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Editorial

Willi. Who?

„Lieber Herr Kollege, so ein sonniger Samstag Nachmittag verlockt zur Komplettlektüre des Heftes. Es ist wieder einmal gelungen... Sogar das Impressum las ich und entdeckte: 1. Willi-Brandt-Platz 2 – falsch. Richtig: Willy-Brandt-Platz 2 2. E-Mail bei Schulmeyer; Email bei Breuer; E-Mail bei Schribi-Verlag. Richtig laut Duden, aktuelle 24. Auflage: E-Mail.“ Das mailte ein Kollege kurz nach Erscheinen von Ausgabe 2/08. Danke für die Rückmeldung. Schwerpunkt dieser Ausgabe sind Wahlen – wie könnte es in diesem Jahr auch anders sein. Neidisch blicken wir nach Zürich: Die ansonsten zurückhaltenden Eidgenossen haben keine Skrupel, die Wahlbeteiligung mit Einkommen und Vermögen zu koppeln. Josef Fischer hat uns einige hochinteressante Wahldatenbündel zusammengestellt. Hubert Harfst berichtet über die Wahlorganisation (ein Text, den man gut für jede Mitarbeiterzeitung verwenden kann – aber ohne den Elefanten) und geht mit Michael Haussmann auf das Problem ein: Zwei Wahlen an einem Tag? Mit ganz anderen Augen als noch vor ein paar Monaten lesen Sie den Düsing-Artikel über Wahlmaschinen. Wie die Zeit sich ändert! Gregor Gysi schaut vorbei und ein anonymer Wahlhelfer gibt sein Gedicht zum besten. Doch bleibt diese Ausgabe bei Wahlen nicht stehen. Statistik ist mehr. So startet dieses Heft mit einem Demographiebericht, einer Prognose, der Clusteranalyse und der Erreichbarkeit von Großstädten – sicher auch Ihrer. Schultz/Wunderlich befassen sich mit Familien, Hans Menge mit Zwerggemeinden und Großstädten. Im VDSt-Teil melden sich Köln, Rostock und Esslingen zu Wort. Martin Schlegel, Hagen Stadtforschung und Statistik 1/ 09

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Stadtforschung und Statistik Zeitschrift des Verbandes Deutscher Städtestatistiker Ausgabe 1 • 2009

Inhalt

Aus den Kommunen

Schwerpunkt Wahlen

Seite

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Andreas Martin, Hannover

Schwerpunkt auf der Statistischen Woche 2009 Wahlen – Inhalte kommunaler Stadtforschung

29

Simon Villiger, Zürich

Geld und Bildung bestimmen die Wahlbeteiligung Profil der Wählerinnen und Wähler

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Hubert Harfst, Hannover

Unzählige Urnen, 478 Vorstände, 4 500 WahIheIfer und ein Elefant Wahltag braucht Organisation

35

Josef Fischer, Leipzig

Daten für 2007 und 2001 Bürgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland

36

Wolfgang Düsing, Neuss

Neusser Erfahrungen: Gute Vorbereitung – schnelle Ergebnisse Wahlgeräte im praktischen Einsatz

43

Unbekannter Autor

Hannoverscher Wahlhelfer Wahlhelfer-Leid

45

Michael Haussmann, Stuttgart, Hubert Harfst, Hannover

Pro und Contra Zwei Wahlen an einem Tag?

46

Josef Fischer, Leipzig

Das interessante Schaubild Durchschnittliche Amtszeit

48

Bernhard Eichholz, Ingo Heidbrink, Düsseldorf

Integriertes Stadtentwicklungskonzept „Düsseldorf 2020+“ Düsseldorfer Demographiebericht

5

Christa Ruten, Münster

„Neues Interesse“ an einem „alten Instrument“ Prognoseergebnisse für Politik und Verwaltung

11

Lothar Eichhorn, Jessica Huter, Jessica Lange, Hannover

Hannover und Hagen führen Erreichbarkeit von Großstädten

20

Susann Rabold, Dirk Baier, Vorbilder spielen die zentrale Rolle Hannover Stadtteile als Bedingungsfaktoren von Jugendgewalt

24

Annett Schultz, Holger Wunderlich, Bochum

51

Familienberichterstattung durch Familienbefragung Die wirtschaftliche Lage von Familien

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Stadtforschung und Statistik Zeitschrift des Verbandes Deutscher Städtestatistiker Ausgabe 1 • 2009

Inhalt

Rubriken

Streiflichter

Internes

Methodik

Seite

Ralf Gutfleisch, Frankfurt/Main

Clusteranalyse: Komplex, aber doch nicht so schwer „Haben Sie schon mal geclustert?“

15

Hans Menge, Bonn

Von Riesen- und Kleinstaaten, Zwerggemeinden und Großstädten Nutzerprobleme der regionalen Gliederung

57

Ulrich Naumann, Köln

Die Ex-AG vor der Statistischen Woche in Köln Rheinische Erkundungen und Streifzüge

62

Axel Weber, Esslingen

Bewegte Geschichte – Der Statistiker als Generalist Die Kommunalstatistik in Esslingen

71

Ulrich Kunze, Rostock

Willkommen an Warnow und Ostsee Kurs auf eine Zukunft mit Wachstum

72

Martin Schlegel, Hagen

Statistische Woche 2008 in Köln Zahlen und Worte

74

Zahl des Jahres 2008 900mal zur Sonne

23

Peinlich – Statistik widerlegt Pech gehabt, Herr Gysi!

49

Helmut Schmidt: Außer Dienst Mein Versäumnis

49

So spielt das Leben – Kopien in Turmkirchen Die Heftung

50

Garantiert anonym – garantiert wahr So spielt das Leben

74

Buchvorstellung Rückblicke ohne Rücksicht

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Editorial Willi. Who?

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Bevor der Ernst beginnt Coquus Eventus

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Impressum

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Autorenverzeichnis

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Bevor der Ernst beginnt

Coquus Eventus Martin Schlegel, Hagen

Die Wahl von Andrea Ypsilanti zur Koch-Nachfolgerin lief ziemlich schief. Zuerst ging ihr die Mehrheit flöten, dann kam die Handy-Affäre dazu. Einige Sozialdemokraten hatten sich für den zweiten Versuch gesagt: Wir nehmen unsere Stimmabgabe mit dem Handy auf, dann können wir im Zweifel belegen, dass nicht wir abgewichen sind. Doch blieb das nicht geheim und die Presse hatte die Handy-Affäre. Ende Dezember stellte sich heraus, dass hinter der geplanten Foto-Aktion gar nicht die SPD stand, sondern der Aktionskünstler Coquus Eventus – bürgerlich: Heiko Rot. Wenn es schon mal gelingt, sagte er sich, in dem strukturkonservativen Hessen eine Frau an die Spitze zu bringen, dann muss bereits die Wahl das Normal-Bürgerliche sprengen. In einem kurzen Gespräch hatte er Andrea Ypsilanti überzeugt, ihre Wahl als gesamtkunstwerkliches Event zu inszenieren. Für die Kandidatin und ihn war es eine Selbstverständlichkeit, nicht etwa Randereignisse zu gestalten, sondern den Wahlakt selbst. Der Künstler kreierte ein noch nie benutztes Element, in das die gesamte hessische SPD-Fraktion, die Hefe der Veränderung, eingebunden wird: Die Abstimmung als Foto-Aktion. Die anderen Fraktionen wurden ausgeschlossen, da sie für die Neujustierung des verstaubten Begriffs „Geheime Wahl“ noch nicht aufnahmebereit waren. Veränderungen, stellte CE vor dem SPD-Präsidium fest, beginnen immer im Kleinen, also bei der SPD. So schuf er das Event „Electional Pictures“. Die von den Abgeordneten von ihrer Stimmabgabe geschossenen Bilder sollten im Mainzer Landesmuseum ausgestellt werden und so immer an den Stilund Politikwechsel in Hessen erinnern. Der Titel der Ausstellung war klar: „Hessen wählt anders!“ ergänzt um die Unterzeile „Nicht vergessen – die Y-Wahl in Hessen!“ Coquus Eventus hatte die Aktion, wie er noch Anfang Januar erklärte, nie als Bruch des Wahlgeheimnisses geplant, sondern darin immer nur ein Kunstwerk gesehen. Das war glaubwürdig, bis jetzt bekannt wurde, dass diese Handy-Aktion, die der SPD enorm geschadet hat, im Koch-Auftrag geschah. Coquus Eventus war nicht nur ein kunstvoller Schaumschläger, sondern ein richtiges Koch-Instrument. Man sieht wieder einmal: Wenn Schlimmes passiert, steckt die CDU dahinter.

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Die NRW-Landeshauptstadt wächst weiter – Integriertes Stadtentwicklungskonzept „Düsseldorf 2020+“

Düsseldorfer Demographiebericht Bernhard Eichholz, Ingo Heidbrink, Düsseldorf

Der „Demographische Wandel“ ist in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten gesellschaftspolitischen The­men geworden. Hinter diesem Begriff stehen die sich verändernden demographischen Rahmenbedingungen wie Bevölkerungsrückgang, eine zunehmende gesellschaftliche Alterung sowie die Heterogenisierung bzw. Internationalisierung der Gesellschaft. Allerdings sind nicht alle Städte gleichermaßen von den Folgen des demographischen Wandels betroffen. In Deutschland lässt sich ein Nebeneinander von wachsenden und schrumpfenden Städten und Gemeinden beobachten, das nach Prognosen des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung auch in den kommenden Jahrzehnten bestehen bleiben wird (vgl. BBR 2006). Auch der Alterungsprozeß wird die Städte aufgrund unterschiedlicher Bedingungen in unterschiedlicher Intensität treffen. So ist in wachsenden Städten weniger die Abnahme der jüngeren Altersgruppen für eine zunehmende Alterung verantwortlich, als viel mehr die steigende Zahl alter Menschen. Die Folgen der demographischen Veränderungen für Städte und Gemeinden sind vielfältig und betreffen fast alle Bereiche der öffentlichen Bedarfsplanung. Vor allem die künftige Angebotsstrukturierung von Schulen und Kinder-

betreuungseinrichtungen, von Alten- und Pflegeeinrichtungen, von Wohnraum generell sowie von arbeitsmarkt- und integrationspolitischen Maßnahmen. Es wird davon ausgegangen, dass eine wachsende Zahl von Migranten bei gleichzeitig schrumpfender einheimischer Bevölkerung in städtischen Teilbereichen zu einer Verfestigung von ethnischer Segregation führen kann (vgl. Strohmeier / Terpoorten 2006) Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass infolge der demographischen Verschiebungen der Wettbewerb der Städte um Unternehmen und gut qualifizierte Arbeitskräfte zunehmen wird (vgl. Bertelsmann Stiftung 2006). Städte und Gemeinden sind daher gefragt, zukunftsfähige Anpassungen an den strukturellen und demographischen Wandel vorzunehmen. Sowohl die technischen als auch die sozialen Infrastrukturplanungen für morgen müssen die prognostizierten Veränderungen berücksichtigen. Dabei ist es entscheidend, angemessene Strategien und Handlungskonzepte auf die jeweilige demographische Situation und Entwicklung auszurichten.

“Düsseldorf 2020+“ Vor dem Hintergrund der angenommenen gesamtgesellschaftlichen und demo-

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graphischen Trends und Entwicklungen, hat der Rat der Stadt Düsseldorf im September 2006 die Erarbeitung eines mittel- bis langfristigen Orientierungsrahmens beschlossen. Diesen Orientierungsrahmen bildet das integrierte Stadtentwicklungskonzept (STEK) mit dem Namen „Düsseldorf 2020+ Wachstum fördern – Zukunft gestalten“ (s. Abbildung 1). Anhand des Stadtentwicklungskonzeptes sollen die maßgeblichen Handlungsfelder und deren quantitative und qualitative Faktoren aufgezeigt werden, an denen die räumliche Stadtentwicklung in den kommenden Jahrzehnten strategisch ausgerichtet werden kann.

Düsseldorfer Stadtrat

Bestehende Fachplanungen (wie z.B. Verkehrsentwicklungspläne, Freiraumkonzepte, Klimaschutzkonzepte) sollen durch das STEK jedoch nicht verdrängt, sondern um eine übergeordnete Entwicklungsperspektive ergänzt werden. Die Grundlage für das Stadtentwicklungskonzept bilden • die Daten und Prognosen des Demographieberichtes, der eine gesamtstädtische wie auch stadtteilbezogene Betrachtung vornimmt, sowie • die thematischen Bausteine der sogenannten Fachexpertisen.

Grundlagen des Konzepts

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Düsseldorfer Demographiebericht

Abb. 1: Prozessablauf Stadtent­ wicklungskonzept Düsseldorf 2020+

Ämterübergreifende Projektgruppe

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Diese fünf Bausteine des STEK sind: • Wohnen, • Wirtschaft und Beschäftigung, • Soziale Infrastrukturen, • Sport und Bewegung sowie • Versorgung. Die Fachexpertisen wurden sowohl von den beteiligten Fachämtern als auch von externen Auftragnehmern erstellt. Für die Bausteine „Wirtschaft und Beschäftigung“ war dies Empirica, im Bereich „Wohnen“ erfolgte eine Unterstützung durch INWIS. Das Sportinstitut der Bergischen Universität unterstützte die Expertise des Sportamtes für den Bereich „Sport und Bewegung“. Die Erarbeitung aller Fachexpertisen wird durch eine ämterübergreifende Projektgruppe unter der Federführung des Stadtplanungsamtes begleitet und abgestimmt. Methodisch beinhalten die Fachexpertisen eine eingehende Analyse der aktuellen Situation sowie darauf aufbauend eine Ableitung von Handlungsbedarfen und -empfehlungen, die sich insbesondere an den demographischen Prognosen in der Gesamtstadt wie auch in den Stadtteilen orientieren. Die wesentlichen Aussagen und Empfehlungen der einzelnen Fachexpertisen werden in den

zuständigen Fachausschüssen des Rates (bzw. dem APS) vorgestellt und diskutiert. Mit dem Ratsauftrag wurde das Amt für Statistik und Wahlen beauftragt, einen Demographiebericht zu erarbeiten, der die Daten- und Prognosegrundlage für das STEK und die thematischen Expertisen bildet. Der Betrachtungszeitraum des Demographieberichtes reicht, analog zum Planungshorizont des STEK, bis ins Jahr 2020. Alle Expertisen und hieraus resultierenden Empfehlungen und Projekte basieren auf den Daten und Prognosen des Demographieberichtes.

Der Demographie­ bericht – Methodik und Annahmen Der Demographiebericht umfasst die Analyse und Prognose der Bevölkerungsentwicklung Düsseldorfs von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Die nach Komponenten differenzierte Betrachtung der zurückliegenden Bevölkerungsveränderung dient zur Erklärung der Auswahl der Prognoseannahmen. Auf der räumlichen Ebene wird unterschieden zwischen der Entwicklung der Gesamtstadt und jener der 49 Stadtteile. Für die Bevölkerungsprognose wurde SIKURS eingesetzt. Für die Düsseldorfer Bevölkerungsprognose wurde als Ausgangsbevölkerung der Stichtag 31.12.2005 gewählt, dem zu Projektbeginn aktuellsten Bevölkerungsstand. Der Prognosezeitraum umfasst somit die Jahre 2006 bis 2020. Für die einzelnen Bevölkerungsbewegungen wurden folgende Annahmen zugrunde gelegt: Hinsichtlich der künftigen Geburtenentwicklung wurden konstante altersspezi-

fische Geburtenraten anhand der Jahre 2003 bis 2005 angenommen. Die ermittelten Sterberaten basieren ebenfalls auf dem Durchschnitt der Jahre 2003 bis 2005 und berücksichtigen zudem eine wie vom LDS NRW angenommene, steigende Lebenserwartung. Die Wanderungsbewegungen wurden nach Außenzu- und Außenfortzügen einerseits und Binnenwanderungen, d.h. innerstädtischen Umzügen, andererseits unterschieden. Für die Außenfortzüge wurden altersspezifische Fortzugswahrscheinlichkeiten getrennt nach Außengebieten und Binnentypen, d.h. Stadtteilen mit ähnlichem Wanderungsverhalten, ermittelt. Für die Zuzüge wurde die Altersstruktur der Zuziehenden für die Außengebiete und Binnentypen ermittelt. Das Außenzuzugsvolumen ergibt sich aus dem durchschnittlichen Wanderungssaldo der Jahre 2001 bis 2005. Darüber hinaus wurden die zu erwartenden kleinräumigen Wohnbautätigkeiten berücksichtigt. Hierbei wurde von den vom Stadtplanungsamt geplanten Wohneinheiten ausgegangen. Um von diesen auf die Zahl der Neubaubezieher zu schließen, wurden die Wohnungsbaugebiete in Geschosswohnungen und Ein- und Zweifamilienhäuser unterschieden und mit unterschiedlichen Bezugsschlüsseln versehen.1

Bevölkerungsentwicklung bis heute In der jüngeren Vergangenheit konnte Düsseldorf eine kontinuierliche Zunahme der Bevölkerung verzeichnen. Seit 1999 stieg die Einwohnerzahl um 3,1%.

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Düsseldorfer Demographiebericht Die natürliche Bevölkerungsentwicklung ist seit Ende der 60er Jahre von einem negativen Saldo geprägt. Als Grund hierfür ist die Abnahme der Geburtenhäufigkeit, d.h. der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau, zu nennen. Dieser Wert hat bereits Ende der 60er Jahre die das Bestandserhaltungsniveau kennzeichnende Marke von 2,1 unterschritten und pendelt seit dem zwischen 1,2 und 1,3 Kindern je Frau im gebärfähigen Alter. Ausgelöst wird das Bevölkerungswachstum der Stadt durch Wanderungsgewinne, die das Geburtendefizit kompensieren. Seit 1999 kann die Stadt Düsseldorf eine durchgehend positive Wanderungsbilanz verzeichnen. Diese ergibt sich zum größten Teil aus Wanderungsgewinnen der ausländischen Bevölkerung, die seit 1985 einen Zuwanderungsüberschuss von durchschnittlich ca. 3.250 Personen pro Jahr aufweist. Der Gesamt-Wanderungsüberschuss des Jahres 2005 ist zu 15% auf Wanderungsgewinne der deutschen Bevölkerung und zu 85% auf Wanderungsgewinne der ausländischen Bevölkerung zurückzuführen.

in der Ausbildungs- bzw. Berufseinstiegsphase ist seit über 10 Jahren für das Bevölkerungswachstum der Stadt verantwortlich. Die Wanderungsverluste bei den sog. Familienwanderern, d.h. die unter 18-Jährigen sowie die 30- bis unter 50-Jährigen, bestehen durchgehend seit 1995 und betragen im Durchschnitt 2.200 Personen pro Jahr.2 Auch in der Altersgruppe der 65-Jährigen und älteren ist der Wanderungssaldo seit über 10 Jahren negativ. Die Untersuchung der Wanderungsverflechtungen im Zeitraum 1995 bis 2005 verdeutlicht zwei parallel verlaufende Prozesse. Gegenüber dem nahen Umland, insbesondere Neuss, Meerbusch, Hilden und Ratingen, verzeichnet Düsseldorf hohe Wanderungsverluste. Auch das weitere westlich und südlich gelegene suburbane Umland profitiert von Zuzügen aus Düsseldorf. Die Wanderungsgewinne hingegen erhält Düsseldorf zu je knapp 25% aus den Fernwanderungen anderer nicht zur Region Mittlerer Niederrhein zählender NRW-Städte, insbesondere aus den Ruhrgebietsstädten Essen,

Dortmund und Bochum, sowie aus dem Ausland. In der Folge führten die beschriebenen demographischen Prozesse zu einer bedeutenden Veränderung der Altersstruktur. Niemals zuvor lebten mehr ältere Menschen in Düsseldorf und niemals zuvor war ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung größer. Gleichzeitig sind die Anteile der jüngeren Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung gesunken. Der Vergleich der Bevölkerungspyramiden der Jahre 1990 und 2005 gibt die wellenförmige Verschiebung der unterschiedlich stark besetzten Kohorten wieder. So haben sich die geburtenstarken Jahrgänge der BabyBoom-Generation von den Altersjahren 25 bis 35 Jahre zu den 35- bis 50-Jährigen verschoben. Gleichzeitig ist das obere Pyramidendrittel breiter geworden, d.h. der Anteil der 65-Jährigen und älteren hat zugenommen. Im Jahr 2005 waren ca. 111.100 Einwohner von Düsseldorf im Alter von 65 Jahren und älter, das entspricht knapp einem Fünftel der Gesamtbevölkerung (19,3%). 1990 lag der Anteil der Personen in dieser Altersgruppe noch bei 16,9%.

Positive Wanderungsbilanz trotz hoher Nahwanderungsverluste

Abb. 2: Bevölkerungsentwicklung von Düsseldorf 1971 bis 2005 nach Komponenten

In der Unterscheidung der Außenwanderungen nach Altersgruppen des Jahres 2005 wird deutlich, dass sowohl bei den Zuziehenden als auch bei den Fortziehenden die 30- bis unter 50-Jährigen die mit Abstand größte Gruppe darstellen. Demgegenüber fallen die relativ hohen Wanderungsgewinne in den Altersgruppen 18 bis unter 25 Jahre und 25 bis unter 30 Jahre auf, die die Wanderungsverluste der übrigen Altersklassen ausgleichen können. Diese starke Zuwanderung von jungen Menschen Stadtforschung und Statistik 1/ 09

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Düsseldorfer Demographiebericht nen Altersstruktur immer mehr Menschen in ein hohes Alter kommen. Der Anteil der Ausländer an der Gesamtbevölkerung wird von 16,9% im Jahr 2005 auf 17,4% im Jahr 2020 ansteigen.

Abb. 3: Außenwanderungen nach Altersklassen 2005

Abb. 4: Bevölkerungspyramide der Düsseldorfer Bevölkerung 1990 und 2005

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Der Altenquotient liegt in Düsseldorf bei 29,4. Das bedeutet, dass auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 29 ältere Personen (65 Jahre und älter) kommen. Dieser Wert hat seit 1985 stetig zugenommen. Im Vergleich mit den Städten Essen, Köln und Wuppertal zeigt sich, dass zwar alle diese Städte von einer zunehmenden Alterung betroffen sind, die Entwicklung in Düsseldorf allerdings weniger gravierend ist als beispielsweise in den schrumpfenden und vom Strukturwandel betroffenen Städten wie Essen und Wuppertal.

Bevölkerungs­ prognose 2020 Nach der Prognose des Amtes für Statistik und Wahlen steigt die Einwohnerzahl von Düsseldorf weiter und überschreitet im Jahr 2020 die Marke von 600.000 Einwohnern. Das entspricht einer Zunahme gegenüber dem Jahr 2005 um 4,2%. Die natürliche Bevölkerungsentwicklung wird auch in Zukunft einen nur geringen Einfluss auf die Gesamtentwicklung nehmen. Dabei wird die Entwicklung der Geburten zum einen durch das generative Verhalten der Bevölkerung bestimmt; dieses wird entsprechend der getroffenen Annahmen über den Prognosezeitraum konstant bleiben. Zum anderen ist die Besetzung der entsprechenden Kohorten, d.h. der Frauen im gebärfähigen Alter ausschlaggebend. Aus der Kombination dieser zwei Faktoren ergibt sich ein leichter Anstieg der Geburten bis 2020, der allerdings die Zahl von 2004 voraussichtlich nicht erreichen wird. Die Zahl der Sterbefälle wird in den ersten Prognosejahren trotz steigender Lebenserwartung zunehmen, da aufgrund der gegebe-

Die Alterspyramide von Düsseldorf für das Jahr 2020 zeigt die zu erwartenden Veränderungen in der Altersstruktur gegenüber dem Ausgangsjahr 2005 im Überblick. Sie zeigt, dass die Verschiebungen in der Altersstruktur in Düsseldorf vergleichsweise moderat ausfallen. Die zu erwartende Zuwanderung junger Menschen aus dem In- und Ausland führt zu einer im Vergleich mit anderen Großstädten nur geringen Zunahme der Alterung. Das Durchschnittsalter wird im Prognosezeitraum daher nur leicht zunehmen. Es wird mit einem Anstieg von 42,8 Jahre im Jahr 2005 auf 43,3 Jahre im Jahr 2020 gerechnet. Auf der Ebene der Stadtteile stellt sich die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung stark unterschiedlich dar. Es ist naheliegend, dass die Höhe des zu erwartenden Bevölkerungszuwachses in den einzelnen Stadtteilen in großem Maße von der Umsetzung des geplanten Wohnungsneubaus abhängt. Während Bevölkerungsgewinne fast immer mit neuer Wohnbebauung einhergehen, sind Stadtteile mit stark abnehmender Bevölkerung in der Regel von hohen Wanderungsverlusten (Fortzügen) betroffen. Der als demographischer Wandel bezeichnete Veränderungsprozess wird die Bevölkerungsstruktur der Düsseldorfer Stadtteile in unterschiedlicher Weise beeinflussen. Eine Reihe von Stadtteilen wird altern, andere werden jünger werden. Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Düsseldorfer Demographiebericht Weiterhin führt die absolute Veränderung der Bevölkerungszahl gleichermaßen zu schrumpfenden und wachsenden Stadtteilen. Zwischen den beiden Dimensionen Alterung und Bevölkerungsentwicklung besteht ein Zusammenhang, der grob vereinfacht die Aussage zulässt, dass Bevölkerungswachstum zu einer Verjüngung führt, während Bevölkerungsabnahme mit Alterung einhergeht. Für die Stadtteile ergeben sich daraus unterschiedliche Anforderungen hinsichtlich der Anpassung der Infrastrukturbedarfe.

Ausblick Der „Demographiebericht Düsseldorf“ bildet die quantitative Grundlage für das Stadtentwicklungskonzept „Düsseldorf 2020+ Wachstum fördern – Zukunft gestalten“ sowie für alle daran gekoppelten Fachexpertisen und Handlungsempfehlungen. Die enge Verzahnung dieser beiden Expertisen verdeutlicht, dass genaue Informationen über die gegenwärtige und künftige Bevölkerungsentwicklung eine unverzichtbare Voraussetzung für eine vorausschauende und umfassende Stadtentwicklungsplanung sind. Mit Hilfe von Bevölkerungsprognosen lassen sich die groben demographischen Entwicklungen vorhersagen und die entsprechenden Infrastrukturbedarfe ermitteln, wobei zu berücksichtigen ist, dass kleinräumige Prognoseergebnisse nur Orientierungsgrößen darstellen, da diese umso unsicherer sind, je kleinteiliger die Analyseeinheiten sind. Auch künftig wird die Stadt Düsseldorf an der Aktualisierung und Fortschreibung der kleinräumigen Bevölkerungsprognose weiterarbeiten, da

nur aktuelle Bevölkerungsprognosen eine wertvolle Planungshilfe darstellen. Darüber hinaus wird mit dem Aufbau eines Informationssystems zur Stadtentwicklung ein zentrales statistisches Beobachtungs- bzw. Informationssystem geschaffen, dass grundlegende planungsrelevante Daten über Stand und Tendenzen der Stadtentwicklung bereithält. Die kleinräumigen Daten und Prognosen aus dem Demographiebericht werden die Datengrundlage für dieses Informationssystem bilden. Darüber hinaus ist vorgesehen, Daten aus unterschiedlichen Themenbereichen mit Bezug zur Stadtentwicklung aufzunehmen.

Die Anwendung wird auf zwei Funktionalitäten ausgerichtet. Erstens die Generierung kleinräumiger Datentabellen. Zweitens die Visualisierung der Daten mit Hilfe eines geographischen Informationssystems. Die grundlegende Realisierung soll mit Hilfe der vom KOSIS-Verbund erstellten und gerade neu überarbeiteten Version der Software DUVA erfolgen.

Abb. 5: Altenquotienten für aus­­gewählte Städte, 1985 bis 2005

Abb. 6: Bevölkerungspyramide der Düsseldorfer Bevölkerung, Bestand 2005 und Prognose 2020

Das Informationssystem zur Stadtentwicklung soll vom Amt für Statistik und Wahlen auf der Grundlage und als Bestandteil des gesamtstädtischen Data-Warehouse und in enger Abstimmung mit dem Stadtplanungsamt entwickelt werden. Dadurch soll eine zielgerichtete und anwenderorientierte Umsetzung gewährleisten werden.

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Düsseldorfer Demographiebericht

Abbildung 7: Zusammenhang von prognostizierter Bevölkerungsentwicklung und Alterung auf der Ebene der Düsseldorfer Stadtteile

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Literatur Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Wegweiser Demographischer Wandel 2020. Analysen und Handlungskonzepte für Städte und Gemeinden. In: Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe Band 607, Bonn, 2006. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.): Raumordnungsprognose 2020/2050. In: Berichte Band 23, Bonn, 2006. Deutscher Städtetag (Hrsg.): Demographischer Wandel. Herausforderungen, Chancen

und Handlungsmöglichkeiten für die Städte. Arbeitspapier des Deutschen Städtetages. Köln und Berlin, 2006. Landeshauptstadt Düsseldorf, Stadtplanungsamt (Hrsg.): Stadt­e ntwicklungskonzept Düssel­dorf 2020+ Wachstum fördern, Zukunft gestalten (Im Erscheinen). Düsseldorf, 2008. Strohmeier, Klaus Peter / Terpoorten, Tobias: Demografischer Wandel und die Herausforderungen für die Stadtpolitik. In: Der Städtetag, Ausgabe 4/2006, Berlin, S. 10-14, 2006

Anmerkungen 1

Demnach wurde für die Geschosswohnungen ein Faktor von 1,6 Personen je Wohneinheit berechnet. Für die Ein- und Zweiwohnungsbebauungen wurden 3,1 Personen je Wohneinheit veranschlagt. 2 Um zu Aussagen über lebensphasenspezifische Wanderungen zu gelangen, wurden die folgenden, vom Deutschen Städtetag empfohlenen Altersgruppen betrachtet: Familienwanderer, Bildungswanderer und Seniorenwanderer (vgl. Arbeitspapier „Demographischer Wandel. Herausforderungen, Chance und Handlungsmöglichkeiten für die Städte“).

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Bevölkerungsprognose: „Neues Interesse“ an einem „alten Instrument“

Prognoseergebnisse für Politik und Verwaltung 1

Christa Ruten, Münster

Kleinräumige Prognosedaten wurden schon früh für fachspezifische Fragestellungen in der Stadtverwaltung genutzt. Diese lange Tradition ist insbesondere bei Spezialisten vorhanden. So nutzte gerade die infrastrukturplanende Verwaltung die Daten der kleinräumigen Bevölkerungsprognose. Seit einiger Zeit finden die Ergebnisse auch außerhalb des spezialisierten Nutzerkreises vermehrt Beachtung. Ein Grund hierfür ist der Demographische Wandel. Um die künftigen Auswirkungen mit „weniger“, „bunter“ und „älter werdenden“ Bevölkerung einschätzen zu können, sind insbesondere Daten zur künftigen Bevölkerungszahl und -struktur erforderlich. Der Demographische Wandel wird aber nicht in allen Gebieten einer Stadt gleichartig spürbar werden. Die Prognoserechnungen können hier die gesamtstädtischen wie auch die kleinräumigen Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Darüber hinaus gewinnen die Ergebnisse Kleinräumiger Prognoserechnungen in den letzten Jahren durch die finanziellen Engpässe der Kommunen zunehmend an Bedeutung. In Zeiten knappen Geldes können Prognosedaten vermehrt Infrastrukturausbau und -rückbau begründen. Die Nutzung der Prognosedaten erhält dadurch eine über eine perspektivische Betrachtung der künftigen Bevölkerungsentwicklung von

Kommunen hinausgehende Reichweite. Infrastrukturelle Ausstattung beeinflusst aber auch die Attraktivität einzelner Stadtteile für Zuwanderer, also wird auch in gewisser Weise mit Prognosedaten eine Weiche für eine bestimmte Bevölkerungsentwicklung gelegt. Im folgenden Beitrag werden zunächst einige Informationen zur Kleinräumigen Bevölkerungsprognose der Stadt Münster, deren Eckpunkte, Reichweite und Aussagekraft dargestellt. Danach wird das Verfahren zur Vermittlung der Prognoseergebnisse in die Fachverwaltung, die Politik und die interessierte Öffentlichkeit geschildert.

Kleinräumige Prognose in Münster Auch in Münster ist, trotz der vergleichsweise jungen Bevölkerungsstruktur, der Demographische Wandel mit weniger jungen und mehr älteren Menschen spürbar. Ebenso werden die finanziellen Spielräume der Stadt enger. Kleinräumige Bevölkerungsprognosen wurden in Münster schon früh durchgeführt. Seit 1985 werden sie mit SIKURS erstellt. Bei der Kleinräumigen Bevölkerungsprognose steht nicht nur das quantitativ kleinräumig untersuchte Mengengerüst der Bevölkerungsentwicklung – analysiert und dargestellt auf der Ebene

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der 6 Stadtbezirke und 45 Statistischen Bezirke – im Fokus der Betrachtung, sondern gerade auch die Entwicklung der Altersstruktur. Zentrale Informationen sind kleinräumige Kenntnisse der künftigen Ausprägung und der unterschiedlichen Entwicklung in den Altersgruppenstärken, um als ‚Frühwarnsystem’ präventiv eine zukunftsfähige gesamtstädtische und insbesondere kleinräumige, quartiersspezifische Entwicklung sicherstellen zu können. Damit bildet die Kleinräumige Bevölkerungsprognose gleichzeitig eine wichtige Grundlage für die mittelfristige Investitions-/Infrastrukturplanung, dieses insbesondere für die Wohnfolgeinfrastruk­tur. Bereits mit Beschluss des Haupt- und Finanzausschusses aus dem Jahr 1985 wurde festgelegt, die Fortschreibung kontinuierlich durchzuführen und die Ergebnisse den städtischen Infrastruktur-Planungen zugrunde zu legen – ein Beschluss, der bis heute Bestand hat. Die Prognoseergebnisse sind damit verbindliche Planungsgrundlage auch für die Fachplanungen. Die aktuell vorliegende Kleinräumige Bevölkerungsprognose für die Stadt Münster ist die 13. Fortschreibung zur Kleinräumigen Bevölkerungsprognose und umfasst mit dem Ausgangsjahr 2005 die Jahre bis zum 31.12.2015. 2

6 Stadtbezirke und 45 Statistische Bezirke

Beschluss des HFA

13. Fortschreibung

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Prognoseergebnisse für Politik und Verwaltung

Eckpunkte und Aussagekraft Für die Interpretation von Prognosewerten gilt der Grundsatz, dass die Ungenauigkeit zunimmt je kleiner das zu betrachtende Mengengerüst ist. In Kenntnis dieser Gesetzmäßigkeit müssen auch die Erwartung und der planerische Anspruch formuliert werden. Dabei sind angesichts der zunehmenden Ungenauigkeit auf kleinräumiger Ebene die kleinräumigen Ergebnisse als Orientierungsgrößen einzustufen, die stadt-/fachplanerisch und politisch bewertet werden müssen. Darüber hinaus ist auch die zeitliche Ebene bei der Einschätzung der Prognoseergebnisse von Bedeutung. So ist es nicht sicher, dass die heute bestehenden Bedingungen über den gesamten Prognosezeitraum gleich bleiben. Die Voraussetzungen werden mit zunehmender zeitlicher Entfernung vom Ausgangszeitpunkt immer unsicherer. Prognoseebene: 174 Stadtzellen

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In die Münsteraner Prognoserechnung fließen neben neuen Erkenntnissen zur Bevölkerungsveränderung (demographische Entwicklung und Wanderungsbewegungen) auch die Vorgaben der Investitionsplanung, insbesondere die Planungen der Wohnbautätigkeit in der Stadt Münster, räumlich differenziert ein. Die Münsteraner Prognose wird auf der Ebene der 174 Stadtzellen der Stadt gerechnet. Die Größe der Stadtzellen liegt zwischen 50 und 4 600 Personen. Veröffentlicht werden die Ergebnisse auf der Ebene der 45 Statistischen Bezirke. Auch hier gibt es, insbesondere im Innenstadtbereich, hinsichtlich der Bevölkerungszahl relative kleine Bezirke (ab 900 Einwohner). Für die Betrachtung von

Altersgruppen werden daher Gebiete zusammengefasst. Trotz der Zusammenfassung können z.B. bei der für die Infrastrukturplanung im Bereich der Kindertagesstätten und der Schulen erforderlichen kleinräumigen Betrachtung einzelner Altersjahrgänge die Schwankungsbreiten der Prognoseergebnisse im Vergleich zu den künftigen Bestandsdaten groß sein. Trotzdem ist es für die Infrastrukturplanungen der Fachämter notwendig, Aussagen auf kleinräumiger Ebene (Statistische Bezirke) zu erhalten. Insgesamt zeigt die Prognose die Richtung und das ungefähre Ausmaß einer Entwicklung auf, sie zeigt Orientierungswerte. Die Analyse bisheriger Münsteraner Prognosen zeigt eine hohe Treffgenauigkeit hinsichtlich der Übereinstimmung mit den späteren Bestandsdaten: • So liegen die Abweichungen beim gesamtstädtischen Ergebnis seit 1995 innerhalb eines Korridors von -0,6 % und 2,1 % • und über 75 % der prognostizierten Werte für die Statistischen Bezirke liegen nach 5 Jahren innerhalb eines Korridors von + 5 bis – 5 %. Entscheidend ist, dass die Voraussetzungen bei der Einschätzung der Prognoseergebnisse bei der Vermittlung der Prognoseergebnisse deutlich werden und auch bei der Interpretation durch die Fachplanungen Berücksichtigung finden müssen.

Vermittlung der Ergebnisse Die Ergebnisse der letzten Prognoserechnung wurden der interessierten Öffentlichkeit, der Politik und der Fachverwal-

tung zur Verfügung gestellt. Die nachfolgende Abbildung zeigt die zeitliche Abfolge der Ergebnisvermittlung. Zur Einbringung der Ergebnisse der Prognoserechnung in Politik und Verwaltung, hat sich ein mehrstufiges Verfahren bewährt.

Vermittlung innerhalb der Verwaltung Im September 2006 wurden die gesamtstädtischen Ergebnisse mit Vertretern mehrerer Ämter diskutiert. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe hielten die Prognoseannahmen für fachlich korrekt und stellten die Plausibilität der gesamtstädtischen Prognoseergebnisse fest. Die kleinräumigen Ergebnisse sind den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Wohnen im Entwurf zur weiteren fachplanerischen Prüfung zur Verfügung gestellt worden. Für das Amt für Schule und Weiterbildung und das Amt für Kinder, Jugendliche und Familien ergab sich Erläuterungsbedarf, der in bilateralen Gesprächen erörtert wurde. Im Dezember 2006 hat der Verwaltungsvorstand die Ergebnisse beraten und das Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung beauftragt, in enger Kooperation mit den Fachämtern vertiefende kleinräumige Analysen zu den Infrastrukturbedarfen durchzuführen, um Handlungserfordernisse aufzuzeigen und Handlungsvorschläge zu machen. Außerdem wurde die Verwaltung beauftragt, die Ergebnisse der kleinräumigen Bevölkerungsprognose 2005 bis 2015 als Berichtsvorlage in die Bezirksvertretungen und die Ausschüsse für Schule und Weiterbildung, für Kinder, Jugendliche und Familien, für Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Prognoseergebnisse für Politik und Verwaltung Soziales, Gesundheit und Arbeitsförderung sowie für Stadtplanung, Stadtentwicklung, Verkehr und Wirtschaft Anfang 2007 einzubringen.

Gespräche mit den Fachverwaltungen Nach Abschluss der Berichterstattung zur „Kleinräumigen Bevölkerungsprognose“ in den parlamentarischen Gremien (1. Quartal 2007) haben anschließend Erörterungen mit mehreren Ämtern stattgefunden: Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung sowie dem Amt für Schule und

Weiterbildung und dem Amt für Kinder, Jugendliche und Familien über die infrastrukturelle Auswirkungen der Prognose. Gespräche mit dem Sozialamt waren nicht mehr notwendig, da die Ergebnisse der Prognose bereits sehr frühzeitig für die Altenhilfe- und Pflegeplanung nutzbar gemacht wurden und bereits in den Pflegebericht 2005 eingeflossen sind. Aufgrund der vorangegangenen begleitenden Gespräche in der Arbeitsgruppe Wohnen zur Erstellung der Kleinräumigen Bevölkerungsprognose haben sich die Gespräche zur Infrastrukturrelevanz daher

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auf Fragen aus den Bereichen „Kindertageseinrichtungen“ und „Schule“ konzentriert. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur die kleinräumigen Aussagen der aktuellen Bevölkerungsprognose 2005 – 2015 und die reale Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahre, sondern auch Veränderungen zur vorherigen „Kleinräumigen Bevölkerungsprognose 2002 bis 2013“ und die kurz- bzw. mittelfristigen Planungen des Amtes für Schule und Weiterbildung und des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien. Auf der Grundlage der gemeinsamen vertiefenden klein-

Intensive Gespräche mit den Ämtern

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Prognoseergebnisse für Politik und Verwaltung

Jährlicher Abgleich der Daten

räumigen Analysen wurden Baugebietsentwicklungen und -planungen identifiziert, die infrastrukturelle Handlungserfordernisse auslösen können. Die Ergebnisse dieser Arbeitsgespräche wurden im Januar 2008 in einer Vorlage an den Verwaltungsvorstand aufgezeigt. Als Resultat der Gespräche wurde herausgestellt, dass sich die Erörterungen als wichtiger Schritt zur Verzahnung von Baulandund Infrastrukturentwicklung sowie zur nachfragegerechten und ressourcenorientierten Anpassung der Infrastruktur erwiesen haben. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, die Gespräche zur Abstimmung der Infrastrukturplanung jährlich fortzuführen und damit die „Kleinräumige Bevölkerungsprognose“ als wichtiges Steuerungsinstrument der Infrastrukturentwicklung und als Frühwarnsystem zu verankern. Mit der Vorlage entschied der Verwaltungsvorstand, dass das Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung beauftragt wird, jährlich einen Abgleich der realen mit der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung vorzunehmen, auf dieser Basis in enger Kooperation mit den Fachämtern die Auswirkungen auf die Infrastrukturentwicklung kleinräumig zu analysieren und bei Bedarf entsprechende Handlungsvorschläge zu entwickeln.

Vermittlung in die Politik Bezirksvertretungen und viele Ausschüsse

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Die Ergebnisse wurden Anfang 2007 in die Bezirksvertretungen und die Ausschüsse für Schule und Weiterbildung, für Kinder, Jugendliche und Familien, für Soziales, Gesundheit und Arbeitsförderung sowie für Stadtplanung, Stadtentwicklung, Verkehr und Wirtschaft eingebracht. Ebenfalls vorgestellt

wurden die Prognoseergebnisse auf Wunsch der Ausschüsse im Ausschuss für Gleichstellung und im Sportausschuss. Die Intensität der Berichterstattung in den politischen Gremien war sehr unterschiedlich. Während in einigen Bezirksvertretungen der Bericht lediglich zur Kenntnis genommen wurde, konnten in anderen Gremien die Prognose und deren Ergebnisse ausführlich erläutert werden. In den Bezirksvertretungen lag der Schwerpunkt auf den kleinräumigen Ergebnissen insbesondere bei den für die infrastrukturelle Ausstattung wichtigen Altersgruppen für den jeweiligen Stadtbezirk. Für einige Fachausschüsse wurden gesonderte Auswertungen vorgenommen, um dem Informationsbedarf der Gremien gerecht zu werden. Ein Beispiel ist der Ausschuss für Gleichstellung, in dem die gesamtstädtischen Auswertungen geschlechtsspezifisch differenziert dargestellt wurden. Viele der in den politischen Gremien vorgestellten Ergebnisse und vertiefenden Erkenntnisse konnten später in die Veröffentlichung zur Prognose eingebaut werden.

Vermittlung an die Öffentlichkeit Mit Einbringung der Vorlage in die parlamentarische Beratungskette Anfang 2007 wurden die kleinräumigen Ergebnisse durch die Presse begleitet. Auch in den Folgemonaten griff die Presse bei Planungsvorhaben immer wieder auf die Prognosedaten zurück. Über die in der Vorlage aufgeführten Informationen hinaus wurden detailliertere Ergebnisse der Kleinräumigen Bevölkerungsprognose in der Reihe Beiträge zur Statistik im Oktober 2007 im Band 101 veröf-

fentlicht. Einige grundlegende Informationen sind darüber hinaus in einem Faltblatt zusammen gefasst. Beide Publikationen können im Internet unter http://www.muenster.de/stadt/ stadtplanung/strategie-bevoelkerung.html heruntergeladen werden.

Fazit Als Resümee bleibt festzuhalten, dass sich das mehrstufige Verfahren bewährt hat • Diskussion und Erläuterung der Ergebnisse zunächst auf Verwaltungsebene, • Information und Diskussion in den politischen Gremien, • Diskussion der Ergebnisse mit den Fachplanungen. Die Ergebnisse aber auch die Grenzen der Aussagefähigkeit der Prognose konnten so zielgerichtet vermittelt werden. Darüber hinaus bietet die Publikation der Ergebnisse auch dem interessierten Bürger und der Fachwelt die Möglichkeit einer Auseinandersetzung mit der Thematik. Insbesondere die Erörterungen von Prognose und Bestandsdaten mit den Fachverwaltungen und der damit einhergehende intensive Austausch an Informationen auf kleinräumiger Ebene in der Stadt bieten eine gute Basis für die erforderlichen Infrastrukturüberlegungen.

Anmerkungen 1

Dieser Artikel gibt die persönliche Meinung der Verfasserin wieder. 2 Vgl. Stadt Münster, Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung, Verkehrsplanung (Hrsg.): Kleinräumige Bevölkerungsprognose der Stadt Münster 2005 bis 2015, in: Beiträge zur Statistik 101, Oktober 2007

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Clusteranalyse: Komplex, aber doch nicht so schwer

„Haben Sie schon mal geclustert?“ Ralf Gutfleisch, Frankfurt/Main

Dies war die Frage, die zu Beginn des Workshops der AG Methodik auf der Frühjahrstagung in Saarbrücken gestellt wurde. Ziel der dreistündigen Veranstaltung war es, die Methodik der Clusteranalyse vorzustellen. In neun Vorträgen wurden Anwendungsbeispiele aufgezeigt, Präsentationshilfen dargestellt und ausgewählte Software demonstriert. Ein Veranstaltungsreader mit allen Vorträgen und Literaturvorschlägen ist in Vorbereitung und wird auf der Internetseite der Städtestatistik bereitgestellt. Die hier schriftlich fixierte Zusammenfassung des ersten Vortrages dient als Einstieg in das Verfahren.

Fragestellung Drei Fragen stehen im Vordergrund dieser Einführung: • Was ist eine Clusteranalyse? • Welche Voraussetzungen sind notwendig? • Wie wird geclustert? Ziel ist es, die Methodik des Analyseverfahrens transparent zu machen. Dabei wird ein pragmatischer Zugang gewählt, der auch Anfängern den Einsatz der Clusteranalyse ermöglicht. Die Verfahrensabläufe werden Schritt für Schritt beschrieben und auch solche Prozesse erläutert, die im Programmhintergrund ablaufen. Darüber hinaus werden Handlungsempfehlungen gegeben, um Entscheidungen zu erleichtern, die an zentralen Stellen zu treffen sind.

Definition Die Clusteranalyse ist ein Gruppenbildungsverfahren. Das Ziel des Verfahrens besteht darin, ähnliche Objekte zu Gruppen zusammenzufassen. Wissenschaftlich exakt ausgedrückt lautet dies: Ziel der Clusteranalyse ist es, aus einer heterogenen Gesamtheit von Objekten homogene Teilmengen zu identifizieren. Abzuleiten ist die Verfahrensweise auch von der Etymologie des Wortstamms Cluster. Aus dem englischen Sprachraum kommend, lässt es sich mit Haufen, Klumpen oder auch Ballung übersetzen. Eine Zusammenballung von Objekten lässt sich leicht assoziieren. In der deutschen Sprache findet man ein Pendant im althochdeutschen Grimm’schen Wörterbuch, indem das Wort „Kluster“ verwendet wird. Die Übersetzung lautet hierfür: „was dicht und dick zusammensitzt“. Beim Versuch einer einfachen Darstellung der Clusteranalyse tauchte nach dieser Übersetzung schnell das Bild der

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Sumo-Ringer auf – wegen ihrer Körperfülle „dick“ und aufgrund ihres Sportes „dicht“ zusammensitzend. Die Ringer sind damit leicht vergleichbar mit den Objekten einer Clusteranalyse. Betrachtet man die Sumo-Ringer in Abbildung 1, stellt man zunächst ein Haufen sitzender Kämpfer fest. Sie lassen sich nur schwer gruppieren, da gemeinsame Attribute auf Anhieb nur schwer erkennbar sind. Erst beim zweiten Blick wird deutlich, dass gruppenbildende Merkmale Haarfarbe und Schürze sind. Innerhalb einer Gruppe sind diese gleich eingefärbt, z.B. schwarze Schürze und schwarze Haare. Damit unterscheidet sie sich auch von Anderen, z.B. den Weißhaarigen und Dunkelgrauschürzigen. Durch das Einkreisen in Abbildung 2 werden die vier Gruppen leicht erkennbar. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Clusteranalyse. Würde man sie clustern, wären die zu gruppierenden Objekte die Sumo-Ringer.

Abbildung 1: Sumo-Ringer

Sumo-Ringer

Abbildung 2: Sumo-Ringer gruppiert

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„Haben Sie schon mal geclustert?“

Grundregeln

Nutzerfreundliche Clusterprogramme

Die Merkmale unterschiedlicher Ausprägung wären deren Haar- und Schürzenfarbe. Die Cluster wären die vier gebildeten Gruppen (z.B. schwarze Haare/schwarze Schürze oder weiße Haare/ dunkelgraue Schürze). Das Ergebnis wäre idealtypisch und entspricht einer der Grundregeln der Clusteranalyse:   Objekte innerhalb einer Gruppe sollen homogen sein, Objekte zwischen den Gruppen sollen heterogen sein In der Praxis werden natürlich selten Sumo-Ringer geclustert, obwohl das Anwendungsspektrum mittlerweile breit gestreut ist. Auffällig ist, dass seit den 90er Jahren vermehrt geclustert wird. Zurückzuführen ist dies zum einen auf die bedienerfreundlicheren Programme, zum anderen auf die zahlreichen Erfahrungen mit der Methode. Einige Beispiele dazu werden in den beiden Grafiken (unten) gezeigt. Im Umfeld der Städtestatistiker wird die Clusteranalyse u.a. für Wahlanalysen, Bevölkerungsanalysen, Bürgerumfragen, Umwelt- und Wirtschaftsanalysen eingesetzt. Der größte Anteil stellt hier sozio-ökonomische Analysen dar (siehe z.B. Nürnberger und Frankfurter Sozialraumanalysen).

Beispiel 1: Marketing: Zusammenhang zw. Selbstbild und Wahl einer Automarke

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Vorüberlegungen Bevor eine Clusteranalyse gerechnet wird, sind zahlreiche Vorüberlegungen notwendig. Die Auswahl und die Aufbereitung der Variablen spielen hierbei eine wichtige Rolle. Sie haben einen wesentlichen Einfluss auf das Analyseergebnis und die darauf aufbauende Interpretation. Wichtige Punkte im Einzelnen: • Anzahl Merkmale: Für die Anzahl der Merkmale (Variablen) gibt es keine Begrenzung. Es sollte jedoch bei den Vorüberlegungen darauf geachtet werden, dass nur relevante themenspezifische Variablen einbezogen werden. • Anzahl Objekte: Die Anzahl der Objekte ist ebenfalls nicht begrenzt. • Skalenniveau: Es ist kein spezielles Skalenniveau erforderlich. Es können alle Daten einbezogen werden. • Standardisierung: Die Daten sollten vor dem Rechenbeginn standardisiert werden, um sie vergleichen zu können. Die Standardisierung erfolgt mithilfe einer z-Transformation. Sie gewährleistet, dass der Mittelwert gleich Null und die Standardabweichung gleich Eins ist. • Ausreißer: Ausreißer sind Objekte, die im Gesamtvergleich Extremwer-

te aufweisen. Sie sollten ausgeschlossen werden, da der Fusionierungsprozess beeinflusst wird. Zusammenhänge können dadurch nur noch schlecht erkannt werden. • Korrelationen: Hoch korrelierende Variablen sollten ebenfalls ausgeschlossen werden, wenn sie aus wichtigen inhaltlichen Gründen nicht einbezogen werden müssen. Das Ergebnis kann anderenfalls durch Überbewertungen verzerrt werden. Dies müsste bei der Interpretation beachtet werden. • Konstante Ausprägungen: Variablen mit konstanten Ausgangswerten führen zu einer Nivellierung der Unterschiede und werden häufig aus der Analyse entfernt (z.B. ein Frauenanteil, der in allen Bezirken 50 % beträgt). Sie führen zu keiner Differenzierung und erschweren damit die Interpretation.

Ablauf Sind die Vorüberlegungen abgeschlossen, sind drei Schritte für die Berechnung der Analyse erforderlich: • Bestimmung der Distanz durch die Proximitätsmaße • Auswahl des Fusionierungsalgorithmus • Bestimmung der Clusteranzahl

Beispiel 2: Archäologie: Kulturelle Fingerabdrücke in der Kategorie „Schmuck“ in hallstattzeitlichen Siedlungen im Mittelrheingebiet

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„Haben Sie schon mal geclustert?“ Die Proximitätsmaße geben die Distanz der Merkmale zwischen den einzelnen Objekten wieder. Es wurde eine Reihe von Maßen entwickelt, die abhängig sind vom Skalenniveau der Ausgangswerte. Da es sich bei den meisten von den Städtestatistikern eingesetzten Variablen um metrisch skalierte Daten handelt, kommen von den einsetzbaren Maßen meist die L-Normen zum Einsatz. Bei der L2-Norm, der Quadrierten Euklidischen Distanz, werden die Differenzen zwischen den einzelnen Objekten am deutlichsten. Hier werden die quadrierten Differenzwerte addiert und aus der Summe die Quadratwurzel gezogen. Unterschiede zwischen ähnlichen und unähnlichen Objekten treten deutlicher hervor. Ist das Distanzmaß bestimmt wird die Distanzmatrix automatisch berechnet. Die Distanzmatrix bildet nun den Ausgangspunkt für die Fusionierung mit Hilfe der Cluster-Algorithmen. Die Clusteranalyse bietet den Anwendern ein breites Spektrum an Algorithmen zur Gruppierung an. Die häufigste Anwendung findet die partitionierenden und die hierarchischen Verfahren. Die partitionierenden Verfahren gehen von gegebenen Clustern aus. Wird die gewünschte Anzahl festgelegt, werden die einzelnen Objekte mit Hilfe eines Algorithmus so lange zwischen den Clustern umgeordnet, bis ein Optimum erreicht ist. Der Nachteil des Verfahrens liegt in der vorzugebenden Startpartition. Bei den hierarchischen Verfahren wird zwischen agglomerativen und divisiven Algorithmen unterschieden.

Abbildung 3: Überblick über ausgewählte Proximitätsmaße nach BACKHAUS (2006)

Abbildung 4: Überblick über ausgewählte Cluster-Algorithmen nach BACKHAUS (2006)

Beim divisiven Algorithmus startet die Clusteranalyse mit der gröbsten Partition. Alle Objekte befinden sich in einem Cluster. Im Laufe des Rechenprozesses wird dieser Großcluster in immer kleinere Cluster aufgeteilt. Beim agglomerativen Verfahren findet der Prozess in umgekehrter Reihenfolge statt. Der Rechenprozess geht von der feinsten Partition aus. Hier stellt jedes Objekt ein Cluster dar. Objekte mit der geringsten Distanz werden miteinander verbunden. Das Verfahren läuft solange, bis ein Großcluster entstanden ist. Die hierarchische Beziehung zwischen den einzelnen Clusterlösungen besteht in der nicht mehr aufzulösenden Bindung. Im Gegensatz zu den partitionierenden Verfahren ist eine einmal vorgenommene Verschmelzung nicht mehr zu lösen. In der Praxis findet das agglomerative Verfahren die

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häufigere Anwendung; hier vor allem das Ward-Verfahren. Der Unterschied zwischen den verschiedenen agglomerativen Verfahren liegt in der Bestimmung der Distanzen. Das Ward-Verfahren fasst nicht wie andere Verfahren diejenigen zusammen, die die geringste Distanz aufweisen. Es werden vielmehr die Objekte miteinander vereinigt, die das Varianzkriterium (=Fehler­quadratsumme) am wenigsten erhöhen. Das Varianzkriterium stellt die Summe der Entfernungsquadrate zwischen den Gruppenmittelpunkten der Cluster dar. Vor jeder Zusammenführung mit einem „neuen“ Cluster wird die Gesamtvarianz des „alten“ Clusters berechnet und nur jene Cluster zusammengeführt, die die Varianz am wenigsten verändern. Je höher die Fehlerquadratsumme ist, desto heterogener sind die fusionier17


„Haben Sie schon mal geclustert?“

Abbildung 5: Einzelne Fusionsschritte in der Zuordnungsübersicht mit Differenzen

Abbildung 6: Elbow-Kriterium

ten Cluster. Zu Beginn werden dadurch kleine Cluster gebildet, die später zu großen fusioniert werden. Dieser Vorgang wird solange fortgeführt, bis alle Cluster miteinander vereint sind. Die Schwierigkeit besteht nun darin, eine geeignete Clusteranzahl zu bestimmen. Zur Bestimmung der geeigneten Clusteranzahl bestehen folgende Möglichkeiten: • Fehlerquadratsumme • Elbow-Kriterium • Dendrogramm Fehlerquadratsumme: In der von den Programmen ausgegeben Zuordnungsüber18

sichten werden die einzelnen Fusionierungsschritte angegeben (vgl. Abbildung 5). Die Spalte „Zusammengeführte Cluster“ gibt die Nummer der zusammengezogenen Objekte bzw. Cluster an. Der neu entstandene Cluster erhält als Identifikationsnummer immer die Nummer des zuerst genannten Clusters (Cluster 1). Zum Nachverfolgen werden ebenfalls das erste Vorkommen des Clusters und die nächste Fusionierung (=nächster Schritt) ausgewiesen. In der Spalte „Koeffizient“ wird die am Ende einer Fusion entstandene Fehlerquadratsumme wiedergegeben. Bei größeren Fusionsschritten, bei denen die Fehlerquadratsumme einen „Sprung“ macht, sind Cluster zusammengeführt worden, die heterogen sind. Um dies zu vermeiden, wird an dieser Stelle die Fusion „angehalten“. In der vorletzten Spalte der Tabelle (Diff. CL1:CL2) stehen die Differenzen der Fehlerquadratsummen, so dass große Abstände leichter auffallen. Leider weisen die Programmpakete diese nicht aus. Sie müssen manuell berechnet werden. Der große Sprung lässt sich in diesem Falle leicht zwischen dem 106. und 107. Schritt erkennen. Hier steigt die Diffe-

renz von 45,4 auf 126,0. Bei insgesamt 109 Fusionsschritten entspricht dies einer Clusteranzahl von vier. Elbow-Kriterium: Beim Elbow-Kriterium werden die Fehlerquadratsummen in ein Diagramm abgetragen. Zeigt sich im Kurvenverlauf ein Knick („Ellbogen“), so kann dieser Wert als Entscheidungskriterium für die Clusteranzahl verwendet werden. Dendrogramm: Im Dendrogramm werden die einzelnen Fusionsschritte grafisch dargestellt. Die Schritte werden dabei auf einer Skala von 0 bis 25 normiert. Bei 25 wird immer der letzte Fusionsschritt darstellt. Bei diesem sind alle Objekte und Cluster miteinander verbunden. Da alle Schritte im Dendrogramm abgebildet sind, kann der Fusionierungsprozess nachvollzogen werden. Für die Anwender ist es hilfreich, die nach der gewünschten Clusteranzahl dargestellten Fusionsschritte zu überdecken. Die Cluster können dann leichter erkannt werden. Um ein umfassendes Fusionierungsbild zu erhalten, ist es sinnvoll alle drei Möglichkeiten zu betrachten und sich erst im Anschluss für eine Clusteranzahl zu entscheiden. Stadtforschung und Statistik 1/ 09


„Haben Sie schon mal geclustert?“ Die drei wichtigsten Ablaufschritte hier nochmals zusammengefasst: 1. Bestimmung der Distanz durch die Proximitätsmaße. Wahl: Quadrierte Euklidische Distanz 2. Auswahl des Fusionierungsalgorithmus. Wahl: hierarchisch, agglomerativ nach Ward 3. Hilfe für die Bestimmung der Clusteranzahl. Wahl: Fehlerquadratsumme, Elbow-Kriterium und Dendrogramm Nach diesen drei Rechenschritten ist die Clusterung abgeschlossen.

Interpretation Ist die Clusteranzahl bestimmt und wurden die Objekte den einzelnen Clustern zugeteilt, können verschiedene Interpretationshilfen angewendet werden: • Mittelwerte der Variablenausprägungen in den jeweiligen Clustern • Verortung der Cluster durch Übertragung in eine Karte • Berechnung der F-Werte • Berechnung der t-Wert Die Berechnung von Mittelwerten und die Verortung der Cluster bilden die wichtigsten Kriterien zur Interpretation. Sie sind einfach manuell um-

zusetzen und geben einen ersten guten Überblick über die Ergebnisse. Die komplexeren Berechnungen der F- und t-Werte werden leider auch nicht von den Clusterprogrammen erstellt. Sie müssen vom Anwender selbst berechnet werden und werden dadurch seltener angewandt. Die F-Werte geben den Grad der Homogenität der Cluster an. Diese sind als homogen anzusehen, wenn der F-Wert kleiner als Eins ist. Liegt der F-Wert über Eins, weist er eine größere Streuung als in der Grundgesamtheit auf. Mithilfe der t-Werte können die Cluster in ihrem Aussagewert näher bestimmt werden. Bei einem negativen t-Wert besitzt die Variable einen geringeren Anteil am Cluster und ist unterrepräsentiert, während ein positiver Wert einen höheren Anteil angibt und die Variable überrepräsentiert ist. Beide Werte liefern zusätzliche Hilfen zur Interpretation. Sind die Werte errechnet und die Karte erstellt, kann die Interpretation beginnen. Nicht selten kommt es vor, dass keine sinnvolle Analyse möglich ist. Die Clusterung sollte dann nochmals erneut durchgeführt werden. Spätestens hier sollte die Auswahl und Aufbereitung der Variablen überprüft werden.

Fazit Festzuhalten ist, dass die Clusteranalyse ein komplexes, aber auch für weniger erfahrene Anwender durchaus handhabbares Verfahren darstellt. Die vorgestellten Verfahrensweisen stellen nur einen kleinen Ausschnitt aus der Vielzahl der Möglichkeiten dar. Sie bilden die Grundlage, eine erste Clusteranalyse zu rechnen und sich mit der Methode auseinander zu setzen. Experimentieren mit verschiedenen Einstellungen ist angeraten. Die Clusteranalyse lässt dem Anwender hier genügend Spielraum. Durch diese Entscheidungsfreiheit besteht jedoch auch die Gefahr, die Untersuchung zu beeinflussen und die Ergebnisse zu manipulieren. Wichtig ist es daher, die Vorgehensweise zu dokumentieren und einzelne Ablaufschritte darzustellen. Dazu gehört auch, die Auswahl der Variablen und die konkrete Problemstellung der Untersuchung darzulegen („was ist das Ziel der Untersuchung?“ und „welche Hypothese soll getestet werden?“). Wird dies beachtet, ist die Clusteranalyse ein geeignetes und empfehlenswertes Verfahren für die Städtestatistiker.

Gut handhabbares Verfahren

... mit Spielraum

... verdient eine Empfehlung

Abbildung 7: Dendrogramm mit allen Fusionsschritten

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Hannover und Hagen führen – Rostock und München liegen hinten

Erreichbarkeit von Großstädten Lothar Eichhorn, Jessica Huter, Jessica Lange, Hannover

Zentralität von 44 Städten

Was ist „Zentralität“?

In der folgenden Untersuchung wird – auf Basis ihrer wechselseitigen Erreichbarkeit – der Zentralität von 44 deutschen Großstädten nachgegangen. Denn diejenige Stadt die am leichtesten, also in kürzester Zeit, erreichbar ist, besitzt gegenüber den anderen einen Konkurrenzvorteil. Diese Erreichbarkeit spielt z.B. bei der Wahl eines Tagungsortes oder einer Messebeteiligung eine Rolle, aber auch bei strategischen Entscheidungen wie der Wahl eines möglichst zentral gelegenen Unternehmenssitzes. Die Zentralität der 44 Großstädte wird unter einem klar definierten und einfach nachvollziehbaren Aspekt verglichen: Wie viel Zeit benötigt man, um von einer dieser Städte in alle anderen 43 Städte zu gelangen? Für jede Stadt werden also 43 Reisezeiten ermittelt und addiert. Diejenige Stadt, die den geringsten kumulierten Zeitwert aufweist, ist am zentralsten gelegen und hat gegenüber den anderen Städten einen Konkurrenzvorteil, der aus ihrer geographischen Lage und Verkehrsanbindung resultiert.

Bahn: Hannover auf Platz 1 Hannover und Hagen

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Das Schaubild zeigt die kumulierten Mittelwerte der einfachen Reisezeit mit der Bahn. Durchschnittlich dauern die einfachen Fahrten von einer Stadt in die 43 anderen Städte 166,1 Stunden. Die Reisezeit für Karls-

ruhe entspricht diesem Durchschnitt. Die Fahrtzeiten werden neben der Lage im Raum vor allem durch Direktverbindungen beeinflusst, denn das Umsteigen ist immer mit einem Zeitverlust verbunden. Die Städte um die Schnittpunkte der OstWest- und Nord-Süd-Verbindungen – z.B. Frankfurt, Dortmund und Hannover – haben daher deutliche Zeitvorsprünge. Die Spannweite ist durchaus beachtlich: so liegen zwischen dem Spitzenreiter Hannover und dem Schlusslicht Rostock 182 Stunden. Bemerkenswert ist im Falle von Rostock vor allem der Abstand von nahezu 50 Stunden zum vorletzten dieser Rangfolge – Dresden mit einer kumulierten Reisezeit von 250 Stunden. Besonders bei Rostock und Dresden, aber auch bei anderen Städten mit sehr hohen Zeitwerten, wirkte sich die Vorgabe aus, dass die Ankunft vormittags zu erfolgen hat. Denn dies bedeutete in einigen Fällen, dass schnellere Züge, die am frühen Morgen irgendwo starten, nicht genommen werden konnten, weil diese erst nachmittags angekommen wären. So kamen zum Teil Fahrtzeiten von über 10 Stunden zustande. Dieses Ergebnis spiegelt die Realität wieder: wenn man nun einmal um 11 Uhr einen Besprechungstermin in Rostock hat, nützt einem ein schneller Zug, der um 12.30 Uhr ankommt, herzlich wenig. 27 Städte weisen unterdurchschnittliche, 16 Städte über-

durchschnittliche Reisezeiten auf. Unter den gut erreichbaren Städten sind allein 15 aus Nordrhein-Westfalen.. Die Städte mit überdurchschnittlichen Reisezeiten werden angeführt von Stuttgart, Halle und Leipzig. Auffällig sind die Städte aus den ostdeutschen Bundesländern: 7 von 15 Städten mit überdurchschnittlichen Reisezeiten liegen dort. Und: von insgesamt 10 in die Untersuchung einbezogenen Ostvertretern weisen 7 überdurchschnittlich lange Reisezeiten auf. Ins Auge fallen auch die süddeutschen Kapitalen Stuttgart und München. Bei beiden handelt es sich um wirtschaftlich äußerst erfolgreiche Städte mit Nähe zum europäischen Kernraum. Die auf Deutschland bezogen geostrategisch ungünstige Lage machen sie durch ihre große Anziehungskraft mehr als wett. Ähnliches gilt auch für die im Mittelfeld gelegenen Metropolen Hamburg und Berlin.

PKW: Hagen auf Platz 1 Das Schaubild zeigt für die einzelnen Städte die kumulierten Mittelwerte der einfachen Reisezeit mit dem PKW. Durchschnittlich dauern die einzelnen Fahrten von einer Stadt zu den 43 anderen mit dem PKW insgesamt rund 150 Stunden. Dieser Durchschnitt wird hier ebenfalls durch die vertikale Linie verdeutlicht. Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Erreichbarkeit von GroSSstädten Die Stadt mit der kürzesten PKW-Reisezeit ist Hagen mit 113 Stunden gefolgt von Dortmund, Kassel, Bochum und Wuppertal. Das gute Abschneiden von Hagen, einer Stadt am südöstlichen Rand des Ruhrgebiets, kommt zunächst überraschend. Hagen profitiert hier einerseits von der Nähe der anderen NRWStädte und andererseits von seiner guten Verkehrsanbindung. Hier kreuzen sich die Bundesautobahnen A45 (Sauerlandlinie) mit der A1 (Hansalinie), und somit sind günstige Verkehrsanschlüsse in alle Richtungen gegeben. Auch beim Bahnverkehr schneidet Hagen übrigens mit Platz 9 im Ranking sehr gut ab, denn die Stadt liegt im Schnittpunkt der ICE-Verbindungen KölnBerlin sowie Basel-Dortmund. München ist mit einer gemittelten Reisegesamtdauer von 216 Stunden das Schlusslicht bei den PKW-Reisezeiten. Die Spannweite beträgt 103,8 Stunden. Damit ist die Spanne der PKW-Reisezeiten deutlich

geringer als die der Bahn-Reisezeiten (182,1). Überwiegend liegt dies an dem Wert für die Hansestadt Rostock. Zudem zeigt hier der PKW den Vorteil seiner größeren Individualität: beim vorgegebenen Ankunftstermin kann der PKW-Nutzer seinen Abfahrtstermin flexibel bestimmen und ist nicht an feste Fahrpläne gebunden. Unterdurchschnittliche Reisezeiten weisen dabei wie auch schon bei den Bahnreisezeiten 27 Städte auf. Überdurchschnittlich lange Reisezeiten fallen dementsprechend für 17 Städte an. In beiden Gruppen ergeben sich gegenüber der Aufteilung aufgrund der Bahnreisezeiten Veränderungen: Der „Bahnspitzenreiter“ – Hannover – liegt mit einer Fahrtzeit von 129 Stunden nur auf Rang 16. Trotzdem liegt die niedersächsische Landeshauptstadt noch deutlich unter dem Durchschnitt und damit auf einem guten Platz im oberen Mittelfeld. Aachen und Halle gehören hier in die Gruppe der Städte mit unterdurchschnittlichem,

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Hamburg und Berlin nun in die Gruppe mit überdurchschnittlichen Reisezeiten. Karlsruhe, das bei den Bahnreisezeiten exakt den Durchschnitt bildete, hat eine überdurchschnittlich lange Reisezeit zu den 43 anderen Städten. Wie schon bei der Betrachtung der Bahnreisezeiten sind auch bei den PKW-Reisezeiten die nordrhein-westfälischen Städte in regionaler Hinsicht auffällig. Die Städte an Rhein und Ruhr weisen ausnahmslos unterdurchschnittliche Fahrzeiten auf, sie profitieren auch hier von ihrer Zahl und Dichte. Für die ostdeutschen Städte schließen die PKW-Ergebnisse weitgehend an die der Bahn an; Ausnahme sind Rostock und Dresden.

München 216 h, Hagen 113 h

NRW-Großstädte mit Zentralitätsvorteilen

Vergleich Bahn – PKW Der Vergleich der kumulierten Mittelwerte der einfachen Reisezeit von Bahn und PKW gibt für die einzelnen Städte Aufschluss über das schnel-

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Erreichbarkeit von GroSSstädten Die Bahn ist langsamer als der PKW

... aber heute schneller als 1998

lere Verkehrsmittel; er erfolgt hier, indem die Bahnreisezeit in Prozent der PKW-Reisenzeit angegeben wird. (Bahn / PKW x 100). Liegt dieser Wert unter 100, so hat die Bahn Vorteile, liegt er über 100, ist der PKW schneller. Für Berlin, Hannover, Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart, Mannheim, Hamburg, Duisburg und Bremen bietet sich aus Zeitgründen eine Reise mit der Bahn an. Hier benötigt die Bahn nur zwischen 85,1 und 99,8 Prozent der PKW-Reisezeit. Für Berlin ist dies mit 85,1 am deutlichsten: Der Abstand zum zweiten – Hannover mit 90,6 – ist mit 5,5 Prozentpunkten außerdem deutlicher ausgeprägt als die jeweiligen Abstände der übrigen besser per Bahn erreichbaren Städte. Bei der Erreichbarkeit aller anderen Städte weist die Bahn ein mehr oder weniger großes Defizit auf. Die Bahnreisezeit liegt zwischen 2 % (Braunschweig, Essen) und 44 % (Rostock) über der PKW-Reisezeit. Wo die Bahn nur geringfügig

langsamer ist als der PKW, ist die Bahn zumindest für längere Strecken aufgrund des Komforts, der besseren Zeitnutzungsmöglichkeiten sowie der größeren Sicherheit und Zuverlässigkeit immer noch das angezeigte Verkehrsmittel. Hier könnten schon geringe Verbesserungen der Bahnanbindung und Zugverbindungen zu einem Ausschlag zugunsten der Bahnreisezeit führen – zumal man die Annahme der Routenplaner, ein PKW erreiche dauerhaft eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 120km/h, mit gutem Grund für zu optimistisch halten kann.

Vergleich zu 1998 Ein Vergleich der Ergebnisse von 2007 mit denen der Vorgängerstudie von 1998 ist nur für die Bahnverbindungen möglich. Da seinerzeit Potsdam und Schwerin nicht berücksichtigt wurden, wurden die Werte für diese beiden Städte auch bei dem folgenden knappen Zeitvergleich nicht mit einbezogen.

Bei den meisten Städten kam es in den neun Jahren zu deutlichen Verbesserungen der Zuganbindung. Auch der ICESprinter, der nur noch die großen Metropolen miteinander verbindet, hat dazu beigetragen. Deutliche Verbesserungen gab es so vor allem in Frankfurt am Main, wo die Gesamtzeit aller Verbindungen um 13,0 Stunden sank, in Düsseldorf (13,8 Stunden) und vor allem in München (-17,5 Stunden). Die deutlichsten Verbesserungen gab es aber für die sächsischen Städte mit einer Abnahme de kumulierten Fahrzeiten um 18,5 Stunden in Dresden und sogar um 20,7 Stunden in Leipzig. Demgegenüber fällt die Verbesserung für die Bundeshauptstadt Berlin mit -9,5 Stunden vergleichsweise bescheiden aus. Für einige Städte im nördlichen Teil der großen ICE-Nordsüdtrasse nahmen die kumulierten Zeiten gegen den Trend zu. Dies gilt für Hamburg (+9,4 Stunden), Hannover (+4,2 Stunden) und Kassel (+7,0 Stunden).

Methode und Datenquellen In die Untersuchung wurden 44 Städte einbezogen. Neben den 37 Städten mit – Ende 2004 -mehr als 200.000 Einwohner die vier Landeshauptstädte mit geringerer Einwohnerzahl, (Mainz, Potsdam, Saarbrücken und Schwerin) sowie drei Städte, deren Einwohnerzahl erst vor kurzem unter die 200.000-Einwohner-Grenze gerutscht ist: Hagen, Rostock und Kassel. So konnten die Ergebnisse mit denen einer älteren Studie verglichen werden. Von den 44 Städten liegen 16 Nordrhein-Westfalen. Die Untersuchung wurde für den Schienenreiseverkehr der Deutschen Bahn AG und den Autoreiseverkehr erstellt. Es wurde jeweils ermittelt, wie viel Zeit für die Hin- und Rückreisen – diese Werte unterscheiden sich geringfügig – benötigt wird. In den Schaubildern ist der Mittelwert beider Fahrten angeben. Die Angaben über die Bahnfahrten basieren auf den von der Reiseauskunft der Deutschen Bahn AG im Internet angegebenen Fahrtzeiten von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof, Stand Juni 2007. Insofern sind dies die „Soll-Zeiten“ des Fahrplans; Verspätungen aufgrund der bei Fernreisenden wenig beliebten „Störungen im Betriebsablauf“ konnten nicht berücksichtigt werden. Allerdings sind die aufgrund größerer Bauarbeiten von vornherein absehbaren Fahrzeitverlängerungen in die Fahrpläne integriert. Die Recherche wurde so durchgeführt, dass die Ankunft stets an einem Vormittag und die Abfahrt stets am späten Nachmittag erfolgen mussten. Bei den PKW-Fahrten wurde die Reisezeit mit Hilfe von „Via Michelin“ und „Map24“ ermittelt. Verwendet wurden die Durchschnittswerte der beiden angegebenen Routenplaner. Hier konnte im Gegensatz zur Bahn nur das Reisedatum, nicht die Uhrzeit angegeben werden. Bei der Berechnung berücksichtigen beide Routenplaner nicht nur aktuelle, sondern auch solche Baustellen, die für die nächsten Monate geplant sind. Aktuelle Stauinformationen und Informationen zur Verkehrslage werden ebenfalls in die Berechnungen einbezogen. Berechnet wird jeweils die schnellste Route mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnen von 120 km/h. Dass sich diese wirklich fahren lässt, ist im Einzelfall durchaus zweifelhaft. Zweifel ergeben sich insbesondere auf kurzen, aber stark frequentierten Verbindungen zwischen dicht beieinander liegenden Städten und sehr langen Fahrten, die kaum ohne Pause und/oder Tankstopp zu bewältigen sein dürften. Als Start und Ziel wurde immer das Rathaus der angegebenen Städte angenommen, weil dieses in aller Regel den Ortsmittelpunkt markiert oder zumindest im Stadtzentrum liegt. 22

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900mal zur Sonne Dazu trugen die umfangreichen Bauarbeiten gerade an Knotenpunkten und die durch das umfassende Sanierungsprogramm des Schienennetzes erforderlich gewordenen Langsamfahrstrecken bei. Da die Untersuchung stichpunktartig im Juni 2007 durchgeführt und die Erneuerungsarbeiten der ICE-Trasse mittlerweile abgeschlossen sind, ist davon auszugehen, dass die Werte der drei genannten Städte mittlerweile deutlich günstiger geworden sind.

Fazit Im Bahnverkehr weisen Hannover, Dortmund, Frankfurt und Bochum die besten Werte auf, im PKW-Verkehr sind dies Hagen, Dortmund, Kassel und Bochum. Das gute Abschneiden von Bochum, Dortmund und Hagen liegt auch daran,

dass 16 von 44 untersuchten Großstädten im bevölkerungsund städtereichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen liegen, die wechselseitig gut erreichbar sind. Bei den meisten Städten besitzt der PKW einen Zeitvorteil. Zudem entstehen geringere Streuungen der kumulierten Zeitwerte zwischen den Städten. Dies hat – neben der mehr oder weniger guten Bahnverbindung der Großstädte – seinen Grund in der größeren Variabilität des PKW. Der Hauptvorteil des motorisierten Individualverkehrs ist eben seine Individualität. Der Zeitvorteil, den der PKW gegenüber der Bahn oft hat, ist aber stark zu relativieren, denn exakte Daten über PKW-Durchschnittsgeschwindigkeiten stehen nicht zur Verfügung. Trotz der Verspätungen im Bahnverkehr sind daher die Zeitangaben der

Bahn sehr viel verlässlicher als alle Annahmen über PKW-Geschwindigkeiten, die stark strecken-, saison- und tageszeitabhängig sind. Aktuell bleibt festzuhalten: Die Städte, die gute Erreichbarkeitswerte aufweisen, haben gegenüber den peripher gelegenen Städten zunächst einen klaren Vorsprung, wenngleich die geographische Lage nicht entscheidend ist für Bedeutung und Erfolg. Für Städte mit sehr niedrigen Reisezeiten bietet eine gute Lage im Raum die Chance, in den Bereichen Touristik, Events, Logistik etc. eine wichtige Rolle zu spielen. Dies kann für gut erreichbare Städte wie z.B. Hagen oder auch Braunschweig, die derzeit mit Arbeitsplatzabbau und abnehmenden Einwohnerzahlen zu kämpfen haben, eventuell eine Perspektive darstellen.

Über Statistik

:

Tatsachen mus s man kennen, bevo r man sie verdrehen kann. (Mark Twain)

Zahl des Jahres 2008:

900mal zur Sonne Martin Schlegel, Hagen 138 Mrd. Kilometer ist die Zahl des Jahres 2008, eine Strecke, die das 900fache der Entfernung von der Erde zur Sonne ausmacht. Bei dieser unvorstellbar hohen Zahl handelt es sich um die Wege, die die von den Finanzämtern anerkannten Pendler binnen eines Jahres zwischen Wohnung und Arbeitsstelle zurücklegen. Durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Dezember 2008 können diese Wege nun wieder in voller Höher steuerlich abgesetzt werden.

Eine Reihe von Vorschlägen zur Zahl des Jahres sind eingegangen. Die Redaktion dieser Zeitschrift hat sich für die 138 Mrd. Kilometer entschieden, eine Größe mit vielfältiger Bedeutung. Die Fahrt zur Arbeit bewirkt Verkehre und ist für Staus verantwortlich. Sie verschlingt viel Zeit, Geld und Nerven. Und sie ist dem Staat ein Dorn im Auge, weswegen er versucht hatte, die steuerliche Begünstigung dieser Fahrten einzuschränken.

Stadtforschung und Statistik 1/ 09

Auf Platz 2 landete ebenfalls eine hohe Zahl: 480 Mrd. Euro, also der finanzielle Schutzschirm, den der Staat über Banken und Sparkassen ausgebreitet hat. Auf Platz 3 rangiert ein Wert, der für alle Menschen begreifbar ist: 15 449. Das sind die Anfang 2008 in Deutschland registrierten Stiftungen bürgerlichen Rechts.

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Vorbilder spielen die zentrale Rolle

Stadtteile als Bedingungs­ faktoren von Jugendgewalt Susann Rabold, Dirk Baier, Hannover

Deliquente Subkultur in benachteiligten Quartieren

Befragung in Klasse 9

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Die Frage, ob sozialräumliche Kontexte wie z. B. Stadtteile einen Einfluss auf delinquentes Verhalten haben, hat in der Kriminologie eine lange Forschungstradition. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftige sich die Chicagoer Schule um Shaw und McKay (1969 [1942]) mit dieser Beziehung. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Wohnorte von männlichen, jugendlichen Delinquenten nicht gleichermaßen über eine Stadt verteilt sind. Auf der Suche nach Antworten für die nach Sozialräumen variierende Kriminalitätsbelastung wurden zusätzliche Informationen über weitere soziale Probleme (z. B. Arbeitslosigkeit, Kindersterblichkeit) und Stadtteilmerkmale (z. B. Zu- und Fortzüge, ethnische Heterogenität, Armutsquote) gesammelt. Hier zeigte sich, dass sich die Lebensbedingungen verbesserten, je größer die Distanz zur Stadtmitte war. Auf Basis dieser Befunde wurde gefolgert, dass sich die Stadtgebiete mit besseren Lebensbedingungen scheinbar durch ein größeres Kollektivbewusstsein auszeichnen. Gesetzeskonforme Normen und Werte werden in stärkerem Maße befürwortet. In benachteiligten Gegenden hingegen wird der Einzelne auf Grund der Heterogenität der Bewohnerschaft neben konventionellen Werten auch mit anderen, abweichenden Werten konfrontiert. In benachteiligten Wohnquartieren existieren demzufolge

häufiger negative Verhaltensvorbilder. Dementsprechend bildet sich in benachteiligten Stadtvierteln auch eher eine delinquente Subkultur heraus, deren Werte und Normen von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Ein Einfluss des Stadtviertels auf delinquentes Verhalten wird aus dieser Perspektive damit weitestgehend durch den Kontakt mit Gleichaltrigen vermittelt: Freunde dienen als Transmissionsagenturen, indem sie einerseits das Wissen um geeignete Orte für das Begehen von Straftaten, andererseits auch die Kompetenzen, die zur Ausführung von Straftaten notwendig sind, weitergeben (für einen Überblick über zentrale Ansätze zur Erklärung von Kontexteffekten vgl. Jencks & Mayer, 1990; Oberwittler, 2008). Eine andere Perspektive konzentriert sich stärker auf die Rolle der Erwachsenen. In Stadtteilen, die durch ein hohes Maß an Benachteiligung, Heterogenität und Bewohnerfluktuation gekennzeichnet sind, können sich nur schwer soziale Bindungen unter den Bewohnern herausbilden. Entsprechende Stadtteile werden als „sozial desorganisiert“ bezeichnet (vgl. Sampson & Groves, 1989). Fehlende Kontrolle und Interventionsbereitschaft in diesen Wohnquartieren begünstigen die Herausbildung abweichender Normen und Werthaltungen. Sampson, Raudenbush und Earls (1997)

sprechen von der „collective efficacy“, d.h. der Fähigkeit einer Gemeinschaft, gemeinsame Werte zu etablieren und diese durch eine effektive Sozialkontrolle aufrechtzuerhalten. „Collective efficacy“ vermittelt in hohem Maße die Beziehung zwischen sozialer Benachteiligung im Stadtteil und delinquentem Verhalten (vgl. Friedrichs & Oberwittler, 2007). Diese Überlegungen und Befunde zugrunde gelegt, kann erwartet werden, dass delinquentes Verhalten auch in deutschen Großstädten sozialräumlich ungleich verteilt ist und dass Merkmale von Stadtvierteln dieses Verhalten begünstigen bzw. hemmen. Im Folgenden sollen diese Thesen anhand einer Schülerbefragung in Hannover empirisch geprüft werden.

Schülerbefragung in Hannover 2006 führte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) unter Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe eine klassenbasierte, schriftliche Befragung zu Delinquenzerfahrungen und Bedingungsfaktoren durch (Rabold, Baier & Pfeiffer, 2008). Angestrebt wurde dabei, alle Schüler dieser Jahrgangsstufe zu erreichen. Letztlich haben 88,6 % der Neuntklässler, d.h. 3.661 Jugendliche daran teilgenommen. Um die Wohnorte der Jugendlichen zu erfassen, wurden dieStadtforschung und Statistik 1/ 09


Stadtteile als Bedingungs­faktoren von Jugendgewalt se gebeten anzugeben, in welchem Stadtteil Hannovers sie leben. In nahezu allen Stadtteilen wurden Jugendliche befragt. Aus den nachfolgenden Auswertungen müssen allerdings diejenigen Schüler ausgeschlossen werden, die aus Stadtteilen kommen, in denen weniger als 20 Personen befragt wurden. Diese Entscheidung musste deshalb getroffen werden, weil für eine zuverlässige Schätzung im Rahmen der im vorliegenden Beitrag angestrebten Mehrebenenanalyse eine Mindestanzahl an Beobachtungen je Kontext vorhanden sein sollte. Durch diese Einschränkung können nur 40 Stadtteile mit 3.120 Jugendlichen in die Analyse eingehen. Erwartungsgemäß sind die Neuntklässler zum Zeitpunkt der Befragung im Durchschnitt 15 Jahre alt. In der Stichprobe finden sich zu 51,2 % männliche und zu 48,8 % weibliche Befragte. Mehr als jeder zweite Befragte hat eine deutsche Herkunft (52,6 %), entsprechend haben 47,4 % der Befragten eine nichtdeutsche Herkunft.1 Die türkischen und russischen Jugendlichen stellen die größten Migrantengruppen (13,0 bzw. 10,0 %). Jeder 16. Jugendliche hat eine polnische Herkunft (5,8 %); 18,5 % haben eine andere ethnische Herkunft. Erfahrungen mit elterlicher Arbeitslosigkeit oder eigenem bzw. elterlichem Sozialhilfe- bzw. Arbeitslosengeld II-Bezug berichtet jeder 5. Jugendliche (22,3 %).

Deskriptive Befunde Im Rahmen der Schülerbefragung wurden verschiedene Verhaltensweisen erfasst. Inwieweit die Häufigkeit der Ausübung dieser zwischen den Stadtteilen variieren, lässt

sich Tabelle 1 entnehmen. Dargestellt ist neben dem Durchschnittswert für alle Stadtteile jeweils auch der niedrigste bzw. höchste Stadtteilwert. Zusätzlich wird als Maß für die Stärke des Zusammenhangs Cramers V und das entsprechende Signifikanzniveau angegeben.2 Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass die Prüfung signifikanter Unterschiede nur in eingeschränktem Maße sinnvoll ist, da eine Vollerhebung durchgeführt wurde und ein Schluss von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit per se mit geringer Unsicherheit behaftet ist. Etwa jeder 7. Jugendliche ist im letzten Jahr als Gewalttäter in Erscheinung getreten (15,3 %). Um gewalttätiges Verhalten der Jugendlichen zu erfassen, wurden diese gebeten anzugeben, ob sie im letzten Jahr mindestens einmal eine Körperverletzung, eine Erpressung, einen Raub oder eine Bedrohung mit Waffen begangen haben. In einigen Stadtteilen hat kein einziger Befragter eine Gewalttat verübt, in anderen hingegen lässt sich eine deutliche Konzentration von Gewalttätern feststellen. In dem am stärksten belasteten Stadtteil haben etwa ein Drittel der Neuntklässler eine Gewalttat begangen (32,6 %). Ähnliche Diskrepanzen zwischen den Stadtteilen finden sich bei der schweren Eigentumsdelinquenz (mind. einmal Autoeinbruch, Fahrzeugdiebstahl, Einbruch in Gebäude in letzten 12 Monaten), die in

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manchen Stadtteilen von keinem einzigen Schüler verübt wurde, in anderen Stadtteilen hingegen von jedem Fünften. Zwischen den Stadtteilen finden sich weiterhin beträchtliche Unterschiede im Hinblick auf den Alkoholkonsum. Im Durchschnitt gibt etwa jeder 3. Jugendliche (29,2 %) in Hannover an, im letzten Jahr mehrfach pro Monat Alkohol (Bier/Wein, Schnaps, Alcopops) konsumiert zu haben. Während dabei in einigen Stadtteilen nur etwa jeder 10. Jugendliche regelmäßig Alkohol trinkt, trifft dies in anderen Stadtteilen auf jeden 2. Jugendlichen zu. Ungleich verteilt sind die Anteile der Konsumenten von Cannabis . Im Durchschnitt berichtet jeder 5. Hannoveraner Neuntklässler hiervon, die Spanne zwischen den Stadtteilen reicht von 10,0 bis 39,5 %. Eine ähnliche Spannbreite ergibt sich beim intensiven Schulschwänzen (fünf und mehr Tage im letzten Schulhalbjahr geschwänzt). Das untere Ende bilden Stadtteile, in denen dies kein Schüler im letzten Schulhalbjahr getan hat; am anderen Ende stehen Stadtteile, in denen dies auf ein Drittel aller Neuntklässler zutrifft.

Beträchtliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen

Jeder Siebte ein Gewalttäter?

Unterschiedliches Schulschwänzen

Bedingungs­ faktoren von Gewaltdelinquenz Ob Stadtteilmerkmale neben individuellen Faktoren einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Ausübung einer

Schwere Eigentumsdelikte

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Stadtteile als Bedingungs­faktoren von Jugendgewalt delinquenten Tat haben, lässt sich mit Hilfe des statistischen Verfahrens der Mehrebenenanalyse beantworten (vgl. u.a. Engel & Simonson, 2006). Wir konzentrieren uns an dieser Stelle auf das Gewaltverhalten, da sich die eingangs beschriebenen Theorieansätze weitestgehend auf diese Form delinquenten Verhaltens beziehen.3 Zunächst wird dabei ein sogenanntes „leeres“ Modell berechnet, um zu prüfen, ob Stadtteilmerkmale für die Erklärung des Gewaltverhaltens überhaupt relevant sind (vgl. Snijders & Bosker, 1999).4 Dies scheint der Fall zu sein: Insgesamt gehen etwa drei Prozent der Gesamtvarianz des Gewaltverhaltens auf Stadtteilmerkmale zurück.5 Ähnliche Werte

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werden auch im Rahmen anderer Studien im deutschsprachigen Raum berichtet (Kunadt & Reinecke, 2008; Oberwittler, 2004). Die Frage nach der sozialräumlichen Bedingtheit gewalttätigen Verhaltens erscheint damit grundsätzlich angebracht. In Tabelle 2 sind deshalb Ergebnisse einer Mehrebenenanalyse dargestellt, in die sowohl Individual- als auch Stadtteilmerkmale einbezogen wurden. Auf Individualebene werden Faktoren aufgenommen, die in der Forschung als Bedingungsfaktoren gewalttätigen Verhaltens diskutiert werden (vgl. Eisner & Ribeaud, 2003). Hierzu gehören neben der sozialen Lage das Erleben schwerer elterlicher Gewalt im Kindesalter (z. B. mit der

Faust schlagen), eine niedrige Selbstkontrolle (d.h. eine durch Impulsivität, unbeständiges Temperament und Risikobereitschaft gekennzeichnete Persönlichkeit), der häufige Konsum gewalthaltiger Medien (z.B. Horror-/Actionfilme, Kampfspiele) und eine ungünstige Cliquenstruktur.6 Auf Stadtteilebene werden zum einen klassische Indikatoren der sozialen Desorganisationstheorie einbezogen, zum anderen Faktoren, die sich in Weiterentwicklungen dieser Theorie als bedeutsam herausgestellt haben. Die Sozialhilfe/ALG II-Quote und die Bewohnerfluktuation wurden offiziellen Statistiken der Stadt Hannover entnommen. Darüber hinaus wurden für jeden Stadtteil auf Basis der Schülerangaben die Anteile aller ethnischen Gruppen berechnet, so dass mit Hilfe des statistischen Maßes der relativen Devianz (vgl. Kühnel & Krebs, 2007) das Ausmaß an ethnischer Heterogenität bestimmt werden konnte. Die soziale Kohäsion wurde erfasst durch die Zustimmung zu Aussagen wie „Die Leute in meiner Nachbarschaft helfen sich gegenseitig“ oder „Man kann den Leuten in der Nachbarschaft vertrauen“. Das mittlere Maß an sozialer Kohäsion wurde aus den Angaben der Schüler eines Stadtteils aggregiert. Zur Erfassung der positiven Rollenvorbilder wurden die Schüler gebeten anzugeben, ob Vater und/oder Mutter studiert haben. Traf dies auf mindestens ein Elternteil zu, handelt es sich um einen Akademikerhaushalt. Um den Anteil pro Stadtteil zu erhalten wurden die Angaben ebenfalls aggregiert. In Tabelle 2 sind unstandardisierte Effektkoeffizienten abgebildet; Werte über 1.000 deuten auf einen Anstieg der Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Stadtteile als Bedingungs­faktoren von Jugendgewalt Wahrscheinlichkeit gewalttätigen Verhaltens hin, Werte unter 1.000 auf eine Verringerung des Risikos. Werte gleich bzw. nahe 1.000 hingegen verweisen darauf, dass der entsprechende Faktor keinen Beitrag zur Vorhersage des Risikos gewalttätigen Verhaltens leistet. Als risikoerhöhend erweist sich zunächst das Geschlecht einer Person, d. h. Jungen verhalten sich gewalttätiger als Mädchen. Schüler mit einer türkischen oder anderen ethnischen Herkunft weisen im Vergleich zu deutschen Jugendlichen ebenfalls eine höhere Gewaltbereitschaft auf. Jugendliche, die in ihrer Kindheit schwere Formen elterlicher Gewalt erleben mussten, unterliegen ebenso wie Personen mit mangelnder Fähigkeit zur Selbstkontrolle einem erhöhten Risiko eigener Gewalttäterschaft. Weiterhin geht der häufige Konsum von gewalthaltigen Filmen oder Computerspielen mit höherer Gewaltdelinquenz einher. Der Besuch eines Gymnasiums und das Aufwachsen in einer durch hohe Bildung gekennzeichneten Familie hingegen senkt die eigene Gewalttäterschaft. Als bedeutsam erweist sich auf individueller Ebene schließlich die Cliquenstruktur, wobei Jugendliche mit günstiger Struktur ein geringeres Risiko eigener Gewalttäterschaft aufweisen als die Referenzgruppe (Jugendliche mit ungünstiger Struktur). Am niedrigsten sind jene Jugendlichen belastet, die sich überhaupt nicht in einer festen Clique oder Freundesgruppe bewegen. Auf Stadtteilebene geht lediglich vom Anteil an positiven Rollenvorbildern ein signifikanter Effekt aus. In Stadtteilen mit einem hohen Anteil an positiven Verhaltensvorbildern

ist das Risiko des Einzelnen, eine Gewalttat zu begehen, signifikant niedriger als in einem Stadtteil mit unterdurchschnittlich vielen positiven Rollenvorbildern. Alle anderen in der Theorie der sozialen Desorganisation als bedeutsam herausgearbeiteten Faktoren leisten keinen Beitrag zur Vorhersage der Gewaltdelinquenz. Obwohl die Varianz auf Stadtteilebene durch die Aufnahme aller Variablen deutlich reduziert werden kann (auf 1,0 Prozent), bleibt auch unter Berücksichtigung dieser Faktoren ein zumindest schwach signifikanter Varianzanteil auf Stadtteilebene vorhanden.

Fazit und Ausblick Die Analysen verdeutlichen am Beispiel Hannovers erstens, dass verschiedene Formen delinquenten Verhaltens keineswegs gleichermaßen über die verschiedenen Stadtteile hinweg verteilt sind. Zweitens zeigt sich, dass die nach Stadtteilen variierenden Gewaltraten nur mit einem einzigen Faktor in Beziehung stehen: den positiven Rollenvorbildern. In Stadtteilen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil solcher Vorbilder ist das Risiko des Einzelnen, sich gewalttätig zu verhalten, geringer ist als in Stadtteilen mit wenigen positiven Rollenvorbildern. Andere Stadtteileigenschaften haben hingegen keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit des Gewaltverhaltens. Diese Befunde sprechen für lern- und kontrolltheoretische Ansätze. Eine Sichtweise, die allein die strukturelle Zusammensetzung eines Stadtteils und dessen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft fokussiert, kann anhand der vorliegenden Daten nicht unterstützt

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werden. Möglicherweise kann dieser Befund damit erklärt werden, dass in deutschen Großstädten deutliche Segregationsprozesse bislang noch nicht stattgefunden haben. Ein drittes Ergebnis der Studie ist, dass trotz Berücksichtigung verschiedener Stadtteilmerkmale weiterhin ein signifikanter Varianzanteil bestehen bleibt. Anders ausgedrückt: Stadtteile sind für den Verursachungsprozess von Gewaltverhalten durchaus wichtig, wir wissen aber noch nicht endgültig, woran dies liegt. Zugleich sollte davor gewarnt werden, sich in der zukünftigen Forschung allzu sehr auf Stadtteile als Einflussfaktoren zu konzentrieren: Individuelle Variablen wie das Erleben elterlicher Gewalt, der Gewaltmedienkonsum oder niedrige Selbstkontrollfähigkeiten übertreffen den Stellenwert von Stadtteilen deutlich. Fruchtbar erscheint vor diesem Hintergrund, Interaktionen zwischen individuellen und Stadtteil-Faktoren zu untersuchen. Möglicherweise kommt dem Stadtteil mehr eine indirekte Bedeutung zu, z.B. für die Etablierung bestimmter Freundesgruppen, deren Strukturierung wiederum einen starken Einfluss auf die Gewaltbereitschaft ausübt (vgl. Haynie, Silver & Teasdale, 2006; Rabold & Baier, 2008a).

Gruppen mit höherer Gewaltbereitschaft

Jungen

Ausländer

Jugendliche, die elterliche Gewalt erlebt haben

Mangelnde Fähigkeit zur Selbstkontrolle

Gewalthaltige Filme und Computerspiele

Ungünstige Cliquenstruktur

Literatur Benninghaus, H. (2007). Deskriptive Statistik. Eine Einführung für Sozialwissenschaftler (11. Auflage). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Eisner, M. & Ribeaud, D. (2003). Erklärung von Jugendgewalt – Eine Übersicht über zentrale Forschungsbefunde. In: Raithel, J. & Mansel, J. 27


Stadtteile als Bedingungs­faktoren von Jugendgewalt

tistik: Über Stasind unan-

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(Hrsg.), Kriminalität und Gewalt im Jugendalter: Hell- und Dunkelbefunde im Vergleich (S. 182-206). Weinheim: Juventa. Engel, U. & Simonson, J. (2006). Sozialer Kontext in der Mehrebenenanalyse. In: Diekmann, A. (Hrsg.), Methoden der Sozialforschung (S. 309326). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Friedrichs, J. & Oberwittler, D. (2007). Soziales Kapital in Wohngebieten. In: Franzen, A. & Freitag, M. (Hrsg.), Sozialkapital. Grundlagen und Anwendungen (S. 450-486). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Haynie, D. L., Silver, E. & Teasdale, B. (2006). Neighborhood Characteristics, Peer Networks, and Adolescent Violence. Journal of Quantitative Criminology, 22(2), 147-169. Jencks, C. & Mayer, S. E. (1990). The Social Consequences of Growing Up in a Poor Neighborhood. In: Lynn, L. & McGeary, M. (Hrsg.), Innercity Poverty in the United States (S. 111-153). Washington D.C.: National Academy of Sciences Press. Kühnel, S. M. & Krebs, D. (2007). Statistik für die Sozialwissenschaften. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Kunadt, S. & Reinecke, J. (2008). Jugendkriminalität und öffentliche Missstände. Stadtforschung und Statistik, 1, 19-23. Lersch, K. M. (2004). Space, Time, and Crime. Durham: Carolina Academic Press. Oberwittler, D. (2004). Stadtstruktur, Freundeskreise und Delinquenz: Eine Mehrebenenanalyse zu sozialökologischen Kontexteffekten auf

schwere Jugenddelinquenz. In: Oberwittler, D., Karstedt, S. (Hrsg.), Soziologie der Kriminalität. Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (S. 135-170). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Oberwittler, D. (2008). Wohnquartiere mit konzentrierten sozialen Benachteilungen können zur Verschärfung der Jugenddelinquenz beitragen – Neue Erkenntnisse zu sozialräumlichen Kontexteffekten. Recht der Jugend und des Bildungswesens 56(1), 73-83. Rabold, S. & Baier, D. (2008a). Ethnische Unterschiede im Gewaltverhalten von Jugendlichen – Die Struktur von Freundschaftsnetzwerken als Erklärungsfaktor. In: Hillmann, F. & Windzio, M. (Hrsg.), Migration, residentielle Mobilität und Stadtentwicklung. Opladen: Budrich UniPress Ltd. Rabold, S. & Baier, D. (2008b). Sozialer Kontext und Drogenkonsum von Jugendlichen. Eine Mehrebenenanalyse zur Überprüfung der Theorie der sozialen Desorganisation. Rabold, S., Baier, D. & Pfeiffer, C. (2008). Jugendgewalt und Jugenddelinquenz in Hannover. Aktuelle Befunde und Entwicklungen seit 1998. Hannover: KFN Forschungsberichte Nr. 105. Sampson, R. J. & Groves, W. B. (1989). Community Structure and Crime: Testing Social-Disorganization Theory. American Journal of Sociology, 94(4), 774-802. Sampson, R. J., Raudenbush, S. W. & Earls, F. (1997). Neighborhoods and Violent Crime: A Multilevel Study of Collective Efficacy. Science, 277, 918-924.

Shaw, C. R. & McKay, H. D. (1969). Juvenile Delinquency and Urban Areas: A Study of Rates of Delinquency in Relation to Differential Characteristics of Local Communities in American Cities (Revised Edition). Chicago: University of Chicago Press. Snijders, T. A. B. & Bosker, R. J. (1999). Multilevel Analysis. An Introduction to Basic and Advanced Multilevel Modelling. London: Sage Publications.

Anmerkungen 1

Um die ethnische Herkunft der Jugendlichen zu bestimmen, wurde diese gebeten, im Fragebogen die Nationalität der Eltern bei deren Geburt zu berichten (vgl. zur genauen Bestimmung der ethnischen Herkunft Rabold et al., 2008).

2

Cramers V kann Werte zwischen 0 (kein Zusammenhang) und 1 (perfekter Zusammenhang) annehmen (vgl. Benninghaus, 2007). 3 Bei Rabold und Baier (2008b) findet sich eine Übertragung der Desorganisationstheorie auf den Drogenkonsum. 4 Die Auswertungen erfolgten mit dem Programm HLM 6.0. 5 Neben den bereits genannten Einschränkungen werden nur Personen berücksichtigt, die nie oder höchstens bis zu ihrem 10. Lebensjahr soweit umgezogen sind, dass sie Freunde verloren haben. Das Verlieren von Freunden nach einem Umzug wird als Indikator dafür genutzt, dass ein Umzug über eine größere Distanz hinweg erfolgt ist. Es ist davon auszugehen, dass Kinder und Jugendliche in ihrem Verhalten nur dann von Stadtteileigenschaften beeinflusst werden, wenn sie diesen über einen längeren Zeitraum hinweg ausgesetzt sind. 6 Vgl. zur genauen Variablenbildung Rabold, Baier und Pfeiffer (2008). Eine ungünstige Cliquenstruktur weisen Freundschaftsnetzwerke auf, die durch einen hohen Anteil männlicher und nichtdeutscher Jugendlicher sowie durch eine hohe Interaktionsdichte im überwiegend eigenen Stadtteil gekennzeichnet sind.

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Schwerpunkt auf der Statistischen Woche 2009 in Wuppertal

Wahlen – Inhalte kommunaler Stadtforschung Andreas Martin, Hannover

Auf der Statistischen Woche in Köln hat die Arbeitsgemeinschaft „Wahlberichterstattung und Wahlanalyse“ vorgestellt, auf welche Themen sie auf der Statistischen Woche 2009 in Wuppertal eingehen möchte. Alle Themen hier noch einmal:

Wahlbericht­ erstattung und Wahlanalysen Viele kommunale Statistikstellen beleuchten in ihrer Berichterstattung Themenschwerpunkte wie: • Wahlverhalten in soziostruk­ tu­rellen Schwerpunktgebieten • Wählerwanderung • Wählerpotenziale und Wählermobilisierung • Wahlverhalten nach Alter und Geschlecht • Parteienhochburgen und Keller­bezirke • Wahlnachbefragungen Dieser Themenblock bietet ausreichend Raum für ergänzende Vorträge: von Wahlforschungsinstituten, von Vertretern der Universitäten oder von Gästen aus dem europäischen Ausland.

Ergebnis­ präsentation Die Ergebnispräsentation am Wahlabend ist Gegenstand dieses Themenblocks. Es soll beleuchtet werden, welche unterschiedlichen Präsentationen angeboten werden (z.B. stadteigenes „Wahlstudio“, Intranet, Internet), welche sich im Hin-

blick auf Informationsgehalt und Benutzerfreundlichkeit bewährt haben, welche Möglichkeiten der Hochrechnung in den Städten genutzt werden usw.

Wahlen in der Forschung In diesem Themenblock sollen Ergebnisse der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Wahlergebnissen dargestellt werden. Vorträge über die Entwicklung des Wahlverhaltens, der Parteienbindungen, der Entwicklung der Parteienlandschaft usw. unter Berücksichtigung der sozialen und demografischen Entwicklungen, der zunehmenden Globalisierung, der gesellschaftlichen Entwicklung sind hier von großem Interesse.

Wirkung der Wahlanalysen Statistikangebot: Die vorangegangenen Themenblöcke sollen um die Frage nach der „Wirkung der kommunalen Wahlberichterstattung“ erweitert werden. So wird von vielen Statistikstellen als Dienstleistung im Vorfeld einer Wahl zusätzlich speziell aufbereitetes Material angeboten (z.B. Wahlvorberichte mit Vergleichsergebnissen und Strukturdaten). Dieses wird von den Parteien ganz unterschiedlich angenommen. Parteistrategen: Parteien sind Nachfrager der Wahla-

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nalysen, also muss das Thema aus ihrer Sicht beleuchtet werden. Es gilt die Fragen zu beantworten, was die Parteien benötigen und wie sie die Berichte aus den Statistikstellen wahrnehmen. Medienwirkung: Auch die Frage nach der Wirkung in den Medien wird gestellt. Über die Analysen wird gern in der lokalen Presse berichtet, wenn die Information rechtzeitig geliefert wird. Doch was benötigen die Medien? Wie benötigen die Medien die Information? Gibt es gute Beispiele der Kooperation?

Wahlorganisation Die Wahlorganisation hat in vielen statistischen Dienststellen eine lange Tradition. Sie wird deshalb nicht im Mittelpunkt der Statistischen Woche in Wuppertal stehen. Sie soll aber mit bedacht werden, soweit die Wahlorganisation Einfluss auf die Wahlberichterstattung und die Möglichkeiten der Wahlanalyse hat.

Gesetzgebung und Rechtsprechung

Statistische Woche 2009 in Wuppertal Aufruf zur Mitarbeit Das „Superwahljahr 2009“ sorgt dafür, dass es uns an Themenvorschlägen nicht mangeln wird. Doch die Fülle der Einzelthemen wollen mit Leben gefüllt werden. Daher unsere Bitte: Wenn Sie einen oder auch mehrere Beiträge aus Ihrem Umfeld anbieten oder selbst einen Vortrag übernehmen können, melden Sie sich bitte an bei: Hermann Breuer, Köln, Tel. 0221/221-21871, hermann.breuer@stadt-koeln.de

oder: Andreas Martin, Hannover, Tel. 0511/168-43300, andreas.martin@hannover-stadt.de

oder: Wolf Schäfer, Nürnberg, Tel. 0911/231-2840, wolf.schaefer@stadt.nuernberg.de

Dieser Themenblock wird um das allgemeine Thema „Auswirkungen der Gesetzgebung und der Rechtsprechung auf Wahlen“ erweitert. Mögliche Fragestellungen: Verfälschen zusammengelegte Wahlen den Wählerwillen? Wie wirkt sich die Fünf-Prozent-Hürde auf die Parteienlandschaft aus? usw. 29


Geld und Bildung bestimmen die Wahlbeteiligung

Profil der Wählerinnen und Wähler Simon Villiger, Zürich

An den nationalen Wahlen in der Schweiz beteiligten sich 2007 wesentlich mehr Menschen als vier Jahre zuvor. So auch in der Stadt Zürich: Ein wenig mehr als die Hälfte der 215 210 Stimmberechtigten reichten einen gültigen Wahlzettel ein (Stadt Zürich: 50,4%; Schweiz: 48,9%). Dies ist ein sehr hoher Wert angesichts der stark ausgebauten direktdemokratischen Rechte, die viele Urnengänge mit sich bringen. Allerdings wurde die Möglichkeit zur politischen Partizipation von den verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Wahlbeteiligung nach Alter und Geschlecht Von den Frauen gingen 47,7% zur Wahl. Bei den Männern war die Beteiligung 6 Prozentpunkte höher. Betrachten wir die Wahlbeteiligung nach Alter (Abb. 1), stellt sich die Frage, ob sich die relativ schwache Vertretung der jüngeren Generation im Parlament in der Altersverteilung der Wähler/-innen spiegelt (was aber nicht bedeuten würde, dass ältere Wähler/-innen keine jungen Kandidatinnen und Kandidaten wählen).

In den ersten Jahren nach Erlangung des Wahlrechts sinkt die Wahlbeteiligung etwas ab, um danach bei beiden Geschlechtern kontinuierlich und nahezu parallel anzusteigen. Bis zum Pensionsalter beträgt der Unterschied zwischen den Geschlechtern rund 5 Prozentpunkte. Während die Wahlbeteiligung bei den Frauen danach abfällt, steigt sie bei den Männern noch bis fast zum achtzigsten Altersjahr an und erreicht das Maximum bei über 70 Prozent. Dabei spielt die Tatsache, dass das Frauenstimmrecht in der Schweiz auf nationaler Ebene erst 1971

Abb. 1: Wahlbeteiligung nach Alter und Geschlecht, Stadt Zürich 2007

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Profil der Wählerinnen und Wähler eingeführt wurde, ein wichtige Rolle: Die älteren Menschen wurden noch nicht in einer Zeit politisch sozialisiert, als das Frauenstimmrecht etwas Selbstverständliches war. Die Kurven der Grafik in Abb. 1 stehen sinnbildlich für den politischen Lebenszyklus: In der Orientierungsphase der Jugend ist die Bereitschaft zur

Beteiligung noch nicht stabil. Im mittleren Alter erfolgt eine stärkere Einbindung in die Arbeitswelt. Zusammen mit der Verantwortung für die Familie sowie einem gesteigerten politischen Interesse erhöht dies die Bereitschaft zur politischen Partizipation. Nach der Pensionierung nimmt die soziale Integration ab. Zudem wird auch der Aufwand der Stimmabgabe

mit zunehmenden Gebrechen grösser. Angesichts der geringen Beteiligung der jungen Leute kann man sich fragen, wie wichtig es ist, dass sich die Bürgerinnen und Bürger schon in jungen Jahren beteiligen, wenn doch davon ausgegangen werden kann, dass die politische Partizipation mit steigendem Alter zunimmt?

Abb. 2: Anteile an den Wahlberechtigten, den Wählenden und an der Bevölkerung nach Alter, Stadt Zürich 2007

Bevölkerung

Wahlberechtigte

Wählende

Abb. 3: Wahlbeteiligung der 18- bis 25-Jährigen nach Ausbildung, Stadt Zürich 2007

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Profil der Wählerinnen und Wähler

Abb. 4: Wahlbeteiligung der 18- bis 25-Jährigen nach sozioprofessioneller Kategorie der Eltern, Stadt Zürich 2007

Abb. 5: Korrelation der Wahlteilnahme Eltern/Kind, Stadt Zürich 2007

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Profil der Wählerinnen und Wähler Junge Erwachsene repräsentieren eine grosse Gruppe innerhalb der Bevölkerung (12%). Da in diesem Alterssegment der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung vergleichsweise hoch ist, ist nur die Hälfte dieser Altersgruppe zur Urne zugelassen. Wenn nun, wie im untersuchten Fall der Nationalratswahlen 2007, nur ein Drittel davon an die Urne geht, entspricht dies letztlich einem Anteil von nur 17 Prozent. Die 18- bis 25-Jährigen verzichten gewissermassen auf ihre politischen Einflussmöglichkeiten (Abb. 2). In dieser Altersgruppe gibt es weitere markante Unterschiede: Ein entscheidendes Merkmal ist das Ausbildungsniveau. Auszubildende und Angestellte mit tieferer Ausbildung weisen eine Beteiligungsquote auf, die nicht halb so hoch ist wie diejenige der Studentinnen und Studenten (23,3% gegenüber 51,9%).

Ausgehend von der Annahme, dass sich das soziale Umfeld auf das Partizipationsverhalten auswirkt, kann in einer vertiefenden Studie1 gezeigt werden, dass die politische Beteiligung von jungen Personen mit steigender beruflicher Stellung der Eltern zunimmt (Abb. 4). Als einflussreichstes Merkmal erweist sich aber, ob die Mutter bzw. der Vater an die Urne geht. Die politische Teilnahme vererbt sich gewissermassen von den Eltern auf die Kinder (Abb. 5).

Das Geld bestimmt Es wurde bereits auf den Zusammenhang zwischen sozio­ ökonomischer Stellung und Wahlbeteiligung hingewiesen. Betrachtet man das Einkommen als einen Indikator für diese Stellung, so wird der Zusammenhang in Grafik 6 erhärtet.

Die in der Stadt Zürich wahlberechtigten Personen versteuerten gemäss der letzten Einschätzung 9,1 Milliarden Franken Einkommen und knapp 52 Milliarden Franken Vermögen. Die 50,4 Prozent Wählenden verfügen somit über 59,4 Prozent des Gesamteinkommens bzw. 70,6 Prozent des Gesamtvermögens. Das Medianeinkommen der Wählenden ist mit 53 800 Franken wesentlich höher als dasjenige der Nichtwählenden (40 000 Franken). Das Medianvermögen der Wählenden ist mit 80 000 Franken sogar fast fünfmal so hoch wie dasjenige der Nichtwählenden (17 000 Franken). Dies liegt daran, dass ein großer Teil des Vermögens bei älteren Personen konzentriert ist, welche eine höhere Wahlbeteiligung aufweisen.

Wähler sind reicher als Nichtwähler

Ausbildung und Wahl­ beteiligung korrelieren

Abb. 6: Wahlbeteiligung nach steuerbarem Einkommen, Stadt Zürich 2007

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Profil der Wählerinnen und Wähler

Abb. 7: Wahlbeteiligung der erstmals Wahlberechtigten, Stadt Zürich 2007

Geringes Interesse der Erst-Wähler Nur jeder fünfte Eingebürgerte wählt

tistik: Über Stinad eine

vertraut sind, nur eine Wahlbeteiligung von 20 Prozent aufweisen (Abb. 7). Die höchste Beteiligung der drei erwähnten Gruppen haben die neu Zugezogenen. Ein kürzlich erfolgter Wohnortswechsel hat bei nationalen Wahlen weniger Einfluss auf die Partizipation als bei regionalen Urnengängen.

Die Kategorie der Erstwählerinnen und Erstwähler fasst Personen zusammen, die seit den letzten nationalen Wahlen 2003 wahlberechtigt geworden sind. Sie besteht aus drei Gruppen: • eingebürgerte Ausländerinnen und Ausländer, • volljährig Gewordene und • neu Zugezogene.

Datenquelle

Bei allen Gruppen ist die Wahlbeteiligung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eher gering. Besonders überraschend ist dabei, dass die neu Eingebürgerten, die ja zuvor unter Umständen schon einige Jahre in der Stadt Zürich gelebt haben und mit den Verhältnissen

Die hier vorgelegte Analyse der Wähler/-innen beruht auf der Auswertung der eingereichten Wahlrechtsausweise. Auf diesen ist ein persönlicher Code aufgedruckt. Die erfassten Codes wurden mit einem Auszug aus dem Personenregister, der alle wahlberechtigten Personen enthält, verglichen. Die

Wahlrechtsausweise wurden getrennt von den Wahlzetteln erfasst und die gewonnenen Daten anonymisiert. Auf diese Art kann relativ einfach bestimmt werden, wer an der Wahl teilgenommen hat (und wer nicht), nicht aber, wen die Personen gewählt haben. Es sind in den Auswertungen zu keinem Zeitpunkt Rückschlüsse auf einzelne Bürger/-innen möglich.

Anmerkungen 1

Statistik Stadt Zürich: Die Qual der Wahl. Determinanten der politischen Partizipation von jungen Erwachsenen (Analyse 5/2008). Die Publikation kann unter www. stadt-zuerich.ch/statistik kostenlos bezogen werden.

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Unzählige Urnen, 478 Vorstände, 4.500 WahIheIfer und ein Elefant

Wahltag braucht Organisation Hubert Harfst, Hannover

Es ist Wahltag. Fast alle finden es selbstverständlich, einfach in ihr Wahllokal zu gehen und zu wählen. Was aber gehört alles dazu, bis ein Wahllokal am Wahlsonntag pünktlich um 8 Uhr öffnet? Schauen wir einmal hinter die Kulissen des Wahlamtes der Landeshauptstadt Hannover. Steht der Wahltermin fest, ist zuerst einmal eine Wahlleitung zu berufen. Sie ist unter anderem verantwortlich für die Einreichung und Zulassung der Wahlvorschläge, den Druck der Stimmzettel, die Auszählung der Briefwahlstimmen und die Feststellung des endgültigen Ergebnisses. Als Wahlorgan handelt die Wahlleitung selbstständig. Die übrige Wahlorganisation ist den Kommunen, in Hannover dem Bereich Wahlen und Statistik übertragen. Er hat sicherzustellen, dass für die rund 370.000 Wahlberechtigten am Wahlsonntag Punkt 8 Uhr alle 402 Wahlräume eingerichtet und geöffnet sind.

Wichtiges ab in die Urne Im Wahllager werden die Urnen, die Wahlraumausstattung und das sonstige Material zusammengestellt. Von der Tesarolle bis zum Stift – alles wird in die Urne gepackt. Besondere Sorgfalt ist beim Verpacken der Stimmzettel erforderlich. Bei Kommunalwahlen gibt es 36 verschiedene Stimmzettel, die in 23 Varianten zu verpacken sind.

Es werden zwei Briefwahlstellen, im Rathaus und in einem Bürgeramt, eingerichtet. Bis zu 66.000 WähIerInnen wählen per Brief. Zwischen 25 und 35 Aushilfen bewältigen den Publikumsverkehr und die Postberge. Zusätzlich sind Fragen zu beantworten und Anträge zu bearbeiten, müssen Daten mit anderen Gemeinden ausgetauscht und Heime von unserem mobilen Wahlvorstand besucht werden. Der Service, Obdachlose in ihrer Anlaufstelle, im Mecki-Laden, wählen zu lassen, ist bundesweit einmalig. Im Rathaus zählen mehr als 70 Wahlvorstände die Briefwahl aus. Der Bereich Informations- und Kommunikationssysteme hat die Technik zu installieren und auf die jeweilige Wahl anzupassen. Der Druck der Wahlbenachrichtigungen wird nicht mehr im Rechenzentrum erledigt, sondern seit einiger Zeit an einen Dienstleister vergeben. Die Wählerverzeichnisse, die bis Freitag vor der Wahl, 18 Uhr, digital geführt werden, werden aber noch selbst gedruckt und versandfertig gemacht – mehr als 15.000 Druckseiten, die in wenigen Stunden zu verarbeiten sind. Schon eingetütet sind die Vordrucke, die der Wahlvorstand im Laufe des Wahltages ausfüllen muss. Insgesamt sind etwa 30 Vordruckmuster in der Anlage zur Wahlordnung vorgeschrieben. Die 402 Wahlund 76 Briefwahlvorstände brauchen neben internen Vor-

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drucken und Arbeitshilfen eine Wahlniederschrift, ein Einlegeblatt für das festgestellte Ergebnis und eine Schnellmeldung, die das Wahlamt mit den spezifischen Angaben für jeden Wahlbezirk produziert und in einem ausgeklügelten Verfahren von der Hausdruckerei direkt drucken lässt. Das alles wäre jedoch nichts wert, würden nicht rund 4.500 WahIheIferInnen am Wahlsonntag „bereitwillig“ ihren Dienst aufnehmen. Das Gewinnen und Berufen der Wahlvorstände ist ein mehr als abendfüllendes Kapitel! In Hannover ist mit viel Mühe ist ein Stamm von WahIheIferInnen aufgebaut worden. Etwa 15.000 Erstberufungen werden verschickt, zwei von drei Angeschriebenen sagen mit den unterschiedlichsten Gründen ab. Mit viel Aufwand sortieren fünf Aushilfen die Zu- und Absagen und sorgen dafür, dass alle Wahlvorstände ordungsgemäß besetzt werden.

Über 60 000 Briefwähler

Elefant als Beobachter Wenn dann die WahIheIferInnen geschult, alle Briefwahlanträge abgearbeitet, alle Unterlagen ausgeliefert und das Erfrischungsgeld an die Wahlhelfer ausgezahlt ist, kommt die immer wieder spannende halbe Stunde von 7.45 bis 8.15 Uhr am Wahlsonntag. Sind alle Wahllokale aufgeschlossen, sind das Wählerverzeichnis und alle Materialien da, muss die

Spannung um Acht

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Bürgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung

Wahlhelferreserve mobilisiert werden und und und… Der Elefant eines Kleinzirkus, der einmal den Zugang zu einem Wahllokal blockierte (ungelogen), ist schon sprichwörtlich für das, was so alles passieren kann! Wenn das vorläufige Endergebnis ermittelt ist, geht im dritten Stock des Hannoverschen Rathauses das Licht noch nicht aus. Jetzt schlägt die Stunde der Wahlforscher. Andreas Martin

macht sich mit KollegInnen aus anderen Bereichen und Wissenschaftlern der Leibniz-Universität an den so genannten Wahlnachtbericht. Am nächsten Vormittag ist das Wahlergebnis analysiert und alles mit farbigen Karten und Grafiken gedruckt, um am Dienstag dann Zeitungsseiten zu füllen. Und der Bereich Wahlen und Statistik ist dann schon wieder bei seinem Geschäft zu Nichtwahlzeiten: der Statistik!

Daten für 2007 und 2001

Bürgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland Josef Fischer, Leipzig Diese Analyse ist eine Fortschreibung ähnlicher Untersuchungen. Die Daten wurden freundlicher­ weise wieder von Frau Katrin S. Bär vom Deutschen Städtetag bereitgestellt, wofür herzlich ge­dankt wird. Die Datenbasis ist nicht mehr ganz aktuell, da seitdem Kommunal­wahlen unter ande­rem in Sachsen-Anhalt, Bayern und Brandenburg stattfan-

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den. Die Grundaussagen dürften aber noch Bestand haben. Das gilt sicher bis zum 7. Juni 2009, wo parallel zur Europawahl in acht Bundes­ländern Kommunalwahlen stattfinden. Das betrifft damit 844 der 1 567 Städte mit 10 000 und mehr Einwohnern, also die Mehrzahl der betrachteten Städte. Tabelle 1 zeigt zudem, dass die Ein­

wohnerzahlen der ge­wählten Städteklassen (je rund 12 Mio.) ähnlich groß sind. Obwohl Deutschland über 12 200 Ge­mein­den hat, leben knapp drei Viertel der Einwohner in den untersuchten Städten. Nicht für alle davon lagen vollständige Datensätze vor. Die Ausfälle sind aber minimal und zu vernachlässigen.

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Bürgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland Auf kommunaler Ebene ist, wie die Abbildungen 1 und 2 zeigen, die Union (CDU, in Bayern CSU) weiter führende politische Kraft vor der SPD. Das gilt 2007 be­züglich der Ratsmitglieder ins­gesamt und für alle Gemeindegrößenklassen (Abbildung 2). Dritte kommunale Kraft sind innerhalb der Räte die GRÜNEN gefolgt von der FDP und der Linkspartei. Bezüglich Linkspartei ist jedoch (noch?) ein deutlicher Ost-West-Unterschied zu verzeichnen, was bei­spiels­weise der Tabelle 4 zu entnehmen ist. Bezieht man jedoch die Wähler­gruppen mit ein, so ist evident, dass diese nach Union und SPD kommunal die dritte Kraft sind. Vergleicht man die aktuellen Werte von 2007 mit denen von 2001 (Abbildung 1), so ist zunächst zu berück­sichtigen, dass 2001 nicht zwischen Wählergruppen und Anderen unterschieden wird. Dennoch ist der Zuwachs für diese Gruppen evident. Sie spielen besonders in den kleineren Gemeinden eine beachtliche Rolle. Auch die GRÜNEN, FDP und DIE LINKE hatten 2001 er­sichtlich weniger Ratsmitglieder als sechs Jahre später. Dieser Zugewinn der „Kleinen“ ging zu Lasten der „Großen“, also der Unionsparteien und der SPD. Während die Union in den Städten unter 20 000 Einwohner stabil blieb, hatte sie insbeson­dere in den Großstädten Mandatsverluste. Die SPD verlor in allen Gemeindegrößenklassen. Bei den Bürger­meistern ist die Situation ähn­lich. Hier dominieren 2007 die Bürgermeister der Unionsparteien, in Groß­städten mit über 100 000 Einwohnern liegt aber die SPD deutlich vorne (Abbildung 4). Parteilose Bürgermeister nehmen hier die Rolle der

Wähler­gruppen bei den Ratsmitgliedern ein. Ihr Anteil ist mit Ausnahme der Großst��dte weit höher als jener der Wählergruppen bei den Ratsmitgliedern. In der Städtegruppe unter 20 000 Einwohner gibt es mehr parteilose Bürgermeister als solche der SPD. GRÜNE, FDP und DIE LINKE stellen anteilig deutlich weniger Bürgermeister als Rats­ mitglieder. Die meisten Bürgermeister dieser drei Parteien stellt die FDP. Fehlt in Großstädten der Rück­halt einer der großen Parteien, ist es offen­bar schwer, eine Bürgermeisterwahl zu gewinnen. Die entsprechende Darstellung für 2001 (Abbil­dung 3) zeigt eine noch wesentlich stärkere Domi­nanz der Unions-Bürgermeister vor der SPD, und zwar in allen Gemeindegrößen­ klassen. Seitdem mussten CDU und CSU durch alle Klassen Posten abgeben. Die SPD konnte zwar in den Großstädten Bürgermeister­posten hin­ zugewinnen, in den Städten der anderen drei Gemeindegrößenklassen hatte jedoch auch sie nennenswerte Verluste. Seit 2001 konnten FDP, GRÜNE und DIE LINKE nur in geringem Maße bei den Rathauschefs zulegen, in der Städteklasse von 40 000 bis unter 100 000 Einwohner, mussten FDP und DIE LINKE sogar Plätze räumen. Der höchste Zuwachs ist zweifellos bei den parteilosen Bürger­meistern zu registrieren und das am stärksten in Städten unter 20 000 Einwohner. Die Städte der fünf in Tabelle 1 dargestellten Gemein­de­ größenklassen weisen jeweils ähn­liche Ein­wohnerzahlen auf. In den meisten Abbildungen sind jedoch die Großstädte über 100 000 Ein­wohner zusammengefasst, da eine Untergliede­rung der Bürgermeister der 15 größten Städte

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in der üblichen Art wenig Sinn macht. Eingeschränkt gilt das auch für die Analyse der Ratsmitglieder. Deren Gesamtzahl ist in den Großstädten mit zusammen 25,5 Mio. Einwohnern deutlich geringer als jeweils in den Städten der anderen drei Gemeinde­größenklassen, die jeweils etwa halb so viele Einwohner haben (Abbildung 5). In den Städ­ten unter 20 000 Einwohner gibt es in der Summe knapp 20 000 Ratsmitglieder, in den Großstädten rund 4 000. Insbesondere größere Städte haben aber zu­sätzliche Räte für Stadtteile. Abbildung 5 ist zu entnehmen, dass es in allen Gemeindegrößenklassen deutlich mehr männliche Ratsmitglieder gibt als weibliche. Der Frauenanteil ist in der Größenklasse unter 20 000 Einwohner mit 22,3 % am geringsten und steigt in den nächs­ten Klassen über 24,5 % und 27,8 % bis auf 33,1 % in den Großstädten. Abbildung 6 zeigt, dass der Frauenanteil bei den Bürgermeistern noch viel geringer ist als jener bei den Ratsmitgliedern, was wiederum für alle Gemeindegrößen­klassen gilt. In den Großstädten sind 17,1 % der Stadtoberhäupter Frauen, in den nächstkleineren Städteklassen sind es 11,5 %, 7,9 % und in der Klasse unter 20 000 Einwohner 6,2 %. Auch bei den Bürgermeisterinnen gibt es also ein Gefälle nach Gemeindegrößenklasse mit höchs­tem Frauenanteil in den Großstädten. Untersucht man Geschlechteranteile der Rats­mitglieder nach Parteizugehörigkeit, so stellt man fest, die Männerdominanz ist bei den bei­den Unionsparteien CDU und CSU noch stärker aus­geprägt als bei der SPD, die aber insbesondere in den kleineren Städten

Die Union führt

Rat: Mehr Männer als Frauen

Bürgermeister: Noch größerer Männervorsprung

CDU: Stärkere Männerdominanz als bei der SPD

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B端rgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland

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B端rgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland

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Bürgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland unter 20 000 Einwohner deutlich weniger Ratsmitglieder hat als die Union (Abbildung 7). Der Frauenanteil bei der SPD von rund 29 % ist aber nicht nur höher als bei der Union mit rund 21 %, sondern auch höher als bei den ande­ ren Ratsmitgliedern insgesamt, wo der Frauen­anteil rund 25 % beträgt. Von 2001 bis 2007 ist der Anteil der weiblichen Ratsmitglieder trotz des Minus von 0,6 % bei der SPD und 0,3 % bei der Union durch das Plus von 1,7 % bei den Anderen minimal um 0,8 Prozentpunkte gestiegen. Im Umkehrschluss verzeichneten die Männer 0,8 Prozentpunkte Verlust. Ähnlich ist die Situation bei den Bürgermeistern (Abbildung 8). Hier ist der Frauenanteil wie bereits festgestellt noch geringer als bei den Rats­mitgliedern. Bei der SPD beträgt er rund 10 %, bei der Union knapp 7 % und insgesamt bei allen Anderen knapp 8 %. Das korrespondiert in der Reihenfolge mit jener bei den Ratsmitgliedern. Allerdings ist bei den Rathauschefs eine Tendenz zu höheren Frauenanteilen deutlicher erkennbar. Das gilt für die Union und die SPD, die in den letzten Jahren mehr Bürgermeistersessel räumen mussten als sie gewannen. Das gilt auch für die „Anderen“, die in verstärktem Maße Bürger­meister stellen, wobei die Frauen vergleichsweise stärker zulegten als die Männer. Insgesamt stieg der Anteil weiblicher Rathauschefs von 2001 bis 2007 um 2,9 Prozentpunkte (Union +0,6, SPD +0,8, Andere +1,5). In Abbildung 9 sind die Zusammensetzungen der Stadträte (in wenigen Ausnahmefällen in der Gemeindegrößenklasse unter 20 000 Ein­wohner handelt es sich nicht um Städte und so40

mit um Gemeinderäte) genauer aufgeschlüsselt. In den fünf Gemeindegrößenklassen sind die Anteile nach Parteien bzw. Sonstigen und hier wiederum nach Männern und Frauen dargestellt. Es wird deutlich, dass die Frauenanteile der Wähler­ grup­pen (und auch der Anderen) nur bei etwa 20 % liegen. In kleineren Städten sind es weniger, in größeren mehr. Ähnlich verhält es sich bei der FDP, die nur in den Großstädten Frauen­ anteile von über 20 % hat. Die FDP-Frau­en­anteile sind niedriger als die der Unions­parteien. Die Union hat Frauenanteile von knapp 20 % in den kleinen und reichlich 30 % in den größten Städten. Ebenso steigen bei der SPD die Frauen­anteile unter den Ratsmitglie­dern mit der Größen­ klasse von 26 % bis auf 42 % in den großen Großstädten. DIE LINKE hat mit Ausnahme der kleineren Groß­städte noch höhere Frauenanteile als die SPD, in den großen Groß­städten sind es 45 %. Getopt wird das von den GRÜNEn, deren Frauenanteile von 35 % bis zu 54 % in den Metropolen reichen. Abb. 9In den 15 größten deutschen Städten sind Ende 2008 zwei Frauen Stadtoberhaupt, beide gehören der CDU an. Von den 15 Stadt­chefs sind acht CDU- und sieben SPDMitglieder. In den Stadtstaaten haben die Bürgermeister Ministerpräsidenten-Status. Sie werden vom Par­la­ment gewählt, ihre Wahlperiode ent­spricht der des Parlaments und beträgt in der Regel fünf Jahre. Ansonsten werden die Bürger­meister über­all in Deutschland direkt durch die Bürgerschaft gewählt. Die Wahlperiode ist in den Bundeslän­dern verschieden. Sie um­fasst in der Regel sechs bis acht Jahre, kann unter besonderen Bedingun­gen Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Bürgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland in Nordrhein Westfalen deutlich höher liegen. Die beiden folgenden Tabellen zeigen unterglie­dert nach Bundesländern zum Stand Anfang 2007 die Zugehörigkeit der Bürgermeister nach Partei (Tabelle 2) und nach Geschlecht (Tabelle 3). Die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen samt Bremerhaven sind hierbei zu einer Gruppe zusammengefasst. Die größte Auffälligkeit dürfte sein, dass alle Bürgermeister der Linkspartei in ostdeutschen Städten Stadtoberhaupt sind (Tabelle 2). Be­mer­kenswert ist auch, dass der Frauenanteil unter den Stadtoberhäuptern in Mecklenburg-Vorpommern mit 16,7 % mehr als viermal so hoch ist wie in BadenWürttemberg mit 4,0 %.

Eine Untergliederung der Stadträte von Groß­städten nach Zugehörigkeit zu Parteien bzw. Sonstigen und nach Geschlecht zum Stand Anfang 2007 zeigt Tabelle 4. Hierbei wur­den alle Großstädte mit mindestens 190 000 Ein­wohnern berücksichtigt und zusätzlich weitere Landes­hauptstädte sowie die ostdeutschen Groß­städte über 100 000 Einwohner, so dass jedes Bundes­land mit mindestens einer Stadt vertreten ist. Unter den aufgeführten Städten ist Bremen in zweifacher Hinsicht etwas besonderes. Die Bremi­sche Bürgerschaft als Landtag hatte Anfang 2007 35 Frauen unter den 67 Bremer Stadtabgeord­neten. Eine Frauenmehrheit im Rat gab es in kei­ner anderen der in Tabelle 4 auf­geführten Städte. Nach

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der Neuwahl der Bremi­schen Bürgerschaft im Mai 2007 gibt es unter den 68 Bremer Stadt­ abgeordneten nur noch 28 Frauen. Die Partei DIE LINKE war Anfang 2007 auch bei den Ratsmitgliedern überall das Haupt­ unter­scheidungsmerkmal zwischen ost- und west­deutschen Städten. In allen ostdeutschen Städten der folgenden Tabelle gibt es zweistellige Zahlen von Abgeordneten der Linkspartei, in den west­deut­schen Städten sind es maximal sechs. Die zuletzt genannten Beispiele zeigen, dass über die Analyse von Städteklassen hinaus auch die Einzelfallbetrachtung zweckmäßig, manchmal sogar notwendig sein kann, da jede Stadt in mancherlei Hinsicht einmalig ist.

Die Linke: Im Osten zwei-, im Westen einstellig

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Bürgermeister und Ratsmitglieder in Deutschland

tistik: Über Staabellen

iT A: „Zwe zu viel.“ sind eine sind Tabellen B: „Drei enig.“ drei zu w uf mmt dra C: „Es ko ela T n die b e w r ü f , an len sind.“

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Neusser Erfahrungen: Gute Vorbereitung – schnelle Ergebnisse

Wahlgeräte im praktischen Einsatz Wolfgang Düsing, Neuss

Zur Zeit sind elektronische Helfer bei Wahlen wieder schwer in die Diskussion gekommen. Der Chaos-Computer-Club unterstellt den Wahlautomaten der Firma NEDAP Manipulationsmöglichkeiten. Bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg im Frühjahr 2008 wurde der technisch und datenschutzrechtlich überzeugende digitale Stift trotz abgeschlossener Vorbereitungen nicht eingesetzt. Das Bundesverfassungsgericht befasst sich derzeit mit der Frage, ob die NEDAP-Wahlgeräte bei zukünftigen Wahlen eingesetzt werden dürfen. Alles nur Stimmungsmache? Haben sich die Geräte im Einsatz überhaupt bewährt?

Anschaffung der Wahlgeräte In der Stadt Neuss werden Wahlgeräte der Firma NEDAP seit der Bundestagswahl 2002 eingesetzt – flächendeckend in allen Wahl- bzw. Stimmbezirken und in allen Wahlen, Bürgerentscheiden und Ratsbürgerentscheiden. Vorangegangen war ein mehrjähriger Entscheidungsprozess. Ausgangspunkt der Überlegungen der Kollegen des Wahlamtes war die zunehmende Schwierigkeit, Wahllokale mit geeignetem Personal zu besetzen. Immer mehr Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung weigerten sich, am

Wahltag im Wahllokal Dienst zu tun. Zudem zog sich die Ergebnisermittlung insbesondere bei Bundestagswahlen oder verbundenen Wahlen dramatisch in die Länge. Außerdem war die nach der Wahl in der abgeschotteten Statistikstelle erfolgende manuelle Auszählung der repräsentativen Stimmbezirke eine zeitraubende Angelegenheit. Da traf es sich gut, dass bereits Ende der 90-er Jahre die Stadt Köln mit Wahlgeräten experimentierte und sich zum flächendeckenden Einsatz entschloss. Unter Berücksichtigung der Kölner Erfahrungen begann auch das Neusser Wahlamt, die NEDAPWahlgeräte zu testen. Die Versuche verliefen äußerst zufriedenstellend, und nachdem die behördliche Zulassung der Wahlgeräte und die Zustimmung des Landeswahlleiters zu ihrem Einsatz vorlag, wurde dem Rat der Stadt Neuss die Anschaffung empfohlen. Dem damaligen Stadtkämmerer und wohl auch der guten Haushaltslage war es zu verdanken, dass der Rat am 30.03.2001 der Beschaffung von 98 Geräten für 886.507 DM zustimmte. Was folgte, war eine intensive Öffentlichkeitsarbeit der Kollegen des Wahlamtes. Mit mehreren Pressemitteilungen wurde der Einsatz der Wahlgeräte angekündigt. Über mehrere Wochen vor dem Wahltag waren Wahlgeräte zur „Testwahl“

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im Wahlamt für die Bürgerinnen und Bürger aufgebaut. Unter fachkundiger Leitung wurde von diesem Angebot rege Gebrauch gemacht. Das Wahlgerät wurde in Altenheimen und Altenstuben vorgestellt. Das Ergebnis war überaus positiv: Auch die Senioren haben die Wahlgeräte problemlos angenommen.

Chaos-Computer-Club gegen NEDAP

Praktische Erfahrungen Mittlerweile wurden die Wahlgeräte in 6 Wahlen und 2 Bürgerentscheiden eingesetzt. Probleme mit den Geräten sind nicht aufgetaucht. Der Einsatz wurde sowohl von den Wählern als vom Wahlvorstand positiv bewertet. Bei sämtlichen in Neuss mit den Wahlgeräten durchgeführten Wahlen bzw. Abstimmungen wurden seitens der Wähler keine Beschwerden über die Wahlgeräte vorgetragen. Die Geräte sind voll akzeptiert. Um den Einsatz der Wahlgeräte wirtschaftlich zu gestalten, wurde die Zahl der Stimmbezirke von 126 auf 90 reduziert. Ebenso konnte die Besetzung der Wahllokale von 8 Wahlhelfern auf 6–7 verringert werden. Damit ist eine der mit dem Einsatz verbundenen Erwartungen eingetreten. Das Wahlergebnis wird im Wahllokal unmittelbar nach Abstimmungsende ausge-

6 Wahlen und 2 Bürgerentscheide

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Wahlgeräte im praktischen Einsatz

Ergebnisse nach 30 Minuten

Zeitgewinn bei der repräsentativen Wahlstatistik

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druckt. Anschließend übermittelt der Wahlvorstand dieses Ergebnis telefonisch an das Wahlamt. Damit liegt das Ergebnis der Urnenwahlbezirke bei Einsatz der Wahlgeräte maximal eine halbe Stunde nach Schließung der Wahllokale vor. Dennoch hat sich das Ziel der schnelleren Ergebnisermittlung am Wahlabend nicht vollständig realisieren lassen, da die Briefwahlbezirke nach wie vor von Hand ausgezählt werden müssen. Trotzdem, die Zeiten sind vorbei, in denen manchmal bis 24.00 Uhr im Wahllokal gezählt werden musste. Die Auswertung der repräsentativen Wahlstatistik erfolgt ausgesprochen elegant. Die Stimmabgabe nach Alter und Geschlecht wird anhand der Wählerlisten ermittelt. Die Nummern der Wähler werden in eine vorbereitete Datei eingegeben, anschließend ermittelt das Verfahren das Einzelergebnis des Stimmbezirks und die Summe der repräsentativen Bezirke und gibt das Ergebnis in eine Datei aus, die das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW einlesen kann. Während dieses

Verfahren Bestandteil des in Neuss eingesetzten „Moerser Wahlverfahrens“ ist, kommen bei der Ermittlung des Wahlergebnisses nach Alter und Geschlecht die gespeicherten Daten der Wahlgeräte zum Einsatz. Nach dem Auslesen der Speichermodule im Wahlamt werden die Datensätze der repräsentativen Stimmbezirke an die Statistikstelle übermittelt, wo sie weiterverarbeitet werden. Das Verfahren ist eingespielt und hat zu einer deutlich kürzeren Bearbeitungszeit in der Statistikstelle geführt mit dem Ergebnis, dass die Veröffentlichung zur repräsentativen Wahlstatistik wenige Tage nach der Wahl vorgelegt werden kann. Es gibt noch weitere positive Auswirkungen der Wahlgeräte. Mit deren Einführung hat sich die Zahl der ungültigen Stimmen in erheblichem Maße verringert. Es gibt nur noch bewusst ungültig abgegebene Stimmen, weil der Wähler dies durch Drücken auf die Taste „ungültig“ dokumentieren muss. Bei der Wahl mit Stimmzetteln war immer ein großer Anteil vermutlich unbewusst

ungültig abgegebener Stimmen vorhanden gewesen, weil der Wähler durch unkorrektes Markieren des Stimmzettels oder durch handgeschriebene Zusätze seine Stimme ungültig abgegeben hat. Deutlich wird, dass insbesondere bei Mehrstimmenwahlen wie der Bundestagswahl der Einsatz der Wahlgeräte zu einer drastischen Verringerung der Zahl der ungültigen Stimmen geführt hat. Bei Wahlen, in der nur eine Stimme abgegeben werden kann, ist der Effekt nicht ganz so groß, aber immer noch bemerkenswert. Auf die Wahlbeteiligung hat der Einsatz der Wahlgeräte keinen signifikanten Einfluss gehabt. Damit ist die Befürchtung, dass Wähler den Einsatz der Geräte mit einer Wahlverweigerung quittieren könnten, nicht eingetreten. Zwar ist die Wahlbeteiligung zwischen den verglichenen Wahlen (Ausnahme: Landtagswahlen) gesunken, aber da dieser Rückgang sich nicht wesentlich vom Landesdurchschnitt unterscheidet, ist er wohl eher dem generellen Trend einer zurück-

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Wahlhelfer-Leid gehenden Wahlbeteiligung geschuldet als einem Boykott der Wahlgeräte.

Fazit Die Wahlgeräte haben sich im Einsatz bei der Stadt Neuss voll bewährt. Es sind keine

Mängel aufgetreten. Die Wähler haben sich an die Geräte schnell gewöhnt. Die mit dem Einsatz der Wahlgeräte verbundenen Ziele des Wahlamtes wurden fast alle erreicht, mehr noch: die aus gesellschaftspolitischen Gründen erwünschte Verringerung der Zahl der un-

gültigen Stimmen ist als positiver Effekt hinzugekommen. Hoffen wir, dass das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil diese Effekte würdigt und Technikunterstützung bei der Stimmabgabe – ob durch Wahlgeräte oder digitale Stifte – weiter zulässt.

Wahlhelfer-Leid Hannoverscher Wahlhelfer (anonym)

Zur Wahl als Helfer ausgewählt, soll ich dem Staate dienen. Parteien werden aufgestellt, wohin auch sonst mit ihnen? Erst kommt ein hoch betagter Herr, will mit mir diskutieren: „Was? Die Partei, gibt‘s immer noch, dass die sich nicht genieren.“ Jetzt naht ein Vater mit dem Sohn, sie fragen, ob sich das hier lohn. Der Vater ist nur informiert, ob Bayern deutscher Meister wird. Der Junior hat das Wahlrecht nit, aber er kennt die Politik. Nun, welches Votum wiegt hier schwer? Zur Antwort reicht die Zeit nicht mehr. Ich zeige schnell den Wahlablauf: „Sie halten den Betrieb sonst auf!“ Danach grüß’ ich zwei Eheleute; die scheinen viel zu wissen. Sie sagt zu ihm, dass beide heute dasselbe wählen müssen. Kaum hat er still und ganz geheim die bürgerliche Pflicht getan,

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sagt sie zu ihm: „Gib mir Dein’ Schein, ich passe auf und prüf ihn dann!“ Er meint, die Wahl sei doch geheim! Sie lacht, „Wo gibt‘s denn das? Das soll hier eine Ehe sein, und ich weiß nicht, was du da machs’?“ Hier schalt ich mich als Helfer ein und geb` dem Manne Recht. „Aha“, sagt sie, „ein Frauenfeind, dem geht es hier gleich schlecht!“ Die Wählerschaft hat sich vermehrt, die Stimmung ist gedrückt. Die Ehefrau fühlt sich belehrt, ich wünsch dem Manne Glück. Ganz undramatisch und normal geht diese Wahl vorbei. Die Zettel werden ausgezählt – auch die der Rechtspartei. Doch dann spitzt sich die Lage zu, jetzt kommt das wirklich Schlimme: Ich komme einfach nicht zur Ruh, es fehlt noch eine Stimme!

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Pro und Contra

Zwei Wahlen an einem Tag? Immer wieder tritt der Fall ein, dass an einem Tag zwei Wahlen zu organisieren sind. In diesem Jahr ist das beispielweise in NRW der Fall, wo am 7. Juni neben der Europawahl auch die Kommunalwahlen stattfinden. Was spricht für die Bündelung, was dagegen? Zwei kompetente VDStMitglieder argumentieren.

Pro Zusammenlegung Michael Haussmann, Stuttgart

Argument 1: In Baden-Württemberg haben wir´s schon zweimal geschafft. An diesem Argument kommt man wohl nicht so schnell vorbei: Sowohl 1994 als auch 2004 gab es keine größeren Pannen. Und das, obwohl mit der Gemeinderatswahl ausgerechnet die mit Abstand „schwierigste“ Wahl im Paket enthalten war: Das Wahlrecht in Baden-Württemberg gibt dem Wähler dabei so viele Stimmen, wie Räte zu wählen sind und sieht die Möglichkeit des Kumulierens und Panaschierens vor. In manchen Gemeinden kam die Besonderheit der „unechten Teilortswahl“ bzw. der Ortschaftsratswahl hinzu, in kreisangehörigen Gemeinden wurde außerdem der Kreistag gewählt.

Argument 2: Die Wahlbeteiligung wird positiv beeinflusst. Ist das eine Legende? Keineswegs – dies zeigt eine Studie des baden-württembergischen Städtetags, veröffentlicht in der Reihe „Statistik und Infor46

mationsmanagement“, Heft 5/2008: Die großen Städte profitieren bei der Kommunalwahlbeteiligung von der Zusammenlegung mit der Europawahl, die kleinen Städte profitieren bei der Europawahlbeteiligung von der Zusammenle­ gung mit der Kommunalwahl. Der Effekt hält sich allerdings im beschei­de­nen Rahmen. Dies liegt daran, dass bundesweit die Wahlbeteiligungsquoten sowohl der Europa- als auch der Kommunalwahl seit Jahren im Sinkflug begriffen sind – die positiven Effekte der Zusammenlegung werden zu einem beträchtlichen Teil von diesem Effekt „aufgevespert“.

Argument 3: Besser ein Termin als zwei. Die mit der Wahlorganisation betrauten Personen haben außerhalb der Wahlzeit andere dringende Aufgaben, in den größeren Städten ist dies oftmals die Statistik. Und diese kann während der „heißen Wahlphase“ nur noch auf „Sparflamme“ betrieben werden. Da mit dem Paradigmenwechsel hin zum registergestützten Zensus

künftig eine wichtige Quelle für untergemeindliche statistische Strukturdaten größtenteils versiegt, ist hier vermehrt die Eigeninitiative der Kommunalstatistiker gefragt. Hier wird künftig mehr Zeit „am Stück“ benötigt, um längerfristig neue Datenquellen zu erschließen.

Voraussetzung 1: Es werden Ressour­ cen bereitgestellt. Die Arbeitsverdichtung ist nur durch vermehrten Personalund Technikeinsatz zu kompensieren. Insbesondere der Bereich Qualitätssicherung gewinnt bei der Zusammenlegung deutlich an Gewicht. Mit der schwierigste Punkt bei der Wahlzusammenlegung ist die Gewinnung der ehrenamtli­ chen Wahlhelfer/innen. Quer durch die Republik wird berichtet, dass es schon bei „Standardwahlen“ von Jahr zu Jahr schwieriger wird, Bürger/innen für den ehrenamtlichen Wahlhelfereinsatz zu gewinnen. Bei zusammengelegten Wahlen verschärft sich die Situation: Es werden zum einen mehr Wahlhelfer benötigt, zum anderen ist die Arbeitsbelastung für die Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Contra Zusammenlegung Wahlvorstände deutlich höher. Dies mit einem „Standardentgelt“ wie für eine „Standardwahl“ zu entschädigen, hat oft zur Folge, dass selbst lang gediente Wahlhelfer sich bei den zusammengelegten Wahlen nicht mehr zur Verfügung stellen. Somit besteht die Notwendigkeit, den Einsatz bei zusammengelegten Wahlen dauerhaft attraktiv zu gestalten. Dazu gehören die Erhö-

hung der Zahl der eingesetzten Wahlhelfer, die Möglichkeit, die Ergebnisse in Arbeitsgruppen parallel auszählen zu können und vor allem eine angemessene monetäre Entschädigung.

Voraussetzung 2: Das Wahlrecht wird harmonisiert Für die Bürger sind die Wahlen einer der wenigen Kontakte

mit der kommunalen Verwaltung. Deshalb ist es gerade hier wichtig, bürgerfreundlich und aus einem Guss aufzutreten. Sich widersprechende Regelungen im Wahlrecht sind den Bürgern bei zusammengelegten Wahlen absolut nicht zu vermitteln und befördern das (falsche) Image des praxisfernen, bürokratischen Staates.

Contra Zusammenlegung Hubert Harfst, Hannover

Argument 1: Wer es machen will, wundert sich. Kommunalwahlen sind, wie der Plural schon sagt, verbundene Wahlen. In Niedersachsen sind das (fast) immer drei verbundene Wahlen mit Kumulieren und Panaschieren, in Nordrhein-Westfalen immer mindestens zwei verbundene Wahlen. Da muss man schon aufpassen, damit das mit den Stimmzetteln und den Wahlscheinen klappt. Und die Auszählung zieht sich nicht nur in Einzelfällen bis nach Mitternacht hin. Da gibt es dann auch noch verschiedene Zuständigkeiten. Zwei Kreis- beziehungsweise Stadtwahlleiter, manchmal auch in einer Person. (Kann der sich Briefe schreiben?) und dann noch ein Stadt-/Gemeindewahlleiter. Entsprechend wird die kommunale Briefwahl von der Stadt/Gemeinde, die übrige Briefwahl von Kreis ausgezählt. Glückliches NRW, da sind die Städte/Gemeinde immer für die Briefwahl zuständig. Sonst gäbe es was zu „knapsen“ wie in der Region Hannover. So hat das regions-

angehörige Stadt Hannover ein anderes Ergebnisermittlungsverfahren als die Region. Hier vierstellige numerische Wahlbezirke (0101), dort systembedingte Langbezeichnungen (21-01-01 Mitte 01) – sehr automationsfreudig!

Argument 2: Die Wahlbeteiligung sinkt sowieso. Nicht nur das Demokratiemusterland Schweiz lebt schon seit langem mit einer Wahlbeteiligung unter 50 Prozent. Ein Grund von vielen ist sicher die Fülle und Komplexität der Politik-Themen, über die man sich ärgert und die doch nicht zu ändern sind. Bei zusammengelegten Wahlen kann man sich so richtig ärgern: Von Brüssel bis zu Hundehaufen vor der Haustür. Und so ärgert man sich, poltert am Stammtisch über „die“ Politiker – und geht nicht zur Wahl.

Argument 3: Wahlhelfer gibt es. Wenn man meint, 16 € (seit 1989 nicht erhöht) seien für einen Wahltag genug, dann stimmt das natürlich nicht.

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Wahlhelfer sind die Stiefkinder unter den Ehrenamtlichen. Unser Ansinnen, auch mal einen Wahlhelfer oder eine Wahlhelferin an dem inzwischen ja gängigen „Tag des Ehrenamtes“ zu berücksichtigen, löste pures Erstaunen aus. Das nebenbei, in der Praxis wird es dann chaotisch. Hier die 16- bis 18-jährigen Erstwähler und die EU-Bürger, die in der Schule fleißig kommunale Demokratie geübt haben, die aber nicht in einen Europawahl-Wahlvorstand berufen werden können. Da die vielen Lokalpolitiker, die immer im Wahlvorstand sitzen, jetzt aber als Bewerber bei den Kommunalwahlen nicht dürfen. In Hannover sind das weit über 1.000 liebe Kolleginnen und Kollegen: Das Wahlhelferproblem ist lösbar, das kostet aber Mühe. Mutig zu jeder Wahl (durch Auswahl aus dem Wählerverzeichnis) immer einen, zwei oder drei Neulinge berufen. Das ist mühselig: Gerade mal ein Viertel sagt zu. Aber so hat man irgendwann einen drei- bis vierfache eingearbeitete Besetzung, die sich immer freut, wenn sie auch mal „dran“ ist. 47


Durchschnittliche Amtszeit

Voraussetzung: Harmonisierte Rechtsgrundlagen oder: „Hilfe, wo ist das Wahllokal meines Stimmbezirks im Wahlbezirk / Wahlbezirks im Wahlbereich?“

tistik: Über Stisat Luxus“,

„Statistik gied der Re entschie afff und sch rungsche . ahlen ab te die W

So ist die Realität: Nicht einmal die einfachsten Bezeichnungen (Stimmbezirk, Wahlbezirk) stimmen überein. Viel schlimmer sind aber die unterschiedlichen Modalitäten und Fristen für die Eintragung in das Wählerverzeichnis und die Beantragung von Wahlscheinen und Briefwahlunterlagen. Die Wählerverzeichnisse werden zwar durchgängig am 35. Tag vor der Wahl aufgestellt. Zeitgleich werden dann die Wahlbenachrichtigungen versandt. Vergleicht man mal die Muster (meistens verbindliche Anlagen zur jeweiligen Wahlordnung), dann stimmt nicht viel überein. Der Bund hat gerade die

Voraussetzungen für die Beantragung von Wahlscheinen geändert und dem Wahlscheinantrag eine Abholvollmacht und eine Versicherung an Eides statt hinzugefügt. Da müssen sich die Länder sputen, denn sonst gibt es unvereinbare Textvarianten – und mehrere Wahlbenachrichtigungen. Eintragungen in das Wählerverzeichnis von Anfang an, von Amts wegen und auf Antrag – die Alternativen für einen Umziehenden füllen Seiten. So kann in Nordrhein-Westfalen ein Umziehender bis zum 16. Tag vor der Wahl noch in das Kommunalwählerverzeichnis eingetragen werden. Da gibt es überraschende Varianten. Kann der Zuziehende aus Sachsen, der dort an der Europa- und Kommunalwahl per Briefwahl teilgenommen hat, noch einmal wählen? An welcher Wahl kann der Umziehende im Kreis Recklinghausen wo teilnehmen und wie ist er (und die bisherige Gemeinde) zu benachrichtigen? Fragen über Fragen, die im Endeffekt von

der kommunalen Wahlorganisation rechtsverbindlich (und anfechtungsfest!) gelöst werden müssen.

Das machen wir doch mit links – oder? Abgestufte Gleichbehandlung (§ 5 Parteiengesetz) bei Parteienwerbung: Natürlich ordne ich (ich muss ja) die Wählergemeinschaft, die den Bürgermeister und die Ratsmehrheit stellt, bei der Parteienwerbung nach der ZZ-Europapartei so an 27. Stelle mit Plakatgröße ½ DIN A3 ein. Und wenn meine örtlichen Parteien fragen, wie denn in den Parteigliederungen für Nominierungs­konferenzen einzuladen seien, werde ich antworten : „kommt drauf an, entsprechend den fünf oder mehr Wahlgliederungen – so genaues weiß ich noch nicht“. Und…, und…, und…. . Alles gut machbar – für die Kolleginnen, die dann im Herbst 2009 in den Ruhestand geht können!

Das interessante Schaubild

Durchschnittliche Amtszeit Josef Fischer, Leipzig Die durchschnittliche Amtszeit der Bürger­meis­ter betrug Anfang 2007 neun Jahre. In Nieder­sachsen, wo kurz zuvor Kommunalwahlen statt­fanden, war sie mit vier Jahren am geringsten, in Bayern mit zwölf Jahren am höchsten. Oft umfasst die Amtszeit also mehrere Wahlperioden. Quelle: Umfrage Städtetag 2007. 48

Deutscher

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Peinlich – Statistik widerlegt

Pech gehabt, Herr Gysi! Martin Schlegel, Hagen „Wir sind die einzige Industriegesellschaft mit sinkenden Reallöhnen, mit sinkenden Realrenten, mit sinkenden realen Sozialleistungen. Ganz im Unterschied selbst zu den USA, zu Frankreich, zu Großbritannien oder Schweden, da gibt es Mindestlöhne von über 8 Euro die Stunde. Wir sind die Industriegesellschaft mit dem prozentual größten Anteil eines Niedriglohnsektors.“ Das sagte der Linke-Chef Gregor Gysi am 3. August 2008 in die ZDF-Kameras. Der Spiegel ging den Aussagen nach und wunderte sich. Die Recherche zu den sinkenden Reallöhnen ergab, dass auch in anderen Industriestaaten die Arbeitnehmer bei den Reallöhnen zurückstecken

mussten. Beispielsweise in den USA, Frankreich und Italien. Daneben liegen die Gysi-Worte auch bei den Renten: Zwar sind in etlichen Ländern die Renten an den Verbraucherpreisindex gekoppelt, doch wird so nur die Basisrente geschützt, womit auch dort die Realrenten sanken. Und wie sieht es mit den Mindestlöhnen von 8 Euro aus? Mit Frankreich liegt Gysi richtig, in Großbritannien beträgt der Mindestlohn 7 Euro, in den USA bewegt er sich zwischen 4,25 Euro und 5,20 Euro und die Schweden haben gar keine derartige gesetzliche Regelung. Bleibt der Niedriglohnsektor, bei dem Deutschland führend sein soll: Großbritannien hat deutsches Niveau und in den USA ist der Anteil höher.

Es ist schon peinlich, eine falsche Behauptung nach der anderen in die Welt zu setzen. Und das aus dem Mund eines Politikers, der kein Greenhorn mehr ist, sondern seit vielen Jahrzehnten oben mitmischt. Ein Politker, der sich zu den führenden in der BRD zählt. Es ist gut, dass die Statistik ihn widerlegt. Das wird bei Herrn Gysi sicherlich nicht die Nähe zur Statistik steigern, aber vielleicht führt es dazu, dass er sich demnächst besser vorbereiten lässt. Auch die Linke sollte hin und wieder mal einen Blick auf die Fakten werfen, sonst wird die eigene Argumentation schnell hinfällig. Wie sagte mal ein kluger Mann: „Statistik ist das Korrektiv für dumme Politikerworte.“

Helmut Schmidt: Außer Dienst

Mein Versäumnis Martin Schlegel, Hagen „Zunächst muss ich mir das Versäumnis eingestehen, in meiner Regierungszeit die bereits im Gang befindliche Überalterung und die tendenzielle Schrumpfung unserer Gesellschaft nicht erkannt zu haben. Der Rückgang der Geburtenraten ist objektiv bereits in den sechziger Jahren eingetreten.“ Das gesteht Ex-Kanzler Helmut Schmidt auf Seite 157 seines neuen Buchs „Außer Dienst“, wieder mal ein Bestseller. Das schreibt dieser kühle Hamburger, bei dem Logik und Vernunft

Grundlage seines Handelns bilden und für den Fakten immer eine große Rolle spielen. Wie konnte das Versäumnis geschehen? Die Statistiker haben doch ihre Prognosen erstellt. Und die zeigten damals schon nach unten. Verdrängten Helmut Schmidt und seine Umgebung die Ergebnisse? Unbewusst oder mit voller Absicht? Haben die Statistiker keinen Wert darauf gelegt, ihre Daten nutzerfreundlich zu präsentieren? Woran es gelegen hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Wir

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wissen aber: Wenn schon ein faktennaher Helmut Schmidt zentrale Fakten nicht wahrnimmt, liegt einiges im Argen. Es macht keinen Sinn, die jeweilige Regierung zu beschimpfen. Wir Statistiker können die nicht ändern. Aber es macht Sinn, darüber nachzudenken, wie wir es schaffen, die Ergebnisse unserer Arbeit besser zu platzieren; sie besser an den Politiker und die Politikerin zu bringen. Vielleicht gehen die Münsteraner bereits den richtigen Weg (vgl. Seite 11). 49


So spielt das Leben – Kopien in Turmkirchen

Die Heftung Martin Schlegel, Hagen

„Fingerhutwahl“

Zehn Kopien

50

Bei der Europawahl hält sich das öffentliche Interesse in Grenzen und manche Kollegen bezeichnen sie schon mal despektierlich als „Fingerhutwahl“. Landtags- und Bundestagswahlen sind ein paar Stufen schwieriger. Das Verfahren ist aufwändiger und Parteien und Öffentlichkeit werfen permanent Blicke auf das Geschehen. Alle wollen möglichst aktuell über den Stand der Vorbereitungen ins Bild gesetzt sein. Übertroffen – für Unter40-Jährige: Getoppt – wird alles von der Kommunalwahl. Dann kommt Unruhe auf. Nicht nur eine Hand voll, sondern eine Unmenge von Kandidaten sehen sich bereits als Ratsherr oder -frau, Bezirksvertreter/in oder Bürgermeister/in und ha-

ben diesen oder jenen „guten“ Vorschlag für die Wahlorganisation und die Einteilung der Stimmbezirke. Auch die Presse mischt mit großer Begeisterung mit – nicht immer zur Freude des Wahlamts. Mit dem Ergebnis, dass ein Fehler, der bei der Europawahl gar nicht beachtet wird, bei der Bundestagswahl zu Kritik führt, bei der Kommunalwahl eine Katastrophe ist. Vor diesem Hintergrund schilderte mir ein Kollege eine Begebenheit, die ich hier in aller Kürze wiedergeben will, wobei ich nur eines ändere: Den Namen der Stadt; ich gebe ihr den schönen Namen „Turmkirchen“. In Turmkirchen stand eine Kommunalwahl an. Das Wahlamt bereitete die Sitzung des Wahl-

ausschusses vor, in dem die Kandidaten zugelassen werden sollten. Die Liste der Kandidaten war wieder enorm lang, sie bestand aus Hunderten von Namen. Natürlich benötigte jeder im Wahlausschuss die Liste aller Kandidaten, schließlich muss er wissen, wen er zulässt. Also bekam eine Kollegin die Anweisung: „Machen Sie von der Liste bitte zehn Kopien und heften Sie die.“ Die Kollegin begab sich an die Arbeit. Sie kopierte munter und heftete: Zehnmal Seite 1, zehnmal Seite 2, zehnmal Seite 3 usw. Als dem Amtsleiter das eine Stunde vor Sitzungsbeginn auffiel, blieb er nach außen hin ruhig; doch die Mitarbeiterin blieb nicht mehr lange im Wahlamt.

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Gladbeck: Familienberichterstattung durch Familien- befragungen

Die wirtschaftliche Lage von Familien Holger Wunderlich, Annett Schultz, Bochum

In sozial- und familienpolitischen Diskussionen der Kommunen spielen die Themen Familienarmut und besonders Kinderarmut eine immer wichtigere Rolle. Fragen nach der wirtschaftlichen Lage und der Einkommenssituation der Familien in der eigenen Stadt bzw. Gemeinde, auch im Vergleich mit anderen Kommunen oder differenziert nach kleinräumigen Unterschieden innerhalb der Stadt, werden daher oft kontrovers diskutiert. Dies gilt, obwohl die Möglichkeiten zur Beeinflussung der wirtschaftlichen Situation von Familien für Kommunen sehr begrenzt sind. Denn die familienpolitischen Interventionsformen im monetären Bereich sind vor allem Bundes- und (mit deutlichen Abstrichen) Landesangelegenheit. Trotzdem ist die wirtschaftliche Lage von Familien auch für Kommunalpolitik und -verwaltung von größter Bedeutung, denn der Lebensalltag von Familien spielt sich in den Kommunen ab. Hier werden die Folgen von Einkommensarmut in Form von sozialer Benachteiligung und sozialer Ausgrenzung „sichtbar“ und hier muss damit „umgegangen“ werden. Kommunalverwaltung und Kommunalpolitik (aber auch andere Akteure, die im Feld örtlicher Sozial- und Familienpolitik aktiv sind) benötigen daher Wissen über die Lebenslage von Familien vor Ort, unter anderem zur wirt-

schaftlichen Lage von Familien und dem Haushaltseinkommen als grundlegende Ressource der Lebensführung von Familien. Die Möglichkeiten aber, die wirtschaftliche Lage von Familien über in der Kommune vorhandene Daten abzubilden, sind häufig sehr begrenzt, insbesondere wenn es um die Darstellung kleinräumiger Strukturen geht. Zum einen kann in der Regel nur über Aggregatdaten der Verwaltungsstatistik verfügt werden, die zudem nur bestimmte Familiengruppen betreffen (bspw. Einkommens- und Steuerstatistik, Sozialhilfestatistik u.ä.). Zum anderen ist insbesondere in kleineren Kommunen (ohne eigenes Statistikamt) oder aber in kreisangehörigen Kommunen auch bei verfügbaren bzw. theoretisch generierbaren Daten die Datenlage häufig schwierig. Um differenzierte Aussagen zur wirtschaftlichen Lage von Familien(-typen) und verlässliche Aussagen über Zusammenhänge treffen zu können sind daher Befragungsdaten notwendig.

Befragungen als Datenquelle Wie hoch ist das Haushaltseinkommen der Familien in unserer Stadt? Gibt es Unterschiede zwischen den Stadtteilen? Wie beeinflussen die Familienform oder das Vorhandensein eines Migrationshintergrundes die

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wirtschaftliche Lage der Familien in unserer Stadt? Zur Beantwortung dieser Fragen sind die Daten und Analysen von Familienberichterstattung auf Bundes- oder Landesebene in der Regel wenig hilfreich, denn nirgendwo ist es so wie im Bundes- oder Landesdurchschnitt. Um ein detailliertes Bild über die wirtschaftliche Lage von Familien zu erhalten, führen daher (im Rahmen kommunaler Familienberichterstattungsaktivitäten) zahlreiche Kommunen kommunale Familienbefragungen durch. Am Beispiel der Gladbecker Familienbefragung (einem Kooperationsprojekt der Stadt Gladbeck, dem Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung und der Faktor Familie GmbH) wird im Folgenden skizziert, wie unterschiedliche Dimensionen der wirtschaftlichen Lage von Familien erfragt werden können und welche Informationen damit generiert werden können. Die Familienbefragung in Gladbeck steht dabei exemplarisch für Familienbefragungen in insgesamt 15 nordrhein-westfälischen Projektkommunen, in denen die Befragung auf Basis eines standardisierten Fragebogens durchgeführt wurde.

Landesdurchschnitte helfen nicht

Gladbecker Familien­ befragung

Hintergründe und Methodisches Die Familienbefragung erfolgt in Form einer schriftlichen 51


Die wirtschaftliche Lage von Familien Befragungsinhalte

Rücklaufquote: 45%

Die Mütter antworten

52

Befragung von Haushalten mit mindestens einem Kind im Alter von unter 18 Jahren. Gegenstand der Befragungen sind Aspekte der sozialen und ökonomischen Lebenssituation sowie der Zufriedenheit von Familien, die mit den Daten der Kommunalstatistik nicht oder nur sehr unzureichend abgebildet werden können. Der Fragebogen umfasst insgesamt 70 Einzelfragen zur Lebenslage von Familien, die von jeweils einem Elternteil beantwortet werden sollen und neben Fragen zur wirtschaftlichen Lage die folgenden Themenbereichen betreffen: Standarddemografie, Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Lebensraum Stadt und Kinder in der Familie. Ziel der Befragung sind repräsentative Ergebnisse zur Lebenssituation von Familien mit mindestens einem im Haushalt lebenden minderjährigen Kind. Basis hierfür ist eine über die Einwohnermeldestatistik gezogene Zufallsstichprobe von Haushalten mit unter 18jährigen Kindern. Da für die Stadt Gladbeck keine kommunalstatistischen Angaben zu Familien- und Haushaltsstrukturen für Familien mit Kindern vorliegen und die Einwohnermeldestatistik keine Haushaltsstichprobe ermöglicht, wurden aus dem Einwohnermelderegister 2.000 Adressen von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren nach dem statistischen Zufallsprinzip ausgewählt. Die Fragebögen wurden an die Erziehungsberechtigten dieser Kinder und Jugendlichen versendet, wobei nur ein Fragebogen je Familie verschickt wurde. Die Organisation der Familienbefragung erfolgte nach einem in anderen Kommunen der Projektfamilie bereits mehr-

fach erfolgreich durchgeführten Ablaufschema. Um die Bevölkerung über die Befragung zu informieren und um ihre Mitarbeit zu bitten, wurde unmittelbar vor dem Versand der Fragebögen im Frühjahr 2007 eine Pressekonferenz durchgeführt und die örtliche Presse informiert. Zur Erhöhung des Fragebogenrücklaufs wurde darüber hinaus nach Ablauf einer ersten Rücksendefrist ein Erinnerungsschreiben an die gesamte Stichprobe geschickt, in dem die Familien – sofern noch nicht geschehen – nochmals um Beteiligung an der Befragung gebeten wurden. Im Anschreiben wurde zusätzlich jeweils ein Ansprechpartner der Stadt Gladbeck und des Bochumer Teams Familienberichterstattung mit Telefonnummer angegeben, an die sich die Familien bei Rückfragen wenden konnten. Die Erfahrungen in zahlreichen Kommunen haben gezeigt, dass eine intensive Begleitung der Befragung extrem wichtig ist und sich eine weniger intensive Pressearbeit sehr nachteilig auf die Rücklaufquote auswirken kann. Insgesamt konnte bei der Familienbefragung Gladbeck ein Rücklauf von 44,7 Prozent erzielt werden (das sind 893 der angeschriebenen 2.000 Familien), was eine recht hohe Rücklaufquote für eine schriftliche Befragung darstellt. Auch in den anderen Städten der Projektfamilie konnten ähnlich hohe Rücklaufquoten erreicht werden. Knapp siebzig Prozent der Fragebögen in Gladbeck wurden von Müttern ausgefüllt, die sich offenbar für familiale Themen stärker verantwortlich fühlen als Väter bzw. dies tatsächlich sind. Darüber hinaus wissen wir, dass in 23 Prozent der Familien mindestens ein Elternteil keine deutsche Staatsangehörigkeit und

in 34 Prozent der Familien mindestens ein Elternteil einen Migrationshintergrund hat. Der Anteil der Alleinerziehenden liegt bei 14 Prozent und der Anteil der kinderreichen Familien (mit drei und mehr Kindern unter 18 Jahren) bei 21 Prozent der Familien.

Ergebnisse der Familienbefragung Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen der Gladbecker Familien beträgt 2.422 Euro im Monat. Etwa sieben Prozent der Familien müssen mit weniger als 1.000 Euro Haushaltseinkommen auskommen. Ein Drittel der Familien verfügt über ein Haushaltsnettoeinkommen zwischen 1.000 Euro und 2.000 Euro, ein weiteres gutes Drittel über ein mittleres Einkommen von 2.000 bis 3.000 Euro. Über ein schon recht komfortables Einkommen von mehr als 3.000 Euro monatlich können etwas mehr als ein Fünftel der Gladbecker Familien verfügen. Diese Zahlen sagen allerdings noch nichts über Armut und Reichtum der Gladbecker Familien aus, da die Familien, die von den genannten Haushaltseinkommen leben müssen, unterschiedlich groß und sehr unterschiedlich zusammengesetzt sind. Die Haushaltseinkommen müssen für einen Vergleich der Einkommenssituation erst auf die Zahl der Haushaltsmitglieder bezogen werden. Hinzu kommt eine Bedarfsgewichtung, in der das Nettoeinkommen eines Haushalts nicht durch die Zahl der Haushaltsmitglieder geteilt wird (das Ergebnis wäre ein ungewichtetes Pro-Kopf-Einkommen), sondern die verschiedenen Haushaltsmitglieder unterschiedlich „gewichtet“ werden. Damit Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Die wirtschaftliche Lage von Familien wird eine Gewichtung am faktischen Bedarf vorgenommen, denn ein Vier-PersonenHaushalt wird (in Abhängigkeit nicht nur von der Anzahl, sondern auch vom Alter der Familienmitglieder) nicht eine viermal so große Wohnung wie ein Ein-Personen-Haushalt bewohnen, er wird nicht viermal so viel für Strom und Essen ausgeben, und er braucht auch keine vier Autos. Die Einkommensgewichtung für die vorgestellten Analysen orientiert sich an den Einkommens- und Armutsberechnungen im Landessozialbericht NRW 2007 auf Basis der alten OECD-Skala. Dieser Bericht weist für 2005 die Armutsschwelle in Nordrhein-Westfalen mit 50 Prozent des bedarfsgewichteten Nettoeinkommens (auch Äquivalenzeinkommen) bei 615 Euro aus (vgl. MAGS 2007: 19). Die 60-ProzentSchwelle, die von manchen als Armutsschwelle, von anderen als „armutsnah“ bzw. „armutsgefährdet“ bezeichnet wird, liegt (gerundet) bei 750 Euro. Diese Schwellenwerte beziehen sich auf die Haushaltseinkommen aller Haushalte in Nordrhein-Westfalen, also auch auf Haushalte ohne

Kinder. Damit ist die gesamte Einkommensverteilung der Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen Maßstab für Analysen der Einkommensarmut von Familien in Gladbeck. Die Ergebnisse sind damit nicht nur zwischen verschiedenen Familienformen und Stadtteilen innerhalb der Stadt Gladbeck, sondern auch mit den Ergebnissen der Landessozialberichterstattung und den Familienberichten der Projektfamilie ab dem Jahr 2007 vergleichbar. Durch die Äquivalenzgewichtung verschiebt sich die Einkommensverteilung der Familien in Gladbeck deutlich nach unten. Die am stärksten besetzten Einkommensgruppen sind monatliche Äquivalenzeinkommen von 500 bis unter 1.000 Euro, wobei die Einkommensgruppe von 500 bis unter 750 Euro mit 27 Prozent der Familien die größte Gruppe darstellt. Ähnlich groß ist die Gruppe der Familien mit 750 bis unter 1.000 Euro monatlichen Äquivalenzeinkommen. Zudem leben noch einmal 15 Prozent der Gladbecker Familien mit einem sehr niedrigen Äquivalenzeinkommen unter 500 Euro. Insgesamt haben mehr als zwei Fünftel der Fa-

milien in Gladbeck ein Äquivalenzeinkommen von unter 750 Euro. Das heißt, sie leben in Armut oder in armutsnahen Verhältnissen. Etwa ein Drittel der Familien hat ein bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen von über 1.000 Euro im Monat zur Verfügung. In den einzelnen Stadtteilen unterscheiden sich die Einkommensverhältnisse der Gladbecker Familien recht deutlich voneinander. Der Anteil armer und armutsnaher Familien variiert in den einzelnen Stadtteilen zwischen 22 und 55 Prozent. Erklärt werden können diese Unterschiede unter anderem mit Merkmalen, die ebenfalls über die Familienbefragung ermittelt wurden: beispielsweise dem Bildungsstatus und der beruflichen Stellung der Eltern, dem Migrationshintergrund des Haushalts und der Kinderzahl. Die Häufigkeit von Familien mit einem oder mehreren dieser Merkmale führt dazu, dass das durchschnittliche Einkommen in bestimmten Stadtteilen höher bzw. niedriger ist als in anderen. In der Befragung wurden die Familien in Gladbeck auch darum gebeten, ihre durchschnitt-

Äquivalenzgewichtung

Abb. 1: Monatliches Haushaltseinkommen von Familien in Gladbeck

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Die wirtschaftliche Lage von Familien

Abb. 2: Monatliches Äquivalenzeinkommen von Familien in Gladbeck

Tab. 1: Äquivalenzeinkommen der Familien nach Strukturmerkmalen

Tab. 2: Ausgaben der Familien

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lichen monatlichen Ausgaben für verschiedene Bereiche des täglichen Lebens (beispielsweise für Mietkosten oder Lebensmittel) anzugeben. Die Analyse dieser Angaben zeigt, dass Gladbecker Familien, die in Mietwohnungen leben, durchschnittlich 29 Prozent ihres Einkommens für Mietkosten aufwenden müssen. Je weniger Geld die Familien zur Verfügung haben, desto höher wird der Anteil der Miete am Haushaltseinkommen. So beträgt der Anteil der Mietkosten in armen Familien – vier Fünftel dieser Familien wohnen zur Miete – bereits 40 Prozent. Blickt man etwas genauer auf die Unterschiede bei der Ausgabenstruktur zwischen armen Familien und den Familien insgesamt, wird deutlich, dass arme Familien (mit Ausnahme der Aufwendungen für öffentliche Verkehrsmittel) absolut gesehen deutlich weniger ausgeben (können) als Familien insgesamt. Betrachtet man die relativen Beträge der Ausgabenpositionen bezogen auf das Haushaltsbudget wird aber ein deutlich höherer Anteil des Einkommens für absolut notwendige Dinge des Familienalltags (wie Mietzahlungen, Lebensmittel und Nebenkosten) aufgewendet. In einkommensarmen Gladbecker Familien werden für diese drei Ausgabeposten bereits 87 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsbudgets verbraucht. Gespart wird in armen Familien in der Stadt Gladbeck besonders bei den Aufwendungen für das Auto und dem Posten „Versicherung/private Vorsorge“. Bei diesen beiden Posten liegen die absoluten Ausgaben deutlich unter den durchschnittlichen Ausgaben aller Familien. Zudem ist unter den armen Familien der Anteil derjenigen, die Geld sparen Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Die wirtschaftliche Lage von Familien können, sowie der absolute Betrag, den die Familien zur Seite legen können, deutlich niedriger als unter den Gladbecker Familien insgesamt.

Die subjektive Sicht von Familien Werden die Familien gebeten, ihre aktuelle finanzielle Situation bezogen auf verschiedene Ausgabenbereiche einzuschätzen, zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Eine knappe Mehrheit von 58 Prozent der Familien erklärt, das Geld für Lebensmittel reiche „voll und ganz“. Hier sagen nur vier Prozent, es reiche „überhaupt nicht“. Auf der anderen Seite sagt etwas weniger als ein Drittel der Familien, dass ihr Einkommen nicht für Kulturveranstaltungen ausreiche und nur ein Viertel hat hier keine Probleme. Deutliche finanzielle Einschränkungen werden darüber hinaus von etwa einem Fünftel der Familien bezüglich der Freizeitaktivitäten, der Aufwendungen für das Auto und bei der finanziellen Unterstützung der Kinder wahrgenommen. Fasst man die elf Ausgabenbereiche zusammen und zählt, wie oft die Familien „Geld reicht voll und ganz“ bzw. „Es könnte etwas mehr sein“ und „Geld reicht überhaupt nicht“ angegeben haben, können zwei Typen von Familien gebildet werden: • Typ 1: „Wir können uns (fast) alles leisten“. Das sind Familien, die mindestens zehnmal gesagt haben: „Geld reicht voll und ganz“. In Gladbeck gehören 16,7 Prozent der Familien zu diesem Typ. • Typ 2: „Wir können uns nur (sehr) wenig leisten“. Hier wurde mindestens zehnmal „Geld reicht überhaupt

nicht“ bzw. „Es könnte etwas mehr sein“ angegeben. In Gladbeck gehören 34,3 Prozent der Familien in diese Kategorie, die wir mit „empfundener Armut“ bezeichnen können. Betrachtet man die unterschiedlichen Familienformen, so zeigt sich, dass diese „empfundene Armut“ (nicht nur in Gladbeck!) das Lebensgefühl vor allem bei den Migrantenfamilien, Kinderreichen, nicht erwerbstätigen Alleinerziehenden sowie den nichterwerbstätigen Paarfamilien ist.

Arme und nicht arme Familien In unseren Analysen der Einkommensverteilung haben wir bewusst zwischen Armut im engeren Sinne und den wirtschaftlich etwas komfortableren Lagen zwischen 615 und 750 Euro Äquivalenzeinkommen unterschieden, die wir mit „Armutsnähe“ bezeichnet haben. Denn tatsächlich sind in Gladbeck auch die wirtschaftlichen Lagen oberhalb der quasi „amtlichen“ Armutsschwelle von 615 Euro Äquivalenzeinkommen durchaus prekär. Die Unterscheidung „arm“ und „armutsnah“ ist jedoch ohne große Bedeutung, wenn wir charakteristische Aspekte der Lebenslage armer und armutsnaher Familien mit der Lebenslage nicht armer Familien vergleichen. Um unterschiedliche Merkmale vergleichbar zu machen, haben wir jedes Merkmal so transformiert, dass der Durchschnitt über alle gleich 0 gesetzt wird und die mittlere Abweichung der Einzelwerte gleich 1). So entstehen für die drei betrachteten Gruppen Lebenslageprofile. Die nicht armen Familien (links im Diagramm) und die armuts-

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nahen und armen Familien unterscheiden sich – bis auf die Ausnahme des Merkmals „Wohndauer“ – sehr deutlich voneinander, zumindest was die Einordnung „überdurchschnittlich“ und „unterdurchschnittlich“ angeht: Im Gegensatz zu den nicht armen Familien bewohnen arme und armutsnahe Familien kleinere Wohnungen, haben häufiger einen Migrationshintergrund, mehr Kinder sowie einen geringeren Bildungsstatus. Darüber hinaus gehören beide Gruppen häufiger zu den Familien, die sich nur (sehr) wenig leisten können und leben häufiger in armen bzw. armutsnahen Lagen, obwohl mindestens ein Elternteil erwerbstätig ist („working poor“). Warum brauchen kommunale Akteure Informationen wie diese? Welchen Nutzen können beispielsweise Politik und Verwaltung vor Ort aus solchen Befragungsdaten ziehen?

Die Lage armer Familien

Daten für Taten Häufig wird bemängelt, dass eine „Unmenge von Daten [bewegt werden], ohne dass in der Mehrzahl der Fälle eine entsprechende Bewegung der Verhältnisse folgt“ (Brangsch 2000: 1). Auch in der kommunalen Familienberichterstattung konnten bzw. mussten lange Zeit viele Berichterstattungsaktivitäten so oder so ähnlich charakterisiert werden (vgl. Wunderlich 2007: 10). Mit der Aufwertung der Themen Familie und Familienpolitik ist auf der kommunalen Ebene in den letzten Jahren jedoch eine Entwicklung zu beobachten, die in eine andere Richtung weist. In vielen Kommunen haben die Politik und die Verwaltung die Themen Familie und Familienpolitik weit nach oben auf ihre Agenda gesetzt. Informationen 55


Die wirtschaftliche Lage von Familien

Abb. 3: Beurteilung der finanziellen Situation des Haushalts

Abb. 4: Lebenslageprofil armer, armutsnaher und nicht armer Familien in Gladbeck

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aus kommunalen Familienberichterstattungsaktivitäten und damit auch aus Familienbefragungen werden dadurch deutlicher und differenzierter als früher wahrgenommen und nachgefragt. Sie stehen damit auch unter einem deutlich höheren Verwertungsdruck als noch vor einigen Jahren. Insbesondere in Zeiten knapper Kassen erfüllen Berichterstattungsprozesse keinen Selbstzweck. Die durch Befragungen generierten Daten müssen Politik und Verwaltung Informationen liefern, die tatsächlich neu sind oder bisher gefühltes Wissen verifiziert! So verfügt die Stadt Gladbeck nun erstmalig über repräsentative Informationen zu Familienstrukturen in der Stadt und der kleinräumigen Verteilung unterschiedlicher Familienformen in den Stadtteilen sowie der Einkommenssituation dieser Familien. Das wichtigste Kriterium ist aber, dass die anhand von

(aufwändigen) Befragungen generierten Informationen die Ableitung familienunterstützender und familienfördernder Maßnahmen erlauben. Daher müssen die gewonnenen Informationen nicht nur kleinräumig aufbereitet werden, sondern auch Ergebnisse zu unterschiedlichen Lebensbereichen zusammengeführt werden, bspw. um soziale Problemkumulationen (auch kleinräumig) aufzuzeigen. Die angeführten Ergebnisbeispiele zeigen, dass der mit der Durchführung von kommunalen Familienbefragungen verbundene Aufwand gerechtfertigt ist und Familienbefragungen kein Selbstzweck sind. Vielmehr können Familienbefragungen eine wichtige Grundlage für eine handlungsorientierte Sozial- und Familienpolitik vor Ort sein.

Literatur: Brangsch (2000) Sozialberichterstattung – vom Datenfriedhof zum Politikinstrument, Manuskript, download: www.brangsch.de am 04.03.07. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nor­drhein-Westfalen (MAGS) (2007): Sozialbericht NRW 2007. Düs­seldorf. Stadt Gladbeck/ZEFIR/Faktor Familie (2008): Familienbericht Gladbeck 2007. Lebens­ lage und Zufriedenheit von Familien. Wunderlich, Holger (2007): Kommunale Familien­bericht­ erstat­tung in Theorie und Praxis – Eine Bestandsaufnahme. In: Theo­rie und Praxis der Sozialen Arbeit. Nr. 4/ 2007, Weinheim: Beltz Verlag, S. 4-11.

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Von Riesen- und Kleinstaaten, Zwerggemeinden und Großstädten

Nutzerprobleme der regionalen Gliederung Hans Menge, Bonn

Allen Stadt- und Regionalstatistikern wohlbekannt – aber nicht immer zahlenmäßig greifbar – sind die verschiedenen regionalen Ebenen und ihre Besonderheiten. Kein Wunder: Die Regionaleinheiten sind immer die, die nach dem Wörtchen „nach“ auch noch genannt werden müssen. Da heißt es immer: „ABC“ nach … (Regionen „xyz“) Dabei ist es mitunter wichtig zu wissen, was da an Regionaleinheiten zusammengestellt, verglichen und analysiert wird. In Deutschland jedenfalls hat kein umsichtiger, mit zentraler Autorität ausgestatteter Regionalstatistiker die räumlichen Gliederungen (i.a. nach Verwaltungsbezirken) erfunden – sondern allerlei Landesfürsten aus verschiedenen Jahrhunderten sowie die Politiker der Neuzeit. Und so sind die regionalen Gliederungen auch ausgefallen: von Kleinklein bis Großgroß. Muss man das bedauern? – Nein. Denn immerhin steht hinter diesen räumlichen Einheiten ein ziemlich kompetentes föderales, regionales und kommunales Bewusstsein, um das uns manche Vertreter anderer europäischer Nationen beneiden. Aber problematisch ist die deutsche Vielfalt der regionalen Gliederungssysteme doch, und zwar für Regionalvergleiche und Regionalanalysen. Ohne ungefähre Kenntnis der (länderbezogenen) regionalen

Spezialitäten läuft der Regionalstatistiker leicht Gefahr, die berühmten Äpfel mit den nicht weniger berühmten Birnen zu vergleichen. Und Fehlinterpretationen aufzusitzen.

Regionale Ebenen Nehmen wir die deutsche föderale Vielfalt nach europäischen Standards in Augenschein: • NUTS-1: Bundesländer • NUTS-2: Regierungsbezirke • NUTS-3: Kreise und kreis- freie Städte • NUTS-4: Gemeinden. Außerdem noch: • RAS, „Regionale Anpassungsschichten“ = Kreis(-gruppen) des Mikrozensus. Diesen soll hier besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, denn für ihren Zuschnitt sind allein die Statistiker zuständig.

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Eine prima Situation um vielleicht noch nachzubessern. Hinter dem allgemein bekannten Phänomen der unterschiedlich großen Flächen- und Stadtstaaten (660 Tausend bis 18 Mio. Einwohner) steht eine weitere, nicht minder große Vielfalt an Verwaltungseinheiten: Einige kleinere Flächenstaaten haben keine

Abbildung 1

Abbildung 2

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Nutzerprobleme der regionalen Gliederung Das bedeutet: NW (mit 22% der Einwohner in Deutschland) zählt nur 3% aller Gemeinden – dagegen differenziert RP (mit 5% der Einwohner) regional nach 19% aller Gemeinden in Deutschland (Sachsen-Anhalt: 3% / 9%).

Was bedeutet das? Für Deutschland als föderales Staatsgebilde: Die regionalen Strukturen der allgemeinen Verwaltungsgliederung sind so, wie sie sind – historisch entstanden und politisch nur mehr oder eher weniger angepasst. Wer weiß, wie schwierig Gebietsreformen politisch umzusetzen sind, muss sich viel Geduld verordnen.

Abbildung 3

Regionale Anpassungsschicht

NUTS-2-Gliederung oder haben sich „schlank“ gemacht und ihre zunächst etablierten Regierungsbezirke wieder abgeschafft: In den neuen Ländern MV, ST und TH, sowie in SH und SL gibt es also keine weitere Untergliederung nach NUTS-2, der für die europäischen Strukturfonds wichtigen Ebene. Ansonsten ist die NUTS-2 diejenige Regionalebene in Deutschland, die hinsichtlich ihrer Einwohnerzahl noch am meisten homogen ist (der Reg.-Bez. Düsseldorf (5,2 Mio.) ist nur 10 Mal so groß wie der kleinste (Bremen), vgl. Abb. 2. Die krassesten Größenunterschiede gibt es auf der Gemeindeebene, wie jeder weiß, der einmal „Statistik-lokal“1

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auszuwerten hatte: 12.431 kreisangehörige Gemeinden2. Ein Beispiel: Die kreisangehörige Stadt Neuss ist mit über 150 Tsd. Einwohnern größer als 64 (37%) aller kreisfreien Städte und auch größer als 191 (59%) der Kreise. Auch die durchschnittliche Einwohnerzahl der Gemeinden weist extreme Unterschiede zwischen den Bundesländern auf: Die Spanne geht von 1.761 (RP) bis 45.654 (NW). Abb. 3 zeigt die spezifischen Ausprägungen für alle Flächenstaaten. Entsprechend variiert die durchschnittliche Zahl der Gemeinden je Kreis: Von 8 (im Saarland) bis 101 im benachbarten Rheinland-Pfalz – sowie die durchschnittliche Zahl der Einwohner je Kreis: von 93 Tsd. (BW) bis 344 Tsd. (NW).

Für die, die bundesweite Regionalvergleiche und -analysen ausführen wollen: Viel Einfühlungsvermögen in die möglichen Aussageverzerrungen, die allein aus den unterschiedlichen Korngrößen der Regionaleinheiten herrühren können. Ausweg für analytische Zwecke: Bildung sekundärer Regionen aus dem heterogenen Material der Verwaltungseinheiten, zum Beispiel „Arbeitsmarktregionen“. In der Statistik gibt es weitere regionale Gliederungen, für die wichtige Daten angeboten werden. Der Mikrozensus kennt die „Regionale Anpassungsschichten“ (RAS) als kleinste regionale Einheiten, für die Ergebnisse ausgewiesen werden. Die RAS sind entweder einzelne (große) kreisfreie Städte bzw. Kreise oder Zusammenfassungen von NUTS-3-Gebieten. Ihre Zahl (insg. 132) liegt zwischen der Zahl der NUTS-2- und NUTS3-Einheiten. Grund für die Zusammenfassungen von Kreiseinheiten: Ausreichende Masse Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Nutzerprobleme der regionalen Gliederung für eine auch regional hinreichend repräsentative Stichprobe! – (Abb. 4/5).

Abbildung 4/5

Bildung der RAS aus kreisfreien Städten (KS) und Landkreisen (LK): 1.) nur 1 KS bzw. 1 LK 2.) (n) KS 3.) (m) LK 4.) (n) KS + (m) LK Allgemein: RAS bestehen aus benachbarten Kreiseinheiten. Sonderfälle: a) Zwei RAS bestehen aus z. T. nicht benachbarten KS • RAS-605: DA, OF, WI • RAS-914: ER, FÜ, SC b) Zwei RAS unterteilen NUTS-3-Einheiten: • RAS-303, -304: Hannover • RAS-1101, -1102: Berlin

Hier könnte man sich nun (naiv) vorstellen, dass die amtliche Statistik der Länder über die historisch und politisch bedingte Inhomogenität der Verwaltungsgliederungen hinausgeht und allein zum Zwecke der Statistik bundeseinheitliche Strukturen entwickelt. Dem ist nicht so, oder doch nur beschränkt! Ein weinig stapfen offenbar auch die Statistiker der einzelnen Landesämter noch in den Spuren ihrer vormaligen, auf Individualität bedachten Landesfürsten. Zunächst einmal: Um für Nachweise aus einer StichprobenErhebung genügende Masse zu sichern, sind ggf. Kreise und kreisfreie Städte zusammenzufassen. OK! – In 31 Fällen waren die Verwaltungsgebiete (VG) offenbar groß genug, um dies jeweils allein zu garantieStadtforschung und Statistik 1/ 09

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Nutzerprobleme der regionalen Gliederung Abbildung 6

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Nutzerprobleme der regionalen Gliederung ren (Abb. 6), bei 41 weiteren RAS wurden 2 bis 3 VG zusammengefasst. Im Norden von Sachsen-Anhalt wurden (bei recht geringer Bevölkerungsdichte) sogar 10 Kreise zu einer RAS vereinigt. OK. Aber was hat zum Beispiel Baden-Württemberg dazu bewogen, im Raum Stuttgart 5 große Landkreise mit zusammen über 2 Mio. Einwohnern zusammen zu fassen, ähnlich im Raum Rhein/Neckar: 2 benachbarte Großstädte (MA und HD) und zwei Landkreise mit insgesamt 1,1 Mio.? – In anderen Landesteilen gibt es dagegen sehr viel kleinere RAS-Einheiten, beispielsweise RAS 807 und 812 in unmittelbarer Nachbarschaft vom Raum Stuttgart; beide haben jeweils weniger als 0.5 Mio. Einwohner (Abb. 7a). Ähnlich in Bayern: Hier werden im Raum München 8 Landkreise zusammen gefasst (RAS 902 mit 1,3 Mio.) – in Mittelfranken dagegen erschien die Zusammenfassung der Städte Erlangen, Fürth und Schwabach (RAS 914 mit nur 0,25 Mio.) dagegen groß genug als Darstellungseinheit (Abb. 7b). Auch in Schleswig-Holstein gibt es eine RAS (102) mit insgesamt 1,2 Mio. Einwohnern aus 6 VG (u.a. Kiel und Lübeck), die weit außerhalb der Norm liegt – ähnlich in Hessen, wo die RAS 607 (Gießen, Marburg etc.) 1,1 Mio. Einwohner umfasst. Und im Saarland wurde nur eine einzige RAS für alle 6 VG des Landes gebildet, mit zusammen 0,9 Mio. Einwohnern. Andererseits gibt es zwei Sonderfälle, bei denen Gebietseinheiten der aktuellen NUTS-3-Gliederung weiter unterteilt sind: Berlin und die Region Hannover.

Im Sinne einer einheitlichen Bundesstatistik und ihrer Nutzbarkeit wäre zu überprüfen, ob in den genannten und weiteren Fällen für einzelne Länder nicht eine weitergehende Untergliederung der RAS möglich wäre. Wo es in allen genannten Ländern doch auch sehr viel kleinere RAS gibt! Eine Wegmarke dafür könnten auch die Besonderheiten in Hessen und Bayern sein, wo vom generellen Gliederungsprinzip (Nachbarschaft beachten) abgewichen wurde: Hier wurden jeweils 3 Städte („Wiesbaden / Offenbach / Darmstadt“ bzw. „Erlangen / Fürth / Schwabach“) zusammengefasst, obwohl sie jeweils kein geschlossenes Gebiet bilden. Vielleicht ist es für die Aussagefähigkeit der RAS vorteilhaft, wenn nur Äpfel und Birnen zusammengefasst werden (also jeweils nur Städte oder nur Kreise), wo immer dies möglich ist – und nicht auch noch Kartoffeln. Diese Überlegungen kommen von einem, der im Rahmen von Urban Audit die Aufgabe hatte, Regionaldaten aus dem Mikrozensus zu gewinnen, und dafür viele weitere Merkmale nach den Gliederungsebenen RAS sowie NUTS-3 und NUTS4 zu verarbeiten hatte – und die Daten aller Ebenen, im Sinne einer Qualitätssicherung, vorher einer umfänglichen Regionalanalyse unterziehen musst. Eine Datenschlacht mit vielen Stolpersteinen, von den Lokalmatadoren der Regionalen Gliederungssysteme in den Weg gestreut. Dabei kommt man ins Träumen, wie schön es wäre … zur Verbesserung der Nutzbarkeit für bundesweite Regionalvergleiche und -analysen, wenn einige machbare Dinge noch ein wenig verbessert würden. Wenigstens da, wo den Landesstatistikern kein längst verblichener Landesfürst

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Abbildung 7a

Abbildung 7b

und auch kein aktueller Politiker in die regionale Gliederung zu statistischen Zwecken drein reden kann. Die aktuelle Regionalgliederung der MZ-Ergebnisse wäre so ein Fall, wo die amtliche Statistik, Land für Land, unter dem Mantel der Geschichte hindurch schlüpfen könnte. Die Kommunalstatistiker aller Länder wären sehr dankbar.

Anmerkungen 1

Datenangebot der Statistischen Landesämter zu allen Gemeinden in Deutschland 2 das macht 12.431 Zeilen in Excel – wenn man Glück hat, und nicht je Gemeinde noch weitere Unterzeilen für verschiedene Merkmalsausprägungen aufgeführt sind.

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Die Ex-AG vor der Statistischen Woche in Köln 2008

Rheinische Erkundungen und Streifzüge von Ulrich Naumann, Köln

Köln

Bonn Siebengebirge

Kriegsruine Kolumba

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Diesmal also Köln, Bonn und das Siebengebirge. Dr. Ludwig von Hamm, ideenreicher und umsichtiger Ex-AG-Initiator, Raimund Bartella und der Autor hatten für drei Tage ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt: darin eine beispielhafte Begegnung mit der Kölner romanischen Sakralarchitektur, einen sachkundig geführten Rundgang durch die ständige Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte und einen Streifzug durch das herbstliche Siebengebirge. Als Abschluss dann Köln und ein Blick vom neuen KölnTriangle auf die 2000jährige Stadt. Danach Erkundungen im Kernbereich der Stadt, ein Rundgang zu ausgewählten charakteristischen Orten. Darunter manche, die Stadtführungen gemeinhin eher ausklammern. Natürlich, wie immer, wenn sich die Ex-AG zu Frühjahrstagungen oder Statistischen Wochen zusammenfindet, ge­ meinsames Tafeln und dabei Gelegenheit, sich über Privates auszutauschen, Erinnerungen an die gemeinsamen ehemaligen Arbeitsfelder auf­zufrischen, auch Fragestellungen der jetzt aktiven Kollegenschaft im aktuellen kommunalen Kontext nachzugehen. Dazu wollten sich die Ehemaligen im traditionellen Brauhaus Früh und, ein zweites Mal, im Restaurant „Bahnhof Deutz“, beide mit kölschem Flair, einfinden.

Freitag, 12. September Es ist Freitagnachmittag. In der geschäftigen Kölner Altstadt ist der Platz Groß St. Martin, der diese gleichnamige romanische Kirche einfasst, eine geradezu ruhige Oase. Die Ehemaligen treffen sich im Inneren der dreischiffigen, hochromanischen Basilika. Freudige Begrüßung, Small talk beim ersten Genuss des Erlebens eines kristallklaren sakralen Raumes. Der Verbandsvorsitzende Rudolf Schulmeyer, direkt aus Frankfurt gekommen, stößt hinzu.

Groß St. Martin Groß St Martin ist eine aus dem Kranz von 12 großen romanischen Kirchen im Bereich der Kölner Altstadt. Für viele Kölner und Nichtkölner, auch den Autor als einen solchen „Imi“ („Imitierter“ Kölner seit 1961) sind gerade sie gebautes „Hilliges“ (Heiliges) Köln, nicht nur die weltbekannte und filigrane, himmelwärts strebende gotische Kathedrale, der Dom. Eine ist anders als die andere, in der Mehrzahl mit Krypten von einer schlichten Großartigkeit: Räume für Einkehr, Besinnung, Stille, das Gebet, für ehemalige Grablegen auch. Es sind einzigartige architektonische Schätze – darunter mit ihrem markanten spätromanischen Turm Groß St. Martin. Die Basilika gehört seit nun fast

900 Jahren zur Kölner Rheinfront. Kein Stadtpanorama ist denkbar ohne dieses Bauwerk. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein neben dem Torso der unvollendeten Kathedrale der Fixpunkt in gezeichneten, gestochenen, geschnittenen, später fotografischen Abbildern der Rheinfront dieser Stadt oder – wie etwa in der Darstellung Arnold Mercators von 1570/71 – in Stadtansichten aus der Vogelschau. Die 12 großen romanischen Kirchen sind allesamt im Bombenkrieg entweder schwer getroffen, teilzerstört oder beinahe völlig zertrümmert worden. Von Groß St. Martin blieben nach einem der letzten Großangriffe auf die todwunde Stadt am 2. März 1945 nur ein Turmfragment und Reste des Kreuzblattchores übrig. Sie alle sind, binnen sechs Jahrzehnten, nach zuerst bescheidenen aber zielführenden Sicherungsmaßnahmen wiedererstanden. Zuletzt St. Kunibert in der nördlichen Altstadt und davor eben Groß St. Martin. Nur Kolumba blieb, bewusst, gesicherte Kriegsruine, St. Alban ebenso: Erinnerungsorte an Schrecken, Leid und Zerstörung. Mehr als ein halbes Jahrhundert dauerte der handwerklich geprägte, behutsame, oftmals vorsichtig verändernde und deshalb immer wieder heftig kontrovers diskutierte Wiederaufbau. Raimund Bartella hat die Besichtigung dieser Kirche, auch stellvertretend für die sehensStadtforschung und Statistik 1/ 09


Rheinische Erkundungen und Streifzüge werten anderen, vorgeschlagen – und für die Führung durch das Bauwerk, einen Streifzug durch seine Jahrhunderte lange Geschichte, Hiltrud Kier gewinnen können. Aus deren Feder stammen mehrere Bücher über Kölns romanische Kirchen und deren Umfeld. Mehr Fachkompetenz, gepaart mit Engagement und Eloquenz, gibt es zu diesem Thema in Köln nicht! Frau Kier, promovierte Kunsthistorikerin, hat am Beginn langjähriger Kölner Tätigkeit zunächst ein neues Kölner Denkmäler-Verzeichnis erarbeitet. Danach war sie Stadtkonservatorin und Generaldirektorin der Kölner Museen. Heute lehrt sie als Honorarprofessorin Kunstgeschichte in Bonn und ist stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Romanische Kirchen in Köln („Colonia Romanica“). Der Förderverein steht in der langen Tradition bürgerschaftlichen Engagements für künstlerische Belange in dieser Stadt und ist bemüht, zu Erhalt und Ausstattung der romanischen Kirchen beizutragen. Hiltrud Kier durchmustert für die Gruppe die Geschichte der Kirche: Sie steht auf einem Teil des römischen Köln, einer damals der Stadtmauer und dem Hafen vorgelagerten Insel. Diese Insel wurde zunächst als Sportplatz genutzt, der auch mit einem Wasserbecken ausgestattet war. Im 2. Jahrhundert n.Chr. folgten wegen angewachsenen Hafenbetriebes vier große dreischiffige Lagerhallen. Teile der Sockel gliedernder Pfeiler sind in der Unterkirche erhalten. Die Außenmauern der Hallen dienten später beim Bau der Kirche zur Fundamentierung. Erste Mitteilungen über einen Sakralbau an dieser Stelle stammen aus dem 12. Jahrhundert. Die Lorcher Chronik

nennt Erzbischof Bruno als Bauherrn. Die Altstadt wächst ringsum, befördert durch zunehmenden Schiffsverkehr und Handel. Anstelle des inzwischen versumpften und deshalb zugeschütteten Hafens entstehen Bürgerhäuser und rege Märkte für Güter aller Art. Platznamen erinnern bis heute daran. Wahrscheinlich ist der frühe Sakralbau durch den Stadtbrand von 1150 in Mitleidenschaft gezogen worden. Danach entsteht, mit einem mächtigen Vierungsturm mit vier Ecktürmen über dem Kleeblattchor, eine dreischiffige, spätromanische Basilika. Zitiert werden hier unter anderem Formen frühchristlicher Grabkapellen, karolingische und ottonische Vorbilder, Gestaltelemente der Doppelkapelle von (Bonn-)Schwarz-Rheindorf und der nahen Kirche St. Maria im Kapitol. An das südliche Seitenschiff schließt sich baulich die Pfarrkirche St. Brigiden an. Geweiht wird die Basilika, wie der Vorgängerbau, dem Heiligen Martin, Bischof von Tours – übrigens der populärste Heilige schon in fränkischer Zeit. Bis 1802 bleibt Groß St. Martin

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Benediktinerabtei. Die Innenausstattung der Kirche, Anzahl und Anordnung von Altären, Figurengruppen, Gestühl, Ausmalung erfährt im Lauf der Jahrhunderte, wie anderswo, immer wieder Veränderungen. Nur wenig davon hat den Bombenhagel überstanden: eine Kreuzigungs- und eine Grablegungsgruppe, ein romanischer Taufstein von besonderer Schönheit. Der mühsame Weg, eine neue Ausstattung zu erarbeiten, ist noch immer nicht zu Ende gebracht, wie Frau Kier, mit Hinweis auf die dazu geführten leidenschaftlichen Diskussionen, erläutert. Zum Abschluss die Krypta und dort Begegnung mit den Resten der baulichen Frühgeschichte an diesem Ort: Pfeilergründungen, römisches Mauerwerk, Reste von Fußbodenplattierungen und des Schwimmbades aus der einstmals sportlichen und dann kommerziellen Widmung des Areals.

Foto 1: Blick vom KölnTriangle auf Groß St. Martin, Foto: Eberhard Schubert

Frühchristliche Grabkapellen

Brauhaus Früh In den Hofbräustuben des Cölner Hofbräu von Josef Früh klingt dann der erste Tag aus. 63


Rheinische Erkundungen und Streifzüge

Jeep und Coca-Cola

Begegnung mit dem eigenen Lebensweg

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Auf gut kölsch ist nun „Müffele und Süffele“ (Essen und Trinken) angesagt. Mit kühlem, blonden Kölsch in den traditionellen „Stangen“ wird dem Wiedersehen Bescheid getan und von der „Fodderkaat“ (Speisekarte) aus dem Fundus der deftigen traditionellen Küche dieser Stadt etwas zum „müffele“ ausgewählt. Es sind noch einige Stunden, ausgefüllt mit Gesprächen, in denen sich Privates, Fachliches, manches aus dem mehrheitlich unruhigen Ruhestand der Ehemaligen, Rückbesinnung auf den langen gemeinsamen und vielfach identischen Berufsweg, Aktuelles aus der immerwährenden Dynamik des Städtischen miteinander verschränken. Die quirlige Altstadt Kölns ist ruhiger geworden, als sich die Gruppe bis samstagfrüh trennt.

zum benachbarten Wesseling. Darauf folgt der „rheinische Obst- und Gemüsegarten“ zwischen Vorgebirge und Strom – ein Bereich intensiver, auf die rheinische Stadtlandschaft und die Bedürfnisse von deren Bewohnern ausgerichteter Landwirtschaft. Nach 1945 hat eine anhaltende Bautätigkeit hier zu sichtbarer Siedlungsverdichtung geführt. Impulsgeber dafür waren die neue Position Bonns als Zentrum der (alten) Bundesrepublik und die Lagevorteile an der „Rheinschiene“ im Zug um Zug zusammenwachsenden Westeuropa. Auf Bonner Gebiet „taucht“ die Stadtbahn gleichsam unter der Innenstadt hindurch. Ziel ist die Bonner Museumsmeile, das Haus der Geschichte, wo unter sachkundiger Führung ein Gang durch die ständige Ausstellung vorgesehen ist.

Samstag, 13. September

Haus der Geschichte

Leicht eingetrübtes, aber trockenes Wetter mit Aussicht auf Sonnenschein. Es ist 9.00 Uhr. Auf dem Bahnsteig begrüßen sich die Ehemaligen, „ausgerüstet“ auch für den nachmittäglichen, hoffentlich regenfreien Streifzug durch das Siebengebirge. Die Stadtbahn überquert die Severinsbrücke. Das ermöglicht einen Blick auf das Rheinpanorama Kölns mit seinen markanten Fixpunkten Dom und Groß St. Martin. Sie folgt ab Barbarossaplatz zunächst dem Verlauf der Kölner Ringe, also der Grenze der mittelalterlichen Stadt. Dann verläuft sie parallel zum Rhein und durchquert schließlich den ab 1975 eingemeindeten linksrheinischen Kölner Süden mit der chemieindustriellen Ballung an der Nahtstelle

Für alle in der Gruppe, inzwischen grau- oder weißhaarig, in einem Lebensalter befindlich, was lebhafte Erinnerungen an die Jahre nach 1945 – und das oftmals in „beiden Deutschland“ – einschließt, wird es eine Wiederbegegnung mit manchem werden, was auf dem eigenen Lebensweg einstmals konkret wahrgenommen, in der Erinnerung festgehalten wurde. Und so ist es denn auch gekommen Frau Gassmann begrüßt die Gruppe. Sie ist behutsame, überaus sachkundige Begleiterin durch diese Ausstellung. Die ist reich an Exponaten, Film- und Tondokumenten, Videoinstallationen, kurzum: museumspädagogisch beispielhaft gestaltet und unter Ausnutzung aller aktuellen technischen Möglichkeiten präsentiert.

Am Beginn, symbolisch für den materiellen und geistigen Trümmerhaufen, den das „Dritte Reich“ hinterließ, Mauerreste mit Brandspuren, Inschriften – und davor ein echter WillysJeep. Im April 1945 hat der damals noch nicht sechsjährige Autor in einem solchen Fahrzeug die ersten, darunter auch dunkelhäutige amerikanische Soldaten erlebt. Und aus einem solchen Militärauto stammten die erste Coca-Cola, das erste Päckchen Kaugummi und wohl auch die erste, zumindest (wieder) schmackhafte Tafel Schokolade seines Lebens. Aus der Fülle des hier Gezeigten aus den bald getrennten beiden deutschen Lebenswelten kann nur punktuell Charakteristisches herausgegriffen werden. Lebensmittelkarten, die Normalrationen in Nachkriegsdeutschland auf Tellern, politische und andere Plakate, ein Care-Paket zur Erinnerung an die humanitäre Hilfe aus Amerika, zu Haushaltsgegenständen umgearbeitete militärische Ausrüstungsteile (die Gasmaskenbüchse als Milchkanne!), frühe Zeitungen und Zeitschriften. Dann Exponate aus den beiden deutschen, langsam wiederbelebten Warenwelten mit visuell eindrucksvoller Kontrastierung: Hier die ostdeutsche Mangelgesellschaft mit Lebensmittelkarten bis – es ist wahr! – 1958; dort, zu Beginn marshallplangestützt, die immer bunter und reichhaltiger werdende Warenwelt des westdeutschen Wirtschaftswunders: Kofferradios, erste Fernsehgeräte, die NSU-Quickly als markantes Moped, Cocktailsessel, Nierentische, Tütenlampen, erste Motorräder und Motorroller, Kabinenroller, Kleinwagen, der VW-Käfer und, und, und.... Auf einer Stellwand drapiert sind Entwürfe für die neue Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Rheinische Erkundungen und Streifzüge deutsche Nationalflagge. Das alles löste damals den galligen Spott des ersten Bundespräsidenten aus. Theodor Heuss plädierte für den „Dreifarb“, der zuerst 1832 auf dem Turm des Hambacher Schlosses wehte, Symbol der 1848er Revolution war und zur Flagge der ersten deutschen Republik, jener von Weimar, erwählt wurde. Beide Deutschland hatten zunächst identische Fahnen. Für die anfangs noch gesamtdeutschen Olympia-Mannschaften kamen die fünf verschränkten Ringe hinein. Die DDR integrierte „Werkzeug“ – Ährenkranz, Hammer und Zirkel, entworfen übrigens vom in seiner Freizeit malenden Otto Grotewohl. In Bild und Ton: Das, was manche, gewiss nicht ganz zu Unrecht („Wir sind wieder wer“) als eigentliche Gründung der Bundesrepublik Deutschland bezeichnen. Gegen die Wunderelf aus Ungarn erringt die deutsche Nationalelf mit Fritz Walter als Kapitän in Bern 1954 ihren ersten Weltmeistertitel im Fußball. Abrufbar ist die unvergessliche Rundfunkreportage von Herbert Zimmermann. Der Besucher kann, im Ergebnis, die politische Geschichte der Bundesrepublik Schritt für Schritt nachvollziehen, ebenso jene der DDR. Bedeutende, markante, beliebte Filme aus dem nationalen und internationalen Angebot der Zeit sind dokumentiert, auch das neu erblühende Theater- und Musikleben, die beiden Nachkriegsliteraturen. Erdbeer- und Bananenmilch (noch heißt so etwas nicht shake). Die große Zeit der Milchbars ist nacherlebbar. Eine ist komplett aufgebaut. Eine Musik-Box mit den Schlagern aus den Nachkriegsjahrzehnten kann in Gang gesetzt

werden. Und von den „CapriFischern“ („das“ Sehnsuchtslied der frühen Nachkriegsjahre), gesungen mit dem zeit­typischen Schmalz in der Stimme von Rudi Schuricke, quer durch die deutsche Schlagerwelt bis hin zum Rock and Roll (mit dem Welthit „Rock around the clock“ von Bill Haley) und so weiter. Es sind markant dokumentiert: Die brutale Trennung Berlins ab Mauerbau 1961, die Auf- und Umbruchphase um 1968, Jahre weiteren Temperatursturzes im Kalten Krieg, die umstrittene deutsche Ostpolitik („Wandel durch Annäherung“). Dann die Jahre des RAF-Terrors, Anfang und Weiterentwicklung der Ökobewegung, Beginn und Aufstieg einer vierten Partei, die Eskalation der nuklearen Aufrüstung in den beiden scheinbar fest zementierten Blöcken, Widerstand gegen den befürchteten Weg in den Atomstaat, Friedensbewegungen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges, die Schlussakte von Helsinki, beginnende Erosionen in den Staaten des Ostblocks bis zur Grenzöffnung Ungarns gegenüber dem Nachbarn Österreich, die Tage des Ausharrens vieler zur Ausreise entschlossener DDR-Bürger in der Deutschen Botschaft in Prag. In Wort, Schrift, ausgewählten Transparenten, abrufbaren Film- und Videodokumentationen sind die entscheidenden Phasen der „friedlichen Revolution“ in der DDR, die immer weiter anschwellenden Montagsdemonstrationen, der Fall von Mauer und innerdeutscher Grenze, der anfangs mehrheitlich freudig bis unkritisch-optimistisch begrüßte Weg in die deutsche „Neuvereinigung“ dokumentiert. Willy Brandt, der dies alles mit dem unvergessenen Satz „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“

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kommentierte, hat diesen Begriff geprägt. Helmut Kohls berühmte Strickjacke – getragen in Georgien, als Michael Gorbatschow der deutschen Vereinigung zustimmte – ist ausgestellt, des weiteren vieles aus den ersten Jahren des neuvereinigten Landes. Die Ausstellung ist an diesem Samstag gut besucht – und spürbar ist in den Räumlichkeiten, wie sie die Zeitgenossen interessiert und fasziniert. Wer also nach Bonn kommt und Interesse an einer Wiederbegegnung mit Abschnitten des eigenen Lebensweges hat: Unbedingt hineingehen und sich auf alles das einlassen!

Rudi Schuricke

Bill Haley

Mauerbau

Siebengebirge Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Museumscafe bei klarem, zwar mäßig sonnigem, aber trockenem Wetter Weiterfahrt mit der Stadtbahn nach Bad Honnef-Königswinter am Fuße des Siebengebirges. Die Fahrt geht auf der Adenauerallee (früher „Diplomatenrennbahn“ geheißen), gesäumt von Bürobauten ab der Nachkriegszeit, in Richtung Südbrücke. Auf ihrer Rampe wird die Rheinaue gequert. Deren Gestalt geht zurück auf eine Bundesgartenschau. Rechtsrheinisch ist die Stadtbahntrasse parallel zum Rhein, mitten durch die Rheinanrainer Oberkassel, Oberdollendorf und Niederdollendorf bis nach Königswinter geführt. Vor dessen rheinseitiger Häuserfront, viele Schätzchen aus dem 19. Jahrhundert sind noch immer darunter, verläuft die Rheinallee. Eine Promenade mit Blick auf den Strom, bestanden mit kunstvoll gestutzten, streng gereihten Bäumen: Fast mit dem Hauch von Sommerfrische noch, ein Parcours

Montagsdemonstrationen

Willy Brandt

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Rheinische Erkundungen und Streifzüge Beliebte Wohngegend

Von Pahlewi bis Clinton

Hotel auf dem Petersberg

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zum Flanieren, beinahe ein Stück 19. Jahrhundert. Seither war dies hier eine beliebte Wohngegend für Vermögende und Gutverdienende aus den rheinischen Großstädten, für Rentiers, gut betuchte Pensionäre aus dem öffentlichen Dienst, höhere und höchste Berufsmilitärs. Viele Kölner sind seit Beginn des Bombenkrieges nach hier ausgewichen. Siedlungsverdichtung und manche Umnutzungen im überkommenen Bestand waren danach der neuen Rolle Bonns als Bundeshauptstadt geschuldet. Im Osten des am Rhein gelegenen Teiles Königswinters baut sich das Siebengebirge auf mit eben sieben markanten Gipfeln, bewaldeten einstigen Vulkankuppen, von denen allerdings nur wenige mehr als 400 m hoch sind. Im Mittelalter haben zwei von ihnen eine Burg getragen: eine kurkölnische der Drachenfels, eine andere die Löwenburg des Grafen von Sayn. Zisterzienser-Mönche begründeten, ordenstypisch, um 1200 im langgestreckten Heisterbachtal ein Kloster. Es hatte eine wechselvolle Geschichte, wurde 1803 aufgehoben und, bis auf den frühgotischen Chor der Kirche und einige Wirtschaftsgebäude, niedergelegt. Ferdinand Mülhens (Inhaber von 4711 in Köln) ließ 1912 bis 1914 das im Wege der Zwangsversteigerung erworbene Hotel auf dem Petersberg in neobarocken Formen für Kurzwecke umbauen. Seit 1889 führte eine Zahnradbahn auf den Berg (eingestellt 1958 und dann abgebrochen), 1927 wurde die Straße zum Gipfel eröffnet, in den 30er Jahren die Rheinterrassen mit einem geradezu grandiosen Blick auf das Rheintal, die Ausläufer der Eifel, auf Bonn und die Kölner Bucht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Hotel bis 1952 Sitz der Alliierten Hohen Kommission – und im November 1949 unterzeichnete hier der Gründungskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, das ihm von den Alliierten Hochkommissaren vorgelegte Petersberger Abkommen. Dies war der erste Schritt der Bundesrepublik zu einem eigenständigen Staat. Ab 1978 erwarb die Bundesrepublik den Petersberg mit allen Gebäuden und dem etwas mehr als 100 Hektar großen Gelände, um an diesem Ort ein Gästehaus für Staatsbesucher zu schaffen. Ab 1985 wurde umfangreich und kostenträchtig umgebaut, 1990 eröffnet. Ab 1949 haben hier zahlreiche internationale Konferenzen stattgefunden und viele Staatsgäste gewohnt: Haile Selassie von Äthiopien, der persische Schah Rehsa Pahlewi, Queen Elisabeth II von England, Leonid Breschnew, Michael und Raissa Gorbatschow(a), Jassir Arafat, Bill und Hillary Clinton. Der im Siebengebirge vorkommende Trachyt war sehr früh begehrtes Material für sakrale Bauten im Rheinland, in erster Linie für den Kölner Dom, aber auch für viele öffentliche und private Profanbauten. Nackte Bergflanken und zahlreiche aufgelassene Steinbrüche zeugen von intensiver Abbautätigkeit bis hinein ins 19. Jahrhundert: Bis engagierte Bürger und Angehörige der damaligen Funktionseliten dem Einhalt gebieten konnten. Auslöser dafür war der befürchtete Einsturz der Ruine auf dem Drachenfels für den Fall, dass der am Fuße des Berges betriebene Steinbruch nicht geschlossen würde. 1836 übernahm der Staat den oberen Teil des Berges und 1868 gründete sich der Verschönerungsverein für das Siebengebirge. Er

erzielte eine bemerkenswerte Resonanz in der Bevölkerung, gilt heute als älteste Bürgerinitiative Deutschlands, konnte erhebliche Flächen erwerben und damit eine weitere Zerstörung dieser Landschaft verhindern. Das Siebengebirge – heute ein Naturpark – gehört zu den spektakulärsten und originellsten Landschaften Deutschlands. Es ist einzigartig und beherbergt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stromtal des Rheines abgewitterte Vulkanhärtlinge. Die Walddecke, überwiegend aus hochstämmigen Buchenwäldern, ist nahezu geschlossen. Ein Autobus bringt die Gruppe durch das langgestreckte Mirbesbachtal, vorbei an der Auffahrt zum Petersberg, hinauf nach Margaretenhöhe. Dieser Teil Königswinters versammelt neben Wohnbauten Hotels und Pensionen aus dem 19. Jahrhundert, manche im damals beliebten englischen Landhausstil erbaut. Die FriedrichNaumann-Stiftung der FDP unterhält hier eine Tagungsstätte, der Siebengebirgsverein ein Informationszentrum. Durch lichtdurchfluteten Hochwald geht es langsam bergauf. Tritt der Wald zurück, eröffnen sich weitreichende Ausblicke in den Westerwald. Das engmaschige, ausgezeichnet mit Zielhinweisen versehene Wegenetz ist dem Siebengebirgsverein zu verdanken. Hochstämmiger Buchenwald wird abgelöst durch Mischwald. Haselnussbüsche, Brombeerbestände und Buschwerk von Waldhimbeeren, einzelne Ross- und Esskastanienbäume säumen die Wege. Umgestürzte Bäume bleiben liegen. Totholz ist Lebensraum für Flechten, Moose und viele Insekten. Oberhalb einer nach Osten abfallenden Wiese mit RestbestänStadtforschung und Statistik 1/ 09


Rheinische Erkundungen und Streifzüge den an Äpfel- und Birnbäumen liegt das Wirtshaus Löwenburger Hof. Sein sorgfältig ausgeführtes Bruchstein-Mauerwerk ist kombiniert mit Fachwerk und bekrönt mit einem schiefergedeckten Satteldach. Leider ist die schöne Terrasse – die Sonne macht sich rar und die gereihten Bäume bewirken schattige Kühle – heute Nachmittag eher unwirtlich und so rastet die Gruppe bei Kaffee und Kuchen im Inneren des Hauses. Ein hier beginnender Weg führt in Windungen den Berg hinan, den die Ruine der einstmaligen Löwenburg krönt. Deren bruchsteinerne Reste sind baulich gesichert. Von hier oben, es sind 455 m über Normalnull, geht der Blick über das zum Rheinlauf hin abfallende Bergland hinüber zum Westerwald und den Ausläufern der Eifel. Drunten im Strom liegt, langgestreckt, die Insel Nonnenwerth mit Klosteranlage. Und auf dem Rodderberg am westlichen Ufer steht, immerhin schwach erkennbar, ein Relikt aus der Zeit der Rheinromantik: Der Rolandsbogen. In der Ferne ist der Parabolspiegel des Radioteleskopes auf dem Effelsberg bei Bad Münstereifel auszumachen. Es ist die weltweit zweitgrößte Anlage und wird vom Max-PlanckInstitut für Radioastronomie betrieben. Nach Nordwesten öffnet sich das Rheintal zur Kölner Bucht. Das um die Godesburg gescharte Bad Godesberg, neue Bundesbauten nördlich davon, das neue Hochhaus der Telekom in Bonn und der Lange Eugen sind erkennbar, am Horizont schwach das Vorgebirge, einige Wasserdampf-Pilze über den Kühltürmen der Großkraftwerke, die Industrieanlagen im Kölner linksrheinischen Süden. Der Drachenfels indessen

schiebt sich, an seinen Flanken gibt es noch einige Weinberge, bis an den Strom heran und verdeckt damit einen umfassenderen Blick auf Köln, das jetzt ohnehin in leichtem Dunst zu liegen scheint. Der Rückweg führt wieder nach Margaretenhöhe. Ein Bus befördert die kleine Schar dann hinunter nach Königswinter. Mit der Regionalbahn geht es rechtsrheinisch zurück nach Köln.

Deutzer Bahnhof Im Restaurant „Deutzer Bahnhof“ klingt der ereignisreiche Tag aus. Lange bleiben die recht „beweglich“ gebliebenen Ehemaligen heute nicht mehr zusammen, waren sie doch seit den Morgenstunden auf Achse. Zum Glück für morgen: Die Wettervorhersage hat für Köln trockenes und warmes Wetter, geringe Windgeschwindigkeit und Sonnenschein angekündigt. Besser kann es nicht kommen, will sich doch der kleine Kreis am Sonntagmorgen aus luftiger Höhe Köln und seine Umgebung ansehen.

Sonntag, 14. September Köln-Deutz, Ottoplatz 1, 10.00 Uhr. Über einem blauen Himmel segeln blütenweiße Wolkengebirge. Die Sicht ist klar, es ist warm – und schon jetzt gibt es herrlichsten Sonnenschein. „Wetter, grad zum Eierlegen“ hätte Erich Kästner diesen Tag schon früh bilanzieren können.

KölnTriangle So startet die Gruppe in Erwartung per Lift auf die Aussichtsplattform des KölnTriangle, um bei optimalen Sichtverhältnissen einen Blick auf Köln und seine Umgebung zu werfen.

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KölnTriangle, so heißt seit Anfang 2006 dieses neue Bürohochhaus. Es ist etwas mehr als 100 m hoch und hat 29 Etagen, die an gewerbliche Nutzer, ausnahmslos Dienstleister, vermietet sind. Während der Bauphase wollte die UNESCO den Kölner Dom auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes setzen. Die dazu beginnende Diskussion wurde bundesweit wahrgenommen und führte zur Revision des von der Kölner Stadtverwaltung für Deutz erarbeiteten Hochhauskonzeptes. Triangle? Der Grundriss des als verglaster Stahlskelettbau aufgeführten Hochhauses ist ein bogenförmiges Dreieck. Die genaue Bezeichnung dafür ist Reuleaux-Dreieck. Das ist auch der ideale Querschnitt für den Hubraum eines Ottomotors. Felix Wankel hat ihn deshalb für seinen Kreiskolbenmotor gewählt. Ein Gebäudegrundriss also als eine noble Geste, eine Verbeugung vor einem Innovator, dessen produktionsreife Entwicklung den Weltverkehr revolutioniert hat: Nikolaus August Otto hat in dieser Stadt bekanntlich den Viertaktmotor erfunden. Nach ihm ist der Platz vor KölnTriangle und Bahnhof Deutz benannt – und hier krönt die Nachbildung seines Motors in der Urform ein Denkmal für ihn. Die Aussichtsplattform liegt in strahlendem Sonnenschein. Köln, mit der linksrheinischen Rheinfront im Vordergrund, bietet sich aus der Vogelperspektive dar – ganz so, wie das frühere Zeichner, Stecher oder Holzschneider dargestellt haben. Die Sicht reicht bis zum Siebengebirge im Süden, zur Silhouette der chemieindustriellen Anlagen im linksrheinischen Süden der Stadt, zum langgestreckten Vorgebirge, das im Westen die Kölner

Reuleaux-Dreieck

Otto-Motor

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Rheinische Erkundungen und Streifzüge

Kastell Deutz

Bucht einfasst. Großkraftwerke stehen darauf wie herausgemeißelt gegen den Horizont. Über ihren Kühltürmen, kerzengerade, die schneeweißen, mächtigen Pilze aus Wasserdampf. Im Norden ist der Chemiegürtel im Grenzbereich zu Dormagen auf der linken, zu Leverkusen auf der rechten Rheinseite zu erkennen. Das Bergische Land rahmt im Osten den rechtsrheinischen Teil Kölns. Die Wohnsiedlungsentwicklung hat sich über die Jahre nach und nach an seinen Flanken hinaufgeschoben.

Blicke auf Kölner Geschichte

CCAA

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Von der mit windabweisenden und sichernden Scheiben eingefassten Plattform ergibt sich ein eindrucksvoller Blick auf den gegenüberliegenden ältesten Bereich Kölns. Es fällt nicht schwer, von hier oben Stadtgeschichtliches festzumachen: Die römische Stadt mit einer Rheinfront zwischen Filzengraben (Standort des Kirche St. Maria Lyskirchen) und der Hohenzollernbrücke entstand an einer Stelle des Tieflandtrichters, wo die Stromaue damals 600 m breit war und wo eine Fernstraße kreuzte. Ein Platz mit besonderer Lagegunst, insofern mit Entwicklungschancen, die, alles in allem, bis in die Jetztzeit reichen. Die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA), 50 n.Chr. gegründet, ummauert, mit neun Toren versehen, hatte im 2. Jahrhundert n.Chr. etwa 15 000 Einwohner und wurde Hauptstadt der römischen Provinz Niedergermanien. Von Süden, Westen und Norden her liefen sternförmig Fernstraßen auf sie zu. Die bestimmen bis heute als Bonner Straße, Luxemburger Straße, Aachener Straße, Venloer Stra-

ße und Neusser Straße maßgeblich das Verkehrsgerüst des linksrheinischen Köln. Als rechtsrheinischer Brückenkopf entstand 310 n.Chr. das Kastell Deutz. Es wurde mittels einer festen Rheinbrücke mit der CCAA verbunden. Eine frühe Ingenieurleistung allerersten Ranges, der mit der 77,5 km langen Wasserleitung aus der Eifel bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert etwas Ebenbürtiges vorausgeht. Die mittelalterliche Rheinfront ist in ihrer Ausdehnung von hier oben ebenfalls gut markierbar. Die Eckpunkte Bayenturm und Bastei sind zu sehen. 1180 fasste die Große Mauer mit diesen rheinseitigen Eckpunkten den flächengrößten mittelalterlichen Stadtraum nördlich der Alpen ein. Bis er in Gänze, bewirkt über kontinuierliche Umnutzungen von Arealen, überbaut ist, werden hunderte von Jahren ins Land gehen. 1184 gelangen als Kriegsbeute mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige besonders kostbare Reliquien der Christenheit aus Mailand nach Köln. Ein Ereignis, was wirtschaftspolitisch für die aufstrebende Stadt von allergrößter Bedeutung ist, wird ihre Anwesenheit doch für einige Jahrhunderte für kräftige Pilgerströme sorgen. 1248 wird der Grundstein für den gotischen Neubau des Domes gelegt. Das filigrane Abbild des himmlischen Jerusalem wird zugleich monumentales Gehäuse der später kostbar eingeschreinten Gebeine. Der fünfschiffig vorgesehene Neubau übertrifft übrigens alle damals weltweit vorhandenen Kathedralen. Vor dem Turm von Groß St. Martin ist, traufenständig zum Rheinverlauf, das Stapelhaus mit schlankem seitlichen Turm zu erkennen. Es ist steinerne Er-

innerung an das der Stadt verliehene Stapelrecht. Das erwies sich als ein Grundpfeiler für die aufblühende Handelsstadt, die dann später einer der Hauptorte der Hanse wurde. Sie erstritt, trotz aller tiefreichenden religiösen Verwurzelung, 1288 in der Schlacht von (Köln-)Worringen Unabhängigkeit von den Erzbischöfen, die fortan ihre Residenz für viele Jahrhunderte nach Bonn verlegen mussten. 1388 wird die Universität gegründet. Es ist nach Prag, Wien und Heidelberg die viertälteste im damaligen Heiligen Römischen Reich. Die nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges wiedererstandenen 12 romanischen Kirchen – von St. Severin im Süden bis St. Kunibert im Norden – der historischen Stadt sind, von hier oben aus betrachtet, ein architektonischer deutlicher Hinweis auf das „Hillige“ (Heilige) Köln“ mit einstmals 11 Stifts- und 19 Pfarrkirchen, 19 Männer- und 39 Frauenklöstern und 49 Kapellen. Neben Groß St. Martin verortet der Rathausturm die administrative Mitte Kölns. Er ist ein gebautes Zeichen des politischen Triumphes der Zünfte über die Kaufleute im Jahre 1396. 124 Figuren von Persönlichkeiten mit Bezug zu Köln zieren den Turm. Diese steinerne Hommage einbezieht, ein Ausweis kölnischer Toleranz, neben Heiligen, Bischöfen, Patriziern, Unternehmern auch Karl Marx und August Bebel. Die Hohenzollernbrücke, inzwischen wieder ein „Zwilling“, ersetzte 1911 in Form der stählernen Bogenbrücke eine feste Brücke von 1859. Die Cöln-Mindener-Eisenbahngesellschaft hatte als eiserne Gitterkonstruktion (deshalb im Volksmund „Muusfall“ genannt), mehr als 1 150 Jahre Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Rheinische Erkundungen und Streifzüge nach der festen Römerbrücke, den Strom für das neue Landverkehrsmittel überbaut. Sichtbar ist aus luftiger Höhe, dass die Brückenachse exakt die Domachse aufnimmt. Ein eingelöster Wunsch des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV, der sich wohl vorstellte, damit den Anreisenden ein erhabenes Entré in die Stadt zu verschaffen. Vier Preußenkönige, drei davon auch Deutsche Kaiser, reiten auf den Brückenköpfen: Rechtsrheinisch Friedrich Wilhelm IV und Wilhelm I, linksrheinisch Friedrich III und Wilhelm II. Kupfern monumentalisierte Reminiszenzen an die nach der „Franzusezick“ (17941814) ab 1815 beginnende, in der kollektiven Erinnerung der Stadt höchst ambivalente, nämlich konfliktreiche Zeit mit einer neuen, jetzt protestantischen Obrigkeit. Die hatte aber auch tatkräftigen ideellen und finanziellen Anteil an der Vollendung des als Torso liegengebliebenen Kathedralbaus ab 1842 bis zur Vollendung im Jahre 1880. In den Blick geraten von hier oben auch alle heute den Rhein auf Kölner Gebiet querenden acht Brücken. Das Messegelände nördlich der Eisenbahngleise ist zur Zeit eine Großbaustelle. Der Fernsehsender RTL (zur Zeit der größte Gewerbesteuerzahler) findet hier einen neuen Standort. Bedeutender Messeplatz in Deutschland geworden zu sein, geht auf Umsicht und Gestaltungswillen Oberbürgermeister Konrad Adenauers zurück. Die von Adolf Abel entworfenen ältesten Messehallen mit schlankem, quadratischem Messeturm sind eine gebaute Erinnerung an dessen vielfältige und nachhaltige Wirkung als Stadtoberhaupt zwischen 1917 und 1933.

Erinnert wird an die gewesene Leuchtschrift am Messeturm: „Köln – Wiege der Weltmotorisierung“ leuchtete nachts in rotem und grünem Neonlicht über der Stadt. Und so war es ja auch in der Tat: an Nikolaus August Otto erinnert gerade auch der KölnTriangle, in CölnDeutz residierte die Gasmotorenfabrik Deutz, ein früher Anziehungspunkt für manchen Automobilpionier: Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach, August Horch, selbst Commendatore Ettore Bugatti waren dort. Citroen hat in den zwanziger Jahren in (Köln-)Porz Autos montiert, August Horch seinen vierrädrigen Erstling auf (Köln-) Ehrenfelder Boden zusammengeschraubt. Die Marke Deutz stand für weltweit verkaufte Traktoren aus Köln. Und von hier oben ist am nördlichen Horizont, markiert durch einen schlanken Schlot, die Keimzelle des ersten Zweigwerkes von Ford auf deutschem Boden erkennbar, gewiss der nachhaltigste Ansiedlungserfolg Adenauers. 1930, mitten in einer Weltwirtschaftskrise, legten Henry Ford und er in Köln-Niehl den Grundstein für die unverändert die städtische Ökonomie maßgeblich mitprägende Automobilindustrie. Mit dem trotzigen, dort auf einem Gedenkstein verewigten Ausspruch Fords übrigens „Und trotzdem vorwärts!“ Manches ist von der Aussichtsterrasse sichtbar, was die Umprägung der Kölner Struktur in Richtung auf eine nachhaltige Stärkung des Dienstleistungsbereichs baulich verdeutlicht: Die „Kranhäuser“ am südlichen Ende der linksrheinischen Rheinfront als Dienstleistungszentrum, das bereits erwähnte Messegelände, das von einem Stahlbetonbügel überwölbte neue Stadthaus, das die Lanxess-Arena – eine Mehrzweck-

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halle – einfasst. Schließlich das in den früher industriegeprägten Stadtteil Kalk verlegte Polizeipräsidium und das ebenfalls dort unlängst entstandene Einkaufszentrum Kalk-Carreé.

Die Kölner Altstadt Am Fuß des KölnTriangle beginnt dann bei anhaltend strahlendem Wetter ein Streifzug durch die Altstadt. Er wird Punkte und Örtlichkeiten verbinden, die dem auswärtigen Besucher gemeinhin eher verborgen bleiben. Von der Hohenzollernbrücke aus eröffnet sich, jetzt fast in Augenhöhe, noch einmal der Blick auf die einmalige Rheinfront, die städtische Schokoladenseite. Zu Füßen von Groß St. Martins Turm, an einer Futtermauer, eine steinerne Erinnerung an den hier geborenen Robert Blum: „Linker“, weil demokratischer Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche 1848, erschossen am vielleicht

Foto 2: Gedenktafel für Robert Blum, Foto: Ludwig von Hamm

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Rheinische Erkundungen und Streifzüge

Ernst Barlach

Karl Marx

Friedrich Wilhelm III

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ersten zu erinnernden deutschen 9. November, nämlich 1848, auf der Wiener Brigittenaue. Seine letzten Worte „Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein“ sind hier unter seinem Porträtrelief zitiert. Er war, vor Bismarck, der populärste deutsche Politiker. Am Ostermann-Brunnen vorbei – Erinnerung an den Volkssänger Willi Ostermann – wird der Heumarkt erreicht. Das ehemalige Haus Unter Hutmacher 17 muss heute am westlichen Rand dieses Altstadtplatzes verortet werden. Eine bronzene Gedenktafel erinnert daran, dass hier 1848 und 1849 die Redaktion der ursprünglich liberalen, dann linkssozialistischen, täglich erscheinenden Neuen Rheinischen Zeitung domizilierte. Chefredakteur war Dr. phil. Karl Marx. Friedrich Engels, Georg Weerth, Ferdinand Freiligrath waren Redaktionsmitglieder. Die erste Nummer erschien am 1. Juni 1848. Die Auflage belief sich zeitweilig auf 6 000 Exemplare. Nach Verbot erschien, rotgedruckt, am 19. Mai 1849 die letzte Nummer. Im Vorbeigehen macht die kleine Schar Bekanntschaft mit den Personen auf den bronzenen Reliefplatten und den Standfiguren am Sockel des noch immer reiterlosen Denkmals für den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. Auf dem Rathausplatz mit Rathausturm, renaissancener Gerichtslaube, dem Spanischen Bau über dem Praetorium, den Resten des römischen Gouverneurpalastes werden, zeltgeschirmt, mittelalterliche Baureste ausgegraben. Ein prismenförmiges Glasdach über dem freigelegten jüdischen Kultbad, einer Mikwe, ist letzte bauliche Erinnerung an das mittelalterliche Ju-

denviertel. Nach Pogrom und Vertreibung wurde es 1249 zerstört. Oswald Mathias Ungers hat den kubischen Neubau des Wallraf-Richartz-Museums am südlichen Platzrand entworfen. Nahtlos daran, im Moment noch eine Baustelle, die Ruine von St. Alban. Sie ist Platz für eine Replik des Trauernden Elternpaares von Käthe Kollwitz. Diese Plastiken sind steingewordene Trauer und nie verheilter Schmerz um den Sohn Peter. Er ist im Herbst 1914 im belgischen Flandern gefallen, blutjung und kriegsbegeistert. Auf dem Friedhof im dortigen Vladslo liegt er begraben. Dort stehen die Originale beider Figuren. Unmittelbarer “Nachbar“ der Kirchenruine ist der Gürzenich. Vom Mittelalter bis heute „Fest- und Tanzhaus der Stadt“, Ort für Kongresse, Ausstellungen, Konzerte, Karnevalssitzungen. Wenige hundert Meter südlich, auf dem kapitolinischen Hügel, der in römischer Zeit einen Tempel trug, befindet sich ein anderes der romanischen sakralen Juwele: St. Maria im Kapitol. Die wiederaufgebaute Kirche beherbergt als Besonderheit die letzte mit Bildern geschmückte mittelalterliche Holzpforte Europas aus dem 11. Jahrhundert: Im Verständnis der Gläubigen damals ein Tor zum Licht, ein Abbild der Himmelspforte als Eingang zum ersehnten Paradies. Die Krypta in strengen romanischen Formen liegt, spärlich nur erhellt durch ein Osterfenster und warm leuchtende Kerzen, zu dieser Zeit in fast mystischem Dunkel. Am weiteren Weg liegt das „Weltstadthaus“ von Peek & Cloppenburg. Ein beeindruckender, voll in Glas gehaltener Bau, wobei jede der in das

Stahlgerippe des Baukörpers eingepaßten Scheiben ein Unikat ist. Die kleine Antoniterkirche auf der am Sonntag ruhigen Schildergasse birgt mit dem Schwebenden von Ernst Barlach die Replik einer seiner Bronzeplastiken zur Erinnerung an die Toten des Ersten Weltkrieges. Das Original, geschaffen für den Dom im mecklenburgischen Güstrow, haben die Nationalsozialisten 1937 entfernt und später zerstört. Das Original-GipsWerkmodell wurde gerettet, 1942 davon ein Zweitabguss erstellt und versteckt. Er hängt seit 1952 in der Antoniterkirche. Das „evangelische Köln“ hat davon ein Jahr später einen Abguss machen lassen und der Domgemeinde von Güstrow geschenkt. Dort ersetzte er am angestammten Platz das zerstörte Original. Das Antlitz des Schwebenden trägt übrigens, deutlich erkennbar, die Züge von Käthe Kollwitz. Beide Künstler waren persönlich befreundet und in ihrem graphischen und plastischen Schaffen inhaltlich und formal eng verbunden. Der Rundgang durch die Altstadt endet nach Überquerung des Offenbachplatzes vor dem Opernhaus am Standort zweier Bauten von jeweils hohem architektonischem Wert. An der Brückenstraße stehen sich gegenüber das Disch-Haus und Kolumba, der Neubau für das Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Das inzwischen sandgestrahlte, mit neuen Fenstern versehene und im Inneren behutsam umgebaute Disch-Haus ist ein Bruno-Paul-Bau von 1928/30. Die elegante Ecklösung besticht unverändert und der Travertin der Geschossbrüstungen hat seine ursprüngliche Farbe zurückgewonnen. Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Die Kommunalstatistik in Esslingen Gegenüber steht der bei Fertigstellung bundesweit von der Architekturkritik zum Teil – und das gewiß zu Recht – hymnisch gefeierte Neubau Kolumba von Peter Zumthor. Er entwickelt sich fugenlos aus dem Bestand der spätgotischen Kirchenruine St. Ko-

lumba heraus und birgt auch die selbständige Kapelle der „Madonna in den Trümmern“ von Gottfried Böhm. Vorgesehen ist, aus dem Kunstbesitz des Erzbistums hier Exponate in zeitlichem Wechsel, eingebettet in das auf Dauer Gezeigte, zu präsentieren.

Ein unbedingtes Muss ist dieser Museumsneubau für alle künstlerisch interessierten Köln-Besucher. Die Gruppe trennte sich hier, zunächst bis zu den Veranstaltungen auf der Kölner Statistischen Woche, die am folgenden Montag beginnt.

Bewegte Geschichte – Der Statistiker als Generalist

Die Kommunalstatistik in Esslingen Axel Weber, Esslingen Die Stadt Esslingen am Neckar ist eine Große Kreisstadt mit rund 90.000 Einwohnern und liegt innerhalb der Region Stuttgart. In der Region ist sie nach der Landeshauptstadt die größte Kommune. Esslingen ist eine ehemalige freie Reichsstadt und verfügt über eine mehr als 1200-jährige Geschichte mit einem relativ großen erhaltenen Altstadtkern. Um einen besseren Einblick in die Esslinger Kommunalstatistik zu erhalten, muss kurz auf die Historie eingegangen werden. 1948, also relativ kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde die Arbeit in der Statistik wieder aufgenommen. Zugeordnet war sie dem Stadtplanungsamt und mit einer Person besetzt. Die aus dieser Zeit stammenden Ausarbeitungen zeigen überraschenderweise eine breite Palette von Informationen. Die Arbeit wurde kontinuierlich ausgebaut und so über zwanzig Jahre fortgeführt. Anfang der 70er Jahre wurde die Statistik dann dem

Hauptamt zugeordnet. In den folgenden Jahren beschäftigte man sich mit maschinellen Datenauswertungen jeglicher Art. Durch den Einzug des PCs Mitte der 80er Jahre und die damit verbundenen Möglichkeiten zur raschen und rationellen Informationsgewinnung konnte die Statistik innerhalb der Verwaltung eine hohe Akzeptanz gewinnen. Die Anforderungen wuchsen und die Statistik konnte ihrer zugedachten Querschnittsfunktion gerecht werden. Mit Beginn der 90er Jahre setzte dann für die Statistik eine schwierigere Zeit ein, die durch Ressourceneinsparung gekennzeichnet war. Als Folge dieser Situation trat eine gewisse Stagnation in der Fortentwicklung ein und es konnten immer häufiger die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt werden. Die wichtigen Schul- und Sozialplanungen übernahmen die Fachämter. Im Jahr 2007 erfolgte dann eine Zäsur. Die Statistik wurde organisatorisch wieder dem

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Stadtplanungsamt zugeordnet. Es beginnt eine Neuausrichtung. Diese sieht eine veränderte Informationsdarstellung vor, jedoch auch der Umgang mit internen und externen Institutionen soll auf eine andere Basis gestellt werden. Ferner geht es auch darum, neue wichtige Datenquellen zu erschließen. Da die tägliche Arbeit in den „mittleren Städten“ in der Regel auf sehr wenige Schultern verteilt ist, ist der Einsatz des Statistikers eher als „Generalist“ zu sehen ist. Viele Fachbereiche der Statistik erfordern heute jedoch gerade Detailkenntnisse, die dann so nicht in jedem Fall vorhanden sind. Um solche Defizite nur annährend kompensieren zu können, sind wir auf die Unterstützung der Kollegen und Kolleginnen aus den größeren Städten angewiesen. Der VDSt bietet uns dafür eine sehr gute Plattform. In Einzelfällen, soweit es rechtlich möglich und zulässig ist, vergeben wir Arbeiten an Externe.

Hohe Akzeptanz

Schwierige 90er Jahre

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Frühjahrstagung 2009 – Willkommen an Warnow und Ostsee

Kurs auf eine Zukunft mit Wachstum Ulrich Kunze, Rostock

Blick auf Rostock vom Gehlsdorfer Ufer 2006

Blick auf Rostock vom Gehlsdorfer Ufer 2006

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Seit ihrer Gründung vor acht Jahrhunderten ist die Hansestadt Rostock von ihrer Lage am Wasser geprägt. Als eine der ersten Städte im Bund der deutschen Städtehanse und als wichtiger Handelsplatz an der Ostsee gelangte die Stadt früh zu Reichtum und relativer Eigenständigkeit. Das eigene und besondere Flair besitzt Rostock durch die Lage am Meer, am Mündungsbereich der Warnow in die Ostsee. Rostock ist auch deshalb touristisches Zentrum im Nordosten Deutschlands. Dabei stellt die Stadt an sich den Anspruch, „Grüne Ostseemetropole“ zu sein. Dazu tragen nicht nur die zahlreichen Parks und Grünanlagen, Zoo und Botanischer Garten bei. Mit der Rostocker Heide gehört die Stadt auch zu den fünf größten kommunalen Waldbesitzern in Deutschland. Im Jahre 1252 wurde das Waldgebiet der Rostocker Heide durch Fürst Heinrich Borwin II. an die Stadt Rostock verkauft. Es ist heute mit seiner Gesamtfläche von über 6.000 Hektar eines der letzten großen und geschlossenen Waldgebiete an der deutschen Küste. Die maritime Verbundwirtschaft mit Schifffahrt, Schiffbau und Hafenwirtschaft bestimmte und bestimmt den Takt an Warnow und Ostsee. Rostock als Drehscheibe an der südlichen Ostseeküste ist ein wichtiger Knotenpunkt zwischen

Ost und West mit großen Entwicklungschancen in Richtung Skandinavien und Osteuropa. Die günstige Lage an der schiffbaren Warnow bis hin zu ihrer Mündung hat schon den Erfolg Rostocks im frühen Mittelalter begründet. Aber auch regional ist das Oberzentrum Wirtschaftsmotor für ganz Mecklenburg-Vorpommern. Mit Schwerpunkten wie der maritimen Verbundwirtschaft, Biotechnologie, Medizintechnik, Logistik und Tourismus sind große Zukunftschancen vorhanden. Dabei kann Rostock mittlerweile auf eine exzellente Infrastruktur verweisen. Neben dem Seehafen, in dem mit 28,2 Millionen Tonnen Güterumschlag im vergangenen Jahr erneut ein neuer Rekord aufgestellt wurde, sind die Autobahnen A 19 in Richtung Berlin und die A 20 in Richtung Hamburg, aber auch der Flughafen RostockLaage wichtige Standortfaktoren. So hat Rostock in den vergangenen Jahren nicht nur den Sektor des Schiffbaus und der Schifffahrt mit Zulieferern und Dienstleistern wieder ausbauen können. Gerade auch im Servicebereich und in wissenschaftsnahen Branchen hat die Stadt erheblich an Profil gewonnen. Rostock als mit über 200.000 Einwohnerinnen und Einwohnern größte Stadt des Landes Mecklenburg-Vorpommern hat Stadtforschung und Statistik 1/ 09


Kurs auf eine Zukunft mit Wachstum mit Warnemünde sogar ein eigenes Seebad. Über 100 Meter breiter, feiner Sandstrand gehört ebenso dazu wie eines der weltweit besten Segelreviere. Auch Kreuzfahrtschiffe nutzen die alte Hansestadt gern als Hafen und lassen maritime Traditionen weiter leben. Seit 1991 hat sich die Hanse Sail zum bedeutendsten jährlich stattfindenden Treffen von Traditionssegelschiffen entwickelt. Die etwa 250 Teilnehmerschiffe sind Magnet für weit über eine Million Besucherinnen und Besucher aus ganz Deutschland und den Nachbarstaaten entlang der Ostseeküste. Als Wissenschafts-, Kultur- und Sportstadt strahlt Rostock weit über die Grenzen Mecklenburg-Vorpommerns aus. „Fotoagentur nordlicht“ In der Hansestadt wurde im Jahr 1419 die älteste Universität im Norden Europas gegründet. Zu der alma mater gesellten sich weitere wissenschaftliche Einrichtungen von namhaftem Rang, die zum internationalen Flair der Küstenstadt beitragen. Und noch heute bestimmt der freie Austausch von Waren und Wissen den Erfolg der Stadt.

Weitere Informationen: Tourismuszentrale Rostock & Warnemünde, Tel. 0381 381-2222, touristinfo@rostock.de www.rostock.de und www.rostock.travel Fotos: Fotoagentur nordlicht

Rostock, Warnemünde, auslaufendes Kreuzfahrtschiff am Molenfeuer 2006

Rostock, Seehafen, Luftaufnahme Rostock, Neuer Markt mit Rathaus

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Statistische Woche 2008 in Köln

Zahlen und Worte Martin Schlegel, Hagen

Kölsches Grundgesetz

Lockere Begrüßung

Feiern können sie, diese Kölner. Ein Westfale wie ich wird da schon neidisch. Die wehenden Fahnen und der rote Teppich hätten ja nun nicht sein müssen, waren aber ein toller Einstieg. Das Empfangs-Trio – Kartenabreißer, Garderobendamen, Begrüßungsgetränk – vervollkommnete die Einstimmung auf den Abend. Das Foyer war ein gelungener Treffpunkt und der Saal gab trotz seiner Größe Gemütlichkeit. Die perfekte Lichtführung vermittelte eine stimmungsvolle Atmosphäre. Gelungen war nicht nur der Einstieg in den Empfang der Stadt Köln. Mir kommen sofort die Begrüßungsworte von Stadtdirektor Guido Kahlen in den Sinn. Mit kölscher Lockerheit schlug er uns in seinen Bann. Schwungvoll nahm er uns in sein Köln mit und outete sich dabei als Freund von „facts and figures“, was ihm im Publikum viele Sympathiepunkte brachte. Zu diesem überzeugten Kölner passte auch der Abschluss seiner Begrüßung: „Vielen Dank, dass Sie den Kölner Werbeblock erlaubt haben.“

In seinem Grußwort zeigte Rudolf Schulmeyer, dass auch für unsereinen der Humor kein abseitiges Ereignis ist, dass Statistiker nicht nur mit Zahlen gut umgehen können. Im Zentrum seines Vortrags stand das Kölsche Grundgesetz. Wie selbstverständlich geben die Kölner sich nicht mit 10 Geboten zufrieden, bei ihnen müssen es 11 sein. Von „Et es, wie et es“ (Sieh den Tatsachen ins Auge) bis „Drinkste ene mitt.“ (Sei gastfreundlich) erläuterte uns unser Chef und Auch-Kölner die Kölner Weisheiten. Wir haben viel gelacht und gelernt. Doch nicht nur das Zuhören hat seinen Stellenwert, auch das Selbst-Reden. Und auch hier muss den feier-erfahrenen Kölnern großes Lob gezollt werden. Die Musik war so laut bzw. leise, dass sie sich nicht in den Vordergrund schob, man sich problemlos mit dem Nachbarn unterhalten konnte. Hin und wieder dann drängte sich die Combo nach vorne, erbat eine Gesprächspause und bekam kräftigen Applaus. Natürlich ist der von der gastgebenden Stadt ausgerichtete Empfang nur ein Randereignis

auf der jeweiligen Statistischen Woche, aber ein wichtiges. Im Vordergrund des Treffens stehen Methoden und Ergebnisse. In Köln – zum 6. Mal Veranstalter der Statistischen Woche – ging es im September 2008 um Themen wie „Kommunale Entwicklungsfähigkeit und Integration“, „Bewertungsgrundlagen der Zukunftsfähigkeit“ und auch „Kreativität und Innovation als Schlüsselfaktoren von Zukunftsfähigkeit“. Da standen Themen auf der Tagesordnung, die auf ein breites Interesse stießen. Die „Zukünfte der Stadtentwicklung“ war auch in „Stadtforschung und Statistik“ ein Thema. Prof. Dr. Hartmut Häußermann befasste sich damit – und zwar in der allerersten Ausgabe dieser Zeitschrift, also im Herbst 1988. Mehr über Köln und ebenso begeistert formuliert wie das Kahlen-Grußwort lesen Sie von dem Köln-Imi Ulrich Naumann in seinem Bericht über das Treffen der Ex-AG.

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Über Statistik r

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Garantiert anonym – garantiert wahr

So spielt das Leben Martin Schlegel, Hagen Die besten Geschichten schreibt das Leben, sagt man, und da ist viel Wahres dran. Über eine davon wird in „Die Heftung“ (vgl. S. 50) berichtet: die ungewöhnliche Vorbereitung eines Wahlausschusses mit explosiver Wirkung. Wer arbeitet, macht Fehler; wir sind eben Menschen. Logischerweise hat man kein gesteigertes Interesse daran, solche Fehler an die große Glocke zu hängen. Jeder von uns will Mensch sein, aber doch kein fehlerbehafteter. Andererseits gilt: Aus Fehlern kann man lernen.

Deshalb soll hin und wieder über solche Fehler berichtet werden – beispielsweise über einen Fehler von Ihnen. Das geschieht in einer kleinen, lockeren Reihe, die unter der Überschrift steht: „So spielt das Leben.“ Es müssen wirklich nicht so heftige Ereignisse sein, wie in „Die Heftung“ berichtet wird. Eine Kleinigkeit kann genau so interessant sein wie ein richtiger „Bock“. Wenn Sie etwas wissen, erlebt oder erfahren haben, schicken Sie eine Mail an: me.schlegel@t-online.de

– oder rufen Sie 02331-79101 an, und berichten über das, was schief gelaufen ist. Welchen Weg Sie auch wählen: Anonymität ist garantiert.

Ihr Fehler, bitte!

Aus dem, was Sie berichten, entsteht ein kleiner Beitrag für diese Zeitschrift, in dem Ihr Name gar nicht erscheint. Und die Stadt, in die die Geschichte transportiert wird, trägt den hübschen Namen „Turmkirchen“.

Buchvorstellung

Rückblicke ohne Rücksicht Erhard Hruschka, Ahrensburg Arthur M. Schlesinger, langjähriger Politikberater USamerikanischer Präsidenten, überzeugter Anhänger der Demokratischen Partei, kenntnisreicher Beobachter der politischen Szene und intimer Bekannter führender amerikanischer Politiker unterschiedlicher politischer Richtungen hat von 1952 bis 2000 Tagebücher geschrieben. Kurz vor seinem Tod (er lebte von 1917 bis 2007) hat er die Tagebücher unkorrigiert seinen Söhnen übergeben und ihnen

eine Veröffentlichung anheimgestellt. Diese ist gekürzt erfolgt, umfasst aber dennoch immerhin 858 Seiten: Arthur M. Schlesinger, Jr., Journals 1952 – 2000, New York 2007. Ein Buch ohne politische und persönliche Rücksichtnahme und häufig mit schneidendem Sarkasmus Schlesinger gibt dabei nicht nur seine persönliche Einschätzung politischer Ereignisse bekannt, sondern lässt vielfach auch anders orientierte Akteure auf der politischen Büh-

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ne im direkten Zitat zu Wort kommen (beispielsweise Henry Kissinger, über eine Reihe von Jahren Präsidentenberater und zeitweiliger Außenminister republikanischer Regierungen). Für uns Deutsche als seit Jahrzehnten vielseitig Informierte über die Situation in den USA ergeben sich aus den ‚Journals’ viele neue, bisher unbekannte und auch unseren bisherigen Kenntnisse zuwiderlaufende Aspekte, die die Lektüre zu einer Fundgrube authentischen Wissens über das Zeitgeschehen werden lassen.

Nicht nur persönliche Einschätzungen

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Autorenverzeichnis Baier, Dirk, Dipl.-Soz., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V., Hannover, baier@kfn.uni-hannover.de Düsing, Wolfgang, Diplom-Volkswirt, Abteilungsleiter im Amt für Wirtschaftsförderung, Neuss, wolfgang.duesing@stadt.neuss.de Eichholz, Bernhard, Diplom-Sozialwissenschaftler und Diplom-Verwaltungswirt, Leiter der Abteilung Statistik und Stadtforschung im Amt für Statistik und Wahlen, Düsseldorf, bernhard.eichholz@stadt.duesseldorf.de Eichhorn, Professor Dr. Lothar, Referatsleiter im Nds. Landesamt für Statistik, Professor am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität Hannover, lothar.eichhorn@nls.niedersachsen.de Fischer, Dr. Josef, Amtsleiter, Amt für Statistik und Wahlen der Stadt Leipzig, statistik-wahlen@leipzig.de Gutfleisch, Dr. Ralf, Diplom-Geograph, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bürgeramt, Statistik und Wahlen, Frankfurt am Main, ralf.gutfleisch@stadt-frankfurt.de Harfst, Hubert, Diplom-Sozialwirt, Städt. Direktor, Fachbereich Zentrale Dienste – Bereich Wahlen und Statistik der Stadt Hannover, hubert.harfst@hannover-stadt.de Haussmann, Michael, Diplom-Geograf, Statistisches Amt Stuttgart, Abteilungsleiter, michael.haussmann@stuttgart.de Heidbrink, Ingo, Diplom-Geograph, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Amt für Statistik und Wahlen, Abteilung Statistik und Stadtforschung, Düsseldorf, ingo.heidbrink@stadt.duesseldorf.de Hruschka, Prof. Dr. Erhard, Senatsdirektor a.D., Ahrensburg, erhard@hruschka.de Huter, Jessica, Lehrbeauftragte (Statistik, Regionalforschung) am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität Hannover, jessica@huters.de Kunze, Ulrich, Hansestadt Rostock, Presse- und Informationsstelle, ulrich.kunze@rostock.de Lange Jessica, Studentin der Betriebswirtschaft der FHS für die Wirtschaft, Hannover,  jessica.lange.79@gmx.de Martin, Andreas, Diplom-Geograph, Referent im FB Zentrale Dienste, Hannover, andreas. martin@hannover-stadt.de Menge, Hans, Diplom-Ingenieur, Bonn, hdmenge@yahoo.de Naumann, Ulrich, Diplom-Volkswirt, Köln, ulrich_naumann Rabold, Susann, Soziologin M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungs- institut Niedersachsen e.V., s.rabold@kfn.uni-hannover.de Ruten, Christa, Dipl.-Geografin, Städt. Rätin, Amt für Stadt- und Regionalentwicklung – Statistik, Münster, rutenchr@stadt-muenster.de Schlegel, Martin, Diplom-Kaufmann, Amtsleiter a.D., Hagen, me.schlege@t-online.de Schultz, Annett, Diplomsoziologin, Geschäftsführung Faktor Familie GmbH, Bochum, annett.schultz@faktor-familie.de Villiger, Simon, lic. phil. I, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Statistik Stadt Zürich, simon.villiger@zuerich.ch Weber, Axel, Stadtplanugs- und Stadtmessungsamt, Esslingen am Neckar, axel.weber@esslingen.de Wunderlich, Holger, Diplom-Sozialwissenschaftler, Geschäftsführung Faktor Familie GmbH, Bochum, holger.wunderlich@faktor-familie.de

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Stadtforschung Statistik – Ausgabe 1/2009