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Michael Fiedler

Geometrie und Fertigteile Gedichte

Reihe Neue Lyrik Kulturstiî‚?ung des Freistaates Sachsen Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt, Ralph Lindner

poetenladen


Erste Auflage 2012 © 2012 poetenladen, Leipzig Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-940691-31-6 Reihe Neue Lyrik – Band 2 Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt, Ralph Lindner Illustration und Umschlaggestaltung: Miriam Zedelius Druck: Pöge Druck, Leipzig Printed in Germany Poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig, Germany www.poetenladen-der-verlag.de www.poetenladen.de verlag@poetenladen.de


Wörtern wird entgegengetreten – im Ringkampf zum Beispiel. Wörter, die Verletzungen waren, Aufruhr, Beschädigungen, Risse unter der Haut. Wörter haben Klangkra; sollen oder wollen ausdrücken, sich aneinanderreihen, reiben, wiederholen. Sie halten zurück oder aufrecht glauben muss man daran. Sie kommen in strenger Folge, hört man hell auf sie verändern und verwandeln. So sind geliebte dunkle Wörter. Vergiete Wörter, die man verschlingen kann, sich zwischen in ihnen verirren. Bearbeitet können Wörter ein Bonbon sein: ein wohlwollend schmeckendes Täuschungsmanöver. Reiz, Tunnel und Schächte. Herzklopfen bei ihrer Niederschri. Ja, genauso war es. Ausgesprochen mehr bedeuten. Lu entweicht scharf durch schmale Enge. Zungenspritzer. Jedes Wort zeichnet sich ab: bruchstückha kombiniert man Wörter geschickt zu einer Schlinge (Satz), vertraut auf die Leere glänzender Scheinbilder – wartet auf Kathedralen, errichtet unter dem blauen Auge Wort Himmel. Sprechen von Flugzeug und Schall und Verzögerung.

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Andere Wörter sind nirgendwo angeschrieben; werden von keiner Stimme wiederholt. Die Welt bedient sich Transformatoren, um Wort zu werden. Eines, das voll ironischer Resignation ausgesprochen wird (aber das macht nichts). Kein Wort von Geschichte (aber das macht nichts), ohne Kenntnis alles blindlings verwirklichen; hin und her walken einkreisen, überfallen, zerbrechen oder gar lästige Geräusche erzeugen

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I von vielerlei Keimen geschwollen, besingt jeder, was er liebt


Lektion im Hirn ZwischenlĂśsung Poesie wird vorbereitet

Atem lang anhalten Zeile fĂźr Zeile spielt Roulette

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war ich Irrtum Abschweifung mit dem Elektroschockgerät im Karton

im Hohlraum unter der Treppe Bemerkungen Spuren erfundene Gespräche

in einer Welt voll Himmel auf Erden hinter, mit einer spiegelverkehrten Vier markierten Wohnungstüren beginnen falsche Fährten der schlagkräigen Wesen im Dienste dunkler Kräe deren Leidenschaen höheren Sphären gelten

Briefe und Reisen

in die unfertige Welt

und wer ist

unter den Menschen

welcher könnte erkennen, wie

eine verworrene Geschichte die sich über Jahrhunderte

die Erde ist in Länge und Breite

hinzieht

ich ging,

um zu messen

um zu verstehen,

alles Vergessen

mit bebender Stimme

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Dreschtenne immer Suche bitte alles neu und ohne Kategorie suche immer hinterm Haus Fuhrwerk, Feldarbeit, Tiere und Schlachter lange Winterabende oder auch ausgebleichte von meiner Familie wie damals üblich, lagen sie übereinander Ruinenberge, die ich vor längerer Zeit und zufällig entdeckte, die meisten haben Raben im Hintergrund und zusätzliche Beschreibung auf Postkarten o beschädigt, zerknittert mit freundlichen Grüßen

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Passigdrehwerk nach allen Seiten hin geschoben läu die Spindel nicht nur rund aus Leidenscha Aus der Dorfgeschichte zusammengetragen und kommentiert bevor niemand mehr über die abgebildeten Tonwerte Farben korrigiert

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Bildrauschen entfernt


Niemand sorgte sich mehr um Zwetschgen, Knorpel und Glas hart gewordene Haut an Händen oder Füßen Haselstauden am Ende der Straße Panzersperren war Kanonendonner Kulisse die Front kam näher und Wortmeldungen bestimmten die Auswahl

Requisite

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Second Search Nachwort von Jan Kuhlbrodt »Protokolle einer Suche. Aber wonach? Und es werden Wunden sichtbar, die vielleicht auch meine sind.« Michael Fiedler

Mit dem vorliegenden Band »Geometrie und Fertigteile« präsentieren wir im Rahmen unserer Reihe neuer Lyrik das erste Debüt. Vorgenommen haben wir uns, immer im Wechsel eine neue und eine bereits etablierte Stimme zu präsentieren. Die Gedichte von Michael Fiedler sind in mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall. Nicht nur, dass es sich um neue Texte handelt, sie sind so aktiv wie erneuernd. Es ist mir selten untergekommen, dass Gedichte gleichzeitig in verschiedene zeitliche Richtungen schreiten. Und vielleicht ist das ein Zeichen von echter Innovation, dass im Ausschreiten eine gewisse Demut liegt. Fiedler selbst äußert sich folgendermaßen: »Dieses fremde Material, wie Du sagst, wem gehört das eigentlich? Bin das nicht ich selbst, wenn ich es auswähle? Der Auswahl geht Sammlung voraus. Auch Jagd. Dieses ich selbst rauscht zum Beispiel durch das Netz und will Gedichte schreiben. Oder auch nicht. Und was diese Träume an Fetzen zurücklassen, kann ich wieder neu zusammensetzen.« Was mich an Fiedlers Texten aber zunächst fasziniert, ist deren Eleganz. Sie stach mir ins Auge, weil diese Dichtung doch im Bereich der Experimentellen anzusiedeln ist. Das heißt in einem Bereich der manchmal verbissenen manchmal schnoddrigen Sachlichkeit, die sich um ihre Ober-

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flächen kaum kümmert. Das Raue ist gleichsam Markenzeichen: Nicht so bei Fiedler, er lässt die Versatzstücke tanzen. Der geübte Leser wird hellhörig. Eleganz? Haben wir etwas verpasst? Kleidet sich jetzt auch Dichtung in Retro-Chic? Ich kann ihn beruhigen. Fiedlers spezifische Eleganz speist sich nicht aus der Imitation eines Schwanenhalses. Und seine Kunst hat auch nichts mit dem blassen Schein des Art déco gemein. Sie ist voll und ganz diesseitig und aktuell, auch wenn sie historische Bezüge nicht gänzlich verweigert. Fiedler: »Dem Eingangstext liegt Sartres Autobiographie Die Wörter zugrunde. Während ich es las, stellte ich mir die Aufgabe, alle Sätze und Verbindungen mit dem Wort Wort oder Wörter anzustreichen. Vielleicht erhoe ich mir tiefere Erkenntnis, hatte Langeweile; der Titel legte es nahe. Ich steigerte mich in diese Sache hinein und verfügte schnell über gutes Material, wie ich meinte. Es funkelte und tanzte und Bedeutungen schimmerten an einigen Stellen. *** *** puh. stopp, stopp, stopp Schimmern, Tanzen und Funkeln?« Fiedlers Methode ist der Cut. Das heißt, er arbeitet mit vorgefundenem Wortmaterial. Okay. Das macht jeder Dichter, könnte man sagen, und keiner von ihnen hat die Sprache selbst erfunden. Was Fiedler aber formt, ist eben nicht Rohstoff im herkömmlichen Sinne, sondern es ist Sprache in schon geformter Gestalt. Jedes Wort ist einer Wortgruppe entnommen. Fiedler recycelt. Es entstehen aber keine recycelten Formen. Das Entstehende dabei ist originär. Und so erweist sich eine geradezu naturwüchsige Demokratie der Sprache, das Vernutzte wird in den Kreislauf zurückgegeben und findet sich dort als brauchbar und neu. »Vielleicht sind das auch Ausflüge in unser kollektives Bewusstsein, das sich im Internet offenbaren kann«, sagt Fiedler. »Einige Texte beziehen ihr 60


Material vornehmlich aus Online-Quellen wie zum Beispiel GoogleSuchergebnis-Anzeigen.« Kein Wort wird verschwinden, ist es erst einmal gesprochen oder geschrieben. Ein Gedanke, der zugleich verstört und tröstet, der uns, wenn man so will, auch auf die Moralität unserer Äußerungen zurückbiegt. Es kann immer wieder gefunden werden. Einer zweiten Suche kann eine dritte, vierte folgen. »Sich selbst finden, wird auch immer in Beziehung zu vorgegebenen / vorgefundenen Tatsachen und Umständen stattfinden müssen«, sagt Fiedler.

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Michael Fiedler wurde 1981 in Leipzig geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und veröffentlichte in Anthologien und Zeitschrien, zuletzt in Zwischen den Zeilen und Sprache im technischen Zeitalter. Der Gedichtband Geometrie und Fertigteile ist Michael Fiedlers Debüt.

poetenladen 2012 Gebundene Ausgabe 64 Seiten, 16.80 Euro ISBN 978-3-940691-31-6

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„Bearbeitet können Wörter ein Bonbon sein: ein wohlwollend schmeckendes Täuschungsmanöver.“

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H:HOW]XU.HQQWOLFKNHLWYHUlQGHUQ VFKLHGHQ*HVSUlFKHQ:DFKWUDXP HUXQJHQ$EVFKLHGHQ*HVSUlFKHQ:DFKWUDXP it, Vormärz Zwischenwelten Michael Fiedlers Methode ist der Cut. Das heißt, er arbeitet mit vorgefundenem Wortmaterial. Das macht jeder Dichter, könnte man sagen, und keiner von ihnen hat die Sprache selbst erfunden. Was Michael Fiedler aber formt, ist eben nicht Rohstoff im herkömmlichen Sinne, sondern es ist Sprache in schon geformter Gestalt. Jedes Wort ist einer Wortgruppe entnommen. Fiedler recycelt. Es entstehen aber keine recycelten Formen. Das Entstehende dabei ist originär.

Reihe Neue Lyrik – Band 2 Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner


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