kann dreimal so schön malen. Das ist gemein und superdoof! Es kommt, wie es kommen muss: Frust, Wut – und dann doch noch ein ganz und gar überraschendes Happy End! Da Minze nämlich an ihrem Projekt Schneeflocke so kläglich scheitert und ihr zusammengeknülltes Bild mit der Schere malträtiert, kreiert sie unabsichtlich etwas ganz Wunderbares. Diese Entdeckung macht zum Glück Max, der während Minzes Wutanfall auch noch ein Versöhnungsbild für seine kleine Schwester malt ... Eine hinreissende Mutmachgeschichte, die mit hohem Wiedererkennungswert und ganz nah dran an den Gefühlen ihrer Protagonistin so pointiert erzählt und ausdrucksstark in Szene gesetzt wird, dass man Minzes schwitzig-wütenden Bauchknoten bis zur Explosion zu spüren glaubt. Dabei erinnern die filigranen, erfrischend unperfekten Zeichnungen mit schwarzen Konturlinien und wenig Farbe auf weissem Grund an eine Ausmalvorlage und bieten viel Stoff zum Entdecken und Nacherzählen, zumal Minzes Mimik ebenso ulkig-reduziert wie konzentriert im Mittelpunkt steht. Die Themen sind prallbunt aus dem Kinderalltag gegriffen: Geschwister-Rivalität, Frustbewältigung und die Hürden eines kreativen Prozesses, der hier erst gelingt, als mutig um die Ecke gedacht und die richtige Technik gefunden wird. Das ist grosse skandinavische Bilderbuchkunst!

BUCH & MAUS 1/2020

Deutsch, franz., ital. und rätoromanisch.


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BILDERBÜCHER / KINDERBÜCHER

EINAR TURKOWSKI Die Stadt, das Mädchen und ich Berlin: Jacoby & Stuart 2019. 32 S., ca. Fr. 26.00

EDWARD VAN DE VENDEL (TEXT) / MARIJE TOLMAN (ILLUSTRATION)

BUCH & MAUS 1/2020

Woher kommen die Geschichten? Solange sie den AutorInnen einfach zufallen, solange sie an jeder Ecke lauern und erzählt werden wollen, stellt sich die Frage nicht. Umso drängender wird sie jedoch, wenn die Inspiration ausbleibt. Der Ich-Erzähler von Einar Turkowskis Bilderbuch leidet unter einer kreativen Blockade. Er entflieht seinem Schreibtisch und setzt sich in einen Park, in der Hoffnung, «dass mir wieder ein Stück Kreativität zufiele, ein inspirierender Gedanke querschiessen würde oder ich sonst irgendeinen Zipfel einer vielversprechenden Idee zu fassen bekäme». Es geschieht aber gar nichts. Erst, als der Künstler durch die Stadt flaniert und sich seine Wahrnehmung durch das Gehen zu schärfen beginnt, kann der Zufall zuschlagen. Er begegnet einem Mädchen, das Dinge sieht, die gar nicht da sind. Sie spricht von einer matt schimmernden Kugel, die der Erzähler nicht sehen kann – die BetrachterInnen aber schon. Bei jedem Spaziergang werden die fantastischen Elemente lebendiger und konkreter, und die Geschichtenproduktion setzt ein. Bilderbuch ist nicht das richtige Wort für den Flaneurtraum zwischen Buchdeckeln, den Turkowski geschaffen hat. Vielmehr haben wir es mit einem Künstlerbuch zu tun. Das gilt für die Gestaltung: Auf den streng konzipierten Doppelseiten treten Textepisode und Bild miteinander und mit den LeserInnen in einen Dialog. Es gilt aber auch für die Thematik des Buches. Es geht um kreative Prozesse und, in der Tradition von Walter Benjamins Essays, um die Bedeutung des kindlichen Blicks für die Wahrnehmung und die Arbeit des Künstlers. Dies ist die Ebene, die Erwachsene anspricht. Kindern erschliessen sich die Episoden über die von tiefstem Tintenschwarz bis zu schneeleuchtendem Weiss alle Schattierungen durchspielenden Bilder – und über die Art, wie die bunten Kreaturen aus der Fantasie des Mädchens Dynamik in diese helldunklen Welten bringen.

Der kleine Fuchs

Dieses Bilderbuch irritiert, denn es flirrt zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Vertraut und sympathisch, zugleich fremd wirkt «Der kleine Fuchs» in skizzenhaft kolorierter Leuchtfarbe Orange schon auf Marije Tolmans Titelbild. Die ersten Doppelseiten zeigen, wie er die Dünenlandschaften der niederländischen Nordseeküste und ihre Tierwelt bestaunt, um letztere sogleich nachzuahmen. Den Möwen hinterherjagend, schüttelt er seine Pfoten wie die Gänse ihre Flügel. Erst als er versucht, einem Schmetterling hinterherzufliegen und hart aufschlägt, steigt der Text von Edward van de Vendel in die Geschichte ein. Der kleine Fuchs beginnt träumend, sein bisheriges Tierkinderleben zu erinnern: wie anfangs – «fiep, fiep» – alles dunkel war, es nur Mama, Geschwister, Milch und Spiel gab. Und wie Papa eine Maus im Maul mit nach Hause brachte. Vorsicht: Mäuse überleben in dieser Geschichte nicht lange, sondern «machen (...) das schönste Geräusch, das es gibt: Sie knacken so lecker zwischen den Kiefern». Vor dem Vorlesen sollte man sich auf diesen Satz und einiges mehr vorbereiten. Denn hier wird personal erzählt – subjektiv und animalisch aus Sicht eines Tieres. Die Wirklichkeit kunstvoll überformend sind auch die Bilder gehalten, vielfach Landschaftsfotos, die monochrom verfremdet und übermalt sind. Marije Tolman zeigt mutmassend die Welt, wie sie der kleine Fuchs wahrnimmt. «Wenn du auf einer Maus kaust (...), dann ist die Maus viel zu todesgierig gewesen». Dieser Rat des Fuchsvaters beschäftigt den Filius, war er doch selbst zu unvorsichtig auf Schmetterlingsjagd. Am Ende wird alles gut, ein kleiner Junge trägt ihn behutsam zu seiner Familie zurück. Das Abenteuer Welt ist erstmal gut ausgegangen. An Schmetterlingen laufen die Fuchskinder nun aber lieber gemeinsam vorbei.

VERENA HOCHLEITNER

CHRISTINE LÖTSCHER

INA NEFZER

MARION KLÖTZER

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Hildesheim: Gerstenberg 2020. 88 S., ca. Fr. 20.00

Die drei Räuberinnen Innsbruck: Tyrolia 2019. 128 S., ca. Fr. 24.00

«Nicht weit von hier. Gleich um die Ecke. Falls man das so sagen kann, weil der Wald genau genommen immer woanders ist» – so nebulös beginnt das Kinderbuch-Debüt der österreichischen Illustratorin Verena Hochleitner, die hier mit viel Witz und Situationskomik von einem ausgiebigen Kinderspiel erzählt. Alles beginnt mit ein paar Kostümen, schon werden Maja, Bruno und Kaspar zur wilden Räuberbande, die sich eine Höhle unter dem Hochbett baut. Jetzt fehlt nur noch fette Beute, unbedingt brauchen sie Proviant, eine Katze und eine PlayStation. Beherzt und in voller Montur ziehen die drei los, um die Nachbarschaft heimzusuchen: Erst mischen sie PC-Nerd Oskar auf und klauen seinen fettigen Pizzakarton, lassen sein süsses Kätzchen aber da. Dann überfallen sie die «Kutsche» der neuen Postbotin, werden von der alten Edith beim Monopoly übers Ohr gehauen, mopsen dies und das, treffen ein Gespenst mit Nagelknipser und einen sprechenden Kämpferkater … Dass sie dabei immer hilfsbereit und höflich sind, ist natürlich RäuberInnen-Ehre! Ein Abenteuer wie eine lustige Kasperlegeschichte, in kurzen Episoden erzählt, die Fantasie und Realität doppelbödig verquicken. Dabei lässt Hochleitner ihre drei RäuberInnen nicht nur Aufregendes erleben, sondern auch allerhand Konflikte meistern. Üppig und sehr originell bebildert sie mit expressiven Illustrationen, indem sie mit knallbunten Gouache-Farben auf Folien malt, diese übereinander legt und auf meist schwarzem Hintergrund abfotografiert. Das ist versponnenverspielter Vorlesestoff – und damit perfekt für Kindergartenkinder.


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KINDERBÜCHER

DELPHINE DURAND (ILLUSTRATION) Hilfe, Gregor ist plötzlich ein Käfer! Aus dem Englischen von Wolfram Sadowski. Weinheim: Beltz & Gelberg 2019. 62 S., ca. Fr. 15.00 ZORAN DRVENKAR (TEXT) / PATRICIA KELLER (ILLUSTRATION) Oh je, schon wieder Ferien Weinheim: Beltz & Gelberg 2020. 60 S., ca. Fr. 15.00

Der Buchmarkt steckt in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess. Kinder- und Jugendverlage versuchen seit Längerem, sich auf digitale Medien einzustellen mit Bilderbuch-Apps für Kleine bis zu Marketingkampagnen mit Buch-Bloggern und instagramfähigen Buchcovern für Jugendliche. Auch das veränderte Leseverhalten führt neben Leseförderungsmassnahmen zu verlegerischen Konsequenzen. Als Geheimwaffe gegen mangelnde Lesekompetenzen, so scheint es, werden Lektüren immer stärker ausdifferenziert. Ergänzend zum Konzept «Leichter Lesen», das entwickelt wurde, um Behinderten das Lesen und Verstehen alltäglicher wie literarischer Texte zu ermöglichen, werden nun auch Texte für leseschwache Kinder in der sogenannten «Einfachen Sprache» angepasst. Über die Gefahr, dabei literarische Qualität einzubüssen, erzählt Susanne Rieger im Interview mit der Fachzeitschrift kjl&m (4/19). Ihre Bearbeitung einer «Schulzwerge»-Ausgabe gelang nur unter Beteiligung der AutorInnen. Auch bei Beltz & Gelberg übernehmen diese selbst die Kurzfassung ihrer Geschichten, welche sowohl original als auch in der Reihe «Einfache Sprache» erscheinen. Im aktuellen Fokus, das zeigen die Frühjahrsprogramme, stehen GrundschülerInnen. So gestaltet Loewe die neue «Wow!»-Reihe nach Vorbild des Comicromans mit alternierenden Bild- und Textblöcken. Ravensburger deutet ihre ehemals dritte Leselernstufe des «Leseraben» zur «Einfacher Lesen»-Reihe um. Am weitesten aber geht Beltz & Gelberg. Neben Ausgaben für weiterführende Schulen startet die innovative Reihe «Super lesbar» für leseschwächere Kinderim Primar-

schulalter. Drittes Lesemodell ist die bereits im Herbst gestartete Zweitlesereihe «Lust auf Lesen», bestückt von hochrangigen AutorInnen und IllustratorInnen. Für die Parabel «Hilfe, Gregor ist plötzlich ein Käfer» von Lawrence David stand sogar Franz Kafkas «Die Verwandlung» Pate, wachen doch sowohl Gregor Samsa als auch Gregor Samson eines Morgens als Käfer auf. Beim Schulkind scheint erst gar keiner zu merken, dass er plötzlich durchs Leben kriecht. Nur sein bester Freund Michael realisiert, was passiert ist, und steht ihm bei. Als Gregors Familie ihn endlich als das wahrnimmt, was er ist, verwandelt er sich zurück. Die Metaphorik dieser beeindruckenden Parabel ist, anders als bei Kafka, leicht zu entschlüsseln: einen «Käfertag» hat der, der sich ungeliebt fühlt. Einfach und doch literarisch raffiniert, gelingt Lawrence eine Kindergeschichte, deren Sprachbilder durch die Illustrationen von Delphine Durand an Transparenz gewinnen und die Gestalt gewordene Innerlichkeit glaubhaft visualisieren, indem Junge und Käfer beispielsweise eine ähnliche Körperstatur haben. Auch Zoran Drvenkars «Oh je, schon wieder Ferien» brilliert auf der Sprachbildebene. In der Verkehrte-Welt-Geschichte werden in den letzten zwei Ferientagen die Rollen getauscht, was das Familienleben weitgehend auf den Kopf stellt. Wie anstrengend Eltern sind, wenn sie sich immer wieder beim Einkaufen verlaufen oder alleine zuhause eine Party für das ganze Haus schmeissen, ist per se komisch, wird aber durch die konsequente Kinderperspektive und witzige Vergleiche noch gesteigert. Die Reihe hat ein für LeseanfängerInnen sinnvolles Buchlayout, da sich Bilder sowie Comicpanels mit dem Text abwechseln. Die sprachliche Erzählebene ist zudem zweigeteilt – als Fliesstext und in Sprechblasen mit abweichender Typographie. Auch die Druckschrift und viele Absätze überzeugen mit Blick auf Zweitleser. Beltz & Gelberg macht es vor: Wenn die LeserInnen nicht zum Verlag kommen, kommt der Verlag zu den LeserInnen! INA NEFZER

JUTTA NYMPHIUS (TEXT) / JULIA CHRISTIANS (ILLUSTRATION) Mehr Schweinchen München: Tulipan 2020. 64 S., ca. Fr. 15.00

Thea hat zwei Meerschweinchen, Frieda und Frodo. Nicht nur ihr, sondern auch ihrer Mutter fällt auf, dass Frodo zunehmend altersschwach ist und vermutlich bald sterben wird. Die Eltern machen sich Sorgen um Thea und stellen sich die Frage, wie sie den Verlust verarbeiten wird. Theas Bruder Jo sieht die Sache lockerer, bis Frodo ausgerechnet an dem Morgen stirbt, an dem Thea zum Schulausflug aufgebrochen ist. Alle finden sie das tote Tier im Käfig: erst Theas Vater, dann Jo und zuletzt auch die Mutter. Und alle beschliessen sie – jede/r für sich und ohne miteinander zu reden –, Thea ein neues Meerschweinchen zu kaufen. Entsprechend besuchen sie nacheinander die gleiche örtliche Tierhandlung und kaufen jeweils ein Tier, das Frodo ähnlich sieht. Doch sie können Thea nicht täuschen. Im Gegenteil: Thea wundert sich nach ihrer Rückkehr, warum drei fremde Meerschweinchen Frieda in ihrem Käfig Gesellschaft leisten. Zur Überraschung ihrer Familie berichtet Thea, dass sie schon vor ihrem Aufbruch gesehen habe, dass Frodo gestorben sei – und sie kommt damit durchaus zurecht. Jutta Nymphius und der Illustratorin Julia Christians ist ein wunderbares Kinderbuch über Tod und Verlust, aber auch über Kraft, Vernunft und Resilienz gelungen. Es besticht nicht nur durch die individuell gezeichneten ProtagonistInnen und die altersgerechte Sprache, sondern auch durch die den Text begleitenden Illustrationen. Unterhaltsam und mit viel Humor nähern sich Autorin und Illustratorin dem Thema an und zeigen, dass Eltern oftmals dazu neigen, ihre Kinder zu sehr behüten zu wollen, und dabei ihre Stärke und Vernunft unterschätzen. Die überzeugenden Figuren sorgen zusätzlich dafür, dass das Thema mit Leichtigkeit seinen Weg zu den jungen LeserInnen findet. SABINE PLANKA

BUCH & MAUS 1/2020

LAWRENCE DAVID (TEXT) /


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KINDERBÜCHER

JENS STEINER ADAM BARON

Mit Illustrationen von Melanie Garanin.

Freischwimmen

Ravensburg: Ravensburger 2020.

Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann.

224 S., ca. Fr. 16.00

München: Hanser 2020. 223 S., ca. Fr. 22.00

Wer anders ist, wird gemobbt – auch an Lottas neuer Schule gilt dieses ungeschriebene Gesetz. Für den Klassenstänker Henrik und seine «zwei Hilfsdoofis» ist Lotta mit ihrem selbstgenähten Primadonna-Glockenrock und ihrem kauzigen Vater, der eigentlich Erfinder ist und nur zum Geldverdienen Modelleisenbahnen verkauft, ein gefundenes Opfer. Zum Glück sitzt der «Laurilepp» neben ihr, ein komischer Kerl aus Estland, ausgestattet mit ein paar Macken und einem besonders wachen Geist. Als Lauri sich einen genialen «Doppeltrick-Plan» ausdenkt, um Lotta aus Henriks Schusslinie zu nehmen, lädt sie ihn zum «Turbo-Scheunendrescher-Spaghetti-Essen» zu sich ein. Ihr Zuhause ist ein klappriges Märchenschloss mit Türmchen und Erker, das Lotta und ihr Vater bis zum beschlossenen Abriss ohne Erlaubnis bezogen haben. Dass es bald plattgemacht werden soll, dagegen wehrt sich das Haus selbst mit umhersausenden Dachziegeln und schlagenden Türen. Während eines solchen Wutanfalls werden Lotta und Lauri unversehens in einen schwarzen Tunnel gesaugt. Sollte das Haus überirdische Kräfte besitzen? Der Zürcher Autor Jens Steiner reisst in «Lotta Barfuss und das meschuggene Haus» viele für die Zielgruppe wichtige Themen an, etwa, wie prekär die Situation eines alleinerziehenden Vaters sein kann und wie schwierig es sich für Kinder gestaltet, wenn sich Eltern dem gängigen Lebensentwurf verweigern. Leider bringt Steiner die aufgeworfenen Probleme und Fragen zu keinem Abschluss. Vielmehr jagt er einer Story hinterher, in der sich die Ereignisse geradezu überschlagen. Dank ebenso dickköpfiger wie eigenwilliger Figuren, einer halsbrecherischen Handlung und witziger Details ist das Buch geeignetes Lesefutter für PrimarschülerInnen. Ein bisschen mehr Tiefgang hätte allerdings nicht geschadet.

Der deutschsprachige Titel bringt auf den Punkt, worum es in diesem halb melodramatischen, halb humoristischen Thriller geht: Ein Junge schwimmt sich frei. Paradoxerweise hatte er in seinem Leben, soweit er sich erinnert, noch nie Kontakt mit Wasser. Wann immer er seine Mutter fragt, warum sie nie mit ihm Schwimmen geht, hat sie seltsame Ausreden parat: «in Flüssen, behauptet sie, sind Krokodile (wir wohnen im Südosten von London); Seen, sagt sie, sind so was wie die Lochs von Schottland, da könne es Ungeheuer geben wie das von Loch Ness». Man ahnt bald, trotz oder gerade wegen des vergnügten, pointierten Tons des Ich-Erzählers Cymbeline, dass er sich freischwimmen muss von Dingen, von denen er nichts weiss, die sein Leben aber deswegen umso mehr bestimmen. So richtig in Fahrt kommt die mit Spannung und Witz erzählte Suche nach der Wahrheit, nach dem Trauma am Grund seines Familienlebens, als in der Schule Schwimmunterricht angesagt ist und er beinahe ertrinkt. Hier setzt der Originaltitel von Adam Barons Kinderbuchdebüt – «Boy Underwater» – an, und tatsächlich liest sich der Rest der Geschichte wie der Kampf gegen einen übermächtigen Strudel, der den Jungen mit sich reisst. Der Roman ist furios geschrieben und keine Sekunde langweilig. Allerdings kann er sich nicht so recht entscheiden, ob Cymbelines schreckliche Familiengeschichte nun im melodramatischen oder im grotesk-humoristischen Modus erzählt werden soll. Auf den Schock, der Cymbeline erfasst, als er seine Mutter apathisch in der Psychiatrie sitzen sieht, folgt Comic relief durch bissige Beschreibungen der Tante, einer reichen, arroganten Bankersgattin, und ihrer verzogenen Kinder. Doch vielleicht drückt sich im etwas brachialen Wechsel der affektiven Modi die Achterbahn der Gefühle aus, auf der sich Cymbeline befindet.

ALICE WERNER

CHRISTINE LÖTSCHER

96 S., mit farbigen Illustrationen, ab 7, € 14,95

Wir alle brauchen Wasser a Waasserknappheit ist ein brenn W nendes Thema. Wir hören immer wie ederr,, dass wir sparsam mit Wa Wasser umgehen sollen. Warum? Ist Wa Wasser a irgendwann aufgebraucht? Wo W o kommt es eigentlich her?? Wem gehört es? Das bildstarke Sacchbuch erklärt vieles, zeigt aber auch, wie wir i unsere wichtigste i hti t Ressour R rce bewahren, damit alle Mensch hen etwas davon haben.

Illustrationen: Mieke Scheier cheier

BUCH & MAUS 1/2020

Lotta Barfuss und das meschuggene Haus

Leseprobe: beltz.de Illustration: Hanna Jung


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KINDERBÜCHER

ONJALI Q. RAÚF (TEXT) / Der Junge aus der letzten Reihe STEFANIE HÖFLER

Englischen von Katharina Naumann.

K.I. – Freundschaft vorprogrammiert

Helsin Apelsin und der Spinner

Zürich: Atrium Verlag 2020. 288 S., ca. Fr. 22.00

Aus dem amerikanischen Englisch von Anja Han-

Mit Illustrationen von Anke Kuhl.

sen-Schmidt.

Weinheim: Beltz & Gelberg 2020. 208 S., Fr. 19.00

Als Eric neu an die Schule kommt, freundet er sich schnell mit den angesagten Typen an. Sie haben die meisten Likes im Netz, ihre Eltern sind reich, und die LehrerInnen unterstützen die Verbindung. Als Eric allerdings Danny kennenlernt, ist er fasziniert von ihm, weil er sich im selben Computerspiel auskennt wie er. Danny wiederum kommt aus armen Verhältnissen, er hat kaum Freunde und keine Likes im Netz. Eine Freundschaft zu ihm ist nicht erwünscht. Fasziniert erleben wir mit, wie hier eine besondere Freundschaftsgeschichte aus zwei Perspektiven erzählt wird. Von Eric wissen wir schnell, dass es sich bei ihm um eine so lebensähnliche künstliche Intelligenz handelt, dass seine MitschülerInnen ihn für ‹echt› (wenn auch etwas sonderbar) halten. Erzählt Eric, ist die Sprache neutral, fast emotionslos. Eric legt Wert auf Design und teure Marken. Danny hingegen ist in jeder Hinsicht ein Zwölfjähriger mit Gefühlen, Hoffnungen und Ängsten. Im Wechsel erzählen die beiden Erics Geschichte, von der wir schon nach den ersten Sätzen wissen, dass sie nicht gut endet. Trotzdem sind wir gespannt, was passiert, und hoffen, dass der kleine Spoilersatz zu Romanbeginn sich nicht bewahrheitet, dass die Geschichte vielleicht doch anders endet. «K.I. – Freundschaft vorprogrammiert» ist eine durch Erics andere Art der Wahrnehmung immer wieder witzige Geschichte, die aber auch ernstere Themen wie Mobbing, Ausgrenzung und MarkenHype aufnimmt. Über allem steht die Freundschaft in ihren unterschiedlichen Facetten. Das macht den Text zu einem gelungenen Beispiel von Science Fiction für junge LeserInnen.

Helsin geht in die zweite Klasse, ist biegsam wie ein Grashüpfer, hüpft wie ein Gummiball und ist – laut ihrem Papa – überdurchschnittlich fröhlich. Manchmal aber hat sie einen Spinner. Dann kocht ihre Energie über und sie sieht nur noch feuerrot. In der Schule wissen das alle und können damit umgehen, doch als der Neue, Louis, in die Klasse kommt, und dieses blöde Wortspiel «Helsin – Apelsin» erfindet, da rast die rote Welle in Helsin hoch und kurz darauf spritzt es rot aus Louis’ Nase. In den nächsten Tagen und Wochen ist einiges los im Leben der Achtjährigen, die als Baby aus Finnland adoptiert wurde (was, wie in einer editorischen Notiz bemerkt wird, in der Realität eher unwahrscheinlich ist – aber wofür gibt es denn Fiktion?): Ein geklauter Fidschi-Leguan ohne Schwanz, ein Referat über Schweden und Finnland und eine finnische Grossmutter, die plötzlich in Helsins Leben auftaucht, spielen darin eine entscheidende Rolle. Und dieser Louis ist doch viel netter als gedacht … Stefanie Höfler hat in ihren Romanen für jüngere Jugendliche bewiesen, wie ernst sie die Gefühle und Beziehungen ihrer jungen ProtagonistInnen nimmt, ohne dabei die Leichtigkeit in Sprache und Erzählung zu verlieren. Dies gelingt ihr auch in ihrem ersten Kinderbuch. Sie erzählt von Freundschaft und Eifersucht, von Schuld und vom Verzeihen – und davon, wie man «Spinner» in den Griff bekommen kann. Dies alles braucht seine Zeit und seinen Platz: Für Helsins Gleichaltrige dürfte das Buch in den meisten Fällen zum Selberlesen noch etwas zu umfangreich sein. Umso schöner, denn so können auch die Vorlesenden an Helsins Gefühlswelt Anteil nehmen.

Ein bleicher, schweigsamer Junge kommt neu in die Klasse. Dunkle Haare hat er, grosse Augen, aber den Blick meist gesenkt. Die Ich-Erzählerin Alexa beobachtet ihn fasziniert: «Es gehört bestimmt zu den schlimmsten Dingen auf der Welt, irgendwo neu zu sein und neben jemandem sitzen zu müssen, den man nicht kennt. Besonders neben jemandem, der einen böse anstarrt, so wie Clarissa es tat.» Alexa beschliesst, sich mit dem Neuen anzufreunden. Dabei beginnt ein grosses Abenteuer für sie und ihre Freunde Josie, Tom und Michael. Denn Ahmet aus Syrien hat auf der Flucht seine Eltern verloren und Alexa hat «die tollste Idee der Welt», um sie wiederzufinden: Sie will die Queen persönlich um Hilfe bitten. Das ist nicht ganz ungefährlich, wie sich zeigen wird. Zu Beginn des Romans plätschert die Geschichte noch vor sich hin, wobei Alexa fein beobachtet, wie sich Ahmet langsam an ihrer Londoner Schule einlebt. Sie erzählt, wie sie mit ihrer geduldigen Mutter Märkte abklappert, um einen Granatapfel für ihn zu finden, und wie Brendan-derQuälgeist diese Freude verdirbt. Nebenbei wird herausgestellt, dass im Leben vieler Kinder Migration eine grosse Rolle spielt: Alexas Mutter stammt aus Indonesien, der Vater war Österreicher; Tom kommt aus den USA; Michael hat eine dunkle Hautfarbe. Spannend wird auch die Handlung, wenn Alexa bei der Wachablösung am Buckingham Palace über die Absperrung springt – und damit nicht nur einen Tumult, sondern auch ein grosses mediales Echo auslöst. «Der Junge aus der letzten Reihe» ist ein zart gesponnenes, aber entschiedenes Plädoyer für Toleranz. Ein neunjähriges Mädchen mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit macht klar, dass jede/r einzelne von uns etwas tun kann. Das stimmt hoffnungsvoll.

MAREN BONACKER

ELISABETH EGGENBERGER

URSULA THOMAS-STEIN

München: dtv junior 2019. 336 S., ca. Fr. 22.00

BUCH & MAUS 1/2020

Mit Illustrationen von Pippa Curnick. Aus dem MONICA M. VAUGHAN


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KINDERBÜCHER / JUGENDBÜCHER

ENNE KOENS

BUCH & MAUS 1/2020

TIM KROHN

Ich bin Vincent und ich habe keine Angst

ANNE BECKER

Prinzessin auf dem Mist

Mit Illustrationen von Maartje Kuiper. Aus dem

Die beste Bahn meines Lebens

Mit Illustrationen von Jacky Gleich.

Niederländischen von Andrea Kluitmann.

Weinheim: Beltz & Gelberg 2019.

Bern: kwasi 2019. 64 S., Fr. 17.00

Hildesheim: Gerstenberg 2019. 192 S., ca. Fr. 20.00

176 S., ca. Fr. 19.00

Der Erzähler, der als Schriftsteller mit seiner Familie im Münstertal lebt, ganz so wie der Autor Tim Krohn selbst, erzählt in kurzen Episoden von seinen Begegnungen und Gesprächen mit dem fünfjährigen Nachbarsmädchen Bigna. Ihre Mutter arbeitet, so dass sich Bigna tagsüber im Kuhstall von Bauer Not aufhält oder durchs Dorf streift. Und sich mit dem Erzähler unterhält: über das Lesen und Schreiben, über Geschenke und das Geldverdienen, erschlagene Spinnen, erschossene Rehe und kranke Hirsche, über den Himmel und die Seelen der Blumen. Das Mädchen, das uns aus diesen Texten entgegenspringt, ist autonom, selbstbewusst, wild und frei – eine Pippi Langstrumpf des Val Müstairs. Und doch sind die Erwachsenen nicht ihre Feinde, sondern der Erzähler begegnet ihr auf Augenhöhe. Was sie sagt, beschäftigt ihn; wenn er sie lange nicht gesehen hat, fragt er nach ihr. Es ist, als bräuchte der erwachsene Mann das Kind mehr als es ihn. Fast noch besser als die Texte lassen Jacky Gleichs intensive Farbstiftzeichnungen Bignas Persönlichkeit aufleben, zeigen das Gesicht in allen Gefühlsregungen: konzentriert und verbissen, trotzig und wütend, mitleidig und freudig. Herzig, lieblich, fein – das ist Bigna nicht. Und dass dem kleinen Mädchen dies in Text und Bild zugestanden wird, das ist eine der grossen Qualitäten dieses Buches. Die Episoden, die zuerst in der Zeitschrift «reformiert» als Kolumnen erschienen sind, erzählen aus einer sehr erwachsenen Perspektive. Ein Kinderbuch ist es allenfalls in zweiter Linie, dann, wenn die Geschichten beim Vorlesen zu Gesprächen zwischen Erwachsenem und Kind anregen können. Ansonsten darf dieser leise Einblick in eine etwas andere Schweizer Lebensrealität und der wertschätzende Blick auf das Kind auch einfach von Erwachsenen genossen werden.

Vincent weiss alles über das Überleben in der Wildnis. Mit seinem Survival-Handbuch bereitet sich der Junge auf jede Art von Katastrophe vor – dazu gehört auch die bevorstehende Klassenfahrt. Ums blanke Überleben geht es für den Elfjährigen nämlich auch täglich in der Schule, wo er von seinen KlassenkameradInnen gemobbt wird. Der Text beginnt mit einer auf schwarzen Seiten gedruckten Szene: «Ich bin Vincent und ich habe keine Angst, habe keine Angst, habe keine Angst», flüstert der Junge sich Mut zu, während er sich vor seinen Verfolgern im dunklen Wald versteckt. Darauf springt die Erzählung zurück, wobei die einzelnen Kapitel nach den Tagen strukturiert sind, die bis zur Klassenfahrt verbleiben. Umrahmt werden die Kapitelüberschriften von Maartje Kuipers Illustrationen: Blätter, Tannenzapfen, Haselnüsse und diverse Waldtiere, deren Zartheit zum beklemmenden Inhalt der Geschichte einen Kontrast bilden. Im Text verteilt finden sich zudem Vignetten von Fohlen, Würmern, Käfern und Eichhörnchen – vier Tiere, deren Stimmen Vincent in seiner Vorstellung hören kann. Der Roman erzeugt eine grosse Nähe zum Ich-Erzähler, dessen Sorgen und Ängste, Einsamkeit und Verzweiflung die LeserInnen mitempfinden. Man möchte dem Jungen Mut zusprechen, sich jemandem anzuvertrauen, und bleibt angesichts der Blindheit der Erwachsenen fassungslos. Erst der neuen Mitschülerin Jacqueline gegenüber kann Vincent sich öffnen – sie erklärt ihm, der einfach nur «normal» sein möchte, dass es «normal» nicht gibt, dass jede/r auf eigene Weise anders ist. So lässt dieses Buch die LeserInnen doch mit Hoffnung zurück: In der Schlussszene nämlich überwindet sich Vincent, vor allen Beteiligten sein Leid anzusprechen, für seine Person einzustehen und sich zu wehren.

Der Sommer beginnt, und für Jan wird alles anders. Neue Stadt, neues Haus, neue Schule, neue FreundInnen. Dafür, dass er absolut keine Lust auf Veränderung hat, lässt sich die Sache aber erstaunlich gut an. Sein neuer Schwimmtrainer ist okay, seine LehrerInnen auch, und mit Fabi, seinem Banknachbarn, verbringt er die Nachmittage am Badesee. Eigentlich hat Jan nur drei Probleme: Linus, das Klassengrossmaul, das in ihm einen lästigen Konkurrenten sieht; LRS, seine Lese- und Rechtschreibstörung, die sich nicht mehr länger geheim halten lässt; und schliesslich Flo, das rothaarige Hippie-Mädchen aus dem Nachbarhaus, das Hühner hält, an Mathematikwettkämpfen teilnimmt und seine Ohren zum Glühen bringt. Anne Becker hat eine unaufgeregte Geschichte über die Absurdität der Adoleszenz geschrieben. Ihr Blick gilt dem ‹Normalen›, das uns umgibt und prägt, an dem wir uns messen und wachsen. Wie Jan die Fäden seines Lebens ordnen und neu verknoten muss, wie er lernt, was Verantwortung, Freiheit und Unabhängigkeit bedeuten – all das beschreibt Becker nachvollziehbar und authentisch. Von ihrem Ich-Erzähler erfahren wir im O-Ton, wie es ist, ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne schuldig zu sein und mit welchen Taktiken sich Wutausbrüche kanalisieren lassen. Parallel dazu dürfen wir in Flos Tagebuch blättern, in der sie ihre durcheinander geratenen Emotionen mit kühler Logik zu sortieren sucht. In Schaubildern, Infografiken und Tortendiagrammen hält sie Glücksgefühle und Versagensängste fest und analysiert, wie mögliche Gespräche mit ihrer besten Freundin ablaufen könnten. Dank der doppelten Perspektive gewinnt Beckers Summer-Love-Story an Tiefe, erscheinen alltägliche Ereignisse in bunterem Licht. Und am Ende hat Jan vor allem eins gelernt: Schwächen gehören zu jedem Leben dazu.

ELISABETH EGGENBERGER

SARAH EGGEL

ALICE WERNER


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JUGENDBÜCHER

SARAH JÄGER Nach vorn, nach Süden Hamburg: Rowohlt 2020. 224 S., Fr. 26.00

ANDREA DUPHORN

HANNES WIRLINGER

SUSAN KRELLER

Der Vogelschorsch

Elektrische Fische

Mit Illustrationen von Ulrike Möltgen.

Hamburg: Carlsen 2019. 208 S., ca. Fr. 22.00

Berlin: Jacoby & Stuart 2019. 304 S., ca. Fr. 26.00

Der 17-jährige Georg zieht mit seiner selbstgemachten Frisur und der eigenwilligen Kleidung sofort die Blicke auf sich. Die Jungs machen sich über ihn lustig, doch die etwas jüngere Lena ist fasziniert von dem Neuen, der anscheinend mühelos mit den Vögeln des Waldes Freundschaft schliesst und der eine tiefe Liebe für alles Leben in der Natur empfindet. Obwohl ihre Freunde spotten, entscheidet sie sich für eine Freundschaft mit dem Vogelschorsch, wie sie ihn nennt, und teilt fortan ihre Ferienzeit akribisch zwischen den Tagen auf, die sie mit ihm im Wald verbringt, und Tagen, in denen sie in einer ersten zarten Liebesgeschichte zwischen dem Mühltaler Max und dem Lederer Lukas schwankt. Doch die Sommeridylle wird immer wieder gestört. Lena ahnt, dass Georgs Vater ihn mit einem Gürtel schlägt. Georgs Mutter verschwindet spurlos. Lenas Eltern sprechen von Scheidung. Während Lena kämpft und trotzt, findet der Vogelschorsch Halt in seinem Glauben an die Vögel. Obwohl ihr vieles seltsam erscheint, was der Vogelschorsch erzählt, zweifelt Lena seine Geschichten nie offen an. Als es zum Äussersten kommt, erkennt sie eine eigene, berührende Wahrheit in der Präsenz der Vögel. «Der Vogelschorsch» ist eine traumhafte, versponnene und sehr bewegende Sommer- und Coming-of-Age-Geschichte über erste Liebe, tiefe Freundschaft und Tod, in der heitere und düstere Passagen ganz selbstverständlich Hand in Hand gehen. Ein Hauch von magischem Realismus liegt über dem Ende dieses wunderbaren Romans, der uns auch lange nach dem Lesen nicht so recht loszulassen vermag.

In «Elektrische Fische» erzählt Susan Kreller die Geschichte von Emma, die mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern von Dublin nach Mecklenburg-Vorpommern zieht, ins Haus ihrer Grosseltern, die ihr fremd sind und deren ostdeutschen Dialekt sie nicht versteht. Aus dem ausgestorbenen Ort Velgow möchte Emma nur noch weg – und so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren. Doch was «Zuhause» bedeutet, wird für die Ich-Erzählerin dieses Jugendromans zur Frage. Am Strand der Ostsee, die sie an den Atlantik erinnert, kommt Emma mit Levin ins Gespräch, dem schweigsamen Jungen aus ihrer Klasse, der ihr seine Hilfe anbietet und einen Fluchtplan für Emma erstellt, obwohl ihm lieber wäre, sie würde bleiben. In einer leisen, aber bilderreichen Sprache beschreibt Susan Kreller die Gefühlslage ihrer Protagonistin, die ihr Heimweh als «ein Schon-nicht-mehr-richtig-Hiersein und ein Noch-nicht-wieder-zurückin-Irland-Sein» empfindet. Die Form des Romans bringt dieses «Dazwischen»-Sein zum Ausdruck, indem nicht nur englische Formulierungen und Ausdrücke integriert sind, die Emmas Codeswitching kennzeichnen, sondern auch plattdeutsche Wörter und Begriffe aus der DDR, die die Mutter und Grosseltern verwenden. Dieses Oszillieren zwischen den Sprachen, Kulturen und Ländern beschreibt Emmas schwebenden Gefühlszustand. «Ich bin hier, aber ich bin gar nicht hier», meint die junge Frau. Sie begibt sich schliesslich nicht auf eine Reise zurück nach Irland, sondern auf die Suche danach, was «home» und «Heimat» bedeuten, wie das «Dazwischen» ausgefüllt werden kann und wie zwei unterschiedliche Hälften – deutsch und irisch – doch auch ein Ganzes ergeben können.

MAREN BONACKER

SARAH EGGEL

BUCH & MAUS 1/2020

Sommer in der Stadt. Zwischen Holzpaletten und Metallstühlen, Plastiksäcken und Pfandflaschen hängen die Aushilfen des Penny-Marktes (alle «so um die 18») in jeder freien Minute auf dem Hinterhof ab. So wie die 19-jährige Ich-Erzählerin Lena, die von allen nur Entenarsch genannt wird. Ein Stuhl bleibt seit sechs Monaten leer: der von Jo, der hier sonst stets das Sagen hatte, und dem Lena auch ihren Spitznamen verdankt. Seit einem Streit mit Marie, die alle mögen, weil sie freundlich, warmherzig und sehr hübsch ist, ist Jo weg. Ein paar Postkarten, abgestempelt in Fulda, Frankfurt am Main, Würzburg, Ulm und zuletzt in Freiburg bilden die einzige Spur, die von ihm bleibt. Als Marie verkündet, dass sie Jo suchen will, bietet sich Lena spontan als Fahrerin an – und überrascht sich damit wohl selbst am meisten. Schliesslich hat sie nicht das Gefühl, wirklich dazuzugehören, sie fühlt sich eher «wie ein Nebensatz». Zwar ist sie dabei, weil das «unterm Strich weniger wehtut, als einsam zu sein», mehr aber auch nicht. Nun aber machen sich Lena, Marie und Can auf den Weg. In Lenas altem Corsa (ohne Klimaanlage!) geht es erst nach Münster, wo Jos Mutter lebt, dann weiter nach Fulda, ein paar Tage später noch auf ein Musik-Festival. Und das alles auf Bundes- und Nebenstrassen, denn Lena fährt auf keinen Fall Autobahn. «Nach vorn, nach Süden» erzählt von wenigen Sommerwochen, in denen sich vieles verändert, vor allem für Lena, deren richtiger und vollständiger Name auf der letzten Seite zum ersten Mal genannt wird. Sarah Jägers erster Roman ist eine spannende Road Novel, welche die Atmosphäre eines drückend heissen Sommers mit durchgeschwitzten, klebrigen T-Shirts ebenso überzeugend einfängt wie das Lebensgefühl der ehrlich gezeichneten Figuren, die auf der Schwelle zum Erwachsensein stehen. Darüber hinaus besticht der Text mit feinfühligen Dialogen und einer Ich-Erzählerin, deren Stimme man einfach gerne lauscht.


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JUGENDBÜCHER

MATS STRANDBERG

AGNES OFNER

BUCH & MAUS 1/2020

Das Ende

STEPHA QUITTERER

Nicht so das Bilderbuchmädchen

Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blanken-

Weltverbessern für Anfänger

Wien: Jungbrunnen 2019. 180 S., ca. Fr. 25.00

burg. Zürich: Arctis 2019. 413 S., ca. Fr. 27.00

Hildesheim: Gerstenberg 2020. 288 S., ca. Fr. 22.00

Um vom Ende der Welt zu erzählen, sind drei Monate eigentlich zu lang. Zumal im Jugendbuch, das aus naheliegenden Gründen nicht zu sehr ins Detail geht, wenn die zivilisatorische Decke reisst. Wäre die Menschheit in einem Buch für Erwachsene mit Mats Strandbergs Komet Foxworth konfrontiert, der zu einem präzis errechneten Datum die Erde annihilieren wird, dürfte das Resultat einem Stephen-KingSchocker ähneln – oder dem literarischen Pendant eines Gemäldes von Hieronymus Bosch. Strandberg dagegen streift die Abgründe, die sich auftun, wenn Verbrechen keine Folgen mehr haben, eher am Rand. «Katastrophen haben schon immer entweder unsere besten oder schlechtesten Eigenschaften zutage gefördert», stellt die 17-jährige Lucinda auf Seite 34 fest, um dann den Ton für die restlichen 400 Seiten vorzugeben: «Die allermeisten Menschen versuchen einfach, ihr Leben so gut wie möglich zu leben.» Genau darum geht es in diesem eher beschaulichen Endzeitroman: Auszuloten, welche Lebens- und nicht etwa welche Überlebensstrategien zur Verfügung stehen, wenn Erwachsenwerden keine Option mehr ist. Die disziplinierte Sportlerin Tilda sucht in Drogen und Sex den Spass, den sie nie hatte; die krebskranke Lucinda ergründet, welche Gedanken es wert sind, per Botschaft ins All geschickt zu werden. Simon wiederum will herausfinden, wer Tilda wenige Wochen vor dem Einschlag getötet hat. Dass die Apokalypse zum Krimi wird, ermöglicht den Figuren, dem Leben eines Menschen Gewicht zuzumessen – gerade wenn keine Spuren bleiben. Zwar wirft Strandberg durchaus zeitdiagnostische Schlaglichter, etwa wenn ‹gebürtige Schweden› eine Rationierung der Lebensmittel für AusländerInnen fordern. Meist aber konzentriert sich der Roman auf die Sinnsuche von Figuren, die man am Ende doch gerne länger als drei Monate begleitet hätte.

Stepha Quitterer, 1982 geboren, wurde 2016 für ihr (allgemeinliterarisches) Debüt «Hausbesuche» bekannt. Sie backte 200 Kuchen und klingelte an 200 Tagen bei fremden Menschen in ihrer Nachbarschaft im Prenzlauer Berg. Was sie dabei fand, war ungeahnte Gastfreundschaft und eine Fülle von Geschichten. Auch Minna, Ich-Erzählerin von Quitterers erstem Jugendroman, spaziert ohne Einladung in die Privatsphäre wildfremder Leute hinein – im Pflegeheim. Und auch sie erlebt, nach dem ersten Schock, wie die Herzen unterschiedlichster Menschen füreinander aufgehen. Nicht nur die schrägen Einfälle sorgen für eine irrwitzige, berührende Lektüre, sondern vor allem der frech-charmante, sprachverliebte, bayerisch angehauchte Rotzgören-Ton, den Minna anschlägt – und durchhält, über die ganzen 278 Seiten des Romans. Doch der Reihe nach: Die Welt, da sind sich alle einig, muss dringend verbessert werden. Traditionellerweise sind Kinder und Jugendliche für diese Aufgabe zuständig. Es ist also nur konsequent, dass an Minnas Schule ein Wettbewerb ausgeschrieben wird. Die Klasse, die das beste Weltverbesserungsprojekt vorlegt, gewinnt eine Reise nach Tallinn. In Minnas Klasse schiessen die Ideen wie Pilze aus dem Boden. Doch als das Pflegeheim-Projekt Fahrt aufnimmt, wird ihr und ihren FreundInnen klar, dass die ganze Klasse mitmachen muss. Diese ist allerdings für ihre Unfähigkeit zur Kooperation berüchtigt. Die Problemlage lässt sich wie folgt schildern: «Die Merle wird nirgendwo mitmachen, wo die Cosi dabei ist, und die Cosi nirgends, wo der Martin mitmacht, und wenn der Martin mitmacht, dann nur, wenn der Gerlach dabei ist …» – und das ist erst der Anfang. Wie das Wunder am Ende doch gelingt, soll hier nicht verraten, der Roman aber allen, die ans Weltverbessern durch Sprachfeuerwerke glauben möchten, wärmstens empfohlen werden.

Wenn Zara aus dem Fenster ihres Zimmers schaut, sieht sie geradewegs in das von Sam, der auf der anderen Strassenseite wohnt. Er weint oft, und das beschäftigt Zara so sehr, dass sie beginnt, ihm zu schreiben: grosse Zettel, die sie an ihr Fenster klebt. Von Fenster zu Fenster entwickelt sich so eine zarte Freundschaft, die für beide zunehmend wichtiger wird. Agnes Ofner, bislang als Illustratorin von Kinderbüchern bekannt, legt mit «Nicht so das Bilderbuchmädchen» ein vielversprechendes Jugendbuchdebüt vor, das ebenso einfühlend wie leicht über ein komplexes Thema erzählt. Dabei lässt die Autorin ihre ProtagonistInnen abwechselnd zu Wort kommen: mal wird ein Abschnitt (oft ist es nicht mehr als ein Absatz) aus der Perspektive von Zara erzählt, dann einer aus der Sicht von Sam. So gewährt Ofner tiefe Einblicke in die Innenwelt ihrer Figuren, deren Tagesabläufe sich gleichen und die ähnliche Dinge beschäftigen – und die doch sehr verschieden fühlen. Während Zara im Grossen und Ganzen mit sich im Reinen ist, hat Sam das Gefühl, dass er «aus tausend losen Stücken (besteht), die alle nicht zusammenpassen»; er hat «mindestens fünf Körperteile zum Wegwerfen für jedes, das er gern behalten würde». Wie Zara hat man beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass das, was Sam quält, weit über das hinausgeht, was Mädchen und Jungen während der Pubertät sonst so plagt. Erst auf Seite 146 wird wirklich klar, was mit Sam ist: Er ist ein Junge, der im Körper eines Mädchens geboren wurde und kann sich nur Zara gegenüber als sein wirkliches Ich zeigen. So ruhig, wohltuend unaufgeregt und optimistisch Ofner ihre Geschichte erzählt, so hoffnungsvoll lässt sie sie auch enden: Zara findet heraus, was mit Sam ist: «Und es ist alles gut!» Zumindest für Zara, die ja selbst «Nicht so das Bilderbuchmädchen» ist, und für die es im Leben vor allem darauf ankommt, «man selbst zu sein und zu wissen, dass das reicht».

MANUELA KALBERMATTEN

CHRISTINE LÖTSCHER

ANDREA DUPHORN


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JUGENDBÜCHER

SARAH CROSSAN

ALAN GRATZ

Wer ist Edward Moon?

Vor uns das Meer. Drei Jugendliche.

Aus dem Englischen von Cordula Setsman.

Drei Jahrzehnte. Eine Hoffnung

München: Mixtvision 2020. 357 S., ca. Fr. 25.00

Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel.

ANTONIA MICHAELIS

München: Hanser 2020. 304 S., ca. Fr. 28.00

Hexenlied

Erst im Februar wurde in Texas letztmals die Todesstrafe vollstreckt; es war die dritte Hinrichtung in den USA seit Jahresbeginn. Während in 22 Staaten die Todesstrafe abgeschafft wurde, werden in Texas jährlich die meisten Urteile vollstreckt: 9 von insgesamt 22 waren es allein 2019. Edward Moon, der über alles bewunderte grosse Bruder des Protagonisten Joe in Sarah Crossans jüngstem Jugendroman, hat denn auch das Pech, in Texas für den Mord an einem Polizisten verurteilt zu werden – und nicht in New York, wo er mit seiner dysfunktionalen Familie lebte. Am Anfang der Erzählung stehen drei Telefongespräche. Im ersten erfährt der siebenjährige Ich-Erzähler von Edwards Verhaftung; im zweiten wird das Todesurteil mitgeteilt; im dritten verkündet Edward, der seit zehn Jahren in der Todeszelle sitzt, dem inzwischen 17-Jährigen Bruder, dass er in wenigen Wochen hingerichtet wird, sollte sein Fall nicht neu beurteilt werden. Joe reist nach Wakeling, um in der von Perspektivlosigkeit gezeichneten Kleinstadt, in der alles auf das Gefängnis zu weisen scheint, dem ihm fremd gewordenen Bruder beizustehen. Crossans Roman lebt für einmal stärker von der klaren politischen Positionierung als von der literarischen Kraft der Sprache, deren Rhythmisierung zuweilen etwas zufällig erscheint. Vor allem in den vergeblichen Bemühungen der Familie, dem Verurteilten Gehör zu verschaffen, wird ein Bild des US-Rechtsstaats als fragwürdiges, von Willkür geprägtes Konstrukt gezeichnet, das vor allem für Angehörige von Minderheiten und arme Menschen fatale Konsequenzen zeitigt. Joe erlebt dies hautnah mit und stellt sich den konkreten Fragen des Überlebens auf Zeit genau wie der Suche nach Nähe vor dem endgültigen Abschied. So entfaltet auch Crossans jüngster Versroman eine den thematischen Rahmen sprengende Dringlichkeit.

Fotos von Kindern auf der Flucht sorgen immer wieder für einen Aufschrei in den Medien – doch der (voyeuristische) Blick auf die kleinen Körper, denen Gewalt angetan wird, sagt nicht viel aus über das, was Kinder erleben. Und vor allem erfahren wir nichts über ihre Resilienz. Statistiken in Namen zu verwandeln war denn auch das erklärte Ziel des US-amerikanischen Autors Alan Gratz in «Vor uns das Meer». Gratz wollte bei jungen LeserInnen nicht einfach Mitleid, sondern echte Empathie für Kinder auf der Flucht wecken. Und sie für die Folgen von Krieg, Armut und menschenverachtender Flüchtlingspolitik, wie sie (nicht nur) Trump praktiziert, sensibilisieren. Drei Kinder aus drei Teilen der Welt und zu unterschiedlichen Zeiten sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen: Josefs Familie verlässt Berlin nach den Pogromen im November 1938; Isabel aus Havanna, Kuba, sucht 1994 dem Hunger zu entrinnen; und Mahmoud flieht 2015 aus dem zerstörten Aleppo. Alle drei machen ähnliche Erfahrungen auf der Flucht übers Meer. Alan Gratz erzählt abwechselnd aus der Perspektive Josefs, Isabels und Mahmouds. Von Anfang an steht die Flucht im Mittelpunkt des Romans, doch es gelingt dem Erzähler, mit wenigen Pinselstrichen ein Gefühl für die alltägliche Kindheitswelt zu evozieren, die schon bald verloren sein wird. Szenische, dialogreiche Momente und spannende Plots ziehen die LeserInnen in die drei Erzählstränge hinein, und zwischendurch werden einigermassen elegant die nötigen Informationen über die jeweilige politische Situation eingestreut. Aus der Sicht deutschsprachiger LeserInnen, die mit der Geschichte der Schoah einigermassen vertraut sind, erscheint Josefs Flucht schematischer als die Erfahrungen, die Isabel, vor allem aber Mahmoud machen.

Das neue Theaterstück an Tims Schule sorgt von Anfang an für Aufregung. «La Bruja» soll es heissen – die Hexe. Obwohl eigentlich klar ist, dass die rothaarige Ninon die Hauptrolle spielen wird, entwickelt plötzlich die als verschrobene Aussenseiterin geltende und stets in schwarz gekleidete Lilith auf der Bühne eine derartige Präsenz, dass stattdessen sie die Rolle der Hexe bekommt. Für Tim, aus dessen Perspektive das Geschehen geschildert wird, hat ihr Spiel eine beklemmende Realität. Immer mehr fühlt er sich in das Stück hineingezogen, in das Mexiko einer revolutionären Vergangenheit, in der es für Hexen nur das Schicksal auf dem Scheiterhaufen gab. Als der Lehrer die gemischte Gruppe zu einem Theaterseminar in den Bergen einlädt, verwischen die Grenzen immer mehr: Was ist Wirklichkeit und was ist Fiktion? Hinund hergerissen zwischen seinen eigenen Gefühlen für das charismatische, dünne Mädchen und den immer lauter werdenden Anschuldigungen, Lilith sei wirklich eine Hexe, wird Tim zunehmend unsicherer. Als der Lehrer verschwindet, offenbar Blut in den Boden der Scheune gesickert ist und die Jugendlichen durch ein Unwetter von der Aussenwelt abgeschnitten werden, kommt es zum Eklat. Antonia Michaelis beweist hier einmal mehr, dass sie eine Meisterin ihres Fachs ist. Eine nicht uneingeschränkt glaubhafte Fokalisierungsinstanz mit psychischen Problemen, verstörenden Erlebnissen, Fieberträumen und Angst – all das ist eingebettet in einen kunstvoll komponierten und höchst spannenden Roman, der vom ersten Satz düster überschattet wird: «Wir haben die Hexe getötet». Atmosphärisch und packend, ist dieser Thriller am Rand der magischen Realität absolut lesenswert.

MANUELA KALBERMATTEN

CHRISTINE LÖTSCHER

MAREN BONACKER

BUCH & MAUS 1/2020

Hamburg: Oetinger 2019. 400 S., ca. Fr. 29.00


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SACHBÜCHER / COMIC

MONIKA OSBERGHAUS (TEXT) /

OLIVIA VIEWEG

HORST KLEIN (TEXT UND ILLUSTRATION)

RAHEL MESSERLI

Antigone

Alle behindert! – 25 spannende und bekannte

Melin

Nach der Tragödie von Sophokles.

Beeinträchtigungen in Wort und Bild

Wien: Luftschacht 2019. 64 S., ca. Fr. 26.00

Hamburg: Carlsen 2019. 64 S., ca. Fr. 18.00

Mit dem Slogan «Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?» warb Limonadenhersteller Bluna Mitte der 1990er-Jahre nicht nur für seine prickelnde Orangenlimonade, sondern für ein neues Lebensgefühl. Horst Klein und Monika Osberghaus verfolgen in «Alle behindert!» einen ähnlichen Ansatz. Steckbriefartig stellen sie auf jeweils einer Seite «25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen» vor. Dabei stehen Mädchen und Jungen mit Behinderungen wie Trisomie 21, Epilepsie oder Kleinwuchs neben Kindern, die man auf den ersten Blick nicht als behindert bezeichnen möchte: Julien zum Beispiel, der ein ziemlicher Angeber ist, Helikopterkind Leopoldine Victoria, die extrem schüchterne Martha oder Jeremias, der in jeder freien Minute am Bildschirm klebt. Im Zentrum jeder Seite steht eine witzige, farbig unterlegte Comic-Zeichnung, die eine typische Szene aus dem Alltag des Kindes zeigt. Drumherum finden sich allerlei Fragen und Antworten, die davon erzählen, was das jeweilige Kind mag und was nicht, wie seine Behinderung heisst und ob sie wieder verschwindet, was man mit Kindern mit dieser Beeinträchtigung spielen kann und welche «geheimen» Talente sie besitzen. Auf verspielte Weise versuchen die KünstlerInnen, die Kategorisierung in behindert und nicht-behindert aufzubrechen und das Andere, Besondere jedes Menschen zu betonen. Dabei begegnen sie den beschriebenen Kindern auf Augenhöhe, werben für einen offenen Umgang und betonen, dass Schlausein viele Gesichter haben kann und man nicht immer alles perfekt machen muss, um Freude am Leben zu haben. Das Buch gehört in jede Kindergarten und jede Primarschule: Weil es neugierig macht, Berührungsängste und Vorurteile abbaut und hilft, Inklusion zu leben.

Anstrengend. So fühlt sich das Lesen für ein Kind mit Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) an: «Ich mac8hte vi#e*le Fe!h+l*er, s`!tà%0)ckéte, v4e£r)*l/oçh)r m+i?c`h i*n d+°er Z!e£i&l*e …» Wie sehr sich Melin auch anstrengt, die Diktate bleiben rot. Die Mühe beim Lesen und Schreiben wirkt sich auch auf andere Fächer aus. Melin übt, Melin betet, Melin hält sich für dumm. Aus dem fröhlichen Mädchen – «Ich habe mich wahnsinnig auf die Schule gefreut» – wird ein frustriertes, trauriges Kind. Braucht sie eine Brille? Oder einfach jemanden, der erkennt, was mit ihr los ist? Endlich! Die Mutter hat eine Fachperson gefunden und der Test zeigt, «… dass Melin ein gesundes und kluges Mädchen ist. Sie hat einfach eine LRS.» Dann erklärt der mit blau-grün aquarellierten Pinselstrichen zum Leben erweckte, ruhige Herr, dass bei Menschen mit LRS das Speichern von ganzen Wortbildern nicht automatisiert ist. Melins in klaren, bunten Farben gehaltenes Gesichtlein spiegelt ihre Verwunderung. Fortan wird sie ein Förderangebot bekommen. Interessant: Der Text ist in «OpenDyslexic» gesetzt, eine Schrift, die speziell für Menschen mit Dyslexie / Legasthenie entwickelt wurde. Der Sachcomic ist ansprechend aufgebaut und fröhlich-einfühlsam illustriert. Das sperrige Thema wird mit Melin lebendig und in ihrer Perspektive glitzert neben dem ganzen Frust auch Humor und Protest auf: «LRS ist wenn man ein Wort auf gaaanz viele Arten schreiben kann und für einen selbst alle Varianten richtig sind!» Bei der freundlichen Frau Biberli lernt Melin dann spielerisch und darf auch aufs Trampolin. Das Aufklärungsbuch der jungen Schweizer Illustratorin Rahel Messerli macht Mut, es verrät Fakten wie Strategien und zitiert zum Schluss betroffene VIPs – von der Schauspielerin Whoopi Goldberg bis hin zum Physiker Albert Einstein.

«Ismene? Hast du es schon gehört?» – «Ja.» – «Ja? Das ist alles, was du dazu zu sagen hast? Was sollen wir nur tun? Wenn sie unserem Bruder die Beerdigung verwehren, so kann er niemals ins Reich der Götter eintreten.» Antigone und Ismene trauern beide um ihre toten Brüder Eteokles und Polyneikes, die sich im Zweikampf gegenseitig ermordet haben. Ihr Onkel, der tyrannische Herrscher Kreon, will sich die Macht über Theben sichern und verbietet das Begräbnis des einen Bruders. Der Leichnam von Polyneikes soll vor den Stadttoren verrotten. Eteokles hingegen wird heldenhaft bestattet. Das ist der Ausgangspunkt der Ereignisse, in deren Rahmen erzählt wird, wie Antigone sich nicht vom Bestattungsverbot aufhalten lässt und ihren geliebten Bruder beerdigt. In flagranti ertappt, wird sie Kreon vorgeführt. Dieser lässt sie zur Strafe lebendig einmauern. Die antike Tragödie von Sophokles wird in der Adaption von Olivia Vieweg reduziert und in eine kurze Comic-Erzählung für jugendliche LeserInnen transformiert. Die Distanz zum Geschehen wird durch den narrativen Modus aufgebrochen. Dadurch entstehen ein schnelles Tempo und viel Spannung. Dramatisch wird die ästhetische Linie besonders durch das knallrot eingefärbte Blut, welches das weissgrau-schwarze Farbschema sprengt. Die Comic-Adaption betont die Antagonismen «Frau gegen Mann», «Gesetz gegen göttliches Gebot» und «Gewissen gegen Gehorsam», setzt sie aber in Beziehung zu aktueller Zeitgeschichte. Bei Viewegs Antigone wird eine wahrhaft schauerliche Facettierung der weiblichen Hauptfigur herausgearbeitet: Nicht als glorreiche Heldin, sondern eingebettet in eine unheimliche Bild-Szenerie voller schwarzer Krähen, abgetrennter Körperteile und triefendem Blut, tritt die unheimliche Gestalt schlussendlich ab.

ANDREA DUPHORN

URSULA THOMAS-STEIN

NORA JÄGGI

Leipzig: Klett Kinderbuch 2019. 40 S., ca Fr. 21.00

BUCH & MAUS 1/2020


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AUS DEM INSTITUT / INFOS GETROFFEN AM SIKJM

«Man könnte denken, ich sei aus Heimweh hier! Tatsächlich hatte ich als Mitarbeiter der Pädagogischen Hochschule Zürich vor vielen Jahren in diesen Räumen, die heute zum SIKJM gehören, mein Büro. Hier war auch unser medien-lab. Seit Beginn der 2000er-Jahre habe ich mich dem Computer als Erzählmedium gewidmet. Digitale Medien machen Geschichten bereits vor dem Lesealter zugänglich, über Bilder und gesprochene Sprache, aber auch über narrative Spiele. So haben Thomas Hermann und ich mit Mela Kocher und Judith Mathez, die damals am SIKJM tätig waren, zu interaktiven Spielgeschichten geforscht:

SIKJM Jahrestagung: Lesen 2030 Die SIKJM-Jahrestagung am 16. September 2020 fragt nach der Zukunft des Lesens.

Daniel Ammann Dozent für Medienbildung & Jurymitglied

Wir wollten wissen, ob und wie digitale Medien Themen und Stoffe der Kinderund Jugendliteratur fortschreiben, wie Spiel und Narration dabei ineinandergreifen und wie Kinder und Jugendliche diese Angebote nutzen. Bis heute interessiert mich medienspezifisches Erzählen besonders. Das Buch stellt für mich kein Leitmedium dar – vielmehr gilt es zu ergründen, wie verschiedene Medien Geschichten erzählen, auch im Verbund. Als Dozent für Medienbildung, am Schreibzentrum und früher im Vorstand des Leseforums arbeite ich gern an den Schnittstellen: zwischen Medienwissenschaft und -pädagogik, Literatur-, Film- und Medienanalyse und vor allem zwischen Forschung und Praxis. Auch mit dem SIKJM arbeite ich oft zusammen, in Projekten und Tagungen, als Rezensent vor allem von Jugendromanen für Buch & Maus oder, und das ist der Grund, warum ich heute hier bin, als Juror. Die Juryarbeit für den neuen Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis sagt mir enorm zu: Ich schätze es sehr, mich mit Expertinnen aus ganz verschiedenen Feldern auszutauschen. Auf diese Weise wird genau die offene, vielseitige Begegnung mit Büchern möglich, die ich auch den Studierenden ans Herz legen will.» AUFGEZEICHNET VON MANUELA KALBERMATTEN

Laut der aktuellen PISA-Studie lesen Schweizer Schülerinnen und Schüler nicht nur schlechter als noch vor einigen Jahren, sie lesen in der Freizeit auch weniger Bücher. Zugleich begegnen Kinder und Jugendliche beim Lesen auf digitalen Geräten unterschiedlichsten Text- und Erzählformen. Wie geht das zusammen? Was wissen wir über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von analogem und digitalem Erzählen und Lesen? Bleibt literarisches Lesen auch künftig eine Grundlage, um Welt zu erfahren und zu verstehen, und welche Voraussetzungen braucht es dafür? Die SIKJM-Jahrestagung am 16. September 2020 im Volkshaus Zürich stellt sich diesem heissen Thema mit Referaten aus Forschung und Praxis. Das detaillierte Tagungsprogramm mit Anmeldung erscheint in Kürze. SIKJM Erzählnacht: «So ein Glück!» Das Motto für die Erzählnacht 2020 steht.

Am 13. November 2020 findet die nächste Schweizer Erzählnacht statt: Welch ein Glück! «So ein Glück! Che felicità! Quel bonheur! Tge ventira!» ist dieses Jahr das Motto. Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen, Jugendtreffs, Gemeinschaftszentren und andere Institutionen sind herzlich eingeladen, an der diesjährigen Erzählnacht mitzumachen, und eine ganz besondere Art von Glück zu erleben: Das Glück des gemeinsamen Lese- und Vorleseerlebnisses. Glück hat viele Gesichter: Vom kurz anhaltenden Glück von kühlem Wassereis im Sommer bis zum tiefen Glücksempfinden einer langjährigen Freundschaft. Vom glücklichen Aufjuchzen, wenn Verloren-

geglaubtes wieder gefunden wird bis zum stillen Glück, sich selbst sein zu dürfen. An der Erzählnacht werden Tausende Kinder und Jugendliche ihr Glück in Geschichten suchen, mit ProtagonistInnen mitfiebern, die Glück im Unglück haben oder auf gut Glück in die Welt ziehen. Sie werden darüber diskutieren, was Glück für sie bedeutet und in Spielrunden ihr Glück versuchen. Das Plakat für die diesjährige Schweizer Erzählnacht gestaltet der Illustrator Antoine Déprez aus Novaggio. Ab 1. Juni 2020: stehen das Plakat, Medienlisten und Gestaltungsideen zum Motto zum Download bereit unter: www.sikjm.ch/erzaehlnacht

SIKJM Vorlesetag am 27. Mai 2020 Zum dritten Mal wird landesweit vorgelesen.

Nach dem grossen Erfolg der letzten zwei Jahre wird auch 2020 wieder im ganzen Land vorgelesen. Vorleseaktionen – ob privat im kleinen Kreis oder öffentlich – können unter schweizervorlesetag.ch eingetragen werden. Dieses Jahr ist auch das Netzwerk «Schweizer Familienblogs» mit von der Partie: Bis zum Vorlesetag erscheint jeden Montag ein Beitrag zum Vorlesen auf einem der beteiligten Blogs. www.schweizervorlesetag.ch

SIKJM / AVJ Buch & Maus-Redaktorin geehrt Manuela Kalbermatten für Preis nominiert.

Eine freudige Nachricht in eigener Sache: Für den Medienpreis, mit dem die Arbeitsgemeinschaft für Jugendbuchverlage avj jedes Jahr auf der Leipziger Buchmesse besonderes journalistisches Engagement für die Kinder- und Jugendliteratur auszeichnet, steht dieses Jahr auch Buch & MausRedaktorin Manuela Kalbermatten auf der Shortlist. Wir gratulieren herzlich! www.avj-online.de

BUCH & MAUS 1/2020

Der Medien-Leser


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FOTO: © GEORG LUZI.

AUS DEM INSTITUT / INFOS

Die Jury schreibt: «Sie hat uns mit ihren Gedichten (...) ganz einfach verzaubert!» Leta Semadeni erhält den Josef-Guggenmos-Preis für Kinderlyrik.

KJM ZÜRICH

Das KIM Lesemagazin 2020 für die Primaschule erscheint Anfang April und wird in jedem Klassenzimmer für monstermässigen Lesespass sorgen. Das Heft ist vollgepackt mit Textauszügen aus Neuerscheinungen der Kinderbuchwelt. Egal, ob Bücherwurm oder Lesemuffel, ob Leseprofi oder AnfängerIn – das Heft hält für jede/n das Passende bereit. Einen zusätzlichen Motivationsschub verleiht der Wettbewerb mit Fragen zu den vorgestellten Büchern und tollen Preisen. Vielfältige Ideen für den Einsatz im Unterricht können auf kjm-zh.ch/kim heruntergeladen werden. Eine Leseprobe und die Titelliste geben einen ersten Einblick. Wer die Bücher für die Schulbibliothek anschaffen möchte, kann sie bibliotheksfertig aufbereitet beim SBD.bibliotheksservice beziehen. Das Lesemagazin kann als Klassensatz (25 Ex.) oder einzeln bei KJM Zürich bestellt werden.

einem Erstaunen (...), um die Wörter und ihre Poesie umso intensiver leuchten zu lassen. Was sie dabei entdeckt und entdecken macht, ist nichts weniger als die Zauberkraft selbst, die im Alltag und in den Worten steckt und nur darauf zu warten scheint, wahrgenommen und befreit zu werden.» Leta Semadeni wurde 1944 in Scuol geboren. Seit 2005 widmet sie sich ausschliesslich dem Schreiben, publiziert Prosa und Gedichte in Rätoromanisch und Deutsch. Ihr erster Roman «Tamangur» (2015) wurde 2016 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Das SJW-Heft «Tulpen/Tulipanas» hat Madlaina Janett illustriert. Der 2016 erstmals verliehene JosefGuggenmos-Preis wird von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur verliehen und ist mit 3000 Franken dotiert. Die Preisvergabe findet am 26. Juni 2020 im Rahmen der Fachtagung «Kinderlyrik: Motor des frühkindlichen Sprach- und Bildungsverstehens» in der Schwabenakademie Irsee statt, dem Lebensort des Lyrikers Josef Guggenmos.

kjm-zh.ch/kim

www.akademie-kjl.de

JOSEF-GUGGENMOS-PREIS

IBBY

Schweizer Lyrikerin verzaubert Jury

Albertine auf Shortlist für HCA-Preis

Kinderlyrikpreis für SJW-Gedichtheft

Die Westschweizer Illustratorin ist nach 2018

KINDERBUCHMESSE BOLOGNA

zum zweiten Mal auf der Shortlist.

Messe wegen Corona-Virus verschoben

Lesespass mit KIM-Magazin Das KIM Lesemagazin 2020 für die Primarschule erscheint Anfang April.

BUCH & MAUS 1/2020

Grosse Ehre für SJW: Dem zweisprachig deutsch-rätoromanischen SJW-Heft «Tulpen/Tulipanas» der Engadiner Autorin und Lyrikerin Leta Semadeni wird von der Jury der Josef-Guggenmos-Preis zugesprochen, der einzige deutschsprachige Preis für Kinderlyrik. Die Welt, so die Jury, beginne «bei Semadeni immer wieder mit

Jahre an eine/n IllustratorIn und eine/n AutorIn vergeben. Das SIKJM ist für die Nominationen aus der Schweiz zuständig. Der Preisträger oder die Preisträgerin wird an der Kinderbuchmesse in Bologna bekannt gegeben. www.ibby.org

BOLO KLUB Förderprojekt in zweiter Runde Junge Schweizer IllustratorInnen profitieren von Mentorat für Bilderbuchprojekt.

Der Bolo Klub, der junge Schweizer IllustratorInnen in Hinblick auf die Kinderbuchmesse Bologna 2019 zusammenbrachte und förderte, geht in eine zweite, leicht modifizierte Runde. Unter der Projektleitung von Anna Schlossbauer und Laura d’Arcangelo konnten sich junge KünstlerInnen, die ein Bilderbuchprojekt verfolgen wollen, um einen Platz bewerben. Sie werden während eines Jahres von den Bilderbuchschaffenden Francesca Sanna, Adrienne Barman, Daniel Fehr und Vera Eggermann mentoriert. Zusätzlich gibt es Jour-Fixe-Veranstaltungen, die auch interessierten IllustratorInnen («Amici») offen stehen. www.boloklub.ch

Die Kinderbuchmesse findet neu im Mai statt.

Wie das International Board on Books for Young People (IBBY) mitteilt, ist die Genfer Künstlerin Albertine eine von sechs IllustratorInnen aus aller Welt, die auf der Shortlist für den prestigeträchtigen Hans Christian Andersen Award im Bereich Illustration stehen. Der Preis wird alle zwei

Die internationale Kinderbuchmesse in Bologna, die vom 30. März bis 2. April 2020 hätte stattfinden sollen, wurde auf 4. bis 7. Mai 2020 verschoben. Grund für die kurzfristige Verschiebung ist der Ausbruch des Corona-Virus COVID-19 in Italien.


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VERZEICHNIS / IMPRESSUM / AGENDA

AMMANN, NINON : Wundertier Schwamm S. 13 ANGEL, FRAUKE / DÜRR, JULIA: Disco! S. 26 BARON, ADAM: Freischwimmen S. 31 BATE, HELEN: Peter in Gefahr S. 18 BECKER, ANNE: Die beste Bahn meines Lebens S. 33 BOURGET, LAËTITIA / HOUDART, EMMANUELLE: Grandir S. 24 CROSSAN, SARAH: Wer ist Edward Moon? S. 36 DAVID, LAWRENCE / DURAND, DELPHINE:  Hilfe, Gregor ist plötzlich ein Käfer! S. 30 DE WECK, CLAUDIA: Meine liebsten Spielsachen S. 26 DRVENKAR, ZORAN / KELLER, PATRICIA: Oh je, schon wieder Ferien S. 30 FRIEMEL, MICHA / GLEICH, JACKY: Lulu in der Mitte S. 27 GRATZ, ALAN: Vor uns das Meer S. 36 HÖFLER, STEFANIE: Helsin Apelsin und der Spinner S. 32 JÄGER, SARAH: Nach vorn, nach Süden S. 34 JANKÉLIOWITCH, ANNE / ARTHUS-BERTRAND, YANN: Dünnes Eis S. 8 JUCKER, ROLF / FORSTER, GREGOR: Bäume – Die perfekten Wunderwerke S. 16 KLEIST, REINHARD:  Knock out! Die Geschichte von E. Griffith S. 18 KÖNNECKE, OLE: Desperado S. 28 KONSTANTINOV, VITALI : Es steht geschrieben S. 2 KRELLER, SUSAN: Elektrische Fische S. 34 KROHN, TIM: Die Prinzessin auf dem Mist S. 33 LANG, SUZANNE / LANG, MAX: Jim ist mies drauf S. 26 MACLACHLAN, PATRICIA / SANNA, FRANCESCA: Meine Freundin Erde S. 27 MANN, SUNIL:  Totsch S. 24 MELECE, ANETE: Der Kiosk S. 27 MESSERLI, RAHEL: Melin S. 37 MICHAELIS, ANTONIA: Hexenlied S. 36 MÖLLER, THOMAS / BISCHOFF, LÉONIE: Die Geschichte der Bibel S. 16 MUSCIONICO, DANIELE / HAUSHEER, ROLAND / ROOST, MARKUS: Vom Dachs zum Schwein S. 13 NYMPHIUS, JUTTA / CHRISTIANS, JULIA:  Mehr Schweinchen S. 30 OFNER, AGNES:  Nicht so das Bilderbuchmädchen S. 35 OLSEN, JOHAN: Warum gibt es uns? Die Entwicklung des Lebens vom Urknall bis zu dir S. 2 OSBERGHAUS, MONIKA / KLEIN, HORST: Alle behindert! S. 37 RAÚF, ONJALI Q. / CURNICK, PIPPA:  Der Junge aus der letzten Reihe S. 32 PIATTI, BARBARA / ROGENMOSER, YVONNE: Feste und Bräuche in der Schweiz S. 16 PIUMINI, ROBERTO / DÉPREZ, ANTOINE: Il tavolino magico S. 24 SANNA, FRANCESCA: Ich und meine Angst S. 24 SCHAAD, HANS P.: sChly Mandli S. 28 SCHARMACHER-SCHREIBER, KRISTINA / MARIAN, STEPHANIE: Wie viel wärmer ist 1 Grad? S. 8 SOENTGEN, JENS: Die Nebelspur. Wie Charles Wilson den Weg zu den Atomen fand S. 2 STEINER, JENS: Lotta Barfuss und das meschuggene Haus S. 31 STRANDBERG, MATS: Das Ende S. 35 STRÖMQUIST, LIV: I’m every woman S. 18 TER HORST, MARC / PANDERS, WENDY: Palmen am Nordpol S. 8 THYDELL, JOHANNA / ADBÅGE, EMMA:  Blödes Bild! S. 28 TURKOWSKI, EINAR:  Die Stadt, das Mädchen und ich S. 29 TUBIANA, JÉRÔME / FRANC, ALEXANDRE: Guantanamo Kid S. 18 VAN DE VENDEL, EDWARD / TOLMAN, MARIJE: Der kleine Fuchs S. 29 VAUGHAN, MONICA M.: K.I. – Freundschaft vorprogrammiert S. 32 VIEWEG, OLIVIA: Antigone S. 37 VON ARB, NANDO: 3 Väter S. 24 WIRLINGER, HANNES:  Der Vogelschorsch S. 34 QUITTERER, STEPHA:  Weltverbessern für Anfänger S.35 IMPRESSUM

HERAUSGEBERIN: Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM Georgengasse 6, CH-8006 Zürich, Telefon +41 (0)43 268 39 00 E-Mail: info@sikjm.ch, Internet: www.sikjm.ch Konto: 1100-4798.904; Zürcher Kantonalbank IBAN: CH65 0070 0110 0047 9890 4 BIC/SWIFT: ZKBKCHZZ80A, lautend auf Johanna Spyri Stiftung ISSN 1660-7066 REDAKTION UND GESTALTUNG: Manuela Kalbermatten (manuela.kalbermatten@sikjm.ch), Elisabeth

Eggenberger (elisabeth.eggenberger@sikjm.ch), Sarah Eggel (Praktikum), Loretta Sutter (Korrektorat) INSERATE: Simone Schaller (simone.schaller@sikjm.ch) ABONNEMENTE: Mitglieder gratis MITGLIEDERBEITRÄGE 2018: Einzelmitglied Fr. 50.–, Kollektivmitglied Fr. 100.–

Bibliotheken mit Erwerbungsetat unter Fr. 5’000.–: Fr. 50.– Bibliotheken mit Erwerbungsetat über Fr. 5’000.–: Fr. 100.– JAHRESABONNEMENT 2020: Inland: Fr. 40.–, Ausland: Euro 35.–, Einzelheft: Fr. 15.– AUFLAGE: 2’800 Exemplare. Erscheint dreimal jährlich KONZEPT: Prill, Vieceli, Albanese DRUCK, LITHOS UND VERSAND: Gremper AG, Güterstrasse 78, 4133 Pratteln

Telefon +41 (0)61 685 90 30, www.gremper.ch Buch & Maus wird durch die Stiftung Perspektiven der Swiss Life unterstützt. REDAKTIONSSCHLUSS : Heft 2/20 4. Mai 2020

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck von Artikeln nur mit Genehmigung der Redaktion.

AGENDA BUCH&MAUS

4. bis 7. Mai 2020 Bologna: Internationale Kinderbuchmesse (Verschiebedatum) www.bookfair.bolognafiere.it 5. Mai 2020 Solothurn, Landhaus: Verleihung des Prix Chronos 2020 www.prixchronos.ch 22. bis 24. Mai 2020 Solothurn: Solothurner Literaturtage www.literatur.ch 23. Mai 2020 Solothurn, Stadttheater: Verleihung des Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreises 2020 www.schweizerkinderbuchpreis.ch 27. Mai 2020 3. Schweizer Vorlesetag www.schweizervorlesetag.ch 11. bis 13. Juni 2020 Bonn, Gustav-Stresemanninstitut: Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung GKJF «Urban! Städtische Kulturen in Kinderund Jugendmedien» www.gkjf.de 21. August 2020 Lausanne, HEP Vaud: Jubiläumstagung 10 Jahre leseforum.ch www.leseforum.ch 23. August 2020 Basel, Kannenfeldpark: Vorlesefest «Geschichten im Park» www.kjm-basel.ch 5. September 2020 Brugg-Windisch, FHNW: Tagung «Unterricht konkret» des Zentrums Lesen www.zentrumlesen.ch 16. September 2020 Zürich, Volkshaus: SIKJM-Jahrestagung zum Thema «Lesen 2030» www.sikjm.ch

BUCH & MAUS 1/2020

VERZEICHNIS DER REZENSIERTEN MEDIEN


Abonnieren Sie Buch&Maus Die Fachzeitschrift für Kinderund Jugendmedien Buch&Maus ist die deutschsprachige Fachzeitschrift des SIKJM. Sie erscheint dreimal im Jahr und setzt sich breit mit aktuellen Kinder- und Jugendmedien g auseinander. In Reportagen, Essays, Diskussionsbeiträgen n, Fachartikeln, Interviews und Kolumnen zu Kinder- und Jugendmedien J beleuchtet Buch&Maus literarische und mediale Trends und Hintergründe. Im umfangreichen Rezensionsteil werden herausragende neue Bücher und weitere Medien M für alle Altersstufen der Kindheit und Jugend vorgestellt und besprochen. T Ta agungsberichte und Veranstalltungshinweise bieten n Orientierung.

Ja, ich abonniere Buch&Maus (CHF 40 / pro Jahr). Ich möchte Buch&Maus abo onnieren und gleichzeitig Mitglied von Kinder- und Jugendmedien Schweiz, den Kantonal- und Regionallorganisationen des SIKJM, werden (CHF 50 / prro Jahr).

Name Vorname Beruf/Institution E-Mail Strasse PLZ/Ort Datum Unterschrift

Bitte senden Sie diesen Bestellcoupon o an: Schweizerisches Institut für Kinder und Jugendmedien, Georgengasse 6, 8006 Zürich


Finalistes ungen g n Nom minieru Finalisti 2020 Grandir

ĂŤtitia Bou o rget Emmanuelle Houdart & LaĂŤ Les Grandes Personnes 2019

Ich und d meine Ang gst Francesca Sanna NordSĂźd 2019

gico Il tavolino mag ez & Roberto Piumini Antoine DĂŠpre Marameo Edizioni 2019

Totsch Sunil Mann da bux 2019

3 Väter Nando von n Arrb Edition Moderne 2019

Preisverleih hung Remise du prix Consegna del d premio 23.05.2020 0, 15:00 Solothurner Literaturtage prixlivrej ixli ejeunesse.ch h schweizerk kinderbuchpreis.ch premiolibro oragazzi.ch

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Buch&Maus 1/20  

INHALT: SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN / 2 Individuelle Kunstwerke: die neuen Sachbücher_ELISABETH EGGENBERGER / 6 Die Pitschis und Fredericks unte...

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INHALT: SCHWERPUNKT: SACHMEDIEN / 2 Individuelle Kunstwerke: die neuen Sachbücher_ELISABETH EGGENBERGER / 6 Die Pitschis und Fredericks unte...

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