Page 1

VOLUME 13 I SPRING 2018

www.rundschaumedien.ch | € 9.50


LINK LADY #linkyourlives Bella Hadid ist als Model und It-Girl ganz oben angekommen: Ihr unbändiger Wille und ihr Selbstbewusstsein machen sie zu einem Vorbild ihrer Generation. Getreu dem Motto „Don’t Crack Under Pressure“ hält Bella jedem Druck stand.


M A NE RO F LY BACK AU TOM AT IK | ROSEG OLD 18 K

carl-f-bucherer.com


PRESTIGE erscheint vierteljährlich Schweiz I Deutschland I Österreich

Deine Brand-Social-Media-Plattform Lass dich von Brands, Experts, Stores und Community inspirieren!

Publisher Francesco J. Ciringione

rundschauMEDIEN AG St. Jakob-Strasse 110 I CH-4132 Muttenz  T +41 (0)61 335 60 80 I F +41 (0)61 335 60 88 info@rundschaumedien.ch www.rundschaumedien.ch

Member of the Board Boris Jaeggi I b.jaeggi@rundschaumedien.ch Publishing Director I Sales & Marketing Serhat Tok I  s.tok@rundschaumedien.ch

Publishing Director I Administration & Production Hasan Dursun I  h.dursun@rundschaumedien.ch

Product Manager Adrian Borer I  a.borer@rundschaumedien.ch Editor in Chief Nike Schröder I n.schroeder@rundschaumedien.ch

Editors Anka Refghi, Helena Ugrenovic, Wilma Fasola, Gisbert L. Brunner, Timm Delfs, Dr. Thomas Hauer, Wilhelm J. Grusdat, Stephan Gubler, Andreas Faust, Anna Karolina Stock, Anouk Delange, Valeska Jansen, Dieter Günther, Hermann Köpf

Corrector Andreas Probst Head of Production & Art Director Sandra Rizzi I s.rizzi@rundschaumedien.ch

Product Public Relation Laura Giarratana I l.giarratana@rundschaumedien.ch

Online Public Relation Vladimir Popovic I v.popovic@rundschaumedien.ch

Cover Picture «Hollywood Footprints – Up» von Campbell La Pun

Photographs Marco Brogreve, Campbell La Pun, Erik Madigan Heck, VG Bild-Kunst Bonn, Diego Delso, Scott Sharick, Lucio Farina, Dennis Lo, Anna Karolina Stock, Dave Nauli, Sotheby’s, RM Sotheby’s, General Motors, Rolls-Royce, Hermann Köpf, Ferrari, Kai Weissenfeld, Ferrari, Volvo, Dynamiq, Porsche, Massimiliano Rossetto, Kai Weissenfeld, Burberry, Fashionpress, wwd.com, Ermenegildo Zegna, HERRENSTOLZ, Julius Schulman, Leland Y. Lee, Alexis Narodetzky, Undine Pröhl, Salva López, Floto+Warner, Weston Wells, Maura Wasescha, Kartell, Pierre Monetta, Visit Åland, Bonechina, Dinara Kasko, The Fat Duck, Suzanne Grieger-Langer, Bilddatenbanken

Admin, Coordination & Subscriptions Serpil Dursun I s.dursun@rundschaumedien.ch Price  Issue CHF 10.– / € 9.50 I Year ­CHF 39.– / € 35.– IT Support  Dejan Djokic I deki@rundschaumedien.ch Web Services websiteria GmbH I info@websiteria.ch Internet prestigemagazin.com

Representative Offices Deutschland & Österreich Mercury Publicity (Deutschland) GmbH Sabine Fedrowitz Seifgrundstrasse 2 I D-61348 Bad Homburg v. d. H. T +49 (0)6172 9664 0 I F +49 (0)6172 9664 49 s.fedrowitz@mercury-publicity.de www.mercury-publicity.de

PRESTIGE prestigemagazin.com is a registered trademark. (IGE 596’147) Wieder­gabe von Artikeln und Bildern, auszugsweise oder in Ausschnitten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Für unverlangte Zusendungen wird von Redaktion und Verlag jede Haftung abgelehnt.


ORIGINS COMPLE TE

Fold

Designed by Sebastian Herkner

www.schramm-werkstaettten.com


INHALT

76

20

TRAVEL

52 SÜDOSTASIEN Mythos Angkor

56 INDISCHER OZEAN Sansibar

ART & CULTURE

26 KUNST AUS DER SPRAYDOSE Campbell La Pun

32 SHORTCUTS Kunst von München bis Tokio

34 FOTOGRAFIE TRIFFT MALEREI Erik Madigan Heck

60 TIPPS Meran und Umgebung

62 LÄNDER IN BILDERN Japan by Lucio Farina

70 HONGKONG Hotel «The Fleming»

74 AN DER ATLANTIKKÜSTE Lissabon

20 «OOMPH-GIRL» Ann Sheridan

24 VIRTUOSE AM DIRIGENTENSTAB Kevin John Edusei

26

76 PARADIES MIT DUNKLER VERGANGENHEIT Guadeloupe

46 SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT Jean-Michel Basquiat

10 I PRESTIGE

46

70


ring referenz l1062

The world‘s 1st free moving diamond.

www.schaffrath1923.com


INHALT

89

WATCHES & JEWELLERY

80 OBJEKTE DER BEGIERDE Zeitmesser der Stunde

89 WUSSTEN SIE …? Hollywood und seine Juwelen

90 WATCH REVIEW Vielfalt am Handgelenk

94 JUWELEN MIT KULTSTATUS Schmuckdesigner Shaun Leane

100 HISTORY Geschichte der Cocktailringe

100

94 DRIVE STYLE 102 AUTOMOBIL ANNO DOMINI «1939 Frazer Nash-BMW 328 Sports by Leacroft» 106 ZUKUNFT VON VORGESTERN «New York World’s Fair» 1964 110 LUXUS PUR Rolls-Royce Phantom 114 TUNING Porsche-Tuner Akira Kanai-San 119 HANDMADE Motorrad fahren mit Stil 120 IN DER GOLDENEN MITTE Ferrari 488 Spider

102 12 I PRESTIGE


www.yoursecretluxury.ch

Lifestyle on water www.cantieriamostes.it

UNSERE PARTNER MPS Estate Mallorca I A. Mostes I Comitti I Wave rundschauMEDIEN AG I Foitek Urdorf I Napa Wine


INHALT

124

146 LIVING 156 EXTRAORDINARY Architektur der Nachkriegszeit 163 OUTDOOR-HELDEN Stilvolle Sitzmöbel für warme Tage 164 GADGETS Technische Spielereien

139 FASHION & BEAUTY 124 FASHION-EDITORIAL Daria Pleggenkuhle 136 DAS FASHION-ORAKEL Diana Vreeland

166 PROJEKT MIT ZUKUNFT «Six Senses» in Crans-Montana 168 LUXUSIMMOBILIEN Maura Wasescha im Gespräch 170 INTERIEUR US-Designer Rafael de Cárdenas 176 MEISTER DES INDUSTRIEDESIGNS Raymond Loewy 178 DESIGN-IKONE «Componibili»

139 DER SCHUHARCHITEKT Pierre Hardy 140 INTERNATIONAL Trendwende im Modekalender 146 MEN’S WORLD Man(n) trägt Karo 149 NEVER GIVE UP! In stylishen Studios fit werden 150 PORTRÄT Beauty-Pionierin Ann Delafield 152 DIE MACHT DES DUFTES Initio

178 14 I PRESTIGE

156


AUS DEM HERZEN DER SCHWEIZER ALPEN Im wunderschönen Simmental ist das Schreinerhandwerk noch ein traditionelles Handwerk. Der Stolz auf unsere Arbeit zeigt sich in jeder von uns individuell angefertigten Küche. Die raue Landschaft, die majestätischen Berge und die unberührte Natur inspirieren dabei unsere Arbeit. Ob Penthouse-Besitzer oder Chalet-Liebhaber, sie alle teilen die Leidenschaft mit uns, die uns dazu motiviert, die exklusiven Küchenträume unserer Kunden wahr werden zu lassen. Die Zbären Küchen werden dabei mit hochwertigsten Materialien in feinster Handarbeit und mit hochmodernen Maschinen gefertigt. Von der kleinen Manufaktur im Herzen der Schweizer Alpen liefern wir die massgefertigten Küchen in die ganze Welt.

Besuchen Sie einen unserer Showrooms in Bern und Saanenmöser www.zbaeren.ch | +41 (0)33 744 33 77


INHALT

188

180

CULINARIUM

212

180 HAUTE CUISINE «Plaza Athénée», Paris 184 FLÜSSIGES GOLD Unterwasser-Champagner 188 PASTRY ART Architektur trifft Backkunst 193 EDITOR’S PICK Rezepte zwischen zwei Buchdeckeln

FINANCE

194 BONECHINA Das neue Barkonzept

202 PROFILING Suzanne Grieger-Langer

196 PFLANZLICHER HOCHGENUSS Vegane Ernährung

208 STEALTH WEALTH Reich sein inkognito

198 THE FAT DUCK Gourmet-Tempel von Heston Blumenthal

212 SKANDALE DER GESCHICHTE Charles Ponzi und das Schneeballsystem

KOLUMNEN

NEWS

50 WILHELM J. GRUSDAT: wild!!!

6 IMPRESSUM 19 EDITORIAL 216 VORSCHAU

NANA FINK

BULGARI

45 FOR ART LOVERS 69 OH LÀ LÀ 99 SPARKLING! 109 DRIVE IN STYLE! 135 IT-PIECES 155 LOOK PERFECT! 175 WOHNEN DE LUXE 187 STILVOLL GENIESSEN 207 FÜR MACHER!

16 I PRESTIGE


L’Avenue

www.century.com


www.artioli.com


w

LESERINNEN LESER

&

ir versuchen immer Trends aufzuspüren und Sie damit Ausgabe für Ausgabe zu begeistern.

Deshalb freuen wir uns darauf, Sie mit auf eine spannende Zeitreise zu den neuesten Uhren-Highlights 2018 zu nehmen. Edler als mit diesen aussergewöhnlichen Meisterstücken von Luxusherstellern wie Hublot lässt sich die Zeit nicht anzeigen – hier vereinen sich ein Stück Zeitgeschichte, Handwerkskunst, Präzision, Kreativität und Eleganz. Für alle, die die Trends hautnah erleben möchten, empfehlen wir einen Kurztrip ins Epizentrum der Haute Horlogerie, der «Baselworld 2018» vom 22.–27. März. Staunen, bewundern und geniessen heisst hier die Devise. Rund 1500 Nobel-Manufakturen präsentieren ihre neuesten Uhren- und Schmuck-Kollektionen. Und damit bei all den Uhren-­ Highlights nicht nur der Mann von Welt zu seinem Glück kommt, sind wir auch schon bei einem weiteren Schwerpunkt unserer Ausgabe: atemberaubende Schmuckstücke, die Frauenherzen garantiert höherschlagen lassen. Mal puristisch, mal extravagant – freuen Sie sich auf die Must-haves 2018. Haben Sie für dieses Jahr schon einen Urlaub oder Städte-Trip gebucht? Wir hoffen nicht, denn sonst entgehen Ihnen unsere besonderen Tipps, die Sie in keinem gewöhnlichen Reiseführer finden. Eine Reise wert ist beispielsweise die Mega-City Hongkong mit all ihren Impressionen aus goldener Vergangenheit und moderner Zukunft. Oder wie wäre es mit einem Abstecher nach Lissabon? Die Hauptstadt Portugals besticht mit ihrer atemberaubenden Lage an einer Bucht des Tejo. Lassen Sie sich von uns entführen und inspirieren, schaffen Sie wundervolle Erinnerungen, die Sie noch lange im Herzen begleiten und für wunderbare Glücksmomente sorgen. Denn lebenswert ist das Leben vor allem dann, wenn es uns berührt. Und genau das möchten wir mit dieser Ausgabe! Damit heisse ich Sie willkommen in der neuen PRESTIGE-Frühlingsausgabe. Lassen Sie sich wieder von unserem bunten Potpourri aus aufregenden Reportagen, informativen Hintergründen und unvergleichlichem Luxus begeistern! Atmen Sie tief den Spirit des Frühlings ein und spüren Sie die Energie: «We can reach the stars.» Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung!

Francesco J. Ciringione Verleger

Nike Schröder Chefredakteurin

The luxurious way of life I 19


ART & CULTURE

DAS

OOMPH

GIRL

Auf die Frage, ihre Position in der Filmgeschichte zu beschreiben, antwortet sie: «Es gibt keine. Es wird nur eines dieser Dinger sein, die abgeschrieben werden, um Himmels willen. Es wird nichts bedeuten.» Ann Sheridan stapelt tief, denn sie ist die einzige der sechs Schönheitsköniginnen, die aus einem Beauty-Contest eine Karriere entwickelt und Warner Brothers Nummer-eins-Sexsymbol sowie Pin-up-Girl der 1940er Jahre ist.

S

Helena Ugrenovic

ie ist ein wunderschöner Teenager mit rotgoldenen Locken, Katzenaugen, einem vollen Kussmund in einem ebenmässigen Gesicht und mit einer traumhaften Figur gesegnet. Als Paramount Pictures 1933 den Wettbewerb «Search for Beauty» lancieren, sendet ihre Schwester Kitty heimlich ein Foto von ihr ein. Als Ann ihr Bild in den «Dallas News» sieht und daraus ergeht, sie sei eine der 33 Teilnehmerinnen des Schönheitswettbewerbs, braust sie erbost nach Dallas und herrscht John Rosenfield, den Herausgeber der Zeitung, aufgebracht an, warum man sie ohne ihre Erlaubnis für die Teilnahme am Wettbewerb angemeldet hätte. Ein paar Monate später klingelt das Telefon auf der Ranch der Sheridans. John Rosenfield informiert Ann, sie sei eines von sechs Mädchen, die den Wettbewerb gewonnen haben. Am 15. September 1933 verlässt Ann Texas und fährt, begleitet von ihren Eltern, ihrem Bruder sowie drei Schwestern, nach Hollywood. Der Preis des Wettbewerbs sind Bildschirmtests sowie eine winzige Filmrolle.

20 I PRESTIGE


«Errol Flynn war einer der wildesten Charaktere der Welt, aber er hatte eine seltsame, ruhige Seite. Er hat sich komplett getarnt. In all den Jahren, in denen ich ihn kannte, wusste ich nie wirklich, was darunter lag, und ich bezweifle, dass es viele Leute wussten.» – Ann Sheridan –

PS im Blut: Ann Sheridans Vater war ein texanischer Automechaniker.


ART & CULTURE

Die mit dem Bullen tanzt

guter Indianer» zurückzuführen sein. Clara Lou ist das jüngste von fünf Kindern, die in einem liebevollen Zuhause auf einer Ranch aufwachsen, fürsorglich umsorgt von ihrer Mutter Lula. Clara Lou ist, wie sie selbst sagt, «rebellisch und wild», ein typisches Texas-Girl, das im Mädchenteam der North Texas State Teacher Basketball spielt, eine Karriere als Lehrerin anstrebt, einen Bullen besser reitet als ein Pferd, jede Blechdose wegballert und präzise in die Mitte eines Fadenkreuzes schiessen kann.

Paramount Pictures versus Warner Brothers Mit 19 Jahren steht Clara Lou das erste Mal für die Werbekampagne «Search for Beauty» für Paramount Pictures vor der Kamera, unterzeichnet in Hollywood ihren ersten Sechs-Monate-Vertrag für 50 US-Dollar die Woche und spielt ihre erste kleinere Rolle im Film «Wagon Wheels». Paramount Pictures kreieren Rollen, die dazu dienen, ihre sowie die Schönheit der anderen Starlets zur Schau zu stellen, und so wirkt Clara Lou 1934 und 1935 in ein paar Dutzend weiteren Produktionen mit, die eher in die Kategorie B-Movies einzustufen sind. Nachdem eine Aktiengesellschaft sich darüber mokiert, ihr Name sei zu lang

«Torrid Zone» I 1940

Der Erste Weltkrieg tobt bereits seit einem Jahr auf den anderen Kontinenten des Globusses, als Clara Lou Sheridan am 21. Februar 1915 in Denton, einer texanischen Kleinstadt in den USA, geboren wird. Es ist kein verschlafenes Nest wie andere Orte ausserhalb der berühmten US-Metropolen. Nur eine knappe Stunde von Dallas entfernt, weht der Wind der Grossstadt über den Lake Dallas auch nach Denton, das, aufgewertet durch zwei namhafte Hochschulen, alles andere als ein dümmli­ ches Provinzloch ist. Von ihrem Vater G.W. Sheridan, einem Automechaniker, erzählt Clara Lou, er sei ein Ururneffe Philipp Sheridans, eines Offiziers des US-Heeres und Generalleutnant Oberbefehlshaber im Amerikanischen Bürgerkrieg. Auf ihn soll auch die Äusserung «Nur ein toter Indianer ist ein

Wussten Sie? 1939 wird Ann Sheridan zum Max Factor’s «Girl of the Year» ernannt. 1952 wählt die Fashion Academy of New York Ann Sheridan zu den acht bestgekleideten Frauen Amerikas. Ann Sheridan soll die Rolle der Ilsa Lund im Film «Casablanca» spielen, doch stattdessen erhält Ingrid Bergman den Zuschlag. Die Hauptrolle im Kult-Epos «Vom Winde verweht» schnappt ihr Vivien Leigh vor der Nase weg.

22 I PRESTIGE


ART & CULTURE

und passe nicht in die Fläche der Leuchtreklame, die für ihren nächsten Film «The Milky Way» wirbt, ändert das Studio ihren Namen in Ann Sheridan. Ann missfallen die «Krümel», mit denen man sie füttert, und spielt mit dem Gedanken, wieder nach Texas zurückzukehren. Doch stattdessen feuert sie ihren Agenten Bill Meiklejohn und engagiert einen neuen, Dick Polimer, der ihr eine kleinere Rolle in der Warner-Brothers-Produktion «Sing me a Love Song» beschafft. Der Casting Director Max Arnow ist angetan von ihrem Schauspiel und offeriert ihr einen Sechs-Monate-Vertrag mit einer wöchentlichen Gage von 75 US-Dollar. 1936 wechselt Ann Sheridan zu Warner Brothers, doch die Hoffnung auf grössere Filmrollen zerschlägt sich. Zwei weitere Jahre spielt sie unbedeutende Rollen in eher anspruchslosen Filmen.

Das rebellische «Oomph-Girl» Die Beziehung zu Warner Brothers, bei denen Ann insgesamt 12 Jahre unter Vertrag bleiben wird, ist schwierig und von Zwist geprägt. Die kämpferische Ann treibt die Studiobosse immer wieder mit Streitgesprächen und Streiks zur Verzweiflung. Wie viele ihrer Schauspielkollegen dieser Zeit verlangt sie bessere Filmrollen und ein höheres Gehalt. 1938 darf sie endlich die Hauptrolle im Film «Angels with Dirty Faces» spielen. Als der berühmte Journalist Walter Winchell eines ihrer Fotos aus «Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern» mit der Aussage «Ann Sheridan zeigt in diesem Film sehr viel Umph» kommentiert, was so viel bedeutet wie Pep und Sexappeal, ändert das Studio die Schreibweise des Wortes in «Oomph» und ruft gleichzeitig einen Wettbewerb aus, um Hollywoods «Oomph-Girl» zu krönen. Ann gewinnt diesen Wettbewerb und wird zur Schauspielerin mit dem grössten «Oomph»-­ Effekt der USA gekürt. Die Männerwelt ist verrückt nach dem texanischen Wildfang, der wöchentlich circa 250 Heiratsanträge erhält. Jahre später äussert sich Ann Sheridan in einem Interview: «Oomph ist das Geräusch, das ein dicker Mann macht, wenn er sich bückt, um seine Schnürsenkel in einer Telefonzelle zu binden.» Doch das «Oomph» ist nicht nur ein Titel, den sie gewinnt, es ist der Kurswechsel zu A-Filmen, da sie etwas «undefinierbar Anziehendes auf Männer» ausübt.

Die glamouröse Hollywood-Sirene Es ist die Mischung zwischen aussergewöhnlicher Anziehung, ihrer direkten Art und einer unverwechselbaren Bodenständigkeit, die niemals zu eklatanter Sexiness führt. Sie ist sexy, sie hat Stil, und sie beginnt den Lady-Status sowie Ruhm zu geniessen. Ihre erste Star-Rolle spielt Ann Sheridan 1940 im Film «It All Came True», wo sie an der Seite von Humphrey Bogart und Jeffrey Lynn in der Musical-Komödie auch das erste Mal singt. Es folgen weitere Filme wie «Torrid Zone», «City for Conquest», «They drive by Night», «Honeymoon for Three», «The Man Who Came to Dinner» oder «Kings Row», in denen sie an der Seite von Stars wie Ronald Reagan, Robert Cummings oder Betty Field brilliert. Neben Rita Hayworth, Betty Grable und Dorothy Lamour gehört sie zu Hollywoods beliebtesten Pin-up-Girls.

Ehe-Unglück und Karriereknick Trotz unzähliger Heiratsanträge, Verehrer und ihrem schillernden Wesen scheinen auch ihre Ehen eher B- als A-Verbindungen zu sein. Ihre erste Heirat mit Edward Norris endet 1939 nach knapp zwei Jahren, und ihre zweite Ehe mit George Brent dauert auf den Tag genau ein Jahr, als sich das Paar 1943 trennt. Die langjährige Beziehung mit dem Publizisten Steve Hannagan wird mit Hannagans Herzinfarkt 1953 beendet, und als Ann Sheridan 1966 mit dem Schauspielkollegen Scott McKay zum dritten Mal das Ehegelübde schwört, stirbt sie nach nur sechs Monaten. 1950 werden die Filmrollen weniger und schlechter. Junge Schauspielkolleginnen fluten Hollywoods Filmsets und verdrängen die «ältere» weibliche Konkurrenz. Die Filme, in denen Ann Sheridan in den sechziger Jahren zu sehen ist, sind enttäuschend, und nach einer weiteren mittelmässigen Produktion, «Woman and the Hunter», beendet Ann Sheridan 1957 ihre Filmkarriere. 1966 tritt sie im Fernsehen in ihrer eigenen Comedy-Serie «Pistols ‘n’ Petticoats» auf, doch wird sie noch im selben Jahr mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Am 21. Januar 1967 stirbt das «Oomph-Girl» in Los Angeles.

The luxurious way of life I 23


ART & CULTURE

IM BANN DER PARTITUR

Gelernt hat er sein Handwerk bei Jacques van Steen, Ed Spanjaard und Péter Eötvös, der als Komponist und Dirigent eine zentrale Rolle auf seinem Weg zum Dirigenten spielte. Ebenso studierte er drei Monate in Aspen, Colorado, bei David Zinman, dem grossen Meister-Dirigenten und für Edusei wichtigen Mentor im Übergang vom Studium zur professionellen Laufbahn. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Mit dem ersten Preis beim «Dimitris Mitropoulos Dirigentenwettbewerb» im Jahr 2008 – und es sollten noch viele folgen – sorgte er international für Furore. Mit Witz, Esprit und Leichtigkeit legt er heute aussergewöhnliche Interpretationen von Barock bis hin zur Moderne vor. Seine Handschrift? Flexibel und wandelbar, immer auf der Suche nach

2 ZITATE «Es ist eine körperliche ‹Ur-Erfahrung›, wenn mit einem selbst 100 Musiker gleichzeitig einatmen und einen Klang produzieren.» – Kevin John Edusei – «Die Musik ist in dem einen Moment da und im nächsten schon wieder verklungen. Das finde ich das Faszinierende an der Musik und macht sie besonders.» – Kevin John Edusei –

24 I PRESTIGE

dem Kern des Stückes, nach dem Bestreben des Komponisten, doch nie, ohne die veränderte Aufführungspraxis oder Hörgewohnheiten der Menschen ausser Acht zu lassen. Kevin John Edusei – ein Dirigent, der sein Publikum musikalisch und energetisch in den Bann zieht.

© Marco Brogreve

Wenn der gerade einmal 42-jährige Kevin John Edusei den Taktstock schwingt, gerät die Musikwelt ins Schwärmen. Von kühner Eleganz ist dann die Rede, von begnadetem Talent und auch vom «Wunderdirigenten». Neben seiner Position als Chefdirigent der Münchner Symphoniker und Chefdirigent am Konzert Theater Bern dirigiert der gebürtige Bielefelder deutsch-ghanaischer Herkunft die renommiertesten Orchester der Welt. Einladungen als Gast­ dirigent führten ihn bereits ans Pult von Orchestern wie den St. Petersburger Philharmonikern, dem Konzerthaus-Orchester Berlin, dem Residentie Orkest Den Haag, der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-­Pfalz, den Hamburger Symphonikern, dem Mozarteumorchester Salzburg oder dem Wiener Kammer­ orchester, um nur einige wenige zu nennen. 2017 gab er nun sein USA-Debüt mit dem Colorado Symphony Orchestra und mit dem neugegründeten Chineke! Orchestra sein Debüt bei den BBC Proms in London. Mit bahnbrechendem Erfolg.

KEVIN JOHN EDUSEI


ALPINE, ASIAN, AUTHENTIC The Chedi Andermatt will captivate and move you. With its authenticity, the unusual liaison of Alpine chic and Asian expression. At the heart of the Swiss Alps, 1,447 meters above sea level and just 90 minutes by car from Zurich, this exclusive hotel in Andermatt will captivate your imagination with its 123 elegant rooms and suites, four outstanding restaurants and bars and a modern Health Club. Another highlight is the multi award-winning Spa area that is probably unique in Switzerland – an oasis of calm and relaxation. The Chedi Andermatt offers a glimpse of another world and views of an unforgettable piece of Switzerland. For further information and reservations please contact +41 41 888 74 88 or info@chediandermatt.com

6490 ANDERMATT SWITZERLAND T (41) 41 888 74 88 F (41) 41 888 74 99 THECHEDIANDERMATT.COM


ART & CULTURE

26 I PRESTIGE


ART & CULTURE

STENCIL

POP ART

Kendall und Kylie Jenner besitzen sie, Mel B und Cydney Bernard ebenso: die Kunst von Campbell La Pun. Mit seiner Schablonenkunst zwischen Streetart, Pop Art und einem aufregenden Gemisch verschiedener Disziplinen und Kulturen feiert der 1983 in Neuseeland geborene Künstler schon längst internationale Erfolge. Anka Refghi I

Campbell La Pun

The luxurious way of life I 27


ART & CULTURE

B

evor Campbell La Pun 2013 seinen Lebensmittelpunkt nach Tokio verlegte, hatte er in Melbourne ein Leben, das sich wohl am besten mit «pretty normal» beschreiben lässt. Die Kunst? Ursprünglich nur ein Ausgleich zu seinem damaligen Vollzeitjob. Dass er heute seinen Traum als erfolgreicher Künstler lebt, ist seinem Mut und der Entscheidung geschuldet, seit seinem Umzug in die japanische Metropole alles auf die Karte Kunst gesetzt zu haben. Seine Bilder, die er mit Schablonen, Sprühfarbe und Acryl auf Holz oder Canvas erschafft, begeistern im Spannungsfeld zwischen kultigen Filmfiguren, japanischen Anime-­­Cartoons, Retro-­ Videospielen, und ikonischen Luxusbrands. PRESTIGE: Campbell, wann hast du begonnen, dich für Streetart zu interessieren? CAMPBELL LA PUN: Streetart ist in Melbourne Teil der natürlichen Umgebung – man sieht sie einfach überall. Mit der Zeit habe ich begonnen, die Graffitis und Paste-ups mit ihren Farben, Schichten und Texturen auf den Wänden und alten Gebäuden zu lieben. Du kommst aus Melbourne und lebst heute in Tokio. Was hat dich nach Tokio geführt? Ich war eigentlich schon immer von der japanischen Kultur fasziniert und habe es bei jedem Besuch geliebt, mich in diesem grossen und mystischen Unbekannten dieser Stadt zu verlieren. Ich dachte immer, dass es wohl eine grossartige Erfahrung wäre, eines Tages dort zu leben. 2013 habe ich diesen Traum dann realisiert. Inwiefern würdest du sagen, dass dich Tokio heraus­ fordert? Insofern, als dass ich in einer Kultur lebe, deren Sprache ich nicht spreche. Aber genau das hält jeden Tag und jede Erfahrung frisch und interessant, was eine Herausforderung im positiven Sinne ist. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken, oder man muss versuchen, es aus einer anderen Perspektive zu verstehen.

28 I PRESTIGE

Wie erlebst du Tokios Kunstszene im Allgemeinen? Ich lerne jeden Tag über die Kunstszene in Japan dazu, denn sie ist sehr vielfältig und spielt auf ganz unterschiedlichen Ebenen: zwischen Streetart-Kunst, hochrangigen zeitgenössischen Kunstsammlern bis hin zu den histo­ rischen traditionellen japanischen Kunstformen. Ich sehe weiterhin ein wachsendes Interesse an Kunst und dem Sammeln von Kunst. Ich denke, dass die nächsten 10 Jahre hier sehr aufregend werden. Pop Art, Mode, östliche und westliche Kultur, Street­ art – in deinen Arbeiten finden sich ganz unterschied­ liche Einflüsse … Ja, meine Arbeiten sind von Bildern beeinflusst, die ich sehe und von denen ich umgeben bin. Ich benutze sie als Grundlage, um neue Kombinationen und alternative Ansichten zu komponieren, so, wie ich sie mir vorstelle oder möchte, dass sie existieren. Zum Beispiel eine Spraydose von Chanel zu benutzen, eine Louis-Vuitton-Banane zu essen oder die farbigen Welten der Animationen wie Graffitis an die Wand zu hängen.


ART & CULTURE

Campbell La Pun in seinem Atelier

«Mite Mite Mite» aus der «Mish Mash Collection»

The luxurious way of life I 29


ART & CULTURE

«LV Stallion – Japonika» aus der «Pop Collection»

30 I PRESTIGE


Bekannte Brands einmal anders

ART & CULTURE

Eine Spraydose von Chanel, eine Banane von Louis Vuitton – sozialkritisch oder humoristisch? Ich versuche es zu vermeiden, zu viel über den Inhalt oder die Bedeutung meiner Arbeit nachzudenken. Vielmehr ziele ich darauf ab, Bilder und Farben zu verdrehen, zu verändern, zu modifizieren und zu modernisieren – auf meine ganz eigene Weise. Das Einzige, was ich je geplant habe, ist, dass meine Arbeit Spass machen muss. Spass dabei zu haben und ihn mit anderen Menschen zu teilen, die wiederum Freude bei der Betrachtung meiner Bilder haben, ist grossartig. Spannend ist auch, immer wieder zu entdecken, wie jede Person eine ganz individuelle Verbindung zu bestimmten Bildern und deren Farben oder Marken darauf hat. Deine Arbeitsweise nennst du «Stencil Pop Art» … Das ist richtig. Für jedes Werk fertige ich von Hand eine Schablone an. In der Regel ist jede Farbe eine andere Schicht, aber gelegentlich werden auch mehrere Farben mit einer Schablone aufgebracht. Jede Schablone wird dann auf einer Holzplatte ausgerichtet und mit Sprühfarbe lackiert. Der Vorgang wiederholt sich so oft, bis alle Farben übereinandergeschichtet sind.

Wo findest du Inspiration? Für mich wird fast alles zur Quelle der Inspiration. Ich habe schon immer Farben sehr geliebt, was auch der Einfluss der Pop Art in meinen Bildern zeigt. Westliche und japanische Kultur, aber auch Mode sind für mich ebenso wichtig wie Menschen und Gespräche – jeder hat eine andere Reise- und Lebenserfahrung mit seinem ganz eigenen Weltbild. Gibt es einen Moment, den du als den wichtigsten deiner gesamten Karriere bezeichnen würdest? Ich hatte noch nicht den wichtigsten Moment. Ich habe immer das Gefühl, erst am Anfang zu stehen und dass es noch so viel zu erledigen gibt. Ein Ausblick auf das Jahr 2018 Für 2018 sind viele neue Arbeiten und viele Veränderungen geplant, aber auch weitere grossformatige Werke und einige Ausstellungen in den USA. Alles andere werde ich bis zur Fertigstellung aber noch geheim halten. Zurzeit arbeite ich 15 Stunden am Tag im Studio, und so werde ich wohl das ganze Jahr auch weiter hart arbeiten.

The luxurious way of life I 31


ART & CULTURE

ART

REVIEW Beyond the New

Die niederländische Produktdesignerin Hella Jongerius und die Designtheoretikerin Louise Schouwenberg sind eingeladen, für die Paternoster-Halle der Pinakothek der Moderne eine ortsspezifische Installation zu ent­wickeln. Jongerius und Schouwenberg verfassten 2015 das Manifest «Beyond the New. A Search for Ideals in Design», in dem sie das vorrangige Interesse der Produktindustrie an der Idee des ewig Neuen um der Neuheit willen kritisierten und stattdessen für eine wahrhaftige kulturelle Innovation plädierten. Die Idee des Neuen wird in der Ausstellung nun auf das Museum und seine Sammlung übertragen. Pinakothek der Moderne, bis 16. September 2018, München

The Yayoi Kusama Museum Jeder kennt sie, die «Königin der Punkte»: Yayoi Kusama. 1929 in Matsumoto City geboren, zog die japanische Künstlerin und Avantgardistin Ende der 1950er Jahre nach New York, wo ihre Weltkarriere begann. Nun liefert sie höchstpersönlich ein weiteres «Must see» in Japan: ihr eigenes Museum in Tokios Bezirk «Shinjuku», das im letzten Oktober eröffnet wurde und ihren eigenen Arbeiten gewidmet ist. Realisiert wurde das imposante fünfstöckige Gebäude von dem japanischen Architekten Kume Sekkei. Geplant sind jährlich zwei Wechselausstellungen der legendären Künstlerin. www.yayoi-kusama.jp

Keith Haring Die Albertina widmet dem amerikanischen Ausnahmekünstler Keith Haring (1958–1990) aus Anlass seines 60. Geburtstags eine umfassende Retrospektive mit rund 100 Werken aus internationalen Museen und privaten Sammlungen. In seinen Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen verschrieb sich Keith Haring Botschaften, die Kunst als Aufschrei gegen die Gewalt der Herrschenden, gegen Unterdrückung von Minderheiten, gegen Vorurteile und Barbarei verstanden. Seine Themen kreisen immer wieder aufs Neue um Gerechtigkeit und Veränderung. Albertina, 16. März bis 24. Juni 2018, Wien

32 I PRESTIGE


Deine Brand-Social-Media-Plattform Lass dich von Brands, Experts, Stores und Community inspirieren!


Honeycomb, Jun’ya Wantanabe


MEETS

PHOTOGRAPHY

HIGH ART Mit seinen Bildern zieht der junge US-amerikanische Fotograf Erik Madigan Heck die Welt in seinen Bann. Virtuos verwischt er die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie und zelebriert die SchĂśnheit auf seine ganz eigene Weise. Anka Refghi I

Erik Madigan Heck / Courtesy Christophe Guye Galerie


ART & CULTURE

Aganovich, New York Magazine

36 I PRESTIGE


A

ls er 2012 für die «Art of Fashion»-Kampagne des amerikanischen Luxuskaufhauses Neiman Marcus gebucht wird, ist er gerade einmal 28 Jahre alt. Als bislang jüngster Fotograf und ab sofort in einer Reihe mit den grossen wie Richard Avedon, Helmut Newton, Annie Leibovitz oder Lillian Bassman. Heute arbeitet der am 9. September 1983 in Excelsior, Minnesota, geborene Fotograf für die renommiertesten Magazine und Designer weltweit. Dabei war es seine Mutter, eine Malerin, die ihm eine Kamera schenkte, um ihn von seinen Turntables in seinem Zimmer wegzulocken. Für die Malerei, so sagt er heute, fehlte ihm die Geduld. Stattdessen studierte er an der legendären New Yorker «Parsons School» Fotografie, der Rest ist Geschichte. PRESTIGE: Erik, als Sie international bekannt wurden, waren Sie gerade einmal Ende 20. Sehnte sich die damalige und doch meist konservative Modeindustrie nach neuen Ideen? ERIK MADIGAN HECK: Ich nehme an, es war einfach gutes Timing. In der Modewelt war damals ein ziemlich anderer Stil vorherrschend, sodass ich mit meiner Arbeit hervorstach. Und natürlich hatte ich auch Glück, dass ich gerade noch vor der Explosion des Internets und vor Instagram mit meiner Arbeit begonnen hatte. Meine Arbeit schien wie aus einer früheren Zeit. Ich denke, dass die Leute in einer Zeit, in der alles hypersexualisiert und digital wurde, sich gerne wieder klassischen Werken zuwendeten. Frauen im Showbusiness, die als sexualisierte Objekte behandelt werden, sind ge­ rade ein grosses Thema. In Ihren Bildern werden Frauen dagegen sehr respektvoll dargestellt … Ja, ich habe es schon immer als sehr merkwürdig empfunden, dass Frauen in der Mode als Sex-Objekte dargestellt wurden. Denn eigentlich betrifft die Modefotografie in erster Linie die Kleidung und dann erst die Frau. Ich benutze immer das Barometer von «Würde meine Mutter das mögen?» – ich bin nicht daran interessiert, erotische Fotografie zu machen. Ich finde es interessanter, die Frauen mit der Umgebung eins werden zu lassen, als sie plakativ zu sexualisieren. Ihre Bilder sind unglaublich stark, und Sie zitieren darin auch grosse Meister der Malerei. Können Sie mir etwas über Ihre tiefe Verbindung zur Kunst erzählen? Ich bin mit Kunst aufgewachsen. Meine Mutter ist Malerin, und mein Vater sammelte Kunst. Als Kind habe ich unzählige Stunden in Museen verbracht. Bevor ich als Kind anfing zu malen, hatte ich wahrscheinlich schon tausende von Kunstwerken gesehen. Ich habe nie versucht, explizit Werke wiederzugeben, die ich gesehen habe, aber man kann auch nicht anders, als etwas hervorzubringen, das einen so beeinflusst hat. Sie «malen» mit der Kamera in leuchtenden Farben. Was bedeuten Farben für Sie? Ich habe zuerst viele Jahre in Schwarz-Weiss fotografiert. Nachdem ich mich für die Farb­ fotografie entschieden hatte, wollte ich, dass der Schwerpunkt auf der Farbe selbst liegt. Ich denke immer an die Schwarz-Weiss-Fotografie als Grundlage und sehe die Farbe darauf als Beschichtung. Farbe löst eine emotionale Reaktion aus, und ich versuche sie deshalb, so lebendig wie möglich zu benutzen. Ich liebe Farben und wie sie eine normale Landschaft oder ein Porträt in etwas viel Emotionaleres verwandeln können. Als Porträtfotograf arbeiten Sie mit grossen Stars wie Adele, Nicki Minaj, Tilda Swinton, Roger Federer und vielen mehr. Wer von ihnen hat Sie am meisten über­ rascht und warum?

ART & CULTURE

Roger Federer war einer der bescheidensten Herren, die ich je getroffen habe. Tilda Swinton war auch ein aussergewöhnliches menschliches Wesen, eine sehr seltene Art von Mensch, der man nur einige wenige Male in seinem Leben begegnet. Wenn Sie sich an Ihre Anfänge als Fotograf erinnern – welches waren Ihre Entwicklungsschritte, die zu ­Ihrem heute so einzigartigen fotografischen Stil ge­ führt haben? Ich habe viele Jahre sehr traditionell im Sinne eines Henri Cartier-Bresson fotografiert. Danach wollte ich versuchen, meine eigene Art der Malereien mit der Kamera zu ent­ wickeln, und begann mit Dunkelkammer-Prozessen und Postproduktion zu experimentieren. Das war 2011 und auch die Geburtsstunde meines Stils. Die digitale Postproduktion ist heutzutage ein grosses Thema. Inwiefern spielt sie in Ihrer Arbeit eine Rolle? Ich benutze Photoshop in den letzten Phasen der Arbeit, um Farbschichten aufzubauen wie auf einer Leinwand. Manchmal sind hunderte von Farbniveaus auf der Oberfläche eines Bildes aufgetragen. Postproduktion ermöglicht, sich zu öffnen und zu dem zu werden, was Künstler wollen. Das war vor der Existenz der Postproduktion nur sehr limitiert möglich. Wie würden Sie sich selbst als Person beschreiben? Künstler? Avantgardist? Rebell? Ich bin nicht gerade avantgardistisch – ich liebe Mode, aber in der Regel trage ich zweckmässige Kleidung. Ich mag es nicht, in einer Menschenmenge aufzufallen, und ich bin lieber der Ruhigere im Raum.


Guinevere, Muse Magazine

«Ich finde es interessanter, die Frauen mit der Umgebung eins werden zu lassen, als sie plakativ zu sexualisieren.» – Erik Madigan Heck –


Honeycomb, Jun’ya Wantanabe


ART & CULTURE

Surreal Planes, Mary Katrantzou

40 I PRESTIGE


ART & CULTURE

The luxurious way of life I 41


Without a Face, for Oscar de la Renta, New York Magazine


Numéro Paris 156

ART & CULTURE

The luxurious way of life I 43


ART & CULTURE

Erdem, 2014

44 I PRESTIGE


Lovers

ART & CULTURE

FOR ART BY

SWATCH

«Watch my Fabric» (SUON129) gibt einen Blick in ihr Innerstes preis. Öffnen Sie die Schublade, um eine Auswahl an Anzugstoffen zu ent­decken, und ein Blick auf das Zifferblatt offenbart das Uhrwerk dieser schönen Uhr.

TASCHEN VERLAG

Limitierte Art Edition von 125 Exemplaren (Nr. 1–125), mit dem Print Lara Stone, Vogue Paris (London, 2010), nummeriert und signiert von Mert Alas und Marcus Piggott.

© Benjamin Schwar

Auch i n d iesem F r ü h l i n g geht es «k u nstvol l» weiter: z w ischen den Seiten, au f den Strassen, a m Ha nd gelen k u nd i n renom m ier ten Ku ltu ri nstitutionen.

OPERNHAUS ZÜRICH

«Faust»: nach «Faust. Der Tragödie erster Teil» von Johann Wolfgang von Goethe. Uraufführung von Edward Clug, Musik von Milko Lazar. 28. April bis 1. Juni 2018

J.W. ANDERSON X CONVERSE

Converse-Klassiker «Chuck Taylor» und «Thunderbolts» in neuem Look: Converse und J.W. Anderson haben gemeinsam Schuhe ent­ worfen. Lässig, cool und mit einem Hauch von Glitter, Glamour und Luxus.

HAUS KONSTRUKTIV, ZÜRICH

Zum Auftakt des Ausstellungs­­ jahres 2018 würdigt das Museum Haus Konstruktiv den deutschen Künstler Gerhard von Graevenitz (1934 –1983) in einer Retrospektive. Sein Wirken hat der kinetischen Kunst, der Op-Art und Computerkunst wichtige Impulse gegeben. Bis 6. Mai 2018

The luxurious way of life I 45


© Licensed by Artestar, New York

ART & CULTURE

«Ich habe nie eine Kunstakademie besucht, sondern ich habe nur hingeschaut.» – Jean-Michel Basquiat –

46 I PRESTIGE


ART & CULTURE

BOOM FOR

REAL

Basquiat gelang etwas, das keinem anderen afro-amerikanischen Künstler vor ihm gelungen war: der Durchbruch in einer sonst «weissen» Kunstwelt. 30 Jahre nach seinem Tod zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt nun unter dem Titel «Boom for Real» eine einmalige Ausstellung, in der viele Leihgaben aus internationalen Museen und privaten Sammlungen zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sein werden.

A

ls Jean-Michel Basquiat die erste schriftliche Erwähnung in der Kunstpresse erhielt, war er gerade einmal 19 Jahre alt. Entdeckt durch den damaligen Kritiker Jeffrey Deitch, der 1980 seine Arbeiten in der «Times Square Show», einer Gruppenausstellung radikaler New Yorker Kunst, gesehen hatte.

 Anka Refghi I

VG Bild-Kunst Bonn

Von frühester Kindheit an war Kunst fester Bestandteil im Leben von Jean-Michel Basquiat. Am 22. Dezember 1960 in Brooklyn geboren, nahm ihn seine Mutter Matilde, eine puerto-ricanische Amerikanerin mit Interesse an Kunst und Modedesign, bereits im Alter von fünf Jahren in das «Museum of Modern Art» und in das «Metropolitan Museum» mit. Ein Jahr später war Basquiat «Junior-­ Mitglied» des «Brooklyn Museum», was nicht zuletzt seinem Vater Gerard, einem haitianischen Einwanderer und Buchhalter, zu verdanken war, der zur aufstrebenden Mittelschicht gehörte und über die finanziellen Mittel für die Bildung seiner Kinder verfügte.

Untitled (Crown) I 1982

Der Rockstar-Künstler Doch so früh das künstlerische Talent des kleinen Jean-Michel Basquiat deutlich wurde, seine schulische Karriere sollte von anhaltenden Schwierigkeiten geprägt sein. Gehorsam, Disziplin und strukturierte Erziehung? Nicht sein Ding. Im Laufe der Jahre wechselte er mehrmals die Schulen, bevor er 1976 die «City as School» besuchte, eine Schule für begabte Kinder, die sich in

The luxurious way of life I 47


ART & CULTURE

herkömmlichen Institutionen schwertaten. Doch auch hier führte seine wilde Unangepasstheit dazu, dass er im letzten Jahr die High School ohne Abschluss verliess. Stattdessen bildete er sich selber weiter. Getrieben von einem immensen Wissens­ durst besuchte er New Yorker Museen, Kunst­ galerien und die kreativen Orte jener Zeit wie SoHo, wo er auf Gleichgesinnte traf. Eine Zeit, in der er damit begann, unter dem Nickname «SAMO ©» Graffiti auf Wände zu sprühen und handgemalte Postkarten und T-Shirts zu verkaufen. Sein Talent blieb nicht lange unentdeckt. Schon bald war er der Star der Kunstszene der 1980er und arbeitete mit Grössen wie Andy Warhol, Salvador Dalì, Keith Haring oder auch Beuys zusammen. Zeitzeugen erinnern sich an ihn als schillernde Person, als Rockstar-Persönlichkeit – und an einen Künstler, der an seiner Kunst so hart arbeitete wie kaum ein anderer und mehr über die Kunstgeschichte wusste als die meisten.

Untitled I 1982

48 I PRESTIGE

Von grossen Meistern inspiriert Dass seine Bilder Einflüsse von Künstlern wie ­Jackson Pollock, Jean Dubuffet oder Cy Twombly aufweisen – um nur ein paar wenige zu nennen –, kam nicht von ungefähr. Denn wie kein anderer verstand es Basquiat, alte Künstlerhelden zu zitieren, die er bewunderte, und mit seinem eigenen Stil zu vermischen. Er nahm Elemente aus den Werken der grossen Meister und vermischte sie mit Symbolen aus seinen eigenen Erfahrungen als Strassenkünstler, Musiker, Künstler und Kind, das in den 1970er Jahren in einer Zeit aufgewachsen war, die für Afro-Amerikaner nicht immer einfach war. So sagte einmal Richard Marshall über den Stil des Ausnahmekünstlers: «Basquiat hat sich selbst beigebracht, wie man mit der Kunst, die er in Museen und in Büchern gesehen hat, malt.» Als Basquiat 1988 mit 27 Jahren viel zu früh an einer Überdosis Heroin starb, hinterliess er rund 900 Gemälde und 1250 Zeichnungen.


Self-Portrait I 1983

ART & CULTURE

Schirn Kunsthalle Frankfurt Die aussergewöhnliche Ausstellung mit über 100 heraus­ragend gewählten Werken ist in der Schirn Kunsthalle Frankfurt bis zum 27. Mai 2018 zu sehen. Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt die Rekonstruktion der bahnbrechenden Gruppenausstellung «New York / New Wave» von 1981, zudem verortet die Ausstellung Basquiat multimedial mit Musik, Text, Film und Fernsehen aus der Zeit des Künstlers.

A Panel of Experts I 1982

The luxurious way of life I 49


KOLUMNE

AUS DEM LEBEN EINES GALERISTEN: WILD!!!

WILHELM J. GRUSDAT

Salvador Dalí liebte es unkonventionell. Wen verwundert es, dass seine liebsten Haustiere die beiden kolumbianischen Ozelote Babu und Buba waren. Einer von beiden blieb immer an seiner Seite, wenn der Künstler unterwegs war. Ihr Erscheinen erregte viel Aufsehen und irritierte vor allem das Personal in den feinen Restaurants und Hotels, in denen Dalί abstieg. Je mehr Chaos die Katzen verursachten, desto gelassener wurde der Künstler. So entgegnete er den aufgebrachten Passagieren auf dem Luxusdampfer «SS France», die es nicht dulden wollten, dass Babu mit im Speisesaal dinierte: «Ich habe eine ganz normale Hauskatze wie einen Ozelot angemalt, damit sie wilder aussieht. Sehen Sie: Es wirkt!» Auch der empörte Besitzer einer Pariser Galerie konnte Dalí nicht aus der Ruhe bringen. Er forderte Schadensersatz von dem Künstler für ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, das Babu zerkratzt hatte. Für Dalí war das kein Grund zur Panik. Er empfahl dem Galeristen, einfach die Preise zu erhöhen und ab sofort nur noch wilde Kunst zu verkaufen.

Vielleicht war Beard auch eine Inspiration für Warhols Parodiefilm «Tarzan und Jane». In dem Schwarz-Weiss-Streifen lässt Warhol verschiedene Mitglieder seiner Fabrik in Leopardenbikinis und Lendenschurz Posen nachstellen, die man aus Verfilmungen kannte. Neben dem Künstler Claes Oldenburg war einer der Tarzan-Darsteller der Schauspieler Dennis Hopper. Hopper hatte gerade seinen Film «Easy Rider» gedreht und investierte sein Geld in moderne Kunst, darunter natürlich auch Werke von Andy Warhol. Als er eines Abends in die Küche gehen wollte, sah er aus den Augenwinkeln ein fremdes Gesicht, griff zum Revolver und schoss zwei Mal auf den vermeintlichen Einbrecher. Nun stellte sich allerdings heraus, dass es sich um ein Werk aus Warhols «Mao»-Serie handelte. Der Künstler war höchst erfreut über diese Entwicklung und bezeichnete Hopper von da an als Co-Künstler der Serie. Pablo Picasso war sicher kein Abenteurer und setzte niemals einen Fuss auf den afrikanischen Kontinent, aber er besass ein wildes Käuzchen namens Ubu. Es hatte sich 1946 in sein Studio verirrt und an der Kralle verletzt. Picasso hielt es von da an in seiner Küche, wo er es täglich mit Mäusen fütterte. Ihm gefiel der durchdringende Blick, den sich der Vogel und der Maler teilten. Interessanterweise half ihm sein Blick nicht immer. Selbst nach über achtzig Versuchen wollte ihm kein Portrait seiner ersten Förderin Gertrude Stein gelingen. Erst als er das berühmte Museum Trocadéro besuchte und den Formenreichtum der afrikanischen Kunst kennenlernte, konnte er das Bild der Schriftstellerin beenden. Stein hatte nun ein Gesicht, das an eine afrikanische Maske erinnerte. Es wurde Picassos berühmtestes Portrait.

«Ich habe eine ganz normale Hauskatze wie einen Ozelot angemalt, damit sie wilder aussieht.»

Andy Warhol war fasziniert von seinem Nachbarn in Montauk. «Er ist wie ein moderner Tarzan. Er springt rein und raus aus seiner Schlangengrube, die er zuhause hat.» Gemeint war der charismatische Eisenbahnerbe und Starfotograf Peter Beard. Er repräsentierte für Warhol das Idealbild eines Mannes: zuhause sowohl in der glitzernden Welt der Models und der gefährlichen Welt des afrikanischen Dschungels.

50 I PRESTIGE


... it’s Time for a Break frutt Resort – Ihre Berginsel im Herzen der Schweizer Alpen Wohlbefinden vom Feinsten und noch dazu an einmaliger Lage: Eingebetttet in eine einzigartige Natur- und Seenlandschaft auf dem Hochplateau der Melchsee-Frutt (1920 m) begrüssen wir Sie im frutt Resort in den 4 Sterne-Superior Hotels frutt Lodge & Spa und frutt Family Lodge mit unkomplizierter Gastfreundschaft und aufrichtiger Herzlichkeit. Alpiner Luxus und modernes Design spielen hier perfekt zusammen: Grosszügige Zimmer mit natürlichen Materialen und warmen Holzelementen, verschiedene Restaurants mit regionalen und internationalen Köstlichkeiten sowie das alpine frutt Spa (900 m2) und frutt Family Spa (300 m2) lassen Sie eintauchen in eine andere Welt. Herzlich willkommen auf der Berginsel. www.fruttlodge.ch | www.frutt-familylodge.ch

frutt Resort AG : : Frutt 9 : : 6068 Melchsee-Frutt | Schweiz : : T +41 41 669 79 79 : : info@frutt-resort.ch : : www.frutt-resort.ch


TRAVEL

MYTHOS

ANGKOR

DIE RENAISSANCE DER KHMER-KULTUR Ein Traum aus Stein, vergessen im undurchdringlichen Dschungeldickicht Südostasiens – kaum ein Zeugnis früher Hochkulturen hat die Fantasie von Forschungsreisenden so inspiriert wie die monumentalen Tempelanlagen rund um die versunkene Hauptstadt des legendären Khmer-Reichs, das zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert weite Teile des Kontinents beherrschte.

E

iner der ersten Europäer, der im Jahre 1586 die von Schlingpflanzen und Luftwurzeln gewaltiger Urwald­ riesen überwucherten Ruinen mit eigenen Augen sah, war der portugiesische Kapuzinermönch António da Madalena. Tief beeindruckt berichtete er seinem Landsmann, dem Historiker Diego do Couto, die Überreste tief im Dschungel seien von so aussergewöhnlicher Form, zeugten von einer solchen Kunstfertigkeit ihrer Erbauer, dass sie mit keinem Federkiel zu beschreiben, noch mit irgendeinem anderen Monument der Erde vergleichbar seien. Doch schon bald geriet Angkor erneut für mehr als zwei Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst die enthusiastischen Reiseberichte des Franzosen Henri Mouhot, der die Ruinen 1860 besucht hatte, versehen mit zahlreichen detailreichen Illustrationen, lösten in Paris – ähnlich wie die

52 I PRESTIGE

Dr. Thomas Hauer

Zeugnisse aus dem Reich der Pharaonen jenseits des Ärmelkanals das Mumienfieber – eine regelrechte Angkor-Hysterie aus. Allerdings glaubte Mouhot noch, die Tempelanlagen stammten aus der Vor-Khmer-Periode, und verglich sie mit dem Tempel des weisen König Salomo, den ein architektonisches Genie vom Range eines Michelangelo errichtet haben müsse. So trug der Mythos von Angkor Wat auch dazu bei, dass die Grande Nation das Khmer-Reich 1887 schliesslich seiner Überseekolonie Französisch-Indochina einverleibte – gleichsam als Spiegel eigener nationaler Grösse – und das moderne Kambodscha, das die Silhouette von Angkor bis heute in der Staatsflagge trägt, erst 1953 in die Unabhängigkeit entliess. Selbst die Roten Khmer, deren Schreckensherrschaft in den 70er und frühen 80er Jahren rund


Die mächtige Tempelfassade von Angkor Wat erstrahlt im Licht der aufgehenden Sonne.

1,7 Millionen Kambodschaner zum Opfer fielen, darunter Zehntausende von Künstlern und Intellektuellen, wagten nicht, das «reaktionäre» Symbol des alten Königreichs von der Flagge zu verbannen.

Touristenmagnet Heute gehören die Ruinen von Angkor Wat und des benachbarten Angkor Thom, der letzten Hauptstadt des Khmer-Reiches, zu den meistbesuchten Touristenattraktionen der Welt, die in einem Atemzug mit den Pyramiden oder Machu Pichu genannt werden. Bereisten die ersten Abenteurer die unwegsame Region allerdings noch auf dem Rücken von Elefanten, setzt sich heute bereits im Morgengrauen eine endlose Blechlawine von Kleinbussen und TukTuks in Bewegung, die Backpacker, Pauschalurlauber, Bildungsreisende und Globetrotter von der nahe gelegenen Provinzhaupt-

stadt Siem Reap – Ausgangspunkt der meisten Angkor-Besucher – über gut ausgebaute Strassen in das Herz der seit 1993 als UNESCO-Weltkultur­ erbe gelisteten Anlage bringt. Und auch wenn die Besucherzahlen mittlerweile in die Millionen gehen, was grosse konservatorische Probleme aufwirft, gehören die Ruinen doch noch immer zu den ­wenigen verbliebenen, wirklich magischen Orten unseres Planeten, ihre Monumente zu den beeindruckendsten Beispielen sakraler Baukunst.

Dschungeltempel von Ta Prohm Neben Angkor Wat sind aber auch viele kleinere Tempelanlagen im Umfeld einen Abstecher wert. Schliesslich erstrecken sich die Ruinen über eine Fläche von insgesamt mehr als 400 Quadrat­ kilometer. Besonders sehenswert ist zum Beispiel der Dschungeltempel von «Ta Prohm» etwa

The luxurious way of life I 53


TRAVEL

zwei Kilometer nordöstlich des Haupttempels. Die Restauratoren der «École française d’Extrême-Orient», deren Hauptaufgabe während der ­Kolonialherrschaft vor allem in der Restauration von Angkor bestand, überliessen diesen Tempel ganz bewusst dem Urwald und legten nur so viel der Anlage frei, dass Besucher sich darin gefahrlos bewegen konnten. Tatsächlich wirken die Wurzeln der Würgefeigen und die monumentalen Tentakel der «Tetramales nudiflora» wie gewaltige Fäuste erstarrter Titanen, die die moosbewachsenen Ruinen mit eisernem Griff umklammern. Vor allem am frühen Morgen oder bei Sonnenuntergang, wenn lange Schatten über die Mauern wandern, glaubt man noch heute die Präsenz jener geheimnisvollen Mächte zu spüren, die hier einst mit finsteren Opferritualen verehrt wurden. Ursprünglich als Hindutempel für Gottheiten wie «Vishnu» oder den Todesgott «Yama» errichtet, gerieten die Kultstätten bald schon unter buddhistischen Einfluss, sodass bis heute auch zahlreiche Pilger zu den Besuchern der Tempelanlagen zählen. Doch die Symbolkraft dieser Mauern reicht noch tiefer. Das gesamte Ensemble von Angkor Wat ist von einem rechteckigen, rund 180 Meter breiten Wassergraben umgeben, in dessen Mitte sich die Sandsteintempel wie eine Insel aus den Fluten eines mythischen Ur-Ozeans erheben. Archäologen deuten das als symbolisches Abbild des Kosmos selbst. Neben den Ruinen sind es daneben vor allem Tausende kunstvoll ausgeführter Sandsteinreliefs halbnackter Tempeltänzerinnen, stolzer Herrscher, monumentaler Schlachtszenen, von Himmel und Hölle, die die Fantasie der Besucher einst wie heute in Erregung versetzen.

Renaissance des Kunsthandwerks Doch ein Besuch in «Siem Reap» lohnt nicht nur wegen der Tempel. Das Touristenzentrum nahe dem «Tonle-Sap»-See – grösste Süsswasserfläche Südostasiens – hat sich, nachdem die letzten Attacken versprengter Guerilla-­ Truppen der Roten Khmer 1993 schliesslich endeten, innerhalb eines Vierteljahrhunderts zum vielleicht bedeutendsten kulturellen Zentrum des unter der Last des Bürgerkriegs fast zerbrochenen Königreichs entwickelt. Tatsächlich gingen durch die systematische Vernichtung der kulturellen Elite jahrhunderte­ altes Kunsthandwerk, Literatur, zahllose Riten und Bräuche fast unwiederbringlich verloren, und doch hat vieles dank des Mutes Einzelner die Jahre des Terrors überdauert. Grossen Anteil an der Wiederbelebung dieser Traditionen haben die «Artisans d’Angkor». Hervorgegangen ist das halbstaatliche Social Enterprise aus ­einem Erziehungsprojekt, mit dem in den frühen 90er Jahren versucht wurde, den Wiederaufbau des Landes zu forcieren. Ziel war damals, jungen Kambod­schanern in ländlichen Regionen – viele aufgrund der Wirren des Bürgerkrieges ohne Schulbildung – handwerkliche Fähigkeiten zu vermitteln. Später rückte dann traditionelles Khmer-Kunsthandwerk in den Fokus, woraus 2003 mit europäischer Unterstützung schliesslich Artisans d’Angkor entstand. Hier finden die jungen Kunsthandwerker im Anschluss an ihre Ausbildung einen sicheren, gut bezahlten Job inklusive Krankenversicherung – in Kambodscha auch heute noch ein seltenes Privileg. Erwirtschaftete Gewinne werden komplett in das Ausbildungsprogramm und die Schaffung neuer Arbeitsplätze reinvestiert. Zu den Arbeiten, die von den Künstlern in mehr als 40 Ateliers – manche davon auch für Besucher zugänglich – hergestellt werden, gehören feinste Lack­ arbeiten, handbehauene Sandsteinskulpturen, Holzschnitzereien, Keramik, aber auch Seidenstoffe. Vertrieben werden diese hochwertigen Produkte über

54 I PRESTIGE

Bis heute ist Angkor eine bedeutende buddhistische Pilgerstätte.

brandeigene Boutiquen und einen Onlineshop. Mit­t­ lerweile findet man viele dieser Arbeiten aber auch in den diversen Luxushotels von «Siem Reap». Zum Beispiel in der mondänen «Résidence d’Angkor», einer urbanen Oase mit kolonialem Charme an den Ufern des Siem Reap River und eines der ersten 5-Sterne-Häuser, das von den Artisans d’Angkor ausgestattet wurde. Im Hotel gibt es auch eine Boutique des Labels mit besonders exklusiven Produkten. Gleichzeitig bietet das Haus die Möglichkeit, die Werkstätten und die Seidenfarm, wo das Rohmaterial für die edlen, fliessenden Schals, Blusen und Kleider entsteht, die in den Mode­ateliers der Artisans kreiert werden, begleitet von einem fachkundigen Guide zu besuchen.

Khmer-Kultur in der Manege Doch die Renaissance der Khmer-Kultur spielt sich nicht nur im Bereich des Kunsthandwerks ab. Mit «Phare» – Kambodschas Antwort auf den


© Diego Delso I Creative Commons

TRAVEL

«Cirque du Soleil» – ist es mittlerweile auch auf dem Gebiet der «performing arts» gelungen, an alte Traditionen anzuknüpfen und jungen Talenten eine neue Perspektive zu geben. Das Ergebnis ist schlicht spektakulär. In einem rund 1000 Personen fassenden Zirkuszelt am Rande Siem Reaps gibt es jeden Abend beeindruckende Shows, die weniger durch akrobatische Höchstleistungen beeindrucken als durch die Dramaturgie, denn die Programme erzählen auf subtile Weise vom Leben und Schicksal der «Phare»-Macher oder der auftretenden Künstler – viele davon selbst Kriegs­ waisen oder Opfer des Folter- und Terrorregimes. Ein multimediales Erlebnis, in dem sich Live-­ Musik, Kunst-Performance, Tanz, Satire und Akrobatik zwanglos ineinander mischen und in Teilen so anrührend und bewegend sind, dass selbst hartgesottenen Besuchern die Tränen kommen – ein Muss bei jedem Siem-Reap-Besuch und ein Zeichen der Hoffnung.

© Scott Sharick

Dschungeltempel von Ta Prohm

Phare: die kambodschanische Antwort auf den Cirque du Soleil

The luxurious way of life I 55


TRAVEL

PERLE IM

INDISCHEN OZEAN Sansibar gehört definitiv zu den Sehnsuchtsorten dieser Welt, und alleine der Name des Archipels im Indischen Ozean klingt wie ein zauberhaftes Märchen. Verschiedene Kulturen, eine spannende Geschichte und eine Altstadt, die zum UNESCO-Welterbe gehört – wer nur an den traumhaften Stränden liegt, verpasst auf Sansibar einiges. Nike Schröder

56 I PRESTIGE


D

ie Inselgruppe liegt etwa 30 km vor der Küste Tansanias im Indischen Ozean. Den Namen könnte man ungefähr mit «Insel der Schwarzen» übersetzen. Er impliziert, dass Sansibar unter der Herrschaft des Sultans von Oman im 17. bis 19. Jahrhundert ein Zentrum für den östlichen Sklavenhandel bildete. Mehr als drei Millionen Afrikaner wurden versklavt und verhalfen der Insel zu Reichtum. Die Briten, die sich schon auf der Insel etabliert hatten, zwangen den Sultan 1873, den Sklavenhandel zu beenden. Der Sultan liess ihn aber inoffiziell weiterlaufen, sodass sich ein Sklaven-­ Schwarzmarkt entwickelte, der bis 1897 bestand und der arabischen Oberschicht weiterhin hohe Einnahmen einbrachte. 1890 wurde Sansibar britisches Protektorat und dem britischen Kolonialreich angegliedert. Tatsächlich war Sansibar nie deutsche Kolonie und wurde auch nicht, wie häufig geschildert, von Grossbritannien gegen Helgoland

TRAVEL

eingetauscht. 1964 wurde es in einer blutigen ­Revolution mit dem sozialistischen Tanganjika zu Tansania zwangsvereinigt und ist heute ein halb­ autonomer Teilstaat des Unionsstaates Tansania in Ostafrika. Heute ist die Inselgruppe bequem per Flugzeug oder per Fähre zu erreichen. Schon allein der Flug lässt einen ehrfürchtig erschaudern, wenn sich tief unter einem das imposante Bergmassiv des Kilimandscharo aufbaut. Schliesslich gelandet, ahnt man schon, dass man dem Paradies sehr nahe sein muss.

Immer noch ein Geheimtipp Trotz seiner unruhigen Geschichte ist Sansibar auf dem besten Wege, sich einen Namen bei Reisebegeisterten zu machen. Seine Altstadt Stone Town wurde schon vor 1000 gegründet und zählt heute zum Weltkulturerbe der UNESCO. Mit seinen malerischen Stränden kann Sansibar locker mit anderen Urlaubsparadiesen wie den Malediven oder

Stone Town mit seinen zahlreichen schmalen Gassen

The luxurious way of life I 57


TRAVEL

DHAUS Lange vor den Europäern navigierten arabische Seeleute nach Indien, Indonesien und China. Die Küstenstädte Arabiens waren Handels­ zentren für Weihrauch, Seide, Gewürze und Porzellan. Die Dhaus – jene arabischen Schiffe mit ihrer ganz eigenen Form – sind das Sinnbild der arabischen Seeherrschaft. Auch heute werden noch Dhaus gebaut, auch traditionelle aus Holz. Meist in kleinen Familienunter­ nehmen, die schon seit mehreren Generationen Bestand haben.

Schönheit pur: kristallklares Wasser und Strände aus feinstem Sand

Mauritius mithalten, es gibt schon einige luxuriöse Strandresorts, aber noch findet man genügend Plätzchen für sich alleine. Leider hat eine ganze Reihe von Investoren die Insel ins Visier genommen, und man muss sich fragen, wie lange man noch die weissen Traumstrände, die Sonne unter Palmen in Ruhe geniessen kann. Die Insel tut viel, um keinen Imageschaden zu bekommen. Nach dem Erhalt des Titels Weltkulturerbe musste die UNESCO drohen, diesen wieder zu entziehen, da Sansibar weiter seinem Zerfall überlassen wurde. Nun werden Einheimische dazu ausgebildet, alte Häuser wieder in ihren ursprünglichen Glanz zu versetzen, und das Stadtbild wird verschönert. Leider reichen aber die Mittel nicht aus, obwohl sich inzwischen

58 I PRESTIGE

auch private Investoren einbringen. So ist zum Beispiel das legendäre «Haus der Wunder», der ehemalige Sultanspalast aus dem Jahre 1890, derzeit wegen Einsturzgefahr geschlossen. Es war das erste Gebäude, welches über einen elektrisch betriebenen Fahrstuhl verfügte.

Der perfekte Urlaub – ein Mix aus Städtetrip und Strand Was macht man eigentlich in einem Urlaub auf einer Palmeninsel? Nur faul am Strand liegen? Weit ­ge­fehlt! Da hat Sansibar weit mehr zu bieten! Die Reise führt uns zuerst in die Stadt. Hauptstadt ist Sansibar-Stadt mit seinem alten Stadtkern Stone Town. Sofort fallen einem die massiven Swahili-­


TRAVEL

Come together Abends wird es auf dem Nachtmarkt «Forodhani Garden» gemütlich. Einheimische und Besucher kommen hier zusammen, um die unglaubliche Vielfalt einheimischer Speisen zu geniessen. Jeden Abend bauen hier die Verkäufer ihre Stände und Garküchen auf, wo sie Chapatis, Samosas und diverse Fisch- und Fleischsorten bis hin zu exzellenten Süssspeisen mit Zauberhand frisch zubereiten. Hier bleibt garantiert kein Magen hungrig! Fasziniert schauen wir zu, wie aus Zuckerrohrstangen ihr Saft gequetscht wird. Scheint eine Delika­ tesse zu sein, da er aber mit Wasser aus Kanistern vermengt wird, ist es wohl ratsam zu verzichten …

Auf geht’s!

Überall sichtbar: der Einfluss verschiedenster Kulturen

Aber Sansibar lockt ja mit seinem paradiesischen Flair, warum dann nur die Zeit in der Stadt verbringen, die aber auch noch reichlich andere Angebote in petto hat, wie zum Beispiel die erst kürzlich restaurierte St.-Joseph-Kathedrale. Vorher aber noch ein wenig gefeilscht auf dem Darajani-­ Markt – hier erlebt man die Menschen und ihr Leben hautnah und fühlt sich toll, wenn man das begehrte Objekt nach allen Regeln der Kunst heruntergehandelt hat. Traumstrände hat die Inselgruppe einige im Angebot. Besonders beliebt sind Nungwi Beach North / West sowie Kwenda. Kitesurfer finden ihr Paradies am Paje Beach. ­Fischer holen ihre Netze ein, wir bestaunen voll beladene «Dhaus», die mit allerlei Fracht beladen sind. Der Geruch von Salz und Fisch liegt in der Luft. Eine Einladung zum Schwimmen und Schnorcheln bei Badewannentemperatur. Die Korallenbarrieren, die die Inseln umgeben, schaffen wunderbare Voraussetzungen fürs Schnorcheln und Tauchen.

Eine Explosion für die Sinne Holztüren ins Auge, von denen manche bis zu 300 Jahre alt sind. Sie bestehen meist aus zwei kunstvoll geschnitzten Flügeln, aus denen grosse Messingdornen wie Speerspitzen herausragen. Sie öffnen den Weg zu den Innenhöfen der prächtigen Gebäude, welche dem bunten Einfluss arabischer, indischer, persischer und schwarzafrikanischer Kultur unterliegen. Sie geben Auskunft über den Status der Hauseigentümer. In Stone Town leben circa zehn Prozent der Inselbewohner. Stone Town ist ein sympathisches Labyrinth aus schmalen Gassen, die fast alle gleich aussehen. Ein Stadtplan bringt nichts, die wenigsten sind beschildert. Aber keine Angst, man findet sich immer irgendwie zurecht, zur Not mithilfe der Einheimischen.

Wir aber wollen den Gerüchen der Insel folgen, die allgegenwärtig sind. Wir schliessen uns einer «Spice Tour» an. Die klimatischen Bedingungen der Insel haben ihr den Spitznamen «Gewürzinsel» gegeben, da hier ideale Voraussetzungen für exotische Gewürze und tropische Nutzpflanzen vorliegen. Nelke, Zimt, Muskat, aber auch Kokospalme, Kaffee und Ananas gedeihen hier prächtig. Auf der Tour ist alles erlaubt, es kann geschnüffelt, getastet und probiert werden, dazu bekommt man eine Erklärung über die kulinarischen und kulturellen Besonderheiten der verschiedenen Früchte. Kultstatus besitzt inzwischen die Spice Tour des Inders «Mister Mitu» – er war vor 20 Jahren «Erfinder» dieser grandiosen Tour.

The luxurious way of life I 59


TRAVEL

TIPPS

MERAN 1

1 I Messner Mountain Museum Corones In 2275 Meter Höhe, auf dem Gipfelplateau des Kronplatzes und mit Blick auf die Dolomiten, Alpen sowie alle vier Himmelsrichtungen, geht es um den traditionellen Alpinismus, den Reinhold Messner entscheidend geprägt hat, um die Welt von Messners Kindheit, die schwierigste Klettertour seines Lebens, die Entwicklung des modernen Bergsteigens und um Triumphe und Tragödien an den berühmtesten Bergen der Welt, Matterhorn, Cerro Torre und K2. Hier, an diesem Ort der Stille, eröffnete «das Nest», das Reinhold Messner seinen «15. Achttausender» nennt und das ihm haufenweise weisse Haare beschert hat, 2015 seine Tore. Entworfen von der Rock-Star-Architektin und Queen der spektakulärsten und atembe­ raubendsten Bauten der Welt, Zaha Hadid, die den Berggipfel praktisch aushöhlte und ein tunnel­ artiges Gebäude mit grossen Fenstern und Balkonen, abgerundeten und teilweise über­ hängenden Wänden erschuf.

2 I Der Meraner Höhenweg Das Meraner Land im Südtirol ist ein wahres Outdoor-Paradies und der Meraner Höhenweg ein Highlight für Wanderer und Bergsteiger. Er gehört zu den schönsten Rundwanderungen im ganzen Alpenraum und umrundet auf knapp 100 Kilometern das Bergmassiv des grössten Naturparks des Süd­ tirols, die Texelgruppe. Der hochalpine Rundweg ist nichts für Spaziergänger, sondern bedarf nebst einer alpinen Ausrüstung Bergerfahrung, eine gute Grundkondition und sorgfältige Planung. Der Meraner Höhenweg kann in beide Richtungen begangen werden. Der Nordteil der Route ist eine Sommertour und vermittelt das Hochgebirgsklima der Texelgruppe, während der Südteil oft ganz­ jährig begehbar und vom submediterranen Klima des Etschtals geprägt ist. Die mehrtägige Bergtour auf dem Weg Nr. 24 führt durch eine Gebirgslandschaft mit schroffen Alpgipfeln und eröffnet atemberaubende Ausblicke auf den Vinschgau, das Meraner Becken, die Ötztaler Alpen und bei klarem Wetter auf die Dolomiten.

2

3 I Wenn der Frühling erwacht

3

60 I PRESTIGE

Es ist eine der beliebtesten Jahreszeiten, in denen sich Meran in seinem schönsten Kleid aus weissen und zartrosa Blüten präsentiert. Blühende Apfel­ bäume, üppige, bunte Beete auf der Passerpromenade und die im Rahmen des internationalen Festivals «Meraner Frühling» künstlerisch aufgewerteten weitläufigen Grünanlagen lassen Meran wie einen botanischen Garten erscheinen. Das Südtirol ist einer der grössten und traditionsreichsten Obstgärten Europas, dessen Anbauzonen sich dabei von der südlichsten Spitze der Region über das Etschtal und das Burggrafenamt bis in den Vinschgau sowie rund um Brixen erstrecken. Zwischen Ende März und Anfang Mai ergiesst sich ein rosa-weisses Blütenmeer über die mondäne Kurstadt mit ihrer architektonischen Vielfalt, dem Belle-Époque-Flair, der Therme und mit Blick auf eine alpine Kulisse, in der sowohl Wanderer, «Wellnesser», Shopping- als auch Gourmet-­ Liebhaber auf ihre Kosten kommen.


Maximum Wellbeing „Was bedeutet Luxus, wenn Sie keine Zeit haben, ihn zu geniessen?“ Maura Wasescha

Luxus bedeutet, sich nicht um Fragen des Luxus kümmern zu müssen. Sondern den perfekten Moment geniessen zu können. Im Kreise der Familie, mit Freunden. Völlig sorgenfrei, im Wissen, dass im Hintergrund ein Team bereit steht, das alle Wünsche erfüllt. Deshalb bietet Maura Wasescha nicht einfach exklusivste Immobilien zum Kauf oder zur Miete. Maura Wasescha bietet mehr. Sie bietet den perfekten Luxusservice. Damit die Magie des Momentes zum zeitlosen Genuss wird.

Maura Wasescha AG | Via dal Bagn 49 | CH-7500 St. Moritz | Schweiz T +41 81 833 77 00 | consulting@maurawasescha.com | www.maurawasescha.com


JAPAN

BY LUCIO FARINA


TRAVEL

Der gebürtige Italiener Lucio Farina ist das, was man einen durch und durch visuellen Künstler nennen kann. Nach seinem Studium am «Istituto Europeo di Design» in Rom arbeitete er als Visual Effects Artist und später als Computer Graphic Supervisor. Zwischen 2008–2010 führte ihn seine Arbeit als Lighting Artist nach Mailand, Stockholm, Madrid und Toronto. Seit 2011 lebt und arbeitet Lucio Farina in Singapur, wo er nicht nur die asiatische Kultur, sondern mit der Streetfotografie auch eine neue Art der Fotografie für sich entdeckte.

P

Anka Refghi I

Lucio Farina

RESTIGE: Lucio, viele deiner Bilder sind in Südostasien entstanden … Asien, ein Faszinosum für dich? LUCIO FARINA: Ja, ich fand Asien schon immer faszinierend. Als ich 2011 ein Jobangebot bekam, habe ich nicht lange nachgedacht und bin nach Singapur gezogen. In den letzten sieben Jahren bin ich sehr viel durch Asien gereist. Am meisten liebe ich es, den Alltag der Menschen festzuhalten. An manchen Orten, wie in Kambodscha oder Vietnam, sind die Strassen voller Leben, man findet Essensstände, Friseurläden, kleine Märkte in der Mitte der Strassen, alle Arten von Verkäufern, während dich Menschen, Lärm und der ständige Verkehr von Motorrädern, Autos und Tuk Tuks umgeben. Jede Ecke ist speziell und für mich magisch. An diesen Orten leben Menschen auf der Strasse, und die Strasse ist ihr Zuhause, das fasziniert mich. Was war für dich das Beeindruckendste an Japan? Tokio. Tokio ist eine lebendige Stadt, die immer aufregend ist und viele Gesichter und Persönlichkeiten hat. Die Stadt ist wie ein lebendiger, energetischer Einzelorganismus mit vielen Schichten unter der Oberfläche. Die Cyberpunks haben mich ebenso begeistert wie die unterirdischen kleinen Gassen mit winzigen Bars, wo die Menschen essen, trinken und rauchen. Der Kontrast zwischen Geschäftsmännern in Anzügen und dampfenden Imbissbuden ist ebenso grossartig wie die Vielfalt an jugendlichen Subkulturen. Es ist eine Art Open-Air-Show, und du kannst nicht anders, als es zu lieben.

Auf den Bildern sieht man ein Leben im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne … Die Kombination von Tradition und Innovation in Japan ist einzigartig. Oft werden Rituale neben alten Tempeln, inmitten eines Zen-Gartens, und direkt an einer belebten modernen Strasse durchgeführt wie zum Beispiel im «Zojoji»-Tempel, auf dessen Rückseite sich der riesige «Tokyo Tower» befindet. Ein beeindruckender und schöner Kontrast. Aber es gibt eine Harmonie in alledem. Der Grund liegt darin, dass Japan nicht zu sehr von der westlichen Kultur beeinflusst wurde. Die Gegenwart ist sehr stark in ihrer Herkunft verwurzelt und wirkt daher immer noch authentisch. Was suchst du, wenn du mit der Kamera unterwegs bist? Ich versuche, touristische Orte zu meiden und so viel wie möglich mit der lokalen Kultur zu interagieren. Tokio ist zum Beispiel nachts besonders fotogen und immer lebendig: die Strassen mit ihren Neonreklamen, die verrückten, bunten Spielhallen, in denen Gefühl für Zeit verloren geht, die Greifarmautomaten an fast jeder Ecke und rund um die Uhr geöffnete Clubs und Restaurants. Alles ist unglaublich laut, rauchig und hypnotisch.

Lucio Farina

Wie würdest du die Streetfotografie für dich von an­ deren Genres abgrenzen? Die Strassenfotografie wird aus Unmittelbarkeit und T­ iming gemacht, was vielleicht nur mit der Sportfotografie vergleichbar ist. Es ist dieser spezielle und perfekte Moment, in dem ein Ausdruck, eine Geste und das Licht perfekt zusammenspielen und der nach einer Sekunde wieder verloren ist.

The luxurious way of life I 65


TRAVEL

66 I PRESTIGE


TRAVEL

68 I PRESTIGE


6

Oh

LÀ LÀ!

TRAVEL

1

BY

F r ü h l i n gszeit ist Reisezeit, u nd Städte-Trips fü h ren w ieder d ie Ra n k i n gs a n. Die per fek te Desti nation? Paris, mon a mou r! Aber nu r m it den richtigen Accessoires!

1 I DIOR

Pariser Chic. Zurzeit wieder so angesagt wie schon lange nicht mehr: schwarzes Béret aus Baumwolle mit Schleier.

5

6 I DOLCE & GABBANA

Die Kollektion «Frühling / Sommer 2018» ist kreativ und fröhlich und stellt die neuen und modernen Herz­ könige vor! Porte­monnaie mit Rundumreissverschluss im Krepp-Leoparden-Stil und Graffiti-Print. 5 I THE PENINSULA PARIS

Das 5-Sterne-Hotel mit 200 luxuriösen Zimmern und 86 Suiten liegt perfekt im Herzen von Paris und nur wenige Schritte vom «Arc de Triomphe» und anderen berühmten Sehenswürdigkeiten entfernt.

2 I BOTTEGA VENETA

«Duffle Bag» aus «Canvas Vialinea Latte Terracotta»: leicht und kompakt aus Canvas und feinstem Nappaleder. Verziert mit Details aus dem Segelund Wassersport, ist die Tasche die perfekte Begleiterin auf jeder Reise. 3 I BALENCIAGA

«Triple S Trainers»: «Oversize»-Sportschuhe im amerikanischen Stil und einem Material-Mix aus Nubukleder und Meshgewebe. Mit VintageEffekt und zweifarbigen, runden Schnürsenkeln in zwei Schlaufen. Balenciaga-Logo seitlich und an der Rückseite.

4 I LEICA

«Leica M-P» (Typ 240): Der Moment, in dem man sich für eine Leica M entscheidet, verändert die Sicht auf die Welt. Einmal Leica, immer Leica.

2

3 4 The luxurious way of life I 69


HONGKONG

LUXUS IM ALTEN

TRAVEL

70 I PRESTIGE

Hongkong zählt zweifelsohne zu den interessantesten Metropolen der Welt. Eine Mega-City, in der der Charme der Moderne gepaart mit einer goldenen Vergangenheit ein Erlebnis für sich verspricht. Vorausgesetzt man kennt die richtigen Locations. Eine davon ist das Familienhotel «Fleming», liebevoll von Inhaber und Hotelier John Hui renoviert. Nike Schröder I

Dennis Lo


TRAVEL

«Give Hong Kong to an Artist. He can use it. It can be poetised.» – Baris Gencel –

H

Das Design ist inspiriert von Hongkongs berühmten Kreuzhafenfähren.

ui wollte im «Fleming» die Geschichte Hongkongs goldener Vergangenheit einfangen, und das ist ihm auch fantastisch gelungen. Besitzer John Hui und sein Berater Jason Cohen tüftelten ein ganzes Jahr lang mit Unterstützung der Designfirma «A Work of Substance» an der Idee, den Charme des Stadtviertels Wan Chai aufzufangen und dem Boutique-Hotel den alten Geist seiner Zeit einzuhauchen.

Der Zauber Wan Chais Viele der Gäste vor der Umgestaltung waren «Wiederholungstäter», eine Art «Kult-Anhänger», die genau jenem lokalen Zauber verfallen waren und immer wieder zurückkehrten. Das Hotel bietet gerade mal 66 Zimmer, welche aber

grosszügig geschnitten sind. Wenn man Glück hat, bekommt man ein Zimmer mit Blick auf das «Hong Kong Convention and Exhibition Centre», welches nur einen Steinwurf entfernt ist, und auf die in unmittelbarer Nähe gelegene Bucht. Hier im Hafen verkehrt auch die «Star Ferry», ein sehr altes Verkehrsmittel, welches das alte Erbe Hongkongs repräsentiert. Sowohl die Fähre als auch die Gestaltung der Piers sehen noch heute so aus wie im Film «The World of Suzie Wong» von 1961 und stehen für die Streamline-Moderne, die das «Fleming» in seiner Innenarchitektur reflektiert.

The luxurious way of life I 71


TRAVEL

Stilvoll bis ins kleinste Detail

72 I PRESTIGE


TRAVEL

Interieur mit Akzenten im Stil des Art déco

Streamline-Moderne Jedes der Zimmer wurde sorgfältig für maximalen Komfort und Charme in einem zeitlosen klassischen Stil entworfen, inspiriert von Hongkongs berühmten Kreuzhafenfähren. Hui setzt ganz gezielt Akzente im Stil des Art déco ein, der in den 1930er bis 1960er Jahren in Schiffen, Flugzeugen, aber auch der Skyline vorherrschte. Mit Schreibwaren, die Navigationshilfen ähneln, Toilettenartikeln, die von Apotheken inspiriert sind, und Messingbesteck laden die Zimmer zum Verbleib ein und geben einem das Gefühl, auf hoher See zu reisen. Auch in der Lobby findet man sich in den kleinen Seitenstrassen Hongkongs wieder, erahnt alte Industriebauten und bestaunt die traditionellen Bambusgerüste, auf denen einst die Arbeiter die Stadt aufgebaut haben. Aufzüge und Türen allerdings haben abgerundete Kanten in maritimem Stil. Nicht unerwähnt bleiben darf das Erdgeschoss mit seinen hohen Decken: Hier kann man es sich in der «Osteria Marzia» schmecken lassen. Ein itali-

enisches Restaurant der Gruppe «Black Sheep Restaurants», der besten Hongkongs. Im Speise­saal wird das maritime Ambiente durch Blau- und Weisstöne erweitert – schmeckt nach Mee(h)r! Kleines Hotel ganz gross. Das «Fleming» ist ein ideales Hotel für Designliebhaber und Feinschmecker, die nicht in austauschbaren Hotels logieren, sondern das Lokale hautnah fühlen wollen. Langweilig wird einem hier nicht. Und wer gerne bummelt, sollte dies von der Mallory Street zur Wing Fu Street tun, wo sich sowohl die koloniale als auch die moderne Architektur erleben lassen. Wer lieber Ausstellungen besucht, sollte das HKCEC nicht versäumen. Oder aber ganz gemütlich das Nachtleben in der Lockhart Road geniessen, dem damaligen Rotlichtviertel.

WAN CHAI Wan Chai ist nicht nur ein modernes Partyviertel Hongkongs, es verkörpert auch das alte Hongkong mit seinem maritimen Charakter. Es gehört zu den ältesten Stadtgebieten Hongkongs entlang des Victoria Harbour. Wan Chai bedeutet wörtlich «eine Bucht» wegen seiner ursprünglichen Form entlang der Küstenlinie. Das Gebiet ist jedoch aufgrund der drastischen Stadt­ entwicklung und fortwährenden Landgewinnung keine Bucht mehr. Heute ist Wan Chai eines der belebtesten Gewerbegebiete in Hongkong mit Büros vieler kleiner und mittlerer Unternehmen.

The luxurious way of life I 73


TRAVEL

!

EIN TAG IST NICHT GENUG Lissabon muss man gesehen haben. Von Deutschland aus erreicht man die Hauptstadt Portugals in ungefähr drei Stunden. Verlockend, denn sie ist eine der sonnigsten Städte Europas! Lissabon liegt an einer Bucht der Flussmündung des Tejo an der Küste des Atlantischen Ozeans. Tipp vorab: bequeme Schuhe anziehen! Denn es geht bergauf und bergab! Nike Schröder

74 I PRESTIGE


TRAVEL

Wussten Sie? Lissabon ist die Hauptstadt Portugals, doch kurioserweise wurde sie nie offiziell zur Hauptstadt erklärt oder als solche bestätigt. König Alfonso III. verlegte 1256 den Königshof von Coimbra nach Lissabon, und das hat gereicht. Heute ist Lissabon die Hauptstadt der Region Lissabon, des Distrikts Lissabon und des Município Lissabon. Angeblich wurde Lissabon – ganz so wie das antike Rom – auf sieben Hügeln erbaut. Stimmt aber nicht. Wahrscheinlich wurde Lissabon von den Phöniziern als Stützpunkt errichtet, da es an der Flussmündung des Rio Tejo strategisch günstig lag. Die sieben Hügel (und noch mehr) wurden erst durch die stetig wachsende Stadt bevölkert.

einen fantastischen Blick über den «Rosio»-Platz und die Burg «Castelo de São Jorge». Hier kann man Kulturerbe erleben.

Traumblick auf die Stadt am Meer

D

er Glanz der alten Zeiten, als Portugal noch Seefahrerund Entdeckernation war, ist mit dem verheerenden Erdbeben von 1755 erloschen. Aber die Stadt schafft es auch heute noch, einzigartige Momente an unerwarteten Stellen zu zaubern.

Frühstück auf der Praça do Comércio Die Gebäude um den Platz entwarf der portugiesische Architekt Eugénio dos Santos in der Form eines Hufeisens, das sich zum Tejo hin öffnet und an den nicht mehr existierenden Uferpalast erinnern soll. Die von Arkaden gesäumten, viergeschossigen Gebäude bieten Platz für trendige Cafés und einen Blick in die Ferne.

Eiffelturm in Lissabon Danach geht es zum «Elevador Santa Justa», dessen Pläne tatsächlich von Gustave Eiffel entworfen worden sind. In kürzester Zeit bringt der Lift Personen von der Unter- in die Oberstadt «Bairro Alto». Von der Galerie aus hat man

«Chiado» und «Bairro Alto» sind zwei eng miteinander verbundene Stadtviertel; das eine modern und chic am Tag, das andere angesagt während der Nacht. «Chiado» ist der charmante Einkaufsund Theaterbezirk von Lissabon, in dem sich historische Monumente, traditionelle Geschäfte sowie interessante Cafés und Restaurants finden. Empfehlenswert ist das «Café a Brasileira», eines der geschichtsträchtigsten Cafés von Lissabon. Akademiker und Intellektuelle treffen sich hier, Künstler verkaufen ihre Bilder (Rua Garett 120). Das «Bairro Alto» hingegen hat am Tage wenig zu bieten, aber sobald die Sonne untergeht, öffnen die zahlreichen kleinen Bars, und man geniesst bis spät in die Nacht.

Für jeden Geschmack Zum Lunch bietet sich das nahegelegene «Alma» (Rua Anchieta 15) an – hier werden gekonnt traditionelle Gerichte mit Haute Cuisine verbunden. Weil es so schön war, noch einmal einen Blick über die Stadt? Dann auf in die knallgelbe Strassenbahn Nr. 28 und Abfahrt in Richtung Graça! Dieses Stadtviertel ist vom Tourismus noch weitgehend unentdeckt, aber eines der schönsten von Lissabon. Hier hat man nun die Qual der Wahl: lieber erst zum Aussichtspunkt «Miradouro Santa Luzia» oder zum «Feira da Ladra», dem alten Diebesmarkt? Hier müssen Sie unter Kacheln, Antiquitäten und Kunsthandwerk oder altem Trödel unbedingt ein Souvenir erwerben. Unzählige Sehenswürdigkeiten wie der 1521 erbaute «Torre de Belém», die «Catedral Sé Patriarcal» oder die «Ponte Vasco da Gama», die längste Brücke Europas, bleiben für heute unentdeckt. Wiederkommen heisst die Devise!

The luxurious way of life I 75


TRAVEL

PARADIES

EIN MIT DUNKLER VERGANGENHEIT Auf Guadeloupe mischt sich karibische Gelassenheit mit französischer Lebensart und wildwuchernder Natur zu einem gehaltvollen Urlaubscocktail. Wer dazu noch einen Blick unter Wasser wagt, gerät wie einst Jacques-Yves Cousteau ins Staunen. Anna Karolina Stock

76 I PRESTIGE


«

TRAVEL

Herzlich willkommen auf Guadeloupe», begrüsst Claire Galand ihre Gäste in fliessendem Deutsch – eine überraschende Seltenheit in Frankreichs Departement Nummer 971. Wie im Mutterland sind auch auf Guadeloupe Französischkenntnisse von Vorteil, denn Englisch spricht kaum jemand. Neben der Amtssprache haben sich die Insulaner vor allem das «Savoir-vivre» ihrer ehemaligen Kolonial­ herren zu eigen gemacht: feine Speisen, schmackhafte Weine, dazu ein Hauch von karibischer Leichtigkeit. Neben den französischen Klassikern wie Boudin noir (Blutwurst), knusprigem Baguette und dem morgendlichen Café au lait (Milchkaffee) zieren karibisches Colombo-Huhn, Kürbispüree, Kochbanane und Accras die Speisekarten. Letzteres sind frittierte Bällchen aus Fisch, Zwiebeln, Schnittlauch und Ingwer und so beliebt, dass sie in fast jedem Restaurant als Vorspeise serviert werden.

Einen Ti-Punch gefällig? Davor, dazu und danach geniessen die Einheimischen einen «Ti Punch» (französische Abkürzung für: «Petit Punch», übersetzt «kleiner Punsch»), das inoffizielle Nationalgetränk, das aus drei einfachen Zutaten besteht: zwei Esslöffel Rohrzucker, fünf Zentiliter weisser Rum und ein paar Spritzer Limettensaft. So einfach das Rezept, so besonders der Inhalt, denn der Rum ist natürlich kein billiger Fusel, sondern der eigens auf Guadeloupe hergestellte «Rhum Agricole». Seine Besonderheit ist, dass er aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft hergestellt wird. Der industriell hergestellte Rum entsteht hingegen aus Melasse, das heisst aus bereits ausgekochtem Zuckerrohrsaft, der als Bei­ produkt in der Zuckergewinnung übrigbleibt. «Im Geschmack ist der Rhum Agricole natürlich die Crème de la Crème», erklärt Claire ihren Gästen, ­während ihr Mann Laurent einen hausgemachten Ti-Punch serviert. Zu­ sammen führen sie das Hotel «Le Jardin Malanga» in Trois-Rivières, einem kleinen Städtchen im Süden von Basse-Terre. Nur noch das weitläufige, dicht bewachsene Grundstück und das stattliche Kolonialhaus erinnern an die ehemalige Bananenplantage.

Die beflügelte Insel Heutzutage kann man nur noch erahnen, was sich Christoph Kolumbus gedacht haben muss, als er mit seiner Flotte am 3. November 1493 den Archipel erreichte und den Inseln – inspiriert vom spanischen Kloster Santa Maria de Guadeloupe – ihre heutigen Namen verlieh: die runde Marie-Galante, die kleine Désirade, die Îles des Saintes und die schmetterlingsförmige Hauptinsel Guadeloupe mit ihren zwei so unterschiedlichen Flügelhälften. Während das westliche Basse-Terre mit wildem Dschungel überwuchert ist und dort neun vulkanisch aktive Berge in die Höhe ragen, verläuft das östliche Grande-Terre flacher und ist weitestgehend mit Zuckerrohrfeldern bedeckt.

The luxurious way of life I 77


TRAVEL

Der bis heute fauchende Vulkan La Soufrière ist mit seinen 1467 Metern der höchste Berg der Kleinen Antillen und Teil des insgesamt 173 Quadratkilometer grossen Nationalparks auf Basse-Terre. Rund 300 Wanderkilometer laden zu ausgiebigen Dschungelexkursionen ein. Nicht nur Aloe vera, meterhoher Bambus und prächtig blühende Orchideen und Bougainvilleas wollen bestaunt werden, auch die tosenden Geräusche des Urwaldes warten auf Zuhörer: schnatternde Frösche und Geckos im Dickicht, prasselndes Wasser von den Baumkronen, ein Guadeloupe-Specht trommelt in der Ferne. Noch sportlicher geht es beim Canyoning zu, wenn rutschige Felsen, tiefe Schluchten, Flüsse und Steilwände bezwungen werden müssen. Fest steht, langweilig wird es Naturliebhabern auf Guadeloupe nicht.

Die Spuren der Sklaverei Eine Insel so ursprünglich und vielseitig, dass sie aus dem Bilderbuch entsprungen sein könnte – könnte! Denn das karibische Paradies war bis vor 170 Jahren noch Schauplatz von Sklaverei und Unterdrückung. Nachdem die ersten Siedler aus der Bretagne und der Normandie dem Dschungel nur mit Mühe genügend Kaffee, Zuckerrohr und Kakao abgewannen, um davon leben zu können, holte man ab Mitte des 17. Jahrhunderts schwarze Sklaven aus Afrika auf die Insel. Bis 1848 waren es rund 300’000, die den weissen Kolonial­ herren unter elenden Bedingungen zu Wohlstand verhalfen. An ihr Schicksal erinnern heutzutage zahlreiche Gedenkstätten, unter anderen die «Marches des Esclaves» (übersetzt «Stufen der Sklaven») in Petit Canal. Mit Sicht auf die Anlegestellen im Hafen wurden auf den 54 Stufen der Steintreppe die neu eingetroffenen Sklaven an weisse Plantagenbesitzer verkauft. Darüber hinaus erzählt seit Juli 2015 das «Mémorial ACTe» die Geschichte der Sklaverei. Das «Karibische Zentrum der Erinnerung an Menschenhandel und Sklaverei» wurde von dem einheimischen Architekten Pascal Berthelo entworfen und auf dem Gelände des ehemals grössten Sklavenbetriebes am Hafen der Hauptstadt Pointe-à-Pitre errichtet: der Zuckerfabrik Darboussier, benannt nach dem Händler Jean Darboussier aus Montpellier.

Die Welt der Stille Trotz der dunklen Vergangenheit ist und bleibt Guadeloupe, wie die restliche Karibik auch, ein anziehender Ort voller Lebenslust und Urlaubsfeeling. Dass die 7000 Inseln zwischen Florida im Norden und Venezuela im Süden allen voran magische Sehnsuchtsorte sind, fiel bereits dem französischen Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau (1910 –1997) auf, als er mit seinem Schiff «Calypso» die sieben Weltmeere bereiste. Caloucaéra (auf Kreolisch «Karukera», Insel der schönen Wasser), wie Guadeloupe einst genannt wurde, hatte es dem Tauchpionier besonders angetan. Die Gewässer um die kleine Insel Îlet Pigeon westlich von Basse-Terre erklärte er sogar zu einem der zehn schönsten Tauchgebiete der Welt und präsentierte sie 1955 in seinem Film «Le Monde du Silence» («Die Welt der Stille»), welcher mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar in Hollywood prämiert wurde. Nachdem Cousteau die Unterwasserwelt Guadeloupes vor Millionenpublikum gezeigt und die Regierung von ihrer Schönheit überzeugt hatte, erklärte Letztere die mehr als 400 Hektar grosse Fläche zum Meeresschutzgebiet und nannte sie dem Forscher zu Ehren «Réserve Cousteau». Seitdem ist das Reservat mit Tauchspots namens Korallengarten, Aquarium und Schwimmbad (Piscine) für die Schifffahrt gänzlich geschlossen und der Fischfang stark eingeschränkt. Ein Sprung ins angenehm warme Nass erklärt alles: Fächerkorallen und Gorgonien schillern bunt um die Wette, Tuben- und Vasenschwämme

78 I PRESTIGE

ragen vom Meeresboden Richtung Sonne, schlafende Langusten und Tintenfische verstecken sich in Unterwasserhöhlen, und über hunderte verschiedener Fischarten tummeln sich an den Steilwänden der Tiefseecanyons. Um die Insel Marie-­ Galante sind häufig Schildkröten anzutreffen, und in den Monaten Januar und Februar erklingt mit etwas Glück sogar der geheimnisvolle Gesang der Buckelwale. Kein Wunder, dass der legendäre «Commandant» Jacques-Yves Cousteau bis heute über sein Unterwasserreich wacht. Zwar nur als Statue am Meeresgrund, aber dafür unverkennbar mit hagerem Gesicht, seiner Charakternase und Strickmütze auf dem Kopf. Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsbüro Guadeloupe, Air France und Canon Deutschland.


© Anna Karolina Stock

TRAVEL

© Anna Karolina Stock

Auf dem Markt von Sainte Anne bieten Strassenkünstler karibische Souvenirs an.

Hoch hinaus geht es im Zoo von Guadeloupe.

The luxurious way of life I 79


WATCHES & JEWELLERY

BRANCHE

DIE BEWEGT SICH

Nach der Messe ist vor der Messe. Auf den Genfer Uhrensalon SIHH folgt die Baselworld. Beide bieten Uhrenliebhabern, egal ob weiblichen oder männlichen Geschlechts, eine Fülle interessanter Neuigkeiten. Gisbert L. Brunner

TAG HEUER

80 I PRESTIGE


L

eicht hat sie es derzeit nicht, die für feine Luxusuhren zuständige Industrie. Das Angebot ist gross, fast zu gross. Gleiches gilt für den Wettbewerb. Erfolg verlangt nach Kreativität im breiten Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation. Dabei ist und bleibt ­Retrolook ein beliebtes Thema. Klassiker überleben sich schlichtweg nicht. Jubiläen regen zu Sondermodellen an. Mechanische Komplikationen bleiben en vogue, darunter immer auch echte Weltpremieren. Neben Stahl und Titan erfreut sich Keramik als Gehäuse- und Bandmaterial zunehmender Beliebtheit. Bei der Gestaltung von Zifferblättern, Schalen und Armbändern ist zunehmend jene Farbe im Spiel, die das oft so graue Alltagsleben erfrischend bereichert. Weil Armbänder ein interessantes Zusatzgeschäft bedeuten, offerieren immer mehr Marken intelligente Systeme zu deren schnellem Wechsel. Selbst technisch Unbedarfte können je nach Lust, Laune und Anlass tauschen. Ganz am Rande sei erwähnt, dass sich die Stimmung gegenüber dem stark von Rezessionssorgen geprägten Jahr 2017 spürbar aufgehellt hat. Optimismus greift um sich. Auch mit Blick auf die zurückhaltenden fernöstlichen

HUBLOT

Märkte. Das Geschäft mit Uhren verläuft traditionsgemäss zyklisch. Der Vergleich mit einer Berg-und-Tal-Bahn liegt irgendwie nah. Tröstlich ist nur, dass besagtes Auf und Ab nicht nur die feinen Zeitmesser betrifft.

Variantenreiche Ikone Zu den anerkannten Stilikonen der Uhrengeschichte gehört die «Carrera». Jack W. Heuer, ihr geistiger Vater, wusste sehr genau, worauf es bei funk­ tionalen Chronographen ankommt. Zum Zweck optimaler Lesbarkeit strebte der Eigentümer des Familienunternehmens ein reduziert gestaltetes und möglichst grosses Zifferblatt an. Trickreich nutzte er den metallenen Spannring des Plexiglases zum Bedrucken mit der Fünftelsekunden-Indexierung für den Stopper. Bei der Namensgebung half ­ G enosse Zufall. Als Zeitnehmer der berühmten «12 Stunden von Sebring» begegnete der rührige Firmenchef Ricardo Rodriguez. Weil der Renn­fahrer begeistert von der «Carrera Panamericana» berichtete, heisst die 1963 lancierte Armbanduhr «Carrera». 55 Jahre später gibt es spezielle Jubi­ läumsmodelle. Im Gegensatz zu einst beherbergt das 43 Millimeter messende Modulgehäuse ein selbst entwickeltes und produziertes Automatikwerk mit Stoppfunktion. Den Namen «Carrera Heuer 02» hat TAG Heuer daher ganz bewusst gewählt. Die exklusive Mechanik mit klassisch v-förmig an­geordneten Zählzeigern und Permanentsekunde verfügt über 80 Stunden Gang­ autonomie, Schaltradsteuerung des Chronographen und energiesparende Vertikalkupplung. Weil es zur Montage des intelligent konstruierten Schaltwerks nur eine Schraube braucht, besteht der gesamte Mikrokosmos aus lediglich 168 Bauteilen. Beim Outfit können die potenziellen Kunden aus dem Vollen schöpfen. Verfügbar sind nicht weniger als 13 Aus­führungen. Stahl, Karbon, Keramik oder Gold für die Schale lassen sich kombinieren mit einem Armband aus Metall, Kautschuk, Leder oder Keramik.

Erinnerung an einen Metallbaukasten Ricardo Guadalupe muss es wissen: «Diese Uhr ist ein Mega-Erfolg. Unsere ‹Meca-10› bietet sehr viel fürs Geld. Und man bekommt einen echten Hin­gu­ cker.» Nach diesem Statement des CEO von Hublot verwundert die konsequente Modellpflege nicht. Das aus 223 Komponenten zusammengefügte

The luxurious way of life I 81


WATCHES & JEWELLERY

ZENITH

MONTBLANC

PATEK PHILIPPE

Handaufzugskaliber HUB 1201 ist ein Augenschmaus für Mechanik-Freaks. Im Zentrum drehen Zeiger für Stunden und Minuten. Bei «9» findet sich ein Sekundenzeiger. Hohe Priorität geniesst die Gangreserveanzeige. Ein Fenster bei «6» lässt wissen, wie viele Tage das Œuvre noch mit drei Hertz ticken wird. Maximal sind es deren zehn. Ein roter Punkt bei «3» signalisiert Handlungsbedarf. Für Anker und Ankerrad findet leichtes, amagnetisches Silizium Verwendung. Als «Blaues Wunder» präsentiert sich die neue «Big Bang Meca-10 Blue Ceramic». Hublot fertigt Gehäuse, Glasrand und sogar die Faltschliesse aus durchgefärbter Keramik. Dank «One Click» gestaltet sich der Wechsel des Gummi-Armbands zum Kinderspiel.

Explizit für Frauen Dass Mann von Welt Damen den Vortritt lässt, bewies Thierry Stern im Jahr 2009. Der Präsident von Patek Philippe tat dies bei einer chronographischen Weltpremiere. Gemeint ist das erste selbst entwickelte und semi-­ industriell gefertigte Chronographenwerk der traditionsreichen Familienmanufaktur. Bis 2016 stellte das in vielerlei Hinsicht neuartige Kaliber CH 29-535 PS mit Schaltrad sowie klassischer Räderkupplung seine konstruktiven und handwerklichen Qualitäten in der femininen Referenz 7071 unter Beweis. Nun war es höchste Zeit, die Kundinnen mit etwas Neuem zu beglücken. Und das geschieht mit der Roségold-Referenz 7150 / 250R-001, welche während der Baselworld debütiert. Wie eh und je setzen fachkundige Spezialisten das 26,6 Millimeter grosse und 5,35 Millimeter hohe Uhrwerk aus 270 Komponenten zusammen. Feinbearbeitung und Regulierung auf höchstem Niveau sind

82 I PRESTIGE


WATCHES & JEWELLERY

poschaltung zu eigen. Sie gestattet das Null­ stellen und Neustarten des Chronographen mit nur einem Knopfdruck. Das Uhrwerk mit beidseitig wirkendem Rotor-Selbstaufzug, rund 50 Stunden Gang­autonomie, Zehntelsekunden-Stoppgenauig­ keit, Schaltradsteuerung und klassischer horizontaler Räderkupplung besteht aus 254 Teilen. Die Auflage des 43 Millimeter grossen Stopp-Boliden ist nicht limitiert. Zenith bietet zwei Gehäusetypen an: Bronze oder künstlich gealterter Stahl. Saphirgläser vorne und hinten sowie Wasserdichte bis zehn bar Druck sind beiden Ausführungen gemein.

Zeit für Kosmopoliten

CARL F. BUCHERER

dabei selbstverständlich. Energienachschub ist spätestens alle 65 Stunden fällig. Dann jedoch gestaltet sich das Drehen an der Krone zum Hochgenuss. Weil Diamanten bekanntlich die besten Freunde des zarten Geschlechts sind, trägt der Glasrand des 39-Millimeter-Gehäuses nicht weniger als 72 Top-Wesseltons mit einem Gesamtgewicht von ca. 0,68 Karat. Wasser hat bis drei bar Druck keine Chance, ins Innere vorzudringen.

Zurück im Fluge Gegen Ende der 1950er-Jahre benötigte das italienische Verteidigungsministerium eine Alternative zu dem lange verwendeten, aber zu klein gewordenen Dienst-Chronographen namens «Tipo CP1». Das opulentere Nachfolgemodell «Tipo CP2» lieferte Zenith an A. Cairelli, einen renommierten römischen Uhrenhändler, der die entsprechende Ausschreibung gewonnen hatte. Sammler zahlen für die einst militärisch genutzten Armbanduhren stattliche Summen. Deutlich günstiger ist der neue «Tipo CP-2 Flyback zu haben. Dem darin verbauten Manufakturkaliber «El Primero 405B» ist, wie der Modellname unschwer erkennen lässt, eine Tem-

Globetrotter werden an dieser Armbanduhr ihre helle Freude haben. Sie entstand zu Ehren des 160. Geburtstags von Minerva, einer Schweizer Manufaktur, die 2007 unter das Dach von Montblanc gelangte. Die «1858 Geosphere» macht gedank­ liche oder wirkliche Reisen rund um den Globus zum Vergnügen. Unübersehbar sind zwei bombierte Gebilde, welche die nördliche und südliche Hemisphäre symbolisieren. Beide drehen in 24 Stunden um ihre Achse. Die obere entgegen, die untere im Uhrzeigersinn. Zusammen mit entsprechend indexierten und farblich abgesetzten Skalen bilden sie die 24 Standard-Zeitzonen ab. Dicke weisse Linien heben den nullten (Greenwich) und 180. Längengrad (Datumsgrenze) hervor. Links bewahrt ein 12-Stunden-Zeiger bei Fernreisen die Heimatzeit. Für die jeweilige Lokalzeit ist das zentrale Zeigerpaar zuständig. Wie es sich gehört, ist der Stundenzeiger per Krone unabhängig vor- und rückwärts verstellbar. Ganz automatisch folgt ihm das Fensterdatum bei «3». Hinter dem augenfälligen Zifferblatt agiert das Automatikkaliber MB 29.25. Als Basis dient das bewährte Eta 2892-A2. Die zusätzliche Kadratur haben Ingenieure von Montblanc in Villeret, der Heimat von Minerva, entwickelt. Das Bronzegehäuse mit Titanboden und Keramikeinlage in der Lünette misst moderate 42 Millimeter. Wasserdicht ist die durch den Montblanc Labo­ ratory Test 500 zertifizierte Armbanduhr, von der 1858 Stück entstehen, bis zehn bar Druck.

Aussenläufer Exakt 43,1 mm misst die neueste Version der erfolgreichen «Manero Peripheral» von Carl F. Bucherer. Ihr Roségoldgehäuse umfängt das selbst gefertigte, 5,28 Millimeter hoch bauende Automatikkaliber CFB A2050. Bei ihm spannt eine peripher rotierende Schwungmasse mit Wolfram-Segment den Energiespeicher in beiden Drehrichtungen. Nach Vollaufzug läuft es 55 Stunden am Stück.

The luxurious way of life I 83


WATCHES & JEWELLERY

Neben den Stunden, Minuten und Sekunden wird auch das Datum dargestellt. Zum Zweck zertifizierter Präzision muss sich jedes Uhrwerk vor dem Einschalen 15 Tage lang bei der Offiziellen Schweizer Chronometerkontrolle (COSC) bewähren. Erlaubt sind dort täglich höchstens vier Sekunden nachoder sechs Sekunden vorgehen. Das vordere Saphirglas ist bombiert und beidseitig entspiegelt, das rückwärtige lässt neugierige Blicke auf den mit vier Hertz tickenden Mikrokosmos zu. Bis zu fünf bar Druck reicht die Wasserdichte.

Tonda ist rund Die Familie von Michel Parmigiani, der Gründerpersönlichkeit von Parmigiani Fleurier, stammt aus Italien. «Tonda», so heisst die klassische Linie, steht demnach für schlichtes, einfaches Rund. Das Ge­­­häuse der «Tonda 1950 steel» und seine markanten Bandanstösse wecken Erinnerungen ans Jahr 1950. 40 Millimeter Gehäusedurchmesser sprechen heutzutage auch weibliche Kunden an. Bei den Zifferblättern besteht Wahlmöglichkeit zwischen Schwarz, Silber und Blau. Beim Kaliber PF702 handelt es sich um eine extraflache Manufaktur-Automatik mit Mikrorotor, 48 Stunden Gan­ g­ autonomie und drei Hertz Unruhfrequenz. Wegen seiner geringen Bauhöhe von nur 2,6 Millimeter kann man den Mikrokosmos getrost als kompliziert bezeichnen. Mit abnehmenden Dimensionen wächst nämlich der Aufwand, die 146 Teile zu ­assemblieren. Am Handgelenk trägt das bis drei bar wasserdichte Œuvre mit Sichtboden insgesamt 8,2 Millimeter auf. Für gleichermassen sicheren wie komfortablen Halt am Handgelenk sorgt ein Krokoband mit Faltschliesse.

ein separates Federhaus. Fortschalt-Impulse nach einer, zehn und 60 Minute(n) liefert das selbst produzierte Basis-Uhrwerk mit vier Hertz Unruhfrequenz und 60 Stunden Gangautonomie.

Alarm am Arm Auf Armbandwecker versteht sich Jaeger-LeCoultre seit 1951. In jenem Jahr debütierte «Memovox». Die ab 1956 auch mit Selbstaufzug verfügbare «Stimme der Erinnerung» überzeugte durch Vielseitigkeit, Funktionalität und beachtliche Klangfülle. Längere Kontakte mit dem nassen Element vertrug sie hingegen nicht. Dem half die Manufaktur erstmals 1959 ab. Einen echten Meilenstein verkörperte 1965 die «Memovox Polaris» mit Dreifach-­

Zeiten-Sprung zum 150. Geburtstag IWC ist in Feierlaune. Zum 150. Geburtstag erweckt sie ein Œuvre von Joseph Pallweber zu neuem Leben. Auf ihn geht eine digitale Stunden- und Minutenanzeige zurück, welche die Schaffhauser 1884 vom Salzburger Uhrmacher erwarben. Im Laufe der Jahre fertigten und verkauften sie mehr als 20’000 Exemplare. Die Renaissance erfolgt zum Beispiel in Gestalt einer Armbanduhr mit Rotgoldgehäuse. Ihre Zeitanzeige schützt ein beidseitig entspiegeltes Saphirglas. Von dieser limitierten «IWC Tribute to Pallweber Edition 150 Years» wird es 250 Stück mit 45 Millimeter grosser Retrolook-Schale und dem Handaufzugskaliber 94200 geben. Weil die Zeit in konstruktiver Hinsicht seit 1884 beträchtlich fortgeschritten ist, haben Techniker die Mechanik der springenden Zeitanzeige neu gestaltet. Im Gegensatz zu damals besitzt sie

84 I PRESTIGE

PARMIGIANI FLEURIER


WATCHES & JEWELLERY

Boden. Der Beiname zielte bewusst auf den US-amerikanischen Markt. Den 50. Geburtstag der Evolutionsstufe von 1968 zelebriert eine limitierte Re-Edition in edlem Stahl. Zu haben sind insgesamt 1000 Armbanduhren, Durchmesser 42 Millimeter, mit drei Kronen in der rechten Gehäuseflanke: oben zum ­Einstellen der Weckfunktion, mittig zum Bedienen der innen liegenden Dreh­lünette sowie unten jene zum Richten der Zeiger. Abtauchen kann Mann bis zu 200 Meter unter den Meeresspiegel. Beim Manufakturkaliber 956 sorgt eine Tonfeder für angenehme Klangfülle. Sein Kugellagerrotor erzeugt Energie für 45 Stunden Gangautonomie.

Drei Zeiger im Schlepp Der Schleppzeiger kann als Komparativ zum klassischen Chronographen gelten. Er gestattet das Erfassen von Zwischenzeiten oder das simultane Stoppen zweier Wettläufer, die gleichzeitig starten. Bei Konventionellem geht das bis höchstens 60 Sekunden. Dann hat der Chronographen- den Schleppzeiger

IWC

A. LANGE & SÖHNE

JAEGER-LECOULTRE

The luxurious way of life I 85


WATCHES & JEWELLERY

wieder erreicht. Nicht so bei A. Lange & Söhne. Bereits 2004 punktete die Glashütter Nobelmanufaktur mit dem «Double Split». Er verfügt über einen zweiten Einholzeiger für den 30-Minuten-Totalisator. Als unangefochtene Krönung der sächsischen Rattrapante-­Kompetenz kann der neue «Triple Split» gelten. Diese Weltpremiere in Weissgold brilliert mit dem selbstverständlich selbst entwickelten und gefertigten Kaliber L132.1. Kurz gesagt handelt es sich um den ersten und bislang einzigen Dreifach-­ Rattrapante für Sekunden, Minuten und – neu – bis zu zwölf Stunden. Das vom Handaufzugswerk mitgeschleppte Trio ermöglicht stundenlange Vergleichsmessungen zum Beispiel während eines Marathonlaufs. Beim genannten Manufakturkaliber handelt es sich um eine intelligente Neuentwicklung, deren Dimensionen mit dem weniger komplexen Vorläufer übereinstimmen. Durchmesser 30,6, Höhe 9,4 Millimeter. Für das mikromecha­ nische Meisterwerk mit 55 Stunden Gangautonomie benötigen die Uhrmacher 567 Komponenten. Schluss ist nach hundert Exemplaren.

CARTIER

Ein Zeit-Bolide wird 25 Audemars Piguet zelebriert 25 Jahre «Royal Oak Offshore». Als gestalterischer Vater der nunmehr 46 Jahre alten «Royal Oak» schalt Gérald Genta die 1993 lancierte Evolutionsstufe mit Weicheisen-­ Innengehäuse kurz und bündig «entartetes Walross». Dem Erfolg tat das keinen Abbruch. Die «Offshore» begeisterte Arnold Schwarzenegger und LeBron James. Michael Schumacher konstatierte: «Manchmal führt nur Langsamkeit zur ­E xzellenz.» Letztere unterstreicht die stählerne Re-Edition des 42 Millimeter grossen, bis zehn bar wasserdichten «Offshore»- Chronographen. Tief im Inneren findet sich das aus 365 Teilen montierte Modul-Automatikkaliber 3126 / 3840, ein stoppendes Gemeinschaftswerk von Audemars Piguet (Basis) und Dubois-Dépraz (Stoppmodul). Der Bolide kostet heute übrigens rund drei Mal mehr als vor einem Vierteljahrhundert.

Nicht nur für Laureaten Die Entstehungsgeschichte der «Laureato» von Girard-Perregaux verknüpft sich untrennbar mit Italien. Der dortige Markenimporteur verlangte nach einer luxuriösen Stahl-Armbanduhr mit sportlichem Touch. Als Namenspate diente Mike Nichols Film «The Graduate», was ins Italienische übersetzt eben «Laureato» heisst. Auf die Ur-Version von 1975 folgten etliche Überarbeitungsstufen. Die neueste wendet sich unter anderem an Frauen. Und zwar in Edelstahl oder 18-karätigem Roségold.

86 I PRESTIGE

AUDEMARS PIGUET

Die Lünette der «Laureato Royalty 34 mm» ist mit 56 Brillanten von insgesamt 0,82 Karat ausgefasst. Weil die Manufaktur das hauseigene Quarzkaliber sorgfältig finissiert und mit einem Streifen­schliffDekor veredelt, darf es sich durch den Saphirglasboden des bis drei bar wasserdichten Gehäuses zeigen. Farbe ist beim Zifferblatt mit «Clous de Paris»-Muster angesagt. Es strahlt in königlichem Blau. Die Seltenheit des Vorzüglichen bringt eine Limitierung zum Ausdruck: 200 Stück in Edelstahl und 100 in Roségold.

114 Jahre und kein bisschen alt Man schrieb das Jahr 1904, als Louis Cartier für den Freund und Flugpionier Alberto Santos-Dumont einen Zeitmesser kreierte. Bei jener «Santos» han-


WATCHES & JEWELLERY

GIRARD-PERREGAUX

delt es sich um die am längsten ununterbrochen präsente Armbanduhr, welche aber nie alt ge­ worden ist. Durch konsequente Arbeit haben Produktgestalter dieser Ikone neuen Glanz verliehen. Das Gehäuse, erhältlich in Gold, Stahl / Gold und Stahl, besitzt einen zusätzlichen Magnetfeldschutz. Es birgt ein Exemplar des Manufakturkalibers 1847 MC mit Selbstaufzug, Hemmungs-Komponenten aus einer Nickel-Phosphor-Legierung, vier Hertz Unruhfrequenz und 42 Stunden Gangautonomie. Nicht nur bei der Stahl / Gold-«Santos» lassen sich die mitgelieferten Bänder aus Leder und Metall dank patentiertem «QuickSwitch»-­ System im Handumdrehen wechseln. Selbst sind Frau oder Mann auch beim Anpassen des «SmartLink»-Gliederbands.

Achteck am Handgelenk Hinter dem Entwurf der «Octo» von Bulgari steht Gérald Genta. Nach dem Erfolg der 1977 lancierten «Bulgari-Bulgari» lag es förmlich auf der Hand, ihm auch die Gestaltung einer sportiv angehauchten Luxusuhr anzuvertrauen. Formal liess sich der Design-Guru dabei von der römischen Maxentiusbasilika inspirieren. «Mein typisches Achteck ist jedoch kein Oktogon mit geraden, sondern eines mit anatomischen Linien.» Diesem Credo entspricht auch die neue «Octo L’Originale». Ihr Titangehäuse misst 41 Millimeter. Aus dem gleichen Material bestehen Krone und Zifferblatt. Durch den Sicht­ boden der bis zehn bar wasserdichten Schale zeigt sich das hauseigene Automatikkaliber BVL 191 «Solotempo», welches nur Stunden, Minuten

The luxurious way of life I 87


WATCHES & JEWELLERY

PORSCHE DESIGN

BULGARI

und Sekunden anzeigt. Und das bei voll gespannter Zugfeder 42 Stunden ohne weiteren Energienachschub. Ein Kautschukband mit DLC (Diamond Like Carbon)-beschichteter Edelstahl-Faltschliesse hält den Zeitmesser am Handgelenk.

haben den Chronographen mit einer praktischen Flyback-Funktion ausgestattet. Augenmenschen können das geschwärzte Innenleben durch einen Sichtboden im 42 Millimeter grossen Gehäuse beobachten. Der durchbrochene Rotor mit äusserem Wolframsegment sowie die speziell gestalTickender und stoppender Porsche tete Automatikbrücke gestatten neugierige Blicke Die Zifferblätter und Zeiger der mechanischen auf Temposchaltung und Selbstaufzugs-Getriebe. Chronographen von Porsche Design sind inspiriert Die Unruh oszilliert mit vier Hertz. Bis 30 Minuten von reflexionsfreien Rennwageninstrumenten. Aus- und 12 Stunden reichen die senkrecht angeordneschliesslich leichte, antiallergische Titangehäuse ten Zähler des Chronographen. Unübersehbare um­fangen die Uhrwerke. Neu ist 2018 der dun- Bezüge zum Auto schafft am Glasrand eine Tachykelbraune «1919 Chronotimer Flyback Brown &  meterskala. Sie hilft beim unkomplizierten Ermitteln Leather». Seine Manufaktur-Automatik mit 48 Stun- von Durchschnittsgeschwindigkeiten über einen den Gangautonomie entspringt dreijähriger Ent- Kilometer hinweg. Wasserdicht ist die mit Titanwicklungsarbeit in der Schweiz. Die Konstrukteure karbid beschichtete Schale bis zu fünf bar Druck.

88 I PRESTIGE


WATCHES & JEWELLERY

WUSSTEN

?

SIE

Er ist kanariengelb, stammt aus dem Fürstenstaat Baroda, befand sich über ein halbes Jahrtausend im Besitz der indischen Gaekwad-Maharadschas von Baroda, gehörte später Kaiserin Maria Theresia von Österreich, danach «Kopf-ab-Königin» Marie-Antoinette von Frankreich und gelangte wieder nach Indien, bevor ihn 1940 ein Juwelier erwarb. Sie war die heisseste Braut ihrer Zeit, hauchte für John F. Kennedy ein anrüchiges «Happy Birthday» ins Mikrofon und bleibt, solange sich der Globus dreht, der ultimative Inbegriff für Sexappeal. Im Film «Blondinen bevorzugt» baumelt der sagenhafte, tropfenförmig geschliffene 24-Karäter und seltene Fancy-Diamant an einem schwarzen Seidenband als Leihgabe am Hals der begehrens­ wertesten Frau der Welt. Marilyn Monroe. Diamonds are a girl’s best friend.

© Antwerp World Diamond Centre

Marilyn und der «Moon of Baroda»

Die One-Million-Kurtisane Im Musicaldrama «Moulin Rouge» liebt die Kurtisane Satine den englischen Schriftsteller Christian, doch da ist noch der reiche Duke, der das neue Theaterstück finanzieren soll und eine Gegenleistung dafür verlangt. Satine. Ihm allein soll sie gehören. Was aber bald ihr gehört, ist ein atemberaubendes Diamantcollier von überwältigender Schönheit. Was Stefano Canturi kreiert, ist das bis dato teuerste Schmuckstück, das jemals für einen Film erschaffen wurde, und soll Schätzungen zufolge eine Million US-Dollar wert sein. 1308 Diamanten, in einem Spitzenmuster angeordnet, umschmeicheln Nicole Kidmans, Satines, Dekolleté. Begeistert von seinem Meisterwerk gab Stefano Canturi nach den Dreharbeiten das Collier nicht zur Auktion frei, sondern behielt es selbst.

Der widerspenstige Beduine «Nicht ohne meine Cartier-Tank-Armbanduhr!», zeterte Rodolfo Valentino 1926 bei den Dreharbeiten zum Film «Der Sohn des Scheichs», als er mit Turban und in farbenfrohem Kostüm auftreten musste und sich wie der Teufel gegen das Weihwasser sträubte, seine heissgeliebte Uhr abzustreifen. Das Schmuckstück wurde in der Folge Teil seiner persönlichen Note und Cartier sodann persönlicher «Juwelen-Hoflieferant» Hollywoods. Im Film «Die Schöne und das Biest» bemängelte der Regisseur Jean Cocteau die Leblosigkeit falscher Diamanten, da mit einer Kamera nur das Strahlen von echten Diamanten eingefangen werden könne. Nach den ersten gedrehten Filmszenen und der Wiedergabe stumpfer und glanzloser Imitate marschierte Jean Cocteau schnurstracks zum Juwelen-Olymp. Cartier.

The luxurious way of life I 89


WATCHES & JEWELLERY

VIELFALTAM

HANDGELENK

Die Swatch Group stellt mit ihrem grossen zentralen Stand einen Publikumsmagneten an der Baselworld dar. Die Piazza in der Mitte ist Ausstellungsort und beliebter Treffpunkt in einem. So unterschiedlich die Namen der dazu gehörenden Marken, so vielfältig sind auch ihre Produkte.

O

mega – The Moon Watch and more

Die Bieler Marke ist der wohl stärkste und bekannteste Name im Portfolio der Gruppe. Ihr Modell «Speedmaster» feierte 2017 seinen sechzigsten Geburtstag. Es gehört zu den absoluten Ikonen der Schweizer Uhrenindustrie, insofern als es nicht nur ein tolles, zeitloses Design vorzuweisen hat, sondern auch eine unvergleichliche Geschichte. Die Uhr war in den sechziger Jahren von der NASA zu einem offiziell zertifizierten Ausrüstungsgegenstand des Apollo-Raumfahrtprogramms ernannt worden. Somit ist das Modell die erste und einzige Armbanduhr, die jemals auf dem Mond getragen wurde. Die damals zur Auswahl stehenden Uhren waren mit Foltermethoden getestet worden, welche die «Speedmaster» als einzige überstand. Auch heute arbeitet Omega an vorderster Front an der Verbesserung der Zuverlässigkeit ihrer Zeitmesser. Dank der geballten Innovationskraft der Swatch Group profitiert die Bieler Manufaktur von den Fortschritten in der Materialforschung. So gehören amagnetische Komponenten aus Silizium

90 I PRESTIGE

Timm Delfs

und anderen High-Tech-Materialien zum Standard. Die Marke lässt seit 2016 beinahe alle ihre Uhren als «Master Chronometer» zertifizieren. Das heisst, die mit diesem Label ausgezeichneten Uhren sind als besonders genauer Chronometer ausgewiesen und widerstehen Magnetfeldern von bis zu 15’000 Gauss. Darüber hinaus sind mittlerweile alle mechanischen Uhren mit der revolutionären Co-axial-Hemmung des englischen Uhrenkonstrukteurs George Daniels ausgerüstet. Die immer wieder verfeinerte und perfektionierte Hemmung verringert die Reibung im Uhrwerk und verspricht somit höhere Ganggenauigkeit und längere Wartungsintervalle. Die Materialforschung beschränkt sich jedoch nicht auf die Uhrwerke. Sie hat auch einen grossen Einfluss auf das Kleid der Uhr, ihr Gehäuse und ihr Armband. High-Tech-Keramik ist ein moderner Werkstoff, der sich dank seiner Härte, die derjenigen des Diamanten sehr nahe kommt, für die Herstellung von Uhrengehäusen eignet. Konnten bis vor wenigen Jahren lediglich relativ einfache Uhrengehäuse aus diesem Werkstoff gefertigt werden, ist es Omega gelungen, ein so komplexes Gehäuse wie dasjenige der «Speedmaster» komplett


WATCHES & JEWELLERY

OMEGA

BLANCPAIN

aus diesem Material zu fertigen, das nur mit Diamantwerkzeugen bearbeitet werden kann. Das Gehäuse ist nicht nur komplex, weil es so viele Facetten und Hinterschnitte aufweist, sondern weil die verschiedenen Oberflächen komplett unterschiedlich finissiert sind. Besonders die markanten Kanten sowie die polierten und die satinierten Flächen sorgten für Kopfzerbrechen. Ein spezielles amorphes Metall ist das Geheimnis hinter der Bezeichnung «Liquid Metal». Es wird verwendet, um glänzende Ziffern aus Metall nahtlos und unverrückbar in die Vertiefungen in einer Keramiklünette einzubringen. «Sedna»-Gold ist eine von Omega geschützte Legierung, die den Golduhren der Marke einen unverwechselbaren Farbton verleiht und sie erst noch kratzfester macht als herkömmliche Goldlegierungen. Im Bild ein zu den Olympischen Winterspielen herausgegebenes Sondermodell «Seamaster» in «Sedna»-Gold.

Blancpain – Eleganz und Sportlichkeit Die von Jean-Claude Biver im Jahr 1983 wachgeküsste Perle der Schweizer Uhrmacherkunst steht seit ihrer Wiederauferstehung auf drei Beinen: schlichte Eleganz, Tauchsport und Automobilsport.

Die extraflache Linie «Villeret» hat nichts von ihrer Zeitlosigkeit und Klassik eingebüsst. Sie umfasst sowohl schlichte Uhren mit lediglich drei Zeigern als auch hochkomplizierte Zeitmesser, die über 700 Komponenten enthalten können. Das abgebildete Modell mit chinesischem Kalender ist eine limitierte Edition zum chinesischen Jahr des Hundes. Für die Damen wurde in dieser Linie das Modell «Ladybird» wieder eingeführt, das in den fünfziger Jahren der Inbegriff der weiblichen Uhr war. Mit dem historischen Modell «Fifty Fathoms» hat Blancpain einen starken Trumpf im Ärmel, da die Uhr, die in den fünfziger Jahren für die französische Marine entwickelt worden war, ein unverwechselbares Gesicht hat, das sich markant von anderen Taucher­ uhren unterscheidet. Die jüngste Linie «L-Evolution» ist auch die provokanteste der Marke, deren Manufaktur sich im beschaulichen Le Brassus im Vallée de Joux befindet. Dass L-Evolution vom Automobilsport inspiriert ist, sieht man den Zeitmessern sofort an. Ihre dreidimensional gestalteten Zifferblätter verwenden unterschiedlichste High-Tech-­ Materialien. Bei den Gehäusen kommt in vielen Fällen die ultraleichte Carbonfaser zum Einsatz, wie sie auch in Formel-1-Boliden verbaut wird.

The luxurious way of life I 91


WATCHES & JEWELLERY

Breguet – die Spitze der Pyramide

Longines – Elegance is an Attitude

Die Marke, die den Namen eines der berühmtesten Uhrmacher aller Zeiten trägt, ist die Premium-Marke der Gruppe, die ironischerweise so heisst wie ihr günstigstes Produkt. Im Gegensatz zu Abraham-Louis Breguet, der im 18. Jahrhundert der Schweiz den Rücken kehrte, um sein Glück in Paris zu suchen, befindet sich die Marke seines Namens heute wieder in der Schweiz. Genauer gesagt im Vallée de Joux, dieser Brutstätte der Uhrmacherei. Obwohl die Manufaktur ein hochmoderner Komplex ist, in dem zum Teil unter Reinraumbedingungen gearbeitet wird, ist der Esprit des Erfinders, Konstrukteurs und Geschäftsmanns geblieben. Die Produktfamilien von Breguet widerspiegeln wichtige Etappen der Geschichte des Unternehmens, indem sie die Design-Codes der originalen Schöpfungen des Meisters ins Heute transportieren. Insbesondere das Design der Linie «Classique» lehnt sich stark an die Taschenuhren des Meisters mit ihren Zifferblättern aus Email oder guillochiertem und versilbertem Gold an. Das abgebildete Modell zum chinesischen Jahr des Hundes mit dem Motiv eines Chow-Chows illustriert die Kunst des Guillochierens besonders eindrücklich.

Der Claim «Elegance is an Attitude» der Marke aus Saint-Imier ist zu einem geflügelten Wort geworden, das von Longines nicht mehr wegzudenken ist. Die Marke sponsert Sportarten wie das Kunstturnen und den Pferdesport, die eine starke Affinität zu Eleganz und Anmut haben.

Doch statt in der Vergangenheit zu verharren, hat sich Breguet Fortschritt im Sinne des Begründers auf die Fahnen geschrieben. So werden die nach traditionellen Gesichtspunkten verzierten Uhrwerke mit modernster Materialtechnik ausgestattet. Besonders augenfällig ist dies bei der Verwendung von Silizium als Baustoff für die Hemmung, das Bauteil, das in der Uhr den Takt angibt. Silizium ist sehr leicht und nicht magnetisch. Es lässt sich in hochkomplizierte, mikroskopische Formen bringen und hat erstaunliche mechanische Eigenschaften. So ist es beispielsweise sehr elastisch, weshalb es sich ausgezeichnet zur Fertigung von Spiralfedern für die Unruh eignet. Breguet bringt mit grosser Regelmässigkeit patentierte Mechanismen in die Kollektion ein. Eine der neusten Erfindungen ist eine Unruhachse, die dank eines starken Magneten wie ein Kreisel nur in einem Lager gehalten wird und somit viel weniger Reibung verursacht.

Rado – das ist die Härte Hart sein ist das Leitmotiv der Lengnauer Marke Rado, des Pioniers superharter und kratzfester Gehäuse. Bereits in den siebziger Jahren überraschte die Marke mit der ersten superharten Uhr, deren Gehäuse aus Wolfram­ karbid bestand, dem Material, aus dem sonst Werkzeuge gefertigt werden, die man verwendet, um Stahl zu bearbeiten. Heute fertigt Rado die Gehäuse aus High-Tech-Keramik, einem Werkstoff, der mit herkömmlichem Steingut überhaupt nichts zu tun hat. Fortschritte in der Herstellungstechnik haben es möglich gemacht, das Material einzufärben oder ihm einen metallischen Glanz zu verleihen, sodass die aktuellen Uhren von Rado nicht mehr ausschliesslich in Schwarz daherkommen, sondern in Weiss, Grün oder Blau. Es gibt Modelle, die sich von solchen aus Stahl oder Gold kaum unterscheiden. Der grösste Unterschied für die Trägerin oder den Träger besteht im Gewicht. Denn diese Uhren sind federleicht am Handgelenk, selbst wenn sie golden glänzen. Durch die Zusammenarbeit mit renommierten Gestaltern zeigt Rado, dass Innovation nicht nur im Material steckt, sondern auch im Design. Prominentes Beispiel sind die zum Teil limitierten Uhren der extraflachen Linie «True Thinline», die sich als extrem wandelbar zeigt und in ihrer jüngsten Ausgabe vom Grün erholsamer Gärten inspiriert ist.

92 I PRESTIGE

Die Linie «Heritage» pflegt die unvergesslichen Klassiker der Marke, die den Grundpfeiler heutiger Kollektionen wie «DolceVita», «Equestrian» und «Conquest» bilden. Neben Fortschritten in der Mechanik forscht die Marke stark auf dem Gebiet der elektronischen Quarzuhr. Das neu entwickelte Uhrwerk mit der Bezeichnung V.H.P. (Very High Precision) stellt sogar die sprichwörtliche Genauigkeit herkömmlicher Quarzwerke in den Schatten und kommt als zuverlässige Alternative in den neusten Modellen der sportlichen Linie «Conquest» zum Einsatz.

BREGUET


WATCHES & JEWELLERY

LONGINES

RADO

The luxurious way of life I 93


WATCHES & JEWELLERY

CATWALK

JUWELEN

MIT KULTSTATUS

Dornenkrone by Shaun Leane

Dass Schmuck nicht zwingend nur im traditionellen Sinne zu verstehen ist, beweist die Modewelt immer wieder. Einer, der für den Modeschöpfer Alexander McQueen ebenso epische wie spektakuläre Couture-Schmuckstücke erschaffen hatte, ist der britische Schmuckdesigner Shaun Leane.

D

Anka Refghi

avid Beckham trägt seinen Schmuck ebenso wie Elton John, Kate Middleton und Sarah Jessica Parker. Berühmt wurde der britische Schmuckdesigner Shaun Leane aber durch seine aufsehenerregende Zusammenarbeit mit Alexander McQueen, dem einstigen «Enfant terrible» der Modewelt. Eine hochkarätige Kollaboration, die Ende der 1990er Jahre begonnen hatte und bis zum Tod McQueens im Jahr 2010 von gegenseitiger Inspiration, kreativer Freiheit und technischer Perfektion lebte. Bis heute sind die skulpturalen Kreationen einzigartig und lassen die Disziplinen Schmuck, Performance, Kunst und Mode auf eine unvergleichliche Weise miteinander verschmelzen. Im letzten Dezember machte Leane international von sich reden, als er sein persönliches Archiv mit mehr als 20 Couture-Schmuckstücken durch das Auktionshaus Sotheby’s versteigern liess.

94 I PRESTIGE


© Nick Knight

Daphne Guinness mit dem ikonischen Diamant-Handschuh «Contra Mundum»


© Ann Ray

«Shaun ist seit vielen Jahren ein enger Freund und Begleiter. Er fängt das Gefühl meiner Arbeit und die Ästhetik der Zeit ein, in der wir uns befinden … voller Struktur und Finesse, perfekt verarbeitet.» – Alexander McQueen –


WATCHES & JEWELLERY

Von Skeletten und Korsetten

© Sotheby’s

Zu den Prunkstücken, die Lean für McQueen schuf, gehörte auch eine silberne Rüstung, über die er einmal sagte: «Was ich an diesem Stück liebe, ist seine Oberfläche – es hat das Aussehen einer Rüstung, aber eine Silhouette, die die Schönheit, Weichheit und Kurven der weiblichen Form zeigt.» Sie war das Meisterwerk, das Leanes Status in der Modewelt neu definierte und den Begriff des Körperschmucks auf eine höhere Ebene hob. Eine nicht minder spektakuläre Kreation war auch sein

Skelettkorsett, das er für die «Frühling / Sommer-­ Kollektion 1998» McQueens angefertigt hatte: ein Skelettkorsett mit einer Wirbelsäule und einem Schwanz, das McQueen – fasziniert von dessen schöner und sonst im Körper versteckten Form – an die Aussenseite des Körpers anlegte. «Die Idee, ein solches Objekt zu realisieren, war völlig ausserhalb meiner gewohnten Komfortzone,» erinnert sich der heute 48-jährige Schmuckdesigner. «Noch nie zuvor hatte ich etwas in dieser Grössenordnung erschaffen. Das grösste Schmuckstück, das ich bis zu jenem Zeitpunkt gefertigt hatte, war eine Diamant-Tiara.»

Religiöse Symbolik und Stachelschweinfedern Eine starke Symbolik gehörte ebenso zu Shauns Handschrift wie aussergewöhnliche Materialien. Zentral hier seine berühmte Dornenkrone – ein starkes religiöses Symbol, das für den Designer für die Grenzenlosigkeit seines kreativen Schaffens stand und dafür, dass alles, was er mit dem Mode­ schöpfer gemeinsam schuf, von einer tieferen Bedeutung war. Überhaupt wurde die intensive Zusammenarbeit mit McQueen davon getragen, immer wieder die Grenzen des Handwerks und des Designs neu auszuloten und zu erweitern. Ein stetiges Streben, das schlussendlich dazu führte, dass die wohl einflussreichsten Laufstegkreationen aller Zeiten erschaffen wurden.

© Sotheby’s

Ebenso verarbeitete Shaun Leane immer wieder unkonventionelle Materialien wie beispielsweise die Stachelschweinfedern, die er einst während einer Reise nach Südafrika im Jahr 1995 gekauft hatte. Zunächst Teil seiner Kuriositäten-Sammlung, war er sich bereits beim Kauf sicher, zu einem späteren Zeitpunkt einmal Verwendung dafür zu finden. Ihr Moment kam 2003, als der Schmuckdesigner

«The Coiled Corset» für McQueens «The Overlook»-Kollektion

The luxurious way of life I 97


© Sotheby’s

WATCHES & JEWELLERY

Schulterschmuck mit Orchideen für Alexander McQueens «Pantheon Ad Lucem»

die Eleganz und Zartheit der Stachelschweinfedern mit Silber zu kraftvollem Ohrschmuck verarbeitete. Ohrschmuck, der die traditionelle Trageweise von Ohrringen aufbrach, indem er stattdessen die Ohren kunstvoll und ebenso atemberaubend umrahmte.

Theatralische Dramatik Shauns Kunstfertigkeit ist bis heute unvergleichbar. Kühn, theatralisch, dramatisch, provokativ und tech­ nisch kompliziert. So sorgte auch sein «Contra Mundum» – ein Diamant-Abend-Handschuh, den er für Daphne Guinness – Baroness, Brauereierbin, Philosophengeliebte und eine der aufsehenerregendsten Figuren der Modewelt – kreiert hatte, für Schlagzeilen und grosses Aufsehen. Dabei han-

delte es sich um einen mehr als ein Kilo schweren Handschuh aus achtzehnkarätigem Weissgold, mit mehr als 5000 Diamanten im Stil mittelalterlicher Kettenhemden besetzt und dekoriert mit Vögeln und Ästen. Seine Kreationen waren einzigartige Kunstwerke, Meisterwerke zwischen Märchenwelt und Science-Fiction – und doch immer von der Vergangenheit inspiriert. «Ich bewundere die Meister der Vergangenheit, die mit ihrem Stil und ihrer Handwerkskunst feinen Schmuck kreierten, der zeittypisch war. Ich verbinde gerne Traditionselemente mit einem zeitgenössischen Designansatz. Wir können nicht in die Zukunft des Designs schauen, ohne uns an unsere Vergangenheit zu erinnern», so Leane. Viele seiner Schmuckstücke wurden auf den internationalen Laufstegen von Models wie Kate Moss, Erin O’Connor und Stella Tennant getragen – und ein jedes von ihnen hat ein wunderbares Stück Modegeschichte geschrieben.

House of Shaun Leane Shaun Leane wurde am 8. Juli 1969 in Finsbury Park, London, geboren und begann mit 16 Jahren eine siebenjährige Ausbildung in traditionellem Goldschmiedehandwerk in Hatton Garden – einer renommierten Werkstatt in Londons Schmuckviertel, die High-End-Schmuckstücke für viele der renommiertesten Schmuckmarken an der Bond Street und einzigartige Stücke für königliche Familien auf der ganzen Welt schuf. 1999 gründete er mit «House of Shaun Leane» sein eigenes Unternehmen.

98 I PRESTIGE

Ohrschmuck aus Stachelschweinfedern


WATCHES & JEWELLERY

CARTIER

Kaum etwas ist so legendär wie die Schmuckstücke der «Panthère de Cartier»Kollektion von Cartier. Halskette mit Pantherkopf aus 18 Karat Weissgold mit 347 Diamanten im Brillant-Schliff besetzt sowie Smaragden und Onyx.

AL CORO

Sparkling!

Ring aus der «Serenata»-Kollektion, 18 Karat Weissgold und Brillanten von total 0,8 Karat. Die Linie «Serenata» versprüht mit ihrem gewickelten Design sportliche Eleganz und ist ein stilvoller Begleiter für jeden Tag.

Oft Begleiter fü r ei n ga n zes Leben u nd d ie Stars fü r gla n zvol le Au ftritte: fu n kel nde u nd kostbare Sch muckstücke, d ie d ie F rau erstra h len lassen. BY

BUCHERER

Für den eleganten Auftritt wie geschaffen: traumhaftes Collier mit Saphiren im Tropfen-Schliff (total ca. 7,02 ct.), Saphiren im Rund-Schliff (total ca. 16,02 ct) und Diamanten im Brillant-Schliff (total ca. 8,76 ct.).

GÜBELIN

Atemberaubend schön: Ohrhänger «Ornament of Flowers» aus Platin mit zwei Saphiren aus Madagaskar von 6,18 Karat und 5,93 Karat und acht tropfenförmigen Diamanten sowie Brillanten. Da der Diamantbesatz abnehmbar ist, bieten die Ohrhänger zwei Möglichkeiten, sie zu tragen.

BOUCHERON

«Quatre Radiant Edition»: Eine funkelnde Schönheit ist dieser kostbare Armschmuck aus 750er Weissgold und mit 1282 PavéDiamanten von total 13,45 Karat besetzt. Die Manschette bietet mit ihrer offenen Struktur eine überraschende und moderne Neuinterpretation der «Quatre»-Kollektion des Hauses.

BEYER

Prachtvoller Solitaire-Ring aus dem hauseigenen Atelier von Beyer Uhren und Juwelen in 750er-Weissgold. 1 Diamant im Cushion-Cut (total 8,25 ct.), 64 Brillanten (total 0,94 ct.), 10 Brillanten im PrincessCut
(total 1,15 ct.).

The luxurious way of life I 99


WATCHES & JEWELLERY

DAS

ACCESSOIRE DES

EXZESSES

Sie sind die Hingucker schlechthin: Cocktailringe. Gross, auffällig und kostbar. Meist an der rechten Hand getragen, ist ihre Geschichte eng mit der Zeit der amerikanischen Prohibition und illustren Abenden im Untergrund verbunden. Ein Rückblick. Anka Refghi

C

Giampiero Bodino

ocktailringe sind in ihrer Erscheinung dramatisch wie Diven und auch heute immer noch beliebt. Neben einer auffälligen Grösse ist ihr ursprüngliches Charakteristikum der im Zentrum des Ringes thronende Mittelstein, ergeben umrahmt von einer Pavé-Fassung aus Diamanten.

Moral und Gesetz Die Wurzeln des Cocktailrings gehen auf die amerikanische Prohibition-Ära der 1920er Jahre zurück. Eine Zeit, in der auf den langjährigen Druck von Abstinenzlern der Alkohol per Gesetz verboten wurde. Eine Massnahme gegen den um sich greifenden Alkoholismus, der in den Saloons immer mehr Ehemänner und Väter in den Würgegriff nahm. Doch die Moral per Gesetz zu ändern, war von Anbeginn zum Scheitern verurteilt, machte der Reiz des Verbotenen die Bevölkerung doch

100 I PRESTIGE

De Grisogono

nur noch durstiger. Niemals zuvor und niemals danach wurde so viel und exzessiv getrunken wie zu jener Zeit. Allerdings im Verborgenen und ­wegen des oft gepanschten Alkohols nicht selten auch mit Todesfolge. Der Schwarzmarkt boomte ebenso, wie die alkoholbedingten Verbrechen eskalierten. Flächendeckender Schmuggel, kontrolliert von Al Capones Gangstern und Konsorten, die sich im gegenseitigen Kampf blutige Massaker lieferten und doch meist unbehelligt blieben, waren doch die korrupten Verstrickungen zwischen Kriminellen, Prohibitionsagenten und Polizei kaum mehr zu überblicken.

Hedonismus und Rebellion Im Schatten der Prohibition entstanden in den Städten sogenannte Flüsterkneipen, geheime Bars in gewöhnlichen Wohnhäusern und Hinterhöfen, in die der Zutritt nur mit einem Codewort möglich war. Hier wurde getrunken und glamourös ge­


WATCHES & JEWELLERY

Piaget

feiert. Cocktails standen hoch im Kurs, war der damals erhältliche Alkohol doch oft von so schlechter Qualität, dass er ohne kreative Zutaten kaum geniessbar war. Neu an den Flüsterkneipen war, dass sie, im Gegensatz zu den einstigen Saloons, auch von Frauen besucht wurden. Oft waren dies die extravaganten «Flapper», wie die damaligen selbstbewussten Damen genannt wurden, die mit Pagenschnitt und Zigarette in der Hand als Typus in die Geschichtsbücher eingehen sollten. Als ­Rebellion gegen die Prohibition und im Zuge des neu erhaltenen Frauenwahlrechts und damit neuen Selbstbewusstseins kamen die übergrossen Cocktailringe in Mode. Als flamboyante Zeichen der Freiheit standen sie als Symbol für den Exzess und eine hedonistische Lebensweise. Kühn, übergross und meistens an der rechten Hand getragen – und daher offensichtlich kein Ehering – waren sie also höchstwahrscheinlich mit dem Geld einer Frau gekauft und standen damit für deren Unabhängigkeit.

Im Wandel der Zeit Waren die Cocktailringe der 1920er oft sehr wertvoll aus Platin oder Gold mit Diamanten oder Edelsteinen, wie Smaragde und Saphire, kamen im Laufe der Zeit auch Kreationen aus bunten Halbedelsteinen und formal neue und abstraktere Interpretationen auf. In den 1950er und 1960er Jahren galt der Cocktailring als übliches Accessoire für Frauen an gesellschaftlichen Anlässen wie Cocktailpartys, aber auch für einen Restaurant- oder den Opernhausbesuch. In den Dekaden der 1960er und 70er Jahre kam der imposante Ring etwas aus der Mode, um in den Achtzigerjahren sein Comeback zu feiern. Bis heute sind die übergrossen Ringe noch fester Bestandteil in den Kollektionen der meisten exklusiven Schmuckmarken. Und zu einem minimalistisch-modernen Look getragen, hat der legendäre Ring auch bis heute nichts von seiner beeindruckenden Wirkung verloren.

The luxurious way of life I 101


Frazer Nash Frazer Nash war ein britischer Hersteller von Sport- und Formel-1-Wagen. Archibald «Archie» Goodman Frazer Nash gründete die Frazer Nash Ltd. in Kingston-on-Thames um 1924. Bereits zwei Jahre später wurde das Unternehmen von den Brüdern H. J. und W. H. Aldington in Isleworth übernommen und in AFN Ltd. umbenannt. Ab 1934 war AFN der BMW-Generalimporteur für das gesamte britische Empire. Nach dem Zweiten Weltkrieg benannte sich die Firma jedoch wieder in «Frazer Nash» um. Die Produktion von Frazer-Nash-Wagen wurde 1957 eingestellt.


DRIVE STYLE

85427 Der «1939 Frazer Nash-BMW 328 Sports by Leacroft» mit der Fahrgestellnummer 85427 ist eine wahre Hommage an die Fliegerei. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs vom britischen Zoll beschlagnahmt, wurde er nach dem Krieg im Auftrag des einstigen Royal-Air-Force-Piloten «Dickie» Stoop durch eine aussergewöhnliche Karosserie zum Leben erweckt.

D

Anouk Delange I

RM Sotheby’s

er erste moderne Sportwagen, der BMW 328, gebaut von 1936 bis 1940, war ein Wunderwerk der Technik. Im Gegensatz zu anderen deutschen Automobilen, die zu jener Zeit noch Stahlschienen­ fahrgestelle verwendeten, hatte BMW das leichte Rohrchassis mit geschweissten Böden perfektioniert. Auf diese Weise konnten weichere Federn und Stossdämpfer verwendet werden, die in der Folge das Kurvenfahren blitzschnell machten. Hinzu kamen Motorblock und Bremsen des BMW 326 und ein wahrer «Power Boost» über einen komplett neu konstruierten Zylinderkopf, der eine seitliche Nockenwelle hoch auf der linken Seite mit 90 Grad geneigten Ventilen und der Zündkerze in der Mitte nutzte.


DRIVE STYLE

Roadster mit 4-Gang-Getriebe mit einem 120,3-Kubikzoll-Reihen-SechszylinderOHV-Motor gekoppelt, 79 PS, Höchstgeschwindigkeit 150 km / h

Air Force für sein Land gekämpft hatte und sich nun auch als Pilot auf der Rennstrecke durch Furchtlosigkeit auszeichnete.

Hommage an die Fliegerei

Start mit Hindernissen Einer von ihnen war der BMW 328 mit der Fahrgestellnummer 85427. Man schrieb das Jahr 1939, als die Aldington Brothers, Generalimporteure von BMW für das gesamte britische Empire – und ­ihres Zeichens Hersteller von Sportwagen –, sechs 328er-Fahrgestelle unter dem Namen «Frazer Nash» nach Grossbritannien importierten. Durch den unmittelbaren Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Fahrgestelle jedoch vom britischen Zoll beschlagnahmt und bis 1946 einbehalten. Nach dem Krieg wurde das Chassis mit der Nummer 85427 an den ehemaligen RAF-Spitfire-Piloten James Richard «Dickie» Stoop verkauft, der in der Royal

104 I PRESTIGE

Für die aussergewöhnliche Karosserie mit aero­ dynamischer Linienführung beauftragte Stoop die Coachbuilder «Leacroft of Egham». Die Karosserie, eine Hommage an die Fliegerei – und damit an Stoops Leidenschaft –, wurde mit zahlreichen aero­ nautischen Merkmalen versehen, wozu auch die Motorhaubenclips oder der Tankverschluss mit bündiger Abdeckung gehörten. Ebenso wurde das Cockpit für die stämmige Statur Stoops mass­ge­ schneidert. Sein erstes grosses Langstreckenrennen mit dem «1939 Frazer Nash-BMW 328 Sports by Leacroft» war das 24-Stunden-Rennen auf dem «Circuit de Spa-Francorchamps» im Jahre 1949, bei dem er in seiner Klasse den 6. und gesamthaft den 12. Rang einfuhr. 1952 verkaufte Stoop den Rennwagen dann im Austausch gegen einen «Frazer Nash Mille Miglia» wieder an die ­Aldington Brothers. Über den weiteren Verbleib in den darauffolgenden Jahren ist nicht viel bekannt, jedoch wurde der Wagen 1988 von der Schweizer «Rosso Bianco Collection» gekauft und für die Sammlung restauriert. Mit dem Verkauf der «Rosso Bianco Collection» ging der «1939 Frazer Nash-BMW 328 Sports by Leacroft» 2006 in den Besitz des «Louwman Museum» im niederländischen Den Haag. 2015 war der Zweiplätzer noch einmal auf dem «Concours d’Elegance» in Amelia Island zu sehen, bevor er durch eine Versteigerung durch das Auktionshaus RM Sotheby’s im letzten Jahr abermals den Besitzer für 825’000 US-Dollar wechselte.


WWW.VECTURAMAG.CH

» » DAS MOTION-

MAGAZIN AUS DER SCHWEIZ ABONNIEREN SIE JETZT VECTURA FÜR NUR CHF 39.– IM JAHR.


DRIVE STYLE

ZUKUNFTVON

VORGESTERN

106 I PRESTIGE


DRIVE STYLE

Auch in früheren Jahrzehnten machte sich die Autoindustrie schon Gedanken über den Wagen von morgen. Anlässlich der New York World’s Fair 1964 feierte der futuristische RunAbout als eine Art Einkaufswagen mit Einkaufswagen seinen Einstand. Und sagte dabei mehr über Gesellschaftsstrukturen als über die Zukunft aus.

D

Dieter Günther I

General Motors

ie General Motors Corporation, kurz GM, hatte üppig angerichtet. In einem eigenen Pavillon präsentierte der damals weltgrösste Autokonzern eine aufwändige, Futurama genannte Show, die unter dem Motto «The Future of Reality» zu einer Reise in nicht allzu ferne Zeiten lud. Dabei nahmen die Besucher wie in einer Geisterbahn in Sesseln Platz, um dann durch geheimnisvolle Miniaturwelten mit Unterwasserhotels samt einem Pendelverkehr zwischen Mond und Erde zu gleiten. Unrealistisch, gar utopisch, erschien das nicht: Für viele Amerikaner war das «Space Age» bereits angebrochen, hatte die US-amerikanische Aeronautik- und Raumfahrtbehörde NASA doch schon 1961 ihr Apollo-­ Mond­programm vorgestellt. Verständlich, dass sich bis zum Ende der Welt­ ausstellung am 17. Oktober 1965 rund 26 Millionen Menschen von diesen virtuellen Expeditionen faszinieren liessen. Dass sich der GM-Pavillon mit gleich drei Concept-­Cars schmückte, verstand sich von selbst: Firebird IV, GM-X und RunAbout, hier mit grossem «A» geschrieben, waren eigens für diesen Anlass gebaut worden und säumten nun, von den GM-Leuten dekorativ auf Stelzen gepackt, die «Avenue of Progress». Besondere Aufmerksamkeit erregte der beinahe zierliche RunAbout, ein innen wie aussen stahlblauer Faustkeil mit üppig verglaster Kanzel und drei verkleideten Rädern. Seine ungewöhnliche Bezeichnung bedeutete «Roadster» oder «kleiner Flitzer», stand im Amerikanischen aber meist für ein flinkes offenes Sportboot. Mit Wasser oder gar mit Raumfahrt hatte der RunAbout freilich nichts im Sinn, er war, ganz erdverbunden-profan, als agiler Stadt- und Einkaufswagen speziell für Hausfrauen konzipiert. Neben seinem so funk­ tionalen wie attraktiven, von GM-Designchef Bill Mitchell verantworteten Outfit hatte der Zweitürer mit der grossen Heckklappe allerhand mehr oder weniger sinnvolle Spielereien auf Lager. So liess sich das Vorderrad zum

The luxurious way of life I 107


DRIVE STYLE

Ein- und Ausparken auf engstem Raum nach dem Entriegeln einer Sperre um 180 Grad drehen, und als Kommandozentrale gab es eine Schalttafel mit zwei grossen Dreh- und zwei kleinen Druckknöpfen – aber kein Lenkrad. Umlaufende Kunststoffleisten schützten vor Parkremplern, und die gläserne Ladeluke liess sich mittels elektrischen Signals öffnen. Ein besonderes Highlight war der Einkaufswagen mit automatisch ausklappenden Rädern, der sich als Teil der Karosserie aus dem Heck des RunAbout ziehen liess. Waren die Besorgungen im Supermarkt erledigt, schoben Mrs. Smith oder Miss Miller ihren Einkaufswagen wieder in ihren Einkaufswagen. Daheim wiederholte sich dieses Schauspiel, nur dass diesmal die Küche des Hauses angesteuert wurde. Genial! Dumm nur, dass es an der Grundvoraussetzung eines jeden Automobils haperte: Der RunAbout hatte keinen Motor, fuhr also nicht. Was daran lag, dass GM seinem Stadtauto statt eines herkömmlichen Triebwerks einen Elektromotor verpassen wollte, dessen Batterie eine Reichweite

Highlight des «RunAbout»: der Einkaufswagen als Teil der Karrosserie

108 I PRESTIGE

von 150 Kilometern ermöglichte und nachts wieder aufgeladen werden konnte. Leider führte die vielleicht auch nur halbherzig betriebene Umsetzung dieses lobenswerten und fortschrittlichen Ansatzes zu keinerlei Ergebnissen. Wir wissen nicht, ob amerikanische Frauenverbände und Feministinnen gegen den RunAbout – der mit dem Geld verdienenden Mann und der sich um Haushalt und Familie kümmernden Frau ein tradiertes Rollenverständnis zementierte – Sturm liefen. Wir wissen aber, dass für Mrs. Smith und Miss Miller der Führerschein bereits selbstverständlich war, als bei uns Frau Schmidt und Fräulein Müller noch hart darum kämpfen mussten. Und was wurde aus dem RunAbout? Der blieb ein Schaustück ohne Motor, ein Muster ohne Wert. Und verschwand, nachdem er 1965 nochmals an gleicher Stelle in New York glänzen durfte, in der Versenkung. Nicht jedes Zukunftsmodell hat eben Zukunft.


Drive IN STYLE!

DRIVE STYLE

BY

1

Eroberer des Aspha lts u nd R itter der Strasse – auch i n d iesem F r ü h l i n g heisst es w ieder u nter wegs sei n m it Sti l u nd Style.

2

1 I TAG HEUER

Neue Chronographen-Version der «Link»: Dieses Modell erweitert die «Link»Kollektion, die 2016 einem meisterhaften Makeover unterzogen wurde. Nach der Luxusversion mit Diamant-Lünette nun die sportlichere Variante. 2 I MASERATI

3

Ghibli GranLusso: Eleganz und Kraft pur mit Hightech-Features wie «Adaptive Full LED»-Scheinwerfer mit blendfreier «Matrix High-Beam»-Technik für einen aussergewöhnlichen Look und noch bessere Beleuchtung. 3 I LAMBORGHINI

5

Der Trolley «ELTC (Extra Light Carbon Technology) Automobili Lamborghini» in Carbonfaser entsteht in einer ausschliesslich italienischen Zusammenarbeit zwischen dem Autohaus mit dem Stiersymbol und TecknoMonster. 4 I VALENTINO

«Garavani Rockstud»-Sneaker aus Kalbsleder und Wildleder aus dem Hause Valentino. Mit drei Reihen der charakteristischen «Ton-in-Ton»-Gummi­ noppen am Schaft. Made in Italy.

4

5 I HERMÈS

Überzeugend wie eh und je – die aktuelle Kollektion des französischen Traditions­ hauses Hermès: makellose Proportionen, weitere Schnitte und feinste Materialien. Unaufgeregt und wunderbar französisch.

The luxurious way of life I 109


EIN GROSSER

GEIST

DRIVE STYLE

110 I PRESTIGE

Kein anderes Modell hat eine längere Tradition: Mit der achten Generation des Phantom schlägt Rolls-Royce die Brücke zwischen Marken­historie und Moderne, zwischen Handwerkskunst und Hochtechnologie. Und bietet neu kunstvolle Möglichkeiten der Individualisierung. Andreas Faust I

Rolls-Royce


DRIVE STYLE

S

tellen Sie sich ein Wohnzimmer vor. Nein – nicht irgendein Wohnzimmer: eine Lounge, in deren hell­ grauen Lederpolstern es sich trefflich versinken lässt. Eine Lounge, die jemand angefüllt hat mit all dem, was ihm wichtig ist: Glaskunst, grossformatige Fotodrucke, eine kleine Bibliothek zu Aviatik und Nautik, zu Kunstgeschichte und Design, zu Lebensart und Artverwandtem. Ein Spiegelbild seiner Vorlieben, seines Charakters, seiner Persönlichkeit, von dem Sie sich angezogen fühlen. Das zu Ihnen passt. Leise schwillt nun

Musik an, steigert sich langsam. Ein Vorhang wird aufgezogen, und im Crescendo des Orchesterklangs – steht schlagartig das beste Auto der Welt im Rampenlicht. Ihr bestes Auto der Welt. Nichts weniger als das soll der Rolls-Royce Phantom laut Selbstbeschreibung schliesslich sein; erst recht in seiner neuen achten Generation. Und schon die Hingabe, mit der die Übergabe des neuen Luxusliners an einen Kunden inszeniert wird, steigert die Erwartung auf das, was ihn im Innern der mindestens 5,76 Meter langen Limousine erwartet.

The luxurious way of life I 111


DRIVE STYLE

Mehr Club-Lounge als Auto-Interieur: der exklusive Fond

Mit insgesamt 4011  Bestellungen hat die Kundschaft der noblen BMW-Tochter ihrer Marke im letzten Jahr das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte beschert. Und das trotz der vorzeitigen Einstellung der letzten Phantom-Generation, die bei aller Traditionsliebe nach 13 Jahren Bauzeit dann doch einmal der Ablösung bedurfte. Weil Luxusgüter der Wiedererkennbarkeit bedürfen, verzichtete Chefdesigner Giles Taylor beim Neuen auf eine unziemlich umfangreiche Umgestaltung der Alu-Karosserie. Erst auf den zweiten Blick nimmt man den höher aufragenden Kühlergrill mit aus den Gründen des Fuss­gängerschutzes versenkbarer Kühlerfigur. In einem Rolls-Royce gelten Monitore und Tasten als Zumutung, als Störenfriede zwischen Hochglanzholz und Schmeichelleder. Deshalb klappen im opulenten Fond – eher Club-Lounge als Auto-­ Interieur – die Bildschirme des Entertainment-­ Systems aus Holzpaneelen in den Vordersitzen aus. Der Drehsteller für das Navi verschwindet in der Mittelarmlehne, und das volldigitale Cockpit verbirgt sich hinter Glasflächen und wird erst beim Einschalten der Zündung sichtbar. Rund 130 Kilogramm Dämmmaterial und sechs Millimeter starke Glasscheiben sperren die Realität aus.

112 I PRESTIGE

Bei allem Understatement erhält das Rolls-Royce-­ Flaggschiff natürlich auch einen standesgemässen Antrieb. Den V12-Benziner mit 6,75 Liter Hubraum beatmen neu zwei Turbolader, was bei 571 PS eine Mehrleistung von 111 PS beschert. Die Achtstufen-­ Automatik wählt mit dem Navi vernetzt die Gänge entsprechend des Streckenverlaufs. Eine Stereokamera in der Frontscheibe informiert das auch neu entwickelte adaptive Fahrwerk mit Fünflenker-­ Hinterachse über Temposchwellen und Schlag­ löcher, sodass die Federraten situativ angepasst werden können. Nicht wenige Kunden werden tatsächlich ergriffen sein bei der Übergabe ihres Fahrzeugs, denn der Löwenanteil aller ausgelieferten Phantom werden laut der Erwartungen bei Rolls-Royce das Individualisierungsprogramm durchlaufen: Jedes Fahrzeug wird zum Einzelstück mit Lack, Leder, Intarsien oder Sonder­einbauten entsprechend Kun­ denwunsch. Neu kann ein künftiger Eigner gar seinen Lieblingskünstler ein passendes Objekt für die als Gallery bezeichnete Mini-Vitrine über dem Handschuhfach gestalten lassen. Als Spiegelbild seiner Vorlieben, seines Charakters, seiner Persönlichkeit.


Deine Brand-Social-Media-Plattform Lass dich von Brands, Experts, Stores und Community inspirieren!


In der kleinen Werkstatt von Akira Nakai-San entstehen die hochpreisigen Porsche-Umbauten.


TUNED IN TOKIO

Etwa eine Autostunde vom Zentrum Tokios entfernt betreibt Akira Nakai-San seine Porsche-Umbau-Werkstatt mit dem deutschsprachigen Namen «Rauh Welt Begriff». Seine extremen Umbauten haben in der Porsche-Szene Kultstatus erlangt, werden aber nicht selten auch polarisierend diskutiert. I

Hermann Köpf


DRIVE STYLE

S

eine Vorliebe für schnelle Autos hat er schon in jungen Jahren auf den Strassen und Rennstrecken im Hinterland Tokios ausgelebt. Als «Drifter» in der «Rough World Drift Crew» war er in der Szene kein Unbekannter, und seinen «Toyota AE86» hat er nicht nur «getuned», sondern ihm auch einen knackigen Rennlook verpasst. Anfang der neunziger Jahre und gerade einmal 28 Jahre alt, erfüllt er sich seinen Traum und kauft einen Porsche 930, den er gleich modifiziert. Der schwarze «Stella Artois» – nach seiner Lieblingsbiermarke benannt – war der Auftakt seiner Karriere. Anhänger seines Stils lieben ihn, weil seine Bodykits überhöht und roh wirken, kompromisslos im Namen der Geschwindigkeit gestaltet. Coolness durch Racelook. Insbesondere seine extremen «Wide-Body-Race-Kits« sind an rennerprobte Touren- und Langstrecken-Porsche-Karosserien angelehnt, die dem solventen Privatracer beim Clubrennen auf der Hausstrecke nicht nur einen Aerodynamik-Vorteil, sondern auch den Eye-Catcher-Bonus bescheren

Porsche «Pistache» von RWB

116 I PRESTIGE


DRIVE STYLE

sollen. Vor etwa 15 Jahren begann er, Kunden-Porsches zu «customizen». Weil er Deutschland und deutsche Autos schon immer gut fand, hat er recht frei seinen damaligen Namen eingedeutscht und firmiert seither unter «Rauh Welt Begriff».

Endmontage ist Chefsache Er mache sich nicht viel Gedanken, sagt Akira Nakai-San, und tue einfach, worauf er Lust habe und was er cool finde. Inzwischen korrigierte er auch den früheren Zusatz «Sekund Entwicklung» in «Zweite Entwicklung», sägt und schraubt aber immer noch in seiner kleinen Werkstatt, die mit allerlei Memorabilien, wie einem Billard-Tisch, leeren Bierflaschen und amerikanischem Schnickschnack, dekoriert ist. Seit ein paar Jahren hat er einen ­Manager, der sich nicht nur um Pressetermine kümmert, sondern mit dem er zusammen ein Dutzend Standorte, auf der ganzen Welt verteilt, aufgebaut hat. Meistens lokale Werkstätten oder Tuner, die RWB-Kits in Zusammenarbeit mit Nakai-San vertreiben. Interessiert sich ein neuer Kunde für einen

Umbau, versucht der Kettenraucher Nakai-San im Vorab-Gespräch über dessen Wünsche ein eventuelles Projekt und Einzelteile zu definieren. In einem 22’000-US-Dollar-RWB-Kit sind standardmässig Front- und Heckstossstangen, vier Kotflügel-Verbreiterungen, ein Paar Seitenschweller, ein GT-2oder 3.8-RS-Heckspoiler sowie Kleinteile enthalten. Nach erfolgter Bestellung werden die GfK-Teile von seinen japanischen Zulieferern gefertigt, anschlies­ send in die Niederlassungswerkstatt des Kunden verschifft, von den jeweiligen Partnern in Wunschfarbe lackiert und danach ausschliesslich von Nakai-San himself vor Ort verbaut: «Ich fliege hin, mit meinem Werkzeug im Gepäck, und in zwei bis drei Tagen Arbeit ist der Wagen fertig.» Dabei arbeitet er meist bis spät nachts, denn «mit Kaffee und Zigaretten kommen die besten Ideen für neue Umbauten» – grinst er. In den letzten Jahren hat er bis zu 60 Fahrzeuge p.a. umgebaut, jettet von ­einem Land auf den nächsten Kontinent. Neben seinen Race-Umbau-Kits bietet er auch «Narrow-­ Body»-Strassenversionen an, allesamt für 930-, 964- und 993-Modelle, und vertreibt optional Federbeinsysteme des japanischen Herstellers ­ «Aragosta», XXXXL-Champion-Heckspoiler, SSR-­ Felgen und Reifen bis zu 335er Breite. «Etwa 40’000 US-Dollar muss ein Kunde letztendlich bereit sein zu zahlen, um einen ausgewachsenen ‹Rauh Welt›-Porsche sein Eigen zu nennen – nur Umbaukosten, versteht sich.» In Deutschland sei es aber mithilfe eines netten TÜV-Prüfers dennoch schon möglich gewesen, eine Betriebserlaubnis – zu­ mindest für die schlankeren «Narrow-Body-­ Kits» – zu erhalten.

Wertsteigerung durch Coolness-Faktor

Akira Nakai-San hat mit seinem Umbau-Stil und seiner hemdsärmeligen Arbeitsweise Berühmtheit in der Porsche-Szene erlangt.

Es ist die Art und Weise, wie scheinbar unbedacht der Japaner an die Zuffenhausener Kotflügel mit seiner Stichsäge rangeht, die eingefleischte Porsche-­ Fans weltweit polarisiert. Den Begriff des «Wertes» scheinen gerade wir Deutsche mit besonderer Bedeutung zu sehen, da bei diesem Wort naturgemäss auch der damit verbundene Aufwand der eigentlichen Herstellung, ein Wiederverkaufswert, eine indirekt einhergehende Sicherheit – sprich Geldwert – verbunden ist. Oft werden dabei aber die Rahmenbedingungen vergessen, nach welchen Kriterien der «Wert» einer Sache oder auch einer Leistung bemessen wurde. Durch die Brille

The luxurious way of life I 117


DRIVE STYLE

Kreatives Sammelsurium in der Werkstatt Sein Markenzeichen: extreme Verbreiterungen und Racing-Spoiler

des begrenzten Gutes betrachtet – was bei mittlerweile bis zu 40 Jahre alten Porsche 930 durchaus vertretbar ist – blutet einem das Herz, wenn man vor seiner Garagenwerkstatt einen ohnehin zeitlos feinen Sportwagen mit abgesägten Kotflügeln abgestellt sieht. Als wären dem einstigen Überflieger die Flügel gestutzt worden, der auf seine Prothesen wartet. Zwar sind diese breiter und schöner und vor allem cooler, aber eben nur aus Plastik und mit Blechschrauben an die verbliebenen Stummel angeschraubt. Wird hingegen eine Weitsichtbrille mit Rundumblick zur Wert-Bestimmung eines RWB-Porsches aufgesetzt, kommen einige weitere Bemessungsgrundlagen ins Ermessens-Blickfeld. Diese sind dann zwar noch spezieller, weil die Nische der Befürworter noch kleiner ist als die der Originalheimer. Schwerlich messbare Einheiten wie Coolness, Exklusivität und Marke(n-Wert) sind wohl die wichtigsten Faktoren in dieser eher jungen Nischen-Randgruppe, die sich und ihren RWB mit lustigem Namen am Schweller in Social Media, Magazinen und Lieblings-Cafés präsentieren und damit ihren eigenen Wert aufpolieren. Jedem das Seine.

In den Tag leben und das tun, was Spass macht Man könnte sagen, der Erfolg gibt ihm recht. Schliesslich hat jedes Land und jeder Kontinent nun mal seine eigenen Gesetzmässigkeiten. Deutschland und Japan sind sich zwar in vielen Bereichen sehr ähnlich, was zum Beispiel die

118 I PRESTIGE

Zentral-Tugenden Genauigkeit und Pünktlichkeit betrifft. Viel stärker ausgeprägt sind in Japan allerdings eine Konformität der Allgemeinbevölkerung und ein Gemeinsinn sowie das Funktionieren in der Gesellschaft. Als europäischer Besucher ist man abseits der Business-Hochhäuser und ihren Angestellten von der ausgeprägten Vielfalt verschiedenster Subkulturen dann umso mehr fasziniert, die oftmals nur im Verborgenen, aber immer in einer enormen Ausgeprägtheit gelebt werden. Wer sich einmal aus dem System wagt, dem scheint ein Zurück in konservatives Umfeld schier aussichtslos verschlossen. Vielleicht ist dies ein Grund, dass sich gerade im kreativen und alternativen Umfeld sehr viele global tonangebende Charaktere in Mode, Design, Handwerk oder eben Auto- und Motorrad-Customizing mit ihrer Detailversessenheit oder eben wie Nakai-San mit überhöhter visueller Form einen Namen gemacht haben. Ihm sei es völlig egal, was die Mehrheit in Internet-Foren über ihn schreibt – auch wenn nur einer dabei ist, dem seine Kreationen gefallen, ist das Bestätigung genug, sagt er. «Ich denke auch nicht an das, was war oder was die Zukunft bringen wird. Ich lebe heute und tue das, was ich im Moment am wichtigsten finde und mir Spass macht. Porsche sind eben meine Lieblingsautos.» Er hat scheinbar keinen Plan für die Zukunft, sagt er zumindest. Solange Kunden seine Arbeit schätzen und bei ihm kaufen, macht er das genau so weiter. Das Rauchen gebe er ja schliesslich auch nicht nur so auf, schmunzelt er.


DRIVE STYLE

HAND

MADE 2

1

1 I Für den Durchblick «Supercompetition-brown» heisst diese coole Schutzbrille aus Leder aus der italienischen Motorradbrillenmanufaktur Baruffaldi, die bereits 1932 gegründet wurde. Im klassischen Design mit Lederrahmen in brauner Kroko-Optik und daher wunderbar weich und mit perfekter Passform. Speziell designte Klammern passen sich jedem Helm an, und die zusätzlich getönten Gläser bieten optimalen Schutz bei Sonnenschein. Durch das gummierte Stretchband wird verhindert, dass die Brille vom Helm rutscht. Mitgeliefert wird eine Ledertasche mit praktischen Gürtelschlaufen.

2 I Für Hedonisten Helme sind stillos? Keineswegs! Denn mit den handgefertigten und exklusiven Helmen der britischen Manufaktur «Hedon» dürften auch die anspruchsvollsten Ästheten überzeugt werden. Hier treffen unverwechselbares Design und edelste Verarbeitung auf Sicherheit und innovative Materialien wie Fiberglas und Carbon. Die Gründer Lindsey und Reginald haben jahrelange Erfahrung im Design und in der Produktion von Helmen im legendären Pariser «Les Ateliers Ruby» gesammelt, bevor sie sich vor rund sieben Jahren in England selbstständig gemacht haben. Der Helm «Epicurist» mit Schrauben aus Messing, Innenfutter aus antibakteriellem Echtleder und klappbarem Polycarbonate-Vollvisier. Alle «Hedon»-Helme erfüllen die europäische Sicherheitsnorm ECE 22.05.

3 I Für die Reise

3

Handmade in Hamburg. Im Atelier von Alexander Rothe entstehen die wohl stilvollsten Tankrucksäcke. Ein Ladengeschäft? Gibt es nicht! Dafür aber das Atelier als Begegnungsstätte. Wunderbar. Für die klassisch hand­gefertigten Tankrucksäcke aus Leder wird bewusst auf Klettverschlüsse oder Nylon verzichtet. Verwendet werden ausschliesslich hochwertige Materialien, die beste Qualität und eine lange Lebensdauer garantieren. Die Tankrucksäcke werden aus Anilinleder und englischem Wachstuch (gewachstes Baumwollgewebe) gefertigt. Weiter verfügen sie über einen mit Alcantara und Schaumstoff gepolsterten Boden, Blanklederriemen, Metallschnallen, verchromte oder beschichtete Messing-D-Ringe und YKK-Metallreiss­ verschlüsse. Varianten: wahlweise braunes Anilinleder mit grünem Wachstuch oder schwarzes Anilinleder mit schwarzem Wachstuch.

The luxurious way of life I 119


IN DER GOLDENEN

MITTE

Als Enzo Ferrari im Jahr 1947 seine eigene Sportwagenschmiede eröffnete, hatte er vor allem Zwölfzylinder-Motoren im Sinn. Sieben Jahrzehnte später haben die Mittelmotor-Modelle aus Maranello mit hinter den Passagierrücken eingebauten V8-Motoren längst die Herzen der Ferraristi erobert. Solch ein aktueller Ferrari 488 Spider begeistert dabei nicht nur seinen Fahrer. Andreas Faust I

Ferrari

Form folgt Funktion: Die Karosserie des Ferrari 488 Spider wurde auf optimale Aerodynamik und maximalen Abtrieb hin entwickelt.

120 I PRESTIGE


DRIVE STYLE

N

atürlich funktioniert es immer noch; auch noch nach 70 Jahren und auch in einem 488 Spider: ­Gereckte Daumen von Passanten, ganze Strassencafébelegschaften wenden die Köpfe von ihren Gästen ab, am Fussgängerüberweg werden wir durchgewunken; gar angefeuert, doch einmal etwas hören zu lassen. Selbst lokale Landwirte steuern winkend ihre Heuladewagen in die Wiese, weil diese Strasse zu schmal für uns beide ist. Ferraris springendes Pferd auf gelbem Grund fasziniert selbst jene, die nicht am Steuer sitzen. Mission erfüllt, Commendatore. Vor 70 Jahren, im Jahr 1947, gründete Enzo Ferrari sein Unternehmen. Damals war er schon beinahe zwei Jahrzehnte im Motorsport unterwegs mit seiner gleichnamigen Scuderia, in der er Rennwagen von Alfa Romeo pilotierte. Aber erst in jenem Jahr begann er mit der Entwicklung eigener Rennwagen. Als erster verliess der Ferrari 125 mit einem winzigen 1,5-Liter-Motor mit dennoch immerhin zwölf Zylindern die Werkhallen. Und weil den Ferrari-Konstruktionen ein durch Podestplätze untermauerter guter Ruf vorauseilte, folgten ab dem Ferrari 166 des Jahres 1948 auch strassentaugliche Versionen. Wie schön für das autoaffine Publikum auf Strassen und Plätzen, das abwechselnd winkend und sich die Ohren zuhaltend nun auch seinen Spass an den roten Rennern haben konnte. Bis heute.

Die Lieblingsmarke erfand sich immer wieder neu Wobei eines völlig klar ist: Den vollen Genuss bietet in einem Ferrari nur der Sitz vorne links. Vorne? Natürlich muss man das betonen, denn Modelle mit vier vollwertigen Sitzplätzen gehören längst ebenfalls zum Portfolio; aktuell repräsentiert durch den GTC4 Lusso. Überhaupt, wenn man eines Ferrari nicht vorwerfen kann, dann einen Mangel an Flexibilität und Innovationsfreude. Selbst Hybridsysteme und ein technisch spezieller Allradantrieb im GTC4 Lusso passen heute ins Modellprogramm. Erstaunlich für eine so auf ihre Tradition bedachte Marke, dass sie immer wieder bereit war, das Erreichte infrage zu stellen und sich neu auszurichten. Enzo Ferrari bestand beispielsweise stets auf vorn montierte Zwölfzylinder-Motoren, aber erst die Mittelmotor-Baureihen mit V8-Aggregaten bescherten Ferrari höhere Stückzahlen und damit Sichtbarkeit im Verkehr. Als Anfang der 1980er-Jahre auf dem Heimmarkt die Autosteuer-Gesetzgebung verschärft wurde, reduzierte man den Ferrari 308 sogar zum 208 mit eher mickrigen zwei Liter Hubraum. Aber kompensierte den Leistungsverlust erstmals mit einem Turbolader. Bevor sich dann nach dem Über-Ferrari F40 von 1987 doch wieder die Saugmotoren durchsetzten. Mancher Fan mag sich ob der Volten seiner Lieblingsmarke immer wieder die Augen gerieben haben. Ihrem Ruf selbst unter Nicht-Ferrari-Fahrern taten sie keinen Abbruch.

Volle Klanggewalt bei offenem Dach Derzeit tragen zwei Modelle die nun auch schon über vierzigjährige Tradition der Mittelmotor-Ferrari weiter: das eher genussbetonte Klappdach-Cabriolet

Portofino und eben der konsequent auf Längsund Querdynamik ausgerichtete 488; mit festem Dach als GTB oder als Spider mit einem elektrisch versenkbaren winzigen Hardtop, das so wenig freien Himmel lässt, dass man sich selbst bei trübem Wetter das Öffnen traut. Denn erst dann lässt sich der akustische Genuss des hinter dem Fahrerrücken versenkten V8 mit 3,9 Liter Hubraum und zwei Turboladern voll auskosten. Sollte der Regen dann doch überhand nehmen, könnte man alternativ aber auch die winzige Heckscheibe herunterund so das Klanggewitter hereinlassen. Das lässt sich tatsächlich und vor allem als «oldschool» beschreiben. Was zunächst vielleicht verwundert, schliesslich wurde bis 2015 noch ein orgiastisch kreischender Sauger-V8 verbaut, der seine Kraft aus schreiend hohen Drehzahlen bezog. Was den neuen Turbo-Ton so klassisch erscheinen lässt, das ist seine Bassgewalt. Frühe Turbomotoren der 1970er-Jahre tönten ebenfalls derart nach Subbass, den man mehr im Sitz spürt als in den Ohren. Geradezu physisch fühlbar, ganz im Gegensatz zu den Feld-Wald-und-Wiesen-­ Turbomotoren, die inzwischen bis in die Klein­ wagenklasse hinein eingebaut werden und denen selbst das Zischeln der Lader aberzogen wurde. Nach oben hinaus geht natürlich auch klanglich noch etwas mehr, denn die Maximalleistung des V8 liegt erst bei 8000 Touren an, und dann setzt sich der Kreischanteil doch so langsam wieder gegen den Tiefbass durch.

Stahl oder Stoff? Man mag es kaum glauben: Das zweiteilige, speziell für den 488 Spider entwickelte Faltdach wiegt rund 25 Kilogramm weniger, als eine klassische Stoffkapuze wiegen würde. Denn es spart ein kompliziertes und über viele Elektromotoren zu verstellendes Gestänge als Grundlage der Stoffbespannung ein. Überhaupt stand der Leichtbau ganz oben im Anforderungskatalog. Deshalb setzt Ferrari für die Space-Frame-Karosserie elf unterschiedliche Aluminiumsorten ein; je nach Festigkeitserfordernissen.

The luxurious way of life I 121


DRIVE STYLE

Ferrari 488 Spider V8-Turbobenziner, Hubraum 3902 cm3, Leistung 492 kW / 670 PS bei 8000 / min, maximales Drehmoment 760 Nm bei 3000 / min, Siebengang-F1-Doppel­ kupplungsgetriebe, Hinterradantrieb, Höchstgeschwindigkeit über 325 km / h, 0 –100 km / h 3,0 s, Verbrauch kombiniert 11,4 l / 100 km (260 g/km CO 2, Energie-­ Effizienzkategorie G), Kofferraum 230 l, Länge / Breite / Höhe 4568 / 1952 / 1211 mm, Radstand 2650 mm, Leergewicht 1525 kg.

Kurze Front, langes Heck: Der 670 PS starke V8 des 488 verbirgt sich hinter der Fahrgastzelle.

Vor den Emotionen steht die Rationalität Beim Einsteigen überrascht immer wieder, wie rational Ferraris Entwickler sicht- und spürbar bei der Konstruktion vorgegangen sind. Für die Sitzposition scheint man geradezu beim Kunden Mass genommen zu haben, das Lenkrad liegt wie angewachsen in der Hand, und man muss kaum mit dem Finger zucken, um alles im Griff zu haben – alle wichtigen Tasten bis hin zu denen für die Blinker liegen auf dem Steuer. Sicht nach hinten fällt natürlich aus, aber schliesslich gehören die Augen nach vorne, auf Strasse. Und in diese Richtung stehen nicht einmal die A-Säulen lästig im Weg herum. Luxus? Natürlich, wenn man diesen über Reduziertheit und Understatement definiert. Eingebaut wird, was entweder optimale Funktion bietet oder eben niemanden beim Fokussieren nach vorne stört. Also feinstes Glattleder, Alu, aber auch ein wenig Plastik. Klassische Drehregler und reduzierte Monitore im Kombiinstrument, statt per Touchscreen ein Smartphone zu simulieren. Und nur die Funktionen, die man auch tatsächlich braucht, statt verschachtelter Menus mit Einstellungsopti-

122 I PRESTIGE

onen, die man sowieso nur einmal im Leben setzen würde. Um sie dann nie wieder anzuschauen. Gezündet wird mit einem die Parkplatzausfahrt freiblasenden Fauchen. Zug am rechten Schaltpaddle, das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe wirft den ersten Gang hinein. Bergab hinab vom Hotel lässt es der 488 Spider gemächlich angehen. In den engen Kehren lenkt er ansatzlos ein, minimale Vibrationen vom V8 massieren den Rücken, das Getriebe sortiert selbst die Gänge. Das offene Dach – klippklapp innert 14 Sekunden – lässt Licht und Laute hinein. Und sorry Ferrari – das Harmann-­ Soundsystem mit 12 Lautsprechern und 1280 Watt Leistung bleibt aus. Die Kilowatt hinter den Sitzlehnen erweisen sich schliesslich in jeder Hinsicht unterhaltsamer. Finden auch die winkenden Passanten vor dem Supermarkt.

Breite Spreizung zwischen Komfort und Sport Auffahrt auf die Autobahn zur Platzrunde. Jetzt könnte und dürfte man ja mal, aber der Lastwagen


DRIVE STYLE

Höchstgeschwindigkeit und der etwas geringeren Elastizität bei Autobahntempo spüren. Nicht aber auf einer engagiert gefahrenen Bergstrasse.

Das wirkliche Potenzial erschliesst sich erst auf abgesperrter Piste

auf der rechten Spur hat sich am Ende des Beschleunigungsstreifens schon wie im Zeitraffer herangezoomt. Nur drei Sekunden aus dem Stand bis Tempo 100, und 5,7 Sekunden später wären die 200 km / h erreicht, also schnell runter vom Pedal, zum Spielen bleibt später noch Gelegenheit. Drei Fahrprogramme stellt der kleine Drehschalter – Manettino genannt – am Lenkrad bereit, und natürlich fangen sie nicht bei Komfort oder Eco an, sondern: Sport ist Grundstellung; darüber wären Race und Wet im Angebot; Letzteres, damit man die Kraft der acht Zylinder auch winters auf die Strasse bringt. Sport heisst aber auch, dass Federn und Dämpfer überraschend geschmeidig ihren Job erledigen; so viel Abrollkomfort hätte man dem ultrasteifen Chassis aus Aluminium und Magnesium, das sich ebenso wenig verwindet wie jenes der geschlossenen GTB-Variante, gar nicht zugetraut. Aber wir sind ja nicht zum Dahinrollen hier, also runter von der Autobahn und hinein ins Kurvengeschlängel. Links-rechts-links; in den ersten Ecken spürt man schon, dass dieser Ferrari genau hierhin gehört. Mag Firmengründer Enzo einst auch noch so skeptisch gewesen sein: Zwischen den Achsen und damit im Schwerpunkt des Fahrzeugs ist der 670 PS leistende V8 bestens aufgehoben – nahe bei den Ohren, nahe bei den fahrdynamischen Sinnen seines Fahrers und nahe beim Asphalt. Lenken fühlt sich an wie Denken, so unmittelbar dreht der 488 ein und so präzise lässt er sich auf der nicht gerade breiten Strasse positionieren. Dass die Cabrio-Variante rund 50 Kilogramm mehr wiegt als die geschlossene – man mag es an der um 10 km / h geringeren

Ein wenig erspüren, zu welcher Leistung der 488 Spider fähig ist, möchte man dann doch noch gerne – Zeit für einen Handling-Parcours auf e ­ inem freigeräumten Flugfeld. Hinterhältig unregelmässig gesetzte Pylonen definieren auf der endlos langen Asphaltfläche einen kurvigen Kurs. Jetzt kann man sich endlich einmal das Vollgas trauen; fühlt, wie bis zu 760 Newtonmeter über die Hinterräder herfallen. Und wie früh im Drehzahlband sie schon anliegen. Kein Zweifel, klanglich waren die Saugmotoren den gleich doppelt beatmeten Turbos überlegen. Aber für die Fahrbarkeit bringt die Aufladung nur Vorteile, weil man schon ab 2000 Touren auf einer nicht enden wollenden Drehmomentwoge reitet. Leistung hat man, Drehmoment fährt man, raunten sich früher Rennfahrer zu, und im 488 Spider spürt man genau das. Dabei lässt das Triebwerk mit imposanten 172 PS Literleistung sogar beinahe das kleine Leistungsloch aus, das man generell bei aufgeladenen Motoren knapp vorm Einsetzen des Ladedrucks spürt. Nur 0,8 Sekunden beträgt die Ansprechzeit der Motors auf Gaspedalbefehle bei 2000 Touren im dritten Gang – wenn man das bemerkt, ist es aber eigentlich schon wieder vorbei. Selbst bei Lastwechseln bleibt der Zweisitzer aber neutral, lenkt quasi auf der Stelle ein, weil das Motorengewicht wunderbar ausbalanciert zwischen den Achsen liegt und es bei der Gewichtsverteilung 42 zu 58 steht für die Hinterachse. Das alles fühlt man als Fahrer unmittelbar, ungefiltert, praktisch gleichzeitig. Gebremst wird natürlich standesgemäss; mit 398er-Scheiben vorn und solchen mit 360 Millimeter Durchmesser hinten wie im Marken-Flaggschiff LaFerrari. Natürlich werden keine Assistenzsysteme angeboten – wie, bitte, soll man denn einen Ferrari fahren wenn nicht mit allen Sinnen und allen Händen am Steuer? Kofferraumvolumen – immerhin 230 Liter – und Verbrauchsdaten sind dann wohl auch eher Nebensache, aber es wäre natürlich schön, wenn man ein wenig von der Faszination dieses Autos auch dem Beifahrer vermitteln könnte. Also jenseits des glücklichen Grinsens. Optional lässt sich deshalb ein Display für den Copiloten ordern, das zum Beispiel die gefahrene Höchstgeschwindigkeit anzeigt. Mal wieder etwas Neues nach 70 Jahren.

The luxurious way of life I 123


KLEID Hermès

124 I PRESTIGE


&

FASHION  

BEAUTY

EXCLUSIVELY FOR DARIA PLEGGENKUHLE

The luxurious way of life I 125


BLAZER Paul Smith I TOP Issey Miyake


The luxurious way of life I 127

KLEID Marina Hoermanseder I SANDALEN Prada


FASHION &BEAUTY

KLEID Stine Goya I SCHUHE Sportmax

128 I PRESTIGE


TÜLLROCK Talbot Runhof I TÜLLBLUSE Talbot Runhof I STIEFELETTE Charlotte Olympia vintage


CAPE Bally I SEIDENKLEID Jil Sander vintage I STIEFELETTE Rani Bageria


FASHION &BEAUTY

PAILLETTENMANTEL Odeeh

The luxurious way of life I 131


BODY Marina Hoermanseder I BLUSE René Lezard I HOSE Windsor I STIEFELETTE Rani Bageria

FASHION &BEAUTY

132 I PRESTIGE


KLEID Akris


FASHION &BEAUTY

KLEID Akris I OHRRING Shanghai Tofu

PHOTOGRAPHER Kai Weissenfeld www.kai-weissenfeld.com MODEL Daria Pleggenkuhle www.modelwerk.de STYLING Natalia Witschke www.nina-klein.com/natalia HAIR / MAKE-UP Kerstin Huesgens www.nina-klein.com/kerstin

134 I PRESTIGE


It-Pieces

FASHION &BEAUTY

BY

Ob K leider, Schu he oder Accessoires – hel le Farben u nd meta l l ische A k zente si nd d ie Stars i n d ieser Sa ison.

JIMMY CHOO

Inspiriert von der ikonischen «Andie»-Sonnenbrille: «Elva»Oversize-Sonnenbrille in Schwarz und Kupfergold mit Details aus Schimmerwildleder. Ein «Investmentpiece», das nicht aus der Mode kommt.

DIOR

«Lady Dior Voyageur»: Geldbörse mit einem Sujet von Niki de Saint Phalle. Aus echtem Kalbsleder und goldfarbenen Schmuckbuch­ staben «Dior».

YVES SAINT LAURENT

Kettenohrringe «Marrakech» aus Zinn und Messing. Ohrstecker für durchstochene Ohrläppchen mit ineinandergreifender YSL-Signatur auf der Vorderseite.

GIAMBATTISTA VALLI

OSCAR DE LA RENTA

«Tro»-Tasche aus nudefarbenem Leder mit Gardenienver­ zierung. Mit Velours­ leder ausgekleidetes Inneres, unterteilt in zwei Fächer, mit magnetischer Frontklappe. Als «Crossbody» oder als handliche Clutch tragbar.

Die italienische Luxusmarke Giambattista Valli kreierte für diese Saison eine sehr abwechslungsreiche HauteCouture-Kollektion mit einer Mischung für jeden Geschmack.

SANTONI

Eleganz und Sinnlichkeit vereinen sich harmonisch in diesen wunderschönen vergoldeten Sandalen aus Nappaleder mit Ledersohlen und Pfennigabsätzen. Fersenkappe mit Strass­ steinen und Perlen verziert.

The luxurious way of life I 135


FASHION &BEAUTY

DAS

FASHION

ORAKEL

Es war einmal ein hässliches Entlein. Von der Entenmutter aufs Grausamste abgelehnt, von der ausgesprochen hübschen Entenschwester in dunkelste Schatten gestellt. Das hässliche Entlein beschloss, nicht nur ein Schwan zu werden, sondern eine Legende. Alles, was sie dazu brauchte, waren ihre Visionen. Diana Vreeland, die mächtigste Frau der Modewelt im 20. Jahrhundert.

V

ielleicht sind es das Hineingeborenwerden in eine schöne Familie und der Blick in den Spiegel, der ihr optisch die Quittung und instinktiv die Begründung dafür liefert, weshalb ihre Mutter sie ihr «hässliches kleines Monster» nennt, während ihre Schwester gehätschelt und getätschelt wird. Doch entgegen dem häufig vorkommenden Phänomen, aus diesem einen Kindheitstrauma ein lebenslanges Drama mit Mama-ist-schuld-Ausrede zu zelebrieren, dreht sie den Spiess um.

Der Masterplan Am 29. September 1903 wird Diana in Paris geboren. Ihr Vater, Frederick Young Dalziel, ist ein britischer Postbote, ihre amerikanische Mutter Emily Key Hoffman Spross einer amerikanischen High-Society-Familie, deren Ahnen sich angeblich bis zu George Washington zurückverfolgen lassen. Am Ende des Ersten Weltkrieges siedelt die Familie nach Amerika über. Während andere Mädchen mit ihren Puppen spielen, hat Diana sich ihren Masterplan bereits zurechtgelegt. «Es gibt nur ein sehr gutes Leben, und das ist das Leben, das du kennst, das du willst und das du selbst machst.» Um Regeln brechen zu können und zu dem indivi-

136 I PRESTIGE

Helena Ugrenovic

duellen, beliebten, belesenen, intelligenten, charismatischen, witzigen, opportunistischen, gelehrten und bewunderten Wesen zu werden, das man sein will, muss man die Regeln kennen. Wie ein Schwamm saugt Diana alles über Kunst, Kultur, Mode und die schöne Seite der Welt auf, die sie aus den Angeln heben will. Negatives gibt es nicht. Es handelt sich dabei um ein individuelles Merkmal mit eigener Schönheit. Punkt. Genauso wie die Tatsache, Visionen wie Ziegelsteine die eigene Realität bauen zu lassen. Diana schnappt sich den schönsten Mann überhaupt und heiratet den Bankier Thomas Reed Vreeland, dem sie kurz nacheinander zwei Söhne schenkt.

Eine Legende entsteht Sie ist stilsicher, schmückt sich mit auffallenden Accessoires und ist ein Eyecatcher der besonderen Art. Als sie 1936 an einer Party in einem Chanel-­ Kleid, mit Bolero-Hut und einer Rose im Haar in einem Nachtclub tanzt, fällt sie der Chefredakteurin von «Harper’s Bazaar» auf, die ihr am nächsten Tag einen Job anbietet. Dianas Kolumne «Why don’t you» ist eine Sensation, ein dekadenter Ausdruck unkonventioneller Ideen, mit einer gewissen Respektlosigkeit, die man so nicht kennt. Sie


«Du musst Stil haben. Es hilft dir, eine Treppe hinunterzulaufen. Es hilft dir, am Morgen aufzustehen. Es ist eine Lebensweisheit. Ohne Stil bist du ein Niemand. Und ich rede nicht von vielen Kleidern.» – Diana Vreeland –


FASHION &BEAUTY

«Ich bin nicht eine Fashion-Redakteurin, ich bin die einzig wahre Fashion-Redakteurin!» – Diana Vreeland –

schreibt in einer Sprache, die noch nie zuvor gehört wurde. «Warum waschen Sie die blonden Haare Ihres Kindes nicht mit abgestandenem Champagner, wie man es in Frankreich macht?» Und es ist genau das, was mit den Lesern harmoniert. Sie hat ein untrügliches Gespür für Details, die richtige Inszenierung und gibt Fotos in Auftrag, die weltberühmt werden. Diana liebt es üppig, pompös, farbig und exotisch, und wenn es noch nicht der letzte Schrei ist, macht sie ihn dazu, genauso, wie «Harper’s Bazaar» während des Einflusses von Diana zum modernsten Modemagazin der Welt avanciert.

Die Kaiserin Nach einem Zwist bei «Harper’s Bazaar» wechselt Diana Vreeland 1962 als Chefredakteurin zur amerikanischen «Vogue» und schöpft aus dem Vollen. Von der «Belle Epoque» zu «Studio 54» ist sie nicht nur ein New Yorker Szene-Celebrity und eine Fashion-Ikone, die wie das Orakel von Delphi voraussagen kann, was zum Trend wird, sie ist ein «Influencer». Sie stellt das bis dahin biedere und langweilige Frauenbild der «Vogue» komplett auf den Kopf. Es ist die Ära von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll, Woodstock, der Hippie-Bewegung und einer sich freigestrampelten Jugend, von der sie begeistert ist. Sie kreiert Modestrecken mit Verushka von Lehndorff, die zu den einzigartigsten gehören, die jemals gedruckt wurden, und entsendet ihre ­Fotografen und Models an die entlegensten Orte der Welt, denn nur die spektakulärsten Fotos sind gut genug. Diana Vreeland revolutioniert die Modewelt, denn es soll anders, einfach anders sein, und «zum Teufel, nein, das ist nicht hässlich! Das bist du, das macht dich aus!», und so lässt sie Barbra Streisand für die «Vogue» extra im Profil ablichten. Sie ist die Erste, die ein Foto von Mick Jagger publiziert, auf dem er durch aufgeplusterte Lippen atmet – «oh, diese Lippen!». Sie verbringt Nächte mit Warren Beatty, Angelica Houston, Jack Nicholson, Andy Warhol, Cher, Josephine Baker oder Lauren Bacall, auf die sie einen grossen Einfluss ausübt. Diana sieht und nimmt Dinge in einem Menschen wahr, noch bevor dieser es selber realisiert, und bringt ihn zum Blühen.

138 I PRESTIGE

Ein Abgang mit Knaller-Effekt Die Expeditionen ihrer Teams an die Enden der Welt kosten «Vogue» eine Stange Geld, und obwohl ihre filmischen Inszenierungen begeistern, schleichen sich Misstöne bei den Auftraggebern ein, die bei gewissen Fotos der Meinung sind, ihre Kreationen rückten in den Hintergrund. Als Diana Vreeland 1971 bei «Vogue» gefeuert wird, trifft sie das hart. Umso überraschter ist sie, als das Metropolitan Museum of Art sie als Beraterin ihres «Costume Institute» einstellt. Diana, bereits über 60 Jahre alt, schert sich keinen Deut um die Wünsche der Museumsdirektion und kreiert extravagante und opulente Kostüm-Ausstellungen inmitten glänzender Magenta-Wände, stellt kopflose Mannequins auf, Elefanten und Kutschen. Mit i­hrem untrüglichen Instinkt haucht sie toten Kostümen, an denen der Mief der Vergangenheit klebt, schillerndes Leben ein und verpasst «Kostümen» eine neue Wahrnehmung. Am 2. August 1989 stirbt die Grande Dame der Fashion in New York.

Diana Vreeland und Marisa Berenson bei einem «Vogue»-Shooting


FASHION &BEAUTY

DER SCHUHARCHITEKT

PIERRE HARDY

Sein Markenzeichen? Statement-Farben, grafische Formen und skulptural anmutende Silhouetten! Die Frauen? Lieben ihn! Dabei wurde der franzö­ sische Schuhdesigner Pierre Hardy eigentlich in bildender Kunst und Tanz ausgebildet. Später als Illustrator für «Vanity Fair Italy» und «Vogue Homme International» tätig, bat ihn Christian Dior, eine Damenschuhkollektion für ihn zu entwerfen. Das war 1988 und ein Auftrag, durch den Pierre Hardy seine Liebe zu Schuhen entdeckte. In den Jahren darauf folgten unzählige Kooperationen mit grossen Namen wie Balenciaga oder auch Hermès, denen das Talent des begnadeten Schuharchitekten nicht entgangen war. 1999 gründete Pierre Hardy sein gleichnamiges Label, blieb jedoch weiterhin bis heute federführend für das Schuhdesign des Hauses Hermès. Um Pierre Hardy nach den mittlerweile 20 Jahren wohl noch enger an sich zu binden, kaufte der Luxuskonzern erst kürzlich Anteile von Hardys eigener, erfolgreicher Marke. Die aussergewöhnlichen Schuhe, in denen sich zweifelsohne der Charme und die Ästhetik von Paris widerspiegeln, entstehen in seinem Büro und Atelier an einer malerischen Ecke des 6. Pariser Arrondissements, gleich hinter dem Showroom. Über seine Arbeit sagte er einmal in einem Interview: «Was ich liebe, ist, dass Schuhe am Anfang fast wie eine Skulptur sind. Dann werden sie zu einem modischen Accessoire – etwas, das Mädchen wollen und tragen und das sich je nach Stimmung stark, schön, sexy oder lustig anfühlt. Schuhe werden zu etwas Sinnlichem und Weiblichem, aber am

3 ZITATE

Anfang sind sie Formen.» Neben edlen Sneakers und erlesenen Schuhen für sie und ihn kreiert er ebenso ikonische Taschen und Accessoires.

«Wenn mich Leute nach dem Komfort fragen, sage ich immer: ‹natürlich, aber das ist nicht mein Job.›» – Pierre Hardy –

«Wenn man etwas über einen langen Zeitraum macht, muss man es zumindest mögen, lieben ist noch besser, und es zu verehren, ist am besten.» – Pierre Hardy – «High Heels sind der eleganteste Weg für Frauen, Schmerz zu erleben.» – Pierre Hardy –

The luxurious way of life I 139


© Burberry

DAS GESCHÄFT MIT DER

MODE

Als Burberrys nun scheidender Chefdesigner Christopher Bailey 2016 das Konzept von «see-now-buy-now» lancierte, spaltete das die Modewelt in zwei Überzeugungslager. Zwei Jahre später schliessen sich immer mehr Labels dem Konzept an. Doch nicht nur das, auch Männerund Frauenkollektionen werden immer öfter gemeinsam präsentiert. Anka Refghi

Burberry Februar-Kollektion 2018


S

FASHION &BEAUTY

© Burberry

chon längst zeichnen sich Veränderungen in der Modewelt ab. Um den derzeitigen Wandel zu verstehen, muss in die Vergangenheit geblickt werden, denn viele Dekaden lang waren Fashionshows reine Einkäuferanlässe, zu denen zusätzlich eine überschaubare Anzahl handverlesener Journalisten Zu-

gang hatte. Mit dem Aufkommen des Internets und damit der Smartphones, Blogger, Influencer und Celebrities an den Shows änderte sich vieles. Die Fashionshows werden heute live gestreamt und die Bilder sekundenschnell in die ganze Welt geschickt und damit Begehrlichkeiten geweckt.

Das Rennen gegen die Zeit Als vor rund zwei Jahren Burberrys Chefdesigner Christopher Bailey die erste «see-now-buy-now»Kollektion an der Londoner Fashion Week präsentierte, war das Aufsehen gross. Denn erstmals wurde damit eine Kollektion präsentiert, deren Looks es gleich nach der Show zu kaufen gab. Ein Novum im Gegensatz zum herkömmlichen Modekalender, bei dem erst nach der Show produziert wird und es gut und gerne vier bis sechs Monate dauert, bis die Kollektion für den Endkonsumenten verfügbar ist. Fast-Fashion, Schnelllebigkeit und Instant-Erlebnis sind die Schlüsselwörter, die das Konzept zur Minimierung der Zeitspannen zwischen Shows und Verkauf auf den Plan gerufen haben, denn schon längst ist unsere «to-go»-Kultur nicht mehr nur auf den Kaffee beschränkt. Immer mehr Konsumenten der Millennial-Generation lechzen nach sofortiger Verfügbarkeit in allen Sparten. Doch das neue Prinzip hat nicht nur den Vorteil des «sofort-kaufen-Könnens» – auch den Kopierern schlagen die Brands damit ein Schnippchen. Denn während im traditionellen Prozedere zwischen der Show und dem Verkauf einige Monate liegen, sind die Billig-Anbieter mit ihren interpretierten Kopien meist noch vor den Originalen auf dem Markt. Durch das «see-now-buy-now»-Konzept ist der Wettlauf nun ins Gegenteil verkehrt. Zumindest teilweise, denn nicht immer sind alle Teile einer Kollektion auch sofort erhältlich.

No risk no fun?

Die letzte Show von Christopher Bailey im Februar 2018

Dass das neue Konzept gerade von grossen Labels auch in diesem Jahr immer öfter praktiziert wurde, kommt nicht von ungefähr. Denn wer eigene Shops hat und somit nicht oder nur marginal von den Einkäufern abhängig ist, ist klar im Vorteil. Denn das Risiko des «see-now-buy-now»-Konzepts liegt auf der Hand, denn schliesslich will vorproduziert sein, was gleich nach der Show an die Leute gebracht werden soll. Ein unkalkulierbares Risiko für kleinere Labels ohne eigenes Geschäft, denn wer weiss schon mit Sicherheit im Voraus, was die Einkäufer am Ende wirklich wollen?

The luxurious way of life I 141


© Burberry

FASHION &BEAUTY

Gemäss «see-now-buy-now»-Prinzip: Burberrys Februar-Kollektion 2018

Mixed! Neben Burberry setzen immer mehr Marken wie Ermenegildo Zegna, Tommy Hilfiger, Ralph Lauren und viele mehr auf die neuen Präsentationsformen. Aber es gibt auch die Rückkehrer. Tom Ford. Einst heissblütiger Verfechter des neuen Prinzips, kehrte er für seine Frühling-Sommer-­Kollektion 2018 nun zum klassischen Modekalender zurück. Der Grund? Versandschwierigkeiten, die zu monetären Verlusten geführt haben. Doch nicht nur das «seenow-buy-now»-Prinzip schickt sich an, die Modewelt zu verändern, sondern auch die Tatsache, dass immer mehr Labels die Damen- und Herrenkollektionen gemeinsam präsentieren. So gesehen bei Gucci, DSquared2, Diesel Black Gold, Balmain,

142 I PRESTIGE

DAKS, Trussardi, um nur einige wenige zu nennen. Im Übrigen ebenfalls ein Phänomen, das auf das Konto von C ­ hristopher Bailey geht. Im Zuge der Gender­diskussion und in Zeiten, in denen männliche ­Models Damenkollektionen präsentieren und umgekehrt, lässt sich das Zusammenlegen der Kollektionen so poetisch wie zeitgemäss begründen. Tatsache aber ist sicherlich, dass sich auf diese Weise eine Menge Geld sparen lässt, schlägt doch eine Show mit einem hohen sechsstelligen Betrag und aufwärts zu Buche. Im Zuge der Aufweichung saisonaler Zuordnung und geschlechterspezifischer Aufteilung darf man also weiterhin gespannt sein, in welche Richtung sich die Modewelt in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln wird.


© wwd.com

© wwd.com

FASHION &BEAUTY

Auch Gucci-Chefdesigner Alessandro Michele präsentierte die Männer- und Frauenkollektionen «SS 2018» gemeinsam.

The luxurious way of life I 143


© Trussardi

© Trussardi

FASHION &BEAUTY

Ebenfalls gemeinsam auf dem Laufsteg: die Models bei Trussardi, SS 2018

144 I PRESTIGE


© Ermenegildo Zegna

FASHION &BEAUTY

Ermenegildo Zegna setzte für seine Kollektion FW 2018 / 19 auf «see-now-buy-now».

The luxurious way of life I 145


FASHION &BEAUTY

Giorgio Armani

146 I PRESTIGE


FASHION &BEAUTY

MEN’S

WORLD Die Zukunft ist da. Gerade erst sind die Fashionshows für die Herbst- und Winter­ kollektion 2018 / 19 der Herren in Mailand über die Bühne gegangen, und eines steht fest: «Kariert» bleibt ebenso weiterhin Thema wie der «Ugly-Sneaker»-Trend.

DAKS

A

Anka Refghi

ls Gegenpol zu den Techno-, Sports- und Streetwear-­ Einflüssen mit ihren funktionalen Tech-Stoffen setzen die Designer aktuell auf flauschige und softe Stoffe mit aufgerauten Oberflächen, die an Ursprünglichkeit erinnern. Wolle spielt ebenso eine Hauptrolle wie Karomuster in allen erdenklichen Farben und Kombinationen. Denn wie schon 2017 kommt auch 2018 kaum ein Label ohne den Klassiker aus. Ob Giorgio Armani, das britische Label DAKS oder Versace – Karo ist Trumpf. Versace kombiniert in seiner Kollektion mit dem schottischen Tartan in Rot, das durch den Punk einst in die Jugendkultur kam, während das britische Label DAKS auf den Karo-Look von Kopf bis Fuss setzt und «il Maestro» Giorgio Armani gewohnt stilvoll und zurückhaltend karierte Sakkos als Akzent zum ansonsten unifarbenen Look einsetzt. Aber nicht nur Karos sind das Muster der Stunde, auch Streifen und Punkte machen sich breit. Grundsätzlich werden die Schnitte der Hosen wieder weiter, die Mäntel länger und die Stoffe weich und kuschelig. Es lebe die neue Lässigkeit.

The luxurious way of life I 147


FASHION &BEAUTY

Sneakerness

Valentino stehen ohnehin bereits auf dem Olymp des gewöhnungsbedürftigen Schuhwerks. Mit den sogenannten «Dad Sneakers» gehen die ­Designer auch in dieser Saison wieder hart an die Grenze des guten Geschmacks. Des Dilemmas Lösung? Die Kombination muss stimmen. Als Stilbruch zum (Karo-)Anzug, als wichtiges Accessoire zum «Normcore»-­Look oder «freestyle» zur abgeschnittenen Jeans. Alles eine Frage des Stylings.

Versace

Das Credo «unförmig und hässlich» bleibt auch in dieser Saison für die Fussbekleidung der Herren aktuell. Vorläufig kein Ende in Sicht für den «Ugly-Sneaker»-Trend also, denn auch für die 2018er-Schauen schickten zahlreiche Designer wie Dior, Versace und Prada ihre Models wieder mit klobigen Turnschuhen im Laufschuhlook auf den Runway. Adidas, Nike und Co. ziehen in ihren  Kollektionen nach, Gucci, Balenciaga und

148 I PRESTIGE


NEVER

GIVE UP! 1

FASHION &BEAUTY

1 I The Blok London Wer denkt schon, wenn er das renovierte Strassenbahndepot in viktorianischem Stil sieht, an ein Fitness-Studio? Aber die rohen Backsteinmauern, die gewölbten Betondecken und die gusseisernen Säulen waren als Kulisse wie geschaffen für Londons neustes Designer-­ Fitness-Studio mit Galerie und Café. Denn Training beutet hier mehr, als nur ins Schwitzen zu kommen. Leuchtstoffröhren tauchen den Raum in eine Farbkomposition aus Pink, Orange, Grün und Blau und erzeugen die Illusion der gebäudespezifischen Blockformen auch im Innenbereich. In entspannter und unterhaltsamer Umgebung konzentrieren sich die beiden Studios auf unterschiedliche Schwerpunkte: Studio 1 auf funktionale Fitness, während Studio 2 auf die Beziehung zwischen Körper und Geist setzt. Ernährung spielt in der «Blok»-Philosophie eine zentrale Rolle. So bietet das Café eine grosse Auswahl an Kaffees, kaltgepressten Säften, hausgemachten Smoothies und Snacks.

2 I The Shadowbox New York «The Shadowbox» wirkt eher wie ein «Day Spa» als wie ein Kampfclub. Daniel Glazer hat die Pforten des stylishen Clubs in Manhattan geöffnet und lockt immer mehr Sportfreunde in den Ring. Boxen ist keine Modeerscheinung, sondern hat sich als effiziente Sportart zum Muskelaufbau und zur Kalorienverbrennung durchgesetzt. Meditative, schweisstreibende Sessions, die leichtgewichtiges Arbeiten, «Punch-and-Slip»Kombinationen und Konditionierungs-Heraus­ forderungen von Kopf bis Fuss vereinen, sollen dem Besucher eine schöne, straffe Figur zaubern. Um das Leben nicht ganz so hart erscheinen zu lassen, sorgen weiss getünchte Wände, elegante helle Umkleidekabinen sowie eine trendige Saft- und Kaffeebar, in der man Leidensgenossen kennenlernen kann, für den nötigen Wohlfühlfaktor.

2

3 I Ceresio 7 Mailand

3

Trendiges Restaurant, Bar und Panoramaterrasse – und nun um einen brandneuen «Gym & Spa»Bereich erweitert: das «Ceresio 7». Dabei hatten Dean und Dan Caten, die kanadischen DesignerZwillinge des Labels «Dsquared2», ihre Finger im Spiel. Der neueste Kunstgriff der Catens ist so ehrgeizig, dass man sich kaum traut, ihn als Fitness-Studio zu bezeichnen. Der Raum, der vom lokalen Architekturbüro «Storage Associati» entworfen wurde, erstreckt sich über drei Ebenen: Stein aus Ceppo Lombardo und Details aus gebürstetem Messing. Das «Ceresio 7» bietet ein komplettes Spa mit mehreren Schönheitsräumen, einen unterirdischen Pool, Ernährungsberater und esoterische Behandlungen wie Kryotherapie und Thalassotherapie. Ein luxuriöser Ort, wo Sportdisziplinen und Entspannung miteinander verschmelzen und den Weg voller positiver Emotionen und Energie in die Oase der Entspannung weisen.

The luxurious way of life I 149


FASHION &BEAUTY

DIE

PIONIERIN

A

Ann Delafield gilt als die Pionierin der Kosmetikwelt. Dabei galten Körperbewegung, strenge Diäten, die sie «Schönheitsessen» nannte, und Kosmetik zu ihren Grundpfeilern der Schönheit. Sie entwickelte nicht nur den berühmten «Ann Delafield Reducing Plan», sondern gilt auch als Vorreiterin des modernen Schönheits-Marketings.

nn Delafield wurde als May M. MacGregor in Grossbritannien geboren und kam 1920 als Schauspielerin in die USA. Hier legte sie sich ihren Künstlernamen Ann Delafield zu, den sie bis zu ihrem Tode benutzte. Ann Delafield war kein hübsches Mädchen, dessen ­ sie sich auch durch die immer wiederkehrenden Bemerkungen ihrer Mutter bewusst war. Letztlich legten deren Ermahnungen im Kindesalter aber den Grundstein für ihre spätere Karriere. Denn Ann wollte es nicht hinnehmen, den Rest ihres Lebens als «hässlich» zu gelten, sondern war felsenfest davon überzeugt, dass jede Frau einen Mangel an Schönheit durch eigenes Dazutun beseitigen könnte. Sie war sicher, dass «das A und O eines jeden Erfolges im Leben in erster Linie die Selbstdisziplin ist». Nach diesem Motto entwickelte sie ein Konzept für die Damen der Gesellschaft, welche Mutter Natur nicht von vornherein mit Schönheit ausgestattet hatte. Es war ihr ein Bedürfnis, diesen zu «helfen», sich selbst und damit auch die Welt schöner zu machen. Übrigens nicht nur die Damen der Gesellschaft, auch die Herren müssten ihrer Pflicht nachkommen und durch ein gepflegtes Äusseres die Gesellschaft bereichern.

Der Vorher-nachher-Effekt Massstab für ihren Masterplan waren stets ihre eigenen Regeln, nach denen sie selber lebte: Körperbewegung, eine strenge Diät und Kosme-

150 I PRESTIGE

Nike Schröder

tik waren die Grundpfeiler der Schönheit. Sie war sich stets bewusst, dass es nicht leicht ist, sein Leben um der Schönheit willen umzustellen, aber «das Gute ist eben nur selten leicht zu erreichen». Dabei kamen die Bewegung und die Diät an ­erster Stelle, sie waren die Voraussetzung für alles Weitere. Kosmetik oder elegante Kleidung konnten nur den letzten Schliff geben. So erar­ beitete sie während ihrer Zeit in New York den ersten «Erfolgskurs», um ihren Mitmenschen zu jenem geheimnisvollen «Glamour» zu verhelfen. Die Anzeigen bestanden meist aus zwei Fotos: Foto 1 zeigte eine dicke, unvorteilhaft gekleidete und schlecht frisierte Frau (oder Mann) mit schlaffen Gesichtszügen, Foto 2 zeigte dieselbe Person, schlank, elegant, hübsch und voller Energie und Lebensfreude. Kundinnen, die glaubten, sie bekämen für ihr Geld einen Zaubertrank, wurden durch die strenge Anweisung zur Änderung der Lebensweise, die sie einhalten sollten, eines Besseren belehrt.

Positiv denken Das blieb Ann Delafield trotz eiserner Disziplin auch ein ganz wichtiger Punkt. Sie betonte in ihren Regeln die schönen Dinge des Lebens, die ihre «Anhänger» unbedingt geniessen sollten, ihre Diät nannte sie «Schönheitsessen». Man musste bereit sein, das, was man sich vorgenommen hatte, gerne zu tun. Ansonsten sah sie das Projekt scheitern –


FASHION &BEAUTY

«Die Erfüllung kleiner Träume ist wertvoller als die Nicht-Erfüllung eines grossen Traums und damit keine Illusion!» – Karl Lagerfeld –

Models an der «Ann Delafield Health Bar» im Salon von Richard Hudnut. New York, 1943

so warf sie auch Teilnehmer, denen es an der nötigen Energie mangelte und die «faul» waren, schlichtweg aus dem Programm. Um ihre Ideen hinsichtlich wahrer Schönheit zu untermauern, studierte sie Biologie, Chemie, Diät­ wissenschaften und Körpererziehung und begann, diese Fächer auch an privaten Schulen zu unterrichten. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes nahm sie im Jahre 1930 eine Stellung bei Elizabeth Arden in der 5th Avenue als Leiterin der Gymnastik­abteilung an, zu deren Angebot auch Yoga gehörte! Die Zusammenarbeit von Arden und Delafield war aber aufgrund ihrer Temperamente nicht immer ganz einfach, was zur Folge hatte, dass Ann ihre Anstellung aufgeben musste. In der Folge übernahm sie Richard Hudnut, der ihre ­«Erfolgsschule» in seinen Beauty-Salon integrierte und dadurch seine Umsätze erheblich steigerte.

Das erste Nahrungsergänzungsmittel der Welt wird geboren Aber auch ihre Zeit bei Hudnut war begrenzt, und sie zog nach Los Angeles, wo man ihr bei Rexall Drug Company die Möglichkeit gab, ihr eigenes Produkt zu kreieren. Hier entwickelte sie ihr erstes eigenes «weight-loss-program» und ihre eigene Kosmetik-Linie. Sie setzte als Erste ihrer Zeit auf die Wir-

kung von Vitaminen in ihren Präparaten. Der «Ann ­Delafield Reducing Plan» für 30 Tage bestand aus einem Buch über Low-calory-Menus, Gymnastik-­ Tipps für zu Hause und Schönheitsratschlägen sowie einem Pulver, basierend auf entrahmter Milch und Soja-Mehl wie auch Vitamin-Tabletten. Diese ent­hielten Proteine, Mineralstoffe, Vitamin B und eine alkalische Substanz. Diese Appetitzügler verkaufte sie als «a food – not a drug!» Für Männer empfahl sie das Programm für zehn Tage. 1953 schliesslich wurde ihre «Golden Beauty»-­ Beauty-Linie im «Plaza Hotel New York» vorgestellt. Sie machte vor, wie man 400 Gäste für ein glitzerndes Produkt begeistern kann, wenn man ihnen bei einem schönen Abendessen und einem Goodie-Bag die Vorzüge ihres Produktes erklärt, und war so die Wegbe­reiterin des modernen Schönheits-Marketings.

The luxurious way of life I 151


FASHION &BEAUTY

DUFT EFFEKT DER

Wir kรถnnen mehrere Millionen Farben und fast eine halbe Million Tรถne unterscheiden, aber die Anzahl differenzierbarer Geruchsreize blieb lange unbekannt. Beim franzรถsischen Label Initio Parfums dreht sich alles um den zweiten Sinn. Valeska Jansen

152 I PRESTIGE


W

ie viele unterschiedliche Gerüche kann ein normaler Mensch charakterisieren? Die wissenschaftliche Studie «Humans Can Discriminate More Than 1 Trillion Olfactory Stimuli» von C. Bushdid, M.O. Magnasco, L.B. Vosshall, A. Keller, veröffentlicht 2014, beweist, dass wir rund eine Billion Gerüche dif­ ferenzieren können, viel mehr als bis dahin an­ genommen. Der Geruchssinn bestimmt unser soziales Leben. Er ist verantwortlich für unsere Sexualpartner und alle Menschen, mit denen wir uns gerne umgeben. Diese Tatsache und Erkenntnis macht sich eine französische Parfüm-Marke zunutze. Passend zum Differenzierungsmerkmal der Nischen-Parfümerie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einen unverwechselbaren Stil zu kreieren und niemals einem Mainstream zu folgen, besetzt die Firma Initio Parfums Privés ihr eigenes Segment. Gegründet von «Nadia», ihren Nachnamen hält sie streng geheim, versucht die Marke, mit drei verschiedenen Unisex-Duftlinien das menschliche Gehirn zu beeinflussen. «The Absolutes»,

FASHION &BEAUTY

«The Magnetic Blends» und «The Carnal Blends» sollen eine neue emotionale Dimension eröffnen und eine Wirkung wie ein Liebestrank haben, à la Napoléon Bonaparte: «Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt.» PRESTIGE: Mit Initio Parfums Privés haben Sie ein ganz besonderes Konzept – können Sie es bitte erklären? NADIA: Es ist ein Konzept, das jahrelange Forschung und Reflexion erforderte. Es beruht auf einer einfachen wissenschaftlichen Tatsache: die Geruchskraft auf das menschliche Gehirn und auf Emotionen, die die Stimmung, das Verhalten, die Interaktionen beeinflussen … Sie wissen wahrscheinlich, dass die Nase durch den Geruch das einzige Organ des Körpers ist, das direkt mit unserem Unterbewusstsein und unseren Emotionen verbunden ist. Heute gilt es nicht mehr zu beweisen, dass Gerüche uns beeinflussen können, sondern welche Substanzen welchen Bereich im Gehirn aktivieren, welcher Rezeptor für welche Reaktion verantwortlich ist. Das versuchen wir bei Initio. Wir nutzen das Wissen und die Erkenntnisse unserer Vorfahren. Wir erzeugen Gerüche, die Menschen beeinflussen. Haben Sie ein Beispiel? Nehmen wir Moschus, das schon vor Tausenden von Jahren wegen seiner aphrodisierenden Eigenschaften verwendet wurde. Es wird von der Wissenschaft heute als ein Molekül eingeordnet, das dem von Testosteron ähnlich ist. Unsere Ahnen wussten, was die Wissenschaft heute bewiesen hat. Das Gleiche geschieht mit grauem Amber (Sekret aus dem Verdauungstrakt von Pottwalen, Anm. d. Red.). Die synthetische Interpretation dieses Naturrohstoffes ist das «Hedione-Molekül». Es ist ein weiteres perfektes Beispiel dafür, wie Gerüche unser Gehirn beeinflussen. Jüngste wissenschaftliche Forschungsergebnisse haben bewiesen, dass das Hedione-Molekül bei hoher Dosierung bestimmte Areale im Gehirn aktiviert. Es handelt sich dabei um Bereiche, die mit Lust und Libido verknüpft werden. Wie kamen Sie auf die Idee, das Gehirn mit Düften zu beeinflussen? Während einer Party wollte ich zusammen mit einem Freund, einem deutschen Wissenschaftler und Parfümeur, den sogenannten Aldron-Molekül-Effekt testen. Dabei handelt es sich um Pheromone (Botenstoffe, Anm. d. Red.) mit einem für den Menschen sehr unangenehmen Geruch. Mein Freund und zwei seiner Freunde parfümierten sich

Auftakt der neuen Hedonist-Kollektion «Rehab»

The luxurious way of life I 153


FASHION &BEAUTY

damit und mischten sich unter das Partyvolk. Es war faszinierend zu beobachten, denn sie wurden sofort von Frauen belagert. Als die Party ihr Ende nahm, sprachen einige Frauen die drei an, um ihnen dezent mitzuteilen, dass sie ein recht unangenehmer Geruch umgeben würde … Sehr beeindruckend. Und was genau unterscheidet Ihre Düfte von denen anderer Dufthäuser? Ich muss von leidenschaftlichen Menschen umgeben sein, Menschen, die sich vollständig in das Initio-Universum eintauchen lassen, es verstehen und bereit sind, Einschränkungen zu überwinden, um Ergebnisse zu erreichen. Das Hauptziel von Initio ist es, ein Parfüm zu kreieren, das die Menschen auf die eine oder andere Weise beeinflusst, um einen spezifischen Effekt zu erzielen. Meine Arbeit und mein ganzes Gedankengut drehen sich dabei um ein Molekül oder um einen Inhaltsstoff, wie zum Beispiel Hedione, das ich bevorzugt in meiner CarnalKollektion verwende. Es ist äusserst kompliziert, eine perfekte Harmonie rund um solch dominante Inhaltsstoffe zu erschaffen. Aber wenn es gelingt, ist das Ergebnis unvergleichlich exquisit.

Gibt es ein besonderes Erlebnis im Zusammenhang mit einem Ihrer Kreationen? Eines Tages kam eine Kundin, die in der Nischen-Parfümerie Taizo, in Cannes, unseren Duft Blessed Baraka gekauft hatte. Sie wollte sich bedanken. Die Verkäuferin war überrascht und fragte, wofür sie sich denn bedanken wolle. Diese erwiderte: «Danke, dass Sie mir dieses Parfüm verkauft haben. Kurz darauf sprach mich mitten auf der Strasse ein toller Mann an und überreichte mir seine Telefonnummer. Später gestand er mir, dass er so sehr von meinem Geruch angezogen wurde, dass er mich unbedingt kennenlernen wollte.» Sind Sie eine Manipulatorin? Ich sehe Parfüm als Objekt der Macht. Ich hätte niemals eine Parfüm-Marke geschaffen, wenn es nur darum ginge, einen zusätzlichen Brand mit schönen Düften zu kreieren. Die Zukunft der Parfümerie wird in diese Richtung gehen, genau wie andere Bereiche. Zum Beispiel arbeitet Mercedes-Benz mit Neurowissenschaftlern zusammen, um herauszufinden, welcher Geruch den Rezeptor im Körper aktiviert, der den Fokus erhöht, die Zahl der Unfälle auf den Strassen zu verringern.

«Ich sehe Parfüm als Objekt der Macht.» – Nadia –

154 I PRESTIGE


L ook PERFECT!

FASHION &BEAUTY

7

6

Der erste Ei nd r uck zä h lt. I m mer. Ma ke-up, D u ft oder P f lege – fü r den per fek ten Au ftritt si nd d ie besten Beauty-P rodu k te gerade g ut genug. BY

1 I ESTÉE LAUDER

Dank flüssiger Konsistenz und luxuriös-leichter Formulierung gleiten die «Liquid Lip Colors» wie von selbst über die Lippen. Verkapselte Hyaluronsäure sorgt für ExtraPflege. Die drei verführerischen Finishes «Matte», «Metallic» und «Vinyl» verwandeln die Lippen in einen absoluten Hingucker! 2 I MANCERA

Das Eau de Parfum «Pink Roses» ist so zart wie die gleichnamige Blume am Morgen. Dieser Duft verkörpert die ultimative Weiblichkeit: royal und bezaubernd. Duftfamilie: floral, grün, moschusartig. 3 I MOSCHINO

1

5

Zauberhafte Eleganz und betörende Sinnlichkeit: «Moschino Gold Fresh Couture» ist die 3. Edition des mittlerweile ikonischen Parfüms im verblüffenden Look eines alltäglichen Reinigungsmittels. 4 I FILORGA

«Lift-Designer ® Serum»: Angereichert mit «Plasmatic Lifting Factors®» sorgt das Serum mit seiner Stretch-Textur und durch seinen eiskalten Roller-­ Applikator für einen verstärkten Straffungs­effekt. Zusätzlich: «Lift-Structure ® Tagespflege» und «Sleep & Lift® Nachtpflege». 5 I EVIDENS DE BEAUTÉ

«The New Skin Peeling Gel» für zarte Haut: ein kraftvolles biologisches Peeling mit einer Infusion von innovativen «Anti-Aging»-Inhaltsstoffen für die zarteste und effektivste Peeling-Behandlung.

3

6 I BURBERRY

Eine von der Modewelt inspirierte Rouge-Palette, die mit einem zarten Pinselstrich für einen makellosen, rosig strahlenden Teint sorgt. Der extrafeine, leichte Puder zaubert einen Hauch Farbe auf die Wangen.

4

7 I CLARINS

2

«Palette Yeux Quatuor 01»: 4 Farben zum Kombinieren nach Lust und Laune. Hoch konzentrierte mineralische Pigmente bringen die Augen sofort zum Leuchten. Ob satiniert, matt oder schimmernd, die feinen, glättenden Farben sind leicht auszublenden.

The luxurious way of life I 155


LIVING

«Wenn uns etwas retten wird, dann ist es die Schönheit.» – Ettore Sottsass –

«Stahl House»: eine Ikone des Mid-Century-Designs des Architekten Pierre Koenig


UTOPIE

ZWISCHEN

© Julius Schulman

MODERNE

&

Nichts spiegelt so sehr den jeweiligen Zeitgeist wider wie die Architektur. Gewagt, futuristisch und bis heute stilprägend sind die Bauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Wohnutopien, die bis heute inspirieren. Anouk Delange

The luxurious way of life I 157


© Leland Y. Lee

«Elrod House» mit 18 Metern Durchmesser, entworfen von John Lautner


D

LIVING

© Alexis Narodetzky

ie Stimmung auf der Welt war optimistisch. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, die Zukunft schien rosig, Stabilität kehrte wieder ein, und in der Architektur keimten Zukunfts-Ideen auf: futuristisch, visionär und mutig. Niemals zuvor und niemals danach wurde in der Architektur so viel gewagt wie in der Zeitspanne zwischen den 1950er und 1980er Jahren. Der

Bildband «Inside Utopia» zeigt eine umfassende Sammlung ikonischer Bauten, die davon zeugen, wie sich Architekten und Designer einst die Zukunft des Wohnens vorstellten.

Mid-Century Design Besonders im sogenannten «Mid-Century Design» der 1950er Jahre spiegelte sich die positive Lebens­ einstellung der Nachkriegszeit wider: eine klar strukturierte Formensprache mit grossen Fensterfronten, die das Innen mit dem Aussen verbanden. Auch wenn in Europa, gerade durch dänische Architekten wie Arne Jacobsen oder Karen und Ebbe Clemmensen, die lichtdurchflutete moderne Bauweise Einzug hielt, so war es doch Kalifornien, das zum Zentrum der architektonischen Avantgarde wurde. Im Zuge der aufstrebenden Wirtschaft konnte sich hier auf einmal die wohlhabende Mittelschicht-Familie die modernen Häuser leisten, ein Privileg, das in den 1930er Jahren noch der Elite vorbehalten war. Eines der wohl spektakulärsten Häuser jener Zeit ist das sogenannte «Stahl House» in den Hollywood Hills, das von dem Architekten Pierre Koenig entworfen und im Jahr 1957 fertiggestellt wurde. Das Haus, das als Fallstudienprojekt die neue Form eines demokratischen Lebens nach dem Krieg definierte, wurde zur architektonischen Ikone. Die L-förmige, einstöckige Residenz von Buck und Charlotte Stahl, oberhalb des Sunset Boulevard, ist ein grandioser Bau aus Glas und Stahl. Koenig schuf ein Haus mit zwei Schlafzimmern und 200 Quadratmetern, das wie kaum ein anderes für die modernistische Architektur steht; eine wahr gewordene Vision des Architekten vom kalifornischen Traum eines offenen Lebens, in dem das Innen und das Aussen eins werden.

Psychedelisch und bunt

«La Renardière» von Étienne Fromanger

Während die Zeit voranschritt, entwickelte sich auch die Architektur der 1960er und 1970er Jahre in eine neue Richtung. Die Design- und Denkansätze wurden extremer, radikaler und bunter. So, wie die Bauten des US-amerikanischen Architekten Bruce Goff, der mit Strukturen und Rohstoffen ebenso experimentierte wie mit der Dekoration. Goff fühlte sich der organischen Architektur

The luxurious way of life I 159


LIVING

fallen oder über 23 Grad steigen lässt. Charakteristisch ist die ovale Bauweise aus Beton, die dem Haus bezeichnenderweise den Namen «Fuchsbau» einbrachte.

Filmstars aus Glas und Beton Eine weitere Ikone jener Zeit reiht sich in die Kategorie «futuristisch» ein: das legendäre «Sleeper House» des Architekten Charles Deaton in den Genesee Mountains in Colorado. Elliptisch und gleich einer «fliegenden Untertasse» scheint es auf seinem Sockel über Waldlandschaft zu schweben. Ein Bau im Pop-Art-Look, der sich durch eine ­offene Struktur im Innern mit eingebauten Auf­ enthalts- und Sitzmöglichkeiten auszeichnet. Da Deaton die finanziellen Mittel ausgingen, hatte er das 1965 fertiggestellte Superobjekt jedoch nie selbst bewohnt. Berühmt wurde es einige Jahre später, als es Woody Allen 1973 als Kulisse für seine Science-­ Fiction-Komödie «Sleeper» auswählte. Ebenfalls zu den architektonischen «Filmstars» gehört das spektakuläre «Elrod House»

© Undine Pröhl

verpflichtet und damit einer Architektur, die sich individuell an die Person und ihre Umgebung anpasste. Zur neuen Garde gehörte ebenso der italienische Architekt und Designer Ettore Sottsass, der durch sein «Anti-Design» bekannt geworden war und Dinge und Formen zweckentfremdete. Oder der dänische Architekt und Designer Verner Panton, der sich das Haus als eine kompakte organische Umgebung vorstellte, die aus eingebauten Möbeln, Beleuchtung und anderen Innengegenständen bestand. Herkömmliche Möbel gehörten der Vergangenheit an. Stattdessen verschmolzen sie mit der Hausstruktur, während die Formsprache der Bauten selbst einen skulpturalen Ansatz verfolgte. Ein sinnbildliches «Kind der 70er Jahre» ist auch «La Renardière» des Architekten Étienne Fromanger im französischen Jouars-Pontchartrain. Bei dem im Jahr 1975 fertiggestellten Haus handelt es sich um ein bioklimatisches Haus, das zum Teil im Erdreich versenkt und mit Pflanzen bewachsen wurde. Ein cleverer Kunstgriff, der die Temperatur im Innern des Hauses nie unter 11 Grad

160 I PRESTIGE

«Sleeper House» von Charles Deaton


© Undine Pröhl

LIVING

Das Haus diente 1973 als Kulisse für Woody Allens Film «Sleeper».

The luxurious way of life I 161


© Salva López

LIVING

«The Labyrinth Home» von Xavier Corberó

in Palm Springs. Entworfen von John Lautner – einem Schüler des berühmten Architekten Frank Lloyd Wright – und 1968 fertiggestellt hatte es in dem James-Bond-Film «Diamantenfieber» aus dem Jahr 1971 seinen grossen Auftritt. Ein imposantes Haus mit fliessender und organischer Formen-

Das Buch Inside Utopia Visionary Interiors and Futuristic Homes Gestalten Verlag

162 I PRESTIGE

sprache, dessen runder Wohnraum einen beachtlichen Durch­messer von 18 Metern aufweist, der von einer kuppelförmigen Decke aus mehreren Betonplatten überspannt wird.

Von Lebenswerken und Kunststoffhäusern Schier endlos scheint der Fluss der Kreativität gewesen zu sein. Kein Gedanke zu absurd, keine Farbe zu grell, kein Vorhaben zu gross. Ob das «Labyrinth Home», das begehbare Meisterwerk in der Nähe von Barcelona des im letzten Jahr verstorbenen spanischen Bildhauers Xavier Corberó oder der Entwurf «FG 2000» des deutschen Desig­ ners Wolfgang Feierbach, das Kunststoffhaus oder das 80er-Jahre-Apartment von Karl Lagerfeld in Monaco mit einem integrierten Boxring, das von der Mailänder Memphis-Gruppe in knallbunten Farben designt wurde. Sie alle sind das Ergebnis von einem Denken in neuen Dimensionen und einer Zeit, in der sich die Menschen von der zuweilen spiessigen Bürgerlichkeit hin zu einer modernen Gesellschaft veränderten. Und sie alle sind Zeugen einer Zeit, in der nichts zu gross und alles noch möglich erschien.


LIVING

OUTDOOR

HELDEN Die Zeitlosen Die Stuhl-Familie «Click» wurde von Henrik Pedersen für das junge dänische Unternehmen Houe entwickelt. Wunderbar minimalistisches Design, mit sanften Rundungen und in verschiedenen Ausführungen mit Kufengestell, als Armlehnstuhl oder Liegestuhl erhältlich. Alle Lamellen in Sitzfläche und Rücken sind ergonomisch vorgeformt und lassen sich einzeln ersetzen – Farbspielereien inklusive. Armauflagen und Kufen sind aus unempfindlichem, witterungsbeständigem Bambus-Hartholz, die Lamellen aus Polypropylen.

Die Natürlichen Traditionelle Flechttechnik trifft auf Design: Der Ausgangspunkt für Sebastian Herkners preisgekrönte Kollektion «Mbrace» für Dedon war der Material-Mix aus mehr­ farbigen Fasern und edlem, warmem Teakholz. Entstanden sind luxuriöse und gleichzeitig natürliche Poolmöbel im nordischen Design, die auch ohne Polster bequem sind. Wunderbar unkonventionell, cool und perfekt für die warmen Tage im Jahr.

Die Stilvollen Sommer geht kaum schöner: mit der Sonnenliege «Tandem» von Thomas Sauvage für EGO Paris. Stylish, stilvoll und mit allerhöchstem Komfort. Absoluter Pluspunkt sind die seitlichen Ablageflächen aus Teakholz für Getränke, Snacks und Accessoires, die sperrige Beistelltische überflüssig machen. Das Gestell der Sonnenliege, die auf vier verschiedene Stufen eingestellt werden kann, ist aus pulverbeschichtetem Aluminium, die Liegefläche mit exklusiver Batyline ® -Bespannung. Erhältlich ist die Sonnenliege aus der Tandem-Reihe in vielen verschiedenen Varianten. Ein absolutes Lieblingsstück, das dem Motto des Hauses «Um unersetzlich zu sein, müssen Sie anders sein» absolut Rechnung trägt.

The luxurious way of life I 163


LIVING

1

6 2

5

3

4

164 I PRESTIGE


GADGETS

LIVING

2 I Microsoft Surface Book 2 Der vielseitige Laptop verbindet eine hohe Performance mit High-End-Komponenten in einem designstarken Gehäuse. Alle Varianten des «Surface Book 2» mit 15 Zoll sind ausgestattet mit Intel Core i7 Quad-Core-Prozessoren der 8. Generation, einer NVIDIA-GeForce-Grafikkarte GTX 1060. Es zeichnet sich durch eine Akkulaufzeit von bis zu 17 Stunden aus und verfügt über die fünffache Grafikleistung im Vergleich zum Vorgänger sowie ein hochauflösendes Display. Anspruchsvolle Programme laufen ebenso flüssig wie aktuelle ­Gaming-Titel und Windows Mixed-Reality-Anwendungen.

Scharf und sexy sind sie, die neusten Gadgets im Jahr 2018. Passend zu den neusten 4K-TVs, welche besonders mit OLED-Bildschirmen die Augen verwöhnen, filmen Drohnen, Videound Foto-Kameras und sogar Smartphones in vierfacher Full-HDAuflösung. Stephan Gubler

1 I DJI Mavic Air Der Weltmarktführer für zivile Drohnen- und Luftbildtechnologie stellt mit der «Mavic Air» eine ultra-­ tragbare und faltbare Kameradrohne vor, die noch leistungsstärkere und intelligentere Funktionen und kreativere Möglichkeiten bietet. Sie wurde speziell für Reise- und Natur-Enthusiasten entworfen und verfügt über die besten Eigenschaften der Mavic-­ Serie: eine 4K-Kamera für beste Bildqualität, neue «QuickShot-Modi» und «SmartCapture» für ein­ fachere und intelligentere Foto- und Videoauf­ nahmen sowie ein fortschrittliches Pilot-Assistenz­ system für mehr Eleganz und Sicherheit im Flug. Die «Mavic Air» wiegt nur 430 Gramm und ist damit die kompakteste Drohne, die DJI je produziert hat.

3 I Panasonic Lumix GX9 Die neuste System-Kamera von Panasonic vereint hervorragende Bildqualität und kreative Freiheit in einem besonders handlichen Gehäuse. Mit ihrem neuen 20,3-Megapixel-Sensor schöpft sie das Potential der Lumix-G-Objektive optimal aus. Die Kombination von optischem Bildstabilisator im Objektiv und Gehäusestabilisator ermöglicht selbst unter ungünstigen Aufnahmebedingungen verwacklungsfreie Foto- und Videoaufnahmen. Mit Letzteren überzeugt die «GX9» dank hochauflösenden 4K-Videos. Perfekt ergänzt wird der schwenkbare Sucher durch den 7,5 cm grossen klappbaren Touchscreen-Monitor.

4 I Sony SRS-XB31 Mit dem heutigen Tag hat die Suche nach dem perfekten Party-Lautsprecher ein Ende. Der kabellose SRS-XB31 lässt sich überall mit hinnehmen, verfügt über eine lange Akku-Laufzeit und bereichert jede Party mit einer Portion Extra-Bass sowie dem neuen «Live Sound»-Modus. Zusätzlich kann der Lautsprecher auf Wunsch «Deep Bass» und «Punch Bass» betonen. Regen, Poolparty oder Strand: Der Speaker nimmt es mit allem auf, schliesslich ist er nach IP67-Norm wasserfest und staubgeschützt.

5 I Philips OLED-TV Philips TV unterstreicht mit fünf Modellen in 55 und 65 Zoll das Bekenntnis zu OLED-TVs. Nachdem das letztjährige Modell europaweit über 20 Auszeichnungen gewonnen hat, zeichnen sich die neuen Fernseher durch die Kom­bination der neuesten OLED-Bildschirmtechnologie mit der dreiseitigen Ambilight-Hintergrundbeleuchtung aus. Gegenüber LCD-TVs zeigen OLEDTVs eine perfekte Wiedergabe von reinen Schwarztönen und eine noch genauere Reproduktion der Farben. Darüber hinaus gibt es unabhängig vom Sitzplatz des Zuschauers einen erheblich verbesserten Blickwinkel für gleichbleibende Helligkeit, Farbe und Kontrast.

6 I Casio G-Shock Rangeman Die Japaner präsentieren die erste GPS-Uhr, deren Akku sich dank Solartechnologie auch teilweise ohne Steckdose aufladen lässt. Vier Stunden Sonneneinstrahlung, konkret 50’000 Lux, sollen die Laufzeit beim Einsatz der satellitengestützten Navigation um rund eine Stunde verlängern. Wenn der Akku in fünf Stunden Ladezeit am Stromnetz vollständig aufgetankt wurde, reicht er für bis zu 33 Stunden. Damit das Laden drahtlos funktioniert, verfügt die Armbanduhr über eine robuste Rückseite aus 2 Millimeter starker Keramik. Der Durchmesser des massiven, bis zu einer Tiefe von 200 Metern wasserfesten Gehäuses beträgt nicht weniger als 57,7 Millimeter.

The luxurious way of life I 165


LIVING

FÜR ALLE

SINNE Ab Mitte 2020 wird Crans-Montana um ein luxuriöses Immobilienprojekt reicher sein. Mit nachhaltiger Philosophie kommt die thailändische Hotelgruppe «Six Senses» erstmals in die Schweiz und plant das «Six Senses Crans-Montana». 47 Hotelsuiten und 17 Apartments bilden dann den neuen Anziehungsmagnet des Walliser Skiorts.

D

Anouk Delange

ie letzte Skiabfahrt des Tages, eine letzte Kurve, und direkt vor der Ski-Lounge überlässt man seine Ausrüstung einem Mitarbeiter, der sich darum kümmert. In nur wenigen Schritten ist man als glücklicher Besitzer einer der aussergewöhnlichen Eigentumswohnungen in den «Six Senses Residences» in seinen eigenen vier Wänden. Mit einem einfachen Anruf lässt sich eine kleine Mahlzeit bestellen, bevor ein entspannender Besuch in dem exklusiven Spa den Tag abrundet. Wunderbar und schon bald kein Traum mehr.

Das Beste aus Hotel- und Wohnangebot Das «Six Senses Crans-Montana» vereint das Beste aus dem Hotel- und Wohnangebot. Die Gebäude, die harmonisch die Formensprache von Alpenchalets aufnehmen, beherbergen ab Mitte 2020 17 Luxuswohnungen. Die architektonischen Bijous im Berg-Chic-Design bieten eine Fläche von 220 bis 340 m² und eignen sich ebenso für Paare wie für grosse Familien. Die meisten Zimmer verfügen über grosse Terrassen mit freiem Blick auf die umliegenden Gipfel. Im Interior verbinden sich aussergewöhnliche Materialien mit modernster Technik in einem bis ins Detail durchdachten Design. Und auch auf die Nachhaltigkeit wird besonderes Augenmerk gelegt, beispielsweise mit der Inte­ gration von energieeffizienten Systemen in die Infrastruktur. Das Besondere? Die 17 Residenzen können als Zweitwohnsitz erworben werden, 13 Wohnungen sogar von Nicht-Schweizern.

166 I PRESTIGE

Die beiden Gebäude sind durch eine Aussenterrasse verbunden, auf der sich ein traumhafter Swimmingpool befindet, von dem aus es an einigen Abenden sogar möglich sein wird, einen Film im Freiluftkino zu sehen. Ganz dem Wohlbefinden gewidmet ist auch das 2000 m² grosse «Crans-Montana Six Senses Spa», in dem man von den Jahreszeiten inspirierte Anwendungen geniessen kann. Für Kinder und junge Erwachsene steht ein eigener Spa-­ Bereich zur Verfügung, wo auch sie in den Genuss von Entspannung kommen.

Erfahrungen weltweit Die «Six Senses Group», die weltweit 11 Resorts und 31 Spas betreibt, hat die gewohnte Gründlichkeit und Perfektion in die Entwicklung des Hotels mit 47 Luxus-Suiten eingebracht, und so werden sowohl die Architektur als auch der Service die Standards des «5-Sterne-Superior» übertreffen. «Das Resort wird vielfältige Outdoor-Aktivitäten bieten – darunter auch einen ‹Ski-in›- und ‹Ski-out›-Zugang sowie ein reiches Wellness-Konzept», sagt Bernhard Bohnenberger, Präsident der «Six Senses Hotels


Luxuriöse Residenzen mit traumhaftem Ausblick auf das Bergpanorama von Crans-Montana

Resorts Spas». «Auch ergänzt dieses Projekt wunderbar unser ‹Six Senses Douro Valley› in Portugal und das ‹Six Senses R ­ esidences Courchevel› in Frankreich. Nicht zu vergessen natürlich auch unsere sieben preisgekrönten Six Senses Spas in Paris, Kreta, Mykonos, Marbella, Gstaad, Courchevel und in den Etihad Premium Lounges am London Heathrow Airport.»

Strategie mit Weitblick Die Kombination aus Hotel und Residenz ist ein Modell für die Zukunft, denn es passt perfekt zu den Bedürfnissen alpiner Orte. Verbier mit seinem «W Verbier» und Andermatt mit «The Chedi» arbeiten mit diesem Konzept bereits erfolgreich, und die Ausrichtung hilft, dem Leerstand entgegenzuwirken. Gregory Marchand, Geschäftsführer von Barnes, ist überzeugt: «‹Six Senses Crans-Montana› ist ein einzigartiges Projekt, das eine neue Dynamik in den Ort bringen wird. Die Eigentümer haben Zugang zu all den Annehmlichkeiten wie dem international renommierten Spa, den Restaurants, den Fitness-Einrichtungen und vielem mehr. Ein

besonderer Fokus des Tourismus liegt hier darauf, die Gäste und Eigentümer saisonunabhängig, also das ganze Jahr hinweg, zu halten und die Destination zu einem Ganzjahresziel werden zu lassen. Mit dem ‹Six Senses Crans-­ Montana› gibt es nun eine Strategie, den Perioden mit geringerer Auslastung entgegenzusteuern.» Besitzer einer Wohnung und Urlauber kommen in den Genuss der gesamten Schönheit und Vielseitigkeit des Walliser Ortes. Crans-Montana bietet neben einem der schönsten Panoramen der Schweiz und einer aussergewöhnlichen Sonneneinstrahlung das ganze Jahr über ein vielfältiges Angebot. Im Winter bieten die 140 Pistenkilometer sowohl für Ski-Amateure als auch für Profis ein wahres Vergnügen. Nicht umsonst finden hier auch zahlreiche Skirennen statt. Ein weiteres Highlight sind der Snowpark und die Rodelbahnen, die besonders die Herzen der Jüngsten höherschlagen lassen. In etwas wärmeren Jahreszeiten ziehen die beiden 18- und 9-Loch-Golfplätze Enthusiasten aus der ganzen Welt an, während Abenteuerlustige sich am Canyoning, Klettern, Wasserski oder Paragliding erfreuen dürfen. Wer es etwas ruhiger mag, dem bieten traumhafte Wanderrouten oder Radtouren attraktive Alternativen. Und auch beim Shopping muss man in Crans-Montana auf nichts verzichten. Da die grössten Luxusmarken im Ort ansässig sind, ist das Shopping-Angebot mit grossen Städten vergleichbar. Eins steht fest: Ab 2020 werden die «Six Senses Residences» das bereits reichhaltige und umfassende Angebot von Crans-­ Montana um eine weitere Dimension erweitern.

The luxurious way of life I 167


LIVING

TRIPLE L Maura Wasescha vertrauen die Reichen dieser Welt, denn in ihrem exklusiven Portfolio finden sich Luxusimmobilien der Superlative zum Kaufen und Mieten. Ein Gespräch in ihrem St. Moritzer Büro über den wahren Luxus, Stil und den Optimismus in jeder Wirtschaftslage. Anka Refghi I

Maura Wasescha

W

armherzig, empathisch und voller Lebensfreude, das ist Maura Wasescha, die Frau, die nicht selten auch die «Immobilien-Königin» genannt wird. Doch Protz ist ganz und gar nicht ihr Business. Im Gegenteil. Stilvoll muss es sein. Wer ihren Job machen will, der muss fest auf dem Boden stehen und schweigen können, sagt die charmante Florentinerin, die es aus einfachen Verhältnissen und aus eigener Kraft an die Spitze des Immobilien-Olymps geschafft hat. Mit ihrer Familie lebt sie in Bern, während der Wintermonate und während zweier Monate im Sommer ist sie in ihrem Büro in St. Moritz anzutreffen. Ihr Gespür für Menschen, ihre Leidenschaft für ihren Beruf und 40 Jahre Erfahrung sind ein Garant für die anspruchsvollen Kunden, dass Maura Wasescha für sie genau das findet, wovon sie träumen.

immer, dass ein Objekt «unique», also einzigartig, ist. Es gibt aber auch den Fall, dass das Haus nicht in bestem Zustand ist, aber ungeheuer viel Potential hat. Dann verkaufe ich die Quadratmeter und die Vision.

PRESTIGE: Frau Wasescha, wie wichtig ist Emotionalität in Ihrem Beruf? MAURA WASESCHA: Sehr wichtig. Nur wenn Sie Emotionen zeigen, können Sie Ihr Gegenüber begeistern. Emotionalität ist die Basis, denn wir sind Menschen und keine Maschinen.

Ihre Kunden sind sehr wohlhabend und bekannt. Spre­ chen Sie immer mit ihnen persönlich? Ja, das ist sehr wichtig – ob beim Kauf oder der Auswahl des Feriendomizils, denn oft interpretieren vorgeschaltete Berater die Wünsche der Kunden nicht ganz richtig. Wenn ich mit ihnen persönlich spreche, können sie 100 Prozent sicher sein, dass ich die richtigen Fragen stelle, um ihre Wünsche zu erfüllen. Über die Jahre habe ich einen Katalog von Fragen ausgearbeitet, der meine Matrix ist. Ich stelle auch Fragen, die für den Kunden erst einmal unwichtig erscheinen, für mich aber von enormem Wert sind.

In Ihrem Portfolio findet sich nur das Beste vom Besten. Was braucht ein Haus, damit es den Weg in Ihr Portfolio findet? Ein Objekt muss mich überzeugen, denn nur was mir gefällt, kann ich auch verkaufen. Die Location muss ein «Triple L» haben, also «Lage, Lage, Lage», und wenn es «nur» 2 L hat, dann muss das Interior sensationell und unvergleichbar sein. Das Wichtigste ist ohnehin

Wie lautet eine dieser Fragen? Wo frühstücken Sie gewöhnlich? In der Küche oder im Esszimmer? Das ist so eine Frage. Der Mensch ist ein «Gewohnheitstier», und ich versuche, mir ein möglichst genaues Bild zu machen.

168 I PRESTIGE


LIVING

«Ich verkaufe nur das, wo auch ich sofort einziehen würde.» – Maura Wasescha –

Stilvoll und exklusiv: die Immobilien im Portfolio von Maura Wasescha

Wie verhält sich die Wirtschaftskrise zur Luxusimmobilienbranche? Wir konnten vor zwei Jahren, in einer Zeit der vollen Krise noch 12,5 % mit den Luxusimmobilien gewinnen. Es gibt auch immer Möglichkeiten, ein Objekt zu verkaufen. Entscheidend ist, dass ein Haus unique ist. Wenn es das ist, können Sie ruhig schlafen, denn eines Tages kommt der Käufer, der genau das möchte. Und das haben viele Leute nicht verstanden. Während der Krise zwischen 2012 und 2015 war nicht das Geld das Problem, sondern die eher abwartenden Gedanken der Menschen, die keine Lust hatten zu kaufen. Aber die, die damals gewartet haben, sind heute die Verlierer. Man muss immer optimistisch sein in diesen Situationen. Inwiefern hat sich der Begriff «Luxus» in Bezug auf das Wohnen in den letzten Jahren verändert? Sehr! Vor 20 Jahren bedeutete Luxus ein schönes Chalet. Mit schönen Bädern, gerne auch aus Marmor oder Stein, aber noch gefliest. Heute sind beispielsweise die Lavabos aus Stein und die Wände aus einem Stück kostbaren Naturstein. Vor 20 Jahre war der Kühlschrank normal gross und die Küche ein überschaubarer Raum. Heute haben wir riesige Kühlschränke und Küchen, die so gross sind wie Wohnzimmer und auch 500’000 Franken und mehr wert sind. Wer heute eine Villa einrichtet, der hat einen Küchenplaner, Interiorund Gartendesigner. So etwas gab es früher eher selten. Wie definieren Sie den Luxus des Wohnens? Geld ist nicht Glück, und Luxus ist nicht Luxus. Das ist das Erste, was verstanden werden muss. Viele Leute assoziieren mit Luxus Gold und Prunk. Luxus bedeutet auch, wenn du in

Maura Wasescha

ein Haus hineingehst und dich sofort gut fühlst, weil alles so perfekt ist, dass du vielleicht gar nicht weisst, weshalb. Luxus ist auch die Verwendung von edelsten Materialien, die aber vielleicht nur von ganz wenigen erkannt werden. So, wie bei einem Kunden von mir, der 12 Zentimeter dicke Granitplatten von einer alten italienischen Kirche verarbeitet hat. Luxus ist Stil und bedeutet eben auch, den Reichtum nicht plakativ zu zeigen. Meine Kunden sind ganz normale Familienmenschen, die hart arbeiten.

The luxurious way of life I 169


Beim Interieur des luxuriรถsen Penthouse in Greenwich Village hat de Cรกrdenas auf dezente Erdtรถne gesetzt und Design-Elemente als Hingucker platziert.


© Floto+Warner

MANN OHNE STIL Stimmung und Atmosphäre sind dem US-Designer Rafael de Cárdenas bei seinen architektonischen Werken wichtiger, als dass man seinen persönlichen Stil erkennt. Das Porträt eines Mannes, der erst auf Umwegen zum Interior Design kam. Wilma Fasola


© Floto+Warner

LIVING

© Weston Wells

Die Eingangshalle wird ganz vom stilvollen Walnusstisch dominiert.

Rafael de Cárdenas

172 I PRESTIGE


LIVING

B

ekanntlich führen ja viele Wege nach Rom. So auch im Falle des Designers Rafael de Cárdenas geschehen. Der gute Mann mit kubanischen Wurzeln heuerte zuerst als Designer für die Männermode von Calvin Klein an, gab dann ­einige Jahre lang Produkten ein stilvolles Aussehen und entschloss sich letztendlich im Jahr 2006 dazu, sein Interior-Labor ­«Architecture at Large» zu eröffnen. Das brachte ihn zwar nicht in die Ewige Stadt, aber in die Design-Metropole schlechthin. Heute, eine Dekade später, ist sein Name dabei nicht mehr nur in New York City Programm, sondern er schaut auf mehr als 100 erfolgreiche Projekte weltweit zurück. Den Antrieb, am Ende dann doch im Bereich Architektur und Interior Design anzuheuern, gab dabei übrigens ein Zeitungsartikel in der «New York Times». Der heute schon verstorbene US-Architekturkritiker Herbert Muschamp betitelte darin das neu eröffnete Guggenheim-Museum in Spanien als «Reinkarnation von Marilyn Monroe». Eine Beschreibung, die de Cárdenas tief beeindruckte und ihn dazu bewog, an der U.C.L.A.’s Architecture School zu studieren.

Kein Rastermann

© Floto+Warner

In seinem Karriereweg selbst sieht Rafael de Cárdenas dabei schon einen roten Faden. «In meiner Arbeit geht es in erster Linie darum, Atmosphären und Stimmungen zu schaffen», sagt er. «In gewisser Weise war es schon immer

so, und meine verschiedenen beruflichen Stationen brachten und bringen das auf verschiedenen Wegen zum Ausdruck.» Dabei schätzt er an seiner heutigen Arbeit vor allem, dass Architektur nur eine Facette seiner Arbeit ist. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: «Ich wollte mich nie einschränken, mich nicht in die Box des Designers packen lassen. Meine ­Interessen waren schon immer sehr viel­fältig. Das Gleiche gilt für alles, was wir bei Architecture at Large tun.» Sein Freiheitsgefühl kommt zudem noch in einem anderen Punkt gut zum Ausdruck. Denn während anderen Architekten und Designern der persön­ liche Stil, ein immer wiederkehrendes Wiedererkennungsmerkmal in den Werken, mehr als nur wichtig ist, versucht Rafael de Cárdenas genau das zu verhindern: «Ich denke schon, dass ich irgendwie einen individuellen Stil habe. Aber ich tue mein Bestes, um ihn zu unterdrücken. Denn es geht mir nicht darum, einen persönlichen Stil zu definieren, sondern vielmehr darum, eine Qualität hervorzurufen, die stimmungsvoller und atmosphärischer als anderes ist.»

Kein Mann for everything Es wundert einen somit auch nicht, dass sich der Designer auch nicht auf eine Art Immobilie festlegt. Er tut laut eigenen Angaben, Dinge, wenn sie für ihn richtig sind. Schwebt etwas vage in der Luft, lässt er lieber die Finger davon. Herausgekommen sind dabei bislang unter anderem zahlreiche Kunsträume in verschiedenen amerikanischen Metropolen wie auch in Athen. Dazu hat er das private Fitnessstudio von Nike in SoHo konzipiert und auch die OHWOW-Galerie in Miami designtechnisch mitkreiert. Und auch wenn er ja offiziell keinen eigenen Stil besitzen möchte, fällt auf, dass man doch irgendwie eine klare Handschrift erkennen kann. So unaufgeräumt seine Werke auf den ersten Blick manchmal erscheinen, die klaren Linien sorgen für die Ruhe, die das Auge am Ende braucht. Oder besser: Selbst beim zweiten und dritten Blick bleibt es spannend, man sieht sich aber niemals müde. Erkennbar ist dieser Nicht-Stil besonders gut auch in den gemeinsam von de Cárdenas und der New York Johnson Trading Gallery entwickelten Möbelkollektion. Hier lag der Fokus klar auf

Auch dem Flagship-Store von Baccarat an der Madison Avenue in Manhattan hat de Cárdenas ein einzigartiges Gesicht verpasst.

The luxurious way of life I 173


© Mark Cocksedge

LIVING

Couchtisch macht, aber eben niemals wirklich angeschaut wird. «Wir alle wollten ein Buch, das man wirklich lesen und nicht nur durchblättern möchte. Auf der anderen Seite sollte es natürlich auch gut aussehen. Ich glaube, es ist uns gelungen. Ich bin sehr zufrieden damit.» Er selber liest übrigens gerade aktuell Stephen Kings «Es» und James Salters «Verbrannte Tage». Ein spannender Gegensatz zwischen Autobiographie und Fiction also, der sicher auch für kreative Gedanken sorgt. Ansonsten nutzt der Designer seine freie Zeit zum Kochen, wobei ihm das Anrichten noch um einiges mehr begeistert. Dazu passt dann auch seine Aussage zum Thema Hobby allgemein wie die Faust aufs Auge: «Abgesehen von ein paar Hobbys, denke ich, dass die meisten meiner Interessen in der Unterstützung meiner Designpraxis liegen.» Und dem kann man nur zustimmen. Design ist das Leben von Rafael de Cárdenas, auch wenn er eigentlich als kleiner Junge davon träumte, einmal Musikvideos zu inszenieren.

Londoner Boutique von Delettrez

Ein echter Winner den Attributen Rotation, Spiegelung und Vervielfachung von Formen. Auf der anderen Seite aber überrascht er dann auch immer wieder mit wirklich schlichten Entwürfen, wenn man das ungestraft so über einen Designer sagen darf. Besser wäre vielleicht zeitlos. Jedenfalls lässt sich mit «schlicht» sein Projekt des «Pool House» am besten beschreiben. Rechtecke, klare Linien und dezente Farben sind hier Programm. Nur die beiden Rutschen, die beim frontalen Blick aussehen wie die muskulösen Arme eines Bodybuilders, setzen einen auffälligen Akzent.

Ein Do-it-by-yourself-Man Aktuell hat Rafael de Cárdenas ein Buch über seine Arbeit lanciert. Das als Monographie beworbene Werk umfasst über 300 Seiten und ist seit dem Herbst 2017 im Handel. Inhaltlich ist es ein Überblick über das erste Jahrzehnt von Architecture at Large. Doch statt alleine auf Ghostwriter und Verlagswissen zu vertrauen, hat sich der Designer selber stark in die Entwicklung mit eingebracht: «Ich habe sehr eng an dem Buch mitgearbeitet, zusammen mit einigen wichtigen Mitarbeitern, die auch enge Freunde sind. Namentlich sind dies Felix Burrichter und Karen Marta, die es herausgegeben haben, und Patrick Li, der es entworfen hat.» Sein Ziel war es, nicht nur einen Bildband herauszubringen, der sich zwar schön auf dem

174 I PRESTIGE

Rückblickend auf seinen bisherigen Erfolg, glaubt er, dass es sich um eine perfekte Symbiose aus Glück und harter Arbeit handelt. «Ich nehme an, dass Glück eine grosse Rolle spielt», meint er. «Aber man macht auch sein eigenes Glück. Ich arbeite hart und denke ständig an meine Arbeit. Ich glaube, dass Design die Linse ist, durch die ich die Welt betrachte.» Mit Blick auf Auszeichnungen ist er übrigens ehrlich: «Jeder mag Anerkennung, und ich bin sicher nicht anders. Auszeichnungen können durchaus etwas für die eigene Karriere tun, aber im Allgemeinen denke ich, dass sie auf emotionaler Ebene höchst lohnend und befriedigend sind.» Er selber wurde bislang unter anderem von Maison et Objet Americas im Jahr 2016 zum ­«Designer of the Year» gekürt. In die Zukunft blickend, würde er – auch wenn er jedes seiner Projekte als Traumobjekt betitelt – nun gerne ein Hotel inszenieren. «Ich denke, dass es Zeit ist, ein Hotel zu bauen. Hotels beinhalten eine Kombination aus Häuslichkeit und Romantik, die ich sehr mag.» Ansonsten lässt er sich weiter überraschen, was noch auf ihn zukommt. Dass etwas kommt, darüber macht er sich aber keine Sorgen. Dafür läuft es seit 12 Jahren ziemlich gut mit dem «Architecture at Large». Und bekanntermassen sind ja alle guten Dinge drei und eben nicht vier. Sodass er auf eine weitere Karriere vielleicht verzichten sollte.


de luxe

LIVING

WOHNEN BY

Zeitloses Styl i n g: sa n fte Natu r töne u nd meta l l ische A k zente. Schöner woh nen i m F r ü h l i n g m it neuen L iebl i n gsstücken fü r Woh n-, Ess- u nd Sch la fzi m mer.

1

6

1 I DELIGHTFULL

Pendelleuchte «Coltrane»: grossartige Mid-Century-Lampe für minimalistischeres Wohn­ ambiente. Deckenleuchte, die in Stahl handgefertigt ist. Der Schirm ist aussen mattgold und innen goldfarben lackiert. 2 I ALESSI

Die Obstschale «AC04» (Entwurf von 1995). Anlässlich des 100. Geburtstags ihres Schöpfers, des italienischen Architekten und Industriedesigners Achille Castiglioni, wird die Schale aus «18 / 10»-Edelstahl ebenfalls mit einer glänzenden «Kupfer-PVD»Beschichtung produziert. Limited Edition, 999 Stück. 3 I SIEGER BY FÜRSTENBERG

Deckelvase «Secret» aus der Kollektion «Object to a muse», mit der Michael Sieger der Weiblichkeit auf eine ganz persönliche Weise huldigt. Verfügbar in 24-karätigem Gold, 99% Platin oder in reinem Weiss. Handgefertigt in Deutschland.

5

6 I SCHLOSSBERG

Ein Klassiker in zeitlosem Paisley-Muster: das Dessin «Perrinn» Schlossberg Linie Living Colors. Das ursprünglich aus Persien stammende Muster findet sich auch in der Frühjahr / SommerKollektion mit farbintensiven Gelb-, Blau- und Rosatönen wieder.

2

5 I VISPRING

Luxuriös schlafen in den exklusiven Boxspring-Betten von Vispring. Die Kopfteile setzen den Betten die Krone auf. Ganz nach Wunsch in verschiedenen Grössen und Ausführungen erhältlich. Im Bild: Kopfteil «Helios». 4 I LALIQUE

Eleganz: der «Longchamp Chair», entworfen von Lady Tina Green & Pietro Mingarelli. Nummerierte Auflage, Klar-Kristall, schwarz lackiert und Elfenbein-Seide. Inspiriert von der Pferde­ rennbahn «Longchamp».

4 3 The luxurious way of life I 175


LIVING

APOSTEL DER SCHLICHTHEIT UND ZURÜCKHALTUNG

RAYMOND LOEWY

Raymond Loewy wurde am 5. November 1893 als eines von drei Kindern in Paris geboren. Die Mutter Französin, der Vater ein österreichischer Journalist. Nachdem er wegen des Ersten Weltkrieges sein Ingenieur-Studium abbrechen musste, entschied sich Loewy 1919, nach New York auszuwandern. Zunächst arbeitete er als Schaufensterdekorateur und Illustrator für Modemagazine, bevor er sich 1929 als Industriedesigner selbstständig machte.

Design als Marketingfaktor? Was heute selbstverständlich erscheint, war es nicht immer. Einer, der das Potential des Designs für den Abverkauf von Produkten als Erster verstanden hatte, war Raymond Loewy, der wohl bedeutendste Protagonist des amerikanischen Industriedesigns.

3 ZITATE

Charakteristisch für seine Entwürfe war das stromlinienförmige Design, das schon bald zum Konsummotor der westlichen Welt wurde. So titelte auch das amerikanische Nachrichtenmagazin «Time» einmal: «He streamlines the sales curve.» Loewy war zum Garanten für wirtschaftlichen Erfolg geworden und prägte zwischen 1925 und 1980 die amerikanische Alltagskultur und den Geschmack wie kein anderer. Er entwarf Designs für Automobile, wie den Studebaker, Zahnpastatuben, Büromöbel, Ozeandampfer, Dampflokomotiven, Bleistiftspitzer und Kaffeetassen. Zu seinen wohl bekanntesten Designs ­gehören die Shell-Muschel und das BP-Logo ebenso wie das Logo der ­Zigarettenmarke Lucky Strike oder des Lebensmittelkonzerns SPAR. Für Coca-Cola überarbeitete er zunächst die roten Zapfgeräte, bevor man ihn mit der Neugestaltung der ikonischen Flasche beauftragte, die noch schlanker werden sollte. Ebenso überarbeitete er zahlreiche andere Produkte im Hinblick auf Sicherheit und Praktikabilität, eliminierte funktionale Mängel und gab den Produkten eine neue, elegantere Optik. Sich selber nannte er «Apostel der Schlichtheit und Zurückhaltung», wobei er seinem «MAYA»-Prinzip («Most Advanced, Yet Acceptable») folgte, das so viel bedeutet wie «äusserst fortschrittlich, aber immer noch annehmbar». Funktionalität, allerbeste Qualität und Einfachheit – dafür stand Raymond Loewy zeit seines Lebens. Am 14. Juli 1986 starb der begnadete Designer im Alter von 92 Jahren in Monaco.

«Das Hauptziel ist, das ohnehin bereits schwierige Leben der Konsumenten nicht noch komplizierter zu machen.» – Raymond Loewy –

«Ich kann von mir behaupten, ich habe den Alltag des 20. Jahrhunderts schöner gemacht.» – Raymond Loewy –

«Von zwei Produkten, die in Preis, Funktion und Qualität nichts unterscheidet, wird das mit dem attraktiveren Äusseren das Rennen machen.» – Raymond Loewy –

176 I PRESTIGE


ABONNIEREN SIE DAS GESAMTE MAGAZIN FUR € 35.– /  CHF 39.– / JAHR

«PRESTIGE» FÜR NUR € 35.– / CHF 39.– IM JAHR, ERHALTEN SIE ALS BESONDERES DANKESCHÖN, EINE AUSGABE DES MOTION-MAGAZINS «VECTURA» ODER EINE AUSGABE DES TRAVEL MAGAZINS «IMAGINE» KOSTENLOS.

prestigemagazin.com


Angelica Hicks

LIVING

COOLE

!

TONNE

Ashley Hicks

Sie sind bunt, handlich, rund, stehen für einen freieren Lebensstil und waren 1967 die ersten kombinierbaren Modulelemente aus dem ungewöhnlichen Kunststoffmaterial ABS. Entworfen hat sie Anna Castelli Ferrieri, die Grande Dame und Erfinderin der lebensbejahenden Behälter, deren 90sten Geburtstag Google Italien mit einem Doodle feierte.

178 I PRESTIGE

B

Helena Ugrenovic I

Kartell

ereits in jungen Jahren lernt Anna Castelli Ferrieri ­(6. August 1920 bis 22. Juni 2006) die Schriftsteller James Joyce, Thomas Mann und Luigi Pirandello kennen. Zu Le Corbusier pflegt sie während ihrer Studienzeit Kontakt, aber ihr Lehrmeister wird der italienische Architekt und Rationalist Franco Albini, bei dem sie von 1938 bis 1943 als erste Frau am Mailänder Polytechnikum ­A rchitektur studiert. Nach der Gründung ihres eigenen Büros in Mailand arbeitet sie an Projekten, zu deren wichtigsten Werken der Hauptsitz von «Kartell», die Villa «Via Marchiondi» sowie die Büros und Fabrikations­ gebäude von Alfa Romeo gehören. Ihr Ehemann Giulio Castelli gründet 1949 den M ­ öbelhersteller «Kartell», der weltweit den Spitzenplatz in Design und


Fran Hickman

LIVING

«Du bist ein Genie, ich bin ein Genie, so stell dir also vor, was wir gemeinsam erschaffen können.»

Luke Edward Hall

– Walt Disney –

­ erstellung von Kunststoffmobiliar führt. Als Anna H Castelli Ferrieri 1967 bei «Kartell» die Position als Art Director übernimmt, entstehen unter der Leitung der visionären und zukunftsorientierten Frau einzigartige Kultstücke und zeitlose Klassiker aus hochmodernem Kunststoff.

Componibile Im Italienischen bedeutet «componibile» «zusammen­ setzbar», und so sind die praktischen Componibili nicht nur optisch reizvoll, sondern durch ihre Multifunktionalität und als stapelbare Elemente als Regal,

Aufbewahrungssystem, Ablage, Nacht- oder Beistell-Tischchen äusserst clevere und reizvolle «Mitbewohner». Die revolutionären Componibili verabschiedeten das damalige formelle Wohnen und läuteten einen neuen Zeitgeist ein. Die erste von Anna Castelli Ferrieri entworfene Kollektion war quadratisch und mit abgerundeten Ecken und ein grandioses Erfolgsprodukt. Aufgrund des Verkaufserfolges drängte die Marketingabteilung sie, eine runde Version zu entwerfen, was Anna zuerst missfiel, sie schlussendlich jedoch nachgab. Der Einsatz und die Wandelbarkeit der platzsparenden Componibili sind unbegrenzt, und fast jeder italienische Haushalt verfügte über quadratische oder runde Componibili.

Kreative Hommage Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Componibili im letzten Jahr lud Kartell kreative Köpfe dazu ein, den berühmten Best- und Longseller der Marke neu zu interpretieren und zu gestalten. Entstanden ist eine kunterbunte Hommage an die coole Tonne von namhaften Künstlern wie Ron Arad, Mario Bellini, Antonio Citterio, Ferruccio Laviani, Piero Lossoni, Alberto Meda, Alessandro Mendini, Nendo, Fabio Novembre, Philippe Starck, Patricia Urquiola, Tokujin Yoshioka und den Marken Emilio Pucci, Missoni und Disney.

The luxurious way of life I 179


CULINARIUM Ufo oder überdimensionale Cloche? Das postmoderne Interieur des Restaurants reflektiert den kreativen Anspruch der Küche wider.

180 I PRESTIGE


HAUTE NATURE

SUR LA

TABLE Paris, Avenue Montaigne 25. Alain Ducasses Signature-Restaurant im «Plaza Athénée» unweit der Champs-Élysées gehört zu den bekanntesten wie umstrittensten Gourmettempeln der Seine-Metropole. Unter dem Motto Naturalité verzaubert Küchenchef Romain Meder seine Gäste dort im Namen des Meisters mit Kreationen auf Basis einer Trilogie von Fisch, Getreide und Gemüse, die neue Massstäbe gesetzt haben.

J

Dr. Thomas Hauer I

Plaza Athénée – Pierre Monetta

edes Mal, wenn ich ein Restaurant von Alain Ducasse besuche, erinnert mich das an den Animationsklassiker «Ratatouille». Darin gibt es eine Schlüsselszene, in der der selbstverliebte Gastrokritiker Ego, der sich sonst eher an Trüffeln und Kaviar delektiert, das provenzalische Bauerngericht aufgetischt bekommt – in Egos Luxusuniversum offenbar eine Zumutung. Aber als er den ersten Bissen kostet, passiert genau das, was mir selbst vor vielen Jahren bei meinem ersten Besuch in Ducasses ebenfalls mit 3 Sternen ausgezeichneten Restaurant «Le Louis XV» im «Hôtel de Paris» in Monaco widerfahren ist: Ein winziger Happen eines über einem Kohlenfeuer geschmorten Pyrenäen-­ Lamms, frische grüne Erbsen und ein einfacher Jus versetzten mich in ­Sekundenbruchteilen zurück in meine Kindheit; in eine Zeit, in der ein solcher Leckerbissen aus der Küche meiner Mutter mich jedes noch so grosse Unglück, jede vermeintliche Ungerechtigkeit, von der es im Leben eines Kindes so unendlich viele gibt, und jedes Missgeschick vergessen liess; mich mit einem Gefühl der Wärme, des Vertrauens und der Liebe erfüllte.

The luxurious way of life I 181


CULINARIUM

Seitdem habe ich mich immer wieder gefragt, wie Ducasse, der mittlerweile über ein weltumspannendes Gastroimperium mit knapp 2000 Mitarbeitern gebietet und nur noch selten selbst am Herd steht, diesen beinahe kathartischen Effekt erzielt; wie es ihm immer wieder gelingt, unter den Scharen von Nachwuchsköchen, die seine Schule durchlaufen, mit traumwandlerischer Sicherheit jene Eleven zu erkennen, die das Potential besitzen, seine Küchenphilosophie nicht nur mit dem Intellekt, sondern auch mit dem Herzen zu begreifen, sodass man in (fast) jedem seiner mehr als zwei Dutzend Restaurants das Gefühl hat, als stünde der Hausherr selbst am Herd.

Eine Küche ohne Kompromisse Ist Letzteres vielleicht schlicht seinem untrüglichen Instinkt für Talent zu verdanken, liegt der Schlüssel für die emotionale Tiefe von Ducasses Küche einerseits in einem fast schon manischen Perfektionsstreben, das keine Kompromisse kennt – so lässt der Meister z. B. Kichererbsen vor der Zubereitung einzeln von Hand selektieren. Andererseits nutzt Ducasse den Kontrast zwischen dem pompösen Setting seiner Sternerestaurants und dem Minimalismus seiner Teller bewusst als Stilmittel, was die teilweise fast beängstigende Aromengewalt seiner Kompositionen noch potenziert. Eine Technik, die der Küchenchef ebenso gekonnt einsetzt, wie einst ein Maler vom Schlage eines Caravaggio jenes revolutionäre Chiaroscuro verwendete, jenes Spiel mit Licht und Schatten, um seinen von allem unnötigen Zierrat befreiten Meisterwerken eine fast magische Aura zu verleihen.

vor 25 Jahren nicht anders gekocht; egal, wo er ein Restaurant eröffnet hat, stets mit den bestmög­ lichen, regionalen Produkten gearbeitet, das geschmackliche Potential seiner Zutaten bis zum Äussersten getrieben, ohne sie dabei zu verfälschen.

Barocke Pracht und Minimalismus Aber nicht nur die schnörkellosen Teller brechen das beinahe prunksüchtige Interieur seines Pariser Luxusrestaurants, dessen kristallene Kronleuchter und vergoldete Stuckdecken auch in einem Spiegelsaal im Schloss Versailles eine gute Figur abgeben würden. Auch das hypermoderne Mobiliar, dominiert von verchromten Sitzinseln, die – je nach Fantasie und Appetit – mal an ein Ufo, mal an hochglanzpolierte Clochen erinnern, fliessenden weissen Ledersesseln sowie «einfachen» Eichenholztischen ohne Tischdecken, steht in scharfem Kontrast zum eher barocken Ambiente. Dennoch wirkt alles wie aus einem Guss, ist jedes Detail

Und so zelebriert auch Romain Meder im ADPA, wie Eingeweihte das Restaurant meist nur kurz nennen, vor allem unverfälschte Spitzenprodukte in ihrer natürlichsten Form. Das empfindet mancher Gast angesichts der aufgerufenen Menüpreise von rund 450 Schweizer Franken – ohne Getränke versteht sich – als Zumutung. Andere hingegen – und dazu gehört auch der Autor dieser Zeilen – begreifen diese fast schon provokante, in Wahrheit nur scheinbare Schlichtheit für eine kulinarische Offenbarung ersten Ranges. Eine Küche, die mit ihrem fast schon moralischen Anspruch im Hinblick auf eine verantwortungsvolle Erzeugung bzw. den respektvollen Umgang mit ihren Zutaten ausserhalb der Zeit, über allen Trends und Moden steht. Was in Skandinavien heute als Errungenschaft der New Nordic Cuisine gefeiert wird – Ducasse, Sohn eines Bauern aus den Landes, hat schon

182 I PRESTIGE

Das harmonische Raumkonzept wurde vom renommierten Pariser Designstudio Jouin Manku entwickelt.


CULINARIUM

aufeinander abgestimmt, fühlt man sich schon im ersten Moment gut aufgehoben. Vor allem am Abend verwandeln die mit warmem Licht illuminierten Preziosen in den raumhohen Kabinetten im hinteren Bereich das Restaurant dann endgültig in das postmoderne Pendant einer mittelalterlichen Schatz- und Wunderkammer – nur kann man dessen Schätze, anders als der arme König Midas, auch essen. Der ideale Ort also für ein kulinarisches Hochamt à la Monsieur Ducasse. Orchestriert wird die Messe von Restaurant Manager Denis Courtiade und Head Sommelier Laurent Roucayrol, die das vielköpfige Serviceteam mit schwereloser Souveränität choreographieren.

Moderne Klassiker Längst hat die Küche zahlreiche bemerkenswerte Klassiker hervorgebracht, die saisonal immer wieder auf der Karte auftauchen und auf ewig mit dem

Namen ihres Schöpfers verbunden bleiben werden: grüne Linsen von den Vulkanhängen der Auvergne mit goldenem Kaviar; Blumenkohl in der Teigkruste aus dem Jardin de la Reine in Versailles, dessen Gemüse und Früchte Chefgärtner Alain Baraton exklusiv für Ducasse bereithält, kombiniert mit Jakobsmuscheln, handgetaucht vor den Îles Chausey, und schwarzem Trüffel; geräucherter bretonischer Hummer mit einer bitteren Emulsion aus Krustentierrogen und Chicorée oder der Dessertklassiker Lemon Michel Bachès, kombiniert mit Kombualgen, Estragon, Himbeeren und Meringue, bei dessen Genuss einem jedesmal von Neuem ein wohliger Schauer überkommt. Dabei versteckt sich keines der Gerichte unter irgendwelchen Schäumchen, wird mit Gel-Klecksen oder sonstigem Zierrat optisch oder geschmacklich aufgehübscht – jedes Produkt spricht für sich selbst. Nicht von ungefähr nennt der «Guide Michelin» Ducasse deshalb den Gralshüter der Natürlichkeit.

Alain Ducasse (r.) mit Küchenchef Romain Meder (l.)

The luxurious way of life I 183


DAS FLÜSSIGE GOLD VON

ÅLAND

Auf der autonomen Insel Åland, mitten im Baltikum zwischen Schweden und dem finnischen Festland, knallen alle zwei Jahre die Champagnerkorken. Der Grund dafür ist ein einmaliger Fund am Meeresgrund. Anna Karolina Stock I

Visit Åland

M

it einer modrig-weiss belegten Flasche in der Hand taucht Christian Ekström aus 50 Meter Tiefe langsam wieder auf. Sein Herz pocht vor Aufregung. Sie könnte grösser nicht sein, denn in den Tiefen lagern noch 167 weitere Flaschen mit unbekanntem Inhalt. Eigentlich wollte das åländisch-schwedische Taucherteam nur ein Schiffswrack betauchen: ein Segelschiff, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts südlich von Föglö in den äusseren Schären von Åland gesunken war. In dem nahezu unversehrten Wrack auch noch einen Schatz zu finden, hätte sich niemand träumen lassen.

Apfel- oder Perlwein? «Der Tag fing ganz normal an», berichtet die auf Åland geborene Sommelière Ella Grüssner Cromwell-Morgan. «Ich war eigentlich mit unseren Hotelgästen beschäftigt, und plötzlich sass ich mit Christian Ekström und einer uralten Flasche aus dem Meer in meinem Garten.» Sobald die

184 I PRESTIGE

Weinspezialistin an den 6. Juli 2010 zurückdenkt, bekommt sie selbst Jahre später noch Gänsehaut. «Wir wussten nicht, womit wir es zu tun ­hatten, doch die typische Flaschenform und auch die Korken wiesen auf Champagner hin», erklärt Christian Ekström. Der Inhalt habe sehr süss, wie ein im Eichfass gereifter Apfelwein geschmeckt – ein Bouquet von reifen Früchten mit einem Hauch Tabak. «Und obwohl er so unglaublich alt war, schmeckte er überraschend frisch», so Ella ­Grüssner Cromwell-­Morgan. Im Nachhinein ist sie natürlich froh, dass sie das flüssige Gold aus dem Meer als Erste ­probieren durfte. Mit einer Flasche Perrier Jouët aus dem Jahr 1825 zählt der rund 170 Jahre alte Åland-Champagner zu den ältesten trink­ baren und somit auch exklusivsten Champagnern der Welt.

Ruhe am Meeresgrund Dass er in so hervorragendem Zustand ist, habe mit den optimalen Lagerbedingungen unter Wasser zu tun: der geringe Salzgehalt des Baltischen Meeres,


CULINARIUM

Nur durch Zufall entdeckten Taucher den seltenen Fund im Inneren eines Schiffswracks.

die horizontale Lage im Schiffswrack, Dunkelheit, eine konstante Temperatur von vier Grad Celsius und ähnliche Druckverhältnisse im Inneren und Äusseren der Flaschen. Die Druckverhältnisse in 50 Meter Tiefe entsprechen mit fünf Bar in etwa dem Druck innerhalb der Champagnerflaschen. «Das Wichtigste ist jedoch die geringe und konstante Temperatur am Meeresgrund», erklärt der renommierte Champagnerexperte Richard Juhlin. Dadurch reife der Champagner langsamer und entwickle viel prägnantere, vollere Noten. Bevor alle Flaschen neu verkorkt wurden, hatte Richard Juhlin das Privileg und die wichtige Aufgabe, von jeder einzelnen zu kosten, um Geschmack und Qualität des Champagners zu bestimmen. «Rund zwei Drittel waren ungeniessbar, die restlichen Flaschen hingegen waren fantastisch», schwärmt er. Im Labor untersuchte Proben ergaben, dass der Zuckergehalt des alten Champagners mit rund 140 Gramm pro Liter im Vergleich zum heutigen Durchschnittswert von circa

zehn Gramm pro Liter um ein Vielfaches höher ist. Die Süsse des Champagners sei typisch für die Weinherstellung des frühen 19. Jahrhunderts, da Perlwein damals hauptsächlich als Dessertwein genossen wurde, so der Fachmann.

Der älteste Veuve Clicquot der Welt Anhand der auf den Korken eingebrannten Wappen und Schriften war die Herkunftsbestimmung des Champagners ein Kinderspiel: Der Fund umfasste Flaschen der Champagnerhäuser Veuve Clicquot Ponsardin, Juglar (bis 1829, danach Jacquesson) und Heidsieck – allesamt noch heute bekannte Edelmarken. 47 der 168 Flaschen stellten sich als Veuve-Clicquot-Erzeugnisse aus den Jahren zwischen 1839 und 1841 heraus. Fabienne Moreau, die hauseigene Historikerin von Veuve Clicquot, hält es sogar für möglich, dass der gesunkene Champagner noch aus einer von Madame Barbe-­ Nicole Clicquot Ponsardin höchstpersönlich überwachten Produktion stammt: «Die bisher ältesten Flaschen in unserem Besitz stammen von 1905,

The luxurious way of life I 185


CULINARIUM

Leben gerufen: Bereits seit drei Jahren lagern unweit der sogenannten Champagner-Insel mehrere Käfige mit neuem Champagner auf dem Meeresgrund der Ostsee. «Wir wollen uns den Einfallsreichtum und die Kraft der Natur zu Nutzen machen und testen, inwiefern sich die Unterwasserlagerung auf den Reifungsprozess des Champagners auswirkt», erklärt Johan Mörn, einer der M ­ anager von Silverskär. Parallel reift im französischen Reims Champagner der gleichen Jahrgänge in den herkömmlichen Lagervorrichtungen an Land. Das Projekt ist auf 40 Jahre ausgelegt, wobei alle zwei Jahre Flaschen von beiden Standorten geöffnet, probiert und miteinander verglichen werden. Eine der glücklichen Testerinnen ist Ella Grüssner Cromwell-­Morgan: «Ich freue mich schon auf die nächste Kostprobe und bin gespannt, ob man in ein paar Jahren Unterschiede zwischen dem ­Unterwasser- und dem normal gelagerten Champagner schmeckt.»

Besonders auf der ganzen Linie

Vor der Küste Ålands lagern Champagnerflaschen von Veuve Clicquot für insgesamt 40 Jahre.

also lange nach dem Tod von Madame Clicquot.» Angesichts dieser Tatsache ist auch der weltrekordähnliche Preis von 30’000 Euro weniger überraschend. So viel hat ein Paar aus Singapur für eine Flasche Veuve Clicquot aus dem Untersee-Fund bei der ersten Champagnerauktion in Mariehamn im Jahr 2011 hingelegt. Eine Flasche Juglar wurde für 24’000 Euro verkauft. Nach Angaben der Behörden sollen die Erlöse für meeresarchäologische Untersuchungen und Umwelt­projekte in der Ostsee eingesetzt werden.

Unter und über Wasser Doch nicht nur der Zustand der Ostsee liegt den Åländern am Herzen, auch die Qualität von Champagner steht seit 2014 auf dem Programm. Zusammen mit Veuve Clicquot und der Universität Reims in Frankreich hat Familie Holmberg, der die Konferenz- und Hotelinsel Silverskär bei Saltvik gehört, ein besonderes Forschungsprojekt ins

186 I PRESTIGE

Dabei ist nicht nur der Champagner hier eine Besonderheit, sondern die Region selbst ist es auch. So ist Åland mit seiner Hauptstadt Mariehamn – übersetzt Marienhafen, zurückzuführen auf Maria, eine gebürtige Darmstädterin und Gattin des russischen Zaren Alexander II. – nicht einfach nur eine baltische Inselgruppe, sondern eine schwedisch-­ finnische Besonderheit: ein kleines Stück Schweden in Finnland, wenn man so will. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts gehörte der aus 6757 Inseln bestehende Archipel zum Schwedischen Reich. Als Folge des schwedisch-russischen Krieges musste Schweden im Jahr 1809 Finnland und Åland an Russland abtreten. Dadurch fiel die Inselgruppe dem neugegründeten Grossfürstentum Finnland zu, das wiederum dem Zarenreich Russland unterworfen war. Erst mit Finnlands Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1917 wurde auch die Zugehörigkeit Ålands neu diskutiert. Wegen des internationalen Charakters der Åland-Frage sollte der neugebildete Völkerbund darüber entscheiden. Am 24. Juni 1921 einigte man sich auf einen Kompromiss: Das schwedischsprachige Åland wurde zur Selbstverwaltungszone unter finnischer Herrschaft. Seitdem dürfen die Åländer ihre Angelegenheiten weitgehend selbst regeln, was im Laufe der Zeit zu eigener Fahne, eigener Nationalhymne, eigenem Nationalfeiertag, eigenem Autokennzeichen, eigenen Briefmarken und eigener Internetdomain geführt hat. Das Sahnehäubchen der åländischen Eigenständigkeit ist, dass Finnisch kein verpflichtendes Schulfach ist.


BY

Stilvoll

GENIESSEN

TAITTINGER

Ein edler Tropfen aus dem Jahr 2006: Der «Comtes de Champagne Blanc de Blancs» wird nur in Ausnahmejahrgängen vinifiziert, wenn die Taittinger Winzer und Kellermeister gleichermassen von der ausgesuchten Qualität ihrer Weine überzeugt sind.

Ob fü r das Zubereitu n gs-Equ ipment oder d ie Speisen selbst: Qua l ität ist das Sch lüsselwor t, wen n es u m exqu isiten Gau men zauber geht.

CULINARIUM

WÜSTHOF

Kochmesser mit 20 cm Klingenlänge und Gemüsemesser mit 9 cm Klingenlänge. Messergriffe aus natürlichen Fasern und Harz. Aus einem Stück hochlegiertem «X50CrMoV15»Klingenstahl geschmiedet und auf 58° Rockwell gehärtet – garantiert lange Schnitthaltigkeit und gute Nachschärfbarkeit.

SIX SENSES

Ein Eldorado für Geniesser und immer einen Besuch wert: das Resort «Six Senses Douro Valley» in Portugal. In der offenen Küche des «The Restaurant» wird die Region mit ihren kulinarischen Köstlichkeiten gefeiert.

FALCON

BALIK

«Fillet Tsar Nikolaj: zubereitet und geräuchert im originalen Balik-Räucherofen nach dem Geheimrezept des Hoflieferanten des letzten russischen Zaren, Nikolaj II. Balik «Smoked Salmon» ist unbestritten einer der feinsten Räucherlachse der Welt.

«Classic 110 Cream»: geräumiger, vollständig programmierbarer Herd mit einem separaten Grill- und HochleistungsWok-Brenner. Mit vielen Falcon-Extras, darunter eine antihaftbeschichtete Grillplatte – halb glatt und halb gerippt – und eine innovative Garguthalterung.

The luxurious way of life I 187


CULINARIUM

PASTRY

ART In unserer Welt gibt es wenige Dinge, die noch überraschen. Dinara Kaskos köstliche Kunst­ werke tun es aber. Für die aussergewöhnlichen Dessert- und Pâtisserie-Kreationen der ursprünglich studierten Architektin kommt die Geometrie ebenso zum Zug wie die Wissenschaft und der 3D-Drucker. Anka Refghi I

188 I PRESTIGE

Dinara Kasko


CULINARIUM

D

ie ukrainische Pâtissière fusioniert die Architektur mit der Backkunst. Süsse Verführungen im Innern, minimalistische und geometrische Formen aussen. Was als Hobby begann, ist schon längst zu Berufung geworden. Mittlerweile gibt die gerade einmal 29-Jährige Kurse rund um den Globus und kann sich vor Aufträgen kaum retten. PRESTIGE: Dinara, ursprünglich hast du Architektur und Möbeldesign studiert. Was war der Grund für den Wechsel von «Beton zu Gebäck»? DINARA KASKO: Vor etwa drei Jahren hatte ich damit begonnen, nach der Arbeit zu backen und verschiedene Kurse zu belegen. Nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass mich das Backen viel mehr interessierte als die Architektur. Die Zeit vergeht so schnell, wenn ich in der Küche bin und über Kuchen, Formen und Rezepte nachdenke. Ich habe gerade erst begonnen, das zu tun, was ich liebe.

«Süsse» Fusion von Architektur und Backkunst

Was fasziniert dich daran, Desserts und Kuchen statt Gebäude oder Möbel zu entwerfen? Ich mag es, etwas zu kreieren, das wir anfassen und nicht nur auf dem Computer ansehen können. Natürlich wurden die Projekte in meinem vorherigen Beruf auch zum Leben erweckt, aber das dauerte immer sehr lang. Kuchen können wir schnell machen und essen. Auf welche Weise hat diese Entscheidung dein Leben verändert? Mein Leben hat sich drastisch verändert. Vorher ging ich wie die meisten Leute jeden Tag zur Arbeit, und niemand wusste etwas über mich. Mittlerweile reise ich viel, gebe Kurse und habe keinen Chef mehr wie früher. Aber natürlich trage ich jetzt auch viel mehr Verantwortung. Deine Kreationen begeistern durch ihr minimalistisches und geometrisches Äusseres und überraschen im ­Inneren mit einer zarten Füllung …

The luxurious way of life I 189


CULINARIUM

3D-Dessert «Lime-basil triangulation»

Du kombinierst moderne kulinarische Techniken, ­Elemente aus der molekularen Gastronomie, aber auch algorithmische, geometrische und naturwissen­ schaftliche Prinzipien … Das ist richtig. Wenn ich an einem neuen Projekt arbeite, möchte ich etwas Neues und Ungewöhnliches erschaffen. Jedes Objekt, das von der Natur oder Menschen erschaffen wurde, kann beschrieben werden; wir können ihm einen Namen geben oder was auch immer. Da ich Architektin bin, habe ich lange Zeit mit Räumen und Proportionen gearbeitet. Diese Fähigkeiten und wissenschaftliche Prinzipien, wie beispielsweise Biomimikry oder die Arbeit mit dem VoronoiDiagramm, verwende ich nun für das, was ich zurzeit mache.

Dinara Kasko

Wie muss man sich den Arbeitsprozess genau vor­ stellen? Zuerst habe ich einige Ideen und stelle mir vor, wie mein Kuchen am Ende aussehen wird. Danach erstelle ich ein 3D-Modell auf meinem Computer, drucke es auf einem 3D-Drucker aus und giesse es in Silikon. Sobald ich die Silikonform habe, kann ich diese mit allen möglichen Zutaten füllen. Wichtig ist am Ende, dass diese Form mit ihrer Füllung gut gefroren ist. Danach kann ich die Silikonform abziehen und den Kuchen oder die Torte mit Glasur oder Velours dekorieren. Dies ist eines meiner Konzepte. Im Stil des Minimalismus versuche ich einige Designstücke zu kreieren, die auf den ersten Blick nicht essbar erscheinen. Ich mag es, Leute zu überraschen. Erst wenn sie es aufschneiden, sehen sie, was drin versteckt ist. Dieses kontrastreiche Konzept ergibt starke Ergebnisse.

190 I PRESTIGE

Lässt du dich auch von anderen Künsten inspirieren? Ich denke, dass sich alle Leute von verschiedenen Arten der Kunst inspirieren lassen. Auch ich besuche verschiedene Veranstaltungen und Ausstellungen, in denen ich Inspiration finde oder etwas Neues lerne.


CULINARIUM

Kunstvoll-kรถstliche Kreation aus drei geometrischen Grundformen

The luxurious way of life I 191


CULINARIUM

Aussen klare Linien, innen süsse Verführung

Auf den ersten Blick mehr Kunstobjekt als Dessert: The Heart

192 I PRESTIGE


CULINARIUM

Zum Wohl! Willkommen am «lunatic fringe» der Önologie: Dem Bestsellerphänomen «Die Diners mit Gala von Salvador Dalí» dicht auf den Fersen (oder Hummerscheren), präsentiert der Taschen Verlag den surrealen und sinnlichen Nachfolgeband des Künstlers: «Die Weine von Gala». Dieses Buch, das die Wonnen der Weintraube aus typischer Dalí-Sicht schildert, versucht sich an einer Klassifizierung der Weine «nach den Empfindungen, die sie ganz tief in unserem Inneren auslösen», und lädt mit Kategorien wie «Weine der Wollust», «Weine des Unmöglichen» und «Weine des Lichts» den Hedonisten wie den Meta- oder Pataphysiker gleicher­ massen zur Verkostung ein. Gewinner der «Gourmand World Cookbook Awards» 2018!

PICK

EDITOR S

Dalí. Die Weine von Gala Taschen Verlag

Thai! Thailändische Küche mit ihren köstlichen Düften und exotischen Aromen muss nicht kompliziert sein. Das zeigt dieses hochwertig gestaltete Basic-Kochbuch. Es versammelt klassische, aber auch authentische, bisher eher unbekannte Gerichte und enthält sensationelle Rezepte für Snacks und Finger Food, Salate, Currys, Suppen, Reis- oder Nudelgerichte, Fleisch und Fisch bis hin zu Desserts und Getränken. Ausdrucksstarke Fotos, Erklärungen zur Zubereitung der wichtigsten Basics und witzige Illustrationen machen dieses Buch zu einem «Must-have» für alle Fans der thailändischen Küche.

Backen Melissa Forti Prestel Verlag

Vintage Style

Einfach Thai! Tom Kime Lisa Linder Knesebeck Verlag

In Sarzana, zwischen Cinque Terre und der Toskana, erfüllte sich Melissa Forti mit ihrem eigenen Tea Room einen Lebenstraum. In barocker Vintage-Ästhetik werden dort mit unglaublich viel Liebe zum Detail die Früchte ihres grossen Backtalents präsentiert. Opulente Schöpfungen wie kandierte Maronen-Tarte, FeigenMascarpone-Kuchen oder Orangen-Meringue-Torte finden sich neben traditionellen italienischen Süsswaren wie Cantuccini, Tiramisù und Parrozzo. Melissa Fortis ausgefallene Kuchen und Torten vereinen nicht nur alles, was italienische Backkunst hergibt, mit einer modernen Note, sondern lassen auch Einflüsse ihrer langjährigen Wahlheimaten Los Angeles und London spüren.

The luxurious way of life I 193


CULINARIUM

EINE

BAR INSZENIERUNG Statt eines Bartresens einfach ein Elefant, zwei Gastgeber statt eines Bartenders – so eröffnete in Frankfurt ein neues In-Konzept. Ohne publikumswirksame Eröffnung. Ganz einfach so wurde in Alt-Sachsenhausen eine komplett neue Kneipenära eingeleitet. Fulminant ist im «Bonechina» nur das Konzept. Nike Schröder I

Mitten in der Bar – ein Elefant aus Porzellan

194 I PRESTIGE

Bonechina


S

chon alleine der Name «Bonechina» lässt rätseln, ob nicht in irgendeiner Art und Weise die chinesischen Triaden ihre Finger im Spiel gehabt haben könnten. Das passt zu der Idee, die Kneipenszene Frankfurts mit neuen, ausgefallenen und extravaganten Locations aufzumischen. Als krassen Gegensatz zum Umfeld, bei dem der «Äppelwoi» und die «Bembel» Markenzeichen sind und die Gegend prägen, die Miefigkeit des alten Frankfurt vor sich hin müffelt und das Fachwerkidyll bis heute als Kontrast zum Gedanken einer mondänen Weltstadt prägend ist, versucht das «Bonechina», etwas völlig Andersartiges umzusetzen: N ­ eben der wasserspuckenden «Fraa Rauscher» von der Klappergass (eine Anspielung auf die gärende Wirkung des Äppelwoi) soll nun etwas gänzlich Unfrankfurtisches geboten werden, um die Leute aus ihren Häusern herauszulocken. Die Yuppie­szene soll hier nicht wieder eine neue «In-Bar» be­kommen, wie sie überall aus dem Boden spriessen und beliebig austauschbar sind, sondern es sollen die Leute angesprochen werden, die auf Qualität und Originalität setzen.

CULINARIUM

Frontales Barkeeping ist out! Wer hier die Bar sucht, wird nichts finden, wer hier den Bartender sucht, auch nicht, es gibt keinen Tresen und auch keinen Ober. Hier wird man wie daheim an der Tür willkommen geheissen und dann: ist man sich selbst überlassen. Was soll das denn? Ich denke, wir sprechen hier von einer Kneipe? Hier zählt Eigeninitiative, man ist völlig frei – der Gast soll sich wie zu Hause fühlen, er kann eine der eisgekühlten Pre-bottled-Kreationen wählen oder sich selber einen Drink mixen oder aber doch den Gastgeber – einen Wirt gibt es ja nicht – bitten, ihm bei der Auswahl oder der Zubereitung seines Drinks zu helfen. Hier bleibt es allerdings erst einmal klassisch, es gibt alles vom Longdrink bis zum Cocktail. Dann aber wieder auch nicht, denn der Gast darf sich seinen Drink ganz nach Belieben «aufpimpen». Er kann zum Beispiel von einer Auswahl verschieden aromatisierter Eiswürfel seinem Drink eine ganz persönliche Note verpassen (wie Lemongras oder Pfirsich), das Sortiment wird stetig ausgeweitet. Oder er kann sich einfach seinen Pre-bottled-Drink besorgen, auch hier bleibt die Rezeptur nie gleich, permanent werden neue Bottles kreiert.

Bar-Inszenierung Und wofür steht der Elefant im Laden? Ganz einfach: Hier kann sich jeder sein hausgemachtes Tonic Water selber zapfen! Er ist der Mittelpunkt der Location. Verlieren wir noch ein Wort über das Interieur: Die Interiordesigner «Studio Aberia» und der Bildhauer Marc Rammelmüller schufen hier ein Frankfurter Gesamtkonzept. Angelehnt an die Origami-Technik erinnern die Keramik-Fliesen an die Bembel, und Blautöne dominieren in verschiedenen Tönen den Raum, abgesehen von einigen Regalen aus Birnbaumholz, welche mit Pflanzen und Deko helle Akzente setzen und Gemütlichkeit bringen.

Barchef Sven Riebel (Mitte) mit seinen Kollegen Dominik Andes (links) und Björn Gutowski

Wenn Sven Riebel, der Gewinner des Mixology Bar Awards 2016, und sein Team das «Bonechina» morgens zusperren und sich wieder neue Leute zusammengefunden haben, haben sie wieder einen tollen Abend nach ihrem Motto «I was at home last night», das an der Fassade des alten, 1747 erbauten Hauses hängt, hinter sich gebracht.

The luxurious way of life I 195


PFLANZLICHER

CULINARIUM

HOCHGENUSS

Gesundheitsaspekte Eine vollwertige vegane Ernährung soll Grund für ein starkes Immunsystem, ein gesundes Herz und einen besseren Stoffwechsel sein, und auch Anti-Aging-Effekte sagt man ihr zu. Dabei ist eine vielfältige und abwechslungsreiche Auswahl an Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Getreideprodukten, Nüssen, Samen und Pflanzenölen ganz besonders wichtig. Dennoch kann es zu einem Defizit von potenziell kritischen Nährstoffen kommen, und so ist es wichtig, sich von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft beraten zu lassen.

196 |I PRESTIGE PRESTIGE


CULINARIUM

I

Was haben Bill Clinton, Natalie Portman, Anne Hathaway und Mike Tyson gemeinsam? Sie haben sich für eine bewusste, rein pflanzliche Ernährung entschieden. Ob Tierschutz oder Gesundheitsbewusstsein – die Gründe für eine vegane Ernährung haben viele Gesichter, und auch die Haute Cuisine hat sie entdeckt.

n den Supermärkten ist die Auswahl an Fleischalternativen so gross wie nie zuvor. Vegane Kochbücher klettern die Bestsellerliste empor, und es eröffnen immer mehr vegane Restaurants. Blickt man ein paar Jahre zurück, ist die rasante Ent­ wicklung ziemlich beeindruckend. Zu Beginn der 1980er Jahre nahmen die Tierschutzbewegungen massiv zu – und damit auch der Vegetarismus. In diesem Zeitraum wurde auch von drei voneinander unabhängigen Instituten (die Universität Giessen, das Krebsforschungszentrum Heidelberg und das Bundesgesundheitsamt Berlin) eine Studie durchgeführt – mit einem nicht erwarteten einheitlichen Ergebnis: Fleischverzicht führt zu besseren Blutdruckwerten, weniger Übergewicht, einer höheren Lebenserwartung und einem geringeren Risiko, an Krebs oder Herz-Kreislauf-Problemen zu erkranken. Mit den immer massiveren Tierrechtsprotesten rückten die Veganer in den 1990er Jahren dann immer mehr in den Blickwinkel der Öffentlichkeit. Aber mit einem so grossen Erfolg und zunehmenden «Anhängern» hatte man zu diesem Zeitpunkt sicher noch nicht gerechnet. Inzwischen wird diese Lebenseinstellung keineswegs mehr belächelt. Im Lebensmitteleinzelhandel haben sich vegane Lebensmittel als festes Marktsegment etabliert. «Das zunehmende Bewusstsein insbesondere jüngerer Konsumenten für ihre Umwelt begünstigt den Durchbruch der – zumindest ­temporären – fleischlosen und komplett tierfreien Ernährung und macht sie gesellschaftsfähig», so Dr. Susanne Eichholz-­K lein, Leiterin der IFH Retail Consultants.

Nike Schröder

ernähren. Es muss nicht zwangsläufig eine komplett vegane Ernährung sein, aber als «Teilzeit-Vegetarier oder -Veganer» entlastet man seinen Körper definitiv. Unser Fleischkonsum ist nachweislich zu hoch, die gesundheitlichen Risiken wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Darmkrebs, die daraus resultieren, sind bekannt. Sicher, die Umstellung auf pflanzliche Ernährung ist zu Beginn etwas ungewohnt, und nicht alle Familienmitglieder werden gleich begeistert sein, aber Sie werden sehen, wie köstlich zum Beispiel eine Soja-­ Gemüse-Bolognese schmeckt.

«Cookies Cream» in Berlin – trendige Haute Cuisine für Vegetarier und Veganer Für alle, die sich «vorsichtig» an das Thema herantasten möchten, empfehlen wir eins der tollen vegetarischen oder veganen High-Cuisine-Restaurants. Ein Pionier in diesem Bereich ist Heinz Gindullis, der bereits 2007 das «Cookies Cream» als vegetarisches Fine Dining in Berlin eröffnete. Die experimentelle und dennoch pure Gemüseküche von Chefkoch Stephan Hentschel wurde von Gault-Millau mit 16 Punkten und seit 2018 von Michelin mit einem Stern ausgezeichnet. Das Gourmetrestaurant erfüllt auch gern vegane Wünsche. Ein Teil der Gerichte ist von Haus aus schon vegan, es werden aber auch individuelle Vorlieben gerne erfüllt. Die Gerichte komponiert der Küchenchef aus saisonalen und möglichst regionalen Produkten mit Raffinesse und einem Gespür für Trends. Wer Gemüse, Bulgur und Co. nur als Beilage kennt, wird hier überrascht sein, wie gekonnt Lebensmittel in Szene gesetzt werden, ohne dass man etwas vermisst. Sogar Stars wie George Clooney und Robbie Williams waren begeisterte Gäste des «Cookies Cream». Die köstlichen Gerichte haben Suchtfaktor – garantiert! Uns haben Sie schon verzaubert …

Grundsatzentscheidung, die jeder selbst trifft Es ist natürlich eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Mit allen Vorteilen, Risiken und Konsequenzen. Alles in allem wäre es aber für Umwelt und Gesundheit ein guter Weg, würden wir uns bewusster, ausgewogener und natürlicher

The luxurious way of life I 197


THE FAT

DUCK

CULINARIUM

Es war einmal eine winzige alte Kneipe, untergebracht in einem alten Cottage aus dem 16. Jahrhundert in Bray, einem Vorort von Maidenhead in der Grafschaft Berkshire in England. Mit Heston Blumenthal zog ein komplett neues Konzept in die urigen Räume ein. Sie bekam den Namen «The Fat Duck». Blumenthal hatte von Anfang an die Vision, etwas Märchenhaftes zu zaubern.

«

Nike Schröder I

The Fat Duck

Die Fat Duck fliegt wieder!» Anfangs servierte Blumenthal kleinere Speisen, ähnlich einem französischen Bistro. Aber schon zu diesen Zeiten blitzte der zukünftige Charakter durch. Blumenthal experimentierte so lange an seinen «Triple Cooked Chips» herum, bis diese knusprig blieben. Leider ging sein Plan nicht auf, und das Restaurant stand kurz vor dem Bankrott. Blumenthal setzte alles, was er besass, auf eine Karte, und nach vier Jahren wurde er 1999 mit seinem ersten Michelin-­ Stern belohnt. Bereits 2004 war «The Fat Duck» mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet und eines von nur drei Restaurants im Vereinigten Königreich, die diese Anerkennung genossen. Der Höhenflug ging weiter, und im selben Jahr belegte das Restaurant den zweiten Platz unter den 50 besten Restaurants der Welt, im Jahr darauf folgte die Auszeichnung als bestes Restaurant der Welt!

The Fat Duck – Namensgebung

2014 schloss Blumenthal die «Fette Ente» und ging für ein halbes Jahr mit Sack und Pack nach Melbourne / Australien, wo er in einem neuen «The Fat Duck», welches später «Dinner» heissen sollte, weiterkochte. Diese vorübergehende Schliessung des Standortes Bray führte dazu, dass das Restaurant für den Guide Michelin 2016 nicht mehr bewertet werden konnte und damit seinen 3-Sterne-Status verlor, den es im Folgejahr aber wiedererlangte. Die «Dicke Ente» nahm ihren Höhenflug nach einer Komplettsanierung im September 2015 wieder auf. «Es ist das Ehrgeizigste, was ich jemals gemacht habe, aber es ist auch das Aufregendste», so Blumenthal. Blumenthal möchte seine 42 Gäste nicht nur zum Essen einladen, sondern auf eine «Reise». Bei Ankunft erhält der Gast keine nüchterne Menükarte, sondern eine Art Karte mit so rätselhaften Namen von Speisen wie «Kann ich Geld für den Eismann haben?», die Geschichten aus Kindheitserinnerungen hervorrufen sollen. Berühmte Gerichte mussten einer ganz neuen Philosophie weichen: das erste personalisierte, humanisierte Restaurant-Erlebnis.

198 I PRESTIGE


«To me, food is as much about the moment, the occasion, the location and the company as it is about the taste.» – Heston Blumenthal –

Die Menüs bestehen aus vielen kleinen Gängen der Molekularküche.


Heston Blumenthal

© Alisa Connan

CULINARIUM

Krabben-Eiscrème

200 I PRESTIGE


Im Lakritzgelmantel Pochierter Lachs in Lakritzgelmantel. Hier wird ein kleines Stück Lachs vollständig mit einem schwarzen Gel­ mantel mit Lakritzgeschmack umhüllt. Beim Erhitzen verhindert der Gelmantel das Übertreten von Flüssigkeit in den Lachs sowie das Austreten von Fett und Wasser aus dem Lachs. Erst beim Essen kombinieren sich die Lakritz­ aromen mit dem Fisch. Kommt auf den Teller mit Artischocken-VanilleMayonnaise und Olivenöl.

«The Fat Duck» in der Grafschaft Berkshire

Experimente – auf zu neuen Ufern Bei der Kreation seiner Gerichte stellt er traditionelle Kochtechniken und Ansätze infrage, und er lässt sich von einem eher wissenschaftlich geprägten Ansatz leiten. Die Menüs bestehen aus vielen kleinen Gängen der Molekularküche. So verfügt das Restaurant über ein zwei Türen entferntes angeschlossenes Labor, in dem Blumenthal und sein Team neue Menükonzepte experimentell entwickeln. Die Laborausrüstung umfasst eine Zentrifuge und einen Vakuumofen für besondere Garmethoden. Dies führt dann zu Kombinationen wie Nitro-Rührei und Eiscreme mit Rührei- und Schinkengeschmack, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Neben dem Geschmack und dem Geruch spielt für Blumenthal auch das Mundgefühl eine essentielle Rolle. Er versucht, durch geschickte Disharmonien zwischen Geschmack und anderen Sinnesreizen die Erwartungen an die sinnliche Wahrnehmung der Speisen von deren Geschmacksgefühl und Mundgefühl zu trennen: Die Schildkrötensuppe hat ein «Alice-im-Wunderland»-Thema, wo eine Uhr aus gefriergetrocknetem,

mit Blattgold überzogenem Rindfleisch in eine Teetasse fällt und man einen «Tee» aus Rinderbrühe darübergiessen muss, der das Gold und die Uhr auflöst. Ein Teller mit Ochsenzunge und Gemüse wird daneben serviert, um sie in die Suppe zu geben. Toast-Sandwiches stellen die Beilage. «Sounds of the Sea», ein Teller mit Meeresfrüchten, serviert mit einem Meeresfrüchte-­Schaum auf einem «Strand» aus Tapioka, Paniermehl und Aal wird mitsamt «iPod» gereicht, um durch die zu hörenden Wellengeräusche das Meeresfeeling komplett zu machen!

Feedback als Basis für Zukunft Ganz spektakulär ist, dass Blumenthal die Psychologie und die Wahrnehmung der Gäste in seine Gerichte miteinbezieht. Der Gast soll nicht nur durch die Aromen der Speisen in Verzückung geraten, er möchte, dass jeder Gast ganz individuell in seine eigene Kindheit versetzt wird. «Wie soll das denn funktionieren?», fragen Sie sich bestimmt. Mithilfe eines Fragebogens, der bei Buchung ausgefüllt werden muss, und eines Folgeanrufs durch seine Mitarbeiter erfahren die Köche alles Nötige über ihren kommenden Gast, um diesem seinen ganz persönlichen Kindheitstraum auf seiner «Menü-Reise» wieder aufleben zu lassen. Nur um ein Beispiel zu nennen, versuchte ­Blumenthal (ausgerüstet mit Details aus der Kindheit eines Gastes), die Geburtstagstorte in Form einer Rakete nachzubauen und damit die Erinnerung wieder auszulösen, dass ein anderes Kind damals versuchte, die Torte zu sabotieren, indem es Pfeffer darüberstreute. Blumenthal verwendete ­natürlich keinen Pfeffer, sondern Vanillesalz, aber die Reaktion des Gastes war ergreifend!

The luxurious way of life I 201


FINANCE


MACHT

IHR KEINER WAS VOR

Orakel des Recruitment, Spezialeinsatzkommando, Wirtschafts-Profiler – Suzanne Grieger-Langer hat viele Namen, aber nur eine Mission: menschliche Abgründe offenlegen und Unter­ nehmen wie auch Menschen vor der Fehleinschätzung einer Person bewahren.

S

Wilma Fasola Suzanne Grieger-Langer

ie kennen das sicher auch. Es gibt Menschen, in deren Gesellschaft man sich wohlfühlt. Suzanne Grieger-Langer ist so ein Mensch. Sie ist charmant, witzig, elegant und eloquent in ihrer ganz eigenen Art und Weise. Doch kaum weiss man, was die aus dem deutschen Detmold stammende Frau so beruflich macht, wird’s komisch. Denn die 45-Jährige arbeitet als Profiler, und das am lebenden Objekt. Denn auch wenn man bei diesem Beruf sofort an Tatorte, Tote und Täter denkt, geht es in ihrem Beruf darum, Unternehmen bei der Rekrutierung zu helfen oder im Falle existentieller Entscheide mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.


Die Seminare von Suzanne Grieger-Langer sind in der Regel schnell und restlos ausverkauft.

204 I PRESTIGE

PRESTIGE: Hat Ihre Arbeit eigentlich irgendetwas mit «Criminal Minds», «CSI» & Co. zu tun? SUZANNE GRIEGER-LANGER: im Grunde alles und nichts. Wir sind in einigen Dingen sehr nah dran. Das, was Sie im Fernsehen sehen, ist jedoch zu grossen Teilen Fiktion. Gemeinsam ist uns, dass wir wie die kriminalistischen Kollegen in der Wirtschaft Spuren lesen, Menschen lesen und Momente analysieren, um Voraussagen treffen zu können, was möglich ist.

darauf basierend Aussagen, was von dieser Person, von diesem Charakter zu erwarten ist. Wir unterstützen beim Recruitment, in dem wir Blender und Menschen entlarven, die dem Unternehmen schaden könnten. Dabei geht es nicht nur darum, Leistung vorzuspielen. Sondern ich spreche von Korruption und Wirtschaftsspionage. Auf der anderen Seite sind wir bei existenziellen Verhandlungen dabei, analysieren den Gegner und machen deutlich, mit welchen Strategien und Taktiken man welche Türen öffnen kann.

Es gibt demnach also verschiedene Profiler-Profile? Wenn Leute Profiler hören, denken sie sofort an den «Tatort» und gehen vom Kommissar aus. Das ist ein kriminalistischer Profiler. Dieser schaut unter dem soziologischen, psychologischen Aspekt: Wo finde ich den, der das verbockt hat. Ihre Zeugen sind der Tatort und das Opfer. Sprich: Meine kriminalistischen Kollegen kommen, wenn wir nicht haben arbeiten können oder dürfen. Character- wie auch ComportmentProfiler agieren hingegen vor der Tat und sind vornehmlich in der Wirtschaft tätig. Wir analysieren Menschen und treffen

Und wie wird man Profiler? Sie brauchen zwei Standbeine, ein psychologisches und ein kriminologisches. Ich bin zum Beispiel Pädagogin, Psychologin und Transaktionsanalytikerin. Parallel habe ich eine Ausbildung in der Psychotherapie. Was glauben Menschen, was ein Profiler tut? Ich glaube, sie erwarten, dass wir in Gummistiefeln und Trenchcoat auf dem Acker herumstiefeln und Bodenkrumen mit der Lupe betrachten. Faktisch ist es so, dass rund


FINANCE

dass wir es nicht in uns tragen. Jedoch würde ich es nicht als Satan definieren, sondern als Egozentrik, Unreife und die Unfähigkeit, mit Situationen zurechtzukommen. Am Ende geht es um Überforderung, aber die darf man auch nicht durchgehen lassen. Dennoch gibt es wie gesagt Psychologen, die nichts von Gewalt und Störungen hören wollen. Doch schauen Sie auf den Rechtsmediziner. Er untersucht nur eine einzige Krankheit, und diese heisst Gewalt. Und wir Profiler sind die Detektive dieser Krankheit. Wenn man nun hergeht, und sagt, dass es Gewalt nicht geben würde, wenn man richtig miteinander reden würde, dann wird es schwierig. So soll jeder seine Meinung haben, aber Menschen, die den moralischen Abhang schon ein wenig zu weit heruntergerutscht sind, brauchen in meinen Augen mehr als nur ein bisschen Kumbaya. Warum sind Profiler in der Wirtschaft wichtig? Man hat den Eindruck, dass es im Moment ganz besonders schrecklich ist. Faktisch gibt es nicht mehr Gewalt und nicht mehr Korruption als früher. Es gibt einfach mehr Transparenz. Da wird sehr schnell deutlich, was um uns herum passiert. Interessanterweise führt dies aber zu mehr Ängsten bei den Menschen, auch wenn die Aufklärungsquote und auch die Möglichkeiten, etwas aufzuklären, viel besser geworden sind. So verlieren wir durch Hunger, Krankheiten, Kriege deutlich weniger Menschen, fühlen uns aber immer stärker bedroht. Die Zahl der Blender und Trickser hat also in der Wirtschaft nicht zugenommen? Es ist die Eloquenz des Betruges, die wächst, je mehr neue Techniken zur Verfügung stehen. Wenn wir jetzt über das Recruitment sprechen, gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die besagen, dass bis zu 70 Prozent der Referenzen gefälscht sind. Im Zeitalter von Photoshop nicht verwunderlich. Auf der anderen Seite hat auch der Arbeitgeber andere Möglichkeiten, zu erfahren, mit wem er es zu tun hat. Doch die meisten sind zu faul, zu gutgläubig. So hat ein Test gezeigt, dass nur drei von 100 Unternehmen reali­ sieren, dass die Heimatanschrift des Bewerbers die der öffentlichen Vollzugsanstalt ist. Schwedische Gardinen statt Sabbatical ruft aber die Gutmenschen auf den Plan. Menschen eine zweite Chance geben, da bin ich total dafür. Aber es wird nicht einmal hinterfragt, warum derjenige sass; und wollen sie wirklich verantworten, dass genau diese Person an neuralgischen Knotenpunkten wie der IT sitzen und die volle Macht geniessen soll, das Unternehmen lahmlegen zu können. 30 bis 40 Prozent meiner Arbeit Aufklärung sind. Wir sind die Experten, die aufgeboten werden, wenn es existenziell ist. Ob Unternehmer, Führungskraft und auch der ganz normale Mensch, den meisten fehlt es an den Infos, wie man Blender, Ausnutzer und Psychopaten erkennen kann. Denn leider lernen wir nicht schon in der Schule, Menschen zu lesen. Das fände ich jedoch sehr wichtig. Und wenn man etwas lernt, dann rein von der pädagogisch psychologischen Seite des Menschen. Das ist die archetypisch mütterliche, fürsorgliche Lesart des Menschen. Viele therapeutische Kollegen sagen daher, dass es das Böse in der Welt nicht gibt. Als Profiler dagegen scannen wir die andere Seite: Welche Störung ist da, die uns das Potenzial am Ende gar nicht nutzen lässt. Das ist die archetypisch väterliche, fordernde Lesart. Trägt nicht jeder einen Kern Böses mit sich herum? Ich sage es mal so: Neben dem «Tatort» gibt es in Deutschland nur die Fussball-WM, die mehr Zuschauer hat. Bei solch einer Faszination für das Böse kann es gar nicht sein,

Wie gehen Sie beim Profiling vor? Es gibt den detektivischen und den Profiler-Teil. Für den ersten reicht es oft schon, dass man jemanden die Fakten des Lebenslaufs eines Bewerbers checken lässt. So haben wir in Untersuchungen Zeugnisse von Hochschulen vorgelegt, die nicht existieren. Oder aber die Hochschule existiert, hat aber nicht diese Fakultät. Erst, wenn wirklich pingelig alle Angaben überprüft wurden, kommt der Profiler ins Spiel. Wir schauen: Passt die Person ins Team? Und wird die Person mit der Belastbarkeit, den Herausforderungen zurechtkommen können, um die es geht? Und das ist keine One-Man-Show, wie viele glauben. Pro Kandidat sind zwischen 15 und 25 Analysten beschäftigt, die in der Regel rund neun verschiedene Methoden anwenden. Daher ist das Ganze auch verhältnismässig teuer. Auf zehn Neuanstellungen kommen drei Fehleinschätzungen, so sagten Sie einmal. Viele machen sich einfach keine Gedanken, wen sie wirklich brauchen. Sie merken, wir sind zu wenig, und holen einfach irgendwen. So würden sie nicht mal T-Shirts auswählen gehen. Leute suchen ihre Kleidung sorgfältiger aus als ihre Mitarbeiter. Das ist verrückt. Zudem wird das Ganze an die HR-Abteilung delegiert. Doch da sitzen Leute, die nie führen und schon erst recht nicht denjenigen, den sie einstellen. So kommt es dazu, dass sie dem glauben, der sich gut verkaufen kann. All die Blender, die Eindrucksmanager schneiden oft besser ab als die ehrlichen, tiefstapelnden Performer.

The luxurious way of life I 205


FINANCE

Aber kann ich auch ohne langes Training meine Men­ schenkenntnis verbessern? Auf jeden Fall, und das ist so wichtig. Und ich sage sogar, man soll es inflationär nutzen. Je mehr man lernt, desto besser wird man im Umgang. Ich denke, viele Menschen sind anderen gegenüber ohnmächtig, weil sie nicht einschätzen können, was da gerade passiert. Deswegen finde ich es so wichtig, dass Menschenkenntnis ein Schulfach sein sollte. Aber es gibt heute schon so viele Quellen im Netz, die jedem zur Verfügung stehen.

Profiler mit Wiedererkennungseffekt: Suzanne Grieger-Langer sorgt auch optisch für Aufmerksamkeit.

Auf Ihrer Webseite kann ich bereist Trainingsangebote für 21 Euro inklusive lebenslanger Mitgliedschaft be­ kommen. Was erwartet mich? Mir ist es wichtig, dass sich wirklich jeder mit sich selber beschäftigen kann und dabei auch Unterstützung erhält, wenn er mag. So bekommen Sie für 21 Euro ein DeppenDetox. Sie lernen über 21 Tage, sich von miesen Menschen zu befreien. Und weil die meisten sich immer wieder ranwanzen, gibt es bei allen unseren Produkten die lebenslange Mitgliedschaft. Das Deppen-Detox ist für Personen gemacht, die nicht so viel Geld haben. Es ist ein vollkommen unterbezahltes Produkt. Es ist ein Geschenk an jeden, der es sich nicht leisten kann, sich von uns komplett durchscreenen zu lassen. Wer ehrlich oder eben auch unbequem ist, der be­ kommt Gegenwind. Auf der einen Seite gibt es eben die Psychologen, für die es das Böse nicht gibt. Auf der anderen fühlen sich Recruiter, Coaches und Führungstrainer von uns bedroht. Dabei leisten wir oft mehr als sie, denn wir verfügen nicht nur über Menschenkenntnis, wir können Menschen auch in extremen Situationen steuern. Wir arbeiten in einem ganz anderen Bereich. Wir sind die schnelle harte Lösung, wenn es um das Überleben einer Firma geht. Das Zugriffkommando quasi. Und das SEK kommt ja auch nicht zum Reden. Sie sind der Rammbock, der die Tür aufmacht, damit ein nächster Schritt möglich ist. Genau das tun wir auch: Wir sorgen für eine Druckbetankung an einem Tag, und danach geht man mit einer langen Liste an Aufgaben nach Hause.

206 I PRESTIGE

Aber wie finde ich das Richtige für mich? Einfach mal über soziale Kanäle schauen: Wer spricht mich an? Wem glaube ich? Wer könnte mein Mentor sein? Denn für die Persönlichkeitsentwicklung muss nicht nur der Mentor, Coach gut sein, sondern er muss zu Ihnen passen. Ich selber lese keine Zeugnisse, wenn ich Menschen einstelle. Die Leute, die hier grossartige Leistungen vollbringen, sind nicht die mit geraden Lebensläufen, sondern die mit Lebenserfahrung. Sie haben bewiesen, dass sie in schwierigen Situationen zurechtkommen. Dazu bin ich natürlich auch kritisch. Denn es wird eine Störung geben, und die soll bei mir ebenfalls sofort auf den Tisch gelegt werden. Profilen Sie auch Familie und Freunde? Das ist wie beim Friseur, der sieht auch, dass die Frisur drei Wochen drüber ist. Deswegen wird er aber nicht die Schere auspacken. Aber natürlich kann ich es nicht vermeiden. Dadurch, dass das Produkt, mit dem ich arbeite, also der Mensch, der Charakter überall frei rumläuft, komme ich nicht umhin, das zu scannen. Es ist, als wenn man permanent eine Google-Brille trägt. Aber ich muss sie ja eben nicht immer auf volle Wachsamkeit schalten. Ich kann auch sehr gut auf einer Party mit Freunden sitzen und quatschen. Und wenn ich den Blick schweifen lasse, sehe ich vielleicht einige Dinge, die andere eben nicht so sehen. Aber ich lasse es vorüberziehen. Und wenn ich meine, dass ich einer guten Freundin mal eine Warnung zukommen lassen muss, dann mache ich das. Wenn einem das nicht passen würde, was ich tue, könnte er nicht in dem engeren Kreis bestehen. Und bei mir sind hier alles Leute, die sehr offen sind, was Menschen anbelangt. Und die alle einen Beruf haben, in dem sie Menschen helfen. Juristen, Lehrer, Ärzte, es geht immer um den Menschen. Und wie sieht eigentlich ein von Ihnen selbst erstelltes Profil über Sie selbst aus? Kein Kommentar. Zudem wäre es schwierig, da man auch seine blinden Flecken hat. Das mussten dann meine Kollegen machen, und die tun das auch. Denn wenn es neue Methoden gibt, werden wir gebeten, diese zu prüfen. Und das machen wir basierend auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Am Ende befinden wir uns eigentlich immer in der gegenseitigen Analyse, um unsere Arbeit noch besser zu machen.


Macher ! FÜR

BY

G eb en dem a k t iven u nd erfolgreichen Mann im Alltag den perfekten Schliff: per fek te u nd sti lvol le Accessoires.

MONTBLANC

FINANCE

BREITLING

Spitzenmodell: der «Navitimer 8 B01» – Chronograph mit Breitlings Manufaktur­kaliber «B01». Durch­messer 43  mm, Rotor-Selbstaufzug, SchaltradChronograph mit Vertikal­ kupplung, 30-Minuten- und 12-Stunden-Zähler sowie 70 Stunden Gangautonomie.

HUBLOT

Montblanc «Bonheur Nuit»-Füllfederhalter mit der Kombination aus glänzendem und mattem schwarzen Edelharz und handgefertigter goldener Feder, die vom Begriff «Bonheur» und seiner Glück bringenden Verbindung inspiriert ist.

Limited Edition «Jose Bautista»: exklusive Uhr, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Luxusuhrenhersteller Hublot und der Baseball-Legende Jose Bautista. Mit seiner Baseball-Nummer «19» bei 12 Uhr, 21 schwarzen Diamanten, Gehäuse aus schwarzer Keramik.

BALMAIN

Die aktuelle Kollektion aus dem Hause Balmain mit vielen US-Elementen: von Fransenhemden bis hin zu Pullovern im Western-Stil und natürlich Cowboy-Stiefel.

PARMIGIANI

«Kalpa Chronor» in Roségold-Tonneauge­ häuse mit schwarzem Opalin-Zifferblatt. Eine transparente Öffnung am Gehäuseboden gibt die Sicht auf das Kaliber PF365 frei. Mit 65 Stunden Gang­ reserve. Limited Edition.

ARMIN STROM

Pure Eleganz: Das schlichte Design der neuen «Pure Resonance» spiegelt die Reinheit des Kalibers ARF16 perfekt wider. 42 Millimeter grosses Gehäuse aus 18 Karat Roségold, mit charakteristischer Lippe bei 6 Uhr.

VOLVO

Exklusive Trilogie: Die «Design Collection» wurde von Volvo ent­worfen und von dem schwedischen Lederwarenhersteller Sandqvist angefertigt. Brieftasche, Travel Wallet und Passhülle aus Leder sind erhältlich in Schwarz oder Cognac.

The luxurious way of life I 207


FINANCE

208 I PRESTIGE


FINANCE

REICH IN SEINEM REICH Geld stinkt nicht, so sagt ein Sprichwort. Doch damit klotzen und protzen macht selten wirklich glücklich. Heute zeigt sich ein anderer Trend: Man weiss, was man hat, verzichtet aber auf dessen materielle Darstellung. Die Frage ist nur, für wen?

B

Wilma Fasola

ei WhatsApp könnte man eigentlich im Sekundentakt seinen Status ändern und die Welt an seinem (emotionalen) Leben teilhaben lassen. Daher handelt es sich in diesem Fall eben meistens auch um eine Momentaufnahme. Der soziale Status hingegen, den man im Leben sein Eigen nennt, ist eher von dauerhafter Natur und schon schwieriger beeinflussbar. Wikipedia sagt dazu, dass er die eigene Position innerhalb einer sozialen Rangordnung beschreibt. Ausschlag ­geben dabei Kriterien wie Macht, Einfluss, Einkommen, Vermögen, Prestige und noch so manch anderer Kram, der irgendwie den Beigeschmack von Selbstdarstellung mit sich bringt. Der breiten Masse wird der soziale Stand dabei mittels Statussymbolen vermittelt, zumindest war das lange Zeit so. Doch damit ist nun Schluss. Im Reich der Reichen hat sich nämlich ein neuer Trend breitgemacht. «Stealth Wealth» nennt er sich und steht für den verborgenen Luxus. Oder besser: für das Leben in einer Parallelwelt. Der Name ist dabei abgeleitet von den «Stealth»-Bombern. Eben denjenigen Kampfjets, die unter dem Radar und damit unerkannt in fremden Lufträumen fliegen können.

Man bleibt reich, aber lieber unter sich Wer am Ende jedoch genau das Patent auf dem Begriff «Stealth Wealth» hält, ist ungewiss. Plötzlich war er da, und man beschäftigte sich mit ihm. Auch solch angesehene Organisationen wie das Zukunftsinstitut, die ihn als den Statuskonsum der neuen Elite und postmateriell beschreiben. Politisch korrektes Geldausgeben ist ein weiteres Attribut, und das bringt es ganz gut auf den Punkt, denn so selbstlos sind Mister und Misses Reich eben doch nicht. Denn man möchte schon seinesgleichen erkennen können und lanciert so nach und nach Codes, die sich in Form von neuen, weniger offensichtlichen Statussymbolen zeigen. Auf der anderen Seite aber möchte man auch den weniger gut Betuchten Respekt entgegenbringen und legt daher ein sozialverträgliches Verhalten an den Tag. Reich bleibt also reich und eben im eigenen Reich. Und das wirkt sich auch auf die Partnerwahl aus. Dass der Prinz das Mädchen von nebenan ehelicht, ist Geschichte. Heute heiratet man auf Augenhöhe und damit jemanden, der im sozialen Weltgefüge in der gleichen Liga spielt. Pilot und Stewar­dess, der CEO und die Assistentin, diese Duette finden mehr oder weniger nur noch in der Filmwelt statt. Man mag seine Ruhe haben,

The luxurious way of life I 209


FINANCE

und das eben auch in der Zweisamkeit. Wenn beide Geld und damit eben auch in der Regel Macht und Einfluss haben, dann findet kein Ungleichgewicht seinen Weg in die Beziehung. Man bleibt sich nichts schuldig, und keiner erwartet, dass einer von beiden zuhause bleibt, wenn der Nachwuchs kommt.

Man bleibt reich, lebt aber ziemlich normal Natürlich hat das neue Leben der Superreichen auch Einfluss auf die Luxusgüterindustrie. Schön schlicht, aber super exklusiv soll es sein. Unauffällig, aber idealerweise limitiert. Noch besser wäre eine Massanfertigung. Soll eben keiner sehen, ausser eben die, die es auf den ersten Blick erkennen. Und so wird der Diamant eben nicht mehr auf dem Ring, sondern in seinem Inneren platziert, und die Uhr, ja, die ist schlicht, aber eben sündhaft teuer. Und das ist irgendwie auch schon wieder lustig, auch für «Otto-Normalbürger». Da zahlst du für einen Zeitanzeiger den Jahreslohn einer Halbzeitkraft im Supermarkt und tust dann so, als wenn du sie genau in diesem Detailhandel im Ausverkauf geschossen hättest. Weniger lustig hingegen ist es, dass der Ursprung dieses neuen Verhaltens in der Finanzkrise von 2008 / 2009 zu finden ist. Viele verloren damals ihr Geld. Reiche wie weniger Betuchte. Was aber nur wenige ehrlich zugeben, ist der Fakt, dass von den wirklich Reichen viele am Ende sogar gestärkt aus dieser Zeit herausgingen und schnell wieder zu monetären Mitteln kamen, während die Mittelschicht auf der Strecke blieb. Um Neid und Missgunst vorzubeugen, begannen immer mehr Menschen der Oberschicht, ihre wirklichen Besitztümer lieber im Verborgenen zu geniessen. Oder eben unter ihresgleichen. Geheime Orte, geheime Organisationen und geheime Codes. Erst jüngst gab der Finanz-Blogger J. Money auf seinem Blog «Budgets are sexy» einen Einblick, wie er seine gesamte Umgebung glauben lässt, dass er über nicht wirklich viele finanzielle Mittel verfügen würde. Optisch vertraut er dabei auf einen auffälligen Punker-Haarschnitt und Löcher in seiner Kleidung. Er lebt minimalistisch, hat eine kleine Wohnung und ernährt sich unter der Woche von Erdnussbutter sowie Marmelade. Und das alles nur, weil er seine Ruhe will.

Man bleibt reich, urlaubt aber lieber exklusiv Vom neuen Trend profitiert übrigens vor allem die Reiseindustrie. Denn plötzlich lassen sich Schlafen im Heu und regionale Kost als Luxus verkaufen. Das ist natürlich ein bisschen überspitzt gesagt, aber Fakt ist, Menschen sind bereit, viel Geld dafür zu bezahlen, Raum, Natur und Zeit zu geniessen. Bestes Beispiel ist hier das «Six Senses Laamu»-Resort auf den Malediven. Hier ist Barfuss-Laufen Pflicht, und auch sonst steht das Ungezwungene, das «Sein», das «ist», im Fokus. Dafür werden gerne im Durchschnitt mehr als 1000 US-Dollar auf den Empfangstresen gelegt, pro Tag versteht sich. Und auch das, ja, auch das ist wieder lustig. Würde man dem Gast zuhause sagen, dass er doch bitte seine Schuhe vor der Tür parkieren solle, gäbe es böse Blicke. Hier verstaut man die Santoni-Schuhe ganz freiwillig im Köfferchen. In den europäischen und amerikanischen Urlaubsdestinationen wünscht man sich ebenfalls Exklusivität in Form von Einzigartigkeit. Boutique- und Designhotels bedienen dabei den Wunsch nach einer intimen Wohlfühl-­ Umgebung abseits von grossen 5-Sterne-Palästen. Natürlich dürfen gewisse Extras nicht fehlen, in deren Genuss eben nicht jeder kommt. Sprich: ein kleines feines Privatkonzert eines weltweiten Superstars, ein Kochkurs für zwei beim Michelin-gekrönten Küchenchef oder auch ein tierisches Erlebnis,

210 I PRESTIGE

hautnah und mit einer Spezies, die man ausser im Zoo niemals zu Gesicht bekommt. Auf der ­a nderen Seite boomt das sogenannte Medical Wellness. Natürlich in einer ebenso abgeschotteten und nur den Superreichen zugänglichen Umgebung, in der nur Spezialisten ihres Fachs tätig sind.

Man bleibt reich, zeigt das aber nicht jedem Echter Verzicht ist somit nicht das erklärte Ziel von Stealth Wealth. Vielmehr geniesst Reich sein Luxus­ leben eben nicht mehr offensichtlich, sondern entspannt in ungestörter Atmosphäre unter seinesgleichen. Man muss weniger erklären, sich oftmals auch weniger rechtfertigen. So ermahnte bereits


FINANCE

vor einigen Jahren schon Lloyd Blankfein, seines Zeichens Chef von Goldman-Sachs, seine Angestellten, Boni nicht gleich in materielle Sachwerte zu verwandeln. In ihrem Sinne und dem der Bank. Bitte. Die Sprache ist dabei jedoch nur von den weitund weltbekannten Luxusgütern. Sprich: Rolex gleich teuer. Brioni gleich teuer und exklusiv. Und Lamborghini teuer, exklusiv und verdammt schnell. Stattdessen hegt man die Liebe zum Detail und offenbart sich untereinander als superreich, indem man eben unauffällige Applikationen, unscheinbare Accessoires und versteckte Diamanten trägt. Ein schlichter Zeitmesser, stark limitiert, zeugt beispielsweise nicht nur von Geld, sondern von Sach-

verstand und dem Wissen, wie das Reich der Reichen heute mit seinem Wohlstand umgeht. Oder aber teure Edelstücke, wie die so bekannten Schuhe mit der roten Sohle, werden in Kombination mit Kleidungsstücken von Mango, H&M & Co. getragen.

Man bleibt reich, Stealth Wealth ist daher im Grunde nichts anderes als das Bio der elitären Menschenkinder. Politisch korrekt und ein Zeichen dafür, dass man Bescheid weiss. Und das ist vollkommen in Ordnung. Wirklich. Denn jeder soll leben, wie er will und wie er kann. Denn warum verzichten, wenn das Geld vorhanden ist? Ehrlich, würde man selber auch machen, wenn man könnte. Zudem ist es für den Normalsterblichen irgendwie auch ziemlich entspannend, nicht ständig den Reichtum anderer unter die Nase gerieben zu bekommen. Und das gilt übrigens auch für den Status von WhatsApp. Der kann gerne exklusiv sein, muss aber nicht jeden Tag neu angepasst werden.

The luxurious way of life I 211


FINANCE

IMMER AM

BALL BLEIBEN

W

Wir alle lieben Schneeballschlachten, aber eben nur, wenn wir nicht verlieren. Und dennoch funktioniert es immer wieder, Kunden mittels sogenannter Schneeballsysteme viel Geld aus den Rippen zu leiern. Eine Geschichte.

ie immer ist am Ende alles offen. Denn selbst verurteilt wandert man nicht gleich in den Knast, sondern kann noch die eine oder andere Berufung einlegen. Wie eben auch im Fall von Dieter Behring. Der Basler Financier hatte mit einem Schneeballsystem zahlreiche Schweizer um ihr Geld gebracht und war 2016 zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt worden. Doch man gab sich aufseiten des Angeklagten nicht geschlagen und versuchte, den Richtern einen Pfusch unterzujubeln. Nun aber soll es endlich so weit sein, und das Urteil soll – im letzten Akt – offiziell auch zu Papier und der liebe Herr Behring aus der U-Haft in den Knast gebracht werden. Und damit würde einer der grössten Betrugsfälle der Schweiz endlich einen Abschluss finden. Zumindest in diesem Fall. Denn Schneebälle werden sicher weiterrollen. Tun sie es doch schon so lange und in der Regel für viele Menschen mit grossen Verlusten und einem auf der anderen Seite strahlenden Nutzniesser.

212 I PRESTIGE

Wilma Fasola

Der Erfinder war Italiener Als Pionier, wenn nicht sogar Erfinder des betrügerischen Schneeballsystems gilt der Italiener Charles Ponzi. Dieser trieb Anfang des 20. Jahrhunderts sein Unwesen und prellte seine gutgläubigen Kunden um rund 4,3 Millionen US-Dollar. Seine Idee war dabei so einfach wie genial und basierte auf dem Handel mit internationalen Antwortscheinen der Post. Diese erwirbt ein Absender und ermöglicht dem Empfänger damit, ohne Kosten eine Antwort zu senden. Da nach dem 1. Weltkrieg die Währungen Europas gegenüber dem Dollar stark eingebüsst hatten, konnte Ponzi über den Bezug in Spanien ebendiese Scheine für einen Cent kaufen und in den USA für Briefmarken im Wert von 6 Cent eintauschen. Daraus entwickelte er ein Geschäft, schaffte sich Mitarbeiter an und wickelte alles über eine kleine Bank namens Hanover Trust Company ab. Er spuckte grosse Töne und kam damit gut an, denn wer so überzeugt tut, der muss es auch von seinem Produkt sein.


FINANCE

Doch wer kein Geld generiert, sondern lediglich umsortiert, der fliegt am Ende auf die Nase. Und zwar im Fall von Ponzi nicht, weil die Bank nicht mehr wollte. Die haben mitgemacht, wenn auch irgendwas an der Sache komisch war. Vielmehr wollte ein Kunde endlich mal so etwas wie eine Rendite sehen. Und das ist der Punkt, an dem irgendwann jedes Schneeballsystem auffliegt. Denn es basiert darauf, dass immer mehr Menschen teilnehmen, damit die ersten das Geld von den letzten erhalten können. Hört der Zustrom auf, verebbt auch der finanzielle Ausschuss. Und dann werden Fragen gestellt. Unangenehme. Und immer wieder. Im Fall von Ponzi kam am Ende raus, dass er von rund 40’000 Anlegern 10 Millionen US-Dollar kassiert hatte.

Die Königin war überzeugend Der liebe Mann wanderte daraufhin in den Knast, die gutgläubigen Investoren schauten in die Röhre. In die leere natürlich. Und so ging es auch den

Anlegern, die dem European Kings Club (EKC) glaubten. Insgesamt rund 100’000 Anleger, 20’000 davon aus der Schweiz, verloren in diesem Konstrukt 1,6 Milliarden Franken. Die Verantwortlichen in diesem Fall: Hans Günther Spachtholz und Damara Bertges. Besonders Letztere war der ­ Charakter- und denkende Kopf hinter einem Club, der weder Geschäftsmodell noch Rendite mit sich brachte. 1996 wurde das Konkursverfahren offiziell eröffnet, der Betrug selber fand zwischen 1991 und 1994 statt. Auch hier, wie so oft beim Schneeballsystem, eine einfache Idee: Man bot einfach mehr Zinsen als die Bank. Und in diesem Fall war es Königin Damara Bertges, die das wortreich und schon fast verführend ihren Anhängern vermittelte. Und wer nun denkt, dass nur Männer der Deutschen verfallen waren, der irrt. Auch für viele Frauen war sie Vorbild wie Göttin in einer Person. Ihr Versprechen: Innerhalb eines Jahres würde der Einsatz mit

The luxurious way of life I 213


FINANCE

70 Prozent verzinst. Da genug neue Mitglieder mitspielten, konnten sie die entsprechenden Beträge in den ersten beiden Jahren noch halbwegs an die Erwartenden auszahlen, dann ging es bergab. Ein Grund für den Erfolg war sicher, dass sie sich an Kleinanleger wandte, die aus dem Wenigen, was sie hatten, eben einfach mehr machen wollten. Und damit traf sie einen Nerv, denn Banken – so das Denken – wollen eben nur die mit viel Geld. Aus Kleckerbeträgen lässt sich eben nicht viel machen.

Jahr nach der Club-Gründung war die deutsche Finanzaufsichtsbehörde auf Damara und ihr Gebaren aufmerksam geworden. Doch die gab sich kämpferisch, wetterte, klagte, drohte, und hinter ihr standen die Anleger. Denn für die war klar: Der Staat mischt sich ein, weil hier endlich mal etwas für den kleinen Mann getan wurde. Staat gleich Bank, gleich Reiche werden bevorzugt. Das glaubten viele und nicht zuletzt, weil die Königin es propagierte.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Selbst im Prozess noch standen viele geprellte Anhängerinnen hinter Damara Bertges. Am Ende aber wanderte sie dennoch hinter Gitter. Offiziell acht Jahre, die verkürzt wurden. Seitdem hat man von der Schneeball-Königin nie wieder gehört. Ob sie sich im ewigen Eis versteckt oder auf den Bahamas, das bleibt daher offen. Fakt aber ist, Charakterköpfe finden immer Anhänger, die ihnen auch bis zum Ende der Welt folgen werden. Daher wird sie sicher nicht einsam sein und arm, auch das darf bezweifelt werden. Ist aber wirklich reine Spekulation.

Das Angebot das EKC war einfach. Anleger mussten 1400 Franken einzahlen, von denen 200 Franken als Provision verbucht wurden. Über ein Jahr sollten dann pro Monat 200 Franken an die Anleger ausgeschüttet werden. Insgesamt demnach 2400 Franken. Dass die ersten Gläubiger das Versprochene erhielten, half bei der Akquise. Doch schon ein

Der letzte Schneeball ist noch lange nicht geflogen Warum Schneeballsysteme auch trotz zahlreicher Negativ-Beispiele immer wieder funktionieren, liegt in der Natur der Menschen. Geld bestimmt darüber, wie man leben kann. Und wenn einer daherkommt, der einem in Zeiten von Lohn-Dumping, fehlenden Zinsen und Überteuerung von Alltagsprodukten Geld verspricht, dann wird man hellhörig und fragt zumindest mal nach. Dem Staat glaubt man zudem eh nicht mehr, den Banken noch weniger. Alternativen sind gefragt, werden geboten und genutzt. Da drückt man dann auch mal ein Auge zu, wenn es eigentlich offensichtlich ist, dass da etwas faul sein muss.

Charles Ponzi (1882 bis 1949): Pionier des Schneeballsystems

214 I PRESTIGE

Die Liste der Schneeballsystem-Täter ist daher bereits lang, und weitere Namen wie Adele Spitzeder, Reed Slatkin und Ivar Kreuger lassen sich mit zahlreichen Einträgen googeln. Und Schluss würde erst dann sein, wenn Menschen nicht mehr an Rendite interessiert wären. Das aber ist eine Sache, die utopisch ist. Wie eben auch das Beispiel von Charles Ponzi zeigt. Denn kaum auf freiem Fuss spielte der sein Spielchen an anderer Stelle – in den USA – und mit anderer Masche – Immobilien – gleich weiter. Aber auch diesmal kam man ihm auf die Schliche, und am Ende starb er krank und einsam im Jahr 1949 in Rio de Janeiro. Nicht reich, aber geschichtsträchtig.


Deine Brand-Social-Media-Plattform Lass dich von Brands, Experts, Stores und Community inspirieren!


VORSCHAU SUMMER 2018 Urbane Welten

Juwelen-Shootingstar Frisch, modern und atemberaubend reduziert: der Schmuck der gebürtigen Brasilianerin Ana Khouri. Schon längst gilt sie als der Juwelen-Shootingstar und als eine der Frauen, die die High Jewellery ins 21. Jahrhundert gebracht haben. Berühmt geworden ist sie mit ihrem sogenannten «Earcuff»-Schmuck, der mit der traditionellen Tragweise von Ohrringen bricht. Vor der Gründung ihres Labels studierte sie an Kunsthochschulen in São Paulo, New York und London, heute tragen Models und Celebrities ihren Schmuck auf den Fashion Weeks und den roten Teppichen dieser Welt.

© RM Sotheby’s

© Ana Khouri

Farbenfroh, vielschichtig und dynamisch: Die Werke der in Berlin lebenden Künstlerin Sandra Rauch begeistern mit einer virtuosen Mixtur aus den Disziplinen Malerei, Fotografie, Siebdruck und Film. Bunte Collagen im Pop-Art-Stil mit Graffiti-Elementen, Sprech­ blasen, goldigen Flächen und intensiven Farben, in denen sie berühmte Grossstädte wie New York, Berlin, Tokio oder Los Angeles mit ihren ikonischen Wahrzeichen bildgewaltig inszeniert.

Cadillac-Parade Kaum ein anderes Automobil verkörpert so sehr den amerikanischen Traum wie der Cadillac. Er steht für die Freiheit, das amerikanische Lebensgefühl und ist oft Star auf vier Rädern für die Stars auf zwei Beinen. Eine spannende Geschichte, die einst mit dem Gründer und Abenteurer Antoine Laumet de la Mothe, Sieur de Cadillac begann. Seit 1902 der erste Cadillac die Fabrik verliess, hat die Weltmarke bis heute zahlreiche Legenden erschaffen. Legenden, die ihre ganz eigene Geschichte in sich tragen und bis heute begeistern.

216 I PRESTIGE


Foto: Christoph Meissner, Retusche: Rotfilter

Machen Sie mit 30 Euro blinde Menschen wieder sehend.

licht-fuer-die-welt.de


BOUTIQUES BERLIN • FRANKFURT • MUNICH

Big Bang Meca-10 Magic Gold. Handgefertigtes Gehäuse aus kratzfester 18K Goldlegierung, kreiert und entwickelt von Hublot: Magic Gold. Manufaktureigenes Werk mit Handaufzug, 10 Tagen Gangreserve und einer innovativen Architektur inspiriert von einem Baukasten. Auf 200 Exemplare limitierte Serie.

Profile for rundschauMEDIEN AG

PRESTIGE Germany Volume 13  

PRESTIGE Germany Volume 13