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DA S M AG A Z I N

METROPOL

REGION

STUTTGART

NR

01

°AUS DER

REGION AUF DEN WELTMARKT

°BESENWIRTE

UND STERNEKÖCHE

°VON PFERDEN

UND STÄRKEN

1 WIRTSCHAFT, FORSCHUNG, KULTUR UND LEBEN IM SÜDWESTEN


IMPRESSUM Metropolregion Stuttgart. Das Magazin Herausgeber: Dr. Ulrich Bausch. Zeitenspiegel Reportageschule Günter Dahl der vhs-Reutlingen GmbH Chefredaktion: Philipp Maußhardt Textchef: Philipp Maußhardt Chef vom Dienst: Mathias Becker, Markus Wanzeck Bildredaktion: Barbara Bylek, Helge Rösch Autoren: Felix Austen, Mathias Becker, Dominik Drutschmann, Agnes Fazekas, Holger Fröhlich, Esther Göbel, Anna Hunger, Anton Hunger, Johan Kornder, Nicola Meier, Anne Meyer, Sara Mously, Lena Müssigmann, Kety Quadrino, Dagny Riegel, Katharina Schönwitz, Julius Schophoff, Markus Wanzeck Fotografen: Thomas Kienzle, Manfred Grohe, Heinz Heiss, Rainer Kwiotek, Uli Reinhardt, Christoph Schmidt, Frank Schultze, Eric Vazzoler, Antonia Zennaro Titelfoto: Thomas Kienzle Illustration: Sepp Buchegger Schlussredaktion: Frank Brunner, Jan Rübel, Erdmann Wingert Lektorat: Jana Vatnika


Foto: Christoph Püschner

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Liebe Leserinnen und Leser, wussten Sie, dass Stuttgart die zweitgrößten Mineralwas-

fern, die häufig auf „ingen“ enden. In der kulturelle Viel-

servorkommen Europas hat? (Nur in Budapest gibt es mehr.)

falt aber ebenso gepflegt wird wie manch lokale Tradition.

Dass im Ostalbkreis und im Hohenlohekreis zahlreiche Welt-

Um den Lebensnerv dieser Region zu erspüren, haben sich

marktführer zu Hause sind? Dass das Schwarzwaldstädt-

Absolventen der Zeitenspiegel-Reportageschule Reutlingen

chen Calw für seine vorbildliche Integration von Migranten

auf die Suche nach Geschichten gemacht, die zeigen, dass

ausgezeichnet wurde? Dass Biotechnologie aus Tübingen

wirtschaftlicher Erfolg und ein lebenswertes Umfeld keine

die Krebstherapie entscheidend verändern wird? Oder, dass

Gegensätze sein müssen. Dass sie vielmehr einander bedin-

man hoch oben auf der Schwäbischen Alb eines der außer-

gen. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis des Erfolgs

gewöhnlichsten Theater Deutschlands findet?

der Metropolregion Stuttgart, einer der erfolgreichsten

Die europäische Metropolregion Stuttgart ist für viele Über-

Wachstumsregionen Deutschlands.

raschungen gut. Was daran liegen könnte, dass Weltläufig-

Das Ergebnis der Arbeit der jungen Journalisten halten Sie

keit und Verwurzelung hier keine Gegensätze sind: Viele

in der Hand: das Magazin der Metropolregion Stuttgart.

der rund 5,2 Millionen Menschen zwischen Heilbronn im Norden und Freudenstadt im Süden, zwischen Calw im Wes-

Viel Spaß beim Lesen wünscht

ten und Aalen im Osten, arbeiten für Firmen, die auf dem Weltmarkt führend sind. „Daheim“ fühlen sie sich in einer

Ihr

Welt, die überschaubar scheint, mit ihren Städten und Dör-

Philipp Maußhardt

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Inhalt S 32 Editorial 

S 03

Kleinteiliges 

S 06

Impressum 

S 02

Wirtschaft Wir können alles. Auch bio Pioniere der Biolandwirtschaft 

S 18

Powered by Voith Von der Schwäbischen Alb in die ganze Welt 

Fotoessays

S 40

Die Hidden-Champions-League Weltmarktführer aus der Metropolregion 

S 42

Frank Schultze Stuttgart leuchtet 

S 08

Die Weltverbesserer Eine Erfolgsgeschichte namens Weleda 

S 46

Manfred Grohe Gar nicht abgehoben 

S 32

Wo der Kunde König ist Shopping in Metzingen 

S 74

Eric Vazzoler Der Hingucker 

S 66

Die neue Form von Unabhängigkeit Interview mit Autoentwickler Jürgen Schenk 

S 79

Von Pferden und Stärken Wirtschaftsfaktor Vierbeiner 

S 83

Kein Hügel ohne Weinstock Winzerkultur im Südwesten 

S 86

Die Supertrolli-Macher Das Weingut Rux 

S 88

Von Löwenstein in die Welt Das Weingut Zipf 

S 90


Wissenschaft und Technik

Kultur

Happy End in Ludwigsburg

Die wollen doch nur spielen Das Theater Lindenhof in Mössingen 

S 28

Trickfilmstudenten erobern die Studios 

S 16

Aus dem Labor auf den Markt

Stuttgart 21 v. Chr.

Biotechnologie in der Metropolregion 

Die Baustelle der ICE-Trasse Stuttgart-Ulm wird zum Ausgrabungsort 

S 16

S 22

S 48 Der Superrechner

Multikulti in Calw Fachwerkidylle mit internationalem Flair 

Das Höchstleistungsrechenzentrum S 52

der Universität Stuttgart 

Ein Stern für Stuttgart

Wandel auf leisen Sohlen

Nico Burkhardt lässt Gourmetherzen höher schlagen  S 56

Göppingens Weg Richtung E-Mobilität 

S 24

S 77

Baden in Schwaben Von Frühschwimmen bis Wellnesstempel: Ein Tag im Wasser 

S 60

Service

Die Stadt der Ehrenbürger Nürtinger Bürger engagieren sich für ihre Stadt 

S 80

Bürger im Einsatz Drei Ehrenamtliche im Porträt 

Die hohe Schule – Bildung und Forschung 

S 26

Urmenschen und Fossilien – Museumstipps 

S 51

S 82 Von Besen und Sternen – Gastronomische Highlights  S 58

So sehen Sieger aus Gold und andere Schätze – Einkaufsparadiese 

Von Weißenhofturnier bis TSG Reutlingen: Sport verbindet 

S 92

S 76

Foto: Manfred Grohe, Antonia Zennaro, Thomas Kienzle

S 60


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

DIE METROPOLREGION

STUTTGART umfasst die Regionen

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Sie hat eine Fläche von

15.400  KM² mit

5,2

Die Unternehmen am Standort erwirtschaften mit

2,1

Millionen Arbeitskräften

MILLIONEN

über

194

Einwohnern (Stand 2013)

Es gibt

31

Milliarden Euro

Hochschulen mit

131.000

(Stand 2011)

(Stand WS 2012/2013)

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Quelle: Verband Region Stuttgart

Studierenden


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Stuttgart leuchtet Fotos: Frank Schultze

Fotoessay _ Der Fotograf Frank Schultze kennt die Welt. Seine Reportagen aus Asien, Afrika, Südamerika und Osteuropa erschienen in Magazinen wie Geo, Stern und Mare. Stuttgart dagegen war Neuland für ihn. Mit frischem Blick spürte der gebürtige Dortmunder viele pittoreske Aspekte der schwäbischen Landeshauptstadt auf, im und um den Kessel herum. Und er genoss sie. Lakonisches Fazit des Mannes aus dem Ruhrpott: „Lässt sich aushalten hier."

Abendstimmung auf der Karlshöhe. Bei Weizenbier und Trollinger wandert der Blick über Weinberge ins Tal, in dem ein heißer Tag verglüht.

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M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Wunderwelt Wilhelma Für klein und groß bietet der berühmte Tierpark mitten in der Stadt immer wieder Begegnungen der besonderen Art

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Mythos Mercedes Auf einer Trasse, die sich spiralförmig durch das gesamte Gebäude windet, präsentiert das Museum 160 Wagen aus 125 Jahren Autobau. Treffpunkt Schlossgarten. Vier Kilometer lang dehnt sich die grüne Lunge in der City aus, ein Ort zum Durchatmen und Spielen. Die Arktis lässt grüßen. Eisbären sind eine von vielen Attraktionen der Wilhelma, in der die Tiere in einer natürlichen Felsenlandschaft leben.


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Melodram in luftiger Höhe Das Openair-Festival auf der Esslinger Burg zieht jeden Sommer Tausende Besucher an. Im Angesicht der Antike. Die Skulpturenterrasse der Staatsgalerie ist ein inspirierender Ort – und das nicht nur für Kunstschüler. Gruppenbild mit Wasserspiel. Rund 600 Jahre alt ist der Schlossgarten im Herzen der Stadt. Beliebter Treffpunkt der Jugend sind seine Brunnen.


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Happy End in Ludwigsburg Portrait _ Spezialeffekte und Animationen sind aus der Medienwelt nicht mehr wegzudenken. Im Animationsinstitut der Filmakademie Ludwigsburg lernen die Profis von morgen Handwerk und Teamwork – und haben gute Chancen, ihre künftigen Arbeitgeber zu treffen Manchmal sind digitale Effekte eben Handarbeit: Für ihre Instal­ lation „Deep Dance“ fertigt Anna Katharina Brinkschulte, Studentin

D

am Animationsinstitut, eine hauchdünne Leinwand. Jeder Luftzug lässt die Stoffbahnen wogen und verstärkt so die räumlichen er Kampf tobt. Das Pub-

Effekte der 3-D-Projektion, die sich darauf abspielt. So sind wir

likum grölt, als Wrestler

hautnah dabei, wenn – wie hier – ein Raubfisch von vielen kleinen

„Harald“ sich auf seinen

Tintenfischen durch eine Tiefseewelt gejagt wird.

Gegner stürzt und ihm seine Pranke auf den Kopf

sausen lässt, dass es klatscht. Gewonnen! Nach dem Kampf nimmt der kah-

vielen Gruppenarbeitsräumen hängen,

zählt die Liebe zum Detail, davon er-

le Koloss die Kampfmaske ab und man

will er sich dennoch nicht legen. Lieber

zählen auch die leeren Dosen Energy-

blickt in ein naives Gesicht mit Kullerau-

geht er den Sechsminüter, der zugleich

Drinks neben den Monitoren.

gen. Harald hat ein Hobby: Er liebt Blu-

seine Diplomarbeit ist, nochmal durch

Die Besessenheit zahlt sich aus. 2011

men. Heimlich. Seine Mutter, ein Biest

und korrigiert noch ein wenig Kontrast

ging der Oscar für die besten visuellen

mit spitzer Visage, darf nichts davon

und Farbe der Bilder. Dieses „Colour-

Effekte an Martin Scorseses „Hugo Ca-

erfahren. Sie will, dass er kämpft, nicht

Grading“ ist der letzte Schliff. „Das

bret“, den ehemalige Ludwigsburger im

träumt.

macht den Film runder“, erklärt Moritz

Visual Effects Studio „Pixomondo“ mit-

Moritz Schneider hält den Film an. Der

Schneider. An anderen Computern wird

gestaltet haben. Im gleichen Jahr wurde

30-Jährige, Kapuzenpulli und Schie-

ebenfalls noch gearbeitet. Hier muss

„Der Grüffelo“, der im Studio Soi in Lud-

bermütze, sieht zufrieden aus. „Das

ein Kameraschwenk eingefügt, dort

wigsburg produziert wurde, als „Bester

ist schon ziemlich nah an dem, was ich

eine virtuelle Welt in bläuliches Mond-

animierter Kurzfilm“ für den Oscar no-

wollte“, sagt er. In eine der Hängemat-

licht getaucht werden. Am Animations-

miniert. Und 2012 wurde der Zeichen-

ten, die zwischen den Computern in

institut der Filmakademie Ludwigsburg

trickfilm „Die Prinzessin, der Prinz und

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dienwelt: Als er anfing, baute man Mo-

die alle Bereiche vom Werbe- über den

delle, filmte sie in Einzelschritten und

Kino- bis zum Kunstfilm bedienen.

animierte die Bilder. Heute lassen sich

„Ich habe mich hier beworben, weil

Figuren wie „Harald“ am Computer ent-

ich Geschichten erzählen wollte“, sagt

werfen und zum Leben erwecken. Der

Moritz Schneider. Die Effekte seien

Raum, Licht, Kamera – alles ist digitale

faszinierend, aber für ihn zähle in ers-

Illusion. „Früher brütete man oft allein

ter Linie die Handlung. Er lässt seinen

über seinem Film, heute ist Teamarbeit

Film weiterlaufen: Harald hält einen

das A und O“, sagt Haegele. Im Abspann

winzigen Setzling in seinen Pranken. Er

von Moritz Schneiders „Harald“ sind 40

will heimlich eine Blume ziehen, doch

Namen zu lesen.

seine Mutter erwischt ihn und will sie

„Es bringt nichts, wenn hier zehn Nerds

ihm wegnehmen. Plötzlich reißt die

sitzen und einzeln vor sich hin arbei-

Pflanze ihr Maul auf, verschlingt die

ten“, sagt Moritz Schneider. Jeder spe-

Mutter und rülpst zufrieden. Happy

zialisiert sich im Laufe seines Studiums,

End, wenn man so will. Und gleich im

etwa auf das Gestalten oder Animieren

doppelten Sinne: Auf der „SIGGRAPH

von Figuren oder auf die visuellen Ef-

2013“ in Kalifornien, einer der wichtigs-

fekte in Filmen mit „echten“ Schauspie-

ten internationalen Fachkonferenzen

lern. Natürlich behält der Regisseur, in

für Computer Graphics, wurde „Harald“

diesem Fall Moritz Schneider, die Fäden

in der Kategorie „Best Student Project

in der Hand. Aber den Weg vom ersten

Runners-Up“ ausgezeichnet. Auch der

Entwurf bis zum fertigen Film gehen

Preis „Best Student Project“ ging an ein

viele Kommilitonen gemeinsam. Frisur,

Team vom Animationsinstitut.

Gesicht, Körperbau, Bewegungen und Handlung müssen vielfach angepasst

Text: Dagny Riegel

werden, bis Optik und Geschehen ein

Fotos: Thomas Kienzle

stimmiges Ganzes ergeben. Ein Kommilitone hat ein virtuelles „Skelett“ konsder Drache mit den grünen Augen“ mit

truiert, um die Bewegungen der Figur

dem Deutschen Kurzfilmpreis ausge-

zu entwickeln. Moritz Schneider hat die

zeichnet. An der Produktion beteiligt

Figur dann „zum Leben erweckt“. Ein

auch hier: Studenten aus Ludwigsburg.

Vorgang, der aus vielen Einzelschritten

Das Animationsinstitut, 2002 als Teil

besteht: „Die Animation selbst macht

Zweimal im Jahr blickt die Welt der

der Filmakademie Baden-Württemberg

nur einen Teil der Arbeit aus“, erklärt er.

Spezialeffekte auf Stuttgart: „Inter-

gegründet, gilt als das beste seiner Art

Oberflächen, Licht, Schatten und Pers-

nationale Konferenz für Animation,

in Deutschland. Rund 80 Studenten des

pektiven aller Figuren und Hintergrün-

Effekte, Games und Transmedia“, kurz

Studienschwerpunktes „Animation“ wer-

de müssen in aufwändigen Rechen-

„FMX“ (www.fmx.de), die Künstler,

den hier zu Spezialisten in Animation,

prozessen

Wissenschaftler, Produzenten und

Visual Effects und digitaler Postproduk-

werden. Arbeit, die kein Computer von

andere Spezialisten aus allen Teilen

tion ausgebildet. Hinzu kommen gut 20

selbst erledigt.

der Welt stets im Frühjahr in Stuttgart

Studenten des Studienschwerpunktes

Neben dem Handwerk bietet das Institut

zusammenbringt. Ebenfalls im Früh-

„Interaktive Medien“. Das Studium dau-

auch ein Netzwerk, da die meisten Do-

jahr lockt das „Internationale Trick-

ert acht Semester, plus drei Monate Ar-

zenten im Hauptberuf im Filmgeschäft

filmfestival“ (www.itfs.de) Macher

beit am Diplom. Ein Weg, der sich lohnt,

arbeiten, etwa für Branchenriesen wie

und Fans der virtuellen Welten in die

will man in der digitalen Kreativbranche

„Pixomondo“ oder „Pixar“. Wobei die

Landeshauptstadt. Eine knappe Woche

schnell vorankommen. „Die Ausbildung

Auftraggeber mittlerweile auch vor der

lang werden Filme präsentiert und

bei uns ist enorm praxisnah“, sagt Pro-

Haustür sitzen: Neben dem „Studio Soi“,

Preise verliehen. Publikumsmagnet

fessor Thomas Haegele, 64. Der Bran-

das bereits 2002 von Absolventen der

des Trickfilmfestivals, das weltweit

chenpionier und Institutsleiter blickt

Filmakademie in Ludwigsburg gegrün-

zu den größten zählt, ist das Openair-

auf eine Laufbahn zurück, die von Au-

det wurde, haben sich in der Region

Kino auf dem Schlossplatz.

todidaktik geprägt war – verlief sie doch

Stuttgart rund zwei Dutzend Anima-

parallel zu den Umwälzungen in der Me-

tions- und Effects-Firmen angesiedelt,

aufeinander

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abgestimmt


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Wir können alles. Auch bio Reportage _ Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben: Dieser Leitsatz findet in der Metropol­region seit jeher seine Anhänger, ganz unabhängig von der politischen Farbenlehre. Die hiesigen Pioniere der Biolandwirtschaft stehen ihren Tüftlerkollegen in nichts nach. Sie sind innovativ und kreativ, eigensinnig und erfolgreich.

D

er Tag, an dem Germann sein Leben lassen

am Fuß der Schwäbischen Alb, widersetzt sich in Deutsch-

muss, ist wolkenverhangen. An seinem letz-

land wohl am radikalsten dem Effizienzgebot der modernen

ten Vormittag steht er inmitten seiner Herde

Tierhaltung. Die rund 270 Rinder bekommen nur Gras und

und ahnt nichts von dem nahen Ende. Kein

Heu zu fressen. Auf über 80 Hektar Weideland lebt die Her-

Tiertransport. Keine Schlachthalle. Alles wie

de im Familienverbund. Das, so Maier, gibt‘s in ganz Mittel-

immer. Alles gut.

europa kein zweites Mal.

In ein paar Stunden wird Bauer Ernst Hermann Maier zu Ger-

Biostandards findet Maier gut – aber, für ihn persönlich, nicht

mann auf die Weide kommen, wie schon oft. Wenn er auf

gut genug. Seine Kühe und Bullen sollen es so richtig schön

den Bullen zugeht, 350 Kilogramm, knapp eineinhalb Jahre,

haben! Dazu gehört für ihn neben einem artgerechten Leben

Rinderpassnummer DE 08 930 15986, wird er einen längli-

auch ein würdevoller Tod. Die Rinder werden sanft aus dem

chen Gegenstand in den Händen halten, der keine Heugabel

Leben geholt: mit einem lautlosen Betäubungsschuss auf der

ist. Neun Millimeter, schallgedämpft. Germann wird inter-

Weide, aus dem sie nicht wieder erwachen. Geschlachtet wer-

essiert, dabei gelassen schauen, was passiert. Und wenn es

den die Rinder vor Ort. So bleiben ihnen Tiertransport und

passiert, wird es auch schon vorbei sein.

Todesstress erspart. Das wiederum kommt der Fleischquali-

Für Landwirt Maier, Germanns Besitzer, ist das die Hauptsa-

tät zugute, ist der Landwirt überzeugt.

che: dass seine Tiere so wenig wie möglich leiden. Deshalb

Dass alles so kam, wie es kam, lag an Axel. 1986 war das.

ist er schon öfter mit den Behörden aneinandergeraten.

Der Bulle wollte partout nicht in den Schlachthoftransporter

Denn der Uria-Hof der Familie Maier in Balingen-Ostdorf,

steigen. Drei Mann, zwei Stunden – vergebens. Später starb

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mit der grün-roten Landesregierung Baden-Württembergs, Rinderflüsterer nennen

dass kürzlich sogar die britische „Times“ ihren Europa-Kor-

sie Ernst Hermann Maier.

respondenten auf ihn ansetzte. Anlass der Auseinanderset-

Doch wenn es um seine

zung ist Maiers Weigerung, seine Rinder mit gelben Plastik­

Prinzipien geht, kann der

ohrmarken zu kennzeichnen – nach Ansicht der Politiker ist

Landwirt laut werden.

er per EU-Gesetz dazu verpflichtet. Gut gemeint, findet Maier. Doch er ist überzeugt, eine bessere Lösung gefunden zu haben: Ein Transponderstäbchen, etwa ein Zentimeter lang, wird jedem Kalb direkt nach der Geburt unter die Haut injiziert, links neben dem Schwanz­ ansatz. Die darauf gespeicherten Informationen lassen sich aus ein paar Zentimetern Entfernung mit einem Funklesegerät abrufen. Germann, der Bulle, bleibt Germann, so lange er lebt. Zu einer bloßen Nummer, DE 08 930 15986, soll er erst posthum werden. Tierfreundlicher, zuverlässiger, zeitgemäßer sei das, sagt Maier: „Ich finde es verwerflich, Rinder mit Nummern zu markieren. Tiere sind keine Autos.“ Er weiß sich mit Worten zu wehren. Hin und wieder leiht er sich dafür auch einmal einen starken Satz, etwa von Gandhi. Der hat einst gesagt: „Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran ermessen, wie sie die Tiere behandelt.“ In der Metropolregion hat Maier viele Sympathisanten. Und eine Reihe von Mitstreitern, die, in Gandhis Sinn, auf ihre je eigene Weise zur Größe der Region beitragen. Von besonderer Größe ist dabei der Hohenlohekreis, im Nordosten der Metropolregion. Nicht zufällig ist hier – gleich nach München – die zweitgrößte deutsche Ortsgruppe der Organisation Slow Food beheimatet, die sich für genussvolles, bewusstes, regionales Essen einsetzt.

der Bulle auf der Weide. Und Bauer Maier nahm sich an dessen Starrsinnigkeit ein Beispiel. Um eine Genehmigung für das Schießen der Rinder zu erhalten, kämpfte er 13 Jahre lang mit den Behörden. Es trieb ihn fast in den Ruin. Im Jahr

F

ür Gastronomiekritiker Wolfram Siebeck ist Hohenlohe das „kulinarische Biotop“ Deutschlands. Die Betonung liegt dabei auf Bio. Denn nirgendwo ist die Dichte an Biobetrieben höher als auf diesem fruchtbaren Flecken Erde. Biobauernhöfe, Biowein-

güter, Biokäsereien und -metzgereien allerorten. Eine BioSauerstoff-Sauna in Niedernhall, die anthroposophische

2000 stand der Uria-Hof vor der Insolvenz. Ein Leserbrief

Gärtnerei Amlishagen in Gerabronn, ein Start-Up namens

in einer Zeitung, der zu Solidaritätsspenden aufrief, brach-

„bio biss“, das mit mobiler und ökologisch korrekter Gastro-

te die Wende: Innerhalb von zwei Wochen kamen hundert

nomie deutschlandweit Besucher von Großveranstaltungen

Sympathisanten und gaben Geld. „Ein Schrotthändler legte

verköstigt: Was anderswo als alternativ gilt, ist hier bereits

eine prall gefüllte Ledertasche auf den Tisch“, erinnert sich

zum Normalfall herangediehen.

der 71-Jährige. „30.000 Mark. Einfach so.“ Er nennt es „das

Das hat sich herumgesprochen, bis weit über die Grenzen

Wunder von Uria“.

der Metropolregion hinaus. So richtete vor einiger Zeit der

„Wir müssen alles tun, damit aus unserem Planeten keine

britische Thronfolger Prinz Charles eine Grußbotschaft an

Hölle wird“, sagt Maier. „Und Schlachthöfe sind die Hölle.“

die Hohenloher: „Meine Damen und Herren“, so sprach der

Manche nennen ihn ob seiner Tierliebe „Rinderflüsterer“.

passionierte Ökobauer und Slow-Food-Botschafter feierlich

Doch das ist weichgezeichnet. Ein Flüsterer ist er nicht. Er

auf Deutsch, „Ihr Einsatz für natürliche, gesunde Lebens-

kann aufbrausend sein, sich Satz für Satz ärger in Rage reden

mittel in Verbindung mit der Kunst der Zubereitung macht

über pedantische Bürohengste, die ihm das Leben schwer

Sie zu einem Vorbild nicht nur für andere Europäer, sondern

machen. Seit einigen Monaten beharkt er sich so verbissen

auch für die übrige Welt.“

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Hohenlohe, ist er überzeugt, hat von der ökologischen Rückbesinnung ökonomisch enorm profitiert. Es wurde, auch in dieser Hinsicht, eine blühende Landschaft. Von vielen Seiten wird die Region Hohenlohe seit Jahren gepriesen, für ihre inneren Werte ebenso wie für ihre äußeren Reize. Geo Saison sieht in ihr einen „Landstrich, dem ein oberflächlicher Betrachter einen fast übertriebenen Liebreiz vorwerfen könnte“. „Für alle, die gern gut essen“, schwärmt Merian, „wird eine Reise durch Hohenlohe zu einer Schatzsuche." Das Magazin Feinschmecker mutmaßt gar, der Herrgott habe alles gesegnet, „was auf diesem Stück Erde wuchs“.

Albauftrieb: Zweimal im Jahr bebt die Erde, wenn Willi Wolf seine Wasserbüffel auf die Sommerweide und zurück treibt.

E

inen etwas irdischeren Blick hat Slow Food-Botschafter Bernulf Schlauch auf seine Heimatregion: „Ein dreifach Hoch auf die Kleinbauern!“, schrieb er im Mai 2013 im stern. „Sie wehren sich hier gegen die

Gleichmacherei der Agrarindustrie und halten mit unver-

Dieses Lob schmeckte den bekennenden Genussmenschen

fälschten Produkten dagegen.“ Der Bruder des früheren

natürlich bestens, unter ihnen Rudolf Bühler. „In den 60er

Grünen-Fraktionsvorsitzenden Rezzo Schlauch produziert

Jahren galt unsere Gegend als das Sibirien Württembergs“,

hier Holundersekt – „im Ein-Mann-Betrieb“, wie er mit eini-

erinnert sich der glatzköpfige Landwirt. Die Jugendlichen

gem Selbstbewusstsein sagt.

wanderten ab, der Arbeit hinterher. 1988 gründete er mit

Droben auf der Schwäbischen Alb, im Süden der Metropol-

einigen Kollegen die "Bäuerliche Erzeugergemeinschaft

region, gibt es einen weiteren Ein-Mann-Biobetrieb, der sich

Schwäbisch Hall", die sich der regionalen landwirtschaftli-

alles andere als zurückhaltend gibt. Zweimal im Jahr lässt

chen Entwicklung verpflichtete. Nach dem Studium war er

er sogar die Erde beben. Heute ist es wieder so weit. Lässig

sechs Jahre als Entwicklungshelfer in Asien und Afrika un-

eine Reval unter dem Schnauzer eingeklemmt, reitet Willi

terwegs, erzählt Bühler. „Diese Erfahrung konnte ich für die

Wolf auf seiner hellen Appaloosa-Stute zum Stalltor. Dort

Entwicklung vor der eigenen Haustür nutzen.“

angekommen, stößt er einen grollenden Schrei aus: „Hooo-

Über die Erzeugergemeinschaft sagt Bühler: „Wir sind eine

hooohooo!“ Er trägt den schlappigen Stetson, als sei dieser

bäuerliche Selbsthilfeorganisation im besten Sinne. Bei uns

mit seinem Kopf verwachsen – es ist keine bloße Wild-West-

zählt solidarisches, ökologisches Wirtschaften – nicht Ge-

Verkleidung: Wolf züchtet tatsächlich Westernpferde. Die

winnmaximierung.“ Zudem liegt dem Verband das Bewahren

braucht der 58-Jährige für sein Kerngeschäft, die Wasserbüf-

bedrohter Obstsorten und Tierrassen am Herzen – etwa des

fel. Riesengestalten sind das, mit Hintern wie Waschmaschi-

Schwäbisch-Hällischen Landschweins, das Anfang der 80er

nen und sichelförmig aufragenden Hörnern – extravagante

Jahre schon so gut wie ausgestorben war. Mit viel Herzblut

Exoten, die man eher in Indien oder Afrika erwarten würde

und einer ausgeklügelten Zucht- und Marketingstrategie gelang Bühler die Wiederbelebung des schwäbischen Patienten. Von da an ging es für Bühler und seine Mitstreiter im

„Heyhey!“ und „Houhou!“ rufen die

Schweinsgalopp weiter. Die Erzeugergemeinschaft wuchs

Alb-Cowboys. Und: „Holla die Waldfee!“

und wuchs, heute hat sie rund 400 Mitgliedsbetriebe. Seit 1997 gibt es sogar ein eigenes Biolabel: Ecoland. Auch diesen Verband hat Bühler mitbegründet. Und dafür gesorgt, dass er wächst und gedeiht: „Wir wollten für unsere Würstle nicht nur Fleisch und Speck in Bioqualität erzeugen, sondern auch die Gewürze.“ So kam es, dass neben den 40 EcolandBetrieben im Hohenloher Stammland nun auch Betriebe in Serbien nach den Vorgaben des Verbandes wirtschaften (sie liefern Paprika und andere Balkangewürze) und Hunderte von Kleinbauern in Südindien (sie sind zuständig für die „tropischen Gewürze“). „Für uns ist Bio mehr als eine Mode“, sagt Bühler. „Es zeigt sich, dass diese Art Landwirtschaft die zukunftsfähigste ist.“

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„Die zwei Tage im Jahr sind mein Glück“, sagt Wolf und meint den Auf- und den Abtrieb seiner Büffelherde. „Darauf freu ich mich wie ein Kind.“ Er wirkt vollkommen gelassen – was einigermaßen verwundert angesichts des Spektakels, das nun beginnt. 290 Tiere haben sie gestern gezählt. Etwa die Hälfte der Kühe samt ihren Einjährigen soll heute nach Meidenstetten getrieben werden. „Die Büffel sind im Prinzip ruhiger als konventionelle Rinder“, sagt Wolf. „Die haben keine Hektik. Aber sie sind unheimlich stur. Wenn sie wo hinwollen, kracht es halt.“ Eine ausgewachsene Büffelkuh bringt 600 bis 700 Kilo auf die Waage – ein halber PKW. Den Stall für den Winter musste er gleich in den ersten Tagen ein paar Mal reparieren. Rudolf Bühler rettete das Schwäbisch-Hällische

Das Vibrieren hebt an zu einem Donnergrollen, als die Büffel

Landschwein - es wurde zum Maskottchen der Bioregion.

in Fahrt kommen. Dunkle Muskelberge rollen mehr ins Tal als dass sie laufen. Eine Kuh überschlägt sich, schlittert ein paar Meter auf dem Rücken über die sumpfige Böschung, bis

als auf der Alb. Nach einem langen Winter dürfen die Tiere

sie sich wieder fängt und auf die Beine kommt. Mit kehligem

heute endlich wieder auf die Weide. Als die massigen Leiber

„Heyhey“ und „Houhou“, „Hoppah“ dirigieren eine Handvoll

sich wie eine ebenholzfarbene Flutwelle durchs Tor drücken,

Reiter in langen, geschlitzten Mänteln die Kühe und Kälber.

klappern die Planken des Stalls, der Boden vibriert.

Man wähnte sich in einem Western, entwischte nicht dem

Wasserbüffel auf der kargen, trockenen Alb? Es begann vor

größten Cowboy mit dem längsten Ledermantel und dem

acht Jahren, als Willi Wolf merkte, dass er seinen Hof so nicht

eindrucksvollsten Schnauzer, als er sich und sein Pferd ge-

mehr halten kann: Der Preis für Rindfleisch war in den Keller

rade noch aus dem Weg schafft, ein eher uncooles „Holla

gefallen. Die Zucht, die Wolf sich vorstellte, naturgerechte

die Waldfee!“.

Haltung, die Rinder im Sommer draußen auf der Alb, im Win-

Die Reiter nicken sich zu und steigen in Zeitlupe aus den Bü-

ter im offenen Stall, konnte er sich nicht mehr leisten. Bio

geln. Sie sind schließlich Cowboys. Der Job ist getan. Jetzt

allein reichte als Nachfragekriterium nicht mehr. Er suchte

wartet nur noch das Reiterstüble mit dem Kuchenbuffet.

nach einem Alleinstellungsmerkmal.

„Ich lebe meinen Traum und wer kann das schon von sich

Als 2005 die ersten 36 Büffel auf der Alb standen, haben die

sagen?“ Willi Wolf nimmt sich ein Stück Käsesahne und geht

Bauern in der Umgebung Willi Wolf den Vogel gezeigt: „Jetzt

mit krummen Schenkeln zum Tisch zurück. Als ob ihm das

spinnt er völlig!“ Wolf hingegen findet das ganze gar nicht

Pferd noch zwischen den Beinen klemmte.

seltsam, sagt er. Immerhin habe es hier doch vor 300.000

Auch Rinderrebell Ernst Hermann Maier, der seine Tiere,

Jahren schon einmal Büffel gegeben. Bei Steinheim an der

weil sie ihm am Herz liegen, selbst aus dem Leben holt, hat

Murr wurden ihre Überreste gefunden.

seinen Traum verwirklicht, gegen alle Widerstände. Er steht

Tatsächlich stammen seine Wasserbüffel weder aus Indien,

auf dem Hügel neben der Uria-Fütterungshalle, es ist sein

noch aus Afrika, sondern aus Rumänien. Sie können fast ein

Feldherrenhügel. „Die Leute werden schon irgendwann

halbes Jahrhundert alt werden – wenn man sie lässt. Drei

merken, dass wir keine Verrückten sind“, sagt Maier. Dann

Kälber mit 150 Kilo bringt er jede Woche zu seinem Kom-

steigt er in die Führerkabine seines Teleskopladers, spießt

pagnon Ludwig Failenschmid in St. Johann-Gächingen. Der

mit der Riesengabel einen Heuballen auf, fährt ihn in die

Metzger verarbeitet das Fleisch zu luftgetrocknetem Schin-

Halle. Die versammelten Viecher weichen lautlos zu beiden

ken oder „Albbüffelgöschle“, Maultaschen, und kredenzt in

Seiten. Dann geht auch Maier zum Mittagessen.

seinem Landgasthof Wolfs Leibspeise: Büffelbraten im Heu-

Nachmittags geht er ein letztes Mal zu Germann auf die

bett gegart. Alles Bio.

Weide. Germann bleibt Germann bis zum Ende. Erst wenn

S

der Schuss gefallen, wenn das Tier ausgeblutet ist, vollzieht inn macht die Schlachtung der Tiere wirtschaftlich

sich die Metamorphose. DE 08 930 15986 wird zerlegt, wei-

nur, wenn alles verwertet werden kann. Restlos.

terverarbeitet, eingeschweißt, verkauft – bestes Biofleisch,

Sogar das Leder wird gegerbt und zu Jacken, Porte-

von Balingen bis Stuttgart erhältlich in handelsüblichen

monnaies oder Schlüsselmäppchen verarbeitet.

Portionen.

Und: Die Albbüffel locken Touristen in seine wildromantischen Ferienblockhäuser. „Inzwischen“, sagt Willi Wolf,

Text: Agnes Fazekas und Markus Wanzeck

„läuft es richtig gut.“

Fotos: Katharina Alt, Rainer Kwiotek, Jan Riephoff

21


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Aus dem Labor auf den Markt Feature _ Ob Genanalyse, Knorpelzellimplantate oder künstliche Netzhaut: Die Metropolregion erlebt einen Biotech-Boom. Das Geheimnis des Erfolgs: Universitäten und klassische Mittelständler bilden einen fruchtbaren Boden für junge Start-ups.

S

askia Biskup kann ihr Büro in

tischen Ursachen von Krankheiten.

können. „Wir suchen die Nadel im

Tübingen mit Urkunden tape-

2004 entdeckte sie als erste Verän-

Heuhaufen“, sagt Saskia Biskup. Sie zu

zieren. „Innovationspreis der

derungen im LRRK2-Gen, das die

finden, ist von unschätzbarem Wert:

BioRegionen 2011“, „Deutscher

häufigste bekannte Ursache für das

„Es gibt Fälle von Krebspatienten, die

Gründerpreis 2011“, „Entrepeneur des

Parkinson-Syndrom ist. 2010 dann der

jahrelang falsch behandelt wurden“,

Jahres 2013“ und 2014 die Krönung: Der

Durchbruch: Sie entwickelte ein Gen-

so Biskup. „Mit unseren Analysen ge-

Präsident der Europäischen Kommission

analyseverfahren, das verrät, welche

hören solche Fehler der Vergangen-

Manuel Barroso überreichte ihr den

DNA-Bausteine für Krankheiten wie

heit an.“

mit 100.000 Euro dotierten „EU-Inno-

Augen- und Hautkrankheiten, neuro-

2010 gründete Saskia Biskup gemein-

vationspreis“. „Das ist ein Riesenschritt,

degenerative Erkrankungen, Epilep-

sam mit ihrem Mann Dirk, einem pro-

auch EU-weit wahrgenommen zu wer-

sie oder sogar Krebs verantwortlich

movierten Betriebswirtschaftler, die

den“, sagt die 42- jährige Humangeneti-

sind. „Hochdurchsatz-Sequenzierung“

Firma CeGat. Unterstützt wurden sie

kerin. „Wir sind sehr dankbar für diese

nennt sich die Methode, die unter drei

dabei von der BioRegio STERN Ma-

Auszeichnung.“

Milliarden Bausteinen des menschli-

nagement GmbH. Die interkommuna-

Die Ärztin und Forscherin beschäftigt

chen Genoms jene identifiziert, deren

le Wirtschaftsförderungsgesellschaft

sich seit vielen Jahren mit den gene-

Mutationen

mit Sitz in Stuttgart fördert Medizin-

Krankheiten

auslösen

technik- und Biotech-Unternehmen, hilft ihnen mit Businessplan und Pressearbeit oder vermittelt ein Netzwerk von Partnerfirmen. Fast 500 LifeScience-Unternehmen zählt die Gesellschaft in der Metropolregion. Den Boom der Branche erklärt sich Dr. Klaus

Eichenberg,

Geschäftsführer

von BioRegio STERN, mit den Synergien, die zwischen den jungen Startups und traditionsreichen Ingenieursfirmen möglich sind. „Sie profitieren voneinander“, sagt er und nennt als

Preisgekrönt: Das Analyseverfahren, das Saskia und Dirk Biskup anbieten, identifiziert die Ursachen schwerer Krank­heiten.

22


DA S M AG A Z I N

Neubau in Tübingen: CeGaT wächst

rund 60 Unternehmen aus der Bio-,

bäude von CeGat in Tübingen einge-

so schnell, dass ein neuer Firmensitz

Nano-, Medizin- und der Informati-

weiht. Die Firma ist auf 70 Mitarbei-

gebaut werden musste.

onstechnologie angesiedelt. Keimzel-

ter gewachsen, die bisherigen Büros

le des Booms ist das Naturwissen-

und Labore reichen längst nicht mehr

schaftliche und Medizinische Institut

aus. Rund 4.000 Patientinnen und Pa-

der Universität Tübingen (NMI), das

tienten haben ihre Gene bislang bei

Beispiel die Kooperation zwischen

mit rund 170 Molekular- und Zellbiolo-

CeGat analysieren lassen. Es wären si-

der Contexo GmbH, einem Hersteller

gen, Biochemikern, Physikern, Ingeni-

cher mehr, wenn die Gesundheitskas-

automatisierter Produktionsanlagen

euren und Technikern weltweit einen

sen die Kosten übernehmen würden.

und der Curetis AG, einem jungen

Spitzenplatz in seiner Disziplin hält.

Wann es soweit ist, weiß niemand,

Biotech-Unternehmen. „Früher baute

Seine Entwicklungen wie Knorpelge-

aber Saskia und Dirk Biskup sind sich

Contexo Anlagen, die Kugelschreiber

webe für Kniegelenke und Bandschei-

sicher, dass es nicht mehr lange dau-

produzieren, heute bauen sie für Cu-

ben oder eine künstliche Netzhaut,

ern wird. Derweil wollen sie die Sache

retis Anlagen, die Mini-Diagnostikla-

mit der Blinde, deren Sehnerv intakt

aber auch selbst in die Hand nehmen

bore herstellen.“

ist, teilweise wieder sehen können,

– und ziehen die Gründung einer Stif-

haben zu einer Reihe von Ausgrün-

tung in Betracht. „Für Menschen, die

in weiteres Kapitel der Erfolgs-

dungen geführt, die jetzt rund um

sich die Diagnostik nicht leisten kön-

geschichte wird im Technolo-

das NMI angesiedelt sind. Neuestes

nen.“ Neben der Chance, Menschen

giepark

Tübingen-Reutlingen

Projekt der Forscher am NMI: Neuro-

zu helfen, sind Saskia Biskup die Ur-

geschrieben. Hier ist in den

chips, die defekte Nervenverbindun-

kunden ziemlich egal.

E

vergangenen zehn Jahren Deutsch-

gen überbrücken sollen.

lands größtes Gründerzentrum für

Saskia und Dirk Biskups größte Bau-

Biotechnologie entstanden. Auf mehr

stelle ist derweil abgeschlossen: Im

Text: Mathias Becker

als 20.000 Quadratmetern haben sich

Juli 2014 wurde das neue Firmenge-

Fotos: CeGaT

23


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Der Superrechner Feature _ Im Höchstleistungsrechenzentrum von Stuttgart steht einer der leistungsfähigsten Rechner der Welt. Von Crashtest bis Klimasimulation: „Hermit“ hilft Forschern, Szenarien zu errechnen – und die richtigen Entscheidungen zu fällen.

U

we Wössner hebt die virtuel-

Höchstleistungsrechenzentrum Stutt-

le Limousine per Fernbedie-

gart (HLRS) und seine Kollegen den

Mensch und Maschine: Professor

nung über seinen Kopf und

dunklen Kellerraum, in dem Computer-

Michael Resch steht, umgeben

betrachtet den Unterboden.

simulationen zum Leben erweckt wer-

von Schrankwänden voller Hardware,

Von der Kühlerhaube bis zum Heck ver-

den. Hier drehen und wenden Wössner

im Serverraum des HLRS

laufen schmale gelbe Stränge. Sie ma-

und sein Team 3-D-Projektionen von

chen die Luftströme sichtbar, die wäh-

Autos auf der Suche nach aerodyna-

rend der Fahrt entstehen. Wössners

mischen Schwachstellen. Oder kurven

Aufmerksamkeit gilt den Radkästen, in

mit einem Fahrsimulator durch Com-

Leben retten kann, etwa, wenn die

denen die Stränge wie wild durcheinan-

puter-Städte, um Fahrzeugasistenten

3-D-Simulation

derwirbeln: „Das erhöht den Luftwider-

der Zukunft wie Brems- und Ausweich-

Blutkreislaufs zeigt, welche Folgen

stand beim Fahren“, sagt er. „Wir wollen

automatiken zu testen.

Gefäßverengungen haben, und wo

wissen, wie man das vermeiden kann.“

Von Automobil- bis Energiewirtschaft,

ein Infarkt droht. Was 2006 als For-

Dann setzt er die 3-D-Brille ab und legt

von Klimaforschung bis Medizin: Im-

schungsprojekt am HLRS gestartet

die Fernbedienung beiseite. Der Wagen

mer öfter nutzen Wirtschaft und Wis-

ist, wird heute regelmäßig in der The-

bleibt in der Luft hängen.

senschaft Simulationen, um komple-

rapie eingesetzt. Allgemein gilt: In

Willkommen in der „Cave“, der „Höh-

xe Prozesse detailgetreu darzustellen

den vergangenen Jahren stiegen die

le“: So nennen Uwe Wössner, Leiter

und mögliche Entwicklungsszenari-

Anforderungen an Simulationen – und

der Abteilung für Visualisierungen am

en zu errechnen. Rechenkunst, die

mit ihnen die Kapazität der Rechner.

eines

individuellen

Kürzlich wurde das neueste Modell des Computers „Hermit“ am HLRS installiert. Auf 700 hochgesicherten Quadratmetern summen und blinken seither Kästen, groß wie Familienkühlschränke. Gemeinsam bilden sie einen Superrechner, der vier Petaflops, also vier Trillionen Rechenoperationen pro Sekunde, ausführen kann. Er gehört zu den 15 leistungsfähigsten Computern der Welt. Der Leiter des HLRS, Professor Michael Resch, hat sein Büro ein Stockwerk über dem Riesenrechner. Auf seinem Schreibtisch surrt ein Ventilator, der einst dazu diente, einen PC zu belüften. Jetzt hilft er dem 50-jährigen Crash-Tests am Bildschirm: Alexander Frederic Walser

Mathematiker, einen kühlen Kopf zu

vom ASCS nutzt die Leistung des HLRS.

bewahren.

24

Zahlreiche

Forschungs-


DA S M AG A Z I N

projekte wollen koordiniert werden,

um Simulationen für die Produktent-

die Anlage bei vollem Betrieb zu ins-

daneben fliegt Resch um die Welt

wicklung nutzbar zu machen. „In der

pizieren. Also spaziert der durch die

und hält Vorträge oder berät Unter-

Automobilbranche etwa wurden viele

Lüftung in den Kessel, schwebt über

nehmen. Während die Statistik stets

reale Crash-Tests mittlerweile durch

einem Pool voller roter Bälle, die das

in die Vergangenheit schaut, richten

virtuelle Tests ersetzt“, sagt ASCS-Ge-

Feuer darstellen und folgt dem Dampf

Simulationen den Blick gen Zukunft.

schäftsführer Alexander Frederic Wal-

Richtung Turbine. Was nach einem

Das macht sie für viele Forschungsfel-

ser. Von der Beschaffenheit einzelner

fantastischen

der unersetzlich.

Bauteile bis hin zur Konstruktion des

sieht, ist Wissenschaft pur, diesmal im

A

Computerspiel

aus-

gesamten Autos: Das Verhalten ver-

Auftrag eines Energiekonzerns. Ziel

uf dem Campus Vaihingen

schiedener Fahrzeugvarianten beim

des Projekts: die Anlage zu optimie-

der

Stuttgart

Aufprall kann detailgetreu simuliert

ren. „Technischer Fortschritt dieser

selbst dagegen ist der Weg

Universität

werden. „Wer Knautschzonen testen

Art ist dringend geboten“, sagt HLRS-

zwischen Forschung und An-

will, muss heute nicht mehr reihenwei-

Leiter Michael Resch. „Simulationen

wendung denkbar kurz: Im Gebäude

se Autos gegen die Wand fahren.“

helfen uns, ihn zu beschleunigen.“

neben dem HLRS sitzt das Automoti-

Uwe Wössner geht derweil durchs

ve Simulation Center Stuttgart (ASCS).

Feuer. Gemeinsam mit seinen Kolle-

Unter dem Dach des Instituts haben

gen hat er eine 3-D-Simulation eines

sich 24 Unternehmen und Forschungs-

Heizkraftwerks visualisiert. Die Pro-

Text: Mathias Becker

einrichtungen zusammengeschlossen,

jektion in der „Cave“ erlaubt ihm jetzt,

Fotos: Christoph Püschner

Sie ist nicht ganz so sportlich, wie das Modell aus den "Matrix"-Filmen. Doch auch die 3D-Brille, die Uwe Wössner in der „Cave“ des Höchstleistungs­ rechenzentrums trägt, öffnet das Tor in eine virtuelle Welt.

25


Dreimal Architektur: Studieren in Stuttgart

Foto: Martin Lutz

Die hohe Schule

Die Weißenhofsiedlung, die 1927 am pure Provokation: keine Ziegeldächer, keine Giebel, keine Fensterkreuze! Stattdessen weiße Kuben, die eher an Industrie- als an Wohngebäude

Vom Nordschwarzwald in die weite Welt: Hochschule Pforzheim

nach dem Abschluss sind glänzend: „In jedem Automobilkonzern der Welt finden Sie Designer aus Pforzheim“, betont Sabine Laartz, Sprecherin der Hochschule. Auch für die Zukunft ist

erinnerten. Manche Stuttgarter reagierten geschockt, andere begeis-

Seit fast 250 Jahren wird in Pforzheim

man gerüstet – mit innovativen Stu-

tert: Ein architektonischer Diskurs

Schmuck hergestellt und noch immer

diengängen sowie einem Fokus auf

war geboren, der die Stadt noch im-

gehört die Stadt zu den wichtigsten

Nachhaltigkeit und Wirtschaftsethik

mer prägt. Heute bieten drei Hoch-

Schmuck- und Uhrenlieferanten bun-

quer durch alle Fakultäten.

schulen Architekturstudiengänge an:

desweit. Mit der Zeit kamen Elektro-

Die praxisbezogene Hochschule für

nik- und Elektrotechnikbetriebe und

Technik, die Universität Stuttgart, mit

führende Versandhäuser dazu. Die

dem Schwerpunkt Städtebau, und die

passenden Fachhochschulen – eine

Staatliche Akademie der Bildenden

für Gestaltung und eine für Wirtschaft

Künste, die kaum besser gelegen sein

– wurden 1992 zusammengelegt und

könnte: direkt in der Weißenhofsied-

eine Fakultät für Technik angeglie-

lung. Eines haben alle drei gemein-

dert. Besonders stolz ist man am

sam: Im renommierten CHE-Hoch-

Nordschwarzwald auf die guten Kon-

schulranking, das Studiengänge in

takte zur Wirtschaft: Die meisten Ba-

Deutschland bewertet, rangieren sie

chelorarbeiten werden in Unterneh-

auf Spitzenplätzen.

men geschrieben, die Jobaussichten

26

Foto: Ulrike Kumm / Hochschule Pforzheim

Stuttgarter Killesberg entstand, war


International vernetzt: Hochschule Reutlingen

In acht Semestern zum Imam: Islamische Theologie in Tübingen

senen eine Vielzahl von Zugängen zu

es auf den ersten Blick: Mit der 1855

Rund vier Millionen Muslime leben in

den – und zugleich Interessen und

gegründeten Webschule hat diese Ins-

Deutschland. Für viele von ihnen sind

Talente entdecken. Sechs Werkstatt-

titution noch so viel gemeinsam wie ein

die Moscheen zwischen Ostsee und Al-

bereiche, die sogenannten „Talent-

Strickjanker mit einem Windbreaker.

penrand nicht nur Gebetsräume, son-

schmieden“,

An High-Tech-Webstühlen und Digital-

dern auch Treffpunkte und Beratungs-

eigene Stärken zu entwickeln, aber

druckmaschinen im Industrieformat

stätten. Entsprechend groß sind die

auch Schwächen auszugleichen. Zu-

arbeiten nicht nur angehende Desig-

Herausforderungen

muslimische

dem verfügt die Experimenta über ein

ner und Textiltechniker, auch künftige

Geistliche, die nicht nur ihre Gemein-

Schülerforschungszentrum, in dessen

Manager lernen hier die Materialien

den betreuen, sondern im Idealfall

fünf Laboren sich Schulklassen, auch

kennen, mit denen sie es später zu

auch Brücken zur nicht-muslimischen

über längere Zeiträume, naturwis-

tun haben. Vernetzung bedeutet alles

Nachbarschaft bauen. Es gäbe viele

senschaftlich-technischen Versuchen

an dieser Fakultät, auch international.

Gründe, Imame in Deutschland aus-

widmen.

Wer in Reutlingen studiert, absolviert

zubilden, befand das Bundesbildungs-

meist noch einen Studiengang an einer

ministerium und förderte den Aufbau

der 30 Partneruniversitäten von Lett-

von Islam-Studien­gängen. Neben Uni-

land bis Australien, von den USA bis

versitäten wie Münster und Osna-

Indonesien. Solche Auslandssemester

brück machte auch die Uni Tübingen

dienen der Arbeit in internationalen

zum Wintersemester 2012/2013 den

Teams, die in der globalisierten Textil-

Anfang und richtete achtsemestrige

industrie längst zum Standard gehört.

Studiengänge für Islamische Theologie

Als neue Errungenschaft der Reutlin-

samt Recht, Glaubenslehre und Kultur

ger gilt der Studiengang International

des Islam ein. Der Bachelorabschluss,

Fashion Retail, bei dem in Deutsch und

befähigt dazu, den Beruf eines Imams

Englisch unterrichtet wird.

auszuüben, und bereitet dazu künftige

Im Maschinenraum der Reutlinger Fakultät für Textil und Design spürt man

an

Religionslehrer, Manager oder Sozialarbeiter auf ihren Beruf vor. Zum Wintersemester 2014/2015 soll ein Master­

Foto: Karl Scheuring

studiengang folgen.

Auch an der European Business School (ESB) wird Internationalität groß ge-

Für Forscher von morgen: Die Experimenta in Heilbronn

schrieben – seit mehr als 40 Jahren.

Wie funktioniert eigentlich ein E-

1971

Außenwirt-

Werk? Und was passiert genau, wenn

schaft“ an der Hochschule Reutlin-

wir mit einem anderen Menschen

gen gegründet, bot die Schule schon

kommunizieren? Diesen und vielen

damals

internationale

weiteren Fragen widmet sich die Lern-

Abschlüsse an. Heute ist die ESB mit

und Erlebniswelt „Experimenta“ in

2.400 Studierenden eine der größten

Heilbronn. Das mit 6.500 Quadratme-

betriebswirtschaftlichen

Fakultäten

tern Fläche größte Science Center sei-

in Deutschland und belegt regelmäßig

ner Art im süddeutschen Raum bietet

Spitzenplätze in Hochschulrankings.

Kindern, Jugendlichen und Erwach-

als

„Fachbereich

integrierte

27

natur wissenschaf tlich-technischen Zusammenhängen. In vier Themenwelten mit rund 150 interaktiven Exponaten können Besucher komplexe Zusammenhänge spielerisch ergrün-

bieten

Möglichkeiten,


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Die wollen doch nur spielen Reportage _ Heimattheater und Avantgarde: Das Theater Lindenhof lockt seit über drei Jahrzehnten Publikum auf die Schwäbische Alb.

M

össingen probt den Auf-

auf und ab. „Sich hinstellen heißt, ei-

stand. Alte Männer sind in

nen Standpunkt einnehmen!“, ruft der

die Aula des Quenstedt-

Regisseur, bleibt abrupt stehen und

Gymnasiums gekommen,

reckt stolz die Brust. „So! Dann dreht

Schülerinnen und sehr viele Frauen

ihr euch frontal zum Publikum und

mit praktischen Kurzhaarfrisuren. Drei

sagt: ‚Typisch Mössingen!‘ Und rums.“

Dutzend

bunten

Noch rumst es aber anders als gedacht:

T-Shirts und Jogginghosen. Es ist ein

Manch einer dreht sich rechts, manch

historischer Moment in Turnschuhen.

anderer links herum. Einem älteren

„Liebes Mössingen, das Spiel beginnt

Herrn will die zackige Drehung nicht

jetzt!“, ruft der Regisseur und die Mös-

recht gelingen. Er braucht stets zwei

singer nehmen auf der Bühne ihre Po-

Sekunden länger als die anderen. Gut

sitionen ein.

zwei Monate noch bis zur Premiere.

Philipp Becker, 33, mit lässig gewickel-

Dann muss die Choreographie sitzen.

tem Wollschal, schreitet vor der Bühne

Es ist ein Experiment, was das Linden-

Laiendarsteller

in

28


DA S M AG A Z I N

Willkommen im verwegensten Theater Deutschlands: Der Lindenhof im Winter.

29


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

hof-Theater in Mössingen am Fuß der

Zopf“, sagt Philipp Becker. „Wir arbei-

eine klassische Schauspielausbildung,

Alb auf die Bühne bringt, mal wieder:

ten an acht oder neun Strängen und

aber uns einte die Sehnsucht nach dem

Mehr

Laiendarsteller,

zum Schluss fügt sich alles zusam-

Theater“, so Hurm. Leidenschaft und

neun professionelle Spieler, dazu ein

als

men. Hoffentlich!“ Über Monate hin-

Wagemut sind das, was zählt. Kom-

Tanzensemble und ein fünfzigköpfi-

weg investieren die Laienspieler ihre

petenz kommt mit der Zeit ganz von

ges Orchester der örtlichen Jugend-

Freizeit in das Theater, verlängern ihre

selbst. Mit dieser Punk-Attitüde legten

musikschule. Gemeinsam wollen sie

Arbeits- oder Schultage noch um eini-

Hurm und seine Mitstreiter – darunter

ein historisches Ereignis wiederaufle-

ge Probenstunden, um schließlich von

Berthold Biesinger, Uwe Zellmer und

ben lassen: Am 31. Januar 1933, dem

Mai bis Ende September Vorstellungen

Stefan Hallmayer, die bis heute am Lin-

Tag der Machtergreifung Hitlers, leg-

zu geben. Alles, ohne einen Cent dafür

denhof-Theater sind, los.

ten die Arbeiter der Textilindustrie

zu bekommen. Was ist das für ein The-

Und mussten die Kunst dann doch

in Mössingen ihre Arbeit nieder, um

ater, für das sich beinahe zweihundert

zunächst noch warten lassen, denn

dem verabscheuten Nazi-Regime Wi-

Menschen ins Zeug legen?

erstmal galt es, Gasthaus und Scheu-

derstand zu leisten. Nicht wenige lan-

Der Weg zum Stammsitz der Thea-

ne

deten im Gefängnis. 80 Jahre später

tertruppe führt von Mössingen aus

gen einzuholen. „Wir haben fast nur

bringt das Lindenhof-Theater die Ge-

Hunderte Höhenmeter hinauf durch

gebaut und vielleicht 20 Vorstellun-

schichte auf die Bühne, aufgeführt in

eine

Stra-

gen im Jahr gegeben“, sagt Hurm.

einem leer stehenden Fabrikgebäude

ße krümmt sich zu immer engeren

„Im Dorf hieß es: Nach einem Jahr

der früheren Textilfirma Pausa, deren

Serpentinen, bis endlich, hoch dro-

sind die eh wieder verschwunden.“

Arbeiter damals ebenfalls streikten.

ben auf der Schwäbischen Alb, die

Aber die Lindenhöfler erwiesen sich

900-Seelen-Gemeinde

als

M

hundert

achtverhältnisse

karge

Landschaft.

Die

Melchingen

umzubauen

Dickköpfe,

und

die

Genehmigun-

zeigen

wollten,

infrage

vor einem liegt. Verwegen wirkt sie

dass auch sie „hinstehen“ können.

stellen, für seine Über-

auf den ersten Blick nicht. Eher ver-

Unten in der Kneipe steigt bereits der

zeugungen auf die Stra-

schlafen, eingebettet von Feldern.

Geräuschpegel. Hurm verabschiedet

ße gehen – das ist auch

Doch die Landwirtschaft ist für die

sich eilig hinter die Bühne. Von der

in unserer heutigen Lebenswelt von

meisten Melchinger nunmehr Ne-

ganzen Alb sind sie gekommen, auch

Bedeutung“, sagt Regisseur Philipp

bensache. Der Kulturbetrieb dagegen

aus Tübingen, Reutlingen, Stuttgart.

Becker. Typisch Lindenhof: Der Ge-

brummt. Direkt an der Hauptstraße:

Nun warten sie bei Trollinger und Piz-

neralstreik wird nicht im Stammsitz

eine Scheune, durch deren Tor mehr-

za Hawaii auf den Lindenhof-Dauer-

des Theaters in Melchingen auf der

stimmiger Gesang dringt. Probe für

brenner. Ein Plakat im Treppenhaus

Schwäbischen Alb aufgeführt, son-

den Robert-Gernhardt-Abend. Auch

kündigt

dern in Mössingen, dem Schauplatz

nebenan, im alten Gasthaus Linde,

Theaterabend an: Zum mindestens

des Ereignisses. Die „Lindenhöfler“

wird Theater gemacht.

1.400sten Mal – ganz genau hat nie-

folgen den Geschichten, die sie spie-

Im ehemaligen Tanzsaal, wo das Dorf

mand mitgezählt – in 30 Jahren betrei-

lend nachempfinden, in die Region.

sich einst im Walzer wiegte, sitzt Bern-

ben Bernhard Hurm und Uwe Zellmer

Sie

Heimatgeschichte,

hard Hurm, 57. An seiner rechten Hand

heute Schwabenkunde mit dem Stück

aber nicht verklärend. Nicht selten er-

blitzen drei markante Ringe. Zwischen

„Kenner

zählen sie Geschichten von Außensei-

den Fingern verglüht eine Zigarette

das der Stuttgarter Schriftsteller und

tern, Ausgestoßenen und Menschen

nach der anderen. Der Intendant muss

Mundartdichter Thaddäus Troll für

am Rande der Gesellschaft. Geschich-

sich auf seinen Auftritt vorbereiten,

sie geschrieben hat. Ein Stück schwä-

ten, die in der so genannten „Provinz“

doch zuvor will er erzählen, wie alles

bische Selbstanalyse, gespickt mit ver-

mindestens ebenso zu finden sind wie

begann, Ende der 70er Jahre, mit einer

trackten Feinheiten der Mundart. Ein

in den großen Städten. Immer erzäh-

Schülertheater-Gruppe in Reutlingen:

Heimspiel.

len sie mit Bezug zum Hier und Heute.

Sie machten sozialkritisches Theater

Auf diese Weise hat sich das kleine,

in Brecht‘scher Lehrstückmanier und

eigensinnige

über

träumten davon, von der Schauspiele-

die Jahre die Aura des Außergewöhn-

rei leben zu können. Als sie hörten, im

lichen in der Theaterszene erspielt,

zwanzig Kilometer entfernten Melchin-

den Ruf des – so das Magazin „Der

gen seien Gasthaus und Scheune zu

Spiegel“ – „verwegensten freien The-

verkaufen, borgten sie sich Geld von

ten sie einmal ein Stück über Friedrich

aters Deutschlands“.

Freunden und Verwandten. Und griffen

Hölderlin, der die letzten Jahre seines

„Wir flechten hier an einem großen

zu, einfach so. „Keiner von uns hatte

Lebens im berüchtigten Dichterturm

erforschen

Schauspielhaus

30

P

Europas

trinken

meistgespielten

Württemberger“,

ublikumserfolge

erzielt

der

Lindenhof aber auch jenseits der Klischee-Requisiten Trollinger und Kehrwoche. Beim

Tübinger Sommertheater inszenier-


DA S M AG A Z I N

Oben links Auch beim 1.400sten Mal noch ausverkauft: Das Publikum wartet auf Einlass zu "Kenner trinken Württemberger". Unten links Kann hinstehen: Co-Intendant Stefan Hallmayer.

Rechts Schwäbische Selbst-

analyse: Szene aus "Kenner trinken Württemberger" (zu sehen sind Uwe Zellmer (li.) und Bernhard Hurm).

am Neckar verbrachte. Die Lindenhöf-

schaft, die schließlich von Hölderlin

wichtiger ist: Der brave Bürger en-

ler machten den Originalschauplatz

heimgesucht wurde, der wie ein Ver-

gagiert sich für die „Spinnerten“ von

zwischen Dichterturm und Burse zur

rückter über die Tafel rannte. „Da ist

früher. Es ist zusammengewachsen,

Bühne und den Neckar gleich mit.

die hohe Literatur ins Leben hinunter

was – so dachten anfangs viele – nicht

Hölderlin setzten sie auf ein im Fluss-

gekommen“, sagt Hurm.

zusammengehört.

lauf vertäutes Floß und ließen ihn

Während die Anwohner in Tübingen

In Mössingen geht es auf neun Uhr

schlussendlich in Flammen aufgehen

und anderswo früher noch befürch-

zu, die Probe wäre eigentlich längst zu

– ein Bild, das sich in das kollektive

teten, die Lindenhöfler würden ihnen

Ende. Doch die Laiendarsteller wollen

Gedächtnis der Tübinger einbrannte.

mit ihren neuen Aufführungsmoden

weitermachen. Der Regisseur gibt nach.

Einmal ging der Lindenhof noch ein

die Vorgärten zertrampeln, ist das

Noch einmal ruft er: „Typisch Mössin-

Stück weiter und machte das Pub-

Theater heute hochdekoriert und ge-

gen!“ – und rums!, drehen die streiken-

likum zum Teil der Inszenierung: In

nießt als einziges „Regionaltheater“

den Arbeiter sich zum Publikum. Dies-

„Hölderlin – Ein Abendspaziergang“

bundesweit eine Sonderstellung: Für

mal waren alle schnell genug, auch der

liefen die Zuschauer durch das auf

jeden Euro, mit dem der Lindenhof

ältere Herr, der anfangs immer einen

der Neckarinsel angelegte „Toten-

kommunal gefördert wird, legt das

Schritt zu spät war. Es fügt sich zusam-

reich“, um anschließend an einer für

Land das Doppelte drauf. Zusammen

men, was zusammen gehört.

200 Menschen gedeckten Tafel Platz

mit den Eigeneinnahmen ergibt sich

zu nehmen. Bei Brot und Wein wurde

so ein Jahresetat von immerhin 1,5

Text: Anne Meyer

das Publikum zur Beerdigungsgesell-

Millionen Euro. Und was noch viel

Fotos: Antonia Zennaro

31


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

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DA S M AG A Z I N

Gar nicht abgehoben Fotoessay _ Seit einem halben Jahrhundert betrachtet er die Erde von oben. Besuch beim Luftbildfotografen Manfred Grohe.

Der Zollernalbkreis im Rampenlicht: Im Januar 2003 fing Manfred Grohe ein, wie die Sonne 端ber schneebedeckten Feldern durch die Wolken bricht.


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

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DA S M AG A Z I N

Hervorragendes Zeugnis der Neugotik: Die Burg Hohenzollern, Stammsitz des F端rstengeschlechts der Hohenzollern, thront seit rund 150 Jahren auf dem Zollerberg. Unten liegt der Zollernalbkreis im Nebelmeer.


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

anfred Grohe blickt durchs Esszimmerfenster in den Himmel über Kirchentellinsfurt.

Es

schneit.

„Kein

gutes Flugwetter“, sagt er und schüttelt den Kopf. Vor neun Tagen ist er zuletzt geflogen. Wenn jetzt nur ein kleines blaues Loch den grauen Februarhimmel aufreißen könnte, dann würde er seine Freunde aus dem Flugverein anrufen, um mit ihnen durch diese Öffnung über die Wolken aufzusteigen. „Das ist schon ein bisschen wie Rauschgift. Wenn man lange nicht oben war, und dann hebt man ab, und alles stimmt, die Luft, das Licht – oh, das ist ein wunderbares Gefühl!“ Manfred Grohe, 75, ein leiser, feingliedriger Mann mit silbernem Haar, hat mehr Stunden im Cockpit verbracht als mancher Pilot. Seit über einem halben Jahrhundert fotografiert er die Erde von oben, Felder und Fabriken, Flüsse und Straßen. Landschaften wie abstrakte Gemälde, Stadtszenen wie aus den vor Eindrücken beinahe berstenden Bilderbüchern von Ali Mitgutsch: Man kann sich kaum sattsehen an dem Gewimmel beschäftigter Menschen. Überall erschienen seine Bilder, vom Schwäbischen Tagblatt, seinem ersten Abnehmer, bis zum Stern, jahrelang sein größter Auftraggeber. Und noch heute, da er längst ausgesorgt hat, geht er jeden Morgen die Treppe hinauf in das Zimmer seiner längst ausgeflogenen

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DA S M AG A Z I N

Ein Land wie sanfter Wellen­ gang: Vorn sticht der Stuttgarter Fernsehturm ins Bild, dahinter funkelt der Neckar, erheben sich Schwäbische Alb und schließlich die Alpen. Manfred Grohe hat ein gutes Stück Kontinent auf einem einzigen Foto festgehalten.

Kinder, fährt seinen Computer hoch und guckt auf www.flugwetter.de, ob es ein guter Tag wird, um in die Lüfte zu steigen. Ist die Maschine dann oben, übernimmt er das Ruder – und übergibt es dem Piloten erst wieder, wenn er sein Motiv gefunden hat. Die meisten seiner Pilotenfreunde fliegen Tiefdecker, mit Flügeln unterhalb der Fenster; bei denen muss der Pilot, wenn es ernst wird, das Flugzeug schräg stellen, die Flügel fast senkrecht. Mit der Seelenruhe von 50 Flugjahren hält Grohe dann seine Kamera aus dem Fenster, die pfeifende Luke mit einem Stück Holz offen gehalten, den eisigen Flugwind zwischen den Fingern. Mehr als 100.000 Luftbilder hat er auf diese Art geschossen. Die schönsten von ihnen füllen 20 dicke Fotobände, darunter Hommagen an seine Heimat wie „Flug über die Region Stuttgart“ oder „Flug über Donau und Schwäbische Alb“. Das Heimatmuseum Reutlingen widmete ihm 2013 eine Ausstellung. Drei Jahre lang habe er sich dagegen gewehrt, sagt Grohe, er möge den Rummel nicht, und überhaupt, es gebe viel bessere Luftbildfotografen als ihn. Schließlich aber habe er dem Drängen des Museums nachgegeben. Wer hört, wie er das erzählt, in seiner stillen, zurückhaltenden Art, nimmt ihm ab, dass er nicht kokettiert. In seinem Haus in Kirchentellinsfurt, auf einem Berg unweit von Reutlingen, ist es mit der Bescheidenheit allerdings vorbei. Im Flur prangt ein Fotodruck, der die ganze Wand einnimmt, vier Meter breit, zwei Meter hoch: eine Wolkendecke, nur in der Mitte durchbrochen durch die Burg Hohenzollern.

Im

Wohnzimmer,

kaum kleiner: die Hochhäuser von São Paolo, aufgenommen aus einem Hubschrauber. Grohe hat die halbe Welt fotografiert, nicht nur Luftbilder gemacht, auch Reportagen, Dokumentationen, Portraits, in Australien und der Antarktis, in Nordkorea und New York, Sibirien

37


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

und Samoa. Angefangen hat alles in

„Ich geh da nicht mehr hin, und wenn

Mössingen, südlich von Tübingen, im

du mich totschlägst.“ Mit 16 begann er

elterlichen Wohnzimmer, kurz nach

seine Lehre in einem Reutlinger Foto-

dem Krieg.

laden, lernte erst zwei Jahre Fotolabo-

M

rant, dann ein Jahr Fotograf. ein Vater war leidenschaft-

Die alten Zeiten, von denen Grohe in

licher

Amateurfotograf“,

seinem Esszimmer erzählt – vor ein

erzählt er. „Sonntags hat

paar Jahren lagen sie noch einmal vor

er eine rote Birne in die

ihm auf dem Tisch: 40 Kameras und

Wohnzimmerlampe gedreht und Fo-

Objektive, analog, nostalgisch, nutz-

tos auf dem Esstisch entwickelt, nicht

los. Ein Käufer kam, seine Frau nahm

ganz zur Freude meiner Mutter. Wir

das Geld entgegen. „Und ich stand in

hatten kein fließendes Wasser, muss-

der Ecke und hab geweint.“ Keine ein-

ten es mit Eimern holen. Aber als die

zige Kamera hat er behalten. Er sah

Bilder raus kamen, aus dem Rot, das

es ein: Die Digitalfotografie hatte ge-

fand ich als Junge faszinierend.“

siegt. Die Nachteile des Analogen fül-

Zur Konfirmation bekam er seine

len ein halbes Dutzend seiner Keller-

erste Kamera, Agfa Rollfilm 6x6, eine

räume: Negative und Dias, wohin man

kleine schwarze Box für neun Mark. Er

sieht. Regale, Schränke, Schubladen

ging auf den Flugplatz am Farrenberg

voller beschrifteter Kartons.

und fotografierte einen startenden

Unter dem Treppenaufgang liegt ein

Segelflieger, am Schleppzug hängend,

Stapel Zeitschriften, aus dem Grohe-

fast senkrecht in der Luft, dahinter die

schen Privatarchiv zusammengeklaubt

Wolken. Es war sein erstes Foto – und

für die Reutlinger Ausstellung. Oben-

er gewann damit den Wettbewerb des

auf ein alter Stern, fast doppelt so dick

Mössinger

Ausrüstung

wie heute. Darunter das amerikani-

und Material im Wert von 50 Mark.

sche Magazin LIFE, damals das Non-

„Ich bin dann jeden Sonntag auf dem

plusultra der Fotojournalisten. „1983

Farrenberg herumgeschlichen, bis ir-

– Pictures of the year“ steht auf dem

gendwann ein Fluglehrer gefragt hat:

Heft. Grohe schlägt es auf und zeigt

‚Willst du mal mitfliegen?‘“ So machte

eine Doppelseite: das Luftbild einer

er sein erstes Luftbild, Mössingen von

Menschenkette auf der Schwäbischen

oben. Er hat es vergrößert, gerahmt

Alb, aufgenommen am 22. Oktober

und an die Läden des Ortes verkauft.

1983. Sie reichte von Stuttgart bis Neu-

Ein gutes Geschäft.

Ulm, über hundert Kilometer, 200.000

Trotzdem wollte Grohes Vater nicht,

Demonstranten, Hand in Hand für den

dass der Junge Fotograf wird; zu oft

Frieden und gegen die Stationierung

hatte er gesehen, wie die mit ihren Ka-

amerikanischer Atomraketen in der

meras auf der Neckarbrücke standen

Bundesrepublik.

Fotoladens:

und den Passanten Visitenkarten in die Hand drückten, in der Hoffnung, mal ein Bild zu verkaufen. Sein Junge sollte Feinmechaniker werden. Er begann seine Lehre bei einem Tübinger Medizingerätebauer. „Das war ein Scheißla-

M

indestens 40 Maschinen mit Fotografen seien damals unterwegs gewesen, erzählt Grohe. „Ich hab

dem Piloten immer Kommandos ge-

den!“, sagt er heute. Zur Übung musste

geben: Rechts, in Sicht! Links! Gera-

er Würfel aus krummen Eisen schleifen

deaus, in Sicht! Aus allen Richtungen

– „völliger Unsinn“. Schon am zweiten

kamen die Flugzeuge.“ Eines ist nach

Tag setzte es eine Ohrfeige. „Weil ich

einem Zusammenstoß abgestürzt, es

dem Meister ein bisschen Säure an die

gab Tote. Am nächsten Morgen soll-

Hand gespritzt habe.“ Acht Tage hielt

ten alle Fotografen ihre Abzüge zum

Menschenkette: Demo gegen

er es aus, dann sagte er zum Vater:

Stuttgarter Flughafen bringen, von

US-Atomraketen in Deutschland

38


DA S M AG A Z I N

dort wurden sie nach Hamburg geflogen, zum Stern. „Gedruckt haben sie am Ende nur meins. Das war was! Damals war ich ja noch jung und stolz.“ Der Stern verkaufte es weiter an LIFE, Grohe kassierte 5.000 Dollar – so viel verdiente manch freier Pressefotograf in einem halben Jahr.

F

otografieren,

die

väterliche

Befürchtung war widerlegt, ist nicht immer brotlose Kunst. Doch es ist nicht das Geld,

das Manfred Grohe zufrieden macht. Die Gemütsruhe, die er ausstrahlt, diese unbeirrbare Gelassenheit – es scheint, als habe sich die Stille über den Wolken auf sein Wesen übertragen. Wer gewohnt ist, die Welt von oben zu betrachten, erlangt offenbar eine erhebende Distanz zu den Dingen. Einmal sagt er: „Wenn man über eine Stadt wie Stuttgart fliegt, und unten demonstrieren zigtausend Leute – dann wirkt das wie ein Ameisenhau-

Weinberge und die Grabkapelle Rotenberg bei Untertürkheim im Herbstlicht.

fen. Es berührt einen kaum.“ Manchmal fragt er sich, wie es wäre, noch höher hinauf zu steigen, empor ins All, und den blauen Planeten aus einem Raumschiff zu fotografieren. Private Flüge ins All gibt es heute schon ab 80.000 Euro. Doch die fliegen nur in eine Höhe von 100 Kilometern – viel zu niedrig, um die Erde als Ganzes aufs Bild zu bekommen. Und so wird Manfred Grohe sich die Erfüllung dieses letzten Traums wohl sparen. Seine fünf Enkel, sagt er, wird es einmal freuen. Text: Julius Schophoff Fotos: Manfred Grohe

Geschäftig im Grünen: Das Neckartal mit Mercedes-Benz-Arena, Mercedes-Werk und Neckarhafen.

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M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Powered by Voith Reportage _ Kaum jemand kennt den Technologiekonzern Voith. Dabei beschäftigt er rund 42.000 Menschen in mehr als 50 Ländern. Zu Besuch beim heimlichen Weltmarktführer auf der schwäbischen Ostalb.

F

ährt man mit dem Auto nach Hei-

wird – Antriebstechnik, Hydrauliksyste-

Hemd ist nach seinem Abschluss von

denheim, weisen Straßenschil-

me, Industriedienstleistungen, Papier-

Bremen nach Heidenheim gezogen.

der zu Voith. Als wäre die Firma

maschinen und Wasserkraft – erleich-

Zwei Jahre ist das jetzt her und mittler-

ein Stadtteil. Reist man mit dem

tert zwar den Alltag vieler Menschen

weile hat er sich eingelebt. Dass man

Zug an, kann man direkt am Voith-

überall auf der Welt, bleibt aber meist

alles zu Fuß erledigen könne: ein gro-

Werk aussteigen. Es hat eine eigene

inkognito: Alle 3.000 Züge der Londo-

ßer Vorteil. Abends in eine gemütliche

Haltestelle. Wer Heidenheim besucht,

ner U-Bahn fahren mit Kupplungen

Wirtschaft: kein Problem in Heiden-

kommt um Voith nicht herum. Selbst

von Voith. Ebenso der Eurostar-Hoch-

heim. Und fürs Wochenende biete die

wer dem 50.000-Einwohner-Städtchen

geschwindigkeitszug zwischen Brüssel,

Schwäbische Alb viele Freizeitmöglich-

den Rücken kehrt, begegnet dem Na-

Paris und London. Wasserkraftwerke

keiten. „Wenn ich doch mal in die Groß-

men. Auf dem Weg hinauf zum pitto-

in Deutschland, Indien, China und vie-

stadt will, ist Ulm ja gleich um die Ecke,

resken Schloss, das seit dem Mittelal-

len anderen Ländern sind powered

und Stuttgart oder München sind auch

ter auf dem Hellensteinfelsen thront:

by Voith. Sie erzeugen ein Viertel der

nicht aus der Welt.“ Und dann ist da

ein Wegweiser zur „Voith-Arena“, dem

weltweit aus Wasserkraft gewonne-

natürlich noch der Job, der Abwechs-

Heimstadion des 1. FC Heidenheim,

nen Energie. Der Mittelständler aus

lung bietet. Noske arbeitet im Bereich

Drittligameister 2014 und ab der kom-

Heidenheim hält vielerorts die Welt in

Turbinen und Generatoren – ein Herz-

menden Saison erstmals in der 2. Bun-

Bewegung – und lockt Mitarbeiter von

stück des Unternehmens. „Wenn ein

desliga. Ein Verein mit Zug nach oben.

nah und fern in die Stadt im Ostalbkreis

Kunde ein Wasserkraftwerk plant“,

Der Technologiekonzern Voith hinge-

nahe der Grenze zu Bayern.

sagt er, „erarbeiten wir zusammen mit

gen ist längst oben angekommen. Welt-

„Das war schon eine Umstellung für

dem Vertrieb ein Turbinenangebot für

marktführer. Auch wenn das außerhalb

mich“, sagt Philip Noske. „Aber allzu

ihn.“ Ein Alltag voller internationaler

von Heidenheim kaum jemand weiß.

schwer war sie nicht.“ Der 29-jährige

Projekte.

Denn woran in Heidenheim getüftelt

Ingenieur in Chino-Hose und legerem

M

it 4.500 Mitarbeitern vor Ort ist das Unternehmen der

größte

Heidenheims,

Arbeitgeber fast

jeder

zehnte Einwohner ist Voith-Mitarbeiter. Firmengebäude und Werkshallen finden sich an allen Ecken und Enden der Stadt. „Halb Heidenheim ist Voith“, bringt es eine auf den Punkt, die es wissen muss: Elfriede Rentschler, 77 Jahre, Taxifahrerin seit fast einem halben Jahrhundert vor Ort. Einer ihrer beiden

Ein Hoch auf Heidenheim: Auf der schwäbischen Ostalb hat der Konzern Voith seine Wurzeln. Fast jeder zehnte Einwohner der Stadt arbeitet für das Unternehmen.

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DA S M AG A Z I N

Internationale Karriere: Der Ingenieur Philip Noske lebt in Heidenheim, plant aber Projekte in der ganzen Welt.

Wagen fährt meist für Voith: um Mitarbeiter zu den Flughäfen nach Stuttgart, München oder Frankfurt zu bringen. Was wäre Heidenheim ohne Voith? „Beides gehört einfach zusammen“, sagt sie. Jeder kenne hier jemanden, der bei Voith schafft. Früher habe es bei der Bank schon gereicht zu sagen, dass man bei Voith arbeite. „Dann bekam man ohne Probleme einen Kredit.“

und Ästen macht einen starken Baum.“

besten Sinne bodenständig sind“ sagt

Begonnen hatte alles mit einer klei-

Und die Wurzeln? „In Heidenheim liegt

Ralf Schönsee, Personalleiter bei Voith.

nen Schlosserei, die Maschinen warte-

die Seele von Voith“, sagt Lienhard.

Während Arbeitnehmer woanders oft

te. Friedrich Voith übernahm 1867 die Firma mit ihren 30 Mitarbeitern von seinem Vater. Der Ingenieur baute das Unternehmen um, konstruierte Ma-

D

nur wenige Jahre bleiben, sei es bei afür, dass in der Metropolre-

Voith das erklärte Ziel, Mitarbeiter ans

gion so viele mittelständische

Unternehmen zu binden. „Wir bieten

Weltfirmen wurzeln, gibt es

abwechslungsreiche Aufgaben, dazu

verschiedene Gründe. „Einer

viele Entwicklungsmöglichkeiten – und

ist, dass die Natur die Region mit eher

zwar innerhalb des Konzerns. Wer bei

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts tra-

knappen Ressourcen ausgestattet hat.

Voith seine Karriere beginnt, soll auch

fen die ersten Großaufträge aus dem

Das macht traditionell schon mal er-

bei Voith in Rente gehen.“

Ausland ein. Als Friedrich Voith 1913

finderisch“, sagt Hermann Simon. Der

Dabei spielt der Stand- und Wohnort

starb, war aus der Schlosserei eine

Wirtschaftsexperte prägte den Begriff

Heidenheim eine entscheidende Rol-

weltweit gefragte Maschinenfabrik ge-

der „Hidden Champions“ und beschrieb

le: „Das Gesamtpaket aus Arbeitsplatz

worden. Die Mitarbeiterzahl hatte sich

ihre Erfolgsstrategien in mehreren Bü-

und Wohnort ist so viel wert, dass

auf 3.000 verhundertfacht.

chern. „Zudem hilft die Mentalität des

viele junge Kollegen dafür auf ein Le-

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen

‚schaffe, schaffe, Häusle baue‘ , dass

ben in der Großstadt verzichten“, sagt

Wirtschaftswunder und Globalisierung

kleine Unternehmen zu Weltmarkt-

Ralf Schönsee. Manch einer pendelt

den Betrieb zum Weltkonzern und In-

führern heranwachsen.“ Gerade an

zunächst dennoch in die Großstädte,

novationsführer heranwachsen. Heute

kleineren Standorten zeige sich oft ein

zumindest am Wochenende. „Spätes-

arbeiten mehr als 42.000 Mitarbeiter

Phänomen, das Simon „unternehmeri-

tens wenn Kinder kommen, finden die

in mehr als 50 Ländern für das Unter-

sche Ansteckungseffekte“ nennt: „Einer

meisten Mitarbeiter eine kleinere Stadt

nehmen. Im Geschäftsjahr 2012/2013

macht sich selbstständig – und andere

ohnehin wunderbar.“

lag der Umsatz bei 5,7 Milliarden Euro.

folgen.“ So lasse sich erklären, warum

„Die Unternehmenskultur gefällt mir “,

Jahr für Jahr meldet Voith 400 Patente

sich im Osten Baden-Württembergs

sagt der Ingenieur Philip Noske. Keinen

an – und gehört damit zu den Top 20 in

auf relativ kleinem Raum eine Reihe

Gedanken verschwendet er daran, den

Deutschland. „Man muss sich Heiden-

von Weltmarktführern drängen.

Job alle paar Jahre zu wechseln, nein,

heim wie einen Baumstamm vorstel-

Auch das langfristige Denken in den

das wäre nichts für ihn. Aber bei Voith

len“, sagt Hubert Lienhard, Vorsitzen-

oft über Generationen gewachsenen

bis zur Rente bleiben, sagt er, das kön-

der der Voith-Geschäftsführung. „Die

Familienunternehmen spielt dabei eine

ne er sich gut vorstellen.

vielen Äste, die aus dem Stamm ge-

Rolle. Was Voith und seinesgleichen bis

wachsen sind, sind die Auslandsgesell-

heute von börsennotierten Großkon-

Text: Nicola Meier

schaften. Erst die Einheit aus Stamm

zernen unterscheidet, ist, „dass wir im

Fotos: Rainer Kwiotek

schinen für die Papierverarbeitung und Wasserturbinen zur Stromgewinnung.

41


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Die HiddenChampionsFischer Branche 

Befestigungstechnik

Paradeprodukt 

Spreizdübel

Gründungsjahr  Umsatz 

1948 614 Mio. Euro

Mitarbeiterzahl 

3.900

League

Alle schlagen auf Fischer ein und die Firma freut‘s. Zehn Millionen graue Kunststoffröhrchen, die legendären Fischer-Dübel, werden pro Tag allein im Werk WaldachtalTumlingen produziert. Unzählige von ihnen werden von Hand- und Heimwerkern in die Wände der Welt getrieben, halten Bilder und Spiegel in der Höhe und wuchtige Wohnzimmerschrankwände in der Vertikalen. Der Dübel ist der unangefochtene Star der Firma, natürlich. Doch er ist nur eine von zahllosen Erfindungen von Artur Fischer. Als der 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, gründete er einen kleinen Betrieb in Hörschweiler. Zunächst stellte er Webstuhlschalter her und Feueranzünder. Schon nach einem Jahr meldete er sein erstes Patent an, ein Foto-Blitzlichtgerät. In den 50er Jahren schließlich kamen die Dübel hinzu, damals noch kleine Blechhülsen mit

Foto: Kuball / Fischer

Hanffüllung. Bis heute meldete Artur Fischer über tausend

Porträt _ In den Schlagzeilen findet man diese

Schutzrechte an, er gilt als einer der erfolgreichsten Erfin-

Firmen eher selten, in den Stellenanzeigen dafür

der Deutschlands. Viele Ideen seien ihm morgens unter der

umso öfter: Die Metropolregion Stuttgart ist Stammsitz

Dusche eingefallen, verriet der Tüftler einmal.

vieler heimlicher Weltmarktführer – Mittelständler

Inzwischen leitet sein Sohn Klaus Fischer die Firma. Er

mit Millionenumsatz, deren Namen oft nur

stellte das Unternehmen, das beim Generationenwech-

branchenintern bekannt sind. Sie entwickeln,

sel stark vom deutschen Markt und von Kunststoffdübeln

verkaufen, wachsen und halten den Jobmotor

abhängig war, auf breitere Beine. Fischer junior stieg ins

geräuschlos am Laufen.

42


DA S M AG A Z I N

Autozulieferer­geschäft ein – es wurde die zweitwichtigste

bringen wir Musik dazu, lassen Wind aufkommen und können

Unternehmenssparte. Artur Fischer, inzwischen 93 Jah-

sogar Gerüche anbieten", sagt Lothar Bopp.

re alt, ist stolz auf seinen Sohn: "Ihm ist es gelungen, die

Seine Shows sollen die Menschen berühren, so wie auch er

Modernisierung und die Internationalisierung der Firma

durch seine Arbeit schon bewegende Momente erlebte: Zum

voranzutreiben.“ Inzwischen führt Fischer 43 Landesgesell-

40. Geburtstag der DDR installierte Lothar Bopp eine Laser-

schaften in 31 Ländern, zehn Produktionsstandorte gibt es

show im Palast der Republik, extra für Michail Gorbatschow.

weltweit.

„Draußen skandierten die Menschen ‚Wir sind das Volk’. Geschichte hautnah – das war einmalig.“ Der Markt für Lasertechnik mag überschaubar sein. Doch die Bühne dafür ist die ganze Welt.

Lobo electronic Branche 

Dienstleister für Multimedia und Lasershows

Paradeprodukt  Gründungsjahr  Umsatz  Mitarbeiterzahl 

Laserprojektoren 1982 8 Mio. Euro 30

Groz-Beckert Paradeprodukt  Gründungsjahr  Umsatz 

Die Firma Lobo electronic setzt andere in Szene – dabei

Mitarbeiterzahl 

Feinwerkzeuge Maschinennadeln 1852 539 Mio. Euro 8.000

braucht sie selbst sich auch nicht verstecken, als weltweit erfolgreichster Installateur für Lasertechnik. Lobo realisiert Lichtshows von Quebec bis Turkmenistan, von Iran bis Jorda-

Was führt ein Unternehmen zum Erfolg? Tradition? In-

nien, von Jakarta bis Changzhou – alles von Aalen aus, 66.000

novation? Diversifikation? Bei Groz-Beckert jedenfalls ist

Einwohner, Ostalbkreis. Gerade einmal 30 Angestellte hat die

soziales Engagement Teil des Erfolges, der Einsatz für die

Firma, trotzdem räumt sie eine Auszeichnung nach der ande-

Mitarbeiter und das Streben nach einem guten Betriebskli-

ren ab – allein 139 Mal den ILDA Award, den Oscar der Bran-

ma. Der Weltmarktführer für Maschinennadeln und Fein-

che. Mehr als jedes andere Unternehmen weltweit. 2011 wur-

werkzeug mit Stammsitz in Albstadt-Ebingen ist der größte

de Lobo-Gründer Lothar Bopp vom Lasershow-Weltverband

Arbeitgeber im Zollernalbkreis. 1852 öffnete Theodor Groz

ILDA gar für sein Lebenswerk ausgezeichnet – mit 48 Jahren.

ein Geschäft für Modeaccessoires mit angeschlossener

Bopp hatte seine Firma noch während des Studiums gegrün-

Nadlerwerkstatt. Daraus wuchs das Multimillionen-Unter-

det. In den 90er Jahren überlegte er, mit Lobo nach Stuttgart

nehmen.

umzuziehen. Doch Aalen war attraktiver: Neben der etablier-

Bis heute ist es in Familienbesitz, traditionelle Werte wie

ten Infrastruktur profitiert das Unternehmen besonders von

Beständigkeit und Verantwortung haben den jahrzehnte-

der Nähe zum Optik-Spezialisten Zeiss und des­sen 10-Kilome-

langen Aufstieg überdauert. Schon 1888 gründete Theodor

ter-Laser-Teststrecke. Es gibt exzellent ausgebildete Fachkräf-

Groz eine firmeneigene Krankenkasse für seine Mitarbei-

te in der Region. Und neue Entwicklungen passieren direkt

ter. Heute, 125 Jahre später, entsteht in Albstadt ein Sozi-

vor der Firmentür: „Früher hatten wir nur den Laser, heute

alzentrum für die Angestellten und ihre Familien. Neben

43

Foto: LOBO Laser- und Multimediasysteme, Aalen (www.lobo.de), Bjoern Franke / Groz-Beckert

Branche 


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

­e iner Kindertagesstätte und einer Grundschule verfügt das

technik. Ganze 9 Prozent des Umsatzes investiert er in die

Zentrum auch über einen Gesundheitsbereich mit Fitness-

Entwicklung. Die Forschung sei der Weg, um den Heraus-

center, Physio-Bereich und Arztpraxis. „Eine verbesserte

forderungen von morgen schon heute zu begegnen, sagt

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – für Frauen und für

Vorstandsvorsitzender Eberhard Veit. „Beschäftigen Sie

Männer“, das wünscht sich Thomas Lindner, Vorsitzender

sich mit der Zukunft“, rät er Unternehmern. Schließlich

der Geschäftsführung. Und freut sich, dass Groz-Beckert

seien die Rohstoffe für den Erfolg eines Unternehmens vor

hier schon so gut aufgestellt ist. „Denn natürlich möchten

allem Bildung und Wissen. Und die Freiräume, die ein Un-

wir auch im härter werdenden Wettbewerb um qualifizier-

ternehmen seinen Mitarbeitern biete. „Innovationen ent-

tes Personal die Nase vorn haben.“

stehen selten, wenn Entwickler schwitzen.“

Festo Branche 

Steuerungs- und Automatisierungstechnik

Paradeprodukt  Gründungsjahr  Umsatz  Mitarbeiterzahl 

SmartBird 1925 2,24 Mrd. Euro 16.000

Schwörer Haus Branche  Paradeprodukt  Gründungsjahr  Umsatz  Mitarbeiterzahl 

Hausbau Fertighäuser 1950 230 Mio. Euro 1.850

„Schaffe, schaffe, Häusle baue“ – wo, wenn nicht in Baden-

Foto: Festo, Schwörer Haus

Württemberg? Bei der Firma Schwörer geht das sogar in Wenn man hoch hinaus will, kann man es mit Fliegen ver-

Rekordzeit. Den Aufbau eines Hauses schaffen die Monteu-

suchen. Oder mit bahnbrechenden Erfindungen. Oder mit

re in nur ein bis zwei Tagen. 36.000 Fertighäuser hat das

großem wirtschaftlichem Erfolg. Oder man verbindet alles

Unternehmen schon gebaut, jede Woche 15 neue – auch im

– und baut, wie Festo, einen flugfähigen Roboter. Die Firma

europäischen Ausland.

mit Sitz in Esslingen entschlüsselte das Geheimnis des Vo-

Obwohl der Fertighaushersteller inzwischen ein Gro-

gelflugs, ihr „SmartBird“ aus Karbonfaser schlägt mit den

ßer der Branche ist, bleibt er im kleinen Hohenstein-

Flügeln wie eine echte Silbermöwe. Beeindruckend anzuse-

Oberstetten zu Hause. Das Werk auf der Schwäbischen

hen ist das. Und ungemein lehrreich: Es hilft den Ingenieu-

Alb besteht seit 1956, noch heute ist es der Hauptsitz.

ren dabei, neue strömungsoptimierte und energieeffizien-

Die Nähe zum Werkstoff Holz ist wichtig für die Produk-

te Komponenten zu entwickeln.

tion. Und als Familienunternehmen bleibt Schwörer der

Forschungsvorreiter zu sein hat eine lange Tradition bei

Region treu.

Festo. Gegründet wurde die Firma schon 1925. Früh nutzte

Johannes Schwörer, der Neffe von Firmengründer Hans,

sie Druckluft als Technologie, später gab sie durch Festo

führt das Werk seines Großvaters als Firmenchef weiter,

Didactic ihre Erkenntnisse als Lehrmittel weiter. Heute ist

etwa indem er Nachwuchs selbst ausbildet. Derzeit lernen

der Konzern Innovationsführer in der Automatisierungs-

über 80 junge Männer und Frauen 16 verschiedene Beru-

44


DA S M AG A Z I N

fe, Übernahme in Aussicht. „Eigene Leute“, sagt Johannes

die Wege der Brüder. Günther blieb bei Ziehl-Abegg. Heinz

Schwörer, „sind das Kapital der Firma: Manche arbeiten

gründete mit seinem Kollegen Gerhard Sturm EBM. Heute

schon in der vierten Generation bei uns“. Vorsprung durch

sieht Ziehl-Abegg-Chef Peter Fenkl die Konkurrenz vor der

Tradition – Schwörer ist nicht der einzige Mittelständler der

Haustür sportlich: „Wettbewerb belebt das Geschäft.“

Metropolregion, bei dem Vergangenheit und Zukunft eine

Ein Geschäft, das andernorts so vielleicht nicht möglich

ziemlich produktive Symbiose eingehen.

wäre: Hohenlohe ist die Heimat der Branchenriesen. In keinem anderen Landkreis der Republik gibt es, gemessen an der Einwohnerzahl, so viele Weltmarktführer wie hier. Nicht alle sind so bekannt wie das Schraubenimperium Würth, aber deshalb nicht weniger wichtig. Das Verpackungsunternehmen Huber etwa, der Kunststofftechniker Hornschuh

EBM Papst & Ziehl-Abegg Branche 

oder der Ventilbauer Gemü: Gemeinsam mit vielen weiteren kleinen und mittelständischen Unternehmen schaffen sie ein Klima, in dem Erfindergeist und Unternehmersinn

Elektromotoren, Luft- und Klimatechnik

gedeihen.

Paradeprodukt 

Ventilatoren

Gründungsjahr 

1963 / 1910

Innovationskraft und Leistungsfähigkeit fände er beson-

1.349 Mio. (2012/2013) und 371 Mio. Euro (2012)

ders hier, sagt Peter Fenkl. Bei EBM kommen 40 Prozent

Umsatz 

Mitarbeiterzahl 

der verbauten Komponenten von Zulieferern aus dem

10.564 und 3.100 (2011)

Hohenlohekreis. „Wir glauben an Deutschland als Produktionsstandort“, so Fenkl. Sich international als Innovationsführer zu etablieren, sei trotzdem nicht einfach. Die Firmennamen sind branchenintern bekannt, darüber hinaus kaum. „Wir heimlichen Weltmarktführer müssen uns anstrengen, um auch künftig als Technologieführer wahrgenommen zu werden.“ Text: Mathias Becker

Diese zwei Unternehmen machen eine Menge Wind und doch kennt sie kaum jemand: EBM Papst und Ziehl-Abegg, Foto: EBM Papst, Ziehl-Abegg

Weltmarktführer im Bereich Industriemotoren und -ventilatoren, haben ihren Sitz im Hohenlohekreis westlich von Heilbronn. Die Nähe ist kein Zufall: Nach der Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg verschlug es die Brüder Heinz und Günther Ziehl nach Künzelsau, wo sie das Unternehmen ihres Vaters wieder aufbauten. In den 60er Jahren trennten sich

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Die Welt­­verbesserer Portrait _ Seit bald einem Jahrhundert produziert Weleda anthroposophische Medizin und Naturkosmetik. In Schwäbisch Gmünd ist ein heimlicher Weltmarktführer der anderen Art herangewachsen.

Alt, aber gut anzuschauen: Ausrangiertes Destillationsgerät am Eingang des Kräutergartens.

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DA S M AG A Z I N

Mitarbeiter der Weleda-Naturkosmetikproduktion vor einer Homogenisierungsanlage.

R

hythmisch ratternde Laufbän-

schließlich auf wirtschaftliche Ge-

der Erde ernten. Doch vieles wächst

der, die Rosmarin-Shampoo

sichtspunkte

beschränkten Unter-

fast vor dem Firmentor. Vier Kilome-

in

nehmertum verpflichtet. Ökologische

ter hügelaufwärts sind es zum unter-

Verantwortung,

nehmenseigenen Heilpflanzengarten.

türkisblaue

Packungen

bugsieren. Hydraulikzischen-

Nachhaltigkeit,

Fa-

de Roboterarme, die mit Sanddorn-

milienfreundlichkeit gehören ebenso

Hier

Handcreme hantieren. Über allem:

zu den Firmenzielen. „Berufstätige

Blumen wie der Eisenhut oder der

warme, mit Pfefferminz- und Blut-

Eltern haben oft das Gefühl, sowohl

Bittersüße Nachtschatten, ehe sie,

orangenaroma

behangene

Job als auch Kinder zu vernachlässi-

tausendfach verdünnt, Husten oder

Luft. Die Naturkosmetikproduktion

gen“, sagt Isabella Heidinger, Leiterin

Gliederschmerzen lindern. Alles eine

läuft vollautomatisch, computerdiri-

des

Frage der Dosierung.

giert – zumindest in dieser Hinsicht

Also gibt es einen firmeneigenen Wal-

Der Garten wurde zur weltweiten Be-

ist Weleda ein typischer Vertreter

dorfkindergarten. Und sehr flexible

rühmtheit – 20.000 Besucher im Jahr

der

Weltmarktführer.

Arbeitszeiten, etwa 150 verschiede-

sind normal. 2014, mit der Landes-

Und doch ist mit „der Weleda“, wie

ne Zeitmodelle laufen parallel: „Weil

gartenschau in der Stadt, durchstreif-

viele Mitarbeiter sagen, eine Firma

Menschen ihr Bestes geben, wenn es

ten sogar noch mehr Menschen die

der anderen Art herangewachsen.

ihnen gut geht.“

Anlage.

Mitbegründet

der

Offenbar eine erfolgreiche Firmenphi-

Direkt neben dem Garten wurde ein Er-

Anthroposophie Rudolf Steiner, der

losophie: Mit 320 Millionen Euro Um-

lebnisgelände für Heilpflanzen und bio-

1919 in Stuttgart die erste Waldorf-

satz und 1.900 Mitarbeitern in mehr als

dynamischen Landbau angelegt. Da-

schule aufgebaut hatte, entstanden

50 Ländern wurde Weleda zum weltweit

mit nicht Hunderttausende durch die

1921 in Schwäbisch Gmünd und im

führenden Hersteller hochwertiger Na-

Heilpflanzenbeete stapfen. Denn eines

schweizerischen Arlesheim die zwei

turkosmetik und anthroposophischer

wissen sie bei Weleda genau: Auch im

Weleda-Vorgängerbetriebe: ein phar-

Medizin. Die Zahl der Initiativbewer-

Grunde Gutes kann schädlich werden.

mazeutisches Labor und eine Arznei-

bungen, die alljährlich eingehen, liegt

Kommt immer auf die Dosis an.

mittelfabrikation.

im vierstelligen Bereich.

Von Anfang an hatte sich Weleda

Die Zutaten der Kosmetika und Medi-

Text: Markus Wanzeck

einem

kamente lässt Weleda in allen Ecken

Fotos: Frank Schultze

schwer

heimlichen

vom

Vordenker

ganzheitlichen,

nicht

aus-

Kompetenzzentrums

47

Personal.

gedeihen

bildschöne,

giftige


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Stuttgart

21 v. Chr.

Bericht _ Noch nie stand Archäologen auf der Schwäbischen Alb eine größere Fläche für ihre Spuren­suche zur Verfügung. Bei Grabungen entlang der ICE-Trasse zwischen Stuttgart und Ulm stießen sie auf überraschend viele Funde.

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NR. 01

D

onnerwetter!“, entfährt es

zwischen Stuttgart und Ulm, rund 500

Dr. Michael Wagschal, als

Meter südlich der A8 zwischen Aichel-

die Baggerschaufel die Ver-

berg und der Zähringerstadt Weil-

gangenheit aus dem grauen

heim an der Teck. Doch nachdem nun

Lehmboden und einem Jahrhunderte

Ziegel für Ziegel die Vergangenheit

währenden Dornröschenschlaf reißt.

ausgebuddelt wird, muss die Zukunft

Er hält einen rostfarbenen Leistenzie-

warten, müssen Wagschal und sein

gel in der Hand. Flache Form, zwei pa-

Team, Archäologen des Stuttgarter

rallel verlaufende Kanten: „Das ist ein

Landesamts für Denkmalpflege, die

römischer Ziegel.“ Die hiesige Römer-

Fundstelle am Fuß der Schwäbischen

zeit begann 15 v. Chr., als Kaiser Au-

Alb wie Spürhunde nach archäologi-

gustus‘ Truppen erstmals große Teile

schen Raritäten absuchen.

des

Die

heutigen

Baden-Württemberg

60

Kilometer

lange

ICE-Neu-

besetzten. Sie endete 260 n. Chr., als

baustrecke, die sich an die Autobahn

die Alemannen den römischen Limes

Richtung München schmiegt, soll zu-

durchbrachen. An einem Herbsttag

sammen mit dem Bahnhofsprojekt

im Oktober 2012 kommen Überreste

Stuttgart 21 die Fahrtzeit zwischen Ulm

dieser Ära wieder zum Vorschein.

und Stuttgart ab 2020 fast halbieren.

Der Archäologe stoppt den Baggerfah-

Von 54 auf 28 Minuten. Dafür wird auf

Auf seine Spürnase ist Verlass:

rer, der eigentlich einer ganz anderen

einer Fläche von rund 500 Hektar der

Der Archäologe Dr. Michael Wagschal

Arbeit nachgeht. Er soll Wasserleitun-

Boden ausgehoben. „Das ist eine ein-

entdeckte die römischen Ziegelöfen.

gen verlegen für die neue ICE-Trasse

malige Chance für uns Archäologen“,

"Eine Rarität.“

sagt Dr. Andrea Neth, Referentin für Trassenprojekte im Stuttgarter Landesamt für Denkmalpflege. „Noch nie stand auf der Schwäbischen Alb eine größere Fläche zur archäologischen Untersuchung zur Verfügung.“ Seit April 2010 werden die möglichen Fundstellen systematisch untersucht. Für Archäologen ein Glücksfall, denn Grabungen

über

lange

Distanzen

hinweg ermöglichen einen seltenen Querschnitt durch die Landschaft, der sie das Besiedlungsmuster besser verstehen lässt. Wie beim umstrittenen Bau der 80 Kilometer langen NATOPipeline 2006. Diese pumpt Treibstoff für militärische Zwecke sowie Kerosin für deutsche Zivilflughäfen quer über „Wir haben die Chance, über eine lange Strecke zu suchen.“ Ein Glücksfall für Dr. Andrea Neth vom Landesdenkmalamt.

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M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

den Ostalbkreis zwischen dem baden-

Team alles stehen und liegen. Sie be-

ten auf, mit einem Sandsteinrelief

württembergischen Aalen und dem

gannen im klebrigen Lehmboden zu

der Glücksgöttin Fortuna. Im Ulmer

bayrischen Leipheim. Allein im 29 Ki-

wühlen – und wurden schnell fündig.

Stadtteil Lehr fanden sie Hausgrund-

lometer langen baden-württembergi-

Keinen Gutshof, sondern drei römische

risse aus der Rössener Kultur, mittlere

schen Bauabschnitt fand man damals

Brennöfen haben sie in den leicht ab-

Jungsteinzeit, 4500-4300 vor unserer

über 30 archäologische Fundstellen;

schüssigen Wiesen- und Stoppelfeldern

Zeitrechnung. Sie hat ihren Namen

lediglich drei davon waren den Ar-

freigelegt, einer davon ist sehr gut er-

von dem Gräberfeld in Rössen bei

chäologen zuvor bekannt.

halten. Eine Rarität. Denn es handelt

Leuna, Sachsen-Anhalt. In der Region

sich um eine kleine private Ziegelbren-

Ulm hatte man sie bislang nicht ver-

s ist Dezember geworden und

nerei, die die nähere Umgebung ver-

mutet.

sehr kalt, als Michael Wagschal

sorgte. Ein mittelständisches schwäbi-

in Thermostiefeln um den Aus-

sches Unternehmen, sozusagen.

grabungsort stapft. Auf dem

„Insgesamt kennen wir in Baden-

Areal liegt Schnee, doch im Boden ist

Württemberg 40 Ziegeleien aus der

der Winter noch nicht angekommen.

Römerzeit“, erklärt Wagschal. Die

Die tonige Erde klebt wie zäher Kara-

meisten Brennöfen aber waren Groß-

mell unter seinen Schuhsohlen. Der

betriebe, die zu Militärlagern oder

bedeckt, was der Erdboden gerade

Grabungsleiter nimmt den fünf Kilo-

Gutshöfen gehörten. Kleinöfen wie

freigegeben hat, ließ Michael Wag-

meter langen Abschnitt von Weilheim

den in Aichelberg gebe es landesweit

schal über der Grabungsstelle der

bis nach Wendlingen unter die Lupe.

gerade einmal eine Handvoll. „Ein

römischen Ziegelöfen ein beheiztes

Stichprobenartig, man weiß ja nie; vor

überraschender Fund“, sagt Wag-

Zelt errichten. Deutlich heben sich

allem aber mithilfe seiner archäologi-

schal. Nur sehr selten einmal wird ein

orangerote Brandverfärbungen vom

schen Spürnase. Die Donnerwetter-

intakter Ofenkomplex freigelegt. Da

grauen Tonboden ab. Einer von Wag-

Stelle, zum Beispiel: „Die Lage schreit

die Öfen aus Ziegeln und Ziegelres-

schals Mitarbeitern kniet auf dem

geradezu nach einem römischen Guts-

ten gebaut wurden, begannen sie bei

schlammigen Boden und verrichtet

hof“, sagt er mit Blick auf das flache

der hohen Betriebstemperatur von

Sisyphusarbeit:

Tal, das von sanften Hügeln umgrenzt

1.000 Grad schnell zu bröckeln. An-

hammer befreit er den Ziegelofen

ist und dem 472 Meter aufragenden

hand von Porzellanscherben lassen

von überschüssigem Lehm. Jedes

Aichelberg. Bereits im Mai 2012 waren

sich die drei Öfen, die nun den ICEs

Fundstück wird vermessen, fotogra-

dort drei Scherben aus der Römerzeit

im Weg stehen, auf etwa 250 n. Chr.

fiert und dokumentiert. Erst danach

aufgetaucht.

datieren: die spätrömische Phase der

macht Wagschal sich mit Hammer

„Der Bedarf an Ziegeln im Römischen

Metropolregion.

und Meißel an die Ziegelöfen, um

E

D

ie Zeit drängt. Die Schnellzugverbindung

zwischen

Stuttgart und Ulm soll so wenig Verspätung wie mög-

lich haben. Damit nicht der Schnee

Mit

einem

Spitz-

ideal: „Man braucht für eine Ziegelei

A

Archäologen reiche Beute. Erstaunlich

Der Rest verschwindet wieder unter

Ton, Holz und Wasser“, sagt er. Alles

seien die Vielzahl und die Bandbreite

die

war hier reichlich vorhanden. Noch

der Funde, berichtet Wagschals Kolle-

voll, aber keine architektonischen

heute fließt nahe der Grabungsstelle

ge Dr. Martin Thoma, der hier die Aus-

Highlights“, ordnet Wagschal diese

der „Ziegelbach“.

grabungen leitet. Das Forscherteam

Funde ein.

Als der rostfarbene Leistenziegel das

stieß

aus

Einige Wochen später rollen Bagger an:

Licht der neuen Welt erblickte, war der

mindestens

Kulturepochen,

Das Areal wird wieder zugeschüttet,

51-jährige Archäologe aus Bremen offi-

von der frühen Jungsteinzeit (5600 v.

Containerlager für den Bau der ICE-

ziell noch an einer anderen Ausgrabung

Chr.), als die Menschen sesshaft wur-

Trasse werden errichtet. Auch knapp

entlang der Neubaustrecke zugange.

den, bis zur Römerzeit. Handgemach-

zwei Jahrtausende nach den Römern

Dort hatte Eisenschlacke aus dem 11.

te Keramik, seltene Pfostenbauten:

ist die Senke am Fuß des Aichelbergs

Jahrhundert eine gewerbliche Gewin-

Entlang der gesamten Trasse fanden

ein heiß begehrter Standort.

nung des Metalls vermuten lassen. Als

sie Spuren spätkeltischer Siedlungen

Wagschal jedoch die römischen Ziegel

(150-50 v. Chr.). Auch Überreste eines

Text: Kety Quadrino

fand, ließen er und sein sechsköpfiges

Heiligtums aus der Römerzeit tauch-

Fotos: Christoph Schmidt

Reich war immens“, erzählt Wagschal. Den Ton benötigten die Römer als Grundbaumaterial

für

Dachziegel

oder für Fußboden- und Wandheizungen. Die Stelle am Aichelberg war

ihr Innenleben zu erkunden. Zuletzt uch auf dem 30 Kilometer

werden einzelne Teile gewaschen,

langen Abschnitt der ICE-

registriert, gelagert – bis vielleicht

Trasse

Hohen-

eines Tages ein Archäologe seine Ab-

stadt und Ulm machten die

schlussarbeit den Funden widmet.

auf

zwischen

Siedlungszeugnisse sieben

50

Erde.

„Wissenschaftlich

wert-


DA S M AG A Z I N

Mit dem Speer auf die Jagd Interview _ Im 2013 eröffneten Archäopark an der Vogelherdhöhle können Besucher den Alltag der Steinzeitmenschen erleben. Ein Gespräch mit der wissenschaftlichen Beraterin Ewa Dutkiewicz.

ZEUGEN DER EVOLUTION

selbst mit einem Speer „auf die Jagd gehen“ oder das Feuermachen ohne moderne Hilfsmittel üben. Toll ist, dass wir mit der Vogelherdhöhle den Originalschauplatz haben. Welche Rolle spielt dabei die

Das Urweltmuseum Hauff ist Deutsch-

Bereits 1931 grub Gustav Riek, der

lands größtes privates Naturkunde-

später Professor an der Universität

museum und weltbekannt für seine

Tübingen wurde, den Vogelherd kom-

aufwändig präparierten Fossilien aus

plett aus und fand die ersten Elfen-

dem Schwarzen Jura vor 180 Millio-

beinfiguren. Spätere Nachgrabungen

nen Jahren. Ausgestellt sind Verstei-

von Professor Conard erbrachten

nerungen, die in den vergangenen 200

weitere spektakuläre Funde. Nicholas

Jahren in den Schieferbrüchen rund

Frau Dutkiewicz, was macht gerade

Conard und ich werden den Archäo-

um

die Vogelherdhöhle als Standort

park wissenschaftlich begleiten – also

Ichthyo- und Plesiosaurier, Krokodil-

für den Archäopark so attraktiv?

etwa darauf achten, dass die Informa-

und Flugsaurier, Fische und marine

Die Vogelherdhöhle zählt weltweit

tionstafeln zur Eiszeit oder der Film

Kopffüßer. Prunkstück ist die mit

zu den bedeutendsten Fundstellen

über die geologische Geschichte des

18 x 6 Metern weltgrößte versteinerte

des Steinzeitalters. Über 100.000

Lonetals fachlich abgesichert sind.

Seelilienkolonie.

Foto: Thomas Kienzle

Universität Tübingen?

Jahre lang bot sie unseren Vorfahren

Holzmaden

begegnet

man

gefunden

Im

wurden:

Museumspark

zwischen

urweltli-

Behausung und Zuflucht. 2006 wurde

Text: Kety Quadrino

chen Schachtelhalmen, Ginkgo- und

dort unter Leitung des Tübinger Ar-

Fotos: Thomas Kienzle

Mammutbäumen

chäologen Nicholas Conard ein etwa

wissenschaftlich

fundierten, lebensgroßen Dinosauri-

40.000 Jahre altes Mammut gefunden,

ernachbildungen. Kleine und große

das als erstes vollständig erhaltenes

ZUR PERSON:

Forscher können auf eigene Faust in

figürliches Kunstwerk der Menschheit

Ewa Dutkiewicz, 34, ist Doktorandin

den Schieferbrüchen auf Fossilien­

weltweit Schlagzeilen machte.

für Ältere Urgeschichte und Quartär­

suche gehen.

ökologie an der Universität Tübingen Archäopark – das klingt nach mehr

und wissenschaftliche Mitarbeiterin

als Ausstellungsvitrinen.

am Archäopark Vogelherd.

Ja. Man könnte sagen, es ist ein Erleb-

Urweltmuseum Hauff Aichelberger Straße 90 73271 Holzmaden

niszentrum für Urgeschichte. Neben

Archäopark Vogelherd

einem Auditorium gibt es auch ein

Im Städtle 26

6,5 Hektar großes Gelände mit einem

89168 Niederstotzingen

Rundweg durch fünf Themenorte, an

Tel. 0 73 25 / 102 33

denen der Alltag in der Eiszeit erlebbar

info@archaeopark-vogelherd.de

gemacht wird. Dabei kann der Besucher

www.archaeopark-vogelherd.de

Tel. 070 23 / 28 73 www.urweltmuseum.de

51

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 9 – 17 Uhr


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Multikulti in Calw Portrait _ Calw, das ist eine Fachwerkidylle zwischen dem Flüsschen Nagold und den Hängen des Nordschwarzwalds. Doch der Schein der Abgeschiedenheit trügt. Die Stadt ist international, multikulturell, weltoffen – Hermann Hesse würde seine Heimatstadt kaum wiedererkennen.

Gestern Rumänien, heute Calw: Eva Klinga Szazs genießt die neuen Freiheiten.

52


DA S M AG A Z I N

A

m Ende gibt es Schwarzwäl-

teilt sie sich mit ihrem Partner eine

der

Alkohol-

Zwei-Zimmer-Wohnung. „Ich würde

frei, damit auch die Musli-

nicht sagen, jetzt bin ich die Chefin“,

me zugreifen können. Auch

sagt sie, und sagt es dann doch, nur

Kirschtorte.

Brezeln, Salate. Viele Salate. Jeder

anders: „Aber ich regele alles.“

der zwei Dutzend Frauen und Män-

Auch Konstantinos Panagiotakopou-

ner, die aus Venezuela und Portu-

los, 38, kann seiner Umsiedelung in

gal, aus Kanada und der Türkei nach

den Schwarzwald viel abgewinnen.

Calw gezogen sind, hat etwas fürs

Er zog im Juni 2012 aus der griechi-

Abschlussbüffet mitgebracht. Anas-

schen Hafenstadt Patras (gut 200.000

tasia

Einwohner) in die Calwer Gemein-

tragte

Kemmler, der

Integrationsbeauf-

Volkshochschule,

steht

de Oberreichenbach (gut 2.000 Ein-

am Längsende des Buffets, wünscht

wohner). Und noch immer kann er

erst einmal guten Appetit, dann viel

es kaum glauben: „Hier grüßen die

Glück, zum Abschied schließlich ruft

Leute einander alle. Guten Morgen!

sie eine Warnung aus: „Vergesst am

Grüß Gott! So geht das den ganzen

Samstag bloß nicht eure Ausweise!“

Tag.“ Er fühlte sich willkommen, hat

Drei Tage sind es noch bis zur Ab-

schnell Wurzeln geschlagen. Grie-

schlussprüfung am Samstag. Drei

chenland? „Ganz schön“, sagt er,

Tage nur noch, nach neun Monaten,

„aber nur für zwei Wochen Urlaub.“

"Hermann Hesse ist unser stärkster

beladen mit 90 Unterrichtsstunden

Beide zog es ihrer Partner wegen nach

Botschafter", sagt Calws Kulturamts­

Deutschbüffeln.

Calw. Auch Anastasia Kemmler, die

leiter Hans Martin Dittus. Und fügt

Für Eva Klinga Szazs ist die Abschluss-

VHS-Frau mit den Wünschen und War-

hinzu: "Aber manchmal zieht Fußball

prüfung nur eine Zwischenprüfung.

nungen, war 1996 aus der russischen

einfach besser."

Direkt im Anschluss wird die 28-jähri-

Millionenstadt Jekaterinburg für ihren

ge Rumänin den Aufbaukurs belegen.

Mann nach Deutschland gekommen.

Als sie vor zwei Jahren nach Calw kam,

Kommen, um zu bleiben: Das hat in

war das ein Kulturschock, sagt sie.

Calw Tradition. Der Bau der Würt-

Aber ein wohliger. In Rumänien lebte

tembergischen Schwarzwaldbahn, die

sie, der Tradition gemäß, mit Eltern

1872 Calw und Stuttgart verband, war

und Bruder unter einem Dach. Nun

nur möglich durch die Mithilfe zahl-

reicher italienischer Arbeiter. Viele blieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Hunderte Flüchtlinge aus Ostund Südosteuropa. In den 60er Jahren folgten Gastarbeiter aus Spanien, Jugoslawien, der Türkei. Viele blieben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjet­ union zogen zahlreiche Spätaussiedler zu. Heute kommen viele der Zuzügler aus Staaten der EU – wie eben Griechenland oder Rumänien. In der Stadt haben 17 Prozent der Bürger keinen deutschen Pass. In BadenWürttemberg liegt der Anteil bei zehn, deutschlandweit

bei

acht

Prozent.

Anlässlich des 60. Geburtstages des Gestern Russland, heute Calw: Anastasia Kemmler hilft

Landes

anderen Neu-Calwern, sprachlich und kulturell anzukommen.

Calw 2012 als „Ort der Integration“

53

Baden-Württemberg

wurde


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

raditionen. „Die Lehren des alten Indien und der alten Chinesen“, schrieb Hesse in einem seiner zigtausend Briefe, „haben eben so viel Einfluss auf mich gehabt wie das pietistisch gefärbte Christentum des Elternhauses.“ Der weltbekannte Wortmagier Hesse wiederum hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Einfluss auf die Stadt seines Elternhauses genommen. Touristen kommen nach Calw, hier finden internationale HesseKonferenzen statt. Hans Martin Dittus, Calwer Kulturamtsleiter, sagt: „Er ist unser stärkster Botschafter.“ Darum tragen alle Stadtangestellten Hesse mit sich, täglich, überall. Auf Gestern Griechenland, heute Calw: Konstantinos Panagiotakopoulos freut sich

ihren Visitenkarten steht „Calw – Die

über die Freundlichkeit des Schwarzwaldstädtchens.

Hermann-Hesse-Stadt“. Natürlich“, sagt Dittus, der neben dem Kulturamt auch die Internationale Her-

ausgezeichnet. Die Initiative „Vielfalt

Stadt eine Protestnote mit 5.000 Un-

gefällt!“ des Ministeriums für Integra-

terschriften – für einen Einfaltshort,

tion und der Baden-Württemberg-Stif-

zeigte sich, ist an solch einem Vielfalts-

tung fördert einen Integrationskurs der

ort kein Platz.

ortsansässigen VHS, der Neu-Calwern

Prominentester Unterzeichner der Lis-

wie Eva Klinga Szazs und Konstanti-

te war Udo Lindenberg. Der Udo, wie

nos Panagiotakopoulos die Ämter- und

der Erich ihn nennt. Pfarrer Hartmann

Job­landschaft, die Bürokratie- und Be-

ist seitdem mit ihm per Du. Der Rock-

werbungsgepflogenheiten ihrer neuen

musiker ist dem Schwarzwaldstädt-

­Heimat näher bringt.

chen

S

durch

dessen

berühmtesten

Sohn, Hermann Hesse, verbunden. Er chon 2009 war Calw von der

bezeichnet sich als „Hesses Zauber-

Bundesregierung als „Ort der

lehrling“ und sagt, selbst ganz verzau-

Vielfalt“

wor-

bert: „Bei meinem ersten Besuch in

den. Für die vorbildliche Inte-

seiner Geburtsstadt Calw lag Magie in

ausgezeichnet

gration von Migranten. Für das multi-

der Luft.“

kulturelle Vereinsleben. Auch für das

2006 gründete er hier die Udo Lin-

bürgerschaftliche

Die

denberg Stiftung, die kulturpolitische,

rechtsradikale NPD wollte im alten

humanitäre und soziale Zwecke ver-

Bahnhof eine Geschäftsstelle eröff-

folgt – im Geist des „großen Meisters

nen. Als der Calwer Pfarrer Erich Hart-

Hermann Hesse“. Der 1877 geborene

mann davon erfuhr, wandte er sich

Schriftsteller, Poet, Pazifist, Weltbür-

an Gott – und die Welt: Parteien, Ge-

ger und rastlose Reisende gilt mit einer

werkschaften, Vereine. Binnen Tagen

Gesamtauflage von rund 150 Millionen

trommelten er und seine Mitstreiter

Büchern in 60 Sprachen als meistgele-

unter dem Schlagwort „Calw ist bunt“

sener deutschsprachiger Autor des 20.

ein Bündnis zusammen, organisierten

Jahrhunderts. Sein Werk beruht auf

eine Demonstration, übergaben der

abend- wie morgenländischen Denkt-

Engagement:

54


DA S M AG A Z I N

mann-Hesse-Gesellschaft leitet, „kann

Lebens auf der Straße ab“, sagt Dit-

Auch das badisch-gambische Paar hat

man den Leuten nicht immer nur mit

tus. Früher war das auch in deutschen

sich in Calw gut eingelebt, wie viele

Hesse kommen. Fußball zieht manch-

Städten so. Und Calw ist, was die Archi-

andere. „Anfangs hat mich das enge

mal einfach besser.“ In Calw geht es

tektur angeht, noch immer wie früher.

Tal etwas bedrückt“, erinnert sich

nicht nur in den Kulturhochburgen,

„Deshalb fühlen sich viele Einwanderer

Boschert-Saho. „Was mich aber hier

sondern auch auf dem flachen Rasen

in den Gassen unserer Kernstadt wohl“,

gehalten hat, war die Internationalität

weltgewandt zu. In dem kleinen Städt-

so Dittus, „und erfüllen sie mit Leben.“

der Stadt. Die fremdartigen Sprach-

chen kicken ein kroatischer Fußballclub

Am Rand der Altstadt befindet sich

klänge haben den Gassen ihre Enge

(NK Zrinksi) und der Türkische SV. Und

ein Ort besonders großer Vielfalt: 270

genommen.“

ohne Spielgemeinschaft mit dem AS

Schüler aus 20 Nationen besuchen die

Tricolore (italienisch) würde der altehr-

Badstraßenschule. Klasse 2b: Ali, Bao

würdige FV Calw, der 1912 gegründet

Tram, Chiara, Damian, Ela E., Ela O.,

wurde, über ein Jahrhundert später gar

Hasan, Jannik, Julie, Linda, Madeline,

keine Mannschaft mehr zusammenbe-

Maida, Melek, Özlem, Philipp, Rosario,

kommen.

Salvatore, Shira-Lee, Sipan, Tahir. Je-

Auch die Altstadt von Calw sähe ganz

des zweite Kind des Grundschulzweigs

entstammte, man kann es heute so

schön alt aus, hätten nicht inzwischen

hat einen Migrationshintergrund. Im

sagen, einer Multikulti-Familie. Sein

40 Prozent der dort Ansässigen eine

Hauptschulzweig sind es über 80 Pro-

Vater kam aus dem russischen Zaren-

nichtdeutsche, zumeist südeuropäi-

zent. Statt des üblichen Gottesdiens-

reich. Seine Mutter wurde in Indien

sche Nationalität. „In den südlichen

tes feiern sie hier am Schuljahresende

geboren, als Tochter des bekannten

Ländern spielt sich ja ein Großteil des

auch mal eine christlich-muslimische

Indologen Hermann Gundert. Noch

Feier, mit Pfarrer und Imam.

vor dem Ersten Weltkrieg unternahm

Vor vier Jahren wurde ein Deutsch-

Hesse eine ausgedehnte Reise nach

kurs für Eltern der Schüler eingeführt.

Süd- und Südostasien. Danach ver-

„Wenn deren Sprachkenntnisse bes-

brachte er, der mit der nationalisti-

ser werden, tut das auch der Leistung

schen Gesinnung vieler deutscher

der Kinder gut“, sagt Margot Boschert-

Zeitgenossen haderte, die längste Zeit

Saho, die stellvertretende Schulleite-

seines Lebens in der Schweiz, im Dorf

rin. Viele der Stunden gibt Boschert-

Montagnola am Luganer See.

Saho selbst. Mit jeder Deutschstunde,

Seiner Heimatstadt blieb er, auch li-

erklärt sie, verfliege die Scheu, mit

terarisch, zeitlebens verbunden. Ein

den Lehrern in Kontakt zu treten, ein

bekannter, in Calw besonders gern

bisschen mehr. Auch weil die Stunden

gelesener Satz Hesses lautet: „Die

in der Schule stattfinden – die Päda-

schönste Stadt von allen aber, die

gogin will die Eltern integrieren, in je-

ich kenne, ist Calw an der Nagold, ein

der Hinsicht.

kleines, altes, schwäbisches Schwarz-

Boschert-Saho ist selbst eine Zuge-

waldstädtchen.“ Er wäre entzückt zu

reiste, 1989 kam sie aus dem badi-

sehen, welch ein multikulturelles Met-

schen

ropölchen inzwischen aus diesem ge-

Offenburg

ins

württember-

gische Calw. Einen noch weiteren

H

ermann

Hesse

als

die

Achtzehnjähriger

hin-

ter sich gelassen. Ihm war

die weite Welt in die Wiege gelegt: Er

diehen ist.

Weg, kulturell, auf jeden Fall geographisch, legte ihr Ehemann zurück.

Text: Markus Wanzeck

Er stammt aus Gambia in Westafrika.

Fotos: Eric Vazzoler

Tradition und Weltoffenheit plus Schwarzwald­ panorama: Mehr als ein Drittel der Altstadteinwohner Calws haben eine nichtdeutsche Nationalität.

55

hatte

Enge des Nagoldtals einst


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Ein Stern für Stuttgart Reportage _ Aufs Detail kommt es an: Nico Burkhardt, 30, leitet die Küche im „Olivo“ des Steigenberger Graf Zeppelin. Besuch beim jüngsten Sternekoch Stuttgarts. Halb Küche, halb Labor: Nico Burkhardt hält seine Ideen zunächst auf einem Skizzenblock fest. Dann experimentiert er mit Farben, Formen und Texturen.

B

ehutsam senkt er die Pinzet-

Es werden nicht viele Worte gemacht

te über den Teller und steckt

in der Küche des „Olivo“ des Steigen-

eine hauchdünne Pilzscheibe

berger Graf Zeppelin. Schon gar nicht,

in einen kreisrunden Klecks

kurz bevor die ersten Zettel mit Be-

Pilzcreme. Es folgen eingelegte Pilze,

stellungen der Gäste hereinflattern.

Kresse und Geleewürfelchen: In einer

Ist auch nicht nötig, denn jeder Hand-

Miniaturlandschaft würde das, was

griff und Ablauf ist zigmal erprobt.

Nico Burkhardt arrangiert, glatt als

Gemüse blanchieren und kunstvoll

Zauberwald durchgehen. Auf seiner

schneiden. Soßen in allen Tönungen

Speisekarte heißt es „Pilzgarten“. Die

und

essbare Skulptur ist kaum fertig, als das

chen, Schäume steif schlagen, Cremes

Wandtelefon klingelt. Nico Burkhardt,

anrühren. Und schließlich Vorspeisen,

die Haare streng zurückgekämmt, in

Hauptgerichte und Desserts anrichten:

blütenweißer Kochjacke, wischt sich

Gerichte, so schön, dass man sie nur

die Hände ab und greift zum Hörer.

anschauen möchte, würden sie nicht

Ein paar knappe Sätze später hat er

so überraschend aromatisch schme-

eine Kiste „Rock Chives“ bestellt. Der

cken. „Jedes Detail muss stimmen“,

asiatische Schnittlauch dient als Deko

sagt Burkhardt und blickt durch die

für seine delikaten Skulpturen. Nur bei

Glastür des Ofens, in dem bei schwa-

Das Steigenberger Graf Zeppelin am

wenigen Lieferanten ist er zu haben.

cher Hitze hauchdünne dunkelrote

Stuttgarter Hauptbahnhof.

Burkhardt sagt danke und legt auf.

Quadrate trocknen: Rote-Beete-Papier.

56

Geschmacksrichtungen

einko-


DA S M AG A Z I N

der Küche des „Atoll Ocean Resort“ auf

board bergab. Action muss sein, das

Helgoland. Später lernte er bei Heinz

Extreme. „Dabei kann ich abschalten.“

Winkler in Aschau am Chiemsee die ku-

Mittag im Olivo. Am Tresen klebt ein

linarischen Feinheiten der Haute Cui-

Dutzend Bestellzettel. Von Rehrücken

sine kennen. Kochte in so berühmten

an Rote Beete bis Steinbutt mit Erd-

Häusern wie dem Adlon in Berlin und

nuss: Burkhardt und seine Kollegen ga-

dem „Mar a Lago“ in Palm Beach, um

ren Filets im Wasserbad. Gestalten Ge-

danach fünf Jahre lang als Sous Chef

richte, die an bunte Kompositionen des

im Gourmetrestaurant „Seven Seas“

Malers Kandinsky erinnern. Burkhardt

in Hamburg zu arbeiten: ein Restau-

selbst wirft auf jeden Teller noch einen

rant mit einem Michelin-Stern und 17

kritischen Blick, bevor das Gericht die

Gault-Millau-Punkten. Der Wunsch, ei-

Küche verlässt. Den Stern zu ergattern,

nen eigenen Stern zu gewinnen, treibe

war das Eine, jetzt geht es darum, ihn

ihn an, alles noch besser zu machen,

zu behalten. „Ich bin eben ein schlech-

sagte er damals in einem Interview.

ter Verlierer“, bekennt er. Das sei ihm

F

spätestens klargeworden, als ihn seine ranzösische Küche mit inter-

Freundin zum Menschärgeredichnicht

nationalen

so

verleitete. Nach ein paar Partien hatte

charakterisieren Experten die

er keine Lust mehr. „Ich habe mich zu

Kreationen des Sternekochs,

sehr aufgeregt.“ Einer wie er behält die

der schon mal Gänseleber mit Him-

Abläufe lieber selbst in der Hand. Wür-

beeren und Hummer mit Kakao kom-

feln ist nichts für ihn.

Einflüssen“

biniert. Privat mag Burkhardt es lieber bodenständig: In Berlin macht er gern

Text: Mathias Becker

beim Traditionsimbiss Konnopke Sta-

Fotos: Heinz Heiss

tion: „Meiner Meinung nach die beste Currywurst der Stadt.“ An der neuen Heimat im Südwesten schätzt er die regionale Küche – von Maultaschen bis Gaisburger Marsch. Sein Favorit: gutbürgerlicher Zwiebelrostbraten, den

GOU R MET KO CHKU RS

Im Juni 2011, erst 27 Jahre alt, über-

man hier in einer der zahlreichen Gast-

M I T N ICO BU R K H A R DT

nahm er die Leitung des Restaurants im

stätten essen kann.

Fünf-Sterne-Hotel gegenüber des Stutt-

Die freien Stunden zu genießen, ist

Lernen Sie Stuttgarts jüngsten

garter Hauptbahnhofs. Es war seine

überhaupt so ein Thema. „Gar nicht so

Sterne­koch bei einem Kochkurs

große Chance: Das „Olivo“ war bereits

einfach“, gibt er zu. Ein Stadtbummel

kennen. Während Sie gemeinsam ein

mit einem Michelin-Stern ausgezeich-

führe ihn jedes Mal schnell in berufliche

Vier-Gang-Menü bereiten, weiht Sie

net. Würde es die Auszeichnung unter

Bahnen – zum Beispiel in die Stuttgarter

Nico Burk­h ardt in die Feinheiten der

seiner Leitung erneut erhalten, wäre

Markthalle, wo so viele exquisite De-

Gourmetküche ein. Der Kurs kostet

das sein Entrée in die Königsklasse. Ein

likatessen zu begutachten sind. Oder

225 Euro pro Person inklusive Aperi-

halbes Jahr später war es soweit: der ei-

er würde einen Bastelladen ansteuern,

tif, Rezeptmappe, Kochschürze, Menü,

gene Stern im eigenen Restaurant. „Das

auf der Suche nach ausgefallenen Ser-

Wein, Mineralwasser und Häppchen.

war schon lange mein Traum!“

vierideen. Selbst im Baumarkt wird er

Zum anschließenden Menü darf Sie

Nico Burkhardt wuchs in Ostberlin auf.

fündig: Digitale Thermometer helfen

zum Preis von 125 Euro eine Person

Es wurde immer gern und gut gekocht

ihm, ein Wasserbad konstant auf 70

begleiten.

in der Familie, sagt er: Königsberger

Grad zu halten. Nicht selten zieht er

Nächster Termin: 22. März 2015 von

Klopse, Rinderrouladen mit Rotkohl. Er

mit einem Zahnspachtel eine Creme

11 bis 17 Uhr im Steigenberger Hotel

half früh mit, lernte schnell dazu und

zur Grundierung auf die Teller. Wenn

Graf Zeppelin, Arnulf-Klett-Platz 7

trat mit 16 eine Kochlehre im Berliner

er auf andere Gedanken kommen will,

in Stuttgart. Reservierungen unter

Restaurant Dressler an. Es war der Be-

hängt er sich als Kitesurfer in den Wind,

07 11 / 20 48-277.

ginn einer rasanten Karriere. Schon

strampelt auf dem Mountainbike berg-

mit nicht mal 20 wurde er Sous Chef in

auf oder schwingt sich auf dem Snow-

57


Von Besen und Sternen: Kulinarische Highlights der Region

Gasthof mit Tradition Gasthof Zum Ochsen, ehemalige Herberge der Herren von Stetten: Einen komplizierten Wirtshausnamen sucht man im Remstal vergeblich. Einst kehrten die Dienstmänner der Grafen von Württemberg im Ochsen ein, heute reisen Gäste von weither für einen Tel-

Das Sternedorf

ler Kutteln an: Einst als Arme-LeuteEssen verpönt, gilt Rinderpansen heu-

Auf den ersten Blick könnte man mei-

Traube Tonbach

te – fein geschnitten, geschmort, sauer

nen, Baiersbronn sei eine Schwarz-

Tonbachstraße 237

abgeschmeckt und mit Bratkartoffeln

waldgemeinde wie zig andere. Würden

72270 Baiersbronn-Tonbach

serviert – als Delikatesse, die jeder

dort nicht so verdächtig viele schwarze

www.traube-tonbach.de

probiert haben sollte, der die Küche

Limousinen aus Hamburg, München,

im Südwesten kennenlernen will. Am

Zürich oder Straßburg herumkurven.

besten in einem Traditionshaus wie

Gourmets aus der halben Welt pilgern

Hotel Bareiss

diesem. Seit mehr als 300 Jahren steht

in das ehemalige Holzfällerdorf, ange-

Gärtenbühlweg 14

der barocke Gasthof in Stetten, seit

lockt von insgesamt acht Michelin-Ster-

72270 Baiersbronn-Mitteltal

1905 – in dritter Generation – führt die

nen: Harald Wohlfahrt (3 Sterne, Traube

www.bareiss.com

Wirtsfamilie Schlegel das Restaurant

Tonbach), Claus-Peter Lumpp (3 Sterne,

samt hauseigener Metzgerei.

Restaurant Bareiss) und Jörg Sackmann (2 Sterne, Restaurant Schlossberg) hei-

Hotel Sackmann

Kirchstraße 15

ßen die Köche, deren Orden den klei-

Murgtalstraße 602

71394 Kernen-Stetten i. R.

nen Ort zu einem großen Namen auf

72270 Baiersbronn-Schwarzenberg

www.ochsen-kernen.de

der kulinarischen Weltkarte machen.

www.hotel-sackmann.de

58

Foto: Christoph Püschner

M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T


DA S M AG A Z I N

Vom Holzfällerdorf zum

Gasthaus in Kaisersbach hat ohnehin

teller,

Gourmet-Mekka: Baiersbronn im

nur am Wochenende geöffnet. Wer

kraut mit Ripple, Kassler oder Bra-

Zwiebelkuchen

oder

Sauer-

Murgtal bei Freudenstadt zählt

einen der 55 Plätze in der rustikalen

ten mit Spätzle und reichlich Soße.

mittlerweile 8 Michelin-Sterne.

Gaststube ergattern will, sollte vor-

Früher saßen die Gäste in der guten

ab reservieren. "Verändern Sie bloß

Stube, heute kennzeichnet ein Besen

nichts", raten viele Gäste dem Inha-

über der Tür die Scheunen oder Kel-

ber Kurt Hofmann. Er wäre nie auf die

ler, in denen gezecht wird. Im Winter,

Idee gekommen.

wenn man vor dem Ofen zusammenrückt und die Fenster am Nachmittag

Mönchhof 53

schon beschlagen, fühlt sich auch ein

73667 Kaisersbach

„Neigschmeckter", also Zugezogener,

Telefon 0 71 84 / 27 62

nach ein paar Gläsern wie ein echter Schwabe.

Fürstlicher „Lightstyle“ Seit 60 Jahren lockt das Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe Gäste

Slow-Food von der Alb

in die Hohenloher Ebene im Norden Baden-Württembergs.

traditionsreichen

Hanweiler

Besen gibt es seit rund 50 Jahren, damit ist er einer der ältesten im Land. Geändert hat sich in der Zeit kaum et-

üppigen

Genussvoll, bewusst, regional: Das

was. Vom Service bis zum Brotbacken:

Haupthaus des ehemaligen Famili-

Credo der Slow-Food-Bewegung gilt

Die Familie packt mit an.

ensitzes des Fürsten zu Hohenlohe

im Landgasthof Hirsch in St. Jo­

steht Boris Benecke am Herd. Der

hann-Gächingen seit mehr als 250

Trollingerstraße 15

mit einem Stern dekorierte Chef des

Jahren. Metzger und Wirt Ludwig Fai-

Winnenden-Hanweiler

Gourmet-Restaurants steht für in-

lenschmid hat das feinfasrige Fleisch

www.weinbau-lorenz.de

novative und aromareiche "Lightsty-

des Wasserbüffels, der auf der Alb

leküche". Das Versprechen: Schlem-

gezüchtet wird, zur Spezialität des

Im Tübinger Altstadt-Besen trinkt

men, ohne dass unsichtbare Hände

Hauses gemacht. Wer hier einkehrt,

man das erste Glas im Stehen und

die Kleidung enger nähen. Wer wissen

sollte ‚Albbüffelgöschle im Dinkelteig‘

wartet, bis ein Platz frei wird. Dann

will, wie das geht, sollte im "Chef's

oder ‚Albbüffelbraten im Heubett mit

ordert man am besten die Literka-

Table

einem

Kürbisecken‘ probieren. Neu auf der

raffe, um den Nachschub zu sichern.

Speisezimmer mit direktem Blick in

Karte ist der ‚Krustenbraten vom Bio-

Wasser nicht vergessen – sonst fällt

die Küche.

Alblinsenschwein‘.

das Aufstehen schwer. Aber auch

Tipp für Wanderer: Sonntags durch-

Sitzenbleiben

gehend warme Küche.

gute Wahl.

Parkstraße 2

Haaggasse 22

72813 St. Johann-Gächingen

72070 Tübingen

www.failenschmid.de/

www.tuebinger-wein.de

Room"

Im

Den

reservieren,

Kärcherstraße

ist

im

Besen

eine

74639 Zweiflingen-Friedrichsruhe www.schlosshotel-friedrichsruhe.de

Schwäbischer Sonntagsbraten Wie bei Oma: Im Gasthaus zum Löwen, im Volksmund nur „Mönch-

landgasthof.html

Das hohenlohische Weingut Lederer liegt direkt unter den Weinbergen in Bretzfeld-Unterheimbach. Mit rund

Trollinger und Zwiebelkuchen

100 Plätzen gehört der 40 Jahre alte Weinausschank zu den größeren seiner Art. Typisch im Hohenlohischen

hof “ genannt, kommt noch die Sup-

sind die Öffnungszeiten: Man hat die Besenwirtschaften

penschüssel auf den Tisch. Und nir-

In

gends isst man so einen gemischten

Selbstgekeltertes,

Braten mit Spätzle oder Kartoffelsa-

knapp. Vier Monate im Jahr dür-

lat. Den kocht Wirtin Gisela Hofmann,

fen Winzer ihren Wein – auch ohne

Weinsteige 6

wie es im schwäbischen Haushalt

Schanklizenz – servieren. Dazu wird

74626 Bretzfeld-Unterheimbach

Brauch ist, nur sonntagmittags. Das

bodenständige Kost gereicht: Vesper­

Telefon 0 79 46 / 21 85

59

aber

fließt nicht

nur

vier Monate einfach aufs ganze Jahr

zu

verteilt. Macht sechs Tage pro Monat.


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Baden in Schwaben Reportage _ Von Frühschwimmen bis Wellnessoase: Im Stuttgarter Leuze wagte unser Autor den Sprung ins kalte Wasser – und kam anschließend im Palais Thermal im Kurort Bad Wildbad ganz schön ins Schwitzen.

M

orgens um Viertel vor sechs, wenn selbst flei-

Punkt sechs fallen die ersten Plastikmarken in den Schlitz,

ßige Schwaben noch zuhauf in den Federn lie-

die Badegäste schieben sich durchs Drehkreuz und spurten

gen, steht Gerhard Pfefferkorn, Jahrgang 1925,

zur Sammelumkleide. Vor dem kalten Becken kommt die hei-

schon in der Eingangshalle des Leuze. Die Ba-

ße Dusche. Pfefferkorn legt seine blaue Badehose ab, dreht

detasche in der Linken, streckt er die Rechte alten Bekann-

den Knauf auf rot und verharrt unter dem Strahl, bis dichter

ten entgegen. Damen gibt er ein Küsschen. Noch verweh-

Nebel den Duschraum füllt. Ich tue es ihm gleich – und füh-

ren die Drehkreuze den Weg ins Bad, also vertreiben die

le mich nach wenigen Augenblicken wie ein Huhn im Sup-

Frühschwimmer sich die Zeit mit einem Plausch. Wehweh-

pentopf, dessen Haut sich allmählich vom Körper löst. Mein

chen? Pfefferkorn winkt ab. Seit einem Vierteljahrhundert

Begleiter schaut mich mit seinem schrägen Grinsen an, als

kommt er fast täglich hierher und dreht seine Runden im

wolle sich nur eine Gesichtshälfte am Spott beteiligen.

eisigen Cannstatter Mineralwasser. „Um anzugeben“, sagt

Rot wie ein frisch gekochter Hummer folge ich Gerhard

er schmunzelnd.

Pfefferkorn in die Kaltbadehalle. Über dem Wasser liegt ein

Um fit zu bleiben, sagen die anderen. Ist Kaltbaden, diese

fauliger Geruch. Der Schwefel, heißt es, habe Heilkräfte.

Mischung aus römischer Thermalkultur und schwäbischer

Mir klappern die Zähne. Ich will zurück unter die Dusche!

Tüchtigkeit, wirklich ein Jungbrunnen? Ich will es heraus-

Während ich vorsichtig den großen Zeh ins Becken tauche,

finden und mit Gerhard Pfefferkorn ins Wasser gehen. Um

steigt ein älterer Herr mit einer mächtigen Narbe über dem

60


Tradition im Fluss: Das Herrenbad war einst M채nnern von Adel vorbehalten, heute haben auch

61

Frauen Zutritt.


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Herzen ins Wasser. Sein Gesicht zeigt keine Regung. Mit

mir schwimmt Herr Pfefferkorn wie Turnvater Jahn. Ich kämp-

kräftigen Zügen kreuzt er das Becken, steuert zielsicher

fe einige Schwimmzüge lang gegen eine Kältelähmung an. Als

eine Fontäne an und lässt sich das Wasser in den offenen

ich meine Glieder wieder unter Kontrolle habe, zwickt und

Mund plätschern.

prickelt meine Haut. Wie Sprudelwasser auf Sonnenbrand.

Ich beuge mich von außen über den Rand und koste ebenfalls vom Sprudelbrunnen. Der Geschmack von Schwefel

„Jetzt ist es eh schon kalt“, sagt Gerhard Pfefferkorn und

und Eisen lässt mich erschaudern. Ich überlege kurz, das

marschiert zum Außenbecken. In einer kleinen Kabine sitzt

Wasser ins nächste Becken zu spucken. Gerhard Pfeffer-

die Bademeisterin in eine dicke Daunenjacke verpackt. Sie

korn schaut mich mit seinem schiefen Grinsen an. Na gut.

schaut unglücklich; die Digitaluhr an der Wand hinter ihr

Ich schlucke.

zeigt 6:12 Uhr. Herr Pfefferkorn trägt nichts als seine blaue

D

Badehose, grüßt freundlich und steigt die Stufen zum Kaltas Wasser, das Gerhard Pfefferkorn und die an-

becken hinab, als nehme er ein erholsames Wannenbad.

deren Frühbader jung hält, hat einen langen Weg

Ich folge ihm. Er hat Recht: „Es ist eh schon kalt.“ Ich spü-

hinter sich. Es versickert westlich von Stuttgart im

re meine Füße nicht mehr, aber das macht mir jetzt nichts

Boden und kommt erst 20 Jahre später – angerei-

mehr aus. Als hätte mein Körper resigniert. Mit kräftigen

chert mit allerlei Salzen – im Osten der Landeshauptstadt

Zügen schwimme ich durchs Eiswasser, so selbstverständ-

wieder an die Oberfläche. 44 Millionen Liter Mineralwas-

lich, als hätte ich seit 25 Jahren eine Frühschwimmerkarte.

ser sprudeln täglich aus den Bad Cannstatter und Berger

Als wir fertig sind, trinkt Herr Pfefferkorn einen kräftigen

Quellen, mehr gibt es in Europa nur in Budapest. Die Hälfte

Schluck Badewasser, preist die Heilwirkung und steigt aus

des Thermalwassers fließt unterirdisch direkt in den Ne-

dem Becken. Ich folge ihm. Kälte spüre ich keine mehr.

ckar, die andere Hälfte drückt sich durch 19 Brunnen ans

„Das da drüben sind die Warmbader“, sagt Herr Pfeffer-

Tageslicht und speist unter anderem die traditionsreichen

korn und zeigt auf die Hallenbecken mit 34 Grad. Er sagt

Mineralbäder Berg und Leuze.

das ohne Verachtung, aber wir wissen beide: Es gibt einen

Schon die Römer nutzten diese Quellen zum Baden. Doch

Unterschied zwischen ihnen und uns. „Und da hinten sind

auf die Idee, Wasser zu Heilzwecken zu nutzen, kam erst

die Nackten“, ergänzt er mit einem kurzen Blick Richtung

der Fabrikant Augustin Koch im Jahre 1842. Bislang hatte

Saunalandschaft, wo man schwitzend ohne Hose in einem

es ihm lediglich als frostsicherer Antrieb der Schwungrä-

heißen Kämmerchen sitzt und hinterher kalt Duschen geht.

der seiner Fabrik gedient. Neun Jahre später konnte Ludwig

Das ist nicht seine Welt. Er geht erst heiß duschen und dann

Friedrich Karl Leuze in Bad Cannstatt mit wenigen Trink-

kalt baden – so einfach ist das.

Gäste Schlange, um bei Trinkkuren literweise Heilwasser

W

zu schlucken. Bad Cannstatt war zum Kurort von Weltrang

nen geliebten Zupfgeigenhansel über das Internet zu hö-

und Baden zum medizinischen Allheilmittel avanciert.

ren. Tatsächlich hat eine Studie der Universität Graz jüngst

Mittlerweile verordnen Mediziner nur noch selten Trinkku-

bestätigt, dass bereits ein halbstündiges Bad im Thermal-

ren, aber Gerhard Pfefferkorn und sein Leuze-Club schwö-

wasser den Gehalt des Stresshormons Kortisol im Körper

ren auf ihr Cannstatter Mineralwasser – auch heute, bei

sichtlich mindert.

minus zehn Grad Außentemperatur.

Ich will die Bäderkultur des Südwestens noch von einer

kuren das schwere Rheumaleiden seiner Frau heilen. Der dankbare – und geschäftstüchtige – Gatte kaufte kurzerhand die Quellen und ließ ein Heilbad errichten. Schnell wurde das Bad in ganz Baden-Württemberg bekannt: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts standen internationale

S

elchen Nutzen das Kaltbaden aus schulmedizinischer Sicht hat, kann Herr Pfefferkorn nicht beantworten. Das Kaltbaden halte ihn jung, sagt er. Irgendetwas muss dran sein: Er

wird bald 90 und hat sich jüngst ein iPad gekauft, um sei-

anderen Seite kennenlernen und mache mich, mit geie müssen nicht mit rein“, sagt Pfefferkorn, noch im-

senktem Kortisolwert, auf den Weg nach Bad Wildbad

mer mit einer höflichen und einer spöttischen Ge-

im Schwarzwald, zu einem der ältesten Kurorte Europas.

sichtshälfte. Ich weiß: wenn ich jetzt kneife, ist sein

Auf dem Weg zum Bahnhof habe ich das angenehme Ge-

Bild der verweichlichten Jugend für immer besie-

fühl, bereits etwas geleistet zu haben, während andere

gelt. Ich beiße die Zähne zusammen und taste mich ergeben

noch am Frühstückstisch sitzen. Wenig später steige ich

treppab ins Kalte. Beim Eintauchen zieht sich meine Lunge zu-

in Pforzheim in die S6, die mich direkt in den Kurzurlaub

sammen. Ich will schreien, aber das hört unter Wasser ja nie-

fahren wird. Eine halbe Stunde windet sich das Bähnchen

mand. Als ich auftauche, schaue ich voller Schrecken in glück-

durch ein enges, tannenbewaldetes Tal. Fehlt nur noch,

liche, alte Gesichter. Ich erkenne die Dame vom Drehkreuz

dass Heinz Rühmann irgendwo zusteigt. Die Endhaltestel-

wieder und bin erleichtert: Ich habe keine Todesvisionen. Vor

le Bad Wildbad liegt so gemütlich und einsam am Ende der

62


Leidenschaftliche Kaltbader: Gerhard Pfefferkorn und sein Leuze-Club schwรถren auf das eisige Mineralwasser.

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M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Zeit, wie es ihr Name vermuten lässt. Zuckerbäcker und

durch Größe als durch Schönheit besticht und die moderne

großzügig geheizte Cafeterien säumen das bucklige Gäss-

Wellnesswelt beherbergt.

chen zum Thermalbad. Über den Dächern läuten die vier

Ich will chronologisch vorgehen und beginne mit der Er-

Glocken der Sankt Bonifatius Kirche zum Mittag; erbaut

holung im verwinkelten und reich verzierten Erdgeschoss,

vor bald 150 Jahren, um der wachsenden Zahl katholischer

wo ich zwischen zehn Thermalpools wählen kann. Nach

Kurgäste gerecht zu werden.

ein paar Zügen im großen Herrenbad wechsle ich unter

S

den Blicken einer vollbusigen Marmorvenus ins wärmere chließlich waren es Mönche, die Mitte des 12. Jahr-

Frauenbad, das heute beiden Geschlechtern offen steht,

hunderts das warme Quellwasser der Region erst-

und verweile schließlich in einem der keramikgefliesten

mals für Heilkuren nutzten und damit den Grund-

Fürstenbäder, das nur vier Personen fasst und einst aus-

stein für das heutige Bad legten. Die Kunde von der

erwählten Kreisen vorbehalten war. Schließlich wandele

heilenden Wirkung des Thermalwassers verbreitete sich

ich auf der Suche nach dem Ausgang zwischen Mosaiken,

schnell und bereits im 15. Jahrhundert kurten die württem-

Séparées und Privatbadewannen umher, bis ich in einer

bergischen Fürsten in „Wiltbad“. Gefördert von den Köni-

opulenten Entspannungskathedrale lande: Zwischen an-

gen Württembergs, führte es später Persönlichkeiten wie

tiken Stucksäulen, Palmen und farbenreichen Jugendstil-

den Komponisten Gioachino Rossini und die russische Za-

fenstern räkeln sich nackte Schönheiten aus Marmor. Ein

renwitwe Alexandra Fjodorowna in den Schwarzwald. Noch

Geschichtslehrer käme ordentlich ins Schwitzen, müsste er

Mitte des 19. Jahrhunderts räkelte sich der russische und

Architektur und Interieur einer Epoche zuordnen.

deutsche Adel behaglich im Becken.

Schließlich, es ist bereits Nachmittag, finde ich eine Trep-

Vor 150 Jahren vom Hofarchitekten Nikolaus von Thouret

pe und steige zwei Jahrhunderte empor: Oben wartet eine

für unerhört viel Geld erbaut, wurde das Bad bis heute

moderne Saunawelt auf mich, mit Dampfbad, sechs Sau-

mehrfach erweitert und modernisiert. Hinter dem histori-

nen und Entspannungsbecken. Diese Etagen sind „textil-

schen Teil, einem rostroten maurisch inspirierten Bau, er-

frei“, also lege ich Scham und Badehose ab und wandere

hebt sich ein mehrstöckiger grauer Gebäudefels, der eher

durch das nächste Wohlfühl-Labyrinth, bis ich mich auf

64


DA S M AG A Z I N

Links Auch bei Regen entspannend: Die Sonnenterrasse des Palais Thermal mit Blick auf Bad Wildbad, einen der ältesten Kurorte Europas. Rechts Bau mit Geschichte: Schon im zwölften Jahrhundert priesen Mönche das warme Quellwasser der Region, später kurten hier württembergische Fürsten.

einem künstlichen Sandstrand auf dem Dach wiederfinde. Kurz erinnern mich meine klammen Füße an das eisige Becken im Leuze. Schaudernd flüchte ich in die leuchtende

AUS DER EISZEI T IN DIE FL ASCHE

Panorama-Sauna und lausche dem metallischen Knistern des Ofens. Kleine Rinnsale kitzeln mir den Rücken hinun-

1992 stieß die Romina Mineralbrunnen GmbH

ter und versickern im weichen Frottee. Ab und zu wischt

bei Probebohrungen in Reutlingen auf Wasser-

sich jemand neben mir den Schweiß aus dem Gesicht und

vorkommen. Laboruntersuchungen ergaben, dass

schaut flehend in Richtung Sanduhr, die stehengeblieben

man einen wahren Schatz entdeckt hatte: Das

zu sein scheint. Bei 95 Grad.

Wasser war mit dem Ende der letzten Eiszeit vor

Ich erhole mich im gedimmten Liegeraum und genieße den

rund 10.000 Jahren versickert und wurde seither

Ausblick vom dampfenden Pool auf der Dachterrasse, hoch

in rund 400 Metern Tiefe von wasserundurchläs-

über der gurgelnden Enz, die den Kurort in der Mitte teilt.

sigen Gesteinsschichten vor äußeren Einflüssen

Ein alter Kirchturm läutet den Abend ein und beim Anblick

geschützt. Das erklärt seine besondere Reinheit.

der dunklen Tannen und der hundertjährigen Seilbahn, die

Das Wasser ist frei von Nitrat und Nitrit, zudem

gegenüber am Sonnenberg ruht, vergesse ich alle Sorgen

enthält es wertvolle Mineralstoffe und Spuren­

und Mühen des Alltags. Zum Glück kann mich Herr Pfef-

elemente. Es ist natrium- und kochsalzarm

ferkorn nicht sehen: glücklich und wohltemperiert mit den

und somit für Babynahrung bestens geeignet.

Nackt- und Warmbadern im Wasser. Er würde sicher spöt-

In Flaschen abgefüllt ist „EiszeitQuell“ ein

tisch grinsen.

Verkaufsschlager und gehört heute zu den beliebtesten Mineralwassern Baden-Württembergs.

Text: Holger Fröhlich Fotos: Christoph Püschner, Antonia Zennaro

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M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Der Hingucker Fotoessay _ Durch seine Bilder will Eric Vazzoler Geschichten erzählen. Dafür reist er oft nach Osteuropa oder nach Afrika. Und ins Remstal. Der Franzose pendelt zwischen Straßburg und Stuttgart – im Südwesten Deutschlands findet er Spektakel und Schönes, Action und Kunst; Geschichten, die noch lange nicht enden.

Mit bis zu 70 Stundenkilometern rasen die Biker einen Abhang in Bad Wildbad 66 herab – bei den Deutschen Meisterschaften 2013 im „Downhill“.


DA SNMRAG . 01 A ZIN

67


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

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NR. 01

Früher verbrachte Götz von Berlichingen auf der Götzenburg in Jagsthausen Jahre seiner Kindheit. Seit 1949 finden in den Gemäuern nun die Burgfestspiele statt.


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7070


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Der Kocher schlängelt sich entlang Wiesen, Wäldern und Weinterrassen – ein in idealer Fluss für ausgedehnte Kanufahrten. Auf dem Unteren Marktplatz von Freudenstadt sorgen 50 Wasserfontänen an heißen Tagen für Abkühlung. Kinder üben die Kletterkunst auf dem Rosenfels in der Nähe von Heubach. Der löchrige Stein lädt besonders Anfänger zum Kraxeln ein.


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

72


DA S M AG A Z I N

Touristen vor einer Pferdeskulptur des italienischen Künstlers Mimmo Paladino in der Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall. Aus Stein ist das Kunstwerk „Einzug in Jerusalem“ des Bildhauers Markus Redl. Einen jungen Besucher der Kunsthalle Würth interessiert zunächst Anderes. Ein Klassiker nicht nur für Kleine: Eine Schauanlage mit einer Modelleisenbahn im Göppinger Märklin-Museum.


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Wo der Kunde König ist Reportage _ Hier ist immer Schlussverkauf: Die Outletcity von Metzingen am Fuß der Schwäbischen Alb lockt Kauflustige aus aller Welt an. Wer genug von reduzierter Ware hat, lässt den Tag bei einem „Viertele“ ausklingen. Fabrikverkauf mitten in der Stadt: Unweit der modernen Einkaufspassagen liegt die Altstadt Metzingens – zur Freude der Touristen aus aller Welt.

M

ittags, wenn die Schnäpp-

Schweizern und Österreichern reisen

chenjäger ihre erste Run-

Kauflustige aus China, Russland und

de hinter sich gebracht

Saudi-Arabien an. Chinesische Rei-

haben, kommen sie in

seführer erklären Metzingen gar zu

das kleine Restaurant von Gaetano

einer Top-Attraktion in Deutschland

Amato*, um ihren Hunger zu stillen.

– neben Neuschwanstein, Heidelberg

Besonders beliebt sind die Spaghetti

und Hofbräuhaus. Bis zu 70 Prozent

Bolognese, gern auch mal mit Ketch-

Preisnachlass in rund 60 verschiede-

up und Majo dazu. Dem Italiener tut

nen Markenshops machen Metzingen

das in der Seele weh, „aber das muss

zu einer von Deutschlands Shopping-

man akzeptieren“, sagt er. Was tut

Hauptstädten.

man nicht alles für seine Gäste.

glühende Kreditkarte garantiert.

Und Gäste kommen viele. Ins Restau-

Doch es gibt noch ein zweites Metzin-

rant von Gaetano Amato, und nach

gen. Nur einen Einkaufstütenwurf von

Metzingen sowieso, beziehungsweise

den Glasfronten und polierten Fassa-

in die Outletcity, das Schnäppchen-

den der Konsumtempel entfernt, er-

paradies im Zentrum. 3,5 Millionen

hebt

sind es im Jahr, macht bei 2.200 Ein-

die spätgotische Martinskirche oder

Schwer bepackt, leicht ermüdet:

wohnern 160 pro Nase, 40 Prozent

das imposante Rathaus, erbaut 1668.

Touristin nach dem Shopping.

davon

Weinstöcke schmiegen sich an die

aus

dem

74

Ausland.

Neben

Adrenalin-Kick

und

sich historisches Fachwerk,


DA S M AG A Z I N

Z

wei Könige kommen an die-

verwaltet, dann sind die unterschiedli-

sem Tag noch nicht so ganz

chen Geschwindigkeiten der Schlüssel

auf ihre Kosten. Hinter der

zum Erfolg. „Das ist ein gesunder Aus-

Boss-Filiale sitzen die Cou-

gleich für unsere Gäste. Besonders

sins Tim und Steven Lee aus Shang-

die Chinesen sind sehr interessiert an

hai auf einer Bank und blättern in

den historischen Bauten und der Ruhe

einem chinesischen Ladenführer aus

im alten Stadtkern“, sagt Salzer. Dass

der Touristeninformation. Die bei-

in Metzingen kein Retorten-Outlet auf

den sind morgens mit dem Mietwa-

einer grünen Wiese gebaut, sondern

gen in Mannheim gestartet und seit

die Einkaufszone „in die Stadt integ-

zwei Stunden in Metzingen auf Bum-

riert wurde“, trage zu ihrer Beliebtheit

meltour. Jetzt sind sie müde und ein

bei. „Die Outletcity ist historisch ge-

wenig enttäuscht. „So niedrig sind

wachsen. Die Entwicklung lief immer

die Preise gar nicht, fast wie in Chi-

in enger Absprache mit der Stadt und

na“, sagt Steven. Aufgeben wollen sie

im Austausch mit den Bürgern.“ Vor-

noch nicht. „Ich will mir eine Uhr, ei-

schläge zur Verkehrsführung seien

nen Gürtel und Schuhe kaufen“, sagt

aufgenommen und umgesetzt wor-

Steven. „Ich einen schönen Anzug“,

den, eine Umgehungsstraße entlaste

sagt Tim. Bisher haben sie nur Scho-

die Innenstadt und das nächste Park-

kolade in ihren Tüten.

haus werde entgegen der ursprüng-

Metzingen und die Textilindustrie –

lichen Pläne unter die Erde verlegt.

das hat eine lange Tradition. Früher

„Vieles ist hier deutlich verbessert

wurden hier, wie im benachbarten

worden“, sagt auch OB Fiedler, der

Reutlingen, Stoffe gewoben und Klei-

seine Stadt gern als die „kleinste Me­

der genäht. Als die Produktion ins

tropole der Welt“ bezeichnet.

Ausland abwanderte, gründete man in Reutlingen eine Hochschule für Textil und Design. In Metzingen eröffneten die Enkelsöhne von Hugo Ferdinand Boss, Uwe und Jochen Holy, in den 60er Jahren einen Fabrikverkauf

E

s ist Nachmittag. Die Shopper haben ihren Hunger gestillt und sind wieder auf der Jagd nach

herabgesetzten

Teilen

der auslaufenden Saison. In den Res-

nach amerikanischem Vorbild. Edel-

taurants der Schnäppchenstadt kehrt

Stadtränder, im milden Klima am Fuß

marken wie Escada, Burberry, Lacos-

ein wenig Ruhe ein. Gaetano Amato

der Schwäbischen Alb begann man

te und später auch Firmen aus dem

deckt die Tische für den Abend, für

früh mit dem Anbau von Schwarzries-

mittleren Preissegment wie Esprit,

seine Stammgäste, die ihre Spaghet-

ling, Riesling, Muskateller und vielen

Tom Taylor oder s.Oliver sprangen

ti so lieben, wie sie der Römer ihnen

weiteren Rebsorten.

auf den Zug. Die Outletcity wuchs

zubereitet. „Die Leute haben gelernt,

Es soll Menschen in Metzingen geben,

– und führte zu „unterschiedlichen

mit der Outletcity zu leben“, sagt er.

die sich gestört fühlen vom „Trubel und

Geschwindigkeiten“

der

„Und die Chinesen werden auch noch

der Hektik“, weiß Gaetano Amato. „Um

Stadt, wie es Metzingens Oberbür-

lernen, dass die italienische Küche

Missverständnissen vorzubeugen.“ Er

germeister Ulrich Fiedler formuliert.

die Beste ist.“ Er sei da zuversicht-

selbst habe nichts gegen den täglichen

Er regiert eine Stadt, in der alte Da-

lich. Manche Dinge brauchen eben

Ansturm der Preisbewussten. Tags-

men

etwas Zeit.

über kommen die mit dem Ketchup

zum Metzger schieben, bevor Kun-

auf den Spaghetti, abends folgen dann

den beim „After Work Shopping“ bis

seine Stammkunden. Menschen, die

22 Uhr die Filialen von Boss, Armani

ein „Viertele“ guten Weins und italie-

und Co. stürmen. Fiedler sagt: „Man-

nische Küche zu schätzen wissen. „Ich

che Leute sehen darin eine Spaltung.

mag die zwei Gesichter der Stadt“, sagt

Ich sehe sie nicht. Nicht mehr als in

Gaetano Amato. Er ist sicher: „Wir pro-

anderen Städten.“

fitieren alle davon.“ Der Kunde ist eben

Glaubt man Alexander Salzer von der

Text: Johan Kornder

König in Metzingen.

Holy AG, die das Shopping-Paradies

Fotos: Thomas Kienzle

nachmittags

75

innerhalb

ihre

Gehwagen

*Name geändert


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Ein bärenstarkes Sommerfest Was ist das zerzauste Kuscheltier vom Dachboden wert? Lohnt es, den von Motten angefressenen Teddy zu reparieren? Wie entsteht eigentlich ein Steiff-Tier? Antworten darauf gibt

Gold und andere Schätze

Alles was glänzt Seit 1767 herrschen in Pforzheim gol-

es auf dem großen Familien-Som-

dene Zeiten. In diesem Jahr erlaubte

merfest der Margarete Steiff GmbH

Markgraf Karl Friedrich von Baden

in Giengen an der Brenz. Stets Ende

dem Franzosen Jean Francois Autran

Juni lädt das Traditionshaus Fans und

eine Taschenuhrenfabrik zu bauen.

ihre Familien drei Tage lang in die Teddybärenhauptstadt.

Wer

seine

Shoppen im Grünen

Sammlung erweitern will, wird auf

Schon bald erweiterte Autran seine Fabrikation und produzierte fortan auch Schmuck und feine Stahlwaren.

der Verkaufsbörse fündig, und in der

Fachwerkhäuser drängen sich in der

Pforzheim wurde zur Goldstadt, mehr

Teddybärenklinik (mit eigenem Spa)

Altstadt, darüber thront seit fast

als die Hälfte ihrer Einwohner arbei-

kann man seinen alten Schmuse-

1.000 Jahren die Burg. Auf den ersten

tete einst in der Schmuck- und Uh-

schätzen neuen Glanz verleihen. Kin-

Blick scheint die Zeit stillzustehen in

renindustrie, bis heute stammen 80

dern, die der Umgang mit Stofftieren

Wertheim im nordöstlichsten Zipfel

Prozent des aus Deutschland expor-

langweilt, können im Streichelzoo vor

der Metropolregion, dort wo sich Main

tierten Schmucks von hier. Zu einem

dem Museum ins echte Tierleben ein-

und Tauber zwischen Weinbergen

Besuch in der Stadt am Nordrand des

tauchen, wo keines der kleinen Zie-

küssen. Eine Mainschleife flussauf-

Schwarzwalds laden die "Schmuck-

gen, Lämmchen und Esel einen Knopf

wärts, an der A3 zwischen Würzburg

welten" – Deutschlands größte Ein-

im Ohr trägt.

und Frankfurt, ist ein Städtchen der

kaufs- und Erlebniswelt rund um Gold,

anderen Art entstanden: das „Wert-

Edelsteine, Schmuck und Uhren. In elf

Der „Steiff Sommer“ findet stets Ende

heim Village“. 110 Markengeschäfte

interaktiv

Juni rund um das Steiff-Museum

– von Klassikern wie Aigner bis Jungla-

men wird zum Beispiel die Geschichte

und auf dem Firmengelände in der

bels wie Superdry – 13.500 Quad-

der Goldstadt Pforzheim beleuchtet

Richard-Steiff-Straße 4 in Giengen/

ratmeter Ladenfläche sowie 1.750

oder die Frage beantwortet, wie Gold

Brenz statt. www.steiff.com

Parkplätze machen es zu einem der

schmeckt. In der angeschlossenen

größten „High-End Outlet Shopping

Einkaufswelt kann man mehr als 200

Villages“ der Metropolregion. Rund

Schmuck- und Uhrenmarken in allen

2,5 Millionen Besucher von nah und

Preislagen kaufen. Die Glanzstücke

fern lockte die Kaufstadt 2013 an. Um

der Schmuckwelten, ein vergoldeter

die Käuferströme künftig noch besser

Porsche 911 und ein Oldtimer-Bus der

in die Läden zu lenken, ist derzeit gar

Marke "Neoplan", sind unverkäuflich,

Dieser Flohmarkt ist älter als vieles,

eine neue Brücke über die A3 in Pla-

können aber für eine Ausfahrt gemie-

was man an seinen Ständen kaufen

nung. Alles völlig neu und ungewöhn-

tet werden.

kann. Seit mehr als 30 Jahren wird

lich? Überhaupt nicht: Bereits 1363

der Karlsplatz in der Stuttgarter In-

erhielt Graf Eberhard von Wertheim

Schmuckwelten Pforzheim

nenstadt samstags von 8 bis 16 Uhr

das Recht, Münzen zu prägen. Geld zu

Westliche Karl-Friedrich-Straße 56,

zum Umschlagplatz für Schmuck,

machen hat hier eine lange Tradition.

75172 Pforzheim.

Zweite Hand, erste Wahl

Möbel, Schallplatten, Geschirr, Kla-

gestalteten

Themenräu-

Öffnungszeiten:

motten, Spielzeug und vieles mehr.

Wertheim Village

Montag – Samstag: 10 – 19 Uhr

Ob Jugendstil oder Krimskrams im

Almosenberg, 97877 Wertheim.

Sonn- und Feiertag: 11 – 18 Uhr

Charme der siebziger Jahre: Hier wird

Öffnungszeiten:

www.schmuckwelten.de

Stöbern zum Erlebnis, vor allem im

Montag bis Samstag 10 bis 20 Uhr.

Frühjahr und Herbst, wenn der Markt

Alle Marken sowie

mit mehr als 3.000 Ständen die halbe

verkaufsoffene Sonntage unter

Innenstadt füllt.

www.wertheimvillage.com

76


DA S M AG A Z I N

Wandel auf leisen Sohlen

F

Feature _ E-Autos sind echte Flitzer.

E-Auto den Weg vom Kuriosum zum

aufgepasst: Das Ordnungsamt

Warum sind sie immer noch nicht

Standard im Straßenbild weisen wol-

könnte künftig ganz unverhofft

im Alltag angekommen? Zwei Städte

len. Bis August 2014 werden neben der

vor Ihnen stehen. Kein Mo-

im Stauferland machen den Test.

städtischen E-Flotte auch Carsharing-

torengeräusch, dass den nahenden

Der Wandel, sagen sie, muss in den

Angebote und das Zapfstellennetz aus-

Streifenwagen verraten hätte. Zumin-

Köpfen passieren.

gebaut. Das Städtebauinstitut der Uni-

alschparker

und

Wildpinkler

dest in Göppingen sind die Schleich-

versität Stuttgart begleitet das Projekt,

fahrten der Beamten – gut 100 Kilome-

das anderen mittelgroßen Städten den

ter täglich in einer Mercedes A-Klasse

Dach eines Carports fangen Sonnen-

Weg in die benzinfreie Zukunft weisen

mit Elektroantrieb – seit Januar 2012

energie ein, mit der sich die Batterie ei-

soll. Die Kosten belaufen sich auf 3,4

Routine. Und das ist erst der Anfang:

nes kleinen E-Autos bei Kaiserwetter in

Millionen Euro, knapp 2 Millionen da-

Bis August 2014 sollen 60 von 150 Wa-

wenigen Stunden aufladen lässt. „Eine

von kommen vom Bund, der sich ein

gen des städtischen Fuhrparks elekt-

der größten Herausforderungen für die

ehrgeiziges Ziel gesteckt hat: 2020 sol-

risch betrieben sein.

Elektromobilität ist der Aufbau eines

len eine Million E-Autos auf deutschen

Pressetermin auf dem Parkplatz vor

Zapfstellennetzes“, sagt OB Till, der

Straßen fahren. Wie das möglich ist,

der Hochschule Esslingen, Standort

demnächst selbst im Hybrid-Dienstwa-

wird nun nicht in Berlin oder Hamburg

Göppingen.

Guido

Till,

parteiloser

gen unterwegs sein will.

erforscht, sondern im hügeligen Stau-

Oberbürgermeister

der

60.000-Ein-

Wie wird die elektromobile Stadt der

ferland, das die Auto-Akkus in tiefver-

wohner-Stadt rund 40 Autominuten

Zukunft aussehen? Wie kann man sie

schneiten Wintern schnell an die Belas-

südwestlich von Stuttgart, ist gekom-

am besten gestalten? „Elektromobiliät

tungsgenze führen kann.

men, um eine Solarstrom-Tankstelle

im Stauferland“ (EMIS) heißt das Pro-

Ausgerechnet in Göppingen. Keine

einzuweihen. Eine simple Konstruktion,

jekt, mit dem die Nachbarstädte Göp-

20 Autominuten sind es von hier bis

eigentlich: Photovoltaikzellen auf dem

pingen und Schwäbisch Gmünd dem

Schorndorf, der Geburtsstadt der

77


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Technikpioniers Gottlieb Daimler. Gemeinsam mit Carl Benz entwickelte er erst den Verbrennungsmotor und dann das Automobil. Erfindunden, die seit 130 Jahren das wirtschaftliche Rückgrat der Region bilden. Vielleicht ist das der wichtigste Grund, warum die Region dabei sein will, wenn nun nach Alternativen geforscht wird. Denn früher oder später muss der Wandel her. Schlicht, weil das Öl zur Neige geht. Vor allem aber, weil der Klimawandel die Menschheit bedroht.

S

o dramatisch die Aussichten sind: Nach allerlei Leuchtturm­ projekten

zur

E-Mobilität

kommt das E-Auto nicht so rich-

Auf leisen Sohlen: In Göppingen fährt das Ordnungsamt E-Auto.

tig in die Gänge, kostet es ja oft noch immer etwa doppelt so viel wie ein konventionelles Modell. Immerhin: Beim

Puste aus. Ist das Thema E-Mobilität

ist so leise, dass die Stadt überlegt,

Verbrauch hat man schnell ein Drittel

vielleicht schon beendet, noch bevor

die Tonnen künftig nachts zu leeren.

der Kosten gespart. Ein bisschen ver-

es angefangen hat? In Göppingen und

Es ist Wandel auf leisen Sohlen, der sich

hält es sich mit seinem Vormarsch wie

Schwäbisch Gmünd will man das Ge-

auf den Straßen vollzieht – in Göppin-

mit seiner Performance auf der Stra-

genteil beweisen.

gen und anderswo. 100 Kilometer hält

ße: Beim Start lässt es Sportwagen mit

Zum Beispiel die städtische Wohnungs-

ein Akku eines E-Autos etwa, genug für

Verbrennungsmotor links liegen, doch

baugesellschaft WGG: Bei einem ih-

die meisten innerstädtischen Fahrten.

nach rund 100 Kilometern geht ihm die

rer nächsten Bauprojekte will sie ein

Und doch scheint es zu dauern, bis die

E-Auto anbieten, das sich mehrere

neue Technologie angekommen ist. An

Haushalte teilen können. Die eigene

die Stille der neuen Fortbewegung wer-

Stromzapfsäule am Haus gibt es zum

den sie sich dennoch schon früher ge-

Nachbarschafts-Carsharing gleich mit

wöhnen müssen. „Ich fahre besonders

dazu. Ein Modell, an das viele Hoffnun-

vorsichtig im E-Auto durch die Stadt“,

gen geknüpft sind, vor allem in Göppin-

erzählt Jörg Dittmann, der für das Göp-

gen. „Bei uns parken viele Menschen

pinger Ordnungsamt unterwegs ist.

in der eigenen Garage“, sagt OB Till,

Zu oft ist ihm auf seinen Touren schon

„wenn man die mit Solarzapfstellen

jemand verträumt vor die Motorhau-

ausrüsten würde, wäre klimaneutraler

be spaziert. „Man ist daran gewöhnt,

Strom stets verfügbar, ohne dass wir

dass Autos Lärm machen“, sagt Ditt-

gleich ein ganzes Zapfstellennetz zur

mann. Nun, vielleicht ist das gar nicht

Verfügung stellen müssten.“ Die Stadt

schlecht: Die Elektromobilität verlangt

setzt dennoch auf einzelne Stromzapf-

den Menschen wieder mehr Rücksicht

säulen in der Innenstadt, „auch wenn

im Straßenverkehr ab. Wenn das nicht

gar nicht klar ist, ob wir die wirklich

reicht, kann der Praxistest in Göppin-

brauchen“, so Till. Der Wandel soll halt

gen auch in einer anderen Empfehlung

auch in den Köpfen der Menschen an-

münden: E-Autos mit einem Lautspre-

kommen, und der beste Antrieb nützt

cher auszurüsten, der die Geräusche

wenig wenn kaum jemand weiß, dass

eines Verbrenners imitiert.

es ihn gibt. Lautlose Pilotprojekte Fährt voraus: Göppingens

wie das E-Müllauto, das in Göppingen

Oberbürgermeister Guido Till.

bereits getestet wurde, bleiben da

Text: Mathias Becker

ein wenig im Schatten. Das Müllauto

Fotos: Rainer Kwiotek

78


DA S M AG A Z I N

„Die neue Form von Unabhängigkeit“

diesem Segment. Mit 1.000 Newtonmetern Drehmoment, rund 750 PS und einer Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 3,9 Sekunden haben wir ein Fahrzeug geschaffen, das die Welt noch nicht gesehen hat. Die Botschaft ist klar: Umweltschutz und Spaß müssen sich nicht ausschließen ...

Interview _ Er applaudiert, wenn der Ölpreis steigt – aber nicht zu laut,

... zumindest von hier bis zur

die Kollegen könnten ihn hören.

nächsten Steckdose.

Jürgen Schenk, der seit 1980 für

Es kommt darauf an, wie man einen Wa-

Daimler forscht, leitet seit 2009 die

gen fährt. Das gilt für Verbrenner wie

Entwicklung der Elektrofahrzeuge

für Elektromotoren. Bei normaler Fahr-

am Standort Sindelfingen.

weise hat der SLS eine Reichweite von

Ein Gespräch über neue Antriebe

250 Kilometern. Natürlich ist in puncto

und die Zukunft der Mobilität.

Reichweite noch Luft nach oben. Ich Autoentwickler Jürgen Schenk.

würde sagen, in 20 Jahren wird es signifikante Steigerungen geben. Grundsätzlich liegt es auf der Hand, dass der

Herr Schenk, schwärmen Sie auch

fängt jetzt an. Es gibt immer mehr

batterieelektrische Antrieb aufgrund

bis heute von Ihrem ersten Auto?

Menschen, die auf der Langstrecke

der Reichweiten vor allem in Klein- und

Ja, natürlich. 1975, da war ich gerade

Zug oder Flieger nutzen und auf Kurz-

Kompaktfahrzeugen für den Einsatz in

20 Jahre alt, habe ich mir einen grauen

strecken mit dem E-Auto unterwegs

der Stadt und im Umland Einzug hal-

Käfer Cabrio gekauft. Für 300 Mark!

sind. 2009 hatten wir rund 100 E-

ten wird. Auf Langstrecken spielen auf

Als ich ihn repariert hatte, ging es di-

Smarts im Einsatz, bis 2012 waren es

lange Sicht die Brennstoffzellentechno-

rekt an den Gardasee – unvergesslich!

schon 2.000 und Ende 2013 werden

logie und heute schon die Hybride ihre

mehr als 7.000 Fahrzeuge der dritten

Vorteile aus. Wir sind davon überzeugt,

Wissen Sie noch, was der Liter

Generation weltweit in Kundenhand

dass es nicht die eine Technologie als

Benzin damals gekostet hat?

sein. Viele Kunden versorgen ihr Elek-

Königsweg für eine nachhaltige Mobili-

60 Pfennig.

trofahrzeug zunehmend autonom –

tät geben wird, sondern eine Vielfalt an

zum Beispiel mit Solarzellen auf dem

Lösungen, die für alle Kundenanforde-

Günstiger Sprit, freie Bahn: Das

eigenen Hausdach. Bei steigenden

rungen zugeschnitten sind.

Auto war Freiheit pur. Gilt das auch

Benzinpreisen ist das die neue Form

für einen Elektrosmart mit einer

von Unabhängigkeit. Aber nicht jeder

20 Jahre bis sich die E-Autos durch-

Reichweite von 145 Kilometern?

hat eine Garage mit Steckdose. Des-

setzen – Sie müssen einen langen

Wer nonstop von Flensburg nach

halb ist der Aufbau einer öffentlichen

Atem haben. Zumal es nicht sicher

München fahren will, sollte das natür-

Ladeinfrastruktur so wichtig.

ist, dass die Menschen umsteigen werden.

lich nicht mit einem E-Auto tun. Es ist ohne Zwischenladung schlicht nicht

Daimler baut neben dem Smart

Wissen Sie, vor 100 Jahren stritt man

möglich. Im Stadtverkehr und im Um-

und der B-Klasse mit Elektroan-

darüber, ob Eisenbahnen in Zukunft

land jedoch sind batterieelektrische

trieb auch den E-SLS AMG Coupé,

mit Dampf, Diesel oder Strom fahren

Fahrzeuge die perfekten Begleiter: Sie

eine Art Düsenjet für die Straße.

würden. Keine große Veränderung geht

sind umweltfreundlicher und leiser,

Kann man mit elektrischen 750 PS

von heute auf morgen, doch was Kraft

im Unterhalt günstiger und machen

die Welt retten?

gibt, ist die Gewissheit, an der richtigen

nicht zuletzt auch noch eine Menge

Das wäre schön. Für uns geht es zu-

Sache zu arbeiten. Je teurer das Benzin

Spaß – vor allem beim Ampelstart!

nächst mal darum, die Wünsche und

ist und je günstiger die Elektroautos,

Mobilitätsbedürfnisse unserer Kunden

desto schneller wird sich der Wandel

Warum steigen die Menschen dann

zu erfüllen. Der SLS Electric Drive zeigt

vollziehen. Die Zeit ist auf unserer Seite.

nicht endlich reihenweise um?

das Potenzial der Elektromobilität und

Weil dem großflächigen Umstieg ein

steht für unsere Entwicklungskompe-

Text: Mathias Becker

Umdenken vorausgehen muss. Das

tenz und Technologieführerschaft in

Fotos: Christoph Püschner

79


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Die Stadt der Ehrenbürger

hilfsbereit? Liegt es daran, dass die Vereinskultur in Schwaben auf eine lange Geschichte zurückblickt? Dass die Menschen hier geselliger sind als anderswo? „Wir machen halt das, was uns Spaß macht“, sagt Gundis Eisele. Für sie bedeutet ein Ehrenamt nicht

Portrait _ Turmwächter und Nachtwanderer, Vorlesepaten und Bürgermentoren: In Nürtingen ist jeder Zweite ehrenamtlich engagiert – ein deutscher Spitzenwert. Ein Besuch in der Heimat der Nächstenliebe.

nur, etwas zu geben; sie bekommt auch viel zurück. „Ich finde es schön, gebraucht zu werden“, sagt sie und schließt die Fensterläden im Kirchturm für heute. „Mögen Sie einen Pfefferminz für unterwegs?“, fragt sie, bevor

F

sie die Stufen der Wendeltreppe nach unten huscht. ünf Besucher sind Gundis Eise-

rose“ und bietet „Wohlfühlnachmitta-

40.000 Menschen leben in Nürtingen,

les Einladung auf den Turm der

ge“ für Senioren an. Zweimal im Monat

das sich vor den Toren Stuttgarts an

spätgotischen

an

lädt sie zu ihrer Gruppe „Gemeinsam

den Neckar schmiegt. Eine Mauer

Stadtkirche

diesem Sonntag gefolgt. Nicht

statt einsam“. Und jeden Mai organi-

aus dem Spätmittelalter umschließt

gerade viel, aber davon lässt sich die

siert sie ein Fest für bis zu 500 Senio-

die Altstadt, die Fachwerkhäuser ste-

quirlige 70-jährige Rentnerin nicht die

ren, singt mit ihnen Volkslieder, küm-

hen eng beisammen. Grüne Hügel

Laune verderben. „Sie müssen mal an

mert sich um eine Tanzgruppe und um

legen sich wie ein Band um den Ort.

Weihnachten kommen, da können sie

eine Preisverleihung. All das, ohne ei-

Das „Städtle“ ist stolz auf Friedrich

hier einen Ampelverkehr einrichten“,

nen Cent dafür zu bekommen.

Hölderlin und Harald Schmidt, seine

sagt sie in breitem Schwäbisch. Einmal

Gundis Eisele gehört zu den 49 Prozent

Kunstakademie, seine Hochschule für

im Monat steigt sie die 189 Stufen auf

der Nürtinger, die laut einer Umfra-

Wirtschaft und Umwelt. Die eigent-

den Kirchturm und erzählt Besuchern

ge von 2009 ein Ehrenamt ausüben.

liche Attraktion aber ist sein großes

Anekdoten aus der Geschichte des

Der Bundesdurchschnitt liegt bei 36

bürgerschaftliches Engagement: gan-

Bauwerks. Ehrenamtlich.

Prozent, laut einer Studie des Bun-

ze 67 Selbsthilfegruppen gibt es, 14

„Turmwächterin“, das ist nur eines ih-

desfamilienministeriums aus demsel-

Bürgerbeteiligungsforen

rer fünf Ehrenämter. Unter der Woche

ben Jahr. Warum sind die Menschen

als 100 ausgebildete Bürgermentoren,

leitet sie die „Selbsthilfegruppe Arth-

in dieser Stadt nur so ausgesprochen

die zwischen Gemeinderat, Verwal-

und

mehr

tung und Einwohnern vermitteln. Dazu kommen ein Jugendrat, Nachtwanderer, Stadtteilmütter und Vorlesepaten. Selbst die Angestellten der Kommune haben den Überblick über das bunte Heer der Ehrenamtlichen verloren. „Man muss den Bürgern zeigen, dass sie ernst genommen werden, wenn man will, dass sie sich engagieren“, sagt Hannes Wezel. Der drahtige 59-Jährige mit der randlosen Brille gilt als einer der Väter des Nürtinger Erfolgsmodells. Er setzt sich seit bald 35 Jahren für mehr Bürgerengagement ein und ist mittlerweile Referent der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg. Als 1991 in Nürtingen ein neues Rathaus Die Stadt im Blick: Gundis Eisele führt Besucher

gebaut wurde, kam Wezel die Idee, ei-

auf den Turm der Stadtkirche – ehrenamtlich.

nen „Bürgertreff“ einzurichten – einen

80


DA S M AG A Z I N

Ort für die Engagierten der Stadt. Der

ringe!“, sagt eine Nachtwandererin zu

Söhne. Wie Gundis Eisele, die Turm-

Vorschlag fand Gehör, die Pläne wur-

einem 18-jährigen Mädchen, das auf-

wächterin der Stadtkirche, sieht er sein

den um ein Freiwilligenzentrum erwei-

fallend viel Schminke im Gesicht trägt

Engagement aber nicht nur als gute

tert. Die Keimzelle des Nürtinger En-

und Glitzer-Creolen an den Ohren.

Tat. Auch die Aktiven selbst profitier-

gagements war geschaffen. Bis heute

Schon kommt ein Gespräch über das

ten vom Programm, man lerne Leute

treffen sich hier Bürgermentoren und

Fernsehprogramm vom Vorabend in

kennen, tausche sich aus. Auf einer

Selbsthilfegruppen, es gibt Kurse und

Gang. Johannes Jahn erkundigt sich bei

Tour hat Jahn, damals alleinstehend,

Fortbildungen für Ehrenamtliche.

einem Jugendlichen, den er von frü-

Gabriele Düregger, 47, kennengelernt.

„Engagement schafft Transparenz und

heren Rundgängen kennt, nach einer

Sie war ebenfalls bei den Nachtwan-

hilft, Bürger und Verwaltung einander

anderen Clique. „Die trinken soo viel“,

derern aktiv. Heute leben die beiden

anzunähern“, sagt Nürtingens Ober-

stöhnt Sven. „Wir bleiben lieber weg

zusammen.

bürgermeister Otmar Heirich. Er klingt

von denen, dann gibt’s keinen Stress.“

überzeugt, auch wenn er den Preis

„Es ist wichtig, dass die Jugendlichen

einer

kennt:

einen Ansprechpartner haben“, sagt

Text: Esther Göbel

Mitunter erschwert sie einem das Re-

Jahn, selbst Vater zweier erwachsener

Fotos: Christoph Püschner

aktiven

Bürgerschaft

gieren. Als Pläne publik wurden, dass auf einem weitläufigen Gelände am Neckarufer mehrgeschossige Wohnhäuser errichtet werden sollen, taten sich viele Nürtinger zusammen, demonstrierten, sammelten Unterschriften. Der Wind der Mitsprachewilligen blies dem Stadtoberhaupt ins Gesicht. „Manche verstehen nicht, dass Beteiligung kein Wunschkonzert ist“, sagt Otmar Heirich. Man könne eben nicht alle Meinungen berücksichtigen. Letztlich müsse eine Entscheidung her und im Fall des Grundstücks beschloss der Gemeinderat: Es wird gebaut. Der Streit um das Areal schwelt dennoch weiter über der Stadt. „Es ist eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen“, sagt Heirich. Und doch verwendet er gern das Wort „Bürgerkommune“, wenn er von Nürtingen spricht.

E

s ist Abend geworden über der Stadt und Johannes Jahn, 53, zieht einen der blauen Fleecepullover über, den die Nacht-

wanderer auf ihren Rundgängen tragen. Jahn ist einer von den sieben Freiwilligen, die freitags und samstags die Plätze ablaufen, an denen sich Jugendliche treffen – zum Quatschen, Trinken, Partymachen. Heute wandern Jahn und seine Mitstreiter vom Marktplatz zum Busbahnhof und schließlich zum Parkhaus, wo sie eine Gruppe Jugendlicher treffen. Man kommt ins

Den Nachwuchs nicht aus den Augen verlieren: Die Nachtwanderer

Gespräch. „Du trägst aber schöne Ohr-

sprechen Nürtinger Jugendliche auf der Straße an.

81


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Bürger im Einsatz Portraits _ Freiwilliges Engagement ist der Kitt der Gesellschaft. Wir stellen drei Aktive vor.

Rachel Dror, 93 Jahre, aus Stuttgart, floh vor den Nazis nach Palästina, wurde dort die

Claus Kuge,

erste Polizistin Israels und kehrte später zurück nach Deutschland. Für ihr

66 Jahre, aus Pforzheim. Der Chef

Engagement im Austausch zwischen

einer Werbeagentur ist seit fast drei

den Religionen erhielt sie den baden-

Jahrzehnten Mitglied der „Löblichen

württembergischen Landesverdienst-

Singergesellschaft von 1501“.

orden und die Otto-Hirsch-Medaille.

„Als ich heiratete, sagte mein Schwie-

„Als ich jung war, habe ich mich nicht

lie, und wir sind traditionell in der Löblichen, also trittst Du auch ein.’

Barbara Schuster Gratz,

für Politik interessiert, ich habe nur darauf gehört, was meine Eltern sagten. Und im März 1933 sagten sie, ich

Inzwischen bin ich seit fast zehn Jah-

52 Jahre, Lehrerin, ist eine von 2.000

dürfe nun nicht mehr mit meinem

ren Obermeister, und um eins gleich

Ehrenamtlichen, die 2012 an der

Freund Werner spielen. Damals be-

klarzustellen: Wir sind kein Gesangs-

Inszenierung der „Staufersaga“ an-

gannen die Repressionen gegen die

verein, sondern setzen uns dort ein,

lässlich des 850. Stadtjubiläums von

Juden. Ein anschauliches Beispiel da-

wo Hilfe gebraucht wird: Lesepaten-

Schwäbisch Gmünd mitwirkten.

für, wie Schüler den Holocaust ver-

schaften für Schüler, Flüchtlingshilfe

stehen können. Seit 1978 führe ich

oder Mitarbeit im Stadtarchiv – wir

„Erst habe ich nur meine drei Söhne

Schulklassen

helfen an Nahtstellen, die die Kom-

animiert, bei der Staufersaga mitzu-

oder erzähle ihnen im Unterricht, was

mune nicht abdeckt. Das hat eine

machen. Aber dann war das Haus leer,

ich erlebt habe und was das Judentum

lange Geschichte: Im Mittelalter wü-

also haben mein Mann und ich auch

ausmacht. Die Jugendlichen sind inte-

tete die Pest in Pforzheim und aus

mitgemacht. Dann bekam das Projekt

ressiert und freuen sich über die Of-

Angst vor der tödlichen Krankheit

eine Eigendynamik, denn alle unsere

fenheit, mit der ich spreche. Ich habe

wollte niemand die Leichen wegbrin-

Bekannten halfen mit. In Schwäbisch

den Eindruck, der heutige Geschichts-

gen. Schließlich bildete sich doch eine

Gmünd kam man an jeder Ecke mit

unterricht möchte, dass die Schüler

Gruppe, die die Toten unter Gesängen

den „Staufern“ in Berührung. Es war

den Unterricht mit gesenktem Kopf

zu Grabe getragen hat. Eine löbliche

eine tolle Zeit, noch heute bekomme

verlassen. Das ist falsch, sie sind kei-

Tat. Heute haben wir 550 Mitglieder,

ich Gänsehaut, wenn ich an dieses

ne Täter, sie sind für das Heute und

traditionell nur Männer. ‚Das soziale

große Gemeinschaftsgefühl denke.

das Morgen verantwortlich. Ich werbe

Gewissen der Stadt Pforzheim’ nann-

Ich traf alte Bekannte aus der Schul-

um Toleranz und möchte Vorurteile

te uns der Bürgermeister neulich. Wir

zeit und lernte neue Leute kennen.

beseitigen, darum engagiere ich mich

geben unserer Stadt etwas zurück,

Mit manchen treffe ich mich bis heu-

mit 93 Jahren noch. Denn wer die Ver-

das ist der Gedanke, der uns zusam-

te. Schwäbisch Gmünd wird oft ‚Stadt

gangenheit vergisst, ist gezwungen

menschweißt. Ich hoffe, mein Sohn

des Ehrenamts’ genannt, viele tun was

sie noch einmal zu erleben."

wird auch beitreten.“

für das Stadtleben, jeder nach seinen Fähigkeiten. Im Moment läuft die Landesgartenschau. Auch da helfen wir wieder ehrenamtlich.“

82

durch

die

Synagoge

Fotos: Christoph Püschner

gervater: ‚Jetzt gehörst Du zur Fami-


DA S M AG A Z I N

Ehrenrunde für kritische Kunden: Pferdeauktion in Marbach.

Von Pferden und Stärken

D

as Mädchen stürmt schluchzend von der Zuschauertribüne. Sie wird ihren „Sir“ nicht bekommen. 16.000 Euro, das war ihrer Mutter dann doch zu viel. „Sir“, der schokoladenbraune Wallach, wird

eine andere Reiterin glücklich machen. Ein Samstag im März, nicht nur der Wallach sorgt für Gefühlswallungen. Auf dem Haupt- und Landesgestüt Marbach, dem ältesten staatlichen Gestüt Deutschlands, kommod eingebettet in die sanften Falten der Schwäbischen Alb, findet die jährliche Reitpferdeauktion statt. Der Duft von Harz liegt in der Halle. Holzraspeln dämpfen die Hufe der Gestütszöglinge, die zur Musik ihre Runden drehen. Der Auktionator presst seine Monologe ohne Atempausen durchs Mikrofon: „... besticht durch seine sportliche blutgeprägte Erscheinung und jetzt hau noch einen drauf Zeit den Zweitwagen zu verhökern tief in ihnen sehe ich aber eine andere Antwort 9.000 kommen wir nochmal gnä' Frau so wun-

Reportage _ Am Haupt- und Landesgestüt Marbach

derbar aufdekoriert in frühlingshaftem Gelb was 8.500 ja das

werden edle Hengste und Stuten gezüchtet, an der Uni-

sind die Schwaben kurv ruhig weiter durch die Republik 900 Kilometer hin und zurück und such dich tot ...“

versität Nürtingen gibt es die einzige Pferdeprofessur Deutschlands: Für die Metropolregion sind die Vierbeiner

Wer ein Pferd kaufen will im Süden Deutschlands, der ist heu-

längst zum Wirtschaftsfaktor avanciert.

te dabei. Aber auch ein Gebot aus den USA wird ins Mikrofon gerufen. Schweizer und Österreicher eifern mit. Olympia-Reiterin Sandra Auffahrt soll in Bremen ungeduldig neben dem

83


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

einem Umsatz von fünf Milliarden Euro pro Jahr ist die deutsche Pferdewirtschaft auf eine beachtliche Größe gewachsen: Futtermittel und Zubehör, Fahrzeug- und Stallbau, Pferdemessen und Turnierveranstaltungen, Fuhrbetrieb und Pferdetherapie, Stutenmilch- und Pferdefleischproduktion: Um die Vierbeiner herum sind zahlreiche Branchen entstanden. Am Biertisch vor der Auktionshalle in Marbach sitzt Roland Gerster, Anfang 60, bei Kaffee und Aprikosenkuchen. Der Hobbyreiter aus Weingarten am Bodensee und seine Frau haben in Marbach den Hengst „Diskurs“ für 5.000 Euro gekauft. Ein echtes Schnäppchen, finden sie: Er ist gesund, hübsch, rittig. Das sind die Attribute, die Freizeitsportler von einem Pferd erwarten. „Naja, die Männer wollen auch was zum Angeben“, sagt Wildtrud Gerster und schmunzelt. Seit dem ersten Kauf ist der Besuch in Marbach den Gersters eine liebgewordene Tradition geworden. „In andere Ställe durften wir nicht mal reingucken, weil die Gestüte Angst haben vor Ansteckung“, sagt Roland Gerster. In Marbach sei die Atmosphäre offener. „Hier haben wir uns wohlgefühlt.“ Beim heutigen Besuch gesellt sich zur Gewohnheit der Reiz der Versuchung: „Impala“ wird angeboten, Halbschwester von „Diskurs“. „Da muss ich mich auf die Hände setzen, die juckt mich schon“, sagt die Frau. In Zeiten, in denen das Sperma der Zuchthengste gefroren Professor Dirk Winter nahm seine Turnier-

verschickt wird, fokussiert sich fast alles auf die Gene von

Stute mit, als er aus der Lüneburger Heide an

ein paar Hengsten mit großen Namen. Eine Portion Erb-

die Fachhochschule Nürtingen kam.

gut von „Totilas“, dem begehrtesten Dressurhengst, kostet etwa 8.000 Euro. Bis zu 500 Stuten deckt so ein Hengst per Post. In Marbach versucht man, auch andere, alte Blutlinien einfließen zu lassen. Rund 60 Landbeschäler, so heißen

Telefon sitzen. Der sportliche „Kilian“ hat es ihr angetan, Va-

die staatlichen Deckhengste, werden im Ländle gehalten,

ter Vollblüter, Mutter Leistungsträgerin aus Trakehner-Zucht.

darunter die bedrohten Rassen Schwarzwälder Kaltblut

Das älteste Staatsgestüt Deutschlands steht für gute Kinder-

und Altwürttemberger. Das hätte sich der Gründer des Ge-

stube, reelle Preise, Transparenz und vor allem: Sympathie.

stüts, Herzog Eberhard im Bart, nicht träumen lassen. Vor

Und die scheint ausschlaggebend zu sein, wenn man sich ein

500 Jahren war Pferdezucht reine Geschmackssache: näm-

Tier kauft, das den Stellenwert eines Gefährten hat.

lich die des jeweiligen Herrschers. Es wurde viel experimen-

V

tiert, eine florierende Pferdezucht war entscheidend für die or 100 Jahren war das anders. Pferde waren, eher

Macht eines Landes.

unsentimental, Transportmittel. Gebrauchsgegen-

Die „Tatort“-Titelmelodie lockt die Besucher in die Halle zu-

stände. Werkzeuge. Keine hochbeinigen Tiere mit

rück. Ein Mannschaftswagen der Polizei fährt mit Sirene und

Araberkopf, wie Walllach „Sir“ ihn auf seinem langen

Blaulicht ein, dahinter traben drei Reiter auf Pferden. Die Po-

Hals trägt, sondern vor allem rüstige Nutzpferde. Im Südwes-

lizeireiter lassen Ratschen über den Köpfen der Tiere kreisen,

ten zählte man auf den zähen Schwarzwälder Fuchs, der noch

schleifen knatternde Dosen hinter ihnen her und zünden

in den kältesten Wintern die Stämme aus dem Wald zog. Doch

Platzpistolen. Gestütschefin Astrid von Velsen-Zerweck er-

mit den Pferdestärken aus Stahl schrumpften die Bestände.

klärt den Sinn der kuriosen Vorführung: „90 Prozent unserer

1970 gab es nur noch knapp 30.000 Tiere in Baden-Württem-

Besucher sind Freizeitreiter, die wollen ausgeglichene Pfer-

berg. Bis das Volk den Reitsport entdeckte und dem Pferd ein

de.“ Die ausgebildeten Polizeipferde lassen sich nicht einmal

Revival bescherte.

von Fahnen stören, die ihnen über den Kopf geschwenkt wer-

Heute sind deutsche Pferde, wie ihre blechernen Nachfolger,

den – immerhin müssen sie das auch im Einsatz im Stuttgar-

ein weltweit gefragter Exportschlager. Allein in Baden-Würt-

ter Fußballstadion aushalten.

temberg leben derzeit rund 120.000 Tiere – etwa ein Zehntel des

Auktionator Hendrik Schulze Rückamp, der Mann mit der

deutschen Bestands. Und mit rund 300.000 Arbeitsplätzen und

Jahrmarktsstimme, sagt, er möge die Auktion in Marbach,

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DA S M AG A Z I N

weil sie ehrlich sei. „Es gibt keine mit Kraftfutter aufgeblase-

stall Jungborn schnellt Winters Zeigefinger immer wieder

nen Dreijährigen. Die Tiere sehen aus wie sie in dem Alter halt

nach links und rechts. Dort ein Stall. Da eine Reitarena. Hier

aussehen.“ Bei vielen anderen Auktionen säßen im Publikum

ein Pferdehof. „Es fällt schon auf, wie viele engagierte Pfer-

zudem Preistreiber, die auf Geheiß der Händler mitbieten.

demenschen hier zu Hause sind.“ In Jungborn steht neben

„Das hier ist noch eine Schau, keine Show.“

einem Dutzend Privatpferden von Studenten auch eine Stu-

Unweit des Gestüts, in Nürtingen, steht in einer Glasvitrine

te mit exotischem Namen: „Samba Pa ti“. Sie war Winters

der Hengst Schneck. Genauer: sein Skelett. Angeblich gehör-

Turnierpferd, heute ist sie im wohlverdienten Ruhestand.

te das Pferd dem letzten König von Württemberg, Wilhelm II.

Die Pferdepension in Jungborn soll seinen Studenten die

Ob das tatsächlich stimmt, ist Dirk Winter egal. Wichtig ist für

Haltung eigener Tiere erleichtern und dient ihnen zugleich

ihn, dass er seinen Studenten mit „Schnecks“ alten Knochen

als Studienort. Für umfangreichere Forschungsprojekte fah-

zeigen kann, wie es bei Pferden unterm Fell aussieht. Winter

ren sie nach Marbach, den größten Ausbildungsbetrieb für

ist seit gut zwei Jahren Deutschlands erster Pferdeprofessor

Pferdewirte bundesweit.

und Dekan des Studiengangs Pferdewirtschaft. Der 51-Jähri-

Dort herrscht noch immer auktionsbedingte Aufregung –

ge kommt selbst von einem Hof in der Lüneburger Heide, wo

bei den Besuchern freilich weit mehr als bei den Pferden.

die berühmten Hannoveraner zu Hause sind. Was zieht ihn

Hastig hüpfen die Preise. „Lamento“ prescht durch die Streu,

also in den Süden?

sein Vater hat über 150 Nachkommen im Sport, wenn das

D

kein Empfehlungsschreiben ist! Schlag auf Schlag fallen die ie Fachhochschule Nürtingen hat einfach den Be-

Gebote, getrieben von einem Rosenholzhämmerchen. „Ba-

darf erkannt“, sagt Winter. „Der Pferdemarkt ist ein

rony“, Schönheitskönig, ab nach Kalifornien, 20.000 Euro.

wichtiges Wirtschaftsfeld, dafür sucht man Fach-

Balletttänzer „Ballentaine“. Tübingen hält’s. 12.000 Euro.

kräfte.“ Bis dato mussten deutsche Studierende in

Springer „Achachidon“, super Interieur, darf für 20 lila Schei-

die Niederlande, nach England, Österreich gehen, um sich

ne nach Österreich. Bewegungstalent „Doyen“ geht in die

Pferden akademisch zu widmen – oder gleich nach Übersee.

Schweiz.

„Das hat schon einen Schmelz hier“, sagt Winter. „Wir sind als

Als der vielversprechende Trakehner „Kilian“ an der Reihe

Einzige auf den deutschen Markt ausgerichtet und der ist rie-

ist, bimmelt das Telefon des Auktionators. Olympionikin

sengroß.“ 50 Studienplätze gibt es. Und sieben Mal so viele

Sandra Auffahrt ist dran. 18.000, zum Dritten. Das Häm-

Bewerber.

merchen fällt.

Pferde sind Dirk Winters Beruf – und sein Hobby. Abends nach der Uni fährt er oft noch zum Reiten raus auf die Alb.

Text: Agnes Fazekas

Auf den drei Kilometern von seinem Büro zum Schulungs-

Fotos: Heinz Heiss

Schau statt Show: Auktionator Hendrik Schulze Rückamp besiegelt den Deal mit seinem Hämmerchen.

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Kein Hügel ohne Weinstock Übersicht _ Aus dem Südwesten stammen nicht nur die besten Autos der Welt, auch viele regionale Weine gehören zur Oberklasse. Dafür sorgen sonnendurchflutete Hänge, gehaltvolle Böden und Winzer mit Tüftlertalent.

U

ngläubig reibt sich die Augen,

Nur wenige Kilometer weiter, in Fell-

Untergrund der Region bietet einen

wer zum ersten Mal, schip-

bach, wartet gleich der nächste Aus-

hervorragenden Nährboden für Qua-

pernd mit dem Ausflugsboot

nahmewengerter. Die Wurzeln des

lität: Muschelkalk, Vulkangestein, Keu-

oder radelnd am Uferweg,

Weinguts Gerhard Aldinger reichen

per und Lehm verleihen den Weinen

dem Neckar von Cannstatt Richtung

bis ins 15. Jahrhundert zurück. Sein

Kraft und Stärke. Das sonnig warme

Hofen folgt. Das soll noch Stuttgart

Lemberger vor allem, aber auch der

Klima tut sein Übriges. Riesling und

sein? Eine Großstadt? Während sich

Sauvignon Blanc, der Riesling und

Trollinger gedeihen besonders gut,

Bäume und Büsche ehrfürchtig zum

der Weißburgunder zählen zu den

doch auch Kerner, Silvaner, Spätbur-

Fluss hin neigen, steigen seitwärts

edelsten Tröpfchen im Ländle. Be-

gunder und Samtrot reifen hier zu ge-

steile Weinhänge empor. Hier und da

reits 2004 würdigte der Gault Mil-

schmackvoller Größe.

gemauerte Terrassen, dazwischen ein

lau Gert Aldinger als besten Winzer

Dazu kommt: Die Wengerter der Regi-

leicht windschiefes Häuschen. Der Ver-

in

on sind, wenig überraschend, Tüftler-

kehrslärm ist fern, nur das Zwitschern

ehrte

der Vögel und das Rauschen der Blät-

Gesamtkollektion.

aufs Neue – und können dabei auf eine

ter sind zu hören.

Etliche Ecken der Metropolregion ha-

lange Erfolgsgeschichte zurückblicken.

Die Weinberge sind nicht allein idylli-

ben Ausnahmereben zu bieten: Das

Dichter und Denker dürsteten schon

sche Kulisse, keineswegs. Ausgezeich-

Remstal östlich von Stuttgart, das

vor mehr als 200 Jahren nach dem

nete Weine wachsen hier, im Umland

Enztal im Nordschwarzwald und das

württembergischen Rebensaft. Fried-

von Cannstatt, Uhlbach und Untertürk-

Untere Neckartal. Heuchelberg und

rich Schiller, der im weit entfernten

heim. So wie die des Weinguts Wöhr-

Stromberg bei Heilbronn. Hohenlohe

Weimar lebte, bat regelmäßig seine

wag. Der Gipskeuper-Boden gibt den

im Nordosten und die Landschaft um

Mutter in Leonberg, ihm doch einen

Tropfen seine gehaltvolle Note, vor al-

Kocher, Jagst und Tauber im Osten ge-

Eimer Neckarwein zu schicken. Und

lem der Riesling ist es, der Jahr für Jahr

hören ebenfalls dazu. Auf der „Vinalies

Friedrich Hölderlin schrieb sogar eine

Juroren wie Genießer beglückt. Dabei

Internationales 2013“ in Paris, einem

beschwingte Ode an seine rebenreiche

verzichten die Winzer – oder, wie man

der renommiertesten Weinwettbewer-

Heimat: „Seliges Land! Kein Hügel in

hierzulande sagt: Wengerter – Hans-

be Frankreichs, wurden Weine und Sek-

dir wächst ohne Weinstock.“

Peter Wöhrwag und seine Frau Chris-

te der Metropolregion mehrfach mit

tin bewusst auf hohe Erträge, um voll-

Silber- und Goldmedaillen dekoriert.

Text: Katharina Schönwitz

ausgereifte Trauben ernten zu können.

Der Erfolg hat mehrere Wurzeln. Der

Foto: Rainer Kwiotek

Württemberg, die

2010

schließlich

Gourmetbibel

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seine

naturen. Sie erfinden ihre Weine stets


M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Die Supertrolli-Macher Portrait _ Christoph und Heike Ruck vom Weingut Rux kämpfen leidenschaftlich gegen das verkorkste Image des Trollingers an. In Mühlhausen produziert das Paar den „Nimbus“: einen schweren, dunklen „Supertrolli“.

D

as Rebenreich von Christoph und Heike Ruck ist zwei Hektar groß und dreigeteilt: Ein Weinberg in Mühlhau-

sen. Einer in Münster. Ein Hektar am Cannstatter Zuckerle, einer der besten Weinbaulagen in Stuttgart – ideale Ausrichtung zur Sonne, steile Weinbergterrassen,

beste

Muschelkalk-

böden. Das Stück Zuckerle hat ihnen Heike Rucks Großvater vermacht, mit Trollinger-Reben vom Ur-Ur-Opa, 100 Jahre alt. Fast hätten sie ihn rausgerissen, den Trollinger. Weil kein Connaisseur ihn trinken würde, diesen farblosen, ollen Schwabenwein, der wächst wie Unkraut und so viel Arbeit macht, dass sich selten etwas anderes lohnt, als

sonst schüttelt, bezeichnen ihn als

Sechs Monate im alten Fass zaubern

ihn genossenschaftsmäßig zur Ein-

„Supertrolli“: Er habe etwas „Geheim-

aus den erntefrischen Trauben einen

heitsbrühe zu mixen. Doch im letzten

nisvolles“ an sich. Normalerweise, sagt

satten Trollinger. Gepaart mit Kön-

Moment, beschwipst von Ehrgeiz und

Heike Ruck, entschuldige man sich da-

nen und Leidenschaft ergibt das: ein

Lokalpatriotismus, entschieden sich

für, einen Trollinger zu machen. „Die

Schmuckstück.

die Rucks anders: Es muss doch mög-

Lösung ist: Man muss es mit Selbstbe-

lich sein, daraus ein kleines Schmuck-

wusstsein tun.“

stück zu machen!

Heike und Christoph Ruck, 40 und

duzierten sie 2.000 Flaschen. In der

Erfreuliches Ergebnis ihres Übermuts

39 Jahre alt, sind im Weinberg auf-

zum Weinkeller umgebauten Gara-

ist ein Trollinger, der weit entfernt ist

gewachsen. Er mit dem Vater im

ge des Großvaters. Im nächsten und

von grünhenkeligen Bauchgläsern und

fränkischen Iphofen. Sie bei den

übernächsten 4.000 Flaschen, darun-

biederem Opa-Feeling. „Nimbus“ heißt

Großeltern in Stuttgart. Beide haben

ter ein Sauvignon Blanc, über den das

der kleine Schatz. Einer der außerge-

studiert, Geisteswissenschaften, und

Gourmetmagazin „essen und trinken“

wöhnlichsten Trollinger der Region,

fanden, dass da die Bodenhaftung

schrieb, er sei kraftvoll, mit Kräutera-

findet Bernd Kreis, den als ehemaliger

fehlt – das erdige Gefühl, die Luft, die

roma und einem Hauch grüner Boh-

Chef-Sommelier des Stuttgarter Edel-

Sonne, der Regen. Dann haben sie

nen. 2011 zogen sie mit ihrem Wein in

restaurants Wielandshöhe selbst ein

sich kennengelernt. Und beschlos-

eine ausgediente Gärtnerei. Wo Salat-

gewisser Nimbus umgibt. Und Kenner,

sen, ihre Leidenschaft zum Beruf

köpfe lagerten, liegt nun hektoliter-

die es beim Gedanken an Trollinger

zu machen. Im ersten Jahr, 2008, pro-

weise Spätlese. Seit November 2011

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DA S M AG A Z I N

Die Weine vom Weingut Rux schmecken

sind sie hauptberufliche Weinbauern,

ne Adler“ in Heslach, das Stuttgarter

nicht nur gut, sie sind eine Lebens-

20.000 Flaschen produzieren sie im

Szenerestaurant „5“.

einstellung. Im Stil einer kleinen aber

Jahr. Die Bo'teca di vino, ein Gourmetre-

Die Ambitionen des jungen Winzer-

exquisiten „Garage Winery“ verrichten

staurant für ausgesuchte Gesellschaft

paars lässt schon der Verkaufsraum in

Heike und Christoph Ruck alle Arbeiten

und noch ausgesuchtere Weine, gehört

Mühlhausen erahnen: Ein Gams- und

von Hand.

zu ihren Kunden. Der noble „Golde-

ein Hirschgeweih hängen über naturbelassenen Eichentischen mit dezentgrauer Filzauflage, dahinter, wie ein Gemälde, die Fensterfront mit Panoramablick auf Felder und Wiesen. Edel sieht’s aus bei den Rucks, nach Landhausstil im Design-Modus. „Wein ist ein Lifestyle-Produkt geworden“, sagt Heike Ruck. Da muss halt auch das Ambiente passen. Der beschwingte Plan ging also auf. Sie haben ein Schmuckstück geschaffen. Wie weiter? „Fünf Hektar Weinberg!“, sagt Heike Ruck. „Geile Weine produzieren!“, sagt ihr Mann. Darauf einen Supertrolli. Text: Anna Hunger Fotos: Uli Reinhardt

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M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T

Von Löwenstein in die Welt

E

inen Termin mit Jürgen Zipf zu bekommen, ist nicht so einfach. Berlin, Düsseldorf, München, Weinprobe, Donnerstag

vielleicht, ach nee, der ist auch schon verplant. Jürgen Zipf ist unterwegs, dauernd. Er reist im Land herum und zeigt Flagge für die junge württembergische Weinlandschaft. Er ist ein Größer-Denker. Seine Vision: Eine starke neue Winzergeneration für Menschen, die den Wein genauso lieben wie er.

Portrait _ Jürgen Zipf kann Karate. Und er macht Weine, die mindestens genauso kämpferisch daherkommen wie er.

Ein Wirtschaftsaufschwung der Weinverrückten. Gemeinsam mit seiner Frau Tanja bewirtschaftet er das Weingut Zipf in

90


Immer ein bisschen besser als sehr gut: Ausnahme-Winzer Jürgen Zipf aus Löwenstein mit Ehefrau Tanja.

auf Felsen klettern oder Radfahren.

Früher, erzählt Jürgen Zipf, hätten die

Zwölf Hektar Reben besitzen sie, 60

Winzer im Weinberg sich nicht mal mit

Prozent Rotwein, 40 Prozent weißer,

dem Hintern angeschaut vor lauter

ein Haus mit fünf Stockwerken und

Konkurrenz. Heute sitzt er stunden-

Aufzug. Jürgen Zipfs Großvater und

lang mit seinen Kollegen in ihren Kel-

Vater haben hier schon produziert. Da-

lern, probiert, tauscht Ideen aus, pro-

mals saß er als Kind unterm Sonnen-

fitiert vom Miteinander.

schirm zwischen den Reben. Seit 2004

2001 hat er die Winzergruppe „Junges

sind es seine.

Schwaben“ mitgegründet. „Was der

Jürgen Zipf wurde mit viel Geduld

Schwabe anfängt, das macht er recht“:

und Zuneigung zum Winzer herange-

das Motto der fünfköpfigen Weinbau-

zogen. Kein Wunder, dass er Weine

ertruppe. „Und wenn’s geht, noch ein

produziert, die nicht fürs schnelle

bissle besser“: das Credo von Jürgen

Nebenbeitrinken gemacht sind. Sei-

Zipf. Schon in den 90er Jahren, als noch

ne Nische ist das Komplexe – schwe-

kaum jemand eine E-Mail-Adresse be-

re Weine, anspruchsvolle, jahrelang

saß, hat er eine Seite für seine Weine

gelagert. Solche, die beim ersten

ins Internet gestellt. Seine Frau, seine

Schluck anders schmecken als beim

Winzerkollegen und er haben sich auf

zweiten und dritten und die nach ei-

Messen und Weinproben deutschland-

ner Stunde schon ein völlig anderes

weit Kunden erarbeitet, in Berlin und

Aroma entwickelt haben.

Hamburg, in Düsseldorf und Köln.

Die seien genauso eigenwillig wie ihr

„Der Name Zipf soll sich weiterverbrei-

Mann, sagt Tanja Zipf neckisch. Drei

ten, damit die Leute einen Bezug zu

Viertel aller Weintrinker würden seine

uns bekommen“, sagt Jürgen Zipf. Ein

Weine nicht mögen, sagt Jürgen Zipf.

Kunde erzählte ihm kürzlich, er habe

Er ist stolz darauf. Er findet, man müs-

seinen Wein in einem Restaurant an

se sich positionieren. Und es scheint

der Ostsee getrunken. Weiter weg von

zu funktionieren. „Seine Weine haben

Württemberg – das geht in Deutsch-

eine Eleganz, die selten mit württem-

land nicht. Das ist die Hauptsache, und

bergischen Weinen assoziiert wird“,

darauf ist er stolz.

schreibt Stuart Pigott über ihn, Weinkolumnist der Frankfurter Allgemei-

Text: Anna Hunger

nen Sonntagszeitung und weltweit als

Fotos: Uli Reinhardt

Kenner deutscher Weine bekannt.

Wenn Jürgen Zipf nicht auf Reisen ist, kümmert er sich aufopferungsvoll um seine Reben. Seine extravaganten Weine werden sogar an der Ostsee getrunken. Löwenstein. Er ist passionierter Karatekämpfer und mit seinem Beruf ist es ein bisschen wie mit seinem Sport: Ruhe, Präzision, eine gute Strategie und eine Menge Ehrgeiz führen irgendwann zum Erfolg. Sie, 35 Jahre alt, ist Sporttherapeutin. Sie sorgt dafür, dass ihr Jürgen und die beiden vier und acht Jahre alten Kinder nicht nur im Weinberg herumturnen, sondern auch mal

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So sehen Sieger aus Portrait _ In der Metropolregion Stuttgart gehört Sport zum Alltag. Dabei geht es aber nicht nur um Leistung auf dem Platz. Ein Verein – die TSG Reutlingen – zeigt seit vielen Jahren, wie sehr Sport Menschen verbindet.

O

b sportliches Großevent oder Vereinsarbeit – bis ins kleinste Dorf ist die Metropolregion Sportlerland. Allein in Württemberg sind mehr als zwei Millionen Menschen in 5.700 Sportverei-

nen organisiert, die Mehrheit davon in der Metropolregion Stuttgart. Allein mit dem VfB Stuttgart springen fast 45.000 Mitglieder in die Waagschale. Das Daimler-Stadion und die Porsche-Arena (Tennis-Grand-Prix der Damen) sind Leuchttürme, in deren Schatten eine Vielzahl an Aktivitäten gedeiht. Längst ist dabei der Sport mehr als nur körperliche Ertüchtigung, er ist auch das Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen. Ein Verein, der in dieser Hinsicht heraussticht, ist die „Turnund Sportgesellschaft Reutlingen 1843 e.V.“ (TSG), einer der mitgliedsstärksten Vereine in Baden-Württemberg. Hier ist die Heimat der „Young Boys“ , einer Fußballmannschaft, die zwar keinen Spitzenplatz in der Bundesliga belegt, dafür auf andere Art „spitze“ ist. Die „Young Boys“ sind die vielleicht bunteste Truppe auf dem Rasen dieser Region. Fragt man nach ihnen, kann man das in vielen Sprachen tun. Kroatisch, Russisch, Türkisch, Polnisch, Portugiesisch – die Liste ist lang und damit noch lange nicht erschöpft. Die 27 Nachwuchskicker der TSG-Juniorenmannschaft kommen aus 16 verschiedenen Nationen. „Integration durch Sport“ hat sich die TSG Reutlingen schon vor vielen Jahren auf ihre Fahnen geschrieben und tatsächlich ist der mit 4.600 Mitgliedern und 23 Abteilungen größte Reutlinger Sportverein ein gutes Beispiel dafür, was Vereine in der Metropolregion Stuttgart leisten. „Hier steht jeder für jeden ein“, erklärt Yasin Yilmaz, Trainer der „Young Boys“ das Prinzip des Vereins, und tatsächlich übernehmen Trainier und Funktionäre der TSG weit mehr

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DA S M AG A Z I N

Verantwortung für den Nachwuchs, als man vermuten würde. Wer von den jungen Spielern gut auf dem Platz sein will, muss auch gut in der Schule sein. Jedes Halbjahr werden deshalb die Zeugnisse der Nachwuchskicker kontrolliert, und wer abzurutschen droht, bekommt Nachhilfe. Die Kosten dafür übernimmt notfalls der Verein, wenn die Eltern es nicht schaffen. Bei seiner Mannschaftsaufstellung geht Yilmaz dann doch oft nach den gängigen Klischees vor: deutsche Ordnung in der Abwehr und arabischer Teamgeist im Angriff. Meist hat es gewirkt. Doch das eigentliche Rezept für den Erfolg auf dem Rasen sei ein anderes, so Yilmaz. „Es geht um Respekt.“ Respekt. Anerkennung. Akzeptanz. Das erhoffen sich auch jene Menschen, die mit Behinderungen leben. Auch für sie bietet die TSG seit vielen jahren eine sportliche Heimat mit der Abteilung „TSG inklusiv“. Seither haben die Sportler dieser Abteilung nicht nur viele Siege auf dem Platz oder in der Halle errungen – sie haben viel mehr gewonnen: Selbstvertrauen und Lebensmut. Sport bedeutet hier eben mehr, als man in Ergebnissen messen kann. Text und Fotos: Felix Austen

DIE GROS SEN SPORT EV EN TS IN DER MET ROPOL R EGION Porsche-Tennis-Grand-Prix Das einzige deutsche WTA-Turnier findet jedes Frühjahr in

Ein Team, so bunt wie seine

der Porsche-Arena in Stuttgart statt. Allein sieben deutsche

Stollenschuhe: Die „Young Boys“

Spielerinnen standen im vergangenen Jahr im Hauptfeld,

von der TSG Reutlingen in der

dazu sieben weitere Top-10-Spielerinnen der Welt. Turnier­

Kabine (oben) und mit Trainer

direktorin ist die ehemalige Weltranglisten-Vierte Anke Huber.

Yasin Yilmaz auf dem Platz

Infos: www.porsche-tennis.de

(unten). Neben Fußball trainieren sie hier auch Fairness und

Weißenhofturnier

den respektvollen Umgang

Beim MercedesCup, besser bekannt als Weißenhofturnier,

miteinander. Wer in der Schule

trifft sich das Who-is-Who des Herrentennis' jedes Jahr im

abrutscht, erhält Unterstützung

Juli in Stuttgart.

durch einen Nachhilfelehrer.

Infos: www.mercedescup.de Marbacher Vielseitigkeit Einen traditionsreicheren Ort hätte sich das Internationale Reitturnier wohl nicht aussuchen können: Mit über 500 Jahren ist Marbach auf der Schwäbischen Alb das älteste staatliche Gestüt Deutschlands. Infos: www.eventing-marbach.de

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M E T RO P O L R EG I O N S T U T TG A R T W I R T S C H A F T, F O R S C H U N G , K U LT U R U N D L E B E N I M S Ü D W E S T E N

Profile for Region Stuttgart

Metropolregion Stuttgart. Das Magazin  

Die europäische Metropolregion Stuttgart ist für viele Überraschungen gut. Was daran liegen könnte, dass Weltläufigkeit und Verwurzelung hie...

Metropolregion Stuttgart. Das Magazin  

Die europäische Metropolregion Stuttgart ist für viele Überraschungen gut. Was daran liegen könnte, dass Weltläufigkeit und Verwurzelung hie...