versuchten w i r h e r a u s z u f i n d e n , w i e Marteria, also ich, ohne M a s k e u n d A lt e r E g o k l i n g e n s o l l . H i p- H o p wa r t o t e K u n s t, i n M e d i e n n u r a l s M e ss e r s t e c h e r -Wa h n s i n n da r g e s t e l lt, s c h w u l e n - u n d f r a u e n f e i n d l i c h . D a r a u f h at t e i c h k e i n e n B o c k . Ich so: „Äh klar, okay – was muss ich da machen?“ Er: „Wie alt bist du?“ Ich: „Achtzehn …“ Das war zwar gelogen, aber als Teenager tut man das bei Altersfragen ja fast reflexartig. Wir fuhren zum Empire State Building, wo die ihr Büro hatten. 20 Minuten später unterschrieb ich einen Vertrag. Am nächsten Tag war das erste Shooting in Brooklyn, für meine Sedcard – alles natürlich total illegal, weil ich eigentlich ja erst siebzehn war. Aus schlechtem Gewissen beichtete ich ihnen das. Die Leute in der Agentur reagierten total nett und erklärten, ich solle nach Hause fliegen, die Sache mit meinen Eltern klären und dann wiederkommen. Das tat ich auch. Die erste Reaktion meiner Mutter war: „Hey, bist du total bescheuert?“ Bis dahin war sie Fußball-Mum, hatte mich seit frühester Kindheit täglich zum Trainingsplatz und wieder heim gebracht. Und das alles sollte umsonst gewesen sein? Aber ich hatte damals einfach das Gefühl: Ich muss das jetzt machen. Es brauchte einiges an Überredungskunst, bis Mama mit mir zu Hansa ging und den Vertrag auflöste. Eine Woche später flogen wir nach New York, wo sie eine Vollmacht bei der Agentur unterschrieb. Nun war ich offiziell Model. Gleich mein erster Job war der krasseste in meinem ganzen Leben: Ich war Backup-Model bei einem „GQ“- Covershooting – mit der wunderschönen Claudia Schiffer! Es war ein UnterwäscheShooting auf einer Couch, sie lag quasi halbnackt auf mir. Ich sag’s mal so: Ich war angespannt. 46
Sa u f e n a m A r s c h d e r W e lt
Fashion Week in New York, Prêt-à-porter in Paris, Castings in Mailand – das alles habe ich erlebt! Partys, oft auf irgend welchen krassen Yachten, auf denen Lenny Kravitz, P. Diddy oder Madonna rum standen. Es gibt niemanden, der da nicht happy gewesen wäre, nur: Der Job selbst war zum Vergessen. Bis zu 70 Prozent meiner Gage griffen sich die Agenturen. Mit neunzehn machte ich Schluss. Ließ das Modeln sein und ging zur Bundeswehr. Grundwehrdienst. Das hieß: extrem viel saufen am Arsch der Welt. 15 Kilo zunehmen. Zurück zum Fußball? Unmöglich. Modeln? Hahaha! Ich wollte aber etwas Fixes machen, um in meinem Leben endlich mal etwas zu Ende bringen. Über eine Rostocker Freundin kam ich auf die Idee, nach Berlin zu gehen, zur Schauspielschule. Im Nachhinein betrachtet, war’s eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Dort wurden Sachen wie Atemtechnik als Fach angeboten, auch, wie man auf der Bühne steht oder wie man sich größer macht, als man ist. J a n D e l ay l i e b t M a r s i m ot o
Im Jahr 2006 produzierten wir, als Marsimoto, dann „Halloziehnation“, 30 Songs, im Schnitt 1:20 Minuten. Für viele war das Mickymaus-Mucke, aber ein kleiner Kreis fand das geil, Musikerkollegen vor allem. Und dann, es war wohl im Sommer 2007, bekam ich auf MySpace eine Nachricht mit folgendem Inhalt: „Willst du mit uns auf Tour gehen?“ Geschrieben von Jan Delay, meinem Abgott! Damals war ich daheim in Rostock und lief gleich zu meiner Mutter, die auch fast umkippte. Die ganze Tour dann … ein Traum. Bei
Jan im Nightliner mitfahren. Sofort große Liebe mit der Crew und den ganzen Leuten. Jan ist sowieso einer der lustigsten, nettesten Menschen, die ich kenne. D e r E n g e l vo m A r b e i t sa m t
Anfang 2008 unterschrieb ich meinen Plattenvertrag bei Four Music, gleichzeitig den Verlagsvertrag bei Götz Gottschalk – der war ja regelrecht eine Ikone für mich, weil er Kool Savas oder Curse groß gemacht hat. Mein erster Termin danach war beim Arbeitsamt, genauer gesagt bei meiner Betreuerin Frau Faecke, die in der Zeit vor dem Durchbruch so was wie mein Schutzengel war. Normalerweise bekommt man diverse Jobfindungsmaßnahmen reingewürgt und muss zu Vorstellungs gesprächen im ganzen Land fahren, um überhaupt Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Ich war aber voll mit der Musik beschäftigt und flehte Frau Faecke immer wieder an: „Bitte geben Sie mir Zeit, ich pack das schon.“ Sie glaubte dran! Umso schöner war der Moment, als ich ihr den Plattenvertrag vorlegen und sagen konnte: „Ich bin jetzt raus!“ Ich lud sie und ihren Mann zu meiner ersten großen Show in der Columbiahalle ein, zu der 4000 Leute kamen. Danke, Frau Faecke! W e r b i n i c h ?
2009 versuchten wir herauszufinden, wie Marteria, also ich, ohne Maske und Alter Ego klingen soll. Wir hatten nur ein großes Ziel: den deutschen Hip-Hop zu retten. Klingt total behämmert, aber viele Labels in Deutschland sagten damals: „Leute, mit Hip-Hop schauen nicht mehr als 10.000 verkaufte Platten raus.“ Das war tote Kunst, in den Medien nur als Messerstecher-Wahnsinn dargestellt, schwulen- und frauenfeindlich. Deshalb stiegen viele ehemalige Rapper um und machten zeitweise nur noch Singer-Songwriter-Sachen, Max Herre zum Beispiel. Darauf hatte ich keinen Bock. Ich wollte Hip-Hop wieder cool machen. Und das gelang: Platz sieben der Charts! Und wir wären sogar noch höher gechartet, wenn unsere CDs nicht komplett alle gewesen wären, weil zu wenige in die Plattenläden gestellt wurden. Allein in Berlin dauerte es vier Tage, bis schließlich Nachschub geliefert wurde. www.marteria.com Marterias zweites Album „Zum Glück in die Zukunft II“ erscheint am 31. Jänner auf dem Berliner Label Four Music. www.fourmusic.com
the red bulletin
Credit:
2009