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Roman Horak/Georg Spitaler Fanarbeit/Soziale Arbeit und Polizei im Kontext von Fußball-Fanbetreuung in Österreich Expertise für das Projekt „Soziale Arbeit und Polizei im europäischen Kontext von Fanbetreuung“, FH Potsdam

Wien, im Februar 2005


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Inhalt

0. Einleitung .................................................................................................................. 3 1. Grundlagen und Hintergründe .................................................................................. 3 1.1. (Fach)öffentliche Diskussionen zum ‚Problem’ Fußballfans.......................................... 3 1.2. Stand der Fanarbeit im österreichischen Fußball ............................................................ 6 1.2.1. Sozialarbeit............................................................................................................... 6 1.2.2. Die Österreichische Bundesliga ............................................................................... 8 1.2.3. Die Vereine .............................................................................................................. 9 1.2.4. Polizeiarbeit............................................................................................................ 11 2. Kontakte/Kooperationen von Sozialarbeit und Polizeiarbeit in Österreich............. 13 2.1. Stand der fachlichen Diskussion (‚Diskursebene’) ....................................................... 13 2.2. Kooperationen auf der Handlungsebene ....................................................................... 14 2.3. Kooperationen mit Sozialarbeit aus der Sicht der Polizei............................................. 16 3. Perspektiven für Fanarbeit im österreichischen Fußball........................................ 17 3.1. Ausblick: auf dem Weg zur EURO 2008...................................................................... 22 Literatur und Quellen .................................................................................................. 23 Gremien/Institutionen, Ansprechpersonen und Kontaktadressen.............................. 26


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0. Einleitung Dieser Bericht, der das Verhältnis von sozialer Arbeit und Polizeiarbeit im österreichischen Fußball darstellen soll, steht im Vergleich zur deutschen Situation vor dem Problem, dass es seit den späten 1990er Jahren in Österreich keine sozialarbeiterischen Projekte, die sich ausschließlich bzw. fokussiert mit Fußballfans beschäftigen, gibt. Deshalb musste in dieser Arbeit der Schwerpunkt von einer ausführlichen Behandlung der konkreten Kontakte/Kooperationen zwischen sozialarbeiterischer Fanarbeit und Exekutive – die in einer historischen Darstellung beschrieben werden – auf eine simple Standortbestimmung des Status Quo von ‚Fanarbeit’ im österreichischen Fußball verlagert werden. Dies wurde einerseits mit der Aufarbeitung relevanter Literatur, als auch mit einigen ExpertInneninterviews unternommen, die mit Vertretern von Streetwork-Einrichtungen, Polizei, Bundesliga, Vereinen, Fans sowie der NGO „FairPlay – Viele Farben. Ein Spiel“ geführt wurden1. Zusätzlich wurde im abschließenden Kapitel nach den Perspektiven von Fanarbeit im österreichischen Fußball sowie den möglichen Auswirkungen der EURO 2008 gefragt.

1. Grundlagen und Hintergründe 1.1. (Fach)öffentliche Diskussionen zum ‚Problem’ Fußballfans Öffentliche Diskussionen zum Thema Fußballfans drehen sich, sofern sie stattfinden, auch in Österreich in erster Linie auf Fragen der Sicherheit. Ein Großteil jener Institutionen und Akteure, die in der eigenen Sicht im Moment ‚Fanarbeit’ betreiben, vor allem aber Polizei und Österreichische Bundesliga, sehen dies – auf der Basis ihrer Zielvorgaben und Zielsetzungen – als selbstverständlichen Handlungsrahmen. Auch in entsprechenden Diskursen der Sportmedien wird dem „Sicherheitsrisiko Fan“ im Anlassfall breiter Raum geschenkt. In den letzten Jahren ereignete sich in Österreichs Stadien eine – durchaus überschaubare – Reihe von Zwischenfällen: So führten Raufereien zwischen Fans von Rapid Wien und der örtlichen Polizei im burgenländischen Eisenstadt im Sommer 1

Siehe dazu die Liste im Anhang.


4 2002 zum Abbruch eines Freundschaftsspiels zwischen dem SK Rapid und Arsenal London2. Im Umfeld von Stadtderbys in Wien, Graz bzw. dem „Westderby“ zwischen dem SV Salzburg und Wacker Tirol, die von der Bundesliga üblicherweise als sog. Risikospiele3

definiert

werden,

ereigneten

sich

immer

wieder

Fan-

Auseinandersetzungen in und vor den Stadien (vgl. aus der Sicht der Polizei: Öffentliche Sicherheit 9-10/2004). Die mediale Berichterstattung folgt dabei, auch in Unkenntnis der Feinheiten der unterschiedlichen Fanszenen4 durchaus stereotypen Mustern – als Schuldige gelten „Rowdies“ bzw. „Hooligans“ (vgl. dazu eine Presseschau des Eisenstädter Vorfalls in ballesterer 6/2002: 19). Im Hinblick auf mögliche „Problemklubs“ lässt sich festhalten, dass aus Wiener Sicht zwar eine mediale Fokussierung auf bekannte organisierte Fangruppen wie die Rapid Ultras (als nach außen hin dominante Fangruppe der Rapid-Westtribüne) festzustellen ist, sich dieser Schwerpunkt aber mit einem Blick auf regionale Medien bzw. Länderausgaben der großen Tageszeitungen Kurier oder Kronenzeitung, mit ihrer verstärkten Berichterstattung über die jeweiligen Bundesligaklubs vor Ort, wieder relativiert. Die Polizei diagnostizierte jedenfalls in den letzten Jahren ein „raueres Klima“ in den Stadien, wobei auch Gewalt gegen Exekutivbeamte zugenommen hätte (vgl. Öffentliche Sicherheit 9-10/2004). Zusätzlich wurden auch in Österreich Ausdrucksformen der, im Vergleich zu Deutschland in den Fankurven wahrscheinlich dominanteren Ultra-Gruppen5 – Stichwort ‚Bengalen’ und Feuerwerk –, von der Polizei als Problem verstanden (vgl. Öffentliche Sicherheit 5-6/2001). In ihrer Zielgruppendefinition orientiert sich die österreichische Exekutive nach deutschen Vorbildern bzw. der Einteilung in „A“ „B“ und „C“-Fans, wobei die diesbezüglichen Größenordnungen der „Risikofans“, wie auch die Zahl der StadionbesucherInnen insgesamt, recht gering ausfallen6. So vermerkt auch die Polizei, dass es im 2

Zu Auseinandersetzungen zwischen deutschen und österreichischen Fans kam es im Rahmen eines Freundschaftsspiels zwischen Austria Wien und Bayern München am 15.7.2001 in Wien. 3 Die „Sicherheitsrichtlinien für die Bewerbe der österreichischen Fußball-Bundesliga“ definieren Risikospiele nach folgenden Kriterien: (1) „Aufgrund früherer Zwischenfälle mit Anhängern einer oder beider Mannschaften oder anderer außergewöhnlicher Gründe. (2) Wenn zu erwarten ist, dass die Anzahl der Anhänger der Gastmannschaft 20% des Gesamtfassungsvermögens des Stadions oder 5.000 Personen überschreitet. (3) Wenn ein ausverkauftes Stadion zu erwarten ist“ (ebd., §2). 4 Zu Geschichte und Wandel von Anhänger- und Fankulturen im österreichischen Fußball vgl. u.a. Horak/Reiter/Stocker (1988), Horak/Marschik (1995), Horak/Maderthaner (1997) bzw. Horak/Marschik (1997). 5 Bzw. anderer Fangruppierungen, die sich zwar nicht als Ultras definieren, aber ähnliche visuelle Mittel verwenden. 6 Der Zuschauerschnitt in der höchsten Spielklasse lag im Verlauf der 1990er Jahre bei unter 6.000 BesucherInnen pro Spiel. In der Saison 2003/04 betrugen die diesbezüglichen Zahlen 7300 Zuschau-


5 Umkreis von Österreichs Stadien „im Vergleich zu anderen Staaten (…) ruhig“ zugeht (ebd.). Im Hinblick auf ihre öffentliche Wahrnehmung beklagen Stimmen aus der organisierten Fanszene die Reduzierung auf Sicherheitsperspektiven. So konstatiert etwa Reinhard Krennhuber, Chefredakteur des österreichischen Fanzines ballesterer fm, eine doppelt verzerrte Sicht auf Fußballfans: Einerseits operierten Liga und Vereine oft mit einem von Marktlogiken getragenen abstrakten Fanbegriff, der vom Fernsehzuschauer bis zum Stadionbesucher alle FußballinteressentInnen zu potentiellen Kunden oder „Fans“ erklärt: „Organisierte Fans werden in der normalen Diskussion gar nicht wahrgenommen“ (Interview Krennhuber 17.1.2005). Andererseits würden diese organisierten Fans aber zum Objekt jener bereits angesprochenen Sicherheitsdiskurse. „Eine ernsthafte Beschäftigung mit organisierten Fans existiert in den Massenmedien nicht“ (ebd.). Jene Themen, die dieser (durchaus heterogenen) Fanszene am Herzen liegen – die Aufrechterhaltung ihrer Freiräume in den Stadien, Probleme mit den Sicherheitsrichtlinien der Bundesliga (Choreographien, etc.) – wären medial kaum zu thematisieren7. Gerade vor dem Hintergrund der EURO 2008, die in Österreich und der Schweiz abgehalten wird, äußerten Fanvertreter die Befürchtung, dass jene als „repressiv“ verstandenen Maßnahmen, die in Deutschland im Vorfeld der WM 2006 beobachtet werden konnten, auch in Österreichs Stadien Realität werden würden.

er. In der gesamten Saison kam es zu insgesamt 85 Festnahmen, 27 davon nach strafrechtlichen Delikten (vgl. Öffentliche Sicherheit 9-10/2004). Vertreter der polizeilichen Fanbetreuer schätzen die Zahl von Kategorie C-Fans auf 150-180, jene der B-Kategorie auf „400“ bzw. „900“, wobei bei „PitchInvasions“ auch weit mehr Personen aktiv werden können (vgl. ballesterer 6/2002: 12 bzw. Interview Jedelsky 25.1.2005). 7 Durchaus medial präsent waren in den vergangenen Jahren allerdings zahlreiche Konflikte zwischen organisierten Fans und den Vereinsführungen ihrer Klubs, die sich an Namensumbenennungen des Vereins (Wacker Tirol), überhöhten Preisen für Jahreskarten (Sturm Graz) bis zur generellen Ablehnung des Hauptsponsors und Ligapräsidenten (Austria MAGNA) entzündeten und sich im Kern um die Frage drehten, wem die Vereine letztendlich gehörten: Fans oder Präsidenten, Sponsoren, dem Fernsehen, etc.


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1.2. Stand der Fanarbeit im österreichischen Fußball

1.2.1. Sozialarbeit Anders als in Deutschland oder der Schweiz existiert in Österreich heute im engeren Sinn keine präventive Sozialarbeit, die sich ausschließlich mit Fußballfans beschäftigt. Dies stellt insofern eine neue Entwicklung dar, als es in den Jahren von 1980 bis 1999 sehr wohl mehrere ‚niederschwellige’ Streetwork-Projekte im Fußball gab8. In Wien wurde 1979 auf Initiative einiger AbgängerInnen der Akademie für Sozialarbeit bzw. in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt der Trägerverein „Rettet das Kind“, gegründet; als Zielgruppe der eigenen Arbeit wurden ursprünglich drogengefährdete Jugendliche bzw. andererseits „Jugendliche am Rande der Kriminalität“ definiert (z.B. Ruthner/Ziering 1991: 193). Ab 1980 arbeitete ein Team von SozialarbeiterInnen im Rahmen dieser zweiten Zielgruppendefinition mit Fans der beiden Wiener Großklubs Rapid und Austria, daneben später auch mit ‚Jugendbanden’ aus migrantischen Milieus. Im Mittelpunkt stand dabei die Beschäftigung mit Fans, die „aufgrund ihres Verhaltens, ihrer Provokationen und Gewaltbereitschaft auffallen“ (Etl 1989: 40) bzw. allgemein „randständige, marginalisierte, benachteiligte und kriminalisierte Gruppen, (…) die durch das Netz der institutionellen Hilfsangebote fallen“ (Etl 1997: 326). Konkret beinhaltete die Betreuung der Fans (in den 1980er Jahren in erster Linie Hooligans bzw. Skinheads) neben der Anwesenheit im Stadion und bei Auswärtsfahrten „klassisches Streetwork“, d.h. die Bereitstellung eines Lokals, rechtliche Beratung, Hilfe bei der Kontaktaufnahme mit dem Verein und diverse Freizeitangebote. Dieser niederschwellige, angebotsorientierte Zugang orientierte sich vor allem an den Grundsätzen der Anonymität, Freiwilligkeit und Parteilichkeit für die betreuten Jugendlichen (vgl. Bartunek/Ruthner/Ziering 1989: 95; Etl 1997: 324f). Im Verlauf der 1990er Jahre kam es im Zuge der Umstrukturierung von Wiener Projekten der Kinder- und Jugendarbeit auch zu organisatorischen Veränderungen im 8

Zu den folgenden Ausführungen bzw. zur Geschichte von Streetwork mit Fußballfans in Österreich vgl. Bartunek/Ruthner/Ziering 1989, Etl 1989, Ruthner/Ziering 1991, Etl 1997 bzw. Felberbauer 2001: 92ff.


7 Verhältnis von städtischen Behörden und Streetwork-Teams. Die Finanzierung jener beim Verein „Rettet das Kind“ verbliebenen ‚Fußball’-Streetworker wechselte vom Magistrat für Jugend und Familie (MA 11) zum Landesjugendreferat (MA 13) (vgl. Felberbauer 2001 bzw. Interview Synek 24.1.2005). Nachdem die Zahl der betroffenen StreetworkerInnen im Feld zeitweise von sechs auf drei halbiert wurde9, war die intensive Arbeit mit Fußballfans nicht mehr aufrechtzuerhalten (Interview Synek 24.1.2005). Im Jahr 2000 wurde die Zielgruppe der eigenen Arbeit auf Skinheads eingeschränkt. Ein geplantes viertelfinanziertes Projekt mit den Vereinen Rapid und Austria bzw. Bundesliga und Stadt Wien scheiterte, aus der Sicht der Streetworker am mangelnden Interesse eines der beiden Klubs. Die Leiterin von Streetwork Wien sieht den Fußballplatz zwar nach wie vor als wichtigen „Außendienstort“, da man dort immer noch den Kontakt zur eigenen Zielgruppe („gewaltbereite Jugendliche“, bzw. „rechtsorientiert“ oder „politisch extrem“) suchen könnte. Die Fanarbeit wurde aber stark eingeschränkt bzw. darf als solche im engeren Sinn nicht mehr betrieben werden (ebd.). Neben den Wiener Streetworkern existierten über einen längeren Zeitraum, von 1991 bis 1997/98, auch in Linz Projekte mobiler Jugendarbeit mit Fußballfans, die von den Vereinen ISI (Initiativen für soziale Integration) bzw. ‚Jugend und Freizeit’ betrieben wurden (vgl. Etl 1997: 330ff); konkreter Anlassfall für den Beginn der Fanarbeit war der Totschlag eines Polizisten durch einen Fußballanhänger (ebd.). Betreut wurden Fans der beiden Linzer Bundesligaklubs LASK und Stahl Linz (vormals: VOEST Linz). Lothar Jochade (Verein ISI) begründet das Ende der Fußball-Arbeit in den späten 1990er Jahren einerseits mit der tendenziellen Auflösung der Hooliganszene in Linz sowie dem gleichzeitigen Niedergang des Profifußballs in der oberösterreichischen Landeshauptstadt10 (Interview Jochade 3.2.2005). Zwar wäre man manchmal noch im Stadion vor Ort, doch auch die soziale Zusammensetzung der aktiven Fanszene hätte sich teilweise gewandelt, wie etwa das ‚intellektuelle’ Fanzine ballesterer fm – in dessen Redaktionsumfeld sich einige Blau-Weiß Linz Fans finden – beweise (ebd.).

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Seit 2002 wurde das Team wieder auf 5 Streetworker und eine Leiterin aufgestockt. 1997 hatte der LASK den Stadtrivalen FC (d. i. VOEST) Linz im Zuge einer Fusion ‚geschluckt’. Dennoch stieg der Verein in die Zweite Liga ab und ist heute weit von früherer Größe – als erster österreichischer Meister, der nicht aus Wien kam – entfernt. Ein Teil des aktiven Fananhangs des FC Linz sammelte sich in der Folge rund um den Regional-Liga Klub Blau-Weiß Linz.

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1.2.2. Die Österreichische Bundesliga Die österreichische Bundesliga versteht sich in Sicherheitsfragen als „Bindeglied“ zwischen Vereinen und Polizei (Interview Zlabinger, 25.1.2005). Zuständig dafür ist der Senat 3 (Stadien- und Sicherheitsausschuss), der unter anderem zu untersuchen hat, ob die „Sportanlagen, auf welchen die Bewerbe der BL durchgeführt werden (…) den im Lizensierungshandbuch der Bundesliga definierten Erfordernissen entsprechen“ (Satzungen der Bundesliga 7.12.2004: 10), und in dem auch die Polizei vertreten ist. In ihrem angesprochenen Lizensierungshandbuch fordert die Bundesliga die Bestellung eines „Sicherheitsverantwortlichen“ (2004: 74) bei jedem Klub. Zusätzlich dazu sind die Vereine aufgefordert, „in Abstimmung mit den Fanclubs“ bzw. aus ihrem Kreis einen „Fanbeauftragten“ zu ernennen, dessen Aufgabe es ist, „eng mit dem Sicherheitsverantwortlichen des Klubs zusammenzuarbeiten und die laufende Kommunikation zwischen dem Klub und seinen Fan(club)s aufrechtzuerhalten“ (ebd.: 77, Sicherheitsrichtlinien: 7). Der Fanbeauftragte soll laut den ab der Saison 2002/03 eingeführten Sicherheitsrichtlinien11 „bei der Lenkung und Unterrichtung von Zuschauern bei Spielen mithelfen und Anhängergruppen bei Auswärtsspielen begleiten“ (ebd.). Zweimal im Jahr organisiert die Liga Sicherheits-Workshops mit Fanbeauftragten, Sicherheitsverantwortlichen und Vertretern der Bundesliga (vgl. Interview Jedelsky 25.1.2005).

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Diese Richtlinien beschäftigen sich neben der Definition von „Risikospielen“ etwa mit Fragen der „Zuschauerkontrolle“ (§4, Abschnitt 6), wo eine genaue Auflistung von verbotenen und erlaubten Gegenständen angeführt ist und spezielle Regelungen für Fanchoreographien festgelegt werden: „Betreffend pyrotechnischer Artikel gilt, dass diese grundsätzlich verboten sind. Nur wenn im betreffenden Bereich eine Verordnung des Bürgermeisters besteht, ist das Einbringen der bewilligten Anzahl durch namentlich bekannte Vertreter eines Fanclubs gestattet, wobei eine genaue Kontrolle der Anzahl und der Klassenzugehörigkeit der pyrotechnischen Gegenstände zusätzlich notwendig ist“ (ebd.: 6). Die „Durchführungsrichtlinien für Fanchoreographien“ legen in dieser Hinsicht fest, dass FanChoreographien beim Sicherheitsverantwortlichen des veranstaltenden Klubs bzw. den „Fanbetreuern der Sicherheitsbehörden“ im voraus anzumelden bzw. zu genehmigen sind. § 5 Abschnitt 4 der Sicherheitsrichtlinien beschäftigt sich mit der Verhängung von Stadionverboten, wobei dafür zunächst der betreffende Verein, für bundesweite Verbote die Bundesliga zuständig ist (ebd.: 8). In den entsprechenden Durchführungsrichtlinien sind dabei auch konkrete Strafrahmen angegeben, wobei etwa „wiederholtes aggressives Verhalten gg. Ordner/Exekutive“, genauso wie „wiederholte Verwendung von Pyrotechnik im Sektor“ 2 Monate örtliches Stadionverbot nach sich zieht. Ein „Unerlaubtes Übersteigen der Barrieren“ zieht, wie etwa eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung, ein einjähriges bundesweites Stadionverbot nach sich (Durchführungsrichtlinien Stadionverbot: 2). Im Herbst 2004 waren zwei Personen von einem Stadionverbot betroffen, gegen „rund ein Dutzend“ Fans lief ein Verfahren (Öffentliche Sicherheit 9-10/2004).


9 Im Herbst 2003 beschloss der Senat 3 ein Pilotprojekt zur Einführung sog. Stewards in Österreichs Stadien, wobei dieses Ordner-Konzept zunächst beim SK Rapid Wien getestet werden sollte (vgl. z.B. ballesterer 11/2003: 50f). Dies wurde in erster Linie mit der Vorbereitung auf die EURO 2008 begründet12, wobei für Georg Pangl, den im Herbst 2004 bestellten Vorstand der Bundesliga, solche Stewards in erster Linie als „Bindeglied zwischen den Fangruppen und den Behörden, die vor Ort ihren Dienst verrichten“ agieren sollten (ballesterer 15/2004: 44). Pangl formulierte dabei auch die Zielvorstellung eines Stadions ohne sichtbare „Uniformen, Barette und Stiefeln“ (ebd.). Vorbild dafür war nicht zuletzt die EURO 2004 in Portugal, wo eine solche Strategie erfolgreich umgesetzt wurde13.

1.2.3. Die Vereine Auch die einzelnen Vereine im österreichischen Profifußball verfügen oft, zusätzlich zu den in den Bestimmungen der Bundesliga festgelegten Einrichtungen und Planstellen, über eigene Ansprechpersonen für ihre organisierten Fans. Meist müssen diese Personen aber auch andere vereinsinterne Aufgaben übernehmen – das Verhältnis zwischen Klub und Fangruppen bzw. der Bewusstseinsgrad für die Notwendigkeit von eigener „Fanarbeit“ dürfte unterschiedlich hoch sein. So stellt es eine Ausnahme dar, dass die Wiener Austria seit drei Jahren einen ausgebildeten Sozialpädagogen unter anderem als Fankoordinator angestellt hat, der damit die Arbeit des Fanbeauftragten unterstützen soll. Beim SK Rapid Wien erfüllt diese Funktion der bei den Fans beliebte Stadionsprecher (Leiter des „Klubservice“).

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Ebenfalls beim SK Rapid wurden im Sommer 2004, als erstem österreichischen Verein, auch eine Videoüberwachungsanlage in Betrieb genommen, mit der „Sicherheitskräfte und Exekutive (…) jeden Winkel im und rund um das Hanappi-Stadion im elektronischen Auge behalten“ können (SK Rapid MedienInfo 16.7.2004). Auch dieser Schritt wurde von den Vereinsverantwortlichen als Vorbereitung auf die EURO 2008 bezeichnet (ebd.). 13 Nicht zuletzt, weil die konkrete Umsetzung des Steward-Modells für die Öffentlichkeit lange Zeit eher vage blieb – sollte es sich etwa um private Sicherheitsdienste oder Angestellte der Vereine handeln – fielen Reaktionen der organisierten Fanszene auf diese Neuerung ausgesprochen negativ aus (siehe Die Kurve gehört uns; ballesterer 11/2003: 50f bzw. Kapitel 3). Rapid Wien lehnte das Pilotprojekt schließlich ab. Bis zum Frühjahr 2005 war das Steward-Konzept in der Praxis nach wie vor nicht umgesetzt worden. Stattdessen schien die Bundesliga diese Neuerung vorläufig zurückgestellt zu haben. Zu möglichen Gründen vgl. Kapitel 1.2.4.


10 Der Fankoordinator der Austria beschreibt seine Aufgabenstellung dahingehend, Ansprechperson für alle Fananliegen zu sein14. Im Gegensatz zum Sicherheitsbeauftragten des Klubs, der von „worst case Szenarien“ ausgehen müsse, dürfe er im Verein „die schönen Seiten des Fantums beschreiben, die notwendig und essentiell sind“ (Interview Schwarzlantner 8.2.2005). Konkrete Projekte seiner Arbeit beinhalten etwa die Organisation eines Fanturniers, bei dem 2005 erstmals auch eine Mannschaft der Polizei teilnehmen soll. Die einzelnen Fanklubs werden vom Verein auch bei Auswärtsfahrten bzw. der Produktion von Choreographien unterstützt. Als Vorbild bzw. Zielvorstellung nennt der Fankoordinator nicht zuletzt deutsche Fanprojekt-Ansätze, etwa jenes beim HSV. So versucht er den Verein davon zu überzeugen, ein eigenes Klublokal für Fanaktivitäten bereitzustellen. Geplant sind auch ein Fanmagazin sowie die Aufstellung eines Fußballteams, das an nationalen oder internationalen Fanklub-Turnieren teilnehmen soll. Ideen und Vorstellungen der organisierten Fans gegenüber den Vorgesetzten im Verein zu vertreten, erweise sich aber nicht immer als einfach. In Österreich gelte Fanarbeit nach wie vor als „exotisch“ (ebd.). Jene Fankultur, die sich heute auf den Rängen manifestiere, wäre „viel zu wenig in den Köpfen der Vereine verankert“. Fahnen, Transparente oder Bengalen sind negativ codiert bzw. werden einzig als Gefahrenpotential verstanden. Zu den Kooperationspartnern der vereinsinternen Fanarbeit zählen die jeweiligen Sicherheitsverantwortlichen und Fanbeauftragten der anderen Klubs, die Fanpolizei sowie Ansprechpersonen aus dem sozialen Bereich: So hat der Fankoordinator der Austria etwa auch Kontakt zu „Streetwork Wien“ bzw. arbeitet an der Ausarbeitung eines gemeinsamen Projekts zur Suchtprävention im Fußball (Alkohol). Der Arbeit von Streetworkern bei seinem Verein steht der Koordinator positiv gegenüber: „Es gibt junge Leute, die brauchen Ansprechpersonen, und zwar nicht nur eine, sondern mehrere“ (ebd.).

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Bei der Wiener Austria existieren lt. Auskunft des Fankoordinators an die 100 Fanklubs. Manche davon sind sehr klein (5,6 Mitglieder). Die Szene wird als sehr inhomogen beschrieben, wobei die Plattform „Westtribüne.at“ heute als Sprachrohr eines Großteils der organisierten Fans gilt.


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1.2.4. Polizeiarbeit Durchaus nahe liegender Weise lässt sich Zielsetzung und Aufgabengebiet von Polizeiarbeit im Bereich der Fanbetreuung mit dem Schlüsselbegriff Sicherheit zusammenfassen. Hofrat Peter Jedelsky, der zuständige leitende Fan-Beamte im Kriminalamt Wien, beschreibt den diesbezüglichen Auftrag der Polizei, „Ausschreitungen und sonstige Zwischenfälle“ im Stadion und dessen Umfeld zu verhindern bzw. auf niedrigem Niveau zu halten (Interview 25.1.2005). Auf organisatorischer Ebene besteht seit 2003, als Umsetzung Europäischer Vorgaben, im österreichischen Innenministerium eine zentrale Koordinationsstelle für „sicherheitspolizeilich relevante“ Sportagenden bzw. Sportveranstaltungen (Öffentliche Sicherheit 11-12/2004: 46), die unter anderem auch als Verbindungsstelle zu internationalen Partnern dient. Innerhalb dieses „Referats für Sportangelegenheiten“ ist die „nationale Fußballinformationsstelle“ (NFIST) angesiedelt, deren Aufgaben folgendermaßen beschrieben werden: „(D)ie Beobachtung der Fußball-Szene, die Absprache und der Informationsaustausch mit Fanbetreuern, Verbindungsbeamten und anderen Behörden, die Erstellung einer nationalen Fandatenbank15, eine präventive Fanbetreuung und eine intensive polizeiliche Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene, sowie primär das Ermitteln von Informationen“ (ebd.). Seit 1998 existieren in Österreich speziell ausgewiesene, nicht-uniformierte Fanpolizisten (regional bisher unterschiedlich als Fanbetreuer oder Fankontaktbeamte bezeichnet), die im Stadion durch eigene Jacken kenntlich sind. Ausschlaggebend dafür, so Thomas Winkelmann von der Fußballinformationsstelle, wären die Ausschreitungen englischer und deutscher Hooligans bei der WM 1998 in Frankreich gewesen: „Wir wollten vermeiden, dass wir von auftretenden Problemen überrascht werden“ (ballesterer 6/2002: 11). Diese polizeilichen Fanbetreuer sind bei den Sicherheitsbehörden jener Städte/Gemeinden angesiedelt, in denen Vereine der österreichischen Bundesliga beste-

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Anders als in Deutschland existiert in Österreich bisher noch keine zentrale bzw. zentral abrufbare „Gefährderdatei“. Allerdings sind derzeit im Zuge der Vorbereitung auf die EURO 2008 „Überlegungen und Pläne“ vorhanden, eine solche Datenbank, wie im Mitveranstalter-Land Schweiz, zu erstellen. Dazu wäre allerdings eine Änderung des Österreichischen Sicherheitspolizeigesetzes notwendig (vgl. Interview Jedelsky 25.1.2005 bzw. ballesterer 8/2003: 46f).


12 hen16. Jeder Bundesliga-Klub verfügt über bis zu drei eigene Fanpolizisten (vgl. Öffentliche Sicherheit 5-6/2001). Diese betreuen ihre jeweilige Fanszene bei Heim- und Auswärtsspielen und sollen konfliktvermeidend eingreifen. Sie setzen die Sicherheitsrichtlinien der Bundesliga – z.B. bei der Abklärung von Choreographien bzw. der Vollziehung von Stadionverboten – um. Nach dem Österreichischen Sicherheitspolizeigesetz sehen sie ihre Aufgabe auch darin, die Vereine über gefährliche (z.B. mit Stadionverbot belegte) Personen zu informieren (vgl. Interview Jedelsky 25.1.2005). Neben den polizeilichen Fanbetreuern ist in den Stadien reguläre, regionale Einsatzpolizei vor Ort. Uniformierte Sicherheitskräfte und Fanpolizei werden dabei laut Peter Jedelsky strikt getrennt. Ihrem Selbstverständnis nach sieht sich die zweite Gruppe tatsächlich als Betreuer bzw. als „Vaterersatz oder Ansprechperson“ der Fans, die auch als ‚Puffer’ gegenüber der uniformierten Polizei vermittelt, etwa was die Frage des polizeilichen Betretens des Fansektors betrifft (Interview 25.1.2005). Die Notwendigkeit für zusätzliche „freundlich gesinnte Autoritäten“, wie dies die neuen Fan-Stewards in den Stadien laut Bundesliga sein sollten, wurde von Seiten der Polizei dementsprechend, etwa in einem Artikel der Öffentlichen Sicherheit (910/2004), in Zweifel gezogen: Diese Aufgabe hätten die Fanbetreuer bisher durch ihr „Vertrauen bei den Fans, Szenekenntnis und Einwirken mit Bestimmtheit (…) ganz gut“ erfüllt17.

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D. s. einzelne Bundespolizeidirektionen sowie die Gendarmerie-Dienstellen in Pasching und Salzburg-Wals (SV Salzburg). 17 Diese implizit ablehnende Haltung sahen Beobachter auch darin begründet, dass sich die Fanpolizei bei der Ausarbeitung des Steward-Konzepts offenbar übergangen gefühlt bzw. in ihrer Kompetenz beschränkt sah. Im Interview für diesen Bericht, an dem die Vertreter von Fanpolizei und Bundesliga gemeinsam teilnahmen, wurden unterschiedliche Sichtweisen zum Thema Stewards rhetorisch relativiert. Die Fanpolizei wäre im Rahmen des Bundesliga-Senats 3 in die Entwicklung des Modells eingebunden gewesen. Möglicherweise sinnvoll wäre eine abgestufte Sicherheits-Strategie, in der als erste sichtbare Ansprech- und Ordnungsperson für die Besucher zunächst der vereinsangestellte Steward agieren solle, wobei die Polizei zunächst im Hintergrund bliebe. Bei Konfrontationen fiele bei Stewards die Eingreifs-Pflicht weg, zwangsweise Eskalationen könnten so vermieden werden. Die Polizei würde dann erst für „kompliziertere Einsätze“ benötigt (Interview Jedelsky/Zlabinger 25.1.2005).


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2. Kontakte/Kooperationen von Sozialarbeit und Polizeiarbeit in Österreich Wie in den vorangegangenen Abschnitten dargestellt, existiert Sozialarbeit im österreichischen Fußball heute nur noch in sehr eingeschränktem Ausmaß. Die folgenden Ausführungen zum Thema der Kontakte bzw. Kooperationen zwischen sozialarbeiterischer und polizeilicher Arbeit in diesem Feld fallen daher in erster Linie historisch bzw. retrospektiv aus und können nicht jenen Unfang erreichen, den diese Fragestellung in der deutschen Gesamtstudie einnimmt.

2.1. Stand der fachlichen Diskussion (‚Diskursebene’) In schriftlichen Darstellungen der betroffenen StreetworkerInnen zu Geschichte und Methoden von Sozialarbeit mit Fußballfans wird die Frage des Verhältnisses zur Polizei durchaus diskutiert. Diese Beschäftigung war meist auch eingebunden in allgemeinere Debatten zum Thema Sozialarbeit vs. Polizeiarbeit, da grundsätzliche Prämissen begleitender, ‚niederschwelliger’ Sozialarbeit als Grundlage dieses Verhältnisses bezeichnet wurden. Inhaltlich kann von einer Kontinuität diesbezüglicher Standpunkte gesprochen werden – ältere Positionen in der Literatur (z.B. Bartunek/Ruthner/Ziering 1991, Ertl 1989, Ruthner/Ziering 1991) sind zwar vielleicht schärfer formuliert, unterscheiden sich aber nicht grundsätzlich von jenen in einem aktuellen Interview (Synek 24.1.2005). Gerade die Prämissen der Anonymität, Parteilichkeit und Freiwilligkeit hätten die eigene Arbeit immer wieder in Konflikte mit der Polizei bzw. deren Erwartungshaltungen gebracht. So berichten Bartunek/Ruthner/Ziering (1989: 98) von der eigenen Weigerung, Namenslisten von Klienten an die Exekutive weiterzugeben. „Der Street Worker darf persönliche Daten der Jugendlichen nicht weitergeben. Durch den Kontakt zu einem Street Worker darf sich für den Jugendlichen keine Zwangsmaßnahme ergeben, d.h. ohne Einverständnis des Betroffenen intervenieren wir nicht. Deshalb ist klar, daß die Grenze zur Polizei ganz scharf gezogen werden muß. Ohne diese Grenze wäre Steet Work unmöglich, oder würde nur eine verdeckte Sozial-Spitzelei bedeuten“ (Ruthner/Ziering 1991: 194).


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2.2. Kooperationen auf der Handlungsebene Aus der Sicht von Manuela Synek (Streetwork-Wien), die in den 1990er Jahren persönlich als Streetworkerin mit Fans von Austria Wien gearbeitet hat, unterschied sich der Grad des Kontakts bzw. der Kooperation mit der Exekutive dadurch von der deutschen Situation, dass man eben keine „Fanarbeit“ im engeren Sinn geleistet hätte: Verhandlungen über Choreographien o. ä. habe man für die Fans nicht geführt – „das sollen sie sich selber machen“ (Interview 24.1.2005). Eine solche institutionalisierte Vermittlungsfunktion zwischen Fans, Verein und Polizei würde an die Grenzen der eigenen Anonymitäts- und Freiwilligkeits-Grundsätze stoßen: Freiwilligkeit müsse in beide Richtungen gewahrt bleiben, d.h. auch die SozialarbeiterInnen müssten entscheiden können, wann sie aktiv werden wollen und wann nicht (ebd.). In Bezug auf ‚anlassbezogene’ Kooperationen im Stadion berichtet die Streetworkerin, dass diese bei der Austria etwa in Kontakten zum Einsatzleiter der Polizei vor Ort, einem Major der Sicherheitswache, bestanden hätte. Man habe sich gegrüßt, unterhalten und wäre bei Auswärtsfahrten im gleichen Zug gereist. Gleichzeitig wäre immer klar gewesen, „von uns gibt’s keine Informationen für die Polizei“. Auch wenn das Prinzip des „Begleitens“ im Mittelpunkt der eigenen Arbeit gestanden wäre, hätte man bei Konflikten sehr wohl zwischen Klienten und der Polizei vermittelt, als Beispiel nannte Manuela Synek den Fall eines Fans, der – verbotener Weise – Pyrotechnik im Sektor angezündet hatte. Bei Auswärtsspielen hätte man etwa auch mit den regionalen Einsatzkräften verhandelt, um im Stadion festgenommene Anhänger wieder nach Wien mitnehmen zu können. Anlassunabhängige Kooperationen ergaben sich durch die Sicherheitstreffen der Österreichischen Bundesliga, bei denen die StreetworkerInnen mit Vereinsvertretern und Polizei zusammenkamen18. Im Hinblick auf gemeinsame Veranstaltungen zum Thema Sozialarbeit und Polizei im Fußball erinnern sich die Beteiligten an eine erfolgreiche Fachtagung der „Bundesar18

Heute beschränkt sich die Kooperation zwischen Streetwork und der Bundesliga auf die Ausstellung von Bundesliga-Ausweisen für die Stadien (Interview Synek 24.1.2005).


15 beitsgemeinschaft Streetwork und Mobile Jugendarbeit“ in Österreich (BAST)19 zum Thema „Streetwork und Exekutive“, die im April 1996 abgehalten wurde. Mit den zahlreichen anwesenden Polizisten wären damals beispielsweise Fragen der gegenseitigen Kommunikation – man erlebe sich immer nur in beiderseitigen Extremsituationen bzw. kultiviere „gegenseitige Feindbildverhalten“ (Ertl 1997: 342) – diskutiert worden. Seitens der Exekutive wäre auch das Angebot unterbreitet worden, die Zugänge und Arbeitsweisen aufsuchender Jugendarbeit in der Polizeiausbildung bzw. Fortbildung darzustellen. Diese Möglichkeit wäre allerdings aufgrund der damaligen strukturellen Umbauprozesse im Streetwork-Bereich nicht wahrgenommen worden (vgl. Interview Synek 24.1.2005). Als Problemfeld des Verhältnisses von Streetwork und Polizei wurde von Manuela Synek, ähnlich wie in jenen bereits angeführten historischen Standortbestimmungen, in erster Linie die Frage der Informationsweitergabe genannt. Das polizeiliche Gegenüber vermute oft zurückgehaltenes Wissen – Stichwort Anonymität – in Bezug auf die eigenen Klienten. Gleichzeitig wäre es nicht immer leicht, den eigenen „professionellen Zugang“ zu behaupten: So gäbe es seitens der Polizei auch den impliziten Versuch, die gegenseitigen Kontakte auf eine informelle bzw. persönliche Ebene zu verschieben („Gehen wir auf einen Kaffee?“). Auf diese Weise würde man allerdings leicht „gekauft“, so die Sozialarbeiterin (ebd.). Heidi Thaler, Fanexpertin des Fußballprojekts „FairPlay – Viele Farben. Ein Spiel“ am Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit sieht einen weiteren schwierigen Punkt in jener Forderung, die Polizei und Fördergeber meist an Sozialarbeit richten: Diese muss „den geldbringenden Satz Gewaltprävention“ aussprechen, auch wenn dies den eigenen Zielvorgaben nicht unbedingt entspricht (Interview Fanizadeh/Thaler 13.1.2005). In dieser Hinsicht wies die Gesprächspartnerin von Streetwork Wien auf die Schwierigkeit hin, das Prinzip der „tertiären Prävention“, das in der Drogenarbeit weitgehend akzeptiert scheint20, auch im Bereich der Arbeit mit Fußballfans verständlich zu machen (Interview Synek 24.1.2005). „Der Fansektor als friedlicher Sektor“ wäre ein anderer Arbeitsauftrag (ebd.).

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Der Dachverband wurde 1994 als „Bundesarbeitsgemeinschaft der Streetworker“ gegründet, vgl. BAST.at. 20 D.h. den Versuch, bei bereits Kranken bzw. ‚kriminellen’ Klienten „Schlimmeres zu verhindern“, etwa in der Ausgabe von Spritzen an Suchtkranke, um damit die Gefahr von HIV etc. zu minimieren.


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2.3. Kooperationen mit Sozialarbeit aus der Sicht der Polizei Tatsächlich scheint von Seiten von Polizeivertretern manchmal ein impliziter Vorwurf an die Arbeit der sozialarbeiterischen Fanarbeiter zu bestehen, zu wenig zur Gewaltverhinderung beitragen zu können. Im Hinblick auf die Frage von Informationsweitergabe betont Peter Jedelsky vom Kriminalamt Wien im Interview für diesen Bericht (25.1.2005), dass man dies keineswegs forciere – „Das wollen wir gar nicht. (…) Wir müssen uns die Informationen selber holen. (…) Das wäre der Tod des Systems, wenn wir sagen: die sagen uns was“ (ebd.). Konkret wäre es bei Kontakten im Stadion darum gegangen, über „Problemfälle“ zu reden. Genau in der Betreuung solcher problematischer Fans wollte Jedelsky auch die Aufgabe von Sozialarbeit verstanden wissen. Diese Arbeit wäre aber weniger im Stadion, als vielmehr außerhalb zu leisten – um damit z.B. bei den Gründen für aggressives Verhalten am Fußballplatz anzusetzen. Im Stadion selber wäre die Fanpolizei der beste Fanbetreuer: „Wir glauben, dass wir als präventive Polizei der erste Ansprechpartner für die Fans sein sollten. Aktuelle Fragen, wie die der Fanchoreografie, sollten sie mit uns oder gleich mit dem Veranstalter besprechen. Vor Ort geht es um rasche Entscheidungen, da bringt es nichts, noch jemanden dazwischen zu schalten. Das wäre ein unnötiges ‚Stille Post’-Spiel“ (ballesterer 6/2002: 13). Im Bezug auf anlassunabhängige Kooperationen mit SozialarbeiterInnen führt Jedelsky eine Podiumsdiskussion im Rahmen einer Sicherheitsmesse an. Solche Berührungspunkte wären im Fußball aber eingeschlafen. Institutionalisierte Kontakte mit Streetworkern bietet in Wien die sog. „Jugendplattform“ der Wiener Magistratsabteilung 13 (Landesjugendreferat), wo unter dem Vorsitz der zuständigen Stadträtin VertreterInnen aller mit der Kinder- und Jugendarbeit befassten Institutionen und Vereine zusammenkommen, unter anderem das Kriminalamt Wien sowie die verschiedenen sozialarbeiterischen Stellen. Laut MA 13 werden hier „inhaltliche Strategien festgelegt, Informationen weitergeleitet und Aktivitäten aufeinander abgestimmt“ (vgl. Landesjugendreferat Wien).


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3. Perspektiven für Fanarbeit im österreichischen Fußball

Vor allem verschiedene Stellungnahmen aus der organisierten Fanszene machen deutlich, dass der Status Quo von Fanarbeit im österreichischen Fußball durchaus eine Reihe von Problemfedern beinhaltet bzw. derzeit vorhandene Strategien von Liga, Vereinen und Exekutive diese Probleme nicht unbedingt lösen. Zunehmend beklagt wird von Fanseite der Angriff auf genuine Ausdrucksformen sowie die eigene Marginalisierung in der Aushandlung von Interessen im Fußballbetrieb. Vernetzungsversuche innerhalb der heterogenen Fanszene gab es in der Vergangenheit des Öfteren21. Oft scheiterten solche Projekte aufgrund des mangelnden Willens, sich über Vereinsgrenzen hinaus zu organisieren. Die letzte maßgebliche bzw. die wichtigsten Kurven umfassende Initiative wurde 2001 ins Leben gerufen: Die Plattform „Die Kurve gehört uns“ trat das letzte Mal im Frühjahr 2004 mit ihren Forderungen an die Öffentlichkeit und ist in den Stadien nach wie vor mit Transparenten sichtbar. Vorbild dafür waren italienische Faninitiativen, etwa das „Movimento Ultras“, mit ihrem Kampf gegen den „calcio moderno“ bzw. gegen die „Kommerzialisierung“ des Fußballs (z.B. die ‚Kolonisierung’ des Sports durch das Fernsehen und die daraus resultierende Ausrichtung von Beginnzeiten nach TV-Kriterien) und die „Repression“ gegen Ultra-Kultur (vgl. Manifestazione Nazionale). Als Ausgangspunkt der Fan-Vernetzung definierte „die Kurve gehört uns“ in dieser Hinsicht „die allerorts auftretenden, zunehmenden Repressionsmaßnahmen, die auf eine radikale Marginalisierung des kritischen Stadionbesuchers abzielten, der offensichtlich im immer mehr inszenierten Werbespektakel Fußball keinen Platz mehr haben wird und sich mit seiner Rolle als unmündigen Konsumenten abfinden soll. So wurden und werden organisierte Fangruppen, die sich durch ihre Bemühungen dafür verantwortlich zeichnen, dass auch hierzulande die für den Fußball so typische Stadionatmosphäre kein Fremdwort ist, in ihrer Arbeit für ihren Verein von offizieller Seite mehr und mehr (…) boykottiert und in weiterer Folge unter dem Aspekt Sicherheitsrisiko abqualifiziert“ (Die Kurve gehört uns). 21

So etwa das am deutschen B.A.F.F. (Bündnis aktiver Fußball Fans) orientierte U.F.F.F. (Unabhängiges Fußball Fan Forum), das von eher ‚kritisch’ orientierten bzw. gleich gesinnten Fangruppen aus Innsbruck, Linz und Wien gegründet wurde und von großen, sich selbst als ‚unpolitisch’ definierenden, (Ultra-) Fraktionen nicht mitgetragen wurde.


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Forderungen der Initiative umfassen u. a. ein Mitspracherecht für Fans bei Stadienumbauten, Raum im Stadion zur Lagerung von Fanmaterial, die Überarbeitung des Stadionverbotskataloges sowie „keine Strafen oder Stadionverbote für Choreographien (Bengalen, Rauch) bzw. für Wurfgeschosse die im Stadion erhältlich sind (z. B. Plastikbecher, Gratis-Feuerzeuge)“. Darüber hinaus wurde auch das Konzept der Bundesliga-Stewards bekämpft (ebd.).

Abbildung 1: „Die Kurve gehört uns!“ Eine Interessen-Plattform österreichischer Fans (Quelle: http://www.diekurve.org/)

Als Grundproblem im Verhältnis von Fanszene(n) und den Institutionen des österreichischen Fußballs identifiziert der ballesterer-Chefredakteur Reinhard Krennhuber mangelndes Interesse von Seiten der Bundesliga, auf die Anliegen der organisierten Fans einzugehen. Auch wenn das Verhältnis zwischen Fans und Vereinen bei manchen Klubs durchaus gut sei, würden Fans oft das Gefühl erhalten, in relevante Entscheidungen der Liga nicht eingebunden zu sein (Interview 17.1.2005). Krennhuber gehört zu jenen ‚aktiven Fußballfans’, die sich eine stärkere Lobby für Fans, etwa durch die Schaffung von Fanprojekten nach deutschem Vorbild wünschen. Eine solche „dazwischen geschaltete“ Struktur sollte auch in die Verhandlungen mit der Exekutive eingebunden sein (ebd.). „Es fehlt an der Bereitschaft eine Institution zu schaffen, die sich bestehenden Problemen der Fanszene wie Gewalt und Rassismus widmet und gleichzeitig gegenüber der Bundesliga und der Exekutive Fan-Anliegen vertritt und von diesen Institutionen auch als Gesprächspartner akzeptiert wird. (…) Hierzulande (setzt man) seit 1999 mit dem Modell der ‚Fanbetreuer’ wieder auf die soziale Kompetenz des Schlagstocks“ (ballesterer 4/2002: 4).


19 Polizeiliche Fanbetreuer würden die Funktion eines Vermittlers für Fananliegen – trotz des eigenen Selbstverständnisses – nur schwer übernehmen können, da Fans in dieser Hinsicht immer die obrigkeitliche Überwachung fürchten müssten: „Wir haben das Modell: Die Polizei passt auf, dass nichts passiert. Sie straft im gegebenen Fall, und soll aber gleichzeitig ein Ansprechpartner der Fans sein. Das ist von vorne herein zum scheitern verurteilt. Weil ein Fan einem Polizisten nie offen gegenüber treten kann. (…) Und sobald er dem Polizisten vielleicht zu viele InsiderInformationen anvertraut, macht er sich die eigenen Leute zum Feind“ (Interview 17.1.2005). Es existieren durchaus Stimmen aus den Reihen der Fans, die sich „professionelle sozialpädagogische Fanbetreuungseinrichtungen“ wünschen – so etwa der Wortlaut eines Positionspapiers der Faninitiative Innsbruck/FC Wacker Tirol (Dernier 2004)22. Auch manche Austria-Anhänger erinnern sich positiv an die zu Ende gegangene Arbeit der StreetworkerInnen bei ihrem Verein: „Wir hatten bis vor ein paar Jahren ein gut funktionierendes Streetworker-Programm, das sich um unsere Problemfälle gekümmert hat. Das hat vielleicht nicht alles besser gemacht, aber es waren eben Sozialarbeiter vor Ort, die gewusst haben, was zu tun ist. Das wissen die Fan-Polizisten überhaupt nicht. Wenn die ihren Job machen würden (…), würden sie die ganze Zeit nur Anzeigen austeilen, weil sie theoretisch eine Anzeige-Pflicht haben“ (ballesterer 6/2002: 8f). Solche Standpunkte können allerdings sicher nicht verallgemeinert werden. Gerade auf jenen Fantribünen, auf denen Ultras oder vergleichbare Gruppen dominieren, überwiegt die Vorstellung, die eigenen Belange bzw. „die Kurve“ selber und autonom nach außen zu vertreten. Sozialarbeit stößt hier auch deshalb auf Misstrauen, weil sich die einzelnen Fans keineswegs als „Sozialfälle“ verstehen wollen (vgl. Interview Thaler 13.1.2005 bzw. Synek 24.1.2005). Auch die ExpertInnen von FairPlay sehen Defizite bei den derzeitigen FanBetreuungs-Konzepten im österreichischen Fußball und verstehen ihre Tätigkeit nicht zuletzt als „Lobbyarbeit für sozialintegrative Fanpolitik“ (Interview Fanizadeh/Thaler 13.1.2005)23. So würden sich die offiziellen Fanbeauftragen oft vor dem Problem sehen, als „Vermittler“ zwischen Faninteressen und den Vorgaben und Wünschen von 22

Beim FC Wacker Tirol wird derzeit auch an der Umsetzung eines Fanprojekts gearbeitet (vgl. ebd.). Auf Europäischer Ebene ist FairPlay durch die Koordination des FARE-Netzwerks bzw. als Partner der UEFA auch an der Organisation und finanziellen Abwicklung der sog. mobilen Fanbotschaften von FSI (Football Supporters International) bei Fußball-Großereignissen wie der EURO 2004 in Portugal beteiligt.

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20 Verein, Liga und Polizei auftreten zu müssen, während man stattdessen lieber – als Fan – Faninteressen vertreten würde24. Auch direkt vom Verein angestellte Fanbetreuer müssten in letzter Instanz den Interessen ihres Arbeitgebers folgen – wobei diese sich, bei allem guten Willen der betroffenen Personen, manchmal von jenen der organisierten Fans unterscheiden könnten. Die Fanpolizisten wiederum würden nicht sehen, „dass sie kein vertrauensvoller Ansprechpartner für junge Leute sind“ (ebd.)25.

Abbildung 2: Die „Ultras Rapid“ beschweren sich über ihre polizeilichen Fanbetreuer (Quelle: http://www.ultrasrapid.at/)

Auch aus der Sicht von Streetwork Wien wäre die neuerliche Ausweitung der eigenen Arbeit auf den Fußballbereich wünschenswert und wird auch geplant26. Notwendig wäre dabei eine Betreuung und Begleitung auf regelmäßiger Basis – eine Aufgabe, die mit dem derzeitigen Handlungsauftrag durch die Fördergeber nicht möglich ist (Interview Synek 24.1.2005). Gleichzeitig muss darauf hingewiesen werden, dass die diesbezüglichen sozialarbeiterischen Ansätze in Österreich aus der Sicht der Beteiligten keine Fanarbeit bzw. Fanprojekte im engeren Sinn dargestellt haben sondern den Prämissen von Streetwork folgten.

24

So berichteten Betroffene von einem konkreten Fall, bei dem die Vorsänger einer Kurve von der Exekutive eine Geldstrafe wegen Erklimmen des Sektor-Zauns erhielten. Der Fanbetreuer wurde schriftlich von der Polizei dazu aufgefordert, gegen solche Taten vorzugehen, wobei in Aussicht gestellt wurde, dass die Höhe der Strafe in diesem Fall gesenkt werden würde. 25 Vgl. dazu z.B. einen Aufruf der „Verrückten Köpfe Wacker Innsbruck“ auf der Homepage von „Die Kurve gehört uns“: Das Modell der Polizisten in Zivil verfolge den „Hintergedanken die Fankurven zu unterwandern. (…) Es muss an dieser Stelle noch einmal eindringlichst davor abgeraten werden mit den szenekundigen Beamten auch nur ein Wort zu wechseln“ (Verrückte Köpfe Wacker Innsbruck). 26 Vgl. das bereits angesprochene Projekt zur Sucht- bzw. Alkoholprävention im Fußball.


21 Unabhängig davon, ob das von der Bundesliga geplante Modell der Fan-Stewards in Zukunft umgesetzt werden wird, bleibt offensichtlich Bedarf an zusätzlichen Modellen der Mediation für bestehende Konflikte im österreichischen Fußball. Das StewardModell fokussiert auf das Stadion bzw. die Zielvorstellung eines reibungslosen und friedlichen Ablaufs von Sportveranstaltungen, die Forderungen von organisierten Fans, von ihren Ansprechpartnern im österreichischen Fußball Ernst genommen zu werden, sind davon nicht zwingend berührt. Dass mit der Fanpolizei eine Einrichtung der Exekutive besteht, die sich bemüht, ihr Arbeitsfeld bzw. spezifische Fankulturen adäquat zu verstehen und als ‚Puffer’ zwischen uniformierter Polizei und Fans zu agieren, ist im Sinne von de-eskalierenden Strategien zweifellos positiv zu sehen. Ihr primärer Handlungsauftrag des sicheren Stadion(-umfelds) bzw. der ‚ordnungspolitische’ Hintergrund polizeilicher Arbeit lässt allerdings, gerade vor dem Hintergrund des internationalen Vergleichs, die Notwendigkeit einer zusätzlichen „Lobby“ bzw. Anlaufstelle für Fananliegen notwendig erscheinen. Insofern kann die Einrichtung von ‚Fanprojekten’ im Umfeld der Klubs, mit ausgebildeten, professionellen Ansprechpersonen und entsprechenden räumlichen Einrichtungen als wünschenswerte Zielvorstellung gesehen werden. Das in diesem Bericht angeführte Beispiel des Fankoordinators bei Austria MAGNA zeigt, dass solche Einrichtungen zumindest vereinzelt auch innerhalb der Vereine angedacht werden. Je stärker die ‚Unabhängigkeit’ solcher professionalisierten Fanbetreuer gegenüber den Klubs ausfällt bzw. je deutlicher – auch in institutioneller Hinsicht – die diesbezügliche „Lobbyfunktion“ für Fans ausfällt, desto geringer wird die Gefahr, dass sie sich in Loyalitätskonflikten zwischen Interessen von Fans und jenen der Vereine wieder finden. Die je nach Struktur der diversen Fanszenen recht unterschiedlichen Grade und Formen der Selbstorganisation bzw. die durchaus verschiedenartigen Wünsche von Fan-Seite in Bezug auf „Fanarbeit“ machen auch deutlich, dass konkrete Lösungen vor Ort durchaus unterschiedlich ausfallen müssten. Eigene Organisationsformen der Fans sollten aufgegriffen und als Ansprechpartner verstanden werden. Das Angebot einer ‚neutralen’ Schaltstelle zwischen Faninteressen und den Wünschen von Liga, Vereinen und Polizei würde die vorhandenen offiziellen Fanvertreter von ihrer ‚ungeliebten’ Vermittler-Funktion entlasten. Gleichzeitig könnten sozialarbeiterisch ge-


22 schulte Fanarbeiter in ihrem Umfeld eine offene Fankultur propagieren, in der diskriminierende Ausschlusspraktiken (z.B. Rassismus oder Homophobie) thematisiert und bekämpft werden.

3.1. Ausblick: auf dem Weg zur EURO 2008 Ähnlich wie in Deutschland – Stichwort WM 2006 – werden in Österreich Diskussionen über die Zukunft von Fanarbeit mit möglichen Veränderungen im Zuge der Vorbereitung bzw. Austragung der EURO 2008 in Österreich und der Schweiz diskutiert. Konzepte wie etwa das Steward-Modell der Bundesliga wurden explizit als Maßnahme im Hinblick auf diese Großveranstaltung präsentiert. Laut Auskunft der österreichischen Fanpolizei sind die diesbezüglichen sicherheitspolitischen Maßnahmen nach wie vor in Diskussion. Bereits beschlossen ist eine personelle Aufstockung und erweiterte Ausbildung der polizeilichen Fanbetreuer (Interview Jedelsky 25.1.2005). Aus der Sicht der Fanpolizisten würden die derzeitigen Rechtsinstrumente im Umgang mit österreichischen Fans durchaus ausreichen. Dies gelte aber nicht unbedingt für Fans aus dem Ausland27. War die bisherige Überwachungspraxis von Sicherheitsrichtlinien der Bundesliga, auch im Vergleich zu Deutschland, für manche Beobachter in den letzten Jahren durch ein Prinzip des „laissez faire“ bzw. pragmatische Handhabung geprägt (vgl. Interview Krennhuber 17.1.2005), so existiert bei vielen organisierten Fans die Befürchtung, dass sich dies im Hinblick auf die EURO 2008 ändern könnte. Auch von Vereinsverantwortlichen wurde beklagt, dass die Zusammenarbeit mit der Exekutive in jüngster Zeit schwieriger geworden wäre, da mehr und mehr gegen einzelne Fans präventiv vorgegangen würde. In Österreich wäre möglicherweise mit dem deutschen Prinzip der ‚Präventivfesthaltung’ zu rechnen, wobei die Kriterien, nach denen sich Fans in zukünftigen ‚Gefährder-Datenbanken’ wieder finden könnten, durchaus fraglich wären. Andere Stimmen erhoffen, dass die EURO eine Gelegenheit bieten könnte, internationale Vorbilder der Fanbetreuung bzw. von Fanprojekten, wie sie etwa auch im Mit27

Möglich wären daher Änderungen des Sicherheitspolizeigesetzes, etwa was die Frage von „Schutzzonen“ betrifft bzw. die damit verbundene Möglichkeit, Stadionverbote auch direkt durch die Exekutive aussprechen zu können (ebd.).


23 veranstalterland Schweiz bei einigen Klubs bestehen, auch in Österreich zur Kenntnis zu nehmen und ihre Sinnhaftigkeit nachzuvollziehen. Auch die geplante Einrichtung und Organisation von „internationalen Fanbotschaften“ während der Europameisterschaft würde in dieser Hinsicht eine Annäherung an internationale Standards ermöglichen (vgl. Interview Fanizadeh/Thaler 13.1.2005). Die dezidierte Philosophie des Österreichischen Fußballbunds (ÖFB) – als Veranstalter der EURO bzw. vor dem Hintergrund der positiven Erfahrungen in Portugal 2004 – während des Turniers auf möglichst wenig sichtbare Polizeipräsenz in den Stadien zu setzen, wird von den Verantwortlichen allerdings nicht zuletzt am Anlassfall der WM 2006 erneut geprüft werden.

Literatur und Quellen ballesterer fm (4/2002) 2-4, Die soziale Kompetenz des Schlagstocks ballesterer fm (6/2002) 6-9, „Eh kloa! Rapidla!“ (Faninterviews) ballesterer fm (6/2002) 11-13, „Unsere Problemfans spielen europaweit eine Nullrolle“ (Interview Peter Jedelsky/Thomas Winkelmann) ballesterer fm (6/2002) 19, „Feine Burschen, dieser asoziale Pöbel“. Eine Presseschau nach den Ausschreitungen in Eisenstadt ballesterer fm (8/2003) 46-47, 1,2,3, - Hooligandatei ballesterer fm (11/2003) 50-51, Die Männer im neongelben Kittel ballesterer fm (15/2004) 44-45, „Ich will Stewards, keine Soldaten“ (Interview Georg Pangl) Bartunek, Manfred/Wilfried Ruthner/Gabriele Ziering (1989) Streetwork mit Fußballfans in Wien, in: Werner Steffan (Hg.) Straßensozialarbeit. Eine Methode für heiße Praxisfelder, Weinheim/Basel. 95-106 BAST.at: Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork und Mobile Jugendarbeit Österreich, verfügbar unter: http://www.bast.at, 10.2.2005 Dernier, Werner (2004) Die Europameisterschaft 2008 – Ein Ausblick, unveröffentlichtes Positionspapier, Innsbruck Die Kurve gehört uns: verfügbar unter: http://www.diekurve.org/, 17.1.2005 Etl, Sabine (1989) Hooligans 89. Ein Bericht aus der laufenden Arbeit mit jungen Austriafans, in: Jugendamt der Stadt Wien (Hg.) 10 Jahre Streetwork. Referate an-


24 läßlich der Enquete des Jugendamtes der Stadt Wien und des Landesverbandes Wien der Österr. Ges. „Rettet das Kind“ am 12. September 1989, Wien. 47 Etl, Sabine (1997) Streetwork in Österreich, in: Andreas Klose/Werner Steffan (Hg.) Streetwork und Mobile Jugendarbeit in Europa. Europäische StreetworkExplorationsstudie, Münster. 322-343 Felberbauer, Daniela (2001) Streetwork in Wien unter besonderer Berücksichtigung der Arbeit mit rechtsorientierten und gewaltbereiten Jugendlichen, Diplomarbeit Universität Wien Horak, Roman/Wolfgang Reiter/Kurt Stocker (1988) So nah so fern. Zum Verhältnis von Fußball und Fans in Österreich, in: dies. (Hg.) “Ein Spiel dauert länger als 90 Minuten“. Fußball und Gewalt in Europa, Hamburg. 89-110 Horak, Roman/Matthias Marschik (1995) Vom Erlebnis zur Wahrnehmung. Der Wiener Fußball und seine Zuschauer 1945 – 1990, Wien. Horak, Roman/Wolfgang Maderthaner (1997) Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne, Wien. Horak, Roman/Matthias Marschik (1997) Das Stadion - Facetten des Fußballkonsums in Österreich, Wien. Landesjugendreferat Wien: Vernetzungsinitiative Jugendplattform, verfügbar unter: http://www.lajuwien.at/content/index.php?artid=93, 8.2.2005 Manifestazione Nazionale Movimento Ultras a Bologna, http://www.federossoblu.com/resocontomovultras.htm, 9.2.2005

verfügbar

unter:

Öffentliche Sicherheit. Das Magazin des Innenministeriums (5-6/2001) Fussballfanbetreuung, verfügbar unter: http://www.bmi.gv.at/oeffentlsicherheit/ 4.2.2005 Öffentliche Sicherheit. Das Magazin des Innenministeriums (9-10/2004) Gewalttätige Fußballfans, verfügbar unter: http://www.bmi.gv.at/oeffentlsicherheit/ 4.2.2005 Öffentliche Sicherheit. Das Magazin des Innenministeriums (11-12/2004) Sportreferat: Umfassende Sicherheitsmaßnahmen, verfügbar unter: http://www.bmi.gv.at/oeffentlsicherheit/ 4.2.2005 Österreichische Bundesliga (2004) http://www.bundesliga.at, 4.2.2005 Österreichische Bundesliga (2004) http://www.bundesliga.at, 4.2.2005 Österreichische Bundesliga (2004) http://www.bundesliga.at, 4.2.2005

Lizensierungshandbuch,

verfügbar

Durchführungsrichtlinien Durchführungsrichtlinien

unter:

Stadionverbot,

Fanchoreografien,


25 Österreichische Bundesliga (2004) Sicherheitsrichtlinien für die Bewerbe der österreichischen Fußball-Bundesliga (Anlage 3 zum BL-Lizensierungshandbuch), verfügbar unter: http://www.bundesliga.at, 4.2.2005 Österreichische Bundesliga (2004) Satzungen der Österreichischen FußballBundesliga, Ordentliche Hauptversammlung 7.12.2004, verfügbar unter: http://www.bundesliga.at, 4.2.2005 SK Rapid MediaInfo (19.7.2004) Rapid – Wacker Tirol: Premiere für Videoüberwachung, verfügbar unter: http://www.skrapid.at/news.php, 6.2.2005 Ruthner, Wilfried/Gabriele Ziering (1991) Street Work in Wien, in: Walther Specht (Hg.) Die gefährliche Straße. Jugendkonflikte und Stadtteilarbeit, Bielefeld. 193-204 Verrückte Köpfe Wacker Tirol: Die Situation in Innsbruck, verfügbar unter: http://www.diekurve.org/, 17.1.2005 Interviews •

Michael Fanizadeh/Heidi Thaler (FairPlay – Viele Farben. Ein Spiel), 13.1.2005

Peter Jedelsky (Kriminalamt Wien), Thomas Zlabinger (Stv. Vorstand Spielbetrieb, Österreichische Bundesliga), 25.1.2005

Lothar Jochade (Verein ISI, Linz), 3.2.2005

Reinhard Krennhuber (ballesterer fm), 17.1.2005

Martin Schwarzlantner (Fankoordinator Austria Wien), 8.2.2005

Manuela Synek (Streetwork Wien), 24.1.2005


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Gremien/Institutionen, Ansprechpersonen und Kontaktadressen Austria MAGNA Kontakt: Martin Schwarzlantner (Fan-Koordinator) Franz Horr Stadion Matthias Sindelar-Tribüne Fischhofgasse 14 A-1100 Wien E-Mail: fak@fk-austria.at Web: http://www.fk-austria.at ballesterer fm Kontakt: Reinhard Krennhuber Schönbrunnerstraße 86/39 A-1050 Wien E-Mail: Krennhuber@ballesterer.at Web: http://ballesterer.at Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork und Mobile Jugendarbeit Österreich (BAST) Kontakt: Helmut Steinkellner Leonhardstraße 131 A-8010 Graz Tel.: +43-69911221558 E-Mail: office@bast.at Web: http://www.bast.at Bundespolizeidirektion Wien Kriminalamt Wien Kontakt: Hofrat Peter Jedelsky Roßauer Lände 5 A-1090 Wien E-Mail: peter.jedelsky1@polizei.gv.at FairPlay – Viele Farben. Ein Spiel Wiener Institut für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit (VIDC) Kontakt: Michael Fanizadeh, Heidi Thaler Möllwaldplatz 5/3 A-1040 Wien Tel.: +43-1-713 35 94 E-Mail: fairplay@vidc.org Web: http://vidc.org/fairplay/fairplay.htm Die Kurve gehört uns – Eine Aktion der österreichischen Fans E-Mail: markusultrasrapid@gmx.at Web: http://www.diekurve.org/


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Landesjugendreferat Wien (MA 13) Friedrich Schmidt Platz 5 A-1082 Wien Tel: +43-1-400084345 Web: http://www.lajuwien.at Öffentliche Sicherheit – Das Magazin des Innenministeriums Kontakt: Werner Sabitzer (Chefredakteur) Postfach 100, Herrengasse 7 Tel.: +43-1-53126-2307 E-Mail: sicherheit@mail.bmi.gv.at Web: http://www.bmi.gv.at/oeffentlsicherheit/ Österreichische Fußball-Bundesliga Kontakt: Thomas Zlabinger (Spielbetrieb), Reinhard Herovits (Organisation), Christian Kircher (Presse) Ernst Happel Stadion Sektor A, Meiereistraße 7 A-1020 Wien Tel.: +43-1-7271847, +43-1-7271851 E-Mail: t.zlabinger@bundesliga.at Web: http://www.bundesliga.at Streetwork Wien Verein Rettet das Kind Kontakt: Manuela Synek Rochusgasse 8 A-1030 Wien Tel.: +43-1-7105800 E-Mail: streetwork.wien@gmx.at Verein I.S.I. Kontakt: Lothar Jochade Steingasse 25 A-4020 Linz Tel.: +43-732-78597931 E-Mail: GF@streetwork.at

Fanarbeit/Soziale Arbeit und Polizei im Kontext von Fußball-Fanbetreuung in Österreich  

Expertise für das Projekt „Soziale Arbeit und Polizei imeuropäischen Kontext von Fanbetreuung“, FH Potsdam Roman Horak & Georg Spitaler Wien...

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