
Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann
Noemi Honegger
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Herausgegeben von Daniel Bogner und Markus Zimmermann
Noemi Honegger
Sozialethische Überlegungen zum Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft
Schwabe Verlag, Basel
Die Druckvorlage der Textseiten wurde vom Departement für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg i. Üe. zur Verfügung gestellt.
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.
Die vorliegende Arbeit wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Luzern als Dissertation angenommen.
Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der CreativeCommons-Lizenz Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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© 2026 Noemi Honegger, veröffentlicht durch Schwabe Verlag Basel, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel, Schweiz. Jede kommerzielle Verwertung durch andere bedarf der vorherigen Einwilligung des Verlags. Die Verwendung des Inhalts zum Zwecke der Entwicklung oder des Trainings von KI-Systemen ist ohne Zustimmung des Verlags untersagt.
Gestaltungskonzept Umschlag: icona basel gmbh, Basel
Gestaltungskonzept Inhalt: Stellwerkost
Cover: Kathrin Strohschnieder, STROH Design, Oldenburg
Satz: Elisabeth Zschiedrich, Université de Fribourg, Departement für Moraltheologie u. Ethik, Av. de l’Europe 20, CH-1700 Freiburg i. Üe.
Druck: Prime Rate Kft., Budapest
Printed in the EU
Herstellerinformation: Schwabe Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@schwabeverlag.ch
Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de
ISBN Printausgabe 978-3-7965-5364-6
ISBN eBook (pdf) 978-3-7965-5365-3
DOI 10.24894/978-3-7965-5365-3
ISSN 0379-2366 (Studien zur theologischen Ethik)
Das eBook ist seitenidentisch mit der gedruckten Ausgabe und erlaubt Volltextsuche. Zudem sind Inhaltsverzeichnis und Überschriften verlinkt.
rights@schwabe.ch www.schwabe.ch
Vorwort
1 Einleitung
1.1 D ienende Finanzwirtschaft? Zum Verhältnis von Finanzund Realwirtschaft
1.2 T heologische Wirtschafts- und Finanzethik – Methodische und konzeptuelle Vorbemerkungen
1.3 Aufbau der Arbeit
Tei l I Finanzwir tschaft heute – Ökonomische Grundlagen und Entwicklungen bis in die Gegenwart
Teil II «Dienst an der Realwirtschaft» – Auseinandersetzung mit einer finanzethischen Argumentationsfigur
5 Unterordnung der Finanzwirtschaft – Zur moralischen Dimension der Unterscheidung von Finanz- und Realwirtschaft
5.1 Eine geistesgeschichtliche Unterordnung
5.2 Finanzwirtschaft als Gegenstand der katholischen Sozialverkündigung
5.3 Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft –Gerechtigkeitstheoretische Herausforderungen und Anfragen an die Ziele des Wirtschaftens
6 Einkommen ohne Wertschöpfung
6.1 Wertschöpfung – Begriffsdefinitionen
6.2 Renteneinkommen – Ökonomische Grundlagen von Einkommen ohne Wertschöpfung
6.3 Definieren heißt Normieren – Rechnungslegungsstandards als Gradmesser ökonomischer Wertschöpfung
6. 4 Geldschöpfung durch Geschäftsbanken
6.5 Finanzwirtschaftliche Gewinne als Gewinne aus Bewertungsänderungen
6.6 Finanzwirtschaftliche Einkommen ohne Wertschöpfung
6.7 Sozialethische Problemanzeigen I
6.8 Wertschöpfung und reales Wirtschaftswachstum als normative Kategorien?
6.9 Wert schaffen? – «Wahren» Werten auf der Spur
7 Vorrang des Kapitals
7.1 Neue Eigentümerstrukturen
7.2 Finanzwirtschaftliche Konzepte und Leitideen
7.3 Bedeutung und Implementierung des Shareholder Value
7. 4 Von Menschen und Unternehmen – Ein kritischer Blick auf die philosophischen Grundlagen des Shareholder Value
7.5 Sozialethische Problemanzeigen II
7.6 Arbeit vor Kapital – Eine sozialethische Antwort
7.7 Sozialpflichtigkeit des Eigentums
7.8 Und siehe, da sind Menschen – Partnerschaft von Kapital und Arbeit
Teil III Ausblick und Ergebnisse – Eine menschen- und schöpfungsgerechte
8 Ergebnisse – Reflexionsbedarf
8.1 Das Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft als Ausgangspunkt finanzethischer Reflexion
8.2 D ienende Finanzwirtschaft – Eine verkürzte Perspektive
8.3 Finanzethische Brennpunkte
8.4 Konturen einer menschen- und schöpfungsgerechten Finanzwirtschaft
9 Ausblick – Handlungsfelder
9.1 Financial Literacy – Verstehen, um mitzugestalten
9.2 Finanztransaktionssteuer – Besteuern, um Ungleichheit entgegenzuwirken
9.3 Genossenschaften – Demokratisch entscheiden, um gemeinsam zu agieren
St udien zur theologischen Ethik
Die vorliegende Arbeit wurde im Herbstsemester 2024 von der Theologischen Fakultät der Universität Luzern als Dissertation angenommen. Für die Veröffentlichung wurde sie nur geringfügig verändert.
Mein Studium in Theologie und Volkswirtschaft an der Universität Freiburg i. Üe. war von Anfang an davon geleitet, Menschen und ihr gelingendes Zusammenleben ins Zentrum zu stellen sowie die Möglichkeiten eines guten Lebens zu er gründen. Zugleich lag ein wichtiger Fokus stets darauf, globale wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen und diese im Horizont von Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung kritisch zu reflektieren. Im Sommer 2018 bot sich mir die Gelegenheit, diese Forschungsinteressen im Rahmen eines Promotionsvorhabens an der Universität Luzern zusammenzuführen. Ich bin außerordentlich d a nkbar für zahlreiche bereichernde Begegnungen mit spannenden und inspirierenden Menschen auf dem seither beschrittenen Weg. Die Veröffentlichung der vorliegenden Arbeit möchte ich zum Anlass nehmen, all jenen zu danken, die mich auf diesem Weg begleitet haben.
Mein Dank gilt zuallererst meinem Doktoratsbetreuer, Herrn Professor Dr. Peter G. Kirchschläger. Er hat mich stets ermutigt und unterstützt. Seine Expertise auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Finanzwirtschaftsethik sowie sein strukturierender Blick auf wirtschafsethische Herausforderungen haben dazu beigetragen, den Argumentationsgang der vorliegenden Studie zu entwickeln und zu ent falten. Während der Zeit meiner Anstellung an der Universität Luzern hat er mir viele Freiräume gewährt, die mir Zeit für die Entwicklung meines Forschungsvorhabens gegeben haben.
Herrn Professor Dr. Adrian Loretan danke ich herzlich für die Erstellung des Zweitgutachtens und der Theologischen Fakultät Luzern für die Annahme der Arbeit als Dissertation.
Herrn Professor Dr. Daniel Bogner und Herrn Titularprofessor Dr. Markus Zimmermann danke ich für die Aufnahme der Arbeit in die Reihe Studien zur Theologischen Ethik . Ein besonderer Dank gilt Frau Dr. Elisabeth Zschiedrich für ihr sorgfältiges Lektorat und die intensive Arbeit am Manuskript. Allen dreien danke ich darüber hinaus für die gute Zusammenarbeit am Lehrstuhl für Allgemeine Moraltheologie und Theologische Ethik an der Universität Freiburg i. Üe., für das kollegiale Miteinander und die bereichernden Diskussionen. Dem Schwabe Verlag gilt mein Dank für die unkomplizierte Unterstützung bei der Vorbereitung der Veröffentlichung.
Ebenfalls danke ich zahlreichen Gesprächspartner*innen, mit denen ich im Verlauf meiner Dissertationszeit inspirierende Gespräche führen durfte. Besonders hervorheben möchte ich den Austausch mit Herrn Professor Dr. Bernhard
Emunds (Sankt Georgen, Frankfurt), aus dem ich viele wichtige Impulse für meine finanzethische Auseinandersetzung mitnehmen konnte. Ebenfalls bin ich d a nkbar für ein wegweisendes Gespräch mit Herrn Professor Dr. Jeffrey Sachs (Columbia University, New York). Außerdem haben Diskussionen mit Herrn Dr. Christian Leitz (Leiter Corporate Responsibility UBS) sowie mit Herrn Professor Dr. Boudewijn de Bruin (Rijksuniversiteit Groningen) die Auseinandersetzung m it meiner Forschungsfrage geschärft.
Als besonders wichtig haben sich die Diskussionen in den Forschungskolloquien im Rahmen der Lucerne Graduate School in Ethics (LGSE) sowie am Freiburger Lehrstuhl für Allgemeine Moraltheologie und Theologische Ethik erwiesen. Zudem habe ich vom Austausch im Rahmen des Nachwuchsnetzwerks Netzwerk Moraltheologie viel profitiert. Daraus sind wichtige Freundschaften entstanden. Der intensive Austausch hat zudem dazu beigetragen, mein Profil als theologische Ethikerin zu schärfen.
Da rüber hinaus bin ich zahlreichen fleißigen Korrekturleser*innen zum Dank verpflichtet. Sie haben zur finalen Gestalt der Arbeit Maßgebliches beigetragen. Meinem Bruder, Michael Honegger, und zahlreichen Freund*innen danke ich für spannende Gespräche, die seit vielen Jahren mein Interesse an ethischen Fragestellungen immer wieder neu wecken.
Mein letzter und zugleich größter Dank gebührt meiner Familie. Meinen Eltern, Brigitte und Dr. Ralph Honegger-Völlmin, danke ich für ihre unermüdliche Unterstützung in allen Lebenslagen, ihren Zuspruch und ihre Liebe. Meinen Schwiegereltern, Irène und Vinzenz Willauer, danke ich sehr für ihre unbezahlbare Unterstützung in unserem Familienalltag und für ihre große Zuneigung. Schließlich danke ich meinem Mann, Matthias Willauer-Honegger, und unseren beiden Kindern, die während der Qualifikationszeit zur Welt gekommen sind. Ohne das große und verlässliche Engagement meines Mannes für unsere Familie hätte diese Arbeit nicht entstehen können. Ihm und unseren Kindern widme ich dieses Buch, in tiefer Dankbarkeit für ihr Verständnis, ihre Geduld und ihre Liebe.
Ostermundigen, 10. Juni 2025 Noemi Honegger
Seit der Finanzkrise von 2007/2008 hat sich in der Öffentlichkeit gegenüber der Finanzwirtschaft als einem eigenständigen und gewinnbringenden Wirtschaftszweig ein «ungutes Gefühl» 1 durchgesetzt. Damals wurden die intensiven finanzwirtschaftlichen Verflechtungen des Wirtschaftssystems schonungslos aufgedeckt und die finanzielle Verletzlichkeit Einzelner, aber auch ganzer Staaten schmerzhaft offengelegt. Es zeigte sich deutlich, dass nicht nur der Arbeitsmarkt, die Unternehmensfinanzierung und damit Innovationsmöglichkeiten vom Geschehen auf den Finanzmärkten abhängen, sondern dass auch Vorsorge- und Versicherungssysteme auf ein funktionierendes Finanzsystem angewiesen sind. Das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte wurde durch die Krise erschüttert.
Als Reaktion darauf wurden die globalisierten Finanzmärkte als Monster beurteilt, die es zu zähmen galt. 2 Finanzwirtschaftliche Gewinne gerieten unter Verdacht, unverdient zu sein, und denjenigen, die danach strebten, wurde ein von Gier oder Egoismus getriebenes Verhalten vorgeworfen. Auch wenn der Ausbruch der Finanzkrise inzwischen einige Jahre zurückliegt und laute, kritische St immen verstummt sind, wirken eine grundlegende finanzwirtschaftliche Skepsis, wenn nicht sogar ein Misstrauen gegenüber den Finanzmärkten und deren Akteuren 3 bis in die Gegenwart fort. In der Schweiz war ein solches Misstrauen in der jüngeren Vergangenheit etwa angesichts der 2023 staatlich herbeigeführten Übernahme der Credit Suisse du rch die UBS deutlich spürbar. Hohe finanzwirtschaftliche Löhne wurden als unanständig bezeichnet. Als besonders ungerecht wurde empfunden, dass die angesichts der Bankenmisswirtschaft notwendig gewordene staatliche Intervention finanzielle Risiken auf die Allgemeinheit übertrug.
1 U. Herrmann , Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam: Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen , Frankfurt 2015, 7.
2 Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler bezeichnete die Finanzmärkte 2008 in einem Interview im Stern als «Monster». Vgl. M. Georgen/H.-U. Jörges/A. Vonrnbäumen , «Die Finanzmärkte sind zu einem Monster geworden», in: Stern Online vom 21.5.2008, online https://www. stern.de/politik/deutschland/horst-koehler--die-finanzmaerkte-sind-zu-einem-monster-geworden--3853378.html [16.08.2024].
3 Die vorliegende Arbeit bemüht sich um eine gendergerechte Sprache und verwendet dafür den sogenannten Genderstern. Diese sprachliche Lösung wird eingesetzt, wenn die Begriffe eindeutig oder maßgeblich mit Personen verknüpft sind. Zahlreiche Begriffe, wie zum Beispiel Akteure oder Eigentümer, beziehen sich je nach Kontext im Wesentlichen auf institutionelle Akteure wie etwa Finanzinstitute oder institutionelle Investoren. Ist dies im Folgenden der Fall, werden die Begriffe nicht gegendert, sondern in ihrer maskulinen Form verwendet.
1.1 Dienende Finanzwirtschaft? Zum Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft Ein Ausdruck der finanzwirtschaftlichen Skepsis ist, dass sich angesichts des finanzwirtschaftlichen Erdbebens von 2007/2008 sowie der darauffolgenden Turbulenzen auf den Finanzmärkten die Überzeugung entwickelt hat, dass die Finanzwirtschaft der Realwirtschaft dienen müsse. 4 Mit anderen Worten soll die Zähmung der «monströsen» Finanzmärkte nicht zuletzt durch die Anbindung der Finanzwirtschaft an die Realwirtschaft gelingen. Die Forderung nach einem finanzwirtschaftlichen Dienst an der Realwirtschaft muss als eine Reaktion auf die große wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung verstanden werden, die die Finanzwirtschaft in den letzten Jahren erlangt hat.
Diese neue Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sich das Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft in mehrerlei Hinsicht verschoben hat. Während die Realwirtschaft über Jahrzehnte hinweg als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung galt, wird sie seit den 1970er Jahren vermehrt durch die Bewegungen au f den Finanzmärkten bestimmt. Damals wurden die wirtschaftspolitischen Grundlagen dafür gelegt, dass die Finanzmärkte ein Eigenleben unabhängig von der Realwirtschaft entwickeln und verstärkt Einfluss auf das gesamtwirtschaftliche Geschehen nehmen konnten. Zudem richten realwirtschaftliche Unternehmen ihre Strategie seit den 1970er Jahren vermehrt auf finanzielle Gewinne aus. Au f diese Weise werden sie einem finanzwirtschaftlichen Druck ausgesetzt, der bis in die Gegenwart anhält.
Diese beiden Entwicklungen – die von der Realwirtschaft unabhängige Entfaltung der Finanzmärkte sowie die Orientierung realwirtschaftlicher Unternehmen an finanzwirtschaftlichen Zielen – stabilisieren die «Dominanz» der Finanzwirtschaft innerhalb des Gefüges von Finanz- und Realwirtschaft bis heute. Obwohl die Finanzkrise von 2007/2008 diverse mit einem ausgebauten Finanzwesen einhergehende Risiken offengelegt hat, haben sich in den darauffolgenden Ja hren kaum Regulierungen durchgesetzt, die das Finanzsystem grundlegend zu reformieren vermochten. Vielmehr war die Zeit nach der Krise von einem hohen Handelsvolumen auf den Finanzmärkten geprägt. Neue geldpolitische Maßnahmen führten dazu, dass Kapital günstig zur Verfügung stand. Auf den Finanzmärkten konnte eine Liquiditätsschwemme und ein starker Anstieg der Vermögenswertpreise beobachtet werden, wodurch sich die bereits vor der Finanzkrise
4 Menkhoff hält bereits 2010 fest, dass eine dienende Rolle des Finanzsektors gegenüber der Realwirtschaft über alle Parteien im Bundestag hinweg gefordert werde. Vgl. L. Menkhoff , «Eine dienende Rolle» für den Finanzsektor? Nicht dienen, sondern funktionieren! , in: Kredit und Kapital 43.2 (2010), 165–182, 165. Ein Dienst an der Realwirtschaft findet sich aber auch in der sozialethischen Literatur. So zum Beispiel B. Emunds , Das Ende der aufgeblähten Finanzwirtschaft. Sozialethische Überlegungen zur politischen Neuordnung der Finanzmärkte , in: JCSW 51 (2010), 189–223.
herrschende Dynamik des finanzwirtschaftlichen Wachstums ungebrochen weiter entfaltete. 5 Das veränderte Kräfteverhältnis zwischen Finanz- und Realwirtschaft stellt den ökonomischen Au sgangspunkt der vorliegenden Arbeit dar. Der normative Ausgangspunkt liegt in der bereits benannten Kritik an einem erstarkten Finanzsektor. Stimmen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft beklagen insbesondere, dass die Finanzmärkte und damit die Geldvermehrung selbstreferenziell geworden seien und den Bezug zur Realwirtschaft verloren hätten. 6 Die brüchig gewordene Verbindung zwischen Finanz- und Realwirtschaft wurde so zu einer gängigen Kriseninterpretation. Spiegelbildlich dazu wurde ein Dienst an der Realwirtschaft durch die Finanzwirtschaft gefordert. Das Bild einer dienenden Finanzwirtschaft hat unmittelbar nach der Krise g roßen Zuspruch erfahren, wobei vielfach nur vage zu vermuten war, was genau darunter zu verstehen wäre. Seine konkrete inhaltliche, normative und handlungsleitende Bedeutung blieb unterbestimmt. Zumeist ging es darum, den Bedarf an finanzwirtschaftlicher Regulierung zu unterstreichen, wobei die Bändigung der Finanzmärkte durch deren Anbindung an die Realwirtschaft gelingen sollte. Durch einen finanzwirtschaftlichen Dienst an der Realwirtschaft sollte insbesondere sichergestellt werden, dass die Finanzwirtschaft zum Wohlstand der Gesellschaft beiträgt:
Damit [mit einem Dienst an der Realwirtschaft] wird zum Ausdruck gebracht, dass die Finanzwirtschaft vor allem dann zum Wohlstand der Gesellschaft beiträgt, wenn sie es den Unternehmen der anderen Branchen erleichtert, ihrerseits solche Waren und Dienstleistungen bereit zu stellen, die von den Gesellschaftsgliedern benötigt oder gewünscht werden. 7
Die Forderung nach einem finanzwirtschaftlichen Dienst an der Realwirtschaft versteht das Verhältnis zwischen Finanz- und Realwirtschaft nicht ausschließlich als einen ökonomischen Sachverhalt, sondern macht es zum Gegenstand et hischer Reflexion. Dabei wird eine Unterordnung der Finanzwirtschaft unter die Realwirtschaft als vorzugswürdig begriffen. Finanzwirtschaft erfährt durch ihren Beitrag zur realwirtschaftlichen Produktion ihre Legitimation.
5 Zu den finanzwirtschaftlichen Entwicklungen nach der Finanzkrise siehe A. Brunetti , A usnahmezustand. Das turbulente Jahrzehnt nach der Grossen Finanzkrise , Bern 2018.
6 Da für gibt es zahlreiche Beispiele. So etwa der ehemalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in einem Interview 2010 mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Vgl. Die Bundesregierung , Schäuble: «Finanzmarkt dreht sich nur noch um sich selbst», 23.5.2010, online https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/schaeuble-finanzmarkt-dreht-sich-nur-nochum-sich-selbst--421888 [22.07.2021]. Ebenso spricht der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Schulmeister von der selbstreferenziellen Geldvermehrung als wichtigste Aktivität im Zeitalter des Finanzkapitalismus. Vgl. S. Schulmeister , Der Weg zur Prosperität , Salzburg 2018.
7 B. E munds , Politische Wirtschaftsethik globaler Finanzmärkte , Wiesbaden 2014, 199.
Der finanzwirtschaftliche Dienst an der Realwirtschaft ist nicht zuletzt in der kirchlichen Sozialverkündigung verankert. Diese schreibt sich ein in eine geistes- und t heologiegeschichtliche Tradition, die Finanzwirtschaft und finanzwirtschaftliche Gewinne seit jeher kritisch beurteilt und einen Vorrang der realwirtschaftlichen Sektoren und der dort stattfindenden Produktion vorsieht. Insbesondere seit der Finanzkrise haben die Päpste in ihren Verlautbarungen auf die negativen Auswirkungen der Finanzwirtschaft auf die Realwirtschaft aufmerksam gemacht und betont, d a ss erstere keinen Selbstzweck darstelle. Besonders pointiert bringt Papst Franziskus in Evangelii gaudium den Kern seiner Kapitalismuskritik auf den Punkt: Geld müsse dienen und solle nicht herrschen (EG 58). Seine Aussage kann als eine Zuspitzung der jahrzehntelangen kirchlichen und sozialethischen Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise verstanden werden. Diese Auseinandersetzung hat den Standpunkt geschärft, dass die Wirtschaft als ein gesellschaftlicher Teilbereich den Menschen dienen und auf deren Bedürfnisse antworten müsse: Der Mensch ist «Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft», – so heißt es in der Konzilskonstitution Gaudium et spes (GS 63).
Damit geht eine besondere Aufmerksamkeit für die sozioökonomischen Ungleichheiten einher, die durch das kapitalistische System hervorgebracht werden, sowie eine Parteinahme für die Verlierer*innen innerhalb desselben. Bereits die erste Sozialenzyklika Rerum novarum (1891) hat sich mit dem ungleichen Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit auseinandergesetzt und damit die Grundlage des in Laborem exercens (1981) entfalteten Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital gelegt. In den jüngeren Veröffentlichungen ist die Auseinandersetzung mit dem wachsenden Einfluss und der Verselbstständigung der Finanzmärkte hinzugekommen. Angesichts dessen wird – in Analogie zu dem bereits angesprochenen D ienst des Geldes – ein Dienst der Finanzwirtschaft an der Realwirtschaft gefordert. Diese Perspektive wird insbesondere im Dokument Oeconomicae et pecuniariae quaestiones von 2018, d a s sich finanzethischen Fragen widmet, an unterschiedlicher Stelle vertreten. Ausdrücklich wird die Sendung der Finanzwirtschaft im D ienst an der Realwirtschaft verortet (OPQ 16).
Die vorliegende Arbeit greift die finanzethische Argumentationsfigur eines Dienstes der Finanzwirtschaft an der Realwirtschaft auf. Sie macht sich zum Ziel, diese populäre und in der theologisch-ethischen sowie politischen Diskussion gleichermaßen vertretene Forderung inhaltlich einzugrenzen und ethisch einzuordnen, indem sie sich mit deren normativer Geltung auseinandersetzt. Sie fragt d a nach, ob es sich dabei aus ethischer Sicht um eine überzeugende und begründbare Forderung handelt oder ob die Metapher einer dienenden Finanzwirtschaft n icht vielmehr einen (zu) simplen Versuch darstellt, dem Misstrauen gegenüber der Finanzwirtschaft zu begegnen. Um diese Frage zu beantworten, wird zu-
nächst im Kontext von sogenannten Einkommen ohne Wertschöpfung untersucht, ob Realwirtschaft als eine normative Kategorie begriffen werden kann. A nschließend wird danach gefragt, ob die Idee einer dienenden Finanzwirtschaft dem Zusammenspiel unterschiedlicher Produktionsfaktoren und Vermögensformen in einer Volkswirtschaft gerecht wird und dieses aus ethischer Sicht einleuchtend zu orientieren vermag.
1.2 Theologische Wirtschafts- und Finanzethik –Methodische und konzeptuelle Vorbemerkungen
Die in der vorliegenden Arbeit formulierten Überlegungen zum Verhältnis von Finanz- und Realwirtschaft werden aus der Perspektive einer theologischen Wirtschafts- und Finanzethik mit einem sozialethischen Fokus formuliert. Sie schreiben sich dementsprechend ein in die Tradition der katholischen Soziallehre. Die Arbeit fühlt sich insbesondere dem bereits zitierten Grundsatz verpflichtet, dass der Mensch «Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft» sei (GS 63). Ebenso wird in Übereinstimmung mit den kirchlichen Verlautbarungen jüngeren Datums der Sorge um die Umwelt eine hohe Bedeutung beigemessen. 8 Der Schutz der Menschenwürde, der sich in den Menschenrechten in Form von konkreten Rechtsansprüchen 9 konkretisiert, sowie die Bewahrung der Schöpfung stellen das normative Fundament dar, von dem aus die Forderung nach einem finanzwirtschaftlichen Dienst an der Realwirtschaft analysiert wird. Dabei gilt, d a ss weder die biblische noch die christliche Tradition ein konkretes «Wirtschafts- oder Sozialprogramm Gottes» 10 zur direkten Umsetzung in der modernen Gesellschaft vorlegen. Vielmehr stehen die sozialethischen Überlegungen vor der Herausforderung, eine Brücke zwischen den gegebenen ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen und den ethischen Prinzipien zu schlagen. Die ökonomische Ausgangslage muss in einem ersten Schritt sachgerecht und im Gespräch mit den ökonomischen sowie mit anderen verwandten Wissenschaften erkundet und darauf aufbauend mit ethischen Kategorien ins Gespräch gebracht werden. Nur in der Verbindung beider Dimensionen kann eine kohärente ethische Einschätzung finanzwirtschaftlicher Phänomene gelingen. Dementsprechend setzt sich auch die vorliegende Arbeit zunächst mit den ökonomischen und finanzwirtschaftlichen Zusammenhängen auseinander. Die ethische
8 Dabei ist vor allem an die Enzyklika Laudato si’ (2015) von Papst Franziskus zu denken.
9 Die Menschenrechte erheben in Gestalt verfassungsrechtlicher Grundrechte sowie in Form der Menschenrechtskonventionen und Internationalen Pakte verbindliche und einklagbare Rechtsansprüche.
10 M. Schramm , Art. Katholische Soziallehre , in: M. S. Assländer (Hg.) : Handbuch Wirtschaftsethik , Berlin 2022, 261.