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«Text und Spiele» lautete das Motto des Schreibfestes anlässlich der Schweizer Erzählnacht 2014. Primar- und SekundarschülerInnen, Studierende, Dozierende sowie auswärtige Gäste liessen sich bei Sirup, Bier und Chips auf ein gemeinsames Schreibexperiment ein. Die Ausgangslage zum Schreiben einzelner TeilGeschichten war vorgegeben: Samstagabend, eine Bar im Zürcher Kreis 4. Vor dem Schreiben würfelten die Beteiligten mit zwei Würfeln. Auf einem waren Emoticons, auf dem anderen Gegenstände abgebildet. Die Teilnehmenden integrierten sowohl das abgebildete Gefühl als auch den Gegenstand in ihren Teil der Geschichte. So entwickelten sich Verästelungen und Sackgassen, Irrwege und Traumfahrten, was zu Geschichten unterschiedlichster Art und Länge führte. Daraus entstanden ist dieses Büchlein, das nicht nur eine, sondern eine Vielzahl möglicher Geschichten enthält. Nun ist es an dir, liebe Leserin, lieber Leser, dich auf das Spiel einzulassen und dich nach jedem gelesenen Abschnitt für den weiteren Weg zu entscheiden – womit auch du Teil dieses Spiels wirst.




Zürich, Kreis 4, Rhabarba Bar, Samstag, 22h. Die Frau an der Bar kippt den letzten Schluck von ihrem abgestandenen Bier herunter. Während sie die Laufmasche über ihrem rechten Knie untersucht, denkt sie darüber nach, ob sie hinübergehen soll. Die Schlange vor der Herrentoilette ist ausnahmsweise länger als bei den Frauen. Die Neugier darüber, was sich hinter der verschlossenen Tür abspielt, bringt Fremde ins Gespräch. Vor dem Eingang stehen drei Jugendliche und reichen etwas durch die Runde. Während zwei von ihnen locker spassen, schaut sich einer nervös um. Ein Taxi fährt vor.


Wenn unappetitliche Gerüche und schockierende Tat­­sa­­chen bei dir eine angenehme Gänsehaut verursachen, gehe zu NR. 52. Wenn du die Frau an der Bar in einer emotionalen Extrem­ situation erleben willst, gehe zu NR. 9. Wenn du zu NR. 63 gehst, wird das Spiel verdammt ernst. Wenn du erfahren möchtest, wohin die Frau mit dem Taxi fährt und womit sie sich bestraft, gehe zu NR. 14.

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Wenn dich schon immer interessiert hat, was harte Jungs zum Weinen bringt, gehe zu NR. 8. Wenn du dich für die Marke des Taxis interessierst, gehe zu NR. 19. Wenn dir die Gefahren von Extremsportarten bekannt sind, gehe zu NR. 25. Wenn dich Nervosität einschüchtert, gehe zu NR. 22. Wenn du mehr über die tragische Entwicklung im Leben des Taxifahrers erfahren willst, gehe zu NR. 16. Wenn du am liebsten nach Hause ins Bett möchtest, gehe zu NR. 34. Wenn du erfahren möchtest, wie die Frau dafür sorgt, dass sie etwas erlebt, gehe zu NR. 36. Wenn du eine Schwäche für glamouröse Geschichten mit bitterem Nachgeschmack hast, gehe zu NR. 30. Wenn du erfahren möchtest, warum der Nervöse derart ner­v ös ist, gehe zu NR. 6. Wenn du ungepflegte Männer irgendwie doch sexy findest, gehe zu NR. 48. Wenn dich glückliche Menschen manchmal aus dem Konzept bringen, gehe zu NR. 51. Wenn du weisst, wie es sich anfühlt, in einen Hundehaufen zu treten, gehe zu NR. 55.

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NR. 01 Ein wütender Drache, der Feuer spuckt! Die Frau ist ver-

wundert: «Was soll der Scheiss?» Der Mann schreit: «Renn um dein Leben oder du wirst es bereuen!» Die Frau springt panisch ins Auto. Der Taxifahrer erklärt der Frau, dass das Zeichen ein Japanischer Fluch sei. JULIA CAPOL WENN DU WISSEN WILLST, OB FRAUEN ODER DRACHEN LAUTER BRÜLLEN KÖNNEN, GEHE ZU NR. 31.

NR. 02 Die Frau mit der Laufmasche versteht nicht. Fisch? Was

meinst du mit Fisch? Der Jugendliche schaute sich um und winkt die Frau näher heran. Er senkt die Stimme und raunt: «Der Fisch ist das Kennwort.» «Ach so.» Die Frau schüttelt den Kopf, der ist doch total high, denkt sie und wendet sich zum Gehen. Sie setzt sich erneut auf ihren Barhocker und beobachtet wieder den Mann in der linken Ecke des Raumes, zu welchem sie eigentlich hatte hinübergehen wollen. Er trägt einen Mantel aus dunkelbraunem Manchesterstoff, die Schuhe passen nicht dazu, dafür das karierte Holzfällerhemd, findet die Frau und betrachtet seine breiten Schultern. Dann nimmt sie wieder ihre Strümpfe mit der Laufmasche unter die Lupe. Sie überlegt, ob sie ihren Nagellack nicht in der Tasche hat, den kirschroten, den könnte sie auf die Laufmasche auftragen und das Schlimmste verhindern, aber der Nagellack ist eben in der anderen Handtasche, der kleinen ledernen, die sie an diesem Abend nicht dabei hat. Was soll’s. HELEN KAUFMANN

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NR. 03 Oh nein, so einfach kommt er mir nicht davon! «Da … da …

das wollte ich doch gar nicht», stammle ich leise und schaue ihn mit traurigen Augen an. Langsam dreht sich der Typ wieder um und sieht mich schweigend an. Ha, die Waffen der Frau! Ich nutze die Zeit, um sein Gesicht genauer zu studieren. Er hat grüne Augen, einen etwas dunkleren Teint und oberhalb des rechten Auges erkenne ich eine feine Narbe. Seine runde Gesichtsform erinnert mich ein wenig an den Vollmond, der diese Nacht am Himmel steht. «Ja, dann ist ja alles in Ordnung», sagt er schliesslich und widmet sich wieder seinem Drink. Komischer Kerl, denke ich mir und bemerke, dass in der Zwischenzeit die drei Jugendlichen wieder von der Toilette zurück sind. Sie setzen sich an einen Tisch in der hinteren Ecke der Bar und diskutieren eifrig. Wenn ich sie doch nur hören könnte. Das Ganze beginnt mich immer mehr zu interessieren. ANNIGNA CARISCH WENN DU ENDLICH ERFAHREN MÖCHTEST, WELCHE DUNKLEN GESCHÄFTE HINTER DEM PYRAMIDEN-WETTBEWERB STECKEN, GEHE ZU NR. 18.

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NR. 04 Sein Herz beginnt wie wild zu pochen. Wie kann es sein,

dass ihm Feuer nichts anhaben kann?! Ein dämonisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Die Möglichkeiten, die sich ihm auftun … Zürich, 12. November 2014. Gestern um 23:56 haben Unbekannte im Kreis 4 einen Sachschaden von über 4 Millionen Franken verursacht. Es ist noch unklar, wie genau der Brand entstanden ist. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Es sind mehrere Restaurants, Geschäfte und Wohnungen davon betroffen, unter anderem die bekannte Rhabarba Bar und sämtliche Taxis, die vor der Bar auf Kundschaft warteten. Es gab dank der schnellen Reaktion der örtlichen Behörden keine Verletzte. Er legt den Zeitungsartikel auf den fettigen Tisch und kratzt sich am Kopf. Wo soll er heute Abend hin? Letzte Nacht ist eine richtige Genugtuung gewesen, endlich hat er es diesen verhassten Taxifahrern heimzahlen können … Doch heute soll es viel, viel grösser sein … Sein Herz zieht sich vor Schmerz zusammen, als er an SIE denkt. Wie war er doch verliebt gewesen, und wie sehr hat es ihn getroffen, als SIE sein Herz brach … Soeben haben wir Neuigkeiten erhalten. Auf der Autobahn A3 Richtung Bern/Basel zwischen Affoltern und dem Limmattaler Kreuz herrscht ein Verkehrschaos. Laut ersten Angaben ist das Auto einer Lernfahrerin explodiert und völlig ausgebrannt. Die Lenkerin (21) und ihr Beifahrer (53) konnten nur noch tot geborgen werden. Bei der darauf folgenden Massenkollision kamen weitere 12 Personen ums Leben und mindestens 4 Personen sind schwer verletzt. Die Rettungskräfte sind jedoch immer noch an

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den Bergungsarbeiten, die Zahl der Toten könne sich laut dem Polizeisprecher um ein Vielfaches erhöhen … So plärrt es aus Fernsehern in der ganzen Schweiz. SOPHIE LÜSSI Start new game on pages 4 and 5

NR. 05 Die Frau wird immer noch vom Käfer verfolgt, als sie

am Himmel oben eine glückliche Frau entdeckt, die Fallschirm springt. Sie fragt sich, wieso eine so glückliche Frau am Abend Fallschirm springt. JULIA BAUMBERGER Start new game on pages 4 and 5

NR. 06 Lautes Geschrei vor der Tür. Die Frau schaut sich um, was

soll dies nun wieder bedeuten? Der nervöse Jugendliche vor der Türe wird immer nervöser – er zuckt! Er hat nervöse Zuckungen! Die Frau hält nun nichts mehr auf ihrem Barhocker, sie geht zu ihm rüber. «Was ist mit dir los?», fragt sie. Er schaut sie ungläubig an. «Was hast du Alter?» fragt sie wiederholt. «Du siehst nicht sehr gesund aus.» Er raunt sie an: «Du hast keine Ahnung was hier läuft, was? Ich sage nur: FISCH!» CARMEN LUZI see next page for sequels 9


WENN DU VON EINER ZIEMLICH INTERESSANTEN VARIANTE EINE LAUFMASCHE ZU VERTUSCHEN ERFAHREN WILLST, GEHE ZU NR. 2. DIE AUFLÖSUNG DES FISCH-MYSTERIUMS LIEST DU BEI NR. 56. WENN DICH BRENNEND INTERESSIERT, OB DIE FRAU DEM NERVÖSEN IN SEINER – WIRKLICH BEÄNGSTIGENDEN – LAGE HELFEN WIRD, GEHE ZU NR. 32

NR. 07 Er sucht nochmals, schaut zu seinen Freunden, wieder zu-

rück in sein Portmonee, tastet seine Jacken- und Hosentaschen ab, durchwühlt nochmals alle Fächer des Portmonees, sucht mit seinem Blick den Boden ab, bemerkt die abgeblätterte Blumentapete an der Wand und blickt schliesslich verwundert zur Polizistin. Er kann es nicht fassen. Die Polizistin erwidert seinen Blick ohne jegliches Mitgefühl. «Ich muss Sie in dem Fall bitten, mit mir auf die Polizeiwache zu kommen.» HELEN KAUFMANN

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NR. 08 Das Taxi fährt langsam an den Rand. Ein schwarzgeklei-

deter Mann steigt aus. Das alles ist so spannend, dass ich sogar für einen kurzen Moment vergessen habe, dass ich eigentlich dringend aufs Klo müsste. Einer der Jungen zeigt auf den Mann. Schnell senken alle den Blick. Stecken die etwa in Schwierigkeiten? Die Jungen tun so, als würde es um Leben und Tod gehen. Eine tiefe Stimme ertönt. «Jungs, schlechte Nachrichten. Den PyramidenWettbewerb habt ihr leider nicht gewonnen.» Dann gehen die drei Jungs schluchzend aufs Klo. GEORGIA SKARLATOS WENN DU WISSEN WILLST, WIE MAN SONDERBARE TYPEN ANMACHEN KANN, GEHE ZU NR. 59.

NR. 09 Sie knallt das leere Bierglas auf den Tresen und hört sich

selbst Worte murmeln. «Schaumschläger, Schürzenjäger» und mer­kt, dass die Worte ihr wohl tun. Sie versucht es etwas lauter: «Lustmolch, Lümmelschwinger!» Das tut ihr unheimlich gut. Er kann es aber nicht gehört haben. Sie hat Lust, lauter zu werden. Sie streicht sich die Haare ins Gesicht und schreit so laut sie kann ins leere Bierglas hinein: «Afterschnüffler, Affenlümmel!» In diesem Moment springt die Türe der Herrentoilette auf. Ein Einbeiniger krückt verlegen heraus und zieht sich im Gehen die Hose hoch. ALEX RICKERT BEI NR. 42 ERWARTET DICH EIN HAUCH VON ROMANTIK.

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WENN DU DAVON ÜBERZEUGT BIST, DASS DER EINBEI­NI­GE ALLES ANDERE ALS EIN UNSCHULDSLAMM IST, GEHE ZU NR. 49.

NR. 10 Ohne diesen Unfall zu beachten, gehen die drei Jugendli­

chen und die drei Männer aufeinander zu. Sobald sie nahe ge­nug bei den Jugendlichen sind, zieht sich der dicke Mann zurück. Seine zwei Bodyguards bauen sich vor ihm auf. Der eine Bodyguard gibt einem der Jugendlichen eine Ohrfeige. Eine ganz be­s timmte Person in der Runde packt das blanke Entsetzen. SIMON HONEGGER WENN EIN ÜBERGROSSER HINTERN UMFALLEN SOLL, GEHE ZU NR. 61.

NR. 11 «Wer hat hier ein Taxi bestellt?», ruft ein junger Mann mit

Kapitänsmütze durch die Tür. Die beiden schauen sich schnell an, er murmelt: «Bienenstich, Bierschäumchen …», hängt sich bei ihr ein und so verlässt das dreibeinige Paar das Lokal. Vor der Tür werden sie aber von den Jugendlichen aufgehalten, der Rothaarige hält den Taxiführer fest, streckt die Kapitänsmütze der Frau entgegen und brüllt sie wütend an: ERIK ALTORFER

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WER JETZT TATSÄCHLICH MIT WEM UNTER DER DECKE STECKT, VERRÄT DIR NR. 58.

NR. 12 Eine Frau und ein Mann, die den Unfall beobachtet haben,

fühlen urplötzlich eine tiefe Verbundenheit. Sie entfernen sich langsam von der auf die Sicherheitsleute zurennenden Gruppe. Sie haben noch kein Wort miteinander gesprochen, schauen sich nur intensiv an. Liebe liegt in der Luft. Die Bienen summen. Wie kann an einem solch schlimmen Ort plötzlich Liebe in der Luft liegen? Niemand kann diese Frage beantworten. Auch Jahre später wissen Julian und Veronika nicht, was in dieser Nacht mit ihnen geschehen ist. Trotzdem sind sie dankbar dafür, was auch immer es gewesen sein mochte! Denn es hat ihnen ihr gemeinsames Leben, ihre sieben Kinder und somit ihr Glück ermöglicht. CARMEN LUZI Start new game on pages 4 and 5

NR. 13 Der Arzt begleitet die Frau nach draussen. «Die Drei lag

in der Toilette», sagt sie, während der Arzt die Tür des Krankenwagens schliesst. Exakt eine Stunde später sitzt die Frau in einem Verhörraum der Polizeiwache auf dem Kanzleiareal. Sie ist eine

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halbe Stunde allein gewesen, bevor die Ermittlerin das Verhörzimmer betritt. Die Kommissarin setzt sich ihr gegenüber an den Tisch. Sie riecht nach verwelkten Blumen. Die Frau erinnert sich, den Duft schon einmal gerochen zu haben. Die Kommissarin beginnt zu sprechen: «Jemand hat Ihnen die Hand auf den Mund gedrückt, als Sie in der Bar um Hilfe schreien wollten, nicht wahr?» Die Frau ist verblüfft. «Ja», antwortet sie, «woher wissen Sie das?» Da beginnt die Kommissarin vom Taxi zu sprechen und erklärt, dass die Männer aus der Bar mittlerweile gefasst seien. Die Frau sagt, sie wäre bereit, auszusagen. Sie habe einiges gesehen. Schliesslich sei ja einer getötet worden. Da erhebt sich die Kommissarin. Sie geht langsam durch das Zimmer, stellt sich hinter den Stuhl, auf dem die Frau sitzt, und sagt, Mord sei ihr Hobby. Die Frau findet die Aussage im ersten Moment vollkommen deplatziert, merkt aber, das Parfüm der Kommissarin in der Nase, wie ihr Magen allmählich in sich zusammenschrumpft und ihr linkes Bein unkontrolliert zu zittern beginnt. ALEX RICKERT Start new game on pages 4 and 5

NR. 14 Endlich kann sie einsteigen. Die Jungs rufen ihr böse Sprü-

che nach, das stört sie jedoch kaum. Sie hat den Wagen nämlich zuerst bestellt, die andern sollen warten. Der Taxifahrer versucht ins Gespräch zu kommen, doch die Frau ist in Gedanken noch immer bei ihrem letzten Kunden. Sie fragt sich, wie es nur so weit hat kommen können. Sie hätte sich nie auf den Deal einlassen dürfen.

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Als er ihr aber das lukrative Angebot machte, konnte sie nicht nein sagen. Leise geht ihr die Migroswerbung durch den Kopf. Sie weiss: «Auch ich bin jung und brauche das Geld.» Drei Besuche bei ihm, drei Taxifahrten voller Ungewissheit, und der Spuk ist wohl für immer vorbei. Dann ist sie diesen Bastard los. Dreimal so tun, als ob es ihr auch gefallen würde. Dreimal muss sie sich noch bestrafen. Dann nichts wie weg. Fort mit dem Geld. Zurück zu ihrer Familie – das wünscht sie sich schon lange. Sie träumt davon, wieder einmal lachend durch die Strassen von Paris zu gehen. Diese Unbeschwertheit hat sie schon länger verloren. «Wie genau heisst die Strassennummer?», möchte der Taxifahrer wissen. Das muss die Frau zuerst nachschauen. Sie zückt ihr Handy und liest die Beschreibung ihres Chefs nach. In der Zurlindenstrasse bei der Nummer 18 beim dritten Baum links. Dort muss sie das Pulver deponieren. Wenn das gut geht, dann wird sie vielleicht für wenige Sekunden wieder ein Lachen im Gesicht haben. ALEXANDRA EDELMANN WENN DU WISSEN WILLST, WELCHE DRAMATISCHE WENDUNG DIE GESCHICHTE NIMMT, GEHE ZU NR. 50.

NR. 15 Diese legt sich erst, als zwei Watchtower-Missionare auf-

tauchen und die aufgebrachten Barbesucher davon überzeugen wollen, dass sowohl der zerschmetterte Fallschirmspringer als auch der zerschmetterte Käfer zum Plan Gottes gehören. Sie bräuchten bloss wie Schafe zu blöken und auf Gott, den grossen Hirten, zu vertrauen.

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Aber solche Worte kommen in der Rhabarba Bar überhaupt nicht gut an. Die drei Jugendlichen und die drei Männer werden gleichzeitig von einer unerklärlich starken Wut auf die weisshemdigen Missionare erfasst und zerschmettern sie mit ihren Fäusten und Schuhen, als wären sie Mistkäfer. KARIN WEIBEL

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NR. 16 Er ist so wütend, man könnte es die Wut des Feuers nen-

nen. Der Taxifahrer regt sich sehr auf. Der Grund ist, dass der Taxifahrer nun stundenlang gewartet hat, dass jemand bei ihm einsteigt, und kaum kommt ein anderes Taxi, steigen dort drei Leute ein. Das ist sehr ärgerlich, denn der arme Kerl hat seit langem keinen Gewinn mehr gemacht. Niemand steigt bei ihm ein. Ist sein Auto schuld? Der Arme muss sich die ganze Zeit solche Niederlagen gefallen lassen und hat knapp Geld für das Benzin. Nun ist er so wütend, dass er mit stark überhöhter Geschwindigkeit davonfährt. Doch dadurch wird sein Unglück noch grösser, denn auf einmal hört er, wie sein Motor den Geist aufgibt. Als er nachschauen will, sieht er nur noch Feuer … IHAB FARHAT WENN DU SCHARF DRAUF BIST ZU ERFAHREN, WAS DER UNFALL BEI DEN SCHAULUSTIGEN AUF DER STRASSE AUSLÖST, GEHE ZU NR. 23.

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WENN DICH BRENNEND INTERESSIERT, WELCHE UNGEAHNTEN FÄHIGKEITEN DER TAXIFAHRER PLÖTZLICH AN SICH ENTDECKT, GEHE ZU NR. 28.

NR. 17 Der wütende Mann ist mein Vater, der fuchsteufelswild

hinter der Biene herrennt, um sie mit einer gigantischen Bibel zu zerquetschen. Genau zwischen den Seiten der Genesis. Wenn ich über die Schultern zurückblicke, kann ich ein paar Zeilen wiedererkennen. Der Sündenfall. «Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben; sondern Gott weiss, dass, welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.» Ich schaue wieder nach vorne, renne unbeirrt weiter. Fröhlich kichernd. Lachend. Für mich ist es ein Spiel. Wir spielen Fangen, die Biene, mein Vater und ich. Doch das Summen wird lauter. Die Biene kommt näher. Mein Vater auch, ebenfalls lachend. Doch ist sein Lachen nicht fröhlich, vielmehr ein irres Gelächter, das in meinen Ohren hallt, mich betäubt. Nun bekomme ich es mit der Angst zu tun, renne schneller. Das Gelächter schwillt an, wird hysterisch und verschluckt das Summen vollends. Ich renne noch schneller, noch schneller, noch schneller. Doch was ich sehe, als ich nochmals zurückschaue, lässt meinen Atem stocken. Nicht nur das Summen ist verschwunden, sondern auch die Biene, an deren Stelle mich nun ein Schaf verfolgt. Ein Schaf, dessen gefletschte Zähne von eitergelbem Schaum bedeckt sind und Augen,

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ja Augen hat das Schaf, so abgrundtief dunkel wie die Tore zur Hölle. Oder ist es doch ein Wolf, ein Wolf im Schafspelz? Erst jetzt bemerke ich, dass … GABRIEL MATEOS WENN DU DER MEINUNG BIST, DASS MAN SICH IMMER ZWEIMAL IM LEBEN SIEHT, GEHE ZU NR. 60.

NR. 18 Ich verlasse meinen Platz an der Bar und setze mich an

einen freien Tisch neben den Jungs. Den Typen an der Bar scheint mein Platzwechsel nicht weiter zu interessieren, worüber ich nicht unglücklich bin. Denn das oberste Gebot einer Detektivin war es schon immer, unauffällig zu sein. Ich widme mich wieder meiner Laufmasche und versuche dabei zu verstehen, worüber die drei Jungs sprechen. Hinüberzugehen zu meinem Ex-Lover, wie ich es vorhin noch überlegt habe, interessiert mich im Moment gar nicht mehr. Hobby-Detektivin zu sein ist gerade viel spannender. «Gopferdeckel, so dumm kann man ja nicht sein, ich fass es einfach nicht! Wie konntest du nur Heissleim benutzen, um die einzelnen Teile zusammenzukleben? Ist ja logisch, dass es das bei den alten Ägyptern noch nicht gab!» Der grösste der drei Jungs gibt hier offensichtlich den Ton ist. «Wirklich saudumm! So ein Kack, Mann!», blökt der Zweite, den ich in meinen Gedanken schon Schaf genannt habe, dem Grossen hinterher. Der Grosse sagt wütend zum dritten Jugendlichen: «So gewinnen wir diesen Scheiss-Wettbewerb nie und nimmer, wir können uns das nicht mehr erlauben. Die Kohle, die ich von meinem Alten für die Unternehmung gepumpt habe, ist fast

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weg …» Der dritte der Jungs schaut auf den Tisch, wie ich bei ei­ nem unauffälligen Blick an den Nebentisch sehe. Unauffällig, so denke ich – aber: «Hey Alte, was glotzt du die ganze Zeit so? Nichts Span­nendes in deinem Leben? Kümmere dich um deinen eigenen Scheiss!» Ich erröte. «Nein, ich, ich wollte nicht schauen, sorry …», stammle ich. «Ich habe etwas überlegt …» «Aha, überlegt … Ich würde auch überlegen an deiner Stelle, sonst bist du nachher nicht mehr rot, sondern blau.» Der Grosse will mich wohl einschüchtern. In diesem Moment sehe ich, was das Schaf unter dem Tisch hält – etwas Goldenes, sieht irgendwie antik aus … Ich nehme all meinen Mut zusammen, stehe von meinem Stuhl auf und stolpere auf meinen überhohen Stilettos, die ich glücklicherweise für heute Abend angezogen habe, in Richtung des Schafes. Beim Fallen halte ich mich am Stuhl des Schafes fest, ziehe ihn nach hinten – geschafft, er kippt. Schnell schaue ich, was das Schaf in der Hand hält. Eine Pharaonenmaske …! Aha, jetzt beginnt es mir zu dämmern. Was es nicht alles für Wettbewerbe gibt … Schnell stehe ich auf, murmle eine Entschuldigung und verlasse die Bar so rasch wie möglich in Richtung des nächsten Polizeipostens. Das wird die bestimmt interessieren … KARIN WEIBEL Start new game on pages 4 and 5

NR. 19 Das Taxi ist ein alter Käfer, der laut knattert. Die Jugend-

lichen erschrecken und rennen plötzlich weg. Die Frau wird im-

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mer trauriger und trauriger und geht weinend dem Strassenrand entlang. Sie hat wohl zu tief ins Glas geschaut und erinnert sich kaum noch an ihren Heimweg. Als sie plötzlich ein Knattern hört, merkt sie, dass ein Käfer sie verfolgt. JULIA CAPOL WENN DU AUSGESPROCHEN MERKWÜRDIGE WETTERVERHÄLTNISSE ERLEBEN MÖCHTEST, GEHE ZU NR. 53. WENN DU SCHREIEN FÜR EINE ANGEBRACHTE REAKTION AUF UNHEIMLICHE EREIGNISSE HÄLTST, GEHE ZU NR. 24. WENN FALLSCHIRMSPRINGER DICH ABLENKEN SOLLEN, GEHE ZU NR. 5.

NR. 20 Da kommt alles wieder in ihr hoch. Wie sie ihn verfluchte,

als er mit seiner Lupe Ameisen im Sonnenlicht versengte. («Sechsbeiner-Brater! Ameisenattentäter!») Wie sie ihre WWF-Mitgliedschaft aus Liebe zu ihm kündete. Und doch ist es das Verbotene, das ihn für sie so anziehend macht. Es macht sie einfach geil, ihm zuzuschauen, wie ihm die Sauce aus dem Burger auf seinen Schoss tropft. MARCEL FLÜTSCH BEI NR. 11 KOMMT MAL WIEDER ALLES ANDERS ALS GEDACHT.

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NR. 21 Die Frau brüllt, der Drachen faucht, der Motor heult.

«Fauliger Gestank der Freiheit», schreit der Taxifahrer euphorisch. Die Frau zeigt freudig auf die emporsteigenden grünen Dämpfe des Kamiamaiaflusses. Im selben Moment speit der Drache sein Feuer so weit er kann, setzt die Dämpfe in Brand und mit einer riesigen Explosion wird die Brücke in die Luft gejagt, das Taxi durch die Luft geschleudert und die beiden Insassen knusprig goldbraun gebraten. Dem Drachen steigen die Tränen in die Augen vor lauter Vorfreude auf sein Festmahl. MARCEL FLÜTSCH Start new game on pages 4 and 5

NR. 22 Aus dem Taxi steigt ein Junge aus. Er wirkt wütend, aber

auch ängstlich. Als hätte er eine Bank ausgeraubt! Ich kriege ein bisschen Angst. Der Junge, der nervös wirkt, wird noch nervöser und ängstlicher. Langsam wirkt es komisch, dieser Mann steht seit gefühlten drei Minuten da. Er bewegt sich in unsere Richtung und biegt, kurz bevor er da ist, stark nach rechts zu diesen Jungs ab. Der nervöse Junge ist kurz davor, loszuheulen! Er stupst einen der anderen Jungs an, dieser schaut ihn zuerst komisch an. Dann bemerkt er den Mann mit der langen Regenjacke und beginnt, schnell zu sprechen. ILIR BILJALI WENN DU MÖCHTEST, DASS DER ÄNGSTLICHE JUNGE NICHT NUR DIE NERVEN VERLIERT, GEHE ZU NR. 62.

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NR. 23  … der ganze Wagen brennt und der Taxifahrer bekommt

Angst. Er stemmt sich gegen die Autotür, aber sie will nicht aufgehen. Jetzt bekommt er es richtig mit der Angst zu tun. Er probiert alles, aber die Tür will nicht aufgehen. Dann erschüttert ihn eine riesige Explosion, und er spürt nichts mehr. Die Menschen auf der Strasse haben alles gesehen, können aber nichts machen. Sie haben die Feuerwehr schon lange gerufen, aber die kommen ja wie immer zu spät, um noch irgendetwas zu retten. Ein paar Frauen und Männern laufen Tränen über die Wangen. Erst danach kommen die Polizei und die Feuerwehr. MANUEL HONEGGER WENN DU WISSEN MÖCHTEST, WIE DES EINEN UNGLÜCK DER ANDEREN GROSSES GLÜCK BEDEUTEN KANN, GEHE ZU NR. 12.

NR. 24 Als der Käfer endlich vorbei fährt, kann sie wieder atmen.

Für einen Moment hat sie gedacht, dass irgendjemand sie verfolgen wollte. Dann taucht ein roter Fussabdruck wie aus dem Nichts vor ihr auf dem Asphalt auf. Als sie das sieht, schreit sie ihre ganze Angst aus sich heraus, denn … IHAB FARHAT WENN DAS GESCHREI IN EINE FLUCHT MÜNDEN SOLL, GEHE ZU NR. 27.

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NR. 25 Das Taxi hat getönte Scheiben und ist auch sonst gänzlich

schwarz. Die Verwunderung ist gross, als aus dem Taxi ein rundlicher Mann aussteigen will, aber nicht richtig raus kommt, weil die Tür klemmt. Er kommt erst raus, als ihm zwei breite, nicht besonders friedlich aussehende Männer mit grossen Sonnenbrillen helfen. Die Schlange vor der Herrentoilette hebt sich schnell auf, als die Menschen merken, dass die drei Männer auf dem Weg zur Toilette sind. Die drei Jugendlichen bleiben aber wie angewurzelt stehen und schauen die drei Männer böse an. Die Männer bleiben stehen und funkeln die Jugendlichen an. 20 Sekunden passiert gar nichts, plötzlich ertönt ein lauter Knall und vor dem Haus liegt ein zerschmetterter Fallschirmspringer. MANUEL HONEGGER WENN DU OHRFEIGEN FÜR EINE GUTE ERZIEHUNGSMASSNAHME HÄLTST, GEHE ZU NR. 10.

NR. 26 «Ist das Ihre Kreditkarte?»

«Bin ich tot?» «Könnte ja sein!» «Halt die Fresse!» «Wer sagt das?», fragt die Polizistin. Marcel springt von hinten in die Zweierrunde, reisst der Polizistin die Kreditkarte aus der Hand, faucht und steckt sie sich in den Mund. «Da ist noch was drauf!», freut sich die Polizistin und steckt die Hunderternoten ein.

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«Ist das jetzt Bestechung?», fragt Yodit. «Sind Sie tot?», will die Polizistin von Yodit wissen. Während sie das fragt, schaut sie Marcel in die Augen, die Pupillen sind weg. Sie hört Marcel noch sagen: «Jetzt sind Sie tot.» «Warum ich?», kann die Polizistin noch denken und sich wundern, warum sie sich gerade das fragt. Dann wird sie vom Erdboden verschluckt, ins Untote, in die Zwischenwelt. MICHAEL SASDI

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NR. 27 … das hat sie bei ihrem Psychotherapeuten gelernt. Das

soll helfen. Eigentlich. Heute zeigt es irgendwie keine Wirkung. Die Frau schreit. Dann schreit sie nochmals. Aber sie hat immer noch Angst. Der Fussabdruck ist vorhin plötzlich genau vor ihr auf dem Trottoir aufgetaucht, mit frischer roter Farbe, als würde jemand dem Teer einen Stempel aufdrücken, nur dass da kein Jemand ist. Wenn schreien nicht hilft, so muss sie so schnell wie möglich weg von hier, beschliesst sie. Sie rennt, was nicht ganz leicht ist, so besoffen wie sie ist. Nachdem sie sich so torkelnd das dritte Mal den linken Fuss verknackst hat, zieht sie sich ihre hohen Hacken von den Füssen und schmeisst sie die Böschung hinunter. Endlich, das Laufen geht nun viel leichter, sie fühlt sich leicht wie schon lange nicht mehr. Sie rennt, so schnell sie kann und schert sich nicht um ihre Strümpfe, die nun nicht mehr

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bloss eine Laufmasche haben, sondern aus mehr Löchern als Strümpfen bestehen. Die Frau beschliesst nochmals zu schreien. Vielleicht hilft es ja jetzt. Sie schreit wie eine Wahnsinnige und tatsächlich, die Angst verfliegt. Als wäre sie in einen Fallschirm hineingepackt worden, dessen Auslöser sie nun gedrückt und der sich von ihr gelöst hat. Ein breites Lachen breitet sich auf ihrem Gesicht aus. So unbeschwert hat sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Plötzlich merkt sie, dass sie tatsächlich einen Rucksack trägt. Einen Fallschirmrucksack, eindeutig … Unter ihr rauschen die Nachtzüge. Hardbrücke. Ob sie den Fallschirm mal ausprobieren sollte? KARIN WEIBEL

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NR. 28 Er legt seine Hand ganz langsam ins Feuer und bemerkt

rasch, dass ihm das Feuer nicht weh tut, Verbrennungen sind auch nicht zu sehen! Um ehrlich zu sein, er mag es, sehr sogar! Er hält die Hand so lange ins Feuer, bis die Feuerwehr kommt. Die Feuerwehrmänner sagen ihm, er solle bis zu der Brücke hinüber laufen. Während er dort sitzt, wird ihm langweilig. Er zündet ein Zündhölzchen an und hält es unter seine Hand. Ihm wird sehr schnell klar, dass er die Wärme sehr mag, nein! Er liebt sie sogar! ILIR BILJALI

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WENN DU HERAUSFINDEN MÖCHTEST, WIE DER TAXIFAHRER VON SEINER NEUEN FÄHIGKEIT ZUM BÖSEN VERLEITET WIRD UND WELCHE FOLGEN DAS HAT, GEHE ZU NR. 4.

NR. 29 Die Menschen vor der Herrentoilette weichen schlagartig

auseinander und starren auf die tote Laufmaschenfrau, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Holzboden liegt. Der linke Arm ist merkwürdig verdreht, der Mund leicht geöffnet, die Augen weit aufgerissen. Die Leute wissen nicht, was tun, einige stehen wie erstarrt, anderen entweicht ein Schrei, jemand lacht und nach einiger Zeit ruft endlich jemand die Ambulanz. Der Mann auf der Toilette bekommt von all dem nichts mit. Er ist gerade dabei, mit der WC-Bürste seine Kreditkarte aus der Toilette zu fischen. Er unterdrückt einen Fluch, als es ihm schon wieder nicht gelingt. HELEN KAUFMANN WENN DU VON ROMEO & JULIA - STORIES NICHT GENUG BEKOMMEN KANNST, GEHE ZU NR. 37.

NR. 30 Wahrscheinlich hätte die Aufmerksamkeit nahezu der

ganzen Bar dem vorfahrenden Taxi gehört (aus dem übrigens der angesehene Fernsehmoderator Guido Gans steigt, der gar nicht erfreut über die durch die folgenden Ereignisse ausblei-

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bende Begeisterung ist), doch in dem Moment dröhnt es in der Herrentoilette los. «Herrgottsakra!», flucht eine wütende Männerstimme. Es folgt ein Gepolter, das den Schock der Barbesucher in eine Mischung aus Unbehagen, Neugier und Besorgnis verwandelt. Plötzlich springt die Tür der Herrentoilette auf und ein junger Mann, der einen zerfetzten Anzug trägt, stürzt heraus. Nun ist die Flucht aus einer mehr oder weniger öffentlichen Toilette auch dann relativ beunruhigend, wenn man dabei intakte Kleider trägt, besagter Mann übertrifft die Absurdität der Situation aber noch – seine nackten Füsse hinterlassen zum Schrecken aller Anwesenden blutige Spuren am Boden. Laufmaschen und Taxis sind komplett vergessen, selbst Guido Gans betrachtet den immer noch stinksauer schimpfenden Toilettenbesucher, der seinen Beobachtern keinerlei Aufmerksamkeit schenkt. Ausgerechnet Guido Gans ist es, der sich schliesslich dazu entscheidet, die Initiative zu ergreifen. «Jetzt ist aber mal gut», versucht er den Fluchenden zu beruhigen. «Setzen Sie sich erst mal. Was ist denn passiert?» LUKAS RAMSEIER WENN DU ERFAHREN WILLST, WIE MAN FRAUENHERZEN EROBERT UND MÄNNERSEELEN ERZÜRNT, GEHE ZU NR. 43.

NR. 31 «Na worauf warten Sie dann noch!» schimpft die Frau auf-

gebracht. Sie springt auf den Beifahrersitz und fasst dem Fahrer zwischen die Beine, um am Schlüssel zu drehen. «Fahren Sie, oder

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fahre ich?», entfährt es dem Fahrer in unfreundlichem Ton. Die hysterische Frau regt ihn mehr auf als der feuerspeiende Drache, der unmittelbar hinter dem Wagen das dritte Gebäude abfackelt. «Fahren Sie!», brüllt die Frau mit hoher schneidender Stimme und der Taxifahrer hat keine Lust mehr loszufahren. Doch da er weiss, dass ihm die Versicherung kaum einen Drachenschaden rückerstatten wird, tritt er aufs Gas. Daraufhin hebt der Drache den Kopf, sein Jagdinstinkt ist geweckt. Brüllend und feuerspeiend nimmt er die Verfolgung auf. Die Frau auf dem Beifahrersitz kann hinsichtlich der Lautstärke mithalten. Die Ohren des Taxifahrers dröhnen, das Gebrüll füllt seinen Kopf. Er versucht die Brücke am Ostrand der Stadt zu erreichen, weil er hofft, dass ihm der Drache nicht über den faulenden Kamiamaiafluss folgen würde. JULIA RIETZE WENN KNUSPRIG GOLDBRAUN GEBRATENE FAHRGÄSTE DEINEN APPETIT ANREGEN, DANN GEHE ZU NR. 21.

NR. 32 Die Frau schaut ihn erschrocken an, da der Jugendliche

sie mit seinem festen Blick so ernst fixiert, dass ihr so unheimlich zumute wird, dass sich ihre Nackenhaare aufstellen. Der Jugendliche packt die Frau am Arm und zieht sie grob zur Seite. «Mein Name ist Pedro. Und mein Freund ist ein Fisch. Weil ich ihn kaltgemacht habe. Kalt wie der Fisch auf dem Fischmarkt. Zappelt kein bisschen mehr. Und du wirst mir helfen, ihn zu beseitigen!» – «Lieber wäre ich am Schäfchen zählen, statt deinen

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Scheissgeschichten zuzuhören.» MARCEL FLÜTSCH STICHT DER NERVÖSE WIRKLICH ZU? BLANKE NERVEN BEI NR. 40. WENN DU WISSEN WILLST, WARUM DAS WOCHENENDE DER FRAU SO RICHTIG ÜBEL WIRD, GEHE ZU NR. 47.

NR. 33 Nach dieser sonderbaren Aktion geht er ohne einen Laut

von sich zu geben in die Bar. Dort bestellt er einen doppelten Whisky, streift sich die Nase am Ärmel seines Hemdes ab und setzt sich auf einen Barhocker. Die Frau wendet sich von ihrer Laufmasche ab und blickt ihn anerkennend an. Der Jugendliche mit der Hundescheisse im Gesicht rennt fluchend in die Herrentoilette und verriegelt die Tür. HELEN KAUFMANN Start new game on pages 4 and 5

NR. 34 Der Junge steigt ins Taxi und der Wagen fährt los. Die

Frau fragt sich, was mit diesem Jungen bloss los ist, steigt in den nächsten Bus und fährt nach Hause, um zu schlafen. Als sie zuhause ankommt, zieht sie ihren Pyjama an und geht mit einem

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komischen Gefühl ins Bett. Als sie eingeschlafen ist, hat sie einen Albtraum von einem wütenden Mann, der sie umbringen will. RILIND ZHITIU WENN INSEKTEN FÜR DICH EINEN DURCHAUS INTERES­ SANTEN TRAUMINHALT DARSTELLEN, GEHE ZU NR. 38. WENN DU KEINE ANGST VOR BLUTRÜNSTIGEN MÄRCHEN­ GESTALTEN HAST, GEHE ZU NR. 35.

NR. 35 Ihr Albtraum wird immer schlimmer und schlimmer. Es

kom­mt plötzlich ein Mann mit einer Maske und dem Körper von Schnee­w ittchen. Und das Gesicht ist voller Blut! Sie wacht auf und schreit, ihre Kleidung ist vollgeschwitzt. Noch nie war sie so schockiert wie von diesem Traum. Nachdem sie sich wieder etwas beruhigt hat, denkt sie nochmal an ihren Barbesuch. Sie kommt zum Schluss, in Zukunft besser nicht mehr zu viel Alkohol vor dem Schlafengehen zu trinken – es könnten seltsame Gestalten erscheinen. JULIA CAPOL

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NR. 36 In leicht angetrunkenem Zustand marschiert die Frau in

Richtung Toilette, steuert dabei auf den grössten Mann zu und spricht diesen an. Worum es geht, will ihr der adrett gekleidete Hipster nicht beantworten. Sie möchte sich aber ohnehin nicht weiter mit belanglosen Fragen beschäftigen und entscheidet kurzerhand, das Lokal zu verlassen. Es sei zudem schon spät und die Frühschicht würde ja bereits um sechs beginnen, redet sie sich ein. Mittlerweile hat es zu regnen begonnen und die Strasse ist voller Menschen, die sich hektisch den Weg ins Trockene erkämpfen. Vor dem Lokal haben sich Jugendliche versammelt. Die Frau raucht vor der Bar noch eine Zigarette und lauscht dem Gespräch der Jungs, in der Hoffnung noch etwas über das Mysterium auf der Herrentoilette zu erfahren. Einer der Jungs beginnt heftig zu weinen. Einige Sekunden später fährt ein Taxi vor und der weinende Junge steigt ein. Der Taxifahrer muss neu im Geschäft sein, da ein Lernfahrer-Symbol aufgeklebt ist. Die Frau begräbt die Hoffnung, an diesem Abend noch etwas Spannendes zu erleben. Bis sie das Gesicht des vorbeifahrenden Taxifahrers erkennt … SELWYN MAHER HEILT DIE ZEIT ALLE WUNDEN? DIE ANTWORT FINDEST DU BEI NR. 46.

NR. 37 Beim fünften (gefühlt fünfhundertsten) Versuch klappt

es endlich. Mit einem entnervten Seufzer wischt der Mann seine

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Kreditkarte so gut es geht mit Toilettenpapier trocken und steckt sie wieder in seine Brieftasche. Er hofft, dass er sie nicht bereits zu lange hat warten lassen. Schon den ganzen Abend wirkt sie relativ frustriert, weshalb sie ein rüdes Verhalten seinerseits wohl nicht unbedingt mit eroti­schen Gefälligkeiten quittieren würde. Er lässt sich abermals durch den Kopf gehen, wie sie vorhin andauernd ihre Laufmasche untersucht hat und hofft, dass es sich dabei nicht um den verzweifelten Versuch gehandelt hat, ihn zu ignorieren. Immerhin gibt er sich alle Mühe, auf sie den gleichen Eindruck zu erwecken, den sie schon seit ihrem ersten Aufeinandertreffen auf ihn macht. Nach einem kurzen Kopfschütteln versucht er, sich durch die Schmetterlinge in seinem Bauch nicht ganz verrückt machen zu lassen und ruft sich nochmal die Tipps ins Gedächtnis, die er noch diesen Nachmittag in einem Dating-Ratgeber gelesen hat: 1. Bleib du selbst. 2. Bleib cool. 3. Wenn du nicht cool bist, bleib keinesfalls du selbst. Er spürt die eigene Coolness bis in die Zehenspitzen, atmet tief durch und verlässt schliesslich die Toilette, bereit, seiner geliebten Laufmaschenfrau weiterhin den Hof zu machen. LUKAS RAMSEIER WENN DU WEITERHIN BEI DER UMSETZUNG DER DATINGRATSCHLÄGE DABEI SEIN WILLST, GEHE ZU NR. 41.

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NR. 38 In diesem Albtraum geht es um eine Biene, die einen glück-

lichen Jungen verfolgt. Der Junge bin ich. JULIA BAUMBERGER WENN DIE BIBEL FÜR DICH KEIN VERSCHLOSSENES BUCH IST, GEHE ZU NR. 17.

NR. 39 Die Barbesucher tuscheln: «War das Gans?», «Ist ihm wo-

möglich etwas zugestossen?», «War der Schrei gar von ihm?» Die Gäste lauschen angespannt, um ja nichts von dieser makabre Horrorshow zu verpassen. Auf einmal gibt es ein riesiges Getöse, es rumpelt und kracht und knallt, bis plötzlich – Stille. Die Besucher schauen sich gegenseitig mit grossen Augen an, doch niemand traut sich auch nur ein Wort zu sprechen. Obwohl alle schon mucksmäuschenstill sind, bedeutet die Laufmaschenfrau allen anderen mit erhobenem Zeigefinger, still zu sein. Sie scheint etwas zu hören. «Tap. Tap. Tap.», tönt es aus der Herrentoilette. Langsam kommt ein grosser Schatten um die Ecke und gleich dahinter ein kleiner Junge, der einen blutverschmierten Teddybären hinter sich nachschleift. MARCEL FLÜTSCH WENN DU DIR SORGEN UM GUIDO GANS MACHST, GEHE ZU NR. 54.

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NR. 40 Nach dieser Aussage dreht Pedro vollends durch. Plötz-

lich zückt er ein Klappmesser und hält es der Laufmaschenfrau unter das Kinn. «Hee da hat jemand ein Messer!» kreischt die aufgetakelte Servierdüse, die die Szenerie hinter der Bar beobachtet hat. Ihre Kollegin lässt vor Schreck zwei Biergläser fallen, die sie abtrocknet. Ein betrunkener Mann, der gerade auf dem Weg zum Ausgang ist, rutscht darauf aus und bleibt halb lachend, halb heulend am Boden liegen. Zwei verängstigte Mädchen drängen gleichzeitig zum Ausgang, wanken in ihren hohen Schuhen und versuchen sich einen Weg durch die Menge und vorbei am auf dem Boden liegenden Betrunkenen zu bahnen. Aus den Lautsprechern der Bar erklingt spanische Gitarrenmusik. Während eines fulminanten Solos der Sängerin sticht Pedro zu. Und tanzt mit der blutenden Laufmaschenfrau Flamenco. HELEN KAUFMANN

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NR. 41 Er blickt noch ein letztes Mal im Vorbeigehen in den Spie-

gel im Gang, fährt sich mit den Händen durch das kurze Haar, setzt einen – so gut es der Situation entsprechend geht – coolen Blick auf und betritt wieder die Bar. Er ist jetzt guten Mutes, dass er seine Angebetete heute trotz des langen Aufenthalts auf der Toilette überzeugen und die Nacht nicht alleine verbringen wird.

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Vorsorglicherweise hat er nämlich schon sein Bett mit neuer Bettwäsche bezogen: Ein Bettanzug in Regenbogenfarben ist das Passendste gewesen, das er in seinem Schrank gefunden hat. Noch ganz in Gedanken versunken öffnet er nun die Tür zur Bar und stösst dabei auf eine aufgeregte Menschenmenge, die sich um einen reglosen Körper schart. HELEN KAUFMANN WENN DU WISSEN WILLST, UM WEN ES SICH BEI DER LEICHE HANDELT UND DEN PROTAGONISTEN VON EINER NEUEN SEITE KENNEN LERNEN WILLST, GEHE ZU NR. 57.

NR. 42 Er ignoriert die spotterfüllten Blicke so gut es geht und

hinkt weiter. Sie hingegen ist gerade dabei, ein lusterfülltes «Knackwurst! Kackbratze!» zu formulieren, als der Einbeinige ihr ins Wort fällt. «Beruhig dich, Süsse, ich bin ja hier.» Sie stoppt ihre kreativen Verbalergüsse, schmunzelt und drückt ihm einen sanften Kuss auf die Wange. Ihr ist klar, dass sie in den Augen der meisten Anwesenden das groteskeste Paar der Welt darstellen, was ihr aber richtig egal ist. Während sie seine Hand streichelt (und in Gedanken wie beiläufig ein «Schnitzelbrot! Schniedelwutz!» formuliert), denkt sie an ihr gestriges Picknick im Schatten der Tannen. LUKAS RAMSEIER MEHR ÜBER DIE OBSZÖNEN HINTERGRÜNDE IHRER BEZIEHUNG ERFÄHRST DU UNTER NR. 20.

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NR. 43 «Was ist denn passiert?», fragt Guido Gans, «Was pas-

siert ist? WAS PASSIERT IST wollen Sie wissen?», schreit der Toilettenflüchtling lautstark. «Gehen Sie doch selbst in die Toilette! Ich habe jedenfalls genug davon! Das muss ich mir doch nicht bieten lassen!» Aufgebracht versucht er seinen derangierten Anzug gerade zu rücken. «Nicht mit mir!», sagt der Anzugträger. «Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben! Ich bin immerhin …», aber er scheint seine Energie nicht mehr verschwenden zu wollen und bricht den angefangenen Satz ab. Die Laufmaschenfrau wirkt plötzlich interessiert: «Wer könnte dieser Mann sein?», denkt sie. «Ein Date, mit einem wichtigen, berühmten, reichen Mann – warum nicht?» Ihre Gedanken werden jedoch vom Zuschlagen der Türe unterbrochen, der eventuell wichtige Anzugträger hat die Bar verlassen. «Schade», sagt sie leise vor sich hin. Nun zieht jedoch Guido Gans die ganze Aufmerksamkeit auf sich. «Das ist also wirklich unerhört! Weiss hier überhaupt jemand wer ich bin?», fragt er wütend in die Runde. Er hat sonst je­­­gliche Aufmerksamkeit anderer Leute auf sich gerichtet und fühlt sich sichtlich unwohl als Unscheinbarer. Die Blicke werden auf ihn gerichtet und die Barbesucher erkennen nun langsam den berühmten Fernsehmoderatoren. Er fühlt sich bereits wieder geschmeidiger in seiner Haut. Die einen rufen sogar seinen Namen: «Guido Gans, das sind ja Sie!» Nun beginnt er zu lächeln und seine Augen funkeln. «So, dann will ich nun mal in der Toilette nach dem Rechten sehen», posaunt er stolz und verschwindet dann auch darin. Die Ausgangfreudigen, Trinker, Jugendlichen und restlichen Bargäste sind still, keiner macht einen Mucks. Aufregung und Nervosität machen sich breit: «Was geschieht nun?», geistert es in ihren Köpfen umher. Stille also, bis ein lautes, schrilles Lachen aus der Toilette dröhnt. CARMEN LUZI

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WENN DU WISSEN WILLST, WAS IN DER TOILETTE WIR­­KLICH GESCHEHEN IST UND KEINE ANGST VOR UNERWAR­T ETEN GÄSTEN HAST, LIES WEITER BEI NR. 39.

NR. 44 Der Regenjackenträger hat sich seit dem Faustschlag

nicht mehr bewegt. Er steht einfach da, seine Augen sind weit aufgerissen und die Lippen so fest zusammengepresst, dass sein Mund nur noch einen schmalen Spalt bildet. Aus dem Spalt tropft es dunkelrot in den Fussabdruck am Boden. Die anderen Jugendlichen blicken einander angespannt an. Sie wissen, dass Mirko mit seiner Flucht die einzig richtige Entscheidung getroffen hat. Sie rennen gleichzeitig los und springen in den violetten Fiat am Strassenrand. Christian, der am Steuer sitzt, rammt erst den VW Golf hinter sich und verliert den rechten Seitenspiegel, dann an dem dunkelblauen Mercedes, der vor ihm geparkt hat. Der Motor heult laut, während er im ersten Gang mit Vollgas die Strasse entlang fährt. Die Panik ist unnötig, das Herz des Regenjackenträgers hat längst aufgehört zu schlagen. JULIA RIETZE

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NR. 45 Marcel, der eben noch verängstigt gewirkt hat, kriegt ei-

nen Lachflash. «Scheisse, ich fang an Zombies zu sehen!», prustet er los. Jetzt wirken Timon und Yodit unsicher. Während Yodit noch überlegt, schreit Timon: «Nee, verdammt! Die war echt! Echt tot.» Marcels Mund wird schmal, er hat die Augen weit aufgerissen. Timon ist fasziniert von Marcels Augen, die praktisch nur noch aus der Schwärze seiner Pupillen bestehen. «Hat sie dich berührt? Bei dir fängt es auch schon an. Oder haben die uns was von dieser Zombiedroge untergemischt? Die, mit der sich deine Haut wie bei einer Schlange abschält», bemerkt Timon halb fasziniert und halb schockiert. «Halt die Fresse», antwortet Marcel, der sich nun wieder ganz nüchtern fühlt. «Wo ist Yodit?» Yodit steht zwei Meter entfernt und wird von einem Polizisten befragt. Den toten Körper auf dem Asphalt hat man mit Baustellenband eingezäunt. «Die war echt! Echt tot.», wiederholt sich Timon. Dann will eine Polizistin seinen Ausweis sehen, aber alles, was er im Portmonee findet, ist seine Kreditkarte. JULIA RIETZE WENN DU FINDEST, DIE POLIZISTIN SOLLTE AUFHÖREN, SICH WICHTIG ZU MACHEN, GEHE ZU NR. 26. WENN DU TIMON FÜR ZIEMLICH VERDÄCHTIG HÄLTST, GEHE ZU NR. 7.

NR. 46 «Heeey, du bist doch Mario, oder? Wir waren doch zu-

sammen in der Primarschule. Freut mich total, dich zu sehen. Ver-

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rückt, wie die Zeit vergeht, ist ja schon ewig her … Aber sag mal, wieso um alles in der Welt bist du Taxifahrer geworden?» Mario, der Taxifahrer und wiedergefundene Schulfreund aus Kindertagen, kommt vor lauter Wiedersehensfreude seiner ehemaligen Mitschülerin kaum zu Wort. Er selbst hat sie aber keineswegs in so positiver Erinnerung. Mario kann sich noch gut daran erinnern, wie er ihr in der dritten Klasse einen gefalteten Zettel unter der Bank zugeschoben hatte: Willst du mit mir gehen? Ja, Nein. Zu seiner grossen Enttäuschung kam der Brief nach einer Weile zurück. Darauf stand: Ich habe gewürfelt; gerade Zahlen bedeuten ja, ungerade Zahlen bedeuten nein. Meine Antwort lautet 3. HELEN KAUFMANN

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NR. 47 Eine rasche Handbewegung und plötzlich hält er ihr ein

Klappmesser, eines dieser verdammten illegalen Dinger, unter die Nase. Nervös fixiert sie die Messerspitze, die zwischen ihren Augen in der Luft zittert und beschliesst, die weiteren Sprüche, die ihr auf der Zunge liegen, lieber sein zu lassen. «Komm mit!», befiehlt Pedro mit barscher Stimme. Ihr bleibt nichts anderes übrig als zu gehorchen und ihm Richtung Herrentoilette zu folgen. Niemand scheint zu bemerken, in welcher Notsituation sie sich befindet. Sobald die Tür einen Spalt breit geöffnet ist, schlägt ihr ein grausamer Gestank entgegen: eine Mischung aus Urin,

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Erbrochenem und billigem Zitronenputzmittel. Die Herrentoilette ist erstaunlich schwach beleuchtet, die Wände mit einer potthässlichen Tapete beklebt, die über und über mit sinnlosen EddingNachrichten überzogen ist und sich an unzähligen Stellen von der Wand löst. Der Boden ist braun und … Sie stockt. Vor der einzigen WC-Kabine ist der Fussboden mit roten Fussabdrücken übersät. Pedro öffnet mit einem Ruck die Kabinentür. Was dahinter zum Vorschein kommt, ist kein schöner Anblick. In einer Blutlache liegt ein kleiner brauner Hund. Er ist mit ziemlicher Sicherheit tot. «Ich musste ihn töten. Er war … ich meine … wer hätte es sonst getan? Ich bin nicht … du weisst … ach Bernhard!» Pedro probiert mühsam den Kloss im Hals hinunterzuwürgen, sein Gesicht ist plötzlich tränenüberströmt. «Und du entsorgst ihn jetzt!», schreit er sie an und betonte dabei jedes Wort, indem er mit seinem Klappmesser in der Luft fuchtelt. Sie seufzt schwer. Was für ein Scheisswochenende. DAIA VON PLANTA

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NR. 48 Was die wohl weitergereicht haben? Illegales? Drogen?

Die Leute in der Rhabarba Bar tuscheln hinter vorgehaltenen Händen. Die Frau an der Bar blickt neugierig zur Toilette herüber und überlegt, ob da noch mehr vom Herumgereichten ist. Die drei Jugendlichen verschwinden im Taxi, wobei der Dritte sich weiter angespannt umschaut. Ein ungepflegter Mann mittleren Alters

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nähert sich dem Jungen und flüstert ihm etwas ins Ohr. Der Dritte erstarrt und blickt den Mann panisch an. Die Rhabarba-Gäste schwatzen immer offener. Eine junge Frau fragt laut in den Raum: «Was macht ihr da? Was habt ihr dabei?» Die Bardame schaut zum Telefon und überlegt, ob sie die Polizei rufen soll. Der Dritte löst sich vom Mann und rennt zur Türe hinaus. Er lässt das Taxi links liegen und verschwindet um die Ecke. Die anderen beiden Jungen grinsen sich an. Die Masken sind gefallen. Dann tuscheln sie mit dem Mann und drücken ihm etwas in die Hände. Noch immer schauen sich die Barbesucher neugierig und ratlos an. Die zwei Jungen verschwinden mit Siegermienen im Taxi. Der Mann hängt ruhig an der Bar und bestellt einen doppelten Whisky. Die Frau an der Bar geht auf die Herrentoilette. Die Gäste überlegen weiterhin laut, was das Ganze wohl bedeutet. Aber bald drehen sich die Gespräche schon wieder um andere Dinge. MARTINA FELDMANN

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NR. 49 «Was hast du da drin so lange gemacht?», schreit sie ihn

vorwurfsvoll an. «Nicht vor den Leuten», stottert er verlegen, «ausserdem ist es nicht, wie du denkst.» Er nimmt beide Krücken in eine Hand und legt die andere in ihre. Sie kratzt, ihre Wut nur noch vortäuschend, an ihrer Laufmasche herum. Im nächsten Moment wirft sie ihm einen verliebten Blick zu und sie verlassen

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gemeinsam die Bar. «Nehmt euch ein Zimmer!», raunen ihnen die Jugendlichen vor der Tür hinterher. JULIA RIETZE Start new game on pages 4 and 5

NR. 50 Die Frau zahlt und bittet den Taxifahrer, fünf Minuten zu

war­ten. Ihre Stimme zittert und der Taxifahrer fragt, ob er ir­gend­ wie helfen könne. Die Frau lehnt ab. Sie bereite eine Überraschung für ihren Bruder vor, der heute seinen 30. Geburtstag feiere und seine Geschenke an der Zurlindenstrasse finden solle. Der Taxifahrer nimmt ihr das nicht ab, aber tut so, als würde er ihr glauben und nickt. Die junge Frau steigt aus und läuft zum Baum. Sie nimmt das Pulversäcklein aus der Handtasche und platziert es beim Baum. Sie rennt zurück zum Taxi. Beim Einsteigen packt sie ein vermummter Mann am Kopf und hält ihr den Mund zu. Die Frau versucht sich zu befreien. Der Mann hält eine Pistole in der linken Hand und richtet die Waffe auf den Kopf des Taxifahrers. Er schubst die Frau ins Taxi und setzt sich neben sie, die Waffe am Kopf des Taxichauffeurs. Der Taxifahrer fährt los und schlägt die Richtung ein, die der Mann ihm befiehlt. An einer belebten Strasse drückt der Taxifahrer aufs Gaspedal und rammt einen stehenden Lastwagen. Beim Aufprall fliegt der Taxichauffeur nach vorne und durchbricht die Frontscheibe. Der unbekannte Mann und die Frau bleiben im Auto stecken. In ihren Körpern stecken unzählige Glasscherben. HÜSEYIN UCMAK

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NR. 51 Bevor die Frau in das Taxi einsteigt, sieht sie einen glück-

lichen Mann, der auf den Boden starrt. Sie geht näher heran und entdeckt einen mysteriösen Abdruck. JULIA BAUMBERGER WENN DU MEHR ÜBER JAPANISCHE FLÜCHE ERFAHREN WILLST, GEHE ZU NR. 1.

NR. 52 Die Taxitür öffnet sich. Sie quietscht. Die drei Jugendlichen

sehen vorerst nichts, hören nur das Quietschen. Aus dem Taxi steigt ein Nichts. Dieses Nichts scheint aber Hände zu haben. Denn wie von selbst wirft sich die Taxitür hinten rechts wieder zu und das Taxi fährt ab. Mittlerweile sind alle drei Jugendlichen nervös. «Voll krass.» «Riechst du das auch?» «JA, aber ich weiss nicht, ob das jetzt nach Blumen mieft oder ob’s Motorenöl ist.» «Es mieft wie eine Sonnenblume, die gross und deftig nach ranzigem Motorenöl müffelt. Total klar, Mann he.» Mittlerweile hat sich die Laufmaschenfrau von ihrem Barhocker erhoben, blinzelt halb neugierig in die Runde der Jugendlichen. Diese sind vollends mit den ölfaktorischen Immissionen beschäf-

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tigt. Erst als einer von ihnen heftigst von einer stürzenden Frauenleiche angerempelt wird, dreht er sich um. Ein offener Mund, Todesschrecken eingemeisselt. Laufmaschenrempelfrau tot. MONIQUE HONEGGER WENN DU DIE JUGENDLICHEN FÜR VERDÄCHTIGER HÄLTST, ALS ES ZUNÄCHST DEN ANSCHEIN MACHT, GEHE ZU NR. 45. WENN DICH BRENNEND INTERESSIERT, WAS EIGENTLICH AUS DEM HERRN IN DER TOILETTE GEWORDEN IST, GEHE ZU NR. 29.

NR. 53 Der Käfer wird unerklärlicherweise immer schneller und

grösser. Wie zum Teufel ist das möglich? Ich muss zusehen, dass ich hier so schnell wie möglich wegkomme, denn so sterbe ich ganz bestimmt nicht. Ich beschliesse, ganz einfach auf den Käfer zu steigen – wollte schon immer mal wissen, wie sich das anfühlt. Gerade als ich dabei bin, wird es dunkel. Eine dicke Wolke bildet sich über mir. Es fängt an, Hagelkörner zu regen, aber nicht normale! Die sind übernatürlich gross. Wie Fussbälle. Zum Glück zerstören sie den Käfer. Was für ein Tag, jetzt sogar noch ein Regenbogen! Aber wieso hat das niemand ausser mir gesehen? Als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. GEORGIA SKARLATOS

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NR. 54 Das Rot zieht sich über das Bärenfell und quer durch den

Fussboden, drängt in jede Ecke, schwappt an die Wand, kriecht die Türen empor. Guido Gans verbleibt lächelnd tot in dem Dort hinter dem Rot. Schlüssel zu allem und zu Antworten birgt die Laufmaschenfrau. MONIQUE HONEGGER

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NR. 55 Aus dem Taxi steigt ungewöhnlich langsam ein hagerer

Mann und schliesst hinter sich laut die Tür. Bei seinem ersten Schritt steht er in einen Hundehaufen und hinterlässt einen Fussabdruck. Die Verwunderung ist gross, als er den Hundehaufen aufhebt und einem der drei Jugendlichen, die ihn ausgelacht haben, ins Gesicht wirft. SIMON HONEGGER WENN DU FINDEST, EIN DOPPELTER WHISKY SEI DAS BESTE MITTEL GEGEN SCHLECHTE LAUNE, GEHE ZU NR. 33.

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NR. 56 Wie oft hat er seinem Kollegen schon gesagt, dass er Fisch

nicht verträgt? Aber nein, seine Oma kocht ihm immer wieder diese fischigen Fischknusperli. Gern hat er sie ja fürs Leben. Aber die Konsequenzen: ewiges Zittern und das Gespött des Abends. Wenigstens kein Schafskäse. Diesen verträgt er noch weniger. Er freut sich darauf, bald wieder lachen zu können. Momentan ist ihm zum Schreien. ALEXANDRA EDELMANN Start new game on pages 4 and 5

NR. 57 Der Kreditkartenfischer streckt und reckt sich, um einen

Blick darauf zu erhaschen, um was sich die Menschenmenge scha­r t. Als er sich bückt, sieht er durch alle anderen Beine hindurch das Bein seiner Laufmaschenfrau ausgestreckt am Boden liegen. Mit entsetztem Gesichtsausdruck macht er sich so schnell als nur möglich aus dem Staub. Als er sich langsam wieder beruhigt, fischt er wiederum seine Kreditkarte hervor – dieses Mal aus seiner Hosentasche. Zielstrebig geht er in den nächsten Kiosk und kauft sich eine Strumpfhose. In einer dunklen Ecke zieht er seine Hosen aus und die Strumpfhose an. So läuft er dem Halbmond entgegen. Die Strumpfhosen fühlen sich sexy an. Und richtig. Im Kopf geht er die drei Dating-Tipps nochmals durch und setzt in Gedanken überall ein Häkchen hintenan.

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1. Bleib du selbst. 2. Bleib cool. 3. Wenn du nicht cool bist, bleib keinesfalls du selbst. Ein beruhigendes Gefühl. MARCEL FLÜTSCH Start new game on pages 4 and 5

NR. 58 «Verdammt noch mal, viel länger hätte ich ihn nicht mehr

festhalten können. Was habt ihr denn so lange da drin gemacht?!» HELEN KAUFMANN Start new game on pages 4 and 5

NR. 59 Was ist das wohl für ein Wettbewerb? Warum weinen die

Jungs? Die sind doch keine Babys mehr! Langsam gehe ich an der Türe zur Herrentoilette vorbei und lausche gespannt, ob ich etwas von der Unterhaltung der Jungen zu hören bekomme. Es ist jedoch nur leises Getuschel hörbar. Nach dem Toilettengang gehe ich erlöst zurück an meinen Platz und sehe den Mann wieder. Er nippt entspannt an einem Drink an der

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Bar. Da ich nichts Besseres zu tun habe, nähere ich mich ihm. Ich mache einen auf doofes Schaf und spreche ihn an: «Was bist du denn für ein Hübscher?» Gelangweilt schaut mich der Mann an und sagt: «Ich bin nur hier um schlechte Neuigkeiten zu überbringen. Mach besser jemand anderes an!» Und dreht sich weg. MARTINA FELDMANN WENN DU WISSEN WILLST, WIE MAN MISSLUNGENE FLIRTS FÜR DETEKTIVISCHE ZWECKE NUTZEN KANN, GEHE ZU NR. 3.

NR. 60 … es mein Vater auf meine Mutter abgesehen hat. Ich

schliesse Augen und Ohren – hinter meinen Augenlidern bewegen sich schwarzgelbe Farbmuster, ein Summen füllt meinen Kopf. Der Tag sollte mein Leben verändern. Seitdem habe ich meine Mutter nie mehr gesehen. Bis sie am Samstagabend auf einmal an der Theke der Rhabarba Bar hockte. Das war zu viel! Ich wollte nur noch weg, das Geld für ein Taxi reute mich nicht. Sie folgte mir vor die Tür, wo ein heller Mond schien. Ich glaube, sie hat mich erkannt. JULIA RIETZE

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NR. 61 Am ganzen Körper zitternd holt der nervöse Jugendliche

tief Luft und probiert verzweifelt, mit seinem Mund Worte zu formen. Doch nur ein klägliches Röcheln entweicht seinen Lippen, bevor er ohnmächtig zusammenbricht. Alle Augen der Umstehenden verfolgen, wie der Körper wie in Zeitlupe dem schmutzigen Boden entgegensegelt und im finalen Moment mit der aufprallenden Stirn einen dicken fetten Käfer am Boden zerschmettert, dass es nur so umherspritzt. Diese Darbietung verursacht erstaunlicherweise eine weit grössere Wirkung, als es der zerschmetterte Fallschirmspringer zuvor tat. Es passieren viele Dinge gleichzeitig. Dem etwas dickeren Bodyguard entfährt ein schriller Schrei. Der dritte Jugendliche übergibt sich geräuschvoll. Und der dicke Mann weicht mit einem angewiderten Gesichtsausdruck zurück, stolpert dabei über den havarierten Fallschirmspringer und landet mit seinem übergrossen Hintern auf dem Asphalt. Es herrscht totale Verwirrung. DAIA VON PLANTA WENN DU HOFFST, DASS DAS WORT GOTTES DIE VERWIRRTE MEUTE WIEDER ZUR VERNUNFT BRINGT, GEHE ZU NR. 15.

NR. 62 Der Junge fängt auf einmal an zu weinen, schlägt dem

Mann mit der Regenjacke die Faust ins Gesicht und der Mann fällt zu Boden. Der ängstliche Junge rennt weg und hinterlässt einen Schuh, der ihm vom Fuss gefallen ist, und einen Fussabdruck. RILIND ZHITIU

see next page for sequels 49


WENN DU AUF PLÖTZLICH AUSBRECHENDE PANIK STEHST, GEHE ZU NR. 44.

NR. 63 Der Nervöse starrt immer wieder auf den Würfel, der ihm

gereicht wurde. Die Augenzahl kann die Frau nicht erkennen, aber sie scheint nichts Gutes zu verheissen. Immer mehr Männer strömen aus der Toilette. «Ist das Taxi da?», zischt einer. «Hat es die Fünf erwischt?», fragt ein anderer. «Die Drei», flüstert der Nervöse. «Er muss sofort weg hier.» «Aber warum die Drei, der hatte mit der Sache doch gar nichts zu tun, er …» «Muss die ganze Bar davon erfahren? Schaff ihn fort!» Die Frau beobachtet, wie der Nervöse mit einem anderen in der Toilette verschwindet. Kurz darauf öffnet sich die Tür wieder. Die beiden kommen heraus und schleifen einen dritten hinter sich her. Der ist tot, denkt die Frau. Die Drei ist tot. Als sie um Hilfe rufen will, wird ihr von hinten eine Hand auf den Mund gehalten. «Wir brauchen einen Arzt, wir brauchen sofort einen Arzt», hört sie die Männer rufen. Die Frau reisst sich los, folgt den Männern, verliert sie aber schnell aus den Augen. Kurze Zeit später vernimmt sie eine Sirene. Ein Arzt stürmt in die Bar, die mittlerweile taghell erleuchtet ist. «Wo ist der Verletzte?», fragt er. Die Männer sind weg. «War da ein Taxi?», fragt die Frau. «Das ist uns mit überhöhter Geschwindigkeit entgegengekommen. Das muss ein Spinner gewesen sein», sagt der Arzt. «Das war die Drei», sagt die Frau. «Wer?» «Die Drei ist tot.» Der Arzt begleitet die Frau nach draussen. «Die Drei lag in der

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Toilette», sagt sie, während der Arzt die Tür des Krankenwagens schliesst. MARTINA MEIENBERG FÜR WEN DAS SPIEL EBENFALLS AUS IST, ERFÄHRST DU BEI NR. 13.

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IMPRESSUM HERAUSGEBER Schreibzentrum PH Z端rich 2015. PRODUKTIONSLEITUNG Erik Altorfer | Alex Rickert. REDAKTION Marcel Fl端tsch | Helen Kaufmann | Lukas Ramseier Julia Rietze | Karin Weibel | Thomas Hermann. GESTALTUNG Pia Fischer. DRUCK OK Haller Druck AG. 息 2015 Schreibzentrum PH Z端rich. AUFLAGE 200 Exemplare.



JULIA CAPOL | HELEN KAUFMANN | ANNIGNA CARISCH SOPHIE LÜSSI | JULIA BAUMBERGER | CARMEN LUZI GEORGIA SKARLATOS | ALEX RICKERT | SIMON HONEGGER ERIK ALTORFER | ALEXANDRA EDELMANN | KARIN WEIBEL IHAB FARHAT | GABRIEL MATEOS | MARCEL FLÜTSCH ILIR BILJALI | MANUEL HONEGGER | MICHAEL SASDI LUKAS RAMSEIER | JULIA RIETZE | RILIND ZHITIU SELWYN MAHER | DAIA VON PLANTA | MARTINA FELDMANN HÜSEYIN UCMAK | MONIQUE HONEGGER | MARTINA MEIENBERG


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