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DIE WAHLPROGRAMME DEUTSCHER PARTEIEN UNTER DER LUPE

von Jonas Freist-Held, Thore Hagemann, Lucas Rasche & Natalie Welfens

POLIS PAPER N 6

QUO VADIS MIGRATIONSPOLITIK?


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

INHALTSVERZEICHNIS ZUSAMMENFASSUNG ................................................................................3 1. DIE LAGE ...........................................................................................4 1.1. Wir müssen noch einmal über Migration reden ......................................... 4 1.2. Wahlprogramm als Spiegel der migrations- und flüchtlingspolitischen Debatte ....................................................................................................... 5 1.3. Wahlprogramme verstehen ..................................................................... 5 1.4. Wahlprogramme beurteilen – auch aus europäischer & globaler Perspektive 6 1.5. Wahlprogramme weiterdenken ................................................................ 6

2. AUF UMWEGEN – DAS RECHT AUF SCHUTZ ................................................. 7 2.1. Die bisherige Route ................................................................................. 7 Wer profitiert von den Schutzmöglichkeiten?........................................................ 8 Immer weniger Menschen erhalten Schutz in der EU - warum? ............................... 8

2.2. Das sagen die Parteien ........................................................................... 9 2.3. Was das bedeutet .................................................................................. 9 2.4. Hinterfragt: Der Kompass auf dem Prüfstand............................................11

3. KONTROVERSE SEENOTRETTUNG UND DAS RINGEN UM SICHERE ZUGANGSWEGE NACH EUROPA ...................................................................................... 12 3.1. DIE BISHERIGE ROUTE ....................................................................... 12 3.2. DAS SAGEN DIE PARTEIEN .................................................................. 13 3.3. WAS DAS BEDEUTET ......................................................................... 14 3.4. HINTERFRAGT: DER KOMPASS AUF DEM PRÜFSTAND ................................ 15 4. JUST MARRIED – ABER ZU WELCHEM PREIS? SICHERHEITSPOLITIK UND FLÜCHLINGSSCHUTZ ............................................................................... 16 4.1. Die bisherige Route ............................................................................... 16 1


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Abkommen mit Herkunfts- und Transitstaaten ..................................................... 16 Der Kampf gegen die Schlepper ..........................................................................17 Der Schutz der EU-Außengrenze .........................................................................17

4.2. Das sagen die Parteien .......................................................................... 18 4.3. Was das bedeutet ................................................................................. 19 4.4. Hinterfragt: Der Kompass auf dem Prüfstand ..........................................20

5. FLUCHTURSACHEN - EINFACHE FORMELN TROTZ KOMPLEXER HERAUSFORDERUNGEN ........................................................................... 22 5.1. Die bisherige Route ............................................................................... 22 5.2. Das sagen die Parteien .......................................................................... 23 5.3. Was das bedeutet ................................................................................. 24 5.4. Hinterfragt: Der Kompass auf dem Prüfstand .......................................... 26

6. ÜBERFÄLLIG ODER ÜBERFLÜSSIG? - EIN EINWANDERUNGSGESETZ FÜR DEUTSCHLAND ...................................................................................... 28 6.1. 6.2. 6.3. 6.4.

Die bisherige Route .............................................................................. 28 Das sagen die Parteien ........................................................................ 29 Was das bedeutet ...............................................................................30 Hinterfragt: Der Kompass auf dem Prüfstand ....................................... 31

7. KOMMENTAR & AUSBLICK .................................................................... 32 8. DIE VERFASSERINNEN ......................................................................... 34

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ZUSAMMENFASSUNG In Zeiten einer Globalisierung, die vermehrte Arbeitsmigration mit sich bringt und große Fluchtbewegungen erlebt, muss sich Migrationspolitik auf nationaler und europäischer Ebene neu ausrichten. Was die etablierten Parteien in ihren Wahlprogrammen 2017 fordern, ist dabei nicht immer ausreichend. In diesem Polis Paper bilden daher fünf Themenkapitel (Kapitel 2-6) die aktuelle Debatte ab und geben evidenzbasierte Vorschläge, wie moderne Migrationspolitik weitergedacht werden kann.

KA PITE L 2: DI E REC HT LI CHE SI TUA TI ON VO N GEFL ÜCHT ETEN In der Theorie steht es um die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Schutz von Flüchtlingen gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention, subsidiären Schutz gemäß der EU-Richtlinie 2011/95/EU und Asyl nach dem deutschen Grundgesetz gut. Doch was nützt der progressive Rechtsrahmen, wenn er kaum Anwendung findet und die EU und Deutschland stattdessen versuchen, den Flüchtlingsschutz abzuschwächen oder ihn so weit wie möglich auszuhebeln, indem sie die Außengrenzen abriegeln? Wir fordern eine langfristige Neuausrichtung in der Anwendung des internationalen Flüchtlingsschutzes – die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen anwendbar bleiben, sonst sind sie nutzlos. Um zumindest kurzfristig den Schutz von Geflüchteten sicherzustellen, sollte die Finanzierung des UNHCR überdacht werden.

KA PITE L 3 : S EENO TRETT UNG & HUM ANIT ÄR E W EGE IN DIE EU Die aktuelle Lage für Flüchtlinge ist paradox: Für sie gibt es nur sehr selten die Möglichkeit auf ein Visum, mit dem sie per Flugzeug oder Schiff auf legalem und sicherem Wege nach Europa kommen könnten. Aber einen Asylantrag kann nur stellen, wer sich auf europäischem bzw. deutschem Boden befindet. So begeben sich Geflüchtete unter anderem auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. Die von uns vorgeschlagenen Lösungen sind Instrumente zur Öffnung legaler und sicherer Wege. Richtwerte für Kontingente sowie Aufnahmekategorien sollten sich ausschließlich nach humanitären Kriterien und nicht nach europäischen oder deutschen Eigeninteressen richten. Für komplexere Einzelfälle, die nicht von den Aufnahmekriterien abgedeckt werden schlagen wir einen von Deutschland initiierten Vorstoß vor, ein EU-Botschafts-Asyl einzurichten. Für die, denen nur die riskante Überfahrt über das Mittelmeer bleibt fordern wir ein europäisches, von Frontex unabhängiges Seenotrettungsprogramm. Und jene, deren Herkunftsländer als ‚sicher’ gelten und die deshalb wenig Chancen auf Asyl oder humanitären Schutz haben, sollten im Rahmen eines Pilotprojekts beispielweise für eine Berufsausbildung einreisen können.

KA PIT EL 4: S IC HERHEI TS POLI TI K VS . FL ÜC HT LI NGSSC HUTZ Unter der Führung Deutschlands hat sich die Architektur der europäischen Flüchtlingspolitik seit dem Sommer 2015 kräftig verändert – Migrationspolitik wurde zu Sicherheitspolitik. Die EU verbindet ihre gesamte Entwicklungszusammenarbeit zunehmend mit politischen Bedingungen, die ihre Partnerländer dazu verpflichtet, irreguläre Migration zu unterbinden – eine klassische sicherheitspolitische Angelegenheit. Dieser Ansatz ist alles andere als nachhaltig. Die EU sollte ihren sicherheitspolitischen Fokus durch einen kohärenten und holistischen Ansatz ersetzen: Menschenrechte nicht durch Abkommen mit Drittstaaten und die Externalisierung der eigenen Grenzen in Partnerländer umgehen, selbst beeinflusste Fluchtursachen aufgrund einer fehlgesteuerten Handelspolitik durch faire Handelsabkommen korrigieren und sich als Mediator und Schutzgarant für Frieden positionieren, anstatt als einer der führenden Rüstungsexporteure in Krisengebiete zu fungieren.

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KA PITE L 5 : FL UC HT URSAC HE N BE KÄM PFEN Die Parteien sind sich einig, dass die Minderung von Fluchtursachen ein Ziel deutscher Entwicklungspolitik sein muss. Für eine effektive Entwicklungszusammenarbeit gilt, dass nur durch ein langfristiges Engagement Fluchtursachen wirklich behoben werden können. Aktuelle Entwicklungszusammenarbeit verfolgt vorrangig das Ziel, potentielle Migranten durch wirtschaftliche Anreize dort zu halten, wo sie herkommen. Entwicklungszusammenarbeit wird unweigerlich zum Instrument einer Ausweitung europäischer Außengrenzen. Eine eindeutige Positionierung der neuen Bundesregierung zu diesem Thema würde der deutschen Entwicklungspolitik mehr Glaubwürdigkeit verleihen. Für einen strukturellen Umschwung empfehlen wir außerdem: langfristig mehr Arbeitsplätze schaffen durch ‚local ownership‘ in der Vergabe und Durchführung von Projekten. Entwicklungspolitische Gelder und Projekte dürfen Regime mit fragwürdigen Menschenrechtsstandards nicht weiter stützen. Der UNHCR soll außerdem reformiert werden: Geflüchteten soll es möglich werden, Lager schneller wieder zu verlassen und nicht abgeschottet und desintegriert in einem Zustand des ständigen Wartens zu verharren.

KA PITE L 6: EI N NEUES E INW ANDE RUNGS GES ETZ FÜ R DE UTSC HLAND Wir schlagen, um Transparenz zu schaffen, die Reformierung und Vereinfachung des aktuellen Zuwanderungsrechtes durch ein Einwanderungsgesetz vor. Die bisherige Konzentration auf hochqualifizierte Einwanderer lehnen wir ab. Stattdessen müssen die Vorteile der Zuwanderung geringer qualifizierter Menschen diskutiert werden. Denn die Anwerbung von Hochqualifizierten allein bedeutet die gleichzeitige Abschottung gegenüber allen anderen. Die Lösung muss in jedem Fall eine europäische sein. Die Blue-Card hat Reformbedarf, bzw. muss flächendeckend umgesetzt werden. Im Falle ihrer Reform sollte unmittelbar mitgedacht werden, reguläre Arbeitsmigration auch auf minderqualifizierte Drittstaatenangehörige auszuweiten.

1. DIE LAGE Von Natalie Welfens

1.1. W IR M ÜSSEN NOCH EINM AL ÜBER

einmal musste man eine Position zu Obergrenzen, Ab-

M IGRATION REDEN

schiebungen, dem sogenannten Dublin-System und dem

Der Sommer 2015 gilt inzwischen als historisches Ereig-

sich überschlagenden politischen Diskussionen einord-

Arbeitsmarktzugang für Flüchtlinge entwickeln, um die

nis. Seinen Ruhm verdankt er einer Abfolge von Ereig-

nen zu können. Ein Themenbereich, der in der Regel

nissen, die inzwischen unter dem Begriff ‘europäische

selbst in Rechts- und Politikwissenschaften eher am

Flüchtlingskrise’ zusammengefasst werden. Gemeint ist

Rande behandelt wird, wurde über Nacht zur Kampflinie

meist die im Sommer 2015 besonders hohe Zahl derer,

zwischen den Parteien, zur Munition für den Kampf um

die sich angesichts von Krieg, Verfolgung und humanitä-

Wählerstimmen.

ren Notständen in Flüchtlingslagern auf den Weg nach

Mit der Krisenrhetorik begann auch ein erbitterter Kampf

Europa machten, auf Schlauchbooten über das Mittel-

um die Deutungshoheit über die Ereignisse, Ursachen

meer oder zu Fuß über die sogenannte ‘Balkanroute’

und Lösungen zwischen Parteien, Regierung, Ländern,

kamen, viele von ihnen mit dem Ziel: Deutschland.

Kommunen, Nichtregierungsorganisationen (NROs) und

Der Satz “Wir schaffen das” von Bundeskanzlerin Angela

anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Wer sich im

Merkel sowie etliche Bilder von Elend, Leid und Hoff-

Internet auf die Suche macht, findet zahllose Infografi-

nung gingen um die Welt. Die Themen Flucht, Migration,

ken, Statistiken, Analysen, Prognosen, Halbwahrheiten

Integration dominierten die Schlagzeilen, Talkshows und

und Faktenchecks – viele von ihnen widersprüchlich

politischen Debatten. Noch nie haben wir so viel über

oder allzu einfach. Nur selten erreichten fundierte und

Flucht und Migration diskutiert – und gestritten. Auf

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differenzierte Analysen die breitere Öffentlichkeit. Allzu

analysiert. Die Themenschwerpunkte unserer Kapitel

oft wurden populistischen StimmungsmacherInnen statt

haben sich aus den dominanten Themen der Wahlpro-

wissenschaftlichen

Bühnen

gramme ergeben. Durch dieses Vorgehen werden teil-

überlassen. Vor allem, wenn man mit scheinbar einfa-

weise kontroverse politische Kategorien und Diskurse in

chen und radikalen Lösungen trotz aller Komplexität der

unseren Analysen übernommen, obwohl sie an und für

Problematik “Auflage machen” und Wählerstimmen

sich schon eine kritische Auseinandersetzung verlangen

gewinnen kann, bleibt für eine tiefergehende Analyse

würden. So könnte man beispielsweise debattieren,

wenig Platz.

inwiefern die kategorische Trennung von Arbeits- und

ExpertInnen

die

großen

Zwangsmigration der Realität gerecht wird und politisch Sinn macht. Ebenso werden andere Themen, die bislang

1.2. WAHLPROGRAMME ALS SPIEGEL DER

keinen Eingang in die deutsche migrationspolitische

MIGRATIONS- UND FLÜCHTLING-

Debatte gefunden haben, in diesem Rahmen nicht disku-

SPOLITISCHEN DEBATTE

tiert. Eine entsprechende Auseinandersetzung würde den

Die Vorschläge und Forderungen deutscher Parteien zur

Vorschläge orientieren sich also größtenteils an den

Rahmen dieses Papers sprengen. Unsere Analysen und

Bundestagswahl 2017 spiegeln viele Punkte der aktuellen

aktuellen politischen Rahmenbedingungen und mögli-

migrationspolitischen Debatte wider. Sie geben uns ei-

chen Opportunitätsfenstern.

nen Eindruck davon, wohin sich die Diskussion in den

Die Ergebnisse sind die Auseinandersetzungen und Re-

letzten Jahren bewegt hat und wohin sie uns führen

flektionen vier verschiedener AutorInnen mit fünf unter-

wird. Die Wahlprogramme der beiden regierenden, oft-

schiedlichen Themen, die teils mehr, teils weniger Erklä-

mals als Volksparteien klassifizierten CDU/CSU und SPD

rungen bedürfen. Daraus ergeben sich Unterschiede in

sind dafür exemplarisch: Im Unions-Wahlprogramm von

der Länge und im Stil der Beiträge, aber auch eine ab-

2013 wurde Flüchtlingspolitik noch im Kapitel ‚4.3. Viel-

wechslungsreiche Zusammenstellung. Das Paper liest

falt bereichert – Willkommenskultur schaffen‘ bei der

sich ebenso gut als themenspezifisches Dossier, wie

SPD im Kapitel ‚III.5 Gleichberechtigte Teilhabe: Für eine

auch als zusammenhängendes Gesamtwerk.

moderne Integrationspolitik‘ diskutiert. Vier Jahre später rückt die Union unter der Kapitelüberschrift ‚Europa: Mit Sicherheit!‘ das Thema in ein sicherheitspolitisches Licht.

1.3. W AHLPROGRAM M E VERSTEHEN

Bei der SPD finden sich unter dem Titel „Es ist Zeit für eine geordnete Migrationspolitik“ Forderungen, Migrati-

Zwei Jahre Debatte über Flucht, Migration und Integrati-

onsbewegungen besser zu steuern und stärker zu kon-

on. Zwei Jahre mit zahlreichen politischen Neuerungen

trollieren, wer nach Europa kommt und wer zurück in

auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene,

sein Heimatland muss. Die Ereignisse der letzten Jahre

zwei Jahre, an deren Ende trotzdem für viele immer

haben ihre Spuren in der migrationspolitischen Debatte

noch mehr Fragen als Antworten stehen. Wer gilt in

und in der Parteienlandschaft hinterlassen. Den Stand

Deutschland nun eigentlich als Flüchtling? Warum er-

dieser politischen Debatte festzuhalten und kritisch zu

trinken nach wie vor Menschen im Mittelmeer und was

beleuchten erscheint somit wichtiger denn je. Wer re-

kann die Politik dagegen tun? Was ist mit dem “Kampf

cherchiert schon auf eigene Faust die Details parteipoli-

gegen Fluchtursachen” gemeint und wie könnte ent-

tischer Forderungen, die sie oder er nicht ganz verstan-

schieden werden, wer als “EinwandererIn” in die Bun-

den hat? Wer fragt sich vor der Wahl so genau, ob die

desrepublik darf? Nur wer sich durch die Irrungen und

Forderungen aus wissenschaftlicher Perspektive eigent-

Wirrungen dieser Debatten kämpft, kann verstehen –

lich umsetzbar und aus europäischer und globaler Sicht

und bewerten! – was die Parteien in ihrem Wahlkampf

wünschenswert wären? Und wer beobachtet und disku-

für die Bundestagswahl 2017 fordern: Kontingente, Punk-

tiert im Anschluss an die Wahl, welche der Forderungen

tesysteme, die Harmonisierung des Gemeinsamen euro-

und Vorschläge letztlich Eingang in Koalitionsvertrag,

päischen Asylsystems (GEAS), Abkommen mit Drittstaa-

politische Diskussionen und Gesetzesentwürfe finden?

ten und “Non-Refoulement”. Mit den fünf Themen-

Wir.

Kapiteln (1) „Auf Umwegen - Das Recht auf Schutz“, (2) „Kontroverse Seenotrettung und das Ringen um sichere

Unser Vorgehen

Zugangswege nach Europa“, (3) „Just Married - Aber zu

Als Team von vier AutorInnen haben wir die migrations-

welchem

und flüchtlingspolitischen Aspekte der Wahlprogramme

5

Preis?

Sicherheitspolitik

und

Flüchtlings-


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schutz“, (4) „Fluchtursachenbekämpfung – Einfache

schen Pläne zum “Kampf gegen Fluchtursachen” sein

Formeln trotz komplexen Herausforderungen“ und (5)

könnten. Aus diesem Grund haben wir nach bestem

„Überfällig oder überflüssig? - Ein Einwanderungsgesetz

Wissen und Gewissen wissenschaftliche Erkenntnisse zu

für Deutschland“ wollen wir einen Überblick zu zentralen

den verschiedenen Themen zusammengetragen. Sie

Elementen der aktuellen Migrations- und Flüchtlingspoli-

bilden die Basis für unsere Kurzanalysen, die sich in

tik geben. Unsere einleitenden Zusammenfassungen in

jedem Kapitel hinter der Überschrift ‚Was das bedeutet’

den jeweiligen Themengebieten sollen Licht ins begriffli-

verstecken. Darin analysieren wir die Forderungen der

che Dunkel deutscher, europäischer und internationaler

Parteien aus wissenschaftlicher Perspektive.

Migrations- und Flüchtlingspolitik bringen. Damit wollen

Die letzten Jahre haben ebenfalls klargemacht, dass die

wir zu einer informierten Auseinandersetzung mit den

deutschen Debatten und Entscheidungen von zentraler

parteipolitischen Forderungen beitragen.

Bedeutung für die europäische und internationale Migrations- und Flüchtlingspolitik sind: Was heute in Berlin entschieden wird, hat morgen Auswirkungen in Ungarn,

1.4. W AHLPROGRAM M E BEURTEILEN –

Griechenland, Tunesien und Libyen. Gleichzeitig wurde,

AUCH AUS EUROPÄISCHER & GLOBALER

wie in kaum einer anderen Debatte der letzten Jahre,

PERSPEKTIVE

immer wieder auf die europäische und globale Solidarität gepocht, die zum Beispiel zentrales Argument für das

Wer die deutsche Flüchtlingspolitik der letzten Jahre

EU-interne ‚Relocation‘-Programm ist, bei dem Geflüch-

betrachtet und sich ausgehend von den politischen Ent-

tete aus Italien und Griechenland in andere EU-Staaten

scheidungen ein Urteil darüber machen möchte, was zu

umgesiedelt werden. Als Mitglieder eines europa- und

tun ist, wird sich schnell verlieren. Wo gestern noch für

außenpolitischen Grassroots-Thinktank, Polis180, sind

eine liberale, humanitäre Asylpolitik innerhalb Europas

wir deshalb bemüht, in unseren Analysen auch die euro-

geworben wurde, wird heute über Obergrenzen und

papolitische und globale Dimension der parteipoliti-

restriktivere Gesetze für Familienzusammenführung ver-

schen Forderungen und Vorschläge zu betrachten.

handelt. Was im Sommer 2015 noch als einzig richtige und humanitäre Lösung gefeiert wurde, muss heute mit aller Kraft verhindert werden. Die Forderungen der Par-

1.5. W AHLPROGRAM M E W EITERDENKEN

teien skizzieren von einer vollkommenen Abschottungspolitik bis hin zur Grenzöffnung für Schutzsuchende

Aus der Geschichte wissen wir nur allzu gut, dass nicht

verschiedenste Szenarien als die einzig ‚richtigen‘ Lösun-

alles, was anlässlich einer Wahl versprochen wurde,

gen. Spätestens seitdem Begriffe wie ‚post-faktisch‘ und

auch letztendlich umgesetzt wird oder werden kann – sei

‚fake news‘ an der Idee rütteln, dass es eine objektive

es, weil man es als Partei nicht in die regierungsbildende

und allgemeingültige Wahrheit gibt, die den rational

Koalition schafft, weil die eigene Verhandlungsposition

denkenden Menschen zur ‚richtigen‘ Entscheidung führt,

zu schwach ist oder sich die Einstellungen der Wähler-

werden die Konturen von ‚richtigen’ und ‚falschen‘ poli-

schaft ändern. Vorschläge und Forderungen werden

tischen Lösungen für viele unscharf. Ein Blick auf die

vergessen, verwässert, erweitert und umgeworfen. Des-

Meinungen derer, die mit ihren Einschätzungen keine

halb wollen wir in den folgenden Jahren beobachten,

Wahlen gewinnen müssen, könnte sie wieder schärfen:

ob und wie sich die Vorschläge der Parteien zu konkre-

Flucht und Migration sind Jahrtausende alte Phänomene

ten Politik-Vorhaben entwickeln. In einer gesunden De-

die lange vor dem Sommer 2015 WissenschaftlerInnen

mokratie liegt die Frage, ob und wie sich politische Plä-

weltweit interessierten. In jahrelanger, akribischer Re-

ne konkretisieren jedoch nicht nur in den Händen der

cherche haben sie zu vielen der Fragen, die auch im

Parteien, ParlamentarierInnen und der Regierung. Im

Jahre 2017 noch die deutsche Debatte prägen, geforscht,

Sinne unseres Kampagnen-Slogans ‚Demokratie braucht

Bücher, Aufsätze und Vorlesungen mit ihrem Wissen

dich‘ wollen wir vor allem junge Menschen dazu einla-

gefüllt. Trotz aller Bemühungen, ihre Expertise in die

den, gemeinsam mit uns über zukünftige Entwicklungen

Welt zu tragen, erreichen ihre Analysen oft nicht die

und Entscheidungen in der deutschen Migrations- und

breite Öffentlichkeit. So kann man es kaum jemandem

Flüchtlingspolitik nachzudenken, zu diskutieren und

verübeln, dass man den zwanzigseitigen, hinter einer

Ideen an EntscheidungsträgerInnen heranzutragen. Unse-

Pay-Wall versteckten Aufsatz zum Zusammenhang zwi-

re Denkanstöße sind ein erster Schritt, um über den

schen Entwicklungsarbeit und Migration nicht liest, um

Tellerrand der Wahlprogramme zu blicken. Ihr seid an-

einschätzen zu können, wie aussichtsreich die politi-

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DANK

derer Meinung oder habt andere Ideen für die deutsche, europäische und globale Migrations- und Flüchtlingspo-

Wir danken allen ExpertInnen, die uns inhaltlich beim

litik von morgen? Immer her damit! Lasst uns diskutie-

Erstellen dieses Papers unterstützt haben. Unser Dank

ren, streiten, Ideen entwickeln und sie in den politischen

gilt außerdem der Hertie Stiftung und dem gesamten

Diskurs tragen.

Team von Polis180.

2. AUF UMWEGEN – DAS RECHT AUF SCHUTZ Von Jonas Freist-Held

2.1. DIE BISHERIGE ROUTE

erfüllen.

2

Dann erhält sie mindestens drei Jahre

Schutz und hat das Recht, ihre Familie nachzuholen.

In Deutschland kann eine geflüchtete Person auf drei

Menschen, die aus einem Kriegsgebiet fliehen und

Arten Schutz erhalten: als Flüchtling gemäß der

dort einer ernsthaften Gefahr für Leib und Leben aus-

Genfer Flüchtlingskonvention, subsidiären Schutz

gesetzt sind, die aber keine individuelle Verfolgung

gemäß EU-Richtlinie 2011/95/EU und Asyl, wie im

nachweisen können, steht gemäß der EU-Richtlinie

deutschen Grundgesetz verankert.

3

subsidiärer Schutz zu. Dieser wird häufig für zunächst ein Jahr mit Option auf zweijährige Verlänge-

Als Mitglied der EU unterliegt Deutschland verschie-

rung gewährt. In Deutschland ist für diese Gruppe seit

denen globalen, regionalen und nationalen Konven-

der Verschärfung der Asylgesetze durch das Asylpa-

tionen, Verträgen und Gesetzen, die Implikationen für

ket II im Februar 2016 die Familienzusammenführung

den Schutzstatus und die Rechte von Geflüchteten

für zwei Jahre ausgesetzt.

haben. Auf globaler Ebene sind die Genfer Flücht-

4

Darüber hinaus haben

nach Artikel 16a des deutschen Grundgesetzes von

lingskonvention (1951) und ihr zusätzliches Protokoll

einem Drittstaat politisch Verfolgte das Recht auf drei

(1967) die zentralen Dokumente für den Flüchtlings-

Jahre Asyl in Deutschland. Seine Anwendung wurde

schutz. Mit der Europäischen Menschenrechtskon-

allerdings bereits 1993 im sogenannten Asylkompro-

vention, aufbauend auf der Universellen Erklärung der

miss durch eine Änderung des Grundgesetzes einge-

Menschenrechte (1948), gibt es zusätzlich einen regio-

5

schränkt. Menschen, die keinen Schutzstatus erhal-

nalen Rechtsrahmen, dem 47 Staaten unterliegen. Die

ten, sind ausreisepflichtig. Gibt es jedoch Abschie-

dort verankerten Rechte können vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sowohl von Individuen als auch von Staaten eingeklagt werden.

2

Artikel 1 der Genfer Flüchtlingserklärung definiert einen Flüchtling als Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung“ ihr Land verlassen musste und für die eine Rückkehr eine Gefahr darstellt. Die Verfolgung muss nicht von einer staatlichen Stelle ausgehen, sondern es reicht, wenn die staatlichen Strukturen nicht in der Lage sind, die Person zu schützen. 3 Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Subsidiärer Schutz. http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/AblaufAsylv/Schutzf ormen/SubsidiaererS/subsidiaerer-schutz-node.html 4 Pro Asyl: Asylpaket II in Kraft: Überblick über die geltenden asylrechtlichen Änderungen. https://www.proasyl.de/hintergrund/asylpaket-ii-in-kraftueberblick-ueber-die-geltenden-asylrechtlichen-aenderungen/ 5 Bundeszentrale für politische Bildung: Vor zwanzig Jahren: Einschränkung des Asylrechts 1993. http://www.bpb.de/politik/hintergrundaktuell/160780/asylkompromiss-24-05-2013

Zusätzlich verpflichtet sich die EU in der 2009 verabschiedeten Charta der Grundrechte der Europäischen Union zur Einhaltung der Menschenrechte. Im Vertrag von Lissabon visiert sie eine gemeinsame Flüchtlingspolitik an. Daher definiert seit 2011 die Richtlinie 2011/95/EU für alle 28 Mitgliedstaaten verbindliche Minimalstandards, um den Schutz von Flüchtlingen zu gewährleisten.

1

Um als Flüchtling anerkannt zu werden, muss eine Person die in Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention definierten Bedingungen individueller Verfolgung

1

Die Richtlinie löste die Vorgängerrichtlinie (2004/83/EG) ab.

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bungshindernisse wie fehlende Reisedokumente oder

Eine Abschiebung schutzberechtigter Menschen ist

gesundheitliche

diese

völkerrechtswidrig (Prinzip des non-refoulement). Das

Menschen eine Duldung. Erst wenn die Hindernisse

Einschränkungen,

erhalten

gilt bereits für Menschen, die in internationalen Ge-

beseitigt wurden, kann eine Abschiebung erfolgen.

wässern von europäischen Schiffen in Seenot gerettet werden (vgl. Kapitel 3).

W er profitiert von den Schutzm öglichke iIm m er w eniger M enschen erhalten Schutz

ten?

in der EU - w arum ?

Noch nie waren mehr Menschen auf der Flucht als heute. Laut UNHCR waren es 2016 65,6 Millionen,

Einerseits haben EU-Staaten und allen voran Deutsch-

darunter über 40,3 Millionen, die ihr Heimatland nicht

land die Staaten Bosnien-Herzegowina, Mazedonien,

verlassen haben, sogenannte Binnenvertriebene. Die

Serbien, Montenegro, Kosovo, Albanien sowie Ghana

größten Gruppen von Geflüchteten kommen aus Syri-

und den Senegal unter der Annahme, dass eine politi-

en (5,5 Millionen), Afghanistan (2,5 Millionen) und

sche Verfolgung dort nicht stattfindet, zu sicheren

dem Südsudan (1,4 Millionen). Neun von zehn Ge-

Herkunftsländern erklärt - die Chance für Menschen

flüchteten leben in Entwicklungsländern (vgl. Kapitel

aus diesen Ländern auf Schutz tendiert gegen Null.

5). Die Türkei hat in absoluten Zahlen weltweit mit 2,9

Andererseits kann nach der bestehenden Gesetzge-

Millionen Menschen die meisten Schutzsuchenden

bung eine Person nur dann internationalen Schutz

aufgenommen. Die Ankunft in Europa ist vergleichs-

beantragen, wenn sie sich in einem EU-Mitgliedsland

weise gering – 1,8 Millionen Menschen laut UNHCR

befindet. Reguläre Möglichkeiten, die EU zu errei-

im europäischen Rekordjahr 2015.

Davon kamen

chen, gibt es jedoch kaum (vgl. Kapitel 3). Ein paar

890.000 nach Deutschland. 2016 sank die Zahl der in

Tausende haben von der freiwilligen Teilnahme eini-

Deutschland

ger Mitgliedstaaten an Resettlement-Mechanismen,

6

neu

registrierten

7

Geflüchteten

auf

280.000, im ersten Halbjahr 2017 auf etwa 90.400.

8

beispielsweise des UNHCR, profitiert. Doch für die

2016 erhielt mehr als ein Drittel der AntragstellerInnen

Mehrheit der Schutzsuchenden bleibt nur der irregulä-

in Deutschland den Flüchtlingsstatus nach Genfer

re und oftmals tödliche Weg über das Mittelmeer. Seitdem 2015 mehr als 1,2 Millionen Menschen Schutz 10 in der EU beantragt haben , versucht die EU, diese Routen systematisch zu schließen und Menschen daran zu hindern, sich überhaupt auf den Weg in die EU zu machen (vgl. Kapitel 4). Wenn Menschen die EU dennoch erreichen, sind nach der Dublin IIIVerordnung allein die Erstaufnahmestaaten dazu verpflichtet, jeden Einzelfall zu prüfen und gegebenen11 falls adäquaten Schutz zu gewähren. Die Verordnung wird seit Jahren als höchst unsolidarisches Instrument kritisiert, da einige wenige Länder die Herausforderung alleine bewältigen müssen. Zwar machte Deutschland 2015 kurzzeitig Gebrauch von einer sogenannten Ermessensklausel (Artikel 17) und setzte damit das System aus, um die Einreise Hunderttausender Schutzsuchender, die an den europäischen Außengrenzen gestrandet waren, zu erlauben. Doch konnten sich die EU-Staaten bis heute nicht auf die Reform der Dublin-Verordnung und ein solidarisches

Flüchtlingskonvention (36,5%), ein Fünftel subsidiären Schutz nach der EU-Richtlinie (22,1%) und lediglich 0,3% Asyl nach dem deutschen Grundgesetz.

9

Die

Reihenfolge blieb im ersten Halbjahr 2017 gleich, wenngleich

insgesamt

weniger

AntragstellerInnen

einen positiven Bescheid erhielten (20,3% Flüchtling, 17,3% subsidiärer Schutz, 0,5% Asyl). Menschen syrischer Nationalität, mit Abstand die größte BewerberInnengruppe, erhalten zu knapp 98% einen Schutzstatus. Davon erhielt 2016 noch eine Mehrheit den Flüchtlingsstatus, seit Anfang 2017 wird allerdings vermehrt nur noch subsidiärer Schutz gewährt.

6

UNHCR: Zahlen und Fakten: https://www.unofluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten.html 7 UNHCR: Operational Portal: http://data.unhcr.org/mediterranean/regional.php 8 Bundesministerium des Innern: 90.389 Asylsuchende im ersten Halbjahr 2017, Pressemitteilung, 07.07.2017. http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/20 17/07/asylantraege-juni-2017.html?nn=3315588 9 Bundesministerium des Innern: 280.000 Asylsuchende im Jahr 2016, Pressemitteilung, 11.01.2017. http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/20 17/01/asylantraege-2016.html

10

UNHCR: Global Trends, Forced Displacement in 2015, S. 35. http://www.unhcr.org/576408cd7.pdf 11 Ausnahmen gibt es beispielsweise bei der Familienzusammenführung.

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Verteilungssystem einigen. Darunter leidet heute ins-

widrige Rücknahmeabkommen mit Herkunftsstaaten.

besondere Italien enorm.

Um einen „uneingeschränkte(n) Zugang zu einem fai-

12

ren Asylrechtsverfahren“

19

für Schutzbedürftige si-

cherzustellen, fordern sie eine Ausweitung des Resett-

2.2. DAS SAGEN DIE PARTEIEN

lement-Programms des UNHCR und die Schaffung legaler Fluchtrouten nach Europa. Auch die Grünen

Dass die Zahl der Schutzberechtigten in Deutschland

fordern mehr Solidarität innerhalb der EU.

13

„wirksam reduziert“ wurde, sieht die CDU/CSU als Erfolg ihrer Politik. Sie möchte die Liste sicherer Her-

Das Menschenrecht auf Asyl sei nicht verhandelbar,

kunftsstaaten auf Algerien, Marokko und Tunesien

sagt auch die FDP und lehnt jegliche Obergrenzen als

ausweiten und die Zahlen weiter senken. Menschen

grundgesetzwidrig ab. Allerdings möchten die Freien

ohne Schutzanspruch sollen „von der Überfahrt nach

Demokraten „effektive Mechanismen zur Entschei-

Europa abgehalten werden“. Ihren humanitären Ver-

dung über die Schutzbedürftigkeit“

pflichtungen möchte sie über Resettlement- und Relo-

und zwischen individuell Verfolgten, Kriegsflüchtlin-

cation-Programme nachkommen.

gen und dauerhaften EinwandererInnen klar unter-

14

20

weiterentwickeln

scheiden. Für Kriegsflüchtlinge soll ein eigener, tem-

Für die SPD muss das Recht auf Asyl „auch in Zu-

porärer Status geschaffen werden, „der auf die Dauer

15

kunft unangetastet bleiben“ . Gemeinsam mit dem

des Krieges begrenzt ist“.

UNHCR müsse man die Situation der Menschen auf

21

der Flucht verbessern und sichere Möglichkeiten

Die AfD

schaffen, um internationalen Schutz zu beantragen.

Schutz- und Asylgarantie abschaffen. Angesichts der

Sie unterstreicht das Gebot der Nicht-Zurückweisung

heutigen „massenhaften (…) Wanderungsbewegun-

(non-refoulement) und knüpft eine Kooperation mit

gen“

Drittstaaten an deren Einhaltung der Menschenrechte

nur möchte sie den „massenhaften Missbrauch des

und der Genfer Flüchtlingskonvention. Zudem setzt

Asylgrundrechts“

sie sich für ein solidarisches Verteilungssystem in der

beenden, sie möchte auch die „veraltete Genfer

EU ein. Wer mehr als zwei Jahre in Deutschland ar-

Flüchtlingskonvention und supra- und internationale

beitet oder zur Schule geht, ohne straffällig zu wer-

Abkommen“

den, soll bleiben dürfen.

Zurückweisung lehnt sie ab und will Geflüchtete un-

22

will die 1949

geschaffene

individuelle

sei diese unmöglich aufrechtzuerhalten. Nicht

24

23

durch eine Grundgesetzänderung

neu verhandeln. Das Prinzip der Nicht-

mittelbar in ihre Herkunftsländer oder in Aufnahme-

Mehr Solidarität in Europa fordert die Linke. Zudem

zentren nach australischem Vorbild zurückführen.

fordert sie ein Ende des Massensterbens auf dem Mittelmeer und der Akzeptanz von „rechtsfreien Räumen in Auffanglagern und Abschiebezentren vor den Grenzen der EU“

16

2.3. W AS DAS BEDEUTET

. Das Recht auf internationalen

Schutz müsse wahrgenommen werden können: „Die

Alle Parteien differenzieren zwischen Flucht und Mig-

Grenzen der EU müssen für schutzsuchende Menschen offen sein.“

ration. Dabei wird insbesondere Migration als eine

17

vorübergehende Störung der natürlichen Ordnung wahrgenommen, die es auf unterschiedliche Art und

Die Menschenrechte sind das Leitbild des außenpoli-

Weise zu steuern, zu begrenzen oder gar zu unterbin-

tischen Engagements der Grünen. Die Partei kritisiert die “inhumanen Asylrechtsverschärfungen”

18

den gilt. Während Geflüchtete als Opfer stilisiert wer-

durch

den, werden MigrantInnen als Störer empfunden.

die aktuelle Bundesregierung und menschenrechts-

Dabei geht oft verloren, dass Geflüchtete nicht nur Schutz, sondern auch eine wirtschaftliche Perspektive

12

brauchen. Gleichzeitig können aber auch als „Wirt-

The Economist: Italy is facing a surge of migration across the Mediterranean, 20.07.2017. https://www.economist.com/news/europe/21725327-economicmigrants-piling-up-italy-eu-doing-little-help-italy-facing-surge 13 CDU/CSU Wahlprogramm 2017, S. 62. 14 CDU/CSU, S. 63. 15 SPD Wahlprogramm, S. 74. 16 Die Linke, Wahlprogramm 2017, S. 107. 17 Die Linke, S. 108. 18 Grüne Wahlprogramm 2017, S. 99.

schaftsflüchtlinge“ denunzierte Migrantinnen politi19

Grüne, S. 99. FDP Wahlprogramm 2017, S. 59. 21 FDP, S. 34. 22 AfD Wahlprogramm 2017, S. 27. 23 AfD, S. 29. 24 Ibid. 20

9


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sche Gründe haben, zu migrieren. Zudem sehen die

ge, sie zeigt aber zumindest ein selektives Verständnis

Parteien Flucht und Migration als zeitlich begrenzte

internationaler Schutzverantwortung. Die Zahl der

Phänomene. Dass sie aber eine unausweichliche Fol-

Geflüchteten in Deutschland möchte sie dauerhaft

ge der voranschreitenden Globalisierung sind , geht

niedrig halten. Der bestehende Rechtsrahmen ver-

aus ihren Programmen größtenteils nicht hervor.

pflichtet Deutschland jedoch, in Not geratenen Men-

25

schen den entsprechenden Schutz zu gewähren. Al-

Die Positionen der Parteien lassen sich grob in drei

lerdings wurde in den letzten Jahren ein sehr teures

Gruppen einordnen. SPD, Grüne, Linke und die FDP

und ausgefeiltes Abwehrsystem eingerichtet (vgl. Ka-

bekennen sich klar zum internationalen Flüchtlings-

pitel 4), das die am stärksten Schutzbedürftigen sys-

schutz und betonen die internationale Verantwortung

tematisch davon abhält, die EU zu erreichen. Diesen

Deutschlands. Die legalen Möglichkeiten in der EU

Weg möchte die CDU/CSU weitergehen.

Schutz zu beantragen, wollen sie ausbauen. Eine Kooperation mit Staaten, die Menschenrechte und die

Weit rechts: Die AfD. Sie stellt den bestehenden

Genfer Flüchtlingskonvention missachten, lehnen die

Rechtsrahmen auf allen Ebenen in Frage, lehnt grund-

SPD, Grüne und Linke zumindest auf dem Papier ab.

legende Menschenrechte ab und will bestehende

Faktisch findet solch eine Kooperation unter der der-

Abkommen und Gesetze neu verhandeln oder bei

zeitigen Bundesregierung, der auch die SPD angehört,

nicht abnehmender Zuwanderung das Recht auf Asyl

allerdings bereits statt. Ebenso fordern die Parteien

gleich ganz abschaffen. Das hätte weitreichende Kon-

einen solidarischen Verteilungsmechanismus in der

sequenzen für zahlreiche Verpflichtungen und Ab-

EU und eine Stärkung des UNHCR. Die FDP möchte

kommen, die Deutschland nach dem 2. Weltkrieg

einen eigenen, temporären Status für Kriegsflüchtlinge

eingegangen ist. Würde Deutschland diesen Weg

schaffen und suggeriert durch den Vorschlag Innova-

gehen, würde es fundamentale Grundbedingungen der

tion. Nur: Derartiges wurde bereits 1993 durch den

EU-Mitgliedschaft aufkündigen.

Asylkompromiss sowie 2011 von der EU (subsidiärer

Die Erfahrungen des zweiten Weltkriegs haben die

Schutz, s.o.) eingeführt. Zudem basiert dieser Vor-

internationale Staatengemeinschaft dazu veranlasst,

schlag auf einer unrealistischen Vorstellung: ein Ende

einen weitreichenden rechtlichen Rahmen zu schaf-

bewaffneter Konflikte in Syrien, Afghanistan, dem

fen, der jedem Individuum ein Leben in Würde und

Südsudan oder Somalia ist nicht in Sicht. Stattdessen

körperlicher Unversehrtheit zusichern soll. In der EU

sollte die Politik passende Angebote schaffen, damit

wurde dieses Versprechen in die Gesetzgebung auf-

Geflüchtete in Deutschland ein neues Leben aufbauen

genommen. Auf dem Papier kann der Flüchtlings-

können.

schutz in der EU und Deutschland als einer der pro-

Alle vier Parteien wollen die Lebensbedingungen der

gressivsten weltweit bezeichnet werden. „Jeder hat

Menschen vor Ort verbessern und so die Anzahl der

das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Per-

zur Flucht gezwungenen Menschen reduzieren, je-

son“. So steht es in Artikel 3 der universellen Men-

doch nicht zu Lasten der gegenwärtigen humanitären

schenrechtserklärung, die somit einen Minimalstan-

Verantwortung. Sie versprechen einen offeneren und

dard definiert. Das Recht auf Leben hat auch die EU

humanitäreren Ansatz, als es die derzeitige Bundesre-

2009 noch in ihre Charta der Grundrechte der Euro-

gierung tut. Fraglich ist, ob solch eine Politik langfris-

päischen Union aufgenommen. In der Realität verhin-

tig wirklich zu weniger Migration führen würde, so-

dert die EU durch ihre Abschottungspolitik (vgl. Kapi-

lange die wirtschaftlichen Ungleichgewichte auf glo-

tel 4), dass Menschen diese Rechte überhaupt in An-

baler Ebene derart massiv sind (vgl. Kapitel 5).

spruch nehmen können und nimmt in Kauf, dass sie beim Versuch ihre Rechte zu erreichen, im Mittelmeer

Ein solch klares Bekenntnis zum Flüchtlingsschutz

ertrinken. Die deutsche Bundesregierung unter Füh-

lässt die Union in ihrem Wahlprogramm vermissen.

rung der CDU/CSU unterstützt den eingeschlagenen

Zwar stellt sie internationale Abkommen nicht in Fra-

Weg der EU ausdrücklich und gestaltet ihn maßgeblich mit. Zwar fordert ihr Koalitionspartner, die SPD

25

Morazán, Pedro & Mauz, Katharina: Migration und Flucht in Zeiten der Globalisierung, Südwind Institut, Bonn, 2016.

eine humanitäre Ausrichtung der Flüchtlingspolitik. Die Entscheidungen der vergangenen Jahre hat sie

https://suedwindinstitut.de/files/Suedwind/Publikationen/2016/201624%20Migration%20und%20Flucht%20in%20Zeiten%20der%20Gl obalisierung.pdf

aber größtenteils widerspruchslos mitgetragen.

10


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2.4. HINTERFRAGT: DER KOM PASS AUF

zu schützen und die internationale Lastenteilung fairer zu gestalten.

DEM PRÜFSTAND

“Global Compact on Refugees”, der die Rechte von

kaum Anwendung findet und die EU und Deutschland

Geflüchteten manifestiert und Staaten in die Pflicht

stattdessen versuchen, den Flüchtlingsschutz abzu-

nimmt, diese auch zu gewähren und ein “Global

schwächen oder ihn so weit wie möglich auszuhe-

Compact for safe, orderly and regular migration”, um

beln, indem sie die Außengrenzen abriegeln? Seit

MigrantInnen, die nicht unter den Schirm des interna-

2014 sind mehr als 12.000 Menschen im Mittelmeer

tionalen Schutzes fallen, besser zu schützen. Dabei ist

ertrunken. 2015 lag die Wahrscheinlichkeit, bei der

der Ansatz, zwischen Flucht und Migration zu unter-

Überfahrt zu ertrinken, bei 1/269. 2016 war sie bei 26

scheiden, zumindest aus humanitärer Sicht fragwür-

Ein massiver Anstieg.

dig. Denn: Kein Leben ist mehr wert als ein anderes.

Viele der Menschen, die jetzt aus Libyen über die

Es bleibt abzuwarten, worauf die Staaten sich einigen.

gefährliche zentrale Mittelmeerroute nach Europa

Klar ist jedoch: Es müssen großzügige legale Wege

aufbrechen, kommen aus Subsahara-Afrika und ha-

geschaffen

ben unter dem bestehenden Rechtsrahmen nur wenig

gen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Solange es diese

Nordafrika nach Perspektiven gesucht haben, wird oft

Perspektive nicht auch für Menschen mit weniger

Aufgrund der unmenschlichen Situation in

Qualifikationen gibt, wird sich auch das Schlepperwe-

Libyen, werden sie jedoch zu Geflüchteten – dann

sen halten und es wird weiter Tote im Mittelmeer

bleibt nur das Mittelmeer, denn der Weg zurück Grenzsicherungspolitik

auf

geben.

Anstatt die

Um zum indest kurzfristig den Schutz von Ge-

Subsahara-Afrika

flüchteten sicherzustellen, sollte die Finanzie-

auszuweiten und dam it der M obilität in einer ganzen

Region

den

Riegel

rung des UNHCR überdacht werden. Die Orga-

vorzuschieben,

nisation muss endlich mit einem eigenen operativen

sollte die EU den M enschen vor Ort und auch durch

legale

und

transparente

ihre

Wege geben, die EU zu erreichen und auf dem dorti-

ursprünglich nicht nach Europa wollten, sondern in

28

Schutzbedürftige

henden Schutzrahmen fallen, muss es mehr legale

hindern. Dass viele Menschen aus Subsahara-Afrika

durch die Sahara ist noch gefährlicher.

damit

Aber auch für Menschen, die nicht unter den beste-

die Union, diese Menschen gleich an der Überfahrt zu

27

werden,

Rechte in der EU auch in Anspruch nehmen können.

Aussicht auf Schutz. Deswegen fordert beispielsweise

ignoriert.

Bis Ende 2018 sollen auf VN-Ebene

dafür zwei “Global Compacts” erarbeitet werden: Ein

Was nützt der progressive Rechtsrahmen, wenn er

1/88.

29

Budget ausgestattet werden und politisch unabhängig

M igrations-

als Garant der internationalen Schutzrechte auftreten.

m öglichkeiten in die EU Perspektiven bieten.

Vorschläge wie dieser sind seit Jahren in der Diskus-

Sonst werden die Menschen weiter fliehen – auch wenn ihre Aussicht auf Schutz in Europa gering ist.

sion und werden in Teilen von SPD, Grünen, Linke

Daher bedarf es einer grundlegenden Neuau s-

den Status Quo. Ihr Fokus auf eine Reduzierung der

und FDP aufgegriffen. Die Union hingegen verwaltet

richtung des internationalen Flüchtlingsschut-

Schutzbedürftigen auf deutschem Boden ist ange-

zes – nicht der bestehenden Rechte, denn sie

sichts weltweit steigender Flüchtlingszahlen zynisch

sind heute w ichtiger denn je – aber des Rah-

und keinesfalls nachhaltig. Die AfD möchte sich gleich

m ens ihrer Anwendung. Im September 2016 ver-

ganz jeglicher internationaler Verantwortung entziehen

pflichteten sich die Mitgliedstaaten der Vereinten

und stellt damit eine der bedeutendsten humanitären

Nationen (VN) in der “New York Declaration for Refu-

Errungenschaften nach dem Ende des Zweiten Welt-

gees and Migrants”, Menschen auf der Flucht besser

kriegs in Frage. Der internationale Rechtsrahmen ist kein Legokasten,

26

UNHCR: Mediterranean death toll soars, 2016 is deadliest year yet, 25.10.2016. http://www.unhcr.org/news/latest/2016/10/580f3e684/mediterra nean-death-toll-soars-2016-deadliest-year.html 27 Kingsley, Patrick: The European Odyssey - the Story of Europe’s Refugee Crisis, London: Faber, 2016. 28 Kingsley, Patrick: 'They were psychopaths': how chaos in Libya fuels the migration crisis, The Guardian, 17.06.2017. https://www.theguardian.com/world/2016/jun/17/they-werepsychopaths-how-chaos-in-libya-fuels-the-migration-crisis

aus dem man sich passende Teile bei Bedarf heraussuchen kann. Die Schutzverantwortung gilt uneinge-

29

UNHCR: New York Declaration for Refugees and Migrants. http://www.unhcr.org/new-york-declaration-for-refugees-andmigrants.html

11


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schränkt. Die Rechte erreichbar zu machen, ist Aufgabe der Politik.

3. KONTROVERSE SEENOTRETTUNG UND DAS RINGEN UM SICHERE ZUGANGSWEGE NACH EUROPA von Natalie W elfens

3.1. DIE BISHERIGE ROUTE

7000,- pro Person.

tikinstrumente, um der aktuellen Situation zu begegnen.

schem bzw. deutschem Boden befindet. Die Einreise ist

Gegenwärtig operieren im Mittelmeer keine staatlichen

jedoch nur mit einer gültigen Einreisegenehmigung

bzw.

möglich, z.B. einem Tourismusvisum. Für Geflüchtete

EU-Seenotrettungsmissionen.

Alle

sogenannten

„Search and Rescue“-Missionen werden von Nicht-

gibt es nur sehr selten die Möglichkeit, ein Visum zu

Regierungsorganisationen (NROs) durchgeführt. Die ab

bekommen, mit dem sie per Flugzeug oder Schiff auf

Oktober 2013 von Italien initiierte Mission ‚Mare Nost-

legalem und sicherem Wege nach Europa kommen könnten. Die sogenannten „Carrier Sanctions“

Seenotrettungsmissionen sowie die

Schaffung legaler Zugangswege sind zwei zentrale Poli-

Einen Asylantrag kann nur stellen, wer sich auf europäi-

30

32

rum‘, die rund 130.000 Menschen vor dem Ertrinken

verhin-

retten konnte, wurde nach einem Jahr eingestellt. Grund

dern, dass Beförderungsunternehmen, z.B. Fluggesell-

dafür war die mangelnde Bereitschaft der EU-Staaten,

schaften, Menschen ohne die erforderliche Erlaubnis

Mare Nostrum in eine europäische, EU-finanzierte Mis-

nach Deutschland bringen. Andernfalls muss das Unter-

sion zu überführen. An ihre Stelle trat die Frontex-

nehmen Bußgelder zahlen, die Rückbeförderung über-

Mission Triton, die jedoch in einem weit kleineren Radi-

nehmen und kann auch für die Kosten einer Zurückoder Abschiebung verantwortlich gemacht werden.

us operiert und primär der Grenzkontrolle statt der See-

Aus diesen Gründen müssen viele Geflüchtete irregulär

gestartete Frontex-Mission „Poseidon“, an der griechi-

31

notrettung dient. Gleiches gilt für die ebenfalls in 2015

auf dem See- oder Landweg einreisen. Nur: Das wird

schen Seegrenze zur Türkei sowie weitere Frontex-

durch die Grenzpolitik der EU und Deutschland weitest-

33

Missionen im westlichen Mittelmeer. Hinzu kommt die

gehend verhindert (vgl. Kapitel 4). Geflüchtete müssen

Mission EU EUNAVFOR MED („Sophia“), die vorrangig

deshalb auf sogenannte Schlepper, Menschen, die ihnen

dem Kampf gegen Schlepper-Fluchthelfer dienen soll.

gegen Geld helfen, die Grenze irregulär zu überqueren,

Die gezielte Seenotrettung erfolgt somit durch NROs und

zurückgreifen. Die Flucht wird teuer und gefährlich: Die

private Initiativen. Inzwischen ist das Mittelmeer zur

Kosten für die Flucht nach Deutschland belaufen sich einer aktuellen Studie zufolge auf durchschnittlich €

32

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2016, http://doku.iab.de/kurzber/2016/kb2416.pdf. 33 Europäische Kommision, 2016, https://ec.europa.eu/homeaffairs/sites/homeaffairs/files/what-we-do/policies/securing-euborders/factsheets/docs/20161006/eu_operations_in_the_mediterranean_sea_ de.pdf.

30

Diese sind im EU-Recht und im Aufenthaltsgesetz § 63 und 64 der Bundesrepublik festgeschrieben. 31 Die Summe der verhängten Zwangsgelder ist in den letzten Jahren stark gestiegen und belief sich 2014 auf 2,6 Millionen Euro. 2008 waren es noch 326 000 Euro.

12


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„tödlichsten Grenze“ bislang 2169

35

34

weltweit geworden. 2017 sind

den seit 2012 20.000 Menschen Schutz gewährt. Mit

Menschen im Mittelmeer gestorben; die

dem zweiten Programm wurde humanitäre Aufnahme

Sterblichkeitsrate ist damit von 0.37% in 2015 auf 2,3% in

mit einer privaten Sponsorship-Komponente ergänzt.

2017 gestiegen.

Seit 2012 nimmt der Bund außerdem eine festgelegte

36

2016 war das bislang tödlichste Jahr,

mit mehr als 5000 Toten trotz sinkender Überfahrten.

Quote besonders schutzbedürftiger Geflüchtete im Rahmen vom Resettlement auf. Auch die EU bemüht sich

Legale und sichere Zugangswege verfolgen zwei Ziele: einerseits

ermöglichen

sie

bestimmten,

seit 2015, die Resettlementkontigente zu vergrößern und

besonders

Standards zu vereinheitlichen.

schutzbedürftigen Geflüchteten die legale und sichere Einreise. Andererseits sind sie eine Möglichkeit, den Zugang von Geflüchteten zu regulieren und zu kontrollie-

3.2. DAS SAGEN DIE PARTEIEN

ren. Je nach Programm kann dies auch mit verstärkter Grenzkontrolle und Rückführungen gekoppelt sein, wie

Die

beim Abkommen zwischen der EU und der Türkei.

CDU/CSU

fordert

eine

effektive

EU-

Außengrenzkontrolle, u.a. durch eine Stärkung der

Es lassen sich vier bislang bekannte/praktizierte Instru-

Grenzschutzagentur Frontex. Die Zahlen, derer die nach

mente zur Öffnung legaler und sicherer Wege nach Eu-

Deutschland kommen, sollen dauerhaft niedrig bleiben,

ropa unterscheiden:

damit man „den humanitären Verpflichtungen durch Resettlement und Relocation nachkommen“ könne. Zum

Humanitäre Visa werden in Einzelfällen erteilt, wenn

Thema Seenotrettung äußert sich die Partei in ihrem

sich eine Person in einer konkreten Notsituation befindet

Wahlprogramm nicht.

und sie unmittelbar, konkret und ernsthaft an Leib und

Die SPD möchte neben der Reduzierung der Einwande-

Leben bedroht ist.

rung nach Deutschland durch Abkommen mit Drittstaa-

Resettlement (dt. Neuansiedlung) bezeichnet nach der

ten

Terminologie des UNHCR die Auswahl und den Transfer

37

auch feste Aufnahmekontingente durchsetzen, bei

denen Frauen, Kinder und Familien vorrangig aufge-

verfolgter Personen aus einem Staat, in dem die Be-

nommen werden sollen. Dadurch könne man insbeson-

troffenen Schutz gesucht haben, in einen Staat, der ihrer

dere besser kontrollieren und steuern, wer nach Europa

Aufnahme als Schutzbedürftige zugestimmt hat und in

einreist. Zudem fordert sie ein europäisches Seenotret-

dem sie sich dauerhaft niederlassen und integrieren

tungsprogramm.

können.

Die Linke fordert sichere Fluchtwege, um das Sterben

Humanitäre Aufnahme ist ein Prozess, durch den ein

im Mittelmeer zu beenden. Grenzen sollten für schutzsu-

Land eine Gruppe von gefährdeten Geflüchteten, die sich

chende Menschen offen sein. Die Vorschläge der Euro-

in Drittländern befinden, anerkennt und ihn einen tempo-

päischen Kommission seien von „Repressionen und

rären Schutz aus humanitären Gründen gewährleistet.

Überwachung, Entmündigung und Entrechtung“ geprägt.

Private Sponsorship Programme bieten die Mög-

Die Grenzkontrollagentur Frontex will sie durch ein eu-

lichkeit der legalen und sicheren Einreise für Individuen

ropäisch koordiniertes Seenotrettungsprogramm erset-

bzw. Familien, sofern sich Privatpersonen im Aufnahme-

zen.

land verpflichten, die Aufnahme- und ggf. Lebenshal-

Die Grünen wollen großzügige Kontingente für eine

tungskosten zu decken.

legale Einreise von Geflüchteten aus den Anrainerstaaten

In den vergangenen Jahren hat sich die Bundesrepublik

nach Europa, auch aus der Türkei. Konkret verweisen sie

Deutschland insbesondere durch Resettlement und hu-

auf ein baden-württembergisches Aufnahmeprogramm

manitäre Aufnahmeprogramme für legale Zugangswege

für vom sogenannten Islamischen Staat (IS) verfolgte

eingesetzt. Im Rahmen von drei humanitären Aufnahme-

Frauen und Kinder als gutes Beispiel. Auch für humani-

programmen des Bundes für syrische Geflüchtete wur-

täre Visa will sich die Partei einsetzen. Darüber hinaus sollen Seenotrettungsprogramme wiedereingeführt werden.

34

International Organization for Migration (IOM), 2017, https://missingmigrants.iom.int/latest-global-figures. 35 IOM, 30.06.2017, http://missingmigrants.iom.int/. 36 Townsend: Mediterranean death rate doubles as migrant crossings fall, 20.03.2017, https://www.theguardian.com/world/2017/jun/03/mediterranean -refugees-migrants-deaths.

37

Im Gegensatz zur Union fordert die SPD, dass diese lediglich mit Staaten geschlossen werden sollten, die Menschenrechte achten.

13


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Die FDP schlägt humanitäre Visa nach Schweizer Vor-

Aktuelle Forschungsergebnisse widerlegen diese Thesen

bild sowie mehr Arbeitsmarkt- und Ausbildungsvisa als

jedoch: Obwohl 2016 nahezu keine Seenotrettungspro-

sichere Wege nach Europa vor. In Herkunfts- und Anrai-

gramme mehr im westlichen Mittelmeerraum operierten,

nerstaaten müsse für reguläre Migration geworben und

stieg die Zahl afrikanischer MigrantInnen um rund 46%.

darüber aufgeklärt werden. Frontex sei an die europäi-

Die Ursachen dieses Anstiegs hängen folglich mit der

sche Charta der Grundfreiheiten gebunden und solle

Situation in den Herkunftsregionen und nicht mit der

deswegen auch die Aufgabe der Seenotrettung wahr-

Präsenz von Seenotrettungsmissionen zusammen.

nehmen.

Forderung der AfD, in Seenot geratene Geflüchtete zu-

39

Die

rück in ihre Heimat- und Transitländer zu bringen, auch

Die AfD vertritt die Meinung, dass Asylanträge außer-

Push-Back Verfahren genannt, würde internationales

halb Europas gestellt werden sollen und das europäische

Recht verletzen und ist mit den menschenrechtlichen

Recht entsprechend angepasst werden solle. Geflüchtete

Pflichten Europas und der Bundesrepublik nicht verein-

sollen durch eine strenge Grenzschutzpolitik und extra-

bar.

territoriale Verfahren an der Einreise nach Europa gehindert werden (vgl. Kapitel 4). Die aktuellen Frontex- und

Die explizite Forderung nach Seenotrettungsprogrammen

Bundeswehrmissionen bezeichnet sie als „Schlepper-

aller anderen Parteien beschränkt sich weitestgehend

Hilfsdienste“

und fordert, dass man Geflüchtete in ihr

darauf, dass diese „europäisch“ (SPD) bzw. „europäisch

Heimat- bzw. Transitland zurück, statt nach Europa brin-

koordiniert“ sein sollten. Der genaue Umfang und die

gen solle. Das Gemeinsame europäische Asylsystem der

meist strittige Finanzierung eines solchen Programms

EU lehnt die AfD ab.

werden nicht näher diskutiert. Die unter Berufung auf die

38

europäische Grundrechtecharta formulierte Forderung der FDP, Seenotrettung müsse Aufgabe von Frontex

3.3. W AS DAS BEDEUTET

sein, erscheint angesichts Frontex bisheriger Ausrichtung und institutioneller Entwicklung wenig realistisch. Gemäß

Während das Thema Seenotrettung in den Wahlpro-

internationalem Recht sind Frontex-Missionen, ebenso

grammen 2013 noch keine Rolle spielte und die direkte

wie alle anderen Schiffe auf internationalen Gewässern,

Aufnahme von Schutzbedürftigen aus Drittstaaten im

zur Seenotrettung verpflichtet. Die ausdrückliche Priori-

CDU/CSU-Wahlprogramm von 2013 noch als „neue

40

tät von Frontex ist jedoch Grenzkontrolle.

Form des Schutzes“ bezeichnet wurde, sind beide The-

Es ist außer-

dem fraglich inwiefern eine Kombination von Grenzkon-

men inzwischen zu zentralen Elementen der parteipoliti-

trolle und Seenotrettung im Mandat von Frontex tatsäch-

schen Forderungen geworden.

lich wünschenswert wäre. Dies würde faktisch zu einer

Aus den Vorschlägen der Parteien wird jedoch auch

paradoxen Vermischung von sicherheitspolitischer Ab-

ersichtlich, dass die Vorstellungen zur genauen Ausge-

schottungs- und scheinbar humanitärer Aufnahmepolitik

staltung dieser politischen Instrumente variieren und sehr

führen.

vage bleiben. Dies gilt vor allem für den Punkt Seenot-

Die Vorschläge zu sicheren und legalen Zugangswegen

rettung, der zwar – mit Ausnahme der Union – von allen

für Schutzsuchende sind ähnlich wie beim Thema See-

Parteien angesprochen, jedoch nicht konkretisiert wird.

notrettung insgesamt vage formuliert, unterscheiden sich

In fast allen Fällen handelt es sich lediglich um eine klare

jedoch hinsichtlich der konkreten Instrumente. Die Grü-

Aussprache für (Die Linke, Die Grünen, FDP und SPD)

nen, SPD und Union fordern Kontingente, d.h. eine ent-

oder gegen (AfD) solche Programme.

weder langfristige (Resettlement) oder temporäre Auf-

Die AfD rechtfertigt ihre Ablehnung damit, dass diese

nahme

(humanitäre

Aufnahme)

„Schlepper-Hilfsdienste“ seien. Damit ist gemeint, dass

Schutzbedürftigen.

Schlepper weiterhin Menschen auf seeuntaugliche Boote

meinstrument bleibt auch die genaue Zahl, Herkunfts-

lassen würden, die, wenn sie in internationalen Gewäs-

bzw. Aufenthaltsregion und Auswahlverfahren weitest-

sern in Seenot geraten, von einer etwaigen Seenotret-

gehend unklar.

Neben

dem

von

ausgewählten

genauen

Aufnah-

tungsmission gerettet werden würden. Damit würde also eine Art Anreiz, ein sogenannter „Pull-Faktor“, für den

39

Goldsmith University/Forensic Architecture, 2017, https://blamingtherescuers.org/report/. 40 Kingsley & Trainor: EU borders chief says saving migrants' lives 'shouldn't be priority' for patrols, 22.04.2015, https://www.theguardian.com/world/2015/apr/22/eu-borderschief-says-saving-migrants-lives-cannot-be-priority-for-patrols.

irregulären Weg über das Mittelmeer geschaffen.

38

AfD Wahlprogramm 2017, S. 29.

14


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Das aktuell auf europäischer Ebene debattierte Resettle-

te – in Kombination mit einem humanitären Aufnahme-

mentprogramm wird von keiner der Parteien erwähnt.

programm - das Asylsystem entlastet werden. Die For-

Lediglich die Auswahlkriterien werden vereinzelt ange-

derung der Linken, europäische Grenzen müssten für

sprochen. Die von der SPD vorgeschlagene und von den

Schutzsuchende grundsätzlich offen sein, erscheint im

Grünen angedeutete Priorisierung von Frauen, Kindern

Vergleich wenig konkret und angesichts der aktuellen

und Familien entspricht zwar der dominanten humanitä-

politischen Lage unrealistisch. Eine ausschließlich für

ren Logik anderer Aufnahmeprogramme, reicht aller-

Schutzsuchende offene Grenze würde immer noch Ver-

dings zur Bestimmung eines besonderen Schutzbedarfs

fahren erfordern, um zu ermessen, wer als schutzsu-

nicht aus. Frauen und Kinder per se als besonders

chend gilt, und wer nicht. Damit einher geht die Frage,

schutzbedürftig zu sehen und sie deshalb für die sichere

wo diese Verfahren praktiziert werden.

Einreisemöglichkeit zu bevorzugen, zeichnet ein zu simplistisches Opferbild und spricht männlichen Ge-

3.4. HINTERFRAGT: DER KOM PASS AUF

flüchteten die besondere Schutzbedürftigkeit faktisch ab.

DEM PRÜFSTAND

Die von der CDU/CSU gewählte Formulierung legt nahe, dass eine Reduzierung der Asylbewerberzahlen Grund-

Sowohl Seenotrettung als auch sichere Zugänge nach

voraussetzung für die Einrichtung weiterer humanitärer

Europa werden kaum europäisch gedacht, obwohl

Aufnahme- und Resettlementprogramme sei. Diese soll-

gleichzeitig stets auf die europäische Dimension gepocht

ten jedoch von ihrem Grundgedanken her zusätzlich für

wird und die EU, z.B. im Bereich Resettlement, aktuell

besonders Schutzbedürftige und nicht anstatt des eigent-

konkrete Vorschläge ausarbeitet. Ein generelles Be-

lichen Asylrechts Schutz bieten. Im Gegensatz zur An-

kenntnis zu sicheren und legalen Wegen wird zwar deut-

nahme einer gruppenspezifischen Schutzbedürftigkeit

lich, allerdings kaum mit konkreten Vorschlägen zu Aus-

gehen die von der FDP und den Grünen vorgeschlage-

gestaltung und Laufzeit. Besonders bedenklich sind je-

nen humanitären Visa auf die individuelle Schutzbedürf-

doch jene Forderungen, welche die Steuerungsfunktion

tigkeit ein. Dieses Verfahren findet kaum Anwendung in

stärker als die humanitäre Dimension in den Vorder-

Europa; die letzten Jahre zeichnen einen deutlichen

grund stellen und sie faktisch als Alternative zum Grund-

Trend zu Resettlement und humanitärer Aufnahme ab.

recht auf Asyl präsentieren.

Auch ob und wie genau die Erteilung humanitärer Visa

Mittel- und langfristige Perspektiven in den Bereichen

möglich wäre, ist angesichts des letzten Urteils des Eu-

Seenotrettung und sichere Zugangswege müssten, so-

ropäischen Gerichtshofs (EuGH) schwierig zu beurteilen.

lange an bestehenden politischen Kategorien für Migran-

Dieser hatte hinsichtlich der Klage einer syrischen Fami-

tInnen und an der generellen Abschottungslogik festge-

lie, die in einer belgischen Botschaft humanitäre Visa

halten wird, den diversen Situationen Schutzsuchender

beantragt hatte, vor kurzem entschieden, dass der EU41

Visakodex nicht anwendbar sei.

gerecht werden und mehrere, ineinandergreifende Maß-

42

nahmen

Die AfD-Forderungen sind in diesem Punkt unklar und

sowie

sehr vage formuliert. Ihr Verweis auf das „australische

anvisieren.

schließlich

Modell“ suggeriert allerdings, dass sie die Anzahl der in

Richtwerte

Aufnahmekategorien nach

für

Kontingente

sollten

humanitären

sich

aus-

Kriterien,

und

nicht nach europäischen oder deutschen Eigen-

Europa ankommenden Schutzsuchenden maximal redu-

interessen richten. Eine Kombination von vier unter-

zieren und das Recht auf Asyl faktisch aushebeln will.

schiedlichen Maßnahmen könnte im zukünftigen Koaliti-

Der FDP-Vorschlag, auch über Arbeits- und Ausbil-

onsvertrag festgehalten werden:

dungsvisa sichere Zugänge zu schaffen, würde eine reale

Für besonders schutzbedürftige Personengrup-

Alternative für diejenigen bieten, die primär vor Armut

pen: Kontingente, die sich nach dem vom UN-

und nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen. Damit könn-

HCR berechneten Resettlement-Bedarf und den offiziellen

UNHCR-Auswahlkriterien

richten,

unabhängig von der Zahl, die sich selbstständig

41

Dieser wird jedoch aktuell überarbeitet. 42 Für eine detaillierte Diskussion dieser Frage siehe Endres de Olivieira, 2017, http://verfassungsblog.de/humanitaere-visa-fuerfluechtlinge-nicht-mit-der-eu/ und Ziebritzki, 2017, http://fluechtlingsforschung.net/humanitarevisa-fur-fluchtlinge-wirklich-keine-angelegenheit-der-eu/.

auf den Weg nach Europa und Deutschland macht. Für komplexere Einzelfälle, die nicht von den Aufnahmekriterien abgedeckt werden: Ein von

15


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Deutschland

initiierter

Vorstoß,

EU-

Für jene, die wenig Chancen auf Asyl oder hu-

Botschafts-Asyl einzurichten, bei dem Antrags-

manitären Schutz haben: Menschen, deren Her-

stellerInnen in ihrem Heimatland oder einem

kunftsländer als ‚sicher’ gelten und die deshalb

Drittstaat außerhalb

wenig

der EU

ein

Asyl beantragen

können.

Chancen

auf

Asyl

oder

humanitären

Schutz haben, dürfen im Rahmen eines Pilotprojekts beispielweise für eine Berufsausbildung

Für die, denen nur die riskante Überfahrt über

einreisen (vgl. Kapitel 6).

das Mittelmeer bleibt: Ein europäisches, von Frontex unabhängiges Seenotrettungsprogramm, das von allen EU-Staaten finanziert wird.

4. JUST MARRIED – ABER ZU WELCHEM PREIS? SICHERHEITSPOLITIK UND FLÜCHLINGSSCHUTZ Von Jonas Freist-Held

4.1. DIE BISHERIGE ROUTE

Auf der einen Seite hat eine zunehmend polarisiert geführte öffentliche Debatte dazu beigetragen, dass die

In Deutschland jahrelang ein vernachlässigtes Politikfeld,

Themen Flucht und Migration immer wieder in den Kon-

hat die Flüchtlingspolitik seit der Ankunft von 890.000 Flüchtlingen im Jahr 2015 ein Revival erlebt.

43

text von Bedrohungen wie Terrorismus gesetzt wurden.

Aus hu-

Als Konsequenz wurden Forderungen laut, die unkon-

manitären Gründen entschied Bundeskanzlerin Angela

trollierte Einreise müsse unterbunden werden, um Ter-

Merkel (CDU) im August 2015 die Dublin III-Verordnung

roranschläge zu verhindern. Hinzu kommt die abstrakte

der Europäischen Union (EU) – sie regelt, dass Geflüch-

Angst vor einer vermeintlichen „Überfremdung“ der

tete in dem EU-Land, in dem sie ankommen Schutz be-

deutschen Gesellschaft durch die Aufnahme von Men-

antragen müssen – auszusetzen. Damit ermöglichte sie

schen aus anderen Kulturkreisen.

Hunderttausenden an den europäischen Grenzen ge-

Während kurzfristig humanitäre Überlegungen im Vor-

strandeten Schutzsuchenden die Einreise nach Deutschland.

dergrund standen, bestimmten die Reduzierung der

Doch seitdem hat sich der Ton verändert. Bereits Ende

cherheit der europäischen Grenzen die öffentliche De-

Flüchtlingszahlen und die als gefährdet betrachtete Si-

September 2015 kündigten mehrere EU-Staaten temporär

batte. Fazit: Irreguläre Migration muss unterbunden wer-

interne Grenzkontrollen im Schengen-Raum an, darunter

den. Problem: Geflüchtete haben keine Chance auf ein

Deutschland. Die Begründung: Der Schutz der öffentli-

Visum, das eine reguläre Einreise in Europa ermöglichen

chen Sicherheit und Ordnung. Auf der einen Seite zeigte

würde – und sichere Fluchtrouten sind kaum vorhanden.

sich der deutsche Staat überfordert mit der Registrierung

Für die, die sich auf den Weg nach Europa machen,

und Versorgung der ankommenden Menschen. Das

bleiben damit nur irreguläre Routen über das Mittelmeer.

bürokratische Chaos wurde als Legitimation gesehen, die

Abkommen mit Herkunfts- und Transitstaa-

Zahl der ankommenden Menschen stärker zu regulieren.

ten

43

Bundesministerium des Innern: 280.000 Asylsuchende im Jahr 2016, Pressemitteilung, 11.01.2017. http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/20 17/01/asylantraege-2016.html

Unter der Führung Deutschlands hat sich die Architektur der europäischen Flüchtlingspolitik seit dem Sommer

16


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Der Kampf gegen die Schlepper

2015 kräftig verändert. Migrationspolitik wurde zu Sicherheitspolitik. Im März 2016 wurde das EU-Türkei-

Hotspot Libyen: aus keinem anderen Land brechen der-

Abkommen verabschiedet, in dem sich die Türkei – ein

zeit mehr Menschen in Richtung Europa auf als aus dem

wichtiges Transit- und Aufnahmeland, insbesondere für

vom Bürgerkrieg geplagten Staat in Nordafrika. 181.000

syrische Geflüchtete – dazu verpflichtet, seine Außen-

waren es laut UNHCR 2016, gut 95.000 bereits in diesem

grenzen besser zu sichern und Geflüchtete, die aus der Türkei in Griechenland ankommen, zurückzunehmen.

48

Jahr.

44

Im Gegenzug versprach die EU Geldleistungen in Höhe

dafür verantwortlich, dass so viele Menschen den ge-

von 6 Milliarden Euro für die Versorgung auf türkischem

fährlichen Weg über die zentrale Mittelmeerroute auf

Boden. Während 2015 laut UNHCR etwa 850.000 Men-

sich nehmen. Bereits im Herbst 2015 rief sie daher die

schen über die östliche Mittelmeerroute Griechenland erreichten, 12.000.

45

waren

es

2017

bisher

lediglich

Für die EU ist klar: die kriminellen Schlepper, die

sich an der libyschen Küste ausgebreitet haben, sind

Militäroperation EUNAVFOR MED, besser bekannt als

knapp

Operation Sophia, ins Leben, um zunächst die Aktivitä-

Das Abkommen gilt als Blaupause für die

ten der Schlepper zu beobachten und anschließend mit

Flüchtlingspolitik der EU, trotz massiver Kritik von Men-

Militärschiffen auf hoher See zu unterbinden.

schenrechtsorganisationen, die unter anderem die Ein-

49

Da den-

noch immer mehr Menschen in Italien ankamen, wurde

stufung der Türkei als sicheren Drittstaat anzweifeln.

die Operation im Juni 2016 ausgeweitet. Im Zuge der

Der Europäische Rat visiert ein ähnliches Abkommen mit

Mandatserweiterung beschloss die EU die libysche

Libyen an.

Auch mit Jordanien, dem Libanon, Tunesien

Grenz- und Küstenwache auszubilden, um besser gegen

sowie Niger, Nigeria, Senegal, Mali und Äthiopien sol-

die Schlepper und damit gegen die irreguläre Migration

len sogenannte Migrationspartnerschaften abgeschlos-

vorzugehen. Während in internationalen Gewässern

sen werden. Offiziell will die EU mit den Abkommen

operierende Schiffe unter EU-Flagge Menschen in See-

einen Beitrag zur Bekämpfung der Fluchtursachen leisten

not laut internationalem Recht auf EU-Territorium brin-

(vgl. Kapitel 5). Letztendlich sind die versprochenen fi-

gen müssen, darf die lybische Küstenwache Menschen

nanziellen Mittel jedoch an verschärfte Grenzkontrollen

nach Libyen zurückführen. Das macht sie zu einem at-

in den jeweiligen Staaten geknüpft. Die Ausreise potenti-

traktiven Partner gegen irreguläre Migration – und ist

46

47

eller Geflüchteter soll verhindert werden.

hochumstritten. Denn: Tausende Menschen werden in libyschen Lagern unter schlimmsten Bedingungen fest-

Damit nicht genug: die EU verbindet ihre gesamte Ent-

gehalten und gequält, wie unter anderem der VN-Bericht

wicklungszusammenarbeit zunehmend mit politischen

„Detained and Dehumanized“ (Eingesperrt und ent-

Bedingungen, die ihre Partnerländer dazu verpflichtet,

menschlicht) dokumentiert. Doch: Als Sicherheitsinteres-

irreguläre Migration zu unterbinden. Eine klassische

se deklarierte Migrationsabwehr geht vor Menschen-

sicherheitspolitische Angelegenheit. Und auch die Bun-

rechten. Die EU richtet ihre Sicherheitspolitik so auch

desregierung schließt bilaterale Abkommen und knüpft

gegen MigrantInnen.

die Zahlung von Entwicklungsgeldern an verschärfte Grenzkontrollen und die Rücknahme von „irregulären“ MigrantInnen.

Der Schutz der EU-Außengrenze Nicht ohne Stolz verkündete EU-Migrations-Kommissar Dimitris Avramopulos im Oktober 2016 den Start des Europäischen Grenz- und Küstenschutzes.

44

Europäischer Rat: Erklärung EU-Türkei, Pressemitteilung, 18.03.2016. http://www.consilium.europa.eu/de/press/pressreleases/2016/03/18-eu-turkey-statement/ 45 UNHCR: Operational Portal Mediterranean. http://data2.unhcr.org/en/situations/mediterranean 46 Europäischer Rat: Informelles Treffen auf Ebene der Staatsund Regierungschefs der EU, Malta, 03.02.2017. http://www.consilium.europa.eu/de/meetings/europeancouncil/2017/02/03-informal-meeting/ 47 Europäische Kommission: Kommission stellt neuen Migrationspartnerschaftsrahmen vor: Zusammenarbeit mit Drittländern verstärken, um Migration besser zu steuern, Pressemitteilung, 07.06.2016. http://europa.eu/rapid/press-release_IP-162072_de.htm

50

Die umge-

baute Nachfolgeorganisation der Grenzschutzagentur Frontex soll an den externen Grenzen der EU „illegale“

48

UNHCR: Operational Portal Mediterranean. http://data2.unhcr.org/en/situations/mediterranean 49 European External Action Service: EUNAVFOR MED operation SOPHIA. https://eeas.europa.eu/csdp-missionsoperations/eunavfor-med_en 50 Europäische Kommission: Sicherung der Außengrenzen Europas: Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache nimmt ihre Arbeit auf, Pressemitteilung, 06.10.2016. http://europa.eu/rapid/press-release_IP-16-3281_de.htm

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Grenzüberschreitungen verhindern. Sogenannte Interven-

Sicherheit an den europäischen Außengrenzen spielt auch

tionsteams sollen sich illegal in Europa aufhaltende

für die SPD eine tragende Rolle. Dort will sie die Kontrol-

Menschen in ihre Herkunftsländer zurückbringen. Dabei

len verstärken, damit Kriminelle und Terroristen draußen

arbeitet das EU-Personal auch mit Behörden aus Staaten

bleiben. Die Rolle des europäischen Polizeiamts Europol

zusammen, die oft undemokratisch und menschen-

und der Grenzschutzagentur Frontex soll gestärkt werden.

rechtsverletzend agieren, um die irreguläre Ausreise vor

Allerdings bekennt sie sich zu einer humanitären Flücht-

Ort zu unterbinden. Das Ganze dient dem Schutz der

lingspolitik. Geflüchtete sollen in der EU solidarisch verteilt

inneren Sicherheit, wie die EU betont. Insbesondere

werden. Die Gefahren für Flüchtende möchte sie reduzie-

grenzübergreifende Kriminalität und Terrorismus sollen

ren und ein europäisches Seenotrettungsprogramm ein-

so unterbunden werden.

führen. Für die Versorgung in der Region soll UNHCR mit einer kontinuierlichen Finanzierung ausgestattet und das

Es ist nicht neu, dass die EU gegen irreguläre Migration

humanitäre Engagement Deutschlands insgesamt ausge-

vorgeht. Doch seit 2015 hat die Intensität der Bemühun-

baut werden. Bereits auf den Fluchtrouten sollen Flücht-

gen an Fahrt gewonnen. Das Ziel ist klar: am besten

lingen Anlaufstellen zur Migrationsberatung und Versor-

sollen die Menschen gar nicht mehr irregulär nach Euro-

gung offenstehen. Abkommen mit Drittstaaten eröffnen

pa kommen. Während die EU-Mitgliedsstaaten massiv in

Chancen,

sicherheitspolitische Maßnahmen investieren, sind humanitäre Organisationen, die Flüchtlinge direkt in ihrer

51

scher Geflüchteter gedeckt , für sudanesische gar nur

vorgehen. Eine Verknüpfung von Entwicklungsgeldern mit „Maßnahmen des Grenzschutzes und der Migrationskon-

Teil einer militärischen Strategie sein“

Militäroperation Sophia einstellen und Frontex durch ein

und MigrantInnen

Seenotrettungsprogramm ersetzen. Die Partei steht für eine Flüchtlingspolitik der offenen Grenzen für Schutzsu-

abzuhalten. Für Letzteres möchte sie „gemeinsam mit 54

chende und will die Mittel für UNHCR deutlich anheben.

die Lebensbedingungen

vor Ort verbessern. Das EU-Türkei-Abkommen sieht sie

Die Grünen versprechen, dass eine Bundesregierung

als Vorbild für weitere Verträge mit afrikanischen Staaten.

unter ihrer Beteiligung eine humanitäre Führungsrolle ein-

Ihr Hauptziel: „dass die Zahl der Flüchtlinge, die zu uns kommen, dauerhaft niedrig bleibt“.

55

, sondern sich

betroffenen Menschen orientieren. Die Linke will die EU

der

ohne Schutzanspruch von der Überfahrt nach Europa internationalen Organisationen“

59

allein am Gebot der Hilfe für die von Hunger und Krieg

eingeschlagenen Weg der EU-Flüchtlingspolitik. Sie künSchleuser energisch [zu] bekämpfen“

lehnt sie ebenso ab wie die Zusammenarbeit im

men mit Drittstaaten. Internationale Hilfe dürfe „niemals

Die CDU/CSU bekennt sich in ihrem Wahlprogramm zum Aktivitäten

58

Sicherheitsbereich mit autoritären Regimen und Abkom-

4.2. DAS SAGEN DIE PARTEIEN

53

und

57

trolle“

menschenverachtenden

Europa

Fluchtwege zu blockieren“ , will sie gegen Fluchtursachen

sen ist, wird sich die Situation zeitnah nicht verbessern.

„die

nach

Jedoch möchte die SPD

desregierung. Statt „Flüchtende zu bekämpfen und deren

träge von staatlichen und privaten Geldgebern angewie-

an,

56

Die Linke kritisiert die eingeschlagene Politik der Bun-

Da UNHCR nach wie vor über kein festes operati-

ves Budget verfügt und Jahr für Jahr auf freiwillige Bei-

digt

Migration

Flüchtlingskonvention einhalten, zusammenarbeiten.

war nur 61% des Finanzbedarfs für die Versorgung syri52

„illegale

nur mit Staaten, welche Menschenrechte und die Genfer

Herkunftsregion versorgen, weiter unterfinanziert. 2016

25%.

um

Deutschland einzudämmen“.

nehmen werde. Dafür soll unter anderem die Rolle von

Das will sie errei-

UNHCR gestärkt und ein festes jährliches humanitäres

chen, indem die irreguläre Einreise von Menschen unter-

Budget von weit über einer Milliarde Euro zur Verfügung

bunden werden soll. Dafür ist sie bereit, sicherheitspoliti-

gestellt werden. Die von der EU betriebene Abschottung

sche (Grenzschutz-) Maßnahmen auszubauen.

finden die Grünen unmenschlich. Der „uneingeschränkte Zugang zu einem fairen Asylrechtsverfahren muss garantiert“

60

und die Entwicklungszusammenarbeit darf nicht an

Rückübernahmeabkommen gekoppelt sein. Abkommen

51

UNHCR: Syria Situation 2016. https://data2.unhcr.org/en/documents/download/55859 52 UNHCR: South Sudan Situation 2016. http://reliefweb.int/report/south-sudan/unhcr-south-sudansituation-2016-funding-update-20-december-2016-0 53 CDU/CSU Wahlprogramm 2017, S. 62. 54 CDU/CSU, S. 63. 55 Ibid.

56

SPD Wahlprogramm 2017, S. 75. Die Linke, Wahlprogramm 2017, S. 97. 58 Die Linke, S. 98. 59 Die Linke, S. 95. 60 Grüne Wahlprogramm 2017, S. 99. 57

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mit Drittstaaten wie den EU-Türkei-Deal, die „Umwidmung

Ausweitung und Auslagerung des Grenzschutzes legiti-

entwicklungspolitischer

mieren soll.

Gelder

für

61

menschenrechtlich

problematische Grenzschutzprojekte“ und die „De-facto-

Die irreguläre Einreise zu unterbinden steht für die Union

Auslagerung der europäischen Außengrenzen durch Mig62

rationspartnerschaften“

an erster Stelle. Sie ordnet Deutschlands humanitäre

lehnen sie entschieden ab.

Verantwortung dieser Priorität unter. Das Asylrecht stellt die Partei zwar nicht in Frage, doch die Anzahl der an-

Frontex stärken für einen effektiven Schutz der EU-

kommenden Flüchtlinge soll auf einem niedrigen Niveau

Außengrenzen, sagt die FDP – jedoch will sie die Struktur

gehalten werden. Abkommen mit Drittstaaten, stärkere

der Agentur europäisieren und das Mandat um die Hoch-

Grenzkontrollen und der militärische Einsatz gegen

seenotrettung ergänzen, um weitere Tote im Mittelmeer zu

Schlepper sind für die Union legitime Mittel, um dieses

verhindern. Das Grundrecht auf Asyl ist für sie unantastbar

Ziel zu erreichen. Damit offenbart die Union eine selekti-

und Schutzsuchenden sollen Asylanträge bereits im Ausland stellen können.

ve Auslegung internationalen Rechts (vgl. Kapitel 2). Ihre

Die AfD befürchtet massive Migrationsbewegungen von

cken sich mit dem auf der EU-Ebene eingeschlagenen

überschaubaren Ausführungen im Wahlprogramm de-

“wanderungswillige(n) (...) junge(n) Männer(n)” aus dem “Armenhaus”

63

Weg der Grenzsicherung und Migrationskontrolle mithil-

Afrika und warnt vor einer Destabilisierung

fe sicherheitspolitischer Maßnahmen. Der Einfluss von

Europas. Daher fordert sie eine umgehende Schließung

Merkels Bundesregierung auf die EU-Politik wird deut-

der Grenzen. Die EU-Staaten sollen ihre Zusammenarbeit

lich.

im Wesentlichen auf die „Sicherung der europäischen

Für die SPD heiligt der Zweck nicht die Mittel. Die euro-

64

Außengrenze konzentrieren“ . Deutsche Grenzübergänge

päischen Außengrenzen sollen besser geschützt werden,

65

sollen durch „integrierte Sicherungssysteme“ , darunter

jedoch nicht auf Kosten von Geflüchteten. Das mag zu

Zäune, streng kontrolliert werden. Frontex und die Bun-

einer paradoxen Situation führen: Wie Grüne, FDP und

deswehr sollen auf dem Mittelmeer aufgenommene Men-

CDU/CSU fordert auch die SPD, Frontex zu stärken.

schen direkt zurück in ihre Heimatländer oder nach australischem Vorbild in „außereuropäische Aufnahmezentren“

Dabei wurde die Agentur bereits Ende 2016 in den Euro-

66

päischen Grenz- und Küstenschutz umgewandelt, hat

überführen. Ländern, die sich gegen die Rückübernahme

neue Kompetenzen erhalten und soll vordergründig dazu

wehren, sollen die Entwicklungsgelder gestrichen werden.

beitragen, die irreguläre Einreise zu unterbinden. Da es

Ganz allein lassen möchte die AfD die Flüchtlinge aber

für Geflüchtete allerdings fast nur irreguläre Routen in

nicht: auch sie möchte die Mittel des UNHCR erhöhen, um geflohenen Menschen in „heimat- und kulturnahen“

die EU gibt, werden auch sie Ziel dieser Politik. Die So-

67

zialdemokraten wollen, dass Menschen bereits vor Er-

Regionen eine sichere Aufnahmemöglichkeit zu gewähren.

reichen der europäischen Grenzen durch verbesserte Beratungsangebote entlang der Fluchtrouten von ihrem Fluchtvorhaben nach Europa abgebracht werden.

4.3. W AS DAS BEDEUTET

Während die SPD sich mit konkreten Vorschlägen für

Alle Parteien plädieren für einen stärkeren Schutz der

eine bessere Zusammenarbeit auf EU-Ebene von der

europäischen Außengrenzen (wobei die AfD die deut-

CDU/CSU abgrenzt und eine humanitäre Flüchtlingspoli-

schen Grenzen schützen möchte). Die Sicherheit der

tik umreißt, hat sie den Kurs der Union in den vergange-

europäischen Grenzen wird dabei insbesondere von

nen Jahren meist widerstandslos mitgetragen. Die FDP

Union, SPD, FDP und AfD in den Kontext der irregulären

positioniert sich ähnlich wie die SPD und will parallel die

Einreise von MigrantInnen und Geflüchteten gesetzt.

reguläre Arbeitsmigration ausbauen.

Welche Gefahr von diesen Menschen ausgehen soll,

Dagegen lehnen die Grünen und die Linke den einge-

lassen die Parteien aber offen. Vielmehr entsteht ein

schlagenen Weg deutlich ab. Ihre Ansätze kämen einer

schwammiges Bild einer abstrakten Bedrohung, die eine

fundamentalen Neuausrichtung der europäischen Flüchtlingspolitik gleich. Die Grünen wollen Deutschland als

61

Grüne, S. 104. 62 Ibid. 63 AfD Wahlprogramm 2017, S. 27. 64 AfD, S. 29. 65 Ibid. 66 Ibid. 67 Ibid.

humanitäre

Führungsmacht positionieren. Das

Pro-

gramm der Linken ist von klassisch links-idealistischen und pazifistischen Standpunkten geprägt. Die Partei fordert einen offenen Zugang für alle Schutzsuchenden und Fähren statt Frontex. Beide Parteien lehnen die si-

19


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69

cherheitspolitische Ausrichtung der Migrationspolitik,

ins Kriegsgebiet

die Auslagerung von Außengrenzen und militärische

Mittelmeer, setzen die Staats- und Regierungschefs der

Einsätze in diesem Kontext ab. Ihre Forderungen unter-

EU den eingeschlagenen Kurs fort. Dabei scheuen sie

mauert die Linke jedoch mit wenig konkreten Maßnah-

auch nicht davor zurück, einst selbst gesetzte Prinzipien

men; im Gegensatz zu den Grünen, die mit konkreteren

auszuhebeln. Die Knüpfung von entwicklungspolitischen

Vorschlägen aufwarten – vorausgesetzt ein potentieller

Leistungen an sicherheitspolitische Verpflichtungen wie

Koalitionspartner macht mit. Dennoch: Sowohl eine

Migrationsprävention und Grenzkontrolle für Partnerlän-

Regierungsbeteiligung der Grünen als auch der Linken

der – oftmals gegen den Willen der jeweiligen Regierung

könnte zu einer stärkeren humanitären Ausrichtung der

– steht im Widerspruch zum Vertrag von Lissabon. Er

Flüchtlingspolitik führen. Auch die SPD und FDP unter-

verpflichtet Mitgliedstaaten dazu, die Entwicklungszu-

stützen grundsätzlich eine humanitäre Ausrichtung, in

sammenarbeit auf die Armutsbekämpfung, die Förde-

der Rolle als Juniorpartner der Union würden sie aller-

rung von Demokratie und den Schutz der Menschen-

dings wohl andere Prioritäten setzen.

rechte auszurichten.

Weit rechts von der CDU/CSU positioniert sich die AfD.

Stattdessen fördern die EU und die deutsche Regierung

Sie verspricht eine fundamentale Abkehr in der Flücht-

nun repressive Sicherheitsapparate. Offiziell verkauft

lingspolitik. Im Gegensatz zu den anderen Parteien

sich die EU zwar nach wie vor als Hüterin der Genfer

spricht sie nicht von der Sicherung der europäischen

Flüchtlingskonvention, doch die Möglichkeit überhaupt

Grenzen; die Sicherung der deutschen Grenzen hat für

Asyl in Europa zu beantragen, wird zunehmend er-

sie oberste Priorität. Migrationsbewegungen werden als

schwert. Es ist legitim die europäischen Außengrenzen

apokalyptische Bedrohung konstruiert. Statt Kooperation

vor Sicherheitsbedrohungen zu schützen. Es ist ebenso

und internationaler Verantwortung setzt sie auf massive

legitim den Überblick behalten zu wollen, wer in die EU

Abschottung. Dabei stellt sie den aus den Lehren des

ein- und ausreist. Allerdings ist der sicherheitspolitische

Zweiten

Weltkriegs

hervorgegangenen

und neuer Rekordzahlen von Toten im

humanitären

Ansatz der EU eindimensional und bietet keine Lösung

Rechtsrahmen offen in Frage (vgl. Kapitel 2). Das würde

für die humanitären Probleme. Der Kampf gegen die

Deutschlands Rolle in der Welt fundamental verändern.

Schlepper ist eine reine Bekämpfung der Symptome

Deutschland, im Herzen Europas, würde sich isolieren.

eines Systems, das Menschen in Not alleine lässt. Ihre Motivation zu fliehen verändert sich dadurch nicht. Die Not der Fliehenden ist der Nährboden für die Aktivität

4.4. HINTERFRAGT: DER KOM PASS AUF

der Schlepper. Solange diese Not fortlebt, wird es auch

DEM PRÜFSTAND

Schlepper geben. Da kann die europäische Militäroperation Sophia noch so viele Schlauchboote zerstören.

Fortress Europe – Festung Europa. Das ist die Bezeich-

Als Ergebnis einer solchen Politik werden Menschen, die

nung, die sich die EU durch die Flüchtlingspolitik der

sich trotz dieser Hürden und Hindernisse auf den Weg

vergangenen Jahre verdient hat. Zwar ist diese Beschreibung

nicht

neu

bereits

vor

2015

haben

nach Europa machen, als illegale EinwanderInnen de-

EU-

nunziert und unter Generalverdacht gestellt ein Sicher-

Mitgliedsstaaten, beispielsweise Spanien an seiner südli-

heitsrisiko zu sein. Ihre (humanitären) Bedürfnisse sind

chen Grenze, massive Abschottungsprogramme ohne

zweitrangig. Das ist absurd und pervertiert den Gedan-

großen Einspruch aufgebaut. Doch die Dimension und die Geschwindigkeit der sicherheitspolitischen Maß-

ken der internationalen Schutzverantwortung.

nahmen haben in den letzten zwei Jahren deutlich zuge-

So ein Ansatz ist alles andere als nachhaltig. Die EU

nommen. Fast gleichgültig gegenüber den zahlreichen

sollte ihren sicherheitspolitischen Fokus durch

Berichten über massive Menschenrechtsverletzungen

einen kohärenten und holistischen Ansatz erset-

68

und Sklavenhandel in libyschen Camps , der illegalen

zen und:

Ausweisung syrischer Geflüchteter aus der Türkei zurück

Menschenrechte nicht durch Abkommen mit Drittstaaten und die Externalisierung

69

Amnesty International: Turkey: Illegal mass returns of Syrian refugees expose fatal flaws in EU-Turkey Deal, Pressemitteilung, 01.04.2016. https://www.amnesty.org/en/pressreleases/2016/04/turkey-illegal-mass-returns-of-syrianrefugees-expose-fatal-flaws-in-eu-turkey-deal/

68

OHCHR: Detained and Dehumanised, Report on human rights abuses against migrants in Libya, 13.12.2017. http://www.ohchr.org/Documents/Countries/LY/DetainedAndDe humanised_en.pdf

20


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der

eigenen

Grenzen

in

Partnerländer

Aber: Migrationsbewegungen sind kein temporäres Phä-

umgehen ●

nomen. Der eingeschlagene Weg ist weder zielführend, noch löst er nachhaltig die Herausforderungen. Nur ein

Dem europäischen Grenz- und Küsten-

kohärenter Gesamtansatz kann die Chancen von Migra-

schutz ein klares Mandat zur Seenotret-

tionsbewegungen zur Geltung bringen und die Risiken

tung geben ●

für Menschen auf der Flucht und auf der Suche nach

aufhören, entwicklungspolitische Gelder

Perspektiven minimieren. Das Leben und die Unver-

für

sehrtheit dieser vulnerablen Menschen zu schützen ist

sicherheitspolitische

wehrinfrastruktur

Migrationsab-

zweckzuentfremden

eine

und sich an die ODA-Richtlinien für Entwicklungszusammenarbeit

der

OECD

70

und den Vertrag von Lissabon halten ●

in Bildung, Gesundheitsversorgung, öffentliche Infrastruktur usw. investieren

selbst beeinflusste Fluchtursachen aufgrund einer fehlgesteuerten Handelspolitik durch faire Handelsabkommen korrigieren

nachhaltige Perspektiven für die Menschen vor Ort schaffen, anstatt die Gewinnabschöpfung multilateraler Konzerne in Drittstaaten zu erleichtern

die Rolle von UNHCR stärken und die Organisation durch die Einrichtung eines festen

operativen

Budgets

von

politi-

schen Zwängen befreien ●

großzügige, glaubhafte und vor allem sichere Schutzkanäle für Menschen und insbesondere Familien und Kinder auf der Flucht vor Krieg einrichten

legale Arbeitsmigration massiv fördern und somit Menschen eine realistische Chance auf ein Leben in der EU bieten

humanitäre

Verantwortung,

der

die

Deutschland immer weniger gerecht werden.

sich als Mediator und Schutzgarant für Frieden positionieren anstatt einer der führenden Rüstungsexporteure in Krisengebiete zu sein

Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Ideen sind nicht neu. Doch der in den vergangenen Jahren eingeschlagene Weg setzt auf kurzfristige Lösungen, um die Flüchtlingszahlen in der EU zu minimieren. Migration wird als vorübergehende Störung der natürlichen Ordnung aufgefasst, als Aktivität, die grundsätzlich verboten gehört. 70

OECD: Official development assistance – definition and coverage. http://www.oecd.org/dac/stats/officialdevelopmentassistancede finitionandcoverage.htm

21

EU

und


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5. FLUCHTURSACHEN - EINFACHE FORMELN TROTZ KOMPLEXER HERAUSFORDERUNGEN von Lucas Rasche & Thore Hagemann

5.1. DIE BISHERIGE ROUTE

schwung auf dem afrikanischen Kontinent zu sorgen. Eine verbesserte Perspektive vor Ort soll die Men-

Die individuellen Motive der vielen nach Europa

schen schließlich davon abhalten, ihre Heimat zu

kommenden MigrantInnen lassen sich oftmals nicht

verlassen und sich auf den Weg nach Europa zu ma-

eindeutig kategorisieren. Eine klare Linie zu ziehen

chen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zu-

zwischen denen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen

sammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat deshalb

und solchen Menschen, die der wirtschaftlichen Per-

eine ‚Ausbildungsinitiative für Afrika’ ausgerufen. Das

spektivlosigkeit in ihrer Heimat zu entkommen versu-

Projekt soll besonders der jungen Bevölkerung eine

chen, ist in der Realität nahezu unmöglich. Denn beide

verbesserte wirtschaftliche und soziale Perspektive

Fluchtursachen treten häufiger gemeinsam als getrennt auf.

bieten und „adressiert damit eine Ursache von Wirt-

Aufgrund dieser recht problematischen

schaftsmigration“.

Unterscheidung steht den oft irreführend als ‚Wirt-

71

Im Rahmen drei sogenannter

‚Sonderinitiativen’ versucht das BMZ seit 2014, durch

schaftsflüchtlinge’ bezeichneten Menschen jedoch

die Förderung beruflicher Perspektiven und der Redu-

kein Recht auf Asyl in Deutschland zu (vgl. Kapitel 2).

zierung von Armut und Unterernährung, möglichen

In der Hoffnung diese, mehrheitlich aus Afrika kom-

Ursachen von Flucht und Migration entgegenzuwir-

mende, Migrationsbewegung nach Europa reduzieren

72

ken.

zu können, engagieren sich die EU und ihre Mitglied-

Es kann also festgehalten werden, dass sich die euro-

staaten deshalb verstärkt im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit.

päische und deutsche Entwicklungszusammenarbeit

Dieses Engagement folgt einer recht simplen Annah-

struktureller Fluchtursachen widmet.

in den letzten Jahren verstärkt einer Minderung solch

me: Durch eine verstärkte Entwicklungszusammenar-

Der aktuelle entwicklungspolitische Ansatz ist jedoch

beit sollen Armut und Perspektivlosigkeit in den Her-

umstritten. Zum einen ist unklar, in welcher Form eine

kunftsstaaten verringert werden. Der erhoffte wirt-

wachsende Wirtschaftsleistung überhaupt zur Redu-

schaftliche Aufschwung würde dann dazu führen, dass weniger Menschen zur Ausreise bewegt werden.

zierung der Migration beisteuern kann.

Entsprechende

armen Ländern zu einer (zumindest mittelfristig) zu-

Maßnahmen

auf

Kritiker be-

haupten, dass ein Mehr an Wirtschaftswachstum in

europapolitischer

Ebene sind der ‚EU Emergency Trust Fund for Africa’

nehmenden Migration beiträgt.

und das ‚New Migration Partnership Framework’. In

73

Laut diesem Argu-

beiden politischen Leitlinien lässt die EU einer Minderung der Fluchtursachen (root causes) in den Her-

71

GIZ: Ausbildungsinitiative für Afrika. https://www.giz.de/de/weltweit/43341.html. 72 BMZ : Fluchtursachen mindern – Aufnahmeregionen stabilisieren – Flüchtlinge unterstützen. http://www.bmz.de/de/themen/Sonderinitiative-Fluchtursachenbekaempfen-Fluechtlingereintegrieren/deutsche_politik/index.jsp. 73 de Haas, Hein, 2005: International Migration, Remittances and Development: myths and facts.

kunftsstaaten oberste Priorität zukommen. Auch die Bundesregierung hat sich dieser Strategie verschrieben. Mit dem Vorschlag eines ‚Marshallplan mit Afrika’ verfolgt Deutschland das Ziel, besonders durch privatwirtschaftliches Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit für einen wirtschaftlichen Auf-

22


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ment wird die Wahrscheinlichkeit einer Ausreise

Kapitel 4). Die Instrumentalisierung von Entwicklungs-

durch die zusätzlich verfügbaren finanziellen Ressour-

politik zum Zweck des Grenzschutzes ist eine der

cen, eine verbesserte Technologie, Landflucht sowie

zentralen Kritiken am aktuellen entwicklungspoliti-

durch die wachsenden Ansprüche der Menschen

schen Konsens. Darüberhinaus machen sich die eu-

verstärkt.

ropäischen Staaten durch solche Praktiken abhängig

74

Zum anderen kann ein Schwerpunkt auf

wirtschaftliche Zusammenarbeit zwar sinnvoll sein –

von der Kooperationsbereitschaft korrupter Regime.

allerdings nur dann, wenn er von politischen Reformprozessen begleitet wird. Es ist richtig, Länder aus

5.2. DAS SAGEN DIE PARTEIEN

denen Menschen aufgrund mangelnder Perspektiven fliehen, wirtschaftlich zu unterstützen und dazu beizu-

Im Namen der Humanität möchte die CDU/CSU bes-

tragen, der Bevölkerung vor Ort ein würdevolles Le-

sere Perspektiven in den Heimatländern - besonders

ben zu ermöglichen. Zur Nachhaltigkeit einer solchen

auf dem afrikanischen Kontinent - bieten. Der bereits

Strategie zählt jedoch auch, dass Korruption bekämpft

von der deutschen Regierung ins Leben gerufene

und Rechtsstaatlichkeit gleichermaßen gestärkt wer-

‚Marshallplan mit Afrika’ ist laut Union das adäquate

den. Auch stellt sich die Frage, ob das Privileg ausrei-

Mittel dafür und steht für die zentralen Vorhaben der

sen zu dürfen, nicht genauso zu einer selbstbestimm-

CDU/CSU. Er soll eine unternehmerische Kultur mit

ten Existenz gehört, wie die Chance auf wirtschaftli-

mittelständischen

che Teilhabe in der Heimat. Ebenso birgt eine ver-

Unternehmen

als

eigenständiger

Hauptstütze der Wirtschaft in afrikanischen Ländern

stärkte Einbindung des Privatsektors in die Entwick-

entstehen lassen. Hierfür sollen vor allem private In-

lungszusammenarbeit das Risiko, dass private Inves-

vestitionen mobilisiert werden. Des Weiteren soll im

toren weniger an der wirtschaftlichen Entwicklung

Rahmen der EU-Migrationspartnerschaften an einer

eines Landes, als an den eigenen Profiten interessiert

Minderung

sind. Der im Rahmen des ‚Marshallplan mit Afrika’

struktureller

Fluchtursachen

gearbeitet

werden.

präsentierte ‚Africa Agriculture and Trade Investment Fund’ (AATIF) verdeutlicht die Probleme solch in-

Die SPD fordert einen Ausbau der Entwicklungszu-

transparenter Praktiken. Laut eines aktuellen Berichts,

sammenarbeit, gemeinsam mit den Gewerkschaften,

hat das Engagement eines privaten Investors in Sam-

Kirchen, Unternehmen und Nichtregierungsorganisati-

bia zu 20 Prozent weniger Arbeitsplätzen innerhalb

onen, um "zerfallende Staaten zu stabilisieren und

eines lokalen ‚Vorzeigeprojekts’ geführt.

75

Wichtig ist

Gewalt und Bürgerkriege einzudämmen".

76

Entwick-

deshalb, dass der Verlust von Arbeitsplätzen durch

lung in ländlichen Regionen soll durch eine Förderung

einen strukturellen Wandel der Wirtschaft anderweitig

der Kleinbauern und -bäuerinnen gestärkt werden.

kompensiert wird. Auch öffentliche Investoren haben

Entsprechend einer auf VN-Ebene vereinbarten Quo-

dies in der Vergangenheit zu oft versäumt.

te, sollen hierfür mindestens 0,7 Prozent des BIP aufgebracht werden – ausschließlich der Ausgaben für in

Hinzu kommt, dass die eigentliche Zielsetzung Flucht-

Deutschland aufgenommene Flüchtlinge. Geflüchteten

ursachen zu reduzieren, zunehmend dazu missbraucht

Menschen soll frühzeitig in ihren Herkunftsregionen

wird, Europa immer weiter abzuschotten. Besonders

geholfen werden. Dafür sollen Anlaufstellen entlang

problematisch ist hierbei der Versuch, entwicklungs-

der Fluchtrouten geschaffen werden, an denen Nah-

politische Zusammenarbeit abhängig von der Koope-

rung, medizinische Versorgung sowie eine Beratung

rationsbereitschaft im Bereich des Grenzschutzes und

über die Alternativen zur Flucht angeboten werden.

der Rücknahme von MigrantInnen zu machen (vgl.

Die SPD setzt sich dafür ein, Fluchtursachen einzudämmen, indem vor Ort Perspektiven geschaffen

http://policydialogue.org/files/events/de_Haas_International_Mig ration_Remittances_Development.pdf. 74 Clemens, M.A., 2014: Does Development Reduce Migration? http://ftp.iza.org/dp8592.pdf; Clemens, M.A., 2016: Development Aid to Deter Migration Will Do Nothing of the Kind. https://www.newsdeeply.com/refugees/community/2016/10/31/ development-aid-to-deter-migration-will-do-nothing-of-thekind. 75 MONITOR: G20 Gipfel: Wer profitiert vom „Marshall Plan“ für Afrika?, 06.07.2017. http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/afrika-politik104.html.

werden, z. B. durch faire Partnerschaftsabkommen der EU mit afrikanischen Staaten und die Errichtung einer afrikanischen Freihandelszone. Die Linke fordert eine Neuausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit, die sich zum Ziel setzt, Reichtum radikal umzuverteilen, Landraub zu verhindern

76

23

SPD Wahlprogramm 2017, S.58.


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und weltweite Handels- und Wirtschaftsbeziehungen

einer rasch wachsenden Bevölkerung, fehlender Ge-

so zu gestalten, dass alle Menschen sich sozial, kultu-

burtenkontrolle

rell und politisch entfalten können. Als Referenz gel-

standsgefälles zu Europa gezeichnet. Die AfD schluss-

ten die nachhaltigen Entwicklungsziele der VN für

folgert, dass sich Deutschland in naher Zukunft mit

deren Umsetzung Deutschland 0,7 Prozent des BIP

den "Dimensionen einer Völkerwanderung" konfron-

aufbringen sollte. Die Linke sieht Fluchtursachen vor

tiert sehe, die mit einer "Selbstzerstörung unseres

allem als Resultat der Ungleichheit zwischen Arm und

Staates" einher gehe.

Reich und unfairen Handelsbeziehungen. Geflüchtete

zuwenden erklärt sich die AfD bereit, "ökonomische

über viele Jahre in Flüchtlingslagern unterzubringen

Fluchtursachen zu vermeiden" und fordert eine Erhö-

schaffe Probleme anstatt diese zu beheben. Die Un-

hung der finanziellen Mittel für den UNHCR. Dieser

terfinanzierung

der

internationalen

sowie

80

eines

bestehenden

Wohl-

Um ein solches Szenario ab-

Flüchtlingshilfe

soll allerdings hauptsächlich in sogenannten "heimat-

müsse deshalb beendet und der UNHCR gestärkt

und kulturnahen Regionen" für Aufnahmemöglichkei-

werden

ten von Geflüchteten sorgen.

81

Die Grünen fordern, dass Entwicklungspolitik die strukturellen Ursachen der Zerstörung von Lebens-

5.3. W AS DAS BEDEUTET

grundlagen, wie z.B. Ungleichheit, Armut, Hunger, Klima- und Ressourcenkrisen sowie gewaltsame Kon-

Auf

flikte langfristig behebt. Sie orientieren sich dabei an den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs). Die Grü-

Beiträge

für

die

Diskurses

kerungsgruppen, schlechte Regierungsstrukturen und

gestellt werden und sprechen sich für eine Stabilisiehumanitären

wissenschaftlichen

sind Probleme wie Armut, Diskriminierung von Bevöl-

leistung für die Entwicklungszusammenarbeit bereitder

des

und akuten Fluchtursachen. Strukturelle Ursachen

nen versprechen, dass 0,7 Prozent der Wirtschafts-

rung

Grundlage

ergibt sich eine Unterscheidung zwischen strukturellen

Klimaveränderungen.

VN-

Von

akuten

Fluchtursachen

spricht man bei gewaltsamen Konflikten oder Genozi-

Hilfsorganisation von weit über eine Milliarde Euro

den. Es bleibt jedoch anzumerken, dass auch den

aus. Darüber hinaus setzt sich die Partei für eine akti-

‘akuten’ Fluchtursachen strukturelle Probleme zu-

vere EU-Politik zur Bewältigung von Krisen und Krie-

grunde liegen und diese Unterscheidung deshalb in

gen ein, besonders durch zivile Krisenprävention im

der Praxis äußerst fragwürdig bleibt. Auf den ersten

Rahmen der VN. Des Weiteren soll ein „Rat für Frie-

Blick wird klar: Für die unterschiedlichen Ursachen

den, Nachhaltigkeit und Menschenrechte“ der Bun-

müssen auch unterschiedliche Lösungen her. Ein ge-

desregierung mit Blick auf Widersprüche von Han-

waltsamer Konflikt lässt sich nicht ausschließlich mit

dels-, Agrar- und Außenpolitik prüfend und beratend

Geld oder Entwicklungshilfe lösen, wie der Bürger-

77

zur Seite stehen.

krieg in Syrien momentan beweist. Diese Unterscheidung findet sich, wenn auch weniger direkt, in den

Die FDP fordert eine europäisch abgestimmte Entwicklungszusammenarbeit, die eine "Integration der

Parteiprogrammen wieder.

deutschen

Die Grundidee einer Minderung struktureller Proble-

kann.

78

und

lokalen

Privatwirtschaft"

initiieren

Durch Entwicklungspartnerschaften mit der

me nehmen alle Parteien mehr oder weniger explizit

Hilfe neuer Geber soll die lokale Wirtschaft stärker

auf. Die Parteien weichen dabei kaum vom bestehen-

werden. Gleichzeitig soll eine Überprüfung der Agrar-

den Ansatz der europäischen Entwicklungszusam-

und Exportsubventionen Deutschlands und der EU

menarbeit ab. Entsprechend werden häufig die öko-

stattfinden, um eine kohärente Entwicklungspolitik zu

nomischen Fluchtursachen in den Vordergrund ge-

ermöglichen. Des Weiteren beabsichtigt die FDP Kri-

rückt. Geldtransfers oder Wirtschaftswachstum wer-

senprävention und Konfliktbewältigung zu stärken.

den als vergleichsweise einfache Lösung im Umgang mit Fluchtursachen präsentiert. So wollen alle Parteien – mit Ausnahme der AfD – Entwicklungsgelder

Laut AfD stellt der afrikanische Kontinent ein "Armenhaus der Welt" dar.

79

generell anheben und der Entwicklungszusammenar-

Entsprechend wird das Bild

beit eine gewichtigere Rolle zugestehen. Mit Bezug auf ein prognostiziertes Bevölkerungswachstum be-

77

Grüne Wahlprogramm 2017, S.81. FDP Wahlprogramm 2017, S.60. 79 AfD Wahlprogramm 2017, S.28. 78

80 81

24

AfD Wahlprogramm 2017, S.28 Ibid.


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

85

hauptet lediglich die AfD, „dass die Dimension des

beenden“.

afrikanischen Problems“ zu gewaltig sei, als das mit

Probleme einer privat finanzierten Entwicklungszu-

Entwicklungspolitik geholfen werden könne.

sammenarbeit verdeutlichen, dass mehr Transparenz

plädiert für eine „Hilfe zur Selbsthilfe“.

82

83

Sie

und Nachhaltigkeit erforderlich sind, wird von keiner der übrigen Parteien ein konstruktiver Vorschlag ge-

Dahingehend, wie diese strukturellen Fluchtursachen behoben

werden

sollen,

unterscheiden

Während die oben angesprochenen

sich

macht, wie dies zu erreichen wäre. Die zum Teil prob-

die

lematischen Zielsetzungen einer Entwicklungspolitik,

Wahlprogramme der einzelnen Parteien. Die Pro-

die durch öffentliche Mittel finanziert ist, werden je-

gramme der CDU/CSU, der SPD und der FDP legen

doch ebensowenig angesprochen. Um den wirtschaft-

besonderen Wert darauf, die lokale Wirtschaft zu

lichen und politischen Herausforderungen auf dem

stärken und sprechen sich somit für den bestehenden

afrikanischen Kontinent gerecht werden zu können,

entwicklungspolitischen Konsens aus. Die Linke hin-

reichen öffentliche Gelder allein nicht aus. Parteiüber-

gegen fordert eine grundsätzliche, globale Umvertei-

greifend scheint hier eine gewisse Ratlosigkeit zu exis-

lung des Reichtums. Mit Hinblick auf die Einhaltung

tieren.

nachhaltiger Entwicklungsziele schlagen die Grünen die Schaffung eines ‚Rats für Frieden, Nachhaltigkeit

Auffällig ist außerdem, dass sich das linke Parteien-

und Menschenrechte’ vor. Damit positionieren sich

spektrum (Linke, die Grünen und SPD) gemeinsam mit

die Grünen am eindeutigsten für eine Entwicklungspo-

der FDP dafür ausspricht, aktuelle internationale Han-

litik, die nicht vordringlich wirtschaftlichen Überle-

delsbeziehungen zu überdenken. Die genannten Par-

gungen folgt. Diese Auffassung wird gestützt von ver-

teien räumen ein, dass der internationale Handel die

schiedenen Studien, nach denen es einen “Zusam-

Länder des globalen Südens benachteiligt und somit

menhang zwischen (ziviler und politischer) Gewalt und

die dortigen Lebensbedingungen verschlechtert. Ein

Flucht gibt, während ökonomische Aspekte eher eine

solches Argument bestätigt, dass bestehende Verträge

untergeordnete Rolle spielen”.

84

Der Zusammenhang

die Länder des globalen Südens in eine Abhängigkeit

zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und politischer

zu den entwickelten Industrienationen stellen. Als

Stabilität und Sicherheit kommt hier allerdings etwas

Beispiel dient hier das 2014 in Kraft getretene Fische-

zu kurz. Denn entscheidend wäre es an dieser Stelle

reiabkommen der EU mit Senegal, durch das tausende

zu überlegen, wie wirtschaftliches Wachstum als poli-

lokale Fischer ihre Existenzgrundlage verloren haben

tischer Stabilisator wirken könnte, um entwicklungs-

und schlussendlich ihre Heimat verlassen mussten.

politische Ziele nachhaltig umzusetzen.

86

Erst dann

Ein weiterer Aspekt, der von fast allen Parteien (AfD,

kann Entwicklungspolitik relevant für die Ursachen

Grüne, Linke, SPD) im gleichen Atemzug mit der Min-

von Flucht und Migration sein.

derung von Fluchtursachen genannt wird, ist die Un-

Der Vorsatz, Fluchtursachen mit Hilfe von Krisenprä-

terstützung der internationalen Flüchtlingshilfe. Der

vention zu lindern findet sich in allen Wahlprogram-

UNHCR soll mit höheren Geldern ausgestattet werden,

men wieder. Außer der AfD und der FDP setzten die

um den internationalen Fluchtbewegungen gerecht zu

Parteien dabei explizit auf eine zivile Krisenprävention.

werden und Geflüchtete humanitär zu versorgen. Eine größere Unterstützung für den UNHCR ist zwar wich-

Ein weiterer Unterschied zwischen den Wahlpro-

tig, allerdings kann dies kein Mittel zur Minderung

grammen besteht hinsichtlich der Finanzierung ent-

von Fluchtursachen darstellen. Die Forderungen der

wicklungspolitischer Projekte. Die CDU/CSU, ebenso

Parteien würden schließlich nichts daran ändern, dass

wie die FDP, sprechen sich besonders für ein ver-

Geflüchtete zum Teil jahrzehntelang in Camps ver-

stärktes privatwirtschaftliches Engagement aus. Die

bringen, ohne dass ihnen eine wirkliche Perspektive

Linke hingegen lehnt öffentlich-private Partnerschaf-

geboten wird.

ten ab und will „den undemokratischen Einfluss priva-

87

Auch sollte eine verstärkte Unterstüt-

ter Stiftungen in der Entwicklungszusammenarbeit 85

Die Linke, Wahlprogramm 2017, S.104. Zeit Online: Die Fischräuber, 05.06.2014. http://www.zeit.de/2014/24/fischerei-abkommen-senegalueberfischun, Brot für die Welt, 11.07.2014. https://www.brotfuer-die-welt.de/pressemeldung/2014-ueberfischung-dermeere-gefaehrdet-nahrungsgrundlage-weiter/ 87 Diese Forderung der Oppositionsparteien beruht auch darauf, dass ausbleibende Zahlungen an den UNHCR (auch von der

82

86

AfD Wahlprogramm 2017, S.21. 83 Ibid. 84 Sachverständigen Rat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, 2017. Chancen in der Krise: zur Zukunft der Flüchtlingspolitik in Deutschland und Europa. http://www.boschstiftung.de/content/language1/downloads/SVR _Jahresgutachten_2017.pdf, S.62.

25


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

90

zung des UNHCR mit mehr Engagement im Bereich

Leben eingehaucht worden sei.

Allerdings verpassen

Resettlement einhergehen. Für eine solche vermehrte

es die Parteien hier, wirklich konkrete und innovative

Umsiedlung von Geflüchteten in aufnahmebereite

Vorschläge zu entwickeln. Darüber hinaus werden die

Drittstaaten, in denen sie Asyl erhalten oder temporä-

grundlegenden Fragen zum Zusammenhang zwischen

ren Schutz genießen, verlangt es jedoch mehr politi-

Entwicklungspolitik und Migration von keiner der

schen Willen der europäischen Staaten.

Parteien überdacht. Wenn Entwicklungszusammenarbeit wirksam ist, wirkt sie dann fördernd oder verhin-

Denn in letzter Konsequenz würde ein verstärktes

dert sie Migration? Sie wirkt fördernd. Bedeutet eine

finanzielles Engagement für den UNHCR in seiner

wachsende globale Mittelschicht mehr oder weniger

bestehenden Struktur dazu führen, Geflüchtete weiter-

Migration? Mehr Migration. Und können europäische

hin vorrangig in Entwicklungsländern zu halten und

Staaten ihren Vorsatz, Migration zu ‘steuern’, in Be-

ihre Weiterreise nach Europa zu verzögern. Finanziel-

tracht solcher Entwicklungen besser umsetzen oder

le Unterstützung für den Flüchtlingsschutz ist wichtig

schlechter? Schlechter.

und der UNHCR sollte freigesprochen werden von jedem Vorwurf, an einer Schließung europäischer

Für eine effektive Entwicklungszusammenarbeit gilt,

Außengrenzen interessiert zu sein oder gar bewusst

dass nur durch ein langfristiges Engagement Fluchtur-

daran mitzuarbeiten. Bezüglich der Instrumentalisie-

sachen wirklich behoben werden können. Eine solche

rung entwicklungspolitischer Mittel für die Abschot-

Feststellung fehlt in allen Wahlprogrammen. Mit Aus-

tung Europas vertreten jedoch lediglich die Grünen

nahme der Grünen und der Linken verpassen es die

und die Linke eine klare Position. Beide Parteien leh-

Parteien außerdem, sich klar gegen den Missbrauch

nen „die Umwidmung entwicklungspolitischer Gelder

von

für menschenrechtlich problematische Grenzschutz-

sicherheitspolitische

projekte“ sowie für „Maßnahmen des Grenzschutzes

Kapitel 4). Denn klar ist, dass die momentane Ent-

und der Migrationskontrolle“ ab.

88

Entwicklungszusammenarbeit Zwecke

für

kurzsichtige

auszusprechen

(vgl.

Unter der großen

wicklungszusammenarbeit vorrangig das Ziel verfolgt,

Koalition aus CDU/CSU und SPD ist genau dies hin-

potentielle MigrantInnen durch wirtschaftliche Anreize

gegen erst jüngst, ohne weitere Diskussion, zugelas-

dort zu halten, wo sie herkommen. Dies bedeutet,

sen worden.

dass Menschen ihre Herkunftsregionen gar nicht erst

89

verlassen und die Entwicklungszusammenarbeit somit unweigerlich zum Instrument einer Ausweitung euro-

5.4. HINTERFRAGT: DER KOM PASS AUF

päischer Außengrenzen wird. Eine eindeutige Positio-

DEM PRÜFSTAND

nierung der neuen Bundesregierung zu diesem Thema würde

Die Parteien sind sich einig, dass die Minderung von

der

deutschen

Entwicklungspolitik

mehr

Glaubwürdigkeit verleihen.

Fluchtursachen ein Ziel deutscher Entwicklungspolitik

Vor diesem Hintergrund bleibt es dennoch wichtig,

sein muss. Dabei ist die Prominenz, die das Thema in

sich auch weiterhin für bessere wirtschaftliche und

den aktuellen Parteiprogrammen zur Bundestagswahl

soziale Perspektiven in den Herkunftsländern einzu-

einnimmt erstaunlich. Denn der Einsatz entwicklungs-

setzen.

politischer Gelder für einen wirtschaftlichen Auf-

Um

langfristig

m ehr

Arbeitsplätze

schaffen zu können, sollte dabei verstärkt auf

schwung im globalen Süden ist kein neues Phäno-

‚local ownership‘ in der Vergabe und Durch-

men. Es scheint jedoch so, als ob der lange Zeit ver-

führung von Projekten geachtet werden. Die

nachlässigten Verknüpfung von Entwicklungspolitik

Vergabe der finanziellen Mittel bestehender Entwick-

und Migration im aktuellen Wahlkampf wieder neues

lungs-Fonds sind oftmals mit einem zu großen bürokratischen und logistischen Aufwand verbunden, als dass sich kleinere Unternehmen und Organisationen vor Ort darauf bewerben könnten. Obwohl der ‚EU

Bundesregierung) dazu geführt haben, dass sich die Lage in den Flüchtlingslagern im Libanon, Jordanien und der Türkei so drastisch verschlechtert hat, dass sich mehr Menschen als sonst im Sommer 2015 auf den Weg nach Europa, und schließlich nach Deutschland, gemacht haben. 88 Bündnis 90/Die Grünen: Wir schützen Geflüchtete und bekämpfen Fluchtursachen, 16.- 18. Juni 2017. 89 Brot für die Welt (28 Oktober 2016), https://info.brot-fuer-diewelt.de/blog/eu-entwicklungsgelder-militaerfinanzierung.

Emergency Trust Fund for Africa’ über ein Budget von knapp 3 Milliarden Euro verfügt, sind auch aus die-

90

De Haas, H., 2008. Migration and Development: A Theoretical Perspective. https://www.imi.ox.ac.uk/publications/wp-0908.

26


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sem Grund bisher kaum Projekte abgerufen worden. Entsprechend

Zu

einer

M inderung

der

Vergabekriterien

Fluchtursachen würde eine solche Initiative aber nicht führen. Stattdessen wäre es kons e-

Organisationen durchgeführt, denen jedoch die lokale

quent, über eine Reform des UNHCR nachzu-

Verankerung fehlt. Eine wirkliche Veränderung der

denken. Eine solche Reform sollte es Ge-

Lebensumstände vor Ort findet deshalb oft nicht statt.

flüchteten m öglich m achen, Lager schneller

In diesem Zusammenhang sollte auch die Einbindung

wieder zu verlassen und nicht abgeschottet

privater Unternehmen in die Entwicklungshilfe über-

und desintegriert in einem Zustand des stän-

dacht werden und mehr Sicherheiten für lokale Ar-

digen W artens zu verharren.

beitnehmerInnen geschaffen werden.

krimineller Akt – die Genfer Flüchtlingskonvention

hinaus

komplizierten

bereitzustellen.

werden viele Projekte von großen, internationalen

Darüber

der

91

ist

Rahm enbedingungen

es

essentiell,

für

einen

dass

zu

denken,

dass

ein

Entwicklungspolitik, zum Beispiel im Rahmen von

wirtschaftlibloßer

Flucht ist kein

stellt das seit 1951 fest. Des Weiteren sollte in der

die

zirkulärer Migration, auch über legale Wege für Mig-

chen Aufschwung gestärkt werden. Es ist zu einfach

94

rantInnen in die EU gesprochen werden.

W irt-

schaftsaufschw ung alle Problem e löst - das gilt weder für Europa noch für andere Länder auf der W elt. Fehlende Rechtsstaatlichkeit, Korruption, sowie die system atische Ausgrenzung von gesellschaftlichen M inderheiten sind alles Gründe, die einen sozialen W andel stagnieren lassen und eine partizipative Politik verhindern.

Nur

w enn

Reform en

in

diesen

Bereichen als ebenso relevant für die w irtschaftliche Leistung eines Landes betrachtet werden,

kann

Entwicklungspolitik

effektiv

sein. Deshalb ist es wichtig in den Migrationspartnerschaften mit Herkunftsländern auf Nachhaltigkeit und Legitimität solcher Abkommen zu achten.

92

Entwicklungs-

politische Gelder und Projekte dürfen Regime mit fragwürdigen Menschenrechtsstandards nicht weiter stützen. Ansonsten werden Fluchtursachen nicht verringert, sondern verstärkt. Hier kann es hilfreich sein, auf gezielte Reform en staatlicher Sektoren als Teil der Entwicklungszusam m enarbeit 93

zu setzen.

Auch in Bezug auf die Unterstützung der internationalen Flüchtlingshilfe fehlt es den Parteien an innovativen Vorschlägen. Zwar besteht Einigkeit darüber, m ehr finanzielle M ittel für den UNHCR 91

European Commission: The EU Emergency Trust Fund for Africa. https://ec.europa.eu/europeaid/regions/africa/euemergency-trust-fund-africa_en. 92 Angenendt, S. & Kipp, D., 2017. Better Migration Management. https://www.swp-berlin.org/publikation/better-migrationmanagement/. 93 Gamso, J. & Yuldashev, F., 30.11.2016. Development Aid May Not Deter Migration, But Governance Aid Will. https://www.newsdeeply.com/refugees/community/2016/11/30/ development-aid-may-not-deter-migration-but-governanceaid-will.

94

Betts, A. UN and White House summits could off a ray of hope to those stuck in camps, 17.09.2016. https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/sep/17/sum mit-migration-refugees-un-obama.

27


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6. ÜBERFÄLLIG ODER ÜBERFLÜSSIG? - EIN EINWANDERUNGSGESETZ FÜR DEUTSCHLAND von Thore Hagemann

6.1. DIE BISHERIGE ROUTE

bestehenden Zuwanderungsgesetzes gelten daher für sie nicht (vgl. Kapitel 2).

Die Debatte um ein Einwanderungsgesetz ist, beson-

Lange Zeit verstand sich die Bundesrepublik Deutsch-

ders im Kontext einer stark angestiegenen Zuwande-

97

land keineswegs als Einwanderungsland.

rung, nicht neu. Spätestens seit Einführung des sogenannten Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 disku-

aus dem Europäischen Ausland, speziell aus Marok-

tieren die etablierten Parteien, ob und wie ein Gesetz

ko, Tunesien, den Staaten des ehemaligen Jugoslawi-

aussehen könnte, das die Einwanderung grundlegend

en und der Türkei

und ganzheitlich steuert. Gegenstand der Diskussion

98

angeworben, um die vielen Ar-

beitsplätze zu füllen, die durch das enorme Wirt-

ist ein neues Einwanderungsgesetz, das den Flicken-

schaftswachstum der Nachkriegszeit entstanden wa-

teppich zusätzlicher Gesetze und Verordnungen, wel-

ren. Die Betonung lag aber stets auf der Silbe ‘Gast’ -

che die Aufnahme und Integration von MigrantInnen in Deutschland regeln, ersetzt und ergänzt.

Zwar wur-

den in den 1950er Jahren zahlreiche GastarbeiterInnen

nach Erfüllung ihres Vertrages sollten die Gastarbeite-

95

rInnen wieder in ihre Heimat zurückkehren. Drei der

Bei der Debatte um Einwanderung muss unter ande-

14 Millionen angeworbenen GastarbeiterInnen blieben

rem zwischen Arbeits- und Fluchtmigration unter-

jedoch in Deutschland und holten teilweise ihre Fami-

schieden werden. In der Europäischen Union (EU)

lien nach. 1973 verhängte Deutschland einen Anwer-

besteht Freizügigkeit. Das bedeutet, alle Arbeitnehme-

bestopp für ArbeitsmigrantInnen. Die Bundesrepublik

rInnen aus EU-Staaten (sowie Norwegen, Island und

war ein Einwanderungsland ohne Einwanderungsge-

Liechtenstein) dürfen sich frei in der EU bewegen,

setz geworden.

ohne Angabe von besonderen Gründen. Sogenannte

99

Heute beträgt der Anteil der Bevöl-

kerung mit Migrationshintergrund an der Gesamtbe-

‘Drittstaatsangehörige’ (Personen, die keine Staatsan-

völkerung 21,0 Prozent.

gehörigen eines EU Mitgliedstaates sind) profitieren

100

Auch Spitzen-PolitikerInnen bezeichnen die Bundes-

nicht von dieser Freizügigkeit. Um einen Aufenthaltsti-

101

republik mittlerweile als Einwanderungsland.

tel zu bekommen, müssen sie einen bestimmten “Auf-

Entge-

enthaltszweck” vorweisen können, wie eine Erwerbstätigkeit, ein Studium oder eine Ausbildung.

96

Migrati-

97

Die Migrationsgeschichte der DDR wird hier aus Platzgründen ausgeklammert. 98 Komplette Liste: Italien, Griechenland, Spanien, Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien 99 Bade, K.,: Als Deutschland zum Einwanderungsland wurde, 24.11.2013. http://kjbade.de/wpcontent/uploads/2013/11/20131124_deutschlandeinwanderungsland_ZEIT.pdf. 100 Statistisches Bundesamt, 2017. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bev oelkerung/MigrationIntegration/MigrationIntegration.html;jsessionid= DC8A8AC54567C07E409097116CA9F292.cae2. 101 Bundeskanzlerin Angela Merkel konstatierte im Jahr 2015: “Wir sind im Grunde schon ein Einwanderungsland”.

on nach Europa ‘einfach so’ steht ihnen nicht zu. Ganz anders sieht es für geflüchtete Menschen aus: Sie stehen laut Genfer Flüchtlingskonvention unter besonderem Schutz. Die Paragraphen des aktuell

95

Eine komplette Übersicht stellt der Jährliche Bericht 2016 der deutschen nationalen Kontaktstelle für das Europäische Migrationsnetzwerk (EMN) bereit. https://ec.europa.eu/homeaffairs/sites/homeaffairs/files/11b_germany_apr_part2_de.pdf 96 Anerkennung in Deutschland. https://www.anerkennung-indeutschland.de/html/de/drittstaaten.php.

28


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

gen vieler Behauptungen existiert in Deutschland zwar

rung des Lebensunterhalts sind Bedingungen für Zu-

aktuell

wanderung.

kein

flächendeckender

Fachkräftemangel.

Arbeitsmigration wird, angesichts der bestehenden

Die SPD fordert ein Einwanderungsgesetz nach kana-

Engpässe in einigen Berufsgruppen (besonders im

dischem Vorbild. Dies soll Deutschland im Wettbe-

Gesundheitssektor sowie in technischen Berufen) und

werb um Fachkräfte stärken. Dabei werden Kriterien

in Betracht der schrumpfenden Bevölkerung, aller102

wie berufliche Abschlüsse, Berufserfahrung, Sprach-

Im öffentlichen Diskurs werden die verschiedenen

tigt. Wer ausreichend fachliche Qualifikationen und

Motive der Migration häufig vermischt. Entsprechend

ein Jobangebot hat, kann nach Deutschland einwan-

ist oftmals von sogenannten ‘Wirtschaftsflüchtlingen’

dern. Eine unabhängige ExpertInnenkommission soll

die Rede. Damit sind Menschen gemeint, die nicht vor

jedes Jahr eine Zuwanderungsquote für das System

Krieg oder Verfolgung fliehen, sondern versuchen der

festlegen. Die Vielzahl bestehender Regelungen und

wirtschaftlichen und sozialen Perspektivlosigkeit in

Aufenthaltstitel soll entsprechend gebündelt werden.

ihrer Heimat zu entkommen. Der Begriff ist jedoch

Ein ‘Spurwechsel’ zwischen unterschiedlichen Aufent-

irreführend, da diese Menschen rechtlich nicht als

haltstiteln (vom Geduldeten oder AsylbewerberInnen

Flüchtlinge anerkannt werden. Fehlende Perspektiven

zum Erwerbsmäßigen Status) wird geprüft.

dings als Chance gesehen.

kenntnisse, Alter und Integrationsfähigkeit berücksich-

aufgrund mangelnder Arbeitsplätze im Heimatland gelten

nach

bestehender

Gesetzeslage

nicht

Von der Linken wird kein konkreter Plan für ein

als

Einwanderungsgesetz entworfen. Stattdessen sieht die

Fluchtgrund. Es lohnt sich, dies beim Thema Arbeits-

Linke Verbesserungen an vielen Stellen vor. Sie for-

migration genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn

dert ein Ministerium für Migration und Integration auf

generell geht es bei der Debatte über ein Einwande-

Bundesebene und die Abschaffung des Aufenthalts-

rungs- oder Zuwanderungsgesetz laut §1 Aufenthaltsgesetz

103

gesetzes, welches bisher die Einwanderung nach

um wirtschaftliche Aspekte: Zur Debatte

Deutschland an Bedingungen wie Berufsqualifizierun-

steht, welche Arbeitskräfte die deutsche Wirtschaft

gen und Einkommen knüpft. Einwanderung nach

benötigt und welche nicht. Entsprechend wird die

Wirtschaftskriterien lehnt die Linke ab und fordert

Frage gestellt: Wer darf per Gesetz einwandern und

offene Grenzen für alle. Die Linke möchte Geflüchtete

wer darf es nicht?

schnell und fair in den Arbeitsmarkt integrieren; momentan irregulär in Deutschland lebende MigrantInnen sollen legalisiert werden. Aktives und passives

6.2. D A S SA GEN D IE P A R TEIEN Die

CDU/CSU

fordert

ein

Wahlrecht soll auf “alle hier lebenden Menschen” ausgeweitet werden.

“Fachkräfte-

104

Allen soll es möglich sein, ihre

Zuwanderungsgesetz”, welches sich am Bedarf der

Familien nachziehen zu lassen.

deutschen Wirtschaft orientiert und aktuelle Gesetze

Die Grünen sehen Einwanderung als Chance für

und Verordnungen zusammenfasst. Ziel des Gesetzes

Vielfalt. Sie fordern einen gesunden Wettbewerb, der

ist die Begrenzung von irregulärer Zuwanderung und

Fachkräfte durch ein Punktesystem anwerben soll,

gezielte Anwerbung von Fachkräften für Arbeitsplätze

um den demografischen Wandel auszugleichen. An-

in der Bundesrepublik. Ein Arbeitsplatz und die Siche-

geworben werden sollen Fachkräfte, ausländische Studierende und Personen, die sich in der Berufsausbildung befinden. Eine Änderung des Aufenthaltsstatus (‘Spurwechsel’ s.o.) soll möglich sein, um eine

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/angelamerkel-sieht-deutschland-als-einwanderungsland13623846.html. 102 Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), 2014. https://www.diw.de/de/diw_01.c.434984.de/presse/diw_roundup /die_debatte_ueber_den_fachkraeftemangel.html. 103 „Das Gesetz dient der Steuerung und Begrenzung des Zuzugs von Ausländern in die Bundesrepublik Deutschland. Es ermöglicht und gestaltet Zuwanderung unter Berücksichtigung der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit sowie der wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Interessen der Bundesrepublik Deutschland. https://www.buzer.de/s1.htm?g=AufenthG&f=1

Bleibeperspektive zu geben. EinwanderInnen sollen sich darüber hinaus lange im Ausland aufhalten können, ohne ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren. Die Grünen fordern des Weiteren ein “Einwanderungsund Integrationsministerium”.

104 105

29

105

Die Linke, Wahlprogramm 2017, S.9. Grüne Wahlprogramme 2017, S.112.


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

109

Die FDP fordert die Schaffung eines Einwanderungs-

Zuwanderung.

rechts zur Anwerbung von Fachkräften. Die ,Blue-

Kategorie: Sie schlägt kein Punktesystem vor, den-

Card’ zur Anwerbung von hochqualifizierten Fachkräf-

noch geht es der Union im Kern auch darum, hoch-

ten soll reformiert werden.

qualifizierte

106

Ein Punktesystem soll

Die Union ist ein Sonderfall dieser

MigrantInnen

anzuwerben.

Potentielle

geschaffen werden, das Menschen nach Bildungs-

EinwanderInnen sollen sich bereits im Heimatland

grad, Alter, Sprachkenntnissen und beruflichen Quali-

bewerben können. Bei einem Punktesystem werden

fikationen bewertet und ggf. eine Einwanderung er-

für Qualifikationen, Sprachfähigkeiten, Alter und teil-

möglicht. Nach entsprechender Qualifikation soll

weise sogar für Integrationswilligkeit Punkte vergeben.

auch Geflüchteten ein ‘Spurwechsel’ ermöglicht wer-

Die Regierung soll jedes Jahr eine Quote für Einwan-

den. Ausländische Berufs- und Bildungsabschlüsse

derung festlegen. Die erzielten Punkte bestimmen das

sollen einfacher und schneller anerkannt werden.

Schicksal der einzelnen BewerberInnen. Hauptargu-

Anerkannten Flüchtlingen soll eine schnelle Eingliede-

ment für solch ein System sei der internationale

rung in den Arbeitsmarkt ermöglicht werden.

Wettbewerb um Fachkräfte, sowie der demographische Wandel in Deutschland. Die Parteien unter-

Die AfD ist der Meinung, dass Zuwanderung vor al-

scheiden sich lediglich in Nuancen, was die Ausarbei-

lem Probleme verursacht. Dabei versteift sie sich auf

tung und Freizügigkeit eines Punktesystems betrifft.

AsylbewerberInnen, die laut Aussage der Partei unge-

So fordern beispielsweise Grüne und FDP die Mög-

bildet seien und aufgrund ihrer Armut die Sozialsys-

lichkeit eines ‘Spurwechsels’ – also die Möglichkeit

teme Deutschlands missbrauchen würden. Ziel einer

für qualifizierte Geflüchtete eine Tätigkeit aufzuneh-

Einwanderungspolitik soll eine sogenannte “Minuszuwanderung” sein.

107

men, die auch regulären ArbeitsmigrantInnen zur Ver-

Ausschließlich qualifizierte, für

fügung steht. Die SPD ‘prüft’ diese Möglichkeit und

den Arbeitsmarkt dringend benötigte Fachkräfte dürfen

immigrieren.

Beim

Thema

die CDU/CSU erwähnt solch eine Option nicht. Ab-

Staatsbürgerschaft

grenzung erfolgt in dieser Kategorie besonders durch

macht sich die AfD für eine Rückkehr zum Abstammungsprinzip stark.

die Darstellung der inhaltlichen Schwerpunkte eines

108

solchen Punktesystems: Während FDP, CDU/CSU und SPD sich auf den wirtschaftlich positiven Aspekt versteifen, ‘verpacken’ die Grünen ein fast identisches

6.3. W A S D A S B ED EU TET

Konzept mit den Worten ‘Chance’ und ‘Vielfalt’.

Die Vorschläge der Parteien lassen sich in drei Kate-

Die dritte Kategorie wird allein von der Linken vertre-

gorien aufteilen: (1) Zuwanderungsverweigerer, (2)

ten. Die Linke wendet sich aktiv gegen die Idee einer

Punktesystembefürworter und (3) Verfechter offener

selektiven, nach wirtschaftlichen Aspekten geregelten

Grenzen. Die erste Kategorie wird hauptsächlich von

Einwanderungspolitik und grenzt sich damit bewusst

der AfD vertreten. Nur die nötigsten Fachkräfte, die

110

von der “Verwertungslogik des Kapitals” ab.

der deutschen Wirtschaft dienen, dürfen demnach

Migra-

tion stehe allen zu und Grenzen seien offen zu halten.

einwandern. Ihr Wahlprogramm lässt jedoch vor al-

Wer grenzenlose Migration möglich macht, benötige

lem durchblicken, dass die AfD bewusst Arbeitsmig-

kein klassisches Einwanderungsrecht, sondern lege

ration mit Schutzsuchenden vermischt. Asylbewerbe-

deutlich mehr Wert auf ein Staatsbürgerschaftsrecht,

rInnen werden diffamiert und als ‘Problemverursache-

das eine schnelle Einbürgerung von MigrantInnen

rInnen’ dargestellt. Dieses Image wird auf alle Migran-

gewährleistet. Es dürfe keinen Unterschied zwischen

tInnen übertragen, was die Schlussfolgerung sugge-

MigrantInnen und der Aufnahmegesellschaft geben.

riert, dass Zuwanderung schädlich sei.

Die vorliegenden Ergebnisse sind nicht überraschend.

In der zweiten Kategorie buhlen SPD, Grüne und FDP

Auch unter migrationspolitischen Aspekten lassen

um die beste Auslegung eines Punktesystems für

sich die hier analysierten Parteien in Mainstream und Außenseiter einteilen, wobei die AfD und die Linke sich politisch rechts und links von den Mainstream-

106

Bei der ’Blue Card’ handelt es sich um ein Nachweisdokument für Angehörige von Drittstaaten innerhalb der EU zum Zwecke der Erwerbstätigkeit. 107 AfD Wahlprogramm 2017, S.29. 108 Das Abstammungsprinzip besagt, dass ein Staat die Staatsbürgerschaft nur an Kinder aussprechen kann, deren Eltern bereits aus Staatsbürger dieses Staates sind.

109

Für eine Übersicht zu dem, oftmals als Vorbild für Deutschland betrachtete, Punktesystem in Kanada: http://www.bpb.de/apuz/31674/einwanderungsland-kanada-einvorbild-fuer-deutschland?p=all. 110 Die Linke, Wahlprogramm 2017, S.69.

30


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

Parteien abgrenzen. Auf der rechten Seite steht die

wirtschaftliche Perspektive geboten. Stattdessen wer-

AfD als Hardliner mit einem Plädoyer gegen Zuwan-

den sie entweder direkt von der Einreise abgehalten,

derung, dem die Linke eine ‘open borders’-Einstellung

oder anschließend abgeschoben. Der Zuwachs von

entgegenhält. Die Einwanderungs-Mainstream Partei-

irregulärer Migration wird dadurch nur weiter ange-

en streiten sich vornehmlich um die Ausführung und

facht. Man muss sich deshalb fragen, wie man diesen

kleinere Details eines Einwanderungsgesetzes mit

Menschen eine bessere Perspektive bieten kann. Hö-

Punktesystem. Die CDU/CSU hält sich auf Distanz zu

here Hürden allein stellen keine Lösung dar.

einem Punktesystem und möchte bloß eine kohärente

Hier wird in Zukunft eine Debatte stattfinden müssen,

Zuwanderungspolitik erreichen.

die mehr beantwortet als die bloße Forderung nach

Die Idee eines Einwanderungsgesetzes für Deutsch-

mehr Fachkräften und der Frage nach einer Lösung

land ist an sich nichts Neues. Eine unabhängige

für den demografischen Wandel. Die Flüchtlingslage

Kommission beriet bereits in den Jahren 2000 - 2001

2015 und die aktuelle Situation in den Aufnahmezen-

unter Leitung der ehemaligen Bundestagsvorsitzenden

tren für Geflüchtete auf der ganzen Welt zeigt ein-

Rita Süssmuth (CDU) über die Einführung eines ‘Zu-

drucksvoll, dass sich Menschen nicht einfach davon

wanderungsmodells’. Tatsächlich liegt die Vermutung

abhalten lassen zu flüchten/migrieren – ob vor Krieg

nahe, dass die Vorschläge von SPD, Grünen und der

und Zerstörung, oder Armut und mangelnder wirt-

FDP auf genau diesem Modell beruhen. Denn auch in

schaftlicher Perspektive (vgl. Kapitel 5). Wer weiterhin

dem

Süssmuth-

vor Armut flüchtende Menschen als Sozialschmarot-

Kommission ist von einem Punktesystem die Rede,

zer diffamiert, verschließt die Augen vor dieser Reali-

ein ‘Spurwechsel’ ist auch dort schon diskutiert wor-

tät. Die meisten dieser Menschen kommen aus dem

den. Vor allem aber ist die Anwerbung von Fachkräf-

globalen Süden aus ehemaligen Europäischen Kolo-

ten und die erleichterte Einwanderung von ‘Spitzen-

nien. Selbst die Bundeskanzlerin gibt zu, dass die EU

kräften’ (Blue-Card Reformvorschlag der FDP) bereits

eine historische Verantwortung gegenüber Afrikani-

von der Kommission vorgeschlagen worden.

schen Staaten habe, auch weil viele europäische

Zuwanderungsmodell

der

Mächte aufgrund ihrer kolonialistischen Ausbeute zur aktuellen, globalen Ungleichheit und Perspektivlosig-

6.4. H IN TERFRA G T: D ER K O M PA SS

111

keit im globalen Süden beigetragen haben.

A U F D EM PRÜ FSTA N D

wicklung begegnen kann und das Migrationsrecht

Die Anzahl hochqualifizierter MigrantInnen ist in

entsprechend anpasst.

Deutschland im internationalen Vergleich nicht sehr

Ein

hoch. Um m ehr Fachkräfte nach Deutschland her. Ein Punktesystem

m odernes

Einwanderungsgesetz

sollte

sich nicht bloß auf hochqualifizierte Arbeits-

zu holen, m uss ein besseres, transparenteres System

Es stellt

sich somit die Frage, wie die EU der aktuellen Ent-

m igration beschränken. Offene Grenzen für alle,

bietet m ehr

wie die Linke es fordert, sind jedoch politisch nicht

Klarheit für potentielle EinwanderInnen und

möglich. Dafür findet sich keine Mehrheit. Auch

ist som it ein guter Ansatz für ein erfolgreiche-

könnte die Bundesrepublik solch einen Vorschlag in

res Fachkräfte-Anwerbesystem . Es muss sich

der EU nicht durchsetzen. Dennoch muss man sich

aber auch die Frage gestellt werden, warum die Zah-

fragen, welche zusätzliche Bereicherung auch geringer

len tatsächlich so drastisch niedriger sind als in den

qualifizierte Zuwanderung bieten kann. Denn die An-

USA oder Kanada. Potentielle Gründe, die Hochquali-

werbung von Hochqualifizierten allein bedeutet die

fizierte abschrecken, müssen herausgestellt und entsprechend angegangen werden.

gleichzeitige Abschottung gegenüber allen anderen.

Wenn die EU, und damit auch Deutschland, sich vor-

einen migrationspolitischen Alleingang wie im Jahr

Die Lösung muss in jedem Fall Europäisch sein –

nimmt hauptsächlich HochschulabsolventInnen anzu-

2015 kann sich die Bundesrepublik auf Dauer nicht

werben, werden niedriger Qualifizierte dadurch von

leisten. Mit der Blue-Card widmet sich die EU bereits

der Zuwanderung faktisch ausgeschlossen. Niedriger

dem Thema Arbeitsmigration. Die Blue-Card hat Re-

Qualifizierte Menschen begeben sich aber eventuell dennoch auf die Reise nach Deutschland. Diesen oft

111

ZEIT Online: Afrika Politik: "Mitleid ist nicht mein Motiv", 20.10.2016). http://www.zeit.de/2016/42/afrikafluechtlingspolitik-angela-merkel/komplettansicht.

irreführend als ‘Wirtschaftsflüchtlinge’ bezeichneten Menschen wird jedoch in Deutschland kaum eine

31


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

formbedarf, bzw. muss flächendeckend umgesetzt

minderqualifizierte Drittstaatenangehörige auszuwei-

werden. Im Falle einer Reform sollte gleich mitge-

ten.

dacht werden, reguläre Arbeitsmigration auch auf

7. KOMMENTAR & AUSBLICK von Natalie Welfens & Jonas Freist-Held

Zwei Jahre mediale, politische, gesellschaftliche De-

schaffen das’ mit der Kondition, die Zahlen zu dros-

batte über Migration und Flucht; enormer Druck für

seln. Nach vier Jahren großer Koalition ist auch das

europäische Regierungen, Lösungen für komplexe

migrationspolitische Chamäleon der SPD vom Sicher-

Herausforderungen zu finden; etliche wissenschaftli-

heitsdenken und Forderungen nach kontrollierter und

che Analysen und Handlungsempfehlungen, wie man

gesteuerter Migration gefärbt. Die AfD macht das

es anders und besser machen könnte. Wo sind wir

Chamäleon zum bedrohlichen Monster, um damit

mit alledem im Jahre 2017 angekommen? Sieht man

eine faktische Aushöhlung des Flüchtlingsschutzes zu

die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2017 als

propagieren. Die Grünen sehen Flüchtlinge als huma-

Spiegel der migrationspolitischen Debatte, wo stehen

nitäre Aufgabe, für die Linke sind sie ebenso wie

wir dann? Und wohin führt der Weg in den kommen-

Langzeitarbeitslose und andere marginalisierte Bevöl-

den vier Jahren für Deutschland, Europa und die in-

kerungsgruppen Ausdruck für eine unsolidarische

ternationale Staatengemeinschaft?

Politik. Wenn man sich bei der Problemdefinition schon nicht einig ist, wird es kaum erstaunen, dass auch die Lösungsvorschläge in unterschiedliche Rich-

7.1. M IGRA TIO N S- U N D FLÜ C H TLIN G -

tungen weisen. Die eine Seite hält Abkommen mit

SPO LITIK A LS C H A M Ä LEO N D ER

Drittstaaten für unabdingbar, die andere lehnt sie ka-

PO LITISC H EN D EBA TTE

tegorisch ab. Für die einen retten Seenotrettungspro-

Im Querschnitt der Wahlprogramme betrachtet er-

man damit das Geschäftsmodell ‚krimineller Schleu-

gramme Menschenleben, für die anderen unterstützt

scheint das Thema Migrations- und Flüchtlingspolitik

serbanden‘. Bislang hat den eingangs erwähnten

wie ein Chamäleon der politischen Debatte, das sich

Kampf um Deutungshoheit also scheinbar niemand

ohne weiteres der Parteicouleur anpasst. Geflüchtete

gewonnen; die richtige Lösung scheint es so nicht zu

und MigrantInnen können von ökonomischer Berei-

geben. Gemein ist dem Großteil der Forderungen

cherung, über terroristische Gefahr bis hin zu humani-

jedoch, dass Migration und Flucht nicht als Normali-

tärer Verpflichtung alles sein. Mal sind die Geflüchte-

tät begriffen werden und viele Forderungen an wis-

ten, mal die deutsche Asylpolitik, mal der Mangel an

senschaftlichen Erkenntnissen und politischen Realitä-

Solidarität innerhalb der EU, mal der Klimawandel und

ten vorbeigehen.

seine Folgen, und mal der Abbau des Wohlfahrtsstaats und die Prekarisierung der Lebensverhältnisse das Problem. Somit wird Migrations- und Flücht-

7.2. M IGRA TIO N U N D FLU C H T A LS

lingspolitik ein Stück weit auch zur Stellvertreterde-

STÖ RFA LL

batte für andere Schwerpunktthemen der Parteien. Die

Soweit manche der parteipolitischen Vorschläge auch

FDP beleuchtet das Thema durch die Brille des Hu-

auseinanderliegen, sie alle betrachten freiwillige sowie

mankapitals, passend zur wirtschaftsnahen Ausrichtung der Partei. Die CDU stellt, unter dem Druck von

auch Zwangsmigration als Ausnahmeerscheinung, als

AfD-Wahlerfolgen auf Landesebene und Forderungen

Abweichung von der Norm, die es zu regulieren und

nach Obergrenzen Flüchtlingspolitik in ein sicher-

kontrollieren gilt. Die Ereignisse des Sommers 2015

heitspolitisches Schlaglicht und versieht das ‘Wir

schweben wie ein Schatten über der Debatte, der

32


Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

daran erinnern will, dass eine solche Situation in je-

Ende von langjährigen Konflikten in Syrien, Afghanis-

dem Fall vermieden werden muss, sei es durch gere-

tan oder dem Südsudan ist nicht in Sicht. Und solange

gelte legale Zugangswege, humanitäre Aufnahmepro-

sich wirtschaftliche Ungleichheiten auf nationaler und

gramme oder Externalisierungen von Grenzkontrollen,

internationaler Ebene manifestieren, solange die Per-

die eine etwaige Ankunft auf deutschem Boden von

spektiven, ein würdevolles Leben zu führen grenz-

vornerein verhindern. Einen wirklichen Perspektiv-

übergreifend so fundamental unterschiedlich bleiben,

wechsel, der Migration als Normalfall und globales

solange werden sich auch Menschen auf die Suche

jahrtausendealtes Phänomen betrachtet, bietet keine

nach einem besseren Leben machen. Das ist histo-

der Parteien an. Solange Deutschland als feste, (noch)

risch gesehen keine neue Entwicklung – gerade Euro-

sichere Entität konstruiert wird, kann Migration jeder

pa hat eine lange und ausgeprägte Migrationshistorie.

Form nur als Störfall politisch verhandelt werden.

Durch die Globalisierung wird nun auch Europa zum

Damit wird der Boden für die Aushöhlung von Flücht-

Ziel für viele Menschen aus dem Globalen Süden.

lingsschutz durch sicherheitspolitische Ziele geebnet.

Dieses Bewusstsein scheint in der politischen Realität in Deutschland und Europa noch nicht angekommen zu sein. Indem wir das „Problem“ vor uns herschie-

7.3. A M ZIEL V O R B EI

ben, gaukeln wir uns nur vor, eine einfache Lösung auf ein komplexes Problem gefunden zu haben: Ab-

Wenn viele der parteipolitischen Forderungen also

schottung – und das nimmt mittlerweile groteske Züge

primär darauf abzielen lediglich jene Symptome eines

an. Die aktuellste Entwicklung sieht vor, den Schutz

globalen Phänomens zu bekämpfen, die sich ‚akut‘

der europäischen Außengrenze bereits in Subsahara-

auf deutschem Territorium äußern, fehlt es nahezu

Afrika mit Grenzschutzanlagen zu beginnen. Das ist

zwangsläufig an politischer Weitsichtigkeit und Mut

eine der dunkelsten Stunden der europäischen Men-

sowie einer gesamteuropäischen und globalen Sicht

schenrechtsgeschichte.

auf aktuelle und zukünftige (!) Herausforderungen.

Die Politik lässt sich von einer polarisierten und oft-

Während im ‚Migrationssommer‘ von 2015 sich die

mals irrational geführten öffentlichen Debatte treiben.

Stimmen nach einheitlichen europäischen Standards

Insbesondere durch das (kurzzeitige) Hoch rechtspo-

und mehr europäischer Solidarität mehrten, finden

pulistischer Parteien in Europa haben sich viele Posi-

sich ähnliche Forderungen nur noch vereinzelt in den Wahlprogrammen. Asylsystem,

das

Das unter

Gemeinsame anderem

auf

tionen zum Thema Flucht und Migration drastisch

Europäische

nach rechts verschoben. Dabei ist eine langfristig

einheitliche

ausgelegte und holistische Auseinandersetzung mit

Schutzstandards abzielt, wird höchstens gestreift. Die

dem Thema unausweichlich. Anstatt den Fokus allein

potentiellen Veränderungen, die der Global Compact

auf die Abwehr von MigrantInnen zu legen, müsste

auf VN-Ebene mit sich bringen könnte, werden

die Politik endlich einen Gesamtansatz entwickeln, der

höchstens in ExpertInnenkreisen diskutiert. Es scheint

alle Dimensionen von Migration und Flucht tangiert.

als hätten die Stimmen, die in den vergangenen Jah-

Wenn auch unvollständig, liefert das vorliegende

ren immer lauter nach nationaler Souveränität insbe-

Papier ausgehend von den Parteiprogrammen eine

sondere in der Migrations- und Asylpolitik forderten,

erste Bestandsaufnahme. Darauf aufbauend werden

Gehör gefunden. Migration steuern, lenken, regulie-

wir nach der Bundestagswahl 2017 die Migrationspoli-

ren, auswählen, beschränken, verhindern, kontrollie-

tik weiter eng verfolgen und Vorschläge für eine Mig-

ren. Blendet man die transnationale und langfristige

rationspolitik machen, die den Bedürfnissen der Men-

Dimension aus, suggerieren diese Verben Kontrollge-

schen besser gerecht wird und die Chancen einer

winn, Souveränität und Ordnung. Doch ein Blick

progressiven Migrationspolitik für Deutschland auf-

durch die historische und wissenschaftliche Brille

zeigt.

zeigt die Oberflächlichkeit viele dieser Forderungen. Migrations- und Fluchtbewegungen werden in den nächsten Jahren jedoch eher noch zunehmen. Ein

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Q UO VAD IS MIGR A TION SP O LITIK? – D IE WAHL PR O GR AMME DE UTS CHE R PAR TEIEN UNTER D ER LUP E

8. DIE VERFASSERINNEN JONAS FREIST-HELD Jonas hat in Berlin und Berkeley Politikwissenschaft studiert und absolviert derzeit einen Doppelmaster in International Relations, Human Rights und Humanitarian Action an der Sciences Po Paris und der Freien Universität Berlin. Bei Polis 180 engagiert er sich im EU- und Migrationsprogramm.

THORE HAGEM ANN Thore ist Co-Leiter des Programms Migration bei Polis180. Sein Studium der Sozialwissenschaften in Köln, Maastricht, Toulouse und Berlin ist der Ausgangspunkt für sein Engagement bei Polis180. Mit Erfahrungen im humanitären NGO Sektor, in einem Ministerium sowie in der wissenschaftlichen Politikberatung bereichert er Polis180 außerdem mit praktischem “Know-How”.

LUCAS RASCHE Lucas hat an der Maastricht University und am King’s College London Europastudien sowie Friedens & Konfliktforschung studiert. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim International Centre for Migration Policy Development (ICMPD) in Wien. Bei Polis180 engagiert sich Lucas im Programm Migration.

NATALIE W ELFENS Natalie hat in Amsterdam, Paris und Berlin Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Menschenrechte und Migration studiert. Derzeit promoviert sie an der Universität von Amsterdam zum Thema Resettlement und humanitäre Aufnahme in Europa. Als Mitgründerin von Polis180 und seinem Migrationsprogramm hat sie bereits verschiedene Projekte und Workshops mitgeplant und durchgeführt.

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Berlin, September 2017 Veröffentlicht von Polis180 e.V. Dieses Polis Paper gibt ausschließlich die Meinung der Autorinnen und Autoren wieder. Die Verantwortung für den Inhalt liegt bei den AutorInnen.

POLIS180 Der Grassroots-Thinktank Polis180 übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse für politische EntscheidungsträgerInnen. Ideen, Analysen und Lösungsansätze unserer Generation bringen wir durch innovative, partizipative und inklusive Ansätze in den politischen Diskurs ein. In thematischen Programmen und mit neuen und kreativen Formaten entwickeln wir echte Alternativen für

POLIS180 SOLM SSTRASSE 18 10117 BERLIN

eine konstruktive Außen- und Europapolitik.

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Quo Vadis Migrationspolitik?  

Die Wahlprogramm deutscher Parteien unter der Lupe

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