Stadt und Land: Analyse einer Beziehung anhand der Systemtheorie

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Masterarbeit Riccardo Falletta 557838

Stadt und Land: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsszenarien. Analyse einer Beziehung anhand der Systemtheorie. Teil I. Erstprüfer: Prof. Sebastian Feucht Zweitprüferin: Prof. Pelin Celik

Studiengang System Design Fachbereich 5, Gestaltung und Kultur HTW - Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin SS 2021



Teil I Masterarbeit Stadt und Land: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsszenarien. Analyse einer Beziehung anhand der Systemtheorie. Erstprüfer: Prof. Sebastian Feucht Zweitprüferin: Prof. Pelin Celik Riccardo Falletta 557838 Studiengang System Design Fachbereich 5, Gestaltung und Kultur HTW - Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin SS 2021

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Inhaltsverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Arbeit ­eigenständig und ohne fremde Hilfe angefertigt habe. Textpassagen, die wörtlich oder dem Sinn nach auf ­Publikationen oder Vorträgen anderer Autoren beruhen, sind als solche kenntlich gemacht. Die Arbeit wurde ­bisher keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt und auch noch nicht veröffentlicht. Mailand, 01.09.2021

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I II III IV 01 02 03 03.01 03.02 03.03 03.04 03.05 03.06 03.07 04 04.01 04.02 04.03 05 05.01 05.02 05.03 05.04 06 06.01 06.02 06.03 06.04 07 07.01 07.02 07.03 08 08.01 08.02 08.03 08.04 V VI EX01 EX02 EX03 EX04

Einleitung Kontextualisierung Aufbau Prolog Die Stadt Das Land Stadt & Land: Beziehungen, Austausch, Abhängigkeit Wahrnehmung Gleichgewicht Modifikation und Anpassung Austausch Verschmelzung Konflikt, Lösungen Weiter Visionen, weitere Utopien Polyzentrismus: ein Kontrollapparat Dezentralisierung Grenzen Wachstum Städte, Organismen, Systeme Stadt als Ökosystem: ein Vergleich Metabolismus Metabolic Rift Theory Energie Stadt, Land, Zukunft Das Land morgen Die Stadt morgen: die 15 Minuten Stadt Smart Cities Technologische Sprünge Systemtheorie Bogdanov, von Bertalanffy, Ackoff Hauptmerkmale komplexer Systemen Von der Systemtheorie zum System Design Berlin Brandenburg Berlin-Brandenburg Genius Loci Solastalgia Fazit und Schlussfolgerungen Epilog Stalin, Mao, Hoxha: Sozialsmus Gigantismus & Outsider Countrysiders Grenzlos: Asimov, Ballard, Jingfang Robert Owen und Charles Fourier Off-Grid Dimensionen Quelle

08 11 12 13 14 25 30 31 34 36 38 45 48 52 55 56 59 63 66 67 70 71 78 82 83 87 89 92 96 98 101 105 107 114 117 119 120 122 126 128 132 134 135 138

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I

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Einleitung

I

Der Pfad der Dialektik. Städte sind die Schmelztiegel der Zivilisation, die Drehscheiben der Innovation, Motoren für die Schaffung von Wohlstand, die Zentren der Macht und Magneten, die die kreativen Individuen anziehen. Aber mit Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Städte und die globale Urbanisierung zur Quelle der größten Probleme geworden, vor die die Menschen den Planeten gestellt haben, seit sie gesellige Wesen sind. Die langfristige Zukunftsfähigkeit der Menschheit und des Planeten ist untrennbar mit dem Schicksal unserer Städte verbunden (vgl. West 2019: 331). Aber die Stadt ist kein autonomes und autarkes Gebilde: Im Gegenteil, sie ist völlig abhängig von der Umgebung, in der sie entstand, wuchs und sich über die Jahrtausende hinaus entwickelt hat. Ihre eigene intrinsische Wachstums- und Weiterentwicklungsfähigkeit hängt von der Umgebung ab. Nicht nur in den Städten, sondern ebenso in den ländlichen Gebieten vollziehen sich rasante Veränderungen: Obwohl sie nicht in Sichtweite sind, unterliegen auch diese Gebiete einem drastischen Wandel. In einer historischen Periode, die vieles infrage stellt, ist es zweckmäßig, die Beziehung zwischen Stadt und Land zu überdenken. Diese Beziehung ist nach Jahren unausgewogenen und selbstzerstörerischen Verhältnisse auf der Suche nach Stabilität. In der Zeit der VUCA (volatility, uncertainty, complexity, ambiguity) wie der Futurologe Gerd Leonhard es beschrieben hat, schien es mir nötig, zuerst den historischen Pfad dieser Dialektik zu untersuchen, bevor ich mich der Gegenwart widmete. Denn, wie Niklas Luhmann suggeriert, „wenn es schwierig ist, einen Gedanken oder einen Begriff inhaltlich zu fixieren, beginnt man am besten mit einer historischen Einleitung. Dann sieht man wenigstens, was sich schon erledigt hat“ (Luhmann 1988: 15, Göttlich und Kurt 2012: 82).

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Das Analysewerkzeug. Diese Arbeit gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil ist analytisch und theoretisch und schaut in die Vergangenheit, der zweite Teil ist praktisch und synthetisch und blickt in die Zukunft. Bei dem ersten Teil, ausgehend von dem Neolithikum, werden die Entstehung, die Entwicklung und das Wachstum der Stadt als sich ausbreitende Einheit schematisch rekonstruiert und ihr Austausch- und Abhängigkeitsverhältnis im Bezug auf Energie und Ressourcen mit dem Land bzw. den natürlichen Territorien hervorgehoben. Das Studium der Grundlagen der Systemtheorie im zweiten Semester, insbesondere die Schlüsselkonzepte der Theorie von Niklas Luhmann, waren entscheidend für die Entwicklung dieser Ausarbeitung. Auf Grundlage der Schlüsselbegriffe der Luhmannschen Theorie wurden einführende Recherchen zu anderen Systemtheorien (Wiener, Senge, Alexan-

der) und deren Schlüsselbegriffen sowie eine erweiterte Definition des Systembegriffs durchgeführt. Anschließend wurde auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse eine Analyse der Entstehung, Entwicklung und des Wachstums von Städten erarbeitet, wobei die Konzepte selbst der allgemeinen Systemtheorie als begrifflicher Apparat entlehnt wurden: Grenze, Wachstum, Gleichgewicht, Zentralisierung und Dezentralisierung, Entropie, Informations-, Ressourcen- und Energieaustausch sind die Schlüsselbegriffe, womit die Stadt als Einheit beschrieben und analysiert wird, welche über die Jahrtausende gewachsen ist und sich verändert hat. Die Erkenntnisse der Systemtheorie werden hierbei eingesetzt, um den Spagat der Stadt-Land-Dichotomie systemisch zu entflechten. Das daraus resultierende Bild ist eine deutliche und systematische Abbildung dieses Konfliktes. Besonders wird der Akzent der Recherche auf die europäischen Städte gelegt, allein wegen der Tatsache, dass sie eine gemeinsame Geschichte erlebt haben. Nichtsdestotrotz wird gelegentlich ein Fuß in interkontinentalen und entfernteren Territorien gefasst: Erstens, weil sie sich als hoch bemerkenswert entpuppt haben, zweitens weil sich Ursache und Wirkung oft auf getrennter zeitlicher und räumlicher Ebene befinden und das Beobachten eines lokalen Phänomens die Analyse einer tausend Kilometer entfernten Spiegelphenomäns in Betracht ziehen sollte. Im Abschluss der Ausarbeitung wird der Fokus auf die Städteregion Berlin Brandenburg gelegt und deren Hauptcharakteristika aufgezeigt. Die Fragestellung dieser Arbeit lautet daher, ob die Systemtheorie, die eine Metatheorie ist und daher auf Paradigmen und Prinzipien beruht, die in den unterschiedlichsten Kontexten anwendbar und zu finden sind, auch auf die Analyse der Entstehung der Stadt und ihrer Beziehung zur Umgebung eingesetzt werden kann. Diese Arbeit ist also eine analytische Untersuchung, die darauf abzielt, aus einer ungewöhnlichen Perspektive die Dynamik der Beziehung zwischen städtischen und ländlichen Gebieten und deren Veränderungen im Lichte der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die sie geprägt haben, aufzuzeigen.Der erste Teil dieser Ausarbeitung ist daher ein Analysewerkzeug. Es wird dort die Entstehung der europäischen Städte als kommerzielle Knotenpunkte rekonstruiert, die geboren wurden, wuchsen und sich ausdehnten und immer mehr Ressourcen und Energie absorbieren mussten, um zu überleben. Dabei werden einige für die Entwicklung der Städte entscheidende Prozesse hervorgehoben: der technologische Fortschritt, die Bevölkerungszunahme und die durch letztere bedingte landschaftliche und territoriale Veränderungen. Aber auch die Entwicklung der resultierenden Marktströme und der daraus folgenden Akkumulationsprozesse - landwirtschaftlich, wirtschaftlich, kulturell. Damit wird ein Vergrößerungsglas der Stadt-Land-Gefälle hergestellt. Die Agrargesellschaft, die Industriegesellschaft und die Dienstleistungsgesellschaft werden daher prägnant und schematisch abgehandelt. Gerade die Übergänge zwischen diesen drei Phasen haben sowohl in den Städten als auch auf dem Land zu tiefgreifenden Veränderungen geführt. Über Jahrhunderte hinweg haben sich diese Veränderungen in langsamen, kontinuierlichen Schritten vollzogen. Erst seit der Großen Beschleunigung - The Great

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Acceleration - (1945, J. R. McNeill) - haben diese Prozesse von Modifikation, Veränderung und Manipulation der Territorien eine nie da gewesene Geschwindigkeit sowie ein enormes Ausmaß erreicht. Dies hat einige Wissenschaftler dazu veranlasst, das Ende des geologischen Zeitalters des Anthropozäns und den Beginn des sogenannten Urbanozäns zu deklarieren (vgl. Palme 2019).

Kontextualisierung

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III Das Synthesewerkzeug. Der zweite Teil ist der gestalterische Teil

der Ausarbeitung und richtet sich ausschließlich auf die Stadtregion Berlin-Brandenburg. Dabei wird eine Synthese auf Basis der gesammelten Erkenntnisse und Informationen durchgeführt. Wie andere europäische Metropolen befindet sich auch die Region Berlin-Brandenburg in einer Phase des tiefgreifenden Wandels: Im geografischen und politischen Zentrum Europas gelegen, bietet sie sich als geeigneter Ort für die Generierung neuer Impulse, neuer Anregungen und neuer Ideen an. In einer Epoche tiefgreifender Veränderungen, die alle Bereiche des Menschen betreffen - vom Transport bis zur Arbeit, von der Bildung bis zur Umwelt - können alte Schemata und Paradigmen obsolet sein und müssen vielleicht ersetzt werden. Aber wie? Und womit? Berlin steht nebenbei seit dem frühen 20. Jahrhundert für Modernität und hat dies längst zu seinem Markenzeichen gemacht. Der zweite Teil wirft daher eine Vielzahl von Fragen und Themen auf, die alte Schemata und Paradigmen infrage stellt. Diese Fragen werden jedoch nicht durch die Entwicklung eines Konzeptes beantwortet, sondern durch die Gestaltung von Narrativen. Dadurch ist es möglich, sich Fragen zu stellen, Zweifel zu wecken und sich Alternativen vorzustellen. Narrative bilden ein hervorragendes Werkzeug, um Diskussionen auszulösen und liefern das notwendige Material für die Konstruktion von spekulativen Szenarien. Die Szenarienbildung ist das Rückgrat des zweiten Teils dieser Ausarbeitung. Es handelt sich um fiktive Szenarien, die jedoch eine reale Grundlage aufweisen: Gesetzesentwürfe, Trends, Signale, Umwelt- und Territorialfragen dienen als Substrat für die Entwicklung des Projekts. Sie werden amplifiziert und als Gerüst verwendet, innerhalb dessen die Szenarien aufgebaut werden. Die Endform des Projekts wird eine Art Szenarienkatalog sein, welcher in den geografischen Brandenburg-Diskurs eingeschrieben ist, aber potenziell skaliert und dekontextualisiert werden kann. Dieser Katalog ist das Synthesewerkzeug.

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Skalenwechsel. Die Menschheit trat in das neue Jahrtausend mit IV einem sehr spezifischen Merkmal ein: Die Globalisierung der Märkte und des Wissens, die Vorahnung, dass von einem Moment auf den anderen eine künstliche Intelligenz in Erscheinung treten könnte, die Verlängerung der Lebenserwartung und der Übergang von der normalen Koexistenz von drei Generationen zu vier bewirken allmähliche praktische Veränderungen im gesellschaftlichen Leben (vgl. Augé 2008: 24). Aber auch das Aufdrängen des städtischen Lebens auf die traditionelleren Lebensformen. Wir befinden uns in einer Ära, die durch Skalenwechsel gekennzeichnet ist: Schnelle Transportmittel haben jede Hauptstadt innerhalb weniger Stunden von jeder anderen erreichbar gemacht (vgl. ebd. 26). Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt bereits in urbanisierten Gebieten (Weltbank 2018), und die Tendenz ist steigend, insbesondere in den ärmsten Ländern, wo die Megastädte einen unaufhaltsamen Expansionsprozess durchlaufen (Cohen 2004). „Städte sind per Definition plural, öffentlich und produktiv, sie sind die Petrischalen des Experimentierens und werden in ihrer Entwicklung von der Gesellschaft selbst geleitet“ (Ratti und Claudel 2017: 9). Im Jahr 2050 werden 80 % der Weltbevölkerung auf 2 % der bewohnbaren Fläche des Planeten leben. Dieser Prozess der menschlichen Verlagerung hat ein Gegenstück: der fortschreitende Bevölkerungsrückgang der ländlichen Gebiete. Durch die Prozesse der Akkumulation und der Entleerung werden unsere Räume in den wir leben drastisch umgestaltet. Sie bringen eine Vielzahl von Fragen und Problemen in allen menschlichen Bereichen mit sich.

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III V

Aufbau

Prolog

Assemblage. Bei der Abfassung des Textes wurde eine besondere Konstruktion verwendet. Der Text der Kapitel ist in Blöcke aufgegliedert, denen jeweils eine aufsteigende Nummer zugeordnet ist. Diese numerische Unterteilung hat zwei Zwecke: Zum einen dient sie dazu, den Text übersichtlicher zu arrangieren, zum anderen dient sie dazu, verschiedene Blöcke innerhalb des Gesamttextes zu verbinden. Tatsächlich ist der gesamte Text als System strukturiert, als eine Assemblage aus Konzeptblöcken, die durch die Verwendung einer Nummerierung miteinander verbunden werden können: Parallelen, Verweise, Rückgriffe, Vergleiche und Gegenüberstellungen, die sich durch die gesamte Ausarbeitung ziehen, sind auf diese Weise durch die Verwendung der Nummerierung leicht erkennbar und verbindbar. Außerdem wurde der Text so verfasst, dass jeder Block in sich abgeschlossen ist und daher unabhängig gelesen werden kann, obwohl sein Inhalt sich natürlich auf den Block bezieht, der ihm vorausgeht und folgt. Diese „strukturierte Freiheit“ erlaubt es, an einem beliebigen Punkt anzufangen und von da an vorwärts oder rückwärts weiterzulesen. Auf diese Weise wird das geradlinige Lesen durchbrochen und es wird ermöglicht auf unterschiedlichsten Wegen zum gleichen Endresultat zu kommen. Dieser Ansatz kann sowohl als Stilübung als auch als praktische Anwendung des Systembegriffs in seiner weitesten und allgemeinsten Bedeutung gesehen werden, d. h. als ein geordnetes Ganzes, das aus miteinander verbundenen Teilsystemen besteht, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.

Der Zaun. Über Jahrtausende hinweg haben sich die Menschen VII nicht unähnlich anderen Tieren verhalten und sich von Samen, Früchten und Wurzeln ernährt. Dabei haben sie Tiere gejagt, wie es auch weniger entwickelte Raubtiere taten. Diese kleinen Gemeinschaften von Jägern und Sammlern sind über die Kontinente gezogen, in die Wälder, Sümpfe und Savannen. Auf der Suche nach Nahrung und günstigen Lebensbedingungen haben sie sich in Höhlen verkrochen, um sich vor Hitze und Kälte zu schützen. Von Zeit zu Zeit haben sie Hütten gebaut, sie sind langsam vorwärtsgekommen, ohne jedoch die umgebende Welt bemerkenswert zu verändern. Jahrtausendelang haben sie fast keine Spuren auf der Erde hinterlassen. Die erste große Revolution fand vor etwa Zehntausende Jahren statt, als unsere entfernten Vorfahren entdeckten, dass einige Samen und Pflanzen kultiviert werden konnten und dass einige Tiere dazu gebracht werden konnten, auf begrenztem Raum zu wachsen und sich zu vermehren. Diese Vorfahren von uns, die zu Ackerbauern und Viehzüchtern wurden [541], konnten sich Nahrung beschaffen, ohne durch die Weiten wandern und Beute jagen zu müssen. Sie hatten sich eine erste feste Behausung gebaut und hatten so mehr Zeit, sich der Beobachtung der umgebenden Welt zu widmen. Dieser Übergang des Neolithikums zu Beginn des Holozäns hatte viele Konsequenzen: Zunächst einmal brachte er das Konzept des Eigentums hervor. So wurde der Zaun geboren: Er setzt ein Innen und ein Außen voraus, ein Drinnen und ein Draußen, ein Territorium der Zugehörigkeit und eines des Ausschlusses. Kultiviertes Land und Tiere verloren den Charakter von Gemeingütern, sondern gehörten einer Gemeinschaft oder einigen Mitgliedern dieser. Von Ihrem Besitz wurden anderen Mitglieder der Gemeinschaft und die Bewohner der Nachbarländereien ausgeschlossen. Von diesem Zeitpunkt an wurde der in der Natur freie Austausch von Materie und Energie [346] durch eine neue Instanz geregelt, den Austausch in Form von Materie oder Arbeit und kurz darauf in Form von Geld. So begannen unsere Vorfahren, dauerhafte Unterkünfte zu bauen, und dazu waren sie auf nichts anderes als auf sich selbst und ihre Fähigkeiten angewiesen. Sie lernten Bäume zu fällen, dann lernten sie, dass bestimmte Steine durch Erhitzen in harte Materialien – Metalle - verwandelt werden konnten, die viel besser geeignet waren als Steine zum Fällen von Bäumen, zum Töten von Tieren oder zum Erschließen neuer Steinbrüche. Diese Operationen veränderten auf oft irreversible Weise die natürlichen Gebiete (vgl. Nebbia 2016: 15). Nach und nach, dann immer zügiger, begann der Mensch die gewonnene Ressourcen anzuhäufen, die er den natürlichen Territorien entnahm und in die Zäune transportierte. So entstanden die ersten Städte.

VI Exkurse. Als Anhang zur Arbeit sind zusätzliche Exkurse [X10-

43] zu finden. Dadurch wird auch auf Themen eingegangen, die zwar vom zentralen Gegenstand der Ausarbeitung teilweise abweichen, aber mit ihm verwandt sind. Dabei handelt es sich teils um Klarstellungen, teils um Abschweifungen, welche einige Punkte verdeutlichen sollen, die innerhalb des Textes keine grundsätzliche Relevanz aufweisen, sondern nur nebensächlich sind. Das Lesen der in den Exkursen enthaltenen Informationen ist fakultativ und verändert in keiner Weise das Verständnis des Haupttextes.

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IV

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Die Stadt Once the city was a world, today the world is a city. Lewis Mumford

100 Raumgestaltung. Die menschliche Spezies besitzt die Fähigkeit,

sich ihren Lebensraum selbst zu gestalten. Mit dem Übergang vom Nomadentum zum sesshaften Leben, von der Jagd zum Ackerbau, änderte der Mensch auch seine Lebensweise. Der landwirtschaftlichen Revolution, die den Beginn des Neolithikums markiert, entsprach eine urbane Revolution. Das Bevölkerungswachstum ist eine erste Wirkung dieses Übergangs. Das Prinzip des Zaunes, die den Menschen und sein Hab und Gut vor den Gefahren schützt, die in offenen Räumen entstehen können, wird die Struktur der ersten Siedlungen dominieren. Die Sprache ist Zeuge dieses Wandels. Die Wörter, die im modernen Englisch (town) oder Russisch (gorod) verwendet werden, um eine Stadt zu bezeichnen, beschrieben ursprünglich einen Zaun (vgl: Pirenne 1971: 42). Auch das deutsche Wort Zaun ist verwandt mit dem englischen Wort town, “Stadt“. Die Spuren der ersten Städte, Jericho, in heutigen Palästina, und Çatalhöyük in der heutigen Türkei reichen etwa 7000 Jahre zurück. Sie wiesen nicht mehr als 6.000 Einwohner auf und verfügten über keine großen Gebäude. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die ursprüngliche Wiege der Zivilisation zunächst in Ägypten und dann in Mesopotamien identifiziert. Stattdessen geht man nun davon aus, dass die Entwicklung eher polyzentrisch verlaufen ist (vgl. Benevolo 2011: 2).

101 Abgrenzung. Die neue städtische Landschaft, die definiert wird,

muss einprägsam sein. Sie wird auch zu einem wichtigen Werkzeug für die zeitliche Orientierung. Waren, einfache Gegenstände, Artefakte und Tiere beginnen innerhalb eines begrenzten Territoriums angesammelt zu werden. Mit den ersten Städten entwickelte sich auch der Handel. Es ist kein Zufall, so argumentieren die Historiker, dass die Stadt zur gleichen Zeit wie die Schrift geboren wurde. Objekte und Gegenstände brauchen einen Namen, um beschrieben werden zu können. Wie die Stadt wird die Sprache zu einem Instrument des Dialogs zwischen den Menschen, sowohl im Raum als auch in der Zeit. Der Raum der Stadt wird als Ganzes wahrgenommen: Er muss in kurzer Zeit begehbar sein und sich aus nahen Elementen zusammensetzen. Dieser Raum muss für spätere bauliche Eingriffe dauerhaft und verbindlich erscheinen. Die Stadt muss sich deutlich von ihrer Umgebung abheben, sie muss einen eigenen Namen und Individualität haben. Die menschliche Spezies beginnt, sich die Umgebung aufzubauen, in der sie leben will (vgl. ebd.: 3). Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die ersten steinernen Befestigungen gebaut. „Die ersten für den Menschen errichteten Bauwerke scheinen durch Mauern geschützt gewesen zu sein […] Die Akropolis der Griechen, die Oppida der

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Etrusker, der Lateiner und der Gallier, die Burgen der Deutschen, die Gorods der Slawen und der Kral der afrikanischen Völker waren ursprünglich Versammlungsorte, aber vor allem Schutzräume“ (Pirenne 1971: 42). Sie sind Bauwerke, deren Funktion es ist, ein Territorium zu umschließen. Die Polis. Die ersten großen Städte blühten im Osten um 1000 v. 102 Chr.: Babylon, Antiochia, Kairo. Aber erst um das 8. Jahrhundert v. Chr. wird die Stadt mit der Entstehung der Polis in Griechenland ihre erste politische und soziale Funktion erleben. Griechenland ist ein ungangbares Land, das aus einer stark zerklüfteten Gebirgskette mit schwer begehbaren Gebirgspässen und zahlreichen Inseln besteht. Wegen dieser Aufteilung des Landes durch Berge und Täler konnte kein griechischer Gesamtstaat entstehen. Zwei Drittel von Griechenland ist gebirgig. Die kultivierbaren Flächen machen nur ein Drittel des gesamten Territoriums aus. Die Flüsse, die durch diese Gebiete fließen, sind seicht, oft trocken und die Bewässerung der Felder ist schwierig. Diese Eigenschaften schufen ein Problem, das Historiker als Landhunger bezeichnen. Die hellenische Zivilisation bestand aus einer Ansammlung von Stadtstaaten, die über das östliche Mittelmeer verstreut waren (Athen, Sparta, Theben, Milet, Ephesos, Knossos…). Die kleinen Stadtstaaten sind permanent im Streit und sind lediglich durch ihre Sprache und ihre Götter miteinander verbunden: Nur eine gemeinsame Kultur hält sie zusammen. Die Poleis hatten ihre eigenen Gesetze und Institutionen: sie prägten ihre eigene Währung; sie waren autonom und souverän. Das Gebiet der Polis umfasste nicht nur die Stadt, sondern auch das Umland. Beide Territorien waren stark integriert, sowohl weil die Landwirtschaft die Haupteinnahmequelle war, als auch weil der Landbesitz eine Voraussetzung für das Bürgerrecht war. Jede Polis hatte ihr eigenes abgegrenztes Territorium, über das sie sich nicht hinaus ausdehnen konnte. Wo das Gebiet einer Polis endet, beginnt sofort das Gebiet der benachbarten. Die antike Stadt war komplementär zu ihrem landwirtschaftlichen und bäuerlichen Einflussbereich (vgl. Ferlaino 2010: 20). Diese städtischen Zentren waren von ganz anderen Dimensionen als die heutigen. Fast alle Poleis waren klein. Das antike Athen hatte zum Beispiel nur 50.000 Einwohner. Außerdem befanden sie sich oft in der Nähe des Meeres: Der Seehandel war für ihren Lebensunterhalt unerlässlich. Es sind genau die geografischen Eigenschaften, die den polyzentrischen Charakter der griechischen Poleis bestimmt haben: In einer solchen Landschaftsmorphologie gibt es keinen Raum für Wachstum, es ist nicht möglich sich zu expandieren. Im Gegenteil, ist eine Vereinigung und Übereinstimmung mit der Natur notwendig. Die gesamte Lebens- und Denkweise der hellenischen Zivilisation war geprägt von dem Gebiet, in dem sie sich befand. Das Phänomen des Polis, vielleicht eines der emblematischsten und charakteristischsten der ganzen hellenischen Geschichte, stellt nicht nur einen offensichtlichen Prozess der städtischen Transformation dar, sondern ist auch ein soziales Phänomen: „Es sind die Menschen, die die Polis machen“, Nikias bekräftigt durch das Werk von Thukydides und auf diese Weise wird das Wesen der Polis, und zwar ihre kommunitäre Dimen-

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[N1] Schlimmer als der Tod: Das Exil. In seinen besten Zeiten bildete das Leben in Athen ein Unikum, das durch das Gleichgewicht [321] und die Einheit der Polis selbst getragen wurde. Einem Griechen wäre es absurd erschienen, den Menschen als getrennt von der Natur oder die Kultur von der Politik, zu denken. Die Polis war der Mensch, und der Mensch war die Polis: aus der Polis exiliert zu werden war Vernichtung, schrecklicher als der Tod selbst (vgl. Bookchin 1974: 45). Es ist im klassischen Griechenland, im Griechenland des Perikles, dass diese schreckliche Idee des Exils geboren und definiert wurde. Das Exil war die grausamste Strafe, die einem Menschen auferlegt werden konnte. Das Exil war schlimmer als das Todesurteil, denn das Todesurteil bewahrte die Identität der Person, des Bürgers der Polis. Es war der Bürger, der zum Tode verurteilt wurde, weil er in einer seiner Aufgaben oder in einem seiner Eide versagt hatte. Er trug davon die Konsequenzen, aber er blieb ein Bürger der Polis. Im Fall des Exils ist es die Identität, die getötet wird: Es ist die Zugehörigkeit, die verzichtet wird und somit ist es die Identität, die ausgelöscht wird. Als Sokrates zum Tode verurteilt und ihm als Ausweg die Flucht angeboten wurde, wählte er den Tod, denn der Tod bestätigt ihn in seiner Identität als griechischer Bürger, also in seinem vollen Menschsein. Hätte er das Exil gewählt, wäre er nicht mehr Bürger von Athen, wäre Sokrates nicht mehr er selbst, wäre Sokrates nicht mehr Sokrates (vgl. Givone: o. D.). Das Exil bedeutete den endgültigen und unwiderruflichen Ausschluss aus dem städtischen System, dem man angehörte.

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sion [N1], am besten ausgedrückt (Thukydides, Die Historien). Am Anfang war die Metropole die Polis, die „gebar“, die andere Städte hervorbrachte, jede einzelne autark [322] und nachhaltig in ökologischer, ökonomischer und politischer Hinsicht. Der Begriff Metropole stammt von metér- polis: die Mutterstadt, die Hauptstadt, die Stadt des Ursprungs (vgl. ebd: 12) Die Poleis entstanden in der Mitte des 8. Jahrhunderts und verschwanden gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. 103 Von Schottland bis zum Irak. Mit dem Übergang vom antiken

Griechenland zur Entstehung des Römischen Reiches vervielfachten sich die Poleis. Die ursprünglichen kleinen Nationen im Mittelmeerraum wurden schließlich zum Römischen Reich vereinigt, wobei der Höhepunkt der antiken städtischen Zivilisation in Rom selbst lag. Die größte Errungenschaft der römischen Zivilisation war die Gründung von Städten. Das Römische Reich bestand aus 1000 Städten und erstreckte sich von Schottland bis zum Irak. Es ist ein zentralistisches und staatliches Reich, in dem die Wirtschaft kontrolliert wird und der Handel vom Staat geregelt wird. Es wies eine leichte Bürokratie und Verwaltungsstruktur auf, aber 90 % der Steuern wurden von der Armee aufgebraucht. In Rom sind die Landbesitzer zusammen mit den Soldaten die eigentlichen Herren des Reiches. Um die Ausgaben Roms und seiner Oligarchie zu finanzieren, hatte das Imperium keine andere Wahl als zu expandieren, indem es neue Länder kolonisierte. Alle Ressourcen, die dieses immense Territorium aufnimmt, werden überwiegend von einer einzigen Stadt und teilweise von der für ihren Unterhalt notwendigen Infrastruktur genutzt (vgl. Barbero 2020: 04:30-12:20)

104 Mosaik. Der Zerfall des Römischen Reiches bewirkte eine städ-

tische ­Dezentralisierung [410] im Sinne eines Aufbrechens der Großstädte. Es geht vom Römischen Reich über ein imposantes neues arabisches Reich bis hin zu einer Vielzahl von europäischen Königreichen, die sich auf der Asche römischer Städte entwickeln. Die Welt, die auf Griechisch und Latein basiert, wird zu einer Welt mit einem Mosaik von Sprachen; die Welt, die sich auf das Mittelmeer konzentriert, wird zu einer Welt, in der die Händler von China nach Indien ziehen (vgl. Barbero 2020: 06:25-22:20). Der Aufstieg der modernen städtischen Gemeinschaften begann mit dem Wachstum des Handels und den Entdeckungen der portugiesischen und spanischen Seefahrer. Ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. gibt es nur noch im Osten richtige Städte: in Syrien und Kleinasien, konzentrieren sich die Exportindustrien (vgl. Pirenne 1971: 6). Vom 8. bis zum 10. Jahrhundert war Byzanz - mit 800.000 Einwohnern - die größte Stadt (Blockmans 2011: 6). In Europa fängt das Mittelalter an.

105 Schutz und Sicherheit. Die kleinen Feudalstaaten des frühen Mit-

telalters konnten in Europa nur Dörfer oder kleine Städte versorgen. „Auf Basis eines landwirtschaftlichen Mehrprodukts bilden sich Städte, in denen die Menschen frei sind, sich mit anderem als dem Landbau zu beschäftigen“ (Siebel 2015: 110).

„Die mittelalterliche Kommune war jedoch keine bürgerliche [N2], sondern eine feudale Stadt. Im Prinzip basierte seine Wirtschaft auf der Produktion von lebensnotwendigen Gütern, nicht auf der Akkumulation von Kapital“ (Bookchin 1974: 57). Um sich vor Barbareneinfällen zu schützen, bauten sie Mauern: Diese waren ein übliches Merkmal kleiner mittelalterlicher Städte. Das grundlegende Thema des Mittelalters war Schutz und Sicherheit. Im Mittelalter hatte die Kommune die Eigenschaften, die heute der Staat hat: Sie garantierte die Sicherheit der Person und des Eigentums eines jeden ihrer Mitglieder. Überfälle waren auf dem Lande an der Tagesordnung und die „Straßen“ von Banditen belebt. Außerhalb der Stadt findet sich der Bürger in einer feindlichen Welt wieder, umgeben von Gefahren und allen Risiken ausgesetzt; nur in seiner eigenen Sphäre ist er sicher und, wie Henri Pirenne bemerkt, deshalb empfindet er für seine Stadt eine Dankbarkeit, die an Liebe grenzt. Er ist bereit, sich ihrer Verteidigung zu widmen, ebenso wie er bereit ist, sie zu lieben und sie schöner zu machen als ihre Nachbarn (vgl. Bookchin 1974: 67). Konkurrenz gleich Wettbewerb. Nach dem Zerfall des Römischen 106 Reiches war Europa politisch zersplittert. Es entwickelte sich ein Mosaik von unabhängigen Zentren, jedes mit seiner eigenen Autonomie. Es gab eine Konkurrenz zwischen verschiedenen Staaten - auch zwischen sehr kleinen. Europa ist zu Beginn mit einem scheinbaren Nachteil behaftet: Sie ist zersplittert, die Könige sind schwach, es gab keinen allumfassenden Herrscher, die nationalen Staaten erblickten das Licht erst ab dem 18. Jahrhundert. Doch diese Fragmentierung stellte sich als riesiger Vorteil heraus: Diese Konkurrenz, wirtschaftlich sowie politisch, machte den Wettbewerb legitim. Durch Wettbewerb entsteht Innovation. Vielfalt und Diversität sind zwei Attribute, die das urbane System des Mittelalters geprägt haben und die zu außergewöhnlichen Leistungen in allen Bereichen führten. Industrialisierung und Tradition. Europa ist ein Gebiet, das weit- 107 gehend durch urbane Abenteuer verändert wurde. Wir haben eine Tradition der europäischen Stadt, die aus verschiedenen Gründen unsere Verankerung in der Vergangenheit ist. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts tendierte die Industrie dazu, sich außerhalb der Städte anzusiedeln, wo es grundlegende Ressourcen für die Produktion gab, wie z.B. Rohstoffe oder Energiequellen; in den Städten konzentrierten sich derweil die Hauptstädte der wirtschaftlichen und politischen Eliten und Unternehmer, die die Entfernung der Industrien von der Stadt nicht ertragen konnten. (vgl. Benevolo 2011: 4). Durch die Industrialisierung und wissenschaftliche Fortschritte zu Beginn des 20. Jahrhunderts und demographische Entwicklungen im 19. Jh. veränderte sich das System der Stadt. Das Wachstum der Industrieproduktion überlagert die Zunahme der Handelsbeziehungen und vervielfacht sie (Freier and Kunsmann, 2006, p. 6).

[N2] Bürger. Der Begriff Bürger diente zunächst zur Bezeichnung der Bewohner des borgo (lateinisch burgus), dem Gebiet außerhalb der Stadt, direkt vor den Mauern, wo sich Handel und merkantile Aktivitäten konzentrierten. Der Burg war ursprünglich separat von der Stadt. Die Stadtmauern schlossen ihn nicht ein. Als die Bevölkerung wuchs und es notwendig wurde, die Mauern zu erweitern, wurden die Dörfer und die Burgen von der Stadt aufgenommen. Später bezeichnete das Wort ganz allgemein nicht-adlige Bürger, die kaufmännische, handwerkliche oder berufliche Tätigkeiten ausübten. Die mittelalterliche Stadt war in erster Linie ein Ort zum Leben. Die spätere bürgerliche Stadt war in erster Linie ein Ort zum Arbeiten. Eines der charakteristischen Merkmale des mittleren und letzten Jahrhunderts des Mittelalters (XII-XIV) ist die Verlagerung des Zentrums der wirtschaftlichen Tätigkeit vom Land in die Stadt. In dieser Zeit kommt es also zu einer ersten und endgültigen Verlagerung des Zentrums der wirtschaftlichen Produktion und der gesellschaftlichen Entwicklung.

108 1 Million. England wurde zur ersten großen kommerziellen Produktionsnation und entwickelte sich bis zur Mitte des neunzehnten

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[N3] Stadtpsychologie Bereits Aristoteles erkannte in seinem im 4. Jahrhundert v. Chr. verfassten Werk Politik, dass eine Zunahme der Einwohnerzahl in einer Wohnsiedlung, wenn sie eine bestimmte Grenze überschreitet, zu einer Veränderung der Beziehung zwischen den Bewohnern und dem Charakter der Stadt führt (vgl. Wirth 1938: 10). Georg Simmel bemerkt in seinem Werk Die Großstädte und das Geistesleben (1903): „Wenn die unaufhörlichen Außenkontakte mit den zahlreichen Stadtbewohnern die gleiche Anzahl von emotionalen Reaktionen hervorrufen würden, wie sie normalerweise in Kleinstädten vorkommen, wo jeder fast jeden kennt, den er trifft und zu dem er ein positives Verhältnis hat, so wäre das Ergebnis eine Desintegration der Persönlichkeit oder eine psychische Störung“ (vgl. ebd.: 11). 1970 veröffentlichte Stanley Milgram in der Zeitschrift Science einen provokanten Artikel mit dem Titel The experience of Living in Cities, der die Fachrichtung Stadtpsychologie begründete. Milgram war betroffen von der psychologischen Härte des Lebens in der Großstadt. Seine allgemeine Wahrnehmung war, dass die Menschen außerhalb ihrer näheren Umgebung sorgsam darauf bedacht, Interaktion zu vermeiden und möglichst selten mit Menschen oder Ereignissen konfrontiert zu werden (vgl. West 2019: 465).

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Jahrhunderts zu einem hochgradig urbanisierten Land. Im Jahr 1820 war London die erste Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern; in den frühen 1900er-Jahren gab es elf Städte mit mehr als einer Million Einwohnern; 1950 waren es fünfundsiebzig; 1976 gab es einhunderteinundneunzig Stadtgebiete mit einer Million oder mehr Einwohnern. Heute haben 273 Städte, die meisten davon in der Dritten Welt, eine Einwohnerzahl von mehr als einer Million (vgl. Rifkin 2005: 189). Das 19. Jahrhundert und insbesondere die Zeit zwischen 1820-30 und 1914 stellt einen Wendepunkt zwischen einer noch im wesentlichen ländlichen und einer entwickelten, urbanisierten Gesellschaft dar. Im späten 19. Jahrhundert und im frühen 20. Jahrhundert veränderten – und vor allem vergrößerten sich – durch Industrialisierung, Landflucht, technologischen und politischen Wandel die Form vieler großer Städte in Europa. Vororte mit eigenen Zentren wurden vom Stadtkörper einverleibt, große Industrie- und Gewerbebetriebe und kommunale Infrastrukturen siedelten sich an den Rändern der Städte an und wanderten teilweise wieder ab. Am Ende des 20. Jahrhunderts sind über 90 Prozent der Bevölkerung nicht mehr in der Landwirtschaft tätig, auch wenn einige von ihnen noch auf dem Lande leben (vgl. Bairoch und Goertz 1986: 285) 109 Akkumulator. „Die moderne Metropole ist vielmehr eine Anti-

phrase der klassischen, landwirtschaftlich geprägten Großstadt. Die Städte, die als Folge der industriellen Revolution entstehen, werden nicht als Gebilde der ursprünglichen Polis geboren, sondern als Orte, die den sozialen Raum anziehen, zuerst lokal und jetzt glokal; als Akkumulatoren, die den nicht-urbanen, ländlichen Raum entleeren und umwandeln, die Arbeitskräfte konzentrieren, verdichten und polarisieren, ihre Verhaltensweisen und ihren Lebensstil verändern“ (Ferlaino 2010: 12). In dieser Hinsicht erscheint die Stadt als ein sozialer Modifikator. In dieser Zeit erlebt man eine klare und irreversible Umkehrung der Rollen. „Innerhalb der Stadt-Land-Beziehung nahm die Stadt die gesellschaftlich entscheidende Position ein. Die Stadt wurde zum aktiven, sozialen Subjekt - dem Ort, an dem sich die Gesellschaft „wirklich“ befindet -, während das Land immer mehr zu einem dominierten, nicht sozialen „Anderen“ reduziert wurde“ (Haila 2000: 157, Wachsmuth 2012: 510).

110 Soziologie. Es ist kein Zufall, dass unter den bestimmenden Fakto-

ren für die Geburt der Soziologie als autonome, von den anderen definierte Disziplin nicht nur das weltweit viel beachtete Ereignis der Französischen Revolution von 1789 ist. Sondern auch die Bildung von Nationalstaaten, die erst mal in England und Frankreich und dann in Deutschland erst seit 1871 vollzogen wurde. Ein weiterer entscheidender Faktor, der die Entstehung der Soziologie geprägt und beeinflusst hat, war der einschneidende Prozess der Land-Stadt-Wanderung und der daraus resultierenden Urbanisierung gesellschaftlichen Lebens, die in vielen europäischen Ländern im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgte. Die traditionellen Bindungen, in denen Menschen Jahrhunderte lang in dörflich-agra-

risch Verhältnissen gelebt hatten, wurden zunehmend ausgedünnt und ausgeholt. Die Urbanisierung hatte aus soziologischer Sicht ganz erhebliche Wirkungen. Denn innerhalb weniger Jahrzehnte mussten Menschen lernen, miteinander auf dichtem Raum zusammen zu leben [N3], die vorher ländlich-bäuerlichen Prinzipien der sozialen Beziehungen gefolgt waren (vgl. Pries 2019: 18–19). Die deutschen Soziologen Max Weber und George Simmel waren unter den ersten, die die Stadt als soziales Gebilde konzipiert haben und die Geburt der Urbanisierung als totalisierendes Phänomen sahen.“Im Prozess der Industrialisierung treffen eine wachsende Unabhängigkeit des Individuums, Urbanisierung und die Wanderung der Bevölkerung vom Land in die Stadt zusammen“ (Siebel 2010: 322). 1967 definiert Henry Lefebvre in seinem Werk „Das Recht auf die Stadt“ die Stadt als „Projektion der Gesellschaft auf das Territorium“. Untrennbar mit dem Diskurs der Stadt sind auch die Begriffe Urbanisierung und Verstädterung verbunden. Der Begriff Verstädterung zielt auf quantitativ messbare demografische Veränderungen, der der Urbanisierung bezeichnet hingegen qualitative kulturelle Veränderungen der Lebensweisen. „Urbanisierung“ geht auf das lateinische urbs („Stadt“) zurück und bezieht sich auf die tiefgreifenden Umbrüche im Alltagsleben, die mit dem Wandel von einem ländlich-agrarisch geprägten Leben zur städtischen Lebensweise verbunden waren (vgl. Häußermann/ Siebel 2004: S. ii ff, Siebel 2015: 113). Urbanisierung ist auf das Engste verwoben mit dem Prozess der Zivilisation (Elias 1976: Siebel 2015: 129), d. h. mit fortschreitender Rationalisierung der sozialen Beziehungen und dem Ersatz formeller, äußerer Kontrollen durch verinnerlichte Normen. Ohne das strikte Einhalten von vorhersehbaren Routinen würde sich eine große, kompakte Gesellschaft kaum am Leben halten können [N4]. „Die Uhr und die Ampel stehen symbolisch für die Basis unserer sozialen Ordnung in der urbanen Welt“ (Wirth 1938: 15–16). „Urbanisierung ist ohne die Zivilisierung des Menschen nicht zu denken, wie umgekehrt diese nicht ohne Urbanisierung“ (Siebel 2015: 129). Die Großstadt. Im 19. Jahrhundert entstand die moderne Groß111 stadt. „Dieser Wandel wurde mit der Schleifung der Stadtbefestigung faktisch eingeleitet“ (Siebel 2015: 124). Von den ersten neolithischen Siedlungen bis zum heutigen Tag sind etwa 10000 Jahre vergangen. Die Stadt in ihrer modernen Form ist eine relativ neue soziale Institution und geht auf den Beginn der Nutzung fossiler Brennstoffe zurück: Der eigentliche Qualitätssprung, der die Entstehung der Städte, wie wir sie heute kennen, ermöglichte, war in der Tat die erste industrielle Revolution und die Verwendung von Kohle. Noch nie haben Millionen von Menschen zusammengepfercht in riesigen Megastädten, die sich über hunderte von Quadratkilometern erstrecken, gewohnt (vgl. Rifkin 2005: 188). Das Konzept des Wohnens selbst hat sich im Laufe der Jahrtausende drastisch verändert. Martin Heidegger bemerkt in seinen Essays und Diskursen von 1954 Folgendes: Für ihn ist Wohnen etwas ganz anderes als eine Wohnung haben (vgl. Norberg-Schulz 1980: 10). Er glaubt sogar, dass die Seinsweise eines jeden Menschen auf der Erde ihren tiefsten und authentischsten Ausdruck im Woh-

[N4] Overload-Theorie von Stanley Milgram. Stanley Milgram bezeichnet diese psychologische Schattenseite des städtischen Lebens mit einem aus der Elektrotechnik und der Systemtheorie entlehnten Begriff als overload (Überlast; im deutschen wird meistens von „Reizüberflutung“ gesprochen). Wir werden in Großstädten permanent mit so viele Anblicken, Geräuschen, Ereignissen und anderen Personen konfrontiert, dass wir schlicht und einfach nicht in der Lage sind, das Trommelfeuer sensorischer Informationen zu verarbeiten. Versuchten wir, auf jeden Reiz zu reagieren, so bräche unser kognitiver und psychologischer Schaltkreis zusammen (vgl. West 2019: 467). Man schätzt zum Beispiel, dass eine Person in einem beliebigen Bereich der Innenstadt von Manhattan innerhalb von zehn Minuten 220.000 Menschen „treffen“ kann, und da es offensichtlich unmöglich ist, jedem einzeln Aufmerksamkeit zu schenken, führt jeder Stadtbewohner eine Art Auswahlprozess durch, um jeder Begegnung so wenig Zeit und Aufmerksamkeit wie möglich zu widmen (vgl. Rifkin 2005: 194). „Die Stadt, einst ein Zufluchtsort für den Fremden aus der ländlichen Enge, ist nun die erste Quelle der Entfremdung“ (Bookchin 1974: 93).

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nen findet Bei der Untersuchung der Herkunft des deutschen Wortes bauen geht Heidegger auf das ursprüngliche buan zurück, das „leben“ bedeutet: „Was bedeutet es dann: Ich bin? Das alte Wort „bauen“, mit dem „bin“ verbunden ist, antwortet: „Ich bin, du bist“; es bedeutet: Ich lebe, du lebst. So wie du bist und ich bin, so wie wir auf der Erde sind, ist Buan, Wohnen. Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde zu sein, und das heißt zu wohnen.“ (Heidegger, 1976: 96). „Wohnen“ drückt das Wesen des Menschen aus, d. h. sein Bedürfnis, am sozialen Leben teilzunehmen, mit anderen zusammen zu sein, aufgrund seiner intrinsischen, kommunikativen und relationalen Bedürfnisse. 112 Motoren. Die Verstädterung scheint unaufhaltsam voranzuschrei-

ten. Es gibt keine Grenzen und es werden keine Grenzen gesetzt. Bis heute ist sie durch keine Vorschrift geregelt. Städte, die sich darauf einigen, nicht zu expandieren und und die Zuwanderung von neuen Einwohnern verhindern, klingt lediglich wie eine Provokation. Die Verstädterung verschlingt riesige Mengen an Energie und ist eine der Hauptursachen für den Klimawandel. 70 Prozent der Emissionen und des Ressourcenverbrauchs auf der Erde entstehen in den großen Städten. Die Stadt verbraucht 75 % der natürlichen Ressourcen und zwischen 67 und 76 % der Energie. Die Stadt produziert 50 % des Abfalls und zwischen 71 und 76 % der Energie bezogen auf die THG-Emissionen (Greenhouse Gas Emissions) (Treibhausgase THG) (IPCC 2014, UNEP 2012). Städte absorbieren, um zu überleben, nicht nur Ressourcen aus benachbarten Gebieten, sondern auch aus solchen in abgelegenen Gegenden. Heute haben die Städte überhandgenommen. „Kein menschliches Auge kann einen Blick auf diese Großstadtmasse erhaschen. Kein Versammlungsort als die Gesamtheit seiner Straßen kann alle seine Bürger enthalten. Kein menschlicher Verstand kann mehr als einen Bruchteil der komplexen und minutiös spezialisierten Aktivitäten seiner Bewohner erfassen“ (Mumford 1961: 673). Die Essenz dessen verkörpert sich in der Stadt und im städtischen Leben. Prägnant zum ausdruckt gebracht hat das die berühmte Anthropologin Margaret Mead mit den Worten: „Die Stadt als Zentrum, in dem es jeden Tag zu einer frischen Begegnung mit einem neuen Talent, einem wachen Geist oder einem begabten Spezialisten kommen kann – für das Leben eines Landes ist sie von essenzieller Bedeutung“. In der Tat, die Städte sind die Motoren, die wir erfunden haben, um die soziale Interaktion zu erleichtern und zu erweitern, um dadurch zur Entwicklung von Ideen und zu Innovationen anzuregen (vgl. West 2019: 368)

[N5] Golden Age Es ist nicht verwunderlich, dass ein solcher Ansatz in den so genannten Goldenen Zeitalter (vgl. Bardi, 2014) der Systemtheorie das Licht der Welt erblickte: Während die ersten Impulse zu Beginn des Jahrhunderts mit Beiträgen

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113 Ein neues Paradigma. In einem 1965 veröffentlichten bahnbrechen-

den Artikel prägte Abel Wolman, einer der bedeutendsten US-amerikanischen Wasseringenieure des 20. Jahrhunderts, den Begriff The Metabolism of Cities (Der Stoffwechsel der Städte) und stellte die These auf, dass Städte wie Organismen als Inputs, Stoffwechselprozesse und Abfallprodukte betrachtet werden können [N5]. Die medizinische Wissenschaft weiß seit Langem, dass durch die Analyse der Outputs von Individuen, sei es in der ausgeatmeten Luft oder in den Abfallprodukten (Kot, Urin), das Wissen über die

individuelle Gesundheit verbessert werden kann. Das menschliche Funktionsmodell lässt sich auf das Stadtmodell übertragen [N6]: Das ist die große Intuition von Wolman. Eine derartige Perspektive, allein schon aus der Tatsache heraus, dass sie einen Austausch mit der Umwelt [342, 343] voraussetzt, sollte zudem den Mythos entlarven, dass die Stadt dort ist, wo die Natur aufhört und überzeugend argumentiert, dass der urbane Prozess als ein sozio-natürlicher Prozess theoretisiert, verstanden und gemanagt werden muss (vgl. Wirth 1938: 513). Entzifferung. Es bildete sich ein neuer Ansatz heraus, der darauf 114 abzielte, Städte als komplexe Systeme zu untersuchen, zu beschreiben und zu analysieren. Die Stadt wird nicht mehr von einer mechanistischen Betrachtungsweise aus erforscht. Eine Stadt ist weder nur die Gesamtheit ihrer Straßen, Gebäude, Leitungen und Rohre, die ihre materielle Infrastruktur ausmachen, noch ist sie nur die Gesamtheit ihrer Einwohner und der Interaktion derselben, sondern sie ist das Amalgam all dessen als dynamische, vieldimensionale lebende Einheit (vgl. West 2019: 454). Die Oberfläche sowie die Länge des Straßennetzes und die Einwohnerdichte scheinen keine adäquaten Kriterien mehr zu sein, um die Komplexität dieses stetig wachsenden Territoriums zu definieren. Städte sind viel mehr als ihre Gebäude und sonstigen durch Transportsysteme miteinander verbundenen Strukturen (vgl. West 2019: 386). Die Quantifizierung in territorialen und geografischen Begriffen scheint nicht mehr ausreichend zu sein: Es wird ein zweiter, umfassender und akkurater Interpretationsschlüssel benötigt, der in der Lage sei, das Verhalten des städtischen Phänomens genauer zu entziffern. „Eine Stadt ist ein emergentes, komplexes adaptives System [343, 720, 732], das aus der Verbindung der Energie- und Ressourcenströme in ihrer materiellen Infrastruktur mit den Informationsströmen in den sozialen Netzwerken ihrer Einwohner entsteht“ (West 2019: 454). Stadt als Entlastungsapparat. In jüngerer Zeit lieferte Walter Sie- 115 bel eine alternative Definition der Stadt: die Stadt als Maschine zur Entlastung von Arbeit und Verpflichtungen. Die gebaute Substanz einer Stadt einschließlich ihrer technischen Infrastrukturen dient zunächst einmal dazu, sich von der Natur unabhängig zu machen. Asphalt, Wände, Dach und Zentralheizung schützen den Städter vor den Unbilden der Natur; Passagen, Kaufhäuser und Shopping-Malls befreien den Einkaufsbummel von Schnee und Regen, Hitze und Kälte. Dank Elektrizität und Straßenlaternen kann jeder […] die Nacht zum Tag machen. Die Entlastung von äußeren Zwängen wird erkauft mit der Verinnerlichung neuer Zwänge.Die Stadt hat den Menschen fast alle körperlichen Mühen und sozialen Verpflichtungen abgenommen, aber an deren Stelle sind andere Zwänge getreten. Die Befreiung von notwendiger Arbeit ist ein wesentliches Versprechen der Stadtkultur.“ Im Zuge der Urbanisierung wird die Stadtmaschine immer leistungsfähiger mit dem Effekt, dass der Städter immer umfassender den Anforderungen beruflicher Arbeit unterworfen wird“ (Siebel 2015: 31). Die Stadt als Maschine zur Entlastung von Arbeit und Verpflich-

von Alexander Bogdanov und später von Ludwig von Bertalanffy gegeben wurden, waren es in den 50er und 60er-Jahren Wiener, Meadows, Forrester, Ackoff, Senge und viele andere, die in der Systemtheorie als eigenständige Disziplin wirkten und ihren Beitrag leisteten. Eine Mischung aus Einflüssen und gegenseitiger Beeinflussung ist daher sinnvoll. Obwohl schon Aristoteles die Stadt - die Polis - mehrfach als natürliches organisches autonomes Gebilde bezeichnete (vgl. West 2019: 379), beginnt erst in diesen Jahren die Stadt als Organismus und dessen Metabolismus ernsthaft theoretisiert und thematisiert zu werden.

[N6] Metabolismus und Japan Nach dem Zweiten Weltkrieg kam in der Architektur eine einflussreiche Bewegung namens Metabolismus auf, die von der Analogie zur von Stoffwechselprozessen unterhalten biologischen Regeneration inspiriert war. Sie betrachtete die Baukunst als integralen Bestandteil von Stadtplanung und -entwicklung sowie als kontinuierlich sich entwickelnden Prozess. Der Aspekt der Veränderung war Ausgangspunkt in dem Gestaltungsprozess. Diese Bezeichnung sollte die Vision der Gesellschaft als eine kontinuierliche Entwicklung eines vitalen Prozesses symbolisieren, der auf der Transformation von Städten als lebendige Strukturen basiert. Einer der ersten Vertreter dieser Bewegung war der Japaner Kenzo Tange, der Gewinner des Pritzker-Preises von 1987 (vgl. West 2019: 379). Der Metabolismus hatte seine erste internationale Ausstellung während des CIAM-Treffens 1959. Während der Vorbereitung auf die

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Tōkyō World Design Conference 1960, bereitete eine Gruppe junger Architekten und Designer die Veröffentlichung des Metabolismus-Manifests vor. Sie wurden von einer Vielzahl von Quellen beeinflusst, darunter marxistische Theorien und biologische Prozesse. Ihr Manifest war eine Serie von vier Aufsätzen mit den Titeln: Ocean City, Space City, Towards Group Form und Material and Man und enthielt auch Entwürfe für riesige Städte, die auf Ozeanen schwammen, und Plug-in-Kapseltürme, die organisches Wachstum einbeziehen konnten. Obwohl die World Design Conference die Metabolisten auf die internationale Bühne brachte, blieben ihre Ideen weitgehend theoretisch.

tungen ist das erste Besondere der Stadt. In der modernen Dienstleistungsstadt ist sie fast zur Vollkommenheit entfaltet“ (ebd.: 111). 116 Verantwortung. Es ist daher normal, dass heutzutage ein tieferes

Nachdenken über den Begriff Stadt angeregt wird, da die Stadt in der modernen Zeit ihre eigenen Merkmale, Eigenheiten und Facetten angenommen hat, die ihr einen einzigartigen autonomen Charakter verleihen und eine neue Definition erfordern. Außerdem ist es nicht erstaunlich, dass den städtischen Phänomenen jetzt so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird: Da Städte die Hauptursache für den Klimawandel sind, müssen sie tiefgreifend verändert werden, um sie lebenswerter und grüner zu machen. Sie müssen als Hauptverursacher des Problems zur Lösung werden. Das politische und wirtschaftliche Leben des Planeten hängt von Entscheidungszentren ab, die sich in Weltmetropolen befinden, die alle miteinander verbunden sind und zusammen eine Art „virtuelle Metacity“ [351], wie es Paul Virilios sagt, bilden. Die Welt ist wie ein einziger riesiger Ballungsraum. Im Jahr 2050 werden voraussichtlich zwischen 65 % und 75 % der Weltbevölkerung in Städten leben (vgl. Ratti und Claudel 2017: 16): das entspricht einer aktuellen Zuwanderung von etwa 40 Millionen Menschen jährlich. Derzeit leben 3,5 Milliarden Menschen in Städten, die Zahl soll bis 2050 auf 6.5 Milliarden ansteigen; ein riesiges und einzigartiges Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Jede Woche ziehen etwa eine halbe Million Menschen in die städtischen Zentren. Eine Stadt kann nicht wachsen und sich entwickeln ohne eine kontinuierlichen Ressourcen- und Energiezufuhr [513] von außen. Um so groß die Stadt wird, desto mehr muss sie von ihrem Umland absorbieren. Es ist also ebenso nötig, den ländlichen Gebieten der alten Zäune herum zu analysieren, von dem die Stadt sich ernährt. Denn „ein landwirtschaftlicher Überschuss steht am Anfang jeder Stadtbildung“ (Siebel 2015: 114).

117 Die Autogerechte Stadt. Die Charta von Athen, die 1933 im An-

schluss an den vierten CIAM-Kongress unterzeichnet wurde, sanktioniert den endgültigen Bruch zwischen dem städtischen und dem ländlichen Gebiet. Es wurden Richtlinien für die spätere „funktionale Stadt“ definiert, ein Paradigma, das auf numerischen Standards und nicht auf den Dimensionen des menschlichen Maßstabs basiert. Ungeachtet tausendjähriger Traditionen basierte dieses Paradigma auf dem Autoverkehr und führte dazu, dass Städte Dimensionen, Kosten und mangelnde Sicherheit erreichten, die nie zuvor erreicht worden waren und unterbrach die delikate Stadt-Land-Beziehung, die sich über zweitausend Jahre entwickelt hatte. Brasilia, die von Oscar Niemeyer und Lucio Costa von Grund auf entworfene Stadt, ist ein außergewöhnliches Beispiel für eine autogerechte Stadt. Die Stadt hat fast keine Bürgersteige oder Ampeln: Die Kreuzungen sind riesige Kleeblatt-Kreuzungen. Brasilia ist oft als „Betondschungel“ charakterisiert worden, als karg und seelenlos, obwohl die Stadt viele offene Grünflächen und Grünanlage aufweist (vgl. West 2019: 395). In einigen Fällen sind das Ausmaß und die Intensität des Autoverkehrs noch nie da

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gewesen. Im Jahr 2010 erlebte Peking den längsten Verkehrsstau der Geschichte, der nicht durch Unfälle, Sperrungen oder Naturkatastrophen verursacht wurde, sondern einfach durch die Anzahl der Autos auf der Straße. An einem Punkt erreichte die Warteschlange 100 Kilometer und blockierte die Autobahn für zwölf Tage. Der Verkehr hat Folgen, die weit über Verspätungen hinausreichen (vgl. Ratti und Claudel 2017: 69). Urbanozän: Ein von Städten dominierter Planet. Längst haben wir 118 Menschen unseren Planeten dauerhaft und messbar geprägt. Wir verändern chemische und biologische Kreisläufe, manipulieren das Klima und bauen ganze Landschaften um. Der Begriff Anthropozän, der in den 1980er-Jahren von dem Biologen Eugene Stoermer geprägt und im Jahr 2000 von Stoermer selbst zusammen mit dem Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen offiziell als geologische Epoche vorgeschlagen wurde, wird allgemein verwendet, um das Zeitalter, das auf das Holozän folgen würde, zu bezeichnen. Damit will man jenen Zeitraum definieren, dessen Beginn durch anthropisches Handeln, d. h. durch die Prozesse der Veränderung, Anpassung und Gewinnung von Ressourcen durch den Menschen geprägt war. Der Beginn des Anthropozäns bedeutet also das Ende der Naturlandschaft in ihrem reinen, intakten Zustand. Diese Großepoche, in der menschliches Handeln signifikante Auswirkungen auf die Ökosysteme gehabt hat, begann vor mehr als 10.000 Jahren mit der Entdeckung des Ackerbaus und dem nachfolgenden Übergang vom wandernden Jäger-undSammler zu sesshaften Gemeinschaften und schließlich zum Aufkommen der ersten Städte. Bis dahin waren wir noch vorwiegend „biologisch“ gewesen(…), in einem Meta-Gleichgewicht mit all den anderen Organismen, die die Vielfalt der Natur ausmachen (vgl. West 2019: 330) 119 Spuren. Der Begriff Urbanozän wurde von dem Physiker Joffrey West vorgeschlagen, demzufolge das Anthropozän einer Zeit entspricht, die nun vorbei ist (welche vielleicht sogar mit dem gesamten Holozän zusammenfällt), während wir in ein nachfolgendes geologisches Zeitalter eintreten, das vom städtischen Leben geprägt ist. Laut Joeffrey West beginnt diese Epoche mit der industriellen Revolution, welche den exponentiellen Aufstieg der Städte ermöglichte, die heute den Planeten beherrschen. In der Tat ist zu beachten, dass die Anzeichen für das Vorhandensein von Baumaterialien (insbesondere Beton) für eine sehr lange Zeit im Boden verbleiben und höchstwahrscheinlich eine klare stratigrafische Reihe bilden, die von möglichen Geologen der Zukunft entdeckt werden kann. Die Spuren unserer Epoche werden länger verbleiben als die der vergangenen Zivilisationen (vgl. West 2019: 331)

Oder Kapitalozän. Jason Moore, Umwelthistoriker und historischer 120 Geograf, bietet in dem 2015 erschienenen Buch Capitalism in the Web of Life: Ecology and the Accumulation of Capital einen anderen Ansatz und bringt eine marxistische Perspektive in die Definition der auf das Antropozän folgenden Ära ein. Er hat vorgeschla-

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gen, dass man genauer vom Kapitalozän sprechen sollte, um die Ansicht voranzutreiben, dass die allgegenwärtigen Veränderungen im Erdsystem, die wir jetzt beobachten, nicht auf eine verallgemeinerte menschliche Kraft (einen mystischen Anthropos) zurückzuführen sind, sondern auf eine bestimmte soziale und wirtschaftliche Ordnung: den Kapitalismus. Moores geo-historische Analyse wird sehr aufschlussreich und nützlich, um den möglichen Übergang vom Anthropozän zum Urbanozän zu verstehen. Für Moore ist der Treiber der Urbanisierung tatsächlich das Kapital: Wie bereits von Karl Marx vorweggenommen, vom Vater der ökologischen Wissenschaft Eugene Odum bekräftigt und von David Harvey umfassend analysiert, beuten die Aneignungsprozesse den Bodenschatz (immer weniger billig) und die Arbeit (menschlich und tierisch) aus und deponieren beides schließlich im Finanzwesen, das sie wiederum in Immobilienprozesse investiert. Die kontinuierliche und unaufhaltsame Urbanisierung des Territoriums wäre demnach im Wesentlichen ein Produkt der Kapitalverschiebung und nicht der Anziehung von Menschen durch die wachsenden Erfolgschancen, die die Stadt als emergentes Phänomen bietet [114, 343, 720]. Nach Moore ist es also möglich, dass die Urbanisierung das eigentliche Merkmal des Zeitalters ist, in dem wir leben, ebenso wie es sehr wahrscheinlich ist, dass das Kapital letztlich für den Übergang von der Zentralität des Menschen als Spezies zur Zentralität der Stadt als kollektives Phänomen verantwortlich ist (vgl. Palme: 2019).

Das Land Cuius est solum eius est usque ad coelum et ad inferos. Wem der Boden gehört, dem gehört er bis in den Himmel und bis in die Hölle (Accursius, 13. Jahrhundert n.Chr.)

Etappe. Die gesamte menschliche Evolution der letzten Jahrtau200 sende wurde genau von den Ressourcen beeinflusst, die unter unseren Füßen liegen. Man denke nur an die Namensgebung unserer großen Etappen, die die Menschheit für immer verändert haben: die Steinzeit, die Kupferzeit, die Bronzezeit, die Eisenzeit und in jüngerer Zeit das Zeitalter von Kohle, Öl und schließlich Beton [312]. All diese Ressourcen kommen aus dem Erdreich. „Die Erde ist optimal konfiguriert, um das Leben reichlich zu beherbergen. Wir haben jedoch jede lebenswichtige Komponente ihres komplizierten Gefüges beeinträchtigt“ (Ben-Eli 2006: 3). Solange der Mensch Jäger und Sammler war, hat er die natürlichen Territorien bewohnt und sie so geringfügig verändert, dass sie kaum Auswirkungen auf die Umwelt verursacht haben. Der ökologische Fußabdruck wurde als Phänomen im Neolithikum geschaffen. 201 Der Pflug. Die Städte entstanden mit der Entdeckung des Getreides, ­dessen harte Samen sich im Gegensatz zu verderblichem Obst und ­Gemüse lange lagern lassen (vgl. Rifkin 2005: 159). Eine Konservierung war möglich, aber innerhalb der von der Technologie diktierten Grenzen. Die Töpferei ist eine Erfindung des Neolithikums. Genauso die Viehzucht, welche die Landwirtschaft verfolgt. Der erste landwirtschaftliche Überschuss wurde nicht für den Handel, sondern zur Fütterung von Tieren verwendet, die domestiziert wurden. Grundlegend war die Domestizierung von Ochsen in Mesopotamien um 6000 v. Chr., die ein kraftvolles Mittel zum ziehen des Pfluges schuf. Die Erfindung des Pfluges [N7] veränderte die Landwirtschaft von intensiv zu extensiv (vgl. Bookchin 1974: 33) und der Mensch war in der Lage, zuvor unvorstellbare Landflächen zu bewirtschaften. 202 Widerspiegelung. Städte sind ein Produkt der Erde [N8, VII]. Sie spiegeln die Geschicklichkeit des Bauern bei der Beherrschung der Erde wider; technisch gesehen sind sie nur ein weiterer Ausdruck seiner Fähigkeit, den Boden produktiv zu nutzen, sein Vieh sicher unterzubringen, das Wasser zu regulieren, das seine Felder befeuchtet und Lagerräume und Scheunen für seine Erträge bereitzustellen. Städte sind Embleme jenes sesshaften Lebens, das mit der dauerhaften Landwirtschaft begann: ein Leben, das mithilfe von dauerhaften Unterkünften, dauerhaften Versorgungseinrichtungen wie Obstgärten, Weinbergen und Bewässerungsanlagen und dauerhaften Gebäuden zum Schutz und zur Lagerung geführt wurde. Jede Phase des Lebens auf dem Lande trägt zur Existenz der Städte bei. Was der Hirte, der Holzfäller und der Bergmann kennen, wird durch die Stadt in dauerhafte Elemente des mensch-

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[N7] Der Pflug: von Matriarchat zum Patriarchat Die Erfindung des Pfluges ­veränderte auch den Status der Frau in der Gesellschaft tiefgreifend. Sie war aller ­Wahrscheinlichkeit nach einer der Faktoren im g­ esellschaftlichen Wandel vom Matriarchat zum Patriarchat (vgl. Hilberseimer 1955: 23). Durch die Erfindung des ­Pfluges wurde tatsächlich auch die soziale Form von Grund auf r­ evolutioniert. Vor der ­Erfindung des Pfluges, in der Zeit der s­ ogenannten Hackbaukultur, herrschte die Frau. Als der Mann den von Tieren gezogenen Pflug erfindet, ging damit die Sorge für die Ernährung an ihn über. Mit einem Schlag verschwindet die Vormachtstellung der Frau und der Mann steigt zum Beherrschenden auf. Das Matriarchat wird durch das Patriarchat abgelöst (vgl. Gottwald: o. D.).

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[N8] Kultivieren Wie »Urbanität« stammt auch das Wort »Kultur« aus der Agrarwirtschaft. »Kultivieren« bedeutet ursprünglich urbar machen, die Bearbeotung der Natur, um ihr mehr Lebensmittel abzugewinnen (vgl. Wissenschaftlicher Rat der Dudenredaktion 1963: 376, Siebel 2015). Geht man zurück in die Etymologie des Wortes „bauen“, so spürt Heidegger dort neben der Bedeutung des Errichtens und Produzierens auch die des Kultivierens auf. Eine weitere Ausgrabung führt ihn dann dazu, die tiefere Bedeutung von Kultivieren zu spezifizieren, als Rücksichtnahme, Schutz, Fürsorge. Das Wort Kultur ist die Eindeutschung des lateinischen Worts cultura (Bebauung, Bearbeitung, Bestellung, Pflege), das eine Ableitung von lateinisch colere („bebauen, pflegen, urbar machen, ausbilden“) darstellt. Denselben Ursprung haben die Bezeichnungen Kolonie und Kult. Kultur ist in der deutschen Sprache seit Ende des 17. Jahrhunderts belegt und bezeichnet hier von Anfang an sowohl die Bodenbewirtschaftung (landwirtschaftlicher Anbau) als auch die Pflege der geistigen Güter (vgl. Pesare 1997: 5).

lichen Erbes umgewandelt und „verätherisiert“: Die Textilien und die Butter des einen, die Gräben und Dämme und die hölzernen Rohre und Drehbänke des anderen, die Metalle und Juwelen des dritten, werden schließlich in Instrumente des städtischen Lebens umgewandelt: Sie untermauern die wirtschaftliche Existenz der Stadt und tragen Kunst und Weisheit zu ihrem Alltag bei. In der Stadt konzentriert sich die Essenz jeder Art von Boden und Arbeit und wirtschaftlichem Ziel: So entstehen größere Möglichkeiten zum Austausch und zu neuen Kombinationen, die in der Isolation ihrer ursprünglichen Lebensräume nicht gegeben sind (vgl. Mumford 1970: 4). 203 Konzentration. Umwelthistoriker verweisen auf die lebenswich-

tige Verbindung zwischen einer Stadt und ihrem Umland. Im allgemeinsten Sinne ist die ständige Versorgung mit Trinkwasser, Nahrung, Energie und Materialien für eine konzentrierte Stadtbevölkerung unabdingbar; gleichzeitig muss sie, um die Umwelt lebensfähig zu halten, in der Lage sein Abfälle zu beseitigen. Biologisch gesehen ist eine dauerhafte und relativ große Bevölkerungskonzentration nur möglich, wenn das Umland intensiv genutzt werden kann. So fördert die Wechselwirkung zwischen Stadt und Land die Intensivierung und Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion. Eine verstädterte Gesellschaft führt zu einer Veränderung des Ökosystems [344] , sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. In einer solchen Gesellschaft werden der Raum, die Materie, die Energie, der Informationsaustausch und die Zeiteinteilung auf eine neue und besondere Weise gestaltet. Biologisch gesehen bietet die urbane Lebensweise der menschlichen Spezies die Informationsprozesse, die es ihr ermöglichen, sich zu vermehren und zu beschleunigen. Die Größe, Dichte und Vielfalt einer städtischen Bevölkerung erhöht die Effektivität der sexuellen Kontakte und somit der Reproduktion. Dies steigert die kulturelle Leistung und führt zu einer erhöhten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Arbeitskraft (Herrmann, 2007: 230, Blockmans 2011: 2)

204 Rural. Vor nicht mehr als 500 Jahren war der größte Teil des

Planeten – Europa überhaupt - von dichten Wäldern bedeckt (vgl. Rifkin 2005: 97). Die Landschaft wurde wie auch das Stadtbild vom Menschen modelliert, der oft die Eigenschaften des Bodens verändert hat: Beseitigung von Spontanvegetation, um Platz für Anbaupflanzen zu schaffen; Veränderung der Form des Landes, um den Anbau zu erleichtern; Anlegen von Kanälen und Umleitung von Flüssen, um Wasser auf die Felder zu bringen; Fruchtbarmachung der Felder durch den Einsatz von organischen oder chemischen Düngemitteln. Auf diese Weise hat der Mensch die natürliche Landschaft in eine rurale Landschaft verwandelt.

205 Überschuss. Vom IX bis zum X-Jahrhundert begann in Europa ein

Prozess des Wirtschaftsaufschwunges. Die Bevölkerung, die landwirtschaftliche Produktion und die Einkommen wuchsen, darüber hinaus nahm auch die handwerkliche Produktion und das Handelsvolumen zu. Infolgedessen kam es zu einer massiven Verstädte-

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rung. Die Stadt wurde das Zentrum der Kulturwirtschaft. Der renommierte Stadthistoriker Peter Clark geht dem Phänomen des zunehmenden Wachstums, das ab dem elften Jahrhundert auftrat, auf den Grund. Dies sei zum einen auf die gesteigerte Produktivität in der Landwirtschaft zurückzuführen, die einen Überschuss an Produkten und Menschen erzeugte, ohne den der Ausbau des städtischen Netzes - bestehend aus Konzentrationen von Märkten, Handwerk und Dienstleistungen - nicht denkbar gewesen wäre. Es war die ständige Migration von Bauern in die Städte, die die erste und entscheidende Wachstumsphase des europäischen Städtenetzes in Gang setzte. So waren die frühen Städte die primären landwirtschaftlichen Marktzentren (Boucheron, Menjot und Boone 2003; 371-382, Blockmans 2011). 206 Handel. Das XII-Jahrhundert war entscheidend für die Entwicklung der Stadt und ihre Beziehung zum Umland. Erst im zwölften Jahrhundert kam der Seehandel allmählich voran und veränderte Westeuropa endgültig. Waren und Rohstoffe kamen nicht mehr aus der Umgebung der Stadt, sondern aus fernen Gebieten. Handel und Industrie nahmen nicht nur ihren Platz neben der Landwirtschaft ein, sondern wirkten auf sie ein. Ihre Produkte dienen nicht mehr allein dem Konsum der Eigentümer und Arbeiter des Bodens, sondern werden als Tauschmittel oder Rohstoffe in die kommerzielle Bewegung hineingezogen. Unter dem Einfluss des Handels wurden die antiken römischen Städte wiederbelebt und neu bevölkert; Handelsagglomerationen ballten sich am Fuße der Dörfer und siedelten sich an den Ufern des Meeres, der Flüsse, an den Zusammenflüssen der Wasserstraßen und an den Kreuzungspunkten der natürlichen Verkehrswege an. Jeder von ihnen stellt einen Markt dar, dessen Anziehungskraft proportional zu seiner Bedeutung auf die umliegende Landschaft ausgeübt wurde. Ob groß oder klein, sie waren überall verstreut; sie sind aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Ein sehr dichtes Netz von städtischen Zentren ist ein wesentliches Merkmal des Mittelalters. Die Grenzen des Bodensystems, die die wirtschaftliche Tätigkeit bisher umschlossen hatten, brechen auf, und die gesamte Gesellschaft nimmt einen flexibleren, aktiveren, vielfältigeren Charakter an (vgl. Pirenne 1971: 90).

Abhängigkeit. Zwischen Stadt und Land entsteht ein wechselseiti- 207 ger Dienstleistungsaustausch: Eine immer engere Solidarität verbindet sie. Das Land subventioniert die Versorgung der Stadt und die Städte versorgen es im Gegenzug mit Handels- und Industriegütern. Es entsteht eine enge Beziehung, in der die beiden Parteien gegenseitig voneinander abhängig sind. Das physische Leben des Bourgeois hängt vom Bauern ab, aber das soziale Leben des Bauern hängt wiederum vom Bourgeois ab, da der Bourgeois ihm eine bequemere und verfeinerte Lebensweise offenbart, die, indem sie seine Begierden anregt, seine Bedürfnisse vervielfacht und seinen „Lebensstandard“ anhebt. Das Auftauchen der Städte und die zunehmende Urbanisierung, die aus dem Handel resultiert, bewirken den sozialen Fortschritt auch auf andere Weise: Die Arbeit hat eine neue Auffassung erhalten, die sich durch

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Europa in die ganze Welt verbreitete. Vorher war die Arbeit unterwürfig, mit dem Handel wurde sie frei und die Folgen dieses Ereignisses waren unvorhersehbar. Schließlich ist noch hinzuzufügen, dass die wirtschaftliche Renaissance, die im zwölften Jahrhundert in vollem Umfang verwirklicht wurde, die Macht des Kapitals offenbarte und dass es nur wenige andere Epochen gibt, die eine tiefgreifendere Wirkung auf die Gesellschaft hatten. Zum landwirtschaftlichen Überschuss kommt nun ein Austausch von Waren und Produkten hinzu. Ihre Kombination wird dazu beitragen, den Städten ein Eigenleben zu verleihen, das sie vorher nicht kannten (vgl. Pirenne 1971). Jahrhunderte später veränderte der technologische Fortschritt das Gesicht des Landes weiter. Das Land macht nicht nur immer mehr Platz für Industrien, Minen und Verkehrsverbindungen, sie wird auch von einem immer dichten Netz von Infrastrukturen durchzogen. Sie sind unverzichtbar, um das Land mit den urbanen Zentren zu verbinden und zu dessen Versorgung beizutragen. Es besteht nun die Notwendigkeit, immer leistungsfähigere Verbindungswege zwischen den Hauptknotenpunkten innerhalb des Naturraums zu schaffen. Henri Ford war fast ungewollt der Architekt dieses Übergangs. Das berühmteste Auto das er schuf, das Ford Model T, revolutionierte die Wirtschaft und die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus: Robust und sparsam wurde es zu einem Produkt, das für jeden Geldbeutel erschwinglich war, aber es war auch indirekt verantwortlich für die Entvölkerung des ländlichen Raums, für die Geburt der endlosen städtischen Vororte, für die Verzerrung der Landschaft zugunsten der Fortbewegung auf vier Rädern und, zum Teil, zusammen mit den Ergebnissen der ersten Sitzung der CIAM und der Charta von Athen von 1933, für die Geburt der funktionalen Stadt. Damit war die Geburtsstunde der autogerechten Stadt offiziell besiegelt. Ende der 1970er Jahre wies der libertäre Sozialist und Begründer von anarchistischem und ökologischem Denken Murray Bookchin darauf hin, dass „die Stadt in dem großen urbanisierten Gürtel, der sie umgibt, verschwindet, aber auch das Land in einen Stadtpark oder in einen Komplex hochindustrialisierter Lebensmittelfabriken verwandelt wird“ (Bookchin, 1974). Zugleich verwendete der französischer marxistischer Soziologe und Philosoph Henri Lafebvre den Begriff „urbanes Gewebe“ („tissue urbain“), um die Struktur der halbdichten urbanen Konfigurationen zu beschreiben, die sich als Ergebnis des globalen Urbanisierungsprozesses über das Land ausbreiten (Lafebvre 1970/2003). Die sukzessive Ausbreitung des städtischen Raums ist das Resultat vielfältiger, miteinander verbundener sozialer Prozesse. Die wirtschaftlichen, technischen und politischen Beschränkungen, die einst die Bevölkerung einer Stadt innerhalb der Stadtmauern beschränkten, sind weggefallen (Siebel 2009: 89). Der Expansionsdrang, die aufkommenden Industrien und das Bevölkerungswachstum verlangten von den europäischen Städten, sich so weit wie nötig auszudehnen, ohne dass ihnen Grenzen gesetzt waren.

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Raum der Ströme. Der technologische Fortschritt im Laufe der 208 Jahrhunderte ging einher mit einem kontinuierlichen Aufbrechen geografischer Grenzen. Der technologische Fortschritt, zum Beispiel in der Verkehrs- und Informationstechnologie sowie die vielfältigen, inzwischen allgegenwärtigen Medien haben die traditionellen Grenzen zwischen Stadt und Land aufgeweicht. Eine urbane Lebensweise ist heute mehr oder weniger überall möglich, zumindest in Industrienationen und -regionen. Im aktuellen Raumdiskurs hat sich unsere Vorstellung von der Stadt von der eines abgeschlossenen Körpers, einer räumlichen Siedlungseinheit zu der eines fließenden Raumes – flowing space - verschoben. Dieser Raum der Ströme - space of flows - , wie Castells (2001) ihn nennt, umfasst Finanz- und Kapitalströme, den Fluss von Informationen, von Wissen und von Bildern, die nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden sind und zur Ausbreitung des städtischen Gewebes beitragen. Die Stadt - verstanden als „ein allumfassendes, dreidimensionales Netzwerk vielfältiger sozialer und physischer Verbindungen“ - (an all-encompassing-three-dimensional network of diverse social and phisical links) - ist grenzenlos geworden (Baccini und Oswald 1998: 19). Heute […] wirkt sich die Entleerung des Landes drastischer aus als die Verdichtung der Stadt. Während die Stadt immer mehr zu sich selbst wird, verwandelt sich das Land in etwas Neues: eine Arena für industrialisierte Nostalgie neben der totalen Kontrolle über die Landschaft, neue Muster der saisonalen Migration, massenhaften Subventionen und Förderungen, Datenspeicherung, digitale Landwirtschaft, Homogenisierung der Tierwelt, genetische Experimente […] (Carlow, 2016, p. 268). Walter Siebel (2003) hat es aus stadtsoziologischer Sicht so beschrieben: „Das soziale Gegenüber zur Stadt, das Land, verschwindet“ (Carlow 2016: 77).

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03

Stadt &Land: Beziehungen, Austausch, Abhängigkeiten

Wahrnehmung

03.01

If the city is the engine of modernity, the countryside is its bodywork (Koolhaas et al., 2020, p. 69). Eine Antinomie. Die Stadt-Land-Antinomie findet ihre Ursprünge 310 in der Antike. Die Fabel die Stadtmaus und die Landmaus von Äsop stammt aus dem VI-Jahrhundert vor Christus. Es geht dabei um eine bescheidene Landmaus, die ein zufriedenes Leben führt und ihren Freund, die Stadtmaus, die sie davon überzeugen will. Die Frage, ob es besser ist, auf dem Land zu leben und ein bescheidenes Leben zu führen oder in der Stadt mit ihrer Hektik, lässt sich schon hierbei zurückverfolgen. Je nach gesellschaftlicher Epoche und Kulturkreis zeigt sich der qualitative Unterschied zwischen Stadt und Land in verschiedenen Dimensionen. „Die historische früheste Differenz beruht auf Arbeitsteilung: die Stadt ist der Ort derer, die nicht unmittelbar in die agrarische Produktion eingebunden sind“ (Siebel 2015: 15). Die Eloge de la vie simpel (1996) von Philosoph und Dichter Lanza del Vasto erzählt von einer Stadt-Land-Antinomie, die immer noch in dem uralten Spiel der Rollen verkörpert ist. Hier steht die Korruption des Bürgers gegen die Moral des Bauern, die Künstlichkeit der Stadt gegen die Natürlichkeit des Landes, der Materialismus gegen die Spiritualität oder in Marx‘schen Begriffen, die bürgerliche Opulenz, die von der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen lebt (vgl. Agostini 2015: 147). „Aus kultureller Sicht wurde in der Vergangenheit das Land als unbeständig, die Stadt als dauerhaft angesehen; das Land als Zentrum der natürlichen Werte, die Stadt als Zentrum der sozialen Werte“ (Bookchin 1974: 21). Eine Antinomie, die heutzutage keinen Halt mehr in der Realität hat, zumindest in den hoch industrialisierten Ländern des Westens. Es steht doch fest, dass die volle Verwirklichung von Individualität und Rationalität das historische Privileg der Stadt war [...] Nur in einem vollständigen städtischen Kontext kann sich ein Volk voll verwirklichen (ebd. 1974: 21). 311 Innerhalb, Außerhalb. Die landwirtschaftliche Revolution ging mit einer städtischen Revolution einher. Zwar war es die neolithische Agrarrevolution, die den Grundstein für die Entwicklung der Zivilisation legte, aber erst in der Stadt konnte sich die Zivilisation voll entfalten. Wie Walter Siebel in seinem Buch Die Kultur der Stadt (2015) hervorhebt, „Urbanisierung und Zivilisierung sind ungetrennt verbunden. Urbanisierung ist ohne die Zivilisierung des Menschen nicht zu denken, wie umgekehrt diese nicht ohne Urbanisierung. Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Städte“ (Siebel 2015: 129). Das Land lieferte wiederum die notwendige Grundlage für die Stadtentwicklung [312]. So wie sich Städte und die in ihnen lebenden Völker im Laufe der Jahrhunderte verändert haben, so hat sich auch unsere Wahr-

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nehmung dessen, was außerhalb der Stadtgrenzen liegt, verändert. Diese Veränderungen kumulieren und schichten sich in unserer kollektiven Vorstellungswelt. Die mittelalterlichen Mauern hatten bereits eine klare Abgrenzung zwischen dem, was städtisch war, und dem, was außerhalb lag, gezogen. Obwohl der Platz begrenzt war und maximal ausgenutzt wurde, gab es innerhalb der Mauern der mittelalterlichen Stadt Gärten, in denen auch Lebensmittel angebaut wurden (vgl. Mumford 1984: 305; Siebel 2015: 15). Nicht umsonst sprechen wir von kompakten Städten. Mittelalterliche Häuser waren klein und dunkel. Aus diesem Grund, selbst im Winter, wenn das Wetter es zuließ, verbrachten die Menschen so viel Zeit wie möglich draußen. Aber die Zugbrücken wurden am Morgen geöffnet und am Abend geschlossen. Außerhalb dieser Zeiten war es nicht möglich, die Stadt zu betreten oder zu verlassen. Diese klare und definierte räumliche Abtrennung hat ein dauerhaftes Bild in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt.

Kulik 2018: 136). In jüngster Zeit hat sich das Trennungsgefühl verschärft und der Diskurs ist stark mit dem Glauben verbunden, dass es eine Alternative zu jener Urbanität gibt, die so heftig kritisiert wird. Dieser Satz von idyllischen Darstellungen rund um das Ländliche ist tief in unseren Kulturen verankert und wird in einer Zeit der urbanen Krise verstärkt. Dieses kulturell etablierte Set von Repräsentationen, Mythen und symbolischen Landschaften schwärmt für das Ländliche und seine Eigenschaften und fördert einige kulturelle Werte wie Tradition, Familie, Gesundheit, Frieden, Natur und sozialen Zusammenhalt. Diese Werte sind angeblich in der modernen Zivilisation gefährdet, und das Landleben hat die Aufgabe, sie zu schützen (Bounce 1994; Hobsbawm 2007). „Das Land hat die Funktion zu bewahren, was die Stadt zerstört“ (Carlow 2016: 61).

312 Lagerhaus der Komponenten. Unsere Wahrnehmungen von mo-

dernen Städten sind äußerst ambivalent. In der Populärkultur werden Städte ebenso oft als schreckliche Dystopien dargestellt, wie sie als Orte der Freiheit und Aufregung beschrieben werden. Auf die eine oder andere Weise sind Städte zu einer Destillation der Ambiguität unserer Gefühle gegenüber dem Anthropozän geworden (Lovelock, 2020, p. 57). Aber in diesem Spiel der Rollen ist es nicht möglich, der Stadt oder dem Land eine größere oder geringere Bedeutung zuzuschreiben. Man kann den grundlegenden Fakt nicht ignorieren, dass die Stadt selbst aus der Landwirtschaft hervorging und seit ihrer Entstehung vor 8.000 Jahren mit der Landwirtschaft ein Zivilisationssystem bildet. Die Städte sind ein Sammelpunkt, ein Katalysator und Transformator für die Produkte aus dem Lande. Stadt und Land sind keine Antagonisten, sondern komplementäre Pole. Und so ist es wenig überraschend, dass zentrale Modernisierungsimpulse vom Land ausgingen, nicht erst heute. Auch die Anfänge der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert legen eher auf dem Lande als in den Städten. Zum natürlichen Territorium, zum Land, dass man die Funktion des Lagerhauses der Komponenten [200, 311, 340], anerkennen muss, mit dem die Städte gebaut wurden. Hier b­ efanden sich die Bodenschätze wie Erze und Salze, hier gab es das ­erforderliche Energieangebot, zunächst von Mühlen, später durch K ­ ohlevorkommen. Hier entstanden große Ingenieurbauten zur Landgewinnung, wie Eindeichungen, Wasser- und ­Verkehrswegebau und hier entstanden ebenso in räumlicher Nähe zu den benötigten Ressourcen die ersten Manufakturen (Langner und Frölich-Kulik 2018: 246)

313 Aufbewahrung. In den Außenbereich der Stadt verlagern sich

immer noch Bedürfnisse und Träume, Ansprüche an die Erholung, die Sehnsucht nach dem Bukolischen und Idyllischen, an die ästhetische Betrachtung einer Umgebung als Landschaft, die in nichts an die Stadt oder Industrie erinnert (Siebel 2010: 146). Ursprünglichkeit, Ruhe, Abgeschiedenheit, einfache Lebensweise und Ortsverbundenheit werden projiziert (Langner und Frölich-

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03.02

Gleichgewicht

320 Unauflösbarkeit. Im allgemeinen Sinn ist ein System im Gleich-

gewicht, wenn es sich ohne Einwirkung von außen zeitlich nicht verändert. Stadt und Land sind, so getrennt sie auch sein mögen, zwei unauflösbare Einheiten, die zusammen wachsen und sich verändern und in denen sich die Transformationen der Ersteren in der Letzteren widerspiegeln. Die Stadt als ein Territorium zu analysieren, das nach und nach die Fläche des es umgebenden Territoriums einnimmt, ist gleichbedeutend mit der Analyse der Gleichgewichte, die sich zwischen diesen beiden Territorien gebildet haben. Dies ist ein Gleichgewicht, das in der Vergangenheit Zeiten großer Stabilität genossen hat und vor 200 Jahren einen Bruch erlebt hat, der noch nicht verheilt ist.

321 Einheit. Polis und Umland bildeten eine ökonomische Einheit, die

durch Herrschaftsbeziehungen zusammengehalten wurde. Dreiviertel aller Bürger des perikleischen Athens besaßen Land außerhalb der Stadt. Aber sie bearbeiteten das Land nicht. Das war Sache der Sklaven. Stadt und Land standen für den Gegensatz von Arbeit und Muße (Siebel 2015: 15). Stadt und Land waren aber in einer einzigen Instanz vereint, wobei die Erstere von der Letzteren abhing und vice versa. Da die athenische Gesellschaft auf freien Bauern und kleinen Landbesitzern basierte, waren daher Stadt und Land auf einem sehr delikaten Gleichgewicht aufgebaut. Die Aufrechterhaltung dieser Ausgewogenheit hing von der Selbstversorgung der internen Ressourcen ab, die durch die Arbeitsteilung zwischen städtischer und ländlicher Gesellschaft gewährleistet wurde. Die Polis blühte nur so lange, als keines von beiden die Oberhand über das andere hatte. Diese Ausgeglichenheit galt es zu bewahren und zu schützen; daher sollten Änderungen und Umstellungen vermieden werden. Bei den Griechen wurde dieses soziale Gleichgewicht durch den Begriff Autarkeia ausgedrückt: ein Konzept, das Vollständigkeit, materielle Unabhängigkeit und eben Gleichgewicht bedeutete (vgl. Bookchin 1974: 49–50). Die Gründe für diesen vorsichtigen, gemessenen, fast genügsamen Lebensstil, der eher auf Schutz als auf Dominanz abzielte, sind in den typisch hellenischen geografischen Eigenschaften zu finden. Die Knappheit an Ackerland und die Knappheit an Süßwasser für die Bewässerung erlaubten den Poleis keine Expansion, sondern zwangen sie im Gegenteil, eine stabile Beziehung zur Außenwelt zu bewahren. Erst das vollständige Verständnis des bewohnten Gebietes und seiner spezifischen Eigenheiten erlaubte es den Griechen, eine ausgewogene und dauerhafte Beziehung zu ihm aufzubauen. Die Idee der Geschichte als zyklischer Prozess des Verfalls hat die

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griechische Vorstellung stark beeinflusst, wie die Gesellschaft geordnet sein sollte. Platon und Aristoteles waren der Meinung, dass die beste Gesellschaftsordnung diejenige ist, die sich am wenigsten verändert; in ihrer Weltanschauung war wenig Platz für das Konzept des kontinuierlichen Wachstums und der Veränderung. Wachstum bedeutete nämlich nicht mehr Wert und Ordnung in der Welt, sondern genau das Gegenteil. Die Griechen assoziierten Veränderung und Wachstum mit Verfall und Chaos. Ihr Ziel war es, der nächsten Generation eine möglichst intakte Welt zu überliefern (vgl. Rifkin 2005: 34). Autarkeia. Der Begriff Autarkeia – αὐτάρκεια - leitet sich etymo- 322 logisch von dem Pronomen αὐτός, “selbst” und des Verbs ἀρκεῖν, „genügen“, „ausreichend sein“. Aus dieser Sicht scheint es das Konzept des „sich selbst Genügens“ auszudrücken, während es aus der Sicht der Bedeutung einen Zustand der „Selbstgenügsamkeit“, auf der moralischen Ebene, und der „Unabhängigkeit“, auf der wirtschaftlich-politischen Ebene, zu bezeichnen scheint. Die Situation, die Autarkie definiert, ist die, in der eine Entität in seiner Vollständigkeit existiert, unabhängig von äußeren Faktoren. Im antiken Griechenland war die Autarkie ein zentraler Aspekt des politischen Denkens und nahe an den Bereichen der Politik und der Ökonomie angesiedelt. Herodot beschrieb das Wesen der Autarkie als ein „politisches Ideal“. Nach ihm solle das Territorium einer Polis vor allem im landwirtschaftlichen Bezug so ertragreich sein, dass alle Bewohner eines Landes mit ausreichenden Gütern unabhängig versorgt und damit ernährt werden können. Die Unabhängigkeit ist damit ein grundlegendes Merkmal des hellenistischen Konzepts der Autarkie: In territorialer Hinsicht suggeriert es ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der internen Bevölkerung der Polis und der produktiven Kapazität des externen Territoriums.

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03.03

Modifikationen und Anpassungen 330 Ausbeutung und Entwicklung. Zwischen dem 10. und 13. Jahr-

hundert vollzog sich in Europa ein tiefgreifender Wandel, dessen bedeutendste Aspekte die Zunahme der Bevölkerung und die Ausbreitung der Anbauflächen waren. Der klassische europäische Feudalismus wurde durch die vorteilhafte geografischen und klimatischen Bedingungen des Kontinents genährt, mit dem Ergebnis, dass die europäischen Stadtgemeinden eine Unabhängigkeit erlangten, die die antike Gesellschaft nicht kannte – außer natürlich - in Griechenland (Bookchin 1974: 56). Diese Phänomene nahmen je nach Region unterschiedliche Ausprägungen an, waren aber auf dem gesamten europäischen Kontinent zu finden. Die steigende landwirtschaftliche Produktivität und das Bevölkerungswachstum führten zu einer allgemeinen Zunahme von Handel und Gewerbe, zunächst auf den ländlichen Märkten, dann auf den städtischen Märkten. Die Ausbeutung der Wälder, die bis dahin wesentlich zum Überleben der Menschen beigetragen hatte, erwies sich als nicht ausreichend, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Infolgedessen kam es zu einer zunehmenden Entwicklung der Landwirtschaft, vor allem in quantitativer Hinsicht mit der Vergrößerung der Anbauflächen, aber auch in qualitativer Hinsicht mit der Verbesserung der Produktionstechniken.

331 Holz. Das Wachstum der Bevölkerung, das um das 10. Jahrhundert

begonnen hatte, ging mit einer intensiven Abholzung und Rodung einher und viele unberührte Flächen wurden urbar gemacht. Die Naturlandschaft Europas beginnt sich radikal zu verändern. Die Städte verlangten unter dem Druck einer immer größer werdenden Bevölkerung nach Versorgungsgütern und Rohstoffen in immer größeren Mengen. Die Urbarmachung des Landes dauerte Jahrzehnte und beschäftigte einen großen Teil der europäischen Bevölkerung. Die Anbauflächen breiteten sich aus und die Landschaft veränderte sich radikal: Wälder, Weiden und unbewirtschaftete Flächen, die den europäischen Kontinent über Jahrtausende geprägt hatten, begannen zu schrumpfen. Die Vervielfachung der bewirtschafteten Flächen führte zu einem drastischen Verlust an Waldfläche. Die Wälder waren lebenswichtig für die Brennstoffversorgung und als Baumaterialien, und ihre Erschöpfung stellte die Bevölkerung vor große Probleme. Wie bei den fossilen Brennstoffen heute wurde damals aus Holz mehr oder weniger alles hergestellt (vgl. Rifkin 2005: 99–100). In Frankreich, in den 1200er-Jahren, gab es Behörden, die Gesetze zum Schutz des Waldes erließen, denn der Wald ist zum Leben unentbehrlich. Holz ist nicht nur zum Heizen unverzichtbar [N9], sondern auch für die Herstellung fast aller Gegenstände (vgl.

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Barbero 2020: 06.10-29:15). Am Ende des XIV Jahrhundert war das physische Erscheinungsbild Europas tiefgreifend verändert. Im Europa des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts hatten die weitere Bevölkerungszunahme, die Bildung von Nationalstaaten und die daraus resultierenden Kriege den wachsenden Bedarf an Rohstoffen bestimmt. Die Nachfrage nach Holz war wieder einmal sehr groß. Die Wälder wurden schneller abgeholzt, als sie nachwachsen konnten. Die europäische Landschaftsmorphologie wurde noch einmal tiefgreifend verändert. Holz wurde in großem Umfang zum Bau von Schiffen (zu Beginn des 18. Jahrhunderts konnte der Bau eines einzigen Kriegsschiffes 4000 Masten erfordern) und zur Eisenverschmelzung verwendet (Lovelock et al. 2020: 41). Der natürliche Ressourcenreichtum und die Charakteristika der europäischen Naturgebiete bildeten die energetische und materielle Basis für die später mächtigsten Länder der Welt. Trotz dieses Bevölkerungswachstums und der damit einhergehenden territorialen Veränderungen zeigten die städtischen Zentren noch keine Anzeichen, sich über ihre Grenzen hinaus auszubreiten. In den ersten Jahrhunderten der Stadtentwicklung, zwischen dem XI und XIV Jahrhundert, wie auch im XVII-Jahrhundert in Neuengland, wurde alternativ die überschüssige Bevölkerung durch den Bau neuer Städte versorgt, manchmal in der Nähe, aber dennoch eine unabhängige und autarke [322] Einheit. Die mittelalterliche Stadt brach nicht durch ihre Mauern und dehnte sich in einem amorphen Klecks (Mumford, 1970) über das Land aus. Wenn die Bevölkerung innerhalb einer Stadt eine bestimmte Grenze erreichte, wurden sehr selten einige Abschnitte der Mauern abgerissen und einige Dutzend Meter weiter wieder aufgebaut. Die Stadt war immerhin kompakt und das umliegende Territorium, das für den Unterhalt der Bevölkerung notwendig war, konnte in keiner Weise eingenommen werden. Die Umgebung war entscheidend für den Lebensunterhalt der Einwohner. Das allgemeine Muster des Stadtwachstums war das von kleinen Städten, die weit über die Landschaft verteilt waren: „Die Phänomene der Überbevölkerung und der Überbebauung wie auch die unendliche Ausdehnung der Vorstädte - traten erst auf, als die Kapazität für den Bau neuer Städte stark nachgelassen hatte“ (Mumford 1970: 58–60). Damit wurde in Europa eine Art räumliche Sättigung erreicht, die es nicht erlaubte, weitere städtische Zentren zu schaffen. Auf diese Weise, als die Städte an Größe und Bevölkerungsdichte zunahmen, wurde ihre ländliche Basis untergraben (vgl. Mumford 1970: 45).

[N9] Werkzeuge In seinem Werk Technics and Civilization (1934) stellte Lewis Mumford eine Liste von Einzelfällen zusammen: „Die Werkzeuge des Schreiners waren mit Ausnahme der Klingen aus Holz gefertigt, ebenso wie der Rechen, das Ochsenjoch, der Karren, die Badewanne, der Zuber, der Besen und in manchen Teilen Europas auch die Hufe des armen Menschen. Holz wurde von Bauern und Webern genutzt: Der Webstuhl und das Spinnrad, die Ölund Weinpressen waren aus Holz, und die Druckerpresse wurde nach ihrer Erfindung ein ganzes Jahrhundert lang aus Holz gefertigt. Dieselben Rohre, die Wasser in die Städte brachten, waren oft aus Holzstämmen gefertigt und so waren die Zylinder der Pumpen [...] Natürlich, Schiffe wurden mit Holz gebaut und zusammengehalten [...] Alle wichtigen Maschinen in der Industrie wurden aus Holz gefertigt“ (Mumford 1934: 119).

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03.04

Austausch Die Natur ist wie im Stadtbeton genauso präsent wie auf dem Feld eines Bauers. David Wachsmuth

340 Eine Leistungsbeziehung. Die Erde ist wie ein riesiges Komponen-

tenlager [200, 311, 312], das aus allen möglichen Teilen besteht, die darauf warten, zu einem funktionierenden System zusammengesetzt zu werden. (vgl. Rifkin 2005: 39). „In keiner Zivilisation hat sich das städtische Leben unabhängig von Handel und Industrie entwickelt“ (Pirenne 1971: 89). Im Land wird der Raum in Bezug auf eine bestimmte Aktivität (Transport, Transit, Handel, Freizeit, Landwirtschaft, Energie) ausgeformt. „Tatsächlich kann ein städtischer Ballungsraum nur durch die Einfuhr von Lebensmitteln von außerhalb existieren. Dieser Einfuhr muss aber eine Ausfuhr von Fertigwaren entsprechen, der das Gegenstück oder den Gegenwert darstellt“ (ebd.: 89). Der landwirtschaftliche Überschuss der mittelalterlichen Zentren, der vom Land in die Stadt gelangte, fand sein Gegenstück im Kunsthandwerk, das in den städtischen Werkstätten hergestellt wurde: Werkzeuge, Manufakturwaren und Grundbedarf verließen die Stadtmauern und landeten in den Wohnungen der Landwirte. Dadurch wird eine permanente Leistungsbeziehung zwischen der Stadt und ihrer Umgebung hergestellt. Handel und Industrie sind für die Aufrechterhaltung dieser gegenseitigen Abhängigkeit unerlässlich: ohne die Einfuhr, die die Versorgung sichert, ohne die Ausfuhr, die sie mit Tauschobjekten kompensiert, würde die Stadt sterben (vgl. Pirenne 1971: 89).

341 Handelsvolumen. Der Handel brachte eine langsame, aber stetige

Bereicherung der mittelalterlichen Städte. Vom 9. bis zum 10. Jahrhundert begann in Europa ein Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Bevölkerung und die landwirtschaftliche Produktion wuchsen, die Einkommen stiegen, ebenso die handwerkliche Produktion und vor allem das Handelsvolumen: All dies führte zu einer massiven Urbanisierung. Bis 1300 gab es eine lange Periode des Wachstums. Über Jahrhunderte hinweg nimmt die Bevölkerung Europas langsam zu, die sich dann rüstet, um mehr zu produzieren. Es stehen mehr Arbeitskräfte zur Verfügung, die Bevölkerung der Städte wächst und somit auch deren Bedarf. Die Menschen beginnen vom Land in die Städte zu flüchten. Arbeit gab es genug und wer Pläne hatte, fand auch Arbeitskräfte. Das Mittelalter des 14. Jahrhunderts zeichnet sich durch eine fast vollständige Absenz von Arbeitslosigkeit aus. Es ist bereits eine globalisierte und reiche Welt. Händler verdienen eine ganze Menge Geld. Auf den Spuren von Marco Polo geht es nach China und in den Nahen Osten: Man bereitet sich auf sehr lange und gefährliche Fahrten mit dem Ziel vor, die europäischen Märkte mit Gewürzen und edlen Textilien zu bereichern. Durch Einfuhre und Ausfuhre machen die mittelalterlichen Händ-

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ler gigantische Gewinne und Märkte florieren in ganz Europa (vgl. Barbero, 2020).

[N10] Pax Romana, Pax ­Britannica, Pax Americana.

Übertragungsprozess Aus dieser Sicht unterscheidet sich die 342 moderne Gesellschaft überhaupt nicht von der mittelalterlichen, geschweige denn von der antiken. Die moderne bewegt enorme Mengen an Menschen, Rohstoffen und Produktionsgüter von einem Punkt zum anderen. Da sein Leben von diesem kontinuierlichen Übertragungsprozess [343] abhängt, kann man nicht davon ausgehen, dass er aufhört (Chermayeff und Alexander 1968: 101). Was leicht zu beobachten ist, ist eine drastische Veränderung in der Skala dieser Verlagerungen [N10]. Das Aufkommen der Eisenbahn ermöglichte die Erschließung auch der entlegensten Gebiete des Landes. Die Eisenbahn und die neuen Dampfschiffe brachten den Transport von Gütern in alle Teile der Welt und aus allen Teilen der Welt zustande (vgl. Hilberseimer 1955: 105)

90 % der Waren werden heute auf dem Seeweg bewegt, durch das planetarische Netzwerk, das als Globalisierung bekannt geworden ist. Die Globalisierung ist kein neues Phänomen: Bereits in der Vergangenheit lassen sich zwei Formen der Globalisierung identifizieren. Die erste heißt Pax Romana und bezeichnet den Warenaustausch, der sich ab dem I-Jahrhundert n. Chr. unter der Kontrolle des Römischen Reiches im Mittelmeerraum ausbreitete. Der Warenverkehr findet regelmäßig zwischen den Mittelmeerküsten statt. Es handelt sich um eine Globalisierung im technischen Sinne, bei der die Kontrolle der Seewege, auf denen die Waren reisten, zur Schaffung eines einheitlichen Marktes beitrug. Die zweite nahm den Namen Pax Britannica an und definierte die erste Globalisierung in geografischen Begriffen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während des viktorianischen Zeitalters, kontrollierte England dank seiner außergewöhnlichen Marine alle Meere und den darauf stattfindenden Handel. Waren bewegen sich regelmäßig zwischen den Kontinenten. Am Ende des Kalten Krieges blieb Amerika die einzige Supermacht, und es war diese Einzigartigkeit, die es ihm erlaubte, alle Meere zu beherrschen und folglich einen einzigen definitiven und globalen Markt zu erschaffen. Die moderne Globalisierung wird auch als Pax Americana bezeichnet. Der Begriff »Pax«, der aus dem Lateinischen abgeleitet ist und Frieden bedeutet, weist auf lange Friedenszeiten hin, die einen stabilen Handel über weite Strecken ermöglichten (vgl. Fabbri 2019: 02:00-09:20).

Differenz. Ein ununterbrochener Strom verbindet die beiden Terri- 343 torien. Das System Stadt ist untrennbar mit seiner Umwelt verbunden. Das bedeutet, dass System und Umwelt zusammen konzipiert werden sollen, um die jeweilige Eigenschaften völlig verstehen zu können. Sie sind voneinander abhängig und eine Abspaltung ist unausdenkbar. Aus diesem Austausch [346] zwischen System und Umwelt entwickelt sich die sogenannte emergente Eigenschaft von Städten [114, 720]. Eine Stadt ist ein emergentes, komplexes adaptives System, das aus der Verbindung der Energie- und Ressourcenströme in ihrer materiellen Infrastruktur mit den Informationsströmen in den sozialen Netzwerken ihrer Einwohner entsteht (vgl. West 2019: 454). Ein Austausch [346] impliziert per Definition eine Verlagerung von Material, Ressourcen, Informationen oder Energie von einem Punkt zum anderen. Mit einer Verlagerung werden quantitative und qualitative Änderungen vorgenommen und somit wird eine Zustandsänderung erzeugt. Genauer, eine Zunahme und eine Abnahme. Städte entstehen, wachsen und entwickeln sich auf der Basis einer Differenz. „Was Stadt ausmacht, bestimmt sich aus der Differenz zum Land“ (Siebel 2015: 13). Technosphäre. Die Handelsaktivitäten führten einerseits zu impe- 344 rialistischen Kriegen, andererseits zur Anhäufung von Reichtum und einer gesteigerten Nachfrage nach materiellen Gütern - Lebensmittel, Gewürze, Textilien, Gebäude, Töpferwaren, Waffen und Luxusgüter für die Reichen - mit einem zunehmend aggressiven Eingriff in die Umwelt und einer Ausdehnung der Technosphäre, dem Universum der der Natur entrissenen und in der Welt der Menschen verankerten Objekte (vgl. Nebbia 2016: 16). Die der Umwelt entnommenen und in die Stadt geleiteten Ressourcen werden zum Teil zur Versorgung der Bevölkerung und zur Aufrechterhaltung von Infrastruktur und Dienstleistungen verwendet. Ein Teil dieser Ressourcen wird in Produkte, Artefakte und Fertigwaren umgewandelt. Letztere bilden das, was man gemeinhin als Technosphäre oder Anthroposphäre bezeichnet. Die Einführung technologischer Geräte, d. h. die Erweiterung der Technosphäre, erfolgt immer nur auf Kosten der Ökosphäre.

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Dies ist ein unidirektionaler Prozess. Städte sind enorme Akkumulatoren der Technosphäre. Wenn man das Bild einer modernen Stadt und eines blühenden Hügels vergleicht, ist es daher nicht sinnvoll, beiden unterschiedliche Attribute zuzuschreiben: ­Tatsächlich ist die Natur in beiden präsent, sie wurde nur transformiert [541]. „Die Natur ist wie im Stadtbeton genauso präsent wie auf dem Feld eines Bauern“ (Wachsmuth 2012: 506). 345 30 Billionen Tonnen. Die Technosphäre enthält alle menschenge-

machter Strukturen der Welt. Die aktive Technosphäre besteht aus Gebäuden, Straßen, Energieversorgungsstrukturen, allen Werkzeugen, Maschinen und Konsumgütern, die derzeit in Gebrauch oder nutzbar sind, sowie aus Ackerland und bewirtschafteten Wäldern an Land. Sie umfasst auch lebende Teile wie Nutzpflanzen und domestizierte Tiere. Der Mensch produziert und erhält den Rest der physischen Technosphäre und ist nun von ihr abhängig. Städte und urbane Zentren bilden den größten Teil der Technosphäre (36.9 %): Sie umfassen Gebäude, Straßen, Landebahnen für Flughäfen, Docks, Steinbrüche, Minen und die dazugehörigen Abfalldeponien, Kanäle, Deiche, Dämme, betonierte Wasserwege, gepflasterte Freiflächen, mit einem komplex konstruierten Unterbau aus Fundamenten, Wasser- und Energieversorgungsleitungen, Deponien, Abwassertunneln, Eisenbahnlinien und U-Bahn-Systemen. Auch ländliche Regionen mit extensiver Land-, Acker-, bewirtschafteter Forst- und Viehwirtschaft in Kombination mit den künstlichen Be- und Entwässerungsnetzen, die das Funktionieren der Anbauflächen ermöglichen, können in die Technosphäre eingeordnet werden, da sie ständig verändert werden, um die Funktionen der Städte zu erhalten. Die Technosphäre ist das Endergebnis antrhopischer Aktivitäten. Die gesamte Technosphäre der Erde hat eine Masse von 30 Billionen Tonnen. Gleichmäßig verteilt entspräche dies einer Last von 50 Kilogramm auf jedem Quadratmeter der Erdoberfläche. Die Vielfalt der menschengemachten Objekte übertrifft bereits die heutige biologische Artenvielfalt. Dazu zählen für sie „alle komplexen sozialen Strukturen des Menschen mit der dazugehörigen Infrastruktur und den technologischen Artefakten, die den Fluss an Energie, Information und Materialien im System ermöglichen“(vgl. Zalasiewicz et al. 2017: 11).

346 Bedarf. Der Diskurs des Austausches ist nicht nur innerhalb der

Stadt-Land-Dichtomie zu finden. Alle Manifestationen des Lebens beinhalten Austausch, Handel von Materie und Energie [113, 342, 343, 520, 531]; die Pflanzen „kaufen“ Kohlendioxid aus der Luft, Wasser und Stickstoff aus der Luft und dem Boden und „fabrizieren“ die Moleküle von Stärke, Zellulosen, Ligninen, Fetten, Proteinen und erzeugen als Abfall Sauerstoff, die Reste der Blätter, der Stämme und der Wurzeln (vgl. Nebbia 2016: 1). Das Leben ist kein geschlossenes System, der Mensch - wie alle anderen Lebewesen - überlebt nur unter den Bedingungen eines ständigen Austausches mit der äußeren Umgebung und ohne einen kontinuierlichen Energiefluss würde jegliches Lebewesen in ein paar Tagen sterben (vgl. Rifkin 2005: 107). Städte, wie wir sie kennen, sind Territorien, die mit keinerlei Autonomie ausgestattet

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sind (außer in einem sehr begrenzten Ausmaß). Die Infrastrukturen, die sie enthalten, und die Menschen, die in ihnen leben, brauchen einen kontinuierlichen Fluss von außen, wenn sie nicht zerfallen wollen. Der Ressourcenfluss muss nicht nur konstant gehalten werden, sondern nimmt im Gegenteil immer mehr zu, genauso wie der Bedarf an Nahrung für eine immer größer werdende Bevölkerung, der Bedarf an Energie für eine immer größer werdende Technosphäre [344] und der Bedarf an Rohstoffen für immer häufigere und aufwendigere Instandhaltung wächst. Davon hängt das Leben der Städte. Kommunikation. Obwohl sie ursprünglich entworfen wurden, um 347 die Bevölkerung vor Angriffen von außen zu schützen, sind Städte nicht dazu konzipiert isoliert zu bleiben, sondern sind Elemente innerhalb eines größeren urbanen Systems: Sie wurden im Laufe der Zeit so gestaltet, dass sie optimal miteinander kommunizieren. Auch die ersten Zäune und steinernen Befestigungen wurden zu diesem Zweck entworfen. Als sich der Handel durchsetzte, mussten die Städte auf die damals optimale Weise vernetzt werden. Straßen sind eine grundlegende Infrastruktur. Die Infrastruktur zur Verbindung von Städten und Güterverkehrsknotenpunkten wird regelmäßig für den Warenverkehr mit immer größer werdenden Mengen an Gütern optimiert. Dabei geht es um qualitative sowie quantitative Optimierung. Vom Esel zur Glasfaser. Die steingepflasterten Straßen, die während 348 des Römischen Reiches gebaut wurden, verschwanden nach dessen Zerfall (mitte des IV Jahrhundert n. Chr.), da die Geldmittel für ihre Instandhaltung aufgebraucht waren. Andere Straßen werden zu Feldwegen. Im besten Fall waren sie geschottert (vgl. Barbero 2020: 11:23-14:25). Das Maultier und der Esel, deren Ladekapazität von 100 bis 135 Kilo reichte, waren die am häufigsten verwendeten Transportmittel, im Gegensatz zum Karren, der im Mittelalter nicht weit verbreitet war: Grund dafür war eben das mangelnde Aufkommen an befahrbaren Straßen. Trotz der spartanischen Transportmittel wurden ungeheure Mengen an Waren in Europa bewegt. Dieser Prozess begann etwa im X-Jahrhundert und hat sich bis zum heutigen Tag nicht verlangsamt. Die Ausbreitung der Städte wurde nämlich durch die Handelswege ermöglicht, die sich ab 1500 überall auf der Welt eröffneten. Wie Henri Pirenne beobachtet, „es ist leicht zu erkennen, dass sich die Städte im Verhältnis zum Fortschritt des Handels vervielfachen und dass sie entlang der natürlichen Wege entstehen, auf denen er sich ausbreitet: Sie werden sozusagen unter seinen Fußstapfen geboren. Zuerst sind sie an den Küsten und Wasserstraßen zu finden, dann, wenn sich die kommerzielle Durchdringung ausbreitet, entstehen sie an den Routen, die diese ersten Zentren der Aktivität verbinden“ (vgl. Pirenne 1971: 90). Die Positionierung der Städte innerhalb des europäischen Territoriums wird daher von den Routen festgelegt, die sich in den vergangenen Jahrhunderten etabliert hatten. Diese wiederum hingen von der Beschaffenheit des Territoriums selbst ab. Frankfurt, Köln, Straßburg und Paris besaßen eine günstige Lage, da sie an schiff-

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baren Flüssen lagen, die von wichtigen Landhandelswegen durchquert wurden. Zürich, am nördlichen Ende eines Sees gelegen, befand sich an einem Punkt, an dem eine Vielzahl von Landwegen aus verschiedenen Richtungen zusammenliefen und sich vereinigten. Bremen, London, Lübeck und Pisa, an Flüssen in Meeresnähe gelegen, waren natürliche Orte für den Austausch einheimischer Waren gegen solche aus dem Ausland. Lübeck selbst wurde zu einem Handelszentrum und schließlich zum Oberhaupt der Hansa. Lüneburg verdankte sein Ansehen den großen Salzexporten der Salinen, die zu den größten in Nordeuropa gehörten (­ vgl. Hilberseimer 1955: 92). Es sind die räumlichen Eigenschaften der europäischen Landschaft, die die heutige Verteilung der Städte bestimmt haben (vgl. Pirenne, 1971, p. 91). 349 Ströme. „Moderne Großstädte definieren sich auch durch ihre

Fähigkeit, nicht nur Menschen und Produkte, sondern auch Bilder und Informationen zu importieren und zu exportieren“ (Augé 2008: vii). Einige Städte sind in jüngster Zeit nicht nur Warenannahme- und Sortierzentren, sondern zu Knotenpunkten des Austausches von Informations- und Kapitalströmen geworden: Tokio, London und New York verdienten sich ursprünglich aus diesem Grund die Bezeichnung Global Cities (Saskia Sassen).

341.1 Transportwege und Stabilität. Mitte des 18. Jahrhunderts führte

die extensive Nutzung von Kohle in Kombination mit Eisen zur Verbreitung der Eisenbahn. Die Einfuhr von Waren und Fertigprodukten sowie eine Energie- und Ressourcenzufuhr [513] aus entfernten, nicht stadtnahen Gebieten wurde erst mal möglich. Die Folgen der Unterbrechung eines jahrtausendelangen Gleichgewichts hallen bis heute nach. So wie die Eisenbahn und die Dampfkraft einst zur Zentralisierung und Konzentration der städtischen Siedlungen beitrugen, so führen Elektrizität und Kraftfahrzeuge zu ihrer Dezentralisierung. Die Menschen, die immer weiter in die Stadt gezogen waren, begannen die neuen Vorortbahnen zu nutzen, um aus der Stadt zu fliehen und neue Siedlungen jenseits der Stadtgrenzen zu gründen. Im Zuge des Ausbaus der Eisenbahnlinien entstanden diese Siedlungen immer weiter vom Stadtzentrum entfernt. Das Automobil beschleunigte diese Abwanderung und vergrößerte ihr Ausmaß (vgl. Hilberseimer 1955: 114).

341.2 Geschwindigkeit. Wie Mumford schon anfangs der 60er-Jah-

re sagte, der Transport ist ein Konstrukt, das sich nicht lediglich unter dem Punkt Geschwindigkeit herunterbrechen lässt. Das würde bedeuten, dass im Bereich Transportation Energie und Geschwindigkeit um ihrer selbst willen wünschenswert sind und dass der neueste und schnellste Fahrzeugtyp alle anderen Transportmittel ersetzen sollte. Die Realität ist, dass die Geschwindigkeit die Funktion eines menschlichen Ziels sein sollte. Es kann kein adäquates Transportnetz geben, wenn es nur von einem einzigen Fortbewegungsmittel abhängt, egal wie hoch seine theoretische Geschwindigkeit sein mag. Was ein effizientes Netzwerk erfordert, ist die größtmögliche Anzahl von Transportmitteln, die sich in Geschwindigkeit, in Volumen, in Zweck und in Funktion unterschei-

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den (vgl. Mumford, 1961, p. 630). Goldsmith und Allen weisen in ihrem berühmten Buch „A Blueprint for Survival“ darauf hin, dass alle Systeme, die auf Selbsterhaltung abzielen, eine grundlegende Eigenschaft anstreben: Stabilität. Die Stabilität [722] des Systems wird durch die Differenzierung der internen Elemente gewährleistet. Je größer die Differenzierung der internen Elemente eines Systems ist, desto größer ist die Stabilität des Systems (vgl. Goldsmith und Allen 1972: 95). Ein Diskurs also, der dem von Mumford nicht unähnlich ist. Eine Diversifizierung ist daher nötig, wenn das System Transportation als stabiles System gehalten werden würde. Das heutige multimodale Mobilitätsangebot stellt ein Paradebeispiel für Diversifizierung im Bereich Transportation dar, welche eine gemischte, hybride Mobilität, angepasst an die unterschiedlichsten Gegebenheiten verweist. Differenzierungen innerhalb des Taktes, der Verteilung sowie des Transportkapazitätes sind Faktoren, die ein stabiles Transport-System ermöglichen. Gemischte Lösungen ermöglichen es den Menschen, sich in der städtischen und ländlichen Umgebung entsprechend den Bedürfnissen der räumlichen und wirtschaftlichen Veränderungen zu bewegen. Durch das Angebot eines hochdifferenzierten Dienstes wird jedes Transportmittel einen anderen Zweck und eine andere Funktion haben. Außerdem können Störungen schnell durch ein anderes Verkehrsmittel ersetzt oder substituiert werden, ohne dass es zu Verkehrsstaus kommt. 341.3 Wasser, Macht. Die Entwicklung einer jeden Zivilisation hängt vom Zugang zu Süßwasser ab. Das alte Ägypten verdankt seinen Reichtum und Opulenz auch den Bewässerungs- und Wasserwerken, die um 2000 v. Chr. rund um den Nil angelegt wurden und den Anbau von Getreide in überwiegend trockenen Gebieten ermöglichten. Seine Pracht ist nichts anderes als das Produkt des landwirtschaftlichen Überschusses, der durch moderne Bewässerungstechniken produziert werden könnte. Das Land selbst war ohne das Wasser des Nils und die Bewässerungskanäle wertlos. Von den frühesten Zeiten an waren die Kontrolle des Hochwassers am Nil und die Instandhaltung der Bewässerungsanlagen die wichtigste Aufgabe jeder ägyptischen Regierung. Bei den alten Ägyptern begann das Jahr am 19. Juli, dem Tag, an dem die Flut des Flusses das Delta erreichte. Seit der Ersten Dynastie wurden die jährlichen Steuern proportional zum Wasserstand festgesetzt, da der Ertrag der späteren Ernte ganz vom Nil abhing (Mumford 1967: Bookchin 1974: 37). Ebenso wäre die Expansion des Römischen Reiches vom 1. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. ohne die Planung und den Bau der Aquädukte nicht möglich gewesen. Die Ingenieurleistung war grundlegender Bestandteil, die zur Pracht Roms beitrug. Tatsächlich war Rom in den ersten vierhundert Jahren für die Wasserversorgung auf lokale Quellen angewiesen. Als die Stadt an Größe und Bevölkerung zunahm, wurde diese natürliche Wasserversorgung unzureichend. Wasser musste von außen in die Stadt gebracht werden: Es wurde notwendig, Wasser aus weit entfernten Gebieten zu gewinnen und dafür entsprechende Infrastrukturen zu konzipieren. Appius Claudius baute das erste der vielen Aquädukte, von denen die Wasserversorgung

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Roms abhängig wurde (vgl. Hilberseimer 1955: 66). Im Jahr 314 n. Chr., als Rom sich über fast 2000 Hektar erstreckte und etwa eine Million Einwohner hatte, gab es 967 öffentliche Bäder, 11 große Bäder, 144 öffentliche Latrinen und 1352 Brunnen, die von 11 Aquädukten gespeist wurden (Gilles Chaillet, Dans la Rome des Césars, 2004).

Verschmelzung

03.05

341.4 Verbindungselement. Wasser ist ein wichtiges Element der mit-

telalterlichen Stadtstruktur: Es dient sowohl zur Verteidigung als auch als Transportweg. Im frühen Mittelalter fand der Handel hauptsächlich auf dem Wasserweg statt: Lastkähne waren das verbreitetste Transportmittel. Der größte Verdienst der Marktwirtschaft war die Anhäufung von Produkten, die sehr schnell ausgetauscht und verbreitet werden konnten […]. Während dieses Prozesses waren die Wasserstraßen das Hauptkommunikationsmittel nicht nur zwischen entfernten Territorien, sondern auch innerhalb der Stadt selbst (Amsterdam, Lübeck, Mailand, Venedig). Im 16. Jahrhundert florierten See- und Flusshäfen an den Hauptverkehrswegen: Frankfurt am Main, Lissabon, Liverpool, Neapel und Palermo. Einige Territorien wurden sofort mit dem Wasserproblem konfrontiert und taten ihr Bestes, um es zu beheben. Die Niederlande sind seit der Antike mit dem Wasserproblem konfrontiert und gelten heute als das Land mit der fortschrittlichsten Technologie in der Wassersteuerung. Die Kunst des Kanalbaus verbreitete sich von den Niederlanden aus im übrigen Europa, und die Geschicklichkeit der Niederländer bei der Steuerung und Förderung von Wasser wurde auch beim Bau der ersten städtischen Wasserleitungen genutzt (vgl. Mumford 1961: 522). Das Wasser war das erste wirkliche Element, das es erlaubte, die bewohnten Zentren untereinander zu verbinden. Zunächst wurden weite Territorien mit Kanälen und Flüssen durchzogen. Die Kontrolle über Wasser und auf dem Wasser war eine grundlegende Voraussetzung für das Aufblühen der ersten städtischen Zentren, sowohl um sie miteinander kommunizieren zu lassen als auch um das voran zu bringen, was in den 1500er-Jahren ein sehr fruchtbarer interkontinentaler Markt wurde.

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Bewegung. Lewis Mumford weist darauf hin, dass „wenn der 350 Mensch ursprünglich eine Welt bewohnt hätte, die so eintönig ist wie eine Nachbarschaft von Wolkenkratzern, so unbedeutend wie ein Parkplatz, so leblos wie eine automatisierte Fabrik, ist es sicher, dass er keine Erfahrung gemacht hätte, die vielfältig genug gewesen wäre, um ihm zu erlauben, Bilder anzuhalten, eine Sprache zu bilden, Ideen zu konzipieren“ (Agostini 2015: 60). In der Frühphase der industriellen Revolution hatte der städtische Magnet mit der Aussicht auf Beschäftigung, Vielfältigkeit und Interesse die Menschen vom Lande angezogen, was zu einer zentripetalen Strömung führte. Aber sobald die Verkehrssysteme es zuließen, gab es einen gegenläufigen Strom nach außen, von desillusionierten Bürgern, die vor Überlastung, Verfall und Elend flohen und ein individuelles „Landhaus“ suchten. Was am Anfang das Privileg einiger weniger war, ist heute ein Massenphänomen geworden (Chermayeff und Alexander 1968: 75). Die Technologie hat einen immer höheren Grad der Domestizierung des Landes und der Natur ermöglicht [424, 640]: Dem folgte die immer größere Fähigkeit, nicht nur Waren, Rohstoffe und Lebensmittel, sondern auch Menschen zu bewegen. Die technologische Entwicklung hat das Verhältnis des Menschen zu seinem Lebensraum tiefgreifend verändert und ihm immer größere Freiheiten gewährt. 351 Hybride Räume. Neue räumliche Konfigurationen erfordern auch neue Terminologien, die ihr Wesen in all seinen Facetten beschreiben. Auf den Einsturz der Stadtmauern im Mittelalter und das Ende der kompakten Stadt folgten keine Regeln oder Vorschriften, die die Ausbreitung der modernen Stadt begrenzten, normierten oder regelten. Sie könnte sich so beliebig weit ausdehnen und, wie Murray Bookchin feststellt, ist sie durch das Abschaffen der Mechanismen der Selbstkontrolle [420] gekennzeichnet, die der antiken Stadt traditionell „ihre Spezifität und kulturelle Vitalität verliehen“ (vgl. Bookchin 1974: 105). Ab dem 20. Jahrhundert tauchten neue Begriffe auf, um die neu entstehenden hybriden Räume besser zu beschreiben, und viele weitere Begriffe wie suburban, peri-urban, urban fringe, borderlands, Thomas Sieverts Zwischenstadt, Charles Galpin rurban und Matthias Horx Progressive Provinz sind seitdem entstanden, um die räumliche Verwischung eines traditionell binären Verhältnisses zu thematisieren (Carlow 2016: 65). Weiterhin finden sich zahlreiche Begrifflichkeiten, die versuchen, die Transformationsprozesse zu definieren: Brian Berry Counterurbanisation (1982), Patrick Geddes Conurbation (1919), Sprawl oder noch Periurbanisierung. In den letzten 20 Jahren gab es auch eine Ausweitung der Terminologien, die

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darauf abzielen, die Beschaffenheit der verschiedenen Stadttypen zu beschreiben. Stadt ist nicht gleich Stadt: Ian Douglas Nairn, Subtopia (1955), William Mitchell E-Topia (1999), Exurbia, Spread City, Paul Virilio Virtual Metacity [116], Privatopia, Edge Cities, Walled Cities, Monopolville, Francoise Ascher Metapolis (1995), Manuell Castells Dual City und Informational City (1995), Edward Soja Postmetropolis und Charles Landry Creative City (1995). Heute gibt es einen weitverbreiteten Konsens darüber, dass die Unterscheidung zwischen Stadt und Land verschwindet, während soziale Praktiken, zumindest im europäischen Kontext, weiter zu einer „Verwischung der konventionellen Grenzen zwischen Land und Stadt“ beitragen (Clocke 2006: 18; Carlow 2016: 45).

den urbanen Zentren entstehen. Wo endet die Stadt? Endet sie dort, wo die Gebäude enden? Die Stadt erstreckt sich bis zu dem Punkt, an dem ihre Entsorgungs- und Gewinnungsaktivitäten enden. „[Heute] die ganze Gesellschaft ist urbanisiert. Stadt und Land sind keine gesellschaftlichen Gegensätze, sondern ein Mehr oder Weniger vom Gleichen“ (Siebel 2015: 17).

352 Überall. Während es in der Vergangenheit leicht war, die Stadt von

dem anders organisierten Territorium zu unterscheiden, haben wir heute das Gefühl, dass der Unterschied zwischen einem innen und einem außen der Stadt schwieriger wahrnehmbar geworden ist (vgl. Benevolo 2011: 1). Mit der fortschreitenden Industrialisierung, Modernisierung und Urbanisierung der letzten 100 Jahren hat sich das Stadt-Land-Verhältnis und dessen Diskurs wesentlich verändert. Das vor allem von Romantikern, Lebensreformern und Kulturpessimisten im 19. Jahrhundert idealisierte Bild des Landlebens hat zwar die realen Zusammenhänge verschleiert, doch waren damals durchaus tiefgreifende Differenzen der Lebensstile zwischen Stadt und Land gegeben. Dies ist heute nicht mehr der Fall. Das Land ist zur Stadt geworden. Es gibt keinen fundamentalen Gegensatz mehr zwischen den Lebensformen auf dem Land und in der Stadt. „Das Land ist nicht mehr lokal organisiert, autark [322] und selbstbestimmt, sondern umfassend in überregionale und globale Netzwerke einbezogen. Produktion und Arbeit sind nicht mehr ganzheitlich, sondern hochgradig arbeitsteilig und sequenziert, Haushaltsformen und Konsum haben sich dem urbanen Lebensstil angeglichen, ebenso wie die Verfügbarkeit von Technik und Information“ (Langner und Frölich-Kulik 2018: 248). Menschen wollen überall sein. Sie waren aufgebrochen, um das Land zu finden und den Unannehmlichkeiten der Stadt zu entkommen. Jetzt kommen sie zurück, weil es das Land nicht mehr gibt und sie die Vorteile der Stadt wieder haben möchten (Chermayeff und Alexander 1968: 79). „Die Verflechtung von Stadt und Land ist stets im Wandel und erzeugt einzigartige Effekte“ (Benevolo 2011: 7–8). Aktuelle Phänomene wie der Regionalismus sind ein Beleg dafür. Dies kehrt eine jahrhundertelange Beziehung um, die darauf basierte, dass das Land die Stadt wirtschaftlich unterstützt: Hier ist es die Stadt, die das Land subventioniert (ebd. 2011: 7). Soziokulturelle Veränderungen, demografischer Wandel und technische Innovationen verändern nicht nur die Bedürfnisse der Gesellschaft, sondern auch als Resultat die gebaute Umwelt. Die daraus entstehenden Herausforderungen und Aufgaben stellen sich unumgänglich nicht nur für den urbanen, sondern auch für den ländlichen Raum grundsätzlich zur Diskussion (Langner und Frölich-Kulik 2018: 135). Das Land [...] ist tatsächlich ein Teil der Stadt, seine Kartierung, räumliche Anordnung und Aktivitäten der Extraktion sind alle als Reaktion auf wirtschaftliche Anforderungen programmiert, die in

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03.06

Konflikt, Lösungen

360 Folge. Die technologische Entwicklung in den späten 1800er-Jah-

ren beschleunigte das Tempo der städtischen Transformation erheblich, was die Vorstadtflucht stimulierte und die großstädtische Überlastung, die sie verursacht hatte, noch verschlimmerte. Wohnungsmangel und schlechte Hygiene waren die ersten Folgen des unkontrollierten Wachstums vieler europäischer Städte. Die Städte wuchsen zu schnell im Vergleich zu der Infrastruktur, auf der sie gebaut wurden. In dieser Zeit entstehen Interpretationen und Vorschläge für neue Modelle, die auf eine offene Kritik an den immer weiter wachsenden urbanen Zentren abzielten und den daraus resultierenden direkten Vorschlag zu alternativen Entwürfen und Lösungen veredeln, die auch die umliegenden Territorien mit einbeziehen. Stadt und Land beginnen als zu einem Ganzen gehörende Einheit theoretisiert zu werden, als räumlich nicht getrennte und untrennbare Territorien.

361 Landwirtschaft, Industrie und Handwerk. Der russische Zoologe,

Geograph, Theoretiker des Anarchismus und führende Philosoph der russischen und internationalen vorrevolutionären Zeit Pjotr Kropotkin bot 1899 in seinem Buch Landwirtschaft, Industrie und Handwerk einen ersten weitsichtigen Beitrag. Er erkannte, dass die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Kommunikationsmittel und der Elektrizität zusammen mit den Möglichkeiten der intensiven und biodynamischen Landwirtschaft die Grundlagen für eine dezentralere städtische Entwicklung schaffen könnten. Er förderte die Bildung kleiner Gemeinschaften, die auf direktem menschlichen Kontakt basieren und sowohl mit den Vorteilen der Stadt als auch mit denen des Landes ausgestattet worden wären. Kropotkin erkannte, dass die neuen Transport- und Kommunikationsmittel zusammen mit der Möglichkeit, Elektrizität über ein Netz zu übertragen, die kleine Gemeinde in Bezug auf die Verfügbarkeit lebenswichtiger technischer Geräte auf eine Stufe mit der überfüllten Großstadt stellten. Die Polarisierung Stadt-Land, die sich nach der ersten industriellen Revolution verschärft hatte, konnte nun aufgelöst werden. Der technologische Fortschritt hätte erlauben können, die traditionelle klare Trennung zwischen Land und Stadt, zwischen Arbeitern auf dem Feld und Arbeitern in der Industrie, abzulösen (vgl. Mumford 1961: 637).

362 Diagnose. Der technologische Fortschritt, der im Laufe der Jahr-

hunderte die Akkumulation von immer mehr Ressourcen aus den Naturräumen in die Stadt hinein ermöglichte, könnte auch in umgekehrter Weise genutzt werden. Die Technologie, so erkannte Kropotkin, konnte demokratisiert werden und damit auch die so-

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ziale Spaltung verringern, die sich durch den Stadt-Land-Konflikt mehr und mehr aufgetan hatte. Kropotkin erkannte diese Implikationen, bevor das Radio, das Automobil, das Kino, das Fernsehen und das Telefon als Kommunikationsmittel für alle erfunden wurden, aber jede dieser Erfindungen bestätigte die Richtigkeit seiner Diagnose und brachte den zentralen Metropolen und den kleinen Gemeinden, die einst völlig von den Ersteren abhängig waren, gleichermaßen Vorteil (vgl. ebd. 1961: 637–638). Er versuchte daher, das hierarchische Verhältnis und die enge Abhängigkeit, die seit dem Fall der mittelalterlichen Mauern entstanden waren, aufzuheben. Dieses hierarchische Verhältnis setzte den Prozess der Zentralisierung der großen Städte in Gang und unterbrach das empfindliche Gleichgewicht zwischen Stadt und Land, das über Jahrhunderte bestanden hatte. Seine Lehre und Theorien, die heute absolut modern sind, beeinflussten viele Utopisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, darunter Thomas Spence, James Silk Buckingham, aber vor allem Ebenezer Howard, der seine eigenen Ideen weiterentwickelte. 363 Die Gartenstadt. Ebenezer Howard - der auch stark von den sozialistischen Ideen von Robert Owen in England und Charles Fourier in Frankreich [N11] und insbesondere von Edward Bellamys 1888 erschienenem Roman „Looking backward“ beeinflusst wurde - verstand, dass die Expansion der Großstadt ein typisches Phänomen der Selbstzerstörung war, da mit jedem Bevölkerungszuwachs eine größere Verkehrsüberlastung und eine schlechtere Erreichbarkeit ihrer zentralen Einrichtungen einhergehen. Er glaubte daher wie Kropotkin, dass es an der Zeit sei, ein neues Entwicklungsmuster zu schaffen, das mithilfe moderner technischer Einrichtungen die immer größer werdende Kluft zwischen dem wirtschaftlich und sozial rückständigen Land und der naturräumlich und biologisch unterlegenen Stadt überbrücken sollte. Mit diesem neuen Schema sollte die latente Apoplexie (Mumford, 1961) des städtischen Zentrums und die Paralyse seiner Peripherie geheilt werden. Howard verstand, dass es zur Beseitigung der Überlastung nicht notwendig war, die Wohngebiete der Stadt zu erweitern, sondern ihre Funktionen zu dezentralisieren [410], nämlich mit dem Ziel eine stabile Vereinigung von Stadt und Land zu schaffen. Es war ihm klar, dass räumliche Grenzen festgelegt werden mussten.

Alte Muster, menschliches Maß. In Garden Cities of To-Morrow - 364 1898 - führte Howard das altgriechische Konzept der natürlichen Wachstumsgrenze eines jeden Organismus und jeder Organisation wieder ein und gab dem Bild der Stadt wieder menschliche Maße [420]. Der menschliche Maßstab erhält wieder seine Bedeutung. Um dieses Ziel zu erreichen, übernahm er von den Griechen auch das Prinzip der Kolonisierung [431] durch Gemeinschaften, die von vornherein für alle wesentlichen städtischen Funktionen ausgerüstet waren. Der Überlastung der großen Metropole mit ihrer industriellen Verschmutzung und den langen Wegen zum Arbeitsplatz setzte er eine organischere Stadt entgegen, die durch die Zahl der Einwohner, die Dichte der Bebauung und die Fläche begrenzt

[N11] Aufhebung des Gegensatzes Die bürgerliche Lösung der Wohnungsfrage ist also eingestandenermaßen gescheitert - gescheitert an dem Gegensatz von Stadt und Land. Und hier sind wir an dem Kernpunkt der Frage angelangt. Die Wohnungsfrage ist erst dann zu lösen, wenn die Gesellschaft weit genug umgewälzt ist, um die Aufhebung des von der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft auf die Spitze getriebenen Gegensatzes von Stadt und Land in Angriff zu nehmen. Die kapitalistische Gesellschaft, weit entfernt, diesen Gegensatz aufheben zu können, muss ihn im Gegenteil täglich mehr verschärfen. Dagegen haben schon die ersten modernen utopistischen Sozialisten, Owen und Fourier, dies richtig erkannt. In ihren Mustergebäuden existiert der Gegensatz von Stadt und Land nicht mehr (Marx und Engels 1976: 243).

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ist. Sie wäre so organisiert, dass sie alle wesentlichen Funktionen einer städtischen Gemeinschaft erfüllt - Handel, Industrie, Verwaltung, Bildung - und auch mit öffentlichen Parks und Gärten ausgestattet wäre. Aber die große Innovation der Gartenstädte war eine andere. Um diese Verschmelzung von Stadt und Land zu erreichen und umzusetzen, umgab Howard seine neue Stadt mit einem permanenten landwirtschaftlichen Gürtel. Diese zweidimensionale horizontale Mauer würde nicht nur dazu dienen, die Nähe zur ländlichen Umgebung zu bewahren, sondern auch verhindern, dass andere städtische Agglomerationen mit der ursprünglichen verschmelzen. Außerdem hätte diese grüne Mauer, wie die alten mittelalterlichen Mauern das Gefühl der Einheit im Inneren betont. Howard erkannte die Bedeutung der geografischen Begrenzung des Stadtkerns und wie sehr seine internen Funktionen davon abhingen. Tatsächlich wandte er auf die Stadt dieselben im Wesentlichen biologischen Kriterien des dynamischen und organischen Gleichgewichts an, sowohl zwischen der Stadt und dem Land in einem weiteren ökologischen Kontext als auch zwischen den verschiedenen städtischen Funktionen. Die Gartenstadt setzt wieder Grenzen auf. Dieses Gleichgewicht würde vor allem durch die Steuerung der Stadtentwicklung, durch eine Begrenzung der Fläche, der Bevölkerung und der Besiedlungsdichte und schließlich durch die Methode der Reproduktion [511]- also der Kolonisation [431, 511] - erreicht werden. In der Tat, wenn die Gemeinschaft durch übermäßige Expansion bedroht wäre, würde die Stadt nur einen Verfall ihrer Funktionen erleben. Damit die Stadt weiterhin lebenswichtige Funktionen für ihre Bewohner erfüllen konnte, musste sie die gleiche Selbstkontrolle ausüben wie jeder natürliche Organismus (vgl. ebd. 1961: 639). [N12] Letchworth, Welwyn & Singapur Die Einwohnerzahl von Letchworth liegt heute bei 33.000, während Welwyn heute 43.000 Einwohnern hat. Seine Basisphilsophie eines durchgeplanten „Stadt und Land-Gemeinwesen“ ist bis heute aktuell geblieben. Sie hat ihre Spuren hinterlassen – nicht nur in den zahlreichen Varianten von Gartenstädten, die seither auf der ganzen Welt aus dem Boden geschossen sind, sondern auch im Planungskonzept für die Vorortentwicklung fast jeder Großstadt. Ein interessanter Sonderfall ist Singapur. Diese Stadt ist zwar zu einem großen globalen Finanzzentrum mit mehr als fünf Millionen Einwohnern herangewachsen […], doch ver-

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schen Begrenzung [420] und kontrollierten Entwicklung. Er ging von der Analyse der lebenswichtigen menschlichen Funktionen in Bezug auf die städtische und ländliche Umgebung aus (vgl. Mumford 1961: 638–642). Hierdurch wurden gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die Grundlagen für alternative und hybride Konfigurationen gelegt, die zur Theoretisierung von dezentralen und polyzentrischen Modellen führten. Sie kamen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mit vereinzelten Dezentralisierungstendenzen wieder in Mode und werden ihr Vorbild in ausgereifter Form in der sogenannten 15-Minuten-Stadt [621] finden.

söhnt sie damit, dass sie in großen Stil an dem Traum, eine Gartenstadt zu sein, festgehalten hat. Sie verdankt dies in erster Linie Lee Kuan Yew, dem ebenso visionären wie autoritären ersten Premierminister des Stadtstaates Singapur. Er war 1967 so weitsichtig zu fordern, Singapur solle sich trotz seines unabänderlich beengten Raumes als „Großstadt in einem garten“ mit reichlich Vegetation, offenen Grünflächen und einem Hauch tropischer Üppigkeit entwickeln. Die „grüne“ Atmosphäre ist deutlich spürbar (vgl. West 2019: 391).

365 Geplante Streuung. Im Gegensatz zu jenen, die aus der Metropole

flohen, unterschätzte Howard die Vorzüge der Stadt nicht (vgl. ebd. 1961: 640). Er war der Meinung, dass die Industrie ein integraler Bestandteil der Stadt sein sollte und dass Fabriken und Werkstätten - mit Ausnahme von chemischen Fabriken, Hochöfen und Kohlebergwerken - in einer angemessen kurzen Entfernung von den verschiedenen Wohnungen angesiedelt werden sollten. Nach seiner Sicht, mit einer Bevölkerung von 32.000 Menschen, davon zweitausend im landwirtschaftlichen Gürtel, würde die neue Stadt in der Lage sein, eine Reihe von Initiativen, eine zusammengesetzte und vielfältig beschäftigte Bevölkerung und ein blühendes soziales Leben zu verwirklichen. Er ersetzte die Agglomeration durch eine geplante Streuung, eine monopolistische Konzentration durch die Dezentralisierung und die Desorganisation durch eine übergeordnete Art der Einheit. Der Bau der ersten Gartenstadt, Letchworth, wurde 1904 begonnen. Eine halbe Generation später wurde ein zweite, Welwyn [N12], in Auftrag gegeben, und diese Initiativen leiteten die Bewegung für städtische Integration ein, die jetzt in vollem Gange ist (vgl. ebd. 1961, p. 641).

366 Kontroll. Die große Innovation von Howard bestand darin, die

bereits vorhandenen städtischen Organe in einen geordneteren Zusammenhang zu bringen, basierend auf dem Prinzip der organi-

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03.07

Weitere Visionen, andere Utopien 370 Modelle. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat es eine hohe Anzahl

auf dezentralisierten Siedlungsmodellen gegeben, die sich dem zentralisierten Charakter der städtischen Zentren entgegenstellten und darauf abzielten, eine neue Art von Gemeinschaft zu schaffen, in der es möglich sein würde, die besten Aspekte des städtischen und ländlichen Lebens „in einer zukünftigen harmonischen Gesellschaft zu vereinen“ (Bookchin 1974: 18). Allerdings blieben diese Modelle oft in einem embryonalen Zustand und sind heute als Utopien in Erinnerung.

371 Narrationen. Die Literatur ist vor dem Entwurf von Utopien nicht

gefeit: Im Gegenteil, sie ist per Definition Förderer alternativer Modelle. Auch in Zeiten vor der industriellen Revolution lassen sich Spuren von Visionen finden, wenn auch auf der Grundlage anderer Kriterien und Paradigmen. Erzählungen mit imaginären Städten [X20-22] entstanden in historischen Perioden des Wachstums und der Spannung in den westlichen Städten. Platons Atlantis erschien in den Mittelmeerstädten der Antike in der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr.. Thomas Moores Utopia (1516), Campanellas Stadt der Sonne (1602) und Francis Bacons Neu-Atlantis (1624) wurden im Kontext der mächtigen Handelsstädte der Renaissance erdacht. Narrative Spuren finden sich in dem utopischen Werk von William Morris - News from Nowhere. Geschrieben im Jahr 1890, beschreibt es ein zukünftiges London, bestehend aus Dörfern, die verstreut in der sanften Landschaft an den Ufern der Themse liegen.

372 Disurbanisierung. Das Echo dieser dezentralisierten Modelle geht

über die nationalen Grenzen hinaus und beginnend in den frühen 1900er-Jahren hüpft es von Kontinent zu Kontinent. Die Sowjetunion erlebte die Erfahrung des Disurbanismus, der von Michail Ochitowitsch und Moisej Girzburg theoretisiert wurde, wo die Dezentralisierung durch politische und städtische Bedürfnisse gefördert wurde. Die Essenz des Disurbanismus war die Idee, dass Städte Symbole der kapitalistischen Ausbeutung der Arbeit sind. Laut Ochitowitsch und Girzburg kann die vollständige Befreiung der Menschheit von der Kette der Ungleichheit nicht erreicht werden, ohne die Antithese zwischen Stadt und Land zu beseitigen.

373 Andere Modelle. In Amerika (Chicago) warb der Deutschamerika-

ner Ludwig Hilberseimer für sein Werk The Decentralized City: „Die dezentralisierte Stadt würde die Vorzüge einer Kleinstadt mit denen einer Metropole verbinden [...] Mit ihren Parks und Gärten kann sie sich in die Landschaft einfügen“. (Hilberseimer, 1949).

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In denselben Jahren erblickten seine visionären Theorien in Deutschland das Licht. Er förderte ebenfalls eine dezentralisierte Vision der Stadt zugunsten einer territorialen Konfiguration, in der die bewohnten Räume und die der Landwirtschaft und Freizeit gewidmeten Räume zu einem homogenen Gefüge verschmelzen. Ab 1929 entwickelte Hilberseimer am Bauhaus städtebauliche Studien zur dezentralen Konzentration von Großstädten. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs der Weimarer Republik entwickelte er ein universelles und global adaptierbares Planungssystem (The New City, 1944), das eine schrittweise Auflösung der Städte und eine völlige Durchdringung von Landschaft und Besiedlung vorsah. Hilberseimer sah in der Elektrizität den eigentlichen Treiber der Dezentralisierung: „Erst mit der Entwicklung der elektrischen Energie ist eine echte Dezentralisierung möglich geworden [...] Kleine Siedlungen können nun überall errichtet und neue Gemeinschaften mit relativer Unabhängigkeit gebildet werden (vgl. Hilberseimer 1955: 114). Frank Loyd Wrights Broadacre City (1932) wird großen Anklang finden. In Italien schlug 1970 das Mitglied der Gruppe Superstudio, Andrea Branzi, Agronica vor. Die Visionen von Wright, Hilberseimer und den Disurbanisten stellten die Mobilität und die Infrastruktur-Entwicklung in den Mittelpunkt ihrer Visionen. Voraussetzung für ihre Verwirklichung war tatsächlich eine weitverbreitete und für alle zugängliche Mobilität. Nur eine hoch entwickelte Mobilität und ein flächendeckendes Kommunikationssystem hätten die Umsetzung ihrer vorgeschlagenen Modelle zustande gebracht. 374 Ghandi. Später, in Indien, wird auch Mahatma Ghandi ein System von autonomen Dörfern fördern, die sich durch Autonomie und Trennung von den städtischen Zentren auszeichnen. „Die radikal-ökologische Hypothese, die auf einer starken Kritik am industriellen Mythos des unbegrenzten Wachstums beruht, strebt den Übergang der Marktwirtschaft zur Subsistenz an und erkennt in der lokalen Gemeinschaft die Möglichkeit der Autopoiesis, der Selbstverwaltung, der Regeneration [...] Die Mikro-Territorialität, das Dorf und das polyzentrische Siedlungsmodell werden das Gegenmittel zur Megalopolis, dem ökologischen Parasiten, der die Ressourcen verschlingt und die Sozialität hemmt“ (Agostini 2015: 19). Mumford selbst war ein hartnäckiger Verfechter des polyzentrischen Systems. Das Ghandsche Modell autonomer, miteinander verbundener und voneinander abhängiger Dorfgemeinschaften wird mit dem polyzentrischen Modell kombiniert, das Lewis Mumford als Alternative zur Zivilisation der Megamaschine [630, 631, 723] befürwortete und das heute von vielen als Lösung für die Zersiedelung durch die Neukonfiguration der Metropole angegeben wird. Die Vorteile einer solchen Neukonfiguration sind unzweifelhaft. „In der Tat reduziert eine Föderation von kleinen bis mittelgroßen Zentren den durch die großen metropolitanen Bewegungen verursachten Energieverbrauch; die Nähe der politischen Ganglien erhöht die Beteiligung der Bürger; die Begrenzung der urbanisierten Front begünstigt die Osmose zwischen Stadt und Land.

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Die Verlagerung auf dem Territorium der multiplen Zentralität entzieht den „großen strukturellen Achsen“ ihre Bedeutung und verteilt die wirtschaftliche und politische Macht, die sich entlang dieser Linien konzentriert“ (Agostini 2015: 135). Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wurde daher die Frage einer räumlichen Umverteilung zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Teilen des Globus aufgegriffen. Die Lösung des Stadt-Land-Konflikts hätte die Spannungen und die sozialen Divergenzen der Territorien gemildert, „denn wie Francoise Choay erinnert, sind es die Arten, wie der Raum strukturiert ist, die die Lebensweisen und die sozialen Beziehungen bestimmen, die in ihm praktiziert werden“ (Agostini 2015: 20). Man sollte des Weiteren nicht vergessen, wenn man die Dinge in einer längeren Perspektive - oder in einem größeren Maßstab - betrachtet, dass die Dezentralisierung auch zu einem Rückgang des Bewegungsbedarfs führen sollte (vgl. Goldsmith und Allen 1972: 72).

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Polyzentrismus: ein Kontrollapparat Korrektur. Um die Defekte unserer übermäßig mechanisierten ­Zivilisation zu korrigieren, müssten wir, so schlug Lewis Mumford vor, „ein ­polyzentrisches Kontrollsystem schaffen, das über ­genügend Kraft, Moral, Intelligenz und Würde verfügt, um die a­ utomatischen Prozesse - mechanisch, bürokratisch, ­organisatorisch - a­ nzuhalten, wann immer menschliches Leben in Gefahr ist oder die m ­ enschliche Individualität durch eine Verringerung der Werte oder Entscheidungsmöglichkeiten bedroht ist“ (Mumford 1961: 686).

400

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04.01

Dezentralisierung

410 Gegebenheiten. Mit der Entstehung der Kybernetik (Wiener)

wurden Dezentralisierung und Selbstorganisation nicht nur zum Prinzip der Systemtheorie, sondern auch zu einem Grundsatz des Systemdesigns und der Systemtechnik (vgl. Zhexi Zhang 2018). Von Dezentralisierung ist heute häufig die Rede, aber sie ist ein immerwährendes Phänomen. In den meisten Gesellschaften gab es einen erheblichen Grad an Dezentralisierung. Dies war jedoch nicht das Produkt eines präzisen und geplanten kognitiven Prozesses, sondern die Folge von natürlichen Gegebenheiten, die zu einem delikaten Gleichgewicht führten. Dieses Gleichgewicht konnte nicht aufgelöst werden, solange es keine technologische Entwicklung gab, die dies ermöglichte.

411 Knoten. Das Mittelalter liefert ein eindrucksvolles Beispiel für

Dezentralisierung. In jedem Lebensbereich, von der Politik über die Bildung bis zur Wirtschaft gab es im mittelalterlichen Europa mehrere Zentren und verteilte Autorität (vgl. Van Boom 2019). Anstelle einer einzigen organisierenden Macht agierten die mittelalterliche Kultur und Wirtschaft durch flexible Netzwerke, die über Städte und Gemeinden auf dem ganzen Kontinent verteilt waren. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches im Westen gab es in Europa eine Vielzahl von Königreichen, Stadtstaaten, städtischen Gemeinden, Herzogtümern, Fürstentümern und anderen lokalen und regionalen Gerichtsbarkeiten (vgl. ebd. 2019). Jedes System war hier lokal oder regional: Die sozialen und wirtschaftlichen Knoten waren auf die gesamte europäische Oberfläche verteilt, obwohl Zentren mit größerer Gewichtung und größerem Einfluss immer noch präsent waren. Eine heterogene räumliche Verteilung, so ungeordnet, wie sie auch war, war daher die erste Voraussetzung, um einen kontinuierlichen Materialfluss zwischen Stadt und Land sowie zwischen Land und bebauten Gebieten zu ermöglichen. Um den Austausch zwischen ländlichen und städtischen Produzenten effektiv zu gestalten und das Land mit der Stadt zu verbinden, mussten die Städte so gelegen und verteilt werden, dass die um sie herum lebenden Landbewohner in einem Tag in die Stadt und wieder nach Hause fahren konnten. Der Tag und seine Zeitdauer waren die Maßeinheit, anhand derer die optimalen Entfernungen zwischen den Städten berechnet wurden. Dies erforderte die Entwicklung einer neuen Siedlungsstruktur. Es entstand ein wohlproportioniertes Muster von Dörfern, Städten und Ortschaften (vgl. Hilberseimer 1955: 90). Die Größe jeder Siedlung wurde durch ihre Funktion, die verfügbaren Ressourcen und die Reisedistanz zwischen ihr und ihren Nachbarn bestimmt. Trotz der großen Unterschiede zwischen städtischem

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und ländlichem Leben und der wirtschaftlichen und politischen Diskrepanzen wurde ein Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsum sowie zwischen städtischen und ländlichen Gemeinden hergestellt (vgl. ebd. 1955: 90). Das Land verfügte keineswegs über die gleichen Rechte wie die Stadt. Im Mittelalter war die Differenz zwischen Stadt und Land nirgendwo so ausgeprägt wie in Europa (vgl. Kaelbe 2001; Siebel 2010: 16): „Marktwirtschaft und stadtbürgerliche Selbstverwaltung in der Stadt, Selbstversorgungswirtschaft und Feudalismus auf dem Lande“ (Siebel 2015: 16). Doch die urbanen Zentren, das Land und ihre Beziehung zueinander waren organisch geordnet: Geografie, Topografie, Klima und Bodenverhältnisse, verfügbare Ressourcen waren Faktoren, die die Siedlungsstruktur beeinflussten. Unter dem Einfluss dieser Faktoren und der wirtschaftlichen Kräfte, wurden die Städte tendenziell klein gehalten (vgl. Hilberseimer 1955: 90–91). 412 Aufschwung. Kein Herrscher oder bürokratisches Ministerium konnte eine einheitliche Lebensweise oder einen Handelskodex durchsetzen. Die Königreiche England und Frankreich bildeten die mächtigsten Monarchien (vgl. Van Boom 2019). Doch nirgendwo gab es einen Staat im modernen Sinne, mit einer zentralisierten Bürokratie, einem Machtmonopol und einheitlichen Gesetzen. Ab etwa dem Jahr 1000 stiegen Bevölkerungszahl und Produktivität dramatisch an und erlebten einen Aufschwung, der über 300 Jahre lang anhielt. Bauern und Adelige begannen ihre landwirtschaftlichen Überschüsse zu verkaufen. Hunderte von neuen Städten und Marktstädten entstanden in Deutschland, England, Frankreich, den Niederlanden, Polen, Ungarn, Skandinavien und den meisten Regionen Europas. Italien hatte seine Städte nie verloren, aber diese expandierten und wuchsen aus den Ruinen des Römischen Reiches. Der Handel trieb diese neue Urbanisierung an. Handwerker, Händler, Schiffer und Bankiers verbanden die neuen Bevölkerungszentren durch Kommunikations- und Produktionsnetzwerke. London exportierte Wolle an die Textilfabriken in Antwerpen und Rotterdam. Die großen Städte der Hanse wie Hamburg, Bremen, Lübeck, Bergen, Stockholm, Riga und Tallinn dominierten die Wirtschaft Nordeuropas. Venedig, Mailand, Florenz, Genua und Padua wurden durch Bankgeschäfte, Luxusgüter und internationalen Handel reich. Das französische Burgund, das deutsche Rheinland und die Schweizer Alpen profitierten von der Verbindung zwischen Süd- und Nordhandel (vgl. ebd. 2019).

Zentralisierung. Ab dem 19. Jahrhundert wurden diese Dimensionen vereint: Es entstand die absolute Monarchie, dann der Nationalstaat, die nach dem Römischen Reich die ersten zentralisierten und zentralisierenden Systeme darstellen. Alles im Staat wurde einer Kontrolle unterworfen. Mit der Entstehung der Nationalstaaten erlebte man die Zentralisierung der Macht, die Homogenisierung der Sprachen und Bräuche, die Vereinheitlichung der Dialekte, die Bildung von Nationalvölkern, die nationale Währung und den damit verbundenen Niedergang kleiner Zentren mit gesetzgeberischer und wirtschaftlicher Autonomie. Das politische System des Territorialstaates wurde mehr und mehr autokratisch.

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In Frankreich erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt; in England wurde sie durch das Parlament gebremst, das den Absolutismus in eine konstitutionelle Monarchie umwandelte. Der Nationalstaat brachte ein neues Konzept der politischen Ökonomie und bildete den Rahmen für die industrielle Revolution. Das Konzept einer freien und uneingeschränkten Wirtschaft entstand zuerst in England und wurde dort zur Perfektion gebracht. Um diese Zentralisierung auf nationaler Ebene herum entwickelte sich eine auf städtischer Ebene: Die Wirtschaft konzentrierte sich um die großen städtischen Zentren. Die erste industrielle Revolution beschleunigte diesen Prozess, verdichtete die Industrien um bewohnte Zentren herum und verschärfte den Stadt-Land-Konflikt. Es ist interessant, dass die nun viel größere Stadt nicht mehr befestigt war und es auch nie wieder sein würde. Die Stadt konnte sich demnach ungehindert entwickeln und zur Form der heutigen Metropole heranwachsen (vgl. Hilberseimer 1955: 99). Es ist zu beobachten, dass im 19. und 20. Jahrhundert alternative Konzepte entwickelt wurden, die darauf abzielten, die städtischen Zentren wieder zu dezentralisieren. Die Notwendigkeit, ein neues soziales System zu realisieren, basiert daher auf der Prämisse, ein neues räumliches System zu schaffen.

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Grenzen

04.02

Nichts zu viel. Hinsichtlich der bisher gesammelten und vorge420 stellten Informationen ist es zweckmäßig, einige Parallelen und Ähnlichkeiten zu ziehen. Organische Prozesse haben einen Zweck, ein Ziel und setzen sich selbst Grenzen; tatsächlich haben alle Organismen Kontrollorgane [400] , die dazu dienen, Aktionen zu koordinieren [722, 539.2] und ihr Wachstum zu begrenzen (vgl. Mumford 1961: 675). Im Laufe der Jahrtausende sind auch Städte entstanden und gewachsen (selten aber gestorben). Soziale Beziehungen können nicht über eine bestimmte Grenze hinausgehen und nicht zu viele Menschen zusammenhalten. Aristoteles argumentierte, dass eine Stadt nicht mehr Bürger enthalten kann als die Anzahl, die es jedem erlaubt, sich zumindest vom Sehen her zu kennen. Tatsächlich waren die griechischen Stadtstaaten, die einige selbstregulierende [351] Eigenschaften hatten, sehr klein; nur drei - Athen, Korinth und Syrakus - hatten mehr als 20.000 Einwohner (vgl. Goldsmith und Allen 1972: 135). Die geografische Struktur und Topografie Griechenlands bietet eine unendliche Vielfalt. Es gibt Flüsse und Täler, Berge und Wiesen. Es gibt Buchten und Meeresarme. Es gibt das Meer selbst mit seinen unzähligen Inseln. Kleine Flachländer sind isoliert und durch umliegende Berge geschützt, und so wird eine große Vielfalt an lokalen Entwicklungen möglich. In diesem Umfeld konnte sich kein großes Reich etablieren, aber es konnten kleine Königreiche und später Stadtstaaten entstehen, die voneinander unabhängig, aber durch eine gemeinsame Sprache und gemeinsame kulturelle Ziele verbunden waren. Der Charakter des Landes passte gut zu den Lebensvorstellungen der Griechen, mag sogar dazu beigetragen haben, ihre Vorliebe für kleine, unabhängige Gemeinschaften zu formen (vgl. Hilberseimer 1955: 33). Das einzige Gebot, dem die Griechen unterworfen waren, war, die Grenzen zu respektieren: „Nichts zu viel“ sagte eine Inschrift am Orakel von Delphi (Zoja, 2007, p. 16).Griechenland entwickelte keine großen Städte. Seine sich ständig verändernde Landschaft förderte durch ihre Entstehung die Schaffung und Aufrechterhaltung von Kleinstaaten, die nach dem menschlichen Maßstab [364, 420, 425] konzipiert waren und in denen sich die reichen Möglichkeiten des griechischen Geistes in größtmöglicher Vielfalt entfalten konnten. Die großen kulturellen Errungenschaften Griechenlands mögen zum Teil auf die physische Kleinheit ihrer Städte zurückzuführen sein. Die Kleinheit des Maßstabs [N13] hatte auch politische Implikationen. Sie ermöglichte es jedem Bürger, sich aktiv in das Leben seiner Stadt einzubringen (vgl. Hilberseimer 1955: 39). Die Polis wird bis zum II-Jahrhundert v. Chr. bestehen, danach wird sie untergehen und dem Römischen Reich Platz machen.

[N13] Kleinheit und Schönheit Für die Griechen ist Schönheit vor allem als Harmonie in der Einhaltung der Proportionen verstanden, die die Teile eines Ganzen verbinden. In der Architektur wurde erstmals der menschliche Maßstab eingeführt: Die Maße von ­Gebäuden und Tempeln wurden in Bezug auf die m ­ enschliche Körpergröße berechnet (vgl. Zoja 2007: 17)

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421 Stadtgründung. Die größte Errungenschaft der römischen Zivilisa-

tion war die Gründung von Städten. Sie entstanden überall in dem riesigen Reich und dienten als Verwaltungs- und Marktzentren, als Vorposten der römischen Zivilisation und als Kräfte, die die weit verstreute römische Welt zusammenhielten. Die vom Römischen Reich eingeleitete Kolonisation zielte auf eine kontinuierliche Suche nach Ressourcen, Rohstoffen und landwirtschaftlichen Flächen, die ein immer größeres Territorium und eine immer größere Bevölkerung versorgen konnten. Kolonisation war nur in einem expandierenden Reich möglich, und Rom war lange Zeit gezwungen, zu seinem eigenen Schutz eine expansionistische Politik zu betreiben. Es kam jedoch die Zeit, in der die Expansion an eine Grenze stieß, in der sie von den Barbaren gebremst wurde, die selbst das Bedürfnis nach neuem Land habend, aggressiven Krieg gegen das Imperium führten (vgl. Hilberseimer 1955: 78).

422 Räumliche Grenze, technologische Grenze. Obwohl Getreide die

Energiegrundlage für das städtische Leben liefern konnte, setzte der Getreideanbau bis zum Ende des 18. Jahrhunderts der Bevölkerung und der physischen Größe der Stadt selbst ziemlich enge Grenzen, da die traditionelle Landwirtschaft nicht genügend Überschüsse produzieren konnte, um eine große städtische Bevölkerung zu versorgen, die selbst keine Lebensmittel produzierte. Außerdem verhinderte die Abhängigkeit vom Land für Energie, d. h. Nahrung, dass die Städte große Flächen in Anspruch nahmen, wie es heute geschieht, eben weil die Gefahr bestand, ihre eigenen Nahrungsressourcen zu zerstören. Die Stadtmauern, die antike und mittelalterliche Städte umgaben, hatten einen Nutzen, der über den einfachen Schutz vor Invasionen hinausging: Sie stellten sicher, dass die Stadt nicht über die Grenzen der Tragfähigkeit der umgebenden Energieumgebung hinauswuchs (vgl. Rifkin 2005: 190). Es gab technologische Grenzen.“Antike Städte konnten sich nicht auf Lebensmittel aus der Ferne verlassen. Bis zum Beginn des Zeitalters der fossilen Brennstoffe beruhte der Großteil des Transports auf menschlicher oder tierischer Traktion, und so waren die Energieressourcen der Gesellschaft durch die Geschwindigkeit des Transports und die Entfernung, über die Nahrungsmittel noch beschafft werden konnten, begrenzt“ (ebd.: 190). Bis um 1800 waren die Einschränkungen des lokalen und regionalen Verkehrs eine natürliche Beschränkung für die unkontrollierte Entwicklung der Städte. Selbst die großen Zentren der Vergangenheit - Alexandria, Antiochia, Babylon - waren gezwungen, sich daran zu halten.

423 Physikalischen Grenzen. Heute hingegen bestehen die rein physi-

kalischen Grenzen der Metropolenexpansion vor allem aus drei Faktoren: der Wassermenge, die einer Bevölkerungsmasse entnommen werden kann, ohne in die Reserven eines konkurrierenden Nachbarn einzudringen; der Menge an verfügbarem Land, ohne dass eine Metropole mit der nächstgelegenen verschmilzt; und schließlich den Kosten für den Transport in Form von Zeit und Geld, da mit zunehmender Entfernung vom Zentrum ein Punkt erreicht wird, an dem die Anziehungskraft der Metropole so sehr abnimmt, dass ein Transport zu besser erreichbaren Zentren

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nahe liegt, sofern diese ähnliche wirtschaftliche Vorteile bieten können (vgl. Mumford 1961: 678–679). Das Aufbrechen dieser quantitativen und physikalischen Grenzen markiert den Übergang von einem organischen System zu einem mechanischen System und von einer kontrollierten Entwicklung zu einer unkontrollierten Expansion. Die Stadt scheint mit einer eigenen Elastizität ausgestattet zu sein und kann sich ohne Probleme ausdehnen, wenn die darin lebende Bevölkerung dies erfordert. Die Grenzen können kontinuierlich verschoben werden. „Im 4. Jahrhundert v. Chr. definierte Platon die Grenzen der Größe einer Stadt als die Anzahl der Menschen, die die Stimme eines einzelnen Redners hören konnten. Heute definieren diese Grenzen nicht eine Stadt, sondern eine Zivilisation“ (Mumford 1934: 241). 424 Stammesgesellschaften und Domestizierung der Welt. Die neolithische Revolution markiert einen Epochenwechsel. Sie revolutionierte die Menschheit über mehrere Jahrtausende hinweg bis zum Aufkommen der industriellen Revolution. Nach Millionen von Jahren der Integration des Menschen in die Natur ändert sich plötzlich alles und der Mensch setzt sich in gewisser Weise in Widerspruch zur Natur. Daraus entstand vor 10.000 Jahren jener Prozess der Umweltzerstörung, der Domestizierung der Welt [350, 640] , der zu dem Problem des Konflikts zwischen der menschlichen Spezies und dem Rest der Natur führte. Der Ökologe Forbes weist darauf hin, dass das Gleichgewicht, das die Stammesgesellschaften mit der sie umgebenden Natur aufrechterhalten konnten, nicht einfach darauf zurückzuführen ist, dass sie nicht über die technologischen Mittel verfügten, um sie zu unterwerfen, sondern weil sie die Ordnung der Natur als entscheidend und unantastbar betrachteten. Unsere Vorfahren weiterhin als erbärmlich zu betrachten, ist kurzsichtig und arrogant, weil sie in Wirklichkeit die einzigen bekannten Modelle für soziale Stabilität und ökologisches Gleichgewicht hervorgebracht haben. Vor der Entstehung städtischer Gemeinschaften gab es kaum soziale Netzwerkstrukturen in ihrer heutigen Form. Die Jäger und Sammler dachten viel weniger hierarchisch, viel egalitärer und gemeinschaftsorientierter als wir (vgl. West 2019: 442).

Lokal. 1972 wurde ein Text mit dem Titel A blueprint for Survival veröffentlicht, der von Edward Goldsmit unter Mitarbeit von Robert Allen verfasst wurde. Zu den von den Autoren vertretenen Thesen, die vor allem die Dezentralisierung als systemische Lösung des unkontrollierten Stadtwachstums propagieren, gehört, dass die einzige ökologische Ökonomie, die praktiziert werden kann, die lokale ist. Der Grund, warum es keine Anzeichen für Bodenerosion in traditionellen Produktionssystemen gibt, ist einfach: Die Gemeinden wissen, dass dies das einzige Land ist, das sie besitzen. Im Gegensatz dazu beuten Unternehmen, die für den Export produzieren, das Land maximal aus und ziehen dann woanders hin. Wenn sich ökologische Systeme weiterentwickeln, werden sie immer autonomer. Goldsmith greift eines der grundlegenden philosophischen Konzepte Mahatma Gandhis auf, nämlich Swadeshi, das per Definition „der Geist ist, der uns darauf

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beschränkt, unsere unmittelbare Umgebung unter Ausschluss unserer weiter entfernten Umgebung zu nutzen und zu verwenden“. Dieses Prinzip des Konsumierens und Produzierens nur um der Kurzfristigkeit willen wird durch die moderne Konzeption der wirtschaftlichen Entwicklung untergraben. Wenn Swadeshi nicht mehr stattfindet, dann wuchern die Waren jenseits der sozialen Kontrolle. In traditionellen Gesellschaften wurde der von sozialen Zwängen freie und vollständig in die Marktgesetze eingebettete Austausch nur auf Außenstehende angewandt. Denn der Markt, auf dem Waren zum niedrigstmöglichen Preis gekauft und zum höchstmöglichen Preis wieder verkauft werden, funktioniert nur, wenn keine langfristige persönliche Beziehung besteht. Man kann von Fremden Preise verlangen, die man von Verwandten nicht verlangen würde. Je mehr der Markt seine Reichweite ausdehnt und primäre Bedeutung erlangt, desto mehr wird er der sozialen und moralischen Kontrolle entzogen. In Indien konnten Hungersnöte unter Kontrolle gebracht werden, bis das Feudalsystem durch die Marktwirtschaft verdrängt wurde; später konnten die Spielregeln des Marktes nicht verhindern, dass Menschen verhungerten. Das Konzept der Skala ist dabei grundlegend. Gigantismen aller Art [X10-16] haben sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt, aber die Konstante, die das Verhalten und die sozialen Zyklen geregelt hat, ist der menschliche Maßstab [364, 420]. Sie ist ein Maß für das Ökosystem, in dem der Mensch die Lebensräume schafft, die ihn beherbergen (vgl. Ernst Schumacher 1973).

Wachstum Eine unbegrenzte Expansion ist an sich schon eine Begrenzung, ein Prozess der Selbstzerstörung, bei dem der Inhalt von der Form und die Realität vom Schein beherrscht werden. Murray Bookchin, 1974

04.03

Interaktionen. Städte haben etwas Organisches. Sie entwickeln 430 sich und wachsen infolge der Interaktionen von Menschen (vgl. West 2019: 411). Die meisten Organismen, uns eingeschlossen, wachsen schnell, wenn sie jung sind, dann immer langsamer, bis sie überhaupt nicht mehr wachsen und schließlich sterben. Die meisten Unternehmen haben eine ähnliche Geschichte; fast alle verschwinden irgendwann. Nicht so jedoch die meisten Städte […]. Wenn Städte eine Art von Superorganismen sind, warum stirbt dann nur selten eine? Sicher gibt es klassische Beispiele für untergegangene Städte, vor allem in der Antike. Aber das sind meistens Sonderfälle: Untergegangenen sind diese Städte infolge kriegerischer Auseinandersetzungen oder des zerstörerischen Umgangs mit ihrer unmittelbaren Umwelt (vgl. ebd. 2019: 30). Thomas Robert Malthus gilt als der Erste, der die Gefahr unbegrenzten exponentiellen Wachstums erkannt und sie auf die Begrenztheit der Ressourcen zurückführte (ebd. 2019: 249). In jüngerer Zeit seit 1960, ist das Bewusstsein gewachsen, dass menschliche Aktivitäten aufgrund der physikalischen Grenzen des Planeten Erde irreversible Veränderungen in der natürlichen Umwelt verursachen können (vgl. Nebbia 2016). 431 Kolonisierung. Wachstum, auch das demografische Wachstum, wurde im antiken Griechenland als etwas gesehen, das es zu vermeiden galt. Die Landschaftsmorphologie des hellenischen Territoriums ließ dies nicht zu. Da die Flächen der Anbaugebiete knapp waren, musste die gesamte Bevölkerung der Poleis mit ausreichend Nahrung versorgt werden: Das war die Priorität. Die hellenischen Städte waren aber von dem Problem des Bevölkerungswachstums nicht verschont geblieben. Sparta führte Eroberungspläne durch, um dieses Problem zu bewältigen und neue Anbauflächen zu finden. Athen versuchte, Produktion und Handel zu entwickeln. Die gängige Methode zur Verdrängung der überschüssigen Bevölkerung war jedoch die Kolonisierung [364, 511]. In einer Zeit, in der sich ihr Nahrungsmittelproblem durch eine Hungersnot verschärfte, nutzten die Thereaner beispielsweise das Losverfahren zur Auswahl der Kolonisten. Es wurden Lose gezogen, um zu bestimmen, welche auswandern mussten (vgl. Hilberseimer 1955: 55). Das hellenische dezentralisierte Muster bestand also aus Zentren, die dem internen Wachstumsprozess nicht unterworfen werden konnten. Es konnte sich nur durch Reproduktion [511] in weiteren, von den ursprünglichen Zentren getrennten und unabhängigen Einheiten vermehren.

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432 Überwindung. Das kaiserliche Rom wurde zu einer Weltstadt.

Aus allen Teilen des Reiches wanderten die Menschen nach Rom. Das bekannteste Attribut von Rom ist vielleicht das von offener Stadt. Eine große Wohnungsnot war eine Folge der Umwandlung des republikanischen Roms in das kaiserliche Rom. Dies ist eine charakteristische Entwicklung in allen Metropolen, aber in Rom wurde das Problem verschärft, da das verfügbare Land für riesige kaiserliche Gebäude angeeignet wurde. Es wurde noch verschärft, weil der Stadt Verkehrsmittel fehlten, die eine Expansion über die Peripherie des ohnehin schon riesigen Stadtgebiets hinaus ermöglicht hätten. Wohnhäuser wurden auf sechs oder acht Stockwerke aufgestockt, um Entlastung von der Überbevölkerung zu schaffen. Die Größe der einzelnen Wohnungen nahm ab. Straßen wurden verengt, um Platz für noch mehr Bebauung zu schaffen. Die Bodenspekulation verschärfte die Situation; die Mieten wurden unerträglich hoch. Juvenal, römischer Dichter des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr., konstatierte, dass man in Sora, Fabrateria oder Frusino ein Haus mit Garten für den Betrag kaufen konnte, den man für eine Jahresmiete in einer dunklen Wohnung in Rom bezahlt (vgl. Hilberseimer 1955: 70). Es war auch wahr, dass Rom sich nur erhalten konnte, indem es alles kolonisierte, was ihm im Weg stand. Ohne die riesige Reserve an Sklaven, die intensiven landwirtschaftlichen Techniken, die pharaonischen Aquäduktbauprogramme - die ­kontinuierliche Wasserversorgung ist die Grundlage jeder Stadtbildung - und vor allem ohne die kaiserliche Armee hätte Rom seine Bevölkerung wahrscheinlich nicht versorgen können. In gewissem Sinne musste die gesamte damals bekannte Welt ausgeraubt werden, um die natürlichen Grenzen zu überwinden, die durch die einzige natürliche Energiequelle gesetzt waren: die Kombination von Landwirtschaft und Sonnenenergie (vgl. Rifkin 2005: 190).

Ideen und zur Schaffung von Wohlstand beizutragen, innovatives Denken, Unternehmertum und kulturelle Aktivitäten zu fördern. Es sind die Städte, in denen sich die Zivilisation aufbaut. Das ist die magische Formel, die wir vor 10.000 Jahren entdeckt haben, als wir ohne es zu wollen, den Prozess der Urbanisierung in Gang setzten. Eine der unbeabsichtigten Folgen war und ist eine exponentiell wachsende Bevölkerung [N14], deren Lebensqualität- und standard im Durchschnitt ebenfalls gewachsen ist (vgl. West 2019: 387).

[N14] Wachstum Weltrekord Das vielleicht erstaunlichste und ehrgeizigste Urbanisierungsprogramm auf dem Planeten läuft in China, wo die Regierung im Eiltempo in den nächsten 20 bis 25 Jahren bis zu 300 neue Millionenstädte aus dem Boden stampfen will […] beim gegenwärtigen Tempo werden in den nächsten 20 bis 25 Jahren mehr als 300 Millionen Menschen in Städte ziehen. Es wird die bei Weitem größte Wanderungsbewegung von Menschen sein, die es auf dem Planeten je gegeben hat (vgl: West 2019: 29).

433 Mauern. Schon im Mittelalter wurde das Konzept des Wachstums,

auch wenn es nicht negativ konnotiert war, als ein Problem angesehen, dessen Lösung ein gewisses Maß an Energie erforderte. Die für die Verteidigung einer Stadt notwendige Mauern begrenzte ihre Fläche. Wenn die Stadt an Bevölkerung zunahm, sie aber ihre Mauern nicht erweitern konnte, konnte sie das Problem nur durch Erhöhung der Bevölkerungsdichte lösen. Dies führte zu einer internen Verkleinerung der Gemeinschaftsräume und einer Verkleinerung der Größe der Häuser. In der Regel war es so, dass die Bevölkerungsdichte umso größer war, je kleiner die Stadt war. Aber wenn eine Stadt sowohl an Wohlstand als auch an Bevölkerung wuchs, konnte sie es sich auch leisten, die ursprüngliche Stadt durch neue Stadtteile zu vergrößern und die Mauern zu erweitern (vgl. Hilberseimer 1955: 93). Eine genaue äußere Begrenzung musste jedoch eingehalten werden. Im Mittelalter gab es keine Stadt, die nicht ummauert war.

434 Unbeabsichtigte Folge. Es wird allzu oft vergessen, dass es in

Städten einzig und allein darum geht, durch die außerordentlichen Möglichkeiten, die sie bieten, Menschen zusammenzubringen, Interaktion zu erleichtern und dadurch zur Hervorbringung von

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05

Städte, Organismen, Systeme

Stadt als Ökosystem: ein Vergleich

05.01

Autotrophen und heterotrophen Organismen

Gefüge. Wechselseitige Abhängigkeit. In der Welt der Biologie 510 werden Systeme durch den Stoffwechsel am Leben erhalten. Quantitativ wird dieser als Stoffwechselrate beziffert, als Menge an Energie, die pro Sekunde benötigt wird, um einen Organismus am Leben zu erhalten: bei uns beträgt sie pro Tag etwa 2000 Kalorien, was einer Rate von lediglich ca. 90 Watt entspricht, dem Energieverbrauch einer Glühfadenlampe (vgl. West 2019: 33). Zumindest auf den ersten Blick haben die Städte mit Organismen und Ökosystemen viel gemeinsam: Sie verstoffwechseln Energie und Ressourcen, sie produzieren Abfall, sie verarbeiten Informationen, sie wachsen, passen sich an und entwickeln sich weiter, sie erkranken und werden sogar von dem befallen, was man als Wucherungen und Tumore bezeichnen könnte (ebd. 2019: 379). Der Begriff Ökosystem wurde erstmals von dem englischen Botaniker Arthur Tansley 1935 verwendet: „der Begriff bezeichnt ein Gefüge aus biotischen und abiotischen Komponenten, wobei die Tiere und Pflanzen in diesem System wechselseitig voneinander abhängig sind und in enger Beziehung zu ihrer unbelebten Umwelt stehen“ (Freier and Kunsmann, 2006, p. 3). 511 Kolonisation und Reproduktion. Wenn man das Bedürfnis der hellenischen Zivilisation nach Kolonisation berücksichtigt - ein Bedürfnis, das aus der Wachstumsunfähigkeit der Städte herrührte - könnte man eine Ähnlichkeit zwischen Kolonisation [364, 431] und Reproduktion wagen: Zu sagen, dass sich Städte reproduzieren, wenn eine Zivilisation ein Territorium kolonisiert und dort eine Stadt errichtet, mag seine Gegner, aber auch seine Befürworter haben. 512 Biotisch und abiotisch. Abiotisch steht für unbelebt und umfasst Umweltfaktoren, die von Lebewesen weder verursacht noch beeinflusst werden können. Licht, verfügbare Wassermenge, verfügbare Mineralstoffe, Sauerstoffversorgung usw. sind abiotische Umweltfaktoren. Alles, was die Interaktion oder Wechselwirkungen zwischen Lebewesen auszeichnet, fällt unter biotische Umweltfaktoren. Beutetiere, Nahrungspflanzen, Parasiten usw. sind abiotische Umweltfaktoren. 513 Nahrung. Ökosysteme stehen in ständigen Austausch [342, 343, 346] mit ihrer Umgebung. Die primäre Energiequelle für die meisten natürlichen Ökosysteme ist die Sonne, aber auch Wind, Regen und Wasserströmung stellen wichtige Energiequellen dar. Diese Energie wird verarbeitet und in umgewandelter Form wieder abgegeben, z. B. als Wärme, organisches Material (Nahrung und

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Abfallprodukte) oder Schadstoffe. Innerhalb eines Ökosystems unterscheidet man zwei Hauptkomponenten: zum einen die autotrophen Organismen (altgriechisch autotroph - wörtlich: „sich selbst ernährend“ von autos – αὐτός, „selbst“, τροφή - trophe „Ernährung“), die in der Lage sind, ihre Nahrung selbst zu synthetisieren, und zum anderen die heterotrophen [610] Organismen (altgriechisch eterotroph - wörtlich: ἕτερος éteros „anderer“ and τροφή trophḗ „Ernährung“), die diese Fähigkeit nicht besitzen und sich von anderen Organismen ernähren. Ein heterotropher Organismus kann die lebensnotwendigen organischen Stoffe nicht selbst herstellen und ist daher auf die konstante Zufuhr [540, 545, 722] organischer Stoffe von außen in Form von pflanzlicher oder tierischer Nahrung angewiesen. Solche organischen Stoffe werden sowohl als Energiequellen, indem sie diese chemisch abbauen, als auch zum Aufbau körpereigener Stoffe verwendet (vgl. Freier und Kunsmann 2006: 3). 514 Produzenten und Konsumenten. Die autotrophen Organismen

werden auch Produzenten genannt und fassen fast die gesamte Vegetation und Pflanzenwelt um. Sie nehmen Lichtenergie auf und wandeln im Prozess der Photosynthese einfache anorganische Substanzen (z. B. Wasser, Kohlendioxid und Nitrate) zu komplexen Nährstoffen um. Dieses organische Material wird von den heterotrophen Organismen konsumiert, welche darum als Konsumenten [610] bezeichnet werden. Der Mensch, Tiere, Pilze und die meisten Bakterien ernähren sich heterotroph. Auf diese Weise sichern sie die Nährstoffversorgung der Produzenten und schließen so den Materiekreislauf innerhalb eines Ökosystems. Demzufolge sind die einzelnen Organismen eines solchen Systems sehr stark voneinander abhängig und stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander: die einen bilden die Nahrungsgrundlage der anderen (vgl. ebd.: 3).

lösen. Dadurch gehen von einem städtischen System erhebliche Belastungen auf seine natürliche Umwelt aus. „Das Gleichgewicht zwischen autotrophen und heterotrophen Aktivitäten ist in heutigen städtischen Ballungsräumen nicht gegeben [...] Betrachtet man jedoch noch einmal die geschichtliche Entwicklung von Städten, kann man feststellen, dass die frühen städtischen Formen dieses Gleichgewicht besser halten konnten“ (ebd.: 9). „Eine symbiotische Beziehung der Stadt mit ihrer natürlichen Umwelt würde das Überleben beider Strukturen langfristig sichern. Die Systeme müssen dazu viel enger zusammen arbeiten, als es momentan der Fall ist. Wichtig ist dabei, ein Gleichgewicht zwischen den autotrophen Aktivitäten der Natur und den heterotrophen Aktivitäten der Stadt herzustellen“ (ebd.: 10) Erst Justus von Liebig und später Karl Marx interpretierten dieses Phänomen und gaben ihm die Benennung Raubsystem und metabolische Kluft. Dieses Gleichgewicht war in den vormodernen städtischen Formen viel besser gehalten. Die Abfallentsorgung und deren Optimierung in quantitativer und qualitativer Hinsicht ist heute eines der meist diskutierten Themen im städtischen Diskurs. Davon hängen auch die Wiederherstellung eines effektiven StadtLand-Metabolismus und demzufolge die Schließung der metabolischen Kluft ab.

515 Versorgung. Mit einem gewissen Approximationsgrad kann man

die Stadt als Ökosystem betrachten: Die Stadt bildet eine Art heterotrophes Ökosystem (vgl. ebd.: 8). Im Grunde kann sie sich nicht selbst erhalten: Sie ist vollkommen abhängig von ihrer autotrophen Umwelt, welche ihre Nährstoffversorgung sichert. Eine konstante Ressourceneinfuhr muss von der autotrophen Umwelt zu dem heterotrophen Stadt-System gewährleistet werden. In natürlichen und naturnahen Landschaften, welche aus einer Vielzahl verschiedener natürlicher Ökosysteme bestehen, halten sich autotrophe und heterotrophe Aktivitäten insgesamt die Waage. Die heterotrophen Systeme verbrauchen die von den autotrophen Systemen produzierte organische Substanz für Wachstum [540] und Unterhalt [540, 546].

516 Kluft. Ein natürliches Ökosystem erhält sein Gleichgewicht

hauptsächlich dadurch, dass es Ressourcen und Abfälle intern verschiebt. Städtische Systeme versuchen hingegen ihre Versorgungs- und Abfallentsorgungsprobleme durch eine intensivierte Versorgung, also Ressourcenströme in das System hinein und eine intensivere Abfallentsorgung, Ströme aus dem System hinaus zu

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05.02

Metabolismus

Metabolic Rift Theory

Das Produkt einer Reaktion ist das Substrat für die Nächste

520 Substrat. In der Biologie wird der Austausch [346] von Ressour-

cen und Energie zwischen einem Organismus und seiner Umwelt als Metabolismus (altgriechisch μεταβολισμός metabolismós, deutsch‚Stoffwechsel‘) bezeichnet. Der Begriff Metabolism – oder Stoffwechsel - wurde im frühen 19. Jahrhundert geprägt, um chemische Veränderungen innerhalb lebender Zellen zu beschreiben. In einem klassischen Biologie-Text schreiben Purves et al. (1992), dass „zur Aufrechterhaltung der Lebensprozesse eine typische Zelle jede Sekunde Tausende von biochemischen Reaktionen durchführt. Die Summe all dieser Reaktionen macht den Metabolismus aus“. Der Metabolismus ist die Gesamtheit der biochemischen Reaktionen, die in einem Lebewesen ablaufen. Diese Reaktionen laufen entlang von Stoffwechselwegen ab, und zwar in einer geordneten Weise, sodass das Produkt einer Reaktion das Substrat für die nächste ist. Die Mechanismen des Metabolismus wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem wissenschaftlichen Diskurs entnommen und entlehnt, um den Austausch von Energie und Materialien von der natürlichen zur städtischen Umwelt zu beschreiben. Diese klassischen Untersuchungen haben zur Entstehung des Begriffes urbaner Metabolismus [535] geführt. Er wird als Analogie genutzt um Parallelen zu ziehen und Ähnlichkeiten aufzuzeigen (vgl. Swilling et al. 2018: 42).

05.03

Anhäufung. Wie Engels in Die Rolle der Arbeit beim Übergang 530 vom Affen zum Menschen (1876) feststellte, muss die kontingente Beherrschung der Natur durch den Menschen innerhalb der Naturgesetze liegen. Andernfalls wird die Grundlage unseres Überlebens bedroht. Den Metabolismus der Stadt zu beschreiben, bedeutet, ihr Verhältnis zu seiner Umgebung zu beschreiben. In der Tat ist die Analyse von Stadt und Land als unterschiedliche Bereiche gleichbedeutend mit der Analyse ihrer Beziehung unter dem Gesichtspunkt des Ressourcentauschs. Städte entstanden durch die Anhäufung von Ressourcen und Materialien aus den umliegenden Gebieten in immer größerem Umfang und mit immer höherer Geschwindigkeit. Grundsätzlich und auf die Gefahr hin, grob zu trivialisieren, hat das kontinuierliche und unaufhörliche Wachstum [423] der städtischen Zelle zu einer fortschreitenden Verarmung des Umfeldes geführt. Die Natur besitzt zwar die Fähigkeit, sich selbst zu regenerieren, doch die Aufnahme von Ressourcen erfolgt deutlich schneller als die Regeneration der Natur selbst. Zwar lässt sich bereits am Ende des Mittelalters eine Verhärtung der geografischen und sozialen Trennung der beiden Territorien feststellen, doch die ersten akuten Konflikte zwischen Stadt und Land, die zu einem ökologischen und sozialen Ungleichgewicht führten, traten erst nach der ersten industriellen Revolution auf. Das Raubsystem. In den späten 1800er-Jahren warnten mehrere 531 Agronomen und Agrarchemiker wie Justus von Liebig, dass die Verlagerung von Nahrungsmitteln aus den früh industrialisierten landwirtschaftlichen Betrieben auf dem Land in die Städte zu einem starken Verlust von Bodennährstoffen geführt hatte: Stickstoff, Phosphor und Kalium waren im Erdreich in immer geringeren Mengen vorhanden. Dafür prägte er den Begriff Raubsystem. Dies basierte wiederum auf der Erkenntnis des Stoffwechsels, der den Austausch [346] von Materie und Energie zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt regelt. Der Stoffwechsel war ein grundlegender Begriff der Naturwissenschaft, und Liebig war einer ihrer Pioniere im XIX-Jahrhundert. Er stellte im Wesentlichen die Frage nach den stofflichen Austauschvorgängen und Prozessen, die die komplexen Wechselbeziehungen zwischen organischer und anorganischer Natur bestimmen. Metabolic Rift. Der Begriff Metabolismus wurde in einem ähn532 lichen Zusammenhang von Karl Marx verwendet, als er ihn im 19. Jahrhundert aus dem wissenschaftlichen Diskurs entnahm, um den Prozess zu beschreiben, durch den Arbeit und Kapital sozio-natürliche Landschaften produzieren und transformieren: „Der Mensch

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vermittelt, reguliert und kontrolliert durch sein eigenes Handeln den Metabolismus zwischen sich und der Natur” (Marx 1981 [1867]: 283). Das Kapitel über „Maschinerie und Großindustrie“ im ersten Band von Karl Marx‘ Kapital schließt mit dieser Aussage: „Aller Fortschritt in der kapitalistischen Landwirtschaft ist ein Fortschritt in der Kunst, nicht nur den Arbeiter zu rauben, sondern auch den Boden zu rauben [….]“. Diese Beobachtungen lassen sich in das von Karl Marx 1867 erwähnte Konzept des Metabolic Rift übertragen (Stoffwechsel Unterbrechung). Karl Marx hat den Begriff Metabolic Rift geprägt, um den Riss oder die Kluft zu erklären, die der Kapitalismus zwischen sozialen und natürlichen Systemen, zwischen Mensch und Natur geschaffen hat. Dieser Riss, behauptete er, führte zur Ausbeutung der Umwelt und zur ökologischen Krise. Marx argumentierte, dass wir Menschen alle Teile der Natur sind, und er war auch der erste, der die Gesellschaft als einen Organismus mit einem Stoffwechsel ähnlich dem des Menschen sah. Die allgemeine Idee ist, dass Störungen oder Unterbrechungen in den natürlichen Zyklen und Prozessen eine metabolische Kluft zwischen der Natur und den sozialen Systemen schaffen, die zu einer Anhäufung von Abfall und letztendlich zur Degradierung unserer Umwelt führt. Der Metabolic Rift entsteht für Marx durch die Enteignung der Erde: Die kapitalistische Produktion, – sagt er - stört die metabolische Wechselbeziehung zwischen Mensch und Erde, d.h. sie verhindert die Rückführung der vom Menschen in Form von Nahrung verbrauchten Bestandteile in den Boden und damit das Funktionieren der ewigen Naturbedingung für die dauerhafte Fruchtbarkeit des Bodens. Für Marx, so wie für Liebig, beschränkte sich dieser Raub natürlich nicht nur auf die äußere Natur, da der Mensch als leibliches Wesen selbst Teil der Natur ist. Die Enteignung der Natur in der kapitalistischen Gesellschaft hatte also in Marx‘ Analyse ihr Gegenüber in der Enteignung der menschlichen leiblichen Existenz. Der Raub und der Riss im Metabolismus der Natur war auch ein Raub und ein Riss im menschlichen Metabolismus. 533 Räumliche Barrieren. Antike Städte konnten sich nicht auf Lebens-

mittel aus weiter Ferne verlassen. Welche Ressourcen auch immer in die Stadt kamen, sie kamen aus nahe gelegenen, niemals aus entfernten Territorien. Zwar gab es den Fernhandel schon seit babylonischer Zeit, doch handelte es sich dabei um den Austausch von kleinen Warenmengen, fast immer von Sekundärgütern. Frühe urbane Zentren waren bioregional definiert und hatten relativ geringe Fußabdrücke, indem sie zum Beispiel die Fäkalien der Stadt wieder in die umliegenden Gebiete zurückführten. Bis zum Beginn des Zeitalters der fossilen Brennstoffe beruhte der Großteil des Transports auf menschlicher oder tierischer Traktion, und so waren die Energieressourcen der Gesellschaft durch die Geschwindigkeit des Transports und die Entfernung, über die Nahrungsmittel noch beschafft werden konnten, begrenzt (vgl. Rifkin 2005: 190). Eine niedrige Geschwindigkeit, bestimmt durch einen niedrigen Stand der Technik, entsprach also einer geringen Umweltbelastung. Bis zum 16. oder 17. Jahrhundert verhinderte die Stoffwechselabhängigkeit der Städte vom Umland (für Res-

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sourcen etc.), gepaart mit den technologischen Beschränkungen der Produktion und des Abbaus, eine weitgehende Urbanisierung. Aufbrechen der räumlichen Barrieren. Mit dem Aufstieg des Ka534 pitalismus wuchsen die Städte jedoch in Größe und Bevölkerung. Die Großindustrie benötigte Fabriken, Rohstoffe, Arbeiter und große Mengen an Nahrungsmitteln. Da die wirtschaftliche Sicherheit der Städte von ihrem Stoffwechselsystem abhing, suchten die Städte nun in der ferne nach ihren Ressourcen- und Abfallströmen (vgl. Harvey 1996: 410–411). Mit dem Aufbrechen räumlicher Barrieren verletzte die kapitalistische Gesellschaft die zuvor naturgegebenen Bedingungen der Nachhaltigkeit. Mit dem Handel und der Expansion wurden Lebensmittel und Fasern über immer größere Entfernungen transportiert. Diese Bedrohung der Nahrungsmittelproduktion war das Ergebnis der Trennung zwischen Stadt und Land. Je größer die Entfernung zwischen dem Entnahmeort und dem Ort der Ablagerung, desto größer ist der Riss im natürlichen Metabolismus. Die Lebensmittel wurden nun in die Städte transportiert, weit weg von ihrer Quelle. Ihre Abfallprodukte, die zuvor zur Auffüllung des Bodens beitrugen, verschmutzten nun stattdessen die Städte. Die Nährstoffe des Bodens, Stickstoff, Phosphor, Kalium und ähnliche, wurden in Form von landwirtschaftlichen Produkten in die Städte transportiert, aber dieselben Nährstoffe wurden in Form von menschlichen und tierischen Abfällen nicht an das Land zurückgegeben. So gab es eine einseitige Bewegung, einen Raubbau am Boden, um die sozioökonomische Reproduktion der Gesellschaft aufrechtzuerhalten (vgl. Foster 2000: 153–156). Es ist an dieser Stelle notwendig, hervorzuheben, dass der Begriff des Metabolismus eine räumliche Dimension voraussetzt. Der Ressourcen- und Energieaustausch findet zwischen zwei definierten Räumen statt, die ihrerseits durch Grenzen definiert sind. Was früher ein natürlicher, zirkulärer Prozess war, hatte sich in einen künstlichen, linearen Prozess verwandelt. Dies wird deutlicher denn je, wenn man den Nahrungsmittelbedarf einer modernen Stadt betrachtet. Ein typisches Stadtgebiet mit einer Millionen Einwohnern benötigt täglich zwei Millionen Kilogramm Lebensmittel. Um diese 2.000 Tonnen Nahrung zu erhalten, ist die Stadt vollständig vom landwirtschaftlichen System abhängig (das immer noch weitgehend auf fossilen Brennstoffen basiert). Eine Stadt mit einer Million Einwohnern benötigt täglich 9500 Tonnen Brennstoffe und 625.000 Tonnen Frischwasser (vgl. Rifkin 2005: 192). Burgess. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der wissenschaftli- 535 che Diskurs über den urbanen Metabolismus [520] konkreter. Einen ersten Versuch, die Stadt mit Hilfe einer solchen Metapher zu beschreiben, unternahm der kanadisch-amerikanische Stadtsoziologe Ernest Burgess 1925. Burgess‘ „The Growth of the City“ ist vor allem für sein konzentrisches Kreismodell des Stadtwachstums bekannt, wonach sich sozioökonomische Zonen tendenziell nach außen ausdehnen und damit in einem Prozess der Sukzession in Nachbarschaftszonen eindringen (ein Begriff, der wie Metabolismus aus den Naturwissenschaften entlehnt ist) (vgl. Wachsmuth

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2012: 511). 1925 schrieb er: Questions about the growth of the city may best be answered, perhaps, by thinking of urban growth as a resultant of organization and disorganization analogous to the […] processes of metabolism in the body (Burgess 1925: 53). In Burgess‘ „The Growth of the City“ gibt es eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen der Metapher des Metabolismus, die impliziert, dass die Stadt als Organismus behandelt werden sollte, und der Metapher der Sukzession, die impliziert, dass die Stadt als Ökosystem behandelt werden sollte. Für Burgess ist die Stadt ein in sich geschlossenes System, in dem Menschen und ihre sozialen Bindungen zirkulieren, sich integrieren und wieder auflösen, ohne Bezug zur Außenwelt, außer der ständigen menschlichen Einwanderung. Aber gleichzeitig untersucht er das Wachstum der Stadt: Er versteht den urbanen Metabolismus als einen Prozess der Transformation, nicht nur der Reproduktion, und das Wachstum selbst ist eher eine Voraussetzung als etwas, das erklärt werden muss. Burgess betrachtet die Stadt als (1) ein in sich geschlossenes System (entweder in Analogie zu einem Organismus oder einem Ökosystem), (2) das unaufhörlich wächst. Diese beiden Attribute können nicht koexistieren: Sie schließen sich natürlich gegenseitig aus. Ein begrenztes System, das unendlich wächst, ist in der Tat ein Paradox. Dieser Ansatz war sicherlich ein Wegbereiter innerhalb des Versuchs, die Stadt durch die Annahme eines neuen Bezugsparadigmas zu beschreiben aber die Burgess‘sche Auffassung des urbanen Metabolismus endete als Waisenkind (vgl. Wachsmuth 2012: 512–513). 536 Industrieökologie. In den 1960er und 1970er-Jahren entstand

sukzessiv ein neuer Ansatz, der versucht, Urbanisierung und Gesellschaft-Natur-Beziehungen zu verstehen. Das war die Industrieökologie: die Disziplin, die sich mit Material- und Energieflüssen durch industrielle Systeme beschäftigt. Obwohl Industrieökologen Systeme in verschiedenen Maßstäben untersuchen - von einzelnen Fabriken und Industriebezirken bis hin zu Volkswirtschaften und dem gesamten Globus -, hat sich ein eigenes Untergebiet herausgebildet, das sich mit der Messung von Materialflüssen in Städten und urbanen Regionen beschäftigt. Hier hat das Konzept des urbanen Metabolismus seinen zweiten wichtigen Auftritt. Die österreichische Soziologin und Sozialökologin Marina Fischer-Kowalski gilt als eine der Vertreterinnen dieser Disziplin. Wie die Humanökologie verwendet auch die Industrieökologie das Konzept des Metabolismus, um das Wachstum von Städten zu verstehen; im Gegensatz zur Humanökologie begründet sie ihr Verständnis des städtischen Wachstums jedoch explizit mit dem Ressourcenverbrauch und den Umweltbedingungen (vgl. ebd.: 513).

537 Abel Wolman. Aus Amerika kam ein grundlegender Beitrag.

Die Geschichte beginnt mit Abel Wolman (1965) „The Metabolism of Cities“ (Der Stoffwechsel der Städte), in dem er Pionierarbeit leistete, indem er die Stadt als Maschine zur Umwandlung von natürlichen Ressourcen in Abfälle untersuchte: Frischwasser fließt in den städtischen Stoffwechsel und verlässt ihn als Ab-

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wasser, Eisen betritt den städtischen Stoffwechsel und verlässt ihn über den Schrottplatz, täglich werden Lebensmittel vom Land transportiert und täglich gibt es ungenutzte organische Überreste. Wolman wollte die Ströme von Wasser, Materialien, Energie und Nährstoffen, die in eine Stadt hineinfließen, genau quantifizieren. „Der metabolische Bedarf einer Stadt kann als alle Materialien, Ressourcen und Güter definiert werden, die benötigt werden, um die Stadtbewohner zu Hause, bei der Arbeit und beim Spielen zu versorgen“ (Wolman 1965: 156). Im Laufe der Zeit umfasst dieser Bedarf auch die Baumaterialien, die zum Bau und Wiederaufbau der Stadt selbst benötigt werden. In der Tat, wie Joeffrey West hinweist, tritt jedes System, nachdem es die Phase der Geburt und Entwicklung hinter sich gelassen hat, notwendigerweise in eine Phase der Wartung und Reparatur ein: Diese wird bis zum Tod des Systems aufrechterhalten. Reparatur und Wartung sind unabdingbar für das Überleben eines Systems und sie sind keineswegs wegzudenken, bis der Tod des Systems selbst auftritt. Der metabolische Kreislauf ist erst dann abgeschlossen, wenn die Abfallreste des täglichen Lebens entfernt und mit einem Minimum an Belästigung und Gefährdung entsorgt wurden (vgl. ebd.: 156). Abel Wolman beschäftigte sich 1965 mit drei metabolischen Problemen, die sich mit dem Wachstum der Städte verschärft haben. Diese drei Probleme sind: (1) die Bereitstellung einer ausreichenden Wasserversorgung [N15], (2) die effektive Entsorgung von Abwässern und (3) die Kontrolle der Luftverschmutzung. Diese drei Probleme variieren stark von Stadt zu Stadt (vgl. ebd.: 157). Diese drei Punkte tauchen häufig auf den Agenden von Städten auf, die planen, diese Probleme durch die Umsetzung des Smart-City-Paradigmas zu lösen. Das Smart Cities Modell basiert auf zahlreichen Punkten und verfolgt ebenso viele Ziele: Unter anderem zielt es darauf ab, das Ökosystem Stadt unter verschiedenen Blickwinkeln zu regulieren. Jenseits der Punkte, die Governance, Bürgerbeteiligung, Partizipation, Inklusion und Gesundheit betreffen, würden die von den Smart Cities geförderten und versprochenen digitalen Infrastrukturen darauf abzielen, die tatsächlichen Flüsse von Energie (Smart Grid), Ressourcen, Rohstoffen, Abwasser, Regenwasserspeicherung und die damit verbundene Wiederverwendung und Abfallentsorgung deutlich zu verbessern. All dies lässt sich dann unter dem Begriff der nachhaltigen Stadt zusammenfassen. „Die Smart Cities von heute sollen [...] die dringenden Anforderungen an Nachhaltigkeit und Effizienz erfüllen“ (Ratti und Claudel 2017: 20). Die Entlarvung eines Mythos. Die Metapher des Metabolismus 538 und dessen Ableitung von urbanem Metabolismus führte zu einer neuen Vision der Stadt: Sie wurde nicht mehr als bloße Assemblage von Gebäuden und Infrastrukturen gesehen, sondern als ein Organismus, der ohne einen ständigen Austausch [346] mit der Außenwelt nicht überleben kann. Das Konzept des urbanen Metabolismus entlarvte also den Mythos, dass die Stadt dort ist, wo die Natur aufhört und zeigte überzeugend, dass der urbane Prozess als ein sozio-natürlicher Prozess theoretisiert, verstanden und verwaltet werden muss (vgl. Wirth 1938: 513). Diese metabolische

[N15] Wasserstress Als knappe Ressource spielt Wasser eine entscheidende Rolle. Auch in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten verschiedener historischer Epochen verließen sich Gesellschaften mehr auf Wasser als auf jede andere Ressource. Die Beziehung zwischen Wasser und Städten ist entscheidend: Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Städte benötigen einen sehr großen Input an Süßwasser und haben ihrerseits einen enormen Einfluss auf Süßwassersysteme. Aufgrund der rasanten Verstädterung sehen sich die Städte mit einer wachsenden Nachfrage nach Wasser- und Sanitärdienstleistungen konfrontiert. Einige moderne Phänomene wie die Entstehung der Sponge Cities oder Sponge Quartier beruhen genau auf dem Prinzip der Absorption, Assimilation und Wiederverwendung. Was seit der Entstehung der ersten Industrien entlang der Wasserstraßen zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein missbrauchtes Element war, wird heute wieder als unverzichtbarer Faktor für das Überleben der urbanen Zentren angesehen. Laut dem United Nations Intergovernmental Panel on Climate Change (IPPC) werden sich die Städte, die zunehmendem Wasserstress ausgesetzt sind, bis 2050 mehr als verdoppeln, wobei die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die Süßwassersysteme die Folgen anderer Stressfaktoren wie Bevölkerungswachstum, veränderte wirtschaftliche Aktivitäten, Land-use change und Urbanisierung noch verschärfen.

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Vision der Stadt hat immer noch ihre Gegner, aber sie wird schnell zu einer der am meisten akzeptierten Interpretationen unter denen, die sich mit Nachhaltigkeit und Energieeffizienz in der gebauten Umwelt beschäftigen. 539 Zirkulärer und linearer Metabolismus. Die theoretischen Grund-

lagen des industrieökologischen Ansatzes zum urbanen Metabolismus wurden am besten von dem deutschen Umweltaktivisten Herbert Girardet (1996) ausgearbeitet. Vor allem unterscheidet er zwischen zirkulärem und linearem Metabolismus: Ersterer charakterisiert die natürliche Welt - der Abfall eines Organismus ist die Nahrung eines anderen - und Letzterer charakterisiert die urbane Welt - Ressourcen rein, Abfall raus. Girardet sieht die sich zuspitzende globale Umweltkrise in einer übermäßigen Ausbreitung des linearen Metabolismus, da die Städte wachsen und sich ausbreiten (vgl. Wachsmuth 2012: 513–514). Für Girardet muss man, um nachhaltige Städte zu schaffen, ein klares Verständnis dafür entwickeln, wie natürliche Systeme funktionieren. Sein Ausgangspunkt sind die in der Natur vorhandenen Paradigmen und Mechanismen: daran sollten wir uns orientieren. Städte müssen so umgestaltet werden, dass sie mit der natürlichen Welt kompatibel werden. Die modernen Städte von heute weisen einen im Wesentlichen linearen Stoffwechsel auf, während die Ökosysteme der Natur einen im Wesentlichen zirkulären Stoffwechsel haben. Jeder Output eines Ökosystems trägt zur kontinuierlichen Erneuerung des gesamten Lebensumfelds bei, von dem es ein Teil ist: Die Natur kennt keine Verschwendung. Das Netz des Lebens hängt in einer Kette des gegenseitigen Nutzens zusammen. Um nachhaltig zu werden, müssen Städte den zirkulären Stoffwechsel der Natur nachahmen, indem sie Ressourcen wiederverwenden und Abfälle vermeiden, die mit natürlichen Systemen nicht vereinbar sind (vgl. Wachsmuth 2012: 513).

539.1 Die Umwandlung der Natur in die Gesellschaft. Städte verwandeln

Rohstoffe in fertige Produkte. Sie wandeln Nahrung, Brennstoffe, Mineralien und menschliche Energie in Gebäude, Industriegüter und finanzielle und politische Macht um: alle Komponenten der Zivilisation (Girardet 1996: 20). Mit anderen Worten: Der urbane Metabolismus ist die Umwandlung der Natur in die Gesellschaft. Dementsprechend hat sich die industrielle Ökologie der urbanen Nachhaltigkeit speziell der Notwendigkeit zugewandt, dass Städte weniger natürliche Ressourcen verbrauchen - das heißt, wenig Natur verbrauchen. Die Industrieökologie überträgt den Gegensatz zwischen Gesellschaft und Natur implizit auf Stadt und Land. Das Land ist der geografische Raum, in dem sich die Natur - die rohen Materialien - befindet, während die Stadt der geografische Raum ist, in dem sich die Gesellschaft befindet, die diese Natur verstoffwechselt (vgl. Wachsmuth 2012: 514). Die Entstehung der Zivilisation, die Produktion von Kultur und die Entwicklung der Gesellschaft selbst, wie wir sie kennen, wäre ohne einen ständigen Entzug von Ressourcen aus der natürlichen Umgebung nicht möglich gewesen. Es ist die Umwandlung der Ökosphäre in die Technosphäre [344], aus der die Zivilisation hervorging.

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Lokal, global und die Koordinierung im System. Für Girardet ist 539.2 das Problem des linearen urbanen Metabolismus und damit der nicht nachhaltigen Stadtgesellschaft eines des fehlenden lokalen Willens. Die Natur steht in einer statischen Weise bereit, um auf mehr oder weniger harmonische Weise genutzt zu werden. Jede Stadt muss in Bezug auf diese statische Natur nachhaltigere Umweltpraktiken anwenden, um ihren linearen Metabolismus in einen zirkulären umzuwandeln, ihre individuelle metabolische Kluft zu schließen und dadurch den Ressourcen-Druck zu verringern, den sie auf die Erde ausübt. Aber das wirft die Frage auf: Warum sollten wir nach lokalen Lösungen für die Pathologien des städtischen Stoffwechsels suchen, wenn die Umweltbelastungen allgemein als regional oder sogar planetarisch verstanden werden? Sind Probleme in der Stadt notwendigerweise Probleme der Stadt? Unsere globale Gesellschaft ist jetzt eine städtische Gesellschaft, also müssen die Lösungen für unsere globalen Probleme städtische Lösungen sein (vgl. Wachsmuth 2012: 515). Der ständige Diskurs über die Bedeutung moderner Metropolen ist also nicht nur ein soziokulturelles, sondern, obwohl Städte und Metropolen eine eigene präzise geografische Position besitzen, ein globales Problem. Dazu gehört ein weiterer grundlegender Aspekt: die Koordinierung. Ein System ist eine Gesamtheit von miteinander verbundenen Elementen und Subsystemen, die jeweils eine eigene Funktion haben und auf ein gemeinsames Ziel oder einen gemeinsamen Zweck hinarbeiten. Die Orchestrierung der Mechanismen innerhalb eines Systems gewährleistet dessen Funktion und impliziert eine grundlegende Funktion: die Koordinierung [420, 722]. Nur die Koordinierung zwischen den Elementen eines Systems garantiert seine Funktionsfähigkeit. Diese Koordinierung sollte nicht nur innerhalb der Stadt stattfinden, sondern auch zwischen den Städten selbst. Eine globale Lösung für ein globales Problem wie die Klimakrise erfordert daher unmittelbar eine Koordinierung der Maßnahmen und Anstrengungen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

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05.04

Energie Nature never breaks her own laws. Leonardo Da Vinci

540 Zufuhr. An dieser Stelle ist es notwendig, einen kurzen Exkurs zu

machen, um die Stoffströme, die aus den natürlichen Territorien in die städtischen fließen, in anderen Termini und mit einem anderen Interpretationsschlüssel erklären und darstellen zu können. Neben der Betrachtung der Stoffströme in metabolischer Hinsicht sind auch andere Ansätze möglich, die den kontinuierlichen Austausch zwischen den beiden Territorien beschreiben. Die unglaubliche Explosion des urbanisierten Lebens ist eine direkte Folge der radikalen Veränderung der Rahmenbedingungen für Energieressourcen, die in den letzten zwei Jahrhunderten stattgefunden hat. Denn eine Stadt kann nur überleben, wenn sie in der Lage ist, die verfügbare Energie aus ihrer Umgebung zu ernten und für das Überleben des städtischen Gefüges zu nutzen oder zu speichern (vgl. Rifkin 2005: 189). Kein System, ob natürlich oder menschengemacht, kommt ohne permanente Zufuhr [513] von Energie und Rohstoffen aus, die in etwas «Nützliches» umgewandelt werden müssen [...] Je nach Entwicklungsstufe des Systems wird die gewonnene nützliche Energie in verschiedenen Relationen für körperliche Arbeit, Instandhaltung [515, 346], Wachstum [515] und Reproduktion verwendet (vgl. West 2019: 34).

541 Umwandlung. Dieses Kapitel verdeutlicht in einer sehr knappen

und etwas reduzierten Weise die beiden ersten Prinzipien der Thermodynamik. Beide Prinzipien lassen sich in einem einzigen Satz ausdrücken: Die Gesamtenergie des Universums ist konstant und die Gesamtentropie nimmt kontinuierlich zu. Dies bedeutet, dass es unmöglich ist, Energie zu erzeugen oder zu zerstören. Die Gesamtenergiemenge im Universum war zu Beginn der Zeit festgelegt und wird bis zum Ende so bleiben. Der Energieerhaltungssatz stellt den ersten Grundsatz der Thermodynamik dar, der besagt, dass man Energie weder erzeugen noch zerstören kann, aber man kann sie von einer Form in eine andere umwandeln. Städte sowie alle Arten von Phänomenen, die in ihnen auftreten, sind das Ergebnis dieser kontinuierlichen Transformation [344] von Energie, die vor etwa 8.000 Jahren begann, als der Mensch vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer wurde [VII]. Form, Struktur und Bewegung jeder existierenden Einheit sind nur Materialisierungen von Energie, mehr oder weniger konzentriert und in Transformation. Ein Mensch, ein Wolkenkratzer, ein Auto oder ein Grashalm, sie alle sind Formen von Energie, die von einem Zustand in einen anderen transformiert wurden. Wenn ein Wolkenkratzer gebaut oder ein Grashalm geformt wird, bestehen sie beide aus Formen von Energie, die von irgendwoher zurückgewonnen wurde. Wenn der Wolkenkratzer dann abgerissen wird oder der Grashalm abstirbt,

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verschwindet die Energie nicht, die sie aufgenommen haben, sondern sie geht auf irgendeine Weise in die Umgebung zurück. Nur die Form der Energie, in der sie sich präsentiert, kann sich ändern, niemals ihr Wesen. Ein Transformationsprozess liegt also der Gründung der Stadt zugrunde. Entropie. Dem Begriff der Energie ist der Begriff der Entropie zur 542 Seite zu stellen. Wenn Energie verarbeitet wird, hat das immer seinen Preis; es gibt im Leben nichts umsonst. Der zweite Grundsatz der Thermodynamik, ein formuliertes Naturgesetzt das nicht außer Kraft gesetzt werden kann, besagt, dass bei jeder nützlichen Umwandlung von Energie „unnütze“ Energie als Abbau-und Abfallprodukt entsteht. Das heißt „unbeabsichtigten Folgen“ in Form von unverwendbarer Hitze oder unbrauchbaren Produkten sind unvermeidlich. Wenn man zum Beispiel ein Stück Kohle verbrennt, bleibt seine Energie erhalten, wird aber in Energie umgewandelt die in Kohlendioxid, Schwefeldioxid und anderen Gasen enthalten ist, welche an die Atmosphäre abgegeben werden. Selbst wenn bei diesem Vorgang nicht besonders viel Energie verloren gegangen ist, weiß man, dass diese Kohle kein zweites Mal verbrannt werden kann. Die Erklärung findet sich im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: Dieser besagt, dass jedes Mal wenn eine bestimmte Energiemenge von einem Zustand in einen anderen umgewandelt wird, es Abzüge gibt, die im Verlust eines Teils der Energie selbst besteht. Es wird daher einen Teil geben, der nicht mehr zur Erzeugung von Arbeit verwendet werden kann. Für diesen Verlust gibt es einen Begriff: Entropie. „Die Entropie ist ein Maß für den Teil der Energie, der nicht mehr in Arbeit umgewandelt werden kann“ (Rifkin, 2005: 58). Der Begriff der Entropie (altgriechisches Kunstwort für Umwandlung und Entwicklung: ἐντροπία entropía, von ἐν en ‚an‘, ‚in‘ und τροπή tropḗ ‚Wendung) wurde 1855 von dem deutschen Physiker Rudolf Clausius geprägt. Wann immer Energie verbraucht oder verarbeitet wird, um in einem geschlossenen System Ordnung herzustellen oder aufrechtzuerhalten, lässt sich ein gewisses Maß an Unordnung nicht vermeiden. Daher wächst die Entropie beständig (vgl. West 2019: 35). Zunahme und Abnahme. Städte sind Systeme, die sich durch den 543 kontinuierlichen Energiefluss entwickeln, der durch sie hindurch fließt. Sicherlich [...] ist die Stadt als solche ein energie- und verbrauchsintensiver Organismus, eine Struktur [...] mit einer sehr hohen internen Organisation, die in ihrem wirtschaftlichen und sozialen Raum Ströme von Humankapital, Energie und materiellen Ressourcen auffängt und anzieht. Um ihre Organisation aufrechtzuerhalten, „verbraucht“ sie sowohl die Reproduktionskapazität ihrer Bewohner durch den rapiden Rückgang der Fruchtbarkeitsrate als auch die Reproduktionskapazität des Naturkapitals. In diesem Sinne ist die Stadt ein Nettoimporteur von ökologischer Nachhaltigkeit (vgl. Ferlaino 2010: 12). Dieser konstante Fluss ist mit einer unvermeidlichen Zunahme der Entropie in der Umgebung verbunden. Das Verhältnis zwischen Stadt und Land und die sich ständig verändernden Beziehungen zwischen ihnen können

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auch im Sinne der Entropie entziffert werden. Eine Zunahme der Entropie bedeutet eine Abnahme der verfügbaren Energie. Jede Veränderung und Modifikation, die in der Natur stattfindet, beinhaltet einen Austausch [346] von Energie. Wann immer natürliche Ressourcen und Rohstoffe ihrer natürlichen Umgebung - Ökosphäre - entnommen und in Artefakte - Technosphäre [344, 539.1] - umgewandelt werden, findet ein Energieaustausch statt. Immer, wenn in der Natur etwas passiert, baut sich eine bestimmte Energiemenge ab und steht nicht mehr für weitere Arbeit zur Verfügung. Ein Teil dieser nicht verfügbaren Energie ist Verschmutzung, d. h. abgeleitete Energie, die sich in der Umwelt ansammelt und das Ökosystem und die Gesundheit aller ernsthaft bedroht. Der massive Energieaufwand, der zur Aufrechterhaltung des Lebens in einer modernen Stadt erforderlich ist, lässt die Entropie der städtischen Umwelt dramatisch ansteigen (vgl. Rifkin 2005: 188). Diese urbanisierten Lebensräume, in denen wir heute leben, sind enorme Generatoren von Entropie (Rifkin 2005: 198). Je mehr wir versuchen, den notwendigen Übergang von einer Gesellschaft mit hohem entropischem Wachstum zu einer Gesellschaft mit langsamem entropischem Wachstum hinauszuschieben, desto höher wird die Abrechnung mit dem Treibhauseffekt werden und desto schwieriger wird der Übergang sein. Wenn wir zu lange warten, werden wir feststellen, dass der zu zahlende Preis außerhalb der Reichweite der menschlichen Spezies liegt. Die Alternative zur generalisierten Verschwendung aller verfügbaren Energie und zur globalen Erwärmung ist die internationale Verbreitung der Werte und Regeln des entropischen Paradigmas (vgl. ebd. 2005: 337). 544 Umkipp-Punkt und Irreversibilität. Es besteht also, wie Jeremy

Rifkin feststellt, die Gefahr der Irreversibilität, d. h. eine Situation, in der es nicht mehr möglich ist, ein System im Ungleichgewicht in den vorherigen Gleichgewichtszustand zurückzuführen. Ist ein bestimmter Punkt der Ungleichgewichte erreicht, ist es nicht mehr möglich, ein System wieder in den Gleichgewichtszustand zu versetzen. Für dieses Phänomen wird der Begriff Kipppunkt, Umkipp-Punkt oder Umschlagpunkt verwendet. Er bezeichnet also einen kritischen Punkt, nach dem sich das System radikal und potenziell irreversibel in einen anderen Gleichgewichtszustand verschiebt. Er bezeichnet einen Moment, an dem eine vorher eindeutige Entwicklung durch bestimmte Rückkopplungen abrupt abbricht, die Richtung wechselt oder stark beschleunigt wird.

545 Ordnung, Unordnung. Aus diesen Überlegungen lassen sich die

Begriffe Ordnung und Unordnung ableiten. Das Aufrechthalten von Ordnung in einem sich entwickelnden System erfordert die permanente Zufuhr [513] und den permanenten Verbrauch von Energie, und als Nebenprodukt entsteht Unordnung (vgl. West 2019: 36). Dieses Phänomen ist besonders in Städten zu beobachten. Große Städte verbrauchen einen großen Input an Energie, um zu überleben, aber die Energie wiederum läuft in die Infrastruktur des städtischen Gefüges und erzeugt verschiedene Arten von Unordnung. So führt ein intensiver Energiefluss zu Veränderungen im Ökosystem der Stadt, wo die durchschnittliche Jahrestemperatur

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drei bis vier Grad höher ist als im Umland. Dieses Phänomen, auch urban heat island effect - UHI oder Wärmeinsel-Effekt auch genannt, ist auf die Abgase von Kraftwerken, Autos und Klimaanlagen sowie auf die Störung der Reflexion des Sonnenlichts durch Straßen und Gebäude zurückzuführen. Die Ausbreitung der städtischen Gebiete bedeutet zunehmende Energieströme und zunehmende Unordnung (vgl. Rifkin 2005: 193–196). Wartung und Instandshaltung. Wachstum kann nicht ohne eine 546 ständige Versorgung mit Energie und Ressourcen stattfinden. Das Wachstum der urbanen Zentren auf Kosten des Umlandes kann, wie gerade beschrieben, zudem als Energieaustausch gelesen werden. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Mensch nichts anderes getan, als Energiequellen aus der Umwelt außerhalb der bewohnten Zentren zu importieren und das in immer größeren Mengen und mit immer größerer Geschwindigkeit [640]. Der Energieverbrauch des Wachstumsprozesses, bei dem Stoffwechselenergie zugeführt wird, wird zwischen neuem Wachstum und Wartung und Reparatur [515] aufgeteilt. Am Anfang geht fast alles in das Wachstum. Mit der Reife geht jedoch alles in Reparatur, Wartung und Ersatz. Wenn sich beispielsweise die Größe eines Tieres verdoppelt, verdoppelt sich auch die Anzahl seiner Zellen und damit die Menge der für die Ernährung benötigten Energie. Nach dem Wirtschaftswachstum der letzten zwei Jahrhunderte, das mit dem Wachstum des Kapitalismus zusammenhängt, sind wir an einem Punkt angelangt, an dem unsere Systeme (Wohnen, Transport, Stadt) noch nicht ganz ausgereift sind, aber sie steuern auf einen Scheitelpunkt zu und verlangen nach einem dringenden Reparatur-, Wartungs- und Ersatz- und Aktualisierungsbedarf. Offene und geschlossene Systeme. Das revolutionäre an der indus- 547 triellen Revolution bestand im dramatischen Übergang von einem offenen System, in dem Energie von außen, von der Sonne, geliefert wurde, zu einem geschlossenen System, in dem Energie aus internen fossilen Brennstoffen stammte. Dies war ein fundamentaler Systemwechsel mit enormen Konsequenzen, da sich in einem geschlossenen System der zweite Grundsatz der Thermodynamik zusammen mit seiner Voraussetzung, dass die Entropie immer wachse, uneingeschränkt bestätigt. Unser „Fortschritt“ bestand darin, eine externe, verlässliche und konstante Energiequelle durch eine interne, unverlässliche und schwankende zu ersetzen. Hinzu kommt, dass unsere Hauptenergiequelle als integraler Bestandteil des Systems, das sie stützt, von ständig sich verändernden Marktkräften abhängig ist (vgl. West 2019: 364).

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Stadt, Land, Zukunft

Das Land morgen

06.01

Moderne Phänomene in urbanen und ländlichen Gebieten

600 Landschaft. Im Zuge des Wandels und der drastischen Ausdeh-

nung urbaner Regionen weltweit hat sich auch der ländliche Raum dramatisch verändert: Nach Mechanisierung und Industrialisierung hat der ländliche Raum eine Massenabwanderung von Menschen erfahren. Andererseits erfährt er als Erholungslandschaft zeitweise eine Masseneinwanderung von Gästen. Seine Wasserdämme, Windparks, Maisfelder und Solarparks produzieren Energie in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Trotz dieses massiven Wandels wird der ländliche Raum oft als rückläufig oder stagnierend abgetan (vgl. Carlow 2016: 6). Die beiden Territorien waren also ständigen Schwankungen unterworfen, die die Beziehungen zwischen dem Menschen als Modifikator und der Umwelt als modifizierter Entität betrafen.

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Zukunft. Das IPCC-Papier „Climate Change and Land“ aus dem 610 Jahr 2019 beschreibt, wie Landnutzung und Landdegradation einer der g­ rößten Treiber des Klimawandels sind (vgl. Koolhaas et al. 2020: 150). Ländliche Gebiete und ihre Ausbeutung trugen zur ­Erzeugung des landwirtschaftlichen Überschusses bei, der die Entstehung, das Wachstum und die Entwicklung der S ­ tädte ­ermöglichte. Diese immer größer werdende Akkumulation von Überschüssen war nur durch die Ressourcen möglich, die den ­Naturräumen entnommen und in die Stadtzentren t­ransportiert wurden. Die Landfläche ist also in erster Linie ein Ort der ­Produktion: von Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Wasserreserven, fossilen Brennstoffen und nun auch Flächen für erneuerbare ­Energien. Erst in zweiter Linie bieten diese Gebiete L ­ ebensmittel und andere Dienstleistungen an. Im Laufe der J­ ahrhunderte wurden die Naturräume kontinuierlich dem unaufhörlichen ­anthropischen Handeln des Menschen unterworfen: Ständige ­Anpassungen, inkrementelle Korrekturen an Flüssen und K ­ anälen, die Schaffung von Dämmen, das Graben von immer tieferem Bergbau, Rodungen, Urbarmachung und Abholzung zur Schaffung von landwirtschaftlichen Flächen haben zu einer t­iefgreifenden Veränderung der europäischen L ­ andschaftsmorphologie ­beigetragen. Die Veränderung der Landschaft ging im Laufe der Jahrhunderte einher mit der technischen Entwicklung. Immer größere und effizientere Maschinen haben die Ausbeutung immer größerer Territorien ermöglicht. Immer fortschrittlichere ­Technologien [640] haben die Gewinnung von fossilen Reserven und Rohstoffen ermöglicht, wo dies früher nicht möglich war. Die Stadt als Konsument [514] und heterotrophes Ökosystem [513] ­ernährt sich vom Land als Produzent von Nahrungsmitteln, ­Ressourcen und Energie in immer höherem Maße. Murray Bookchin schrieb diese Worte Mitte der 1970er-Jahre: „um den ­demografischen Zuwachs zu bewältigen, muss die Landschaft optimal c­ omputergestützt und automatisiert bewirtschaftet und ­verwaltet werden. Um die immense Bevölkerung zu ernähren, die von den Städten aufgesogen wird, muss die Landwirtschaft ­industrialisiert, d. h. auf eine Fabrik reduziert werden: Dies wird erreicht, i­ndem das Land mit schädlichen Chemikalien geflutet, mit a­ norganischem Dünger gesättigt, mit gigantischen ­Erntemaschinen bearbeitet und die Landschaft eingeebnet wird“ ­(Bookchin 1974: 107). „Der ländliche Raum hat eine Revolution in der L ­ andwirtschaft und der genetischen Veränderung von Pflanzen und Tieren erlebt, um die Weltbevölkerung zu ernähren“ (Carlow, 2016: 6). Die Optimierung der städtischen Strukturen kann sich nicht ohne die Optimierung der landwirtschaftlichen

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Strukturen entwickeln. Sie sind in keiner Weise trennbar - sie waren es nie. Rem Kolhaas gründete auch ein Neologismus dafür: C ­ ountrysiding (vgl. Koolhaas et al. 2020). Um einen ­kontinuierlichen und zunehmenden Ressourcen-, Rohstoff- und Energiefluss zu den Stadtzentren zu gewährleisten, müssen die natürlichen Territorien modernisiert werden. „Der ländliche Raum diente als Abbaustätte für natürliche Ressourcen und schuf eine von Menschenhand geschaffene Landschaft von unsichtbarem Ausmaß“ (Carlow 2016: 6). Diese Transformation des l­ändlichen Raums wird sich weiter beschleunigen, da das Wachstum der ­städtischen Bevölkerung mehr Anforderungen an den ländlichen Raum stellt. Von derzeit 7,8 Milliarden Menschen werden es im Jahr 2050 schätzungsweise 10 Milliarden sein. Das Ergebnis wird ein Bedarf an höheren landwirtschaftlichen Erträgen sein, die weniger Wasser, weniger Energie und weniger Land benötigen. Andere gegenwärtige Phänomene wie Land Grabbing oder Carbon Credits weisen auf eine anhaltende Tendenz hin, in natürliche Territorien einzudringen und sie so weit wie möglich auszubeuten. 611 Manheim-Alt, Manheim-Neu / Garzweiler. Nach der Fukushima-

Katastrophe hat das Bundeskabinett am 6. Juni 2011 das Aus für acht Atomkraftwerke und den stufenweisen Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 beschlossen. Dies führte zu einer intensiveren Nutzung der Kohle und zu einer entsprechenden Ausweitung der Braunkohlegrube. Der Braunkohletagebau Hambach, die größte Braunkohlengrube Mitteleuropas, im rheinischen Revier, ist ein Paradebeispiel für diesen Prozess. Diese Kohle wird nicht, wie etwa die Steinkohle im Ruhrgebiet, unterirdisch („unter Tage“) abgebaut, sondern überirdisch in Form eines Tagebaus („über Tage“). Bei dieser Form des Abbaus wird zwangsläufig alles zerstört, was dem Tagebau im Weg ist. In der 21.000 Hektar Abbauzone des Tagebaus Hambach liegt der Stadtteil Manheim: Dieser muss nach den Plänen von RWE bis zum Jahr 2022 weichen. Dieser Prozess ist schon seit einiger Zeit im Gange: Seit 2012 wird eigentlich Manheim sukzessive umgesiedelt. Als Ersatz entstand der Umsiedlungsort Manheim-Neu. Neben Manheim sind viele weitere Standorte davon betroffen: Zwischen dem Jahr 2006 und 2038 sollen tatsächlich 12 weitere Orte, samt Kirchen, Friedhöfe, Denkmäler, Bäume, Bäche und Wälder, in der Nähe von Düsseldorf vollständig abgerissen werden (vgl. Koolhaas et al. 2020: 23).

612 Kiruna. Der Abbau von Rohstoffen bedeutet nicht nur die Um-

siedlung von kleinen Dörfern, sondern kann Folgen größeren Ausmaßes bewirken. Kiruna, die nördlichste Stadt in Schweden, mit ihren knapp 18.000 Menschen, entstand als Siedlung für das gleichnamige Eisenerzbergwerk. Der Erzabbau erfolgt in einer Lagerstätte, die schräg unter der Stadt verläuft und mit dem Fortschreiten des Abbaus werden die Stadtteile auf die Oberfläche zu unsicherem Gebiet, weil die Stadt durch das Aushöhlen der Erde einbrechen könnte. Dies erfordert innerhalb der nächsten Jahrzehnte die Umsiedlung der lokalen Bevölkerung. Damit die unter der Stadt liegenden Vorkommen weiter abgebaut werden kann, muss Kiruna komplett um fünf Kilometer nach Osten verlegt wer-

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den. Dafür sind Pläne entwickelt worden, die das teilweise Abtragen und teilweise Wiederaufbauen der Häuser an einem etwa drei Kilometer entfernten Ort vorsehen. Bis zum Jahr 2040 soll dieser Plan abgeschlossen sein. Lithium für 400 Millionen Elektroautos. Städte benötigen immer 613 größere Mengen an Energie, um am Leben erhalten zu werden. Der Übergang vom fossilen Brennstoffe-Zeitalter zum Zeitalter der erneuerbaren Energien befreit den Menschen nicht von der Notwendigkeit, die Natur anzugreifen und das natürliche Territorium zu verändern. Dieses Paradigma kann sich einfach nicht ändern. Die Veränderung der Landschaftsmorphologie bleibt konstant, wenn man Rohstoffe aus der Umwelt entnehmen will: Es werden lediglich andere Rohstoffe gesucht. Denn wie Jeremy Rifkin zeigt, haben wir im Laufe der Geschichte die am einfachsten zu fördernden Rohstoffe verbraucht, und nach und nach wurde die Gewinnung fossiler Brennstoffe immer schwieriger und teurer. Das ist bei den sogenannten erneuerbaren Energien nicht anders. Vor Kurzem wurde unter dem Rhein das größte Lithium-Vorkommen Europas entdeckt. Der Oberrheingraben liegt unter einer 300 Kilometer langen und bis zu 40 Kilometer breiten Ebene, die sich von Frankfurt bis Basel erstreckt. Unter seiner Oberfläche sind Zehntausende von Tonnen Lithium verborgen. Sie würden für die Produktion von 400 Millionen Elektroautos ausreichen und könnten Deutschland zu einem der größten Lithiumproduzenten der Welt machen. Die weltweite Nachfrage nach Lithium steigt. Derzeit verteilt sich die Produktion des Metalls allerdings zu 80 Prozent auf Chile, Argentinien und Australien. Auf diese Weise könnte Europa in den nächsten zehn Jahren zum zweitgrößten Verbraucher der Welt werden und sich aus der Abhängigkeit von den drei bisher dominierenden Exporteuren befreien. Almería. In der südspanischen Provinz Almería, welche in der 614 Region Andalusien, am Mittelmeer, liegt, ist das größte europäische Obst- und Gemüseanbaugebiet mit Gewächshäusern gelegen. Deutschland ist Almerías wichtigster Kunde: Dort lande 22 Prozent der Produktion. 2018 betrug die Einfuhr von Frischgemüse nach Deutschland circa eine Million Tonnen. Durch finanzielle Förderungen der EU wurde im Laufe der Zeit dieses Plastik-Meer, das „mar del plastico“, auf einer Fläche von rund 31. 000 Hektar aufgebaut: Dieses Agro-Industriegebiet, welche bis zu fünf Ernten pro Jahr ermöglicht, ist so groß wie Malta oder München. In den 32.000 Gewächshäusern werden jährlich 2,8 Millionen Tonnen Obst und Gemüse produziert. Die in Almería erwirtschafteten Agrargüter decken 80 % des gesamten spanischen Gemüseexports. Obwohl diese Anlage in Europa einzigartig ist, wird sie in Größe und Produktionskapazität weltweit nur von der Gewächshausanlage Bonanza-Shouguang in China übertroffen: fast doppelt so groß wie Almería und etwa 30 Mal so groß wie Manhattan, produziert sie jährlich Gemüse für 60 Millionen Menschen (vgl. Koolhaas et al. 2020: 128).

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615 Westland: Das Silicon Valley der Landwirtschaft.

Die Niederlande sind weltweit der zweitgrößte Exporteur von Agrarprodukten. Dies ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass das einzige Land, das die Niederlande übertrifft, die Vereinigten Staaten, 237-mal größer in der Landfläche sind. Dennoch exportierten die Niederlande allein im Jahr 2017 landwirtschaftliche Güter im Wert von fast 100 Milliarden Euro sowie landwirtschaftliche Produkte im Wert von 10 Milliarden Euro. Mehr als ein Drittel des weltweiten Handels mit Gemüsesaatgut hat seinen Ursprung in den Niederlanden. Westland, das Unterglas-Anbaugebiet Hollands, welches sich im Laufe der Zeit die Bezeichnung „Silicon Valley der Landwirtschaft“ verdient hat, befindet sich zwischen Den Haag, Delft und Rotterdam: Hier stehen 80 Prozent der Anbauflächen unter Gewächshausglas. Die Gewächshäuser sind in die Landschaft eingefügt und füllen die Lücken zwischen Städten, Vororten und Industrieanlagen. Hier werden Blumen, Pflanzen, Gemüse und Obst angebaut und in die ganze Welt verkauft. Das Gebiet ist dank der relativ hohen Temperaturen im Winter gut dafür geeignet. Auf die Region entfällt fast die Hälfte der Gemüseproduktion in den Niederlanden (vgl. Viviano 2017).

Die Stadt morgen: die 15 Minuten Stadt

06.02

Milliarden. Bis heute wurden auf der Erde 145 Milliarden Quadrat- 620 meter an Gebäuden errichtet. Bis 2030 werden weitere 73 Milliarden Quadratmeter neu gebaut. Dies entspricht etwa einer Milliarde Wohnungen (Cucinella 2016: 04:10-05:22). Jede Woche ziehen eineinhalb Millionen Menschen vom Land in die Städte, überall auf der Welt. Die Urbanisierung schreitet sehr schnell voran und nach Angaben des IPCC werden im Jahr 2050 mehr als 75 % der Weltbevölkerung in urbanen Zentren leben (IPCC). Die 15-Minuten Stadt. Dieses Konzept zielt darauf ab, jedem 621 Bürger die Möglichkeit zu garantieren, wesentliche Dienstleistungen von seiner Wohnung aus in fünfzehn Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen. Die 15-Minuten-Stadt [366] leitet sich zum Teil von historischen Konzepten der proximity und walkability ab, wie Clarence Perrys umstrittener neighborhood units - Nachbarschaftseinheit - dargelegt hat. Die neighborhood units Typologie kam 1923 auf. Die neighborhood units [16] sahen kompakte Wohnquartiere vor, die durch die Kombination von Dienstleistungen, Wohnungen und öffentlichen Räumen eine soziale und kulturelle Identität auf lokaler Ebene bilden sollten. Der Plan scheiterte, weil es nicht genügend Fördermittel und eine kollektive Vision gab, die von der Bundesregierung unterstützt wurde.

[16] Jane Jacobs Das Modell der 15-Minuten-Stadt weist auch Gemeinsamkeiten mit dem Modell auf, das von Jane Jacobs in The Death and Life of Great American Cities vorgeschlagen wurde.

Das Potenzial der Dezentralisierung. Im Jahr 2015, während der 622 Pariser Klimakonferenz COP21, trafen sich die Bürgermeister des C40-Städtenetzwerks, um neue alternative Wege der nachhaltigen Entwicklung im Einklang mit den Zielen des Pariser Abkommens zu diskutieren. Das neue urbane Konzept, das vor Jahren von dem Sorbonne-Professor Carlos Moreno gefördert wurde, wurde von Anna Hidalgo (Bürgermeisterin von Paris), die die 15-Minuten-Stadt in ihre Wiederwahlkampagne 2020 aufgenommen hat, und Ada Colau (Bürgermeisterin von Barcelona) popularisiert. Ihr Ziel ist es, die Entwicklung von mehr autarken [322] Gemeinden innerhalb jedes Arrondissements von Paris zu fördern. Unter dem Namen „ville de quart d‘heure“ (Viertelstundenstadt) soll die Hauptstadt in effizientere Nachbarschaften umgewandelt werden, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren und sozial und wirtschaftlich vielfältige Gebiete zu schaffen. Das Modell der 15-Minuten-Stadt spiegelt das Potenzial der Dezentralisierung in einem städtischen Kontext vollständig wider. Dies impliziert die Reorganisation der wesentlichen Dienstleistungen innerhalb von Stadtteilen, ihre Anordnung in einem definierten Radius und die garantierte Erreichbarkeit für alle.

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623 Superillen. Die heutigen Nachbarschaftseinheiten haben unter-

schiedliche Deklinationen, von der 15- oder 30-Minuten-Stadt bis hin zu den 20-Minuten-Vierteln, aber das Prinzip ist das gleiche wie 1923: Infrastrukturen und Aktivitäten neu zu programmieren, um Bereiche zu schaffen, in denen die Bürger die Möglichkeit haben, alle wesentlichen Dienstleistungen in wenigen Minuten zu erreichen. Von allen europäischen Städten ist Barcelona am weitesten fortgeschritten: Die 2016 in Barcelona begonnene Stadtsanierung, deren erste Ausführungsphase 2019 abgeschlossen wurde, wurde gemeinsam mit Einwohnern, Händlern und öffentlichen Dienstleistern durchgeführt. Eine Kooperation war fundamental für die Umsetzung. Das Ergebnis sind zwei Superillen, Sant Antoni und Poble Nou, Blöcke von 500 × 500 Metern, in denen der Verkehr ausgeschlossen ist und Dienstleistungen, Fußgängerzonen und öffentliche Bereiche aufgewertet wurden. Im Moment gibt es einige signifikante Daten aus der Analyse der Auswirkungen der Intervention, wie z. B. eine Reduzierung von NO2 (verursacht durch den Fahrzeugverkehr). In jedem Fall handelt es sich um zentrale Stadtteile, die bereits gut mit Dienstleistungen und Verbindungen versorgt sind. Das wirkliche Ergebnis dieser neuen städtischen Typologie kann erst beurteilt werden, wenn Randstadtteile und Vororte miteinbezogen werden würden (vgl. Sandigliano 2020).

Smart Cities Heute ist der Mensch Herr über den unendlichen Raum. Hans Hollein

06.03

Maschine und Megamaschine. Die moderne Epoche ist das Zeit630 alter der Maschinen. Präzision, Schnelligkeit und Genauigkeit sind von größter Bedeutung geworden. Wir fragen immer wieder: „Wie schnell wird es gehen?“ oder „Wie lange wird es dauern, bis Sie hier sind?“ Wir kommunizieren mit einer Maschine - dem Telefon. Wir lernen mit Maschinen - dem Taschenrechner, dem Computer, dem Fernseher. Wir vertrauen unsere Aufgaben den Maschinen an. Wir reisen mit Maschinen - dem Automobil, dem Flugzeug. Auch zum Sehen gibt es eine Maschine - das elektrische Licht (vgl. Rifkin 2005: 39). Auch Städte sind zu Maschinen geworden. Lewis Mumford beschrieb sie 1961 als Megamaschine [374, 631]: Diese Definition war damals negativ aufgeladen und stellte die Stadt als Quelle psychischen, ökologischen und sozialen Unwohlseins und als Generator von Kriminalität dar. 631 Ein Konzept. Die Theoretisierung der Stadt als Megamaschine kann jedoch, wenn sie von ihren negativen Konnotationen befreit wird, an das Paradigma der modernen zukünftigen Stadt erinnern, das auch als Smart City bekannt ist. Es ist allgemein anerkannt, dass Städte eine wichtige Rolle im Erdsystem spielen und dass große urbane Zentren immer schwieriger zu verwalten sind. Komplexität hat immer einen Preis [723]. Smart Cities würden eine Reihe an Verwaltungsinstrumenten bieten. Das Aufkommen des Smart Cities-Paradigmas wird allgemein mit umwelt-, energie- und sozialpolitischen Aspekten assoziiert: Es zielt sowohl ab, auf die Optimierung interner Ressourcen im städtischen Kontext (Energienetz, Wasserwiederverwendung, Abfallentsorgung) als auch auf die Notwendigkeit, politische Entscheidungen durch die Einbeziehung der Bürger zu demokratisieren. Allerdings gibt es derzeit keine einheitliche Definition von Smart Cities. Die Smart City ist in erster Linie ein Konzept und es gibt noch keine klare und einheitliche Definition unter Praktikern und Wissenschaftlern. Vereinfacht ausgedrückt ist eine Smart City ein Ort, an dem traditionelle Netzwerke und Dienstleistungen durch den Einsatz von Informations-, Digital- und Telekommunikationstechnologien flexibler, effizienter und nachhaltiger gestaltet werden, um die Abläufe zum Wohle der Einwohner zu verbessern. Diese Komponenten würden die Städte intelligent und effizient machen. Informationsund Kommunikationstechnologie (IKT) sind der Schlüssel für die Umwandlung traditioneller Städte in Smart Cities. Die beide eng miteinander verbundene aufstrebende Technologie-Frameworks Internet der Dinge (IoT) und Big Data (BD) machen Smart Cities effizient und reaktionsschnell. Der Einsatz von IKT in Städten in

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verschiedenen Formen für unterschiedliche städtische Aktivitäten hat zu einer erhöhten Effektivität der städtischen Abläufe geführt und diese Städte wurden mit vielen Begriffen wie cyberville, digital city, electronic city, flexicity, information city, telecity, wired city und smart city bezeichnet. In jüngster Zeit ist von einer Wise City die Rede, die mit diesem Adjektiv versucht, der Stadt einen weiseren und ein wenig intelligenten Charakter zuzuschreiben. Smart City ist die größte Abstraktion unter den verwendeten Bezeichnungen, da sie andere für Städte verwendete Bezeichnungen umfasst (vgl. Chourabi et al. 2012: 2289)

die Ressourcen durch autonome IT-Systeme optimal zu regeln und zu steuern.“ LIVING PLANIT beschreibt ihr Vorhaben als: „[...] ein komplettes Bild des Gebäudezustands, der Nutzung und des Betriebs [...], das kontinuierlich gepflegt wird und eine ständige Optimierung von Energie, Ressourcen, Umwelt und Systemen zur Unterstützung und zum Komfort der Nutzer ermöglicht“ (vgl. Greenfield 2020: 03:23-07:02).

632 Notwendigkeit. Die Weltbevölkerung hat in den letzten Jahrzehn-

ten deutlich zugenommen und damit auch der Anspruch an den Lebensstandard. Es wird prognostiziert, dass bis zum Jahr 2050 etwa 70 % der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten leben werden. Gegenwärtig verbrauchen Städte 75 % der weltweiten Ressourcen und Energie, was zur Erzeugung von 80 % der Treibhausgase führt. Somit kann es in den nächsten Jahrzehnten zu erheblichen negativen Auswirkungen auf die Umwelt kommen. Dies macht das Konzept der Smart Cities zu einer Notwendigkeit. In Europa gibt es 7.700 von weltweit 9.000 Smart City-Kandidaten mit einer Bevölkerungszahl von 250 Millionen Menschen (vgl. ebd. 2012, p. 2). Die Entwicklung von Smart Cities ist eine natürliche Strategie, um die Probleme zu mildern, die durch die schnelle Urbanisierung und das Wachstum der Stadtbevölkerung entstehen. Trotz der damit verbundenen Kosten können Smart Cities, sobald sie implementiert sind, den Energieverbrauch, den Wasserverbrauch, die Kohlenstoffemissionen, den Transportbedarf und den städtischen Abfall reduzieren. Das bedeutet, dass sie in der Lage sind, den urbanen Metabolismus der Städte, auf die sie sich beziehen, zu verbessern. Die Smartcity ist eine Antwort auf Probleme, die sich aus der Expansion der Städte ergeben. Die Aufgabe der Smart City besteht also darin, die in den Städten steigende Zunahme an Entropie zu verringern.

633 Definitionen der Protagonisten. Die Protagonisten selbst haben

unterschiedliche Definitionen gegeben, aber irgendwie folgen sie alle dem gleichen Faden. IBM beschreibt ihre städtische Initiative als Technologie: „[...] die Bemühungen zwischen Akteuren und Behörden synchronisiert und analysiert, während sie stattfinden, und den Entscheidungsträgern konsolidierte Informationen zur Verfügung stellt, die ihnen helfen, Probleme zu antizipieren (und) Wachstum und Entwicklung in einer nachhaltigen Art und Weise zu managen, die Störungen minimiert und dazu beiträgt, den Wohlstand für alle zu erhöhen“. CISCO beschreibt seine Bemühungen als: „[...] die nahtlose Integration von öffentlichen und privaten Diensten, die über eine gemeinsame Netzwerkinfrastruktur für Privatpersonen, Behörden und Unternehmen bereitgestellt werden.“ SIEMENS beschreibt seine Ideen folgendermaßen: „In einigen Jahrzehnten werden Städte über zahllose autonome, intelligent funktionierende IT-Systeme verfügen, die die Gewohnheiten und den Energieverbrauch der Nutzer perfekt kennen und einen optimalen Service bieten. Das Ziel einer solchen Stadt ist es,

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06.04

Technologische Sprünge Oft liegen die Hauptursachen für Probleme in ­denselben ­technologischen Errungenschaften, die zu ihrer Lösung ­herangezogen werden und neue kaskadenartige Probleme ­schaffen. Zygmunt Bauman 640 Zusammenhänge. Die Entstehung und Entwicklung von Städten

kann nur im Zusammenhang mit der Entwicklung des technologischen Fortschritts beobachtet werden. Technologie ist ein ständiges Aufbrechen von Barrieren, sowohl räumlich als auch zeitlich. Sie verringert die Distanzen und somit auch die Zeit, die zum Zurücklegen derselben Distanzen benötigt wird. Es ist der technologischen Entwicklung zu verdanken, dass sich der Mensch im Laufe der Zeit immer größere Naturräume aneignen konnte und sich für fähig hält, die Natur zu beherrschen, von der er in Wirklichkeit nur ein einfacher Organismus ist. Die Domestizierung der Natur [350, 424] wäre ohne den kontinuierlichen und stetigen technologischen Fortschritt nicht in dem Maße möglich gewesen, wie wir sie heute kennen. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Fortschritt der Technologien und der Organisation von Räumen. Neue räumliche Organisationen, aus denen sich neue soziale Konfigurationen entwickeln, sind eine direkte Folge der technologischen Transformationen. Die beiden Prozesse sind eng miteinander verwoben. Jeder Technologiesprung verändert das Verhältnis des Menschen zu dem ihn umgebenden Raum und fördert gleichzeitig neue organisatorische und soziale Strukturen, die sich in diesem Raum entwickeln und verwirklichen können. Wie im Verlauf der Arbeit argumentiert wurde, verändert jeder Technologiesprung das Verhältnis zwischen Stadt und Land, indem bei jedem Sprung die Fähigkeiten, Ressourcen und Rohstoffe in der Ökosphäre zu finden, zu sammeln und zu nutzen, inkremental aufgebessert werden. Jeder Technologiesprung erhöht auch die Menge an Rohstoffen und Ressourcen, die der Ökosphäre entnommen und in die Technosphäre transformiert werden können. Jede Technologie, die entwickelt und eingeführt wird, bringt neben Modifikationen auf geografischer und territorialer Ebene auch weitere Veränderungen auf sozialer Ebene mit sich: Während neue Berufe, Spezialisierungen und Gewerbe entstehen, gehen andere zurück, verschwinden oder werden zu Nischenaktivitäten. Das Werkzeug macht das Handwerk (Bloch 1959).

641 Kenntnisse. Die Erfindung des Pfluges führte zunächst dazu, dass

die Landwirtschaft von intensiv auf extensiv umgestellt wurde (vgl. Bookchin 1974: 33) und eine erste kleine Form des Überschusses in Form von bescheidenen Mengen an zu lagerndem Getreide entstand. Die Bearbeitung von Keramik und die ersten Gefäße sind eine Erfindung der Jungsteinzeit und ihr ist die Lagerung und die Aufbewahrung des ersten produzierten Überschusses zu verdanken. Erst einmal hinter Zäunen, dann in steinernen Befestigungen wurden die ersten Sammelgüter angelegt. Im 11.

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Jahrhundert der schwere Pflug – Streichblechpflug -, das Joch und die Hufeisen führten zu einer drastischen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Mit dem Schultertragegurt stieg die Zugkraft eines Tieres um das Achtfache von 500 auf 4000 Kilogramm. Die erste wirkliche Anhäufung von landwirtschaftlichen Überschüssen, die einen konstanten Handel zwischen den Städten und deren Entwicklung und Wachstum ermöglichte, entstand in Europa zwischen dem 9. und 10. nachchristlichen Jahrhundert. Der Wohlstand der Städte ging mit einer zunehmenden Urbanisierung und einem Bevölkerungswachstum einher. Um die Bevölkerung zu ernähren, musste immer mehr Land bewirtschaftet, gerodet und urbar gemacht werden. Dies führte zu drastischen Veränderungen in der Landschaftsmorphologie Europas. Zunehmend fortgeschrittene Kenntnisse im Schiffbau und der Kompass ermöglichten im frühen Mittelalter den Seehandel und knüpften ein Netz von Beziehungen zwischen Städten, die Tausende Kilometer voneinander entfernt waren. So stand Venedig in ständigem Kontakt mit Byzanz (Konstantinopel), während Genua mit Pisa und Amalfi konkurrierte. Burges und Amsterdam wurden ebenfalls Seemächte. Die Hanse beherrschte die Nordmeere (vgl. Van Boom 2019). Energiewandler. Die Technologie ist keine autonome und unab642 hängige Kraft, sie ist lediglich ein Energiewandler. Die größten Möglichkeiten des technologischen Fortschritts [640] sind in der Tat durch die qualitative Veränderung der Energiequellen entstanden. Die Dampfmaschine, die technologische Grundlage der industriellen Revolution, wurde erfunden, um die Energie des Erdreiches, die Kohle, zu nutzen (vgl. Rifkin 2005: 113). Sie ermöglichte den ersten täglichen Handel zwischen den Städten der Spätrenaissance und den landwirtschaftlichen Gebieten. Aufklärung und industrielle Revolution haben zu weiteren Erfindungen geführt: Der Dreschmaschine, dem Mähbinder, der Baumwollentkörnungsmaschine, dem Dampftraktor und dem schmiedeeisernen Pflug mit stählernen Schneidkanten, sowie Fortschritten in Sachen Fruchtwechsel und zur zunehmenden Verwendung von industriell produzierten Düngmittel (vgl. West 2019: 354). All diese Erfindungen erhöhten massiv die Menge an Nahrung, die aus dem Boden gewonnen werden konnte. Die Produktion und die Bevölkerung wuchsen weiter, mehr Land wurde bewirtschaftet. Die erste industrielle Revolution erzeugte die ersten Migrationswellen in den Städten, die zweite industrielle Revolution verstärkte sie: Slums, Elend und katastrophale Hygiene waren die ersten Anzeichen der Entwicklung an den Rändern der Städte am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Zeitalter der industriellen Revolution brachte gleichzeitig großen Reichtum und große Armut (vgl. Lovelock, 2020, p. 44). Zeit und Raum. Henry Ford und das Model T ermöglichten das erste Pendeln in den Vereinigten Staaten und brachten zuwege, sich täglich und vor allem individuell fortzubewegen. Das Auto repräsentierte in seiner ursprünglichen Form die Unabhängigkeit des Menschen von seiner geografischen Lage: Der Mensch hatte sich zu einem vernünftigen Preis die Bewegungsfreiheit erobert

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und war in der Lage, autonom Distanzen zu überwinden (vgl. Ratti und Claudel 2017: 65). Mitte des 20. Jahrhunderts, ermöglichten Linienflüge die Entwicklung des globalen Tourismus und belebten die Tourismusindustrie. Entwicklungen in der Luftfahrttechnik und später Billigflüge, die Ende der Neunzigerjahre aufblühten, erhöhten den Touristenstrom drastisch, wodurch die Städte auf einmal sehr nah beieinander lagen. Die Concorde schaffte die Strecke London-New York in dreieinhalb Stunden. 644 Tod der Distanz. Die Digitalisierung bringt tiefgreifende Verände-

rungen in allen Lebensbereichen mit sich. Das Aufkommen des Internets und die Digitalisierung haben die räumlich-geografischen Distanzen endgültig aufgelöst und das Verhältnis zwischen Mensch und der Dialektik Stadt-Land neu geschrieben. „Stadt und Land bedingen sich immer stärker gegenseitig“ (Carlow 2016: 9). „Die vorherrschende Meinung in den 90er-Jahren war, dass es keine Distanz mehr geben würde“ (Ratti and Claudel, 2017, p. 15). Es galt die These, dass Informationen augenblicklich überall und an jeden übertragen werden können, da alle Orte gleichwertig sind. Wenn ich vernetzt bin, was spielt es dann für eine Rolle, wo ich bin? (vgl. ebd.: 15). Die Ökonomin Frances Cairncross hat diese Tendenz auf die Spitze getrieben und den „Tod der Distanz“ theoretisiert (vgl. ebd.: 15). Solche Visionen waren ebenso erwartungsvoll wie romantisch durchzogen. Der Mensch ist ein soziales Tier, und obwohl ihm alle notwendigen Mittel zur Verfügung stehen, um sich zu distanzieren, wird er immer versuchen, die Fundamente und allgemeinen Merkmale einer Gemeinschaft aufzubauen und zu rekonstruieren.

645 Moore Gesetz. 1965 veröffentlichte Gordon Moore, Mitbegrün-

der der Siliziumchip-Firma Intel, ein berühmtes Papier, in dem er vorhersagte, dass sich die Anzahl der Transistoren, die auf einem integrierten Schaltkreis platziert werden können, jedes Jahr verdoppeln würde. Bekannt als Moore‘s First Law impliziert diese Aussage, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Prozessoren und die Kapazität des Siliziumchips exponentiell wachsen. Mit einigen Abweichungen (es dauert etwa zwei Jahre, um die Anzahl der Transistoren zu verdoppeln) erwies sich Moores Vorhersage als richtig, und die von ihm vorhergesagte Geschwindigkeitssteigerung hat sich seit mindestens vierzig Jahren stetig fortgesetzt. Wenn man denkt, dass dies kein sehr relevantes Ergebnis ist, sollte man überlegen, dass eine Verdopplung der Geschwindigkeit in zwei Jahren eine tausendfache Steigerung in zwanzig Jahren und eine trillionenfache Steigerung im Laufe eines Menschenlebens (80 Jahre lang circa) bedeutet. Einige sagen, dass der Prozess aufhören wird, wenn die physikalischen Grenzen von Silizium erreicht werden wird. Das ist möglich, aber es ist wahrscheinlicher, dass die Chips der Zukunft auf Kohlenstoff basieren werden; ein Diamant-Chip könnte eine Geschwindigkeit erreichen, die alles übertrifft, was heute vorstellbar ist (vgl. Lovelock 2020: 50).

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Technologischer Fortschritt, Jevons Paradox oder Reboud Effekt. 646 Wie Foster und Clark uns daran erinnern (The Ecological Rift: Capitalism‘s War on the Earth, 2011), neigt der technologische Wandel im Kapitalismus dazu, grünere Technologien zu entwickeln. Im Laufe der industriellen Revolution zum Beispiel wurde jede nachfolgende Generation von Dampfmaschinen mit der Zeit grüner und sie verbrauchte weniger Kohle pro Produktionseinheit als die vorherige. Die Gesamtmenge der in England verbrannten Kohle stieg dennoch an. William Stanley Jevons erklärte in The Coal Question (1865), dass eine verbesserte Effizienz bei der Nutzung der Kohle die Kohle als Energiequelle kostengünstige und damit für die Verbraucher wünschenswerter machte. ­ Er argumentierte, dass eine höhere Effizienz bei der Ressourcennutzung häufig zu einem höheren Ressourcenverbrauch führt (vgl. Clark und York 2005: 411). Dieses Jevons-Paradox ist leicht zu erklären: Die Erhöhung der Anzahl der produzierten Einheiten überwältigt die Reduzierung des Kohleverbrauchs pro Einheit, was dazu führt, dass insgesamt mehr Kohle verbrannt wird. Auch Rebound-Effekt genannt, das Jevons Paradox stellt ein Paradebeispiel für das positive Feedback (reinforcing Feedback) in der Systemtheorie. Die deutliche Vergrößerung der Straßenkilometer oder der Bau von Hunderten von Kreisverkehren hat das Verkehrsproblem nicht behoben: Im Gegenteil, es hat sich stetig verschärft, denn letztlich hat all dies die Nutzung des Autos gefördert. In ähnlicher Weise haben alle Innovationen, die Automotoren aufgrund steigender Kraftstoffpreise effizienter gemacht haben, zu einer gesteigerten Produktion und einem erhöhten Verkaufsvolumen von verbrauchsintensiven, energiereichen Autos (SUVs, Pick-ups) geführt. Energieeffiziente Innovationen haben den Brennstoffverbrauch auf der Mikroebene, d. h. einer einzelnen Einheit, effizienter gemacht, aber den Gesamtverbrauch auf der Makroebene, d. h. der Gesellschaft als Ganzes, erhöht. Das Jevons Paradox ist daher die Ausgangslage für den rasanten Prozess, den das gesamte Weltproduktionssystem heute durchläuft. Es besteht die dringende Notwendigkeit, konkrete Antworten darauf zu finden, wie eine nachhaltige Entwicklung erreicht werden kann, ohne den derzeit erreichten Wohlstand zu beeinträchtigen (vgl. ebd.: 411).

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07

System Theorie Technocentrism and Ecocentrism

700 Grundprinzipien. Dieses Kapitel hat zwei Ziele. Zunächst geht

es darum, einige andere Schlüsselkonzepte der Systemtheorie zu verdeutlichen, die im Text zwar angedeutet, aber nicht ausführlich behandelt wurden. Zweitens zielt es darauf ab, die konzeptionellen Verbindungen zwischen Systemtheorie und Systemdesign zu verdeutlichen und in einer synthetischen Weise zu erklären, wie sich die Erstere zur Letzteren entwickelt hat und wie diese beiden Disziplinen folglich die gleichen Grundprinzipien teilen.

701 Definitionen. Es gibt unzählige Definitionen und Auffassungen

darüber, was genau ein System ist: Sie sind so unterschiedlich, wie sie völlig ähnliche Charaktere aufweisen. Trotz der Bedeutung von Systemkonzepten und der Aufmerksamkeit, die sie erhalten haben, haben wir noch keine einheitliche oder integrierte Menge (d. h. ein System) solcher Konzepte. Unterschiedliche Begriffe werden verwendet, um sich auf die gleiche Sache zu beziehen, und der gleiche Begriff wird verwendet, um sich auf unterschiedliche Dinge zu beziehen (vgl. Ackoff 1971: 661). Diese Behauptung hat ihre Gültigkeit nicht verloren, obwohl sie mehrere Jahrzehnte alt ist. „Allgemein betrachtet, ein System ist etwas, das aus Teilen besteht, die miteinander verbunden sind, in dynamischer Wechselwirkung zueinanderstehen und innerhalb bestimmter Grenzen zu einem g­ emeinsamen Verhaltensprogramm zusammenarbeiten ­können. Dieses Ziel muss auf die Erhaltung der Stabilität [722] ausgerichtet sein; dies scheint das Hauptziel aller zur Selbstregulierung fähigen Systeme zu sein, die die Ökosphäre bilden“ (Goldsmith und Allen 1972: 95).

net ist, sondern als einen Organismus, der durch Prinzipien, Gesetze, Regeln und Rekursivität reguliert wird, die die Gesamtheit seiner konstituierenden Komponenten umfassen. Die allgemeine Systemtheorie entwickelt sich als Alternative zum klassischen rationalistischen Ansatz (Aristoteles, Galilei, Descartes), nach dem die einzelnen Teile untersucht und dann addiert werden, unter der Annahme, dass das relationale Verhalten linearer Natur ist. Jede Wirkung ist Ursache. Die Denkweise, dass A die Ursache 704 von B ist, ist eindimensional und linear, während die Realität ­mehrdimensional und nicht linear ist. Wie Lovelock hinweist, „brauchen wir nur über unser eigenes Leben zu reflektieren, um zu sehen, wie absurd es ist, zu denken, dass alles als einfacher linearer Prozess von Ursache und Wirkung erklärt werden kann“ (Lovelock 2020: 26). Zu lange haben wir uns daran gewöhnt, einzelne isolierte Ereignisse zu betrachten, die jeweils von einer präzisen einzelnen Ursache abhängen. Aber in der Ökosphäre ist jede Wirkung auch eine Ursache: Der Kot eines Tieres oder sein Kadaver werden zur Nahrung für die Bakterien im Boden; die Ausscheidungen der Bakterien wiederum ernähren die Pflanzen, und die Tiere fressen die Pflanzen [...] Wir haben den Kreislauf des Lebens unterbrochen, indem wir seine endlosen Zyklen in lineare menschliche Ereignisse verwandelt haben (vgl. Commoner 1972: 23). System Theorie ist gegen jeden Versuch eines mechanistischen Reduktionismus, gegen das Konzept von Ursache-Wirkung, gegen die Zerlegung der Wirklichkeit in voneinander isolierte Teilchen. Sie legt den Akzent auf den globalen Aspekt des Wissens, auf die strukturelle Komplexität des Ganzen, der Organismen und auf die zwischen den verschiedenen Phänomenen bestehenden Wechselwirkungen. System Theorie wird als die Wissenschaft von Prinzipien beschrieben, die auf Systeme im Allgemeinen anwendbar sind, unabhängig von ihrer Art, ihrer Skala, ihren Komponenten und den Kräften, die sie steuern.

702 Systemansätze. Systemansätze gibt es in den verschiedensten

Wissenschaften. In der Biologie nach Maturana und Valera, in der Soziologie durch Luhmann, in der Ökonomie nach Keynes, in der Psychologie durch Powers und in der Kybernetik nach Wiener und Ashby. Des Weiteren existieren ein kommunikationstheoretischer Ansatz (Watzlawick), ein ökologischer Ansatz (Lotka, Volterra, Vester, Odum), systemisches Management (Senge, Gomez, Probst) sowie die „System Dynamics“ nach Forrester und die „Allgemeine Systemtheorie“ nach Bertalanffy und Rapoport (vgl. Wagner 2002: 9).

703 Komplex. Trotz der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit der Sicht-

weisen dieser Theorie, ist es möglich, einige ihrer Grundkonzepte und Hauptmerkmale zu umreißen. Die allgemeine Systemtheorie betrachtet die Welt nicht als einen chaotischen Komplex von Elementen, der durch das Gesetz der linearen Kausalität gekennzeich-

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07.01

Bogdanov, von Bertalanffy, Ackoff Heute ist der Mensch Herr über den unendlichen Raum. Hans Hollein 710 Gründung. Es ist möglich, die Gründung der Systemtheorie auf

[N17] Tektologie Das Wort „Tektologie“ wurde von dem deutschen Mediziner und Zoologe Ernst Haeckel geprägt, aber Bogdanov verwendete es in einem anderen Kontext.

zwei Hauptfiguren zurückzuführen: Alexandr Bogdanov und Ludvig von Bertalanffy. Ersterer gilt gemeinhin als der Vorreiter, Letzterer als der Gründer der Systemtheorie. Aleksandr Bogdanov war ein russischer Revolutionär, Philosoph und Naturwissenschaftler. Er wurde 1873 geboren, studierte Medizin an der Moskauer Universität und wurde 1904 zum Gründer der Bolschewiki. Er entwickelte die ‚Tektologie‘ - die Wissenschaft der Organisation. Die Tektologie beschreibt eine Disziplin, die darin bestand, alle sozialen, biologischen und physikalischen Wissenschaften zu vereinen, indem man sie als Systeme von Beziehungen betrachtete und nach den Organisationsprinzipien suchte, die allen Systemen zugrunde liegen. Er hat nicht nur die Ideen von Ludwig von Bertalanffy, der mit seiner Arbeit vertraut gewesen sein muss, vorweggenommen und wahrscheinlich in gewissem Maße beeinflusst, sondern auch viele der Ideen der Komplexitätstheorie antizipiert. ­­ Die Allgemeine Organisationslehre: Tektologie [N17] wurde in Russland zwischen 1912 und 1917 veröffentlicht und in 1926 auf Deutsch übersetzt. Aber erst Ludwig von Bertalanffys Studien haben ab den Vierzigerjahren bis zur Veröffentlichung seiner „General System Theory“ (häufig GST abgekürzt - 1968) das Systemdenken zu einer wissenschaftlichen Bewegung gemacht. Der Biologe versuchte, auf der Grundlage des methodischen Holismus, gemeinsame Gesetzmäßigkeiten in physikalischen, biologischen und sozialen Systemen zu finden und allgemeiner Prinzipien herauszuarbeiten und zu formalisieren. Prinzipien, die in einer Klasse von Systemen gefunden werden, sollen auch in anderen Systemen zu beobachten sein. Dazu zählen zum Beispiel: Komplexität [723], Gleichgewicht [320], Rückkopplung [725], ­Selbstorganisation und Stabilität [722]. Die Systemtheorie ist demnach eine M ­ etatheorie, welche eine Zusammenführung von ­unterschiedlichen ­Wissensgebieten ermöglicht und weithin anwendbar ist (vgl. Wagner 2002: 20).

711 Bogdanov. Bogdanov versuchte, die Grundlagen für eine neue,

postkapitalistische Kultur und Wissenschaft zu schaffen. Seine Theorie der Tektologie war untrennbar mit einer politischen Weltanschauung verbunden. Diese Wissenschaft würde die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften überwinden und die Arbeiter befähigen, sich selbst und ihre produktive Tätigkeit zu organisieren. Sie wäre zentral für die Kultur einer Gesellschaft, in der die Klassen- und Geschlechtergrenzen überwunden sind. Gleichzeitig würde sie die Menschen von dem deformierten Denken der Klassengesellschaften befreien und sie befähigen, sowohl

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die Grenzen als auch die Bedeutung ihrer Umwelt und anderer Lebensformen zu erkennen (vgl. Gare 2000: 341). Wie Milan Zeleny über Bogdanovs Begriff der „Komplexe“ (ein Begriff, den er austauschbar mit „Systemen“ verwendet) feststellte, handelt es sich „nicht einfach um eine Sammlung, ein Aggregat von Komponenten und deren Beziehungen“. Es ist „ein Prozess oder ein kontinuierlicher Fluss von unabhängigen, Komponenten produzierenden Prozessen, die in sich selbst auslösenden Kreisen des Aufund Abbaus verkettet sind. ... Es existiert oder interagiert nicht mit seiner Umgebung: Es ist strukturell mit seiner Umgebung gekoppelt und entwickelt so seine eigene Umgebung, während es sich mit ihr mitentwickelt (vgl. ebd.: 353). Es könnte wahrscheinlich keine treffendere Definition geben, um die Stadt-Land-Dichotomie widerzuspiegeln und die Prozesse des gegenseitigen Austauschs zu beschreiben, die tief in ihrer Beziehung verwurzelt sind. Bertalanffy. Bertalanffy bietet eine Definition von System an, die 712 sich nicht allzu sehr von der von Bogdanov unterscheidet. Für Bertalanffy „ein System ist ein Komplex von interagierenden Elementen, welche offen zu ihrer Umwelt sind und in Wechselwirkung damit stehen. Außerdem können sie durch Emergenz qualitativ neue Eigenschaften erlangen, sodass sie sich in einer kontinuierlichen Evolution befinden“. Ackoff. Mitte der 1960er-Jahre bot der amerikanische Russell 713 Ackoff, Organisationstheoretiker und Pionier auf dem Gebiet des Systemdenkens, wiederum eine Definition des Systems an, die noch mit den vorherigen kompatibel ist: Für Ackoff ist ein System „eine Menge von miteinander in Beziehung stehenden Elementen. Jedes Element eines Systems ist mit jedem anderen Element verbunden, direkt oder indirekt [...] Die Umwelt eines Systems ist eine Gesamtheit von Elementen und deren relevanten Eigenschaften, die nicht Teil des Systems sind, deren Änderung aber eine Änderung des Zustands des Systems bewirken kann. Die Umgebung eines Systems besteht also aus allen Variablen, die seinen Zustand beeinflussen können. Die Umwelt eines Systems ist eine Gesamtheit von Elementen und deren relevanten Eigenschaften, die nicht Teil des Systems sind, deren Änderung aber eine Änderung des Zustands des Systems bewirken kann. Die Umgebung eines Systems besteht also aus allen Variablen, die seinen Zustand beeinflussen können (Ackoff 1971: 662–663). Kompatibilität. Obwohl es leichte Abweichungen in den vor714 gestellten Definitionen gibt, können alle drei verwendet werden, um die auf den vorangegangenen Seiten dargestellte Beziehung zwischen Stadt und Land zu beschreiben und abzubilden. Alle drei vorangegangenen Definitionen sind tatsächlich mit dem oben beschriebenen Stadt-Land-Modell kompatibel und beschreiben das Verhalten der Stadt zur Umwelt deutlich. Beides deutet auf das Vorhandensein einer externen Umwelt und eines kontinuierlichen Austausches hin, der für die Aufrechterhaltung des Stadtsystems selbst notwendig ist. Abhängig von den Theorien gibt es verschiedene Kategorien und Typologie von Systemen: die gebräuchlichs-

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ten und am häufigsten verwendeten sind die von geschlossenen und offenen Systemen: Erstere sind nach innen gerichtet und existieren fast ausschließlich als Abstraktionen, sie sind fast immer nur theoretische Modelle, letztere stehen im Austausch mit ihrer Umgebung. Städte sind, wie Organismen, seit jeher offene Systeme.

Hauptmerkmale komplexer Systeme

07.02

Emergenz. Eines der Hauptmerkmale komplexer Systeme ist die 720 Tatsache, dass es sich um neu emergente Realitäten handelt. Die Stadt selbst als komplexes System wurde vor Kurzem als eine emergente Entität definiert. Aber was bedeutet das? Das bedeutet, dass die von den Bewohnern angenommenen Verhaltensweisen ein koordiniertes Aktivitätszusammenspiel [420, 539.2, 722] darstellen, welche ein dynamisches Gleichgewicht erzeugen, welches nur durch eine Analyse auf einer höheren Ebene als der der einzelnen Teile verstanden werden kann. Mit anderen Worten: Aus scheinbar unverbundenen Einzelaktionen entsteht eine neue Ordnung. Das Endergebnis ist größer als die Summe der einzelnen Teile. Emergenz (lateinisch emergere Auftauchen, Herauskommen, Emporsteigen) [343] bezeichnet also die Möglichkeit der Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente. Dabei lassen sich die emergenten Eigenschaften des Systems nicht – oder jedenfalls nicht offensichtlich – auf Eigenschaften der Elemente zurückführen, die diese isoliert aufweisen. Das Ganze. Das Ökosystem als Ganzes hat emergente 721 ­Eigenschaften, die sich von denen der einzelnen Arten ableiten und seine Erhaltung und Evolution bestimmen (Odum 1977; Salt 1979). „Das Ganze ist nicht einfach durch die Summe seiner Teile gegeben, sondern hat spezifische Eigenschaften“, wie es in der populären Version der Gestalttheorie formuliert ist. Diese spezifischen Eigenschaften entsprechen den emergenten Eigenschaften. Städte sind emergente, komplexe adaptive soziale Netzwerksysteme, die aus der permanenten, durch Rückkopplungsmechanismen [725] des städtischen Lebens erleichterten und erweiterten Interaktion ihrer Bewohner erwachsen (vgl. West 2019: 387). Stabilität. Unser Überleben hängt von der Vorhersagbarkeit der 722 ökologischen Prozesse ab. Ökologische Prozesse sind vorhersehbar, weil alle Ökosysteme zur Stabilität neigen. Sie sind umso stabiler, je differenzierter und komplexer sie sind. Je größer die Anzahl der Arten ist, desto enger sind sie miteinander verbunden und desto stabiler ist ihre Umwelt (vgl. Nebbia 2016: 18). Stabilität kann definiert werden als die Fähigkeit eines Systems, seine Haupteigenschaften zu erhalten, d. h. bei Änderungen in der Umwelt zu überleben. In einem stabilen System werden Änderungen daher nur minimal auftreten und nur dann stattfinden, wenn es notwendig ist, sich an eine Veränderung der Umwelt anzupassen (vgl. Goldsmith und Allen 1972: 95–96). Ausgehend von der Definition von Robert Goldsmith kann man eine Vielzahl von Ten-

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denzen erkennen, die Unordnung schaffen und das urbane System und das darin enthaltene soziale System destabilisieren. Vielmehr werden sie durch permanente und kontinuierliche Veränderungen untergraben. Wenn Stabilität das Überleben eines Systems sichert, können wir sagen, dass man weit von diesem optimalen Zustand entfernt ist. Im Lichte der auf den vorangegangenen Seiten vorgenommenen Analyse und somit innerhalb der Stadt-Land-Dichotomie bleibend, ist es leicht Anzeichen zu erkennen, die kontinuierlich auf die Destabilisierung dieser Beziehung hindeuten: Dies ist der Fall von Manheim [611], von Kiruna [622], von der kontinuierlichen Zufuhr [513] von Ressourcen aus entfernten Gebieten, vom Fehlen von Regelungen, von Mangel an Koordinierung [420] nicht nur innerhalb derselben territorialen Grenzen, sondern (überhaupt) auch darüber hinaus, vom unkontrollierten Wachstum [423]. Das Smart-City-Paradigma würde, sobald es realisiert ist, unter anderem das Ziel verfolgen, für Stabilität im städtischen Kontext zu sorgen. Dies scheint, angesichts der gegebenen Definitionen, der Hauptzweck von Smart Cities zu sein. Sie würde viele der derzeit ablaufenden Prozesse stabilisieren, vor allem im Management der ein- und ausgehenden Ressourcen und so den Stoffwechsel der Stadt verbessern und die darin enthaltenen sozialen Strukturen neu organisieren. 723 Komplexität. Wie Joseph Tainter in einem Vortrag über den Zu-

sammenbruch komplexer Gesellschaften sagt, ist Komplexität niemals kostenlos: „In der Welt der komplexen Systeme gibt es nichts wie einen kostenlosen Topf“ (Tainter 2005: 02:20-02:35). Komplexität [631] hat immer einen Preis: Sie hat immer einen metabolischen Preis und einen energetischen Preis. Eine Erhöhung der Komplexität in einer Gesellschaft oder Institution führt immer zu einer Erhöhung der Kosten. Einer der häufigsten Trends in der Geschichte der Menschheit war in den letzten 12.000 Jahren eine unaufhaltsame Zunahme der Komplexität der menschlichen Gesellschaften und Institutionen (vgl. ebd. 2005). Die kontinuierliche Vergrößerung der Städte hat zweifelsohne zu einer immer größeren strukturellen Komplexität beigetragen: Wie Mumford anmerkt, Städte sind längst zu Megamaschinen [374] geworden. Der kontinuierliche Ressourcen-, Nahrungs-, Rohstoff- und Energiezufuhr [513] hat sich in eine stetige Steigerung der Komplexität verwandelt. Städte durchlaufen kontinuierliche Reorganisationsprozesse von innen heraus, um sich an die zunehmende Komplexität anpassen zu können. Aber diese Steigerung der Komplexität und die fortschreitende Akkumulation konnten sich nicht ohne ein Gegenstück entwickeln. Die Zunahme der Komplexität und die damit verbundene Zunahme der Masse der Technosphäre [344] hat zu einer Abnahme der Komplexität in der Ökosphäre geführt. „Die Ökosphäre ist der einzige Teil des globalen Systems, der nicht durch menschliche Arbeit entstanden ist. Sie ist älter als die Anwesenheit von Menschen auf der Erde; ihre grundlegenden Eigenschaften wurden lange vor dem Erscheinen von Menschen festgelegt. Und im Gegensatz zu den menschlichen Bereichen des Systems ist die Ökosphäre [344] von vornherein nicht in der Lage, ständig zu wachsen oder zu expandieren“ (vgl.

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Commoner 1972: 117). Die Komplexität ist die wichtigste Eigenschaft der Ökosphäre: Wenn sich die Komplexität verringert, kann das nur zur Degradierung der Ökosphäre führen. Komplexität und Stabilität sind in komplexen Systemen unzertrennlich. Im Bereich der Biologie zum Beispiel lässt sich beobachten, dass je größer die Zahl der Tier- und Pflanzenarten ist, aus denen ein Ökosystem besteht, desto wahrscheinlicher ist es, dass es stabil ist, weil in einem solchen System jede ökologische Nische besetzt ist. Das bedeutet, dass jede mögliche notwendige Funktion innerhalb des Systems von einer Art ausgeführt wird, die sich darauf spezialisiert hat. Es bedeutet auch, dass keine Art, die Teil des Systems ist, dazu neigt, sich über ihre optimale Größe hinaus zu vergrößern (vgl. Goldsmith und Allen 1972: 104). Jede Art kennt ihre Grenzen und expandiert nicht über diese hinaus. Diversität. Die biologische Evolution hat zur Entstehung und 724 Entwicklung von etwa dreißig Millionen Pflanzen- und Tierarten geführt, die soziale Evolution zur Entwicklung komplexer sozialer Gruppierungen und zu einer großen Vielfalt verschiedener ethnischer Gruppen, die jeweils an die Umgebung angepasst sind, in der sie entstanden sind. Der Fortschritt, wie wir ihn kennen und akzeptieren, verläuft genau in die entgegengesetzte Richtung: Klimax-Ökosysteme werden zerstört und durch eine Reihe von immer weniger komplexen Systemen ersetzt. Betrachtet man das dramatischste Beispiel für diesen Prozess: die Zerstörung von Waldökosystemen. Jahrtausende alte Primärwälder werden durch Sekundärwälder, dann durch Plantagen mit schnell wachsenden exotischen Bäumen und Weiden und schließlich durch städtische Zersiedlungen ersetzt. Rückkopplungen. „In der systemischen Betrachtungsweise be725 ginnen die Grenzen zwischen Ursache und Wirkung zu verwischen [704]. Ursache und Wirkung lassen sich oft nicht mehr klar voneinander trennen. Einzelne Systemteile wirken direkt oder indirekt auch wieder auf sich selbst zurück. Diese Rückwirkung einer Wirkung auf ihre eigene Ursache nennt man Rückkopplung. Rückkopplungen können positiv oder negativ sein“ (Wagner, 2002, p. 34). Positive Rückkopplung. Positive Rückkopplung bedeutet, dass sich 726 Wirkung und Rückwirkung gegenseitig verstärken (­ Vester, 1976: 56). Das Prinzip der Rückkopplung geht auf Norbert Wieners Idee des Feedbacks zurück. Eine Rückkopplungsschleife kann man sich als eine kreisförmige Anordnung kausal miteinander verbundener Elemente vorstellen. Eine Anfangsursache breitet sich entlang der Verbindungsglieder aus und jedes Element gibt eine Wirkung auf das Nächste weiter, bis schließlich das erste Element selbst wieder beeinflusst wird. Eine Veränderung des ersten Elements wirkt also früher oder später wieder auf sich selbst zurück (vgl. Wagner 2002: 34). Je mehr die bewirtschaftete Fläche wächst, umso mehr steigt die Bevölkerung. Je mehr die Bevölkerung steigt, desto mehr Fläche soll bewirtschaftet werden. Dies alles führt zu einem immer stärkeren Aufschaukeln einer gleich gerichteten Wirkung.

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[N18] Roggen auf 1500 meter Am Ende des Mittelalters war der Bedarf an Land so groß, dass der Roggen in einer Höhe von 1500 Metern angebaut wurde. Getreide wurde auf den Bergen angebaut, wo das Land in diesem rauen Klima wenig Ertrag brachte aber er wurde benötigt, um die stetig wachsende Bevölkerung zu ernähren (vgl. Barbero, 2020: 17:05-17:30).

Aus diesem Grund sind positive Rückkopplungen auch meist gefährlich für die Stabilität [722] eines Systems. Ungebremstes Wachstum oder auch ungebremste Verminderung führt im Normalfall zum Kollaps des Systems (vgl. ebd.: 37). Die Hungersnot der frühen 1300er-Jahre kann zur Veranschaulichung der Funktionsweise der positiven Rückkopplung herangezogen werden. Diese Krise stellt in der Tat ein Paradebeispiel dar. Ein rasantes Bevölkerungswachstum prägt die ersten Jahre um 1300. Durch das Wachsen und durch das Kinderkriegen erreichte Europa einen Sättigungszustand: Es war nicht mehr möglich, alle zu ernähren. Aus diesem Grund wurde nach Innovationen, nach Erfindungen gesucht: Die Bauern waren ständig beschäftigt, zu experimentieren: Sie verbesserten ihre Werkzeuge, sie verbesserten den Pflug, der es ermöglichte, die Felder tiefer zu pflügen, sie verbesserten die Mühlen und es wurde versucht, neue Pflanzen und verschiedene Getreidesorten zu säen. Aber über diese Innovationen hinaus kamen sie technisch nicht voran. Es handelte sich um inkrementelle, jedoch nicht um grundlegende Verbesserungen. Von einer Revolution konnte nicht die Rede sein. Wenn man mehr produzieren musste, konnte man sich auf die Technologie verlassen, aber innerhalb bestimmter Grenzen. Die Technologie schien das Problem nicht zu lösen. Die einzige Möglichkeit war es, mehr Land zu bewirtschaften. Es gab viel Land und die Felder wurden durch ständige Urbarmachung und Rodungen vergrößert. Doch früher oder später kam man dann an einen bestimmten Punkt, an dem man erkannte, dass es kein Land mehr gab, das bewirtschaftet werden konnte [N18]. Europa hatte zu Beginn des Jahres 1300 im Bezug auf seine technologischen Mittel die maximal mögliche Expansion erreicht. Man konnte nicht mehr expandieren, die europäische Bevölkerung war so stark gewachsen, dass es nicht mehr möglich war, alle zu ernähren. Die erste große Hungersnot, verschärft durch klimabedingte Missernten, fand in Europa zwischen 1315 und 1317 statt (vgl. Barbero 2020: 15:12-17:20). Eine solche Abfolge von sich selbst verstärkenden Ereignissen kann nur zu einer Destabilisierung des Systems führen. 727 Negative Rückkopplung. Negative Rückkopplungen stellen eine

vollkommen andere Art von Rückwirkung dar. Sie sind das Grundkonzept für jegliche Gleichgewichtszustände in Systemen (Wagner 2002: 39). Bei negativer Rückkopplung verlaufen Wirkung und Rückwirkung entgegengesetzt und kontrollieren sich so gegenseitig (Vester 1976: 57). Auftretende Veränderungen werden stets gebremst und das gesamte System dadurch stabilisiert. Eine negative Rückkopplung besteht, wenn die Vergrößerung oder Verkleinerung einer Variable eine Wirkung verursacht, welche die ursprüngliche Veränderung hemmt oder ihr sogar entgegenwirkt und somit zu einer Stabilisierung der Variable führt. Die Wirkung hemmt also die Ursache und die ursprüngliche Veränderung wird begrenzt oder eingeschränkt (vgl. Wagner 2002: 40). Mit negativer Rückkoplung arbeitende Systeme sind also im Prinzip stabil. Sie verhalten sich so, dass sich jede Zustandsänderung über die Rückkopplung selbst korrigiert (Vester 1976: 58).

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Von der Systemtheorie zum System Design

07.03

Verflechtung. Die Systemtheorie und ihre Leitlinien in der Praxis 730 - das Systemdenken - wurden als die besten Techniken gefördert, um ein gesellschaftliches Bewusstsein für miteinander verbundene komplexe Systeme zu schaffen, die das Schicksal der Menschheit bestimmen könnten. Gesellschaftliche Probleme sind zu einem existenziellen Risiko angewachsen, und die menschlichen Grenzen der Bewältigung sind erreicht oder überschritten worden (vgl. Jones 2014: 1). Heutzutage ist es uns nicht mehr möglich, ein Problem unabhängig von anderen zu analysieren. Domänen. Die Domänen der Systemtheorie und des Designs haben 731 eine unruhige und unregelmäßige Beziehung, die es jedem Feld erlaubt, Wissen über das jeweils andere zu reklamieren (Jones 2014: 3). Die jüngste Formulierung des systemischen Designs stützt sich auf die Reife dieser lang gehegten Präzedenzfälle in Richtung einer integrierten systemorientierten Designpraxis (Nelson und Stolterman 2012; Sevaldson 2011). „Systemisches Design unterscheidet sich von Service- oder Experience Design in Bezug auf Skala, soziale Komplexität und Integration. Systemisches Design beschäftigt sich mit Systemen höherer Ordnung, die mehrere Subsysteme umfassen“ (ebd.: 3). Durch die Integration des Systemdenkens und seiner Methoden bringt das systemische Design menschenzentriertes Design in komplexe, von mehreren Interessengruppen geprägte Dienstleistungssysteme, wie sie in industriellen Netzwerken, im Transportwesen, in der Medizin und im Gesundheitswesen zu finden sind. Es adaptiert bekannte Designkompetenzen - Form- und Prozessdenken, soziale und generative Forschungsmethoden sowie Skizzier- und Visualisierungspraktiken - um komplexe Dienstleistungen und Systeme zu beschreiben, abzubilden, vorzuschlagen und neu zu konfigurieren. Systemisches Design betrachtet Design als eine fortgeschrittene Praxis rigoroser Forschung und formgebender Methoden, Praktiken des kritischen Denkens und kreativen Gestaltens sowie von Teildisziplinen und tiefgehenden Fähigkeiten (vgl. ebd.: 3). 732 Orientierung. Typische systemische Designprobleme sind komplexe Dienstleistungssysteme, sozial organisiert, großflächig, multi-organisatorisch, multiethnisch, mit signifikanten emergenten Eigenschaften [114, 343, 720], die es unmöglich machen, Design- oder Managemententscheidungen auf der Basis von ausreichendem Einzelwissen zu treffen. Systemisches Design ist keine Designdisziplin (z. B. Grafik- oder Industriedesign), sondern eine Orientierung, eine Praxis der nächsten Generation Praxis, die aus der Notwendigkeit heraus entwickelt wurde, Designpraktiken bei

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systemischen Problemen voranzutreiben. Als eine starke Praxis des Designs, ist das ultimative Ziel, bessere Politiken, Programme und Dienstleistungssysteme mitzugestalten (vgl. Jones 2014: 3). Systemisches Design konfrontiert sich nicht nur mit dem Problem des Öko-Designs, sondern mit den Problemen der Nachhaltigkeit, wobei Nachhaltigkeit auch soziale, wirtschaftliche, kulturelle Nachhaltigkeit bedeutet. Es wird die Fähigkeit befördert, transversale Kompetenzen mit einer Gesamtvision zu verbinden und zu schaffen. Systemdenken ist sowohl Teil-zu-Ganzem als auch Ganzes-zu-Teil-Denken, bei dem es darum geht, Verbindungen zwischen den verschiedenen Elementen herzustellen, damit sie als Ganzes zusammenpassen. 733 Interventionen. Das Konzept der Wicked Problems (Rittel und

Webber 1973) wird von der System- und Designtheorie als eine komplexe Situation verstanden, die nicht mit den Techniken der klassischen Problemlösung und Entscheidungsfindung reduziert und analysiert werden kann (vgl. Jones 2014: 3). Bedeutende gesellschaftliche oder globale Probleme (weltweite Armut, Hunger, soziopolitische Gewalt, Klimawandel, soziale Ungleichheit) entstehen ursprünglich aus mehreren Ursachen und haben sich im Laufe der Zeit miteinander verbunden. Ziel des Systemisches Design ist es, Interventionen zu finden. „Systemisches Denken ist untrennbar mit systemgerechtem Handeln, gewissermaßen dem Steuern von Systemen und der adäquaten Gestaltung von Lenkungseingriffen verbunden“ (Wagner 2002: 98).

Berlin

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Was in Berlin geschehen ist, ist beispiellos. Carl Sternheim Metropole. Das Jahr 1237 gilt als offizielles Jahr der Stadtgrün800 dung.Berlin entwickelt sich Ende des 12. Jahrhunderts aus den beiden Kaufmannssiedlungen Berlin und Cölln, gelegen zu beiden Seiten der Spree im heutigen Bezirk Mitte. Im Jahr 1650, als Rom, Paris, London, Madrid, Prag und Moskau bereits bedeutende Hauptstädte waren, war Berlin, obwohl Hauptstadt der Mark Brandenburg, noch eine kleine Provinzstadt. Bis 1400 haben Berlin und Cölln rund 8.500 Einwohner und 1.100 Häuser. Auch in Deutschland war sie nicht sehr bekannt: Städte wie Nürnberg, Augsburg, Mainz, Köln, Hamburg und Lübeck waren viel wichtiger. Im Jahr 1500 hatten Berlin und Cölln, die beiden Kerne der Stadt, zusammen kaum 12.000 Einwohner, 1648, nach dem Dreißigjährigen Krieg, waren es noch 6.000. Der überraschende und rasante Aufstieg Preußens, das zwischen 1650 und 1800 zu einer der großen politischen und militärischen Mächte Europas wurde, gab stattdessen einen wichtigen Impuls für die Entwicklung Berlins, das inzwischen zur Hauptstadt dieses Staates geworden war. Doch erst seit 1871, als Berlin Hauptstadt des vereinigten Deutschlands wurde, konnte es als eine der wichtigsten europäischen Metropolen gelten. Berlin entwickelte sich seit 1640 zur zentralen und einzigen Metropole der Mark Brandenburg. Berlin war jedoch eine wachsende Stadt. Zwischen 1857 und 1871 erreichte die Bevölkerung 800.000 Einwohner. Der Slogan für diese Erweiterung lautete „Berlin wird Metropole“. Im Jahr 1920 wurden viele umliegende Städte an die Stadt angeschlossen und bildeten die „Groß-Berlin“. Groß-Berlin wurde 1920 durch das gleichnamige Gesetz (Groß-Berlin-Gesetz) geschaffen. Neben dem alten Berliner Stadtgebiet umfasste es sieben Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke. Das neue Stadtgebiet wurde in 20 Verwaltungsbezirke, kurz „Bezirke“, eingeteilt. Seit dem Fall der Mauer hat sie eine kontinuierliche und unaufhaltsame Expansion erfahren (vgl. “Die mittelalterliche Handelsstadt,” o. D.). 801 Einzelfall. Selten ist eine Stadt so im Sturm erobert worden wie Berlin in der Zeit nach dem Mauerfall, und selten hat sich eine Stadt innerhalb von nur zwei Jahrzehnten so rasant und blitzschnell verändert. Berlin ist weiterhin ein Anziehungspunkt für kreatives Potenzial. Man bedenke, dass alle 20 Stunden ein StartUp gegründet wird. Politisch umkämpfte Situationen und gesellschaftspolitische Veränderungen können ein fruchtbarer Boden für kreative Experimente sein. Berlins Nachkriegsstatus und dann sein Wiederauftauchen als vereinte Stadt schufen eine Gelegenheit, neu zu denken. Der gesellschaftspolitische Transformationsprozess, der zwar überstürzt erfolgte und von manchen als Übernahme des

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Ostens durch den Westen gesehen wird, hat ein Klima geschaffen, das offen für neue Ideen im öffentlichen und privaten Bereich ist. Als eine Art städtisches Pilotprojekt gesehen, wurde soziales und wirtschaftliches Wohlergehen mit Umweltbewusstsein verknüpft. So wurden zum Beispiel Arbeitslose eingestellt, um stadtweite Energieaudits durchzuführen; als die öffentliche Finanzierung ausfiel, konnte das Projekt einen Fachbetrieb gründen. In Kreuzbergs „Block 103“ erhielten ehemalige Hausbesetzer den von ihnen besetzten Raum und wurden darin geschult, Häuser zu modernen ökologischen Gebäuden umzubauen. In Hellersdorf, im ehemaligen Osten, wurden Wohnungen auf hohe Umweltstandards umgerüstet (vgl. Landry 2008: 148). Das Berliner Multikulti-Programm versuchte, Zuwanderergruppen zu integrieren, indem es betonte, dass es „35 Arten gibt, ein Berliner zu sein“ und den sozialen Zusammenhalt sowie das interkulturelle und generationenübergreifende Verständnis zu stärken (ebd.: 75). In Friedrichshain wurde Kultur als regenerativer Auslöser genutzt, vor allem um inklusivere städtische Strategien zu schaffen, um mit den Problemen einer multikulturellen Gesellschaft umzugehen (ebd.: 101) 802 Die kreative Stadt. Die europäischen Städte stehen heute unter

großem Stress: Sie müssen einen raschen Modernisierungsprozess durchlaufen und gleichzeitig ein hohes Maß an Wettbewerbsfähigkeit bewahren. Wie andere Städte, die versuchen, mit dem Klimawandel zurechtzukommen, den metabolischen Riss zu schließen und sich in resiliente Organismen zu verwandeln, befindet sich auch Berlin in einem Modernisierungsprozess. Das Heranreifen des globalisierten Städtenetzwerks und der damit verbundene Wettbewerbsdrang haben die Welt der Städte in den letzten 15 Jahren dramatisch verändert […]. In dieser neuen globalen Dynamik müssen alle Städte, ob klein oder groß, ihre Rolle und Haltung neu überdenken - auf regionaler, nationaler und globaler Ebene. Dies fordert die Städte heraus, ihre Chancen und Probleme mit Erfindergeist zu denken und ihre Vorzüge - oder deren Fehlen – zu durchdenken. Städte mussten sich fragen: Wer bin ich; wohin gehe ich als Nächstes; was ist meine Identität; was ist das Besondere an mir und was sind meine Stärken? (Landry 2008: Vorwort xvii). Die Wörter von Landry bezeugen die urbane moderne städtische Identitätskrise, welche einen innerlichen Drang an Modifikation und Verlangen an Anpassungsbedarf auffordert. Der Wahlspruch der kanadischen Stadt Toronto «Diversity our Strength» hat in Wien Echo gehabt: «Wien ist anders, ich auch»“ (Siebel 2015: 304). Einer gewisse Typologie von Stadt gelingt es, mit einer solchen Identitätskrise besonderes gut zurechtzukommen. Charles Landry spricht von den sogenannten Creative Cities, wo von dem erstmals 2008 erschienenen Pamphlet „The creative City“ [351] die Rede ist. Solche Städte sind weltweit verteilt und streben danach, sich durch das Einsetzen ihrer Kreativität zu etablieren. Berlin gehört zweifelsohne zu dieser besonderen Stadtkategorie. Vielleicht ist sie die kreative Stadt par excellence in der europäischen Szene.

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Vergangene Innovationskraft. Egal wo oder zu welcher Zeit, 803 vielleicht hat es keine Stadt geschafft, sehr lange kontinuierlich innovativ zu bleiben. In der kulturellen Sphäre sind Orte wie Athen im V-Jahrhundert v. Chr., Florenz im XV-Jahrhundert, Wien im XVIII-Jahrhundert; in der technologischen Sphäre sind Orte wie Manchester im XVIII-Jahrhundert, Berlin im XIX-Jahrhundert [N19] und Detroit im frühen XX-Jahrhundert alle Orte, an denen das Licht der Kreativität später ausgelöscht worden zu sein scheint, manchmal für Jahrhunderte. Gegenbeispiele sind selten: Große europäische Hauptstädte wie London und Paris und große amerikanische Städte wie New York und Los Angeles scheinen eine Art von kreativem Potenzial über einen längeren Zeitraum hinweg bewahrt zu haben, oft durch die Anziehung von Talenten von anderswo; oder durch ihre zentrale Rolle in Verwaltung und Regierung, was bedeutet, dass sie effektiv eine Monopolstellung bei der Anziehung dieser Art von Talenten haben (Hall 1998; Landry 2008: 142).

[N19] Massenbeschäftigung Mit der Entstehung des Deutschen Reiches wurde ein Elektrizitätsnetz von Siemens & Halske aufgebaut. Kurz darauf wurde die Elektrizitätsgesellschaft AEG gegründet, was 1895 zu einer Massenbeschäftigung von Berlinern führte: Jeder dritte Berliner war in der Elektrizitätsindustrie beschäftigt.

Instabillität und Kreativität. „Innovative Städte auf ihrem Höhe804 punkt wie Athen, Florenz, London, Weimar, Berlin waren Städte im Wandel, die sich aus dem Bekannten heraus und in neue, noch unbekannte Organisationsformen hinein bewegten“ (Hall 1998; Landry 2008: 142). Diese Instabilität macht kreative Städte ebenso unbequem wie spannend. Im antiken Athen brachte die neue demokratische Grundordnung neue Ideen, Inspirationen und Bestrebungen hervor, die den Philosophen und anderen am kulturellen Leben Beteiligten mehr Einfluss gaben. In Florenz zwischen 1270 und 1330 erzeugte die Konkurrenz zwischen führenden Familien eine strukturelle Instabilität, die zur Expansion der Stadt führte (vgl. Landry 2008: 135). Im Wien der Jahrhundertwende (XIX -XX), in den sterbenden Tagen des Habsburgerreiches, verband sich tiefer Pessimismus mit außergewöhnlicher Kreativität in Psychiatrie, Philosophie, Wirtschaft, Literatur, Musik, Medizin, Kunst und Architektur. Zu verschiedenen Zeiten haben New York, London, Paris, Berlin und viele andere Städte von einer ähnlichen kreativen Instabilität profitiert (vgl. ebd.: 135). Cultural power, political power. Städte sind als Akkumulatoren von 805 landwirtschaftlichen Überschüssen entstanden, dann von Tauschgütern, Artefakten, Manufakten und Gegenständen, dann von Prestige und Macht. Im Mittelalter wurden sie zu Akkumulatoren von Kapital und in der Neuzeit von Kultur, Kreativität und Wissen. Schließlich wurden Städte zu Akkumulatoren von Differenzen. Die Vielfalt und Heterogenität, die das mittelalterliche Städtesystem bis zur Entstehung der Nationalstaaten kennzeichnete und zur Entstehung und zum Aufblühen verschiedener Märkte führte, die den Warenaustausch förderten, hallt bis in die heutige Zeit nach. Die Notwendigkeit für urbane Zentren, sich über ihre Konkurrenten zu erheben und gleichzeitig den Handel aufrechtzuerhalten, ist ein mittelalterliches Erbe. Als treibende Innovationserzeuger stellt sich die Stadt auch als treibende Ressourcenverbraucher, da jegliche Art von Innovation ohne einen ständigen Ressourcenverbrauch und -ströme nicht denkbar ist. Paul Peterson Klassiker City

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[N20] Kneipen und Nachtleben In Berlin sind diese z. B.: die Klubszene, das Nachtleben, die sexuelle Freiheit, die Schwulenszene, die Anzahl der Grünflächen, die Kneipen, die (inzwischen verschwundene) Preiswertigkeit des Lebens, die Internationalität, die türkische Komponente, das Berghain.

Limits postuliert, dass alle Städte wirtschaftliches Wachstum zu ihrer obersten Priorität machen müssen schon allein aufgrund der Tatsache, dass sie um Ressourcen konkurrieren müssen (Peterson 1981; Siebel 2010: 286). Die europäischen Städte stehen nach wie vor in großer Konkurrenz zueinander. ­ Eine eindeutige und unverwechselbare Identität ermöglicht es Städten, sich von ihren Mitbewerbern abzuheben: Hierfür sind Differenzen und Besonderheiten notwendig. Eine kreative Stadt muss ständig genügend Material liefern, um sich wieder neue Narrationen über sich selbst hervorzubringen (vgl: Reckwitz, 2013). Entscheidend für das wirtschaftliche Wachstum einer Stadt ist, dass jede Stadt ihre individuelle Kultur besitzt, ein spezifisches kulturelles Erbe, das zur „lokalen Unterscheidbarkeit“ verweisen kann: anders gesagt, „the notion that mixing, diversity and culture (can) create potential“ (Landry 2008: Setting the Scene xiii). Diese lokalisierte Unterscheidbarkeit kreiert wiederum wirtschaftliche und ökonomische Vorteile für die urbanen Zentren: cultural power or soft power always matches economic and political power (Landry 2008: Preface: xviii). 806 Kollektives Symbolisches Kapital: Akkumulation von Differenzen

Die Differenzierung ist hier also weniger als ein Merkmal oder eine Eigenschaft, sondern vielmehr ist sie ein Vehikel, ein Mittel, welches eine strategische Ressource für den eigenen lokalen Erfolg darstellt. „Der Kampf um die Akkumulation von Unterscheidungsmerkmalen in einer hochkompetitiven Welt ist im Gange“ (Harvey 2019: 38). Diese Akkumulation von Differenzen und Besonderheiten wird auch als kollektives symbolisches Kapital bezeichnet. Tatsächlich geht es hier um die Macht des kollektiven symbolischen Kapitals, um besondere Unterscheidungsmerkmale, die mit bestimmten Orten verbunden sind und die insgesamt eine große Anziehungskraft auf Kapitalströme haben. Die Verwendung des Begriffs verdanken wir David Harvey (welcher wiederum den Begriff kollektives Kapital von dem Soziologen Pierre Bordieu entlehnt hat) (vgl. Harvey 2019: 35). Der Begriff bezieht sich auf die Summe der physischen und nicht-physischen, historischen oder modernen Merkmale einer Stadt [N20]. Ein weiteres gutes Beispiel dafür bietet die Stadt Barcelona. Der Aufstieg Barcelonas an die Spitze des europäischen Städtesystems beruht zum Teil auf der ständigen Akkumulation von symbolischem Kapital und Zeichen der Distinktion. Doch dieser Aufstieg in der europäischen und weltweiten Szene hat seinen Preis: Multinationale Geschäfte ersetzen die lokalen, Gentrifizierung entfernt langjährige Bewohner und zerstört die ältere Stadtstruktur (vgl. Harvey 2019: 36). Brücken zur Vergangenheit der Stadt werden entfernt. Der Genius Loci verschwindet.

807 Differenz als Treiber: 3T & Gay Index. Das Phänomen der kreati-

ven Stadt von Landry ist untrennbar mit der Wirtschaftstheorie der kreativen Klasse verbunden. Diese Theorie und deren Zusammenhänge zur urbanen Gesellschaft wurde seit 2005 von US-amerikanischen Ökonom Richard Florida entwickelt und in seinen Werken The Rise of the Creative Class (2002), Cities and

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the Creative Class (2005) und The Flight of the Creative Class (2005) dargelegt. Florida sieht einen Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Stärke einer Stadtregion in Bezug auf die Anwesenheit von Hightech-Wissensarbeitern, Künstlern, Musikern und Homosexuellen. Dabei argumentiert Richard Florida, dass die creative class eine wesentliche Rolle in der Produktion von Innovation in urbanen Kontext spielt. In dem heutigen, allgemein akzeptierten modernen Lexikon lassen sich Innovation und Kreativität kaum trennen. Neben der Kreativität, auch eine kulturelle Differenzierung ist die nötige Voraussetzung, damit eine Stadt in dem globalen System eingebettet werden und bleiben kann. Unter dem Begriff Differenzierung ist ein breites Konvolut von Aspekten mit zu verstehen: Heterogenität, Multikulturalität, ethnische, religiose und sexuelle Vielfalt. Florida demonstriert durch intensive Forschung und Datenanalyse, wie die Fähigkeit einer Stadt, eine kreative Klasse anzuziehen und zu erhalten, den Unterschied zwischen wirtschaftlichem Wohlstand oder Stagnation ausmacht (vgl. Florida 2003: 7). Eine Creative Class wird von einem Ökosystem angezogen und trägt zu diesem bei, in dem Kultur, Kreativität, Konsum und Innovation zusammenwirken, um wirtschaftliches Wachstum und eine positive soziale Entwicklung zu fördern. Florida argumentiert, dass 3 Elemente vorhanden sein müssen, damit die kreative Klasse in einer Stadt gedeihen kann: Diese drei Elemente sind unter der Bezeichnung 3T bekannt. Talent, das erste Element, umfasst die Politik, die kreatives Talent in ausgewählten kreativen Sektoren anerkennt, wertschätzt und Anreize dafür schafft. Der zweite Faktor ist die Technologie. Die Medien- und Digitaltechnologie ermöglicht es Künstlern und Kreativen, ein breiteres Publikum für ihre Ideen zu erreichen und so einen größeren Markt für ihre Kreativität zu erschließen. Bis zu diesem Punkt stimmen die meisten Menschen mit Floridas These überein. Es ist jedoch sein drittes Element, das viele Kritiker umstritten finden: die Toleranz. Florida zeigt durch seine Studien, dass Städte mit einer höheren Toleranz für Vielfalt in Bezug auf Geschlecht, Rasse oder Religion auch die Städte sind, die im Vergleich zu den Städten, die intolerant gegenüber Vielfalt sind, wirtschaftlich besser abschneiden (vgl. ebd: 14). Florida entwickelte sogar einen GayIndex, in dem er die Korrelation zwischen Toleranz und Akzeptanz der LGBT-Community mit wirtschaftlichem Wohlstand deutlich aufzeigt. Je höher der Gay Index einer Stadt ist, desto wirtschaftlich erfolgreicher ist sie. Der Grund dafür ist, dass ein hoher Gay Index ein Barometer für einen größeren Kontext von Vielfalt und Inklusion in einer bestimmten Stadt ist. Eine Stadt, die ihre GayCommunity umarmt, wird wahrscheinlich auch Migranten und Menschen verschiedener Herkunft, Kulturen und Glaubensrichtungen aufnehmen (vgl. ebd.: 10). Forckenbeckstraße, Charlottenburg. Raummangel gehört zu allen Städten, deren Attraktionskraft den normalen Zustand überschritten hat. Die Nachverdichtung ist eine direkte Konsequenz des Raummangels. Die Knappheit an Wohnraum macht es erforderlich, über neue Flächenpotenziale nachzudenken. Jetzt hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo eine außer-

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gewöhnliche Idee: Sie will das Regenrückhaltebecken an der Forckenbeckstraße mit Wohnungen überbauen. Das einzigartige Bauprojekt könnte bei Umsetzung immerhin 200 bezahlbare Wohnungen schaffen. Geplant sind insgesamt sieben Häuser mit bis zu sechs Geschossen, die auf einem Plateau in Höhe von circa 4,50 Metern über dem Wasser gebaut würden. Die Höhe von 4,50 Metern würde in etwa der maximalen Höhe des Wasserspiegels im Becken entsprechen. Wenn in regenarmen Zeiten kein Wasser im Becken ist, könnten die Mieter die Fläche für Freizeitaktivitäten oder zur Erholung nutzen, erklärt Architekt Peter Deluse seine Idee. Er könnte sich Basketballplatz oder Skaterpark unter den Häusern vorstellen.

auch aufgestockt werden. Weitere Potenziale haben die Forscher bei Tankstellen- und Parkplatzflächen ausgemacht (vgl. Loy 2019).

809 Autoverkehrfreie Stadt: ein Gesetzentwurf. Die Initiative „Berlin

autofrei“ will den Autoverkehr in der Berliner Innenstadt von 2027 an massiv reduzieren und somit die größte autoreduzierte Zone der Welt schaffen wollen. Sie würde nach Angaben der Initiative 88 Quadratkilometer umfassen. Dafür haben die Aktivisten beim Senat einen 48 seitigen Gesetzesentwurf „für gemeinwohlorientierte Straßennutzung“ eingereicht, im nächsten Schritt sollen Unterschriften gesammelt werden, um einen Volksentscheid zu starten. Das Ziel ist es, eine autoreduzierte Stadt innerhalb des S-BahnRings durchzusetzen.

809.1 Aufstockung. Die Wohnungsknappheit ist derzeit wohl eines

der wichtigsten Themen in der Hauptstadtentwicklung. Wichtig scheint es vor allem, langfristige Pläne zu entwickeln, damit die Attraktivität Berlins, die jährlich etwa 50.000 Neuberliner anlockt, auch auf lange Sicht erhalten bleibt. Berlin sei im Vergleich zu Wien, Genf oder Paris eine relativ locker bebaute Stadt. Aufstockung und Nachverdichtung scheinen praktikable Wege zu sein. Forscher von der TU Darmstadt, gemeinsam mit dem Pestel-Institut aus Hannover haben 2019 eine Studie darüber geführt. Dem Ergebnis nach könnten auf den Dächern Berlins bis zu 180.000 Wohnungen errichtet werden. Dabei ist der Hauptvorteil, dass neues Bauland für diese Wohnungen nicht erschlossen werden müsste - problematisch sind dagegen die Vorschriften des Baurechts. Im Fokus stehen besonders gewerbliche Immobilien und Verwaltungsgebäude. Große Areale in teils guter Innenstadtlage werden vom Lebensmittelhandel und anderen einstöckigen Gewerbebauten belegt. „Büro- und Geschäftshäuser, eingeschossige Discounter mit ihren Parkplätzen bieten ein enormes Potenzial für zusätzliche Wohnungen – durch Nachverdichtung wie Aufstocken, Umnutzung und Bebauung von Fehlflächen“, sagt Prof. Karsten Tichelmann von der TU Darmstadt. Bei Supermärkten müssten die bestehenden Gebäude schon aus statischen Gründen abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Die Studie sieht auf den Flächen von 330 eingeschossigen Lebensmittelmärkten ein Potenzial von 22.000 bis 38.000 Wohnungen. Auf Wohnblöcken vor allem aus den 50er und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts könnten bis zu 80.000 zusätzliche Wohnungen entstehen. Zu groß dimensionierte Parkhäuser, eingeschossige Supermärkte mit großen Parkplätzen und niedrige Büro- und Verwaltungsbauten könnten problemlos

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08.01

Brandenburg

810 Besonderheiten. Brandenburg präsentiert sich als ein Territorium

mit vielen Besonderheiten und Eigenarten, die es zu einem einzigartigen Gebiet voller Potenziale machen. Nach Mecklenburg-Vorpommern ist es die Region mit der geringsten Bevölkerungsdichte des Landes und mit einer Landfläche von 29.654 km2 das fünftgrößte Bundesland Deutschlands. 2,5 Millionen Menschen leben dort, das sind drei Prozent der deutschen Bevölkerung. Im Zentrum der Region liegt die am schnellsten wachsende städtische Agglomeration Europas. Die Region wird von zwei Hauptverkehrsachsen durchquert und liegt an einem strategischen Knotenpunkt für die Wirtschaft des Landes. In Brandenburg gibt es zahlreiche Kernstädte, mehrere Naturlandschaftsgebiete und UNESCO-Welterbestätten. 41.7 % der Landfläche Brandenburgs sind Natur und Landschaftsschutzgebiete. Die Region ist zudem von den Fernwanderwegen E10 und E11 durchzogen.

811 Wasser. 13 % der Wasserfläche in Deutschland entfallen auf

Brandenburg. Mit über 3.000 natürlich entstandenen Seen, 32.000 Kilometer Fließgewässer und 357 Wasserschutzgebieten gilt Brandenburg als das gewässerreichste Bundesland Deutschlands. Während dies einen konstanten Wassertourismus und einen ästhetischen Mehrwert ermöglicht, ist die Region Dürreperioden und Überschwemmungsphänomenen ausgesetzt. Tatsächlich gibt es in Brandenburg einige Überschwemmungsgebiete, von denen die meisten im Süden (Regionen) liegen. Die Risiken von Überschwemmungen aufgrund des Klimawandels und die immer wertvollere Bedeutung des Wassers selbst haben in den letzten Jahren zur Entstehung der Schwammstädte und Schwammquartiere geführt. In seiner allgemeineren Konnotation bezeichnet der Begriff die Nutzung von Böden, Flächen und Zusatzmaßnahmen - Dachbegrünungen usw. -, die dazu bestimmt sind, Regenwasser aufzunehmen, sie zu kanalisieren und für verschiedene Zwecke wiederzuverwenden.

812 Bergbaufolgelandschaft. Aufgrund der Klimaschutzverpflich-

tungen Deutschlands erscheint der Ausstieg aus der Braunkohle – 2038 - mittelfristig unausweichlich. Im südbrandenburgischem Lausitz werden bis 2030 zwei große Tagebaue abgebaut, die voraussichtlich geflutet und zu künstlichen Seen ausgebaut werden. Die beiden Reservoirs werden zu den zwei Dutzend gefluteten Seen und schiffbaren Kanälen hinzugefügt. Dies wird zu einer Veränderung des Lausitzer Raumes und zu einer Steigerung der Landschaftsqualität führen. Die Lausitz gilt schon als Europas größte von Menschenhand geschaffene Wasserlandschaft. Diese

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Gebiete sind nicht nur eine wichtige Quelle für den lokalen und regionalen Tourismus, sondern haben auch das Potenzial, Touristen aus weit entfernten Regionen und Ländern anzuziehen und sich in der nationalen Tourismusszene als einzigartiges und unvergleichliches Reiseziel durchzusetzen. „Gebiete mit besonderen natürlichen Merkmalen weisen auch ein besonderes Potenzial für neue Ansiedlungen und neue Arten von Unternehmen auf“ (Carlow 2016: 35). Landwirtschaft. Die Landwirtschaft ist nach wie vor der Wirt813 schaftszweig mit dem größten Flächenbedarf in der Region Brandenburg. Die Agrarproduktion ist schon seit Jahrhunderten globalisiert. Über zwei Drittel der heute hierzulande angebauten Lebensmittel stammt von importierten Pflanzensorten, die zumeist in den letzten 500 Jahren aus Übersee nach Deutschland eingeführt worden sind. So stammen Kartoffeln, Tomaten, Kürbisse und Bohnen aus Südamerika, Mais, Sonnenblumen, Blau-und Erdbeeren aus Nordamerika, Weizen, Linsen, Gurken, Zwiebeln, Knoblauch, Aubergine, Aprikosen und Kirschen aus Asien (Langner und Frölich-Kulik 2018: 250). Zudem ist die Region zunehmend von Dienstleistungsangeboten für Stadtmenschen geprägt und wird damit integraler Teil von Stadtregionen: Co-Farming, Co-Working, Co-Living, Selbsternten, Hofläden, Pferdepensionen, Urlaub auf dem Bauernhof und viele weiter Formen von Freizeitgestaltung, Konsumangeboten und Co-Produktion sind heute im ländlichen Raum zu finden und bedienen dabei vielmals ein sehnsuchtsvolles Gegenbild zu einer hochmodernen und industrialisierten Bewirtschaftungsrealität des Landes (ebd.: 253). Energetische Dezentralisierung. Immer mehr an Bedeutung werden in den nächsten Jahren intelligente Netze, sogenannte Smart Grids, gewinnen. Mit neuen Komponenten und Systemen aus der Energie-, Daten- und Kommunikationstechnik wird es möglich sein, Stromnetze und dezentrale Speicher (Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher, Power-to-Heat-Systeme) zu integrieren. Die Möglichkeit, Kurz- und Langzeitspeicher in das Energiemanagement einzubinden, wird insbesondere durch den Ausbau der erneuerbaren und damit fluktuierenden Energieerzeugung immer wichtiger (vgl. “Smart City Strategy Berlin,” o.D.).

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Miscanthus giganteus. Der am meisten verbreitete Biokraftstoff in 815 Deutschland ist Biogas. Mais als Bioenergiepflanze ist für 70 % des Einsatzes in der Biogaserzeugung verantwortlich. Mais wird in der Regel als Monokultur angebaut und sein Anbau ist durch einen hohen Nährstoffbedarf gekennzeichnet: Dünger oder gute Bodenfruchtbarkeitseigenschaften sind unverzichtbar. Die Artenvielfalt in Maismonokulturbetrieben ist sehr gering. In den letzten Jahren wurde einer anderen Pflanze besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Miscanthus giganteus ist eine mehrjährige Pflanze, die sich durch ihre hohe Biomasseproduktion, ihren geringen Nährstoffbedarf, ihre Fähigkeit zur Bodensanierung und ihr Anbaupotenzial auf marginalen Flächen auszeichnet. Miscanthus könnte Brandenburg in die Lage versetzen, sein Bio-

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energie-Ziel bis 2030 zu erreichen, während gleichzeitig Kompromisse mit der Nahrungsmittelproduktion vermieden werden und auch ein Potenzial für die Bindung von organischem Kohlenstoff im Boden besteht. (SOC) zu binden, was zu einer Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit und anderer Ökosystemdienstleistungen (z. B. Biodiversität) führt, verglichen mit Bioenergie aus Mais (vgl. Müller und Piorr 2020: 2). 816 Feldheim: ein Modell. Das Thema der erneuerbaren Energien ist

eng mit dem der Dezentralisierung von Energiequellen verbunden. Feldheim, ein Straßendorf mit 130 Bewohner, ist wohl eines der erfolgreichsten Experimente zur Energiedezentralisierung bundesweit. Feldheim verfügt über einen gigantischen Windpark von 74 Megawatt und auch über Solaranlagen sowie eine Biogasanlage für Wärme und Strom. Der Großteil des Stroms (99 Prozent) wird ins Netz eingespeist. Dies macht Feldheim nicht nur zum einzigen energieautarken Ort in Brandenburg, sondern den wohl einzigen in Deutschland. Er ist längst zum Pilgerort für Energietouristen aus aller Welt geworden und zieht jährlich mehr als 3.000 Besuchern aus aller Welt an.

Agglomeration. Gemeinsam bilden die Länder Berlin und Bran820 denburg unter dem Label „Hauptstadtregion“ eine einheitliche Metropolregion. „Es gibt keine allgemeingültige Definition der Stadtregion, aber drei Elemente scheinen in verschiedenen Konzeptualisierungen gemeinsam zu sein: der Kern (die Kerne), das Hinterland (die Hinterländer) und die Verbindung(en)“ (Carlow 2016: 105). Zunächst Teil des Heiligen Römischen Reiches, dann geografisches und politisches Zentrum des Königreichs Preußen unter den Hohenzollern, wurde Brandenburg am Ende des Zweiten Weltkriegs Teil der DDR und war bis zum Fall der Berliner Mauer ein Bestandteil davon. Dadurch ergibt sich für die Region Brandenburg eine sehr vielfältige und dichte historische Schichtung. Die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg liegt heutzutage im Zentrum des zusammenwachsenden Europas. Das bedeutet Chance, aber auch Verantwortung im europäischen Maßstab. Sie befindet sich dabei in Konkurrenz zu anderen europäischen Metropolregionen. Hieraus ergeben sich herausragende Chancen für Berlin und das Berliner Umland als zentraler Knoten und für die Brandenburger Kommunen, die funktional mit diesem Knoten (Urban Node) verbunden sind. Die geostrategische Lagegunst der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg bietet somit wirtschaftliche Entwicklungspotenziale, die es zu nutzen gilt. Wichtige Anknüpfungspunkte für den Wettbewerb der Regionen sind das historische Erbe beider Länder, die besondere Ausstrahlung und Anziehungskraft, die kulturelle Vielfalt mit den Gegensätzen von Urbanität und ländlich geprägtem Raum, die ausgezeichnete Forschungsund Wissenslandschaft, eine flexible und innovative Wirtschaft sowie nicht zuletzt die Hauptstadtfunktion als Alleinstellungsmerkmal in Deutschland. Berlin ist nicht Deutschland (Dirk Krieschenowski). In Metropolen wie Berlin sind schon immer neue und große Ideen entstanden. Das liegt an der kritischen Masse von Talenten, ihrem Austausch untereinander und dem konzentrierten, großen Markt in Berlin (vgl. LEP HR 2019). Siedlungsstern. Im Gegensatz zu anderen Metropolen wächst Berlin nicht gleichförmig in das Umland, sondern besitzt eine Gebietskulisse. Neue Wohnviertel und Gewerbegebiete werden seit Jahren vor allem entlang der Spitzen des sogenannten „Siedlungssterns“ gefördert. Die Spitzen entstehen entlang der S-BahnStrecken und neben den Straßen nach Frankfurt an der Oder oder nach Potsdam und Brandenburg an der Havel oder entlang der Autobahnen zur Ostsee. Die dazwischenliegenden Gebiete sollen als Freiräume und weniger verdichtete Gebiete erhalten bleiben. Die Regierungen beider Länder wollen damit das wirtschaftliche Wachstum der Gesamtregion steuern und somit das enorme Be-

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08.02

Berlin-Brandenburg

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völkerungswachstum in Berlin und die riesigen Pendlerströme zwischen beiden Ländern bewältigen. Damit das Angebot im Schienenverkehr mit dem stetig wachsenden Mobilitätsbedürfnis einer steigenden Bevölkerungszahl Schritt halten kann, muss sich auch die Schieneninfrastruktur in Berlin und Brandenburg weiterentwickeln. Das i2030-Projekt zielt auf die Stärkung des brandenburgischen Eisenbahnnetzes ab. Mit einer Investition von 6 Milliarden Euro soll das Projekt das Straßennetz und den Zugang zu den umliegenden Gebieten der Stadt erweitern und die ersten Siedlungen rund um die Stadt stärken. Das Vorkommen eines zweiten Rings auf dem Gebiet Berlin-Brandenburg ist auch schon festzustellen.

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Genius Loci

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Jede Stimmung ist Übereinstimmung. Otto Friedrich Bollnow Geist des Ortes. In der Antike war die Genius Loci die Schutz830 gottheit eines Ortes und derer, die dort lebten oder gerade auf der Durchreise waren. In der modernen Zeit ist die Genius Loci ein Ausdruck, der in der Architektur verwendet wird, um eine Form des phänomenologischen Ansatzes zur Untersuchung der Umwelt zu identifizieren, die aus der Interaktion zwischen dem Ort und seiner Identität besteht. Im heutigen Sprachgebrauch bezieht sich der genius loci meist auf die besondere Atmosphäre eines Ortes oder den „Geist des Ortes“. Eine solche strukturelle und landschaftliche Veränderung des Ballungsraumes Berlin-Brandenburg kann nicht vollständig verstanden werden, wenn nicht im Zusammenhang mit dem Konzept der Genius Loci. Der Begriff fasst alle Charaktere (soziokulturell, architektonisch, kommunikativ, verhaltensmäßig) zusammen, die einen Ort, eine Umgebung oder eine Stadt auszeichnen. Christian Norberg-Schulz hat eine wichtige Analyse dieses Begriffs entwickelt: Ausgehend von Martin Heideggers Überlegungen zum Wohnen hat er eine eigene moderne Interpretation erarbeitet. Seine Schriften zu diesem Thema können als Kritik an der Stadt des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet werden, deren räumlich-organisatorisches Modell dazu neigt, einen Zustand der Entfremdung bei ihren Bewohnern zu erzeugen. Alle menschlichen Handlungen, schreibt er, „[...] müssen notwendigerweise den geeigneten Ort finden, an dem sie stattfinden. Der Ort ist also ein integraler Bestandteil des Handelns und andererseits ist der Mensch ohne Ortsbezug nicht denkbar“. Otto Friedrich Bollnow sagt treffend: „Jede Stimmung ist Übereinstimmung“... (Norberg-Schulz 1980: 21). E ­ rwähnenswert ist auch, dass sich das deutsche Wort für Wohnung von das Gewohnte ableitet, was soviel wie „das Bekannte“ oder „Gewohnheit“ bedeutet. In der englischen Sprache Habit und Habitat zeigen eine analoge Beziehung. Charles Landry weist darauf hin: „Wir setzen das Auslöschen der Erinnerung fort - eine besonders sinnlose Form des urbanen Vandalismus. Erinnerung wird unterbewertet, obwohl sie bei der Verankerung hilft, als kreative Ressource genutzt werden kann, Ideen auslöst, Verbindungen schafft […]. In Berlin gibt es nur wenige erhaltene Reste der Mauer, und auch wenn die Einwohner vergessen wollten, hätten andere Lösungen gefunden werden können als die Abschaffungsstrategie, deren übergeordnetes Thema die Auslöschung jeglicher Erinnerung an die DDR war“ (Landry 2008: 44). Berlin übt eine starke Anziehungskraft auf große globale und multinationale Unternehmen aus, die sich aufgrund des kulturellen und kreativen Potenzials in der Stadt niederlassen. Dieses Phänomen löst den Prozess aus, der als Gentrifizierung bekannt ist. Die Genius Loci ist das, was von der Gentrifizierung ausgelöscht wird.

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08.04

Solastalgia Konsequenzen der räumlichen Instabilität

840 Veränderung und Zestörung. Der Lebensraum, den wir bewohnen,

muss uns vertraut sein: In ihm bauen wir unser Leben und unsere Existenz auf. Ein vertrauter Lebensraum ist ein stabiler Raum, der, auch wenn er sich im Laufe der Zeit verändert, denjenigen, die ihn bewohnen, Zeit lässt, sich an die Veränderungen anzupassen. Wenn dieser Lebensraum aber zu schnellen, zu raschen Veränderungen unterworfen ist und Züge ständiger Instabilität aufweist, wird der Prozess des Wiedererkennens unterminiert. Die gebaute und natürliche Umwelt verändert sich heute so schnell, dass unsere Sprache und unser konzeptioneller Rahmen mehr arbeiten müssen, um mitzuhalten. Unter den verflochtenen Auswirkungen der globalen Entwicklung, der steigenden Bevölkerung und der globalen Erwärmung mit ihren begleitenden Veränderungen des Klimas und der Ökosysteme entsteht nun eine Diskrepanz zwischen unserer gelebten Erfahrung, der Welt und unserer Fähigkeit, sie zu konzeptualisieren und zu verstehen (vgl. Albrecht 2012). Diese immer größer werdende räumliche Instabilität erzeugt das, was neuerdings als Solastalgie bezeichnet wurde. Solastalgie bezeichnet ein belastendes Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung des eigenen Lebensraums bzw. der eigenen Heimat direkt miterlebt. Geprägt wurde der Begriff 2005 durch den australischen Naturphilosophen Glenn Albrecht. Die Solastalgie hat ihren Ursprung in den Begriffen solace – Trost - und desolation - Trostlosigkeit-. Solace leitet sich von solari und solacium ab, mit Bedeutungen, die mit der Linderung von Leid oder der Gewährung von Trost angesichts von belastenden Ereignissen verbunden sind. Desolation hat seinen Ursprung in solus und desolare mit Bedeutungen, die mit Verlassenheit und Einsamkeit verbunden sind. Algia bedeutet Schmerz, Leiden oder Krankheit. (vgl. Albrecht 2007: 45). Darüber hinaus ist der Begriff so konstruiert, dass er einen Geisterbezug oder eine strukturelle Ähnlichkeit zur Nostalgie aufweist, so dass ein Ortsbezug eingebettet ist. Wörtlich genommen ist Solastalgie also der Schmerz oder die Krankheit, die durch den Verlust oder das Fehlen von Trost und das Gefühl der Isolation verursacht wird, das mit dem gegenwärtigen Zustand des eigenen Heims und Territoriums verbunden ist. Während Nostalgie auf die Vergangenheit gerichtet ist, bezieht sich Solastalgie auf die Gegenwart oder Zukunft. Solastalgie kann sowohl durch natürliche (Überflutung, Dürre, Feuer) als auch künstliche Faktoren (Krieg, Terrorismus, Landrodung, Bergbau, Gentrifizierung älterer Städte) ausgelöst werden. Albrecht geht dabei davon aus, dass heutzutage durch moderne Medien, Technik und Globalisierung die Begriffe direktes Erleben und Heimat verschwimmen. Solastalgie sei daher auch für Menschen möglich, die die gesamte

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Erde als ihr Zuhause betrachten und daher auch das Beobachten der Veränderung bzw. Zerstörung irgendeines Ortes auf diesem Planeten (etwa im Fernsehen) als belastend erleben.Solastalgie manifestiert sich in einem Angriff auf den eigenen Ortssinn, in der Erosion des Gefühls der Zugehörigkeit (Identität) zu einem bestimmten Ort und einem Gefühl der Verzweiflung über dessen Veränderung. Es ist ein intensiver Wunsch, dass der Ort, an dem man wohnt, in einem Zustand erhalten bleibt, der weiterhin Trost oder Trostspender ist. „Solastalgie ist die gelebte Erfahrung des Verlustes der Gegenwart, die sich in einem Gefühl der Dislokation manifestiert; das Gefühl, von Kräften untergraben zu werden, die das Potenzial für Trost, der aus der Gegenwart abgeleitet werden kann, zerstören. Solastalgie ist eine Form von Heimweh, die man bekommt, wenn man noch „zu Hause“ ist (vgl. Albrecht et al. 2007: 45). Das Konzept der Solastalgie hat seit seiner Entstehung eine beträchtliche internationale Resonanz erfahren und dazu beigetragen, das Interesse an den Beziehungen zwischen Mensch und Ort auf allen Ebenen wiederzubeleben (vgl. Albrecht 2012).

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V

Fazit und Schlussfolgerungen V

Schicksal. Die Stadt ist kein autonomes und autarkes Gebilde: Im Gegenteil, sie ist völlig abhängig von der Umgebung, in der sie geboren wurde, wuchs und sich über die Jahrtausende entwickelte. Ihre eigene intrinsische Wachstums- und Weiterentwicklungsfähigkeit hängt von der Umgebung ab. Die Städte sind die Schmelztiegel der Zivilisation, die Drehscheiben der Innovation, die Motoren für die Schaffung von Wohlstand, die Zentren der Macht und Magneten, die die kreativen Individuen anziehen. In einer historischen Periode, die vieles infrage stellt, ist es zweckmäßig, die Beziehung zwischen Stadt und Land neu zu überdenken. Diese Beziehung ist auf der Suche nach Stabilität, nach Jahren unausgewogener und selbstzerstörerischer Verhältnisse. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Städte und die globale Urbanisierung zur Quelle der größten Probleme geworden, vor die die Menschen den Planeten gestellt haben, seit sie gesellige Wesen sind. Die langfristige Zukunftsfähigkeit der Menschheit und des Planeten ist untrennbar mit dem Schicksal unserer Städte verbunden (vgl. West 2019: 331)

VI Überlappung und Kompatibilität. Die Fragestellung dieser Arbeit

lautet: Wenn die Systemtheorie eine Metatheorie ist und daher auf Paradigmen und Prinzipien beruht, die in den unterschiedlichsten Kontexten zu finden sind, kann sie dann auf die Analyse der Entstehung der Stadt und ihrer Beziehung zur Umgebung angewendet werden? Die Begründungen und die Argumentation dieser Arbeit antworten positiv auf diese Frage. Anhand des Konzeptapparatus, entlehnt aus der Systemtheorie, wurde in dieser Arbeit versucht aus einer ungewöhnlichen Perspektive die Vergangenheit der europäischen Städte und ihre Beziehung zur Umgebung schematisch zu rekonstruieren. Die Systemtheorie und ihre Schlüsselkonzepte wurden als Analysewerkzeug [II] verwendet und erlaubten eine wenn auch schematische und synthetische - Abbildung der Prozesse, die die Beziehung zwischen der Stadt und den sie umgebenden Territorien im Laufe der Jahrtausende verändert haben. Diese Analyse wurde auf einer räumlichen Ebene entwickelt, wobei die Veränderung der Rohstoff- und Energieströme zwischen den beiden Gebieten analysiert wurde. Eine räumliche Analyse setzte jedoch parallel die Untersuchung sozialer, wirtschaftlicher und politischer Prozesse voraus.

VII Skala. Systeme können in der selben, identischen Art arbeiten,

wenn auch sie zu ganz unterschiedlichen Skalen gehören. Sie weisen die selbe Prinzipien auf. Diese Ausarbeitung hat gezeigt, dass der der Systemtheorie entlehnte Begriffsapparat genutzt werden kann, um das uralte Verhältnis von Stadt und Land im Sinne von

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System und Umwelt zu klären. Diese Beziehung hat sich im Laufe der Jahrtausende tiefgreifend verändert und die grundlegende Triebkraft dieses Prozesses war die immer schnellere technologische Entwicklung. Die Stadt ist ein Produkt der Erde, sie entsteht zunächst aus der Landschaft in einem harmonischen und ausgeglichenen, dann in einem zunehmend unausgewogenen Verhältnis. Diese Beziehung führte später zu einer noch nicht überwundenen Feindschaft. Doch geografische und technologische Grenzen haben zunächst in der hellenischen Zivilisation und später im Mittelalter gezeigt, dass ein Gleichgewicht [321] zwischen Stadt und Land nicht nur möglich war, sondern Phänomene kultureller und sozialer Bereicherung mit sich brachte. Die Überschreitung der geografischen Grenzen durch die Ausweitung der technologischen Grenzen haben dieses delikate Gleichgewicht unterbrochen und ein überproportionales Wachstum [423] städtischer Zentren ermöglicht. Um zu überleben, benötigt die Stadt einen kontinuierlich steigenden Ressourcenfluss aus ihrer Umgebung. Der Ressourcenverbrauch, der für den Erhalt der Städte notwendig ist, übersteigt aber bei Weitem die Fähigkeit dieser Ressourcen, sich zu regenerieren. Die Absorptionsrate der Stadt übersteigt bei Weitem die Regenerationsrate der Natur. Dieser Ressourcenaustausch löst zwei Phänomene von grundlegender Bedeutung aus: Einerseits trägt er zu einer Abnahme der Masse der Ökosphäre und einer daraus folgenden Zunahme der Technosphäre [344] bei. Zum anderen bewirkt er eine kontinuierliche und immer schnellere Energietransformation [541] und somit eine ständige Zunahme der Entropie [542]. ­Entropie entspricht immer einer Menge an unnützer Energie, die nicht mehr in Arbeit umgewandelt werden kann und einer Zunahme an Unordnung innerhalb eines Systems in Form von Wärme. Diese Menge an überschüssiger Wärme in städtischen Zentren entspricht dem Phänomen, das als Wärmeinsel-Effekt bekannt ist. Städte und Metropolen unterliegen einem kontinuierlichen und stetigen Wachstum: Dies ist sowohl ein demografisches als auch räumliches Wachstum. Zwischen diesen beiden Wachstumstypen ist es nicht möglich zu definieren, welches die Ursache und welches die Wirkung ist, da die Wirkung ihrerseits zur Ursache wird [704, 725]. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Veränderungen in der städtischen Umwelt über die Stadtgrenzen hinaus niedergeschlagen und die ländlichen Gebiete beeinflusst und modernisiert, manchmal mehr als die Städte selbst. Informations- und Kapitalströme fließen von einem urbanen Zentrum zum anderen: Die Entfernung ist dabei unerheblich. Städte enden nicht länger dort, wo Stadtgrenzen beginnen, sondern erstrecken sich bis zu Hunderten von Kilometern in die Ferne. Aber kein quantitatives Wachstum kann ewig anhalten. Diese Tatsache ist schon lange bekannt (Thomas Malthus und die 1798 veröffentlichte Bevölkerungstheorie, The Club of Rome und die 1972 veröffentlichte The Limits to Growth), aber dennoch ist bis heute in kaum einem Bereich unseres Lebens ein Anzeichen eines Umschwunges auf ein qualitatives Wachstum erkennbar. Während man also feststellen kann, dass die kontinuierliche Entwicklung der Zivilisation, wie wir sie heute kennen, eine kontinuierliche Absorption und Zerstörung der Natur voraussetzt, ist es dennoch unbestreitbar, dass

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Städte genau die Zentren sind, die es der menschlichen Spezies ermöglicht haben, eine sonst unvorstellbare kulturelle Entwicklung und Wissenakkumulation zu erreichen. VIII Anmerkung. Eine bekannte Maxime aus dem Mittelalter besagt:

Stadtluft macht frei. Diese Maxime ist auch heute noch gültig und nicht abzustreiten. 2006 überschritt der Planet eine bemerkenswerte historische Schwelle: In diesem Jahr lebte erstmals mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Zentren – 1950 waren es nur 30 Prozent und Anfang des 20. Jahrhunderts gar nur 15 Prozent gewesen. Es wird erwartet, dass die Quote bis 2050 auf über 75 Prozent steigen wird, weil weitere gut zwei Milliarden Menschen, vor allem in China, Indien, Südostasien und Afrika, in die Städte ziehen werden. Zwei Milliarden Menschen bedeutet, dass in den nächsten dreißig Jahren im Durchschnitt wöchentlich ungefähr eineinhalb Millionen Menschen in die Städte ziehen werden (vgl. West 2019). Diese Daten deuten darauf hin, dass der Mensch in eine neue historische Epoche eintritt, in der Paradigmen und Schemata, auf die man sich bis vor Kurzem verlassen hat, nun veraltet und nicht mehr brauchbar sind. Auf die Gefahr hin, grobe Vereinfachungen vorzunehmen, könnte man sagen, dass der digitale Apparat der Smart Cities, wenn auch in verteilter, nicht sichtbarer, durch eine informationstechnische Form geprägter und damit allgegenwärtiger Form, die Funktion der alten mittelalterlichen Mauern zu ersetzen scheint: Er verspricht, ein ökologisch nachhaltiges Stadtsystem zu errichten - oder besser gesagt, wieder aufzubauen -, das darauf abzielt, die Städte innerhalb ökologischer Grenzen zu halten, die nicht überschritten werden sollen. Die alten mittelalterlichen Mauern, die zum Schutz und zur Verteidigung der Bevölkerung errichtet wurden, werden nun durch Informationsflüsse, Big Data und deren Sammlung ersetzt, die zur Stabilisierung des städtischen Systems und zur Optimierung seines Metabolismus eingesetzt werden können. Im Zusammenhang des Smart Cities-Paradigmas und seiner unzähligen Anwendungen und Facetten, suggeriert Carlo Ratti, Ingenieur und Architekt und Leiter des Sensible City Lab am MIT in Boston, dass „wir nicht mehr in einem Haus wohnen werden, sondern mit einem Haus zusammenleben werden“ (Ratti and Claudel, 2017, p. 58). Angesichts der vorangegangenen Schlussfolgerungen lässt sich diese Beobachtung hochskalieren: Wir werden nicht mehr in einer Stadt leben, wir werden mit einer Stadt zusammenleben.

IX Persönliche Note. Als Student eines gestalterischen Studienganges

habe ich mich selbst dazu verpflichtet gefühlt, etwas neu, bedeutend, überraschend zu kreieren, wenn man an die Luhmannsche Definition von Kreativität zurückgreifen will (vgl. Gumbrecht 1988: 16). Denn das ist es auch, was normalerweise von einem Studenten verlangt wird, der einen Design-Studiengang absolviert. Abgesehen von den vielen Fakten, welche im Zuge der Recherche und der Ausarbeitung neu für mich waren, habe ich vor allem die wesentlichen Schritte einer wissenschaftlichen Ausarbeitung gelernt. Der Prozess des Materialsammelns wurde von einer kontinuierlichen Arbeit an Nebeneinanderstellungen, Parallelen und

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Vergleichen begleitet. Die ganze Ausarbeitung basiert auf fortwährenden Gegenüberstellungen, Vergleichen und Ähnlichkeiten zwischen der historischen Rekonstruktion der System-Stadt und ihre Beziehung zum Umwelt-Land und der Grundkonzepte aus der Systemtheorie. Nebenbei war auch der Zugang zur Thematik mit diversen Schwierigkeiten für mich verbunden, zum einen, da die Vielzahl von Definitionen der Systemtheorie und des Systemdesigns eine Vorarbeit impliziert hat, zum anderen, weil ich selbst etwas Neues kreieren musste und wollte. Um das endgültige Bild zu komponieren, war es notwendig, auf zahlreiche Quellen zurückzugreifen, die oft zu völlig unterschiedlichen Fachgebieten gehörten. Dies erforderte eine sorgfältige Recherche und nahm viel Zeit in Anspruch. Fast zwei Semester sind für diese Phase nötig gewesen, an deren Ende ich mit so vielen neuen Quellen, Autoren und Einsichten konfrontiert wurde, dass ich die gesamte Arbeit von Anfang bis Ende hätte umschreiben können. Für die historische Rekonstruktion des urbanen Stadtsystems und der mittelalterlichen Städte war das Werk des belgischen Historikers Henri Pirenne grundlegend. Für Informationen über frühe neolithische Siedlungen, ihre Entstehung sowie ihr Verhältnis zur Umwelt und vor allem für das Konzept der Dezentralisierung war die Arbeit des deutschen Architekten Ludwig Hilberseimer unverzichtbar. Der Beitrag des amerikanischen Ökonomen und Soziologen Jeremy Rifkin ist notwendig gewesen, um den Austausch zwischen Stadt und Land in energetischen und entropischen Zusammenhängen kodifizieren zu können. Der Physiker Joeffrey West trug dazu bei, die Tatsache zu verdeutlichen, dass verschiedene Systeme in unserer Umwelt - vom Unternehmen über die Familie bis hin zur Stadt - von denselben Mechanismen und Prinzipien gesteuert werden, auch wenn sie zu unterschiedlichen Skalen zugehören. Schließlich war das monumentale Werk des Soziologen, Historikers und Stadtplanungstheoretikers Lewis Mumford von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Entstehung, Entwicklung und Veränderung von Städten über die Jahrtausende hinweg. Keiner dieser Autoren hat einen direkten Bezug zur Systemtheorie oder zum Systemdesign: Sie kommen aus ganz anderen Bereichen. Doch die Überschneidung ihrer Ideen und Studien mit den Schlüsselkonzepten der Systemtheorie hat einen kohärenten, logischen und nachvollziehbaren endgültigen Rahmen gebildet. Ich hoffe, dass sich die Verflechtung der Ausarbeitung als ebenso stimmig, logisch und nachvollziehbar erweisen wird. Eine akribische, kontinuierliche Nachbearbeitung und Verfeinerung war notwendig, um den endgültigen Text so leicht und angenehm lesbar wie möglich zu gestalten und auszuformulieren. Aus diesem Grund ist er zwar - so hoffe ich zumindest - nach den für einen wissenschaftlichen Text erforderlichen Richtlinien geschrieben worden, aber ich hoffe zugleich, dass man die Flüssigkeit, das angenehme Tempo und die inhaltliche Spannung, mit der er gestaltet wurde, in ihm spüren kann.

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VI

Epilog Bewegung und Fortbewegung

X

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Diese Ausarbeitung wurde chronologisch zwischen P ­ antelleria ­(Sizilien, TP, IT), Milano (MI, IT), Ghiffa (VB, IT), Berlin (BE, DE), Batzlow (MOL, DE) und Venezia (VE, IT) erdacht, ­geschrieben, radiert und umgeschrieben. Viele Änderungen ­w urden während der Ortswechsel durchdacht und ­einmal am nächstem Ort angekommen ebenso viele Streichungen ­vorgenommen. In Pantelleria wurde ein Entwurf des Projekts ­niedergeschrieben und Material gesammelt. In Mailand w ­ urde ihm versucht, eine Form zu geben, wobei er in einem groben ­Zustand belassen wurde. Zurück in Berlin begann ich, seine ­Struktur zu definieren; in Batzlow beschrieb ich alle seine Teile, aber es war i­ mmer noch zu komplex und vage, um verständlich zu sein. Ich änderte viele Male die Richtung und dachte oft über die Form, den Inhalt und die endgültige Struktur nach. Zurück in Mailand habe ich ihn ausgearbeitet und ihm seinen endgültigen Inhalt und seine Form gegeben. Dank der Blockstruktur ist es möglich nonlinear durch die Abschnitte zu springen, ohne das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. Zum einen hat es die A ­ bfassung des Textes vereinfacht und ­gleichzeitig erschwer: S ­ tändiges Verschieben von Textteilen, K ­ ürzungen und Klarstellungen sind daher nötig gewesen. Die Verflechtung und Überschneidung zwischen der ­Entwicklung von Städten und der Anwendung von Schlüsselkonzepten der S ­ ystemtheorie, auf verschiedenen Ebenen - ­historisch, technologisch und ökonomisch - erschien zunächst als ein möglicher Ansatz und materialisierte sich im Laufe der Recherche als das Rückgrat der gesamten Arbeit. Es wurde somit eine historische ­Kartografie und eine ­konzeptionelle ­Bestandsaufnahme der Faktoren e­ rarbeitet, die dazu beiträgt, das kontinuierlich instabile territoriale ­Verhalten ­zwischen Stadt und Land zu beleuchten. Eine große Anregung kam von Professorin Birgit Weller, deren Maxime ­Kombinieren und Schaffenskraft mich beim Verfassen der gesamten ­Ausarbeitung begleitetet haben. Diese Arbeit wird von diesen ­beiden Leitwörtern z­ usammengehalten und ist Frau Weller gewidmet. Zahlreiche Überschneidungen, Ähnlichkeiten, Parallelen, Gegenüberstellungen und Deduktionen fanden nicht so sehr in den unterschiedlichen Ortschaften statt, sondern in der Distanz dazwischen: nicht so sehr im Stillstand, sondern in der W ­ anderung von einem Ort zum nächsten. Besonders die Flughäfen und die Ankunftsstationen boten viele Momente zum Nachdenken und öffneten Räume für Überlegungen und Denkanstoße. Die Bewegung zwischen den Orten – Stadt, Dorf, Meer, See - war enorm produktiv und hat eine riesige Bandbreite an Fragen mit sich gebracht, die sonst vielleicht nie in Betracht gezogen worden wären.

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EX01

Stalin, Mao, Hoxha: Sozialismus Gigantismus & Outsider Countrysiders X10 Gigantismen. Die früheren Imperien des Sozialismus und Kommu-

nismus hatten faszinierende, aber auch beängstigende Konzepte für die Landschaft und deren Ausnutzung hervorgebracht. Infrastrukturelle Interventionen, drastische Land-System Change und Pläne [425], um die Erträge des Landes produktiver zu gestalten, sind in den letzten Jahrhunderten zu finden (vgl. Koolhaas et al. 2020: 70).

X11 Stalin und der Großer Plan zur Umgestaltung der Natur, 1948-

1953. Stalin und seine Nachfolger Chruschtschow und Breschnew schmiedeten in der ersten und zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Mammutpläne, um die Landfläche produktiver zu machen. 1948 initiierte Stalin einen Plan für die Anpflanzung von Schutzgürteln, die Einführung der Fruchtfolge im Grasland und den Bau von Teichen und Stauseen, um hohe Ernteerträge in den Steppenund Waldsteppengebieten der europäischen UdSSR zu sichern. Das Projekt sollte die Nahrungsmittelknappheit und klimatische Missstände beheben, insgesamt die Abhängigkeit von ausländischen Lieferungen vermeiden und das Problem der sowjetischen Nahrungsmittelversorgung lösen. Stalins Projekt wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlern unter der Leitung von Trofim Lysenko entwickelt und zielte auf die Verbesserung des Mikroklimas um einzelne Felder ab. Es entwickelte sich schließlich zu einem grandiosen Konzept zur Veränderung des Klimas in ganz Russland. Im Jahr 1953 wurde das Schutzgürtelprojekt abgebrochen, nur 46 Prozent des Projekts waren fertiggestellt (vgl. Koolhaas et al. 2020: 72).

X12 Chruschtschow und die Jungfernland-Kampagne, 1954-1965.

Nikita Chruschtschow trat 1956 die Nachfolge Stalins an und startete sein eigenes Mammutprojekt. Zum Zeitpunkt seiner Wahl war das Problem der Nahrungsmittelversorgung noch nicht gelöst und eine Getreideknappheit stand bevor. Er plante die Erschließung von „Neuland“, ein Plan zur Kultivierung von rund 450.000 Quadratkilometern Steppenzone in Kasachstan, Sibirien, der Wolga-Region und dem Ural. Das Projekt erforderte enorme Investitionen und riesige menschliche und technische Ressourcen, war aber falsch konzipiert. Weder die spezifische Beschaffenheit der Böden noch das Klima wurden berücksichtigt. Die für die lokalen Bedingungen geeigneten Getreidesorten wurden nicht sorgfältig ausgewählt. Die Böden wurden überdüngt, ein Teil der Ernte ging durch unzureichende Lagerung verloren. Rund 1,7 Millionen Menschen wurden zur Kultivierung neuer Territorien ausgesandt. Den Neusiedlern wurden Anreize und „eine Eintritts-

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karte in ein glückliches neues Leben“ angeboten. Die „Neuland“Gebiete brachten Rekordernten, aber in wenigen Jahren wurde eine weitere ökologische Katastrophe ausgelöst. Die Überdosis an Düngemitteln in den ungeeigneten Gebieten führte zur Versalzung und Oxidation des Bodens. Das Pflügen und die intensive Bodenausbeutung beschleunigten die Erosion. 1963 war Chruschtschow gezwungen, Getreide aus den Vereinigten Staaten zu importieren (vgl. Koolhaas et al., 2020, p. 76) Breschnew und der Nördliche Flussumkehr, 1968-1986. X13 Unter Breschnew, der 1968 dekretiert wurde, entstand ein neuer Plan, dessen Ziel es war, die schlechten klimatischen Bedingungen zu vermeiden und die Bewässerung zu verbessern, indem vielversprechende Territorien in Zentralasien kultiviert wurden. Kern des Projekts war der Bau des 2.550 km langen „Sibirien-ZentralasienKanals“, der das Potenzial hatte, die wichtigste geopolitische Verkehrsader zu werden, die den Karasee mit dem Kaspischen Meer und schließlich mit dem persischen Golf verbinden sollte. Für den Bau wurde die Möglichkeit in Betracht gezogen, 220 unterirdische Nuklearsprengungen einzusetzen, aber nach zwei Versuchen wurde diese Idee verworfen. Das Projekt dauerte 18 Jahre und wurde schließlich eingestellt, als Gorbatschow an die Macht kam (vgl. Koolhaas et al. 2020: 77–78). X14 Mao und der Großer Sprung nach vorn. Großer Sprung nach vorn war der Name für eine von Mao Zedong initiierte, von 1958 bis 1961 laufende Kampagne, bestehend aus mehreren einzelnen Initiativen. Mithilfe dieser Kampagne sollten die drei großen Unterschiede Land und Stadt, Kopf und Hand sowie Industrie und Landwirtschaft eingeebnet, der Rückstand zu den westlichen Industrieländern aufgeholt und die Übergangsperiode zum Kommunismus deutlich verkürzt werden. Der Begriff „Großer Sprung nach vorn“ wurde im Herbst 1957 erstmals öffentlich im Zusammenhang mit einem Aufruf zum Bau von Staudämmen und Bewässerungsanlagen verwendet. Diese Wasserbaumaßnahmen galten als wesentliche Bedingung für eine landwirtschaftliche Produktionssteigerung. Man schätzt, dass etwa 100 Millionen Bauern mobilisiert wurden, um das chinesische Land durch den Bau von riesigen und zahlreichen Dämmen, Stauseen und Bewässerungskanälen umzugestalten. So schuf das chinesische Reich den Grand Canal. Die Ufer des Gelben Flusses erforderten eine ständige und umfangreiche Instandhaltung, da das Flussbett über Hunderte von Kilometern auf einem höheren Niveau verläuft als die umliegende Landschaft. Aber anders als in der Vergangenheit wurde die Planung der Arbeiten nicht qualifizierten Technikern anvertraut, sondern den Bauern selbst und lokalen Parteikadern. Außerdem wurde bei vielen Maßnahmen der Rat der Hydrologen ignoriert und die Arbeiten wurden mangelhaft ausgeführt. Im Juli 1959 brach der Gelbe Fluss im Osten Chinas über die Ufer und tötete zwei Millionen Menschen, ein Ereignis, das zu den 10 schlimmsten Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts gezählt wird. Die sowjetische Propaganda brachte China dazu, den extravaganten Theorien von Trofim Lysenko Glauben zu schenken, die

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später diskreditiert wurden. Enge Aussaat und tiefes Pflügen (bis zu 3 Meter) wurden gefördert, mit der Behauptung, dass Samen der gleichen „Klasse“ nicht miteinander konkurrieren würden und dass die Pflanzen mehr Wurzeln in den fruchtbarsten Schichten entwickeln würden. Neben der Bewässerung sollte auch die übrige für die Wirtschaft notwendige Infrastruktur ausgebaut werden. Dies galt sowohl für die Bahn, Straßen, Telefonie, Elektrizität, Deiche, Dämme und anderes. Auf diese Interventionen folgte ab 1950 eine Reihe von Hungersnöten. Aus den verfügbaren Dokumenten geht nicht hervor, ob diese Maßnahmen aufgrund der ungünstigen klimatischen Bedingungen nicht die gewünschten Früchte trugen, wie die chinesischen Behörden behaupteten. Sowohl die Politik des Großen Sprungs als auch die Hungersnot dauerten bis Januar 1961 an, als das Programm gestoppt und eine andere Politik eingeführt wurde, wodurch die normale landwirtschaftliche Produktion wiederhergestellt wurde. Die Getreideexporte wurden gestoppt und durch Importe aus Kanada und Australien ersetzt (vgl. de Fenffe 2021). X15 Hoxha und die Bunkerisierung Albaniens. Aus Angst vor einer

unwahrscheinlichen Invasion, vor allem durch Jugoslawien und das Griechenland der Obersten, aber auch durch Westeuropa und später sogar durch die Länder des Warschauer Paktes, ließ Enver Halil Hoxha ab 1950 im ganzen Land Albanien Tausende von Betonbunkern errichten, die als Wachposten und Waffenunterstände dienen sollten; ihre Zahl dürfte bei etwa 200.000 gelegen haben. Ihr Bau wurde beschleunigt, als das Land 1968 offiziell den Warschauer Pakt verließ, was das Risiko eines ausländischen Angriffs erhöhte. Das albanische Binnenland und die Küstenlinie wurden so zur Kulisse für die größte Planung von Lagern und Bunkern, die je angelegt wurde. Sie prägten während der 1980er und 1990er Jahre vielerorts das Landschaftsbild und sind auch heute noch häufig zu sehen. Deren Abriss wurde nie durchgeführt und auch nie beantragt. Einige wurden instand gesetzt und werden nun als Unterkunft für Badeeinrichtungen genutzt. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, wie sich das paranoide Gefühl der Selbstisolierung gerade in der Morphologie dieser enormen Anzahl von Bunkern verkörperte: Kaum ein Bauwerk hätte das Gefühl der Angst und Paranoia eines Volkes so eindeutig widerspiegeln können. Das albanische Volk bereitete sich auf eine Invasion vor, die nie stattfand (vgl. Grothe 2012).

und der niedrigere Verbrauch von fossilen Energieträgern zur Erzeugung elektrischer Energie gewesen. Hinzugekommen wären die wirtschaftliche Integration und ein industrieller Aufbau von Nordafrika. Obwohl diese Initiative einige Befürworter hatte, hätte ein solches Projekt tiefgreifende Schäden und schwer abzuschätzenden Folgen hervorgerufen. Durch die Versteppung der Randzonen des Mittelmeers hätten sich die Niederschläge in Nordafrika verringert und damit auch die Ernteerträge. Alle existierenden Häfen wären trocken gelegen und hätten neu angelegt werden müssen, mit nicht absehbaren Auswirkungen auf den internationalen Warenhandel durch Schiffsverkehr. Zusätzlich wären schwere ökologische Folgen zu erwarten gewesen, insbesondere durch den ansteigenden Salzgehalt des Restmeeres, welches zur Vernichtung des Lebensraumes Tausender Arten zur Folge gehabt hätte. ­Aufgrund des hohen Salzgehaltes auf dem gewonnenen Neuland hätte aller Wahrscheinlichkeiten nach kein Anbau wachsen können. Außerdem hätte eine Sperrung der Straße von Gibraltar die kalten Strömungen des Ozeans unterbrochen und die Austauschbeziehungen mit den Meeresströmungen irreparabel verändert. Tausender Arten bracht hätte. Aufgrund des hohen Salzgehaltes auf dem gewonnenen Neuland hätte aller Wahrscheinlichkeiten nach kein Anbau wachsen können. Außerdem hätte eine Sperrung der Straße von Gibraltar die kalten Strömungen des Ozeans unterbrochen und die Austauschbeziehungen mit den Meeresströmungen irreparabel verändert (vgl. Kulke 2013).

X16 Sörgel und Atlantropa. In den 1920er-Jahren wurde von dem

Architekten Herman Sörgel das monumentale Landumwandlungsprojekt Atlantropa vorgeschlagen. Durch einen Staudammbau in der Straße von Gibraltar und einen bei den Dardanellen hätte man den Wasserzufluss aus dem Atlantik und dem Schwarzen Meer in das Mittelmeer drastisch verringern können. Ziel des Projektes war, durch Absenkung des Meeresspiegels wertvolles Neuland zu gewinnen, zudem hätte man den Restzufluss zur Stromerzeugung mittels Wasserkraft nutzen können. Der Vorteil des Projekts wären neben der Landgewinnung und dem Schaffen von Arbeitsplätzen eine größere Unabhängigkeit der europäischen Energieversorgung

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EX02

Grenzlos: Asimov, Ballard, Jingfang

schützen, die die Elite, fünf der achtzig Millionen Menschen, die in der Metropole leben, atmet. Alle anderen, eingeklemmt in die starre städtische Schichtung, teilen sich den Rest. Die Geschichte ist geprägt von einer scharfen Kritik an der Gesellschaft, insbesondere an der der chinesischen Megastädte, die unweigerlich zu einer Entmenschlichung des Individuums führt.

X20 Trantor. Im letzten Jahrhundert und in jüngerer Zeit lassen sich

andere, ebenso bedeutende literarische Modelle [371] ausfindig machen, auch wenn sie sich nicht in einen utopischen Rahmen einordnen lassen. Isaac Asimov spricht in seinem monumentalen Werk Cycle of Foundations (1951-1988) von Trantor, einem Planeten, der sich durch eine einzige riesige Stadt auszeichnet, die ihn vollumfänglich verhüllt und ihm seinen Namen gibt. Sie hat eine Fläche von 200 Millionen km² und ist mit Ausnahme der kaiserlichen Gärten vollständig mit Metall bedeckt. Sie wird von 45 Milliarden Menschen bewohnt und besteht aus etwa 800 Sektoren. Nach dem Untergang des Galaktischen Imperiums wird sie eine teilweise Entmetallisierung ihrer Oberfläche erfahren und - wieder - eine reine Agrarwelt werden. Die Idee eines galaktischen Imperiums, das nach zwölftausend Jahren Herrschaft am Rande des Zusammenbruchs und des Verfalls steht, kam Asimov, als er im Büro seines Chefs ein Exemplar von Edward Gibbons The Decline and Fall of the Roman Empire (1776-1789) entdeckte.

X21 Freier Raum. James Graham Ballard spricht in seiner Kurzge-

schichte Concentration City (1957) von einer Zivilisation, deren Grad der Verstädterung [110] so weit fortgeschritten ist, dass sie jede andere Art von Landschaft verhindert. Die Stadt als allumfassendes Phänomen hat sich so sehr in der kollektiven Vorstellung verankert, dass sie jede andere Art von Alternative aus der Vorstellungskraft und dem Gedächtnis ihrer Bewohner verdrängt hat. Die Stadt hat sich so weit entwickelt, dass sie sogar den Himmel besetzt hat, der nicht mehr sichtbar ist. Jeder einzelne Raum ist von Konstruktionen besetzt. Der Mensch, der in einer anormalen, sich ständig ausdehnenden städtischen Masse [344] gefangen ist, hat vergessen, dass er in der Lage war, Flugmaschinen zu bauen und dass er einst durch die Lüfte flog. Franz, der Protagonist, wird immer wieder von demselben Traum gequält, fliegen zu können. Getrieben von seiner Besessenheit und in der Überzeugung, dass es einen anderen Ort als die Stadt geben muss, steigt er in einen Zug und versucht, auf der Suche nach dem „freien Raum“ die Stadtgrenze zu erreichen. Doch nach drei Wochen Reise endet seine Fahrt genau dort, wo sie begonnen hat. Es gibt nichts als eine endlose Stadt.

X22 Faltende Stadt. Hao Jingfang erzählt in seiner 2016 erschienenen

Kurzgeschichtensammlung Folding Peking von einem Peking, das in drei Räume unterteilt ist, die sich drehen und in sich selbst zusammenklappen, sodass die vierundzwanzig Stunden eines jeden Tages sorgfältig organisiert sind, um die Zeit und die Luft zu

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EX03

Robert Owen und Charles Fourier X30 Antwort. Der Engländer Robert Owen und der Franzose Charles

Fourier waren die bekanntesten Vertreter des utopischen Sozialismus, deren Pläne eine totale Umstrukturierung des städtischen Lebens vorsahen, nach Schemata, die Stadt und Land, Landwirtschaft und Industrie verschmelzen sollten. Die Stadtmodelle, die von den „utopischen Sozialisten“ als Antwort auf die städtische Unordnung vorgeschlagen wurden, basieren auf dem Prinzip der rationalen Ordnung, das sowohl ein räumliches Modell als auch eine soziale Theorie in Betracht zieht und aus den objektiven Bedürfnissen des Menschen ableitbar ist.

Phalanx. Als Phalanx (gr. Φάλανξ phálanx für „­ Baumstamm“, „­ Walze“, „Rolle“ oder „­ Schlachtreihe“) wird eine dichtgeschlossene, lineare­ ­Kampfformation ­schwerbewaffneter Infanterie mit mehreren Gliedern bezeichnet. Das ist es, was Fourier meinte, als er sein Phalanster-Projekt vorschlug. Eine Phalanx von Bürgern, zusammengeschlossen in kompakten Einheiten, die es auf autonome und selbstorganisierte Weise schaffen würde, die s­ tädtische Expansion in natürlichen Territorien zu blockieren.

X31 Owen. Als überzeugter Moralist forderte Robert Owen die Er-

ziehung der Jugend und für die allgemeine Bevölkerung ein Programm aus Bildung, Arbeit und Ausbildung. Owen strebte die Schaffung von halb-ländlichen Gemeinschaftsdörfern an, Zentren der Zusammenarbeit und Harmonie, die untereinander föderiert sind und von fünfhundert bis dreitausend Einwohnern bewohnt werden. Sein Modell bestand aus einem Gebäudeorganismus, der 1200 Menschen beherbergen kann, aus vier Wohngebäuden besteht, die für öffentliche Einrichtungen (Schule, Küchen, Bibliothek, Refektorien usw.) bestimmt sind, und von Gemüsegärten und Parks umgeben ist (vgl. Bookchin 1974: 126). In regelmäßigen Abständen befinden sich Industrieanlagen, während solche, die der Landwirtschaft nützen, in der Umgebung verteilt sind. 1825 kaufte Robert Owen das Land, auf dem sich die Stadt New Harmony, Indiana (USA) befand - etwa 30.000 Acres -, wohin er im folgenden Jahr mit seiner Familie und einer Gemeinde von 800 Menschen zog, um ein Experiment des utopischen Sozialismus zu verwirklichen. Nach einem guten Start führten einige Zusammenstöße und Unstimmigkeiten aufgrund der Unnachgiebigkeit Owens, der zu großen Vielfalt der Beteiligten, der fehlenden individuellen Souveränität und des Privateigentums bereits 1827 zum Abbruch des Projekts.

X32 Fourier. Charles Fourier hingegen schlug, ausgehend von der

Kritik am Industrialismus, eine harmonische Gesellschaft vor, die auf der Annahme multifunktionaler Gebäudeorganismen mit differenzierten Wohnungen, Durchgängen und Höfen, Werkstätten und Dienstleistungen im Inneren beruhte: das Phalansterium. Er träumte von neuen Gemeinschaften, die alle Beschränkungen für hedonistisches Verhalten zerstören würden, und er hoffte manchmal zur Verlegenheit der Jünger selbst, dass die menschlichen Beziehungen durch Vergnügen harmonisch werden würden (vgl. ebd.: 126).

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Off-Grid Dimensionen Weg vom Grid, durch die Utopie.

EX04

Weltentwerfen. Gegen Mitte des 20. Jahrhunderts, mitten im wirt- X40 schaftlichen Aufschwung, erlebte man den Aufstieg interessanter Formen alternativen Wohnens: Wie man der Stadt entkommt oder man neue Welten und neue Arten von Gemeinschaften schafft, scheint dabei eine wiederkehrende Frage zu sein, die man damit zu beantworten versuchte. Die Tätigkeit des Weltentwerfens und der Kommunitätsbildung wurzelt also zweifelsohne in der Vergangenheit und ist keineswegs ein neues Phänomen der Gegenwart. Aus Normen auszubrechen oder neue zu schaffen, Alternativen oder Utopien zu entwickeln, ist ein wichtiger Punkt auf der Agenda der Menschen seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Jenseits der von Howard, Fourier, Branzi oder Hilberseimer vorgeschlagenen Lösungen ist der Mensch bereit, seine ideale Umgebung fernab von bekannten Paradigmen und vorgefertigten Schemata aufzubauen. Zum Schutz. Arthur Clarke, ein scharfsinniger Wissenschaftler und X41 produktiver Schriftsteller, weist darauf hin, dass wir unseren Planeten Erde nennen, obwohl 70 % von ihm von Meeren und Ozeanen bedeckt sind. Wir sollten es daher anders nennen, Ozean, aber nachdem wir die Landmassen bewohnt und kolonisiert haben, orientieren wir uns an unseren Errungenschaften (vgl. Lovelock 2020: 90). Darüber hinaus lebt die menschliche Spezies auf dem Festland. Alternative Wohnformen können auch jenseits des Landes geschaffen werden. Schon der neolithische Mensch entdeckte im Angesicht der Gefahr, dass die Natur noch bessere Verteidigungsmöglichkeiten bieten konnte. Siedlungen auf Hügeln oder auf Inseln nutzten die natürlichen Vorteile. Der Mensch begann nach diesen Vorteilen zu suchen. Er lernte sogar, künstliche Inseln nach dem Vorbild der Natur zu bauen. Siedlungen von Seebewohnern, die auf Plattformen gebaut waren, die von Pfosten gestützt wurden, gaben ihren Bewohnern den vollen Schutz einer Wasserbarriere. Das prähistorische Athen befand sich auf dem Hügel der Akropolis; das prähistorische Rom auf dem Palatinhügel. Aller Wahrscheinlichkeit nach standen diese Siedlungen auf ehemaligen Zufluchtsorten, die bereits in der Jungsteinzeit errichtet wurden (vgl. Hilberseimer 1955: 20–21). X42 Die Roseninsel. Die Person, die weiter ging und bewies, dass es tatsächlich möglich ist, realisierbare Utopien zu schaffen (Yona Friedmann, 1974) war zweifellos der Ingenieur Giorgio Rosa, der zehn Jahre seines Lebens zwischen den 60er und 70er-Jahren, dem Bau einer Plattform (20 x 20 Meter, Stahlbeton auf Stahlpfählen) 11.6 Kilometer vor der Küste von Rimini, in der Emilia-Romagna, widmete. Die Roseninsel wurde von Rosa am 24. Juni 1968 zum

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unabhängigen Staat erklärt und rühmte sich, Pässe, Währung und Briefmarken drucken zu können. Leider war es nicht weit bis zu den Küsten der letzten kommunistischen Bastion auf europäischem Gebiet: Titos Jugoslawien war nur wenige Hundert Kilometer entfernt. Die Roseninsel dauerte 55 Tage und wurde dann am 13. Februar 1969 von der die italienische Marine mit Sprengstoff zerstört. Um Nachahmungen und ähnliche Versuche zu vermeiden, wurde schließlich beschlossen, die Meeresküstengrenze auf 17 Seemeilen zu verschieben. X43 Seeland. Das Fürstentum Seeland hingegen wehrt sich noch.

­ wischen 10 und 15 Personen leben dort unregelmäßig. Z Es beherbergte die Napster-Server Ende der 90er-Jahre, als Napster der Referenzpunkt für digitale Piraterie war. Mehrmals besetzt, wurde es dann mithilfe einer Gruppe von Söldnern befreit. 15 Seemeilen von der englischen Küste entfernt, wird es nicht offiziell als unabhängiger Staat anerkannt. Im Fürstentum Seeland gedruckte Pässe werden auch nicht offiziell anerkannt.

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Quellen

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Milano, 01.09.2021

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