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6.2019 Inhalt Arbeitssituation und Finanzen Pressemitteilungen berichteten auch 2019 wieder von erfreulichen und weniger erfreulichen Entwicklungen in Bezug auf das Beschäftigungsverhältnis und die finanzielle Situation von Musikschullehrenden. Positiv: Die Musikschulen in Rheinland Pfalz erhielten einen Landeszuschuss von drei Millionen Euro und auch in Hessen ist laut Frankfurter Allgemeine eine Aufstockung geplant. Lehrkräfte in Mettmann mit mindestens sieben Wochenstunden werden weiter nach Tarif bezahlt und das Honorar der anderen wurde erhöht. Auch die Lehrenden der Leipziger Musikschule „Johann Sebastian Bach“, der nun kommunalen Musikschule Schwandorf sowie die Honorarlehrkräfte der Rheinischen Musikschule Köln bekommen mehr Geld. In Köln konnten sogar für vorherige Honorarlehrkräfte 17 Planstellen nach Tarifvertrag mit Festanstellung geschaffen werden. Doch die Situation ist noch längst nicht zufriedenstellend, wie der Bericht „Musikschulen fordern mehr Geld und Festverträge“ im Deutschlandfunk vermuten lässt. So startete die Kreismusikschule Dreiländereck eine OnlinePetition und forderte höhere Gehälter der TVöD-Lehrkräfte. Die Tarifverhandlungen sind jedoch gescheitert. Laut Westdeutscher Zeitung geht auch die Geduld der Honorarkräfte in Wuppertal zu Ende: „Die freien Mitarbeiter formieren sich zum Protest. Seit Jahren sind ihre Stundensätze nicht erhöht worden. Viele leben am Existenzminimum.“ Die Zahlen einer aktuellen Statistik zu freiberuflich Tätigen in der Sparte Musik (Datenbasis: KSK-Versicherte, mehr dazu: www.miz.org/statistiken.html), die das Musikinformationszentrum im September 2019 veröffentlichte, bestätigen diesen Eindruck. Für freiberufliche Musiklehrkräfte sowie AusbilderInnen im Bereich Musik, die 49,7 Prozent der KSK-Versicherten in der Sparte Musik ausmachen, ist für 2019 ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 13 337 Euro vor Steuern prognostiziert. Dies bedeutet zwar einen Anstieg von 56,4 Prozent im Vergleich zum Jahr 2000, von einem angemessenen Einkommen kann jedoch keine Rede sein. Im Geschlechtervergleich muss zudem festgestellt werden, dass Frauen mit durchschnittlich 12 295 Euro deutlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen mit 14 494 Euro. Nicht nur in Anbetracht des Einkommens ist zu hoffen, dass musikalische Bildungsangebote weiterhin umsatzsteuerbefreit bleiben. Einen Aufschlag von 19 Prozent ohne Veränderung der Fördermöglichkeiten würde die Teilhabe an musikalischer Bildung verringern oder die prekäre Arbeitssituation freiberuflicher Lehrkräfte verstärken. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Sebastian Herbst

2 Elementare Musikpraxis International Zertifizierungsmaßnahme für zugewanderte MusikpädagogInnen

5 Lustiges Glucksen Klavier-App „Simply Piano“ im Selbsttest

6 Ja zum Nein Gerade MusikerInnen und Musiklehrkräfte müssen lernen, sich abzugrenzen

8 Langwieriger Prozess Digitalisierung in „Marios Musikschule“

10 Wie wird ein Chor intelligent? Die Methode „The Intelligent Choir“ Sie haben Fragen, Anregungen, Tipps oder Hinweise für die Redaktion? info@musikschule-direkt.de


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Elementare Musikpraxis International Almuth Süberkrüb

Eine musikpädagogische Zertifizierungsmaßnahme für zugewanderte MusikerInnen und MusikpädagogInnen

Die Zertifizierung „Elementare Musikpraxis International“ richtet sich an zugewanderte MusikerInnen und MusikpädagogInnen mit einem ersten Abschluss in einem Nicht-EU-Staat. Bei dieser einjährigen Weiterbildungsmaßnahme des Fachbereichs Elementare Musikpädagogik der Hochschule für Musik und Theater Hamburg werden die Teilnehmenden gemeinsam mit ErzieherInnen für die musikalische Arbeit in Kindertagesstätten weitergebildet.

1. Das Projekt Das Qualifizierungsprojekt „Elementare Musikpraxis International“ (EMI) knüpft als Weiterentwicklung an das Projekt „International Music Education“ (IME)1 an, welches die Förderung interkultureller sozialer Kompetenzen in Kombination mit individueller musikalischer und sprachlicher Entwicklung in den Mittelpunkt stellt – Aspekte, die Lebensentwürfe von Menschen entscheidend mitprägen. Im Zentrum der Neuausrichtung steht das Ziel, zugewanderten MusikerInnen und MusikpädagogInnen, die einen Abschluss außerhalb der EU erworben haben, bessere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu eröffnen. Da diese Abschlüsse in den meisten Fällen nicht deckungsgleich mit deutschen sind, können die Betroffenen häufig ihre Expertise nicht vollständig in den hiesigen Arbeitsmarkt einbringen und haben in Deutschland in der Regel keine Möglichkeit einer Existenzsicherung in ihrem angestammten Berufsfeld.

Die Zertifizierungsmaßnahme der Hochschule für Musik und Theater Hamburg legt ihren Schwerpunkt auf die musikalische Arbeit im Kita-Alltag. Ziel ist es, den MusikerInnen und MusikpädagogInnen didaktisches und methodisches Wissen für diese Altersgruppe zu vermitteln, sie eigene musikalische und musikpädagogische Erfahrungen mit der Weiterbildungsgruppe machen und die neuen Erkenntnisse im Laufe der einjährigen Weiterbildung kontinuierlich in einer Kita (mit Supervision) erproben zu lassen. Nach erfolgreichem Abschluss der Zertifizierungsmaßnahme können die TeilnehmerInnen für den musikpädagogischen Teilbereich des Weiterbildungsangebots Kompetenzen auf dem Niveau einer deutschen Musikhochschule nachweisen. Es besteht die Hoffnung, dass sie hierdurch auf dem deutschen Arbeitsmarkt leichter Fuß fassen können, zumal es sich um einen Teilbereich handelt, in dem dauerhafter Mangel an fachlich qualifizierten MitarbeiterInnen besteht.

2. Struktur und Beteiligte Die Weiterbildungsseminare finden über ein Jahr verteilt geblockt an fünf Wochenenden und in zwei Intensivwochen (insgesamt 160 Stunden) an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg statt. Sie werden durch ein musikalisches Praxisprojekt in einer Kita begleitet und mit einem Zertifikat abgeschlossen.2 Vor Beginn der Zertifizierungsmaßnahme wurden Tandems von je einem Musiker bzw. einer Musikerin und einem Erzieher

bzw. einer Erzieherin zusammengestellt, die gemeinsam weitergebildet werden und im Laufe eines Jahres an 20 Tagen zusammen in der Kita musikalisch arbeiten. Die Tandembildung ist von zentraler Bedeutung für das Projekt, da wir uns hierdurch Synergieeffekte erhoffen, indem die TeilnehmerInnen ihre jeweiligen Stärken einbringen und Schwächen durch die Tandemarbeit kompensiert werden können. Die PartnerInnen werden in ihrem Teamgeist gestärkt, sie erleben Verantwortlichkeit für- und Verbundenheit miteinander und entwickeln gemeinsame Ideen mit Blick auf „ihre Kita“. MusikerInnen Die Auswahl der MusikerInnen erfolgte durch eine Aufnahmeprüfung, bei der unter anderem die Entwicklungsfähigkeit der Bewegungskompetenz und der Singstimme getestet wurde: In Form einer Gruppenprüfung wurden Voraussetzungen im Bewegungsbereich und auch rhythmische und tonale Basiskompetenzen getestet. In einer Einzelprüfung sangen die KandidatInnen ein deutsches Kinderlied und eines aus ihrem Herkunftsland auf einer für Kinder angemessenen Tonhöhe und spielten auf ihrem Hauptfachinstrument eine Komposition, die sie für die Arbeit mit Kita-Kindern für geeignet hielten. Die für das Projekt ausgewählten MusikerInnen sind – trotz sehr unterschiedlicher soziokultureller Hintergründe durch ihre jeweilige Herkunft – auf einem ähnlich hohen musikalischen Niveau, wodurch von Anfang an musikalisch kreativ gearbeitet werden kann. Sie erleben im Rahmen des


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Im Zentrum der Zertifizierung „Elementare Musikpraxis International“ steht das Ziel, zugewanderten MusikerInnen und MusikpädagogInnen, die einen Abschluss außerhalb der EU erworben haben, bessere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu eröffnen

Projekts, dass sie ihre Expertise im hiesigen Arbeitsmarkt einbringen können und erfahren im alltäglichen Leben, welche sozialen und fachlichen Integrationsmöglichkeiten sich über ihre musikalischen Kompetenzen ergeben können. Kitas Um dem Projekt ein zweites Standbein zu geben, war es ein Anliegen, mit einem Kita-Träger zusammenzuarbeiten, der bundesweit agiert und bereit ist, mehrere Kitaleitungen und ErzieherInnen für dieses Projekt zu begeistern. So können für alle beteiligten Kitas und für die Tandems jeweils vergleichbare Bedingungen und Voraussetzungen angeboten werden. Mit Fröbel Bildung und Erziehung e. V. konnten wir einen solchen Partner gewinnen. So wird z. B. abgesichert, dass auch in personellen Notzeiten die ErzieherInnen an den Fortbildungstagen nicht als Notanker in der Kita verpflichtet, sondern der Kita anderweitig Ersatzkräfte zugewiesen werden. Dies bedeutet für das Projekt, dass die TeilnehmerInnen an allen Weiterbildungstagen anwesend sein können und Engpässe durch den Träger aufgefangen werden. Den Kitas wird mit dem Projekt die Möglichkeit eröffnet, Musik in ihrer Vielfalt und als sozial verbindendes Element selbstverständlich in den Alltag zu integrieren. Dabei erleben die Kinder das musikalische Angebot niederschwellig durch eine ihnen bereits vertraute Person, die in den bekannten Alltag hinein eine weitere, den Kindern zunächst fremde Person mitbringt, die für alle eine musikalische Bereicherung ist.

ErzieherInnen Für die ErzieherInnen erhoffen wir uns durch viel Singen und musikalisches Gestalten eine Entfaltung ihrer schlummernden musikalischen Potenziale und eine Weiterentwicklung ihres grundlegenden Musikverständnisses sowie eine Reflexion des eigenen musikalischen Werdegangs, sodass sie selbstbewusster den Kita-Alltag mit den Kindern musikalisch erleben und gestalten können. Sie erhalten nach erfolgreich absolvierter musikpädagogischer Qualifizierung durch ihren Arbeitgeber Fröbel eine Höhereinstufung und durch die Hochschule für Musik und Theater einen Weiterbildungsnachweis über sämtliche absolvierten Projektteile.

3. Inhalte und Vorgehensweisen Für die Umsetzung des Projekts braucht es ein musikpädagogisches Konzept, das offen genug ist, um die unterschiedlichen Vorerfahrungen, Bedürfnisse und Kompetenzen der TeilnehmerInnen aufzugreifen, und gleichzeitig ein niederschwelliges Angebot in den Kitas ermöglicht. Diese Erwartungen sehen wir beim audiationsbasierten Musiklernen nach Edwin E. Gordon3 bei Verwendung internationalen Musikguts (z. B. in Form von Kinderliedern) erfüllt. Von den Vorteilen des audiationsbasierten Musiklernens für das Projekt seien an dieser Stelle zwei genannt: Gordons Ansatz geht in der musikalischen Bildung vom Hören und Erleben eines möglichst variantenreichen Repertoires aus und bietet damit gute Möglichkeiten, unterschied-

liche Musikstile und Musiktraditionen in diese Arbeit miteinzubeziehen. Zwar entwickelte Gordon seine Music Learning Theory ausgehend von seinem eigenen Erfahrungshintergrund als Musiker bzw. Musikpädagoge mit klassischer Musik und Jazz, doch bedeutet dies nicht, dass die Anwendung allein im Sinne eines solchen Musikbegriffs möglich bzw. gewünscht ist. Vielmehr äußerte er stets seine Hoffnung, dass eine Öffnung und Weiterentwicklung mit Blick auf andere musikalische Stile und Musiktraditionen erfolgen möge. Da die Vermittlungsweisen beim audiationsbasierten Musiklernen mit denen des Erlernens der Muttersprache vergleichbar sind, bieten sich diverse Möglichkeiten, Musik im alltäglichen Leben der Kita einen Platz finden und lebendig werden zu lassen.4

4. Aktueller Stand und Zukunftsvisionen Bei der Entwicklung des Weiterbildungsformats waren uns folgende Aspekte besonders wichtig: ) Die am Projekt beteiligten zugewanderten MusikerInnen erhalten theoretische und praktische Einblicke in das deutsche Bildungssystem und in musikalische Vermittlungswege in der Kita. So sollen ihnen Chancen eröffnet werden, ihre Expertise in den deutschen Arbeitsmarkt einbringen und ihren Lebensunterhalt sichern zu können. ) Sie sollen dabei ohne die Prämisse einer von Fremdzuschreibungen geprägten Erwartungshaltung, sondern vielmehr mit ihren tatsächlichen individuellen Vorerfah-


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rungen, Prägungen und Fähigkeiten wahrund ernst genommen werden. ) Die individuellen Erfahrungen sollen (beispielsweise in Form von Liedgut, charakteristischen Kompositionen, Instrumenten etc.) in das Projekt einfließen dürfen und so die Internationalität des Projekts „von innen heraus“ und möglichst authentisch ermöglichen. ) Die ErzieherInnen sollen die Chance zu fundierter musikalischer Weiterbildung erhalten. Der Lernprozess erfolgt hierbei in Anlehnung an das Lernen der Muttersprache, was den ErzieherInnen aus alltäglichen Kontexten vertraut ist. Gleichzeitig erhoffen wir uns für sie durch die musikalische Unterstützung der MusikerInnen eine mutigere Umsetzung des Erlernten im Kita-Alltag. ) Die Lernkontexte sollen dabei von gegenseitigem Vertrauen und respekt- und liebevollem Umgang geprägt sein, damit in entspannter Atmosphäre musikalische Lernentwicklung wachsen darf. ) Alle WeiterbildungsteilnehmerInnen, die Kita-Kinder und weitere in den Kitas be-

Weiterbildung Die nächste Weiterbildung ist geplant für den Zeitraum August 2020 bis Juli 2021. Nähere Informationen finden Sie zu gegebener Zeit unter www.hfmt-hamburg.de/paedagogik-und-wissenschaft/elementaremusikpaedagogik

troffene Personen erleben Musik als alltäglichen Bestandteil ihres Kita-Tages und in ihrer Unterschiedlichkeit als verbindendes Element. Sie erleben Musik dabei im konkreten, im unmittelbaren Lebenszusammenhang, beim gemeinsamen Essen, Ausruhen, Anziehen, beim Ausflüge machen und Feste feiern. ) Die beteiligten Kitas profitieren von der Steigerung der Bildungsqualität in ihren Einrichtungen. Dabei wird versucht, der kulturellen Vielfalt der Kitas mit Kindern unterschiedlicher Herkunftsländer musikalisch gerecht zu werden. ) Die Vorerfahrungen der TeilnehmerInnen sollen musikpädagogische Arbeit auf einem Niveau ermöglichen, welches die Vergabe eines Hochschulzertifikats für die MusikerInnen und einer Weiterbildungsbescheinigung für die ErzieherInnen rechtfertigt. Die Lehrweise soll den unterschiedlichen Voraussetzungen der Teilnehmergruppen angepasst sein und sie auf ihrem jeweiligen Stand abholen und fördern. So bleibt die Hoffnung, dass alle Beteiligten die Chance haben, das Fremde des Gegenübers persönlich in individuellen Beziehungen und Erlebnissen zu erfahren und damit die Spannung zwischen Fremdem und Vertrautem in diesen Begegnungen zu erleben, auszuhalten und sich so weiterzuentwickeln. Möge sich dabei mit Musik und in Musik verstehen lassen, dass Vielfalt ein Geschenk sein kann, wenn wir uns darauf einlassen und dabei das Eigene schätzen und lieben und gleichzeitig das Fremde annehmen, verstehen und lieben lernen. ((

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weitere Informationen unter www.hfmt-hamburg.de/innovative-hochschule/int-music-education (Stand: 22.10.2019). Ein Bericht über das Projekt findet sich auch unter Almuth Süberkrüb: „Musikalische Annäherungen“, in: Ronald Grätz/ Christian Höppner (Hg.): Musik öffnet Welten. Zur Gestaltung internationaler Kulturbeziehungen, Göttingen 2019. 2 weitere Informationen unter www.hfmt-hamburg.de/fileadmin/u/flyer/EMI_2019.pdf (Stand: 22.10.2019). 3 für nähere Informationen vgl. Edwin E. Gordon: Learning Sequences in Music. Skill, Content, and Patterns, Chicago 1980 (51997); Almuth Süberkrüb: Music Learning Theory. Edwin E. Gordons Theorie des Musiklernens. Zusammenfassung der Kerngedanken in deutscher Sprache, Saarbrücken 2014; Almuth Süberkrüb/Jeanne Kompare-Zecher: Cantabilé e Mobile. Musik erleben von Anfang an, Marburg 2010. 4 für weitere theoretische Informationen sei verwiesen auf Edwin E. Gordon: A Music Learning Theory for Newborn and Young Children, Chicago 1990; für exemplarische Erklärungen mit Videobeispielen in deutscher Sprache siehe Almuth Süberkrüb: „Systematische Hörentwicklung in Eltern-Kind-Gruppen, an natürlichen Lernweisen orientiert“, in: Michael Dartsch (Hg.): Eltern-KindGruppen an Musikschulen. Grundlagen, Materialien, Unterrichtsgestaltung, Bonn 2008, S. 79-84.

Dr. Almuth Süberkrüb ist Professorin für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg sowie Vorsitzende der Edwin E. Gordon Gesellschaft Deutschland e. V.


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Die Klavier-App „Simply Piano“ im Selbsttest

Lustiges Glucksen Wer möchte nicht Klavier spielen können? Meine (nicht repräsentative) Umfrage auf einem Schulhof ergab: Mehr als jeder zweite Schüler hat bereits Erfahrungen mit Klavier-Apps gesammelt. Und ich erhielt auch sogleich diverse App-Empfehlungen – unter anderem „Simply Piano“. Also beschloss ich, den Selbsttest zu wagen.

)) Nach eigenen Angaben genießt die App das Vertrauen von Millionen KlavierschülerInnen und -lehrkräften. Das will nichts heißen, denn dieses Vertrauen genießt Facebook auch – und hat mindestens ebenso viele Kritiker. Apropos Facebook: Wer gewillt ist, Simply Piano Zugriff auf einige seiner Facebook-Daten zu gewähren, kann sich ganz praktisch und schnell mit nur einem Klick anmelden. Nach erfolgreicher Anmeldung lautet die erste Frage an mich: „Hast du ein Klavier?“ Und was, wenn ich nun auf „Nein“ klicke? Dann bekomme ich eine kurze „Touch-Einführung“ und werde darauf hingewiesen, dass es keine bessere Art zu lernen gibt als mit einem echten Klavier. Punkt für Simply Piano! Sogleich wird das Angebot einer siebentägigen kostenlosen Testversion eingeblendet, das sich anschließend automatisch in ein nicht mehr ganz so billiges Jahresabo verwandelt. Ob es seinen Preis wert ist?! In diesem Abonnement stehen Hunderte von Songs bereit, die mich inspirieren wollen, so wird mir mitgeteilt. Ich kann es kaum erwarten! Zudem besteht die Möglichkeit, über 25 Klavierkurse freizuschalten und dort „grundlegende Fähigkeiten“ zu erlernen – sogar Notenlesen für das „echte Leben“, so wird versprochen. Ich muss gestehen, dass es mir diebische Freude bereitet, die dargebotene Version von An der schönen blauen Donau mit nur zwei Tönen zu bereichern, die auf einem

Laufband-Film an mir vorbeiflimmern. Auf eine Erklärung der dargestellten Pausen wird in der Touch-Einführung allerdings verzichtet. Trotzdem erschließt sich vieles durch die mitlaufende blaue Markierung von selbst. Nachdem mir auch noch ein dritter Ton vorgestellt wurde, kann ich immerhin schon bei Say something mitspielen. Falsche Taste getroffen? Dann leuchtet diese rot und die App gluckst lustig vor sich hin. Meine großzügig eingebauten Rhythmusfehler überhört sie zumindest in der Touch-Einführung noch geflissentlich. Nach weniger als 15 Minuten kann ich bereits bei der Drei-Ton-Fassung von She is the one auf der Bildschirmklaviatur mitklimpern. Ohne Frage bin ich motiviert – aber vor allem dazu, mir diese Musiktitel zu merken und selbst im Anfängerunterricht zu verwenden. Sobald ich bei der Gratis-Testversion versuche, den Kurs zu wechseln und auf „Taste of Bach“ oder „Pop Chords“ umzuschalten, muss ich leider meine Kreditkartennummer bereithalten. Zum Glück gibt es im Jahresabo die Testwoche, während der ich noch kündigen kann. Innerhalb von Sekunden bin ich ohne Schwierigkeiten zum Member geworden. Solange die Backgroundmusik läuft, Justin Biber, Imagine Dragons, Alan Walker und Kollegen singen, wirkt das eigene Geklimper geradezu hitverdächtig. Leider ist der Wow-Effekt aber sofort verloren, sobald man die Lieder ohne das Play-along versucht. Im Abonnement können sich SpielerInnen nach Leistungsstand geordnet an Popoder Filmmusikhits versuchen. Auch finden sich bunt verstreut immer wieder Evergreens der Klassischen Musik. Und wo wir gerade beim Thema Klassik sind: Es ist sicher absolut legitim, sinnvolle Vereinfachungen zu finden, um Lernenden

Kristin Thielemann

auch die großen Stücke der Musikgeschichte zugänglich zu machen. Warum jedoch ein Bach-Menuett oder Auszüge aus Beethovens Bagatelle Für Elise unbedingt eine Schlagzeugbegleitung brauchen, will sich mir nicht erschließen. Nachdem ich den mit seichter Bandbegleitung unterlegten Song Luft auf der G-Saite (vielleicht ahnen Sie, um welches Stück eines großen deutschen Komponisten der Barockzeit es sich hierbei handelt) abgeschlossen habe und mir Simply Piano unter Verwendung seiner motivierend-poppigen Belohnungsmelodie mein Resultat verkündet (136 von 153 Noten, 71 % Timing bei 100-prozentiger Unterstützung der App = knapp drei Sterne), beende ich die Testphase, um nicht in den Genuss des Jahresabos zu kommen. Fazit: Für manche kann die Touch-Einführung ein witziger Einstieg ins Klavierspielen sein. Die in der App enthaltenen Musikstücke sind eine Auswahl dessen, was viele angehende KlavierspielerInnen gerne einmal musizieren würden und können Lehrkräften als Anregung dienen. Ein brauchbarer Klavierunterricht, bei dem SchülerInnen das Instrument beherrschen lernen, eine saubere Technik aufbauen, Artikulationsarten, Dynamik und musikalisches Spiel kennenlernen, kann Simply Piano aber (noch) nicht bieten. Möglicherweise schafft es die App aber, Lernenden im Motivationstief als Überbrückung zu dienen oder neue Ideen zu vermitteln, welche Stücke sie in Zukunft einmal wirklich beherrschen möchten. ((

Kristin Thielemann ist Trompeterin, Musikpädagogin und Autorin. Sie unterrichtet an verschiedenen Musikschulen. Soeben ist ihr „üben & musizieren“Spezialheft „Voll motiviert!“ erschienen.


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Ja zum Nein

Karin Probst

Gerade MusikerInnen und Musiklehrkräfte müssen lernen, sich abzugrenzen Menschen, die in den Künsten und der Kunstpädagogik arbeiten, haben einen kleinen Nachteil: Sie arbeiten gerne, ob aus Liebe zur Musik, aus intrinsischer Motivation oder einfach aus Leidenschaft. Und manchmal führt gerade dies zu einem Missverständnis, was sich an den Honorarsätzen oder an dem nicht immer feinen und fairen Umgang mit Zeit und Kraft von Musiklehrkräften zeigen kann.

)) Der Fähigkeit, sich gelassen abzugrenzen, kommt hier also eine besondere Wichtigkeit zu, um ausreichend Freilauf für die eigene künstlerische Arbeit und Gesundheit zu haben. Man sollte doch eigentlich meinen, wenn man täglich musiziert, könnte man von den heilsamen Auswirkungen der Musik auf Körper und Geist profitieren: Doch leider macht es einen Unterschied, ob man zweckfrei, als musischen Ausgleich spielt oder einen Brotberuf ausübt. Der professionelle Musiker oder die Musikpädagogin braucht meist noch andere Freiräume, Momente des Nichtstuns, um die eigenen Batterien wieder aufzuladen. Und das bedarf gerade in diesem Bereich besonderer Abgrenzungskompetenz, um den Feierabend gebührend feiern zu können! Oder überhaupt erst einmal als Feierabend wahrzunehmen … Warum ist es eigentlich so schwer, dieses „Im-Moment-Sein“ beziehungsweise die Balance von Egoismus und Altruismus mit Leichtigkeit zu finden? Um in der Musikpädagogik seine Profession zu finden, braucht man sicher eine gehörige Portion Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und auch Einsatz – alles Stärken, die es vielleicht auch unterstützen, hier mal ein unbezahltes Konzert, eine kostenfreie Verlängerung des Unterrichts oder ein Ge-

spräch mit den Eltern zu erbringen. Es sind ja gerade die Stärken, die letztlich zu Stress führen – und es so dringend nötig machen, dass man den passenden Antagonisten dazu einlädt: Selbstfürsorge, ein Ja zum Nein… Doch manchmal lädt man sich mit dieser Fähigkeit gleich noch einen unliebsamen Begleiter ein: das schlechte Gewissen. Was wir also brauchen, ist eine Art „Zwickmühlen-Management“, ein Aushalten dessen, dass wir es trotz aller Mühen langfristig kaum schaffen können, die Belange der Arbeit, Familie und Selbstfürsorge harmonisch und gerecht auszubalancieren. Viele Menschen meinen zum Beispiel, sie könnten nicht Nein sagen und möchten dies dringend lernen. Aus meiner Sicht stimmt das so nicht ganz, weil sie bereits Nein sagen können – und zwar zu sich selbst. Es gilt also lediglich, zusätzlich zu lernen, auch ein Nein zu einem anderen zu sagen – und dabei gleichzeitig ein Ja zu sich.

Egoismus: Handeln im Einklang mit sich selbst Zunächst ist alles Tun gesteuert davon, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse befriedigen wollen. Also nicht nur Essen und Schlafen, sondern z. B. auch Effizienz, Harmonie oder Respekt. Auch anderen zu helfen, ist ein Grundbedürfnis von uns, ein sehr ausgeprägtes sogar. Und immer, wenn wir etwas tun, das unsere Bedürfnisse erfüllt, erfahren wir Freude und Zufriedenheit. Eine bessere Burnout-Prävention gibt es nicht. Das Bewusstwerden der schönen Momente im Alltag, ein Lächeln, ein intensiver Austausch oder ein guter Kaffee wirken sich auf unsere Gesundheit, Psyche, ja sogar auf die neuronalen Strukturen aus.

Nehmen wir als Beispiel die Situation, dass ein Konzert der Musikschule besondere Vorbereitung verlangt. Andererseits bräuchte man selbst mal Zeit, sich auf ein eigenes Konzert vorzubereiten. Was tun? Meist entscheiden wir uns für die Belange der Anderen, weil Altruismus bereits in unseren Genen verankert ist. Die menschliche Spezies hätte ohne diese Grundbefähigung zum Kollektiv nicht überlebt. Wir entscheiden außerdem oft zugunsten kurzfristiger Lösungen, nach dem Motto: Ich mache es halt schnell, dann habe ich wenigstens meine Ruhe … Evolutionär gesehen hat die Priorisierung von kurzfristig wirksamen Lösungen Sinn gemacht, weil man ja schließlich nicht wusste, wie lange man noch lebt. Heutzutage aber sehen wir nicht nur im Privaten, sondern auch mit Blick auf unsere gebeutelte Umwelt die Folgen davon, dass es wohl noch eine Weile brauchen wird, bis wir gelernt haben, langfristig zum Wohle aller zu denken. Es könnte also hilfreich sein, wenn wir zwischen den vielen Anforderungen, die von außen und von innen auf Erledigung drängen, kurz innehalten, um zu überlegen: Was ist langfristig gesehen meinen Zielen dienlicher? Ist es wirklich besser, mit Unmut dem Drängen der professionellen Anforderung nachzugeben (oder vielleicht macht man es ja auch gerne?) und die eigenen körperlichen und seelischen Belange zurückzustellen? Leider hätten wir in der Entwicklung unserer Spezies bisher wohl keine evolutionären Vorteile entwickeln können, wenn wir auf eine „Sowohl-als-auch“-Lösung bestanden hätten: Sowohl deine Belange sind wichtig als auch die meinen. Man stelle sich vor, man würde in dieser Weise mit einem Bären kommunizieren: „Lieber Bär, ich sehe, du willst mich fressen, um dein Überleben zu sichern, das macht aus dei-


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ner Sicht sicher Sinn. Ich aber möchte noch ein Weilchen leben – was machen wir denn jetzt?“

Für ein Nacheinander entscheiden Wenn man also das tägliche Druckerleben als Ausdruck dessen sehen könnte, dass im Moment zwei oder sogar manchmal mehr Bedürfnisse in uns lebendig sind (im obigen Beispiel waren es „Unterstützung geben“ und „eigene Ziele“ erreichen), dann könnten wir anfangen, uns klar und konsequent zu entscheiden für ein Nacheinander statt eines „Entweder oder“. Alle Probleme stammen von einem mangelnden Energieausgleich zwischen Geben und Nehmen: Gerade in einem sich verschenkenden Beruf wäre es also an der Zeit, dem Nehmen ebenso zu huldigen wie dem Geben. Zum Beispiel: „Ich unterstütze die Musikschule und meine Schüler gerne und möchte folgenden Energieausgleich vorschlagen …“. Oder mit einem Bedauern das Ansinnen ablehnen: „Liebe Musikschule, im Moment bin ich in Vorbereitung auf ein wichtiges Konzert und hätte mich über eine frühere Information oder größere Beteiligung der Kollegen sehr gefreut. Was machen wir denn jetzt?“

Implizierte Lösung Im Sinne der lösungsorientierten Kommunikation sagt man hier, was man möchte – ohne den anderen durch Kritik oder Ablehnung zu beschämen. Beim Metzger haben wir dieses zielführende Verhalten bereits gelernt. Hier treffe ich kaum Menschen, die sagen: „Ich will keine Salami!“ und dann davon ausgehen, dass der Metzger schon weiß, dass man feine Gelbwurst möchte.

Statt sich zu ärgern, ergibt es also Sinn, klar anzusprechen, was man als hilfreich empfinden würde – auch wenn es nicht erfüllt werden kann. Man weiß mittlerweile, dass das stressgeplagte Erleben von Druck („Ich sollte“) sich sogar auf unser Erbgut auswirken kann. Es bilden sich sogenannte Histone, die man sich wie Masken auf dem Erbgut vorstellen kann. In Momenten der Ruhe oder der achtsamen und gütigen Kommunikation mit sich selbst werden diese Genome demaskiert – und können ihre Arbeit im ursprünglich gedachten Sinne wieder aufnehmen. Wenn Sie also schon die Welt nicht ändern können, dann wäre es an der Zeit, den Blick auf diese etwas freundlicher zu gestalten und dem Lästern oder Abwerten weniger Raum zu geben – im Wissen darüber, dass man sich dadurch die Kraft nimmt, wirklich etwas zu gestalten, und sich und seine Nachkommen sogar schädigt.

Wohlüberlegte Entscheidungen treffen Wenn Sie also in einer Abgrenzungssituation zu sich sagen: „Ich mache es jetzt, so gut ich kann! Wenn ich es besser könnte, dann würde ich es machen! Ich darf meine Belange genauso im Blick haben wie die Belange anderer!“, dann helfen Sie Ihrem Gehirn mit den Bereichen zu antworten, die Denken und wohlüberlegte Entscheidungen möglich machen – statt mit gestressten Reflexhandlungen, Schuldzuweisungen, Druckgefühlen oder Abwertungen. Ich denke, also bin ich. Oder: So wie ich auf die Welt schaue, so schaut sie auf mich. Frei nach Karl Valentin finde ich folgenden Spruch hilfreich, um dem zuzustimmen, was gerade eben ist: „Ich freue mich, wenn ich im Stau stehe, denn wenn

„Es gilt zu lernen, ein Nein zu einem anderen zu sagen – und dabei gleichzeitig ein Ja zu sich.“ ich mich nicht freue, stehe ich dennoch im Stau!“ Statt sich also mit Klagen und Lamentieren abzugeben, dass man im Stau steht, könnte man ein Hörbuch mitnehmen und das Beste daraus machen. Stress entsteht immer, wenn ich möchte, dass die Welt anders ist, als sie nun mal eben ist: Ich sollte dünner sein, mein Partner liebevoller, meine Kollegin stiller, der Stau weg und die Welt insgesamt viel besser …

Die Welt betrachten, wie sie gerade ist Im Zen-Kloster gibt es ein Ritual, beim Klang eines Glöckchens kurz innezuhalten und zu reflektieren: Ergibt das, was ich im Moment mache, überhaupt Sinn? Fühlt es sich stimmig an? Was brauche ich eigentlich? Es würden drei Minuten am Tag reichen – ein kleines Innehalten, um dieses freundliche Im-Moment-Sein zu üben. Gerade für Menschen, die mit und für andere Menschen arbeiten, ist es wichtig, über einen Strategie-Blumenstrauß aus Zeit-Konfliktmanagement und Entspannungstechniken zu verfügen, um zu spüren, wo gerade das eigene Nein und das implizite Ja liegen. Jedem Nein wohnt ein Ja inne. Es empfiehlt sich also, täglich drei Minuten Nichtstun zu praktizieren – als kleine Fingerübung der gelassenen Abgrenzungskompetenz. ((

Karin Probst ist Systemischer Business Coach und Dozentin für Führungskräfteentwicklung und Kommunikation an Universitäten und Musikhochschulen. In ihrem Blog www.lazy-leadership.de finden sich Inspirationen zum Nichtstun.


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In „Marios Musikschule“ in Bonn ist die Digitalisierung bereits weit vorangeschritten

Langwieriger Prozess 1975 prägte der Physiker George E. Pake in seinem Artikel „The Office of the Future“1 den Begriff „paperless office“. Er ging damals davon aus, dass etwa um 1995 Papier in Büros deutlich reduziert oder gar ganz verschwunden sei. Doch von der Vision eines „papierlosen Büros“ sind wir trotz fortschreitender Digitalisierung noch weit entfernt. Und eine „papierlose Musikschule“ scheint nahezu undenkbar. Oder etwa nicht?

)) Wer die Unterrichtsräume von „Marios Musikschule“ in Bonn betritt, blickt sich erstaunt um: Keine Notenständer sind zu sehen, keine Notenhefte oder Kopien, keine Bilder an den Wänden – dafür in jedem Raum ein großer Flatscreen an der Wand. Mario Müller, Vorsitzender des Bundesverbands der freien Musikschulen (bdfm), betreibt bereits seit 30 Jahren im Raum Bonn eine freie Musikschule, an der mittlerweile an vier Standorten ca. 1 300 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Seit Kurzem hat er seine Musikschule komplett digitalisiert: In jedem Unterrichtsraum hängen große Displays, jede Lehrkraft wurde mit einem Tablet ausgestattet. Selbstverständlich wird auch in „Marios Musikschule“ nach Noten unterrichtet. Doch gerade für den Anfängerbereich liegt inzwischen für alle Instrumente2 selbst erstelltes Unterrichtsmaterial in digitaler Form vor und kann aus einer umfangreichen Datenbank abgerufen werden. Score & Play nennt sich das über viele Jahre entwickelte Unterrichtskonzept.3 Wo früher die Lehrperson zur Ergänzung einer Instrumentalschule zahlreiche Fotokopien mit zusätzlichen Übungen und kleinen Stücken erstellen musste, kann sie nun je nach Lernfortschritt individuell für den jeweiligen

Schüler oder die Schülerin Übungen im passenden Level aus der Datenbank zusammenstellen. Und auch die Lernenden selbst können mit ihrem Onlinezugang von zu Hause aus im digitalen Notenfundus stöbern und sich eigenständig Stücke heraussuchen. Auch die digitalen Noten können „handschriftlich“ elektronisch – zum Beispiel mit dem Apple-Pen – mit individuellen Fingersätzen, Artikulations- und Atemzeichen versehen werden. Für jeden Schüler wird sein Übungsmaterial in seiner persönlichen digitalen, passwortgeschützten Notenmappe abgelegt. Hierfür arbeitet das Kollegium von „Marios Musikschule“ mit dem Programm EverNote, das als Freeware zur Verfügung steht. Und die digitale Datenbank wächst kontinuierlich: Inzwischen beschäftigt die Musikschule ein eigenes Autorenteam, das beständig neues Unterrichtsmaterial liefert. Doch auch die Lehrkräfte selbst können ihre selbst erstellten Übungen und Unterrichtswerke in die Datenbank einstellen, wo sie nach einer qualitativen Überprüfung durch die Teamleiter freigeschaltet werden.

Bewusste Reduktion Gespielt wird direkt vom Bildschirm, der mit dem Tablet gesteuert werden kann. Das Spiel vom Screen habe noch einen weiteren Vorteil, so Müller: „Die Schüler stehen viel aufrechter und mit besserer Körperhaltung da, als wenn jeder in seinen Notenständer starrt.“ Bei Tasteninstrumenten wird hingegen direkt vom Tablet gespielt. Das Notenbild auf dem Screen wirkt schnörkellos. Wollte man es negativ formulieren, so könnte man es als steril und langweilig bezeichnen: keine Bilder, Grafiken, Zeichnungen, keine Farben – nur das nackte Notenbild, schwarz auf weiß.

Rüdiger Behschnitt

Doch diese Reduktion ist eine bewusste Entscheidung. „Immer mehr Kinder, die zu uns kommen, leiden unter Konzentrationsstörungen bis hin zu ADHS“, berichtet Müller. „Unsere Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass der Unterricht desto besser läuft, je weniger Ablenkung für die Kinder vorhanden ist. Daher präsentieren wir bewusst nur das reine Notenbild und haben uns auch dafür entschieden, keine Bilder an die Wände zu hängen.“ Dennoch wirken die Unterrichtsräume nicht kahl oder ungemütlich. Farbige Wände und angenehme Materialien am Boden wie Teppich oder Parkett sorgen für eine schöne Unterrichtsatmosphäre. Doch wie funktioniert das Üben zuhause? Braucht nun jedes Kind in „Marios Musikschule“ ein eigenes Smartphone? „Keineswegs“, beschwichtigt Müller, „die Rückkopplung der digitalen Medien an die analoge Welt ist wichtig.“ Selbstverständlich erhält jeder Schüler auf Wunsch seine Noten ausgedruckt und auch im Bereich der musikalischen Früherziehung wird zusätzlich mit physischen Heften gearbeitet. Doch jenseits von Anfängerstückchen und Etüden erreicht das digitale System seine Grenzen. Natürlich möchten auch die Schülerinnen und Schüler an „Marios Musikschule“ irgendwann Mozart, Beethoven oder Beatles spielen. Für Fortgeschrittene, die beginnen, sich das musikalische Repertoire ihres Instruments zu erarbeiten, steht daher eine umfangreiche physische Notenbibliothek mit Literatur zum Ausleihen zur Verfügung – auch hier erfolgt die Recherche und Reservierung online.

Musik-Apps und Videos Begleitet wird das Lernen darüber hinaus durch Musik-Apps, die mittlerweile in den App-Stores zu Hunderten zur Verfü-


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„Unsere Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass der Unterricht desto besser läuft, je weniger Ablenkung für die Kinder vorhanden ist.“ gung stehen. Die Auswahl und Beschränkung auf wenige Apps für jedes Instrument war ein langwieriger Prozess, in den das gesamte Lehrpersonal eingebunden war. „Jedes Team hat verschiedene Apps für das eigene Instrument getestet und selbst entschieden, mit welchen Apps man arbeiten möchte.“ Regelmäßig eingesetzt werden mittlerweile bereits „klassische“ Apps wie GarageBand oder EarMaster, aber auch Rhythm Village oder die MusikApps von herrdertoene.de. Derzeit arbeiten die Lehrkräfte daran, eine Datenbank mit kleinen Unterrichtsvideos aufzubauen, in denen einzelne technische Probleme veranschaulicht werden. So können die Schülerinnen und Schüler, wenn beim häuslichen Üben Fragen auftauchen, auf Videos zurückgreifen. Die Videos können Hilfestellung leisten, interaktiv ist das System jedoch nicht. Die Musikschule möchte mit den Videos ein Hilfsangebot zur Verfügung stellen, jedoch keinen Online-Kurs. „Denn der persönliche Kontakt zum Lehrer“, das steht auch für Mario Müller fest, „ist durch nichts zu ersetzen.“ Doch sehen nicht viele Eltern gerade das Erlernen eines Instruments als Gegengewicht zu den immer aufdringlicheren Verlockungen einer digitalisierten Umwelt? Mario Müller gesteht ein, dass der von ihm gewählte Weg der Digitalisierung, der an seiner Musikschule hervorragend funktioniert, nicht für jede Musikschule an jedem Ort der richtige sein muss: „Vielleicht haben wir in Bonn durch die Telekom als einen der größten Arbeitgeber eine Elternschaft, die gegenüber digitalen Medien besonders aufgeschlossen ist.“ Ein Kollege mit einer Musikschule im ländlichen Raum habe genau den entgegengesetzten Weg gewählt. „Dort heißt es: In der Musikschule herrscht absolutes Handy-

Verbot, die Musikschule fungiert quasi als Schutzzone vor digitalen Medien. Und auch diese Musikschule findet ihr Publikum!“

Finanzielle und zeitliche Investition Und wie sieht es mit den Kosten für eine digitale Erstausstattung aus? Mario Müller hat an den vier Standorten seiner Musikschule insgesamt 24 Räume mit Displays (zu je 250 Euro) und Sendern (zu je 80 Euro) ausgestattet, also eine Summe von 7 920 Euro investiert. Für seine Lehrkräfte hat er 25 iPads angeschafft, die er zu einem günstigen Preis von je 270 Euro, zusammengerechnet also für 6 750 Euro erwerben konnte. Die Gesamtinvestition für die Hardware belief sich also auf knapp 15 000 Euro. Dass es jedoch mit Hardware allein nicht getan ist, kann man an den oftmals noch hilflosen Digitalisierungsbemühungen im Bereich der allgemeinbildenden Schulen beobachten. Dort stehen oft komplette Klassensätze an neuen Geräten (Tablets, Laptops etc.) oder auch Whiteboards in jedem Klassenraum zur Verfügung. Doch es fehlt an Lehrerinnen und Lehrern, die damit umzugehen wüssten – und vor allem an einem digitalen Unterrichtskonzept! Die – vor allem zeitlich gesehen – größere Investition fällt daher im Bereich der Schulung des Lehrpersonals an. In Mario Müllers Musikschule war dies ein recht langfristiger Prozess. Die Entwicklung des digitalen Konzepts erfolgte in Teamarbeit. Und alle sechs Wochen fanden Teamleiterbesprechungen statt. „Über einen Zeitraum von mehreren Monaten fielen etwa zehn Prozent bezahlte Überstunden an“, so Müller – wobei an „Marios Musikschule“ alle Lehrkräfte fest angestellt sind.

Doch vor einem der größten Probleme, das überall in Deutschland einer Digitalisierung entgegensteht, ist auch Müller nicht gefeit: Selbst in der Telekom-Stadt Bonn hat „Marios Musikschule“ mit unzuverlässiger Internetverbindung zu kämpfen: „Gleich zu Beginn unseres digitalen Unterrichtskonzepts brach erstmal alles zusammen.“ Daher müssen grundsätzlich alle Lehrkräfte auch weiterhin in der Lage sein, offline mit dem Tablet oder mit herkömmlichen Noten zu arbeiten. Die digitale Musikschule mag wie das „papierlose Büro“ vielerorts noch in weiter Ferne liegen. Doch Mario Müller hat mit seiner Musikschule bereits ein großes Stück des Weges hinter sich gebracht. ((

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erschienen am 30. Juni 1975 im Wirtschaftsmagazin BusinessWeek. 2 Derzeit werden in „Marios Musikschule“ folgende Instrumente angeboten: Akkordeon, Keyboard, Klavier, Steirische Harmonika, Gitarre, E-Gitarre, E-Bass, Ukulele, Bouzouki, Laute/Oud, Saz, Schlagzeug, Cajon, Darbuka, Blockflöte, Saxofon, Klarinette, Geige, Zauberharfe und Gesang. 3 www.mamu-play.de (Stand: 30.9.2019).

Rüdiger Behschnitt ist Redakteur von „üben & musizieren“.


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Wie wird ein Chor intelligent? Felix Schirmer

Musikalisch-kommunikative Prozesse in der Methode „The Intelligent Choir“ Die momentan noch spärlich bestückte Homepage der Methode „The Intelligent Choir“ verspricht, dass sich bei konsequenter Anwendung nicht nur Rhythmus und Groove eines Chores verbessert, sondern auch das Gefühl der Mitglieder in Bezug auf ihre Mitverantwortung für den musikalischen Prozess, die Interaktion und Kreativität im Chor sowie die Reflexionsfähigkeit des Chores.1

)) Ein intelligenter Chor ist das Gegenteil von einem unvorbereiteten und unreflektierten Chor. Wichtig ist die Feststellung, dass es nicht um „gute“ oder „schlechte“ Chöre geht. Eine solche Zuweisung kann sich auch die Chorleitung in der Methode „The Intelligent Choir“ (TIC) nicht erlauben, da sie gleichberechtigter Teil des Chores ist. Ihre Aufgabe besteht darin, den Chor vorzubereiten und in die Lage zu versetzen, die eigene Arbeit reflektieren zu können. „The Intelligent Choir“ ist als sich derzeit noch stetig weiterentwickelnde Methode ein Vorschlag, um das volle Potenzial einer Gruppe durch Verteilung der Verantwortung für den musikalischen Prozess auf alle Beteiligten nutzbar zu machen. Sie gliedert dafür die Arbeit in drei pädagogische Handlungsfelder, in denen ein Kompetenzaufbau erfolgen soll:2 ) Implementierung von Vocal Painting ) Schulung der musikalischen Kompetenzen des Chores, aufgeteilt in die fünf Fokusbereiche Timing & Groove, Tonhöhe & Intonation, Klang & Blending, Interpretation & Ausdruck sowie Performance & Konzertdesign ) Erweiterung der Comfort Zone des Chores, Befreiung der Stimme, des Körper und der Seele. Die Singenden sollen aus- bzw. weitergebildet werden, damit sie in der Lage sind,

Verantwortung für den musikalischen Prozess zu übernehmen. Die Grundidee hinter dem musikalischkommunikativen Prozess, der in TIC stattfindet, wurde bereits von Svend Rastrup Andersen und Niels Græsholm in den 1990er Jahren beschrieben. Nach ihrem Verständnis nimmt die musikalische Qualität zu, wenn die Chormitglieder entdecken, dass sie einen großen Einfluss auf die Musik haben, und die Chorleitung versteht, dass sie nicht immer unentbehrlich ist.3 TIC setzt neben anderen Gedankengängen vor allem diese Idee methodisch um. Ebenso wie bei einer „traditionellen“ Chorprobe unterliegt aber auch das Vorgehen in TIC gewissen kommunikativen Regeln und Vereinbarungen, denn es geht nicht darum, eine Probe durch die Übertragung der Verantwortung auf die Singenden in Beliebigkeit ausarten zu lassen. Seinen Ausdruck findet diese Herangehensweise in der gemeinsamen Improvisation mit Hilfe von Vocal Painting.

Implementierung von Vocal Painting Bei Vocal Painting handelt es sich um eine Art Zeichensprache, mit der der musikalische Prozess innerhalb einer Improvisation mittels (momentan etwas über 80) Handgesten beeinflusst werden kann. Vocal Painting basiert zum einen methodisch auf Walter Thompsons Soundpainting4 und zum anderen klangästhetisch und musikalisch auf dem Circle Singing,5 wie es von Künstlern wie Bobby McFerrin, Rhiannon oder Joey Blake praktiziert wird. Das bedeutet konkret, dass im Unterschied zur sehr freien Herangehensweise im Soundpainting die Grundlage der Improvisation in der Regel tonal gebundene, repetitive Formen verschiedener Länge sind.

Vom Soundpainting unterscheidet sich Vocal Painting insbesondere in der wesentlich kleineren Anzahl von möglichen Handgesten und zum Teil in der größeren Ungleichzeitigkeit zwischen Geste und musikalischer Ausführung der Anweisung. Besonders im Kontext jener Handgesten, bei denen von den Singenden zum Beispiel ein neuer Loop oder eine Harmonisierung eines bestehenden Loops verlangt wird, dürfen diese sich Zeit nehmen, um für sich zu evaluieren, was jetzt die Musik am besten voranbringen würde. Genau darin liegt auch der größte Unterschied zum Circle Singing: Die musikalischen Ideen kommen nicht nur von einem Kopf, sondern können aus der gesamten Gruppe kommen, aber eben in einem geordneten Rahmen. Dem Dirigenten oder „Creator“ obliegt es, das musikalische Gespräch zu steuern, die Singenden zu inspirieren und sich von diesen inspirieren zu lassen. Das gemeinsame Ziel der ganzen Gruppe ist das bestmögliche Funktionieren der Musik. So ist die Hierarchie zwischen Chorleitung und Chor in TIC wesentlich flacher bis hin zu dem Szenario, dass je nach Erfahrungsstand der Gruppe die Leitung auch in einer laufenden Improvisation beliebig zwischen allen Mitgliedern gewechselt werden kann. Um diesen musikalisch-kommunikativen Prozess zu ermöglichen, ist ein entsprechendes Mindset, also eine hinreichend offene, wertschätzende und nicht-kompetitive Einstellung zum gemeinsamen Musikmachen erforderlich. Der Chor kann nicht mehr nur das Instrument der Chorleitung sein, sondern beide sind gleichberechtigte Partner beim Musikmachen. Das erfordert selbstverständlich, dass die dafür notwendigen Kompetenzen vermittelt werden und der Chor bereit ist, sich diese Kompetenzen zu eigen zu machen und anzuwenden.


© Johannes Göring

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Schulung der musikalischen Kompetenzen des Chores Zur Schulung der musikalischen Kompetenzen eines Chores schlägt TIC vor, die Arbeit in fünf verschiedene Bereiche zu unterteilen und sich diesen je nach Bedarf einzeln zu widmen. Dabei bedient sich TIC bereits existierender Methoden wie etwa der relativen Solmisation. Auch hier ist das erwähnte Mindset von Bedeutung: Chorleitung und Chor sind gleichberechtigte Partner oder sollen es werden. ) Im Bereich Timing & Groove hat sich eine eigene Rhythmussprache durchgesetzt, bei der Viertelnoten und deren Unterteilungen mit einem Namen versehen werden. So sprechen sich die Viertel „di di“, die Achtel „di-da-di-da“ und die Sechzehntel „digidagadigidaga“. Diese Sprache kann natürlich ergänzt werden, um z. B. triolische Rhythmen abzubilden. Sie wird ähnlich wie die Solmisation mit Handzeichen verknüpft, mit denen dann – auch in Kleingruppen – vergleichbar gearbeitet werden kann. So kann der Notentext direkt in Rhythmussprache „übersetzt“ werden, sodass rhythmische Strukturen einheitlich benannt und in Relation zum Metrum verstanden werden können.6 ) Für den Bereich Tonhöhe & Intonation dient die relative Solmisation als gemeinsame, schnell umsetzbare und erlebbare Sprache, die diatonischen Zusammenhängen einen Namen gibt. Die Methode ermöglicht, dass ein Chor ein Verständnis dafür entwickelt, dass eine Chorstimme immer auch im harmonischen Kontext gesehen werden muss und was dieser Kontext ist. Sie lässt sich in der Form anwenden, dass der Chor der Anleitung durch die Chorleitung folgt oder dass Chormitglieder sich in Kleingruppen gegenseitig anleiten – natürlich mit einer entspre-

chend angepassten und leistbaren Aufgabenstellung. Ab einem bestimmten Punkt ist der Transfer aus der Solmisation auf ein Stück sehr schnell machbar. Ein gewollter Nebeneffekt der Solmisation ist, dass die Sängerinnen und Sänger völlig anders aktiviert werden, wenn sie zum Beispiel eine neue Stimme nicht einfach nur vom Klavier nachsingen, sondern sich diese mit angemessener Hilfestellung aus ihrem eigenen diatonischen Verständnis heraus selbst erschließen. Dafür müssen seitens der Chorleitung Raum und Zeit gegeben werden, um das eigene Wissen zur Bewältigung der Herausforderung zu aktivieren. ) Im Bereich Klang & Blending, der eng mit stimmbildnerischen Fragen zusammenhängt, erscheint es naheliegend, ebenfalls einen Ansatz zu wählen, der es den Chormitgliedern ermöglicht, ein Verständnis für das eigene „Instrument“ und dessen „Spieltechniken“ zu erlangen. Innerhalb des immer noch im Aufbau befindlichen Systems TIC hat sich hier bislang noch kein Werkzeug durchgesetzt, was auch in der großen Komplexität des Themas und den didaktisch besonderen Anforderungen an chorische Stimmbildung begründet liegen mag. Auch hier sollte das Ziel sein, den Sängerinnen und Sängern Raum, Zeit und Inspiration sowie Hilfestellung zur Entwicklung des eigenen Klangs zu geben und nicht allein einen vordefinierten Klang einzufordern. ) Ähnlich verhält es sich mit den Themen Interpretation & Ausdruck sowie Performance & Konzertdesign. Konsequenterweise müssten auch diese Bereiche im Kern beeinflusst sein von der gegenseitigen Inspiration von Chor und Chorleitung. Es stellt sich also die Frage, wie man im Chor ein gemeinsames Bewusstsein für die Interpretation eines Stücks schaffen kann.

Eine Herangehensweise könnte sein, über eine inhaltliche Erschließung des Materials dieses Bewusstsein zu schaffen. Speziell im Bereich Concert Design sind der Dutch Organic Choir7 aus den Niederlanden, Perpetuum Jazzile8 aus Slowenien und Dopplers9 aus Dänemark als Referenzensembles mit jeweils eigenen Herangehensweisen zu nennen. Außerdem hat sich die dänische Dirigentin Astrid Vang-Pedersen im Rahmen einer Dissertation intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.10 Sie schlägt vor, das Thema Konzertdesign als einen zirkulären Prozess aufzufassen, der von Anfang an mit in die Probenarbeit eingebettet wird und bei dem die Gruppe Zwischenstadien regelmäßig zusammen evaluiert, bis schließlich das finale Design entsteht.

Befreiung der Stimme, des Körpers und der Seele Inspiration kommt nicht von selbst und sie lässt sich schon gar nicht forcieren. Aber es können günstige Bedingungen geschaffen werden, um inspirierende Momente wahrscheinlicher zu machen. Bei der Methode „The Intelligent Choir“ spielt das aus dem Swahili stammende Wort „kucheza“ (wörtlich übersetzt: „spielen“) eine große Rolle. Das Verb wird ebenfalls verwendet, um die Tätigkeiten Musizieren und Tanzen zu beschreiben, und dient so gewissermaßen als Leitbegriff einer Philosophie des Musikmachens. Die Inspiration dafür stammt von einer Musikschule in Aarhus, die seit 30 Jahren nach diesem Verständnis arbeitet. Dort wird Musik im engen Zusammenhang zu Tanz und Spiel verstanden und soll ganz selbstverständlich als Teil von Gesellschaft erlebt werden, ohne dass von vornherein nur mit dem Zweck musiziert wird, ein


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bestimmtes Ziel, z. B. eine Aufführung, zu erreichen. Eine wichtige Vorstellung lautet: „Ich bin Musik!“11 Übertragen auf die chorische Arbeit bedeutet das, dass in jeder Musik etwas zum Leben erweckt werden soll, das mehr ist als Töne, und dass jeder Mensch eine eigene, aus den individuellen Lebenserfahrungen genährte Musik in sich trägt. Auch hier sind wieder Chorleitung und Chor gefragt – denn nur eine Seite allein kann diese große Quelle an Inspiration nicht hör- und erlebbar machen. Methodisch kann das bedeuten, Probeneinheiten zum Beispiel mit einem kurzen „Icebreaker“ anfangen zu lassen, welcher spielerisch zum Musikmachen führt, oder, wenn die Energie eines Stücks das hergibt, zu diesem mit dem Chor zu tanzen, eventuell auch beim Singen, womit man unter Umständen bereits den Bereich des Concert Design berührt. Auch wenn das Stück eine völlig andere Energie hat und zum Beispiel sehr ruhig ist, kann nach dem Bild oder der Vorstellung gesucht werden, wodurch es zum Leben erweckt wird. Diese Vorstellung wird aber nicht unbedingt mit dem Ziel aktiviert, dass klanglich etwas Vorgegebenes passieren soll, sondern damit jeder den Gedanken „Ich bin Musik!“ im Sinne des Bildes aktivieren kann. Wenn es dann in den Bereich der Improvisation geht, spielt diese Inspiration natürlich eine noch größere Rolle. So kann Musik viel mehr ein Erlebnis für alle Beteiligten – Ausführende wie Zuhörende – werden, als wenn die entscheidenden Kategorien lediglich „richtig“ oder „falsch“ hießen.

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The Intelligent Choir – Concept, https://theintelligentchoir.com/concept (Stand: 16.8.2019). 2 ebd. 3 Svend Rastrup Andersen/Niels Græsholm: Slå Ørerne Ud! – Idéhæfte, Egtved 1993, S. 3. 4 Soundpainting ist ein schon länger existierendes System, durch das mit Hilfe von über 1 000 Handgesten komplexe Improvisationen angeleitet werden. Es gibt inzwischen Gesten, die sich an InstrumentalistInnen, SängerInnen, TänzerInnen und sogar bildende KünstlerInnen richten, die in einer Performance gemeinsam live Improvisieren. Die Musik ist dabei oft nicht tonal oder metrisch gebunden; vgl. z. B. Walter Thompson: Soundpainting: the art of live composition. Workbook I, New York 2006. 5 Beim Circle Singing wird Musik, die meistens auf kurzen Loops basiert, über ein Call-Call-System mit einer Gruppe einstudiert. Dabei gibt es in der Regel eine Person in einer Art Leitungsfunktion, die festlegt, welches Motiv gesungen und wie es harmonisiert wird. Häufig ergänzt diese Person die Performance selbst durch ein freies Solo. Die Musik ist dabei in der Regel tonal und metrisch gebunden. 6 vgl. Guido Krawinkel/Nora Friedel: „Alles ist Rhythmus. Methodische Ansätze von Bodypercussion bis Rhythmussprache im Überblick“, in: Chorzeit. Das Vokalmagazin 6/2019, S. 16 f. 7 www.dutchorganicchoir.nl/en/welcome (Stand: 12.9.2019). 8 http://perpetuumjazzile.si/de (Stand:12.9.2019). 9 www.dopplers.dk (Stand:12.9.2019). 10 www.concertdesign.dk (Stand:12.9.2019). 11 vgl. Kurt Baagø: „Kucheza er en rede, hvor børn kan opdage og pleje deres musikalske talent”, in: Basunen 1/2017, S. 14-16. 12 Max Gaertner: „Die eigene musikalische (Klang-) Forschung – Das Wissen um die Kunst“, Workshop anlässlich der Summer School des Netzwerks Musikhochschulen, unveröffentlichtes Manuskript, Detmold 2019. 13 Beatrice Hungerland/Bernd Overwien: „Kompetenzerwerb außerhalb etablierter Lernstrukturen“, in: dies. (Hg.): Kompetenzentwicklung im Wandel. Auf dem Weg zu einer informellen Lernkultur?, Wiesbaden 2004, S. 13.

Auch wenn „The Intelligent Choir“, wie es ja schon im Namen steckt, sich an Chöre richtet, können die Gedankengänge über das Zusammenwirken von Musizierenden

in einer Gruppe auf jedes Ensemble übertragen werden. Die Inspiration sollte bei InstrumentalistInnen ebenso bedeutsam sein, gerade wenn sie improvisieren. Vocal Painting als Zeichensprache beinhaltet viele Gesten, die genauso gut instrumental umsetzbar sind, und letzten Endes profitiert jede Gruppe davon, wenn man die Musikalität der Mitmusizierenden anerkennt und wertschätzt, egal wie fortgeschritten man ist. Denn erst dadurch wird das volle Potential eines Ensembles ausgeschöpft. TIC kann auch im Kontext aktueller Diskussionen um das Thema künstlerische Forschung betrachtet werden, in denen es unter anderem darum geht, Prozesse beim Musikmachen und beim Erschließen von Musik beschreibbar zu machen. Dabei entsteht letztlich auch relevantes Wissen für die Vermittlung von Musik. Der Percussionist und Pädagoge Max Gaertner regt zum Beispiel dazu an, den Prozess des Musizierens in die Bereiche Analyse, Übeprozess, Vortrag und Performance zu unterteilen, wobei jeder dieser Bereiche wieder in noch kleinere Schritte unterteilt werden kann.12 Auch TIC versucht, durch die Gliederung des musikalischen Prozesses den Vermittlungsprozess durchsichtiger und greifbarer zu machen. Letztlich reihen sich Chorleiterinnen und Chorleiter mit der Methode „The Intelligent Choir“ ein in einen schon länger bestehenden Diskurs: „Die Lehrerrolle verändert sich, wenn Lehrer in Zukunft stärker als bisher professionelle Begleiter von Lernprozessen sind. Lehrer müssen in die Lage versetzt werden, eigenständige Lernprozesse der Lernenden zu provozieren und diese zu begleiten. [...] Ein gleichberechtigtes, respektvolleres Lernklima wird produziert, wenn Lehrer als ebenfalls weiterhin Lernende, Kinder und Jugendliche als bereits Wissende und Kompetente angesehen werden.“13 ((

erscheint alle zwei Monate als Supplement zu üben & musizieren

Redaktion: Sebastian Herbst und Rüdiger Behschnitt Layout: Rüdiger Behschnitt Grafik: Nele Engler

Wie lässt sich die Methode weiterdenken?

Felix Schirmer arbeitet als freier Chorleiter, Gesangslehrer, Sänger und Dozent. Er koordiniert die Jugendarbeit am Chorhaus St. Michael Dormagen und hat einen Lehrauftrag für vokale Improvisation im Elementarchorbereich an der Universität zu Köln.

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