LISA SANCHO DANIEL JAQUET
Die Burgunderkriege
Erinnerungskultur und Gedenkfeiern in der Schweiz (1476 –2026 )


































Lisa Sancho, Daniel Jaquet, Estelle Doudet
Die Burgunderkriege
Erinnerungskultur und Gedenkfeiern in der Schweiz (1476–2026) SchwabeVerlag
Dieses Werk erscheint im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojekt Nr. 100012.192400 «Commémorer les Guerres de Bourgogne. Construction historique et enjeux actuels des mémoires autour des batailles de Grandson et Morat en Suisse occidentale (1476–2026)» [Erinnerung an die Burgunderkriege. Geschichtsbilder und gegenwärtige Herausforderungen im Gedenken in der Westschweiz an die Schlachten von Grandson und Murten, 1476–2026], Universität Lausanne. Die Veröffentlichung des Werks wurde dank der großzügigen Unterstützung der Société Académique Vaudoise und des Fonds des Publications de l’Université de Lausanne ermöglicht.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel «Les Guerres de Bourgogne. Mémoires et commémorations en Suisse (1476-2026)» als Band 188 in der Reihe «Savoir suisse» © 2026 Savoir suisse / Presses polytechniques et universitaires romandes, Lausanne. © 2026 Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Das Werk einschliesslich seiner Teile darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in keiner Form reproduziert oder elektronisch verarbeitet, vervielfältigt, zugänglich gemacht oder verbreitet werden. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ist ohne Zustimmung des Verlags untersagt.
Abbildung Umschlag: Karl der Kühne flieht aus der Schlacht. Ausschnitt aus demPanorama der Schlacht von Murten von Louis Braun. Öl auf Leinwand, 10× 100 m, 1894 (Stiftung fürdas Panorama der Schlacht von Murten. Bild digitalisiert von der EPFL, 2024)
Korrektorat: Ricarda Berthold, Freiburg i. Br.
Cover: icona basel gmbh, Basel
Layout: icona basel gmbh, Basel
Satz: 3w+p, Rimpar
Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza
Printed in Germany
Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch
Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de
ISBN Printausgabe 978-3-7965-5515-2
ISBN eBook (PDF) 978-3-7965-5516-9
DOI 10.24894/978-3-7965-5516-9
Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.
rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Danksagung
Einleitung
7
Warum und wie soll man sich an Kriegeerinnern?. .. .. 9
Kapitel 1
Die Entstehung eines Narrativs im 15. Jahrhundert. ... .21
Kapitel 2
Helden und Schurken?.
Kapitel 3
.39
Die patrimoniale Umdeutung der Schlachtfelder .. .. .. .59
Kapitel 4
Die Epoche der modernen Erinnerungskultur (1876–1926–1976).
Kapitel 5
2026:Das vierte Jubiläum im Wandel ..
Schlussfolgerung
Die Zukunft der Vergangenheit. ..
.121
Kommentierte Chronologieder Burgunderkriege (1474–1477).
Ausgewählte Bibliografie.
Diese Gemeinschaftsarbeit, die parallel in französischer Version bei den Presses Universitaires Polytechniques Romandes unter dem Titel Les Guerres de Bourgogne. Mémoires et commémorations en Suisse(1476 –2026 ) erschienen ist, profitierte von den Anmerkungen der Professorinnen Regula Schmid (Universität Bern, Schweiz), Audrey Tuaillon Demésy (Universität Marie &Louis Pasteur Besançon, Frankreich). Élodie Lecuppre-Desjardin(Universität Lille, Frankreich)und Jean Devaux (Universität du Littoral, Boulogne-Dunkerque, Frankreich)hat von diesem Buch eine wissenschaftliche Bewertung erstellt. Ihnen, sowie Susanne Finkel (Universität Lausanne), die das Lektorat sowie dieÜbersetzung der französischen Zitate für die deutsche Fassung übernommen hat, möchten wir gerne unseren herzlichsten Dank aussprechen. Für eventuell verbleibende Unvollkommenheiten sind wir verantwortlich.
Warum und wie soll man sich an Kriege erinnern?
«Die Welt veränderte sich nach dieser Schlacht»: Für Philippe de Commynes, der diesen Satz gegen Ende des 15. Jahrhunderts in seinen Mémoires niederschrieb(Commynes, 2007: 144), stellten dieSchlachten, in denen dieBerner und ihre eidgenössischen Verbündeten dieHeere Karls des Kühnen besiegten, einen spektakulären Wendepunkt dar. Zwei Gefechte bei den Kleinstädten Grandson und Murten im März und Juni 1476, gefolgt von einer dritten burgundischen Niederlage bei Nancy im Januar 1477, führten zum Zusammenbruch der mächtigen Fürstenherrschaft und katapultierten die Eidgenossen auf die militärische und politische Bühne Europas. Dies ist die Geschichte, derenfünfhundertfünfzigstes Jubiläum 2026 gefeiert wird. Über mehrereMonate hinweg ist die Schweizer und internationale Öffentlichkeiteingeladen, an zahlreichen kulturellen, sportlichen und festlichen Veranstaltungen teilzunehmen, die dem Gedenken dieser historischen Ereignissegewidmet sind.
Auf den ersten Blick mag dies erstaunen. Wer erinnert sich heute noch an diese Kriege des Spätmittelalters?Und überhaupt:Warum sollte man sich in einer modernen Eidgenossenschaft, die sich dem Frieden verschrieben hat und in
zahlreichen Konflikten als Vermittlerinauftritt, an eine gewaltsame Vergangenheit erinnern wollen?
Und dennoch finden in der Schweizweiterhin alle fünfzig Jahre Gedenkfeiern an die Burgunderkriege statt, und das seit dem Jahr 1876. Zwar ist dieErinnerung an die Schlachten von 1476 über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlicher Form lebendig geblieben, doch erst seit rund 150 Jahren werden auf bundesweiter wie lokaler Ebene auch offizielle Feierlichkeiten organisiert.Wie kam es dazu, dass eineidgenössisches Kriegsgedächtnis an diese Kämpfe institutionalisiertwurde?Dieses Buch versucht, Antworten auf diese Fragezugeben. Dabei wird es nicht erzählen, was sich im Jahre1476 auf dem Schlachtfeld zugetragen hat, sondern vielmehr dieDarstellungen und Deutungen rekonstruieren, diesich nach und nach um diese Vergangenheitverdichtet und bisheute weitläufig verbreitet haben –und so ein bestimmtes Bild der Schweizer Identität geprägt haben.
Die Burgunderkriege, ein Wendepunkt in der Schweizer und europäischen Geschichte
Um diesen Prozess zu verstehen, ist es dennoch notwendig, kurz das Ereignis zu skizzieren, das ihm zugrunde liegt. Was waren, nach heutigem Stand der historischen Forschung, die Ursachen und der Verlauf der Burgunderkriege?InWirklichkeit lassen sich die Ereignisse, die der Schweizer Chronist Diebold Schilling und seine Zeitgenossen im 15. Jahrhundert als ‹Burgunderkriege›bezeichneten –französischsprachige Historiker sprachen mitunter von den ‹Schweizerkriegen›, so etwa Jules Michelet im Jahr 1844 –nicht auf diebeiden Schlachten von1476 reduzieren (siehe ChronologieamEnde desWerks). Sie fügen sich vielmehr in einen umfassenderen Zusammen-
hang ein, der für ihre spätere erinnerungskulturelle Darstellung eine wesentlicheRolle spielte.
In den 1470er-Jahren war der europäische Kontinent Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen mehreren expandierenden Mächten. Die bedeutendste unter ihnen war das Herzogtum Burgund. Dessen Herrscher Karl der Kühne, der als Cousin der französischen Könige überaus bedacht darauf war, seine Unabhängigkeit zu behaupten, verfolgte die ambitionierte Absicht, seine heterogenen Besitzungen vom Nordseeraum bis zur Freigrafschaft Burgund zu einem grossen Herrschaftsverband zu vereinen –und damit seinen Traum von einer Königskrone zu verwirklichen. Ab 1474 setzte er dahereine aggressive Eroberungspolitik in Lothringen, imElsass und im Rheinland in Gang, die auf den Widerstand von König Ludwig XI. von Frankreich, Herzog René II. von Lothringen, Städten des Heiligen Römischen Reiches und den eidgenössischen Orten stiess. Zu den entschlossensten Gegnernzählte die oligarchische Republik Bern, die zu derselben Zeit Expansionspläne nach Westen verfolgte. Der Konflikt entbrannte bereits
1474:Der von Burgund unterstützte elsässische Statthalter Pierre de Hagenbach wurde von den Elsässernund ihren Verbündeten ausBern und Solothurnbekämpftund schliesslich hingerichtet. Die Schlacht bei Héricourtam13. November 1474 gilt als erste direkte Konfrontation zwischen burgundischen und eidgenössischen Truppen –mit einem Sieg der Letzteren. DieLage spitzte sich zu, als der burgundische Herzog René von Lothringen besiegte und dieser daraufhin aus Nancy fliehen musste. Im Herbst 1475 griffen dieBerner und ihre Verbündeten, unterstützt von René und indirekt auch von Ludwig XI., mehrere waadtländische Städte an, darunter Lausanne, Yverdon und Estavayer. Der Herrscher des Waadtlandes, Jacques de Romont, war ein enger Verbündeter Burgunds. Da er von seiner Schwägerin
Yolande, Herzogin von Savoyen, die sich gegenüber ihrem Bruder, dem französischen König, zurückhaltend verhielt, kaum Unterstützung erhielt, sicherte er sich dieHilfe des Herzogs Karl. Dieser übergang im Frühjahr 1476 zum Gegenangriff: Er liess zunächst Grandson belagern, um Stadt und Burg aus der Hand der bernischen Garnison zu befreien. Nach deren Kapitulation wurden ihre Soldaten gehängt oder ertränkt. Als Reaktion darauf stellten sich Bern und seine Verbündeten am 2. März 1476 wenige Kilometer von Grandson entfernt, bei Concise, den burgundischen Truppen zum Kampf. Vermutlich aufgrund eines missverstandenen Befehls ihres Anführers ergriffen Karls Männer dieFlucht. Nach nur wenigen Stunden eines Gefechts, bei dem mehrerehundertMänner ums Leben kamen, blieben die Schweizer Herr des Feldes. Sie erbeuteten einen sagenhaften Schatz, bestehend aus Artilleriegeschützen, Zelten und wertvollen Gegenständen, dieihre Gegner im Lager zurückgelassen hatten. Diese Beute wurde als «Beute der Burgunderkriege» bekannt und wurde zu einem wichtigen Bestandteil der späteren Erinnerungskultur dieses Konflikts.
Nachdem er seine Armee in Lausanne neu aufgestellt hatte, marschierte Karl von Burgund im Sommer 1476 gegen Bern. Im Juni traf er vor Murten ein. Diese savoyische Stadt, 1475 von den Bernern erobert, war damals von einer Freiburger Garnison besetzt. Am 22. Juni 1476 wurde dieBelagerung durch einen Angriff der Eidgenossen, unterstützt von der Kavallerie Herzog Renés von Lothringen sowieösterreichischen Verbänden, durchbrochen. Diesmal forderte dieSchlacht über zehntausend Tote, überwiegend Burgunder. Viele kamen im Kampf ums Leben oder ertranken im See, als siezufliehen versuchten. Auch wenn dieAngaben über dieZahl der Opfer schwanken, hinterliessdie Brutalität der Schlacht von Murten bei allen Zeitgenossen tiefen Eindruck.Das blutigeMassaker
wurde rasch zu einem weiteren zentralen Erinnerungsstück späterer Erzählungen.
Als Reaktion auf diese Serievon Niederlagen ging Karl von Burgund noch einen Schritt weiter:Unter dem Verdacht des heimlichen Zusammenwirkens mit Ludwig XI. und den Eidgenossen liess er Yolande von Savoyen und ihre Kinder als Geiseln nehmen. Anschliessend zog er nach Nancy, das inzwischen wieder in die Hände der Verbündeten Herzog Renés gefallen war. Am 5. Januar 1477 fiel der burgundische Herzog bei der Belagerung der Stadt. Wenige Tage später fand man seine verstümmelte LeicheimSchnee. LudwigXI. nutzte den Tod seines Gegners, um kurz darauf das Herzogtum anzugreifen, eroberte Dijonund bedrohte Flandern.Angesichtsdes Drucks vonfranzösischer Seiteheiratete Mariavon Burgund, Karls Tochter und einzige Erbin, Maximilian von Habsburg. Damit fiel das, was von der burgundischen Herrschaft noch übrig war, an die österreichische Dynastie. Der Aufstieg des Habsburgerreichs, der vom französischen Königreich als Bedrohung wahrgenommen wurde, löste fast zwei Jahrhunderte dauernde Konflikte zwischen den beiden Mächten aus. Die Verhandlungen, die auf dieKämpfefolgten, veränderten auch das Schicksal der Gebiete, in denen die Kriege stattgefunden hatten. Der aggressive Expansionismus der Berner, demonstrierbar an ihren siegreichen Gegenangriffen bei Grandson und Murten, hatte sowohl bei ihren eidgenössischen Partnern als auch bei ihren ausländischen Verbündeten Misstrauen geweckt. Man entschied sich daher für eine Phase der Zurückhaltung. Auf dem Kongress von Freiburg (16. August 1476)willigte Bern ein, das Waadtland für fünfzigtausend Gulden an Savoyen zurückzugeben. 1479 zahlte LudwigXI. diesen Betrag dreifach, damit die Orte auch auf ihre Ansprüche auf die Freigrafschaft Burgund verzichteten. Darüber hinaus teilten Bern und Freiburg dieehemaligen Besitzungen der Familie
Chalon, die an der Seite von Karl dem Kühnen gekämpft hatte, unter sich auf:Murten, Echallens, Grandson und Orbe wurden zu gemeinsamen Vogteien. Aigle und Cerlier blieben unter bernischer Hoheit. Der Bischof von Sitten und dieWalliser weigerten sich hingegen, das Unterwalliszurückzugeben. Der Grosse-St.-Bernhard-Pass kam unter eidgenössischeKontrolle. Dieser DrangnachItalien bestätigtesich bald auch durchdie Eroberungeines Teilsdes Tessins durch Uri, Schwyz und Nidwalden (1499–1512).Dreissig Jahre später nahmen die Berner ihre Westexpansion wieder auf:Mit Unterstützung von Freiburg und Solothurn eroberten sie Genf (1530)und später Chillon (1536)von den Savoyarden und stellten ihre Herrschaft über das Waadtland wieder her. Die durch die Burgunderkriege angestossene territoriale Ausweitung hat somitdas Gesicht der heutigen Schweiz geprägt.
Gründe und Etappen einer komplexen Erinnerungsdynamik
Die Schlachten von Grandson und Murten wurden von Zeitgenossen schnell als historische Meilensteine angesehen, die ein neues Gleichgewicht in Europa bedeuteten. Bereits in den Monaten danach lösten sieeine Flut von Berichten in Latein, Deutsch, Französischund anderen Sprachen aus.
Einer der Gründe für diesen Erinnerungsreflex war, neben der objektiven politischen Bedeutung dieser Ereignisse, die Fassungslosigkeit über den Sturz einer der ehrgeizigstenDynastien Europas –der burgundischen Herzöge aus dem Haus Valois –, verursacht durch eine Reihe von eher unscheinbar wirkenden Kämpfen miteiner bisdahin als randständig wahrgenommenen Eidgenossenschaft aus acht Kantonen. Die lokale Verankerung dieser Auseinandersetzungen stand in keinem
Verhältnis zu ihren weitreichenden Auswirkungen auf europäischer Ebene. Ein weiterer Grund für die unmittelbare Produktion schriftlicher Berichte liegtinder eindrucksvollen Porträtgalerie ihrer zentralen Akteure: Der stolzeHerzog von Burgund,die unbeugsamenSchweizer, der tapfere Herzog von Lothringen, derlistige König von Frankreichund die bedachtsame Herzoginvon Savoyen –all diesehistorischen Figuren verkörpertenmusterhafte Beispiele fürLaster undTugenden, Helden undSchurken, diedie Vorstellungskraft anregen. Schliesslich lieferten dieBurgunderkriege durch ihre zahlreichen Wendungen von Anfang an alle Zutaten einer Erfolgsgeschichte:Reichtum und Blutvergiessen, politische Ambitionen und persönlicheRachsucht, den Untergang der Mächtigen und den unverhofften Triumph der vermeintlich Schwächeren. Waren die Gründe, sich an diese Schlachten zu erinnern, also zahlreich,war die Transformation dieser kollektiven Erinnerungen hin zu einem militärischen Gedächtnismit hoher politischer Bedeutung für dieSchweizhingegen einlanger und komplexer Prozess. Die Aufdeckung dieser Komplexität ist eines der Ziele dieses Buches. Unserer Hypothese nach weisen die Burgunderkriege drei Merkmale auf, die sie zu einem herausragenden Beispiel für das Nachleben oder das Überdauern erinnerungskultureller Ereignisse machen:Die hohe Zahl der von Anfang an beteiligten Konfliktparteien;die Vielzahl der Erinnerungsberichte über diesen Krieg,deren Entstehung und Verbreitung sich übermehrereJahrhunderte erstreckte;und schliesslich ein überdauernder Ruhm, der sich nicht linearentwickelte, sondern sich aus dem dynamischen Wechsel von Phasen grosser Popularität und Zeiten des Vergessens ergab. Wie jeder Krieg wurden auch die Schlachten von Grandson und Murten unterschiedlich gedeutet –von den Siegern, den Eidgenossen und ihren Verbündeten aus Lothringen und dem Elsass, von den besiegten Burgundern und Savoyarden, aber
auch von unbeteiligten Beobachtern, insbesondereaus Frankreich und Italien. Diese Studiewidmet sich der Geschichte dieser Deutungen:Wie haben sich die Darstellungen seit 1476 entwickelt –und welchen Zwecken oder Interessen dienten sie?
Um die Bedeutung des Jubiläums von 2026 besser zu verstehen, richtet sich der Fokus des Buchs auf die Schweiz. Die meisten Kantone der Alten Eidgenossenschaft spielten in den Kämpfen gegen Burgund eine Rolle:Luzern, Glarus und die Waldstätten, später auch Zürich, kämpften an der Seite von Bern und deren Verbündeten Freiburg und Solothurn, die 1481 zu Kantonen werden. Dieses Engagement fand unmittelbaren Ausdruck in der Entstehung von Freiburger und Zürcher Geschichtserzählungen, diederen Teilnahme an den Burgunderkriegen für die Nachwelt bewahrten. Besonders die Berner Eliten förderten frühzeitigdie Veröffentlichung reich illustrierter Chroniken in deutscher Sprache, dieihre Schlüsselrolle am Sieg verherrlichten. Diese ersten kantonalen Erinnerungsberichte dienten vor allem der Hervorhebung der eigenen Hauptleute und Soldaten. Doch über Jahrhunderte hinweg wieder aufgegriffen und über verschiedene Medien tradiert, kristallisierten sie sich allmählich zu einer kollektiv geteilten helvetischen Erinnerung. DieEinführung der ersten eidgenössischen GedenkfeiernimJahr 1876 verstärkte diese Entwicklung –nun wurde diemilitärische Vergangenheit der Schweiz patriotisch geadelt. Die Burgunderkriege markieren darüber hinaus auch den Beginn der schrittweisen Integration der späteren Westschweiz in die damalige Eidgenossenschaft. DieArt und Weise, wie die Bevölkerung von Neuenburg,Genf oder der Waadt diese Ereignisse überlieferte, spiegelt die jeweils spezifischen Beziehungen wider, die sich im Laufe der Zeit zwischen diesen Regionen und der Eidgenossenschaft, und insbesondere Bern,
entwickelt hatten. Die Waadtländer,die Hauptopfer der Kämpfe von 1476, widersetzten sich lange Zeit der Berner Siegesdarstellung. Schon ab dem 16. Jahrhundertsetzte die Genfer Regierung dies gezielt ein:Auf der Suche nach Verbündeten griff sie während der Reformationszeit zum Beispiel bei Bündnisfeiern mit Berner und Zürcher Gesandten bewusst auf die eidgenössische Erzähltradition zurück. Was Neuenburg betrifft, so legitimiertedie Stadt, dieim18. Jahrhundert unter preussischem Schutz stand, ihre Annäherung an dieEidgenossenschaft in den 1770er-Jahren mit einer erfundenen Geschichte der Burgunderkriege. Die Chronique des chanoines de Neuchâtel [Chronik der Domherren von Neuenburg]wurde von Abram de Pury, einem lokalen Parlamentarier, verfasst, um die Rolle der Neuenburger in den Kämpfen zu belegen. Auch hier trugen dieregelmässigen Wiederaufnahmen der Bundesfeiern in den Jahren 1876, 1926 und 1976 allmählich zur Angleichung dieser Unterschiede bei. Doch was bleibt von diesem mühsam konstruierten Konsens noch im Jahr 2026? Neben der bereits angesprochenen sprachlichen und politischen Vielfalt möchte unsereUntersuchung auch materielle Faktoren berücksichtigen, diedie Entwicklungeines Kriegsgedächtnissesmitprägen können. Denn was nacheiner Schlacht bleibt,sind meist die Schauplätze selbst –und mitunter auch konkrete Objekte wie Waffen oder Wertgegenstände, die von den Siegern erbeutet wurden. Doch solche Relikte führen keineswegs automatisch zu denselben Formen des Erinnerns. Dem Massaker von Murten wurde früh durch den Bau eines Beinhauses und einer Kapelle zu Ehren der Gefallenen der Schlacht ein sichtbares Zeichen der Erinnerung gesetzt. Dieses Mausoleum entwickelte sich in der Folge zu einer wichtigen Sehenswürdigkeit der Schweizund zog vom 16. bis ins 18. Jahrhundert Tausende von Besuchern an –darunter zahlreiche bekannte Persönlichkeiten. Der bei der Schlacht von 17
Grandson erbeutete Burgunderschatz hingegen, der damals viel Aufsehen erregt hatte, wurde ziemlich rasch zerstreut und gelangte erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder ins öffentliche Bewusstsein, als er Eingang in Museen fand.
Eine weitere zentrale Dimension des Erbes, das uns von vergangenen Schlachten erhalten bleibt, betrifft den gesellschaftlichen Stellenwert, der ihrem Gedenken beigemessen wird. «Alle sollten die Geschichten von Grandson und Murten lesen», erklärte Auguste Bachelin, Präsident der Neuenburger Historischen Gesellschaft, im Jahr 1882 (Bachelin1884:331). Doch haben diese Geschichten wirklich «alle»interessiert, damals wie heute?Diese kritische Frage zieht sich auch durch Unrueh, den jüngsten Film von Cyril Schäublin(2022). In einer Szene, die 1876 im Tal von Saint-Imier spielt, schlagen zwei Bürger einigen Uhrenarbeiternvor, sich bei denfür das Jubiläumgeplanten Schlacht-Nachstellungen als Statisten etwas dazuzuverdienen.Einer lehnt ab, mit den folgenden Worten: «Dieses Jubiläum verdient es nicht, in unser Gedächtnis einzugehen.» Dieses Zitat, das der Regisseur nach eigener Aussage aus der damals erschienenen anarchistischen Zeitung L’Avant-Garde entnommen hat, bringtdie unterschiedlichen Wahrnehmungen prägnant zum Ausdruck:Die Szene zeigt eindrücklich, dass Kriegsgedenken weder neutral noch selbstverständlich ist. Was für manche einidentitätsstiftendes Erlebnis ist, erscheint anderen bedeutungslosoder als Instrument staatlicher Vereinnahmung. Erinnerung kann verbinden –oder entzweien.