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JĂźrgen Nendza

picknick Gedichte

poetenladen


für Cornelia

Erste Auflage 2017 © 2017 poetenladen, Leipzig Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-940691-84-2 Umschlaggestaltung: Miriam Zedelius Druck: Pöge Druck, Leipzig Printed in Germany poetenladen, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig, Germany www.poetenladen-der-verlag.de www.poetenladen.de verlag@poetenladen.de


Ich habe immer geglaubt die wirklichkeit sei etwas das man werde wenn man erwachsen wird. Inger Christensen


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Inhalatorium

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DAS FAHRWASSER haben sie umgesteckt, die Birkenstämme. Jetzt schwimmen Atemzüge bis Buise, unterspülen Wachphasen auf dem Promenadendeck. Sommerfrische logiert in Badefeldern, eingefriedet, mit dem Rücken zum Meer. Du weißt, die Rettungswege sind freizuhalten, Rebeckchen Mayer und Herr Levy duren bleiben. Die Lu ist feucht. Gleich kommt die Sonne zum Vorschein, weckt weitere Jahre, die anlegen im Wind und nirgends das Feste und Ganze. Die Strömung verschiebt den Küstenverlauf. An deinem Kinn entsteht der vollkommene Raum eines Tropfens.

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GROSSPORIG, in schuppiges Gleichmaß gewölbt, eingesüßt ins Unbetretene: der Fischkörper Strand. Nach dem Regen entspannt sich die Haut, beginnt das Einfärben der Dünen hinter den Augen. Auf der Deichkrone Lawn im Farbstich alter Motive, Badekutschen, ein Tanzsaal im Wellengehege, das Unbeschreibliche unter Reifröcken. Faltenwürfe verebben, umspült vom Schweigen kolonialer Vokale. Unsere Schatten legen sich übereinander, lagern im Fischkörper Entfernungen ein. Wir könnten Wurzeln schlagen, sagst du, zum Sandfänger werden. Mondlicht rollt an, perlmuttfarbene Echos, Stimmen aus Regen.

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DEINE SCHRITTSPUR ein Reigen aus Augenblicksflächen. Ihr Einwässern in fußbreite Spiegel, einbleichend in kurze Himmelstränken, mit Versickern belebt. Ein Spalier aufgesprungener Muscheln, eine Möwe im Schlichtkleid. Du gehst weiter. Die Küste gefüttert mit Blicken, die Schuhe in der Hand, die Bänder wie Köder für feste Schleifen.

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ANMERKUNGEN

S. 15: Die Seeflugstation auf der Nordseeinsel Norderney wurde 1935 zum Militärflugplatz ausgebaut. Im Zweiten Weltkrieg war die Insel ein wichtiger Flugabwehrstützpunkt in der Deutschen Bucht. Zur Täuschung alliierter Bomberverbände legte man dort einen Scheinflughafen mit hölzernen Flugzeugattrappen an. S. 21 – S. 24: Verborgene Ehen: Zu den Kryptogamen zählt man in der Biologie Pflanzen und Organismen, die im Verborgenen blühen, verborgene Ehen eingehen und sich, wie Carl von Linné schrieb, »im Versteckten paaren«. Dazu gehört auch die verborgene Ehe von Alge und Pilz, deren Symbiose im Doppelwesen der Flechte einen neuartigen Organismus ausbildet. S. 29: Sonnenscheibe: Skulptur von Herbert Baumann aus dem Jahr 1961. Montagsloch: Fundort im Essener Grugapark, an dem im März 1945 russische Zwangsarbeiter von der Gestapo ermordet wurden. S. 36: Freiheit: ehemalige Straßenbahnhaltestelle in Essen. S. 61: Fredy Hirsch wurde 1916 als Alfred Hirsch in Aachen geboren. Er war ein deutscher Zionist, leitender Funktionär des Jüdischen Pfadfinderbundes und ein begnadeter Leichtathlet und Turner. 1935 flüchtete er vor den Nazis in die Tschechoslowakei, wo er sich dem Makkabi Hatzair anschloss und u. a. als Trainer und Sportlehrer mit Jugendlichen arbeitete. Im

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September 1943 wurde er vom Theresienstädter Ghetto ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort im eresienstädter Familienlager untergebracht. Hier gelang es ihm, einen Kinderblock einzurichten, der sich unter seiner Leitung zu einer Art Schutzzone entwickelte, die vielen Kindern das Überleben ermöglichte. Fredy Hirsch kam am 8. März 1944 unter bis heute ungeklärten Umständen in Auschwitz ums Leben. Zuzana Růžičková wurde 1924 in Pilsen geboren und lebt heute in Prag. Sie ist eine weltbekannte Cembalovirtuosin. In den 60er und 70er Jahren spielte sie als erste Frau Johann Sebastian Bachs Gesamtwerk für Cembalo ein. 1943 wurde sie ebenfalls vom eresienstädter Ghetto nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort arbeitete sie unter Fredy Hirsch als Hilfsbetreuerin im Kinderblock des eresienstädter Familienlagers. Grażyna Chrostowska wurde 1921 im polnischen Lublin geboren. Sie war eine junge Dichterin und Mitglied der polnischen Untergrundbewegung. Im Mai 1941 wurde sie von der Gestapo verhaet und in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überführt, wo sie im April 1942 erschossen wurde. Die Zitate in LIPANSKA sind ihren 1941 geschriebenen Gedichten Blumen und Jetzt bin ich bereits nahe entnommen, die aus dem Konzentrationslager Ravensbrück herausgeschmuggelt werden konnten.

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Die Arbeit an diesem Gedichtband wurde gefรถrdert durch die KUNSTSTIFTUNG NRW.

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INHALT

Inhalatorium DAS FAHRWASSER 9 GROSSPORIG 10 DEINE SCHRITTSPUR 11 KONTAKTFLäCHEN 12 KRIECHSPUREN 13 AM SPÜLSAUM 14 NIEDRIGWASSER 15 ZWISCHEN SCHWIMMFLÜGELN IN SICH VERGLEITENDER TANG

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Verborgene Ehen Lungen21 Landkarten22 Lackmus23 Schri24

Kopfalbum LASS SEHEN 29 DAS SIND 30 IM KREIS 31 VIELLEICHT EIN WACHSTUMSSTREIFEN EIN FINGERZEIG 33 FLIEGENPAPIER 34 DAS SIEHT DEIN STIELAUGE 35 DIE ABZIEHBILDER 36 16

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Picknick I WIR BREITEN UNS AUS 41 II KLEINIGKEITEN 42 III AUFGEFALTET 43 IV ESCHEGEFIEDER 44 V DAS MITTAGSLICHT 45 VI UNSERE HAUT 46 VII AUF UNSERER DECKE 47 VIII EINE RANDLOSE 48 IX WIR TEILEN 49

Tägliches Gefälle HIER 53 NUR KURZ 54 GINGKOGRÜN 55 HEUTE 56 MORGENS MILCH 57 SCHNEEKLEBER 58 ICH WEISS NOCH 60 LIPANSKA 61 Anmerkungen

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Jürgen Nendza Mikadogeäst Gedichte aus zwanzig Jahren ISBN 978-3-940691-71-2 poetenladen Verlag 2015

»Eine repräsentative Sammlung mit Gedichten aus 20 Jahren legt der 1957 in Essen geborene Lyriker Jürgen Nendza vor: Mikadogeäst. Seine Exerzitien der Wahrnehmung sind einmalig in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik« Deutschlandfunk, Büchermarkt »Der Auswahlband Mikadogeäst ist ein Selbstporträt des Lyrikers Jürgen Nendza, der zu den interessantesten seiner Generation zählt.« Süddeutsche Zeitung, Lothar Müller »Ich empfehle die Gedichte aus 20 Jahren des stillen, aber bemerkenswerten Lyrikers Jürgen Nendza: Schwebend, aber stets zum Greifen nahe, kommen seine Sprachbilder, die immer auch Gedankenbilder sind, daher. Es sind schöne, leichte, ernste Gedichte eines Poeten, der es versteht, Herz und Verstand gleichermaßen aufzuwühlen.« SWR-Bestenliste 09.2015, Hajo Steinert


Jürgen Nendza Apfel und Amsel Gedichte poetenladen Verlag 2012 ISBN 978-3-940691-58-3 TB-Auflage 2014

»Jürgen Nendzas Gedichte sind leise und fragile Gebilde. Es entstehen Texte, die durch reflektierte Impressionen zu eigenen Assoziationen anregen und durch eine Überblendung der Bedeutungsebenen überzeugen.« Frankfurter Allgemeine Zeitung, Henning Heske »Jürgen Nendza erscha mit seinen Versen eine eigene Welt, eine Umgebung aus Echos, die bis an den Gedächtnisrand führt.« Stuttgarter Zeitung, Nico Bleutge »Jürgen Nendza, 1957 in Essen geboren, hat sich Buch für Buch in die Beletage der deutschen Gegenwartslyrik geschrieben.« Westdeutscher Rundfunk


Jürge Nendza: Picknick  

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