Tipi – Magazin für die Familie Winter/2018

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Pro und Kontra

PRO Von Peter Draxl

Ja! Raus mit den Euronen, anzünden und in den Himmel schießen! Gibt es denn eine schönere Art, sein Erspartes sinnlos zu verballern, als damit das neue Jahr einzuleiten? Ähm … ja, eigentlich schon, mir fallen selbst grad Dutzende Dinge ein … Aber ist es nicht trotzdem schön, mal richtig Krach zu machen, kurz vor Mitternacht die Sonderangebotspackungen vom Hofer in Stellung zu bringen und genau bei Schlag 12 abzufeuern? Ein Eisenrohr in den hart gefrorenen Boden geschlagen, Rakete rein und Feuer frei! Der Startvorgang verbrennt dir den Rasen, wenn du mit Flasche arbeitest, kann es passieren, dass selbige sich neigt, um dein Geschoss zielgerecht ins Haus des Nachbarn zu knallen, aber was soll’s! Silvester! Die schweren Handschuhe hast du natürlich vergessen anzuziehen, die Brandnarben an deinem Handrücken sprechen eine eindeutige Sprache: Dieser Mann hat ordentlich das neue Jahr begangen! Yeah. Damit man hier auch was lernen kann: Wisst ihr, woher Silvester überhaupt kommt? Es ist ein alter germanischer Brauch. Die Germanen glaubten, dass Wotan, der zornige Kriegsgott, in den Rauhnächten zwischen 25.12. und 6.1. sein Unwesen treibe auf Erden und just am 31.12. mit seinem Gespensterheer die Lande überfällt. Um dem alten Grantscherben zu zeigen, was eine Harke ist, hat der Kelte sicherheitshalber selbst ein Höllenspektakel veranstaltet. Natürlich nicht mit der Hoferpackung, nein, die Recken zündeten Feuer an, die bis in den Himmel ragten, ließen brennende Holzräder das Tal hinabrollen, um Wotan deutlich zu demonstrieren: „Mit uns nicht! Komm du nur, trau dich!“ Was wir heute teilweise veranstalten, ist natürlich absurd. Mit dem Geld, das allein in Wien in diesen wenigen Stunden verballert wird, könnten wir das St. Anna Kinderspital die nächsten 200 Jahre durchfinanzieren. Trotzdem ist es schön anzusehen, wenn du beispielsweise auf einer Anhöhe stehst, über die große Stadt blickst und das strahlende Spektakel bestaunst. Es gehört einfach dazu. Irgendwo habe ich im Hinterkopf, dass in der Stadt Wien Feuerwerke zu Silvester verboten sind. Letzten Winter, als ich am Roten Berg stand, wäre mir das allerdings nicht aufgefallen … sei’s drum! Zu Silvester einfach zu schweigen und stillzuhalten, geht so was von gar nicht! Irgendwas muss knallen, und wenn’s nur ein Luftpfeiferl ist, ein einziges Raketerl, ein Schweizerkracher oder der Korken der Schaumweinflasche. Hallo, neues Jahr! Willkommen!

© James Pain & Sons

Feuerwerk zu Silvester

KONTRA Von Tanja Werdan

Bald sind sie wieder da, diese paar Tage nach der besinnlichen Weihnachtszeit zwischen dem 24. und 31. Dezember. Pop-upGeschäfte, die vorzugsweise das männliche Geschlecht zwischen 6 und 99 Jahren magisch anziehen und für deren Produkte sich eben diese gerne und lange in die Verkaufsschlangen einordnen. Tage davor sind die Prospekte mit leuchtenden Augen und ein bisschen Sabber auswendig gelernt und das Budget dafür großzügig festgelegt worden. Das Silvesterfeuerwerk naht! Jene aberwitzige Zeitspanne zwischen 00:00 und 00:30 Uhr im neuen Jahr, in der kostentechnisch das ganze Bruttoinlandsprodukt im wahrsten Sinne des Wortes in Schall und Rauch aufgeht. Erziehungsrichtlinien plötzlich außer Kraft gesetzt werden und Kindern und Jugendlichen gerne mal die Macht und Kraft des Feuers nähergebracht und im Selbstversuch als Anzünder praktisch vermittelt wird. Wenn dann an fast jeder Ecke gezündelt, geballert, bestaunt wird und sich die Luft langsam mit diesem „herrlich“ aromatischen Geruch zwischen verbranntem Holz und Schwefel füllt, ist wirklich endgültig mein Verständnis dafür ausgereizt – zumal ja manche übereifrige Pyromanen schon seit dem Vormittag unkoordinierte Testversuche laufen haben. Nein, ich kann einem Feuerwerk zu Silvester wirklich nichts abgewinnen. Es ist unnötig, laut, teuer, mancherorts so und so verboten und schlichtweg einfach belastend für die Umwelt. Da lobe ich mir andere europäische Länder, die entweder ganz auf die Böllerei verzichten oder sich zumindest auf ein einziges zentral gesteuertes Feuerwerk geeinigt haben. Ok, manche Silvesterbräuche um Mitternacht muten vielleicht ein wenig komisch an, wie etwa das Verzehren von zwölf Weintrauben zu jedem Glockenschlag in Spanien, das Hinauswerfen von alter Kleidung durchs Fenster in Italien oder das Orakeln der Zukunft am Kerngehäuse eines Apfels in Tschechien, aber dafür bleibt das Geld im Börserl, Tiere und Babys entspannt, und um die tagelangen Nachwehen an Mist und Nachböllerei muss man sich auch keine Sorgen machen. Auch wenn die ersten Prospekte schon bei uns gelandet sind und nicht unweit von uns zu Hause bald ein Holzhäuschen am Supermarktparkplatz aufgebaut wird, meine Hoffnung auf ein zentral gesteuertes Feuerwerk stirbt zuletzt. Bis dahin bin ich einfach nur froh, dass unsere Fenster gut isoliert sind und wir auch massive Außenjalousien haben. Guten Rusch!

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