Tipi – Magazin für die Familie Winter/2018

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Leben und wir

THE LONG AND WINDING ROAD

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Ist ein Song der Beatles, in dem es höchstwahrscheinlich – man weiß es nicht genau – um die verschlungenen Pfade der Liebe geht. Vielleicht geht’s in diesem Song aber auch um den langen, verhedderten Weg zu einem perfekten Weihnachtsfest? Das Leidende, Melancholische und süßlich Bittere in diesem Song lässt diesen Schluss beinahe zu. Gibt es überhaupt ein perfektes Weihnachtsfest? Und wie komm ich dahin? von peter draxl November. Sobald inmitten eines astreinen Indian Summer mit Außentemperaturen von knapp 20 Grad Celsius die ersten Naschereien oder gar Dekorationsteile in den Supermärkten auftauchen, die Richtung Weihnachten abzielen, krieg ich Angst. Was zur Hölle ... Es ist bacherlwarm draußen, die Sonne scheint, grade mal Ende Oktober, und ihr räumt schon die Christbaumkugeln plus Schokosterne mit Bananenfüllung hervor? Warum? Lasst euch doch bitte zumindest ein Monat länger Zeit oder zumindest noch zwei Wochen. Es reicht doch, wenn die ersten Punschstände oder Maronibrater Ende November aufsperren. Wie sieht denn das aus, bitte: Man steht bei einem Maronistand, im kurzärmligen T-Shirt und hat vor seinem geistigen Ohr schon „Stille Nacht“ in der Birne ablaufen? Das GEHT doch nicht. Hier hilft eindeutig Ignoranz. Konsequent wegsehen. Alles ausblenden, die Gedanken säubern von all den grauenhaften Bildern, die sofort aufblitzen wollen: Überfüllte Kaufhäuser voll geschmackloser Weihnachtsdekoration. Vollgepfropfte Spielzeugregale mit Gelumpe, das im Leben kein Kind der Welt ernsthaft haben will. Die Einkaufsstraßen voll von Kaufwütigen, die mit leeren Augen und überladenen Einkaufstaschen wie Zombies durch die Straßen zotteln. Auf allen Fernsehkanälen laufen viel zu früh, viel zu intensiv, viel zu häufig weihnachtsgetunkte Werbespots Ende nie. Aus den Bäumen in den Stadtparks wachsen urplötzlich Lichterketten, über den Straßen baumeln

überdimensionale Leuchtsterne, Leuchtkugeln, Leuchtrentiere, Leuchtpandabären … weiß der Teufel – Hauptsache irgendwas, was leuchtet. Und wir reden immer noch von November. ANFANG November. Dann bricht allerdings schon der nächste Gedankentsunami über einen herein, man besinnt sich vergangener Weihnachtsfeste: Die gesamte Familie versammelt um einen überdimensionalen Weihnachtsbaum, der sich für seinen Behang selbst schon schämt. Menschen, die angeblich mit einem verwandt sind, die man aber eben nur genau am 24. Dezember zu Gesicht bekommt, wuseln um einen herum; Geschwister, die sich 364 Tage aus dem Weg gehen, weil sie sich am liebsten die Köpfe einschlagen möchten, spielen gesellige Freundlichkeit; der jetzt schon besoffene Großonkel vierten Grades heult entweder noch vor Rührseligkeit oder erzählt schon dreckige Witze; ein Gabentisch, der übergeht vor sinnlosem, aber schön verpacktem Müll; aufgeregte, schreiende, hysterische Kinder, die es nicht mehr erwarten können, den Geschenkeberg zu stürmen; ein überzogenes 6-Gänge-Menü, das eigentlich keiner haben wollte; gezwungen freundliche Konversationen, und jeder denkt nur: Alkohol, mehr Alkohol. So. Diese Gedankenberge gilt es sofort aus dem Hippocampus zu löschen. Historisch betrachtet ist die Weihnacht ein alter heidnischer Brauch, wie so ziemlich alle

Bräuche unserer Zeit, die Konzerngiganten als Vehikel benutzen, um uns das Geld aus dem Säckel zu ziehen. Am 25. Dezember zündete der Heide jede Menge Lichter an, um andächtig den Sonnengott Sol zu ehren. Nachdem der Ungläubige mit Liturgie nichts am Fellmützchen hatte, aber ein geselliger Mensch war, lud er gerne Christen zu diesem Fest ein, die mangels Orientierung dem Angebot wohlwollend Folge leisteten. Jahr für Jahr mehrte sich die Schar der Christen, die dem heidnischen Brauch folgten, und dies blieb in Rom natürlich nicht unbemerkt. Nachdem zuvor drei Jahrhunderte lang gestritten wurde, wann denn nun der Messias tatsächlich zur Welt gekommen war, beschlossen Konstantin der Große und Papst Julius I.: Aus jetzt, wenn ihr alle ohnehin schon gemeinsam saufen geht, verfügen wir jetzt: Der 25. Dezember ist die Geburt Jesu und die wird gefeiert. Egal, was Johannes, Paulus, Clemens von Alexandria oder Julius Afrikas auf ihre Papyrusrollen an Daten gekritzelt haben – jeder nämlich komplett andere, da kennt sich doch keine Sau mehr aus, ergo ... Beschluss: 25.12. Christtag. Was haben wir daraus gemacht? Wollen wir unseren Wahnsinn tatsächlich weiter so durchziehen? Wohl kaum. Gibt es ein perfektes Weihnachten überhaupt, und wie soll das aussehen? Offen gesagt, ich habe keine Ahnung. Weihnachten ist das, was man daraus macht, es ist so individuell wie wir Menschen selbst. Vorschlag: Besinnen

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