PHILOSOPHISCHE GLOSSEN
Uwe Justus Wenzel
Uwe Justus Wenzel war im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung verantwortlich für Geisteswissenschaften und Zeitdiagnostik. Im Schwabe Verlag erschien von ihm Von Adorno bis Wittgenstein : Philosophische Profile. Derzeit arbeitet er in einem philosophischen Forschungsprojekt an der ETH Zürich.
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Uwe Justus Wenzel
PHILOSOPHISCHE GLOSSEN
ZEIT IN GEDANKEN ERFASST
Die hier versammelten Glossen erkunden mit philosophischem Spürsinn den Zeitgeist und gehen der Frage nach, was die Aufgabe philosophischen Denkens in der Gegenwart sein kann. Einen Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, dass das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Weltdeutung in Zeiten beschleunigten gesellschaftlichen Wandels in steigender Taktzahl Zeitdiagnosen hervorbringt; immer neue So-und-so-Generationen und So-und-soGesellschaften werden in immer kürzer werdenden Abständen ausgerufen. Die thematischen Brennpunkte der Texte sind vielfältig: das Spektrum reicht von der Psychopathologie des Alltagslebens bis zur Transparenz-Idee, vom Hass bis zur Liebe.
ZEIT – IN GEDANKEN ERFASST
ZEIT – IN GEDANKEN ERFASST
Uwe Justus Wenzel
Zeit – in Gedanken erfasst Philosophische Glossen
Schwabe Verlag
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Inhalt
Einleitung
Kleinblättrige Philosophie auf den Spuren des Zeitgeistes . . . . . . . . . . . .
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Im Meer der Bilder
Strömende Gedanken, fliessende Sprache und der Mahlstrom der Zeitdiagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Rasender Stillstand
In welcher Gesellschaft leben wir? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Vielleicht, vielleicht aber auch nicht
Über die «Generation Maybe» und andere Etiketten des Zeitgeistes . . . .
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Von vergangenen und gegenwärtigen Charakteren
Ein Kapitel aus der Psychopathologie des Alltagslebens . . . . . . . . . . . . . .
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Wahre Liberalität
Eine kleine Charakterkunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Unflexible Wiedergänger
Fanatiker sind unter uns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Zorn verraucht – aber Hass?
Warnung vor einem Seelengift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Inhalt
Etwas für starke Gemüter
Über die Tugend der Toleranz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Besitzt der Mensch die Tugend – oder besitzt sie ihn?
Eine Frage, ein Konzil, eine Himmelfahrt und keine Rückkehr . . . . . . . .
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Freundschaft – der Ort der Ortlosigkeit
Mutmassungen über eine unwahrscheinliche Gesellungsform . . . . . . . . .
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Die mehr oder weniger denkende Hülle
Ist das Internet das Medium des Einswerdens? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der Geist stiehlt
Ein Vorschlag zum besseren Verständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Ichling im Abschwung
Ist die Menschheit unterwegs zu einem neuen «Wir»? . . . . . . . . . . . . . . .
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Durchschaubare Gesellschaft
Über die Idee der Transparenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Selbstbestimmung und Selbsttäuschung
Über einige Abgründe des Projekts «Volksherrschaft» . . . . . . . . . . . . . . .
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Ausgebrannt
Eine grassierende volkspsychologische Diagnose . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Heute dies, morgen jenes tun
Über Arbeit und Müssiggang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Inhalt
Bloss nicht kreativ sein!
Wie entkommt man einem Systemimperativ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Merci auch!
Ein Dankeschön, das es in sich hat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der Abfall des Abfalls des Abfalls
Über Müll in Reinform und in Anführungszeichen . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Nachhaltigkeit als Lebensstil
Über Wellness und Weltrettung, Markt und Moral sowie alte und neue «Ökos» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Arbeitet die grüne Erdmutter schwarz?
Ein Rätsel des «Earth Overshoot Day» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Der Schimmer des Marmors
Ein Raumschiff, eine Göttin, eine Zauberin und das Erdzeitalter namens «Anthropozän». . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Löcher
Eine horizontale Abschweifung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Der Grosse Attraktor und die Schwarzen Löcher
Fabulöse Wesen aus dem Reich der Wissenschaften entlaufen in die Welt der Populärkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Menschheitsgeschichte, Wissenschaftsgeschichte
Ist die Naturwissenschaft das «Organ der Kultur»? . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
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Inhalt
Religion als Wissenschaft – Wissenschaft als Weltanschauung?
Über Versuche, Darwin mit Hilfe eines «intelligenten Designers» rückgängig zu machen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Die Dauerexistenz
Bio-Engineering und die neuen Aussichten auf irdische Unsterblichkeit 123 Was es heisst, sich am Licht zu orientieren
Arbeit an der Metapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Im Echoraum sonorer Subjektivität
Eine philosophische Grille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Schlaflos
Eine Spekulation über hypnotische Weltweisheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 Im Schlaflabor
Ein Versuch mit mehr oder weniger philosophischen Mitteln . . . . . . . . . 143 Überall und nirgends
Wo wird gedacht? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 Die Liebe zur Weisheit und andere Zustände
Hat die Philosophie ein Geheimnis? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 Advokatin, Baumeisterin, Abrissunternehmerin
Hat die Philosophie Auftraggeber? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Im Warteraum
Zweierlei metaphysische Erfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
Inhalt
Bauklötze
Verschiedenerlei Staunen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 Nichts ist ohne Grund – ausser der Liebe
Eine unzeitgemässe Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
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Einleitung
Kleinblättrige Philosophie auf den Spuren des Zeitgeistes Hegels Wendung, Philosophie sei «ihre Zeit in Gedanken erfasst», ist ihrem Entstehungskontext entflogen und zum geflügelten Wort geworden. 1820 in der Vorrede zur Rechtsphilosophie geprägt, hat sie als Vagabundin im Diskursuniversum ein doppeltes Schicksal ereilt. Der Gedanke der in Gedanken erfassten Gegenwart wurde einerseits ausgedünnt und andererseits angereichert. Genauer: Während der ursprüngliche Bedeutungsgehalt der Wendung sich weitgehend verflüchtigt zu haben scheint, hat ihr Anwendungsradius sich erweitert. Hegel erläuterte, was er meinte, unter anderem so: Philosophie sei das «Ergründen des Vernünftigen» und «eben damit das Erfassen des Gegenwärtigen und Wirklichen». Mancher Kritiker wollte in dieser und ähnlichen Formulierungen das Geständnis eines vermeintlichen «preussischen Staatsphilosophen» erkennen, der die bestehenden Verhältnisse blindlings bejaht und als vernünftig verklärt. Wäre das der Fall, dann brächte diese Philosophie ihre Zeit nicht auf den Begriff, sondern bestenfalls – und lediglich – zum Ausdruck. Doch wer das Vernünftige in Hegels Sinne ergründet und «eben damit» das Gegenwärtige begreift, setzt zwar voraus, dass es Vernünftiges gebe, nimmt aber nicht zugleich an, die Gegenwart sei als solche, in allen ihren Facetten oder im Ganzen, das Vernünftige. Wirklich – und bestandskräftig – ist für Hegel nur, was existiert und vernünftig ist. Philosophie erfasst ihre Zeit also in Gedanken, wenn sie sich zu beurteilen zutraut und tatsächlich auch beurteilt, ob und inwieweit etwas, was zu dieser Zeit gehört, vernünftig ist. Obgleich sich Hegels zeitdiagnostisches Philosophieverständnis in der angedeuteten Perspektive verteidigen lässt, folgen die im Nachstehenden versammelten Texte erkennbar keinem «hegelischen» Programm im engeren Sinne. An die zeitdiagnostische Arbeit kann auch gehen, wer nicht vorab
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Einleitung
über ein Set von Urteilskriterien oder gar eine Theorie des gegenwärtigen Zeitalters verfügt (geschweige denn über ein elaboriertes philosophisches «System»). Unabdingbar ist für den Anfang jedoch die Intention, an der Differenz zwischen Zum-Ausdruck-Bringen und Auf-den-Begriff-Bringen, Symptom und Diagnose, festzuhalten. Zeitgenossenschaft ist zwar Voraussetzung für eine Zeitdiagnose, aber erfordert ist nicht minder ein gewisser – kritischer – Abstand von den Zeitläuften. Wer bloss mit der Zeit geht, dem gehen bald einmal die Reserven aus, um sie auch noch zu begreifen. Die Anleihe, die der Titel des Bandes bei Hegel macht, wird dem grosszügigen Leihgeber – anders gesagt – in den Essays, Marginalien, Glossen und Kommentaren allenfalls in einer «nicht-hegelschen» Währung verzinst. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es sich um Zweitdrucksachen handelt, die zuerst im Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung» erschienen sind, ergo um Kleinblättriges, um feuilletonistische Stücke, die naturgemäss da und dort auch «feuilletonistisch» gefärbt sind. (Das Datum der Erstveröffentlichung – für die Orientierung in der Zeit nicht ganz belanglos – ist jeweils am Ende des Artikels angegeben; die Textgestalt, bis auf einige wenige Retuschen, unverändert. Wo es für die Zwecke dieser Buchausgabe ratsam erschien, sind die Überschriften modifiziert worden.) Die Besonderheit des Feuilletons als Ressort wie auch der Textsorte, die das Wort bezeichnet, liegt in dem, was noch immer «Geschmacksbildung» genannt zu werden verdiente – Geschmacksbildung in einem weiten Sinne, der sich nicht nur auf Theater, Musik, Literatur und Kunst erstreckt. Das Feuilleton dient, vollmundig gesagt, der Kultivierung des Urteilsvermögens oder der Urteilskraft – der reflektierenden Urteilskraft im Sinne Kants, die Besonderes nicht unter ein vorgegebenes Allgemeines (ein Prinzip, ein Gesetz) subsumiert, sondern nach Gesichtspunkten und Massstäben der Beurteilung erst und stets aufs Neue sucht. Solche Schärfung der Urteilskraft geht streckenweise – nur scheinbar paradox – auch mit skeptischer Urteilsenthaltung einher. Urteilen heisst nicht notwendig: verurteilen; und beurteilen nicht: deduzieren – und ebenso wenig: vorab feststehende Positionen oder Meinungen vertreten. Derlei überlässt das Feuilleton – jedenfalls, wenn es seine Denkfreiheit nicht einem ideologischen Programm opfert – anderen, den «meinungsfreudigen» oder «meinungsstarken» Ressorts. Meinungen sind wohlfeil, es herrscht an ihnen sichtlich kein Mangel; sie um weitere zu vermehren, besteht kein Anlass. Dringlicher ist, sie unter die Lupe zu neh-
Kleinblättrige Philosophie auf den Spuren des Zeitgeistes
men. Diese Einsicht darf immerhin als gemeinsamer Ausgangspunkt feuilletonistischen Schreibens und philosophischen Denkens gelten. Selbstverständlich erscheinende Meinungen («doxai») in Frage zu stellen, Vorurteile und Vorannahmen aufzuklären, Begriffe zu klären, Redegewohnheiten zu durchleuchten – das alles gehört zum Kerngeschäft der Philosophie seit ihren Anfängen. Auf diese Weise ergründet sie «das Vernünftige», von dem Hegel sprach: indem sie prüft, was vernünftig, was «wirklich» zu sein beansprucht, indem sie herauszufinden versucht, ob ein Anspruch auf Vernunft blosse Prätention, ob sich aufdrängende Realitäten scheinhaft sind. Philosophie ist, nicht erst seit Kant oder Marx, sondern spätestens seit Sokrates, zuallererst: Kritik. Und ebendies, Kritik, ist auch die erste Aufgabe eines Feuilletons, das sich – altmodisch – als Medium einer räsonierenden Öffentlichkeit versteht. Die Urteilskraft zu betätigen, bedeutet erst einmal, zu differenzieren, zu facettieren, zu unterscheiden – und dergestalt im Wortsinne: zu kritisieren. Das Feuilleton kann somit «Organ» einer Kritik sein, die sich gegen das schematische Denken in vermeintlich erschöpfenden Alternativen – schwarz oder weiss, nein oder ja – wendet; nicht nur in der Sphäre des Ästhetischen, sondern auch in derjenigen des Ethischen, Moralischen, Politischen und Sozialen. Die feuilletonistische Devise lautet darum: «Tertium datur», es gibt ein Drittes – mindestens; besser noch: eine dritte, vierte, fünfte Perspektive, in der ein soziales Phänomen, ein moralisches Problem, eine kursierende Ansicht, ein Theaterstück, ein Buch wahrgenommen werden können. Beim «Erfassen des Gegenwärtigen und «Ergründen des Vernünftigen» kommt im Feuilletonformat darum nicht nur schlichtweg Un- oder Widervernünftiges einerseits und rein Vernünftiges andererseits zum Vorschein, es tritt ebenso und mehr noch Halb- und Viertelvernünftiges zutage. Kultiviert wird der Möglichkeitssinn, auch und besonders sprachlich, sprachkritisch – und dies auch und mitunter gerade dann, wenn es ironisch oder «verspielt» zugeht. Apropos Sprachspielerei – jokologische Elemente finden sich in manchen der folgenden Texte, deren Autor in einem Vierteljahrhundert als mehr oder weniger philosophierender Feuilletonist stets des Diktums von Adorno eingedenk war, das die Einleitung zur «Negativen Dialektik» schmückt: «Philosophie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht.» Das heisst allerdings nicht, dass er Nietzsche recht gegeben haben würde, der von «unseren Feuilletonisten» behauptete, ihnen entsprächen die «Narren der
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Einleitung
mittelalterlichen Höfe». Es sei, behauptet Nietzsche (in «Menschliches, Allzumenschliches», § 194), «die selbe Gattung Menschen, halbvernünftig, witzig, übertrieben, albern, mitunter nur dazu da, das Pathos der Stimmung durch Einfälle, durch Geschwätz zu mildern und den allzu schweren, feierlichen Glockenklang grosser Ereignisse durch Geschrei zu übertäuben […]». – Hatte Nietzsche, als er das schrieb, vergessen, dass der Volksmund nicht nur Kindern, sondern ebenso Narren zutraut, die Wahrheit zu sagen? Freilich tut Narrenmund Wahrheit selten kund wie ein Kindermund: unvermittelt und unverblümt, geradeheraus. Es kann um einige Ecken gehen, auch im Feuilleton; zum feuilletonistischen Stil gehört die Digression, das schweifende Denken und Schreiben – das freilich kein Abschweifen vom Thema sein muss. Auch wer solchermassen über Bande spielt, will treffen. Nietzsche, der sich in seinem Schreiben neben anderen Masken bekanntlich auch die Narrenkappe aufsetzte, sollte das gewusst haben. Der Spott, den er über die Feuilletonisten ausgoss, ist ihm jedenfalls mit einer Art ausgleichender Ironie der Geschichte vergolten worden. Nicht nur haben sich von seinem aphoristischen Stil, der mit dem Duktus einer schulmässigen philosophischen Abhandlung wenig gemein hat, Feuilletonisten immer wieder gerne inspirieren lassen. Dieser Stil ist zudem seinerseits als typisch feuilletonistisch wahrgenommen worden; Thomas Mann brandmarkte die Schreibart des späteren Nietzsche gar als «Über-Feuilletonismus» – was auch immer der Grossschriftsteller sich darunter des Näheren vorgestellt haben mag. Ins Blickfeld gerät Nietzsche nicht nur, wenn es um Stilistisches geht. «Kritik des Zeitgeistes» lautet eine Kapitelüberschrift, die in einem der Entwürfe für ein wenig später aufgegebenes Buchprojekt aus dem Frühjahr 1888 figuriert. Und zum Alltagsgeschäft eines Feuilletons zählt, wie im Vorstehenden angedeutet, ebendies: Kritik des Zeitgeistes. Es steht allerdings zu vermuten, dass Nietzsche etwas Homogenes, etwas vergleichsweise Kompaktes und Eindeutiges vorschwebte, wenn er vom «Zeitgeist» sprach. Das verbände ihn mit Hegel, der den im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts aufgekommenen Ausdruck recht eigentlich konzeptualisierte. In seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie glaubte er (in der Einleitung) sagen zu können, der «Geist der Zeit» durchdringe wie «ein bestimmtes Wesen», wie ein Charakter «alle Seiten»: Politik, Staatsverfassung, Kunst, Religion und Philosophie. Doch erweist sich der Zeitgeist, zumal heutzutage, als komplexe Entität. Er kennt Unter- und Gegenströmungen, nicht nur den einen Hauptstrom.
Kleinblättrige Philosophie auf den Spuren des Zeitgeistes
Etwas aussichtsreicher, als den einen, schlechthin alles durchdringenden Geist einer Zeit dingfest machen zu wollen, dürften Versuche sein, in einem Gegeneinander von diesen und jenen Strömungen das Hauptcharakteristikum einer Zeit zu bestimmen. Nicht minder reizvoll wäre es, konkurrierende (soziologische, psychologische, aber auch philosophische) Zeitgeistanalysen durchzumustern und das Sortiment der Angebote gleichsam differenzialdiagnostisch aufzufächern. Ein Hintergrund derjenigen nachstehenden «kleinblättrigen» Texte, die Zeitgeistspuren zu lesen versuchen, ist die steigende Taktzahl, mit der Zeitdiagnosen hervorgebracht werden. Darin mag sich ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Weltdeutung in Zeiten beschleunigten gesellschaftlichen Wandels und zunehmender Unübersichtlichkeit manifestieren. Wer – als beobachtender Teilnehmer – sich für die geistige Situation seiner Zeit interessiert und sprechende Zeitzeugnisse sucht, wird naturgemäss auf Wörter und Schlagwörter, Begriffe und Ideen aufmerksam – und damit auch auf Sprachbilder; Sprachkritik ist stets auch Sprachbildkritik. Zudem wird, wer bei solcher Suche auf die Höhe der Zeit kommen will, auch die Niederungen nicht scheuen dürfen. Der Zeitgeist – das sind, wie das Angedeutete nahelegen mag, nicht selten Zeitgeister, auch solche mit gespensterhaften Zügen. Die hier präsentierte Auswahl aus den zahlreichen Gelegenheitsarbeiten, als die sich Zeitgeistkommentare wie von selbst im Handgemenge der alltäglichen Zeitungsarbeit ergeben haben, ist entsprechend akzentuiert. Angeordnet sind die Texte nach Möglichkeit so, dass der jeweils folgende ein Thema oder Subthema des vorangehenden «aufgreift». Ein locker sich fortspinnender roter Faden verbindet nicht alle Stücke auf diese Weise miteinander. Doch auch die abschliessenden Gedankengänge, in denen die Philosophie selbst zum Thema wird, gehören in den Reflexionsraum, den der von Hegel entliehene Titel eröffnet; noch dann, wenn sie eher «Überzeitliches» erörtern als «Zeitliches». Sie mögen etwas zur Beantwortung der Frage beisteuern, was Philosophie soll und will – und so fortsetzen, was mit dem 2018 (gleichfalls bei Schwabe) erschienenen Band «Von Adorno bis Wittgenstein. Philosophische Profile» begonnen worden ist. – Die Arbeit an dem sich abzeichnenden Themenkomplex ist damit selbstredend nicht zu einem Ende gebracht. Dass ich sie, weniger «feuilletonistisch», fortsetzen kann, ist dem Forschungsprojekt «Science and philosophy between academia and the
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Einleitung
public sphere» zu danken, das – ermöglicht von der Nomis Foundation – an der Professur für Philosophie und an der Professur für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich angesiedelt ist. U.J.W., Basel/Ernen, im September 2019.
Im Meer der Bilder
Strömende Gedanken, fliessende Sprache und der Mahlstrom der Zeitdiagnose Es strömt, es strömt allerorten – nicht nur, wo Wasser oder Luft sich bewegen oder Elektrizität im Spiel ist. Die Sprache macht es möglich, sie lässt auch Gedanken strömen und sich selbst fliessen. In ihr strömt und fliesst es sozusagen auf dem Trockenen eines Sprachbildes. Neben dem Gedankenstrom und dem Sprachfluss kennt die Sprache mancherlei Fliessgewässer der «anderen» Art: Bewusstseinsstrom, Lebensstrom und Lebensfluss, Zeitstrom und Zeitfluss zum Beispiel. Auch Meinungen und sogar Geistesregungen strömen, wenn sie zu einer Meinungsströmung oder einer Geistesströmung anwachsen – oder soll man sagen: anschwellen? Fliesst also alles, wie ein alter philosophischer Spruch nahelegt, der auf Heraklit von Ephesos zurückgeführt wird? Gibt es nichts Bleibendes ausser dem Wechsel? Und wäre das beängstigend? Ist auch für die Ströme des Lebens und Erlebens und den Fluss der Gedanken einschlägig, was ebenjener Heraklit, der freilich im Ruf des «Dunklen» stand, in die Weisheit goss, niemand könne zweimal in denselben Fluss steigen? Hans Blumenberg hat in einem Gedankensplitter das Bild des heraklitischen Flusses an einer leer gelassenen Stelle ausgemalt und eine beruhigende Einsicht gewonnen: Zwar könne man nicht zweimal in denselben Fluss steigen, aber doch an dasselbe Ufer zurückkehren – und zwar sogar dann, «wenn man sich im Fluss, um mit ihm als demselben wenigstens für eine Zeit eins zu bleiben, hat treiben lassen». Es finden sich indes weitere Anhaltspunkte für eine noch zu schreibende philosophische Strömungslehre, wenn wir in Blumenbergs erweitertem Bild, aber im Wasser bleiben und uns weitertreiben lassen – bis der Fluss ins Meer mündet, praktischerweise ins Meer der Meinungen und Gedanken.
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Im Meer der Bilder
Dort nämlich begegnet man am ehesten jenen – zahlreichen – Strömungen des Geistes, Hauptströmungen wie auch Gegen- und Unterströmungen, die mit jenen wechselwirken. Das Geistesleben weist, wenn nicht alles täuscht, tatsächlich eine gewisse Verwandtschaft mit den Strömungsverhältnissen des Weltmeeres auf: So bewegt und kompliziert das Ineinander der Strömungen auch ist, so formbeständig scheinen manche Hauptakteure über längere Zeiträume hinweg zu sein. Beinahe wie auf dem sogenannten Globalen Förderband, das vier der fünf Ozeane unserer Erde in einem Kreislauf von Hauptströmungen miteinander verbindet und für Wärmeaustausch sorgt, zirkulieren im Meer der Meinungen und Gedanken, als ob ihnen der doch eigentlich alles mit sich fortreissende Zeitstrom nichts anhaben könnte, die gleichen Geistesströmungen – in allerdings wechselnden Strömungsverhältnissen. Im grossen politischen Ozean etwa Liberalismus, Republikanismus, Konservatismus, Sozialismus und noch weitere; im Meer der Weltweisheit sind es Idealismus, Materialismus, Realismus, Dualismus, Monismus, Pluralismus, Empirismus, Rationalismus, Kritizismus, Skeptizismus und dergleichen Ismen mehr, die allesamt durch ihre Fähigkeit, sich mithilfe des Präfixes «Neo-» zu verjüngen, gewissermassen ihre Stromstärke beweisen. Und der Mainstream, der im Unterschied zum Hauptstrom grammatisch nur in der Einzahl in Erscheinung tritt? Er passt nicht ganz ins Bild. Ist er der stärkste und hauptsächlichste Strom aller Ströme? Eher der Hauptstrom in einer Hauptströmung. Der Singular täuschte dann also. Es gibt unzählige «Mainstreams», jede politische oder weltanschauliche Hauptströmung hat ihren eigenen, jeder Ozean, von dem der Meinungen bis zu dem der Geschmäcker, den seinigen. In der Sphäre des Politischen mag das jeweilige juste milieu oder auch ein Parteiestablishment den Mainstream in diesem Sinne verkörpern; in der Sphäre des Kulturschaffens wäre es so etwas wie der Massengeschmack. Wenn ein Mainstream tatsächlich ein Strömungsphänomen sein sollte, so vermutlich eines an der Oberfläche des hier in Augenschein genommenen metaphorischen Weltmeeres. Vielleicht handelt es sich um eine von Winden verursachte Driftströmung, wie sie in der Sprache der Meeresforschung heisst. Mit einem Mainstream hätten Luftzüge und Winde dann ebenso viel zu tun wie Wasserströmungen. Und das hätte die Evidenz für sich, die ein Begriff mit sich bringt, der sich stets in der Assoziationsreichweite von
Strömende Gedanken, fliessende Sprache und der Mahlstrom der Zeitdiagnose
«Mainstream» aufhält – der Begriff des Zeitgeistes. In ihm ist der kulturkritische bis abschätzige Oberton deutlicher zu hören, der bereits in demjenigen des Mainstreams anklingt. Der Geist strömt, aber er weht auch – und bisweilen, wo er will. So weit über den Wassern wie der Geist Gottes in der biblischen Schöpfungsgeschichte schwebt der Zeitgeist jedoch nicht. Das wird sinnfällig an einem Zeitgenossen, der mit dem Zeitgeist auf sozusagen vertrautestem Fusse steht: der Zeitgeistsurfer. Er hat keinen allzu guten Ruf, obgleich die Figur, die er als Wellenreiter macht, keine schlechte sein muss. Er schwimmt zwar nicht gegen den Strom. (Gegen den Strom schwimmt ein Schwimmer, beiläufig bemerkt, desto leichter, je stromlinienförmiger er ist. «Der Revolutionär schwimmt im Volk wie ein Fisch im Wasser», liess Mao seine Getreuen wissen.) Aber der Zeitgeistsurfer schwimmt erkennbar auch nicht einfach mit dem Strom. Er bewegt sich, auf ihr «reitend», mit der Welle – und zugleich doch auch (mithilfe des Surfbretts) quer zu ihr. Beinahe vollführt der Zeitgeistsurfer die Bewegung, die nach Georg Wilhelm Friedrich Hegels Überzeugung die Situation der Philosophie beschreibt, die Zeitdiagnose sein will: «Ganz identisch» mit ihrer jeweiligen Zeit und deren Geiste zu sein – und zugleich «über ihrer Zeit» zu stehen. Noch akrobatischer und gefahrvoller erscheint die Zeitdiagnose in bewegten Gewässern, wie Marshall McLuhan sie illustriert hat. Der Prophet und Analytiker des Medienzeitalters hat in seinem ersten Buch, «The Mechanical Bride» (1951), den Seemann aus Edgar Allan Poes Geschichte «Hinab in den Maelström» zu seinem eigenen Protagonisten, zum Vorbild des Zeitdiagnostikers, gemacht. Poes Held überlebt den Sturz in den Wirbel erzeugenden Gezeitenstrom dank seiner Beobachtungsgabe; er studiert die Dynamik des Strudels, während er sich in ihm befindet. In ähnlicher Weise gelte es, so McLuhan, weniger «gegen die beachtlichen Strömungs- und Druckkräfte anzukämpfen», die durch «Presse, Radio, Kino und Werbung um uns herum» erzeugt würden, als sie vielmehr genau zu analysieren. Was McLuhan nicht kommentiert: Die Lage des Seemanns ist äusserst unkomfortabel. Auf einem Fass festgebunden, rotiert er im Wirbel – und nach glücklich überstandenem eintägigem Abenteuer ist sein Haar ergraut. Aber vielleicht wäre das gar kein so hoher Preis für einen Zeitgeistforscher. (17. 09. 2016)
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