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Selber

Infomagazin

2011

denken

Das Magazin der philosophischen Lebenskunst

Neue Wege ins Paradies Zur Philosophie der spirituellen Revolution

Selber denken 2011

www.schibri.de


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2011

Editorial

Kontakte:

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Prof. Dr. Lutz von Werder Bamberger Straße 52 10777 Berlin Tel. 030 / 211 92 04

Schibri-Verlag Büro Berlin:

Meininger Str. 4 10823 Berlin Tel. 030 / 78 11 934 Fax 030 / 78 70 60 50

Schibri-Verlag Firmensitz:

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Schibri-Verlag

Internet/E-Mail: http://www.schibri.de Verlag: info@schibri.de Redaktion: vanbeek@schibri.de

Impressum Selber denken

Das Magazin der philosophischen Lebenskunst Herausgeber: Lutz von Werder Verlag: Schibri-Verlag erscheint: jährlich als Online-Zeitschrift Redaktion: Layout:

Lutz von Werder Andreas Brüning Matthias Schilling Iris van Beek

Fotos von L.v. Werder: Peter Cujé Foto letzte Seite: Iris van Beek alle weiteren Fotos: Angelika Driesner Copyright: Alle Rechte beim Verlag Printed in Germany Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. ISSN 1860-272X

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Der Frühling zeigt seine ersten warmen Sonnenstrahlen, zartgrün wachsen die ersten Blätter und Pflänzchen aus der Erde, so zart und grün wie die Hoffnung auf eine friedliche und sichere Welt, eine Hoffnung, die nach den Ereignissen in Nordafrika und Japan noch wichtiger und drängender geworden ist. Die Hoffnung auf einen neuen Weg ins Paradies … Lutz von Werder versucht in seinem neuesten Buch „Neue Wege ins Paradies“ dieser Hoffnung eine Richtung zu geben. Er zeigt, wie man mit philosophischer Lebenskunst und neuen revolutionären Konzepten in der heutigen Weltkrise – die ja nicht nur Japan und Nordafrika betrifft – zur Freiheit und damit ins Paradies gelangen kann. Auch die Philosophin und Autorin Angelika Driesner nimmt in ihren Philo-Lettern Stellung zu den aktuellen Ereignissen. Außerdem lässt sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihres aktuellen philosophischen Cafés „Über den Sinn des Lebens“ den „Begriff der Revolution in seinem ursprünglichen Sinn des Sich-um-drehens erfahren, um das Leben im Hinblick auf die eigene Stellung im Kosmos zu überdenken“. Mit diesen und noch vielen weiteren Beiträgen zur philosophischen Lebenskunst nutzen wir die Möglichkeiten unserer ersten Online-Version von „Selber Denken“, nämlich viel mehr Wissenswertes, Neuigkeiten und Anregungen für Sie zu veröffentlichen, als das bei unserer gedruckten Ausgabe möglich war, dazu noch in ansprechendem farbigem Design. Die aktuelle Termine von Lutz von Werders philosophischen Cafés in der Urania und im Literaturhaus in Berlin finden Sie wie gehabt am Ende unseres Magazins. Nutzen Sie auch diese Ausgabe von Selber denken für Ihre persönlichen philosophischen Gedanken, für die Diskussion in Ihrem Bekanntenkreis, in der Schule, in der Kirche oder in philosophischen Cafés und Gesprächskreisen und schreiben Sie uns, wenn Sie Lust dazu haben, wir freuen uns über jede Zuschrift. Wir wünschen Ihnen wieder viel Vergnügen beim Mitphilosophieren und Selberdenken! Iris van Beek und Ihre Selber-Denken-Redaktion Selber denken 2011


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Inhalt

Iris van Beek:

Editorial

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Inhalt

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Lutz von Werder: Kapitalismus als Religion und die Folgen

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eine Auswahl der Publikationen von Lutz von Werder

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Lutz von Werder: Einführung in die Philosophische Lebenskunst

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A. Driesner, H. Wollert, K. Regierer: Das philosophische Atelier – eine Einführung

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Angelika Driesner: Die spirituelle Revolution des Sokrates – Ein Philosophisches Café über den Sinn des Lebens Lutz von Werder: Die neue Existenzphilosophie des 21. Jahrhunderts

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Lutz von Werder: Versuche meines Ichs zu glauben – ein Gedicht

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Angelika Driesner: Philo-Letter im Januar 2011

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Lutz von Werder: Die Zukunft geht mit neuen Perspektiven schwanger Kommentar zu dem Buch „Der kommende Aufstand“, herausgegeben vom „Unsichtbaren Komitee“, Hamburg 2010

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Angelika Driesner: Philo-Letter im Februar 2011

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Lutz von Werder: Die persönliche Mythologie und das Kreative Schreiben Rede aus Anlass der Verleihung des „Deutschen Biografiepreises“ an L. v. Werder für das Buch „Die Welt romantisieren. Wie schreibe ich meine persönliche Mythologie?“, Nordwalde 2010

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Angelika Driesner: Philo-Letter im März 2011

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Lutz von Werder: Das philosophische Café

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Termine der philosophischen Cafés in der Urania und im Literaturhaus Berlin

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Kapitalismus als Religion und die Folgen

„Kapitalismus ist Religion.“

1921 machte der Philosoph Walter Benjamin eine Entdeckung, deren Konsequenzen bis heute noch nicht begriffen worden sind. Er schrieb seinen Essay „Kapitalismus als Religion“. In diesem Essay traf er folgende Feststellungen: „Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, das heißt, der Kapitalismus dient essenziell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.“ (Zit. n. D. Baecker (Hrsg.): Kapitalismus als Religion. Berlin 2003, S. 15)

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er Kapitalismus ist für Benjamin eine reine KultReligion, ohne Theologie und Dogmatik. Der Kult der Geldvermehrung ist im Kapitalismus permanent. Der Kapitalismus hat sich aus dem Christentum entwickelt. Das Christentum hat sich in den Kapitalismus verwandelt, wie der Soziologe Max Weber in seiner Schrift „Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904) feststellte. Diese Überlegungen fußen auf Georg Simmels „Philosophie des Geldes“ (1900). Georg Simmel stellte fest, dass früher die Religion das Zentrum des Lebens war und es heute im Kapitalismus das Geld als Kapital ist. Im Kampf zwischen Religion und Kapital hat das Kapital gesiegt. Der moderne Gläubige huldigt dem Kapital durch bewusstlose Arbeitswut und unstillbare Geldgier. Der Soziologe Niklas Luhmann stellte in seiner Untersuchung „Funktion der Religion“ (1992) fest: Soweit die Gesellschaft heute Weltgesellschaft ist, ist sie Geldgesellschaft. Das Geld regiert die Welt. Es ist wie Gott. Profitstreben ist nun die unbedingte Suche nach dem Heil. (Vgl. C. Deutschmann: Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus. Frankfurt 2001, S. 108) „Was die Welt der Moderne im Innersten zusammenhält ist Geld“, schreibt der Geldforscher J. Hörisch (ders.: Gott, Geld, Medien. Frankfurt 2004, S. 113). Auch der sowjetische Kommunismus verwandelte sich nach 1989 in einen Kapitalismus und zeigte damit deutlich, dass auch der Kommunismus eine staatliche Spielart des Kapitalismus als Religion war.

„Revolutionäre weisen schon lange auf die Tatsache hin, dass bis heute alle Revolutionen die Form des Staatsterrors nur weiter vervollkommnet, aber nicht zerstört haben.“

(LaFargue)

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as also am Kapitalismus nicht begriffen war, war nicht nur sein religiöser Charakter, sondern auch der Umstand, dass der Kapitalismus als Religion nur durch eine spirituelle Revolution überwunden werden kann. Nur durch die befreiende Transformation der Sorgen, Qualen und Unruhen, die der Kapitalismus heute befriedigt, kann der Kapitalismus überwunden werden. An die Stelle des kapitalistischen Materialismus, der allein den absoluten äußeren Reichtum verspricht, muss ein revolutionärer Idealismus treten, der allen einen inneren absoluten Reichtum verspricht. Dafür müsste eine Entwöhnung von der Droge Geld als Symbol des absoluten Reichtums geschehen. Der Abschied vom Traum der „individuellen Verfügung über die Totalität menschlicher Möglichkeiten, wie er der Vermögensform des Geldes innewohnt, hätte sich zu vollziehen“ (C. Deutschmann, a.a.O., S. 177). Die Utopie des äußeren Reichtums wird man nur durch eine Utopie des inneren Reichtums abschaffen können. Das aber wäre die spirituelle Revolution. Die spirituelle Revolution bildet die einzige echte Alternative zur kapitalistischen Utopie der universellen Bereicherung der Wenigen auf Kosten aller, die allerdings diesen Betrug in ihrer erzwungenen Arbeitswut gar nicht bemerken. Allerdings erfordert die Entwicklung des Projekts „Spirituelle Revolution“ mehrere Schritte. Zuerst müssen die aktuellen Konzepte der spirituellen Revolution auf ihre Praktikabilität hin überprüft werden. Dann steht an, die Revolutionen der Moderne zu untersuchen, welche Spuren spiritueller Revolution sie entwickelt haben, obwohl sie dann völlig gescheitert sind. Erst auf dieser Grundlage sind die Elemente der spirituellen Revolution der Zukunft völlig neu zu entwickeln. Die Sichtung dieser Elemente kann dann am Schluss dieses Buches zu einer Vision der kommenden spirituellen Revolution zusammengefasst werden. Diese Vision könnte in der kollektiven Diskussion und Praxis um die menschliche Zukunft in der heutigen Krise eine Stimme sein.

(Hardt, Negri)

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„Der Große wird klein, der Reiche arm, der Monarch Untertan … Wir nähern uns einer Krise und dem Jahrhundert der Revolution.“ (Jean-Jacques Rousseau)

Neu- ng inu e h c ers Wir sind mitten in einer Weltkrise. Diese Krise könnte die Folgen der Weltkrise von 1929 in den Schatten stellen. Damit schlägt die Stunde der philosophischen Lebenskunst, die fragt: Warum scheiterte die alte Revolutionsphilosophie bürgerlicher und proletarischer Prägung? Warum dieser Höllensturz des Terrors und des Totalitarismus? Sie fragt aber auch weiter: Was ist eigentlich die neue Revolutionstheorie der Durchsetzung der absoluten Demokratie und Freiheit? Wie sieht die kommende revolutionäre Himmelfahrt aus? Das vorliegende Buch stellt sich deshalb der Kritik der alten Revolutionstheorien, um dann zur Durcharbeitung der neuen revolutionären Konzepte der Freiheit zu gelangen. Dabei wird der Leser zur eigenen politischen Selbstanalyse animiert. Er kann nämlich durch viele Übungen herausfinden, wie er zur Lösung der Weltkrise steht. Schlägt er sich auf die Seite der Reaktion und der Barbarei oder findet er einen Weg, sich für die Freiheit zu entscheiden. Mit diesen Kenntnissen der Philosophie der kommenden Revolution ist der Leser besser vorbereitet, sich den nächsten Umbrüchen unserer Gesellschaft zu stellen. Die Resultate seiner politischen Selbstana­lyse können ihm dabei helfen. Die philosophische Lebenskunst könnte dem Leser gerade in der heutigen Weltkrise die größten Lebenschancen erschließen.

Lutz von Werder:

Neue Wege ins Paradies Zur Philosophie der spirituellen Revolution EUR 19,80 2011 400 Seiten ISBN 978-3-86863-059-6

Band 10 der Reihe Philosophische Lebenskunst

„Revolutionen brechen aus und sind unwiderstehlich, wenn sich herausstellt, dass die Macht auf der Straße liegt.“ (H. Arendt)

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Philosophische Lebenskunst mit Lutz von Werder Band 1

Band 2

Band 3

Philosophie für Verliebte

Mystik für Gipfel­ stürmer

Das große philoso­ phische Gelächter

2002 244 Seiten 15,- Euro

2003 252 Seiten 15,- Euro

2004 240 Seiten 15,- Euro

Bei einem Streifzug durch die Geschichte der Philosophie kommen recht unterschiedliche Auffassungen über die Liebe zum Ausdruck. Auffassungen, die sich zu betrachten lohnen, als Gewinn zur Gestaltung und Wertschätzung eines Phänomens, das Aufmerksamkeit und Nachspüren verdient.

Das ist ein Buch für alle, die ihren geistigen Gipfel erstürmen wollen, indem sie sich der Frage nach dem mystischen Hintergrund der eigenen Lebensphilososphie stellen. Lutz von Werder stellt dafür viele Übungen bereit, die die größten Mystiker des Abendlandes entwickelt haben.

Lutz von Werder bringt das befreiende Gelächter auf den Weg durch die größte Sammlung philosophischer Witze aus allen Zeiten und Subkulturen und leitet so vom Lachen zum fröhlichen Selberdenken und in ein höheres Bewusstsein über.

Band 4

Band 5

Band 6

Eigenwillig

Heilsam

Philosophische Lebenskunst für Individualisten

Beklage dich nicht – philoso­ phiere

2005 270 Seiten 15,- Euro

20062 269 Seiten 15,- Euro

2005 270 Seiten 15,- Euro

Mit Hilfe der eigenen Lebensphilosophie kann sich jeder Mensch zum kreativen Mitarbeiter seines Lebens machen. Die in diesem Buch vorgestellten Philosophen haben ihrem Leben einen individuellen Sinn gegeben, der auch Sie zur Bildung eigener Entwürfe anregen wird.

Mit seinen 300 Gedankenexperimenten kann dieses Buch helfen, wichtige Grundprobleme der menschlichen Existenz zu verstehen und von großen Philosophen zu lernen, dass das Gute leicht zu haben ist und das Schlimme nicht lange dauert.

Philosophie als Psychotherapie

Aus der antiken Philosophie ist die moderne Psychotherapie hervorgegangen, denn Philosophie war schon immer heilsame Seelenführung. Nutzen Sie die Anwendungsmöglichkeiten der philosophischen Therapie zur Bewältigung von Ängsten, Depressionen und Verzweiflung.

Band 7

Band 8

Band 9

Wie finde ich meine eigene Religion?

Das Wunder des Atheismus

Geht die Welt unter – und wenn ja, warum?

2007 250 Seiten 16,80 Euro

2008 244 Seiten 15,- Euro

2009 400 Seiten 19,80 Euro

Finden Sie mit diesem Buch zu Ihrer eigenen Religion. Mit Hilfe der phil. Lebenskunst kann durch Selbstanalyse die eigene, oft unbewusste philosophische Religion erkannt und im Verhältnis zu Kirche, Weltreligionen und Staat entfaltet werden.

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Alle Büch er finden Sie in Ihre handlung r Buchoder im S ch www.schib ibri-Verlag: Tel.: 0397 ri.de 53-22757 Fax: 0397 53-22583 info@sch ibri.de

Wie sehen die atheistischen Wege zu einer Spiritualität ohne Gott, ohne Glaubenszwänge, ohne Rituale aus? Welchen Trost hält der Atheismus bereit angesichts von Tod, Schmerz, Krieg und Leiden? Dieses Buch zeigt Wege der spirituellen Selbsterfahrung für alle, die nicht kirchlich glauben können oder wollen.

Die apokalyptisch anmutenden Ereignisse des aktuellen Katastrophen-Kapitalismus machen die Frage nach Weltende oder Weltwende zur Grundfrage der heutigen Philosophie. Dabei geht es um die Behauptung und Bestreitung des Weltuntergangs unter den Aspekten des Realismus, der Furcht und der Hoffnung.

Selber denken 2011

Stand: März 2011


Weitere Publikationen von Lutz von Werder

Alle Büch er finden Sie in Ihre handlung r Buchoder im S ch www.schib ibri-Verlag: Tel.: 0397 ri.de 53-22757 Fax: 0397 53-22583 info@sch ibri.de

Einführung in die philo­ sophi­sche Lebenskunst Asiens

Ängstige Dich nicht – schreibe!

Verzweifle nicht – suche!

2001 336 Seiten 14,90 Euro

1998 216 Seiten 12,80 Euro

1997 168 Seiten 12,80 Euro

Das vorliegende Buch führt, zum besseren Verständnis der globalen Gegenwart, in die philosophische Geschichte Asiens ein. Es ist ein Praxisbuch, das die philosophischen Lebenskünste Asiens für uns Europäer ge­ schicht­lich und konkret vorstellt

Dieses Buch leitet zu allen Methoden der Bewältigung des Todes- und Sterbensproblems an. Hier kann man/frau schreiben lernen, um zu erleben, wie man im Philosophieren das Sterben lernen und die Todesangst vergessen kann..

Kreatives Schreiben von Haus­ arbeiten und Referaten

Creative Thinking.

2001 160 Seiten 7,40 Euro

2003 170 Seiten 10,- Euro

Das Buch führt in den kreativen Schreibprozess, seine Methoden und Techniken beim Schreiben von kürzeren wissenschaftlichen Texten, wie Referat und Hausarbeit, ein. Dabei werden hauptsächlich Erkenntnisse der amerikanischen Schreibforschung vorgestellt.

Praktische Philosophie fängt gerade in den Zeiten der Krise bei der Frage nach Gott am Nullpunkt an. Sie bearbeitet die transpersonalen Erfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte, leitet zur kreativen Durch­ arbeitung der Widerlegung und Beweise Gottes an.

Einführung in das Kreative Schreiben

Die Ideen­ fabrik

Bei einem Gang durch die „Ideenfabrik“ können Schüler, Studenten und Berufs­tätige die vorgestellten Methoden großer Denker der Geschichte kennen lernen und üben. Diese kreativen Denkmethoden regen zum Finden von Ideen an und sind auf die Erarbeitung von Referaten und Hausarbeiten zugeschnitten.

Von Wut und Tränen

Welt­ fluchten

Gedichte

Erzählungen

2002 244 Seiten 15,- Euro

2007 192 Seiten 9,80 Euro

20033 144 Seiten 7,40 Euro Dieses Einführungsbuch stellt die wichtigsten Schreib­techniken von Literatur vor, zeigt die geschichtliche Entwicklung der Tech­ ni­k en des Kreativen Schreibens auf und gibt Hilfestellungen beim Umgang mit Schreibstörungen.

1968 Ein Bildungs­ roman

auc h Hör als buc h

Die Vergangenheit erweckt Melancholie. Die Gegenwart erzeugt Wut. Durch diese Zeiten führen die Gedichte. Sie bannen die noch verborgene, neue Zukunft.

Selber denken 2011

Stand: März 2011

Die Meldungen überschlagen sich. Das Klima kippt. Die Erde hat Fieber. Grippen drohen. Der 3. Weltkrieg wird vorbereitet. Atombomben können in die Hände von Terroristen fallen. Die Weltmacht Amerika wankt. Die Apokalypse scheint ins Haus zu stehen … „Wie viel Apokalypse verträgt der Mensch?“

2008 250 Seiten 9,80 Euro CD: 9,- Euro

1968, das war für den Ich-Erzähler ein Lernprozess. Sein Lernresultat heißt: Statt Ökokrise lieber Öko­topia. Statt Globali­ sie­rungs­crash lieber Tobin-Steuer. Statt Verschwinden der Arbeit lieber Freiland. Statt materialistische De­pression lieber spirituelle Euphorie.

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2011 Lutz von Werder

Einführung in die Philosophische Lebenskunst Die Kunst ein philosophisches Tagebuch zu schreiben – eine Einführung –

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s gibt eine lange Geschichte der Philosophie, in der viele philosophische Systeme entstanden und wieder einstürzten. Die Entwicklung des Ichs blieb von den philosophischen Systembauten und ihrem Schicksal weitgehend unberührt. Es spielte in diesen Systemen auch keine Rolle. Die Philosophie der Lebenskunst stellt das Ich mit seiner Tragik und Dramatik in den Mittelpunkt des Selberdenkens. Philosophische Lebenskunst entwickelt die Hilfe der Vernunft, da wo der Einzelne sich Gefahren konfrontiert sieht. Sie versucht, Wege aus den Gefahren der Welt zu weisen. Sie setzt auf Methoden der konkreten philosophischen Selbsthilfe im Alltag. (Vgl. W. Schmid 1998, S. 10)

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as Ich kann sich reflektieren lernen und nimmt Abstand davon, das Leben einfach unbewußt vergehen und verschwinden zu lassen. Der Einzelne kann durch die Methoden der Lebenskunst seine philosophische Biographie erschließen, die Typik seiner natürlichen Weltanschauung erkennen, philosophische Selbstanalyse betreiben, konkrete Lebensbelastungen bearbeiten und sein Verhältnis zur Gesellschaft, Umwelt und Transzendenz klären. Philosophische Lebenskunst stellt sicher, daß der Einzelne sich im Leben nicht selbst verfehlt. Philosophische Lebenskunst wird das Bauen eines philosophischen Systems systematisch umgehen, aber konsequent philosophisches Selberdenken in allen möglichen Lebenssituationen entwickeln helfen. Philosophische Lebenskunst stärkt das Ich in einer postmodernen Gesellschaft, die mit allen Mitteln der Medien, der Werbung, der Ablenkung das Individuum in den Dienst nehmen will. Philosophische Lebenskunst unterstützt das Ich, um sein Leben fortwährend selbst gestalten zu können. Sie begleitet das Ich lebenslang im melancholischen Bewußtsein, daß das selbstgestaltete Denken und Leben scheitern muß und

fragmentarisch bleibt. Philosophische Lebenskunst ist in den Lebensprozeß verliebt, nicht in das Lebensprodukt. Philosophische Lebenskunst läßt den Einzelnen sich selbst finden: In seinem Glück und in seiner Tragik. Der Praktiker und die Praktikerin der philosophischen Lebenskunst schöpfen ihr Leben, ihr Gehirn und ihre kreativen Denkressourcen gründlicher aus als der, der sein Leben einfach nach dem „Schema F ’runterlebt“. Der Lebenskünstler und sein weibliches Pendant haben einen weiteren Horizont und kennen alle Typen von Weltanschauungen. Der Lebenskünstler weiß, wie die jeweilige Weltanschauung auf das Ich wirkt, und er wählt die ihm entsprechende. Er kennt die Entwicklung seines Denkens genauer als andere, die nur zeitgeistliche Meinungen von sich geben. Der Praktiker hat sich für die Weite der Methoden aus allen Philosophien der Welt entschieden, die das Leben und das Selberdenken steigern können. Er denkt deshalb nicht nur mit seiner linken, sondern auch mit seiner rechten Gehirnhälfte und verbindet so Gedanken und Bild. Er aktiviert nicht nur das Großhirn, sondern auch das mittlere und das Stammhirn und vermittelt Emotion und Vernunft. Er benutzt schließlich auch die trans­per­sonalen Gehirnteile, um im Endlichen den Aufschwung zur Transzendenz zu erleben.

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m Zentrum der philosophischen Lebenskunst steht die Wahl der Mittel und Methoden für den Ausbau der eigenen Biographie, die Vertiefung der eigenen Philosophie, die Wahl geeigneter Methoden für die Lösung konkreter Lebensaufgaben, die Wahl des nächsten Schrittes in der Selbstanalyse, die Wahl der Methoden für die Klärung der Beziehung zum Ich, Wir, den anderen und der Transzendenz, auf dem Weg nach innen. Philosophische Lebenskunst steht kritisch zu den Megaerzählungen des Marxismus, Faschismus und einer platten Aufklärungsideologie. Philosophische Lebenskunst bekämpft die Verlockungen des Nihilismus, die das Ich liquidieren will. Die ideale Praxis philosophischer Lebenskunst ist das philosophische Schreiben, weil es der Kern des Selberdenkens und das Medium der Wahl und Anwendung jeder Methode der Lebenssteigerung ist.

Das philosophische Schreiben basiert auf der Idee, daß die Welt Wille und Vorstellung ist (A. Schopenhauer). Der Wille ist schwer zu verstehen, aber die Vorstellung ist durch philoSelber denken 2011

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sophisches Schreiben zu entwickeln und zu vertiefen. Philosophisches Schreiben versteht, daß die Welt nicht Materie oder Idee, sondern Text ist. Philosophisches Schreiben eröffnet dem Einzelnen die Chance, am Welttext mitzuschreiben und die eigenen Texte auf der Festplatte des kosmischen Computers zu speichern. Das philosophische Schreiben verbindet die Erfahrung des Ichs in der physischen, psychischen und geistigen Welt. Es eröffnet dem Ich den Zugang zu geistigen Welt, von der Karl R. Popper sagt, daß sie wahrscheinlich schon vor der Entstehung der Erde bestand und ihre kurze Lebenszeit auch überdauern wird. Jean-François Lyotard sieht im philosophischen Schreiben die letzte Chance zum Widerstand gegen das sich beschleunigende und globalisierende System Ich-fremder Diskurse. Philosophisches Schreiben ist die zentrale Entschleunigungstechnik.

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ie ideale Praxis des philosophischen Schreibens ist das Tagebuch. Das Schreiben eines philosophischen Tagebuchs ist die ideale Einführungspraxis in die philosophische Lebenskunst. Das philosophische Tagebuch wird nicht einfach hingeschrieben. Es ist etwas anderes als eine zufällige Ansammlung von Gedanken des Zeitgeistes im individuellen Arrangement. Es stellt ein Selberdenken von Tag zu Tag vor, das sich mit allen Methoden der philosophischen Lebenskunst vertraut macht, um sie ständig für alle Fälle parat zu haben. Das philosophische Tagebuch hilft so bei der philosophischen Ich-Analyse wie bei der philosophischen Ich-Überwindung. (Vgl. G. R. Hocke 1978) Dieses Buch ist entstanden im Projekt „Philosophische Lebenskunst“, das von der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin Hellersdorf unterstützt worden ist.

Ne Lutz von Werder:

EInführung in die Philosophische Lebenskunst

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Die Kunst ein philosophisches Tagebuch zu schreiben EUR 12,20112 207 Seiten ISBN 3-933978-04-1

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2011 Angelika Driesner, Hannelore Wollert, Karin Regierer

Das philosophische Atelier – Eine Einführung –

Das philosophische Atelier

Ein Beispiel aus der Praxis:

Das philosophische Atelier existiert • In der Realität • Im übertragenen Sinne in der Form dieses Buches und • Als ein Ort, der überall dort erschaffen werden kann, wo über das Grundsätzliche im Leben gestaunt wird und die fragende Neugierde des Selber-Philosophierenden einsetzt. So kann das philosophische Atelier das eigene Arbeitszimmer oder der Fernsehsessel sein oder das Gespräch in der Eck-Kneipe, ebenso wie Momente im gesellschaftlichen oder im beruflichen Leben. Das philosophische Atelier ist somit zeit- und raumlos, in gewisser Weise „virtuell“. Sein Ziel ist es, in allen drei Formen ein Forum zu sein, das zum kreativen Experimentieren mit dem Selber-Philosophieren einlädt. Die Leserin oder der Leser haben damit die Möglichkeit, dieses Buch gleichsam zu ihrem persönlichen Atelier zu machen. Im philosophischen Atelier wird kein spezieller philosophischer Inhalt vermittelt. Was verdeutlicht werden soll, ist der Ablauf des Philosophier-Prozesses als solcher. Es wird Einblick in seine Anatomie gegeben. Wie man die philosophischen Methoden und Techniken erproben kann, dafür finden die Leser viele Beispiele und Anregungen. Außerdem ist das vorliegende Buch so ausgestaltet, dass es selbst zu einem Beispiel für den Prozess des Philosophierens wird. Ein weiteres Ziel ist, den Nutzen des Selber-Philosophierens für das eigene Leben aufzuzeigen. In diesem Zusammenhang bildet die Entwicklung von bestimmten philosophischen Fähigkeiten, die für ein glückliches, gelungenes Leben eingesetzt werden können, den Schwerpunkt, der insbesondere im Teil II ausgearbeitet wird. Was nicht zu den Zielen des philosophischen Ateliers – in keiner seiner Ausgestaltungsformen – gehört: Es ist nicht beabsichtigt, die aufgeworfenen Fragen und angeschnittenen Themen nach allen Regeln der professionellen philosophischen Kunst systematisch auszuarbeiten und mit in sich schlüssigen Argumentationsketten abschließend zu beantworten. Letzteres wird zwar als systematischer Schritt für Interessierte genannt; er kann, muss aber nicht vollzogen werden.

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Die Arbeitsweise im Atelier Im philosophischen Atelier wird • als ganzer Mensch, • mit allen Sinnen und • mit allen unseren geistigen Fähigkeiten • über alle Lebensbereiche philosophiert. Dabei geht es in erster Linie um das Experimentieren mit philosophischen Methoden und Techniken, um Entwürfe, Skizzen, Gedankensplitter und Arbeitsthesen mit dem Ziel, den Prozess des Selber-Philosophierens überhaupt erst einmal in Gang zu bringen. Dieses Vorgehen eignet sich auch dafür, Blockierungen, die insbesondere beim systematischen Philosophieren immer wieder auftreten können, mit kreativen Mitteln aufzulösen. Selber denken 2011


Wie in einem richtigen Atelier werden folglich das kreative Chaos, die schöpferische Unordnung und das Vorläufige bewusst kultiviert. Das philosophische Atelier versteht sich im wahrsten Sinne des Wortes als „Werkstatt des Geistes und der Inspiration“. Diese Arbeitsphase ist ein grundlegender Schritt im kreativen Prozess des Philosophierens und der notwendige Vorlauf für die Erarbeitung einer philosophischen Antwort mit in sich schlüssigen Argumentationsketten. Bildlich gesprochen, wird demzufolge im Atelier statt analytisch-linear eher im Sinne eines Hologramms gearbeitet, ähnlich wie bei gestaltenden Künstlern, Musikern oder Schriftstellern: Sie beginnen mit vielen Einfällen, „verdichten“ sie dann immer mehr, bis die „Dichtung“ ihre endgültige Gestalt annimmt. Manches Werk bleibt aber auch unvollendet, wie die berühmte Symphonie Schuberts, und besticht dennoch durch die Schönheit des Schwebend-Vorläufigen. Darüber, ob die selbst erarbeiteten Ergebnisse sich als brauchbar erweisen, entscheidet allein der Bewährungstest im Alltag des einzelnen. Damit wird das Selber-Philosophieren auch zu einem Lern-Prozess, der selbst gesteuert wird und keinerlei Bewertung von außen bedarf. Der Selber-Philosophierende entscheidet selbst über die „Richtigkeit“ oder „Wahrheit“ seiner Ergebnisse.

Selber-Philosophieren mit selbst gewählter ethischer Orientierung Philosophieren bleibt im Theoretischen, wenn kein Bezug zum täglichen Leben mit seinen Herausforderungen hergestellt wird. Deshalb befasst sich kreatives Selber-Philosophieren mit Fragestellungen des Alltags. Die gefundenen Antworten, Erkenntnisse und Einsichten sollen den Philosophierenden dazu befähigen, sie in konkretes Handeln umzusetzen. Aber wie soll der Mensch handeln? Das ist eine klassische Frage der Ethik, die sich insbesondere kreativ Selber-Philosophierende stellen sollten, sofern sie sich nicht in dem Rausche der Kreativität verlieren wollen (was auch eine lohnende Erfahrung sein kann). Verkürzt gesagt, wird in der Ethik davon ausgegangen, dass Denken und Handeln miteinander im Einklang sein sollten. Eine Art „Kompass“ für das persönliche Handeln gemäß den Antworten, die philosophierend gefunden wurden, ist eine selbst gewählte ethische Orientierung. Sie ist es, die dem Leben eine tiefere, eine philosophische Dimension verleiht. Um diese ethische Orientierung zu entwickeln, finden die Leserinnen und Leser Beispiele und Inspirationen, vor allem im letzten Teil des Buches.

Eine originelle Geschenkidee: Dieses Buch zum persönlichen philosophischen Buch umgestalten

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ISBN 3-937895-08-6 2005 200 Seiten EUR 13,50 Selber denken 2011

a die Autorinnen selbst immer wieder neue Facetten ihrer Kreativität philosophierend entdecken, haben sie dieses Buch so konzipiert, dass es die Leserin oder der Leser anhand der Anleitungen mit ihren eigenen kreativen Ideen ausgestalten kann. Dadurch wird es zum persönlichen philosophischen Buch. Das eigene Buch würde nicht nur den häuslichen Bücherschrank zieren, sondern wäre auch ein ausgefallenes Geschenk, das sicher Aufsehen erregt. Die so Beschenkten finden dann ihrerseits vielleicht auch Spaß und Freude am kreativen Philosophieren in ihrem Alltag. Daraus können sich im Freundes- und Bekanntenkreis neue, interessante Gesprächsthemen ergeben. Es fallen einem kreative Ideen für die Bewirtung von Gästen, die Gestaltung von Parties und für weitere philosophische Geschenke aus dem eigenen philosophischen Atelier ein. Kreatives Selber-Philosophieren wird damit zu einer unendlichen Lebensgeschichte. So ist das Buch „Das philosophische Atelier“ weit mehr als nur ein Buch. Es kann zu einem ständigen, vertrauten Wegbegleiter werden, mit dem jeder seinen persönlichen Zugang zum kreativen Selber-Philosophieren mit allen seinen Sinnen und zu seinem eigenen unverwechselbaren Philosophier-Stil findet. Mit dieser Art des Philosophierens im Alltag kann der Persönlichkeit eines jeden eine neue, bereichernde Dimension hinzugefügt werden, die sich inspirierend auf alle Lebensbereiche auswirkt. Das Wichtigste dabei ist, Spaß am kreativen Philosophieren zu haben und alles zu vergessen, was bisher als hinderlich angesehen wurde, um sich diesem Thema zu widmen.

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2011 Angelika Driesner

Die spirituelle Revolution des Sokrates Ein Philosophisches Café über den Sinn des Lebens

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n der Geschichte des Abendlands waren Kaffeehäuser immer schon Treffpunkte visionärer Freigeister und Querdenker. Der schwarz-süße Trank beflügelt den Geist und verleiht kreativen Mut zum Erproben neuer Möglichkeiten menschlicher Existenz. Im schöpferischen Austausch von Gedanken, Visionen und Utopien politischer, sozio-kultureller oder spiritueller Art wurden in den Philosophischen Cafés neue Wege des Denkens betreten und neue individuelle oder gesellschaftliche Lebensentwürfe diskutiert. Anknüpfend an diese Tradition wurde in der Gemeinde der Kreuzkirche am Hohenzollerndamm in Berlin ein Experiment gewagt: Unter der fachlichen Anleitung der praktischen Philosophin, Angelika Driesner, trafen sich 10 Teilnehmer/Innen, um der Frage nachzugehen: „Philosophieren – wie macht man das?“ Zunächst hörte sich alles so an, als unterscheide sich die Teilnahme an diesem Philosophischen Café nicht wesentlich vom Besuch eines Mal- oder Sprachkurses, wo man zwar etwas lernt, das Gelernte jedoch den persönlichen Alltag der Teilnehmer/Innen nicht wesentlich beeinflusst. Doch dann kam alles ganz anders. Ein Teilnehmer regte an, das Thema auf die folgenden mit einander verbundenen Fragen anzuwenden, die sich alle Menschen beantworten müssen, wenn sie ein reflektiertes Leben führen wollen:

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• Was ist der Sinn des Lebens? • Woher bekomme ich Orientierung? • Wie soll ich handeln?

ildlich gesprochen, gesellte sich von nun an Sokrates, der Ahnherr der Philosophischen Cafés, zu den Teilnehmern/Innen und verlangte seinen umstürzlerischen Tribut. Mit seinen klassischen Fragen „Was ist eigentlich...?“ und „Woher weiß ich etwas?“ zeigt er seinen Gesprächspartnern unnachgiebig auf, dass ihr vermeintlich gesichertes Wissen nur auf tönernen Füßen steht, dass sie eigentlich gar nicht genau wissen, was sie mit einem bestimmten Begriff aussagen wollen: Was ist eigentlich ein „Sinn“, eine „Orientierung“, eine „Handlung“? Und: Woher weiß ich denn, was ich selbst darunter wirklich verstehe? Welcher Gedanke soll mit dem Begriff „Sinn“ zum Ausdruck gebracht werden? Habe ich schon einmal darüber nachgedacht, in welchen unterschiedlichen Zusammenhängen er verwendet wird und wie sich die Bedeutung je nach Zusammenhang verändert? Verwende ich nur ein

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leeres sprachliches Muster, das keinen Gedanken in sich trägt? Denn, wie der Philosoph, Peter Bieri, seinen Erstsemestlern immer wieder einprägte:„Nicht jeder wohlgeformte Satz ist auch ein Gedanke.“

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ngesichts dessen hätten Außenstehende vielleicht milde lächelnd gesagt: „Lasst doch die Frage nach dem Sinn des Lebens lieber fallen. Darüber haben sich schon viele Menschen Jahrhunderte lang vergeblich den Kopf zerbrochen. Nehmt lieber etwas Leichteres.“ Aber ist es wirklich so, dass man sich dieser existenziellen dreiteiligen Fragenkette nicht stellen sollte, nur weil sie schwierig erscheint? Liegt in der Beschäftigung mit dem Sinn und der Orientierung, von der ich mein Handeln ableite, nicht gerade die philosophische Herausforderung schlechthin, um ein gelungenes Leben in Würde und innerem Frieden zu führen? Philosophieren heißt, den Mut aufzubringen und die Flamme der Leidenschaft zur sokratischen Selbsterkenntnis hell auflodern zu lassen. „Das ist der Grund, warum es Philosophie gibt. Sie ist der Weg und die Anstrengung, über die grundlegenden gedanklichen Dinge, die uns beschäftigen, Klarheit zu gewinnen.“ (P. Bieri Handwerk der Freiheit, Fischer Taschenbuch Verlag, 9. Aufl., Februar 2009, S. 26)

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ieses Feuer im Geist der Teilnehmer/Innen wurde entfacht, als die allgemeinen Fragestellungen im Sinne der praktischen Philosophie umformuliert wurden: Was ist der Sinn meines Lebens? Woher bekomme ich meine Orientierung, nach der ich in meinem Leben handeln will? Damit wurde der Sprung zum Erforschen der eigenen menschlichen Essenz gewagt. Und hier erweiterte sich der Kreis der um Selbsterkenntnis Ringenden um einen weiteren spirituellen Revolutionär in der Geschichte der Philosophie: René Descartes. Er wagte es, die damals als blasphemisch gebrandmarkte Frage nach der Existenz Gottes in sein methodisches Zweifeln einzubeziehen, um zu erkunden, wer er in seiner menschlichen Essenz sei.

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uf die Frage „Woher leite ich den Sinn meines Lebens ab?“ antworten gläubige Menschen: Von Gott. Aus Sicht der Theologie ist das eine hinreichend begründete Antwort, weil die Existenz Gottes als letzte Instanz axiomatisch als wahr vorausgesetzt wird. Descartes aber fragte genau an dieser Stelle weiter: Existiert Gott überhaupt? Und woher weiß ich das mit Sicherheit? Diese grundlegenden ZweiSelber denken 2011


fel führten Descartes in die qualvolle Finsternis seiner Seele. Und welcher reflektierende gläubige Mensch könnte von sich sagen, er habe angesichts von Schicksalsschlägen oder dem Zustand der Welt nie an der Existenz Gottes oder zumindest an seiner Allmächtigkeit, seiner Güte und Liebe gezweifelt? Hier war jeder reflektierende Gläubige persönlich gefordert, philosophierend seine eigenen Antworten zu finden - und sie im ersten Wurf als ungesichert und vorläufig zu erkennen. Das ist der Mut spirituell Suchender.

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enn im Philosophischen Café in der Kreuzkirche nach dem Sinn des eigenen Lebens gefragt wurde und alles Wissen, alle Überzeugungen und letztendlich auch der Glaube mit den sokratischen Fragen und dem methodischen Zweifel Descartes auf den Prüfstand gestellt wurden, dann zeigte sich deutlich die revolutionäre Kraft des Philosophierens als einer existenziellen Herausforderung, ohne die tiefgreifende Selbsterkenntnis nicht möglich erscheint.

„Revolution“ seinen ursprünglichen Sinn des Sich-um-drehens, um sein Leben im Hinblick auf die eigene Stellung im Kosmos zu überdenken. Die unterschiedlichen im Plenum vorgestellten Antworten waren wie Aussichtstürme, von denen aus sich der Horizont weitete, um die bereichernde Sicht auf die mannigfaltigen Ausprägungen menschlicher Existenz in ihrer physischen, mentalen und spirituellen Dimension freizugeben. Weitere Infos zum Philo-Café: Angelika Driesner: MM.2.Driesner@t-online.de

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ie Zeit zwischen den Treffen im Philosophischen Café wurde von den Teilnehmern/Innen aktiv genutzt, um anhand von anleitenden Fragebögen mit eigenen Antworten zu experimentieren. Sie erkannten, dass hinter der Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens und der Orientierung für sein eigenes Handeln die zentralen philosophischen Fragen verborgen sind: Wer bin ich? Wer will ich sein? Ist mein Handeln mit dem Sinn meines Lebens und meiner davon abgeleiteten Orientierung im Einklang, sodass ich inneren Frieden empfinde? Ist in meiner jetzigen Lebensphase noch alles sinnvoll, woran ich mich bisher orientiert habe? Inwieweit handle ich überhaupt selbstbestimmt? Hier erlangt der Begriff Selber denken 2011

ISBN 3-937895-08-6 2005 200 Seiten EUR 13,50

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2011 Lutz von Werder

Die neue Existenzphilosophie des 21. Jahrhunderts Das radikale Fragen in meiner philosophischen Praxis

1. Die eigene Existenz­erfahrung als Ursache des radikalen Fragens

2. Existentielle Philoso­phie als ­­ radikales Fragen

Wenn man die Fragwürdigkeit dieses Lebens erlebt, kommt man sehr schnell darauf, sich über dieses Leben nachhaltig und radikal Gedanken zu machen.

Existentielle Philosophie ist radikales Fragen. Das radikale Fragen hat mit der Frage begonnen:

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uerst begegnete ich im 2. Weltkrieg, als Kind, der Unheimlichkeit der Welt und der Heimatlosigkeit des Menschen. Mir wurde in der Jugend klar, dass Heroismus notwendig ist, es in dieser Welt länger auszuhalten. Denn der Einzelne erfährt sich immer wieder verloren in der Masse. Es war deshalb im jungen Erwachsenenalter notwendig, das eigene Leben aus seinem eigenen Gesetz heraus zu verstehen: aus dem Ich. Es ging darum, die Leidenschaften zu entdecken, subjektiv zu werden und die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Damit ergab sich in der 68er Zeit das radikale Fragen nach sich selbst, verschärft durch die Erkenntnis der engen Zeitlichkeit des eigenen In-die-kapitalistische-WeltGeworfen-Seins. Es galt, die philosophischen „Gehäuse“ und die ökonomischen und politischen Systeme zu hinterfragen, um die Grundfragen zu erkennen, die die Welt heute besonders in der 2. Weltwirtschaftskrise an das Ich stellt. Dabei wurde mir im 21. Jahrhundert noch klarer: Der Mensch kann ein weltzerstörendes oder welterhaltendes Wesen sein. Mit anderen, mit dem Du und dem Wir kann das Ich die Welt aber auch zur Heimat gestalten. Dann erkannte ich: „Ich bin, aber ich habe mich nicht. Deshalb werden wir erst.“ (Ernst Bloch)

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„Warum ist überhaupt etwas, und warum ist nicht vielmehr nichts?“

n „Sein und Zeit“ bezeichnet Martin Heidegger zum Bespiel die Frage nach dem Sein „als die Fundamentalfrage“ (M. Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 1960, S. 5). Im Wintersemester 1921/22 bezeichnete Heidegger die radikale Fraglichkeit als Wesen der Philosophie. Er sagte: „Das eigentliche Fundament der Philosophie ist das radikale existentielle Ergreifen … der Fraglichkeit. Sich und das Leben und die entscheidenden Vollzüge in die Fraglichkeit zu stellen, ist der Grundbegriff aller und der radikalsten Erhellung.“(M. Heidegger: Phänomenologische Interpretation zu Aristoteles. Frankfurt 1994, S. 35, 37, 153) Dieses radikale Fragen spitzt sich im 21. Jahrhundert erheblich zu. Die radikale Frage des Existentialismus des 21. Jahrhunderts lautet: „Warum lässt der Mensch überhaupt etwas sein, und warum befördert er nicht alles ins Nichts?“

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s geht also im Fragen auszuharren, im Zustand der Anspannung. Denn wenn das existentielle Philosophieren das radikale Fragen aufgibt, dann verrät es ihr eigenes Wesen. Das radikale Fragen fragt heute nach dem Ich, der Welt, der Revolution und nach Gott als den entscheidenden Fragwürdigkeiten unserer Epoche. Muss aber das radikale Fragen sich nicht selbst in Frage stellen? So ist zu fragen. Es kann sich in Frage stellen und verstummen. Es kann aber auch die Tradition des radikalen Fragens im Existentialismus fortführen und dabei auf neue Antworten stoßen. Statt zu verstummen, wird in meiner Philosophie weiter gefragt – in radikaler Absicht, die auch die Wurzeln der Gesellschaft des Staates, des Ichs und Gottes in Frage stellt. Denn alles Fragen rührt aus der Fragwürdigkeit der Gesellschaft und des Staates, die das Ich zutiefst gefährden. Selber denken 2011


3. Die skeptische Erkenntnistheorie und das radikale Fragen der Existenzphilosophie des 21. Jahrhunderts

4. Die alte Existenzphilosophie und die Existenzphilosophie des 21. Jahrhunderts

eute im Turbo-Kapitalismus sind alle Traditionen und Werte endgültig fragwürdig geworden. Überall kämpfen Meinungen und Philosophien um die absolute Wahrheit. Dabei wird oft unterschlagen, dass alle heutigen Erkenntnisse nur relative menschliche Meinungen auf Zeit sind. Das Absolute der Wahrheit wird von keiner Philosophie oder Wissenschaft erfasst. Überall gibt es nur Ausschnitte der Wahrheit. Alle Urteile sind vorläufig und repräsentieren erst in ihrer Geschichte ihre relative Wahrheit.

ie alte Existenzphilosophie, von Sören Kierkegaard und Max Stirner im 19. Jahrhundert angeregt, entstand in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg auf dem Höhepunkt des Imperialismus, der die Individuen in den Massenschlachten ins Nichts beförderte, die Religion völlig blamierte und die großstädtischen Lebensformen als große Einsamkeit etablierte. Karl Jaspers: „Philosophie in drei Bänden“ von 1932 und Martin Heideggers „Sein und Zeit“ von 1926 waren die ersten grundlegenden Texte.

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Also ist radikales Befragen aller Philosophien in ihrer geschichtlichen Entwicklung die einzige richtige philosophische Konsequenz. Dieses Fragen zielt im Interesse existentieller Freiheit auf die Destruktion aller dogmatischen Denktendenzen. Dieses radikale Fragen wird vom Wesen des Turbo-Kapitalismus erzwungen. Der Mensch kann heute mit Atomkraft, Gentechnik und Weltfinanzmarkt vieles herstellen, dessen Wirkung er sich gar nicht vorstellen kann. Die dogmatische Philosophie bleibt hinter der Produktion, hinter dem globalisierten Finanzmarkt, hinter der Gefahr der Wiederkehr von Auschwitz weit zurück. Die „Antiquiertheit des Menschen“(G. Anders) erfordert das radikale Fragen. Es gilt zu fragen, ob in der – der Erkenntnis entzogenen – Weltveränderung sich nicht die Weltzerstörung, ob in der Menschenverbesserung sich nicht die Abschaffung des Menschen verbirgt.

In Frankreich entstand der Existentialismus während und nach dem 2. Weltkrieg. Albert Camus: „Mythos von Sisyphos“ von 1942 und Jean Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“ von 1944 waren seine Vertreter. Alle verband die Frage nach dem authentischen Ich und seiner Existenz.

Mit gutem Grund haben sich deshalb die Grundfragen der Philosophie in der Moderne rasant radikalisiert. Im 18. Jahrhundert der Aufklärung stellte Immanuel Kant noch folgende bescheidene Fragen: „Was kann ich wissen? Was kann ich tun? Was kann ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Heidegger im 20. Jahrhundert stellte nur noch die Grundfrage: „Warum ist nicht Nichts?“ Der Existentialismus des 21. Jahrhunderts muss viel weiter fragen: Wie kann ich überhaupt noch existieren? Werden die Bösen nicht immer böser?

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ie neue Existenzphilosophie des 21.­Jahrhunderts ist wie die alte einer fundamentalen, aber viel radikaleren Gesellschaftskrise geschuldet. Die neue Existenzphilosophie entstand lange nach dem 2. Weltkrieg, nach Hiroshima, Vietnam, dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem BeinaheZusammenbruch des Weltfinanzsystems und dem drohenden Klimakollaps. Der globalisierte Kapitalismus droht sich in ein Monster zu verwandeln, das keiner erwartet hat. Die totale Manipulation der Massen wird elektronisch gesichert, und gleichzeitig baut sich die atomare Weltzerstörung in neuen Formen aggressiver Blockbildung wieder auf. Die Herausforderung ans Individuum zum Überleben ist an Radikalität nicht zu überbieten. Zugleich liegt ein Schleier des Schweigens über der Prekarität der Weltsituation. „Es ist doch alles prima. Ihr jammert auf hohem Nieveau“, sagen die Blauäugigen. Die alte Existenzphilosophie nach dem 1. Weltkrieg stellte sich noch folgende Fragen: • Wie kann das Ego seinen Ekel an der Welt überleben? (Sartre) • Soll ich mich in einer absurden Welt sofort umbringen? (Camus) • Was bin ich wirklich in meiner Isolation? (Jaspers) • Wo bleibe ich angesichts des Daseins zum Tode? (Heidegger) Die radikalen Ich-Fragen sind das Merkmal des alten und neuen Existentialismus. Allerdings, da die Krise der Gesellschaft heute radikaler ist, haben sich die existentiellen Fragen seit dem 20. Jahrhundert verschärft. Es gibt deshalb die Fragen eines Existentialismus des 21. Jahrhunderts.

Kann ich erfragen, was mein Bedürfnis nach Sinn überhaupt noch befriedigt?

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5. Die Fragen des Existentialismus des 21. Jahrhunderts

6. Die Antworten des Existentialismus des 21. Jahrhunderts

er neue Existentialismus ist seit 18 Jahren in Berliner Philosophischen Cafés entstanden. Er speist sich aus dem radikalen Wissenswillen der Caféhaus-Philosophen aus Ost- und Westberlin. Er nimmt auf keine akademische Tradition Rücksicht. Er will heran an die gesellschaftlichen Wurzeln des Zwiespaltes zwischen spätkapitalistischer Welt und Ich.

6.1 Zum Ich: Was bleibt vom Ich in einer absurden Welt? Wenn man mit dem Ich anfängt, weil es sich absolut aufdrängt, erfährt man:

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Meine Philosophischen Cafés haben sich deshalb über Jahre als Foren philosophischer Lebenskunst mit der „Philosophie für Verliebte“ (2000), der „Mystik für Gipfelstürmer“ (2003), dem „Großen philosophischen Gelächter“ (2004), der „Eigenwilligkeit“ (2005) und der „Philosophie als Psychotherapie“ (2006) befasst. Zu allen diesen Themen liegen Bücher von mir im Schibri-Verlag vor. An die wirklich radikalen Grundfragen, die die philosophische Lebenskunst erheblich politisierte, stießen dann die Philosophischen Cafés mit den Themen: „Wie finde ich meine eigene Religion?“ (2007), „Das Wunder des Atheismus“ (2008), „Geht die Welt unter – und wenn ja, warum?“ (2009) und „Neue Wege ins Paradies. Zur Philosophie der spirituellen Revolution“ (2010/11). Diese Philosophischen Cafés und ihre Bücher entdeckten nun die wirklichen Grundfragen unserer Zeit. Damit ließen sich die neuen Fragen des neuen Existentialismus formulieren. Sie lauten: 1. Was bleibt vom Ich in einer absurden Welt? Solipsismus, Autismus, Selbstmord oder Solidarität? 2. Wie steht es um die Welt: Untergang oder Neuanfang? 3. Was kann das Ich zum Neuanfang, zur kommenden Revolution beitragen: stillhalten oder direkte spirituelle und situationistische Aktionen? 4. Was ist mit dem Ich nach dem Tod Gottes: Humanismus, Naturmystik oder gottlose Mystik?

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ie im alten Existentialismus stehen auch im neuen Existentialismus das Ich und seine Existenz im Zentrum. Vom Ich geht alles radikale Fragen aus. Dem Ich dient alles radikale Fragen in die gesellschaftlichen Abgründe. Dem Ich sollen auch alle Antworten helfen auf der Höhe einer „dürftigen Zeit“ zu bleiben. Auf der Höhe einer Zeit, die immer noch die Signatur der „eindimensionalen Gesellschaft“ eines stählernen Gehäuses annimmt, von der die „kritische Theorie“ (Adorno/Horkheimer) sprach, als sie, etwas voreilig, den endgültigen Untergang des Ichs propagierte. Kommen wir also zu den neuen radikalen Ich-Fragen und ihren Antworten.

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Ich bin, aber ich habe mich nicht. Ich frage die Welt nach ihrem Sinn, aber sie antwortet nicht.

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ch erkenne: Die Biografie meines Ichs weist einen Trend auf. Das Verhältnis von Welt und Ich wird immer unheimlicher. Das subjektive Lebensgefühl verdichtet sich zum verzweifelten Bewusstsein einer individuellen Existenz, die zwischen Wut und Tränen radikal fragt und darin existiert. Das radikale Fragen beginnt mit dem radikalen Zweifel des René Descartes am Ich und entwickelt sich weiter mit der Trennung Immanuel Kants von Welt und Ich. Die Abdankung des Ichs in der Psychoanalyse von Arthur Schopenhauer bis Sigmund Freud war nur eine notwendige Konsequenz. Auf dem Höhepunkt der kapitalistischen Globalisierung erscheint die Zerstörung des Ichs in der modernen Gehirnforschung. „Ich werde sie davon zu überzeugen versuchen, dass es das Ich gar nicht gibt“, sagt Thomas Metzinger. Die moderne Gehirnforschung ist sich sicher, „dass das Ich nicht der große Steuermann ist, für den es sich selber hält“ (G. Roth: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt 2003, S. 395). Die moderne Gehirnforschung basiert auf dem Ich-Hasser David Hume, der sagte: „Das Ich ist nur ein Bündel von Trieben“ oder auf Darwins Mitarbeiter Aldous Huxley, der sagte: „Das Ich ist nur ein Epiphänomen neuronaler Prozesse“ oder auf den russischen Psychologen Iwan P. Pawlow, der schrieb: „Das Ich ist ein lernender Automat“ oder auf Richard Dawkins, der behauptete: „Das Ich ist nur das Vehikel der Gene“. Das Ich ist für die Gehirnforschung nur ein neuronales Gehirnkonstrukt. Es lässt sich leicht in acht Ichs aufteilen: Körper-Ich, Verortungs-Ich, perspektivisches Ich, Erlebnis-Ich, Kontroll-Ich, autobiografisches Ich, selbstreflexives Ich, ethisches Ich, auch Gewissen genannt (G. Roth, a.a.O., S. 379f.). Trotz dieser vielen Ichs kann die Gehirnforschung nicht erklären, wie es zu einem einheitlichen Handeln, Denken und Fühlen des Ichs kommt.

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esellschaft, Staat, Kultur, Interaktion und Sprache kommen bei der Konstitution des Ichs in der konservativen Gehirnforschung überhaupt nicht vor. Nachdem das Gehirn zwei Millionen Jahre nur Steinzeitprodukte hergestellt hatte, ist das gleiche Gehirn seit 500 Jahren dabei, die Realität durch die industrielle Revolution und Medienrevolution total zu verändern. Bei dieser Veränderung entsteht erst das bürgerliche Ich als vereinzeltes Einzelnes. Das bürgerliche Ich ist nicht im Gehirn, sondern in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Ich befinde mich nicht im Gehirn, sondern in meinem Körper unter den Zwängen von Staat, Kapital und Medienkultur. Wobei Theodor W. Adorno kritisch festgestellt hat: „Die Gesellschaft,

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die das Ich hervorgebracht hat, ist dabei, es auch wieder abzuschaffen.“ Das Ich und das Gehirn sind mittels des Gehirns, des Leibes mit Augen, Ohren, Mund, Armen und Beinen und der Arbeit eine gesellschaftliche Beziehung. Hinterfragen wir die Gehirnforschung radikal, so ergibt sich: 1. Das Ich lässt sich nicht aus neuronalen Prozessen primär ableiten. 2. Zwischen den neuronalen Prozessen und dem Erleben des Ichs klafft eine unüberbrückbare Erklärungslücke. 3. Das Ich ist nicht naturwissenschaftlich allein zu erklären. Man verfehlt es, wenn man die freie Lohnarbeit als seine Basis negiert. 4. Kapitalismus, Staat, Kultur und Ich-Bildung haben eine andere Logik als die Logik der Neuronen, die ja seit Millionen Jahren sprachlos sind. 5. „Das Ich ist ein Zwitter, in dem sich biologische, soziale und kulturelle Bedingtheiten gleichberechtigt mischen“, sagt Wolf Singer in: „Ein neues Menschenbild?“ (Frankfurt 2003, S. 15, 22, 25, 31f.) 6. Es gibt deshalb keinen Ort im Gehirn, „wo eine neuronale Substanz zu finden wäre, die Ich sagt“ (W. Singer, a.a.O. S. 41). 7. Das Ich ist also als ein spätes, aber reales Produkt der Hirn-, Kultur-, Natur-, Interaktion- und Evolution auf kapitalistischer Basis zu verstehen.

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ein Ich ist mir wichtig. Es geht mir nichts über mein Ich. Denn: Ich erkenne genau, dass die Natur mit mir nicht viel anfangen kann. Ich erkenne, dass der Staat mir eine passende Identität aufzwingt, die ich nicht will. Ich weiß, dass das Kapital mich flexibel und brav haben will, ausbeutbar. Ich bin sicher, meine Wahlstimme alle vier Jahre zählt überhaupt nicht. Mein Ich kommt in der Politik nur als Unsicherheitsfaktor vor. Diese Welt treibt mich in den Narzissmus, in die Depression, in die Suizidalität und in den Solipsismus. Aber dagegen setze ich den Gedanken: „Wir sind, aber wir haben uns nicht. Aber vielleicht werden wir erst.“ (E. Bloch) Ich suche nach Existenzen in Solidarität, denn der Blick in den Spiegel hilft nicht weiter. Ich sage mir seit langem: „Beklage Dich nicht – philosophiere“ (L. v. Werder, Schibri Berlin 2006).

6.2 Zur Welt: Wie steht es um die Welt? Untergang oder Neuanfang? essimisten streiten mit Optimisten über die Weltlage. Die Pessimisten sagen, die Apokalypse entspringt der Materie, die die Welten entstehen und vergehen lässt. Die Apokalypse kann durch die Atombombe, durch die Wissenschaft, durch die Todeskrise des Kapitals herbeigeführt werden. Das Wachstum wird scheitern. Unser Planet ist bald ausgeplündert. Zu viele Krisen kommen heute auf einmal. Nicht nur Viren, auch die Religionen und der Klimawandel können uns alle umbringen. Aber ohne Menschen macht die Natur noch Milliarden Jahre weiter.

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Ein einfacher Widerspruch Der Optimist sagt: Der Optimismus siegt, wenn er realistisch bleibt und das Unmögliche versucht. Die Menschheit wird nur mit Herausforderungen konfrontiert, die sie lösen kann. Die gesunde Seele hat ein unerschütterliches Vertrauen in die Welt, weil sie oft erfährt, es gibt Chancen, die noch gar nicht erkannt worden sind. Im Unbewussten stellt der Lebenswille die individuelle Woge des kosmischen Stroms dar, der alle Hindernisse überrennt, vielleicht auch den Tod. Schon in ihren Tagträumen ist die Menschheit in der Heimat, die vielleicht der eine oder andere in seiner Kindheit erlebt hat. Das Sein schweigt schon immer. Aber das Erlebnis der Freiheit zeigt deutlich, der Mensch kann noch mehr machen, als was er bisher aus sich gemacht hat. Gerade das Absurde der menschlichen Situation zwingt den Menschen zum Äußersten, und das Äußerste ist ein höherer Mensch, von dem schon lange die Sage spricht. Wenn auch der Lebenstrieb mit dem Todestrieb in der menschlichen Seele kämpft, so spricht alles dafür, dass der Lebenstrieb letztlich siegt, weil das Leben einfach nicht klein beigeben kann. Aus der großen Tradition des Humanismus lebt das Leben, weil es das Projekt Menschheit für die schönste Idee hält, die der Kosmos kreiert hat. Die Welt, wie sie ist, wird dadurch gerechtfertigt sein, dass der Uterus möglich war und ein monatelanges Schweben jedes Fötus. Der Pessimismus wendet gegen die Lehre des Optimismus folgendes ein: Die Menschheit hat alle Herausforderungen schon verspielt. Die gesunden Seelen landen alle im Irrenhaus. Der kosmische Elan ist ein Epos des Verfalls. Die Alpträume überwuchern die Tagträume. Die Freiheit wird von vielen Menschen geflohen. Das Leben hat schon verloren. Der Humanismus ist korrumpiert. Der Uterus ist ein Traum, der vergeht und niemals wiederkommt. Optimismus steht gegen Pessimismus. Pessimismus muss immer wieder die Position des Optimismus widerlegen. Er ist vom Optimismus abhängig, wie der Junkie von der Spritze. So lange die Welt besteht, hat der Optimismus Recht, wenn die Welt vergeht, hat der Pessimismus Recht. Aber dann ist keiner mehr da, der diesen Sieg feiern wird. Deshalb feiert das Leben sich heute schon selbst.


Die Optimisten sagen: Alle Apokalyptiker sind Lügner und falsche Alarmisten. Die Weltgeschichte geht gut aus. Die Utopie schlägt die Apokalypse. Statt Apokalypse droht eher Bürgerkrieg. Die Apokalypse ist durch eine grüne Diktatur zu stoppen. Das Weltkrisenmanagement und die Weltrettungstechniken boomen. Die göttliche Sonne rettet schließlich die Welt aus dem Energie-Engpass.

Vor dieser Alternative stehend, wähle ich. Ich wähle den existentiellen Weg der Optimisten. Ganz klar. Es gibt zwar keine Alternative – aber eine neue Welt ist doch möglich. Ich muss nur die optimistischen Aufbrüche finden. Ich frage mich: „Geht die Welt, und wenn ja – warum?“ (L. v. Werder. Schibri Berlin 2009). Und ich sage mir: Mit meiner Existenz nehme ich das, was kommt, gelassen und empört. Versuchen wir nun die Lage der Welt im Gedicht zu bannen, wie zum Beispiel das Gedicht in meinem Buch „Von Wut und Tränen“ (L. v. Werder. Ein einfacher Widerspruch. In: „Von Wut und Tränen“. Schibri Berlin 2008, S. 96–97).

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Die letzte Revolution Ich habe von vielen Revolutionen gehört Spartakus strömte mit seinen Gladiatoren Padua. Thomas Müntzer verlor die letzte Schlacht am Mühlenberg gegen die 5000 Reiter des Kurfürsten. Darton und Robespierre landeten auf der Guillotine in Paris in den Zeiten des Aufruhrs, und den Gesang von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hört man noch heute. Die Kommune ertränkte man 1871 in Blut, auf dem das Deutsche Reich gegründet wurde. In Russland kam Lenin an die Macht, 1917, und löste den letzten Zaren nur ab. In Deutschland trieben Rosa und Karl im Landwehrkanal. Der lange Marsch endete schließlich in Peking, Ho Shi Min schlug die Amerikaner in die Flucht. So viele Siege, so viele Niederlagen. Ich sehe aber nun die letzte Revolution: Sie deutet sich an mit dem Raubbau der Erde, der Bedrohung durch die Atombombe, der Vergiftung des Essens, dem Verschwinden der Arbeit, der Überbevölkerung des Planeten. Sie zeigt sich: die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Luft, Wasser, Boden, Uran, Öl, Windkraft, alles wird teurer. Essen wird teurer, Leben wird teurer. Ganze Teile der Welt werden von der Globalisierung ins Elend gestürzt. Afrika und das Innere der USA. Das ist die Vorgeschichte. Sie dauert und dauert. Doch dann kommt die letzte Revolution. Sie macht aus dieser Welt die beste aller Welten. Es gibt für alle alles. Es gibt nur noch Gleiche. Es gibt alles Brot für alle Welt. Es gibt die Freiheit frei Haus. Der Mensch kommt in seine Heimat. Die Herren der Apokalypse werden gestürzt.

6.3. Zur Revolution: Was kann das Ich zum Neuanfang, zur Revolution beitragen? Das Ich erkennt: Die alten Revolutionen sind alle gescheitert. Lenin führte eine ganz üble Diktatur in den Gulag. Mao hat 70 Millionen Menschen auf dem Gewissen. Die RAF ermordete 64 Menschen. Mit jeder Revolution wucherte der Staat. Seine Kontrolle über das Leben wurde immer perfekter. Seine Daten über mich werden immer umfangreicher. Die Welt umspannt ein „Empire“, das im Interesse von Macht, Ökonomie und Ökologie alles in einen totalitäres System presst. Jeder gewaltsame Aufstand wird sofort zerschlagen. Hier gibt es mit Gewalt nur Höllenfahrten. Ich erkenne aber auch: Zuerst gibt es in mir den Schrei. Dann höre ich den Schrei auf vielen Kontinenten. Es schmeckt nach Wut und nach Tränen. Es gibt die ganz große Verzweiflung. Aber die kann umschlagen, wenn sich die „Herren des Empire“ als „Herren der Apokalypse“ entlarven. Dann entwickeln sich die vielen Schwärme der Subversion: politisch, ökonomisch und elektronisch. Es kann sich eine Mehrheit bilden, die überall die Projekte der solidarischen Ökonomie vorantreibt. Gandhi schlägt Lenin – soviel ist sicher. Gandhi zerstörte das größte Weltreich der Geschichte: das englische. Die Schwärme der Verzweifelten kommen aus der Nacht und verschwinden in der Nacht. Aber wenn der Geist der Utopie weht, gibt es den Durchbruch. Ich bin sicher, dass dieser Durchbruch kommt: auf Taubenfüßen. Ich bin sicher, in meiner revolutionären Existenz, es gibt: „Neue Wege ins Paradies. Zur Philosophie der spirituellen Revolution“ (L. v. Werder. Schibri Berlin 2011). Im Gedicht lässt sich diese Revolution und die Aufgabe des Ichs schon benennen (vgl. L. v. Werder: Die letzte Revolution. In: Von Wut und Tränen, a.a.O., S. 78–79).

Am Ende ist die Welt die beste aller möglichen. Und das Weinen wird nicht mehr gehört werden. Unser Planet bleibt blau, und er ist der schönste von allen in unserem Sonnensystem für Millionen Jahre. Selber denken 2011


6.4 zu Gott: Was ist mit dem Ich nach dem Tod Gottes? Das Ende der Metaphysik wurde von Martin Heidegger voreilig verkündet. Noch Friedrich Nietzsche, der Verkünder des Todes Gottes, wurde zum Propheten des neuen Gottes „Dionysos“. Das Verschwinden Gottes in der Moderne hat das metaphysische Bedürfnis der Massen nicht geschmälert. Das Nichts, das sich im Nihilismus stark machte, musste dem Denken des Seins weichen. Im Schweigen des Seins erhielt sich das fragmentierte Ich mit seinem Pathos der Freiheit. Es kam der „Atheismus der Lüste“, der für viele Ichs große Begegnungen eröffnete. Der dionysische Atheismus eröffnete neue Zugänge zur gottlosen Mythos, zur Nah-Todes-Erfahrung, zur Begegnung mit Archetypen zur Erkenntnis: Ich selbst gehe den Weg des Alltagshelden. So enthüllt sich bei mir das „Wunder des Atheismus“ (L. v. Werder. Schibri Berlin 2008) oder die Aufgabe des Alltagshelden: „Die Welt romantisieren“ (L. v. Werder. Schibri Berlin 2010). Das „Wunder des Atheismus“ spricht vom ganz Anderen, die „Romantisierung der Welt“ spricht davon, dass wir alle Alltagshelden werden können. Im Gedicht spricht das Ich nach dem Ende der Metaphysik trotzdem als mystisches. Die Spaltung zwischen Welt und Ich hebt sich auf. Im Gedicht. Alles ist eins. Alles ist gut. Auch meine Existenz. (Vgl. L. v. Werder: Du bist niemand. In: Von Wut und Tränen, a.a.O., S. 74). Wenn man die lange Reihe der Versuche zu glauben im Laufe des eigenen Lebens auflistet, entsteht vielleicht folgender existentialistischer Text – nach dem Tod Gottes ist jeder auf der Suche nach dem Sein (vgl. L. v. Werder: Versuche meines Ichs zu glauben. In: Von Wut und Tränen, a.a.O., S. 136–143).

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Du bist niemand Du gehst durch die Wüste und verlierst die Sinne. Du gehst durch den Wald und Dein Herz schlägt wie eine Trommel. Du kriechst durch tiefe Höhlen und glaubst Dich vergraben. Du versuchst zu fliegen und du fällst von Stufe zu Stufe. Du rennst um Dein Leben und die Verfolger werden immer mehr. Du hattest einen Freund, aber der hat Dich verlassen. Du kanntest eine große Stadt, aber sie ist Dir fremd geworden. Du kommst an ein Meer und wirst zu einem Tropfen. Du bist ein Tropfen, aber die nächste Welle kennt Dich nicht mehr. Du bist niemand, im Nirgendwo, zu keiner Zeit, gar nicht.

7. Die Praxis der Existenzphilosophie des 21. Jahrhunderts Die neue Existenzphilosophie greift zurück auf die praktische Philosophie der Antike mit ihren Übungen, denen schon Michel Foucault die Kraft der Förderung politischer Spiritualität zuerkannte (W. Schmid: Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault. Frankfurt 2000, S. 370ff.). Die neue Existenzphilosophie hat aber auch gelernt von den vielen Aufstandspraxen der Unterdrückten nach dem Scheitern vieler Revolutionen. In ihrer Praxis hat sie keine Berührungsangst vor den Methoden der Tiefenpsychologie. Sie stellt deshalb fest: Die existentielle Praxis beginnt mit der Selbstanalyse des Ichs, wie sie schon von Jean Paul Sartre in „Das Sein und das Nichts“ formuliert wurde und Karl Jaspers in seiner „Existenzerhellung“ (Bd. 2 seiner „Philosophie“) erweitert hat. Sie übt dann das Transzendieren, das Überschreiten der Gegenwart in die Zukunft mithilfe utopischer Antizipation. Dazu kommt das Einüben in das ganzheitliche Denken, um die Kluft zwischen Ich und Welt aufzuheben. Schließlich geht es darum, Hoffnung zu lernen, in Tagträumen, in Visionen, in Zukunftswerkstätten, in Netzwerken, in Projekten solidarischer Ökonomie, in Gewaltlosigkeit auf dem Boden der kommenden Revolution. Selber denken 2011

Die Praxis wird abgerundet durch die Erstellung eines existentiellen philosophischen Glaubensbekenntnisses, das die Rettung des Ichs in der kommenden spirituellen Revolution festhält. „Ich bin, aber ich habe mich nicht – darum werden wir erst.“ Das ist die Grundformel des „philosophischen Glaubens“ des Exististierenden im 21 Jahrhundert, in dem auch das radikale Fragen seine Begründung findet. Dieser Grund wird gelegt in meinem Buch: „Beklage Dich nicht – philosophiere“ (L. v. Werder. Schibri Berlin 2006). Das Gedicht „Indianer-Gedanken“ spricht auch von dieser Praxis (vgl. L. v. Werder: Indianer-Gedanken. In: Von Wut und Tränen, Schibri-Berlin, S. 106).

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Indianer-Gedanken Vielleicht soll man nicht genau wissen, wie man sich am Leben freut oder warum man sich vor dem Tod fürchtet. Man kommt vielleicht ohne Vergnügen in die Welt und geht auch wieder ohne Widerstand. Man kommt in einem kurzen Augenblick und geht in einem kurzen Augenblick.

Lutz von Werder

Vielleicht kann man das Leben einfach vergessen und wieder zum Ursprung zurückkehren.

Das Klima bessert sich. Wasserstoff erzeugt Energie ohne CO2 Die Atombomben verschwinden. Das Uran geht aus. Der 3. Weltkrieg fällt aus. Die 1. Weltrevolution findet an seiner Stelle statt.

Vielleicht ende ich nicht an meiner Haut. Vielleicht gehe ich über meine Füße hinaus. Vielleicht gehöre ich in alle Zeiten und alle Räume. Meine Sinne und meine Gedanken spiegeln die unendlichen Weiten des Universums. Warum eigentlich nicht mit den Indianern denken, ohne Dualität, einfach, im Wind. Du bist eine Feder in den Wolken. Du bist der Fisch, der über die Stromschnellen springt. Du bist das Abendlicht. Du bist ein Adler, der sich im Wind wiegt. Du bist ein ferner Stern. Du bist das Tosen des Regens. Du bist die Spur des Mondes auf dem See. Du bist ein Traum aller Dinge. Versteht doch, du lebst.

Vielleicht ein Wunder

Die Kirchen lösen sich auf. Die Vernunftreligion breitet sich aus. Konfuzius schlägt Mohammed. Statt Jesus kehrt Buddha wieder. Die Ehekrisen erlöschen. Die neue Liebesordnung verbreitet den Orgasmus frei Haus. Das Geld verliert seinen sexuellen Charme. Das Bankkapital löscht die Spekulationsblasen. Die Überbevölkerung schwächt sich ab, weil die Altersvorsorge global gesichert wird. Die Zinsknechtschaft endet. Waren werden nur noch als Naturprodukte getauscht. Das Weltmachtstreben verschwindet vom Markt der Politik. Die letzte Weltmacht China meldet Konkurs an. Arbeitslosigkeit und Automation sind am Ende. Jeder wird ein allseitiger Mensch. Der Todestrieb wird vom Lebenstrieb überrannt. Die Pessimismusindustrie findet für ihre Produkte keine Käufer mehr. Depressionen werden durch die kostenlose Glückspille sofort geheilt. Der Tod wird abgeschafft. Das Sterbe-Gen wird aus dem Genom ausgeklinkt. Denn: Die Herren der Apokalypse stehen wie Bettler da, schämen sich und heulen um ihre verlorenen Gewinne. Wer will, kann sein altes Gehirn durch ein junges Gehirn ersetzen lassen. Krankheiten, Schmerz und Leiden sind unbekannt. Mögen alle Menschen glücklich sein.

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8. Der neue Existentia­lis­mus als radikalisierte philosophische Lebenskunst Der neue Existentialismus hat sich schon im 20. Jahrhundert in den Texten zur „philosophischen Lebenskunst“ angekündigt. Michel Foucault propagierte die Sorge um sich selbst. Wilhelm Schmid schrieb in seiner „Philosophie der Lebenskunst“: Die Lebenskunst stärkt „jedoch das einzelne Individuum in seiner Selbstaneignung und Selbstmächtigkeit, um einer Zumutung von außen und einer Beherrschung durch andere entgegentreten zu können“ (W. Schmid: Philosophie der Lebenskunst. Frankfurt 1989, S. 11). Ulrich Beck diagnostizierte in seiner „Risikogesellschaft“ einen enormen Individualisierungsschub, dem die philosophische Lebenskunst dann auch folgte. Allerdings fiel die Politik der Lebenskunst in den Bereich der Lebensreform. „Lebenskunst, das ist die Renaissance des Individuums, das einst in Zeiten der großen Utopien … unterzugehen drohte und das nun gezwungen ist, in der Zeit der Abwesenheit großer Hoffnungen, sein Leben selber zu führen.“ (W. Schmid, a.a.O., S. 165)

Literatur zur Ich-Philosophie und zum neuen Existentialismus Werder, L. v.: Alle 10 Bände zur Philosophischen Lebenskunst. Schibri-Verlag Berlin 2000–2011 Ahrendt, H.: Was ist Existenzphilosophie? Frankfurt 1990 Anz, T.: Literatur der Existenz. Stuttgart 1977 Bollnow, O. F.: Existenzphilosophie. Stuttgart 1978 Damasio, A.: Der Spinoza-Effekt. Berlin 2005 Damasio, A.: Descartes Irrtum. Berlin 2004 Northoff, G.: Das Gehirn. Eine neurophilosophische Bestandsaufnahme. Paderborn 2000 Northoff, G.: Die Fahndung nach dem Ich. München 2009 Röd, W. (Hrsg.): Geschichte der Philosophie. Bd. XIII, Lebensphilosophie und Existenzphilosophie. München 2002 Seibert, T.: Existentialismus. Hamburg 2000 Solms, M. u.a.: Neuro-Psychoanalyse. Stuttgart 2003 Solms, M.: Das Gehirn und die innere Welt. Düsseldorf 2007 Thurnherr, U., Hügli, A. (Hrsg.): Lexikon Existentialismus und Existenzphilosophie. Darmstadt 2007 Zimmermann, F.: Einführung in die Existenzphilosophie. Darmstadt 1988

Diese Lebenskunst ist allerdings durch die 2. Weltwirtschaftskrise, die die ganze Gesellschaft verändert und in Frage stellt, völlig überholt. Das radikale Fragen des Ichs führt heute zur Frage der kommenden Revolution. Dieser Frage widmet der neue Existentialismus seine besondere Aufmerksamkeit (vgl. L. v. Werder: Neue Wege ins Paradies. Zur Philosophie der spirituellen Revolution. Schibi Berlin 2011). Von dieser Revolution spricht auch das Gedicht „Vielleicht ein Wunder“ (vgl. L. v. Werder: Vielleicht ein Wunder. In: Von Wut und Tränen, a.a.O., S. 109–110).

Lutz von Werder:

Von Wut und Tränen Gedichte EUR 8,00 2008 152 Seiten ISBN 978-3-937895-77-2

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Lutz von Werder

Versuche meines Ichs zu glauben

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ls ich klein war, war ich Faschist. Ich glaubte, dass mein Vater die Welt erobert und wir gegen „Engeland“ fliegen. Mein Vater, der Oberst, war groß und stark, jähzornig und weinerlich. Er würde die Russen schlagen. In seinem Zimmer hingen scharfe Messer und Pistolen. Er war immer gut bewaffnet. Aber aus dem Sieg im Weltkrieg wurde nichts. Ich durfte den Hitlergruß nicht mehr ausbringen. Die Russen kamen. In der Schule lernten wir: Stalin ist ein Gott. Wir hatten eine Stalin-Ecke mit Bild. Das war unser Heiligtum. Als der „weise Führer“ starb, weinte ich. Als Junge war ich Stalinist, ganz klar. Dann machten wir nach West-Berlin. Der Kudamm war voller Licht. Die Warenwelt nahm mich ein. Ich verlernte das Säch­sisch. Ich schrieb nicht mehr „Die Arbeiterklasse wird siegen“. Ich glaubte an das Geld und an Jesus Christus für kurze Zeit. Bei der Konfirmation, in der Kirche, unter den Blicken des strengen Pfarrers, vor dem heiligen Abendmahl, da sagte ich mir: „Ich kann gar nicht glauben. Schon gar nicht, dass der Selbstmord eines Menschen am Lauf der Welt etwas ändert.“ Ich dachte, ich muss denken. Ich dachte, ich muss nachdenken, warum es diese Welt überhaupt gibt und dieses Elend, von dem der Vater nach 10 Jahren russischer Kriegsgefangenschaft immer sprach. Ich dachte, ich muss lernen, den Willen zu leben zu überwinden, wie ich es bei Schopenhauer las. Aber das war nur möglich, wenn ich ganz traurig war. Wenn ich melancholisch onanierte und wusste: die Mädchen konnten mich nicht ernst nehmen. So fand ich zu Sigmund Freud, den letzten Schüler von Schopenhauer. Der sagte: Es ist ein Wunder, dass die Menschen sich noch nicht umgebracht haben, aber sie werden es tun.

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it dem Studium glaubte ich an Martin Hei­degger, an den Vorlauf zum Tode, an dieses Ereignis des Seins, nachdem die Götter ge­flohen waren. Heidegger lasen wir immer mittwochs, bei Tee und Kuchen. Wir begannen zu existieren. Wir waren entschlossen. Wir wollten die Metaphysik beenden und das begreifen, was überall vorausgesetzt wird: dass etwas ist und nicht Nichts ist. Irgendwann traf ich Rudi Dutschke, wie alle. Ein Freund sagte: „Das ist der neue Lenin.“ Entschlossenheit verstand ich nun als Sturz der Autoritäten. Wir hatten nicht viel Zeit. Der Krieg in Vietnam traf auch uns. Auch wir wurden „wie die Vietkong“ klein gemacht von Franz Josef Strauß. Der sagte: „Ihr seid stinkende Vietkong-Schweine. Ihr werdet vom Rechtsstaat zur Rechenschaft gezogen.“ Als sie dann Benno Ohnesorg umlegten, da liebte ich die Revolution. Ich glaubte an den Sieg der Anarchie. Wir zogen durch die Straßen und hatten einfach Recht. Wir lasen Marx, Engels, Lenin, Lukacs, Stalin, Mao-Tse-Tung, aber auch Otto Rühle, Max Stirner und Michael Bakunin. Wir glaubten an die freie Liebe, an Wilhelm Reich. Doch dann wurde die Revolution ver­ gessen. Ich glaubte nun an Norbert Elias und den langen Weg zur Zivilisation. Und dass die 62 Theorien über Auschwitz nichts erklären, und dass die Konterrevolution gesiegt hatte, und dass Mao-Tse-Tung ein Massenmörder war wie Pol Pot und Stalin, und der Gulag die Konsequenz war, wenn man die Welt verändern will. Ich war einmal im Krankenhaus. Bei der Operation hatte ich das Gefühl, ich fliege durch das Weltall. Ich bin vom Leben befreit und ich weinte vor Erschrecken. Glaubt mir, ich wollte nicht zurück. Glaubt mir, ich musste zurück. Wie tausende musste ich zurück in diese Welt der Schrecken.

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eine Suche nach meiner Religion war noch nicht zu Ende. Neben den Höhen­e rfahrungen des Heiligen, das Schweben jenseits von Gott und Anti-Gott, eben anti-duales Bewusstsein, wie Ken Wilber sagte, gab es die heiligen Tiefenerfahrungen. Diese Erfahrungen waren die pure Angst. Sie waren voller Schweiß, Zittern, Schwin­ del, eingebildeten Krankheiten, Durchfall, Zerstörungslust und Impulse zum Amok. Sie waren das Gefühl: Du gehst auf die Straße und es gibt keine Menschen mehr. Da wusste ich, ich musste meine eigene Religion finden. Ich muss mich durch die Philosophie durcharbeiten. Da wo die Philosophie ganz praktisch ist. Da wo sie stoisch den Lauf der Dinge ertragen lernt. Da wo Meditation ganz still macht. Ich muss die Philosophie der Liebe stu­ dieren. Ich muss herausfinden, warum die Frauen die Männer zerstören und die Männer die Frauen, und warum es keine Prostata-Stimulation gibt in bürgerlichen Ehebetten, und warum Tantra zwei Men­ schen zum Verschmelzen bringt und die Tür aufgeht und Gott da ist. Ich muss durch Asien reisen, im Geiste. Zu Füßen Buddhas sitzen, bei Laotse hören, wie der Regen fällt, Nagarjunas Superdialektik studieren, Pantanjalis Yoga, Konfuzius‘ goldene Regel, Mohammeds Vision des Engels Gabriel, den Weg der Sufis gehen nach Bagdad, durch die Wüste, um ein Tropfen zu werden im Ozean. Als ich im Geiste aus Asien zurück war nach zwei Jahren, da war mir klar, ich muss wieder mit der Aufklärung anfangen. Mit Rousseau: der Tempel Gottes ist Dein Herz und Gott ist ganz Natur. Mit Kant: Beweise gibt es nicht. Alle Beweise Gottes sind nichtig. Klar ist aber, dass Moral und Vernunft der Kern der eigenen Religion ist. Aber eigentlich ist meine Religion die Liebe zum Unendlichen und zur Revolution, wie sie Schleiermacher darstellt in seinen Reden, die so romantisch wie wahr, so

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tiefsinnig wie evident sind. Schade, dass Bischof Huber sie nie gelesen hat. Sagte Schleiermacher doch: „Ich wäre froh, wenn das Christentum unterginge, wie viele Millionen Religionen könnten sich dann frei entwickeln.“

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ber mit Kierkegaard erkannte ich, man muss erst wahnsinnig sein, ehe man be­greift, dass das Unendliche endlich geworden ist, für 18 Monate, in Palästina und seitdem alle schon erlöst sind, es nur nicht wissen. Und Christus in Indien mit 80 Jahren gestorben ist als reicher Guru. Es gibt die Spuren der Göttin in der Bibel, es gibt die Venus-Statuetten 30.000 Jahre vor Christus. Es gibt Isis, die große Göttin von Ephesus, es gibt Bachofen, der nicht locker ließ und die matriaralischen Spuren fand, die die tiefen Erfahrungen bereicherten. Die Vielfalt der religiösen Erfahrungen reicht heute von Träumen, vom kurzen Fliegen durch das All, vom endlosen Weinen, von Gedichten, die alles auf eine einfache Formen bringen, bis zum Schweben über den Widersprüchen. Das glaubte ich, als ich William James las.

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eine Religion muss die sozialen Ketten brechen, den Auszug aus Ägypten fördern, die Elenden und Beleidigten aus den Fängen des Weltgeldes befreien. Sie muss die Frei­heits­kämpfer lieben, wie sie Saigon stürmten, wie sie in Ha­van­na­ einmarschierten, wie sie das Win­ter­palais eroberten oder im Reichstag die Räterepublik ausriefen. Wichtig ist es immer, an einer anar­chis­ tischen Religion zu arbeiten, zum Beispiel wie Nietzsche. Der Gott, der tanzt, kommt als Dionysos, wenn alle anderen Götter schon geflohen sind. Dionysos, das ist eine heilige Tiefenerfahrung, ein Ur-Er­ leb­nis, dass wir immer wieder kommen, dass wir mit unseren eigenen Leibern unsterblich sind, dass wir nicht sterben, sondern Kinder der ewigen Wiederkehr bleiben. Die anarchistische Religion wird vertieft mit Sigmund Freud. Wer ihn nicht gelesen hat, wer nicht 20 Jahre auf der Couch gelegen hat, der soll jetzt schweigen. Die Berggasse 9 in Wien hat mehr Gnade und Liebe als alle heiligen Bücher zusammen.

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rst wenn Du den Vatermord begriffen hast, verstehst Du die Sohnesreligion. Erst wenn Du die Sohnesreligion verstanden hast, verstehst Du Dich in Deinen seelischen Schutthalden, in Deinen Trieben, in Deinen ozeanischen Gefühlen,

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Deiner unstillbaren Verschmelzung mit der Mutter, Deiner Lust, in den Uterus zurück zu kehren für alle Zeiten. Denn dann kommen die Archetypen zu Dir, in Deine Träume. Der Heros in 1000 Gestalten tritt über die Schwelle Deines Ichs und versetzt Dich in Ekstasen. Ein­ fach den Alltag verlassen, in die Berge gehen, 40 Tage in der Klausur mit der Unendlichkeit. Dann wieder im Alltag, als ob nichts gewesen sei. Das ist es. Ohne Moses Auszug aus Ägypten, ohne Anarchie geht gar nichts in Sachen Befreiung, denn Befreiung von der Last der Erde, das ist die Botschaft der Kinder Israels, alles echte Anarchisten, aber mit Wüstenerfahrungen noch und noch.

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prich alle Orte der Utopie an: Esalen, Schangrila, Orplid, Utopia, das Land am Ende der Welt, die Insel der Philosophie, die Insel der Weisheit, Nova Atlantis, Mittelerde, Stonehenge, die Externsteine, die Pfade der Magier in ihren Laboren der Alchemie und trefft Tolkien, auch einer, der den Weg kannte. Die gnostischen Reden an die Toten enthalten die wichtigsten Botschaften von C. G. Jung, die alte manichäische Botschaft. Der böse Gott beherrscht die Welt und erst der Weg zum guten Gott wird Dich befreien, wenn es noch geht. Heute rüsten sich der Fascho-Islam und die Fascho-Christen und die Fundi-Juden zum letzten Gefecht, zur Endschlacht bei Armageddon. Mit Atombomben soll die Apokalypse und die Wiederkehr Christi erreicht werden, auf Leichenbergen, die bis zum Himmel stinken. Sagt: Nein!! Der Todestrieb hat sich Washingtons be­ mächtigt. Der 3. Weltkrieg, neben anderen Katastrophen, rast auf die Erde zu.

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eligion erscheint im Schatten des Terrors als Terror. Da muss, wie Gianni Vattimo sagt, Religion zur Liebe werden, nur noch zur Liebe, aber welcher Liebe und wo und wann und wie lange und warum und weshalb und wodurch?

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ie Antwort lautet, und sie wird keiner verstehen: Du musst alle Religionen durch­kosten, Du musst alle Ekstasen, die sie bieten, durchleben, wie Rhamakrishna, der ein Jahr Christ, ein Jahr Moslem, ein Jahr Hindu, ein Jahr Konfuzianer, ein Jahr Buddhist und ein Jahr Naturreligiöser war, als Priester der blutigen Göttin Kali. Die Antwort lautet, und sie wird keiner ver­stehen: Du musst alle Meditationen ausüben: Ein Jahr Zen, 40 Tage Blue Death, 40 Tage Jesuanische Exerzitien, 3 Jahre als Theologe der Revolution im bolivianischen Dschungel, 2 Monate in einer Höhle im Himalaya. Die Antwort lautet, und sie wird keiner verstehen: Du musst jeden Tag eine Stunde schweigen, still sitzen, die Minuten verstreichen lassen, die Zeiger der Uhr sich bewegen sehen. Die Antwort lautet, und sie wird kei­ner verstehen: Du musst religiöse Selbst­ analyse machen und alle heiligen Höhenund Tiefenerfahrungen mit Vernunft und Humanität durchleben und in schöne Gedichte verwandeln, die Dich hoch über Berlin schweben lassen, wie die Engel es taten, als sie noch ihre schönen weißen Flügel hatten. Die Antwort lautet, und Ihr werdet das nicht verstehen: Du brauchst gar nicht zu suchen, Du wirst Deine Religion nicht finden, eher findet sie Dich. Die Antwort lautet: Alle sind schon im Nirwana – ein kleiner Ruck nur und Du weißt es und schweigst. Als ich klein war, war ich Faschist. Heute weiß ich: Null Toleranz für die FaschoReligionen. Jetzt bin ich Anarchist ohne Gott und weiß: Am Ende wird Licht sein, Licht über Licht, nur Licht über Licht und Licht über Licht und Licht über Licht, und kein Mensch weiß, was das zu bedeuten hat. Aber auch das macht nichts.

Von Hans Küng soll hier nicht die Rede sein auf dem Weg „Wie finde ich meine eigene Religion?“ Er macht es sich zu leicht. Auch Habermas wird langsam alt, älter als der heutige Papst, finde ich. Also: Wie finde ich meine eigene Religion? Das ist doch die Frage. Die Antwort ist wie immer ganz einfach. Die Antwort ist so einfach, dass sie keiner verstehen wird. Das macht aber nichts.

ISBN 978-3-937895-77-2 2008 152 Seiten EUR 8,00 23


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2011 Angelika Driesner

Philoletter Januar 2011

der Freiheit einer dieser Flügel, verliert sie ihre hehre Kraft und verkehrt sich in fatalistische Lähmung oder in Willkür und Verantwortungslosigkeit. Zwei Fotos verdeutlichten diese Metapher: Die Silbermöwe „Jonathan“ und grazile rosa Flamingos.

Herzlich willkommen im Neuen Jahr! Ich bedanke mich wieder für die Treue, die Sie/Ihr mir schon so lange gehalten haben/habt, und wünsche uns als SelberPhilosophierenden Inspiration, Begeisterung und bereichernde Aha-Erlebnisse.

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ls Ergänzung oder sogar als Alternative zu den neuen Vorsätzen, die erfahrungsgemäß selten, nur teilweise oder gar nicht umgesetzt werden, bietet sich uns als Selber-Philosophierenden eine Alternative: Freude am aktiven Aus- oder sogar Neugestalten unseres persönlichen Selbstbilds und Lebensmodells, indem neue Akzente gesetzt, neue Möglichkeiten erkundet, neue Fähigkeiten erlernt werden und neues Wissen erforscht wird. Ich sage nicht, dass dieser Weg leichter zu beschreiten sei als der der „guten“ Vorsätze! Vielmehr erfordert er den Mut, sein bisheriges Selbstbild und sein davon abgeleitetes Lebensmodell konsequent auf den Prüfstand zu stellen. Das wird uns in den Philo-Letters im ersten Halbjahr 2011 beschäftigen. Dazu werden wir auch unser Vorgehen bei den Philo-Letters neu gestalten, indem wir zwei Ziele parallel verfolgen: 1. Das philosophische Zweifeln als Methode zum Problemlösen im Alltag erproben. 2. Diese Methode auf unser Thema „Wie frei bin ich als Mensch?“ anwenden.

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Rückblick

ie zentrale Frage allen Philosophierens ist: „Wer bin ich?“ Wir fassten sie in der Serie von 2009/2010 konkreter: „Wer bin ich als handelnder Mensch?“ Eines unserer Ergebnisse war: Liebe, Freiheit und das Schöne/Gute (im alten griechischen Sinne) sind die Kräfte, die menschliches Handeln in Bewegung setzen. Aus diesem Dreigestirn wählten wir im Oktober für unsere neue Serie 2010/11 „die Freiheit“ aus. Unser Ziel ist nun zu erforschen: Wie frei bin ich eigentlich als handelnder Mensch?“ Dabei begleitete uns das Sinnbild: Freiheit sei wie ein Vogel mit den beiden Schwingen: Liebe und das Schöne/Gute. Fehlt

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n das neue Thema starteten wir mit meinem philosophischen Reisebericht aus der Provence. Die zentrale Idee darin war, dass in dieser Region Kämpfe um die Befreiung von der Bevormundung durch Staat und Kirche stattfanden, die zu Ausgangspunkten für tiefgreifende Wandlungen in der europäischen Geschichte wurden. Damit streiften wir die Frage nach den äußeren politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Freiheit im Allgemeinen. Ich erwähnte auch meine Reiselektüre: Peter Bieri Handwerk der Freiheit – Über die Entwicklung des eigenen Willens, Fischer Taschenbuch Verlag, 9. Auflage, 2009. Auch einige von uns haben es mit viel Freude gelesen. Das Buch ist nicht nur spannend, sondern auch ein meisterhaftes Beispiel für das Handwerk des Selber-Philosophierens, so wie wir es hier betreiben. Es zeigt zudem auf, welche Werkzeuge ein Philosoph einsetzt und wie er sie verwendet. Im November wechselten wir wieder hinüber in unser gegenwärtiges Leben in Deutschland im Jahre 2010 und fragten noch genauer: „Wodurch fühle ich mich selbst hier und jetzt begrenzt?“ Und: „Wovon will ich frei sein oder mich befreien?“ Es ging um die konkrete Auflistung von persönlichen Beschränkungen. Wenn wir diesen Gedanken jetzt noch einmal aufgreifen, dann hätten wir schon wichtige Hinweise auf das, was wir an unserem Selbstbild und Lebensmodell im Jahr 2011 neu gestalten könnten. Im Dezember fragten wir weiter: „Woran erkenne ich eigentlich, dass ich mich nicht frei fühle?“ Damit sind wir auf konkrete Körperempfindungen gekommen wie z. B.: „Ich fühle eine Last auf meinen Schultern“ oder „Ich empfinde Angst in der Magengrube.“ Mit der Frage nach den körperlichen Empfindungen erhielten wir einen untrüglichen Hinweis auf gefühlte Begrenzungen (die „objektiv“ nicht unbedingt vorhanden sein müssen). Selber denken 2011


Ausblick Der philosophische Zweifel als Kernstück des Selber-Philosophierens Beispiel: Das Begriffspaar „Selbst- und Fremdbestimmung - was ist das?“ In den letzten Jahren haben wir den Schwerpunkt auf die Erprobung der philosophischen Fähigkeiten des Sammelns und Hinterfragens gelegt (die sokratische Methode). Sie sind beim Philosophieren die Grundlage zum Entwickeln von Gedankengängen zu begrifflichen Gegensatzpaaren wie Freiheit – Unfreiheit, Gerechtigkeit – Ungerechtigkeit, Existenz Gottes – Nichtexistenz Gottes, Sinnhaftigkeit des Lebens – Sinnlosigkeit des Lebens. Eine häufige Reaktion auf solche Themen ist: „Na ja, darüber kann man lange philosophieren. Das ist mir zu abstrakt, das hilft mir nicht, meine Probleme im Alltag zu lösen.“ Nehmen wir diesen Einwand vollkommen ernst! Denn dafür sprechen gute Gründe, gestützt auf genügend Beispiele und Erfahrungen aus dem täglichen Leben.

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elber-Philosophierenden steht jedoch als methodisches Kernstück die hohe Kunst des philosophischen Zweifelns über diese Themen zur Verfügung. (Im Alltag wenden wir sie mehr oder weniger bewusst ohnehin zur Lösung von Problemen des täglichen Lebens an).

Sie besteht aus folgenden Schritten: • Zuerst wird eine These (Meinung) formuliert (z. B. die unhinterfragte eigene). • Dann wird ihr eine zweite entgegengesetzt. Das ist einfach, weil jedem Standpunkt ein anderer entgegengesetzt werden kann – also, Pro und Contra. • Beide (!) werden nacheinander mit starken Argumenten begründet. Ziel ist dabei: Im letzten Schritt des (Selber-)Philosophierens beide Seiten gegeneinander abzuwägen und sich dann für eine persönliche Antwort zu entscheiden. Diese ist durch das Abwägen des Pro und Contra mit neuen Aspekten und Begründungen angereichert. Die Herausforderung liegt anschließend darin, konsequent dementsprechend zu handeln. Wir wenden sie in den nächsten Philo-Letters auf unser Thema an. Dazu stellen wir mutig alles auf den Prüfstand, was wir über uns denken bzw. bisher dachten: Wovon will ich frei sein und wofür?

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m darauf zu antworten, fragen wir zunächst nach der Voraussetzung für das „Frei sein von und wofür“. Dazu gehen wir von dem Gedanken aus, dass persönliche Freiheit Selbst-Bestimmung voraussetze. Der Gegenbegriff, den es folglich ebenfalls zu erforschen gilt, ist: Fremdbestimmung. Wo meinen wir, fremdbestimmt zu sein? Wo sind wir es tatsächlich? Und inwieweit können wir uns davon befreien?

Ich wünsche uns ein spannendes Halbjahr 2011! Liebe Grüße Angelika

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2011 Lutz von Werder

Die Zukunft geht mit neuen Perspektiven schwanger (Kommentar zu dem Buch „Der kommende Aufstand“, herausgegeben vom „Unsichtbaren Komitee“, Hamburg 2010)

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ehen wir uns erst das neue Buch „Der kommende Aufstand“ an, das von einem Unsichtbaren Komitee verfasst worden ist und in der Bundesrepublik auf große Resonanz in allen Medien stößt, und dann das kommende Buch von Lutz von Werder „Neue Wege ins Paradies – Zur Philosophie der spirituellen Revolution“, das im März 2011 im Schibri-Verlag erscheint. „Der kommende Aufstand“ (Hamburg 2010, Hrsg.: Unsichtbares Komitee) untersucht drei Fragen: 1. Was ist passiert? 2. Was ist zu tun? 3. Was wird passieren? Zur 1. Frage, was passiert ist, kommt das Unsichtbare Komitee zu folgenden Feststellungen, indem es eine eindimensionale plakative Beschreibung des Systems liefert: Das Motto heißt hier: „Es wird immer schlimmer.“ Und: „Der Druck steigt.“ „Unsere Geschichte ist die der Kolonialiserung.“ „Das Unternehmen ist ein Ort, den wir nur durchqueren.“ „Mobilität schafft immer mehr Exil.“ „Die Metropolen produzieren auch die Mittel zu ihrer eigenen Zerstörung.“ Mit dem Handy, schreibt das Unsichtbare Komitee, „hat die Guerilla ganz neue Mittel gefunden, sich zu organisieren.“ Aufstand und Gewalt sind in dieser Schrift dasselbe. Zur 2. Frage, was zu tun ist, rät das Unsichtbare Komitee, sich in Kommunen zusammenzuschließen, sich organisieren, um nie wieder arbeiten zu müssen, durch Betrug und durch illegale Erwerbung von sozialer Knete. Man sollte plündern, kultivieren und fabrizieren, das heißt ausgediente Maschinen kollektiv wieder nutzen. Nach und nach können alle Hindernisse umgeworfen werden durch elektronische Sabotage. Das Unsichtbare Komitee fordert Anonymität: „Keine Anführer, keine Forderungen, keine Organisation“. Das Unsichtbare Komitee steht auf Gewalt. Es schreibt: „Waffen sind notwendig.“ „Es gibt keinen friedlichen Aufstand.“ „Man greift eine Besatzungsarmee nicht frontal an.“ Der Text wird immer gewalttätiger. Auf die 3. Frage, was passieren wird, antwortet das Unsichtbare Komitee: Die Jugend greift die Macht an. Auf Zusammenbrüche muss man vorbereitet sein. Die linken Parteien sind verwest

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und verschwunden. Der Partisanensinn muss neu erweckt werden. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist. „Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation.“ Politik ist nur noch der Versuch von oben, das Hängen der Herrschenden durch die Massen zu verhindern und die Kontrolle über die Massen zu stärken.

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agegen setzt Lutz von Werders neues Buch „Neue Wege ins Paradies – Zur Philosophie der spirituellen Revolution“ (Berlin, Schibri-Verlag 2011) ganz anders an. Das Buch stellt vier Fragen:

1. Was ist passiert? 2. Was muss erledigt werden? 3. Was ist zu tun? 4. Was wird passieren? Auf die 1. Frage, was passiert ist, lautet die Antwort von Lutz von Werder: Die alte Revolution ist tot. Die bisherigen Revolutionen seit 1789 sind alle gescheitert. Sie haben nur neue Cliquen an die Macht gebracht. Sie haben die Freiheit verraten und den Staat enorm ausgebaut. Sie haben Führerkulte und Ersatzreligionen etabliert. Sie haben die Produktion vergesellschaftet, aber nicht den Produzenten übertragen. Sie haben keine Räte und keinen demokratischen Staat von unten entwickelt. Sie haben keinen neuen Menschen geschaffen – im Gegenteil. Sie haben die Macht der Partei-Spießer über die entmündigten Massen kultiviert. Sie haben keine spirituelle Befreiung gebracht, sondern das Dogma des Banalen. Sie liebten die Gewaltraserei. Auf die 2. Frage, was erledigt werden muss, antwortet Lutz von Werder: Bevor man von Veränderungen redet, müssen die alten Gespenster (Guerilla – Lenin-Kader – Gulasch-Kommunismus – Kommunismus als Pseudo-Religion)  zerstört werden. Bei der Analyse des Kapitalismus in der Krise ist beim Kapitalismus als Religion zu beginnen, bei der Krise des Finanzkapitals, bei der Expansion der Kriegsbewaffnung nach innen (mental) und nach außen (neue Kriege), bei den neuen Arbeitsverhältnissen, die die Mehrheit schafft, bei den Massen der spirituellen Immateriellen. Erst dann entsteht ein Bild, was passiert ist: Der Kapitalismus ist neu, und die Revolution ist völlig veraltet. Aber der Schrei nach Freiheit ist da! Überall!

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Zur 3. Frage, was zu tun ist, fordert Lutz von Werder: Eine neue Revolution ist zu entdecken. Mit der Ein-Mann- oder Eine-Frau-Revolution wird begonnen, durch die psychoanalytische Selbstanalyse, um die autoritären Charakterstrukturen und die Vater- und Führer-Sehnsüchte zu zerbrechen. Netzwerke von spirituellen Gruppen, die dem Kapitalismus als Religion entkommen sind, sind zu bilden, in der Mehrheit. Gegen-Ökonomie durch Genossenschaften ist weiter zu entwickeln. Ökodörfer, Guerilla-Gardening und Tauschbörsen sollten weiter wachsen. Damit beginnt die Vergesellschaftung des Gemeineigentums von unten und bringt erste Beispiele, wie es auch mit Banken und Betrieben vorangehen kann. Die Forderung nach einem Weltbürgerpass und nach einem Grundgehalt ist natürlich selbstverständlich. Alle Protestbewegungen aus dem Öko- und Friedensbereich, die mit gewaltfreien Methoden arbeiten, unterwandern und entwaffnen die Macht. Denn gegen den Atomstaat kann keine „Partisanenphantasie“ überhaupt etwas ausrichten. Solche infantilen Phantasien führen nur zur Ermordung der Rebellen (vgl. das Schicksal der „Black Panther“ in den USA). Es gibt aber den gewaltlosen Aufstand gegen die Herren der Apokalypse, vgl. Thoreau, Gandhi und Martin Luther King. In diesem gewaltlosen Aufstand entwickelt sich als Kern der spirituellen Revolution eine ewige Philosophie in neuen Diskursforen und die meditative Praxis des Leiden-Könnens, um der Gewalt zu widerstehen. Das „Multi-Mind“, das neue Gehirn, wird aktiviert durch alle Methoden der modernen Körperarbeit und Psychotherapie. Albert Camus fordert: „Jeder muss den Mörder in sich überwinden.“ Es muss ein neues Ich entstehen, das das Unbewusste der Utopie und die unbewusste Lust an der Gewalt beherrscht. „Wo ES war, muss ICH werden“, schrieb doch schon Sigmund Freud. Wo autoritärer Kult in jeder Revolution bisher war, muss humanistische Utopie werden, forderte Erich Fromm.

Es gibt ein Training in gewaltfreiem Widerstand für alle. Das ist möglich. Es gibt auch elektronische Subversionen als Verteidigung, aber nicht als Angriff. Der heutige „Untergang der Zivilisation“ ist die Stunde der Herren der Apokalypse. Ihnen muss die Macht durch die „Große Verweigerung der Vielen“ (H. Marcuse) entwunden werden. Dabei ist vom Steuerstreik bis zur Blockade von Kriegsaufmärschen alles denkbar. Die heutige Politik verdient Mitleid. Sie verbirgt nur ihre Ohnmacht von der Eurokrise über die Umwelt- und Atomkrise, weil die unlegitimierte Macht immer mehr elektronisch enthüllt wird und mehr und mehr auf der Straße liegt. Wie Fische im Wasser unterwandern die immateriellen Spirituellen alle Institution

en des alten Staates, um der neuen Demokratie von unten, den Räten – der echten Demokratie – den Weg frei zu machen.

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iese Thesen werden in Lutz von Werders neuem Buch „Neue Wege ins Paradies – Zur Philosophie der spirituellen Revolution“ umfassend und gründlich entwickelt und belegt. Sie fordern, auch im Blick auf die Gewaltphantasien des Buches „Der kommende Aufstand“, eine breite Diskussion heraus.

Auf seine 4. Frage, was passieren wird, antwortet Lutz von Werder: Die Herren der Apokalypse werden rechtzeitig gestoppt. Die Mehrzahl der Menschheit greift in der Zukunft das „Empire“ an, zerstreut auf allen Kontinenten und nach vielen Anläufen. Auf 10 bis 20 Jahre Aufbau der Gegenkultur (Ökonomie, Politik und Spiritualität) kommt es an, die mit dem Fall des Empires langsam wächst. Auch der neue Staat von unten, die radikale Demokratie der Räte, wird von unten entstehen durch die Methoden des Kommunitarismus. Überall wachsen Genossenschaften in Städten und Ländern, in der Ersten, aber auch in der Dritten Welt. Es gibt viele Beispiele für Basisgemeinden in Südamerika und Südafrika. 800 Millionen Mitglieder leben heute in Genossenschaften. Die Zahl wird weiter expandieren. Es lebe die solidarische Ökonomie!

Lutz von Werder:

Neue Wege ins Paradies Zur Philosophie der spirituellen Revolution EUR 19,80 2011 400 Seiten ISBN 978-3-86863-059-6 Selber denken 2011

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Angelika Driesner

Philoletter Februar 2011

er Februar-Brief entstand teilweise wieder im touristenfernen Norden Teneriffas am Fuße des Anaga-Gebirges, das vor ca 10 Mio Jahren aus vulkanischer Tätigkeit entstanden ist. Gerade in diesen Tagen der dramatischen Umbrüche im Norden des afrikanischen Kontinents, dem Teneriffa westlich auf etwa halber Höhe vorgelagert ist, erleben wir, wie auch in der Geschichte der Völker immer wieder das Aufbegehren gegen Fremdbestimmung - einem Vulkan - gleich ausbricht. Darin zeigt sich für uns Selber-Philosophierende, dass der Kampf um Freiheit ein existenzielles Thema für jeden Menschen ist. Gehen wir es daher mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln des Selber-Philosophierens mutig an. Dabei wollen wir – wie im Januar-Brief aufgezeigt – schwerpunktmäßig mit der Methode des philosophischen Zweifels experimentieren.

Unterscheiden zwischen methodischem Zweifel und Bewertung

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er menschliche Geist hat, insbesondere in seiner analytischen Funktion, die Eigenart, die Phänomene in der Welt immer „paarig“ einzuteilen. Er funktioniert gewissermaßen wie die Oberfläche des Wassers in dem Swimmingpool unseres Hotels, auf der sich die Palmen und Sonnenschirme spiegelten. In der Sprache kommt diese Eigenart durch die Bildung von Begriffspaaren wie gut-böse, positiv-negativ, Tag- Nacht, Leben-Tod, männlich-weiblich usw. zum Ausdruck. Dabei lässt sich wiederum Zweierlei unterscheiden: • Entweder schließen sich die jeweiligen Begriffe als unversöhnliche Gegensätze gegenseitig aus (z. B. entweder ich bin tot oder lebendig) oder • sie bedingen einander (z. B. wenn ein Mensch geboren wird, stirbt er auch). Dazwischen gibt es gleitende Übergänge wie z. B. die Dämmerung oder Grautöne. Die zweiteilende Eigenart des Geistes ist eine wertvolle Fähigkeit, die es dem Menschen ermöglicht, sich - in Ermangelung einer vollständigen Steuerung durch Instinkte - durch Unterscheiden und Abgrenzen in der Welt zu orientieren. Überdies ist sie ein wesentliches Instrument, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Dazu leitet Philosophieren an, dessen Hauptinstrument die Sprache ist.

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nsbesondere für den philosophischen Umgang mit abstrakten Begriffspaaren wie Freiheit und Unfreiheit bzw. Selbstund Fremdbestimmung brauchen wir die philosophische Fähigkeit des deutlichen Unterscheidens zwischen • dem Zweifel als dem methodischen Herzstück des Philosophierens mit dem Ziel, unsere Gedanken zu ordnen und zu klären, und • der Bewertung, die sich erst danach anschließt; denn wie könnten wir etwas als richtig oder falsch, gut oder böse beurteilen, wenn wir nicht vorher geklärt haben, worum es geht?

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Obwohl das so unmittelbar einsichtig klingt, wissen wir aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, • zum einen eine Bewertung überhaupt zu erkennen und • zum anderen bereit zu sein, zuvor sein zumeist ungeprüftes Wissen, auf dem unsere Bewertung fußt, in Frage zu stellen, sowie • letztlich auch bereit zu sein, die eigene Motivation zu erkennen, warum wir einen Menschen, eine Verhaltensweise oder eine Situation in bestimmter Weise bewerten bzw. verurteilen. „Empören“ wir uns z. B., um uns über andere „empor“ zu heben mit dem Ziel, uns dadurch in irgendeiner Weise „besser“ zu fühlen?

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egriffliche Unterscheidungen zu treffen und die Reihenfolge „erst zweifeln und dann bewerten “ einzuhalten, ist eine philosophische Fähigkeit, bei der es sich lohnt, sie für den Alltag zu erlernen. Sie setzt voraus, dass wir in der Lage sind, den sogenannten „philosophischen Abstand“ einzunehmen. Das bedeutet, gewissermaßen einen Schritt hinter sich zurückzutreten, um aus dieser Distanz heraus das jeweilige Problem „auf Augenhöhe“ zu betrachten, sodass sich die Waagschalen beim Abwägen des Pro und Contra nicht bereits durch bewusste oder unbewusste Bewertung in eine vorausbestimmte Richtung neigen.

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Der philosophische Zweifel als persönliche Mutprobe

enn wir über Selbstbestimmung und Fremdbestimmung nachdenken, dann haben wir – so scheint es mir – intuitiv den Eindruck, Selbstbestimmung sei „besser“ als Fremdbestimmung. Damit hätten wir folglich bereits eine ungeprüfte Bewertung vorgenommen, die uns in unserer Argumentation uns selbst gegenüber oder in einer Diskussion mit anderen einseitig Partei ergreifen lässt. Wenn wir das erkennen, dann können wir genau hier mit dem methodischen Zweifel ansetzen. Dazu stellen wir uns wieder die beiden sokratischen Fragen zur Selbsterforschung, von denen uns die erste bereits vertraut ist: 1. Was ist eigentlich für uns diese „Fremdbestimmung“, die wir ablehnen? 2. Woher wissen wir denn, dass sie „schlecht“ ist? Woher wissen wir, ob wir ihr überhaupt entgehen können? Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

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m eine Grundlage zu schaffen, anhand derer wir unsere weiteren Gedankengänge zuordnen können, nehmen wir wieder die philosophische Fähigkeit des Unterscheidens und Abgrenzens zu Hilfe. Experimentieren wir mit der These, dass sich das menschliche Leben auf vier Ebenen entfalte: 1. auf der körperlichen, physikalisch-materiellen und soziokulturellen Ebene, 2. auf der psychisch-emotionalen, seelischen Ebene, 3. auf der Ebene der Überzeugungen und Weltanschauungen sowie 4. auf der geistigen, spirituellen, religiösen Ebene.

Selber denken 2011

Wenn wir über Fremdbe“stimmung“ nachdenken, dann fällt uns rein sprachlich auf, dass es sich dabei offenkundig um eine „Stimme“ oder mehrere „Stimmen“ zu handeln scheint, die irgendetwas anordnen, raten oder einfach sagen. Wenn wir den Mut haben, uns mit diesen Stimmen zweifelnd (nicht bewertend oder beurteilend!) auseinanderzusetzen, dann besteht unsere Aufgabe als Selber- Philosophierende darin: • unser Leben daraufhin zu überprüfen, auf welcher Ebene wir wie, wann und wo welche „fremden Stimmen“ unterscheiden können. • Außerdem gilt es herauszufinden, welche „fremden“ Stimmen es im Außen und welche es in unserem Inneren gibt, die uns daran hindern, unser Leben nach eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten.

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n gewisser Weise ist das unser philosophischer Frühjahrsputz für 2011: Werfen wir allen gedanklichen Ballast ab, der uns an der Entfaltung unseres Potenzials auf allen vier Ebenen und an der selbstbestimmten Gestaltung unseres Lebens hindert.

Mut zum philosophischen Zweifel wünscht uns allen Angelika 29


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2011 Lutz von Werder

Die persönliche Mythologie und das Kreative Schreiben

Rede aus Anlass der Verleihung des „Deutschen Biografiepreises 2010“ an L. v. Werder für das Buch „Die Welt romantisieren. Wie schreibe ich meine persönliche Mythologie?“

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1. Der Mythos als Ur-Erzählung

er Mythos gestaltet das Ur-Erlebnis früherer Kulturen in der Erzählung von Göttern und Heroen. Die Mythen entstehen hauptsächlich in der ersten Achsenzeit (1000 v. bis 1000 n. Chr.) und sprechen von der Entstehung der Welt, der Götter, den Heroen und dem Lebensweg der Menschen. Dabei treten Gestalten wie Gilgamesch, Odysseus und Siegfried in besonderer Weise in Erscheinung. Ab dem 19. Jahrhundert wird nach einer Abwertung des Mythos durch die Aufklärung der Mythos für die Gestaltung des Lebens der modernen Menschen wieder besonders interessant. Für Friedrich Nietzsche hilft der Mythos, die unerträgliche Wahrheit des Lebens und des Leidens zu bewältigen. Der griechische Mythos hilft für Nietzsche den Individuen die entgötterte Welt der Moderne in heroischer Tragik zu überleben. Mircea Eliade erkennt, dass der Mythos das geschichtliche Leiden durch den Bezug auf die mythischen Archetypen des Lebens als Tod und Wiedergeburt erträglicher machen kann. Der Analytiker C. G. Jung glaubte, dass die Auseinandersetzung mit dem Mythos als Produkt des kollektiven Unbewussten die Entwicklung des Individuums im Individuationsprozess fördern kann. Auch Joseph Campbell sieht, dass die Geschichte des Helden und der Heldin, die in die Fremde aufbricht, dort ihre Erlebnisse macht und zurückkehrt, die aktuelle Form moderner persönlicher Mythenrezeption ist. Das Resümee im Blick auf die neuere Mythenforschung heißt: Alle Literatur aller Zeiten und aller Gattungen kommt aus dem Mythos und kehrt zum Mythos zurück. Das gilt auch für das Kreative Schreiben. Diese Idee vertrat nicht nur der Autor Hermann Broch, sondern in einer langen Reihe, sowohl Ovid, Virgil, Dante, Shakespeare, Milton, Byron, T. S. Eliot, André Gide und Cocteau sowie George, Hofmannsthal, Thomas Mann, Rilke, Joyce, Hans Henny Jahnn und viele andere. Ihre Anregungen hat das Buch „Die Welt romantisieren“ für das Kreative Schreiben fruchtbar gemacht.

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2. Der klassische und der mythische Weg zur Biographie Die Psychoanalyse schlägt für die Erinnerungsarbeit an der eigenen Biographie drei Schritte vor. Diese Schritte heißen:

Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Für die Biographiearbeit heißt der 1. Schritt: Erinnern = Recherchieren, der 2. Schritt: Wiederholen = Vertiefen und Ausarbeiten und der 3. Schritt: Durcharbeiten = Literarisieren. Für die ersten beiden Schritte ist es wichtig zu wissen, dass die typische Krisenbiographie fünf Abschnitte umfasst: 1. die Ausgangssituation, 2. den Krisenauslöser, 3. das Erlebnis des Chaos, 4. die Bewältigung des Chaos, 5. die Reorganisation des eigenen Lebens

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o sind auch die typischen heutigen Krisenbiographien, die am Markt sind, nach diesen Schwerpunkten gegliedert. Diese Schwerpunkte lassen sich durchaus in eine Hierarchie bringen. An 1. Stelle steht die körperliche Krankheit, dann folgen 2. Trennung und Tod eines Nächsten, 3. sexueller Missbrauch, 4. psychische Erkrankung, 5. Knasterfahrung, 6. bikulturelle Ehe und ihre Krisen, 7. Kriegserfahrungen und 8. Politische Totalitarismuserfahrungen (L. v. Werder: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Berlin 20102, S. 106–107). Die meisten dieser typischen Krisenbiographien sind aber ohne jeden literarischen Anspruch geschrieben und stellen reine Informationstexte dar. Durch die Mythologisierung der eigenen Biographie kann sie eine entsprechende Tiefenbiographie werden und damit den heutigen Gegebenheiten der Weltumbrüche besser zum Ausdruck verhelfen. Diesen mythischen Weg zur Biographie stellt mein Buch „Die Welt romantisieren – Wie schreibe ich meine persönliche Mythologie?“ (Berlin Schibri-Verlag 2010) im Einzelnen dar. Umso mehr freue ich mich, dass dieses Buch den Deutschen Biographie-Preis 2010 zuerkannt bekommen hat. Selber denken 2011


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3. Über den Alltagshelden und die Alltagsheldin in der gegenwärtigen Weltkrise

eder Mensch ist der Held seines Lebensdramas (Mann wie Frau). Jedes Leben ist ein Kampf ums Überleben. Jeder ist in eine Welt geworfen, die er nicht kannte, und die er auch so überhaupt nicht wollte. Jeder Mensch muss gehen, wenn er nicht will. Jeder kommt aus der Nacht, geht durch viele Nächte und verschwindet in der Nacht, schrieb schon Karl Jaspers. Die vielen Nächte der heutigen Weltkrise heißen: Banken- und Geldkrise, Umweltkrise, Überbevölkerung, die wachsende Trennung von Arm und Reich, die Verelendung der Dritten Welt, die Drohung des Atomkrieges angesichts des 800fachen Overkills an ABC-Waffen. Diese Weltsituation kann man eigentlich nur als Alltagsheld oder Alltagsheldin bewältigen. Die Tragödie des Alltagshelden, der gegen überwältigende Mächte wie Geld, Kapital, Staat, Gier, Hunger und Ungerechtigkeit kämpft, mit Arbeitslosigkeit, Krankheit, Bürokratie, Gewalt, Einsamkeit und Trennung konfrontiert wird, und doch scheitert – das ist das Gesetz der modernen Biographie. Die antike Mythologie hat viele Heldinnen und Helden geschaffen, die den tragischen Weg im Leben erklären, wie Sisyphos, Prometheus, Orpheus, Medea, Antigone usw. Diese Heldinnen und Helden stellen Figuren dar, wie den Magier, den Krieger, den Propheten, den Weisen, den Philosophen, die Amazone. Diese Figuren und ihre Geschichten haben heute noch einen wichtigen Einfluss in der modernen Welt, in der modernen Publizistik und überhaupt in der Kultur der Medien. Die alltäglichen neuen Heldinnen und Helden gehen ihren Weg durch die Krisen des Alltags in der heutigen Weltlage. Sie zeigen, wie das eigene Leben durch Angst, Gier, Geldrausch, Armut und Weltuntergangsphantasien geprägt wird und wie sich der Alltagsheld und die Alltagsheldin mit diesen Herausforderungen auseinandersetzt und sie bewältigt. Die neuen Alltagsheldinnen und -helden haben eine tragische Biographie. Sie scheitern als Endliche. Aber die „Heldenreise beginnt mit dem Eintauchen in die Ursprünge der Weltschöpfung. Die Heldenreise endet mit dem Tod. Allerdings spricht dieser Zyklus von der Kraft des ewigen Neunanfanges.“ (LvW, S. 32)

4. Alltagsheldinnen und -helden, existenzphilosophisch gesehen

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er Welt der Alltagsheldinnen und ñhelden, nach dem Tod Gottes, wird auch von der Existenzphilosophie schon mythologisch erfasst. Friedrich Nietzsche sieht im Leben des Dionysos und des Zarathustra eine Serie von Stirb-und-Werde-Situationen, die für den Alltagshelden in der Moderne in der Lehre von der ewigen Wiederkehr kulminiert. Albert Camus nennt den „Sisyphos“ als Modell des Lebens des Alltagshelden. „Auf den Berg steigen, den Stein rollen und sehen, wie er den Berg hinabrollt und man wieder von vorne anfangen muss.“ Oder bei Camus gegen die Pest kämpfen als das absolut Absurde der augenblicklichen Situation unseres Systems.

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arl Jaspers sieht in den Grenzsituationen Schuld, Angst, Tod und Verzweiflung der großen maßgebenden Menschen wie Jesus, Sokrates, Konfuzius und Laotse die wichtigsten Etappen des Lebens in der 1. Achsenzeit, die auch in der 2. Achsenzeit der heutigen Weltkrise die Lebensabschnitte der heutigen Alltagsheldinnen und -helden strukturieren können. Jean-Paul Sartre zeigt, dass die Freiheit der ständigen Selbstwahl den Alltagshelden von einer Katastrophe zur anderen Katastrophe der Selbstfindung treibt. Erich Fromm sieht den Alltagshelden zwischen „Eros und Thanatos“. Jeder Alltagsmensch erlebt in seinem Leben alle Gattungskrisen, die aus diesem Widerspruch resultieren und will am Ende überleben und muss doch scheitern. Der Alltagsheld steht vor der Alternative: Haben oder Sein? Er entscheidet sich oft für das Haben und trägt so zum allgemeinen Trend des Untergangs der Gattung nur bei. Aber es gibt eine gute Nachricht: „In der heutigen Weltnacht sind zwar die Götter geflohen, aber sie haben ihre mythischen Spuren in der Seele des modernen Menschen hinterlassen.“(LvW, S. 136) Diese Spuren, biographisch gestaltet, vermitteln etwas von der Kraft, die Nachtmeerfahrt zu bestehen.

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5. Die persönliche Mythologie

eute gibt es keinen verbindenden biblischen Mythos mehr, wie im christlichen Mittelalter. Mythologie als eigene Lebensgeschichte unter dem Diktat der ökonomischen und ökologischen Gewalten ist weitgehend etwas Persönliches geworden. Jeder Mensch schafft sich seine eigene persönliche einzigartige Mythologie des Kampfes gegen das Absurde, die aber oft unbewusst bleibt, aber dennoch für ihn persönlich bindend ist. Diese persönliche Mythologie kann als Biographie, Skript oder Lebensentwurf definiert werden. Jedoch umfasst die persönliche Mythologie auch die eigene Tiefenbiographie, die den Kräften des Über- und Unterbewusstseins Raum gibt. Persönliche Mythologie kann Abwehr bedeuten, Regression und Ich-Auflösung, aber auch Inspiration, Fortschritt und Energie für Menschen in Verzweiflung und Depression. Je aktiver wir unseren persönlichen Mythos schaffen durch mythologisches Schreiben, desto mehr Herrschaft werden wir über unser Leben in der heutigen Lebensnacht gewinnen. Der heute vorherrschende Mythos ist der Geldmythos, der Mythos des einsamen Wolfes: „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Die Entwicklung des persönlichen Mythos als Tiefenbiographie beginnt im Kontext des Überlebens mit der Auseinandersetzung mit dem Trauma der Geburt. Er muss dann dem Trauma des drohenden Gattungstodes der atomaren Bedrohung, der Überbevölkerung und der Umweltzerstörung gerecht werden. Schließlich ist das Trauma der Endlichkeit im höheren Alter zu überwinden. Nach Joseph Campbell „Der Heros in tausend Gestalten“ (Frankfurt 1992) beschreibt der persönliche Krisenmythos hauptsächlich drei Phasen: 1. den Aufbruch: dazu gehören Berufung, Weigerung, übernatürliche Hilfen, das Überschreiten der ersten Schwelle, 2. das Abenteuer: dazu gehören die Begegnung mit den Übermächten, den Himmel- und Höllenfahrten und die Suche nach der Erlösung, 3. die Rückkehr: sie umfasst die Flucht, die Rettung, die Rückkehr über die Schwelle und die Erringung der Freiheit zu leben.

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obert A. Segal fasst das Konzept des persönlichen Krisenmythos etwas weiter. Für ihn gibt es acht Stationen, die den Weg des Alltagshelden und der Alltagsheldin strukturieren: 1. die Geburt des Helden, 2. die Einweihung des Helden, 3. der Rückzug des Helden, 4. die Suche des Helden, 5. die Begegnung mit dem Tod, 6. die Konfrontation mit dem radikal Bösen, 7. die Wiedergeburt des Helden, 8. die Verwandlung des Helden (Robert. A. Segal: Mythos. Stuttgart 2007, S. 109ff.). Die persönliche Mythologie, wie das Buch „Die Welt romantisieren“ deutlich macht, kennt also typische Krisenphasen. Der Alltagsheld erlebt die Angst vor dem Leben, die Ohnmacht vor dem Tode und die Sehnsucht nach Befreiung. Der moderne Alltagsheld ist auch darin Held, dass er keinen Größenwahn entwickelt, sondern sich seiner Einsamkeit und Ohnmacht immer bewusst bleibt, wie Odysseus oder wie Gilgamesch, die die Unsterblichkeit abgelehnt hatten.

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teht das Schreiben der persönlichen Mythologie möglicherweise vor dem Problem bei Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen, Größenwahn zu erzeugen, so kann sie bei Menschen mit nihilistischer Grundhaltung und bei Zynikern und Weltverächtern Impulse des Heroismus entwickeln. Die Bekämpfung des Größenwahns durch mythologisches Schreiben wird gemildert, wenn der Held/die Heldin nicht in der Ich-Form erzählt, sondern die Heldenfigur amplifiziert, wie es C. G. Jung vorgeschlagen hat. Wenn Menschen das Gefühl entwickeln, dass das mythologische Schreiben ihr Ich auflöst, dann sollten sie dieses Schreiben sofort abbrechen. Sie sollten sich dann eher dem persönlichen Märchenschreiben zuwenden oder das Schreiben ganz lassen. In den Händen von Psychotherapeuten kann das Schreiben des persönlichen Mythos dosiert und patientengerecht, besonders bei Depressiven und lebensverzweifelten Klienten eingesetzt werden.

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esonders hilfreich ist das Schreiben des persönlichen Mythos im Setting von angeleiteten Kreativen Schreibgruppen. Allerdings sollte jeder Schreiblehrer, der persönliche mythologische Texte zum Schreiben anleitet, selbst schon solche Texte verfasst haben. Die Texte in C. G. Jungs „Rotem Buch“ zeigen sehr anschaulich, wie C. G. Jung sich durch das Schreiben seiner Privatmythologie geheilt hat. C. G. Jungs Autobiographie „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ (Zürich 1963) machen die Umstände und die Bewältigung des Schreibens des persönlichen Mythos sehr deutlich und anschaulich. Das Gestalten der persönlichen Lebenskrisen, die Erika Erikson auf sieben Krisen einstuft (E. H. Erikson: Der vollständige Lebenszyklus. Frankfurt 1988, S. 36ff.) wird literarisiert, wenn man die persönliche Mythologie gestaltet. Sie wird damit literarische Biographie. Sie benutzt mythische Muster, Charaktere, Situationen, Themen und Krisen und lässt auch dem Unbewussten, dem Überbewussten und den mytho-poetischen Elementen großen Raum, der immer in den Kontext der eigenen Biographie eingepasst wird. Denn es gibt „eine menschliche Neigung, in Krisen Mythen zu erfinden“ (LvW, S. 21). Als persönlicher Mythos verfasst, kann der Einzelne sein Leben besser bewältigen. Man sollte sich den Schreiber eines persönlichen Mythos als glücklichen Menschen vorstellen.

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6. Der Wert der persönlichen Mythologie als Kern der Biographie

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iebzig Prozent der Menschheit denkt heute noch mythologisch im Rahmen kirchlicher Dogmen. Die Individualisierung des Mythos seit der Romantik ist der erste Schritt zur geistigen Emanzipation vom christlichen Monomythos und hebt den Alltagshelden auf eine Bewusstseinsstufe, die durchaus den Blick der Wissenschaften erweitern kann. Die Romantik hat das Programm entwickelt: Die Welt ist zu romantisieren. Das heißt aber auch, die eigene Biographie ist zu romantisieren, und das heißt auch, die eigene Biographie ist in einen biographischen Mythos zu verwandeln. Das Romantisieren der eigenen Welt erfordert nach Hans Blumenberg die „Arbeit am eigenen Mythos“. Der Mythos ist für den sterblichen Menschen, den üblichen Alltagshelden, die einzige Möglichkeit, darzustellen, was mit seinem Lebenslauf passiert, wenn er die überwältigende Erfahrung des Todes und des Scheiterns macht. Jeder persönliche Mythos ist ein spielerischer Versuch, die Vielfalt der spirituellen Erfahrungen und Rettungsversuche im Lebenslauf zu verdeutlichen. Er spricht in Krisengeschichten von der Macht des Unverfügbaren, der Ohnmacht der Sterblichen und von seinem Todesmut. Ohne die Erfahrung des Unverfügbaren im persönlichen Mythos bliebe die Welt dunkel. Die sterblichen Alltagshelden verdanken die Helligkeit des Erdenlebens der mythischen Erfahrung von den letzten Dingen, sagt schon Heraklit. Die persönliche Mythologie ergibt sich, wenn man sich erinnert an die Traumen des eigenen Lebens, sie wiederholt und mythologisch durcharbeitet. Durcharbeiten kann man nur das, was man erinnert und wiederholt hat. Die eigene Mythologie findet man nur, wenn man im Traum den Archetypen, in der Literatur den Alltagshelden, im Film den kleinen Helden und Heldinnen begegnet ist und sich in ihnen wieder erkennt.

7. Das Schreiben des persönlichen Mythos

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om Kreativen Schreiben des eigenen Mythos handelt der erste Hauptteil des Buches „Die Welt romantisieren“. Am Anfang steht das Aufschreiben der Fakten des eigenen Lebens. Dann geht es um die Identifikation der eigenen Lebenskrisen. Die Muster dieser Krisen sind zu identifizieren. Es gibt die Krisenmuster des Kriegers, des Suchenden, des Magiers, des Weisen und des Narren in weiblicher und männlicher Gestalt. Es ist dann ein Held und eine Heldin zu wählen, ein Setting, eine Zeit, in der das eigene Leben noch einmal die mythischen Konturen entfalten soll. Dabei helfen die Methoden des Kreativen Schreibens, von denen hier nur einige genannt sein sollen, nämlich das Cluster-Schreiben zu den sieben Lebenskrisen, das Schreiben von Schattengeschichten aus dem eigenen Unbewussten, das Sammeln von Anti-Helden und Anti-Heldinnen, das Sammeln von Heroen-Geschichten, die einen im Leben öfter „angezupft“ haben, die Auseinandersetzung mit Himmels- und Höllenbildern, die es in der Geschichte der Kulturen in überwältigender Weise gibt. Auch ein Mind-Mapping der Heldenreise in acht Stationen ist eine Möglichkeit, der persönlichen Mythologie näher zu kommen. Die Gruppenmeditation einer Held/inSelber denken 2011


nenreise ist immer ein viel geübtes Medium. Natürlich kann man die Held/innenreise auch in Trance schreiben oder durch Vertiefung der Traumarbeit bei Träumen, die vom Tod oder vom Weltuntergang handeln. Natürlich gibt es auch große Schreibprojekte der Held/ innenreise. Diese Schreibprojekte heißen: der persönliche Mythos als Roman, als Psychotrip, als Tarot-Spiel, als Frauenreise oder als Männerreise. Alle diese Schreibprojekte sind in dem Buch von Lutz von Werder „Die Welt romantisieren“ in Ausführlichkeit zu finden.

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s gibt aber auch einen zweiten Teil in diesem Buch, den persönlichen Mythos des Lehrers O. (LvW, S. 139–250). Dieser persönliche Mythos ist in einer Schreibgruppe des Autors zur persönlichen Mythologie entstanden. Der Lehrer O. schildert in seinen Texten die acht mythopoetischen Stationen seines Lebens. Dabei werden seine Texte reflektiert und kommentiert, so dass der Leser ein gutes Beispiel hat, wie eine persönliche Mythologie mit aller literarischer Finesse, Tricks, Stilwandlungen und Wandlungen der Erzählperspektive bewältigt werden kann. Der Lehrer O. erlebt am Ende seiner Texte: „Alle Menschen sind Heldinnen und Helden“. Und: In meiner Einsamkeit und Ohnmacht bin auch ich ein Held. Ich werde überleben. (LvW, S. 250) Das Schreiben in der Gruppe – das zeigt auch der Text des Lehrers O. – lässt das Schreiben am eigenen Mythos sichern vor Abstürzen, vor Ängsten, vor Schreibblöcken. Die heutigen medial vermittelten Angstorgien und Weltuntergangsphantasien sowie Massenpsychosen in unserer Gesellschaft des Spektakels und der Hollywoodfilmkultur deuten auf den Beginn einer neuen zukünftigen, besseren Bewusstseinsstufe des integralen Bewusstseins hin, über das Jean Gebser in seinem Buch „Ursprung und Gegenwart“ (Schaffhausen 1999, Bd. 1,

S. 70–173) das Nötige gesagt hat. Mit dem Schreiben seiner eigenen Mythologie kann man schon die zukünftige Stufe des integralen Bewusstseins, das sich nach dem archaischen, magischen, mythischen und mentalen Bewusstsein in der Evolutionsgeschichte der Mentalitäten herausbildet, schon berühren. Das Schreiben des eigenen Mythos befreit so durch Katharsis vom kollektiven Mythos der Weltzerstörung, der vom Wahn des ewigen Wachstums ohne Scheitern bestimmt wird. Denn wie steht es im Buch „Die Welt romantisieren“: „Die heutige Welt braucht heroische Menschen, die nicht klein beigeben. Es kommt darauf an, dass sich mehr und mehr Menschen als Heldinnen und Helden des Alltags erkennen. Viele Menschen leben viel heroischer als sie selbst denken.“ Diesen Alltagsheld/innen gehört die Zukunft.

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äre es nicht sinnvoll, wenn das Kreative Schreiben durch die Anleitung zum Schreiben der persönlichen Mythologie diese Alltagsheld/innen unterstützt?

ISBN 978-3-86863-023-7 2009 260 Seiten EUR 15,ISBN 978-3-928878-42-5 2009 (2. Auflage) 232 Seiten EUR 15,-

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2011 Angelika Driesner

Philoletter März 2011

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eit dem letzten Philo-Letter ist die Welt durch die Ereignisse in Japan und in Libyen nicht mehr dieselbe. Und da komme ich mit meinem Philo-Letter für März. Man könnte nun einwenden: „Ach, Angelika, haben wir jetzt nicht wichtigere Probleme zu lösen?“ Wenn der Begriff „Philosophieren“ im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet wird, dann haftet ihm oft eine Wertung an, mit der zum Ausdruck gebracht wird, Philosophieren sei etwas Unverbindliches, etwas theoretisch Intellektuelles – kurz: Etwas, worauf man ohne Schaden verzichten könne.

Stellen wir uns diesem Einwand und fragen wir uns grundsätzlich: Hilft uns überhaupt das Philosophieren in den Ernstfällen des Lebens ? Und wenn ja, wie?

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Die Wippe des Zweifelns

ngesichts der dramatischen Ereignisse in der Welt können wir in der Tat an der Sinnhaftigkeit und dem Nutzen unseres bisherigen Tuns „zweifeln“. In diesem Zusammenhang verwenden wir das Tätigkeitswort „zweifeln“ in seiner uns vertrauten umgangssprachlichen Bedeutung: Wir beschreiben damit einen Zustand, der uns im Alltag wohl vertraut ist. Er ist mit einer Wippe vergleichbar, die hinsichtlich einer bestimmten Fragestellung zwischen Pro und Contra hin und her kippt wie in den aktuellen Beispielen: Soll sich Deutschland in Libyen engagieren – ja, nein? Sollen wir die Kernkraftwerke sofort abstellen – ja, nein?

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Von der Wippe zur Waage des Entscheidens

eim Philosophieren wie im richtigen Leben ist der gedankliche Schritt, der dem Zweifel unmittelbar folgt, das Treffen einer Entscheidung. Sie ist ihrem Wesen nach ein mehr oder weniger bewusst vollzogener Willensakt (ob der Wille frei ist oder nicht, sei hier nicht beleuchtet). Um eine Entscheidung treffen zu können, ist es notwendig, dass wir die Pro- und Contra-Seite einer Fragestellung bewerten. Für diesen Vorgang der Entscheidungsfindung bietet sich das Sinnbild einer Waage an: Wir legen die Begründungen für die Pro-Seite in die eine Waagschale und jene für die Contra-Seite in die andere. Dorthin, wo die Argumente am schwersten wiegen, neigt sich die Waage: Die Entscheidung kann getroffen und Handeln oder Nichthandeln beschlossen werden. Oft wird jedoch in persönlichen Fällen ebenso wie in politischen Entscheidungssituationen vernachlässigt, dass auch die Konsequenzen, die sich aus dem nachfolgenden Handeln bzw. Nicht-Handeln ergeben, abzuwägen sind. Beim Philosophieren bilden diese beiden Vorgänge den vorletzten Schritt vor dem Abschluss eines Gedankengangs mit den sogenannten Schlussfolgerungen.

Die vergangenen politischen Ereignissen zeigten überdies, dass eine Wippe auch in der Schwebe gehalten werden kann: Durch Stimmenthaltung oder Aussitzen. Solche Situationen kennen wir auch in unserem Leben, wenn wir uns aus verschiedenen Gründen nicht für oder gegen etwas entscheiden können oder wollen. Wir sitzen aus, bis wir durch die Ereignisse „fremd entschieden“ werden.

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Philosophieren – ein selbstbestimmter schöpferischer Akt

Der abschließende Schritt zur übergeordneten Ebene

Einstein erkannte: Probleme können nicht auf derselben Ebene gelöst werden, auf der sie entstanden sind. Zu ihrer Lösung gilt es folglich, eine übergeordnete Ebene zu erklimmen. Darin liegt der eigentliche selbstbestimmte schöpferische Akt jeden Problemlösens. Darum geht es auch beim Philosophieren.

Mit diesem sokratischen Fragen gelingt es, die „glatte“ sprachliche Oberfläche politischer Statements so lange zu durchbohren, bis die grundlegenden Fragen menschlicher Moral aufscheinen: Das ist die übergeordnete Ebene, die wir philosophierend erreichen können. Nehmen wir z. B. an, der Maßstab für unser Handeln seien die Zehn Gebote, darunter: Du sollst nicht töten. Könnte ich es dann mit meinem eigenen Gewissen vereinbaren, dass ich in Gesprächen Maßnahmen verteidige, bei denen andere Menschen - wie in diesem Fall Soldaten – gewissermaßen für mich töten? Welche gewichtige Begründung könnte ich in die Waagschale werfen, auf dass sie sich zur Pro-Seite neige? Welche Konsequenzen ergäben sich andererseits, wenn ich dafür plädiere, dass keine tötenden Soldaten eingesetzt werden? Welche Argumente gäbe ich dann in welche Waagschale? Und vor allem: Wie gesichert ist mein Wissen, auf das ich meine Meinung und Begründung stütze?

Dadurch wird deutlich: Wenn wir nur gegen etwas sind, erschaffen wir keineswegs etwas Neues; denn wir reagieren nur spiegelbildlich auf die Gegenposition, die wir für unsere eigene Positionierung brauchen wie der Schatten das Licht. Um in unserem obigen Bild zu bleiben, bedeutet das: Wir verharren auf der Wippe und lassen uns fremdbestimmen. Welche der uns bekannten philosophischen Techniken könnten uns dabei helfen, eine übergeordneten Ebene zu erschaffen? Prüfen wir dafür z. B. die beiden uns vertrauten sokratischen Fragen: „Was ist eigentlich ...?“ Und: „Woher weiß ich das?“ Dass das Stellen dieser Fragen nicht nur eine theoretische Übung ohne praktische Konsequenzen ist, machen die Streitigkeiten und Ereignisse in Libyen überdeutlich; denn offenkundig wurde vorher nicht ausreichend genug gefragt: Was bedeutet eigentlich „die Einrichtung einer Flugverbotszone“? Wie und was wird da genau eingerichtet? Was sind die konkreten kurz-, mittel- und langfristigen Konsequenzen derartiger „militärischer Interventionen“? Worin läge das schöpferisch Neue eines militärischen Lösungsansatzes, der in der Vergangenheit bereits oft gewählt wurde? Und weiter mit der zweiten Frage: Woher haben sich die verantwortlichen Politiker und Militärs das Wissen beschafft, auf dessen Grundlage sie ihre Entscheidungen getroffen haben? Aus welchen persönlichen und strategischen Beweggründen heraus trafen sie sie? Können die Verantwortlichen als Menschen - wie du und ich - die tödlichen Konsequenzen ihrer Entscheidungen mit ihrem Gewissen - dieser inneren Stimme, die über gut und böse richtet - verantworten?

Damit sind jene ethischen Dilemmata ins Licht gerückt, die den Kern des angewandten Philosophierens bilden. Sie zu erkennen und sich ihnen zu stellen, ist Sinn und Aufgabe im Leben eines jeden Menschen, der ethisch verantwortlich handeln will. Und hier steht jeder Mensch mit seiner Entscheidung immer allein vor dem Richterstuhl seines Gewissens.

In diesen ernsten Zeiten wünsche ich uns allen philosophischen Mut, Zuversicht und Klarheit. Angelika

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öchten Sie weitere Philoletter erhalten oder mit Angelika Driesner in eine philosophische Korrespondenz eintreten, so schrei­ ben Sie einfach eine E-Mail an: MM.2.Driesner@t-online.de

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2011 Lutz von Werder

Das philosophische Café Ein kreativer Weg zur Philosophie

„Man

soll denken lehren, nicht Gedachtes.“ (C. Gurlitt)

Der Philosophie-Boom

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as Kinderbuch „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder wurde zwei Millionen mal in Deutschland verkauft. W. Weischedels „Philosophische Hintertreppe“ fand 600.000 Käufer. In der deutschen Schule gibt es „ Philosophie für Kinder“ in der Politik und der Wirtschaft treten Philosophen als Berater auf. „Zeit, Spiegel“ und „Focus“ orten einen Philosophie-Boom. Der Boom erscheint als Gegenbewegung zum weltweiten Erfolg von Sekten und esoterischen Weisheitslehren. Die Lebensverhältnisse sind heute für viele äußerst labil. Unglück, Verzweiflung und Angst kennzeichnen den Alltag. Da ist es nicht überraschend, daß die Sehnsucht nach Glück, Geborgenheit und Angstfreiheit auch bei der Philosophie gesucht wird. Die Philosophie, oft schwer verständlich, reagiert auf ihre wachsende Nachfrage. Sie verkleidet sich in Geschichten, kreiert philosophische Gedankenexperimente und Spiel, bietet philosophische Reisen an. Aber diese ganze Betriebsamkeit, die Philosophie lesbar oder erlebbar machen soll, führt noch nicht dazu, selber zu denken, selber zu philosophieren. Für die Verbreitung wirklichen Philosophierens geschieht wenig. Nur für die philosophische Unterhaltung wird viel getan.

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ie Universitäten bieten Philosophie als Studienfach an, mit dem man dann beruflich nichts anzufangen weiß. Das Fach liegt mit 90% Studienabbrechern weit an der Spitze aller universitären Problemfächer. Die philosophische Zunft an den Universitäten, aufgesplittert in Fachinterpreten für einzelne Philosophen oder für ein einziges Werk eines Philosophen, kann für die Lehre des Philosophierens nichts anbieten. So geht der Philosophie-Boom an den Universitäten vorbei.

„Ich denke, also bin ich“ (R. Descartes)

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Kein Wunder, daß ein Ausbruchsversuch aus der akademischen Philosophie, der praktischen Philosophie aus den 80er Jahren, heute deshalb auf wachsendes Interesse stößt. Gerd B. Achenbach eröffnete 1981 eine erste philosophische Praxis für Lebensberatung. 1990 folgte Alexander Dill in Berlin. 1992 sprang der Funke nach Frankreich über. Marc Sautet leitet seitdem das erste philosophische Café in Frankreich. 1997 gab er es weltweit 300 philosophische Cafés. Das Café als philosophischer Lernort ist die geeignetste Angebotsform für praktische Philosophie. Der Ort ist extrem niedrigschwellig. Man kommt und geht. Neben dem Vorderhorn, erforderlich für das Philosophieren, erfreut im Café Kuchen und Tee den Mund. Jeder hat die Chance, sich zu äußern. Jede Frage findet ein interessiertes Publikum. Überall gibt es Cafés, die für Stunden zum Ort des Philosophierens werden können. Für die Wirte sind solche Veranstaltungen ein gutes Geschäft. Philosophieren erreicht über die Cafés wieder den Alltag.

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llerdings bleibt das philosophische Café eine kurzlebige Mode im Philosophie-Boom, wenn es nicht als Modell gründlicher ausgearbeitet wird. Bloßes Lesen und Reden hat Philosophieren noch nie sehr gefördert. Richtiges Philosophieren hieß schon immer philosophisches Schreiben. Das philosophische Café braucht deshalb eine Schreibphilosophie und Schreibdidaktik. Das philosophische Café braucht eine Methodik des Aufbaues und der Stabilisierung. Es braucht ein Programm und eine Strategie der Textdiskussion. Im folgendem Buch wird eine derartige Idee des philosophischen Cafés, die auch leicht in philosophischen Seminaren, in philosophischen Gärten oder philosophischen Salons realisiert werden kann, konkret vorgestellt. Die französischen philosophischen Cafés werden einer gründlichen Analyse und Kritik unterzogen. Deutschland, als Geburtsland großer Philosophen, kann viele philosophische Cafés in vielen seiner Städte entwickeln. Es kann nach der völligen Idiotiesie­rung im Faschismus wieder zum Volk der praktischen Philosophen werden. Denn in philosophischen Cafés wird keine Philosophie angeboten, die leere Grübelei ist, sondern eine Philosophie für existentielle Probleme, für die Bewältigung von Unglück, von Verzweiflung und Angst. Eine Philosophie für alle. Selber denken 2011


Lutz von Werder:

Das philosophische CafĂŠ ein kreativer Weg zur Philosophie EUR 8,50 20112 168 Seiten ISBN 3-928878-72-7

ge a l uf a u 1 Ne 201

Selber denken 2011

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D as philosophische Café mit Lutz von Werder in der

Urania Berlin

sonntags 10.30 bis 12.00 Uhr Eintritt: 6,- Euro, erm. 5,- Euro Thema: Die

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Philo-Café

2011/2012 Urania Berlin e.V.

An der Urania, 10787 Berlin Tel.: (030) 218 90 91 Fax: (030) 211 03 98 www.urania-berlin.de kontakt@urania-berlin.de

Philosophie des Ichs

3. April 17. April 8. Mai 22. Mai 5. Juni

Ich und Existenzerhellung (K. Jaspers) Das existierende Ich und der Tod (M. Heidegger) Das Ich und die Alleinheit (K. Wilber) Das Ich und das Gehirn (R. D. Precht) Das minderwertige Ich (A. Adler)

Thema: Moderne

Ethik

Nach Hiroshima und Auschwitz als Ausdruck des radikal Bösen muss sich die Ethik als Lehre vom guten Leben neu entwerfen. Sie muss Grundlagen prüfen und sich den neuen Herausforderungen stellen. Wie Ethik und Moral heute diskutiert werden, soll die neue Staffel des philosophischen Cafés vorstellen. Wenn es um die Modelle des neuen guten Lebens geht, sind wir alle zum Mitdenken und Mithandeln aufgefordert. Immer noch gilt: Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es. Aber was ist heute gut? Und was ist – was heute gut ist – vielleicht übermorgen böse?

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23. Okt. 30. Okt. 6. Nov. 20. Nov. 4. Dez.

Die Ethik der Tiere (Ch. Darwin und Co.) Die Ethik der Spiritualität (Platon, Aristoteles) Die Ethik des Mitleids (A. Schopenhauer) Die Ethik des Kapitals und der Solidarität (K. Marx) Die Ethik der Herren und der Sklaven (F. Nietzsche)

2012

5. Feb. 26. Feb. 11. März 18. März 1. April 29. April 6. Mai 3. Juni

Die Ethik und das Unbewusste (E. Fromm) Das radikal Böse (Die Goldhagen-Debatte) Das richtige Leben im falschen? (T. W. Adorno) Kann das Finanzkapital moralisch sein? (Comte-Sponville) Weltarmut und Ethik (D. Horster) Jenseits von Gut und Böse (Schmidt-Salomon) Ethik und Atomkrieg (Henrich) Die Kunst, kein Egoist zu sein (R. D. Precht)

Achtung: Terminänderungen sind möglich! Bitte sicherheitshalber immer beim jeweiligen Veranstalter nachfragen oder imSelber Programmdenken nachschauen!!! 2011

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D as philosophische Café mit Lutz von Werder im

Literaturhaus Berlin

mittwochs 17.30 bis 19.00 Uhr Eintritt: 5,- Euro Thema:

Moderne Ethik

2011

6. April 20. April 4. Mai 18. Mai

Thema:

Die Philosophie des Ichs

Philo-Café

2011/2012 Literaturhaus Berlin (Kaminraum)

Fasanenstraße 23 • 10719 Berlin Tel.: (030) 88 72 86-0 Fax: (030) 88 72 86-13 www.literaturhaus-berlin.de

Kann das Finanzkapital moralisch sein? (Comte-Sponville) Weltarmut und Ethik (Horster) Jenseits von Gut und Böse (Schmidt-Salomon) Ethik und Atomkrieg (Henrich)

Heute grassiert die Idee, die Evolution hätte das Ich so konstruiert, dass es nicht hinterfragbar ist. Es wird auch behauptet: Es gibt gar kein Ich. Gegen diese Verkürzung soll diese Literaturhausstaffel die Breite der Ich-Philosophie entfalten. Sie soll die Schätze der Ich-Analyse sichern, ehe sie einer bloßen Ich-Technologie zum Opfer fallen.

2011

5. Okt. 19. Okt. 2. Nov. 16. Nov. 30. Nov.

Meditationen über das Ich (R. Descartes) Die Höllenfahrt der Ich-Erkenntnisse (I. Kant) Das Ich und das Unbewusste (A. Schopenhauer) Das Über-Ich im Übermenschen (F. Nietzsche) Das Ich und das Nichts (M. Stirner)

2012

8. Feb. 22. Feb. 7. März 21. März 18. April 2. Mai 16. Mai 6. Juni 20. Juni

Die Selbstanalyse des Ichs (S. Freud) Das Ich und die Archetypen (C. G. Jung) Das minderwertige Ich und das Wir (A. Adler) Ich und Existenzerhellung (K. Jaspers) Das Ich und der Tod (M. Heidegger) Das Ich und die Alleinheit (K. Wilber) Das Ich in der Gehirnforschung (Popper und Co.) Ich und Du (M. Buber) Vom Ich zum Wir (E. Bloch)

Achtung: Terminänderungen sind möglich! Bitte sicherheitshalber immer beim jeweiligen Veranstalter nachfragen oder im Programm nachschauen!!! Selber denken 2011

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Muße durchbricht erstarrte Gewohnheit. Makelloses Weiß – Urgrund spiritueller Revolution Angelika Driesner

Selber denken 2011


Selber Denken – Neue Wege ins Paradies