Obwohl das so unmittelbar einsichtig klingt, wissen wir aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, • zum einen eine Bewertung überhaupt zu erkennen und • zum anderen bereit zu sein, zuvor sein zumeist ungeprüftes Wissen, auf dem unsere Bewertung fußt, in Frage zu stellen, sowie • letztlich auch bereit zu sein, die eigene Motivation zu erkennen, warum wir einen Menschen, eine Verhaltensweise oder eine Situation in bestimmter Weise bewerten bzw. verurteilen. „Empören“ wir uns z. B., um uns über andere „empor“ zu heben mit dem Ziel, uns dadurch in irgendeiner Weise „besser“ zu fühlen?
B
egriffliche Unterscheidungen zu treffen und die Reihenfolge „erst zweifeln und dann bewerten “ einzuhalten, ist eine philosophische Fähigkeit, bei der es sich lohnt, sie für den Alltag zu erlernen. Sie setzt voraus, dass wir in der Lage sind, den sogenannten „philosophischen Abstand“ einzunehmen. Das bedeutet, gewissermaßen einen Schritt hinter sich zurückzutreten, um aus dieser Distanz heraus das jeweilige Problem „auf Augenhöhe“ zu betrachten, sodass sich die Waagschalen beim Abwägen des Pro und Contra nicht bereits durch bewusste oder unbewusste Bewertung in eine vorausbestimmte Richtung neigen.
W
Der philosophische Zweifel als persönliche Mutprobe
enn wir über Selbstbestimmung und Fremdbestimmung nachdenken, dann haben wir – so scheint es mir – intuitiv den Eindruck, Selbstbestimmung sei „besser“ als Fremdbestimmung. Damit hätten wir folglich bereits eine ungeprüfte Bewertung vorgenommen, die uns in unserer Argumentation uns selbst gegenüber oder in einer Diskussion mit anderen einseitig Partei ergreifen lässt. Wenn wir das erkennen, dann können wir genau hier mit dem methodischen Zweifel ansetzen. Dazu stellen wir uns wieder die beiden sokratischen Fragen zur Selbsterforschung, von denen uns die erste bereits vertraut ist: 1. Was ist eigentlich für uns diese „Fremdbestimmung“, die wir ablehnen? 2. Woher wissen wir denn, dass sie „schlecht“ ist? Woher wissen wir, ob wir ihr überhaupt entgehen können? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?
U
m eine Grundlage zu schaffen, anhand derer wir unsere weiteren Gedankengänge zuordnen können, nehmen wir wieder die philosophische Fähigkeit des Unterscheidens und Abgrenzens zu Hilfe. Experimentieren wir mit der These, dass sich das menschliche Leben auf vier Ebenen entfalte: 1. auf der körperlichen, physikalisch-materiellen und soziokulturellen Ebene, 2. auf der psychisch-emotionalen, seelischen Ebene, 3. auf der Ebene der Überzeugungen und Weltanschauungen sowie 4. auf der geistigen, spirituellen, religiösen Ebene.
Selber denken 2011
Wenn wir über Fremdbe“stimmung“ nachdenken, dann fällt uns rein sprachlich auf, dass es sich dabei offenkundig um eine „Stimme“ oder mehrere „Stimmen“ zu handeln scheint, die irgendetwas anordnen, raten oder einfach sagen. Wenn wir den Mut haben, uns mit diesen Stimmen zweifelnd (nicht bewertend oder beurteilend!) auseinanderzusetzen, dann besteht unsere Aufgabe als Selber- Philosophierende darin: • unser Leben daraufhin zu überprüfen, auf welcher Ebene wir wie, wann und wo welche „fremden Stimmen“ unterscheiden können. • Außerdem gilt es herauszufinden, welche „fremden“ Stimmen es im Außen und welche es in unserem Inneren gibt, die uns daran hindern, unser Leben nach eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten.
I
n gewisser Weise ist das unser philosophischer Frühjahrsputz für 2011: Werfen wir allen gedanklichen Ballast ab, der uns an der Entfaltung unseres Potenzials auf allen vier Ebenen und an der selbstbestimmten Gestaltung unseres Lebens hindert.
Mut zum philosophischen Zweifel wünscht uns allen Angelika 29