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zabriskie Point Eine Begegnung mit der tĂźrkischen Jugend in Istanbul


dreivondrei | Zabriskie Point

Istanbul im Januar 2016. Der Regisseur, Autor und Filmemacher Nuran David Calis bereitet nach Schau mal, sagt sie, ich weiß wirklich nicht, was sie denken, DIE LÜCKE und GLAUBENSKÄMPFER mit gibt die Leiterin für Geisteswissenschaft mir beim DurchISTANBUL seine dritte Arbeit am Schau- queren der Aula zu verstehen, auf ihre Studenten blickend. Dann bleibt sie an den Stufen stehen und hält einen Mospiel Köln vor, bei der Menschen aus ment entrückt vor mir inne. der Kölner Keupstraße gemeinsam mit Stufen zur Geisteswissenschaftlichen Fakultät in der TC Schauspielern auf der Bühne stehen. Im Die Universität Istanbul, gegründet 1453, sind stark beschädigt. vergangenen Jahr hat er im Rahmen ei- Die Marmortreppen haben bessere Tage hinter sich. Mehrenes Stipendiums des Auswärtigen Amtes re Stücke und Blöcke sind herausgefallen oder abgebrochen. Von den abgebrochenen Steinen fehlt jede Spur. Das kommt mehrere Monate in Istanbul gelebt – vor mir bekannt vor. Vor einigen Tagen habe ich so etwas schon einmal gesehen, aber ich kann mich nicht erinnern, wo?! dem plötzlichen Putschversuch vom 15. Juli 2016. Die Jugend Istanbuls, der er Vor den Stufen schaue ich mich um; das Licht ist gedämpft. damals begegnet ist, hat ihn ratlos geDie Fensterscheiben sind stark verschmutzt und lassen kaum die Sonne durch. Hier und da ein paar Tags. Kein Ort, an macht – und hoffnungsfroh.

Text Nuran David Calis Fotos Miraz Bezar

dem man sich gerne aufhält. Und dennoch scheinen die Studenten sich nicht davon abhalten zu lassen, unermüdlich in den Fluren und Räumen zu diskutieren, zu rauchen, zu trinken, sich etwas zu notieren, herumzulaufen, hastig zu telefonieren, sich zu küssen oder einfach nur nebeneinander zu liegen. Keiner will hier weg. Stattdessen strömen sie in Scharen in ihre Uni. Vor den Toren der Uni, am Security Check, bilden sich meterlange Schlangen, wie an einem Grenzübergang in Tijuana. Und alle wollen sie rein ... Beim Durchqueren der Aula, muss ich an die Eröffnungsszene von Antonionis »Zabriskie Point« denken. Ein pulsierender


studentischer Vulkan, der um Gedanken, um Ideen ringt. An den Wänden befinden sich mehrere Leinentücher mit Fotos von Berkin Elvan, darunter Slogans, »Freiheit!«. Keine anderen Ikonen, die man sonst so kennt, denke ich. Kein Che Guevara. Nix. Dann noch ein Bild von dem kurdischen Volkssänger Ahmet Kaya und die Flagge des Fußballclubs von Besiktas. Und ein kleines Mädchen, das in Soma vor dem Präsidenten steht und ihn anschreit. Alles Freiheitskämpfer, denke ich, nur keine, die wir im Westen kennen. Man hat das Gefühl, dass sich weder die Professoren noch die vorbeigehenden Dozenten, noch die zahlreichen Hausmeister, die in ihren dunkelgrauen Overalls durch die Menge bewegen, mit den Studenten anlegen möchten. Und die Studenten? Sie ignorieren jede Autorität hier. Es ist ihnen egal, wer da ist, ob sie jemand beim Rauchen oder Bier trinken sieht. Keine Angst vor niemandem, scheinen sie zu haben. Von Burka bis Jeans, von Salafisten bis Hipster-Bart, egal, alle sitzen hier zusammen und ignorieren alle, die über 30 sind. In diesem Moment gibt die Leiterin mir zu verstehen, dass ich die Stufen hochgehen soll. Es ist die Leiterin, die mich eingeladen hat, mit den Studenten über einen Film von mir zu reden. Die Studenten kommen und gehen, meint sie, sie sind immer pünktlich, nie zu laut, sie stehen oder sitzen hier in den Gängen, immer in kleinen Gruppen, nie alleine, sie kommen in meinen Unterricht oder in den meiner Kollegen, die meisten fehlen nie, holen sich fleißig ihre Scheine ab, sind kaum krank, keine Parties, kein Streit. Aber ... – und dann macht sie eine lange Pause und schaut mich an: Ich weiß wirklich nicht,

was sie denken!? Manche sind bei mir seit Jahren, aber ich weiß nichts über sie. Am Ende meines Vortrags zu meinem Film, bei dem es kaum Fragen gab, stoße ich beim Rausgehen einen Studenten an. Die paar Studenten, die sich meldeten, behandelten mich mit Samthandschuhen. Keine zu aufdringlichen Fragen. Als hätten sie sich vorher abgesprochen. Ich frage ihn, was hier los sei, ich bin kein Dozent, aber ich will das hier verstehen. Bitte. Denn ich verstehe dieses Land nicht. Ich verstehe diese Stadt nicht. Und ich weiß nicht, was diese Fakultät hier tut. Warum man mich hier überhaupt eingeladen hat, ohne mir die wirklich wichtigen Fragen zu stellen? Eigentlich müssten wir doch über dieses Land reden, wir müssten über Deutschland reden, über Europa, über die Islamophobie, die mein Film zum Thema hat, über Werte, über Religion?! Dieses Land ist die Heimat meiner Eltern, ich bin jedes Jahr hier und von Jahr zu Jahr fällt es mir schwerer, dieses Land zu verstehen. Was verstehst du nicht, fragt er mich, lächelnd. Wie kann ein Land solche Verrohungen und solche Zärtlichkeiten an einem Tag hervorbringen? Ich bin total ratlos. In einem Moment beschließt die Regierung, neue orthodoxe Kirchen bauen zu lassen, im anderen Moment schickt sie den Papst zum Teufel und unternimmt nichts, wenn ein Christ angezündet wird. Schwule und Lesben sind frei in diesem Land, sie können ihre Liebe frei wählen und leben, dann im selben Moment geht die Polizeigewalt auf ein schwul-lesbisches Straßenfest in Istanbul los, mit Gummigeschossen und Tränengas, unter dem Vorwand, dass man so eine »teuflische Orgie« den Menschen im Ramadan nicht

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zumuten kann. Die Alten klatschen, die Jungen kämpfen dagegen an. Entsetzt blicke ich auf eine Gesellschaft, die mich zutiefst in ihren Bann zieht und gleichzeitig abstößt. Die Heimat und Hölle gleichzeitig für mich ist. Was ist das für eine Zeit?! Frage ich ihn. Er lächelt weiter höflich und lässt mich weiterreden. Und in diesem Moment merke ich, dass ich gar nichts weiß über dieses Land, über die Menschen, über diese jungen Menschen. Ich weiß nicht, was »Untergrund« bedeutet hier, ich weiß nicht was »Kunst« oder »Freiheit« hier bedeutet, ich weiß gar nichts und dann maße ich mir an, über dieses Land und deren junge Generation zu urteilen?!

ganzes Land zum Beben bringt. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Bewegung die bestehende Mehrheiten im Parlament wegspült und neu ordnet. Wenn wir sie von außen nicht künstlich manipulieren.

Wenn du dich nützlich machen willst, reißt der Student mich aus dem Gedankenstrom raus, besorg mir und uns ein Praktikum in Deutschland, ansonsten gibt es nichts, was du tun kannst für uns! Was wir nicht selber können. Und sag deinen Theater- und Film-Leuten in Deutschland, sie müssen für nichts zahlen, denn jedem, der hier an der Geisteswissenschaft studiert, geht es finanziell gut. Wir haben reiche Eltern. Sie sollen uns nur eine faire Chance geben, den Rest machen wir hier. Ihr müsst uns nichts lehren.

Eine letzte Frage erlaube ich mir, einem der Studenten beim Rausgehen zu stellen: Eure Fakultät ist ganz schön runtergekommen, tun sie nichts für euch? Doch, doch, die Marmorsteine werden immer wieder erneuert, aber wir schlagen die Blöcke immer wieder raus und dann landen sie auf den Köpfen der Polizei am Taksim. In diesem Moment fällt mir ein, woher ich die abgebrochenen Marmorsteine kenne ...– vom Gezi-Park, rausgerissen von den Demonstranten. Jetzt weiß ich, dass diese Generation all die Fragen lösen wird, wenn sie gelassen wird.

Und dann wird mir alles klar; die Köpfe der Studenten sind voll, voll mit Plänen und Fragen, das spürt jeder, der in ihre Augen schaut. Man muss nur schauen, wie sie sich organisieren; blitzschnell. Die nächste Demo, die nächste Kundgebung. Das nächste Feuer, das gelegt werden muss gegen die kalten Säcke da oben. Hier wird illegal ein kurdisches Theaterstück auf die Beine gestellt, da wird illegal eine Lesung durchgezogen. Alles spontan. Mitarbeiter von namhaften kulturellen Institutionen unterstützen die Künstler und die Jugend hier heimlich. Aber niemand redet direkt miteinander, niemand weiß direkt, was der andere denkt. Dieser Staat hat die direkte freie Kommunikation zerstört, aber die Kommunikation geht abseitige Wege und das Leben und die Kunst suchen sich ihren Weg an die Öffentlichkeit. Und jetzt, mit etwas Abstand, bemerke ich, über was diese Generation verfügt und ich nicht. Die Studenten verfügen über das Wissen, ihr Land zu deuten und sich so zu verhalten, dass sie es Stück für Stück verändern werden, ohne, dass wir es hier in Europa so richtig bemerken. Sie zeigen uns, dass ihr Land sich von innen heraus verändern muss und kann. Sie sind entfremdet gegenüber gut-gemeinten und schlecht-gemeinten Autoritäten. Sie sind am Zabriskie Point. Alles ist möglich und nichts. Eine wirklich undurchschaubare, unwirkliche Zeit. Vielleicht ist diese Regierung schon Geschichte? Oder eine Zwischenstufe zu etwas hin, wohin die Menschen in der Türkei seit dem Militärputsch September 1980, angezettelt durch die USA und das türkische Militär, aufgebrochen sind. War es nicht die Generation nach 1980, die zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen sind, als Hrant Dink erschossen wurde, und skandiert haben: Wir alle sind Armenier!?! Es ist genau diese Generation Gezi, die ein

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Es heißt immer, dass jede Gesellschaft die Regierung bekommt, die sie verdient. Aber diese Jugend, die ich hier sehe, hat diese Regierung nicht verdient. Mach dir keine Sorgen um uns, sagt mir noch der Student, als er gehen will. Wir werden kämpfen und ihr in Deutschland, in Europa, werdet bald die Ergebnisse sehen. Dann dreht er sich um und lässt mich alleine zurück.

Und so muss ich beim Rausgehen nochmal an Michelangelo Antonionis »Zabriskie Point« denken, diesmal an den wirklichen Ort, den die beiden Liebenden im Film aufsuchen. Den »Zabriskie Point« am Death Valley. Irgendwann stehen die Beiden vor einer unwirklichen Landschaft, die entweder gerade kaputtgegangen ist oder am entstehen ist. Wir wissen es nicht. Alles oder Nichts. Quo vadis Türkiye ...?! Etwas ahne ich jetzt, die Zukunft liegt in ihren Händen und darf nicht in unseren liegen. Was für ein großartiges Land wäre dann die Türkei, wenn sich unsere Rechtstaatlichkeit mit dem emotionalen Kern, der Solidarität dieser jungen türkischen Generation binden würde? Dann würden wahrscheinlich einige Europäer an den Türen der Türkei stehen und um Einlass bitten. Oder?!

Rund 12 Monate später, im Januar 2017. Und jetzt? Ein paar Monate nach dem versuchten Militärputsch in der Türkei blicken wir von hier aus auf die Heimat unserer Eltern. Wir wissen immer noch nicht, wohin sich das Land bewegt. Der Ort, der seit den Erzählungen unserer Eltern immer auch ein Sehnsuchtsort war, wendet sich von uns ab. Viele hier sind mittlerweile in der Diaspora und blicken auf ein Land, das sich ihnen immer weiter entfremdet. Das Land verschließt sich. Will auch nichts mehr von den verlorenen Töchtern und Söhnen wissen. Brücken werden niedergerissen. Türen verschlossen. Die Menschen ziehen sich zurück. Harren aus. Istanbul eine wüste, hitzige, verwegene Stadt, Schmelztiegel zwischen Orient und Okzident steuert auf eine Eiszeit zu … Quo vadis Istanbul?! Quo vadis Türkiye?


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