Philipp Valenta (Hg.): Keiner von uns hat ein´ Job im Büro. Hattingen 2021.

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Es ist nicht leicht, in den jetzigen Corona-Zeiten Ausstellungen zu realisieren! Dennoch lädt der Kunstverein Hattingen e.V. gerade nun zu einer außergewöhnlichen Schau in der Galerie Neue Räume: Keiner von uns hat ein‘ Job im Büro des Künstlers Philipp Valenta. Valenta ist ein junger und ambitionierter Künstler, der immer wieder mit seiner ganz überraschenden, persönlichen, oft extrem reduzierten Sicht auf die Dinge sein Publikum zu verblüffen vermag. So auch hier, indem er durch den Einsatz weniger Stilmittel auf das Wesentliche aufmerksam macht und mit „Fieberkurven“, „Verbindungen“, „Erzählungen“ und “Verknüpfungen” Klicks in den Köpfen der Betrachterinnen und Betrachter produziert; wie ein: “So hab‘ ich das noch gar nicht gesehen...” Darüber hinaus sind wir natürlich begeistert von der interaktiven Seite dieser Ausstellung und wünschen hiermit Philipp Valenta nicht nur viel Aufmerksamkeit in den neuen Medien sondern vor allem in diesen Zeiten einer durch Corona stark gebeutelten Kulturbranche VIEL ERFOLG ! Christiane Nicolai Vorstandsvorsitzende Kunstverein Hattingen e.V.

Philipp Valenta

Keiner von uns hat ein‘ Job im Büro Kunstverein Hattingen 24. Januar bis 7. März 2021 Kuratiert von Roger Rohrbach 2



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Im vorderen Ausstellungsraum der übergangsweise bezogenen Räume des Kunstvereins Hattingen ist Philipp Valentas installative Intervention aus Stromkabeln zu sehen. Die Arbeit Service-Hotline kann nur durch die großen Schaufenster eingesehen und rezipiert werden. Die Kabel verweisen im Arrangement auf die bauliche Gegebenheit der vielen Steckdosen im Raum und stellen diese so in den Fokus der Betrachtung. Obschon die „Leitung steht“ und alles strukturiert ist, erzeugt die Installation einen Kurzschluss und betont in großer Geste die Sinnlosigkeit des Werks. So unterstreicht die Intervention die Schwierigkeiten, die bei der Hängung und Präsentation von Kunstwerken entstehen. Durch das Herausstellen der Präsenz der Steckdosen wird evident, dass die Wand kaum anderweitig bespielt werden kann. Der Blick fällt sofort auf die Stecker, die sonst als alltägliches Gebrauchsobjekt schnell übersehen werden und hier durch die Kabel als raumgreifendes Element auch die Nutzbarkeit der Eingangstür untergraben. So mag die Arbeit als Kommentar zum Büroalltag einer in Hierarchien geordneten Arbeitsweise und stringenten Struktur vor dem Hintergrund der aktuellen Schließungen von Kunst- und Kulturorten stehen. (RR)

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Die aus der Wand ragenden Kabel enden mit einer leeren Lampenfassung und werden durch die temporäre Intervention Quick Reaction von Philipp Valenta zu den Augen eines Emoticon, dessen Mund durch einen schnell gesetzten Strich aus Sprühlack geformt wird. Als sich selbstreflektierendes Element bindet Valenta die vorgefundene architektonische Situation der Ausstellungsräume in das Graffiti ein. Dabei setzt der Künstler neben dem Ausdruck eines persönlichen Gemütszustandes auch einen Kommentar zur aktuellen Lage, in der sich Künstler:innen und Kulturschaffende befinden. Nicht zuletzt durch die Pandemie haben sich diese Gegebenheiten weiter verschärft und den Radius der davon betroffenen Künstler:innen ausgedehnt. Neben der Rezeption von Kunst wird auch das Schaffen von Kultur zunehmend elitärer. So werden durch das Graffiti, beheimatet in der Street Art, die Fragen gestellt, in welchen Räumen wir Kunst und Kultur (ver)handeln, welcher Raum für einen Diskurs zur Verfügung gestellt und wie die Arbeit von Künstler:innen, Kurator:innen und Kunsthistoriker:innen oder Kulturschaffenden allgemein honoriert wird. Nicht zuletzt ergibt sich die Frage: Welchen Stellenwert hat Kunst in unserer Gesellschaft? In Form von Stickern ist der Smiley als Kommentar sowohl in digitaler als auch analoger Form präsent und kann von Dritten als Quick Reaction im urbanen Raum sowie in sozialen Netzwerken verbreitet werden. (RR)

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Das Ausstellungskonzept sowie die Fotografie White Cube haben ihren Ausgang in der räumlichen Situation des Ausstellungsortes, als ehemaliges Büro. So kann die Architektur, die beim Konstrukt des White Cube in den Hintergrund treten soll, auch als Inspirationsraum für die Ausstellung gesehen werden. Philipp Valenta entleert in der Fotografie den abgebildeten Raum von Kabeln, Steckdosen, Rohren und Lüftungen. Durch die Absenz der baulichen Situation wird diese evident – die architektonischen Elemente rücken im Ausstellungszusammenhang in den Fokus. So beleuchtet Philipp Valenta in der Diskussion über den White Cube einen anderen, neuen Aspekt. Bis heute ist diese vor allem durch die Publikation Inside the White Cube. The Ideology oft the Gallery Space von 1976 und dessen Autor Brian O´Doherty nicht nur namensgebend geprägt. Auch sind Künstler wie Robert Barry zu nennen, der 1969 ankündigte: „Während der Ausstellung bleibt die Galerie geschlossen“ und so das Publikum aktiv außen vorlässt, oder Les Levine und Dan Graham, die Verhaltensweisen der Besucher:innen zum Thema ihrer Arbeit machen. In der ausgestellten Fotografie entsteht werkimmanent eine freie Wand und Präsentationsfläche, die der von O´Doherty beschriebenen „weißen Zelle“ nahekommt. Weiter auratisiere der White Cube das gezeigte Werk und steigere so auch den Wert beziehungsweise würde dieser dadurch erst verliehen. Der White Cube ist Ausstellungsraum und Motor der Kunst als Ware. Diese Ästhetik und Bildsprache greift Philipp Valenta auf und rekurriert auf Ausstellungsansichten, die sonst in Portfolios, Publikation oder auf Internetpräsenzen von Künstler:innen zu finden und just für diese hergestellt und aufbereitet wurden. „Aber ich hab´ gute Fotos.“

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Ahnlich wie der Raum bei O`Doherty, dessen Gebilde des White Cube zunächst in Galerieräumen zu verorten ist, sind auch die „aufgepimpten“ Fotos von Ausstellungen mit gewissem „Warenfetischismus“ zu sehen. Der White Cube ist nach O´Doherty ein „Kultraum der Ästhetik“. Es geht um die Darstellung der Arbeiten und schließlich um eine Vermarktung und Präsentationen in Publikationen und ein Leistungspotenzial mit möglichst hoher Reichweite und „Likes“ im digitalen Raum. Wo präsentieren, rezipieren und handeln wir Kunst? Und wie ist das aktuell, coronakonform, zu bewerten? Welchen „Raum“ haben Künstler:innen und Kulturschaffende? (RR) Das bearbeitete Bild wird unter folgender Adresse zum Download angeboten: https://www.philippvalenta.de/whitecube

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Angepasst an den jeweiligen Tag werden die einzelnen Blätter der Serie Wiedervorlage ausgestellt. Tagesaktuell ist das jeweilige Datum zu lesen. Gestempelt auf einfachem DIN-A4-Papier – nichts Besonderes. Der serielle Charakter des Stempelns wird durch Buchstaben und Zahlen – die ein exaktes Datum konservieren – unterbrochen. Zeitlich gesehen wird ein ganzer Tag umspannt, obschon die Zeichen nur konnotiert sind; ihre reine Form und Gestaltung entzieht sich dem Temporären. Es ist vorstellbar, dass die Grafik mit einer Konnotation und Relevanz aufgeladen wird oder nur einen von aktuell vielen retardierenden Tagen markiert. In einer Welt, in der jederzeit alles denkbar, alles möglich ist und sich Realität mit „Fake-News“ mengen, könnte die Zeichnung ein aktuelles, womöglich politisches Thema fixieren. Das „Hier und Jetzt“ tritt bei Betrachtung der Arbeit in den Fokus und changiert mit dem Moment, der der Grafik in Zukunft inne sein kann – als eine Erinnerung an ein Zeitgeschehen. So sind der Serie und den einzelnen Teilen Werteverschiebungen inhärent. Dem einfachen Papier und Stempel kommt als künstlerischer Arbeit ein ökonomischer Wert hinzu und die Warenhaftigkeit sowie die Option des Erwerbs werden offenkundig. Jedes Blatt kann am Ausstellungstag zu einem kleinen Preis erworben werden. Die Wertigkeit wird hinterfragt. Um einen weiteren zeitlichen Moment und Gedanken zu Wertspekulationen wird die Arbeit ergänzt, da das Blatt, sofern nicht verkauft, vernichtet wird. Nur verkaufte Arbeiten bleiben in ihrer Form existent, verbleichen unter Umständen; wobei die Serie an Wert gewinnen mag, wenn Blätter zerstört und die Anzahl der verfügbaren Blätter verringert würde – bis hin zu den Annahmen, dass entweder: eine Art „Unikat“ entsteht, wenn nur ein Blatt erworben wurde oder die Auflösung und Zerstörung der ganzen Serie eintritt. Wird die Arbeit dann unbedeutend oder mit einer Aura aufgeladen?

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In formaler Gestaltung steht die Serie Wiedervorlage in Nähe zu den Date Paintings von On Kawara. Die Gemälde zeigen das Datum des Tages, an dem sie gemalt wurden. Die Arbeiten entstehen Mitte der 1960er Jahre nach einer Identitätskrise On Kawaras und dienen als unmittelbare und existenzielle Bewältigung jedes einzelnen Tages. So ist der Entstehungsprozess für On Kawara im Fokus der Arbeit und gedanklich zentral mit den Arbeiten I Read, I Went, I Met, I Got Up verbunden. Die Serie der Wiederverlage hingegen entsteht in einem Arbeitsvorgang, losgelöst von einem bestimmten zeitlichen Kontext oder Ereignis. Philipp Valenta befragt die Strukturen des Kunstmarktes, die Verhältnisse von Werten unter dem Einfluss des Zeitlichen sowie des Auratischen der Kunst. Hingegen der Arbeit von Philipp Valenta tritt die Zerstörung bei On Kawara ein, wenn eine Arbeit nicht an einem Tag fertiggestellt werden konnte. (RR)

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Die Zeichnungen der Serie Graphs zeigen eine Aneinanderreihung von statischen und kompositorischen Linien. Es scheint kein zuverlässiges Muster auf den einzelnen Zeichnungen zu geben, sie machen einen zufälligen Eindruck. Die Arbeit zeigt dem Betrachter ein Zusammenspiel von konkreter und mathematischer Herangehensweise von Kunst. Passend zu Philipp Valentas anderen Arbeiten, bei denen er sich mit Themenfeldern wie Wirtschaft, Geld und dem Alltag beschäftigt und diese in seinen künstlerischen Arbeiten verbindet, bildet Graphs eine Brücke zu diesen Welten. Die Darstellung der verschiedenen Einzelstücke der Serie an einer Tafel oder Wand, gleichmäßig und akkurat, fast penibel mit gleichem Abstand zueinander aufgehängt, erinnert an eine Präsentation im Büro, der Schule oder der Universität. Automatisch vergleicht man die Zeichnungen aus Tusche und Bleistift miteinander, als wären es Statistiken oder, dem Titel der Arbeit nachgehend, Graphen. Zusätzlich verzichtet Philipp Valenta gänzlich auf eine Legende, die auf den Inhalt der einzelnen oder gar auf einen Zusammenhang zwischen den Zeichnungen hinweist. Der Betrachter sucht regelrecht nach einer Bedeutung der Graphen, welche diese jedoch künstlich durch ihr Abbild erzeugen. Lediglich die Darstellungsweise als „reine Kompositionen aus Linien“ lassen einen Bezug zwischen diesen herstellen. (LBR)

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Katalogedition „Graph KV H 21“ 150 Exemplare Im Druck signiert




Zunächst erscheint die Leinwand, als ungenutzter, leerer und vergilbter Malgrund, abgegriffen und gealtert. Die Flecken erinnern an „besudelte Matratzen oder Bettlaken“ und treten dem Bildträger aus Baumwolle, von cremefarbener Tonalität, nur schwer hervor. Vielmehr geriet der Bildhintergrund, als materielles Mittel, selbstständig in die Wahrnehmung. Mit feinen Nuancen entsteht ein monochromes Bild, dass mehr die Leinwand als Materialträger zeigt, als färbende Pigmente. Ohne Sujet und mimetische Bedeutung entzieht sich die Malerei Konsumierbarem. Die Vermeidung der Komposition unterstreicht den ephemeren Charakter der Monochromie. Die monochrome Malerei zählte in den 1950er-Jahren zu den Techniken der Avantgarde um Künstler wie Yves Klein, die entgegen der tradierten peinture auf eine von allen Bedeutungen befreite Leere zielte. Nach Wollheim und seiner Formulierung des „Kunst-Gehalt“ minimiere sich dieser, indem sie das Modell des repräsentationalen Bildes an die Grenze der undifferenzierten monochromen Fläche führe. Die reale Herstellung ist als Spur einer Tätigkeit der Malerei derzeit inhärent und ablesbar. In den Arbeiten von Philipp Valenta ist das anders und als Signifikat zu benennen. Die `Leere`, die die monochrome Malerei durch ihre tradierte Kunstgeschichte vorgibt, wird sowohl durch die Materialität als auch den Schaffensprozess unterwandert. Die Farbnuancen entstehen durch das Einlegen des Stoffes in Champagner. Wenn dieser verdunstet ist, wird der Stoff auf dem Keilrahmen fixiert. So geht Philipp Valenta auch nicht von der aufgespannten Leinwand aus und der vom Künstler provozierte Moment des Zufälligen wird in der Herstellungsweise evident. Als abstraktes Gemälde stellt es nur sich selbst dar und erst das Material offeriert Konnotationen, welche die Ästhetik des Gemäldes mit den Assoziationen an Champagner korrelieren lassen. In diesem Spannungsfeld mit der Ware (des Champagner) steht auch der Titel, der in der Serie der

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Cham-Paintings, dem Namen des genutzten Champagner folgt und neben hochwertigen Marken auch „Billigprodukte“ einbindet. So wird neben dem Material auch der Titel Ausgang von Ideenverbindungen. In Comte des Brismand von Lidl denken wir an den sozialen Stand von Grafen und lassen uns in die Champagne entführen, die als Herkunftsort – seit dem 17. Jahrhundert - sinnbildlich für Rang, Wohlstand und Glanz steht … bis zur Verdunstung des Ruhmes. (RR)

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Rubrum zeigt auf versteckte und solide Weise Inhalte von wichtigen und einflussreichen Briefen des Künstlers. Briefe sind nach wie vor eines der Hauptmedien der Kommunikation. Sie sind nicht weg zu denken, sei es für wichtige Informationen wie Auftragsbestätigungen, Vollstreckungsankündigungen oder triviale Werbung/Rechnungen. Sie werden im ersten Augenblick durch die Betreffzeilen reduziert und der Inhalt wird prägnant zusammengefasst. So verhält es sich auch in dieser Serie Rubrum. die Zusammenstellung von Rubriken. Die rechteckigen roten Tuschefelder auf weißem Papier stechen deutlich heraus und fungieren als eine Art Signal. Der faktische Inhalt ist nicht direkt zu greifen, jedoch kann man dieses konkrete Werk auf einen Blick rasch erfassen. Die Schnelllebigkeit des Werkes ist durch die Farbgebung und Form gegeben und lässt erst durch einen genaueren Blick auf die einzelnen Papiere den tieferen Sinn festhalten. Inwiefern sind wir abhängig von solchen Nachrichten? Die Hochs und Tiefs in unseren Leben werden durch gute und schlechte Nachrichten nachhaltig beeinflusst, wenn nicht sogar von ihnen erst eingeleitet. So zeigen die Papiere von Rubrum lebensverändernde Nachrichten. Der Inhalt ist „geschwärzt“, beziehungsweise symbolisch als roter Kasten dargestellt, also anonymisiert. Dadurch wird dem Betrachter der Einfluss und der Bezug auf die Realität bewusst. Weiterhin spielt das Medium des Papiers, welches als Überträger von Informationen gilt (seien es die Zeitung, Bücher, Verträge, Fotografien oder Kunstwerke), eine wichtige Rolle. Der Künstler präsentiert hiermit ein Werk voller Fragen, die jeder mit seinem eigenen Erfahrungswissen anreichern und beantworten kann. Er zieht eine nüchterne und private Bilanz ohne Beschönigungen. (LBR)

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Der C-Print She Was A Waitress in Cocktail Bar Now She Owns a Jet ist ein Teil der fotografischen Serie Clickbait von Phillipp Valenta. Die Arbeit erinnert an die berühmte Phrase „vom Tellerwäscher zum Millionär“: die meisten Formen von Clickbait in dieser Serie haben im weitesten Sinne mit Geld zu tun – und wie man dieses schnell und ohne große Mühe verdienen kann. Das ist oft nur ein leeres Versprechen. Diese Anzeigen dienen dem Zweck, Werbeeinnahmen oder Marktbekanntheit bei den Konsument*innen zu erzielen, ohne Rücksicht auf Moral und Ethik zu nehmen. Dabei wirkt die Anzeige als „bait“ (Köder) für Klicks, bei denen die Personen schlussendlich gelockt werden. Die Schwierigkeiten, die durch die Darstellung falscher Tatsachen ausgelöst werden, wie durch die häufige Nutzung von unechtem Bildmaterial, lassen in der Arbeit einen gesellschafts- und medienkritischen Ansatz erkennen, der auch in anderen Arbeiten Valentas präsent ist. Im Ausstellungsraum wirkt das Werk beiläufig und unscheinbar durch seine kleine Originalgröße, die sich an der Bildschirmdarstellung orientiert – fast so, als wäre sie fehlplatziert. Im Internet auf Webseiten hingegen springen einem diese Anzeigen wortwörtlich ins Gesicht und suggerieren falsche Tatsachen. Hier spielt der Künstler mit Gegensätzen, die den Betrachter dazu bringen, in verschiedensten Weisen näher an das Kunstwerk heranzutreten – räumlich, körperlich und gedanklich. (LBR)

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In der repetitiv choreographierten Vierergruppe von Zeichnungen Highlight nutzt Philipp Valenta die vier „Textmarker-Farben“ Gelb, Orange sowie Rot und Grün. Die Neonfarben, die in Deutschland seit 1971 verfügbar sind, markieren jeweils eine DIN A4-Seite und füllen diese bis zu den Rändern mit Farbe. Die additiven Zeichnungen machen eine Art „Ductus“ lesbar. Obschon die Papiere frei von Text sind, entsteht durch den Auftrag der Farbe eine Abfolge von Zeilen, die in Überlagerungen Räume öffnet und an Landschaften erinnert. In ihrem „All-Over“ werden die Ränder des Blattes überschritten und schließlich aufgelöst – das Bild ist überall. Alles ist markiert, alles ist wichtig und so inkludiert die Relevanz simultan ihre Negation. Seit der Entstehung in den 1960er-Jahren sind heute Marker in 15 Einzelfarben erhältlich und humoristischer Subtext der Arbeit. Die Auflösung in ein gehaltloses Vakuum ist eine Auseinandersetzung mit der Frage: „Was sollen wir überhaupt tun?“ (RR)

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Das Symbol des Regenbogens hat bereits in der Antike als Zeichen der Göttin Iris eine Bedeutungsebene inhärent. Im Alten Testament als Bindungsbrücke von den Göttern zur Erde wird es im Buch Genesis als Ausdruck des Friedens bis heute als dessen Sinnbild erkannt und gelesen. Die mit Rainbow betitelte Collage von 2014 leitet den Blick den Regenbogen zu erkennen, wobei gleicher Zeit deutlich wird, dass die Anordnung der Farben mit der des Lichtbandes nicht kongruent ist und rückt so die Konstellation der Farbbalken als Diagramm in den Fokus. Befreit von Werten und Aufdrucken ist die grafische Darstellung und die damit verbundene Analyse von Daten, Informationen, Werten und Steigerungen utopisch. Der Materialität der Collage immanent werden Assoziationen an Geldscheine offenkundig. Das Münzrollenpapier verweist durch dessen Gebrauch auf das Stapeln, Zählen und Einrollen der Münzen und diese selbst. Als Attribut für Tugenden und Laster werden die Münzen, die bereits 650 vor Christus als Zahlungsmittel bekannt sind, in einer Welt in der ökonomische Werte und wirtschaftlicher Erfolg in Diagrammen ablesbar werden, ins Bild gerückt. Dabei folgt die Reihung der Staffelung vom kleinsten zum größten Münzstück. (RR)

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An der Giebelseite des Bügeleisenhauses tritt die skulpturale Zeichnung Cubicle (2016) von Philipp Valenta in den öffentlichen Raum. Das Wandobjekt zeichnet in originalen Außenmaßen die Formen des Action Office II, der ersten serienmäßigen Großraumbüroausstattung, nach. Alle „Objektmöbel“ von Kabinenbüros lassen sich auf das AO II zurückführen, welches von Robert Propst und Hermann Miller in den 1960er Jahren entworfen, hergestellt und vermarktet wurde. Dem voraus gingen Studien von Anthropologen, Mathematikern und Designern, die untersuchten, wie Menschen in einem Büro arbeiteten und wie sich die Arbeitsumgebung auf die Leistung auswirke. Um die Effizienz auf einem kleinen Raum zu maximieren, bedarf es sowohl der Privatsphäre als auch der Interaktion mit Kolleg:innen. So schaffte das AO II die vorherrschenden Großraumbüros ab, indem es flexibel und schnell montiert den Bedürfnissen der Mitarbeitenden persönlich angepasst werden konnte. 1985 wurde das Action Office vom WorldWideDesign Congress zum „bedeutendsten Design seit 1960“ ernannt. Die Variante Resolve wurde in den 1990er Jahren für die Sammlung des MOMA Museum of Modern Art New York erworben. Neben diesen Erfolgen und hohen Verkaufszahlen geriet die Idee des AO II als System einer Arbeitsumgebung mit entmenschlichender Wirkung in Kritik. Durch die Installation der Arbeit an der Fassade des Fachwerkhauses aus dem 17. Jahrhundert wird der serielle Gedanken, der beiden „Bauweisen“ inne ist, besonders präsent und reflektiert das derzeitige Arbeitsleben, welches durch das Home-Office geprägt und in private Räume verlagert wird. Welche Auswirkungen hat das auf uns und unsere Arbeitsweise? (RR)

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Was sind innerstädtische Qualitätsmerkmale? Kurze Wege, attraktive Straßenräume sowie Wertschätzung und Anerkennung für jene, die Innenstädte jenseits des Konsumgedankens beleben. Die Aufenthaltsqualität einer Stadt definiert sich aber auch durch Kultur und Kunst im öffentlichen Raum. Leider wurde die Bespielung der Hattinger Innenstadt durch Open Air-Angebote zwischenzeitlich gegen Null gefahren. Aber in der Kunst braucht sich diese Stadt nicht zu verstecken: Mehr als 50 Kunstwerke finden sich in der Innenstadt und den Stadtteilen. Als Philipp Valenta auf der Suche nach einer Präsentationsmöglichkeit für sein Cubicle am Bügeleisenhaus anklopfte, war es für den Heimatverein Hattingen/Ruhr eine Selbstverständlichkeit, ihm den Giebel des denkmalgeschützten Bügeleisenhauses als Staffelei für sein Kunstwerk anzubieten. Das markante Gebäude am Haldenplatz ist seit über 400 Jahren ein Ort der Kunst: Volutenknaggen, geschnitzte Sonnenräder und Furcht einflößende Neidmasken zieren seit 1611 die Fassade des Gebäudes. Seit 1962 beherbergt das Bügeleisenhaus Hattingens ältestes durchgehend geöffnetes Museum. Doch wer geht derzeit in ein Museum? Die Corona-Pandemie allein macht einen Besuch unmöglich. Aber auch sonst scheuen Viele den Schritt über die Schwelle. So ist es umso schöner, mit dem Cubicle hervorragende zeitgenössische Kunst außerhalb des Museums präsentieren zu können. Quasi im Vorbeigehen ist eine Auseinandersetzung mit Kunst möglich! Der Heimatverein Hattingen/Ruhr e.V. freut sich, die von Roger Rohrbach kuratierte Ausstellung Philipp Valentas „Keiner von uns hat ein‘ Job im Büro“ im Kunstverein Hattingen unterstützen zu können. Und wir freuen uns, dass die Hattingerinnen und Hattinger durch das Cubicle das Bügeleisenhaus wieder neu wahrnehmen. Lars Friedrich Vorsitzender Heimatverein Hattingen/Ruhr e.V.

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Abbildungsverzeichnis

Service-Hotline Ortsbezogene Rauminstallation 9 Kabel mit je zwei Schuko-Steckern Länge jeweils 9,6 Meter Ausstellungsansicht 2021

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Service-Hotline Detail

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Service-Hotline Ausstellungsansicht linke Seite

S. 9

Quick Reaction Sticker-Edition zur ortsbezogenen Wandarbeit Durchmesser 5 cm, Auflage 1000 Ansicht des Stickers im Stadtraum 2021

S. 10

Quick Reaction Sticker

S. 11

Quick Reaction Ortsbezogene Wandinstallation Vorgefundene Lampenfassungen, Sprühlack auf Wand 4,85 x 2,75 m Ausstellungsansicht 2021 S. 13 White Cube Bearbeitete Fotografie 15,4 x 17 cm 2021

S. 15

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S. 17

White Cube Fotografie, vorgefundene Wand Ausstellungsansicht

S. 19

Wiedervorlage Grafische Edition Stempeldruck auf Papier Jeweils 21 x 29,7 cm Ausstellungsansicht 2021

S. 12

Wiedervorlage Detail 24. Januar 2021

S. 23

Katalogedition zur Serie Graphs „Graph KV H 21“ 14,8 x 21 cm 150 Exemplare Im Druck signiert

S. 25

Graphs Serie von Zeichnungen Tusche und Graphit auf Papier Jeweils 25 x 40 cm Ausstellungsansicht Seit 2018

S. 26

Comte de Brismand aus der Serie Cham-Paintings Champagner auf Baumwolle 140 x 140 cm Ausstellungsansicht 2016

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Comte de Brismand Ausstellungsansicht

S. 29

Vollstreckungsankündigung aus der Serie Rubrum Tusche auf Papier 21 x 29,7 cm Detail 2018

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Rubrum Serie von Zeichnungen Tusche auf Papier Jeweils 21 x 29,7 cm Ausstellungsansicht Seit 2018

S. 31

She Was A Waitress in Cocktail Bar Now She Owns a Jet aus der Serie Clickbait C-Print 6,6 x 7,9 cm Auflage von 5+2 e.A. 2019

S. 33

She Was A Waitress in Cocktail Bar Now She Owns a Jet Ausstellungsansicht Seit 2019

S. 35

Highlight Serie von Zeichnungen Neon-Marker auf Papier Jeweils 21 x 29,7 cm Ausstellungsansicht 2021

S. 37

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S. 39

Rainbow Collage Geldrollenpapier auf Papier 9,52 x 17,15 cm Auflage von 6 Ausstellungsansicht 2013

S. 40

Cubicle Wand- oder Rauminstallation Lack auf MDF oder Aluminium Hier: jeweils 152,4 x 152,4 cm Ausstellungsansicht Museum im Bügeleisenhaus, Hattingen 2016/2021

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Roger Rohrbach (RR), geboren 1993 in Herne, studierte an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf sowie an der Karl-Franzens-Universität Graz Germanistik und Kunstgeschichte. Er arbeitete als Kunstvermittler für Museen, Festivals und Kulturprojekte im Ruhrgebiet und Rheinland sowie auf der Biennale in Thailand 2018. Als freier Kurator initiiert er Ausstellung in Off-Spaces und musealen Räumen im In- und Ausland und war als Autor an Publikationen des Museums Kunstpalast Düsseldorf sowie des Kunsthauses Graz beteiligt. Seit 2019 arbeitet Roger Rohrbach als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kunstmuseum Gelsenkirchen im Bereich der Sammlung.

Leoni Bianka Reiber (LBR), geboren 1999 in Frankfurt am Main, lebt in Bochum und studiert Kunstgeschichte und Geographie an der Ruhr-Universität Bochum. Sie absolvierte ein Praktikum im Kunstmuseum Gelsenkirchen und assistierte bei Videocity.bs, einem Video- und Medienkunstfestival in Basel (Schweiz) im Jahr 2019. Seit Anfang 2020 arbeitet sie als freie Mitarbeiterin im Kunstmuseum Gelsenkirchen.

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Philipp Valenta studierte an der Bauhaus-Universität Weimar, der HAWK Hildesheim und der HBK Braunschweig und ist Meisterschüler von Thomas Rentmeister. In seiner künstlerischen Praxis reflektiert Valenta Wertvorstellungen und Wertschöpfungsprozesse konzeptuell in verschiedenen Medien mit Schwerpunkt auf Grafik, Video und performativbildhauerischen Techniken. Seit 2008 wurden Valentas Arbeiten in einer Vielzahl von Kunstvereinen, Museen, Projekträumen und im öffentlichen Raum ausgestellt und aufgeführt, so zum Beispiel im Verein Junge Kunst Wolfsburg, in der Städtischen Galerie Wolfsburg, im Mönchehaus Museum Goslar, im Kunstmuseum Bayreuth, im Skaftfell Center for Visual Art in Island, in der Galerie Waidspeicher der Kunstmuseen Erfurt, im Mannheimer Kunstverein, in der Städtischen Galerie Viersen, der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen und im Haus am Lützowplatz, Berlin. Valenta erhielt unter anderem das KSN-Stipendium der Kreis-Sparkasse Northeim, das Residenzstipendium des Goethe-Instituts Dänemark für Island 2018, den Kunstpreis Ennepe-Ruhr 2017 sowie den DEW21-Förderpreis 2016. Zur Zeit erhält er ein Stipendium der Stiftung Kunstfonds im Rahmen des Programms Neustart Kultur. Weitere Residenzstipendien führten ihn nach Rumänien, Spanien und auf die Insel Guernsey. Philipp Valenta war von 2015 bis 2017 Mitglied im KUNSTRAUM 53 (Hildesheim) und ist Mitglied im Verband Bildender Künstler Thüringen e.V. sowie im BBK Hildesheim e.V.

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Impressum Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellungen „Keiner von uns hat ein‘ Job im Büro“ im Kunstverein Hattingen und „Cubicle“ am Museum im Bügeleisenhaus Hattingen vom 24. Januar bis 7. März 2021. Herausgeber: Philipp Valenta Dammstraße 37 31134 Hildesheim Kurator der Ausstellung: Roger Rohrbach Texte: Christiane Nicolai Lars Friedrich Roger Rohrbach Leoni Bianka Reiber Auflage: 150 Exemplare Layout und Gestaltung: Philipp Valenta Fotografien Philipp Valenta Weitere Informationen unter: www.philippvalenta.de www.kunstverein-hattingen.de www.rogerrohrbach.de www.buegeleisenhaus.de Wir danken für die großzügige Unterstützung:

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