

Raiffeisen Mitteilungen
des Raiffeisenverbandes Südtirol Genossenschaft

In Südtirols Milchwirtschaft kommt Bewegung. Die Genossenschaften bleiben autonom und arbeiten intensiver zusammen.
Milch wird neu verteilt
Die Einzugsgebiete der Milchhöfe in Südtirol werden neu geregelt. Und der sogenannte kleine Milchpool soll noch in diesem Jahr entstehen. Diese Neuerungen hat der Sennereiverband Südtirol auf einer Pressekonferenz im Haus der Tierzucht der Öffentlichkeit vorgestellt.
Der Schritt wird von allen Beteiligten als historisch bewertet. „Man wechselt nicht jeden Tag seine Genossenschaft“, meinte Joachim Reinalter, Obmann des Sennereiverbandes. Die Einzugsgebiete der Milchhöfe Bergmilch Südtirol, Brimi und Meran werden neu aufgeteilt. Mehr als 80 Prozent der Milchbauern der Gemeinde Kastelruth haben sich Mitte August für den Wechsel von der Bergmilch hin zum Milchhof Brixen entschieden. Vorausgegangen waren intensive Gespräche und Informationsveranstaltungen vor Ort. Dieselbe Entscheidung hat die überwiegende Mehrzahl der Bauern vom Ritten gefällt. So werden ab dem kommenden Jahr 250 Bauern ihre
Milch nicht mehr zur Bergmilch, sondern an den Milchhof Brixen liefern. Damit wird auch der Kooperationsvertrag zwischen beiden Milchhöfen neu geregelt, der bislang u. a. den Milchankauf der Brimi beim größten Milchhof Südtirols, der Bergmilch, vorsah. „So bekommen wir mehr Planungssicherheit“ sagt Klaus Faller, Obmann der Brimi. Dasselbe gilt für den Milchhof Meran. Bei einer verarbeiteten Milchmenge von 26 Mio. kg Milch und bei einer Anlieferung von 17. Mio. kg musste der Milchhof jährlich 9 Mio. kg Milch von der Bergmilch zukaufen. „Wenn die 120 Milchbauern der Gemeinden Mölten und Vöran zu uns kommen, dann bekommen wir an die 11
Mio. kg mehr“, sagt Obmann Georg Egger. Allerdings steht die Entscheidung der Milchbauern der Gemeinde Mölten noch aus. Stichtag ist der 4. September.
Mangelware Milch
Mit dieser Gebietsverschiebung wird der konstante Milchüberschuss der Bergmilch reduziert. Insgesamt rückläufig sind allerdings die Milchanlieferungsmengen aller Milchhöfe. Und das schon seit einigen Jahren. Wurden im Jahr 2010 noch 365 Mio. kg Milch angeliefert, waren es ein Jahr später nur mehr 357 Mio. kg. Für das laufende Jahr werden es fünf
raiffeisen
Neuer Direktor in Tisens
Max Tribus ist seit Juni neuer Direktor der Raiffeisenkasse Tisens. Er folgt auf Langzeit-Direktor Josef Bartolini, der die Raiffeisenkasse über 46 Jahre geleitet, sie vom Einmannbetrieb zur modernen Raiffeisenkasse aufgebaut hat und nun in den Ruhestand getreten ist. Max Tribus trat 1982 in der Raiffeisenkasse ein und war 20 Jahre Innenbereichsleiter. Seine vorrangigen Ziele: die Stabilität und Eigenständigkeit der Raiffeisenkasse sichern und den Mitgliedern und Kunden Bankdienstleistungen zu guten Bedingungen bieten. Tribus ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Die Raiffeisenkasse beschäftigt elf Mitarbeiter und betreibt drei Zweigstellen.

Mio. kg weniger sein, prognostiziert Unternehmensberater Christian Gruber, der eine Studie durchgeführt hat. Im Jahr 2016 geht die Milchwirtschaft davon aus, dass nur mehr 339 Mio. kg Milch in Südtirol angeliefert werden. Neben dem Phänomen, dass immer mehr Bergbauern die Milchkanne an den Nagel hängen, steigt der Veredelungsgrad der Milchprodukte in den Sennereien jährlich an. Kleiner Milchpool entsteht

Zudem gibt es physiologische Schwankungen bei der Anlieferung von Milch, die bei Verträgen mit Handelsketten zu Buche schlagen. Während Kühe im Winter durchschnittlich zehn Prozent mehr Milch geben, fehlen in den Sommermonaten an die neun Prozent auf den Jahresdurchschnitt. Die Milchhöfe haben sich zu einer stärkeren Zusammenarbeit bereit erklärt. Die restliche Überschussmilch soll in einem kleinen Milchpool gemeinschaftlich vertrieben werden. Auch der Einkauf soll gemeinschaftlich geregelt werden. Dies ist das deklarierte Ziel des Sennereiverbandes, der den Vertrag noch in diesem Jahr unter Dach und Fach haben möchte.
Späte, aber gute Marillenernte
Die Marillenernte ist jedes Jahr großen Schwankungen unterworfen. Nach den Katastrophenjahren 2008 und 2012 können die Marillenbauern im Vinschgau heuer wieder aufatmen. Trotz Hagelschäden und später Reife.
Normalerweise werden Vinschger Marillen bereits um Mitte Juli im Verkauf angeboten. Aufgrund des kühlen und verregneten Frühlings und einer dadurch späten Wachstumsphase wurde mit der Ernte heuer zwei Wochen später begonnen. Die letzten Früchte werden in der kommenden Woche noch geerntet werden. Die späte Lieferung bringt Probleme beim Absatz mit sich, bestätigt Gerhard Eberhöfer, zuständiger Verkaufsleiter beim Verband der Vinschgauer Produzenten in Latsch. Mit der heurigen Erntemenge können die Marillenbauern des Vinschgau dennoch leben: 365 Tonnen wurden geerntet. „Das Dreifache im Vergleich zum Vorjahr und die zweithöchste Erntemenge in den letzten sechs Jahren“, sagt Eberhöfer. Allein dort, wo der Hagelschlag niedergegangen war – ein Drittel der Vinschgauer Ernte sind davon betroffen – mussten die Bauern mit schlechterer Qualität rechnen.
Genossenschaftlich vermarkten
Der Vereinigung der Vinschgauer Marillenbauer sind inzwischen 120 Marillenbauern beigetreten, die ihre Früchte gemeinsam vermarkten. Die Anlieferung, Sortierung, Verpackung und weitere Vermarktung der Marillen wird in den Räumlichkeiten der Obstgenossenschaften Mivor durchgeführt. „Unser Ziel wäre es, 100 Prozent der Vinschger Produktion genossenschaftlich zu vereinen“, so Eberhöfer. Derzeit liegt man bei 80 Prozent. Diesen
Prozentanteil weist auch die Anbaufläche der klassischen Vinschger Marille auf, die einzig und allein im Vinschgau beheimatet ist. 20 Prozent fallen auf die neuen Sorten wie Orange Red, Hargrand oder Gold Rich.

Gerhard Eberhöfer, zuständiger Verkaufsleiter beim Verband der Vinschgauer Produzenten.
Christian Gruber (Unternehmensberater), Klaus Faller (Obmann Brimi), Joachim Reinalter (Obmann Sennereiverband), Georg Egger (Obmann Milchhof Meran).
Langzeit-Direktor Josef Bartolini, Obmann Elmar Windegger, Max Tribus
Zu Hause alt werden ist möglich
Im März dieses Jahres wurde in Wiesen/Pfitsch die Sozialgenossenschaft Betreuungsteam gegründet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen im Alter zu begleiten.
In gewohnter Atmosphäre alt werden, trotz Demenz und Alzheimer, rund um die Uhr von fachkundigen Menschen betreut werden – das ist der Wunsch vieler Südtirolerinnen und Südtiroler. In Pfitsch gibt es neuerdings eine Genossenschaft, die diese Vision umsetzen will. Dahinter steht Petra Brand, Hausfrau und Mutter von 2 Kindern. Sie hat vor 5 Jahren mit der Betreuung älterer Menschen begonnen. Nachdem sie zwei ältere Damen über Jahre hinweg begleitet hat, die ihre täglichen Verrichtungen nicht mehr selber erledigen konnten, ist die Idee geboren eine Genossenschaft zu gründen. Im Konkreten leisten die Mitarbeiterinnen des „Betreuungsteams“ u. a. Unterstützung beim Aufstehen und Schlafengehen, Kochen und Essen, bei der Gartenpflege und Schneeräumung. Sie erledigen Einkäufe und Botengänge und sehen sich als Ergänzung zu bereits bestehenden sozialen Einrichtungen wie Sozialsprengel.
Unterstützt vom Dachverband für Soziales und Gesundheit sowie der Gemeinde Pfitsch ist das neue Projekt bereits jetzt gut angelau-

fen. „Wir wollen keine Konkurrenz sondern eine Ergänzung zu bestehenden Einrichtungen sein. Wir machen keine Krankenpflege sondern Haushaltspflege“, unterstreicht Vizepräsidentin Renate Ainhauser. Immer mehr Menschen suchen diese Art von Hilfe – nicht nur in Wiesen. „Unsere Betreuten sollen so lange wie möglich zuhause bleiben können und von
EU-Studie über Genossenschaften
Petra Brand ist Präsidentin der Sozialgenossenschaft Betreuungsteam in Wiesen, die einen neuartigen Hauspflegedienst aufbaut und organisiert.
Genossenschaften haben einen messbaren positiven Einfluss auf die Rolle der Produzenten in der Wertschöpfungskette. Das geht aus der im Auftrag der EU-Kommission erstellten Studie hervor.
Danach sind in Ländern, in denen landwirtschaftliche Genossenschaften über relevante Marktanteile verfügen, die durchschnittlichen Erzeugerpreise höher als in Staaten, in denen Genossenschaften keine Rolle spielen. Dies bestätigt Markus Hanisch, Professor für Kooperationswissenschaften an der Humboldt Universität in Berlin. „Der durchschnittliche Marktanteil aller landwirtschaftlichen Genossenschaften in den acht wichtigsten Branchen der EU-Agrar- und Ernährungswirtschaft liegt bei über 40 Prozent. In der Milchwirtschaft sind im Schnitt rund 60 Prozent der Marktteilnehmer genossenschaftlich organisiert. Gerade dort spielen Vereinigungen eine herausragende Rolle in der Wertschöpfungskette.“ Die Wissenschaftler sehen die Genossenschaften in der EU angesichts der Konzent-
ration im Einzelhandel und globalisierter Agrarmärkte vor großen Herausforderungen. Betroffen sind sie bezogen auf Wachstum, Fusionen, Modernisierung und Internationalisierung.
Bindung der Mitglieder
Entscheidende Bedeutung in den größer werdenden Unternehmen kommt der Mitgliederbindung und -kommunikation zu, aber auch der wirkungsvollen Kontrolle eines professionellen Managements durch die Mitglieder. Die Studie wurde von belgischen, deutschen, finnischen und griechischen Instituten unter Leitung der niederländischen Universität Wageningen erarbeitet. Untersucht wurde die Situation in 27 EU-Mitgliedstaaten.

In jenen Regionen, in denen landwirtschaftliche Genossenschaften tätig sind, sind auch die Erzeugerpreise höher und ist die Wertschöpfungskette stärker.
Mehr Infos http://ec.europa.eu/agriculture/external-studies/ denselben Mitarbeitern betreut werden“, betont Obfrau Petra Brand. Damit hilft die neue Genossenschaft die Kosten der öffentlichen Hand zu reduzieren, die weniger Betreuungsplätze in Heimstätten bereitstellen und erhalten muss. Und sie schafft Arbeitsplätze in der Peripherie. Auf diese Weise bekommen Frauen ein neues Betätigungsfeld.
Obstsektor als Wirtschaftskraft
Sämtliche Obstgenossenschaftern sind Mitglied des Raiffeisenverbandes. Sie stellen eine wesentliche wirtschaftliche Leistungskraft dar und bieten die Lebensgrundlage für viele Südtiroler Familien.
Die im Jahresbericht des Raiffeisenverbandes jüngst publizierten Daten zur Sozialbilanz zeigen, dass die Obstgenossenschaften im Jahr 1981 noch einen Anteil an der Kernobstproduktion Südtirols von 67,5 Prozent hatten. Dreißig Jahre später, im Jahre 2011, lag dieser bei beachtlichen 91,8 Prozent. Die von den Obstgenossenschaften produzierte Kernobstmenge wuchs im Betrachtungszeitraum von 329 Tsd. auf 1.085 Tsd. Tonnen (+ 230 Prozent). Die Gesamtauszahlung an die Mitglieder ist in diesem Zeitraum real lediglich um etwa 49 Prozent angestiegen. Der Mengenzuwachs hat den Auszahlungszuwachs also stark übertroffen, d. h. das Niveau des Auszahlungspreises ist deutlich gesunken. Die Gesamtauszahlung an die Mitglieder aus der Ernte des Jahres 1981 fiel allerdings deutlich höher aus, als jene aus der Ernte des Vorjahres. Die Entwicklungsdaten in der Grafik umfassen nicht alle Mitgliedsgenossenschaften, sondern jene, welche jeweils in die Raiffeisen-Obst-
statistik eingeflossen sind. Die nicht berücksichtigten Obstgenossenschaften weisen al-
Obstgenossenschaften
Entwicklung der Kernobstproduktion und Anbaufläche
lerdings lediglich einen geringen Anteil am Gesamtvolumen auf.
Kernobstproduktion Südtirol
Kernobstproduktion Raiffeisen samt Anteil (in %)
Vereintes globales Wirtschaften
Die Raiffeisenkasse Bruneck lud Mitte August zu den Sommergesprächen in ihren Hauptsitz ein. Gastreferent Prof. Roland Benedikter sprach über die globale Entwicklung der Weltwirtschaft und über die Rolle Europas.
In seinen Eröffnungsworten zitierte Direktor Anton Kosta den Sozialreformer Friedrich W. Raiffeisen: „Es schreit die ganze Welt nach Geld, und zwar nach möglichst billigem Geld. Je leichter, je mehr und je billiger dieses erlangt wird, umso schlimmer werden die Zustände werden.“ Die vor mehr als 100 Jahren getroffene Aussage gilt heute mehr denn je, meinte Kosta.
Den Schwerpunkt des Abends bildeten der Vortrag und die moderierte Gesprächsrunde mit Roland Benedikter, u. a. Professor für Politikanalysen der Universität von Santa Barbara in Kalifornien und Mitautor des White Paper über die Zukunft der Neurokriegsführung für das Pentagon. „Die meisten Leute denken, dass die Krise in Europa liegt. Dem ist nicht
so“, meint er. Alle großen Mächte wie die USA, China und Europa stecken in der gleichen Krise. Alle stellen sich auf die globalen Herausforderungen des Marktes und der Technik neu ein und suchen nach brauchbaren Lösungen, da sie voneinander abhängig sind. „Zur Lösung bedarf es einer vereinten Menschheit, die Wirtschaften müssen zusammenwachsen;“ so Benedikter. Europa hat nur eine Chance, wenn es zu den vereinigten Staaten von Europa wird mit einer einheitlichen Politik und der gleichen Währung. Auch die Südtiroler brauchen ein globales Bewusstsein mit passenden Strukturen. „Südtirol kann aber auch einen Beitrag für die Welt leisten in ethnischen Bereichen bei der Entstehung eines Zivilbewusstseins“, meinte Beneditker.
Impressum: Herausgeber: Südtiroler Bauernbundgenossenschaft, Druck: Athesiadruck – Ermächtigung vom Landesgericht
Presserechtlich verantwortlich:

Prof. Roland Benedikter lebt in Kalifornien. Bei den Raiffeisen Sommergesprächen warnte er vor einer Renationalisierung Europas.
Bozen, 13.4.1984, Nr.13/84
Guido Steinegger, Redaktion: Stefan Nicolini, Thomas Hanni (Raiffeisenverband Südtirol, 0471 945453, rvs-presse@raiffeisen.it, www.raiffeisenverband.it)