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vertiefung

GESCHICHTE

BESICHTIGUNG

DER NEUE PILGERFÜHRER

Die Grabeskirche


BESICHTIGUNG

Eine fotografische Einführung in die Basilika, reichhaltig illustriert mit Karten, Plänen und 3D-Grafiken

GESCHICHTE

Die Geschichte der Grabeskirche, erzählt von den Dozenten des Studium Biblicum Franciscanum von Jerusalem

VERTIEFUNG

Eine Auswahl von Texten, die den Pilger an das Grab Jesu begleiten können


Herausgeber Raffaella Zardoni Redaktion Carla Benelli Tommaso Saltini Texte Eugenio Alliata (Ordo Fratrum Minorum - OFM) Enrique Bermejo Cabrera (OFM) Virgilio Corbo (OFM) Claudio Bottini (OFM) Lino Cignelli (OFM) Giovanni Loche (OFM) Athanasius Macora (OFM) Alviero Niccacci (OFM) Michele Piccirillo (OFM) Ăœbersetzung aus dem Italienischen Wencke Sabrina Schacht und aus d. Englischen: Werner Mertens OFM Fotos Archiv ATS pro Terra Sancta, Kustodie des Heiligen Landes Umschlag Die Grabeskirche, Jerusalem.


8 DIE BASILIKA DES HEILIGEN GRABES 10 DIE KAPELLEN VON KALVARIA 12 DAS GRAB JESU 14 DIE ROTUNDE 16 GALERIEN UND CHORRUNDGANG 18 DIE UNTEREN KAPELLEN 20 SPUREN DES KONSTANTINISCHEN GEBÄUDEKOMPLEXES 22 LEGENDE

GESCHICHTE 24 Der Garten bei Kalvaria 27 Die konstantinische Epoche 31 Der Umbau durch die Kreuzfahrer 35 Die Franziskaner in der Grabeskirche 37 Die letzte Öffnung des Heiligen Grabes 38 Ein neuer Anfang

vertiefung 41 Der Tod am Kreuz 44 Die Worte Jesu am Kreuz 46 Das neue Grab 53 Die Auferstehung Jesu 57 Liturgie in Jerusalem 59 Der Status Quo 61 DIE Gemeinschaften am Heiligen Grab 64 Informationen

BESICHTIGUNG

BESICHTIGUNG

GESCHICHTE

EINFÜHRUNG

vertiefung

INHALTSVERZEICHNIS


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Jerusalem, die Altstadt


ganzenTempelberg und die Muslime mit dem Felsendom, während die Christen die Via Dolorosa entlanggehen und bei der Grabeskirche zusammenkommen. Sie birgt in ihren Mauern Kalvaria (Golgota), wo Jesus am Kreuz gestorben ist, und das Grab, wo sein Leichnam niedergelegt wurde und von welchem er am dritten Tage auferstand. Obwohl der Ort eine alte fortlaufende Tradition besitzt, ist man als Pilger beim Anblick der Basilika verunsichert, da sie fast ganz zwischen den zahlreichen Vorbauten verschwindet. Sobald man dann in das dunkle Gebäude eingetreten ist, fragt man sich, wie es denn möglich sein kann, dass sich auf solch engem Raum ein Hügel, ein Garten und ein neues Grab befanden. Soll das tatsächlich der Ort sein, der durch Jahrhunderte eine so wichtige Rolle gespielt hat? Während man vor der heruntergekommenen Ädikula wartet und Schlange steht, um in das Grab hineinzukommen, das von den Frauen leer aufgefunden wurde, wiederholt man sich die Worte des Engels: “Er

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in altes orientalisches Sprichwort sagt, dass auch Orte eine Seele haben, und das trifft besonders auf die Altstadt Jerusalems zu. Sie hat für alle Nachkommen Abrahams eine besondere Bedeutung. In den von Menschen überfüllten und von Verkaufständen geprägten engen Gassen identifizieren sich die Juden mit der Klagemauerund mit dem


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Detail der konstantinischen Rotunde

ist nicht hier; er ist auferstanden!” (Matthäus 28, 6). Auf neue Weise hört man die erste mutige Predigt des Pe-trus: “Gott hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.” (Apg 2, 24) Vielleicht ist man als Pilger, wenn man aus dem kleinen Vorraum des Grabes herauskommt, nicht mehr

ganz so sehr durch das Stimmengewirr und das ununterbrochene Blitzen der Kameras und Handys gestört. Jetzt versteht man besser, warum so viele Menschen an diesen Ort kommen, und man beginnt auch zu begreifen, dass diese Steine zwei Jahrtausende nicht unbeschadet überstehen konnten. Seit vielen Jahren erleben die christlichen Pilger, die zur Basi-


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Benedikt XVI., 15. Mai 2009.

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lika kommen, diese Übergange: von der Verstörung wegen des Durcheinanders, der Widersprüche und des heruntergekommenen Zustands der Ädikula – bis hin zu einem tiefen Mitleben der Passion Jesu, des Sohnes Gottes, der aus Liebe zu den Menschen sein Leben hingegeben hat.

enn wir an diesem heiligen Ort stehen und dieses wundersame Ereignis bedenken, wie können wir da nicht „mitten ins Herz“ getroffen sein (Apg 2, 37) wie jene, die als erste die Predigt des Petrus am Pfingsttag hörten? Hier ist Christus gestorben und auferstanden, und er stirbt nicht mehr. Hier wurde die Geschichte der Menschheit entscheidend geändert. Die lange Herrschaft der Sünde und des Todes wurde durch den Sieg des Gehorsams und des Lebens gebrochen; das Holz des Kreuzes hat die Wahrheit über Gut und Böse aufgedeckt; Gottes Gericht erging in der Welt, und die Gnade des Heiligen Geistes wurde über die Menschheit ausgegossen. Hier lehrte uns Christus, der neue Adam, dass das Böse niemals das letzte Wort hat, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass unsere Zukunft und die der ganzen Menschheit in den Händen eines treuen und vorsehenden Gottes liegt. ».


Besichtigung

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Die Basilika des Heiligen Grabes

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ieser heilige Ort ist durch das Blut Christi geweiht worden. Unsere Weihe fügt seiner Heiligkeit nichts hinzu.»

Mit diesen Worten wurden die Pilger im 12. Jahrhundert in die Grabeskirche hineingeführt. Die Restaurierungsarbeiten der Kreuzfahrer haben der Grabeskirche ihr heutiges Erscheinungsbild verliehen. Die erste Gründung des Gebäudekomplexes verdanken wir Kaiser Konstantin. Im Jahr 325 wurden bei den von ihm angeordneten Ausgrabungsarbeiten, die das Ziel hatten, den heidnischen Tempel zu entfernen, das Grab Jesu und die Reliquien seiner Passion wiedergefunden. Der Komplex, den Konstantin errichten ließ, war über das gesamte Areal von Golgatha in unmittelbarer Nähe des Cardo maximus angelegt, der die Stadt von Norden nach Süden durchquerte. Die Spitze von Golgatha blieb unter freiem Himmel, während das Grab, vom Hügel isoliert, von der majestätischen Anastasis-Rotunde eingerahmt wurde. Die konstantinischen Bauten wurden im Jahre 1009 von Sultan Al-Hakim zerstört und im Jahr 1042 von Kaiser Konstantin IX. Monomachos wieder aufgebaut.

Vorplatz

Beginnen wir unsere Besichtigung am südlichen Vorplatz. Die etwas heruntergekommene Fassade der Basilika ist eines der schönsten architektonischen Werke der Kreuzfahrer, das im Heiligen Land erhalten geblieben ist. Eine der beiden Türen ist zu Saladins Zeiten zugemauert worden. Der Glockenturm gibt einen Eindruck von der Grösse der Kirche zu Kreuzfahrerzeiten, auch wenn er heute wegen eines Einsturzes im 16. Jahrhundert und der darauf folgenden Restaurierungsarbeiten nur noch halb so hoch ist.

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Besichtigung

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der Franken B Kapelle Die Treppe rechts neben der Fassade führt zu der Kapelle der Schmerzensmutter, Kapelle der Franken genannt, die ursprünglich direkt zu Kalvaria hinführte. Im Mittelalter konnten die Pilger hier den Ablass empfangen, auch wenn sie kein Geld hatten die Eintrittsteuer zu bezahlen. Unter der Kapelle befindet sich ein Oratorium, das der heiligen Maria von Ägypten geweiht ist.

Salbungsstein

Im Atrium der Basilika liegt der Salbungsstein im Gedenken an die fromme Tat des Nikodemus und des Josef von Arimathäa, die den Leib Jesu für das Begräbnis vorbereitet und gesalbt haben. Das Mosaik an der Trennwand gegenüber zeigt diese Episode. Der Salbungsstein ist mit Kerzenleuchtern und Lampen geschmückt und wird besonders von der Orthodoxen Kirche verehrt.

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Besichtigung

Die Kalvarienkapelle

Kalvarienkapelle

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Steigt man rechts vom Eingang die steile Treppe hinauf, erreicht man den Kalvarienaltar, der sich über dem Fels erhebt, auf dem das Kreuz Jesu aufgerichtet wurde. Durch Glasscheiben hindurch kann man den ursprünglichen Felsen sehen, und die Pilger können ihn durch eine Öffnung unterhalb des Altars berühren. Hier lösten die Pilger ihr Gelübde ein, indem sie ein kleines Holzkreuz, das ihnen in ihrer Heimat zu Beginn ihrer Reise übergeben wurde, auf den Altar legten. Die Kapelle gehört zur Griechisch-orthodoxen Kirche und ist ihrer Tradition entsprechend mit Leuchtern und Kerzen geschmückt.

Rechts vom Atrium befinden sich auf mehreren Ebenen die Kapellen von Golgota. Die Archäologen haben bestätigt, dass dieses Gebiet zur Zeit Jesu ein mit Erde aufgefüllter, verlassener Steinbruch war, der außerhalb der Stadtmauern lag. Diese Angaben entsprechen den Informationen der Evangelien, die von einem Garten sprechen. Kalvaria liegt heute etwa 5 Meter über dem Fussboden der Basilika, während die tiefsten Punkte der Krypta bis zu 9 Meter darunter liegen. Es war also ein sehr zerklüftetes Gebiet, in dem die Vertiefungen in den Felsen hervorragend als Familiengräber genutzt werden konnten.


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Kreuzigungskapelle

Besichtigung

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daneben befindet sich die B Rechts Kapelle der Franziskaner. Der

Altar, aus versilberter Bronze, ist eine Schenkung des Großherzogs der Toskana Ferdinando de’ Medici (1588). Die Dekorationen und die Mosaike über dem Altar wurden im letzten Jahrhundert neu angebracht. Zwischen den beiden Kapellen befindet sich der Altar der Mater Dolorosa. Die Büste der Jungfrau ist eine Schenkung der Königin Maria von Portugal (1778). Der Abstieg führt über eine zweite steile Treppe.

die Adamskapelle. In der Apsis hinter dem Altar kann man durch eine vergrössernde Glasscheibe eine Felsspalte erkennen, die durch das Erdbeben im Moment des Todes Jesu entstanden ist. Der Überlieferung zufolge sollte durch diesen Spalt das Blut Christi zum Grab Adams geflossen sein, um ihn so zu erlösen. Für die ersten Christen lag hier auch der Ursprung des Namens Golgota: Schädelhöhe. Das hat Ikonografen inspiriert, am Fuße des Kreuzes einen Totenschädel, ein Rinnsal aus Blut und oft auch eine Grabeshöhle darzustellen.

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C Adamskapelle Unter dem Kalvarienberg befindet sich


Das Grab Jesu

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B Ädikula Heute befindet sich unter der Kuppel,

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man sich mit dem A Bewegt Strom der Pilger vom Atrium

aus nach Western, kommt man an einen runden Stein, von dem aus die drei Frauen, von denen in den Evangelien berichtet wird, das Begräbnis Jesu beobachtet hatten. Geht man dann, sich rechts haltend, zwischen die beiden massiven Säulen hindurch, kommt man zur Anastasis, oder Rotunde, wo Konstantin ein das Grab Jesu rahmendes Mausoleum erbaut hatte.

im Zentrum der Rotunde, eine Ädikula (lat. aedicula: “kleines Haus” oder “Tempelchen„), die im 19. Jahrhundert errichtet worden war. Aufgrund eines Erdbebens im letzten Jahrhundert mußte im Jahr 1947 ein Baugerüst angebracht werden, um das Gebäude vor weiterem Zerfall zu schützen. Tatsächlich sind dringende Restaurierungsarbeiten notwendig.

Innern der Ädikula befinden sich C Im zwei Räume. Im ersten Raum, der Engelskapelle, wird ein Stück des Steines aufbewahrt, der vor das Grab gerollt worden war und auf dem am Ostermorgen der Engel gesessen hatte.


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Eine niedrige Tür (133 cm) führt in die zweite Kammer. Hier war der Leichnam Jesu nieder gelegt worden. Der Platz ist durch Marmorplatten geschützt. Die Ornamente unterstreichen die Einfachheit dieses Ortes, der das Zentrum unseres Glaubens ist. Hier hat Jesus den Tod besiegt.

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Im hinteren Teil der Ädikula befindet sich die Kapelle der Kopten, die auf die Zeit der Kreuzfahrer zurückgeht.

Besichtigung

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Besichtigung

Die Rotunde oder Anastasis a Rotunde Die Rotunde, auch Anastasis (grie-

chisch: Auferstehung) genannt, befolgt die imposante römische Struktur, die abwechselnd in drei Reihen/Anordnungen Säulen, Kolonnengruppen und große Fenster hat. Heute ist der Chorumgang durch ein Zwischengeschoss in zwei Stockwerke geteilt. Im Zuge der letzten Restaurierung sind die 12

Kolonnen der unteren Reihe wieder in ihre ursprüngliche Form zurückversetzt worden. Die zwei Säulen rechts neben dem Altar der Magdalena sind vermutlich zwei Teile einer einzigen Kolonne, die zum ersten konstantinischen Gebäudekomplex oder zum Adrianstempel gehörten. Die Restaurierungsarbeiten an der Kuppel sind in den 90er Jahren abgeschlossen worden.

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des Josef von Arimathäa b Grab Am Boden der Apsis führt ein Weg in eine

Grabeshöhle, die aus der Zeit von Christus stammt, im 15. Jahrhundert wiederentdeckt wurde und die Josef von Arimathäa zugesprochen wird. Dieser Grabtypus war in Jerusalem weiter verbreitet als Arkosol- oder Nischengräber (um ein solches muss es sich aber laut der Evangelien beim Christus Grab handeln). Das Grab zeigt, dass dieses Gebiet zu Christus’ Zeiten als Grabstätte gedient hatte.


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Altar der Maria Magdalena

Besichtigung

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Der nördliche Bereich der Rotunde gehört den Franziskanern. Rechts neben dem Kolonnengang befindet sich der Altar der Maria von Magdala, der der Erscheinung des Auferstandenen an Maria geweiht ist.

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Kapelle der Erscheinung

Weiter geradeaus die Stufen hinaufgehend betritt man die Sakramentskapelle, oder Kapelle der Erscheinung genannt. Die Kapelle ist der in den Evangelien nicht bezeugten Erscheinung des Herrn an seine Mutter gewidmet. Rechts vom Altar befindet sich der Stumpf einer Säule, die seit Jahrhunderten als Geisselungssäule betrachtet wird.

Chor oder Katholikon

Der Domchor, oder auch Katholikon, gehört den Griechen, die ihn vom Rest des Gebäudes getrennt haben. Während der Restaurierungsarbeiten zur Zeit der Kreuzfahrer sind unter dem Fußboden die Grundmauern der konstantinischen Basilika, Martyrion genannt, gefunden worden. Die Kuppel ist mit Mosaiken im byzantinischen Stil bedeckt gewesen. Die weltliche Vorstellung der allumfassenden Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Christi ist symbolisch durch einen Säulenstumpf aus Marmor unter der Kuppel dargestellt und wird Omphalos oder Nabel der Welt genannt.

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Besichtigung

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Jungfrauenbogen

Folgt man der Galerie, so sind die Schichten der vielen Jahrhunderte offensichtlich. Von den Grundmauern, die von dem ursprünglichen konstantinischen Gebäude stammen, gehen ein byzantinischer Kolonnengang und die Säulen des Querschiffes aus Kreuzfahrerzeiten

ab. An der Mauer kann man noch die Verankerungen der bunten Marmorverkleidung erkennen, die das Innere des Gebäudes schmückten. Fünf Kolonnen sind kleiner und unbearbeitet und bilden den so genannten Jungfrauenbogen, der an die Besuche der Gottesmutter am Grab ihres Sohnes erinnert. Diese Erinnerung geht wohl auf die Kreuzfahrer zurück, die den einzigen Teil des konstantinischen Triporticus erhalten wollten.

Gefängnis Christi

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Ende der Galerie kommt man B Am zu einer schmucklosen Kapelle,

die auf eine Überlieferung aus dem 9. Jahrhundert zurückgehend das Gefängnis Jesu Christi genannt wird. Der Fußboden ist das einzige, was noch aus der konstantinischen Epoche übrig geblieben ist.


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d e f Chorumgang

Galerie und Chorumgang

Folgt man dem Chorumgang aus der Zeit der Kreuzfahrer, so kommt man zu drei Kapellen, die den Momenten der Passion Christi gewidmet sind.

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Besichtigung

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Kapelle des Longinus

In Gedenken an den römischen Soldaten, der mit seinem Speer Christus in die Seite stach und Blut und Wasser der Wunde fließen ließ.

Kapelle der Entkleidung

In Erinnerung an die Entkleidung Jesu Christi.

Kapelle der Schmähungen

Diese Kapelle erinnert an die Schmähungen der Priester und des Volkes an den Gekreuzigten. In der Kapelle wird ein Fragment der Säule aufbewahrt, auf dem Christus, der Überlieferung nach, mit der Dornenkrone gesessen haben soll.

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Besichtigung

Le cappelle inferiori

Die unteren Kapellen

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der heiligen Helena A Kapelle Von dem Chorumgang führt eine Treppe hinunter zu der Kapelle, die der Heiligen

Helena gewidmet ist. Die Wände der Treppe sind mit kleinen Kreuzen übersät, eingraviert im Laufe der letzten Jahrhunderte von armenischen Pilgern als Zeugnis ihrer Verehrung für das Kreuz. Im Jahre 327 kam die Mutter des Kaisers Konstantin als Pilgerin nach Jerusalem und wollte das Heilige Kreuz suchen. Ein Bericht erzählt von dem Fund dreier Kreuze in einer antiken Zisterne zusammen mit Nägeln (von denen einer in der eisernen Krone in Monza eingefasst wurde, ein zweiter befindet sich im Mailänder Dom und ein dritter ist in Rom) und dem titulus, die Inschrift, höchstwahrscheinlich von Pilatus, auf der das Todesurteil in drei Sprachen verfasst wurde (ein Fragment davon befindet sich in der Heilig-Kreuz-Kirche in Rom). Ein Wunder erlaubte es, das Kreuz Jesu Christi zu identifizieren. Die dreischiffige Kapelle mit vier Kolonnen, die die Kuppel tragen, ist Eigentum der Armenier und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Archäologische Quellen und Funde bestätigen, dass schon zur Zeit des konstantinischen Gebäudekomplexes diese Aula benutzt wurde. Von den Wänden hängen, ganz dem armenischen Stil entsprechend, viele Lampen.


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Kapelle der Wiederauffindung des Kreuzes

Besichtigung

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Steigt man die Treppen noch weiter hinunter – zum tiefsten Punkt der Basilika – erreicht man die Felsenkapelle der Wiederauffindung des Kreuzes. Ein Gitter markiert die ursprüngliche Stelle, an der die Reliquien wieder gefunden wurden. Während an den Wänden nur noch schwach Spuren von Fresken aus dem 12. Jahrhundert zu erkennen sind, so erkennt man an der Gewölbedecke die Blockstücke der antiken Felsenhöhle. Der Putz an den Wänden, gemacht aus dem zu Christus’ Zeiten typischen hy-draulischen, mit Asche angereichertem Material, zeigt, dass dieses Untergeschoss zu jeder Zeit als Zisterne genutzt wurde.

nischen Mauer hinter der Apsis der Kapelle der hl. Helena ein Graffito, wahrscheinlich aus dem 2. Jahrhundert, noch vor der konstantinischen Basilika, gefunden. Das Graffito zeigt ein Schiff mit der Inschrift Domine Ivimus, «Herr, wir sind angekommen» und ist bis jetzt das älteste Zeugnis von Pilgern der Grabeskirche. Da dieser Teil den Besuchern nicht frei zugänglich ist, muss man, um das Graffito zu besichtigen, die Armenier fragen.

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C Vartan-Kapelle In den ‘70er Jahren wurde auf einer hadria-


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Spuren des konstantinischen Geb채udekomplexes


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Reste des Einganges des konstantinischen Martyrions sind im Hinterzimmer einer Konditorei westlich des Süqs (Bezeichnung eines arabischen Marktes) sichtbar.

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Von dem Kloster der Kopten aus ist es möglich in die Zisterne hinunter zu steigen. Um Jerusalem mit Wasser zu versorgen, wurden die Gebiete der tiefer gelegenen alten Höhlen als Zisternen wieder benutzt.

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Wo sich das Martyrion erhob, befindet sich heute das Kloster der Äthiopier, das sich aus kleinen Zellen zusammensetzt, das auf dem Dach der Kapelle der Heiligen Helena zu sehen ist.

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Durchquert man zwei der Kapellen, die zum Eigentum der Äthiopier gehören, so erreicht man wieder den südlichen Vorplatz vor dem Eingang der Grabeskirche.

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Sucht man die Spuren des konstantinischen Komplexes in der Umgebung der Grabeskirche, so erhält man eine Vorstellung der Dimensionen des Gebäudes.

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Im russischen Hospiz des Heiligen Alexander sind Reste der Konstruktionen des Konstantintempels und des Hadrianforums gefunden worden.


Besichtigung

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1. Vorplatz 2. Kreuzfahrerturm 3. Kapelle der Franken 4. Eingang 5. Salbungsstein 6. Kreuzigungskapelle 7. Altar der Mater Dolorosa 8. Kalvarienkapelle 9. Adamskapelle 10. Erinnerung an die Drei Marien 11. Rotunde (Anastasis) 12. Ädikula 13. Grab des Josef von Arimathäa 14. Altar der Maria Magdalena 15. Kapelle der Erscheinung 16. Chor oder Katholikon 17. Nabel der Welt 18. Jungfrauenbogen 19. W.C. 20. Gefängnis Christi 21. Kapelle des heiligen Longinus 22. Kapelle der Entkleidung 23. Kapelle der Schmähungen 24. Kapelle der heiligen Helena 25. Kapelle der Wiederauffindung des Kreuzes 26. Vartan-Kapelle

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Besichtigung

Legende

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GESCHICHTE

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Die Passion Jesu Christi, Kupferstich 1629.

Der Garten bei Kalvaria

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eute ist es schwierig sich vorzustellen, wie dieser Teil vor über 2000 Jahren ausgesehen haben mag. Monumente und Bauwerke haben die Gegend, die im ersten Jahrhundert außerhalb Jerusalems lag, radikal verändert. Außerdem müssen wir uns die Veränderungen vor Augen halten, unter denen die ganze Stadt in den Jahrhunderten zu leiden hatte, ohne zu vergessen, dass sie seit dem vierten Jahrhundert Brennpunkt in der Geschichte des Heiligen Landes und Grund vieler und lang andauernder Kriege ist. Was aber spricht dafür, daß sich hier die Kreuzigung,

die Grablegung und die Auferstehung des Jesus von Nazareth ereignet haben. Wir müssen uns vor allem wieder ins Gedächtnis rufen, was die Evangelisten uns an Hinweisen zum Ort der Kreuzigung, des Begräbnisses und der Auferstehung des Herrn geben, wenn wir eine klare Vorstellung von der Umgebung bekommen wollen. Die Evangelisten nennen diesen Ort Schädelstätte (Golgota auf Aramäisch, kraniou topos auf griechisch, calvariae locus in Latein). Der Begriff “Berg” wird bis zum vierten Jahrhundert nicht gebraucht, da, mit Ausnahme des Kreuzigungsberges, nur eine circa


Von der Grabeshöhle zum Garten Heute sind wir, dank der archäologischen Forschung, in der Lage, eine konkretere Vorstellung von der Topografie des Kalvarienberges zu bekommen. Die Restaurateure von 1961 machten einige archäologische Aushube an diversen Stellen der Basilika. Dank dieser Gruben lässt sich jetzt mit Sicherheit sagen, dass dieses Gebiet zwischen dem achten und ersten Jahrhundert vor Christus als Höhlengräber genutzt wurde. Die Gegend um die Höhle aus dem typischen, weißen Jerusalemer Kalkstein (Meleke), von der Christian Quarter Road bis zur Khan ezZeit (Sūq), zeigt viele, von Höhlengräbern gehauene Einschnitte im Felsen; Überreste der Blöcke, die von den Höhlengräbern herausgeschlagen wurden, sind noch in der Kapelle der Wiederauffindung des Kreuzes sichtbar. Die Höhle wurde im ersten Jahrhundert vor Christus verlassen und wurde als kleiner Garten genutzt, während man in die fel-

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aus den Überlieferungen der Evangelisten, dass es sich bei dem Grab um ein Arkosol- oder Nischengrab handeln müsse: „Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten“ (Joh 20, 11-12).

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6 Meter hohe Erhebung bleibt. In den Evangelien wird Golgota lediglich als Stätte bezeichnet: «Und sie brachten Jesus an einen Ort namens Golgota, das heißt übersetzt: Schädelhöhe (Mk 15,22). “Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe, die auf hebräisch Golgota heißt“ (Joh 19,17). Der Ort, der Golgota genannt wird, bezeichnet sowohl die Stelle, an der das Kreuz stand, als auch den Garten: „An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten“ (Joh 19,41). Der Golgota war außerhalb der Stadt, aber dennoch nahe genug, um den Passanten zu ermöglichen das Todesurteil von Pilatus zu lesen und sich am Kreuz zu versammeln: „Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefaßt (Joh 19,20). Im Garten war ein neues Grab in den Fels gehauen: „An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war“(Joh 19,41). Das Grab, in das der Leichnam Jesu bestattet wurde, gehörte Josef aus Arimathäa: „Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch“ (Mt 27,59). Der Grabeseingang wurde mit einem Stein verschlossen: «[Josef aus Arimathäa] wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg“ (Mt 27,60). Was die Grabkammer betrifft, so schlossen einige Wissenschaftler


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sigen Wände Nischengräber schlug. Ein Höhlengrab – so genannt von Josef aus Arimathäa - können wir heute noch hinter dem syrischen Altar sehen; seine Präsenz beweist, dass dieses Gebiet im ersten Jahrhundert noch außerhalb Jerusalems lag, da die jüdische Religion eine Bestattung innerhalb der Stadt nicht erlaubt. Die archäologischen Daten zeigen, dass das Grab Jesu Christi in einen isolierten Pfeiler dieser Höhle gegraben wurde. Das Grab besaß eine niedrige Öffnung; um sie zu passieren musste man sich fast hinknien. Nach dem engen Eingang kommt man in ein Vestibül, das in die Grabkammer führt. Hier war nur eine einzige Bank auf der rechten Seite vom Eingang vorhanden. Möglicherweise wollte Josef von Arimathäa in seinem Familiengrab noch weitere zwei Bänke an der westlichen und südlichen Seite anlegen, aber die Geschehnisse in der Heiligen Woche haben seine Pläne zunichte gemacht. Der Bau der neuen Mauer von Agrippa schloss dieses Gebiet in das städtische Gebiet ein. Die Christen feierten an den heiligen Orten von Jerusalem das Gedenken an die großen Ereignisse. Aufgrund der Unruhen, die von der ersten jüdischen Revolution ausging, flohen die Christen von Jerusalem nach Pella, östlich des Jordangrabens. Die Rebellion endete in einem Blutbad. Die zehnte römische Legion in Palästina griff beim Ausbruch der zweiten jüdischen Revolte, angestiftet durch Simon bar Kochba, erneut ein und endete

mit einer absoluten Niederlage Palästinas und der Vertreibung der Juden (Diaspora). Jerusalem unterlag erneut einer totalen Umstrukturierung.

Aelia Capitolina Um ein Wiederaufleben des jüdischen Nationalismus zu verhindern, gründete Kaiser Hadrian eine neue Stadt, Aelia Capitolina – Aelia zu seinen Ehren (sein Name und sein Geschlecht war Aelius) weil es ein Kapitol haben sollte, um die römischen Götter zu ehren – wo jedes Gedächtnis an die jüdische und christliche Präsenz ausgelöscht werden sollte (die Römer unterschieden nicht zwischen den beiden Religionen). Das Gebiet um Golgota, im Zentrum von Aelia, verschwand unter den neuen Monumentalbauten, aber eine nicht-jüdische, christliche Gemeinde blieb in der Stadt und erhielt die Erinnerung an die Orte. Der Heilige Hieronymus schrieb im Jahre 395: „Von der Zeit Hadrians bis zur Herrschaft Konstantins, eine Periode von ca. 180 Jahren, stand an dem Ort der Auferstehung eine Statue des Jupiter, während eine Marmorstatue der Venus von den Heiden auf den Felsen des Kreuzes gestellt und ein Objekt der Verehrung wurde. Die Urheber dieser Verfolgung dachten, dass sie durch die Entweihung der Heiligen Stätten mit Götzenbildern unseren Glauben an die Auferstehung und das Kreuz auslöschen könnten.“


Die konstantinische Epoche

Jerusalem und das Heilige Grab auf dem Mosaik von Madaba

GESCHICHTE

Auffassung, dass die dort gefundenen christlichen Inschriften auf das Grab hinweisen. Im Jahre 333 notierte ein Pilger aus Bordeaux, er habe in Jerusalem einen Hügel namens Golgota gesehen und “einen Steinwurf entfernt” den Ort, an dem Jesus begraben wurde. Nachdem das Grab wieder gefunden wurde, begannen die Architekten Konstantins ein neues Projekt, was auch ein Mausoleum einschloss, das das Grab Christi schützen und lobpreisen sollte. Um den imposanten Gebäudekomplex zu errichten, wurde zuletzt der Felsenrücken des Grabes (auch “Neuer Zionsberg”) nach Nord-West verschoben. So verlor das Grab, komplett isoliert von der Höhle, nicht nur dem äußeren Anschein nach den Aspekt einer Grotte, sondern auch den Namen “Grabeshöhle”, da auf dem Grab eine Ädikula – ein Tempelchen – im Zentrum des großartigen Mausoleums der Anastasis errichtet wurde. Es ist bis heute das einzige christlich-römische Mausoleum geblieben. Die Spitze des Kalvarienbergs, später abgetragen, lag unter freiem Himmel, eingerahmt durch eine Säulenhalle (der Triporticus, wegen

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m Jahre 325 wandte sich der Bischof von Jerusalem, Makarios, an Kaiser Konstantin und bekam den Auftrag die heidnischen Tempel zu zerstören, die an den heiligen Orten errichtet worden waren. Während der Räumungsund Grabungsarbeiten, um an das von Hadrian zugeschüttete Areal zu gelangen, wurde das Grab Jesu Christi wieder gefunden. Eusebius beschreibt den überraschenden Fund: “Nach und nach wurde der Untergrund des Ortes entdeckt, und entgegen aller Erwartung wurde das verehrte und überaus heilige Zeugnis der Auferstehung des Erlösers offengelegt, und diese heiligste Höhle selbst stellte eine getreue Ähnlichkeit mit der Rückkehr des Erlösers in das Leben dar. Doch, nachdem er in Dunkelheit begraben worden war, kam der Ort erneut ans Licht und stellte für alle, die kamen, um dies zu sehen, einen klaren und sichtbaren Beweis der Wunder dar, die dort geschehen waren, indem sie lauter als irgendeine Stimme die Auferstehung des Erlösers bezeugte.” Der überraschte Ton zeigt, dass dieser Fund nicht vorhersehbar war. Vielleicht war nur die Lage des Kalvarienbergs überliefert, während der Gipfel zu hoch war, um eingeebnet zu werden. Eusebius überliefert nicht, woran genau man das Grab Christi identifizierte; einige sind der


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1. Mausoleum der Anastasis 2. Ädikula über dem Grab 3. Triporticus (dreifacher Säulengang) 4 Spitze des Kalvarienbergs 5. Martyriums-Basilika 6. Zisterne der Wiederauffindung des Kreuzes 7. Östliches Atrium 8. Hauptachse seiner drei Hallen) im Schutz der so genannten Martyriums-Basilika, die, wie die Pilgerin Egeria erinnert, den Namen wegen des GolgotaHügels bekam: «Die größte Kirche heißt Martyrium, weil sie am Golgota liegt, hinter dem Kreuz, wo der

Herr die Passion litt». Das großartige Mausoleum der Anastasis wurde 336 eingeweiht (Grundriss und generelle Baubestimmungen sind heute noch kenntlich). Der äußere Umfang, die immense Konche, war durchbrochen


GESCHICHTE

Der konstantinische Komplex

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von acht Portalen und ebenso vielen zum Himmel gerichteten Fenstern; im Innern wechselten sich Kolonnen mit Säulen ab um die Galerie zu stützen, die von einer Kuppel mit oculus gekrönt war. Neben dem einfallenden Lichtstrahl, der durch die

Kuppel kam, bildete das Licht, das durch die großen, mit feinen Ornamenten gestalteten Fenster fiel, die schönste Dekoration der Aedikula, die über dem Grab der Herrn stand. Im Innern wollte Konstantin kein Dekor, damit nichts von dem Fel-

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sen, dem Zeugnis der Auferstehung Christi, ablenken konnte. Der gesamte Komplex, von dem orientalischen Atrium bis zur Hauptachse der Anastasis, bildete eine 150 Meter lange Achse auf dem Areal des hadrianischen Forums. Die Kirche von Jerusalem trug dafür Sorge, wie uns die Schriften der Pilger überliefern. Im Jahr 1896 ist unter dem Fußboden einer Basilika in Madaba, ist ein Mosaik aus dem 6. Jahrhundert gefunden worden, das eine Karte des Territoriums zwischen dem Libanon und Ägypten zeigt. Die Stadt Jerusalem dominiert das großartige Mosaik und die Gebäude der Grabeskirche liegen in dessen Zentrum.

Die persische Invasion Der Glanz der konstantinischen Gebäude hielt drei Jahrhunderte an. Am 20. Mai 614 wurde Jerusalem erobert und von dem persischen Heer eingenommen und verwüstet. Dank eines Edikts von 622 begann Abt Modesto mit einfachen Rekonstruktionen der Grabeskirche unter Zuhilfenahme der christlichen Gemeinden. Eine der Neuerungen, die im Zuge der Restaurierung entstand, war die Überdachung des Kalvarienberges. Im Jahre 638 eroberten die Araber Palästina. Der Kalif Omar nahm friedlich die Stadt Jerusalem in seinen Besitz, besichtigte die Grabeskirche, betete jedoch nicht ihn ihr, um nicht den Anlaß zu geben, den Komplex in eine

Moschee umzuwandeln; er legte aber seinen Mantel im östlichen Atrium des Martyrions ab und widmete sich dem persönlichen Gebet der Muslime. Die Christen verloren daher prinzipiell das Zutrittsrecht zur Basilika. Im Lauf der Jahrhunderte wurde die arabische Dominanz feindseliger. Zu Beginn des 9. Jahrhunderts wurde die Kuppel der Anastasis von einem gewaltigen Erdbeben zerstört. Die Basilika wurde in den Jahren 841, 938 und nochmals 966 in Brand gesteckt.

Die Zerstörung unter al-Hakim Am 25. August 1009 befahl der Kalif al-Hakim die Grabeskirche bis auf die Grundmauern zu zerstören und so das Wahrzeichen zu vernichten, dass keine Spur übrig bliebe. Den Christen war es verboten worden, die Grabeskirche zu besuchen und in ihren Ruinen zu beten. Im Jahre 1014 begann die Mutter von al-Hakim, eine Christin, mit der Rekonstruktion des Tempels, der von ihrem Sohn zerstört wurde. Unter der Herrschaft des Kaisers Konstantin IX. Monomachos von Byzanz erlaubte es ein Friedensvertrag mit Konstantinopel im Jahre 1021, mit den Restaurierungsarbeiten zu beginnen. Da es unmöglich war den ganzen Komplex zu rekonstruieren, wurde die Rotunde und die Kapelle zum Gedenken an die Passion restauriert und der Triporti-


Der Umbau durch die Kreuzfahrer

GESCHICHTE

pel der Kirche ist nicht durch ein Steingewölbe geschlossen, sondern durch Holzbalken, die miteinander verschlungen sind. Die Kirche hat gleichsam eine Öffnung zur Höhe. Das Heilige Grab befindet sich unter dieser geöffneten Kuppel.“ In den gleichen Jahren verschlimmerte sich der Streit über die Lehren und die Politik zwischen Rom und Byzanz, sodass es zur Spaltung von der Ostkirche kam: diese Teilung zwischen Katholiken und Orthodoxen hält bis heute an.

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ie Kreuzfahrer eroberten Jerusalem am 15. Juli 1099. Ihre Intention war es, die Grabeskirche wieder in ihrem alten Glanz erstrahlen zu lassen. Von den Kreuzfahrern stammt die Idee, die auf dem gesamten Areal verstreuten Heiligtümer und Kapellen durch den Bau einer Basilika im romanischen Stil in der Nähe des konstantinischen Triporticus zusammenzufassen. Ein Triumphbogen verbindet die Rotunde mit der neuen Kirche, die begrenzt wurde durch die Kolonnen und Säulengänge, aus-

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cus sowie die Martyriums-Basilika vernachlässigt. Die Rotunde wurde mit Mosaiken bereichert. Der russische Abt Daniel, der Jerusalem vor den Kreuzzügen besuchte, hat uns folgende Beschreibung hinterlassen: „Die Kirche der Auferstehung hat die Form eines Kreises und ist auf zwölf monolithischen Säulen und auf sechs Pfeilern gestützt. Der Fußboden besteht aus sehr schönen Marmorplatten. Lebensnahe Mosaike mit den heiligen Propheten befinden sich unter der Decke und auf der Tribüne. Die Kup-


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gestattet mit einer Galerie im oberen Geschoss und umgeben von einem Chorumgang im unteren Bereich. Im Osten wurde das Gebäude durch die Oratorien begrenzt, die zur Erinnerung an die einzelnen Stationen der Passion gebaut wurden und sich zum Chorumgang hin öffneten. Von dem Chorumgang aus führte eine

Treppe in die Kirche der heiligen Helena und in die Krypta der Wiederauffindung des Kreuzes hinab. Mit dem Verlust des Atriums auf der Hauptachse war eine neue monumentale Fassade von Nöten, die auf dem südlichen Hof realisiert wurde. Um den Vorplatz auszuschmücken, wurde im nordwestlichen Winkel


Die Basilika der Kreuzfahrer 6. Kapelle der Wiederauffindung des Kreuzes 7. Neuer Eingang 8. Kapelle der Franken 9. Südlicher Vorplatz 10. Glockenturm

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1. Kuppel der Rotunde 2. Aedikula auf dem Grab 3. Kuppel der Kreuzfahrer 4. Kalvarienkapelle 5. Kapelle der heiligen Helena

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zum 50. Jahrestag der Eroberung Jerusalems. Die Basilika wurde der lateinischen Hierarchie unterstellt.

Der Niedergang Im Jahre 1187 wurde Jerusalem von Saladin zurückerobert und die Grabeskirche geschlossen. Dank eines

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ein imposanter, fünfstöckiger Glockenturm errichtet. Auf der Fassade wurde mit der Kapelle der Betrübten ein unabhängiger, monumentaler Eingang zum Kalvarienberg gebaut. Des Weiteren wurde die Kirche weiterhin mit Mosaiken ausgeschmückt. Die neue Basilika wurde am 15. Juli 1149 eingeweiht


GESCHICHTE

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Kreuzfahrerkapitelle an der Fassade.

Abkommens mit dem Kaiser Konstantin wurde eine griechische Hierarchie eingeführt. Den Katholiken, Franken oder Lateiner genannt, wurde eine kurze Schonfrist zugestanden, um dann erneut während der grausamen Invasion der Choresmier 1244 entfernt zu werden, als die Christen überfallen und nieder geschlachtet worden sind und die Basilika nochmals schwer beschädigt wurde. Der Pilger Thietmar schrieb 1217, dass die Grabeskirche und die Orte der Passion «immer geschlossen sind, ohne Gottesdienste und ohne Weihung und nur manchmal gegen Geld für die Pilger geöffnet werden». Wegen der Proteste der christlichen Welt entschuldigte sich der Sultan bei Papst Innozenz IV. und erklärte die Verwüstung für unverantwortlich. Er versicherte, dass nach den Reparaturen der Schäden die Schlüssel zwei muslimischen Familien anvertraut werden, damit sie die Basilika für Pilger aufschlössen (was sich bis heute nicht geändert hat). Die Pilger wurden, nachdem sie Eintrittssteuer gezahlt hatten, in die Basilika geführt

und erreichten einen Ort sowie einen speziellen Altar, wo sie – auch über mehrere Tage - an Zeremonien in ihrer Muttersprache teilnehmen konnten. Zu dieser Zeit kamen ganze christliche Kolonien von Mesopotamien, Ägypten, Armenien, Äthiopien, Syrien, Griechenland und Georgien, um sich in Jerusalem niederzulassen. Die georgische Königin Tamara setzte für ihre Gemeinde eine Befreiung von der Steuer durch sowie die Erlaubnis in der Kirche zu leben. Die Mönche erhielten Essen und Spenden über neu angelegte Öffnungen in der Tür der Basilika. Das Heiligtum verfiel teilweise. Da die westlichen Herrscher die Möglichkeit verloren hatten, mit Waffen die Heiligen Orte zurück zu gewinnen, versuchten sie, sich mit dem Sultan zu arrangieren, um die katholischen Gottesdienste zu sichern und Pilgern zu helfen. Großen Erfolg hatten die Könige von Neapel, die im Jahre 1333 eine Residenz für die Lateiner in Jerusalem erhielten.


Die Franziskaner in der Grabeskirche

Der heilige Franz von Assisi (er)hält die Aedikula der Grabeskirche, Kupferstich von 1724.

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GESCHICHTE

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m Jahr 1342 bestätigte Papst Clemens VI. die Franziskaner, die im Heiligen Land seit dem Jahr 1335 waren, als offizielle Hüter der Heiligen Stätten. Seit dieser Zeit besitzen die Franziskaner die Kapelle der Erscheinungen des auferstandenen Jesus vor seiner Mutter. Pater Niccolò da Poggibonsi, der das Heilige Land zwischen 1346 und 1350 besuchte, schrieb nach einem Besuch in der Grabeskirche: „Am Altar der hl. Maria Magdalena halten die Franziskaner Gottesdienst, nämlich die Minderbrüder, die zu uns gehören, lateinische Christen; denn in Jerusalem und überall anderswo – in Syrien, in Israel, in Arabien und in Ägypten – gibt es keine Kleriker, Priester oder Mönche außer den Minderbrüdern, und diese werden Lateinische Christen genannt.“ Der russische Archimandrit Grethenius erwähnt die Tatsache, dass innerhalb der Kirche, die während des Jahres geschlossen ist, ausser für die Osterfeiern und für die Pilger, ständig ein Grieche, ein Georgier, ein Franke (d.i. ein Minderbruder) und ein Äthiopischer Priester anwesend ist. Es war eine relativ ruhige Zeit: die verschiedenen Konfessionen, die in der Grabeskirche ansässig waren, konnten gemeinsam die Gottesdienste der Heiligen Woche feiern, einschließlich der Prozessionen am Palmsonntag.


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GESCHICHTE

Unter osmanischer Herrschaft 1517 verschiebt sich das Zentrum der Macht der islamischen Welt von der mamelukischen Dynastie in Ägypten zu den türkischen Ottomanen. Der Sultan, der seinen Amtssitz nun wieder in Konstantinopel hatte, bevorzugte die griechisch-orthodoxe Kirche und trieb so die Spaltung zwischen den Griechen und Lateinern voran. Bei einem Erdbeben 1545 fiel der Glockenturm teilweise zusammen. Geld und Hofintrigen verwandelten die Grabeskirche zu einer Trophäe des meinst Bietenden. Zwischen 1630 und 1637 wechselten einige Teile der Basilika bis zu sechs Mal den Besitzer. Im Jahr 1644 verließen die Georgier, die die Steuer nicht zahlen konnten, die Basilika und, etwas später, auch die Abessinier. Den Franziskanern ist es gelungen, die verlassenen Räume der anderen Konfessionen zu erwerben. 1719 begannen die Franziskaner, nach langen Verhandlungen, die Kuppel der Anastasis zu restaurieren. Die Kuppel und der Giebel wurden mit Zierfenstern versehen und dabei leider zerstörte Mosaike entfernt. Die Armenier erneuerten die Treppe zur Kapelle der heiligen Helena, und die Griechen rissen die baufälligen Stockwerke des Glockenturms ab. Die Aedikula wurde 1728 restauriert. Ein Dekret des Sultans von 1757 schrieb den Griechen die Basilika von Bethlehem, das Grab der Jungfrau und, zusammen mit den Lateinern, einige Teile der Grabeskirche als Eigentum zu. Seitdem sind keine größeren Veränderungen in der Aufteilung der heiligen Orte gemacht worden.

Die letzte Öffnung des Heiligen Grabes

I

m Jahre 1555 erhielt Bonifatius von Ragusa, der Kustos des Heiligen Landes, die Erlaubnis, einige Restaurierungsarbeiten durchzuführen und eine neue Aedikula zu errichten. Es handelte sich dabei um eine wichtige Restaurierung, und daher hinterliessen die Franziskaner eine detaillierte Beschreibung der gemachten Arbeiten. Es war das erste Mal seit 1009, dass die Grabbank, auf der der Leichnam des Heilands ruhte, aufgedeckt wurde. Bonifatius beschreibt die Geschehnisse in einem Brief.

Die Ädikula, rekonstruiert von Pater Bonifazius nach einem antiken Kupferstich.


Gemisch von geheiligtem Blut des Herrn Jesus und der Salbe, mit welcher er für das Begräbnis gesalbt worden war, und wo Licht wie die Sonne in allen Richtungen glänzte, wurde uns geöffnet und von uns verehrt, zusammen mit allen Anwesenden, mit geistlicher Freude und mit Tränen. Im Zentrum dieser Heiligen Stätten fanden wir ein Holzstück, das dort abgelegt worden war, eingehüllt in ein kostbares Tuch. Sobald wir es ehrfürchtig in unseren Händen gehalten und mit Hingabe geküsst hatten, verschwand das Tuch aus unseren Händen beim ersten Kontakt mit der Luft, indem es nur etwas von den goldenen Fäden zurückliess. Auf diesem wertvollen Stück Holz gab es verschiedene Inschriften, aber sie waren mit dem Alter so sehr verdorben, dass nicht ein einziger vollständiger Satz erkannt werden konnte, obwohl am Beginn eines solchen die folgenden Worte in lateinischen Grossbuchstaben gelesen werden konnten: HELANA MAGNI...“

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s erschien ganz klar vor unseren Augen das Grab des Herrn, das aus dem Felsen gehauen worden war, in dem Bilder von zwei Engeln gesehen werden konnten; eines trug eine Inschrift, die besagte: „Er ist auferstanden! Er ist nicht hier“, während das andere auf das Grab hinwies und sagte: „Hier ist der Ort, wohin sie ihn gelegt haben.“ Die Bilder dieser Engel verschwanden, sobald sie in Kontakt mit der Luft kamen, fast vollständig. Als wir, weil zwingend notwendig, eine der Alabasterplatten entfernen mussten, die das Grab bedeckten und die dort von der heiligen Helena angebracht worden waren, damit an diesem Ort das heilige Mysterium der Messe gefeiert werden konnte, da erschien vor uns jener erhabene Ort, an dem für drei Tage der Menschensohn geruht hatte; wie bei fast geöffneten Himmeln erschien es uns und allen, die mit uns anwesend waren (ut plane coelos apertos videre tunc nobis, et illis, qui noviscum aderant omnibus videremur). Der Ort, der getränkt war mit einem

GESCHICHTE

Sub Paulo Quarto, et Carolo Quinto Imperatore invinctissimo, anno a Christo nato millesimo quingentesimo quinquagesimo quinto, XXVII Augusti, hora XVI


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GESCHICHTE

Die Grabeskirche, Kupferstich von 1728

Ein neuer Anfang

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m Jahr 1808 richtete ein schwerer Brand bedeutende Schäden in der Grabeskirche an. Die Erlaubnis für die Durchführung der Renovierungen erhielt Russland im Namen der orthodoxen Kirche. Die Arbeiten, die von Komnenos aus Mytilini geleitet wurden, waren wichtig: die Aedikula auf dem Grab erhielt ihr orientalisches Aussehen, in der Rotunde wurden die Kolonnen in den massiven Säulenumgang eingefügt, die Galerie im Erdgeschoss wurde unterteilt und Zwischengeschosse eingefügt und der Chor, von hohen Zwischenwänden umschlossen, nahm den seitlichen Schiffen und dem Chorumgang das Licht. Die Treppe zum Kalvarienberg wurde neu errichtet unter der

Beseitigung der Grabesmonumente von Gottfried von Bouillon und von Balduin I., und es wurden grundsätzlich alle Hinweise der Lateiner sowie aus Kreuzfahrerzeit entfernt. Ein starkes Erdbeben 1867 beschädigte die Kuppel der Anastasis, die aus einer Metallstruktur errichtet wurde. Ein weiteres Erdbeben erschütterte Palästina im Jahr 1927. Die englische Mandatsregierung, die Palästina verwaltete, stärkte 1934 die Basilika mit Gerüsten und Gittern aus Holz und Eisen, die das Gebäude komplett entstellten. Die Kuppel war unter dem enormen Gerüst nicht mehr zu sehen. 1954 legten die drei grössten Konfessionen, das griechisch-orthodoxe Patriarchat, die franziskanische


Kustodie des Heiligen Landes und das armenisch-orthodoxe Patriarchat der jordanischen Regierung ein gemeinschaftliches Gesuch vor, um die notwendigen Reparaturen an der Fassade, am Querschiff und an der Kuppel der Rotunde durchführen zu können. Die Arbeiten begannen 1961. Am 2. Januar 1997 ist die neue Kuppel der Anastasis eingeweiht worden. Die Verzierung an der Kuppel zeigt 12 goldene Strahlen, die die 12 Apostel darstellen. Jeder der Strahlen teilt sich in drei Lichtpunkte, die die Trinität symbolisieren. Das Licht entspringt am Grund perlmuttartig und steigt langsam zu den Sternen auf. Dieser Darstellung liegt die biblische Beschreibung zu Grunde, dass

die Anwesenheit Gottes von einer Wolke aus Licht abegleitet wurde. Unter dem Licht, das von der transparenten Laterne der Kuppel aus einfällt, ist der prekäre Zustand der Aedikula augenfällig, die noch immer von Metallgerüsten umgeben ist, um einen Einsturz unter dem großen Gewicht zu verhindern. Es erfordert die Einigkeit unter den Konfessionen und den Mut sowie die Kraft, um sich den großen Restaurierungsarbeiten an der Aedikula zu stellen. Es wäre unverantwortlich, diese Arbeiten in einem Gebiet, das immer wieder von Erdbeben heimgesucht wird, noch weiter aufzuschieben. Wohl wissend, dass heute der Verfall der Grabeskirche weder den Persern noch al-Hakim zugeschoben werden kann.

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Paul VI. bei einem Besuch beim griechisch-orthodoxen Patriarchen Benedictos am 4. Januar 1964.

GESCHICHTE

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s ist sehr symbolträchtig, dass – trotz der Last der Geschichte und der zahlreichen Schwierigkeiten – die Christen, die unglücklicherweise getrennt sind, zusammenarbeiten, um dieses Heiligtum zu erneuern, das sie selbst in Eintracht gebaut haben, während ihre Trennungen es erlaubten, dass es verfiel.“


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vertiefung

Kalvarienaltar


Der Tod am Kreuz

Konzentrieren wir uns auf den Kalvarienberg, auf dem der Grundstein der Basilika aus Kreuzfahrerzeiten gelegt worden ist. In ihm ist ein Teil des schmerzhaften und verdienstvollen Ostermysteriums erhalten: die Kreuzigung und der Tod Christi, der neue Adam und unsere Bestimmung der Errettung und des Ruhmes. Den Sinn und die Botschaft des Kalvarienbergs können wir nur dem Wort Gottes entnehmen, ohne das wir nichts wüssten und nichts als Nebel und Chaos sehen würden. Name und Standort “Kalvaria” ist eine Entlehnung aus dem Lateinischen. Es ist eine Übersetzung des hebräischen Begriffs „Golgota“, was Schädel bedeutet. Diese Benennung verschuldet die antike Höhle aus zerklüfteten Felsen seinem Äußeren, wenn man sie von der Seite aus betrachtet. Heute befindet sich Kalvaria innerhalb der Mauern der Jerusalemer Altstadt. Zur Zeit der Kreuzigung Jesu war die „Schädelhöhe, die

Das Kreuz Jesus starb am Kreuz, das er selber hat tragen müssen mit Hilfe eines gewissen Simon von Zyrene, Symbol des Jüngers, der Jesus das Kreuz nachträgt. Ein Kreuz war ein Galgen mit zwei im rechten Winkel zueinander liegenden Balken. Im 2. Jahrhundert beschrieb der heilige Irenäus von Lyon die Bedeutung des Kreuzes: “Das Fleisch gewordene Wort, aufgehängt am Kreuz, um uns zu erlösen und uns Leben zu geben, hat die zwei Völker zusammengebracht, Juden und Heiden, durch die Ausbreitung der Arme. Es gab zwei Arme, weil es zwei Völker gab, zerstreut bis an die Enden der Erde, aber im Zentrum gab es nur ein Haupt.”

vertiefung

DER KALVARIENBERG

auf Hebräisch Golgota heißt“ (Joh 19,17) außerhalb der Heiligen Stadt. Das bezeugt der Evangelist Johannes, indem er angibt, dass der Platz „nahe bei der Stadt lag“ (Joh 19,20). Auch der Autor des Hebräerbriefes, der eine theologische Erklärung für die Hinrichtung außerhalb der Stadt gibt, schreibt: „Deshalb hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten. Lasst uns also zu ihm vor das Lager hinaus ziehen und seine Schmach auf uns nehmen.Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt, sondern wir suchen die künftige“ (Hebr 13,12-14).

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erusalem hat für die Christen ein Herz: die Kirche mit Kalvaria und dem Grab Christi, Gedenkstätten der letzten Momente des irdischen Lebens Gottes, der für uns Mensch geworden ist, um uns zu retten, der gestorben ist und am dritten Tage auferstand, gemäss den Schriften.


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vertiefung

Der Tod am Kreuz, in den unser Herr aus Liebe zu uns gegangen ist, war laut des Geschichtsschreibers Eutychius der schlimmste aller Tode. Daran erinnert auch die heilige Klara von Assisi: “Betrachte die unaussprechliche Liebe, mit der er am Galgen des Kreuzes leiden wollte, wo er den Tod auf sich nahm, der schändlicher ist als irgend ein anderer.” Die Uhrzeit Jesus wurde gegen Mittag gekreuzigt und verstarb um drei Uhr am Nachmittag. Es war ein Freitag vor dem Pessachfest [jüdisches Fest zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten], der 13. Nisan [7. Monat im jüdischen Kalender], wahrscheinlich der 7. April 30. Zu jener Stunde, zu der im jüdischen Ritual alles stillzustehen hat und man sich in die Häuser zurückzog, um die Matzen [ungesäuertes Brot] für das Pessachfest vorzubereiten. Für das Neue Testament wurde dieser Ritus Symbol für das christliche Wunder: mit der Kreuzigung Jesu, unserem Ostern, begann eine neue und ewige Verbindung zwischen Gott und der gesamten Menschheit. Der Ort Der Kalvarienberg ist der Altar der Welt. Jesus Christus ist zugleich Priester und Opfergabe, durch den das Wunder der Auferstehung geschieht. Alles auf dem Kalvarienberg kreist um den Gekreuzigten, den Herren der Natur und der Geschichte. Alles und alle versammeln sich um ihn : die Mutter, die Klageweiber, Johannes, die Hen-

ker, alle Anwesenden, die gesamte Menschheit und ganze Schöpfung. Wir sind nun in der Fülle der Zeit. Das Kreuz ist der Thron des siegreichen Christus über alle Mächte des Bösen : «Regnavit a ligno Deus» – Gott hat vom Holz herab regiert – singt die Liturgie, Echo der Schriften und der Kirchenväter. Sein Sieg ist unser Sieg. Lasst uns die Wahl treffen, die der gute Schächer getroffen hat. Lasst uns auf den Gekreuzigten schauen, wie er es getan hat, mit Demut und Vertrauen, und wir werden dazu kommen, dass wir uns der Macht seiner Liebe übergeben, indem wir ihn lieben und indem wir seine Hilfe anrufen. So werden wir gerettet werden.

DIE VERANTWORTUNG FÜR DEN TOD JESU Der Tod Jesu wurde während des Prozesses des Hohen Rates angeordnet und der Entscheidung des römischen Präfekten Pontius Pilatus überantwortet. Indirekt sind die Schuldtragenden an diesem Tod alle Sünder, das heißt die gesamte Menschheit, weil alle sich versündigt haben; jeder ist mit einer Schuld beladen. Jeder, wie auch die, die damals anwesend waren, sollte sich an die Brust klopfen und seinen Blick zu dem richten, den wir ans Kreuz geschlagen haben. Der Tod Jesu hat noch einen anderen Grund, einen, der noch tiefer und entscheidender ist als die vorigen: es ist die barmherzige Liebe Gottvaters, eine Liebe die kein Warum kennt und zugleich das Warum von allem ist. Gott hat die sündige Menschheit aus


BEDEUTUNG DES TODES CHRISTI „Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, dass ihr seinen Fuss-Spuren folgen sollt. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, so dass wir, frei von der Sünde, leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt“ (vgl. 1 Petr 2,21.24). Der Tod des gekreu-

zigten Christus gibt uns ein Beispiel für uns und unser Heil. Dies sollte in unsere täglichen Pflichten, in die Opfer, das Gebet und die Arbeit eingebunden werden. Niemand kann uns hiervon befreien, noch kann er sich selbst befreien. „Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“, „denn er ist mir nicht würdig“ (Lk 14,27). Nehmen wir auch die Ermahnung des Heiligen Geistes in uns auf: „Da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. Denkt an den, der von den Sündern solchen Widerstand gegen sich erduldet hat, dann werdet ihr nicht ermatten und den Mut nicht verlieren“ (Hebr 12,1-3).

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reiner Liebe errettet, weil er reich an Barmherzigkeit ist. Darin liegt die gesamte Wahrheit der Offenbarung. Die rettende Liebe des Gottvaters ist erteilt und durch den Tod des Sohnes belegt worden: „Es gibt keine grössere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh. 15,13). Diese allumfassende Liebe hat Jesus hier auf dem Kalvarienberg gezeigt, indem er sein Blut bis zum letzten Tropfen für uns vergoss. Es ist wahr: „die Liebe hat den guten Hirten gekreuzigt“, wie der heilige Johannes Klimakos anmerkte.

vertiefung

Altar in der Kreuzigungskapelle


Die Worte Jesu am Kreuz

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Jedes seiner Worte am Kreuz ist eine Art Zusammenfassung des Evangeliums; es sind Worte der Errettung und des Lebens, die keine Schrift, auch noch so eindringlich geschrieben, jemals ausschöpfen könnte. «Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.» Der heilige Aelred kommentierte wie folgt: er schien weniger zu beten, sondern schien sich eher zu entschuldigen. „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ja, sie sind grosse Sünder, aber Unwissende. Jesus ist der gute Bruder, der uns beispielhaft lehrt zu lieben und allen, auch den Feinden, Gutes zu tun, damit auch wir Kinder Gottes werden. «Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.» Es ist die Antwort Jesu an den geläuterten Dieb. Diese gläubigen Worte retteten den Dieb, schreibt der heilige Johannes Klimakos. Es ist wahr, jeder, der den Namen des Herrn ausruft, wird errettet.

«Frau, siehe, das ist dein Sohn!» Maria wird den Menschen, jedem einzelnen und der Gemeinschaft, als Mutter zugewiesen, erklärt Johannes Paul II. Es ist eine Geste, die die Anerkennung und das Vertrauen des Sohnes in die Mutter ausdrückt. Jesus schenkt sie uns, denn sie formt in uns das Abbild und die Ähnlichkeit zu ihrem Sohn. «Siehe, das ist deine Mutter!» Jesus, nachdem er uns seinen himmlischen Vater geschenkt hat, lässt uns als Freund auch seine Mutter, um uns an seinem seligen Ursprung teilhaben zu lassen. «Mich dürstet.» Jesus bezieht sich auf das Alte Testament und erfüllt den Psalm 69. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Unter großen Schmerzen stößt Jesus einen Schrei aus, mit dem der wohl messianischste Psalm des Alten Testaments zitiert wird. Johannes Paul II. kommentiert: «Es war ein Moment der Verzweiflung, in dem sich Jesus schutzlos und verlassen von allen fühlte; auch von Gott».


Kreuzabnahme, Kalvarienkapelle

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«Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.» «Jesus starb als Sohn. Er starb in perfekter Übereinstimmung des göttlichen Willens für die allumfassende Liebe, die der Vater dem Sohn gab und die der Sohn gut kannte.» sagte Johannes Paul II. Der Meister ist ein einzigartiges Modell: nachdem er uns durch sein Leben gelehrt hat, wie wir leben sollen, hat er uns durch seinen Tod gelehrt, wie wir sterben sollen. Als demütiger und liebevoller Sohn Gottes, des Vaters, war er ihm gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz, und er liebte seine Brüder und Schwestern so sehr, dass er sein Leben für sie gab.

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«Es ist vollbracht!» Es ist die Stimme des Gehorsams des Sohnes, eine Stimme, die bescheiden Stolz ausdrückt. Der Sohn Gottes, der immer fügsam und unterwürfig ist, kann sagen, dass das Werk des Vaters vollbracht ist und zwar so, wie es die Heilige Schrift angekündigt hatte: die Errettung der Welt für das Opfern des eigenen Lebens. Durch den Ungehorsam des ersten Adams ist die Menschheit verloren gegangen, der Gehorsam des neuen Adams hingegen hat sie gerettet und wird sie weiterhin retten.


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vertiefung

Kreuzabnahme, Kalvarienkapelle

Das neue Grab

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ch glaube an Jesus Christus, unsern Herrn, gekreuzigt, gestorben und begraben.»

Jeden Sonntag und bei jeder Festlichkeit, wenn das christliche Volk das Glaubensbekenntnis wiederholt, wird mit diesen Worten an die Ereignisse und das Mysterium des Todes und der Auferstehung Jesu erinnert. Dieses Kapitel unseres Glaubens hat seine explizite Grund-

lage in den Texten des Neuen Testaments. Die Evangelien erzählen mit Sorgfalt und Liebe den letzten Akt des menschlichen Seins Jesu, das Begräbnis seines gekreuzigten Körpers in einem Grab. Es könnte einem merkwürdig vorkommen, aber es ist


vertiefung

IN DEN ERZÄHLUNGEN DER EVANGELISTEN Alle vier Evangelisten sind sich einig über den Ort der Bestattung, den Ablauf der Passion und des Todes Jesu und seiner Auferstehung. Diese Erzählungen versichern die Kontinuität zwischen Tod und Auferstehung, und in ihnen spiegelt sich die glückselige Atmosphäre wider, die die Erzählungen der Pas-

sion charakterisieren. In allen vier Evangelien finden wir die Frage Josefs von Arimathäa an Pilatus wieder, den Leichnam Jesu zu bekommen und das Einverständnis des Pilatus. Johannes spricht von Nikodemus, der eine grosse Menge von Myrre und Aloe holt. Gemäß den synoptischen Evangelien nennt auch Johannes den Ort der Bestattung und den in Tücher gewickelten Leichnam Jesu. Johannes fügt hinzu, dass Joseph und Nikodemus den Leichnam Jesu an sich nahmen und ihn mit Öl salbten, wie es damals jüdischer Brauch war. Alle Evangelisten schrieben von einem neu ausgehauenen Höhlengrab, das Joseph von Arimathäa gehörte. Das Grab befand sich in einem Garten in der Nähe des Kreuzigungsortes und sein Eingang wurde mit einem runden Stein verschlossen. Vorort sind auch die Frauen, die dem sterbenden Jesus am Kreuze beigestanden haben; laut Lukas haben sie die Salbungsöle vorbereitet und hielten dann die Sabbatruhe ein. Diese Menge an Hinweisen konnte später noch bereichert werden durch weitere Einzelheiten, die den Evangelisten zu Ohren gekommen waren. So schreibt Johannes von dem Lanzenstich, eine Handlung mit enormer Symbolkraft, und er gibt den Hinweis, dass sich für die Hinrichtung Jesu und der beiden Verbrecher vor allem die jüdischen Autoritäten interessierten. Die Körper der Hingerichteten mussten entfernt werden, um die Heiligkeit des

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eine unbestreitbare Tatsache, dass die Evangelisten lange nach Jesus von seiner Passion, seinem Tod und seinem Begräbnis schreiben. Es handelt sich um Überlieferungen und schriftliche Übertragungen von Gemeinden und Autoren, die an die Auferstehung Jesu glaubten; man könnte also denken, dass das Gegenteil hätte passieren müssen, sprich, dass im Lichte der Auferstehung Jesu die Passion und der Tod in den Schatten treten und einfach als Unfall in der Geschichte angesehen werden. Offensichtlich ist dies nicht der Blickwinkel einer authentischen Version des Glaubens. Die Passion und der Tod stellen keine Niederlange dar, sondern den Höhepunkt des glorreichen Kampfes Jesu, und das Begräbnis ist der wesentliche Moment des Lebens des zum Menschen gewordenen Gottessohnes. Dieses hat die Aufgabe, für immer an das zu erinnern, was andere haben verneinen wollen: die Realität und die Wahrhaftigkeit seines Todes.


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Kreuzabnahme und Beweinung Christus, Mosaik im Atrium.

Sabbats nicht zu gefährden, zumal es sich in diesem Fall sogar noch um einen Festtag handelte, da die Kreuzigung auf das jüdische Pessachfest fiel. Von daher versteht man, dass die jüdischen Autoritäten den römischen Präfekten baten, den Tod der Verurteilten zu beschleunigen und die Körper zu beseitigen (siehe Joh 19,31). Dieses Detail harmonisiert auch mit dem 5. Buch Mose, wo von der Bestattung vor Einbruch der Nacht einiger Hingerichteter berichtet wird. Ein weiterer Passus aus dem Talmud besagt, dass Jesus in der Nacht zu Pessach hingerichtet wurde. Matthäus spricht von Siegeln und Wachen am Grab und alle vier Evangelisten berichten von dem leeren Grab.Zweifellos haben nicht alle erzählerischen Details das gleiche Gewicht, und die Unterschiede lassen daran denken, dass es nicht die Intention der Evangelisten war, eine genaue Beschreibung aller Gesten aufzuführen; dennoch sind

es die vielen kleinen Bestätigungen der Gelehrten, die diesen Texten ihre historische Glaubwürdigkeit gibt, nicht zuletzt durch die wissenschaftliche Untersuchung am Leichentuch Christi in Turin.

DIE HEIMLICHEN JÜNGER Man würde erwarten, dass beauftragte Personen der jüdischen Autoritäten den Tod Jesu feststellen und die Bestattung verfolgen würden, die normalerweise in einem Sammelgrab für Verbrecher durchgeführt wurde. Aber es kommt anders, da zu diesem Zeitpunkt alle jüdischen Autoritäten von der Bildfläche verschwinden und ein Freund Jesu erscheint, nämlich Joseph von Arimathäa, eine Person, die bisher dem Leser des Evangeliums unbekannt war, aber der den ersten Christen sehr wohl bekannt gewesen sein musste. Joseph von Arimathäa ist die Schlüsselfigur in der gesamten Episode. Die Evangelien stellen ihn


vertiefung

von ihnen gibt dem Gekreuzigten ein Geschenk: Nikodemus Öl für die Salbung, Joseph sein neues Grab. Die Evangelisten erinnern an die beiden Männer und verehren sie. Beide Männer sind sicher nicht davon ausgegangen, dass Jesus ihnen im Gegenzug zu den Gaben die gleichen Versprechen wie den Frauen, die ihn in Bethanien salbten, geben würde: „Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat“(Mt 26,13). Die Kirche in Jerusalem und die Christen des Heiligen Landes erinnern an Joseph aus Arimathäa und an Nikodemus jedes Jahr am 31. August.

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als reichen Mann dar, der als mächtiges Mitglied des Rates nicht der Verurteilung Jesu zugestimmt hatte; er akzeptierte das Reich Gottes und war ein Jünger Jesu. Johannes lässt an dieser Stelle noch einen Jünger Jesu in Erscheinung treten, der sich Joseph anschließt. Es handelt sich hierbei um Nikodemus, der am Anfang des Prozesses Jesus in der Nacht besucht und von ihm das Leben nach dem Tod verkündet bekommt. Die zwei Gestalten, Angehörige des Hohen Rates und heimliche Jünger Jesu, sind gerührt von der Liebe ihres Meisters und treten mit viel Mut aus dem Schatten. Beide nehmen öffentlich als Jünger an der Hinrichtung teil und jeder


Begräbnis Jesu, Mosaik im Atrium.

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DAS BEGRÄBNIS Die Erzählungen der Evangelisten geben wenige Auskünfte über die Kreuzabnahme Jesu und auch darüber, wie der Leichnam für das Begräbnis hergerichtet wird. Man könnte davon ausgehen, dass Joseph Helfer hatte, die ihm zur Hand gingen. Die sofortige Bestattung lässt sich rekonstruieren, da es Hinweise in der Bibel und in antiken jüdischen Quellen gibt. Vertraut man diesen Quellen, so wurden dem Ritus nach dem Toten zuerst die Augen geschlossen, der Unterkiefer verbunden, Bart und Haare hergerichtet, der Körper und die Wunden gewaschen, wieder angezogen und das Haupt mit einem Tuch gedeckt; mit einem Trauermarsch wurde der Tote mit verbundenden Händen und Füßen zu dem Grab geleitet. Wurde dieses Ritual auch am Leichnam Jesu durchgeführt? Die Evangelisten schweigen dazu und die besondere Situation gibt zu denken, dass man sehr in Eile war. Das Interesse legen die Evangelisten jedoch auf die Salbung, die Öle und Düfte sowie die Kleidung. Markus und Lukas sprechen davon, dass Spezereien und wohlriechende Öle beim Begräbnis Jesu verwendet wurden, während es bei Johannes scheint, dass wohlriechende haltbare Duftstoffe benutzt wurden. Tatsächlich erwähnt Johannes im vierten Evangelium, im einzigen Evangelium, das auf Nikodemus hinweist, eine aussergewöhnliche Mischung von einhundert römischen Pfund – etwa 33 kg -, zusam-

mengesetzt von Myrrhe, ein wohlriechendes Harz, und Aloe, ein Duftstoff, ohne Zweifel mit dem Ziel, dass die tote Person wirklich ein König war, wie auf der Inschrift am Kreuz geschrieben war, und als solcher auch so behandelt werden sollte. Ausserdem war das Grab, das für Jesus benutzt wurde, neu, wie es Gewohnheit war für das Begräbnis eines Königs. Die aromatischen Stoffe wurden auf den Leichnam und in die Falten des Gewandes gestreut, die die leinenen Tücher befestigen sollten, und diese wurden bei dem Leichnam gelassen. Es ist schwierig, wenn man sich ausschliesslich auf die Evangelien bezieht, eine genaue Vorstellung von den Begräbnis-Tüchern und ihre Anzahl zu gewinnen. Normalerweise bestand das Hauptgewand für Verstorbene aus einer richtigen Tunica, oder aus einem Stück von ausreichend wertvollen Leinen, das benutzt wurde, um den Leichnam


sterben gesehen und sie sehen nun das Grab; sie werden auch die ersten sein, die ihn als Auferstandenen sehen und von ihm den Auftrag erhalten, die Osterbotschaft den Jüngern zu verkünden.

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des Verstorbenen zu umwickeln, der ganz bedeckt werden musste. Der Leichnam Jesu wurde dann in das Grab gelegt, welches – wie uns die Evangelisten berichten - neu war, aus einem Felsen gehauen, und in einem Garten gelegen, unweit dem Ort der Kreuzigung. Das Grab wurde mit einem Rollstein an seinem Eingang geschlossen. Zur Zeit Jesu wurden die Armen in der Erde beerdigt. Jesus erhielt das Begräbnis, das nur den Reichen zustand. Die Gruppe der Frauen bildet die Begräbnisprozession, die infolge der Nähe des Grabes zum Ort der Kreuzigung sehr kurz gewesen sein muss. Die christliche Verehrung hat immer darin auch Maria gesehen, die Mutter Jesu, als eine von diesen Frauen, die ihren Sohn an ihrem Herzen willkommen hieß als letzten Akt ihrer Verehrung. Die Frauen sind für alles die Zeugen: sie sind Jesus von Galiläa nach Kalvaria gefolgt, sie haben ihn am Kreuz

In dem Begräbnis des Leichnams des Herrn haben der christliche Glaube und die Barmherzigkeit nicht nur eine Geste der Nächstenliebe der Jünger gesehen, sondern auch den Beweis des fleischgewordenen Gottessohnes, der für uns gestorben ist und begraben wurde. Das ist der Grund, weshalb die Liturgie, die Kunst und die Literatur, sowohl im Orient, als auch im Okzident, nie aufgehört haben, diesen Moment zu feiern und zu gedenken. In Jerusalem, am späten Nachmittag des Karfreitag, sammeln sich in der Basilika des Heiligen Grabes Christen aus allen Teilen der Welt, durchleben bewegt die einzelnen Stationen des Lebens Jesu. Die Franziskaner leiten eine feierliche und beeindruckende Gedenkfeier der Kreuzabnahme, der Salbung und der Grablegung Jesu. Nicht weniger beeindruckend sind die Feiern der griechisch-orthodoxen Geistlichen und der anderen christlichen Gemeinschaften. Jeden Freitag erinnert die Kirche, die in der ganzen Welt verbreitet ist, an das Begräbnis ihres Herrn mit den Worten des Nachtgebetes: „Allmächtiger Gott, halte uns verbunden mit deinem Sohn in seinem Tod und seinem Begräbnis, so dass wir mit ihm auferstehen zum neuen Leben, der lebt und herrscht in Ewigkeit.“

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IN DER LITURGIE


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Die Auferstehung Jesu

kannte. Die Apostel sind hierfür Zeugen vor dem Volk Israel. Die Herabkunft des Heiligen Geistes ist die Konsequenz der Auferstehung. Gott hat die alte Verheissung erfüllt, indem er Jesus auferweckte, der Herr und Christus ist, der Messias. Es ist Gott selbst, der Jesus vom Tode erhöht hat. Gott hat Jesus auferweckt und hat so seinen Heilsplan ausgeführt, wie er verheissen hat. Die Botschaft des Petrus an Cornelius – im Kapitel 10 der Apostelgeschichte – bringt Einzelheiten, die in der frühesten Überlieferung gefunden wurden: Jesus wurde auferweckt am dritten Tag; mehrere Tage erschien er auserwählten Zeugen. Er beauftragte sie, dem Volk zu verkünden, so dass sie umkehren und glauben könnten.

In den Hymnen und Sequenzen Christliche Gemeinden organisieren die Verehrung und bekennen ihren Glauben. Die Gebete und Hymnen dieser Gemeinden bestehen wesentlich in der Botschaft von Christus, der gestorben und auferstanden ist. Lassen Sie uns eines zitieren aus dem ersten Brief an die Korinther. In der Kirche von Korinth haben einige, beeinflusst durch griechische Vorstellungen, die Auferstehung des Leibes verneint, indem sie selbst den christ-

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In der Apostelgeschichte Der älteste Bericht befindet sich in den Petrus-Predigten in der Apostelgeschichte. Im 2. Kapitel erklärt Petrus das Pfingstfest, ein internes Phänomen, das die Apostel betraf, das sich aber auch dem Volk in einem gewaltigen Sturm zeigte und durch ihre Fahigkeit, in verschiedenen Sprachen zu reden. Petrus erklärt, dass die Apostel nicht betrunken waren, sondern dass der Heilige Geist auf sie herabgekommen war, wie vom Propheten Joel vorausgesagt. Der grosse Tag Gottes war gekommen durch Jesus von Nazareth, den ihr gekreuzigt habt, aber Gott hat ihn von den Toten erweckt, wie David im Psalm 16 prophezeite. Tatsächlich spricht dieser Psalm nicht über David, da er gestorben ist und begraben wurde, und sein Grab ist noch unter uns. Aber David hat die Auferstehung Christi vorausgesehen, der erhöht wurde und zur Rechten Gottes sitzt, und der vom Vater den verheissenen Heiligen Geist empfing, den er über uns ausgegossen hat, wie ihr sehen und hören könnt. Der Abschluß der Predigt des Petrus ist klar: “Lass daher das ganze Haus Israel sicher wissen, dass Gott ihn zum Herrn und Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt (Apg. 2,36).

Christus Auferstanden, Die zentrale AedikuBotschaft des Petrus ist die Auferstehung Jesu, la, Kades Gekreuzigten, den das Volk gut pelle der Kopten

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Die biblischen Exegeten sagen uns, dass die Berichte über die Auferstehung im Neuen Testament zu verschiedenen Zeiten entstanden sind.


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lichen Glauben in Gefahr brachten. Paulus zitiert eine traditionelle Lehre in einer Formulierung, die sicherlich älter war als der Brief, der im Jahr 56 n.Chr. geschrieben wurde: “Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäss der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäss der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln” (1 Kor. 15, 3-7). Das älteste Evangelium kann demnach in vier Worte zusammengefasst werden: gestorben, begraben, auferweckt, erschienen. Und es bedeutet: für unsere Sünden, gemäss der Schrift, am dritten Tag. Die Erscheinungen sind wichtig, weil sie Augenzeugnisse wiedergeben, und es wird ausdrücklich hervorgehoben: einige der Zeugen sind noch am Leben. Unter denen, die den Auferstandenen gesehen haben, sind die einzigen, die hier besonders erwähnt werden, die 500 Brüder und Jakobus, der Bischof von Jerusalem. Die Erzählung spricht von Erscheinungen an Kephas und die anderen Apostel, das heisst, an die offiziellen Boten der frühen Kirche. Die Frauen werden nicht genannt, obwohl sie in den Evangelien-Berichten eine wichtige Rolle spielen. Die frühen Bekenntnisse, die hier benutzt werden, reflektieren die offizielle jüdische Tradition, in der sie empfangen wurden, und die das Zeugnis von Frauen nicht

anerkannten. In den Evangelien Das Markus-Evangelium wurde wahrscheinlich zwischen 67 und 70 geschrieben, das Lukas-Evangelium zwischen 75 und 80, das MatthäusEvangelium zwischen 85 und 90, und das Johannes-Evangelium gegen Ende des 1. Jahrhunderts. Die Exegeten nehmen eine gemeinsame schriftliche Quelle für Matthäus und Lukas an, die Markus vorausging. Dies bedeutet, dass, bevor die Evangelien geschrieben wurden, einzelne Berichte der Worte und Taten Jesu schon im Umlauf waren für den Gebrauch in der Gemeinde. Die Verfasser der Evangelien benutzten das bereits vorhandene Material, und es ist sicher, dass sie nicht zusammengesessen und alle ihre Berichte im selben Raum geschrieben haben. Jeder hat sein Evangelium zusammengestellt, indem er aus den mündlichen und schriftlichen Traditionen Elemente auswählte und indem er seinen Text in einer Weise zusammenstellte, die mit den Notwendigkeiten seiner Gemeinde und der Umgebung übereinstimmte, entsprechend seiner eigenen Konzeption und seiner Ziele, geleitet durch den Geist des Auferstandenen. Aus diesem Grund kann man Unterschiede finden zwischen den verschiedenen Evangelien. Für Markus ist das wesentliche Element der Engel, der im Namen Gottes verkündet, dass Jesus auferstanden ist. Im Gegensatz zu den anderen Evangelien erzählen die Frauen aus Furcht niemandem, was sie gesehen haben. Für Lukas finden alle Erscheinungen in jerusalem am Tag der Auferste-


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versucht sie herauszufinden, wohin sie ihn gelegt haben, denn er ist nicht mehr im Grab. Der Text des Johannes wiederholt das Wort: “Sie wandte sich um - sie wandte sich ihm zu”. Viele Exegeten mögen diese Wiederholung nicht. Ist es eine Hinzufügung, oder sind zwei Versionen des Berichtes miteinander verwoben? Dies ist in der Tat genau der entscheidende Punkt des Berichtes. Der Autor des Evangeliums lässt Maria sich zweimal zu Jesus wenden, weil sie ihn zweimal erkennen muss: zunächst als den Messias, der tot ist und begraben wurde; dann als der Auferstandene. In anderen Worten: als derselbe und als der andere. Der Gekreuzigte lebt: Maria Magdalena versteht dies, indem sie sich mit ihrem Namen gerufen hört: “Maria!” Lebendig in seinem Leib, aber seine Existenz ist nicht länger eine irdische, und die Beziehung zu ihm wird anders sein: “Halte mich nicht fest”. “Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. Nur noch kurze Zeit, und die Welt sieht

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hung statt. Lukas betont die Tatsache, dass Jesus den Aposteln die Schrifen erklärt und dass er ihre Augen öffnete, so dass sie verstehen konnten, dass “Christus dies erleiden musste, um so in seine Herrlichkeit einzugehen”. Denn “es steht geschrieben, daß dieser Christus leiden musste und am dritten Tag von den Toten auferstehen musste, und dass Umkehr und Vergebung der Sünden in seinem Namen allen Nationen verkündet werden sollten, angefangen in Jerusalem”. Ausserdem erkannten ihn die Jünger von Emmaus, als er das Brot brach: der auferstandene Christus wurde erkannt am Wort und an der Eucharistie. Im Matthäus-Evangelium gibt es ein Echo der Debatte mit den Juden. Die Tatsache, dass das Grab leer gefunden wurde, war undiskutierbar, aber die Juden verbreiteten das Gerücht, dass der Leichnam Jesu von den Jüngern gestohlen worden sei. Nur im Johannes-Evangelium lesen wir die Geschichte, wie Petrus zum Grab läuft mit einem anderen Jünger (nur angedeutet im Lukas-Evangelium), die Erscheinung vor Thomas und der wunderbare Fischfang, nachdem Petrus von Jesus aufgefordert wird, seine Schafe zu weiden. Der Autor des Johannes-Evangeliums drückt eine weitergehende theologische Reflektion über die Ereignisse aus, die er berichtet. Das kann in den Erscheinungen vor Maria Magdalena und vor Thomas gesehen werden. Jesus ist dieselbe Person, die sie gekannt haben, und dennoch erkennen sie ihn nicht. Als Maria Magdalena Jesus sieht, meint sie, es sei der Gärtner. Sie weiss, dass Jesus tot ist, und deshalb

Auferstehung, Sakristei der Franziskaner.


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Heilige Frauen am Grab, Engelskapelle

mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe, und weil auch ihr leben werdet” (Joh. 14, 18-19). Jesus hatte es vorhergesagt, bevor er litt. Und tatsächlich ist Jesus wieder gekommen, auferstanden, um bei den Jüngern zu sein, aber in einer anderen Weise als zuvor: “Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen” (Joh. 14,23). In der Thomas-Geschichte erweist sich das Wort Jesu “Selig sind, die nicht sehen und doch glauben” (Joh. 20,29) als wahr für uns, so wie es schon für die Christen wahr war, für die Johannes geschrieben hat. Thomas hätte den Auferstandenen nicht sehen müssen, aber er hätte den Jüngern glauben müssen, die ihm dies berichteten, nachdem sie ihn gesehen hatten. In den Briefen des Paulus Die Gedanken über die Auferstehung Jesu werden in den Briefen des Paulus

ausgearbeitet. Die Überlegungen werden in Paulus hauptsächlich durch zwei Gründe stimuliert: die Auferstehung ist der essenzielle Inhalt des christlichen Glaubens; ohne die Auferstehung wäre der Glaube leer und hätte nicht die rettende Kraft. Wir haben gesehen, dass auch die Jünger nicht sofort daran glaubten; einige Christen aus Korinth hatten Probleme damit zu akzeptieren, dass Tote mit ihrem Körper auferstehen können. Im letzten Jahrhundert wurde die Auferstehung Jesu von sogenannten liberalen Gelehrten als Fabel dargestellt und behauptet, dass nur das vom Menschen Kontrollierbare geschehen kann. Aber die Auferstehung Jesu ist der höchste Akt Gottes in der Geschichte der Menschheit und kann nicht durch den Menschen kontrolliert werden. Kardinal Ratzinger schrieb 1985: “Der Auferstandene kann nicht gesehen werden wie ein Stück Holz oder Stein. Er kann nur von der Person gesehen werden, der er sich selbst offenbart. Und er offenbart sich selbst nur demjenigen, den er mit einer Sendung beauftragen kann. Er offenbart sich nicht zur Neugier, sondern zur Liebe”. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass dank dieser Recherchen im letzten Jahrhundert viele Fakten, die als “erfunden” galten, sich als wahr und als durch Quellen belegt herausstellten. Es sind Hinweise, die daran erinnern, dass der Sohn Gottes, des Herrn über die Geschichte, für immer der gute Hirte sein wird und die Suche nach dem “Thomas” unserer heutigen Zeit nicht verwirft.


Liturgie in Jerusalem

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Die Feiern, an denen sie teilnahm, werden heutzutage durch die Franziskaner erneuert, gestützt auf das Studium der Quellen, wie vom Vatikanischen Konzil gefordert. Bezüglich der SonntagsLiturgie, die in der Basilika des Heiligen Grabes gefeiert wurde, schrieb Egeria: “Beim ersten Hahnenschrei steigt der Bischof sofort hinunter und betritt die Grotte der Anastasis. Dann werden alle Tore geöffnet, und die ganze Menge kommt in die Anastasis, wo schon unendlich viele Leuchter brennen. Wenn dann das Volk eingetreten ist, werden einige Psalmen rezitiert. Dann wird noch ein dritter Psalm von einem Kleriker rezitiert, es folgt ein drittes Gebet und das Gedenken aller. Dann bringt man auch Weihrauchgefässe in die Grotte der Anastasis hinein, so dass die ganze Anastasis-Basilika von den Düften erfüllt wird. Dann nimmt der Bischof innerhalb des Gitters, wo er steht, das Evangelium, trägt es bis zur Tür und liest dortselbst die Auferstehung des Herrn. Nach dem Lesen des Evangeliums tritt der Bischof heraus, man geleitet ihn mit Hymnen

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erusalem ist die Stadt des Lichtes und der Auferstehung. Nach seiner Auferstehung wurde Christus für alle zum Licht des Lebens. Ein glückliches und immerwährendes Licht. Dies ist eine reale Wahrheit und nicht nur ein Ideal. Es ist eine Realität, weil der Herr ewiglich lebt und seine Auferstehung auf besondere Weise verlängert, solange man ihrer an den Orten des historischen Geschehens zur bedeutungsträchtigsten Stunde gedenkt: wenn die Nacht dem Licht weichen muss, wie der Tod der Auferstehung. All dies geschah hier in Jerusalem. Das leere Grab ist Zeichen des vollendeten Oster-Mysteriums. Schon die ersten Christen pilgerten zu diesem Ort, getrieben von der gratia orationis (Gnade des Gebetes), schrieb die Pilgerin Egeria im 4. Jahrhundert. “Aber was vor allem hier sehr angenehm und bewundernswert ist” – so schrieb Egeria – “ besteht darin, dass die Hymnen, die Antiphonen und die Lesungen immer bedeutungsvoll sind und sowohl dem jeweiligen Tag als auch dem Ort der Feier entsprechen.”

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ber was vor allem sehr angenehm und bewundernswert ist, besteht darin, dass die Hymnen, die Antiphonen und die Lesungen immer bedeutungsvoll sind und sowohl dem jeweiligen Tag als auch dem Ort der Feier entsprechen.” Egeria


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zum Kreuz, und das ganze Volk geht mit. Dort wird ein Psalm rezitiert und ein Gebet gesprochen. Er segnet dann die Gläubigen und entlässt sie.” Jeden Samstag in der Fastenzeit um 23.30 h kommt die franziskanische Gemeinschaft unter der Leitung des Kustos in der Basilika zusammen. Die Vigil wird in der Kapelle der Erscheinung gefeiert und beginnt mit der Prozession der Zelebranten, die das Evangelienbuch tragen, gefolgt von Weihrauch und Kerzen. Das Evangelium, Symbol der Präsenz Jesu, Wort Gottes, wird feierlich auf den Altar gelegt. Nach dem Invitatoriums-Psalm – welcher die Gemeinde zur Bekehrung vorbereitet, zum Hören des Wortes Gottes und zum Lobpreis des Herrn – und nach dem Hymnus zur Fastenzeit folgt des Gesang der Psalmen. Jeweils nach dem Psalm und der Antiphon gibt es Momente der Stille, um Raum zu geben zur privaten Betrachtung, gefolgt von einem Gebet. Die Texte sind aus der alten spanischen Liturgie genommen, die beachtliche Einflüsse der alten Liturgie der MutterKirche von Jerusalem aufweist. Dann folgt die Verkündigung der Lesungen und drei Cantica (Gesänge) aus dem Alten Testament. An dieser Stelle der Sonntags-Vigil wird das charakteristischste Element der Jerusalemer Liturgie eingeführt, da es besonders bedeutsam ist und diesem Ort entspricht: das Gedächtnis der Auferstehung. Die Versammlung verlässt die Kapelle der Erscheinung und geht mit brennenden Kerzen, die das Licht des auferstandenen Herrn symbolisieren, zum Grab des Herrn, mit dem Pater Kustos, der das Evangeliar (Evangelienbuch) trägt und

die Diakone inszensieren es. Während der Prozession singt die Gemeinde die Antiphon: „Der Engel des Herrn stieg vom Himmel und kam und rollte den Stein vom Eingang, und setzte sich darauf, Alleluja, Alleluja“. Dann werden das Grab und das Evangeliar inzensiert. Am Ende der Feier kehrt die Gemeinde zur Kapelle der Erscheinung zurück, wo der Kustos – der Liturgie folgend, die von Egeria beschrieben ist – das Evangelium von der Auferstehung verkündet. Die Vigil schliesst mit dem Gedächtnis der verstorbenen Gläubigen und der feierlichen Anrufung des auferstandenen Christus mit dem Kyrie eleison. Der österliche Charakter der Feier ist überall deutlich: in Jerusalem, in der Basilika der Auferstehung, ist immer das Ostern des Herrn. Das leere Grab bezeugt es, das Evangelium verkündet es: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden!“ Während die franziskanische Gemeinschaft die Basilika verlässt, beginnen griechisch-orthodoxe Mönche ihre eucharistische Liturgie, begleitet von einem wunderbaren Chor russischer Nonnen, der an die Auffindung des leeren Grabes Jesu durch die Frauen am Ostermorgen erinnert. Auch sie verkünden das Evangelium der Auferstehung, ebenso machen es etwas später die armenisch-orthodoxen Glaubensbrüder. Und so, während die Nacht den ersten Strahlen des Tageslichts weicht, nimmt man eine Einheit im Gottesdienst und in der Ankündigung Jesu Christi wahr, der von den Toten auferstanden ist und ewig lebt, der jeder Teilung erhaben ist und überwindet.


Der Status Quo

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er Status Quo ist eine Sammlung von historischen Traditionen und Vereinbarungen, Regelungen und Gesetzen, die die Beziehungen, Aktivitäten und Bewegungen in den Basiliken bestimmen, die im Eigentum von mehreren christlichen Konfessionen sind. Über Jahrhunderte haben die verschiedenen christlichen Konfessionen unter der islamischen Herrschaft Seite an Seite gelebt, trotz der großen Unterschiede der Dogmen, Riten und Sprachen. Die Franziskaner, die seit 1333 im Heiligen Land sind, haben im Laufe der Zeit viele Besitztümer der Heiligen Orte erworben und waren deren Haupteigentümer zwischen den Jahren 1516 bis 1629. Mit der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 wurde das griechische Patriarchat zum Untertan des Imperiums, und durch eine weitläufige Rechtsprechung über alle Gläubigen des griechisch-orthodoxen Glaubens im Osmanischen Reich wurde das Patriarchat nach und nach durch die türkischen Eroberungen erweitert und ab 1516 schloss es auch die orthodoxen Christen im Heiligen Land mit ein. Von diesem Moment an, mit der Anerkennung des osmanischen Sultans, sind die orthodoxen Patri-


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archen Griechen. 1622, in der Zeit des bitteren Konfliktes zwischen den okzidentalen Mächten und dem osmanischen Reich, beginnt der Streit um das Eigentum der Heiligen Orte. Die Franziskaner, angeklagt, Spione ausländischer Mächte zu sein, kamen in grosse Schwierigkeiten und mussten sich Hilfe bei europäischen Botschaftern holen, um ihre Rechte geltend zu machen. Die Griechen bekamen Unterstützung von Russland, und die Heiligen Stätten wurden zu einer Tauschware, besonders in der Zeit zwischen 1690 und 1757. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Allianz zwischen der Türkei und Russland unmittelbare Konsequenzen auf die Frage um die Heiligen Stätten, und 1852 festigte der Sultan den Status Quo nunc (die Konditionen, die zum derzeitigen Stand festgelegt wurden) nach dem Willen der Griechen. Der Status Quo der Gesetze hat gehalten und hält noch bis heute an und ist die einzige Möglichkeit, um Streitigkeiten und Anfechtungen zu lösen. Wegen des Mangels an offiziellen Texten muss man auf Notizen mit privatem Charakter vertrauen, die die rechtliche Situation unsicher und verwirrt lässt. Zwei muslimische Familien haben das Privileg, die Tore zu der Basilika zu bewachen, die gemäß Der abendliche Ritus zur Schließung der Basilika.

der eingeführten Uhrzeiten der drei grössten Gemeinden geöffnet wird. Zum Ende des ersten Weltkrieges und mit der Auflösung des Osmanischen Reichs sowie der Besetzung des Heiligen Landes durch das britische Mandat wurde das Problem der Heiligen Stätten international. Die Mandatsregierung wollte und konnte keine Regulierungen finden, und die jordanische Regierung folgte der gleichen Politik, wie es auch 1948 geschah. Auch die UNO intervenierte mehrere Male, indem sie Kommissionen ins Leben rief und die Internationalität Jerusalems unterstützte, aber ohne konkrete Resultate zu erhalten. Momentan ist es den drei wichtigsten Gemeinschaften – der griechischen, franziskanischen und armenischen – gelungen, zu einer Übereinstimmung wegen der Restauration der Basilika des Heiligen Grabes zu gelangen. Die Arbeiten begannen 1961 und halten, wegen des sehr langsamen Vorankommens, bis heute an.


Die am Heiligen Grab vertretenen Konfessionen

Es sind die Franziskanerbrüder, denen das Mandat zum Schutz der Heiligen Stätten Jesu im Heiligen Land übertragen wurde. Ihnen ist eine besondere Mission zuteil geworden, die ihnen 1342 vom Heiligen Stuhl anvertraut wurde als Erbe des profetischen Besuches des heiligen Franz beim Sultan von Ägypten im Jahre 1219. Die Franziskaner am Heiligen Grab zelebrieren jeden Tag gemäß der römischkatholischen Liturgie und helfen den Pilgern, die zum Wallfahrtsort kommen. Ihr Leben am Heiligen Grab ist bestimmt von liturgischen Gottesdiensten zu den verschiedenen Uhrzeiten am Tage und in der Nacht. Der Status Quo gibt vor, wann und wo die

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FRANZISKANER

einzelnen Glaubensgemeinschaften sich zum Gebet versammeln dürfen; er regelt nicht nur den liturgischen Kalender, sondern auch den Grossteil dessen, was an jedem Tag, Monat oder Jahr geschieht. Die Franziskaner beginnen mit ihrer Messe nach den Armeniern, um vier Uhr morgens, und beenden ihren Gottesdienst in der Aedikula der Grabeskirche gemeinsam mit einem feierlichen eucharistischen Gottesdienst um sieben Uhr am Abend. Für die anderen Gebete wird die Kapelle des Heiligen Sakraments benutzt. Zwischen vier und fünf Uhr jeden Nachmittag (während der Sommerzeit eine Stunde später) halten die Franziskaner eine Prozession durch das Heiligtum und inzensieren die Altäre und Kapellen. Der beeindruckende Ritus, an dem Gruppen von Pilgern teilnehmen, erinnert in Hymnen, Antiphonen und Gebeten an die Momente der Passion, des Todes, der Grablegung und der Auferstehung des Herrn.

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„«U

nd die Vorsehung hat es bestimmt, dass es – neben den Brüdern der Ostkirchen – für die westlichen Christen die Söhne des Franz von Assisi sein sollten, des Heiligen der Armut, der Güte und des Friedens, der in echter evangeliumsgemässer Lebensweise dem berechtigten christlichen Verlangen Ausdruck geben sollte, die Orte zu behüten, wo unsere geistlichen Wurzeln gefunden werden.“ Johannes Paul II.


GRIECHISCH-ORTHODOXE

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Die griechisch-orthodoxe Kirche ist seit 1700 Jahren im Heiligen Land als direkter Nachfahre des heiligen Jakobus, des ersten Bischofs von Jerusalem, vertreten. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Jerusalem erachtet sich als Mutterkirche des Heiligen Landes mit dem eigenen Katholikon (Kathedrale) im Zentrum der Grabeskirche. Die orthodoxe Kirche feiert die Gebete, die Zeremonien und die Feste gemäß der byzantinischen Tradition nach dem Julianischen Kalender. Unter den eigenen, alten orthodoxen Liturgien befindet sich der Ritus des Heiligen Lichtes des Karsamstags.

ARMENIER Das Volk der Armenier – das erste, das das Christentum als Nationalreligion annahm – ist in Jerusalem seit dem 5. Jahrhundert vertreten. In der Basilika der Grabeskirche gehört den Armeniern die Kapelle der heiligen Helena. Ihre Gottesdienste werden in der alten armenischen Sprache gehalten.


KOPTEN Die Kopten sind die ersten Nachfahren der ersten christlichen Gemeinschaft am Nil (der Terminus “koptisch” bedeutet “ägyptisch”). Laut einer Überlieferung sind sie mit der heiligen Helena zu Beginn des 4. Jahrhunderts nach Jerusalem gekommen. Die koptisch-orthodoxe Kirche besitzt in der Grabeskirche einen Altar hinter der Aedikula des Grabes, wo jeden Sonntag die heilige Messe und die Liturgie in Koptisch, einer ägyptischen Sprache vor der Verbreitung des Arabischen, gehalten wird.

SYRER

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ÄTHIOPIER Die Äthiopier (oder Abessinier) vertreten das erste christliche Land in Afrika. Ihre Gemeinde, geprägt von dem Leben als Mönche, genoss im Mittelalter in Jerusalem besondere Rechte, die sie allerdings während der ottomanischen Periode verlor. Momentan lebt eine kleine Gemeinschaft von armen Mönchen in Zellen auf dem Dach der Kapelle der heiligen Helena.

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Die syrische Kirche des Antiochenischen Ritus ist die erste Erbin der alten jüdisch-christlichen Kirche und repräsentiert heute die Christen der syrischen Sprache des Ostens. Ihre liturgische Sprache ist Aramäisch, die Sprache Jesu. Schon seit dem 8. Jahrhundert residiert ihr Erzbischof in Jerusalem. In der Grabeskirche besitzen die Syrier die Kapelle der Apsis nördlich der Rotunde.


Information Öffnungszeiten der Basilika

Sommer: täglich von 5.00 – 21.00 Uhr. Heilige Messe am Sonntag Sommerzeit: 5.30 - 6.00 - 6.30 (in Latein) - 18 Uhr. Winterzeit: 4.30 - 5.00 - 5.30 (in Latein) - 17 Uhr. Tägliche Prozession Sommerzeit: täglich um 17 Uhr

Winter: täglich von 4.00 – 19.00 Uhr. Heilige Messen während der Woche Sommerzeit: 5.30 - 6.00 - 6.30 - 7.00 - 7.30 (in Latein), samstags um 18 Uhr. Winterzeit: 44.30 - 5.00 - 5.30 - 6.00 - 6.30 (in Latein) 7.15, samstags um 17 Uhr. Winterzeit:

täglich um 16 Uhr

Der Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit unterliegt in Israel einer besonderen Regelung, die etwas von der MEZ abweicht. Es wird daher vorgeschlagen, sich bei der Basilika oder dem CIC - Christian Information Centre (hinter dem Jaffator, gegenüber der Zittadelle, Tel. +972 2 6272692 - www.cicts.org) - über die Öffnungszeiten zu erkundigen. Dort erhält man außerdem Informationen zu allen in der Grabeskirche vertretenen christlichen Konfessionen.

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Wir danken: dem Studium Biblicum Franciscanum für den Zugang in die Archive der Karten, Schriften und Zeichnungen, Marie Armelle Beaulieu für die ikonografischen Recherchen; Paola Pozzo für die Erstellung der Modelle der Basilika; Irene Boschetti, Osvalda Cominotto und Silvana Tassetto für das Verfassen der Texte.

Die Grabeskirche – der neuen Pilgerführer  
Die Grabeskirche – der neuen Pilgerführer  

www.proterrasancta.org Der Neue Pilgerführer – Die Grabeskirche, online abrufbar über die Seiten von ATS pro Terra Sancta und in gedruckter...

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