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Ein: Blicke

Ausgabe 29 Dezember 2009

Der sci:moers wird 30 Lang ist’s her: 1979 konnten selbst die Gründer nicht ahnen, wie gut sich der Verein später entwickeln würde.

M

an schrieb den 17. Dezember 1979, als der sci:moers gegründet wurde. Das Jahr war gekennzeichnet von Kriegen, Skandalen und Umweltereignissen wie dem Reaktorunfall von Harrisburg und dem ersten Smog-Alarm Deutschlands im Ruhrgebiet und am Niederrhein. Zehn Tage, nachdem der

sci:moers gegründet wurde, marschierten russische Streitkräfte in Afghanistan ein und begannen einen zehn Jahre währenden Krieg. Eine Woche, bevor sich der sci:moers gründete, erhielt Mutter Teresa den Friedensnobelpreis. Frieden war das Thema überhaupt, die Grünen machten ihre ersten, noch belächel-

ten Schritte, Arbeitslosigkeit und Ausländerfeindlichkeit entwickelten sich zu ernst genommen Themen. Die Welt war damals womöglich nicht besser oder schlechter als heute. Die Generation der Teens und Twens, wie man sie damals nannte, war jedoch in politisch-welt-

1979

Am 17. Dezember 1979 wird der sci:moers gegründet. In einem Raum in der alten Barbaraschule in Meerbeck werden Deutschkurse für Ausländer gehalten. Die kleine SCI-Gruppe organisiert Freizeitaktivitäten für ausländische Kinder und Jugendliche.

1980

Im Sommer 1980 findet das erste internationale Workcamp des SCI in Moers statt. Teilnehmer aus Spanien, Finnland, Irland, Deutschland, Großbritannien, USA und der Türkei kommen für drei Wochen nach Meerbeck, um in den Sommerferien Kinderspielaktionen auf dem Spielplatz an der Werdauerstraße durchzuführen. Drei Wochen lang werden jeden Tag auf dem Spielplatz und auf dem ehemaligen DJK Platz an der Römerstraße Kinderspielaktionen durchgeführt. Die SCI-Freiwilligen aus aller Welt wohnen in den Räumen des renovierten ehemaligen Bergmannswohnheims Schardeyshof auf der Taubenstraße – dem ersten Büro des SCI in Moers.

1981

anschaulichen Fragen besonders engagiert – und auch die Energie der Gründer des sci:moers speiste sich zu einem großen Teil aus Idealismus.

Der SCI eröffnet das sci:werkhaus mit den drei Bereichen Holz, Textil und Druck. Zunächst sieben Jugendliche, die

In den letzten 30 Jahren haben sich Orte und Namen der Konflikte geändert. Gleichzeitig hat sich auch

der sci:moers immer wieder gewandelt, ist massiv gewachsen und professioneller geworden, hat seine Aufgabengebiete den Zeitläuften angepasst und brütet nach wie vor neue Ideen aus. Einen kleinen Ein:und Über:Blick hierüber soll das vorliegende Jubiläumsheft geben.

nach der Schule ohne Ausbildung und Arbeit blieben, finden hier Beschäftigung.

1982

Karl-Heinz Theußen, einer der Gründer des Moerser Zweigs und späterer Geschäftsführer, beginnt als Leiter des damaligen sci:werkhauses seine hauptberufliche Laufbahn beim SCI. Zuvor war er als Zivildienstleistender und erster Vollzeitbeschäftigter für den SCI in Moers tätig.

1983

Das Angebot der Jugendwerkstatt wird erweitert. Sechs weitere Jugendliche bekommen eine richtige Ausbildungs-

stelle.

1984

Die Kapazität der Jugendwerkstatt wird auf 24 Teilnehmer erweitert. Acht Jugendliche fangen eine Tischlerausbildung an. Ein Grundausbildungslehrgang „Bauhelfer“ beginnt. ● Die alte Pumpstation an der Donaustraße wird von den Jugendlichen des Lehrgangs zum Spielhaus umgebaut.


Damals

1979 – was haben Sie da gerade gemacht? Sechs aktuelle Mitarbeiter des sci:moers geben einen kurzen Ein:Blick in ihre Lebensgeschichte.

Guido Bonewitz „Was soll ich sagen? Zu diesem Zeitpunkt habe ich, in Mülheim an der Ruhr, noch die Schulbank gedrückt. Es ging damals um Krautrock, Jazz und Blues und wie der nächste Tag wird. Erst als ich zum Niederrhein gezogen bin und eines Tages eine Anzeige im Bürgerblatt von Issum gelesen habe: „Platzwart für Zeltplatz in Sevelen gesucht“ – da habe ich den ersten Kontakt mit dem SCI hergestellt.“

Frank Liebert Der Fachbereichsleiter Kinder- und Jugendhilfe des sci:moers muss erst ein Weilchen überlegen: „Wissen Sie, wie lange das her ist?!“ Dann fällt es ihm doch ein: „Da war ich bei den Sozialistischen Jugendwerken in Mülheim an der Ruhr und habe in einem Jugendheim gearbeitet: Bespaßungsaktionen für Jugendliche, die allein nichts mit sich anfangen konnten.“ Im Jahr darauf habe er erste Kontakte zu Karl-Heinz Theußen und dem SCI geknüpft. Zum SCI kam Frank Liebert 1983/84.

Lutz Niebaum Christine Joliet Die Leiterin des sci:kindergartens überlegt: „Das ist lange her. Ich war 24 Jahre alt, hatte damals gerade mein Design-Studium unterbrochen, war verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter und lebte in einem Reihenhaus in Mülheim an der Ruhr. Zu der Zeit habe ich mich viel mit der Pflanzenfärberei, der Webkunst und der Illustration von Bilderbüchern beschäftigt. Durch meine Rolle als Mutter habe ich mich intensiv mit Pädagogik auseinandergesetzt und so die Waldorfpädagogik kennengelernt. Das war für meinen Berufsweg von entscheidender Bedeutung. Ich habe dann eine Ausbildung zur Waldorf-Erzieherin gemacht und anschließend acht Jahre im Mülheimer Waldorfkindergarten gearbeitet. Zum sci kam ich 1994, als unser Kindergarten eröffnet wurde, das sind jetzt schon 15 Jahre."

Heinz Koch „1979 war ich 19 und habe gerade bei der Bundeswehr in der Lüneburger Heide meinen Wehrdienst abgeleistet, als Turmwaffenmechaniker habe ich Panzer gewartet. Vorher hatte ich ja Betriebsschlosser gelernt. Nach der Bundeswehrzeit habe ich dann Architektur studiert, einige Jahre im Stahlbau und als Architekt gearbeitet. 1991 bin ich dann als Architekt zum sci:moers gekommen und habe später die NiederrheinRoute betreut, bevor ich meine heutige Position als Stütz- und Förderlehrer in der Ausbildungsabteilung gefunden habe.“

1985

Ein Rückschlag: Ein geplantes Modernisierungsprojekt auf der Siegstraße in Hochstraß wird gekippt. Die Handwerkerschaft befürchtet Konkurrenz durch dieses Projekt, in dem arbeitslose Jugendliche kurzfristig wieder Beschäftigung finden sollten. ● Die erste Ausbildungsgruppe der Bekleidungsfertigerinnen tritt ihre Ausbildung an. Insgesamt kann der sci:moers nun 48 Ausbildungs- und Werkstattplätze anbieten.

1986

Das Beschäftigungsprojekt „Ökologiestation“ wird in Zusammenarbeit mit dem Bund für Vogelschutz ins leben gerufen. Die Arbeit beginnt auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Rheinkamp am Reitweg. Ein Schuppen und ein rund vier Hektar großes Gelände werden von Schutt, Gerümpel und Unrat befreit – von den ersten Projektteilnehmern selbst. Mit der Gründung der Ökologiestation orientiert sich der sci:moers neu – weg von Renovierungsarbeiten an Gebäuden, die von der örtlichen Handwerkerschaft als Konkurrenz gesehen werden – hin zu Arbeiten im Naturschutz. ● Die Beratungsstelle zieht von der Taubenstraße in die Kirschenallee um.

Der Landschaftsarchitekt war damals 15 Jahre alt, ging in die 9. Klasse des Adolfinums. „Wir waren, glaube ich, der letzte Jahrgang mit reinen Jungenklassen.“ In diesem jahr sei er zum ersten mal ohne seine Eltern in den Urlaub gefahren, mit dem CVJM nach Griechenland. Mit sozialen Themen habe er damals allerdings noch nichts am Hut gehabt. Zunächst baute er sein Abitur, absolvierte den Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt und ließ sich zum Landschaftsgärtner ausbilden. Als solcher hat er dann auch gearbeitet, dann Landschaftsarchitektur studiert. „Und dann fing ich langsam an, mich auch für meine Umgebung zu interessieren“, scherzt Niebaum, der sich damals im Jugendkulturzentrum „Volksschule“ engagierte. Über ein Radwegeprojekt lernte er Frank Liebert und Karl-Heinz Theußen kennen, 1998 fing er beim sci:moers fest an.

Heike Schlutt Für die Buchhalterin des sci:moers war 1979 ein ebenso wichtiges Jahr wie für den Verein: „Da bin ich gerade 18 geworden, habe meinen Führerschein gemacht, die Handelsschule in Moers abgeschlossen und bin in Duisburg zur Berufsschule gegangen: Ich habe damals bei Haniel eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau angefangen.“ Danach arbeitete sie 16 Jahre lang in einer Spedition in Rheinhausen und fünf Jahre lang in einem Autohaus in Moers. Seit 2006 ist sie beim sci:moers.

1987

Ein ganz wichtiger Schritt folgt: Der sci:moers wird eigenständig. Er übernimmt alle Projekte, die sich bis dahin in formaler Trägerschaft des SCI Deutscher Zweig befanden. Somit steht der sci:moers nun auch rechtlich für die bisher geleistete inhaltliche Arbeit ein. ● Die BBG – eine gemeinnützige Berufsbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft – wird als Tochterunternehmen des sci:moers gegründet. Die BBG schult Erwachsene zu Druckern und Setzern um.

1988

Die Jugendwerkstatt platzt aus allen Nähten und zieht von der Taubenstraße in die ehemalige Fröbelschule an der Marktstraße in Utfort um. ● Das höchste Gremium der weltweiten SCI-Bewegung – der internationale Vorstand – besucht den Moerser Verein. ● Der SCI muss die Jugendberatungsstelle aus Kostengründen aufgeben.


Interview

„Wir waren ein wilder, engagierter Haufen!“ Karl-Heinz Theußen, Mitbegründer und heutiger Geschäftsführer des sci:moers, über Anfänge, Entwicklungen und Zukunftsaussichten.

Wie kamen Sie eigentlich selbst zum SCI, Herr Theußen? Das war Mitte der Siebziger Jahre, im Zusammenhang mit meiner Kriegsdienstverweigerung. Ich war in der ökumenischen Jugendarbeit engagiert und habe irgendwann in einem internationalen Workcamp in Südschweden mitgemacht und bin dabei auf den SCI gestoßen. Und haben dann in Moers einen Zweig gegründet? Erst einmal habe ich 1976 an einem Campleiter-Seminar teilgenommen, dann selbst ein internationales Workcamp geleitet und bin darüber in den SCI auf deutscher Ebene eingestiegen. 1978 war ich dann Mitglied des Vorstandes des deutschen Zweiges. Vor dem Hintergrund der internationalen Erfahrungen habe ich dann in Moers bei einem italienischen Berufsbildungsträger als Kursleiter für Integrationsmaßnahmen für nachgereiste Jugendliche angefangen. Gleichzeitig habe ich aber schon nach einer Organisationsform gesucht, Völkerverständigung, Integration und Begegnung vor Ort zu verwirklichen. Zusammen mit acht Gründungsmitgliedern, die nicht alle aus dem SCI kamen, habe ich dann in Abstimmung mit dem deutschen Zweig des SCI zunächst eine Lokalgruppe gegründet, ohne

1989

Vereins-Status, und im Dezember 1979 in Meerbeck den eingetragenen Verein Service Civil International e.V. Wenn man alten Fotos davon sieht, dann stellt man sich die Anfänge ziemlich improvisiert und unprofessionell vor. Ja, das war sehr improvisiert. Professionell im Sinne von „alles durchstrukturiert“ war das sicher nicht. Wir waren ein wilder, engagierter Haufen mit vielen Diskussionen und Auseinandersetzungen um den richtigen Weg. Sie haben von neun Leuten beim Start gesprochen, wie viele Mitarbeiter hat der SCI heute? Heute haben wir etwa 160 hauptamtliche Mitarbeiter in unterschiedlichen Bereichen der sozialen Arbeit, der Beschäftigungsförderung und der Jugendhilfe. Wenn man sich den sci:moers im Vergleich anschaut, hat er eine Sonderstellung innerhalb Deutschlands. Woran liegt das? Der deutsche Zweig organisiert ja auf der Basis von internationalen Workcamps immer nur kurzfristige Begegnungsmaßnahmen, bei denen die Teilnehmer für zwei bis vier Wochen nach Deutschland kommen

und in konkreten Projekten arbeiten. Wir wollten in Moers aber von Anfang an nachhaltige Strukturen schaffen. Deshalb haben wir uns mit ganz konkreten, dauerhaften Angeboten in der Integrations- und Bildungsarbeit engagiert. So haben wir selbst den befristeten Bereich irgendwann verlassen und uns auch institutionell etabliert. Gibt es in Deutschland noch andere Einheiten des SCI, die einen ganz anderen Schwerpunkt ausgebildet haben als die internationale Organisation? Nein, gibt es nicht. Im Grunde machen alle anderen internationale Jugendbegegnung und Freiwilligenarbeit. Es gab in den vergangenen Jahren in anderen nationalen Zweigen Projektarbeiten, zum Beispiel in Nordirland oder in Frankreich, wo man mit arbeitslosen Jugendlichen Freizeitarbeit oder mit protestantischen und katholischen Kindern und Jugendlichen Versöhnungsarbeit geleistet hat. Aber kontinuierli-

Der sci:moers feiert sein 10-jähriges Bestehen.

Was sind die Projekte, die Sie im Moment umtreiben? Wir sind eigentlich immer dabei, Aufgabenfelder zu formulieren und zu deren Umsetzung Impulse zu setzen, soziale Trends aufzunehmen und mit Lösungskonzepten unser Anliegen, unsere Möglichkeiten und Fähigkeiten zu präsentieren. Und welche Felder sehen Sie im Bereich der nächsten Jahre, auf denen der SCI sein Engagement verstärken wird? Wir werden uns sicher auf dem Hintergrund der veränderten demographischen Lage im Bereich der Sozialarbeit im Stadtteil stärker engagieren, zum Beispiel auch mit neuen Formen der Arbeit mit Senioren. Außerdem wollen wir verschiedene Politikfelder intensiver miteinander verknüpfen, zum Beispiel Tourismus-, Arbeitsmarkt- und

Strukturförderung. Ein großes Projekt, das wir in der Pipeline haben, ist die Eisenbahnerlebniswelt. Auch hier geht es uns darum, Arbeitsund Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, gleichzeitig aber auch touristische und andere Impulse zu setzen. Was wäre eigentlich mit dem sci:moers, wenn wir in Deutschland wirklich Vollbeschäftigung und keine sozialen Probleme mehr hätten? Tja, das ist wohl nicht realistisch, oder? Ich habe bisher kaum etwas gesehen, was überflüssig würde in der sozialen Arbeit. Eher nehmen ja aufgrund der massiven Tendenzen gesellschaftlicher Spaltung, Ausgrenzung usw. die Probleme zu. Wir sind nicht so vermessen zu sagen, wir können das verhindern, aber wir wollen es abmildern. Ich glaube nicht, dass wir irgendwann überflüssig werden.

1990

Ein Filmteam mit Heinz Sielmann kommt nach Moers, um über das Projekt „Gärten für Kinder“ zu berichten. Sielmann zeigt sich begeistert von der Arbeit des sci:moers.

● Ein neues Projekt läuft an: abH – ausbildungsbegleitende Hilfen. 24 Jugendliche, die Probleme in der Berufsschule oder in der Ausbildung haben, bekommen hier Unterstützung und Förderunterricht.

1991

● Die Ökologiestation entwickelt das Projekt „Gärten für Kinder“. Spielplätze von Kindergärten werden ökologisch sinnvoll zu „Abenteuerund Naturerfahrungsflächen“ für Kinder umgestaltet. Herausragendes Spielgerät hierbei: die Weidenhütte.

1992

● In der Steinbrückenstraße finden umfangreiche Landschaftspflegearbeiten statt, ein Biotop wird angelegt.

che, ganzjährige Arbeit leistet keine andere Einheit des SCI, soweit ich weiß.

Die Planungen für die „NiederRheinroute“ laufen an

Die Bauarbeiten für die NiederRheinroute beginnen. Das neue Radwegenetz erregt starkes Interesse in der Öffentlichkeit. Die Erwartungen sind hoch: Arbeitslose junge Menschen sollen mit dieser Arbeitsbeschaffungsmaßnahme qualifiziert und somit wieder fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden. Gleichzeitig erhofft man sich eine touristische Aufwertung des Niederrheins – und damit verbunden neue Arbeitsplätze. Ein großer Schritt hin zum dringend notwendigen Strukturwandel in der Region.


Jubiläumsfeier

„Ein Aushängeschild der Stadt“ Bei der 30–Jahr–Feier des sci:moers am 27. November 2009 im Eurotec–Center wurde viel gelacht - und auch viel gespendet!

Das EurotecCenter erwies sich als hervorragende PartyLocation.

Auch, wer sich hauptsächlich mit Sorgen beschäftigt, darf und sollte gelegentlich feiern und lachen. Bei der 30-Jahr-Feier des sci:moers im Eurotec-Center wurde beides ausgiebig getan: Über 300 geladene Gäste waren gekommen, um die bisherige Leistung des Sci zu würdigen und die Menschen in gelöster Atmosphäre zu treffen, mit denen man sonst arbeitet. Als Eisbrecher hatte Geschäftsführer Karl-Heinz Theußen den Duisburger Standup-Comedian Ludger K. gewinnen können, seines Zeichens „Berufsjugendlicher im Ruhestand“ und insofern bestens qualifiziert für das Ereignis. Die Party kam ohne lange Reden aus, obwohl neben Mitarbeitern, Kooperationspartnern und

Freunden auch zahlreiche Vertreter aus Politik und Verwaltung vertreten waren. Auch der stellvertretende Moerser Bürgermeister Hans-Gerd Hackstein sprach nicht lang, fand aber ein sehr schönes Kompliment für den langjährigen Partner: „Der Sci ist zu einem Aushängeschild der Stadt geworden.“ Der Sci wäre aber nicht der Sci, wenn er den Abend nicht auch konstruktiv für die gute Sache genutzt hätte. Es wurde nämlich für die Aktion „Ein Mühlrad für Moers“ gesammelt. Bekanntlich hat der Sci mit der Aumühle eines der ältesten Baudenkmäler der Stadt übernommen, um sie zur „Mitmachmühle“ umzugestalten. Hier sollen dann alte Produktions-

abläufe des Kornmahlens und der Mehlherstellung wieder anschaulich werden. Die Spendenbeiträge der Feier im Eurotec-Center, so hatte Karl-Heinz Theußen versprochen, würden vom sci:moers aus eigenen Mitteln verdoppeln. Und so wurden aus den insgesamt 2.636 Euro, die von den Gästen gespendet wurden, schließlich 5.272 Euro – ungefähr ein Zehntel der insgesamt für das Mühlrad benötigten Summe kam hier an einem Abend zusammen. Das Feiern hat sich damit nicht nur für die Partygänger gelohnt, sondern auch für den Sci, die Stadt und vor allem die Kinder, die die Mühle bald in Betrieb nehmen können.

Anstoßen auf 30 Jahre SCI in Moers: Über 300 Gäste waren dabei.

Die Coverkings heizten ein.

Karl-Heinz Theußen und Angelika Küpperbusch.

1993

Ein Spielplatz nach russischem Sagen-Vorbild ist das Resultat eines beispielhaften Projekts, das der sci:moers in Wachtendonk an der dortigen Burgruine realisiert. Genutzt wird dabei das Know-How von russischen Holzschnitzern aus Smolensk, die im Rahmen eines Workshops in Moers weilen.

1994

Der erste Bauabschnitt der NiederRheinroute ist fertiggestellt. Ein Radwegenetz von rund 1200 Kilometern Länge verbindet erstmals alle Gemeinden des Niederrheins miteinander. Das neue touristische Highlight der Region wird mit einer Sternfahrt – unter Anführung von Landesverkehrsminister Franz-Josef Kniola – eingeweiht. ● Unter der Trägerschaft des sci:moers wird eine viergruppige Kindertagesstätte in der Kirschenallee eröffnet. Als erster Kindergarten in Moers hat die Tagesstätte eine integrative Gruppe, in der behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam spielen und lernen.

● Die Mittel für den zweiten Bauabschnitt der NiederRheinroute werden bewilligt. Das Radwegenetz soll nun familienfreundlich gestaltet werden, Natur erleben lassen und Wissen vermitteln. Dazu werden Rasthütten errichtet, Informationstafeln und Hinweisschilder auf Sehenswürdigkeiten aufgebaut, die Wegschilder mit Kilometerangaben versehen.

1995

Der sci:moers kehrt an seinen Ursprungsort zurück: Nach umfangreicher Sanierung und Renovierung der denkmalgeschützten Barbaraschule in Meerbeck durch die Wohnungsbaugesellschaften der Stadt Moers zieht dort die Jugend- und Ausbildungswerkstatt des sci:moers ein. Insgesamt 1050 Quadratmeter stehen dort nun zur Verfügung. Im Dachgeschoss der ehemaligen Schule stehen drei Wohnungen mit jeweils drei Zimmern Jugendlichen zur Verfügung, die noch in der Schule oder in der Ausbildung sind, zu-


Petra Lebbing, Ibrahim Yetim und Karl-Heinz Theußen.

Otto und Mechthild Laakmann.

Claus Peter Küster mit Ehefrau Doris.

Hartmut Hohmann.

Stand-up-Comedian Ludger K.

diversa-Koch Oliver Völker bereitete das Retro-Büffet zu.

Kurze Reden bringen meist den größten Applaus.

Frank Jandera vom sci:nachbarschaftshaus.

hause aber nicht mehr wohnen können. Das sozialpädagogisch begleitete „Jugendwohnen“ soll „eine ambulante Hilfestellung sein, in der nur punktuell bei der Verselbständigung“ geholfen wird. Mit diesem Projekt wird in Moers eine Lücke in der Betreuung von Jugendlichen geschlossen. Es ist eine Alternative zum Wohnen in rundum betreuten Wohngruppen.

1996

Der erste Mitarbeiter des sci:moers geht in den wohlverdienten Ruhestand. Nach über 50 Berufsjahren – davon die letzten neun beim sci:moers – will Schneidermeister Heinz Schiffer sich nun intensiver seinen Hobbys widmen.

● Die Ökologiestation wird ausgebaut und bekommt einen neuen Namen: „Gewerbehof“. Zu den ursprünglichen Aufgaben im Garten- und Landschaftsbau, die auch weiterhin wahrgenommen werden, sind neue

Hartmut Hohmann (links) im Gespräch mit Axel Sandhofen und Siggi Ehrmann.

hinzugekommen. So gibt es jetzt auch die Bereiche Schilderwerkstatt, Holz- und Freizeitgeräte sowie eine Druckerei. Ziel des Ausbaus ist, bei neuen Projekten möglichst einen Rundum-Service bieten zu können. ● Das vom sci:moers initiierte Spielflächenprogramm sorgt dafür, dass 15 Spielflächen in Moers naturnah umgestaltet werden. Kinder und Jugendliche bekommen so bessere Spielgelände, das Stadtbild wird freundlicher, und Langzeitarbeitslose bekommen die Chance, wieder ins Erwerbsleben einzusteigen. Außerdem erhalten Fachfirmen des Garten- und Landschaftsbaus sowie Zulieferfirmen durch das Programm neue Aufträge.


1997

tebahnhof ist für eine solche Werkstatt sehr gut geeignet, verfügt es doch bereits über die notwendige Anbindung ans Schienennetz. Im ersten „Zuge“ werden historische Waggons aus dem Jahre 1920 für den Zirkus Roncalli auf der Landesgartenschau in Oberhausen restauriert.

1998

● Die Kommunen Moers, Kamp-Lintfort, Neukirchen-Vluyn und Rheinberg wollen mit dem Projekt „Landschaftspark NiederRhein“ die Region touristisch aufwerten und somit zum Strukturwandel beitragen. Der sci:moers ist mit arbeitslosen Jugendlichen an der Umsetzung der planerischen Vision beteiligt.

Die abH – ausbildungsbegleitende Hilfen ziehen um. Die Hilfen für Auszubildende werden von den Räumen im Arbeitsamt in die Räume unter der Druckerei Schröder in die Römerstraße verlegt, wo die Umschulungsmaßnahmen der BBG ausgelaufen waren.

Die NiederRheinroute wird noch einmal erweitert. Stolze 1150 Kilometer ist sie schon lange – nun sollen 800 Kilometer hinzukommen, das größte Radwegeprojekt Deutschlands. Auch die Städte Heinsberg, Krefeld, Mönchengladbach, Neuss und Viersen schließen sich an. Eine deutliche Steigerung der Übernachtungszahlen im bisherigen Projektgebiet spricht für den Erfolg des Modells. ● Das Projekt Integra – eine Restaurierungswerkstatt für Schienenfahrzeuge – startet am Reitweg. Das Gelände um den ehemaligen Gü-

● Der erste Bauabschnitt des Spielflächenprogramms ist abgeschlossen: 15 Spielflächen sind nun naturnah umgestaltet. An diesen Erfolg schließt sich die Entscheidung an, dass nun weitere 15 Spielflächen in Angriff genommen werden. ● Die Jugend- und Ausbildungswerkstatt übernimmt die Trägerschaft für den Jugendzeltplatz in Issum-Sevelen.


1999

Der sci:moers feiert mit einem großen internationalen Abend sein 20-jähriges Bestehen.

● Zusammen mit dem AWO-Seniorenzentrum startet der sci:moers ein gastronomisches Ausbildungsprojekt: Acht Jugendliche werden als Hotel/Restaurantfachfrau oder -mann bzw. als Fachkraft im Gastgewerbe ausgebildet. ● Das ICM (International Committee Meeting) des SCI mit über 90 Delegierten aus 24 Ländern tagt in Moers.

2000

„Lernwerkstatt“ nennt sich ein neues Projekt des sci:moers. Die Idee: Schulmüde Jugendliche sollen nicht erst dann neu motiviert werden, wenn sie schon auf der Straße stehen, sondern präventiv. Die Schüler werden für einen begrenzten Zeitraum aus dem Unterricht genommen, in dieser Zeit wird ihnen mit verschiedenen Mitteln wieder Lust am Lernen vermittelt. Zum Beispiel werden auf dem Jugendzeltplatz in Sevelen ein Baumhaus errichtet und ein Hindernisparcours aufgebaut.

2001

Im Rahmen eines „Schulhofprogramms“ gestalten Mitarbeiter des sci:moers in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt der Stadt Moers, dem Schulverwaltungsamt, dem Grünflächenamt, Lehrern, Eltern und Schülern mehrere Schulhöfe in Moers neu. Ziel ist, aus asphaltierten Flächen wieder entsiegelte „Spielhöfe“ zu machen, die auch außerhalb der Schulzeit als Spielflächen und Treffpunkte genutzt werden könnten. Begonnen wird in Scherpenberg auf der Cecilienstraße, später folgen die Grundschule in Eick-West, die WilliFährmann-Schule, die Uhrschule, die Achterrathschule, die AlbertSchweitzer-Schule und die Schule in der Annastraße. ● Die Routenwarte des sci:moers übernehmen, beauftragt vom Kommunalverband Ruhr KVR, die Beschilderung der Rotbachroute zwischen den Unterläufen von Lippe und Emscher im Dinslakener Land. 360 Schilder weisen hier fortan den Weg auf über 75 Kilometern Radweg.


Focus

„Zum Teufel mit den Prinzipien“ Was steckt ideell hinter dem sci:moers, nach welchen Grundsätzen richten sich seine Mitarbeiter? Ein Versuch in zehn Zitaten.

Abbau von Vorurteilen, am gegenseitigen Verständnis gearbeitet werden. Und das tut der sci:moers seit seiner Gründung.

„Wir gestalten soziale Ideen...“ Das ist der Nenner, auf den sich die Arbeit des sci:moers insgesamt bringen lässt. Auf seiner Internetseite stehen die vier Worte als Leitspruch. Andere würden „Claim“ dazu sagen, aber zum sci:moers würde so ein Wort nicht passen.

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„Grundlage unseres Denkens und Handelns sind die humanistischen Wert- und Zielvorstellungen, wie sie in der internationalen Friedens- und Freiwilligenbewegung gedacht und praktiziert werden.“ So steht es an ganz prominenter Stelle im Leitbild des sci:moers, das man sich unter www.sci-moers. de übrigens auch herunterladen kann. Was aber heißt das konkret: „humanistische Wert- und Zielvorstellungen“? Zuallererst eines: Dass der Mensch das Maß aller Dinge ist, Menschlichkeit demzu-

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folge der oberste Grundsatz des Handelns. Brutale Maßnahmen gegen Einzelne oder Gruppen, Folter, Freiheitsbeschneidungen, das Verächtlichmachen von Menschen oder Diskriminierungen jeder Art sind die Gegenpole zu dem, was Humanität ausmacht. „Wir treten für Offenheit, Toleranz und kulturelle Vielfalt ein und wenden uns nachdrücklich und vehement gegen jede Form von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.“ Hier wird die Position des sci:moers genauer erkennbar: Kulturelle Vielfalt wird nicht als Bedrohung verstanden, sondern als Bereicherung, der man offen und tolerant begegnen sollte. Für eine Organisation, die in aller Welt Menschen zusammenführt, versteht sich das fast von selbst. Aber um kulturelle Vielfalt als kulturellen Fortschritt auch erklärbar zu machen, muss aktiv am

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„Wir sind weder parteilich noch konfessionell gebunden. Einer Zusammenarbeit mit demokratischen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und anderen Interessenverbänden stehen wir jedoch prinzipiell offen gegenüber.“ Dem sci:moers ist – bei aller betonten Ungebundenheit – klar, dass man als Teil von Netzwerken und Partnerschaften mehr erreichen kann als alleine. Deshalb pflegt der sci:moers seine lokalen Kooperationen genauso wie seine Position innerhalb des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, der ihn eng mit vielen bundesweiten und regionalen Initiativen sozialer Arbeit verknüpft.

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„Wir kümmern uns um die Vergessenen von morgen“ Das hat Geschäftsführer Karl-Heinz Theußen 1989 anlässlich des zehnjährigen Jubiläums gesagt – und es ist immer noch wahr: Der sci:moers darf seinen Blick nie nur auf heutige Probleme richten und heutige Pro-

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2002

Der sci:moers verändert seinen Namen und seine Gesellschaftsform: Zusätzlich zum Verein sci:moers gibt es jetzt auch eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung namens: „sci:moers gemeinnützige Gesellschaft für Einrichtungen und Betriebe sozialer Arbeit“. Bei mittlerweile rund 50 Mitarbeitern war das Vereinskonstrukt zunehmend überfordert geworden, Fragen wie die nach wirtschaftlicher Unternehmensführung und Haftungsbeschränkungen spielen inzwischen eine größere Rolle. Der Verein bleibt jedoch erhalten und behält die Hoheit über die Jugendhilfe und die integrative Kindertagesstätte. ● In der Schlosserei des Gewerbehofes wird erstmals ein Metallbaugrundkurs für deutsch-russische Spätaussiedler angeboten, gefördert vom Kreis Wesel und der EU. Die 15 Teilnehmer haben nach dem neunmonatigen Grundkurs mit Schweißerprüfung sehr gute Aussichten am Arbeitsmarkt.

bleme bekämpfen, sondern er muss auch antizipieren, was die Zukunft an Problemen bringen wird. Ein Beispiel hierfür ist der demographische Wandel. „,Know how’ ist gut, ,Do how’ ist besser.” Die beste Idee hat keinen Wert, wenn sie nicht realisiert wird. „Wir machen nicht nur Vorschläge, wir setzen sie auch um“, heißt es dazu im Leitbild des sci:moers. Auf diese Weise sind in Moers und Umgebung schon viele Berge verrückt worden – wo sonst nur der Berg gekreißt und eine Maus geboren hätte.

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Wir handeln gemeinnützig UND wirtschaftlich. Der sci:moers muss wertschöpfend und ertragsorientiert arbeiten. Nur, wenn seine Kapazitäten ausgelastet sind, kann er Arbeitsplätze nachhaltig sichern. Nur, wenn seine Leistungen am Markt akzeptiert werden, findet er Partner. Gleichzeitig muss seiner Arbeit stets ein am Gemeinwohl ausgerichtetes Handeln zu Grunde liegen.

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„Unser Ziel ist, optimale Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter zu schaffen und die Arbeitsqualität zur Zufriedenheit aller zu steigern.“

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Was wäre eine Organisation, die sich auf die Gestaltung sozialer Ideen spezialisiert hat, wenn sie ihre eigenen Mitarbeiter nicht gut behandeln würde? Fairness, Transparenz, Motivation oder Weiterbildung gehören zu den guten Arbeitsbedingungen, die Mitarbeiter beim sci:moers vorfinden. Dafür wird erwartet, dass sie seine Ziele mittragen und kooperativ und kollegial zusammenarbeiten. „Mit dem Einsatz von Qualitätssteuerung und Controlling wollen wir die hohe Qualität unserer Arbeit und ein qualitatives Wachstum sichern.“ Der sci:moers setzt auf einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess bei der eigenen Arbeit. Ein Qualitätsmanagementsystem prüft, ob die gesteckten Ziele auch verwirklichen werden. Offiziell bestätigt wird die Einhaltung der Maßgaben von der CERTQUA, Gesellschaft der Deutschen Wirtschaft zur Förderung und Zertifizierung von Qualitätssicherungssystemen in der Beruflichen Bildung mbH.

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„Zum Teufel mit den Prinzipien, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten.“ Das hat Pierre Ceresole einmal gesagt, der Gründer des Service Civil International. Anlass war eine Meinungsverschiedenheit auf der Jahresversammlung 1937 in Bern, bei der sich Ceresole zunächst gegen eine Intervention im Spanischen Bürgerkrieg ausgesprochen hatte: „Die vorgeschlagene Aktion ist Sozialarbeit und sollte vom Roten Kreuz geleistet werden. Wir sollten bei unseren Prinzipien bleiben.“ Die Versammlung war geteilt. Einer antwortete: „Pierre, geh’ doch bitte selbst nach Spanien, um zu sehen, wie die Lage ist.“ Das tat er. Und kam mit dem Bescheid zurück: „Zum Teufel mit den Prinzipien, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten.“

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2003

Die neue Arbeitsmarktpolitik des Bundes macht dem sci:moers zu schaffen: Massive Kürzungen der Förderprogramme und die Umwandlung der Bundesanstalt für Arbeit sorgen für erhebliche Unruhe und Planungsunsicherheit, zumal Veränderungen wie die zu Hartz IV absehbar sind – und neue soziale Probleme auf den Plan bringen. ● Bei allen Sorgen um die Zukunft seiner Projekte beginnt der sci:moers dennoch neue Projekte. So startet im November ein Sonderprogramm für Langzeitarbeitslose, und die Auszubildenden des sci:jugendsozialzentrums kümmern sich im Rahmen ihrer Ausbildung zu Malern und Lackierern um etwas Besonderes: Sie arbeiten auf den Gräbern russischer Kriegsgefangener auf dem Meerbecker Friedhof die Grabsteine auf, die in den vergangenen sechs Jahrzehnten völlig verwittert waren.


Hintergrund

Was ist der SCI überhaupt? Der Internationale Zivildienst hat Zweige in über 30 Ländern der Welt. Gegründet wurde er vor fast 90 Jahren von dem Schweizer Pierre Ceresole.

I

m nächsten Jahr wird der Service Civil International dreimal so alt sein wie seine Tochter in Moers, nämlich 90 Jahre. Der internationale SCI (www.sciint.org) wurde 1920 in Reaktion auf die Schrecken des ersten Weltkriegs von dem Schweizer Pierre Ceresole gegründet. Der damals 31-Jährige war ein aus gutem

Hause stammender Ingenieur, der sich aus Idealismus gegen eine vorgezeichnete Karriere in der Wissenschaft und für ein Leben zugunsten engagierter Opferhilfe entschied. Weil er die Zahlung einer Militärpflichtersatzsteuer verweigerte, wurde er mehrmals zu kürzeren Gefängnisstrafen verurteilt. 1920 gründete er den SCI (der Name wird übrigens französisch ausgesprochen) und organisierte den ersten internationalen Zivildienst. Erstes Projekt: Wiederaufbauhilfe in dem kriegsverwüsteten Dorf Esnes (bei Verdun). Dieses „Workcamp“ gilt als erster Schritt zu der internationalen Friedensbewegung, die der SCI heute mit Zweigen in über 30 Ländern darstellt. Was unternimmt der SCI heute in all diesen Ländern, um seinem Anspruch „Gemeinsam leben, lernen und arbeiten“ gerecht zu werden? Vor allem koordiniert er Hilfsprojekte dort, wo sie gebraucht werden – wer will, kann Bäume pflanzen in Island, in Sierra Leone beim Bau einer Bürgerhalle mithelfen, ein Wolfsschutzgebiet in den USA

Pierre Ceresole.

einrichten, im Nepal den Nonnen Englisch beibringen oder im Nahen Osten für die Idee der Demokratie werben. Jeder Zweig des SCI hat bestimmte Schwerpunkte entwickelt, in Deutschland liegt er auf der Organisation von Workcamps. Meist arbeitet eine internationale Gruppe von 10 bis 20 Freiwilligen zwei bis vier Wochen lang für ein gemeinnütziges Projekt. Neben der praktischen Arbeit (vier bis sechs Stunden pro Werktag) beschäftigen sich die Freiwilligen im sogenannten Studienteil mit Hintergrundthemen. Die Unterbringung ist häufig einfach – in Schulräumen, Zelten oder Häusern; die Teilnehmer kochen reihum für die Gruppe. Der sci:moers ist sicher deutschlandweit einer der am stärksten ausdifferenzierten Triebe des SCI, bei dem die Workcamps nicht mehr

die wichtigste Rolle spielen. Trotzdem gibt es sie noch: So arbeitete eine Gruppe von Jugendlichen 14 Tage lang am Mahnmal und der Gedenkstätte des Dorfes Sant’Anna di Stazzema, das kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges von der Waffen-SS dem Erdboden gleich gemacht worden war – dabei starben etwa 560 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder. Den zweiten Weltkrieg erlebte auch Pierre Ceresole noch mit: Wegen seiner Proteste und seines zivilen Ungehorsams, heißt es, sei er im Alter von über 60 Jahren noch sechs Mal ins Gefängnis geschickt worden. Nach seinem letzten Gefängnisaufenthalt im Februar 1945 erlitt Ceresole einen Herzanfall. Anderthalb Jahre danach starb der Gründer des Service Civil International in der Nähe von Lausanne.

Auf allen Erdteilen engagieren sich Menschen im Rahmen der SCI-Workcamps – hier in Palästina.

2004

Die integrative sci:kindertageseinrichtung in der Kirschenallee feiert im Oktober ihr zehnjähriges Bestehen mit einem großen Märchenfest. Es ist der Ursprung der Moerser Märchentage, die sich in den kommenden Jahren zu einer festen Einrichtung des Moerser Kulturkalenders entwickeln.

Zukunft unterstützen. Das konkrete Angebot besteht aus 15 EDV-Plätzen mit Selbstlernprogrammen und Internetanschluss, einer umfangreichen Bibliothek zu Berufsbildern und der Betreuung durch zwei Sozialpädagogen. Weitere Räumen stehen für die kreative Betätigung der Schüler zur Verfügung – Zielgruppe sind insbesondere solche ab Klasse 6 von Sonder-, Haupt- und Gesamtschulen.

● Der sci:moers übernimmt Aufträge in Dinslaken und Krefeld: In Dinslaken entkernen 25 Mitarbeiter das ehemalige Ledigenheim im Ortsteil Lohberg, in Krefeld bereiten sich 40 Jugendliche auf eine handwerkliche Ausbildung vor.

● Der sci:moers ist dabei, als im Sommer die ersten 9 von 18 Grundschulen in Moers zu offenen Ganztagsgrundschulen umgewandelt werden. In der Dorsterfeldschule in Kapellen, in der Waldschule Schwafheim und in der Grundschule Hülsdonk übernimmt der sci:moers die Trägerschaft für die Nachmittagsangebote. Hinzu kommt die Nachmittagsbetreuung an einer Förderschule in Krefeld-Uerdingen.

2005

● Der Internetauftritt unter www.sci-moers.de wird ganz neu gestaltet und fortan wöchentlich mit Neuigkeiten gespeist.

Ein neues sci:selbstlernzentrum nimmt in der Barbaraschule in Meerbeck seinen Betrieb auf. Das „Haus des Lernens“ soll junge Menschen bei den Lernherausforderungen der


Rückblick

Schlagzeilen aus der sci:Geschichte

liche teil – die meisten mit Erfolg: Für 16 von ihnen kann nach dem Jahr eine konkrete Perspektive entwickelt werden.

2006

Die Stadt Moers verkauft dem sci:moers die historische Wassermühle an der Kreuzung Venloer/Krefelder Straße. Die fast 400 Jahre alte Mühle soll mittelfristig zu einem museumspädagogischen Projekt für Kindergartengruppen und Grundschulklassen umgebaut werden. Arbeitstitel: „Grafschafter Backstube“. Bevor die Mühle alte Müllertraditionen demonstrieren kann, müssen allerdings umfangreiche Sanierungsarbeiten geleistet werden. ● Im Bahnhof Moers geht die neue Radstation in Betrieb. Das Konzept für dieses Parkhaus für Fahrräder (194 ganztägig zugängliche, videoüberwachte Einstellplätze) hat der sci:moers gemeinsam mit dem ADFC erstellt. ● Am „Werkstattjahr“, einem arbeitsmarktpolitischen Instrument der Landesregierung NRW, nehmen auch 22 vom sci:moers betreute Jugend-

● Am alten Bahnhof Rheinkamp restaurieren sechs bisher arbeitslose Männer um 60 Jahre eine alte Humboldt-Tenderlokomotive von 1910. Nachdem der sci:moers schon vor Jahren einen historischen Zug für einen Eisenbahnverein restauriert hat, bahnt sich hier im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Kompetenzfeld an.

2007

Die neue Fachstelle für GemeinwohlArbeit am Neuen Wall in der Moerser Innenstadt nimmt ihre Arbeit auf. Die Anlaufstelle direkt an der zentralen Bushaltestelle Königlicher Hof rückt die Gemeinwohlarbeits-Angebote des sci:moers näher an die Menschen. ● Der sci:moers unterwirft sich einer Prüfung seines Qualitätsmanagements und lässt Fachbereiche zertifizieren: Die ersten Urkunden für Arbeitsförderung und Jugendarbeit werden von einem Auditor der CERTQUA überreicht.


● Die Arbeitsfelder des sci:moers werden restrukturiert: Neben Arbeitsförderung und -beratung gibt es nun die Säulen Arbeitsprojekte und Zweckbetriebe sowie Jugendhilfe und Jugendsozialarbeit. ● Der sci:moers gehört zu den Gründungsstiftern einer Stiftung Historischer Eisenbahnpark Niederrhein unter dem Dach der Stiftung Deutsche Eisenbahn. Die in den letzten Jahren begonnenen Restaurierungsarbeiten an historischen Fahrzeugen sollen, abzielend auf einen späteren Eisenbahnpark, weitergeführt und ausgebaut werden.

2008

Der sci:integrationsbetrieb geht neue Wege: Als Franchise-Partner der bundesweit tätigen Exuweg AG werden Gebäude auf professionelle Weise von Graffiti befreit. Die Zusammenarbeit bringt sofort einen zuvor arbeitslosen Mitarbeiter mit Behinderung wieder in Arbeit, der fortan im Kreis Wesel unterwegs ist und mit umweltverträglichen, wasserlöslichen Reinigungsmaterialien für Sauberkeit sorgt.

● Unter wissenschaftlicher Begleitung der Universität DuisburgEssen erprobt der sci:moers die Erlebnispädagogik als Weg zu Einstellungs- und Verhaltensänderungen bei jugendlichen Straftätern: Wer regelmäßig an bestimmten Erlebnisangeboten teilnimmt, kann andere Sanktionen vermeiden. Unter anderem müssen die Jugendlichen kleine soziale Aufgaben meistern oder in einem Hochseilgarten lernen, sich auf andere Menschen zu verlassen. ● Jugendliche des sci:moers engagieren sich in dem toskanischen Dorf Sant’Anna di Stazzema, das 1944 von deutschen SS-Einheiten zerstört und dessen Einwohner fast alle ermordet wurden: Im Rahmen eines Friedenscamps legen sie Wege an, pflegen Grünanlagen und gestalten Hinweistafeln.


Als wir 1981 im SCI-Werkhaus in Moers mit der Arbeit mit arbeitslosen Jugendlichen begonnen haben, waren eine Million Arbeitslose ein gesellschaftlicher Skandal. Heute hat sich diese Gesellschaft an 4 Millionen und mehr Arbeitslose mit allen Folgen gewöhnt. Der SCI wird wie viele andere Organisationen und Menschen mehr denn je gebraucht, um Hilfen für die Betroffenen anzubieten. Bleibt dran, Mädels und Jungs!

Der SCI – ein Leistungsträger, auf den man zählen kann. Gerne erinnere ich mich an unsere gemeinsamen Wege. Kompetenz, Ideenvielfalt, Zukunftsvisionen, Mut zu Ungewöhnlichem, Risikobereitschaft mit Augenmaß haben ihn immer wieder sich selbst erfinden lassen. Glückwunsch und weiter so – auf die nächsten 30 Jahre! Werner Hick, Leiter des Arbeitsamtes Moers im Ruhestand

Brigitte Pawlik, erste hauptamtliche Mitarbeiterin des sci:moers, heute Prokuristin der Landesentwicklungsgesellschaft Arbeitsmarkt und Strukturentwicklung HmbH in Essen

Die 30-jährige Erfolgsgeschichte des sci:moers und seine guten Zukunftsperspektiven wurden möglich durch die Kreativität und Unermüdlichkeit Karl-Heinz Theußens und das Engagement seiner vielen Mitarbeiter. Weiter so!

Herzlichen Glückwunsch – ich wünsche mir den sci:moers auch weiterhin als kreativen und verlässlichen Ansprechpartner für die Entwicklung neuer Wege in der Arbeitsmarktpolitik in NRW. Barbara Hordt, Abteilungsleiterin Wege in Arbeit bei der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung in Bottrop

Marita Grundler, langjährige ehemalige Mitarbeiterin des sci:moers

Nur weiter so, mit viel Energie und Kreativität fürs Soziale! Hans Peter Schaefer, Fachberater im Landesjugendamt des Landschaftsverbands Rheinland

Ich wünsche dem SCI für die nächsten 30 Jahre Beharrlichkeit in der Sache, Verlässlichkeit für alle Partner und immer einen toleranten Blick für seine Aufgaben. Gottes Segen und ein herzliches Glückauf!

30 Jahre gute Ideen und Realisierungen: Ich wünsche dem SCI, dass ihm nie die guten Ideen ausgehen! Hartmut Hohmann, Regionalgeschäftsführer der Kreisgruppe Wesel des Paritätischen

Sieghard Schilling, Geschäftsführer des Diakoniewerks Duisburg

Herzlichen Glückwunsch, dass es Euch gibt, alle Bausteine im Jungbornpark wären ohne Euch nicht möglich gewesen! Elmar Welling, Hotelier und Mitstreiter von „Repelen aktiv“

Der SCI ist eine stets lebendige Organisation, seine Energie kommt aus dem Engagement der Menschen, die dort wirken. Ich wünsche ihm weiterhin den Mut, das Glück und die Beharrlichkeit zur Verbesserung der Lebensbedingungen derer, für und mit denen sie arbeiten Jörg Marx, Amt für Sozialplanung der Stadt Mülheim an der Ruhr

2009

Das neue sci:Nachbarschaftshaus in der Annastraße 29a nimmt seinen Betrieb auf. Es soll die überaus verschiedenen Bewohner der Stadtteile Mattheck und Josefsviertel besser vernetzen und gesellschaftliche Gruppen näher zusammenführen. ● Die Idee eines historischen Eisenbahnerlebnisparks Niederrhein mit dem sci:moers als Schrittmacher nimmt konkrete Formen an: Eine Studie zeigt, dass das Projekt wirtschaftlich erfolgversprechend ist. Die anliegenden Kommunen zeigen ihre Zustimmung, indem sie ihre politische Unterstützung schriftlich zusagen. ● Der sci:moers feiert seinen 30. Geburtstag mit einem großen Fest.

Dem sci:moers gratuliere ich herzlich zum 30-jährigen Bestehen. Mit ihrem weitreichenden Engagement hat die Gesellschaft einiges zum guten sozialen Klima in unserer Stadt beigetragen. Darüber bin ich als Bürgermeister sehr froh. Ich wünsche mir auch für nächsten Jahrzehnte den wichtigen und wertvollen Einsatz des sci:moers – im Sinne unserer Bürgerinnen und Bürger. Norbert Ballhaus, Bürgermeister der Stadt Moers

Impressum Herausgeber: sci:moers gGmbH Gesellschaft für Einrichtungen und Betriebe sozialer Arbeit Kirschenallee 35, 47443 Moers Telefon 02841/9578-0 Telefax 02841/957878 E-Mail: info@sci-moers.de V.i.S.d.P.: Karl-Heinz Theußen (Geschäftsführer) Redaktion: Die Blattwerkstatt Fotografie: Michaela Böhning Gestaltung und Produktion: Agentur Berns, Steinstr. 3, 47441 Moers www.agenturberns.de

Wer ist der Service Civil International? Der Service Civil International wurde 1920 von dem Schweizer Pierre Ceresole gegründet. Ceresole lehnte jeglichen militärischen Dienst ab. Stattdessen wollte er durch freiwillige Arbeit an gemeinnützigen Projekten den Frieden unterstützen. In Esnes, in der Nähe von Verdun in Frankreich, fand der erste Einsatz von Freiwilligen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz statt. Sie halfen mit, die im Krieg zerstörte Stadt wieder aufzubauen. Heute ist der SCI in 25 Ländern weltweit als Friedensbewegung organisiert. Seine Aufgaben sind vielfältig, sie reichen von der Förderung von Verständnis und Solidarität zwischen Menschen bis zu gemeinnützigen Projekten und Arbeiten im Naturund Umweltschutz. Oberstes Gebot ist die Integration von sozial benachteiligten Gruppen.

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