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ZERBOMBT DOCH ALL DAS WEINEN


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ZERBOMBT DOCH ALL DAS WEINEN!

Gedichte von Ali Abdolrezaei

ins Deutsche 端bertragen von Christina Ehlers


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Inhaltsverzeichnis Zensiert ......................................................................... 5 Erdbeben ...................................................................... 7 Eine Eiche ..................................................................... 8 Josefs Brüder ................................................................ 9 Teheran ....................................................................... 10 Der See ....................................................................... 11 Mondgesicht ................................................................ 12 Die Straße ................................................................... 13 Verbannt ..................................................................... 17 Streichholzschachtel ................................................... 18 Gedicht........................................................................ 19 Die Brücke................................................................... 20 Absurdität .................................................................... 21 Album .......................................................................... 22 Weiß Lesen ................................................................. 23 Wolke .......................................................................... 24 Regen ......................................................................... 25 Geschichte .................................................................. 26 Fallendes Grün ............................................................ 27 Wurst........................................................................... 29 Im Gerichtssaal ........................................................... 30 Mutter .......................................................................... 31 Schlaflied..................................................................... 32 Großmutter .................................................................. 33 Tod .............................................................................. 34 Dschungel Tapete ....................................................... 35 Lieben ......................................................................... 36 Bilderrahmen ............................................................... 37 Papa............................................................................ 38 Disco ........................................................................... 39 Diktat ........................................................................... 40 Die Kreuzung .............................................................. 41 In Langrude ................................................................. 42


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Im Irrenhaus ................................................................ 43 Die Geschichte ............................................................ 45 Über die Autoren ......................................................... 46


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Zensiert In dem Gemetzel von meinen Worten haben sie meine letzte Zeile geköpft und Blut, wie Tinte, fließt über das Papier Tod erstreckt sich über die Seiten und das Leben wird wie ein Fenster von einem Stein zertrümmert Eine neue Waffe hat diese Welt beendet und ich, durch jene Gasse importiert, bin immer noch das armselige Zimmer, das ausgewandert ist Mein Leben ist wie ein Bleistift auf diesem traurigen Blatt Die Klauen der Katze sind noch immer ausgefahren, um die Maus von dem Loch wegzuscheuchen, das sie zugemauert haben Es ist etwa wie damals in der Schule Ich bin aber nicht mehr der Romeo für meine Julia Neue Hausaufgaben mache ich, doch ihr streicht sie durch Ich baute dem Mädchen ein Haus, das am Ende dieses Gedichts fallen wird Es hat eine Tür wie eine offene Wunde und zwischen den Ecken des Todes, in dem Zimmer, das diesem Haus fehlt, lebte glücklich das Mädchen, das mich besitzen wollte Mit der Süße ihrer Stimme lockte sie mich in den Tempel ihres Körpers Meine Augen drehten und drehten sich im Kreise wie ein Derwisch Wie die Augen in diesen leeren Augenhöhlen beim Lieben der zwei tausend Hände hatten Wie diese Seite des Seins, wo ich bin,


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so ganz anderseitig ist im Iran Vater-Weh, Mutter-Weh, mein Bruder-Weh! Mein Zustand ist so viel tragischer als Trennungsschmerz, mein Schreiben ist entmannter als ich und London, mit seinem wetterlichen Wankelmut, wartet schwesterlich dass der Tod sich über meinen Körper streckt, dass das Leben mich wieder tötet Mein Herz blutet für den Dichter, dessen Wortschlangen immer länger werden für den Zweig ohne Spatz, der sein Zwitschern heruntergeschluckt hat für die Krähe, die auf keiner Hochspannungsleitung mehr sitzen kann für mich selbst, ausgegangen wie das Licht in dem Haus Ich war doch mal wer! Aber tat das Törichte - wurde Dichter!


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Erdbeben Sie streckt ihren Finger empor Bitte, Herr Lehrer, eine Frage! Würde die heilige Kuh* ausrutschen und die Dächer einfallen - unter diesen vielen Eisenträgern würden wir dann bestimmt sterben? Der Lehrer - mit einem leichten Beben sein Gesicht überziehend riss die Hände aus seinen Hosentaschen und der Himmel stürzte ein über der Klasse Zertrümmerte Schulbänke Lektionen gefallen aus Kinderhänden und die Mauern - welche Träume sie getragen von denen, die zwischen ihnen waren! Aus einer Hand, die aus den Trümmern erschien, erhob sich der Klang eines Fingers! Bitte, Herr Lehrer! Darf ich aufstehen!?

* Eine alte persische Legende berichtet von der heiligen Kuh, welche die Erde auf ihren Hörnern trägt. Man sagt, wenn sie den Kopf bewegt, verrutscht die Erde und so entsteht ein Erdbeben.


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Eine Eiche Für Deinen Tod, mein Schatz, sind Tränen zu wenig Sie versprachen mir, versprachen mir fest, dass Du als Eiche wieder wachsen würdest Eine Eiche an einem kleinen Bach der immer tiefer wird und sich weitet zum Strom Ein Strom, der sein fließendes Wasser hingibt den jungen Ricken, die in Deinem Schatten ruh’n Versprich mir, dass Du nicht eifersüchtig sein wirst, denn früher oder später werde ich ein Fluss an Deiner Seite sein


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Josefs Brüder Als sie in das Haus stürmten flüchtete ich nicht von dem Mädchen auf dem ich lag warum sollte ich mich verstecken? Die Tränen reisten mit mir von Gasse zu Gasse An den dünnen Zweig den ich halte was würde die große Hand anfügen außer Blätter? Außer dem Tod der durch die Wochentage schleicht was fällt aus meiner Hand? Ich mache Lärm so dass der Schlaf aufspringt von den Köpfen aller Sätze dieser Welt Es bricht mir das Herz so viele feuchte Gesichter zu sehen Zerbombt doch all das Weinen wenn ihr es könnt! Alles zu verlieren war nicht mein Wunsch Wie kann ich eines anderen ‚Bruder’ sein?* Wie kann ich jemanden ‚Bruder’ nennen der mich krank macht? Immer noch höre ich das Echo der Schüsse in dem dünnen Zweig den ich verkörpere Mein Bruder ich liebte Dich...

*Mitglieder der iranischen Volksmiliz (Bassidsch) reden sich untereinander mit „Bruder“ an.


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Teheran Dieses Café ist ok - richtig! Serviert guten Kaffee - stimmt Blauer Himmel darüber - auch gut Bin nicht blind Liebling Ich kann die schönen Stühle um so einen Tisch herum sehen Ich verleugne nicht die Strandmusik und nach diesem Kaffee diese vollen Lippen die köstlich warten Und ich weiß sehr gut wie man schwimmt in dieser Luft der Ungewissheit Ich weiß wie man durch dieses ich-weiß-nicht-was hindurch sehen kann Ich weiß! So bequem in Deinen Augen sitzend auf welcher Seite auch immer ich ankomme kann ich Dir noch etwas Köstlicheres entnehmen Ich bin nicht dumm Ich verstehe Du hast Recht Ok! Aber wäre alles dies und alles andere unter dem schwarzen Himmel Teherans wären wir so sehr am richtigen Platz…


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Der See Weit entfernt von der Erde meiner Heimat weiter noch von der Insel Khark bin ich immer noch ein See direkt in der Mitte des Hyde Park Meine Sommer stelzen einher in nackten Füßen und Beinen Und meine Winter sind so ruhig wie der Tag des Sabbat in dem Land der Juden Töte mich wenn ich lüge Nach diesem Finger den Du befeuchtest und ins Ohr steckst stelle mich auf die Probe – schwimm in mir! Bitte komm her aber sei vorsichtig ich bin so bodenlos wie ich selbst Seit ich ein Boot in Deinen Augen verankert habe sterbe ich vor Liebe zu Dir Das war und ist nicht meine Schuld Ich bin ein unschuldiger See der einfach ertrinken muss Die Polizei findet keine Spur sinnlos befragen sie Lewis* Alice** würde es auch nicht wissen Selbst London ja selbst London dessen Halstuch ein Stück des Himmels Deiner Heimat ist ist erstickt Komm - schwimm in meinem See! Aber erst befeuchte Deine Ohren mit Deinem Finger Bitte komm her Beeil Dich Hebe Deinen Rock hoch und nun in meine Arme! Ahh ... Willkommen! *Lewis Carol (englischer Schriftsteller)

**Alice im Wunderland


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Mondgesicht Sie umgab mich so und ich trieb sie so sehr in mir zusammen dass sie nicht mehr hier ist Ich weiß nicht wohin ihre Brüste gegangen sind Heute Abend ist flach wie ein Brett und um zu sterben brauche ich Ihre ehrwürdige Gnade, mein Fräulein Gefühl.

Ich habe mich glatt rasiert um Deine Augen zu fühlen Warum bist Du nicht hier? Taxis nehmen nun nicht mehr meine Einsamkeit weg Ich bleibe zurück bis jemand kommt und mich zum Ruheplatz macht Wie ein Kamel in der Wüste wie eine alte Schildkröte auf der Ebene oder wie ein Flugzeug am Himmel Londons in dem ich fliegen kann - aber wohin? So wie der gestrige Regen mich zum Kauf dieses Regenschirms zwang oder wie der Schnee der nach dem Regen kam und mich aus dem Haus schickte so tu doch etwas - ruf mich an! Du bist doch kein Schnee, den ich schmelzen könnte! Du bist doch kein Regen, der mich durchnässen könnte! Du bist ein Buschfeuer das alles zu Asche verbrennt und dann einfach weiterzieht…


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Die Straße Nicht gestorben unter den Tritten und Schlägen sprang ich aus meinem Schlaf auf und ich schrie meine Frau an Obwohl - was für ein Schlaf? oder gar - was für eine Frau? Ich träume schon wieder... Liebe war das Sonnenlicht das durch die Risse unseres Daches drang und Einsamkeit war der nächtliche Streuner der die Mauer am Ende der Gasse nass machte. Ich bin wieder verschwommen... Sie stirbt! Die Verrücktheit stirbt! Die Nacht hatte einen unberührten Himmel aber das "ich liebe Dich" ging immer verloren in Großmutters Geschichten Sie ist nachts in sich selbst mit mir schlafgewandelt Das Mädchen starb auf schlimme Weise, armes Ding! Ich zähle noch immer die Drahtseile Ihre Vögel sind aus Deinem Traum entflogen Du verfolgst sinnlos den Stein ein Mann am Ende der nie eine Arbeit beendete und der der älteste Sohn der Huren der Welt war Ich verleugne ja nicht, dass ich es war! Ich bin allein mit meinen eigenen Händen obwohl ich so tief gesunken bin He Gipfel, ich bin auf Deinen Pfad gestiegen und komme nicht zurück! Ihre Augen saßen fest in ihrem Gesicht und ihre Hände winkten immer noch zum Abschied in meinen Erinnerungen Die Flügel der Boeing erhoben sich langsam Sie setzten mir keinen Fallschirm auf und stießen mich einfach hinaus Irgendwo unter den Wolken zog der Wind an meinen Augenlidern


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Es fiel mir so schwer, meine Augen zu schließen ...eins, zwei, drei, vier... und bis tausend zu zählen Du solltest Dich mehr anstrengen in diesem Versteckspiel und wie ein Hund anderen Träumen hinterher jagen Schwarz-weiß Filme sind aus der Mode gekommen Du bist jetzt nicht mehr der Schauspieler für dessen Augen die Mädchen ihre Blusen aufrissen Du bist nicht mehr der Dichter... Ich wünschte ein Mädchen würde sanft in mein Ohr flüstern und den großen Mann herauslocken der in mir träumt Ich wünschte sie käme von vorn...und von hinten Sie kam Die Wahrheit in Stücke gerissen, zerfetzt, aufgewühlt Ich hatte in der Straße schon etwas vermutet und Du hast gestanden dann wurde es auch schon dunkel irgendetwas kam zwischen den Mond und mich Alles war nur Ersatz schlechte Lieder, schlechte Gitarre und schlechte Tänze Ich tanzte nicht Du warst nicht dort Auf halbem Wege entlang der Straße die ich im Traum verloren hatte kam Liebe aus tausend Richtungen und nur Du in der hinteren Gasse Du warst die Straße auf der wir so schnell aneinander vorbeiliefen Ich war Zampano, sorry, ich bin es! Egal wo ich hingehe flüstern sie: Der Verrückte ist zurück! Gelsomina auf der elften Straße! Arbeitet bis nachts um elf! Im Gegensatz zu mir der ich der Führer dieses Körpers war


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Hinter Dir steht die Frau die ihr Leben im Zelt verbrachte die immer in sich selbst mit mir ging Du rennst von allen weg! Du wirst mich nicht heiraten! Halt's Maul! Selbst wenn ich ein Blutegel wäre würde ich einen nicht so aussaugen wie Du Du Hure! Zampano verrückt und der Film zu Ende und die neben mir nicht mehr da Ich zu kaputt um sie zum Bleiben zu bitten Sie ging fort... Die Hand der Heldin mit beiden Händen haltend zog der Regisseur sie aus der Leinwand heraus Mitten in der Szene legte er die Hand an ihre Zeilen und schlug ins Verzücken des Publikums! Sie stirbt, das verrückte Mädel stirbt, siehst Du das? ruft laut Frederico Fellini Ich bin allein mit meinen Händen und das Leben gemeiner als der Ladenbesitzer oben an Deiner Straße lässt Dich nicht wieder in meine Brust reisen solches Glück... ach nein! Das Heute ist auch das Gestern der Eifersucht die morgen in mir brennen wird Frauen enden immer in meinen Händen Wie viel Liebe liegt wartend in meinem Herzen Ich ihr Liebhaber?...Tut mir leid! Ich liebte Dich obwohl Du mitten im Film aufgehört hast zu spielen und den Mond aus meinem Himmel gelöscht hast Man sagte dieser Mann kann tausend Rollen spielen Was wissen die schon! Der Dichter ist immer der Mann am Fenster den die Leute auf ihren Wegen stets zu einem Bogen machen Was wusste ich schon!


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In jener Nacht warf ich eine Matratze in Deine Augen Sollte ich besser die Vorhänge zuziehen? Ich bin in Deinen Traum getreten - steh auf! Es ist genug das Schnarchen leiser zu drehen so dass Du laut sagen kannst Ja, ich habe ihn umgebracht! Das Sofa saß im Hinterzimmer Ich klebte verzweifelt an Dir und ich kam um Dein Wo-auch-immer zu verlassen Wo kamst Du her in dieser Nacht? Draußen war ein Mann der nicht aus Dir herauskam Ein Mann, der nicht mit Dir ausgeht Nein, ich werde nicht gehen! Heute sagte das Mädchen, das meine Sekretärin ist Hallo Ali, bist Du verliebt? Würde sie mich ein Jahr später fragen würde ich nicht nein sagen Ich habe ein Herz, das ich ständig verliere wohin ich es auch mitnehme und ich tue so vor mir selber, als wäre ich verliebt Wo ist es? Wo auf dieser Welt ist eine Frau die ihren Himmel verloren hat? Ist hier denn niemand um dieses kleine Königreich von mir zu empfangen? Allein besetzen sie ihre Fenster jeden Tag diese Mädchen die ihre Herzen in jeder Nacht vor dem Spiegel ausbreiten Ich habe einen anderen Himmel und ich bitte Euch dem Mädchen zu danken das mich umbrachte und seid dankbar dass dieses Verbrechen niemandem etwas genützt hat...


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Verbannt Selbst wenn Du einen lebenden Sohn auf dieser Seite der Welt hättest so wäre er doch ein Sohn auf dieser Seite der Welt der in die Richtung des Wassers ging das Du verschüttet hast hinter Deinen Tränen Ach, was soll’s! Sinnlos durchquerst Du meine Gedanken Wärst Du hier so wärest Du nicht mehr die die Du dort bist Du wärst so wie ich...hier Käme ich zurück so wäre ich nicht mehr der der ich hier bin Ich wäre so wie Du ...dort Ich habe das Lachen verlernt Ich rege mich auch nicht mehr auf Ich lebe nur meine Einsamkeit aus Jetzt zum Beispiel geht es mir ganz gut und ich stelle mir vor dass ich nur in meiner Vorstellung allein bin Ach, was soll’s! Selbst wenn ich eine lebende Mutter auf der anderen Seite der Welt hätte so wäre sie doch eine Mutter auf der anderen Seite der Welt


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Streichholzschachtel Hätte dieser Regen aufgehört, und wäre das Blut nicht von der Straße gewaschen, dann wäre der Bus, den sie grün anstrichen, unseren Augen willkommen gewesen und keiner hätte die Dummheit begangen, ein Vagabund zu werden, so wie ich Wie ich, der ich aus dem Iran ausstieg, macht jeder hier drüben Aussagen dort drüben durch die BBC und wartet darauf, dass das Radio im Bus laufend uns hinüberträgt Wie Streichhölzer, kreuz und quer in der Schachtel, stehen manche auf und andere sind an ihre Sitze gewöhnt warten auf das Steuern eines Noahs, das kein Land erreichen wird Wie Streichhölzer tragen alle Zündstoff auf ihrem Kopf warten, dass das nächste Streichholz Feuer fängt, wie die berühmten Streichhölzer aus Tabriz oder Isfahan (das nicht die halbe Welt ist)* um einen Fahrer zum Anhalten zu bringen, der gar nicht hinter dem Steuer sitzt Londons Regen bringt keine Erleichterung Der Bus ist wie eine Streichholzschachtel auf nasser Straße ins Rutschen geraten

*In den Städten Tabriz und Isfahan werden seit über 100 Jahren Streichhölzer hergestellt. Die Aussage bezieht sich auf eine Zeit, da Isfahan eine so große Stadt war, dass die Menschen sagten, Isfahan sei "die halbe Welt“.


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Gedicht Ich war gerade dabei ein Gedicht zu pflanzen als mich plötzlich ein Geräusch an der Tür aufschreckte Ich sprang aus dem Sofa und dem Blumentopf meiner Frau und vergoss die Stille Ich hörte den Schlüssel sich drehen im Schloss und das Knarren der Tür in ihren Angeln Mein eigenes Gesicht hinter der Tür starrte mich an wie neulich im Spiegel Er läutete noch immer genauso unwillkommen wie neulich... Er kam herein gab mir die Hand und warf mich aus dem Haus mit der gleichen Hand die dann die Tür zuschloss. Ich möchte diesem kurzen Gedicht nicht den Rücken zukehren Ich sitze immer noch fest vor dieser Tür und höre nicht auf zu Läuten denn ich bin mir ganz sicher dass die letzte Zeile hinter dieser Schwelle wartet


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Die Brücke Ich bin verliebt in eine Brücke die in das Meer verliebt ist und dann und wann in jeder Nacht lege ich mich auf ihr altes Kopfsteinpflaster um ihr Lyrik vorzulesen Es ist als trüge der Fluss zu ihren Füßen einen Spiegel aber sie zeigt kein Mitgefühl den vielen Sprachen die ich weine Der liebe Junge schrieb gute Gedichte Er dachte ich wäre in das Meer verliebt Ach! ... So ging der arme Junge durch diesen Fehler dahin Ach! ... Ich wollte doch nur dass dieses Klatschen an kein Ohr dringt dass er eine Steinplatte aus meiner Brust genommen hat War ich doch verliebt in den der sich aus dem Nirgendwo dieser Nächte so über mich geworfen hat dass sie aus dem Irgendwo dieser Tage seinen geschwollenen Körper aus dem Fluss zu meinen Füßen zogen Und alle sagten nur Verrückter Junge! Wie sehr er das Meer geliebt hat Dabei habe ich ihn so geliebt


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Absurdit채t Also ehrlich! Wie kann man nur so faul sein, steh auf! War aufgestanden Unglaublich, bis zum Abend zu schlafen Schlief nicht Sitzt einfach so da am Tisch mit Deinen Erwartungen Erwartete nichts Hast Dich sicher voll gefressen und nur vor der Glotze gehockt! Hatte nichts gegessen, nichts gesehen Was f체r ein Gestank in diesem Zimmer, hast schon wieder gefurzt, Du Ekel! Hatte geschissen Eine Schande soviel zu pennen, eine Vene zum Durchschneiden hast Du nicht! Hatte geschnitten Und die Einsamkeit die sein lebenslanger Begleiter war hatte den Teppich unter dem Tisch dunkelrot gef채rbt Zu blind war sie um es zu sehen Tot war er.


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Album Das ist meine Mutter... ist sie nicht wunderschön? Der hier ist mein Bruder und der dort mein Vater Wenn er nur wüsste wie ich jetzt von einer Tür zur nächsten irren muss aber das kann er nicht verstehen Dies ist Sara, die Jüngste und dieses lächelnde Gesicht, ach ich habe ihren Namen vergessen! Exil, Exil, welch ein Durcheinander du in meine Erinnerungen würfelst! Das ist meine älteste Schwester Sie wurde vor Lachen immer fast ohnmächtig wenn wir Fotos machten Ich kann nicht verstehen wie diese Bilder von Lippen die lachten nun Negative geworden sind von Augen die weinen Vergiss es! Aber wie es mich doch verwirrt Meine liebe arme Bäuerin Mutter wenn je die Freiheit den Iran besucht wirst Du die neue Braut meines Vaters werden Und früh am Morgen schon wird meine Schwester Weihrauch verbrennen und meinen Kopf damit beschmieren um böse Blicke zu bannen Des Nachts hätte ich meine Leila und meine Mutter würde stolz Konfetti werfen und vor Freude juchzen in dem Feld unten an unserem Garten Und ihr Sohn, ein Auge auf seine Liebste werfend, wäre freudig erregt - ich bin erregt Nun da wir hier so eng umschlungen Seite an Seite durch den Eingang des Hauses gehen wollen wir uns nicht vorstellen wir wären jetzt im Genuss eines Kornfeldes? Lassen wir uns doch gehen...


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Weiß Lesen Lies diese Zeile in Weiß und diese in ein wenig Schwarz Ich lese Weiß Ich kleide mich ganz in Schwarz Bitte nun wieder zurück zur ersten Zeile Gestehe - Du hast etwas aus dem Nichts gehört Schreibe! Wenn Du zur nächsten Zeile zurückkehrst Streich sie durch! In dem Notizbuch das letzte Nacht endete ist der Radiergummi an die letzte Zeile des Gedichts angesetzt das aus den alten Lesern besteht Nimm es in die Hand! Radiere diese ganze Seite weg und die nächsten paar Seiten auch Ach ich weiß nicht! Wenn Du mich in Weiß kleiden könntest und alle meine Zeilen ausradieren dann könntest Du mich Weiß lesen Allein, wenn Du am Ende der Sackgasse dieses Notizbuches ankommst schreibe noch einmal Nichts! Ich bin ganz in Schwarz Radiere einfach den ganzen Radiergummi weg Nur in die letzte Zeile die mir bleibt Nein! Streich mich durch

schreib mich bitte hinein Nein! Ich streiche durch


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Wolke Als die Nacht anbrach Wie schön war die Form der Zeit als sie entfloh Oben über dem Morgenkissen hielt der Tag kurz an Der Morgen wusste nicht um sein Wiederkommen und die Nacht die einen Lichtbissen entnahm fiel auf ein Stück Apfel das in der Welt den dritten Platz einnahm Ein kalter Ton stürzte die Berge herunter und Grün kletterte die Felsspalten hinauf und der Mensch richtungslos an der Kreuzung wurde zum Fußgänger auf demselben Wege der später zu vielen führte Pflückte die Sonne von den Köpfen der Tage eine nach der anderen und lagerte sie ein Als dann das Wasser zur Sintflut wurde überließ er die Arche dem Noah machte das Schwert zur Notwendigkeit entdeckte den Schwefel und fügte Schießpulver dem Leben hinzu Machte aber keinen Unterschied Dennoch wird immer wieder Tag Die Nacht bricht wie eine dunkle Kuh aus dem Stall Der Tag verschwindet hinter einem braunen Kalb und die Nimbuswolke welche die Mutter eines verlorenen Sohnes ist dreht sich im Himmel und sucht weiter findet aber doch keinen ruhigen Ort um ihr Herz auszuweinen


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Regen Wenn ich unter dem Himmel dieser Stadt die so verkommen ist meinen Schirm aufspanne trägt er mich zurück zu den Tagen im Dorf Zu einem Mädchen sich bückend im Regen Reis pflanzend das ganz plötzlich zur Frau wurde Eine Frau die im Regen aufrecht stehend immer wieder und immer wieder zu dem Mann dessen Namen sie nicht kannte sagte Warum rennst Du weg? Warum der Schirm? Nur eiserne Männer rosten im Regen!


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Geschichte Ein Himmel reicht um Regen zu machen Eine Sonne um die Stadt zur Hölle werden zu lassen Wie ein Elefant mit geneigtem Kopf und langem Rüssel So hob der Sommer den Tag in die schwüle Luft Die Hand der Nacht verlor ihre Ruhe wie ein Feldherr getrennt von seinen Truppen Aus der Ecke meiner summenden Stimme die an der Ecke einer Siedlung von Stimmen wohnte zerriss das Lachen Buddhas die Stille meiner Gedanken an Lhasa Und ich dachte über mein Dasein nach welches in Persien eine große Bedeutung hatte um unter dem trägen Mondlicht das taghell erschien ein wenig zu weinen Ein Meer ist genug zum Ertrinken eine Falle für den harpunierten Wal der ich sein würde Die Welt steht wie ein alter Teppich zusammengerollt in der Ecke auf einem Platz von schwindelnd großer Leere Eine Frau ließ sich in einer ruhigen Wolke nieder Sie warf ein Netz in den tiefen Sumpf meiner Einsamkeit um den Goldfisch zu fangen der mein Herz war Wir mussten zusammenbleiben wie zwei ungleiche Finger uns lieben wie sich Liebende lieben und aufwärts reiten auf einem Pferd mit geneigtem Kopf hinabsteigend in das Königreich des Wieherns Ich gehe! Ich habe keinen gefiederten Traum mehr Ein Himmel allein ein Himmel reicht schon um diese Stadt zur Hölle zu machen


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Fallendes Grün Welch ein Fluss auf dieser Straße eine Million zwei Millionen drei Millionen Stimmen rennen und die Moschee hinter diesem Platz hatte an allen Freitagen zusammen noch nie eine solche Menge gesehen Furcht überkommt sie und ein Gewehrlauf wird durch ihr Fenster gestoßen fragt sich ob es auf das Kopftuch zielen sollte neben einem kurzärmeligen Jungen der ihr ohne Nachzudenken nach der Kugel den Kuss zur Wiederbelebung geben würde oder auf den Mann der aus sich heraustrat in seinem hohen Alter mit seinen Töchtern keiner sah mehr Menschen als diese welche zu Rebellen der Straße wurden mehr als dieser Nil der so viele junge Leben ausgoss Der Platz der Freiheit ist die Freude des Lebens und der Abzug des Gewehrs... der ist ganz daneben das Kugellager - sich um die Beute drehend unter den Menschen kann keine finden schießt also in die Luft aber anstatt Gott trifft es eine arme Krähe die sich oben auf einem Draht ausruhte rote Tropfen fallen auf die Grünen die aus ihren Höhlen herausgekommen waren und der Wind nimmt ihre schwarzen Flügel um sie dem Minarett der Moschee zu übergeben welches eine sinnlose Erfindung ist


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Das Gewehr entstammt einer unserer eigenen Fabriken voll konzentriert schockiert und wie ich aufgefahren in der Mitte eines gut konstruierten Gedichtes dessen Ende ich nicht erreichen kann‌


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Wurst Ich erfasste mit beiden Händen ihre Hände die in dem Foto waren Als sie aufstand bedankte sie sich nicht Darf ich mit Dir gehen? Sagte nicht nein Ich hielt ihre Hand Wir gingen durch das Foto Diejenige die in Deinen Augen versteckt ist finde ich umso weniger desto mehr ich hinsehe Sag mal - bist Du nicht verheiratet? Sie sagte nichts Möchtest Du? Sie sagte nicht Nein! Wir taten es! Die Tage flogen dahin wie der Wind und die Nächte waren nur sekundenlang Wir waren zwei einsame Fotos die die Welt aus ihrem Album werfen wollte Hinausgeworfen! Ist das nicht unglaublich? Heute Nacht wenn wir in entgegen gesetzten Fotos schlafen besuch einmal dieses Album öffne die Kühlschranktür in diesem Bild und nimm Dir was immer Du möchtest Tut mir leid! Wir haben nur ein armes Würstchen!


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Im Gerichtssaal Ich mit Dir, ich mit ihr, ich mit allen Ich leugne es nicht Im Gerichtssaal oder einer Zeichnung wo immer Du willst - zeichne mich heute! Wenn nicht – bring mich morgen um! Ein Mann in Stücke gerissen bin ich zerfetzt und durcheinander! Immer noch derselbe Stein den ich auf Deine Träumerei warf um die Mädchen in den äußersten Ecken der Welt zu umkreisen Öffnete kein Fenster, es zerbrach! Diese hässliche Frau liebt mich vielleicht das geht keinen was an Ich würde sie für kein Mädchen der anderen Welt tauschen Im Gerichtssaal...wo auch immer egal aus welcher Perspektive, zeichne mich heute! Wenn nicht, wenn ich sterbe... Um Himmels Willen beeil Dich! Bevor meine Freunde sie anfassen bring die um, die ich verführte!


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Mutter Die Gasse endete bei Anbruch der Dunkelheit Du gingst zu schnell Und das Kind - seine Worte konnten nie mit Dir Schritt halten In dieser guten alten Zeit saß droben am Himmel anstelle des Mondes eine lächelnde Frau im Schneidersitz Ach in jener Zeit, Mutter! Ich habe den Apfel vernichtet. Und jeden Tag gehe ich aus dem Haus um Liebe zu finden aber es führt zu nichts Die Gasse endet in mir Und heute Abend bleibt von dem Haus das ich für sie kaufen wollte nur noch das Bild eines kleinen Fensters offen Sieh! Wie verschlossen ich bin! Ich habe die Fenster aus diesem Haus geworfen werde mir etwas Salz für meine Wunden kaufen und ein paar Puzzleteile des Meeres zusammenfügen in der Hoffnung Dich von weit her zurückzuholen Gefallen aus der Hand unserer Mutter, folgen wir dem Lebensfaden der sich durch das Spinnrad der Schicksalsgöttinnen zieht Wir sind überhaupt nicht vorwärts gegangen Wir haben bloß herumgetrampelt auf diesem Pfad


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Schlaflied An den Tagen meiner Spaziergänge war er so ruhig nun fließt er immer schneller! Den Fluss meine ich Ich bin gerannt und konnte ihn doch nicht erreichen Nun da ich stehen bleibe bin ich hier! Zuhause meine ich Ich schlafe in der Einsamkeit des Hauses und träume dass der Fluss noch immer singt so dass ich für immer schlafen kann


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Großmutter Sie öffnet mein Fenster Guten Morgen! Und ein Zweig der keine gelben Blätter möchte legt seine Äpfel auf meinen Tisch Höre auf in der Ecke zu schmollen als ob in irgendeiner anderen Ecke die Welt zu Ende geht Steh auf! Ich stehe auf dem Balkon denke an meine Jugend zurück die an meinem alt gewordenen Selbst vorbei läuft Und in den Ruinen dieser Tage stehe ich auf dem Balkon bis die Welt in einer anderen Ecke zu Ende geht Manchmal lässt der Apfel meines Blickes die Äste des Baumes erbeben Manchmal denkt Großmutter an den alten Mann wie er jung war Manchmal verleugnen gelbe Blätter den Herbst manchmal die Großmutter manchmal den Apfel Letzte Nacht träumte ich dass ich so tot war wie meine Jugendzeit


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Tod Ich habe es gesehen immer wieder mit ansehen müssen wie der Tod auf einen Mann fiel der von seinen Träumen traumatisiert war Aber ich weiß nicht wo und wann dann eines Tages eine Hand mich im Nacken packen wird und... Manchmal wenn ich meine Augen öffne sehe ich eine Pusteblume in meiner Hand Trotz alledem weiß ich nicht warum ich den Tag herbei sehne dessen Ankunft ich fürchte


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Dschungel Tapete Ein Papier beklebt mit einer Wand Ein Gewehr in die Luft m체ndend allein in der Ecke an diese Wand gelehnt Ein Papiertiger pirscht sich an hat keine Angst mehr vor dem Gewehr Ein scheuer Hirsch in den Pranken des Tigers ist ein Freund seines Alleinseins Trotz alledem ging meine Einsamkeit zu Bett nun da ich nicht mehr dort bin In der Zeit in der ich hier bin - allein bin springen immer wieder der scheue Hirsch und die Augen des Tigers aus meinen Tr채umen heraus Heute - ein Hirsch ohne Furcht Der Tiger der die Einsamkeit ist ist ein Dichter alt und gewehrlos der sich f체rchtet...


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Lieben Es ist nicht gut allein zu sein und in die Träume anständiger Damen zu spazieren die unerreichbar sind Eine Hand die sich ohne eine Frau in grünen Wiesen an die Blume anlegt drückt kein Gefühl aus Es ist wahr dass Armut schlecht sei schlechter ist jedoch die Liebe Ein Fremder zu sein ist nicht willkommen Tatenlosigkeit ist aufreibend Aber nichts ist schlimmer als ein ganzes schmerzvolles Jahr in einem Haus, einem Zimmer, einem Bett neben derselben Frau zu liegen und denselben eintönigen Film zum tausendsten Mal in der Wiederholung zu sehen


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Bilderrahmen Ich trete aus einem alten Bilderrahmen heraus und gehe hinaus auf die Straße kehre zurück auf die andere Seite der Lehmwände um die Lethargie des Mannes abzuschütteln der im Schatten steht Er tritt aus einem alten Bilderrahmen heraus und läuft in sich selbst weg so dass das Foto zwischen den Seiten meines Buches wieder in seinen Rahmen an der Wand zurückkehren kann


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Papa Sei ruhig mein Junge! Ihre Brüder sind alle gegangen Ihre Schwestern kamen nie zurück Mami weint, fühlt sich einsam Papa lässt sie nicht allein Lass uns für sie beten Bald wird sie wieder ok sein Genug geweint! Ich werde es wieder gutmachen Es kommt nicht wieder vor Ich verspreche es


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Disco Du tanzt gut - richtig Du hast Stil - das stimmt aber diese Disco ist ganze achtzehn Lebst Du hier Deine Midlife-Krise aus? Lass es bleiben Ich bin nicht ein Dichter den man ausprobieren kann bevor man ihn zu sich legt In einem Augenblick spreche ich links am nächsten Tag gehe ich rechts C'est la vie! Wenn ich nicht trinke nicht lebe was könnte ich tun so dass Du nicht anschließend allen erzählst Ali küsst niemanden Ali spricht nie darüber?


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Diktat Ich war Bruder aller Mauern dieser Welt und meine Frau eine Fensterscheibe voll Dämmerung beweinte schneidend sowohl die Zwiebeln als auch mich mit Tränen über Tränen. Punkt. Kinder! Ihr kriegt die volle Punktzahl wenn ihr das Leben mit Wahrheit und Lügen beschreibt... An einer Kreuzung wo kein grünes Männchen zum Fußgänger wird wo kein Verkehrspolizist den Autofahrern eine freundliche Seite zeigt und wo keine magische Laterne mit grünem oder gelben Gesicht steht... Es geht die Frau nichts an deren Name meinen Trauschein ruiniert hat Wie konnte sie nur so werden wie eine die an den Straßenecken steht? Anhalten! Versuch doch mal ohne Lügen zu schreiben, mein Sohn! Aber sei vorsichtig - ruiniere nicht das Papier der Radiergummi wird nicht immer dort anhalten wo Du es willst. Derjenige der ein Gedicht schreibt radiert immer andere Gedichte aus Dichter! Jetzt wird nicht mehr geschrieben Stift hinlegen - Hände hoch!


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Die Kreuzung Jetzt gehen - jetzt nicht gehen Hinter der Ampel die gehen lässt - nicht gehen lässt Die Straße die eine Straße überquert die sich überqueren lässt - nicht überqueren lässt Lasst uns gehen - nicht gehen An der gleichen Kreuzung die kreuz und quer ein Kreuz bildet Sie weiß sie wird nicht ankommen Es geht Lass auch dies vorbeigehen - was vorbei ist, ist vorbei Das welches eintrifft wird man nicht eintreffen lassen Lass die Kreuzung offen öffne die Schleusen Lass es wieder los, erledigt, vorbei lass es und... Nicht erlaubt! Sie lassen es nicht zu! Welche Menschen?


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In Langrude In Madrid sehe ich sie bei dem Tisch den sie gedeckt hat in dem kleinen Café am Rande der Stadt dabei war ich noch niemals in Madrid In Mexico sitze ich an einem Tisch gegenüber eines Cafés ohne eine Kellnerin und ich sehe sie die nicht weiß, dass im Iran mich keiner bei dem Namen ruft, den ich habe Sie sollen es nicht! Wenn ich gleich einem Gespenst der Nacht bin warum sollte ich Dich nicht in Langrude sehen das ja nicht nur in meiner Vorstellung existiert? Ich sehe Dich!


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Im Irrenhaus Ich schreibe diesen Brief an das Mädchen das einsamer lebte als der Mond das Mädchen welches eines Tages im Spiegel erschien und mit sanftem Lächeln einen Stein von meinem Herzen nahm Bist Du gegangen in den Schuhen welche unten an der Treppe stehen? Warum sattelst Du nicht das Wiehern der Pferde? Es muss an Deinen Augen liegen die sich manchmal so anhören wie das galoppierende Wiehern von Pferden Unser letztes Glück war der Wind der vom Winde verweht wurde Selbst Kühe lecken nicht an dem Foto vom Fluss in diesen Zeitungen heutzutage Gottes Beine guckten aus dem Wolkenrock heraus Diese Betten kommen von Frauen aus der Vergangenheit Attacke! An die Ruder! Das Meer hat immer soviel mehr Schwimmen als Schiff fahren Wir sind wieder Menschen Ich habe es gehört, in genau dieser Zeile, die Ihr jetzt hört, am Ende des Gedichtes, welches ich schreibe, bei Anbruch der Dämmerung, dann fängt es an zu regnen und am Ende rennt das Geräusch des ungesattelten Wieherns wilder Pferde in meinen Schuhen. Heute stirbt das Gehen meiner Füße in den Schuhen an deiner Seite Ich weiß nicht welche Decke ich mir überziehen soll ich weiß es nicht Ich weiß nicht?


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ZERBOMBT DOCH ALL DAS WEINEN

Wie eine Frau die zwei Jahre in meinen Augen gewohnt hat ist es nicht eine Sünde mich so von einem Bett ins andere zu ziehen? Wie kann ich diesen zitternden Soldaten die Dir, oh Leben, gegenüberstehen befehlen zu schießen? Von den Schuhen die unten an der Treppe stehen kommt ein Geräusch galoppierender Pferde glaubst Du mir nicht? Du! Der Du nun hinter dem Ende dieses Briefes stehst schick mir doch zwei Augen damit ich weinen kann!


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ZERBOMBT DOCH ALL DAS WEINEN

Die Geschichte Keiner hat je diese Geschichte gehört noch nicht mal in den uralten Höhlen Ich warne Euch lasst sie niemals über Eure Lippen kommen denn dieser Geschichte folgt eine Gefängnisstrafe von sieben Generationen Ich weiß um eine Geschichte die ich nur den Lippen eines Mädchens aus dem Leben nach diesem Leben entlocken kann Aber drängt mich nicht wir haben nicht genügend Munition Verängstigt nicht die Pferde Liebe Leser - lasst uns hier unser Lager aufschlagen! Ich habe die Geschichte nicht aus dem Sack gelassen nur ihr Schwanz schaut heraus Ich werde sie nicht in die Länge ziehen Falls sie Euch interessiert könnt Ihr ja meine neuen Bücher öffnen und diese Geschichte noch einmal lesen


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ZERBOMBT DOCH ALL DAS WEINEN

Über die Autoren

Ali Abdolrezaei Ali Abdolrezaei wurde 1969 im Iran geboren und studierte Maschinenbau in Teheran. Seine Karriere als Dichter begann 1986, und er wurde bald zu einem der am berühmtesten Poeten im Iran nach der Revolution. Sieben seiner Bücher wurden im Iran veröffentlicht, bevor man ihm verbot zu lehren und öffentlich aufzutreten. Die immer strengere Zensur in seinem Heimatland zwang ihn schließlich, ins Exil zu gehen. Für kurze Zeit lebte er in Deutschland, dann zwei Jahre in Frankreich. Im Jahre 2005 zog er nach London, wo er seitdem wohnt und arbeitet. Ali Abdolrezaeis Gedichte wurden mittlerweile in über zehn verschiedene Sprachen übersetzt.

Christina Ehlers Christina Ehlers wurde in Niedersachsen geboren und lebte in Frankreich, Italien und Spanien, bevor sie sich 1997 im Süden Englands niederließ. Sie ist Diplom-Kauffrau, und ihre berufliche Laufbahn dreht sich um Kommunikation in den verschiedensten Formen. Sie schreibt Gedichte und Musik auf Englisch und überträgt Ali Abdolrezaeis Lyrik vom Englischen ins Deutsche.

ZERBOMBT DOCH ALL DAS WEINEN  

ZERBOMBT DOCH ALL DAS WEINEN! Gedichte von Ali Abdolrezaei ins Deutsche übertragen von Christina Ehlers

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