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Gerda Lemke

Strom des Lebens Ein – mein Leben in Berlin

Schibri-Verlag • Berlin


Für meine Familie

Ich schrieb dieses Buch, um festzuhalten was mich bewegte, was ich dachte und fühlte und was ich erlebte. Das Leben ist wie ein Strom. Er fließt unaufhörlich dahin, mal langsamer, mal schneller. Überwindet Hindernisse und Tiefen. Vereint sich oftmals mit anderen Flüssen, um sich schließlich in der Weite eines Sees oder Meeres zu verlieren.


Inhalt Teil I – Kindheit - 1929 bis 1941

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Teil II – Erinnerungen und Tagebuchnotizen - 1944 bis 1949

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Teil III – 60 Jahre gelebtes Leben mit meinem Mann - 1950 bis 2010 177


Teil I - Kindheit 1929 bis 1941 Die Erinnerung meines Lebens beginnt etwa zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr. Die Zeit davor kenne ich nur aus der Erzählung meiner Familie. Dies sind meine Mutter Alinde, Pauline, Karoline Hoffmann, geborene Ernst, bei meiner Geburt 32 Jahre alt, mein Vater Heinrich Hoffmann, 32 Jahre, meine Großmutter Berta, väterlicherMeine Eltern: Alinde und Heinrich Hoffseits, mein sechsmann jähriger Bruder Günter und meine dreijährige Schwester Erika. Eigentlich war ich nicht im Leben meiner Eltern eingeplant, aber es kam anders: Am 27. August 1929, um dreiviertel sechs – also 5.45 Uhr, erblickte ich im 1


Lankwitzer Krankenhaus in der Leonorenstraße mit einem Schrei das Licht der Welt. Hier wurde ich auf den Namen Gerda, Edith, Elisabeth Hoffmann getauft. Wenn ich auch kein Wunschkind war, so hatte ich niemals das Gefühl, ein ungeliebtes Kind zu sein, und wie mir meine Mutter später immer wieder beteuerte, war ich ihr größtes Glück und bereitete ihr viel Freude. Gleich nach meiner Geburt zog die Familie von Lichterfelde-Ost in eine größere Wohnung nach Lichterfelde in den Hindenburgdamm. Ach, größere Wohnung ist ein weiter Begriff: Sie bestand aus einer Wohnküche, einem Schlafzimmer und einem etwas größeren Wohnzimmer zur Straße gelegen. Mit dem Wohnungsnachbar teilten wir uns eine Gemeinschaftstoilette auf dem Hausflur. Dies wurde für mich später ein Ort, den ich mit großem Unbehagen aufsuchte. Licht gaben uns Lampen mit einem Glühstrumpf. Der Gasherd in der Küche hatte im Korridor einen Zähler und musste mit Zehnpfennigstücken gefüttert werden. Waren sie verbraucht, versiegte das Gas zum Kochen. Aber da gab es noch den Küchenherd. Er wurde im Winter mit Holz, Briketts und Eierkohlen geheizt und verströmte wohlige Wärme. Auf ihm wurde auch gekocht und gebraten. Auf dem dafür vorgesehenen Ofenloch stand immer ein Kessel mit heißem Wasser. Für die nächsten zwanzig Jahre gehörte eine Küche für mich zu einem behaglichen Raum, der viele Erinnerungen birgt.

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Am Tage des Einzugs in die neue Wohnung musste ich meinen Lebenswillen unter Beweis stellen: Meine Mutter legte mich, ihren Säugling Gerda, nach dem Betreten der Wohnung auf die schon im Wohnzimmer stehende Couch. So verschwand ich ganz in den Kissen und ward für die Möbelträger wohl nicht sichtbar, denn sie legten eine Tür des Wohnzimmerschrankes auf mich. Ich soll laut geschrien haben. Meine Mutter kam, sah nur die Holztür auf ihrem Baby und schrie ebenfalls. Sie befreite mich von der Tür, und da lag ich nun mit rotem Kopf, aber unversehrt. All dies muss in kürzester Zeit geschehen sein, sonst wäre ich sicherlich erstickt. Hatte ich damals schon einen Schutzengel? Ich wurde kahlköpfig geboren und ließ meine Familie ein Jahr lang darüber im Unklaren, ob mir jemals Haare wachsen würden. Aber dann kamen sie: Ich wurde ein platinblonder Lockenkopf. Auf den Kleinkindbildern sehe ich mich an der Hand meiner Mutter blondgelockt und mit viel Babyspeck vertrauensvoll zu ihr aufblickend. Dies geschah im Jahr 1931. Die Goldenen Zwanziger waren vorüber. „Waren sie wirklich so golden?“ fragte ich Jahre später meine Mutter. „Für viele Menschen waren es wirklich die goldenen Jahre, aber für ebenso viele sind sie hart gewesen. Nach dem Krieg besteht bei den Menschen immer ein gewisser Hunger nach Leben. Aber das erkläre ich dir, wenn du größer geworden bist“. 3


Die Erklärung kam niemals. Musste sie auch nicht, denn Jahre danach machte ich meine eigenen Erfahrungen. Zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr fängt für mich die Erinnerung an. Es ist, als ginge ein Vorhang auf und vor meinem geistigen Auge rollt ein Film in bunter Vielfalt ab. Es sind Erlebnisse und Ereignisse sowie einzelne Bilder. Sie sind wie kleine Mosaiksteine, die ich versuchen möchte zu einem Bild – meinem Lebensbild – zusammenzusetzen. Im Jahr 1932: Vor unserem Wohnhaus im

Untere Reihe von rechts: Bruder Günter, Schwester Erika, Mutter Alinde, Gerda, Tante Käte, Bruno, Tante Minx, Sohn Gerhard Obere Reihe von rechts: Vater Heinrich, Onkel Alfred

Hindenburgdamm hielt die Straßenbahn der Linie 74 in Richtung Pauluskirche. Wann immer das Wetter es erlaubte und meine Schwester Erika Zeit hatte – sie 4


war schon in der 1. Klasse in der Volksschule – gingen wir auf die Straße zum Spielen. Zu unserem größten Vergnügen gehörte das Abpassen der Straßenbahn, um von dem Schaffner die abgerissenen Fahrscheinblocks zu erbitten. Es klappte nicht immer, aber manchmal doch: „Was macht ihr nur mit den vielen Blocks?“ fragte meine Mutter: „Die Schnipsel liegen nachher überall herum“. „Wir fegen sie wieder auf, Mutti“ war unsere Antwort. „Lass uns Eisenbahn spielen!“ Und manchmal spielte sie mit, obwohl sie wenig Zeit hatte. Drei kleine Kinder, ein Ehemann und Großmutter Berta, die gehbehindert war, mussten versorgt werden. Regnete es, dann wurde die Wohnung mit dem langen Korridor, an dessen Decke mein Vater eine Schaukel befestigt hatte, zum Spielplatz. Wir spielten auch gern Verstecken. Mein liebstes Versteck wurde in der Küche ein hellgrün gestrichener Kleiderschrank, in dem Alltagssachen hingen. Aber meine Schwester fand das schnell heraus und suchte mich dort zuerst. An einem Sommertag brachten Mutti und Erika mich zu dem Kleinkindergarten auf den Fichteberg in der Nähe des Botanischen Gartens. Dies war ein villenartiges Haus mit großem Garten in leichter Hanglage. Ich erinnere mich, dass viele Kinder dort spielten und schemenhaft sehe ich Tanten, die nett zu mir waren und mich zu trösten versuchten, denn ich fing an zu weinen, als meine Mutter und Erika mich verließen. Ich fühlte mich allein gelassen und die vielen Kinder 5

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