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Coburger Nr. 2

M채rz 2013

Magazin f체r Politik. Gesellschaft. Lifestyle.

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Preis 4,00 Euro

Seite 36: Gewalt auf Coburgs StraSSen


B체cher bilden. Schon ganz fr체h.

Zum zehnj채hrigen Bestehen vom 19. bis 25. April 2013 Unter anderem mit Harry Rowohlt und Sten Nadolny


Inhalt

Ausgabe 2 . März 2013 8 hören. sehen. staunen. in coburg 11 Stadtgespräch 16 briefe 68 l andesTheater 86 Fotogalerie Coburg 95 impressum 96 Monaco Franke 97 Auf ein Wort 98 Das Letzte

da niel a gre schke

20 Geisterfahrer

Falschfahrer in Oberfranken. Warum so viele?

Fotos trecke

28 F rühling in Oberfranken

Traumhafte Fotos zum Winterende

Wolfr a m Hegen 36 G ewalt auf Coburgs StraSSen Ist Coburg noch sicher? Warum diese Gewalt?

Wer verursacht sie? Wer sind die Opfer?

Interv ie w 50 coburgs

zukunft

Doppelinterview mit OB Norbert Kastner und IHK-Präsident Friedrich Herdan da niel a gre schke 52 D er MarAthon-mANN Markus Süße, Coburgs extremster Sportler

Wolfr a m Hegen 58 magic

marcus

Daniel a Greschke Preisträger Marcus Geuss ist auf allen deutschen Kleinkunstbühnen zu Hause

Frederik Leberle 64 keine zeit zum Ausruhen Aus dem Tagebuch eines Schauspielers

Thom a s A pfel 72 w ir sind doch ganz normal Coburgs Schwulengemeinde ist angekommen

Wolfr a m Hegen 78 D ie feine Nase Deutschlands erster Sommelier spricht vom Wein

Heidi Schul z-scheidt

82 H ier wohnten…

… Juden und Nazis unter einem Dach

Wolfr a m Hegen 90 J aeger-LeCoultre

Wolfr a m Hegen

Die neue Grande Reverso Ultra Thin Duoface

92 v orfreude auf den frühling Wir testen den Chevrolet Camaro

Titel. Gewalt auf Coburgs StraSSen

Illustration von Michael Heinrich

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Ausg abe

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Frühling in Oberfranken

Foto: Markus Gann

Die schönsten Frühlingsbilder unserer Redaktion


Inhalt

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Gewalt auf Coburgs StraSSen Ist Coburg noch sicher? Warum diese Gewalt?

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Geisterfahrer Falschfahrer in Oberfranken

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Inhalt

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der Marathon-Mann Coburgs extremster Sportler

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78

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wir sind doch ganz normal Coburgs Schwulengemeinde

Die feine Nase Deutschlands erster Sommelier spricht vom Wein

FotoGalerie Coburg Aus dem Portfolio unserer Fotografen

deutschlands schönste plätze * besuchen sie uns in coburg * Magazin WirtschaftsWoche 18.05.2012

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magic marcus Portrait Marcus Geuss

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vorfreude auf den frühling Wir testen den Chevrolet Camaro

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Hören. Sehen. Staunen. In Coburg März || April || Mai

Im März konzert

Beatles Revival Hey Jude, Can’t buy me love – Yeah Yeah Yeah! Aber eine Konzertkarte für die Jubiläumstour, die sollte doch drin sein, wenn die Silver Beatles mit ihrer Show „Yesterday – a tribute to the Beatles“ am 8. März um 20 Uhr im Kongresshaus Station machen. Denn die vier erstklassigen Musiker aus Großbritannien und Australien sehen nicht nur aus wie die echten Beatles, nein. Sie singen und bewegen sich auch wie ihre revolutionären Liverpooler Vorbilder. Seit 20 Jahren schon touren die Musiker um Jonny Silver alias John Lennon um die ganze Welt und lassen die goldenen 60er Jahre wieder aufleben. Yeah Yeah Yeah!

Comedy

Olaf Schubert sächselt Der neue Schubert ist da – Gott sei Dank noch ganz der Alte. „So!“ Der schrullige Berliner Comedian mit dem haarsträubend sächsischen Dialekt ist zwar untergewichtig, aber – allerdings nach eigener Aussage – auch extrem überbegabt und er will deswegen auf keinen Fall diese Gelegenheit auslassen, sein Publikum mit dem neuen Programm zu erleuchten. Olaf Schubert auf der Bühne, das rockt gewaltig. Denn er spricht nicht nur, er singt auch (wirklich?) und es steht zu befürchten, dass er sogar tanzt… Und zwar am 10. März um 20 Uhr im Kongresshaus Rosengarten.

Musicalgala

Medley im Kongresshaus Irgendwo zwischen dem New Yorker Broadway und dem Londoner West End befindet sich am 12. März um 20 Uhr die Bühne des Coburger Kongresshauses, wenn die Musicalgala „Nacht der Musicals“ mit einer zweieinhalbstündigen Show die Highlights aus den bekanntesten internationalen Musicals präsentiert. Schnurrende und auf Samtpfoten daherkom-

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mende Klassiker aus „Cats“ gibt es dabei ebenso zu hören wie dramatische und kraftvolle Balladen aus „Evita“. Und wer es ein bisschen wilder und geheimnisvoller mag, der kommt bei den Stücken aus „König der Löwen“ und „Tarzan“ voll auf seine Kosten.

verkaufsoffener Sonntag einkaufswütige oder nur bummelnde Zeitgenossen in die Läden und auf die Flaniermeilen rund um den Marktplatz und alle angrenzenden Gassen lockt.

film

Coburg im Kino In neuem alten Glanz erstrahlte im vergangenen Frühjahr – oft auch nächtens – mit Hilfe meterhoher Baustrahler Schloss Ketschendorf, als das historische Gebäude drei Wochen lang das „Haus Montrose“ für den Kinofilm „Rubinrot“ mit Veronica Ferres in der Hauptrolle war. Regisseur Felix Fuchssteiner war sofort angetan von Coburg mit seinen vielen gut erhaltenen historischen Gebäuden und so konnte man später auch noch tagelang auf dem Schlossplatz (Bild rechts), freilich gut abgeschirmt, den einen oder anderen Blick auf die Entstehung des Films und die agierenden Schauspieler werfen. Als Dankeschön dürfen die Coburger nun den Kinofilm als erste sehen. Wer also einen der 200 Coburger Komparsen, ein bekanntes Gebäude oder einfach nur „Rubinrot“ sehen will, der ist ab dem 14. März herzlich eingeladen ins Kino Utopolis.

Sport

Rubinrot: die Londoner „Tube“ unter den Arkaden

HSC kämpft um Aufstieg Am 16. März um 19:30 Uhr wird die HUK-Coburg-Arena wieder zum Tollhaus. Dann nämlich gastiert der Tabellenführer der 3. Liga in Coburg, die DJK Rimpar Wölfe. Denen will der HSC 2000 Coburg die scharfen Zähne ziehen. Zum einen, um sich für die Hinspiel-Niederlage in Unterfranken zu revanchieren, zum anderen, um das Minimalziel für diese Saison nicht aus den Augen zu verlieren: Platz 2, um eventuell über Umwege doch noch aufsteigen zu können.

In der Stadt

Erzählkunst

Geschichten auch für Große Wer gerne Geschichten hört, ist am 20. März im Kindertheater Cobi, Am Weinberg 3 in Coburg richtig aufgehoben. Am Weltgeschichtentag erzählt dort Peggy Hoffmann Geschichten zum Thema „Glück und Fügung“. Beginn der „after work stories“ ist um 17:30 Uhr, nur für Erwachsene ist dann das Programm um 20 Uhr: dann geht es rund um Liebe und Lust.

Konzert

Bummeln am Sonntag

Der etwas andere Liederabend

Vielleicht weht das blaue Band des Frühlings schon ein bisschen durch die Spitalgasse und die gesamte Innenstadt, wenn am 17. März wieder ein

„Optimismus ist ein gutes Frühstücksbrot“ sagt Roger Stein und wer könnte ein bisschen Poesie im ganz realen Alltag nicht gebrauchen in Zeiten von

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hören. sehen. staunen. in coburg Eurokrise und Massenverblödung durch Dschungelcamp und Co.? Ganz weit vorne mit dabei in der deutschsprachigen Liedermacher-Liga ist der gebürtige Schweizer mit seinem ersten Solo-Programm „Schnee von morgen“ und zeigt damit, wie lustig und dennoch messerscharf ein Liederabend sein kann, wenn man etwas zu sagen hat. Was dabei herauskommt, wenn Hip-Hop-Elemente und deutsches Liedgut aufeinander treffen zeigt der Liedermacher am 21. März um 20 Uhr in der Zauberwelt Grub a. Forst.

Sport

VSG will auch aufsteigen Die Wochen der Wahrheit kommen auf die Zweitliga-Volleyballer der VSG Coburg / Grub zu: mit einem ungewöhnlichen Doppelspieltag am 23. und 24. März in der heimischen HUK-Coburg Arena können die Grünschwarzen dem Aufstieg in Liga 1 wieder ein Stück näher kommen. Spielbeginn ist am Samstagabend um 19:30 Uhr und am Sonntag um 15 Uhr.

die Pendler müssen wohl oder übel auf die Hälfte ihrer angestammten Parkplatzfläche zugunsten des bunten Treibens verzichten.

Klavierkonzert

Dr. Beethoven kommt Wenn für Sie Beethoven mehr ist oder mehr werden soll als das Erkennen der berühmten Stelle aus seiner 9. Sinfonie, dann sei Ihnen „Dr. Beethoven“ ans Herz gelegt. So zumindest titulierten New Yorker Mitstudenten den jungen Kölner Pianisten Michael Korstick, weil es ihm dieser große Bonner Komponist von jeher angetan hatte. Mittlerweile ist er erwachsen und hat alle Sonaten Beethovens drauf. Für diejenigen, die auf großes Gefühl und Ausdruck am Klavier stehen: Auf Wiedersehen zum „Beethoven Projekt“ der Musikfreunde am 22. April um 20 Uhr im Foyer der HUK-Coburg.

Die Kunst eines holländischen Meisterfloristen & die Schönheit der Orchidee.

Im mai Im april Musikkabarett

Schlachtreifes in Grub Alle Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre Geborenen aufgepasst: Auf diese musikalische und kabarettistische Achterbahnfahrt durch die gefühlsmäßigen Höhen und Tiefen der 80er Jahre müsst ihr euch unbedingt begeben! Endlich ganz offiziell in den Hymnen dieser Zeit schwelgen und kopfnickend Aussagen bejahen wie etwa: „Die einzige Möglichkeit in den achtziger Jahren an Geld zu kommen war, sich konfirmieren zu lassen!“. Am 7. April um 20 Uhr lässt euch Holger Edmaier zusammen mit seiner Stimme, seinem Klavier und seiner Ukulele teilhaben an seinem Musikkabarett „Schlachtreif – das Beste aus 13 Jahren“ in der Zauberwelt in Grub a. Forst. Vormerken!

Konzert

Rockklassiker zu Gast Spielen, was das Herz fühlt, oder: Wenn die Tochter mit dem Vater… Musik macht, dann können das Sternstunden der schönen, leisen Töne werden. Der Begründer des bekannten Nürnberger Bardentreffens Dan Reeder kommt mit Wandergitarre und der einmaligen Stimme seiner Tochter Peggy Reeder am 7. April um 19.30 Uhr ins Haus Contakt am Glockenberg und hat Rock-Klassiker und oscar-prämierte Balladen mit im Gepäck. Ganz leise, ganz echt, ganz schön.

Konzert

Lateinamerikanische Klänge Die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle zwischen fröhlicher Ausgelassenheit und wehmütiger Einsamkeit erklingt am 3. Mai ab 20 Uhr, wenn das Fracanapa New Tango Quintet mit den ausdrucksstarken Kompositionen des legendären Bandoneonisten Astor Piazolla das Foyer der HUK-Coburg zum Vibrieren bringt. Violine, Klavier, Kontrabass, Gitarre und Bandoneon finden auf musikalische Weise die Gemeinsamkeiten zwischen Tango und Kammermusik. Aber auch traditioneller Tango kommt dabei nicht zu kurz. Spannungsreich.

In der Stadt

Coburger Convent An alle Coburger: Heuer also zwischen dem 17. und 21. Mai in die Pfingstferien fahren, denn dann geht’s wieder los, so wie jedes Jahr, wenn zum Coburger Convent die alten und die jungen Herren mit ihren putzigen Käppchen anreisen, um vier Tage lang das fränkische Bier und die Coburger Bratwurst zu genießen und nebenbei die ansässigen Ehrenmale unsicher machen. Und auch wenn man mit Begriffen wie „Ehre – Freiheit und Vaterland“ nicht auf AnHieb (über das studentische Fechten wird hier nicht referiert) etwas anfangen kann – schön anzusehen sind sie allemal die jungen, feschen Burschen mit ihren bunten Röcken.

Natur

Vogelstimmen-Exkursion

„Freundlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen“. Das ist nicht nur ein früher Klassiker im Frühlingfest auf Anger Poesiealbum derer gewesen, die mittlerweile selbst Wem es bis Ende Juli einfach noch zu lange dau- schon jenseits von gut und böse sind – das könnte ert, bis er wieder Karussell fahren, Zuckerwatte auch gerne der Titel der Vogelstimmen-Exkursion schlecken und im Kreis einer Manege auf einem mit Landschaftspfleger Werner Pilz sein, die am 18. Pferderücken sitzen kann, der kann in der Zeit vom Mai um 6 Uhr am Haupteingang des Friedhofs am 19. bis zum 28. April auf dem Anger seine Runden Glockenberg startet. Anschließendes Frühstück im drehen. Denn dann ist wieder Frühlingsfest mit Grünflächenamt eingeschlossen. Tja, nur der frühe altbewährten Fahrgeschäften aus nah und fern und Besucher hört den heimischen Vogel.

Rummelplatz

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. Stadtgespräch... markenwahn

Filmemacherin aus Ebersdorf im Landkreis Coburg lebt seit den 70er Jahren in München, hat aber ihrer Heimat immer wieder filmische Liebeserklärungen gemacht, wie in den Filmen „Am Polstermöbelhighway 303“ im Jahr 2009, „Lieber ein König in Coburg“ 1999, „Unternehmen Märchenschloss“ 2010 oder auch in einem ausführlichen Bericht über die Stadt Bad Rodach. Der neue Film über Coburg soll voraussichtlich von Ende September bis Mitte Oktober 2013 gedreht werden.

Alle gesellschaftlichen Gruppen in einen Entwicklungsprozess mit einbinden, dann kann am Ende wenigstens keiner dagegen sein. Nach diesem Prinzip ist ja schon die neue Außendarstellung des Bezirks Oberfranken entstanden. Dachmarkenprozess nennt man das. Und das klingt nicht nur nach Verurteilung, das kommt auch einer gleich. Alle Oberfranken müssen sich jetzt dieser Marke unterordnen. Die tut sich zwar auch fast drei Jahre nach ihrer Veröffentlichung noch schwer in der Wahrnehmung, immerhin aber hat sie es auf die Autobahnschilder mit Sehenswürdigkeiten aus der Region geschafft. Jetzt will sich der Landkreis Coburg aus dieser Umklammerung befreien und will seinerseits eine eigene Dachmarke schaffen.

Aufstieg Gerald Kastner, Hauptabteilungsleiter IT bei der SÜC, ist jetzt, wie andere Hauptabteilungsleiter auch, Prokurist der Städtischen Werke Überlandwerke. Geschäftsführer Götz-Ulrich Luttenberger dagegen wird wohl bald in Rente gehen.

Discomuck von der Lauterer Höhe Landrat Michael Busch macht in letzter Zeit ohnehin viel von sich reden. „Wie blöd muss man denn eigentlich sein?“, fragt er seinen „Freund“ und SPD-Bundestagskandidaten Carl-Christian Dressel über Facebook angesichts dessen für den Fall einer Nichtwahl angekündigten Rücktritts von seinen politischen Ämtern. Eine Frage, die jetzt aus Parteikreisen an ihn gestellt wird, hat er doch das Thema „Dressel will eigentlich gar nicht“ mit seinem kurz­ entschlossenen Posting erst Recht in die Schlagzeilen katapultiert. Erfolgreich ist der Landrat dagegen auf musikalischer Bühne. Der Faschingssong „Die Muck“ von Achim Fischer und Michael Busch, beide besser bekannt als „Die 3 vom Mülldeichduo“(!) war an den tollen Tagen der Hit auf Radio EINS. Die Discomuck war auch am Faschingssonntag auf dem Coburger Marktplatz der absolute Abräumer. Verkleidet hüpften die beiden wie Duracellhasen über die Bühne. Wer das sehen möchte, das Video gibt es bei Youtube.

Erfolgserprobt Glückwunsch an Frank Rebhan: Er hat in Neustadt gezeigt, wie man Politik macht. Der Lohn: die Wiederwahl Ende Januar 2013. Rebhan hat es geschafft, dass sogar seine Gegenkandidaten nach der Wahl nicht wirklich frustriert waren, ganz im Gegenteil. So sagte Marc Holland von den Freien Wählern: „Ich bin glücklich, dass der Rebhan so deutlich gewonnen hat“. Wer solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr. Der Sieg ist übrigens auch

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Stürmische Zeiten

ein Erfolg der sturmerprobten Wahlkampfkampa im Hintergrund: René Leipold, Sigi Simon, Klaus Leger und natürlich auch der Freund und Chef aus alten Coburger Tagen, als Rebhan noch sein Presse­ sprecher in der Vestestadt war: Norbert Kastner.

Kandidatenkarrussell Nach Birgit Weber, Hans-Herbert Hartan, Thomas Engel und Thomas Bittorf packt die CSU jetzt ihre Geheimwaffe aus: Roland Eibl. Der durfte die Aschermittwochsrede halten. Sein Hauptthema war die nächtliche Sicherheit im Steinweg. Kein Wunder, Eibl ist selbst Polizeibeamter in Coburg. Und seit seinem Auftritt am Aschermittwoch brodelt die Gerüchteküche umso heftiger: soll der Polizist und CSU-Stadtrat für die Christsozialen antreten bei der OB-Wahl 2014? Mitte März 2013 will sich die CSU entscheiden. Aber das hatte man ja auch schon für das Frühjahr 2012 angekündigt. Kleiner Tipp: nicht noch ein Jahr warten, dann ist es zu spät.

Dokumentarfilm über Coburg Das Bayerische Fernsehen wird voraussichtlich noch in diesem Jahr einen ausführlichen Dokumentarfilm über Coburg drehen. Regisseurin soll, so munkelt man, Annette Hopfenmüller sein. Die

Die Tage der alten Sturms Brauerei in der Callenberger Straße sind gezählt. Schon bald werden die alten Backsteingebäude abgerissen. Damit ist die Tradition der 1833 gegründeten Brauerei auch rein optisch aus dem Coburger Stadtbild getilgt. Schon 2002 hatte ja die Kulmbacher Brauerei die beiden Coburger Brauereien Scheidmantel und Sturms übernommen. Das Gelände wurde von einem Coburger Unternehmen als mögliche Erweiterungsfläche erworben. Aber auch für Bier aus Coburg gibt es möglichweise eine Zukunft. Einzelne Coburger Bürger planen eine eigene Kommunbräu ähnlich dem Vorbild in anderen Städten.

Leben in der Herrngasse In die vom Großbrand an Pfingsten 2012 zerstörten Häuser kehrt in den nächsten Wochen langsam wieder Leben ein. Die Wohnungen in den beiden Häusern des Bambergers Bernward Flenner, Herrngasse 10 und 12, sind schon komplett vermietet. Dabei wird es sich fast ausschließlich um neue Mieter handeln. Auch in den Geschäftsräumen werden sich einige neue Namen finden. So hat sich der bisher in der Hausnummer 10 ansässige Friseur Alexander Friedrich jetzt am Unteren Bürglaß niedergelassen, an seine Stelle zieht ein neuer Friseurladen. Der Teppichladen wird außerdem durch ein Blumengeschäft ersetzt. Neue alte Mieter sind dagegen das Gingers und der Modeladen Emozione. Die Wiedereröffnung ist für den März vorgesehen.

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Stadtge spr äch

Königliche HUK Die HUK24 geht seit 18. Januar neue Wege. Der bekannte Comedian Johann König begibt sich für die Online-Versicherung aus Coburg regelmäßig in Gefahr. Unter dem Motto „Das Leben ist ein Abenteuer“ riskiert der nuschelnde Komiker dabei Kopf und Kragen. Mehr oder weniger. Diese Kampage lässt laut der Macher übrigens „Herrn Kaiser alt aussehen“. Mehr unter www.koenig-in-gefahr.de

Coburger Regensburger Der ehemalige Coburger Peter Engel hat sich in Regensburg ein Denkmal gesetzt. Sein Wimmelbuch wird in einschlägigen Regensburger Gazetten aufs äußerste gelobt: „Höchste Illustrierkunst, verquickt mit einer satirisch-humorvollen Bildsprache, eine Hommage an die Stadt Regensburg, mit und ohne Kenntnis von Stadt oder Lokalkolorit.“ Ein Wimmelbuch ist ein großformatiges Bilderbuch, in dem sich viele Geschichten entdecken lassen. Peter Engel hat unterdessen seine fränkische Heimat übrigens nicht vergessen. In einem Interview des dortigen Kulturjournals zu seinen Preisen als Kulturschaffender (2009 Kulturförderpreis der Stadt Regensburg) erinnerte er augenzwinkernd auch an seinen Ehrenwimpel 1975 bei der Fahrradprüfung als Schüler an der Pestalozzi-Schule (vergaß dabei aber, dass er 1995 auch den Kulturförderpreis der Stadt Coburg erhalten hat). Und er äußerte sich zum Coburger Dialekt: „Je länger ich aus der fernen fränkischen Heimat raus bin, desto höher schätze ich das Coburger ldiom, das völlig krude Satzstellungen kennt, die schon fast ans Absurde grenzen“. Gerüchten zufolge soll es übrigens schon bald ein Wimmelbuch über Coburg geben. Peter Engel ist in Regensburg als Coburger übrigens nicht allein: ein weiterer Exilant ist auch Michael Schulz, Gastwirt vom dortigen Gravenreuther. Schulz war in Coburg Mitinhaber des legendären Vertico in der Coburger Schenkgasse. Er war auch lange Zeit in der Hochsaison der Skifahrer in Lech/ Zürs in Österreich tätig. In den Sommermonaten sammelte er Erfahrungen in einer gehobenen Gastronomie auf Sylt. Seit mittlerweile zwei Jahren kümmert er sich nun also um die Geschicke des Regensburger Kultlokals Gravenreuther. „Schulzi“ freut sich übrigens immer über Besuch aus der Heimat.

WeiSS wie die Nacht Über 400 Gäste erschienen zur Weißen Nacht an Silvester im Coburger Kongresshaus. Genug, dass es diese erstmalige Veranstaltung wohl auch zum Jahreswechsel 2013/ 2014 wieder geben soll. Dieses Mal aber möglicherweise mit zwei Bands auf der Bühne, die wechselseitig spielen, eine mit lateinamerikanischen Rhythmen, und eine typische Partyband. Es soll sich auch an der Essensausgabe etwas tun. Bei der Erstauflage nämlich bekam man schon vom Warten richtig Hunger. Bei der neuen Coburger Silvesternacht wird es dann mehr Ausgabestellen geben.

Neujahrskonzert Der renommierte „Opernfreund“ lobt das Coburger Neujahrskonzert 2013 in den höchsten Tönen. Die

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Veranstaltung sei seit über 25 Jahren eine kulturelle mehr geben, möchte man schlussfolgern. Aber imTradition, um die viele andere Städte Coburg benei- merhin: bei einem Charitiynachmittag für Kinder den. Eine Tradition, die einmalig sein dürfte. Der in der Vorweihnachtszeit haben die beiden Adeligen Autor fragt sich nur, ob Coburg sich dessen auch Weihnachtsgeschichten vorgelesen. Auch eine Form von Kunst! bewusst sei.

Nossa Nossa aus Coburg

VSG Coburg fehlt Kohle

Nice Beyersdorf, die Frau von Samba-Organisator Mit einem Hochglanzmagazin geht derzeit die VSG Rolf Beyersdorf, hat einen neuen Song geschrieben Coburg / Grub auf die Suche nach dringend benöund aufgenommen. Der könnte es durchaus in die tigten Sponsoren. Bei einem Aufstieg in die erste Charts schaffen. Hitpotenzial hat „Alegria“, was so Bundesliga muss ein Betrag von bis zu 300.000 € geviel heißt wie Freude oder Glück, auf jeden Fall. Der schultert werden. Der bisherige Hauptsponsor, die brasilianische Gutelaunesong steht dem Sommer- VR-Bank Coburg, wird das sicherlich nicht alleine song 2012 von Michel Telò (Ai se to pego) in nichts stemmen können und es hagelt Absagen von ponach, sie wissen schon – Nossa Nossa. Gerüchten tenziellen Hauptsponsoren, z. B. der HUK-Coburg. zufolge könnte das Lied auch der neue Werbesong Ebenfalls eine Absage gab es von Brose. Es könnte für Pitù (brasilianischer Zuckerrohrschnaps und also sein, dass die VSG sportlich zwar aufsteigt, sich Hauptbestandteil von Caipirinha) werden. Mit das aber wegen der fehlenden Kohle eigentlich nicht Sicherheit werden ihn die Coburger aber beim leisten kann. Dennoch häufen sich die Gerüchte, diesjährigen Sambafestival auf einer der Bühnen dass man auch für diesen Fall das Abenteuer 1. Bunin der Innenstadt hören. Es gibt aber auch ein kul- desliga eingehen würde, selbst wenn es dann nur ein

turelles Highlight zum diesjährigen Sambafestival. Die Ausstellung „Coburg – Brasilien: Eine Reise in die Vergangenheit im Spiegel der Gegenwart“ wird auf Schloss Callenberg zu sehen sein. Die Bilder stammen von der Fotokünstlerin Ulli Präcklein. Zur Vernissage in Coburg werden auch prominente Gäste erwartet. So könnte die brasilianische Kaiserfamilie mehrere Tage in Coburg sein. Eine offizielle Einladung der Deutsch-Brasilianischen Kulturgesellschaft ist erfolgt.

Prinz kündigt Die Ausstellung Coburg-Brasilien zum Sambafestival setzt eine lange Tradition an Ausstellungen auf Schloss Callenberg fort. Sollte man meinen. Doch seit dort Prinz Hubertus und Kelly das Sagen haben, hat sich einiges geändert: Die zwei früher angestellten Kunsthistorikerinnen nämlich sind entlassen worden. So viel Kunst  wie früher, fachlich aufbereitet, beworben und präsentiert, wird es daher nicht

Jahr dauern sollte.

Halle sollte umbenannt werden Die bayerischen Meisterschaften im Hallenfußball der Jugend fanden in diesem Jahr in der HUK-Coburg arena statt. Die sollte dazu namenlos werden. Die Verantwortlichen des BFV nämlich wollten alle HUK-Schilder verhängen, auch an der Außenseite. Grund: E.ON ist Hauptsponsor des BFV. Die Verantwortlichen in Coburg aber konnten sich durchsetzen. Die Halle hieß weiterhin HUK-Coburg arena. Doch der BFV ließ nicht locker: wenn im kommenden Jahr die bayerischen Meisterschaften der Herren in Coburg ausgetragen werden, wollten die Funktionäre des Verbandes wieder alle Namenszeichen (auch außen) verhängen. Daraufhin wurde dem BFV die Angerhalle angeboten, da können sie machen, was sie wollen. Die aber war wohl nicht gut genug: Jetzt werden die Meisterschaften trotzdem in der HUK arena stattfinden, ohne Abhängen der Namensschilder.

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Stadtge spr äch

Preis schlägt Wellen

Österreich sportlich

Rausschmiss

Bereits zum dritten Mal wird in diesem Jahr der Coburger Medienpreis vergeben. Die Preisverleihung findet am 16. Mai im Coburger Kino Utopolis statt. Der Coburger Medienpreis wird sowohl regional als auch bundesweit in drei Kategorien verliehen. Die einzelnen Sparten des crossmedialen Preises sind Nachwuchs, Wellenschläger und Schöpfung. Eine Fachjury wählt jeweils die regionalen und überregionalen Sieger aus. Im Rahmen der Preisverleihung gibt es auch wieder die Publikumspreise des Coburger Landestheaters. Alle Besucher der Coburger Kultureinrichtung sind aufgerufen, ihre Lieblinge in den verschiedenen Sparten zu wählen. Premierenpreisträger war im vergangen Jahr Frederik Leberle. Er schreibt auch regelmäßig für unser Magazin.

Die Ski-WM in Schladming in der Steiermark ist Geschichte. Und Coburg ist immer mitgefahren, wenn die Weltstars die Planai hinunterwedelten. Denn immerhin liegt das Stadion, der herzoglichen Vergangenheit geschuldet, in der Coburgstraße. Leider aber wurden alle Coburg-Straßenschilder für die WM abmontiert. Die Sponsoren brauchten den Platz. So hielt sich der Werbeeffekt in Grenzen.

Ein Besuch im Café Feyler in der Rosengasse endete für einen Mitbürger anders als gedacht: Er hatte es sich an einem Samstagmorgen bei Frühstück und Morgenzeitung gemütlich gemacht. Seinen Tisch hatte zwar jemand schon reserviert. Aber für zwei Stunden später. Kein Problem also. Dachte er. Doch eine halbe Stunde später eroberten zwei Busladungen das Café und beanspruchten jeden freien Platz. Auch seinen. Den verzweifelten Hinweis, der Tisch sei noch für mehr als eine Stunde frei, ließ die beige-braune Armada nicht gelten. „Die sind immer zu früh“, wurde ihm vom Personal schulterzuckend beschieden. Was ist schon ein Frühstück am Wochen­ ende gegen 60 mal Kaffee und Kuchen.

Out of Neustadt Kompliment für das neue Werbemagazin „Out of Neustadt“: man hat es bis in den Bayerischen Rundfunk geschafft und damit Werbung für den Standort gemacht. Das Magazin stellt auf ungewöhnliche Art und Weise Produkte, Firmen und Dienstleistungen aus Neustadt vor. Nicht zuletzt die hochwertige Aufmachung erzeugte wohl die Aufmerksamkeit der Fernsehmacher. Nach der Ausstrahlung haben bei Sandra Franz von der Wirtschaftsförderung Neustadt potenzielle Neuansiedler angerufen und sich konkret für den Standort Neustadt interessiert. „Out of Neustadt“ ist übrigens eine echte Neustadter Produktion: Die Wirtschaftsförderung ist Herausgeber(in), die Chefredaktion macht Stefanie Diem aus Beuern am Ammersee, Lebensgefährtin von René Leipold, dem Connect-Geschäftsführer und Berater des Neustadter Oberbürgermeisters Frank Rebhan. Für die Artdirektion ist Sibylle Horacek zuständig, eine in Hamburg lebende Ex-Coburg-/ Neustadterin, die auch den SPD-Ortsverein Neustadt, den SPD-Stadtverband und den Kreis­verband Coburg in ihrer Kundenliste aufführt.

Österreich kulinarisch Sehr gut essen kann man nicht nur in Coburg selbst, sondern auch im Coburg. Darüber wusste der Wiener Standard im Dezember zu berichten. Das Palais Coburg nämlich, die ehemalige Residenz des Fürstenhauses Coburg-Gotha mitten in Wien, ist vor allem auch ein Ort kulinarischer Genüsse. Sechs Grüße aus der Küche, acht Gänge, ein Zwischengang, Naschereien zum Abschied, alles Küche von höchstem internationalen Niveau, weiß die Autorin

Stumme Eröffnung Alles war bestens vorbereitet: Die Technik hatte Kabel verlegt, Scheinwerfer und Lautsprecher aufgestellt. Die Kapelle stand in Position, das Christkind

Feine Unterschiede „Coburgs feine Häuser“ heißt eine Gemeinschaft von Händlern in Coburg. Die Veranstaltungen kamen gut an: ein britischer Abend, eine italienische Nacht. Jetzt ist nicht mehr viel von den feinen Häusern zu hören. Keine Veranstaltung ist geplant. Es gab wohl Unstimmigkeiten. Wer zahlt wieviel? Wer darf mitmachen? Vielleicht rauft man sich ja wieder zusammen.

Neues Fernsehen Zahlreiche Thüringer Gemeinden wollen nach Bayern. Sie haben die Schnauze voll von der Landesregierung in Erfurt und der geplanten Gebietsreform. Und geschichtlich, sprachlich und kulturell haben das Nordwestliche Oberfranken und Südthüringen ja auch viel gemeinsam. Dem wird jetzt auch ein Lizenzantrag für ein neues grenzüberschreitendes Fernsehprogramm „Vom Rennsteig zum Main“ von ITV Coburg und dem Südthüringer Regionalfernsehen gerecht. Er liegt derzeit zur Genehmigung bei der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien. In Südthüringen könnte das Programm sofort auf Sendung gehen. Zu sehen wäre es dort von Sonneberg bis Schmalkalden, von Suhl bis Ilmenau. A u s g a b e 2 / M ä r z 2013

Geniale Idee der Grünen für neue Bahnübergänge

zu berichten. Den Preis nannte sie nicht, wahrscheinlich hat sie im Rahmen ihrer Berichterstattung nicht bezahlen müssen: 168 €, ohne Getränke.

Coburg hilft Bayreuth In der oberfränkischen Hauptstadt Bayreuth blamiert man sich gerade bis auf die Knochen. Ausgerecht zum 200. Geburtstag von Richard Wagner, des großen Sohnes der Stadt, ist das Festspielhaus eingerüstet, und das Richard-Wagner-Museum ist geschlossen (siehe auch „Monaco Franke“, Seite 96). Hier aber naht jetzt Hilfe auch aus Coburg. Ein Kuratorium aus renommierten Fachleuten soll nämlich auf Wunsch der Richard-Wagner-Stiftung die weiteren Überlegungen zur inhaltlichen Neugestaltung des Richard-Wagner-Museums in Bayreuth beratend begleiten. Diesem Kuratorium gehört unter anderem Dr. Klaus Weschenfelder an, der Direktor der Kunstsammlungen der Veste Coburg und Präsident des Deutschen Nationalkomitees des Internationalen Museumsrats.

hatte seine Rede geübt, das Kostüm war perfekt geschneidert. Oberbürgermeister Norbert Kastner hatte an seiner Rede gefeilt und sich mit seinem Gefolge, dem zweiten und dem dritten Bürgermeister auf dem Rathausbalkon in Positur gebracht. Und der Marktplatz war so voll, dass kein Besucher mehr umfallen konnte. Alle freuten sich auf die Eröffnung des Weihnachtsmarktes. Doch dann das: Von der Musik war nichts zu hören. Obwohl die Musiker sich die Lunge nach Kräften aus dem Hals bliesen. Das Christkind sprach und es sprach laut. Aber es waren nur Wortfetzen zu verstehen. Und dann der Oberbürgermeister am Rednerpult. Man sah, dass er sprach. Aber man hörte nichts. Mangels Akustik setzte daraufhin das Markttreiben wieder ein: Kaufen, verkaufen, Karussell fahren, Crêpes essen, Glühwein trinken, sich lautstark mit Freunden unterhalten. Schade. Es war fast alles umsonst. Das Schneidern und das Lieder blasen, das Redenschreiben und der gebügelte Anzug. Weihnachten war

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Fr체hlingsbilder finden Sie ab Seite 28 und 체ber unser Magazin verteilt auf vielen Doppelseiten.

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Briefe Im Dezember 2012 erschien die erste Ausgabe von „COBURGER – DAS MAGAZIN“. Danach erreichten uns per Mail, über facebook (facebook.com/CoburgerMagazin) und auch per Post viele Nachrichten unserer Leser. Sie lobten das neue Stadt­magazin, sie tadelten es, sie diskutierten über Stadtpolitik. In unseren Briefen fassen wir das Wichtigste zusammen.

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unächst einmal gab es für uns ein böses Erwachen: die Erstausgabe des Coburger nämlich stieß auf eine vernichtende Resonanz. So traf uns vor allem der über facebook geäußerte Vorwurf von Manfred Bartl: „Kann es sein, dass „Coburger – Das Magazin“ eine Hauspostille der CSU ist?“ Nein, das sind wir nicht, wollten wir antworten, haben aber stattdessen leichtsinnigerweise einen provokanten Ton angeschlagen: „...und kann es sein, dass du das Magazin noch gar nicht gelesen hast? Schau mal nach, wer alles zur Redaktion gehört. Du wirst feststellen, dass uns an qualitativ guten Bildern und Artikeln liegt, um unseren Lesern Freude zu bereiten. Politisch? Ja, sind wir. Jeder bei uns für sich. Nur eines haben wir gemeinsam: Wir mögen keine bornierte Dummheit und freuen uns über alle, die sich ideologiefrei, logisch und intelligent einbringen. Gleichgültig, was sie wählen. Menschen und keine Grabenkämpfer. Egal ob rot, schwarz, grün oder gelb.“ Richtigerweise schrieb Manfred Bartl daraufhin: „Tolle, hochtrabende Worte, Respekt. Und was die bornierte Dummheit angeht, lesen Sie doch einfach mal die Kommentare zu Ihren Artikeln!“ Ach Manfred, es tut uns leid, wir wollten nicht überheblich sein, wir entschuldigen uns hiermit. Wir wollen doch nur spielen.

COBURGER macht Lärm Auch Michael Donhäuser sparte (schon vor der Veröffentlichung!) nicht mit Kritik via Facebook: „Ich hab’s nicht gesehen und will nicht vorschnell urteilen: klingt aber irgendwie wie Satire: ‚ ... die Qualität beschränkt sich aufs Papier, wir haben nicht viele Anzeigen verkauft und Geschichten haben wir auch keine, deswegen drucken wir große Bilder…‘ “ „Ich hab’s nicht gesehen… urteile aber vorschnell…“ – hier warten wir noch auf eine Entschuldigung ;-) .

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Und Raz Banton schrieb: „Welche Art der Coburger Prominenz wird da angesprochen?“ Wir haben ihm geantwortet: „Politik, Gesellschaft, Kunst und jeder, der glaubt, er gehöre dazu... also fast alle“. Unangenehm ist uns, was wir Christel Müller angetan haben. Sie schrieb uns zwar: „Gelesen und für gut befunden“, aber eben auch „Leider ist das Format so, dass ich es als Nachtleser beim Einschlafen dann fallen lasse, was nicht ohne Krach abgeht“. Wir haben ihr bereits geantwortet: „Wir versprechen dir, dass wir uns Gedanken machen, wie wir das Geräusch herabfallender Magazine dämpfen können.“ Noch ist uns allerdings leider keine Lösung eingefallen, aber Christel: wir arbeiten dran. Länger als der Bau eines Flughafens kann es nicht dauern. Ehrlicherweise gefreut haben wir uns über eine Mail von Uwe Rendigs von der Stiftung für krebskranke Kinder Coburg: „Es ist schön, dass Sie an uns gedacht haben, und ich bedanke mich auch im Namen meiner Vorstandskollegen und des Stiftungsrates ganz herzlich für die Veröffentlichung in Ihrem neuen Magazin.“ COBURGER – DAS MAGAZIN hatte in seiner Erstausgabe einen großen Spendenaufruf für die Stiftung veröffentlicht. Wir wollen auch hiermit wieder dazu auffordern, diese wichtige Institution nach Kräften zu unterstützen.

Eigenlob stinkt nicht Und dann wollen wir noch kurz aus ein paar anderen Mitteilungen zitieren und uns wirklich ganz herzlich dafür bedanken: „Endlich ein Magazin, das dem anspruchsvollen, lebendigen, schönen und besonderen Leben Coburgs entspricht, die Titelseite ist fantastisch.“ (Peggy Hoffmann) – „Gratuliere zum neuen Magazin! Sehr schön! Habe es heute bei Riemann an der Kasse entdeckt und gleich gekauft.“

(Doris Henkel) – „In der Tat ist dieses Magazin ein interessantes Kontrastprogramm. Und bleiben Sie damit so locker-kritisch!“ (Prof. Michael Pötzl) – „Gratulation zur Nr. 1 und Respekt für euren Mut, den Coburger mit diesem Format herauszubringen. Die Beiträge und Fotos haben eine besondere Qualität und mich zum Lesen, Anschauen und Nachdenken angeregt. Alles Gute und viel Erfolg auch für die weitere Arbeit.“ (Patrick Josten) – „Schöne Texte, schöne Fotos, elegantes großzügiges Layout.“ (Bodo Busse) – „Ich muss sagen, ist ein sehr tolles Magazin geworden, das mir persönlich viele Einblicke gewährt… vor allem als „Zugereiste“ gewinne ich sehr interessante Eindrücke und Sichtweisen durch das Magazin.“ (Tina Söllner) – „WOW! Habt ihr im Lotto gewonnen? So ein Ding zu produzieren! Gefällt mir sehr gut – lebt natürlich sehr von den Bildern.“ (Markus Reissenberger) – Anmerkung der Redaktion: Nein, wir haben nicht im Lotto gewonnen, sondern in der Klassenlotterie… – „Ich habe das Heft heute in der Stadt ergattert und in einem Rutsch gelesen. Ich bin begeistert, supertolle Fotos, schöne und interessante Artikel, ansprechendes Layout. Weiter so...“ (Alexandra Hahn) – „Wirklich eine sehr junge und stylische Aufmachung. Gefällt mir sehr gut.“ (Kerstin Pilipp) – „Vor allem bin ich von der Werbung überrascht. Da sich diese sehr gut in das Gesamtdesign des Magazins eingliedert, empfinde ich sie nicht als störend. Ansonsten bin ich immer Fan von großen Fotos. Also alles TIP TOP“. (Fabian Metzner) – „Der erste Laden, wo ich ihn am Erscheinungstag gesehen hab’, war übrigens eine Tankstelle in KRONACH.“ (Stephan Forkel) – Anmerkung: was machst du in Kronach?

HindenburgstraSSe Genug damit der Nabelschau. Schließlich geht es in dieser Stadt um Wichtigeres als ein paar Pressefuzzis. Zum Beispiel um die Zukunft der Hindenburgstraße, die nach dem Willen einiger Stadträte vor allem aus Reihen der Grünen und der SPD auf Grund der umstrittenen Rolle Hindenburgs bei der Machtergreifung Hitlers umbenannt werden sollte. Die CSU konterte daraufhin mit einem Schaufensterantrag, gleich einer ganzen Handvoll anderer Straßen auch einen anderen Namen zu geben. Das politische Scharmützel wurde auf facebook heftig diskutiert. Hier einige Auszüge:

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Briefe „Den Steinweg sollte man auch umbenennen, erinnert zu sehr an Steinigung und Christenverfolgung.“ (Horst Meixner) – „Das Geld, was allein durch diese Diskussion verbrannt wird und vor allem die Zeit, das könnten die Damen und Herren mal investieren und wirklich wichtiges damit machen. Z.B. Bedürftigen helfen! Aber ich bin mir sicher, man wird wieder einen Grund finden, in der Richtung etwas zu streichen, um sich weiterhin um so einen Käse zu kümmern. Oder sollte ich fragen, welches viel größere Übel steht denn an, welches vertuscht werden soll, indem man sowas soooooo durchdiskutiert. Genauso gut könnte man doch den Steinweg umbenennen und wieder zur B4 machen.“ (Michael Koziol) – „Wurden die Anwohner gefragt? Wie sieht es mit den Kosten für die Anwohner aus? Firmen brauchen z. B. auch neues Briefpapier, Visitenkarten und müssen ihren Kunden/Lieferanten den neuen Straßennamen mitteilen. Außerdem hat Coburg genug andere Probleme“ (Olaf Albers) – „Welche Zukunftsprobleme sind denn derart dringend, dass ihr dem Stadtrat verbieten wollt, sich neben diesen, eben auch mit dem ein oder anderen weiteren Thema zu beschäftigen?“ (Martin Mu Eck) – „Ihr Coburger

ter dem Namen STRASSE auf, der sich aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen ergibt. Da sich die Stadt Coburg ausdrücklich von den Ideologien der Gruppe distanziert, werden alle Verkehrswege, die das Wort STRASSE beinhalten umbenannt. (Horst Stefan Schmidt) – „Mafia-Allee wäre doch auch mal was neues, oder?“ (Eli Reisinger) – „Aus der Vergangenheit lernen ... in Zukunft besser machen. Lasst die Straßennamen als „Mahnmale“ für künftige Generationen – damit sie sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und so etwas nicht noch einmal passiert.“ (Sandra Küntzel)

Platzmangel Und dann bekamen wir noch einige Tipps, Themen, Einladungen, Ideen. Danke dafür. Gerne würden wir mal etwas über die Kreisverkehrswacht schreiben, die in der Region hervorragende Dienste leistet, über Marcel Brell und Band, die im Februar in der Sonderbar aufgetreten sind, Killerartworx, über Patrick Aigner und sein Buch „Kartschevco“, über einen Coburger, der mit seinem VW unter den Top20 „SpeedStars 2013“ in Deutschland ist. Allein, es fehlt der Platz. Vielleicht klappt es später einmal.

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seid lustig...“ (Hubert Träger) – „Vielleicht sollte man bei H.H. Hartan auch mal Ahnenforschung betreiben, dann muss er sich auch umbenennen“ (Jürgen König) – „ ...unsere Stadträte, egal welcher Partei, haben wahrscheinlich in Coburg nichts Wichtigeres zu tun, um Geld rauszuschmeißen. Armes Coburg!“ (Frank Schinzel) – „Es gibt ständig Neubaugebiete, wo neue Straßen entstehen und dafür braucht man dann auch neue Straßennamen. Da muss man keine altbewährten Straßen umbenennen!“ (Stefan Bayreuther) – „Die Löwenstraße wäre auch so ein Beispiel, denn Verfolgte wurden ja den Löwen zum Fraß vorgeworfen!“ (Michael Pilipp) – „In naher Zukunft: Axel Stuss, Bernd Trottel, Regina Regmichauf, Heidi Armleuchter, Rüdiger Softe-Seife und Yvonne Egal gründen eine terroristische Vereinigung, die den Kampf gegen Steuer­geldverschwendung aufnimmt. Sie treten un-

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MB Spiele präsentiert Zum Abschluss noch etwas zum Schmunzeln: Landrat Michael Busch ist jetzt nicht mehr der Facebook-Freund von unserem Herausgeber Wolfram Hegen! Das haben wir nicht gewollt. Unser kleiner Facebook-Cartoon über seine im Coburger Tageblatt veröffentlichte Sammelleidenschaft von REWE-Bildchen und der danach noch veröffentlichte Wunschzettel ans Christkind waren dann wohl doch zuviel. Der Landrat schrieb per Mail: „Sehr geehrter Herr Hegen, fand ich die Karikatur noch irgendwie witzig (nicht wirklich gut), so finde ich den Wunschzettel ausgesprochen niveaulos. Sollte das die Qualität Ihres Magazins sein, dann ist der Titel sicherlich genau der richtige. Denn im Landkreis werden Sie damit nicht ankommen. Mit noch immer freundlichen Grüßen, Michael Busch“. Puh.

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von Daniela Greschke

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s ist neblig an diesem Morgen. Anne K. ist mit ihrem Auto auf der vierspurigen B4 unterwegs. Sie kommt aus Coburg und möchte ins Fitnesscenter nach Dörfles-Esbach. Wie immer donnerstags. Mit ihr im Auto: ihre sechs Monate alte Tochter. Kurz vor der Lauterer Höhe, Anne K. fährt gerade auf der Überholspur, fängt das Baby auf dem Rücksitz an zu quengeln. Anne K. möchte die Kleine beruhigen, will sich aber nicht umdrehen. Also beginnt sie zur Besänftigung ein Kinderlied zu singen. In diesem Moment sieht sie vor sich die Lichter eines Autos. Keine roten, sondern weiße. Das Auto kommt direkt auf sie zu. Was dann folgt, dauert nur Bruchteile von Sekunden, läuft instinktiv ab. „Ich bin irgendwie nach rechts, ich weiß nicht mehr, ob ich geguckt habe, ob da jemand war.“ Es ist niemand da, die Spur frei, die junge Mutter und

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Illustration aaron röSSner

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Geisterfahrer

ihr kleines Baby haben Glück. Das Auto rast an ihnen vorbei. Anne K. zittert, ihr Herz schlägt wie wild: „Ich war fix und fertig.“ Und sie ist wütend. Auf den grauhaarigen Herrn, den sie aus dem Augenwinkel gesehen hat, das Lenkrad fest umklammert. „Dann war er auch schon weg“, das Nummernschild kann sie nicht mehr erkennen. Eines jedoch ist ihr sofort bewusst: „Wenn ich auch nur eine Sekunde länger gezögert hätte, wären wir alle drei weg gewesen.“ Sie selber sei 100 km/h gefahren, „ich weiß nicht, wie schnell der andere war.“ Völlig aufgelöst sei sie dann „auf der Lauterer Höhe rausgerast“, hält an der Tankstelle. Das Baby brüllt im Auto, die junge Frau läuft völlig durcheinander ins Gebäude. Sie erzählt den Mitarbeiterinnen, was ihr passiert ist. Die rufen sofort die Polizei an. An Sport ist an diesem Tag nicht mehr zu denken, beschreibt Anne K. Sie fährt zwar ins Studio, aber nur, um sich dort auszusprechen. Und realisiert jetzt erst so richtig, wie knapp sie dem Tod entronnen ist. Auch ihr Mann ist völlig durcheinander, kann das Ganze kaum fassen. Bei Pizza und Wein, „den ich trotz des Stillens an diesem Tag getrunken habe“, redet das Paar den ganzen Abend und versucht die Situation zu verarbeiten. Den Moment, der Mutter und Tochter das Leben hätte kosten können. Das Baby schläft friedlich nebenan im Bettchen.

Risikogruppe Senioren 

Den älteren Mann kann die Polizei wenig später stoppen. Was aus ihm geworden ist, weiß Anne K. bis heute nicht. Das Verfahren läuft, Informationen darüber gibt es keine. Nur wenige Auskünfte erteilt Bernhard Schmitt von der Verkehrspolizeiinspektion Coburg: es habe sich um einen Herrn im Alter von 80 Jahren gehandelt. Der hat eigentlich fast alles richtig gemacht. Aber eben nur fast. Der 80-jährige habe vom Landratsamt Coburg kommend zur Autobahn Richtung Neustadt fahren wollen „und dann beim Linksabbiegen die falsche Spur getroffen“, so Schmitt. Deshalb sei er auf die nach Süden führende B4 gefahren. In die falsche Richtung. Wie er der Polizei erklärte, stand er unter zeitlich bedingtem Stress. Als er seinen Fehler bemerkte, habe er sich zum langsamen Weiterfahren entschlossen.

Derartige Irrtümer gehen im Raum Coburg meist noch glimpflich aus. Verglichen mit der Art und Häufigkeit solcher Unfälle auf großen Autobahnen. 18 Menschen kamen alleine im Oktober und November 2012 deutschlandweit durch Geisterfahrer zu Tode. Das sind im Zeitraum von nur zwei Monaten so viele Tote wie im gesamten Jahr 2011. Doch auch im Coburger Land endeten derlei Fahrten schon auf diese Weise. So wie im Sommer 2010 auf der B4 in Höhe Niederfüllbach. Eine gewohnte Ausfahrt war dort wegen Bauarbeiten gesperrt. So wendete ein Autofahrer kurzerhand auf der doppelspurigen Schnellstraße. Das Todesurteil für einen entgegenkommenden 47 Jahre alten Motorrollerfahrer. Er konnte nicht mehr ausweichen und verstarb noch an der Unfallstelle. Der Geisterfahrer – ein 85-jähriger Mann. Kein Einzelfall. Die meisten der gestellten Falschfahrer sind in höherem Alter, sagt die Statistik für die Region. Von 15 gemeldeten Geisterfahrern, die im Jahr 2011 auf der B4 unterwegs waren, wurden sieben von der Polizei aufgegriffen. Nur einer davon war jünger als 30, je zwei über 60 bzw. 70, dazu drei Fahrer im Alter von 83, 84 und 86 Jahren. Die Situation 2012 ist vergleichbar, erzählt Schmitt. Außerdem können längst nicht alle gemeldeten Geisterfahrer ausfindig gemacht werden. Bis die Polizei vor Ort eintrifft, vergeht Zeit. Die meisten haben bis dahin ihren Irrtum bemerkt und die Straße verlassen. Einige Muster allerdings sind laut Polizei erkennbar: Vor allem nach der Freigabe neuer Straßenabschnitte wäre eine Häufung von Geisterfahrten zu beobachten, erzählt Schmitt. So gab es „im Jahre 2009 innerhalb kurzer Zeit fünf bis sechs Falschfahrer auf der B4 bei Untersiemau.“ Neue Markierungen schafften damals Abhilfe. Auch die Berichterstattung in den Medien habe zwei Seiten, so Schmitt. Im vergangenen Jahr meldeten Radiosender und Zeitungen innerhalb von zwei Wochen vier Geisterfahrer auf der B4. Das sei ein Signal auch über die Grenzen der Region hinaus gewesen: „Die haben ja da ein Problem.“ Und führe vielleicht bei ängstlichen Fahrzeugführern zu noch mehr Aufregung. „Auf der anderen Seite brauchen wir diese Meldungen ja“, sagt Schmitt. Warnhinweise im Radio können Leben retten. Im Fall des Falles gilt es bis zur Entwarnung rechts zu fahren und nicht zu überholen. Wer selbst zum Geisterfahrer geworden ist, sollte sofort die Warnblinkanlage anschalten, das Auto rechts heranfahren und eng an der Leitplanke anhalten, sich selbst hinter der Leitplanke in Sicherheit bringen und die Polizei rufen.

Kampf  gegen  Geisterfahrer 

Foto: Frank Wunderatsch

Doch bestenfalls sollte es gar nicht zu Geisterfahrten kommen. Maßnahmen gibt es viele. So hat die Polizei Markierungen auf Autobahnniveau gehoben, selbst im Innenstadtbereich. „Falls Sie falsch unterwegs sind, kommen Ihnen beim Auffahren die Pfeile auf der Fahrbahn entgegen“, beschreibt Schmitt. Bei schlechter Sicht und Witterung nützt das allerdings wenig. In Österreich gibt es daher seit 1997 die „gelbe Hand“ an Autobahnen. Mit nur teilweisem Erfolg: „Die Österreicher haben trotz gelber Hand immer noch viele Falschfahrer“. Dennoch wird die Methode gerade in Südbayern getestet. Radikaler geht es in anderen Ländern zu. In der Türkei oder Teilen Amerikas schlitzen im Boden installierte Eisenkrallen die Reifen auf, wenn man falsch auffährt. Eine effektive Methode. Für Deutschland ist sie allerdings nicht im Gespräch. Manchmal sind Anfahrten von Rettungswagen zu Unfallorten Auf der B4 knapp dem Tod entronnen: Anne K. Plötzlich war ein Geister­ fahrer auf ihrer Spur aufgetaucht. Ihr Ausweichmanöver rettet auch ihrer sechsmonatigen Tochter das Leben. Traurige Konsequenz einer Geisterfahrt: Ein Leben im Rollstuhl

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Foto: Sergey Lavrentev

Foto: Sergey YAkovlev


Foto: News5 / Grundmann

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Geisterfahrer Horrorcrash auf der A73: Coburger Geisterfahrerin reisst sich und vier andere Menschen in den Tod.

nur in falscher Richtung möglich. Das wäre dann ausgeschlossen. Bei Eis und Schnee bleiben die Reifenschlitzer zudem wirkungslos. Auch Fahrsicherheitstrainings haben wenig Zweck, so Schmitt. „Das machen eh nur diejenigen, die noch gut fahren.“ Dennoch empfiehlt er ein solches Training, um sich selbst zu testen. Lenken, Bremsen und Ausweichen bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und auf verschiedenen Straßenbelägen werden trainiert. Anschließend kann, wer möchte, einen Seh- und Reaktionstest machen. Für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sind zudem auch die Angehörigen gefordert: Wenn ein Familienmitglied unsicher ist oder neue Strecken zu fahren sind, hilft es, gemeinsam zu üben. Vor allem mit älteren Personen. Spätestens ab 50 Jahren beginnt der körperliche Abbau. Man hört und sieht schlechter, die Reaktionszeiten verlangsamen sich. Das könne man einfach feststellen, schildert Schmitt: Da werde beim Linksabbiegen nach links, nach rechts und wieder nach links geschaut. Und eigentlich sei alles richtig. Nur ungleich zögerlicher, denn, „bis man sich endlich entschließt loszufahren, ist schon wieder ein Auto da“. Eine Fahrtauglichkeitsprüfung ab einem gewissen Alter wäre also absolut angebracht. Für Personenbeförderer und LKW-Fahrer ist diese ab dem Alter von 50 Jahren übrigens seit langem Pflicht. Einem generellen altersbedingten Fahrverbot stehen viele allerdings skeptisch gegenüber, so auch der ADAC. Manch 55-jähriger ist körperlich schon extrem angeschlagen, manch 80-jähriger dagegen noch absolut fit. Wer soll da die Grenzen ziehen? „Wenn ein Autofahrer mit selbstkritischem Blick nicht erkennt, dass er nicht mehr fit genug zum Fahren ist, könnte der Hausarzt ihm ins Gewissen reden“, erklärt ADAC-Sprecher Collatz. Die Ärzte sollten ihre Patienten bei Routineuntersuchungen testen und ansprechen, falls sie Zweifel an deren Fahrtüchtigkeit hegen. Eine große Hilfe erhofft sich Verkehrspolizist Bernhard Schmitt „durch mehr Technik am Fahrzeug“. Das Auto werde irgendwann in der Lage sein zu erkennen, wenn man falsch auffahre und dann blockieren. Der Zulieferer „Continental“ hat angekündigt, dass bei einem deutschen Hersteller schon in diesem Jahr ein Assistenzsystem in Serie gehen wird, das „Einfahrt verboten“-Schilder erkennt und dann den Fahrer akustisch und visuell warnt. Reagiert dieser nicht darauf, vibrieren Lenkrad oder Sitz, das Gaspedal erzeugt Gegendruck. So macht das Fahrzeug selbst auf die gefährliche Situation aufmerksam. Die Polizei selbst kann nur eingreifen, wenn es zu spät ist. Oder bei extrem auffälligem Fahrverhalten. Wer von der Polizei gestellt wird, wird der Führerscheinstelle gemeldet und muss zur Untersuchung.

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Geisterfahrer Letzte Ausfahrt Krankenhaus: Überleben ist Glückssache

In etwa 50 Prozent der Fälle würden die Angehörigen erleichtert reagieren und „Gott sei Dank“, sagen, wenn der Betreffende aus dem Verkehr gezogen werde, so Schmitt. Warum es so schwer und manchmal fast schon ein Tabu ist, innerhalb der eigenen Familie Kritik am Fahrverhalten zu äußern, weiß jeder, der das schon einmal versucht hat. Gerade für Männer ist das Fahrzeug auch Freiheit, Selbstständigkeit und nicht zuletzt ein Statussymbol.

Ende mit 92 

Es kann jedem passieren  Die Ursachen dieser Geisterfahrt werden wohl nie ganz geklärt werden, doch letztlich ist keiner davor gefeit zum Falschfahrer zu werden, können Hektik und Angst zu falschen Entscheidungen führen. Wie in diesem Fall, der sich auf der Stadt­autobahn

zutrug: Eine ältere Dame will ihre Enkelin von der Schule abholen. Doch beim Eintreffen stellt sie fest: Das Kind ist nicht mehr da. „Wo ist sie denn nur?“. Dieser Gedanke setzt sie während der folgenden Minuten verstärkt unter Druck. Sie vermutet die Enkeltochter am Bahnhof. Als dieser bereits in Sichtweite ist, fährt sie die Autobahn falsch an. Die Polizei kommt gerade rechtzeitig, kann sie stoppen. Sie hätte anhand der Linkskurve eigentlich stutzig werden müssen. Handelt es sich doch beim richtigen Auffahren immer um eine Rechtskurve. In ihrer Panik hatte sie den Fehler aber nicht bemerkt. Bei Anne K. jedenfalls fährt die Erinnerung nun immer mit. „Ich schaue ständig, ob ich noch genügend Platz habe, wenn ich überhole. Und ob jemand vor mir ist“. Dann fühle sie sich einfach sicherer. Sie hofft, dass sie selber nicht noch einmal mit einer solchen Situation konfrontiert wird, weiß aber: So selten sind Geisterfahrten nicht. Denn auch eine Freundin von ihr kam letztes Jahr gerade noch mit dem Schrecken davon. Und: Kurz vor Redaktionsschluss gerät sie beinah wieder selbst in die Nähe eines Falschfahrers. Doch der Verkehrsfunk warnt sie im letzten Moment. „Ich wollte ihn gerade wieder wegdrücken, als ich ‚Geisterfahrer B4‘ höre. Und zwar genau auf dem Stück, auf das ich gerade auffahren wollte.“ Sie biegt nicht auf die B4, sondern in Richtung Stadt ab. „In dem Moment kam auch schon die Polizei mit Blaulicht an mir vorbei.“

Foto: depositphotos

Foto: Frank Wunderatsch

Eher selten ist daher ein Verhalten wie das von Arnold Schaller aus Coburg. Er gab im Alter von 92 Jahren seinen Führerschein ab. Freiwillig. „Mein Vater hat gemerkt, dass er nicht mehr so gut hört und sieht, und dass die Reaktionszeiten länger werden. Er durfte, von minimalen Blechschäden abgesehen, 75 Jahre lang unfallfrei fahren, das sollte so bleiben“, erzählt Sohn Reinhard. Als Arnold Schaller 2012 dann auch noch Probleme mit dem Herzen bekam, hätte er nicht lange gezögert: „Jetzt ist die Zeit gekommen“. So lange alles gut gehe, werde man zwar schon bewundert, wenn man in diesem Alter noch selber fahre, sagt er. Aber wenn erst einmal etwas passiere, sei es zu spät, dann bereue man es. Arnold Schaller ist mit seiner Entscheidung eine Ausnahme. In den letzten fünf Jahren sind laut Landratsamt Coburg nur zwischen 11 und 20 Führerscheine pro Jahr aus Alters- oder Krankheitsgründen abgegeben worden. Und das, obwohl

inzwischen mehr Menschen über 60 auf den Straßen unterwegs sind als Fahr­a nfänger unter 25 Jahren. So sehen manche das eigene Fahrverhalten eher verklärt. Das weiß auch Anne K. aus eigener Erfahrung. Sie erinnert sich an einen ehemaligen Nachbarn, der in der Tiefgarage der Wohnanlage den Parkplatz neben ihr hatte. „Die Betonpfeiler waren mit Schaumstoff umwickelt“, weil der ältere Herr immer mal wieder dagegen gefahren sei. Trotzdem sei er von seiner Fahrfähigkeit absolut überzeugt gewesen: „Ich fahre noch, bis ich 100 bin“, habe er zu ihr gesagt. Einen traurigen Extremfall stellt eine besonders tragische Geisterfahrt dar, die sich im Oktober vergangenen Jahres ereignet: Eine unbekleidete Coburgerin war mit ihren vier und sieben Jahre alten Töchtern auf der A73 bei Bamberg in falscher Richtung unterwegs. Die 31-jährige, ihre siebenjährige Tochter und der Fahrer des entgegen kommenden Autos versterben noch an der Unfallstelle, die Vierjährige und der Beifahrer des anderen Fahrzeugs später im Krankenhaus.

Dummy beim Crashtest: Schon mit 50 km/h sind die Knie durch

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Unschuldige Opfer: Kind auf der Intensivstation

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Foto: depositphotos


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Foto: Valeri Thoermer, 2010


Frühling in Oberfranken Die schönsten Frühlingsbilder unserer Redaktion. Ebenso auf vielen Doppelseiten im Magazin.

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Foto: Martin Settele

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Foto: Martin Settele

Foto: Henning Rosenbusch

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Foto: Harald Biebel

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Foto: Martin Settele

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Foto: Martin Settele


Foto: Valeri Thoermer, 2010

Foto: Manfred

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Gewalt

Auf Coburgs StraSSen

Massenschl채gerei im Steinweg, Stiefeltritte gegen Wehrlose, ein toter Jugendlicher in Grub: eskaliert die Gewalt? Kann man sich nachts nicht mehr sicher f체hlen? Eine Analyse der aktuellen Diskussion. Von Wolfram Hegen Illustration Michael Heinrich

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Ge walt auf Coburgs Str a SSen

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nfang November 2012. 4:30 Uhr morgens. Sabine, Auszubildende, Zeugen der Gewalt. Dennoch soll ein Blick auf nüchterne Zahlen helfen, die Situation richtig Michael und Erik, beide Studenten, verlassen eine Musikkneipe in einzuschätzen und zu bewerten. Denn bei allen Maßnahmen, die in den nächsCoburg. Sie wollen nach Hause, zum Gemüsemarkt. Der Weg führt sie ten Wochen getroffen werden, sind die Nebenwirkungen zu beachten: Wer nur durch den Steinweg. Sie überholen zwei sichtlich angetrunkene Männer. Dann einem Bedrohungsgefühl nachgibt, Angst hat, Platz macht, gibt der Bedrohung, geht alles ganz schnell. Die beiden rufen ihnen etwas hinterher, heften sich an ihre Fersen. Erik wird von hinten gepackt und umgedreht. „Was fällt euch ein, gibt den wenigen Kriminellen auf den Straßen mehr Platz im Bewusstsein, opfert Freiheiten. Eine Spirale von Angst und Gewalt, die schon ganze Demokra­ mich zu beschimpfen, ihr Studenten“, sagt der eine. Die drei wollen sich nicht tien zum Einsturz gebracht hat. Wenige beeinflussen das Sicherheits­gefühl provozieren lassen, reden, beschwichtigen, gehen solange weiter in Richtung einer ganzen Stadt. Das geht soweit, dass sich schon tagsüber so manch ältere Gemüsemarkt, nur schnell nach Hause, da geht einer der beiden plötzlich auf Michael los, boxt ihn und rammt ihn zu Boden. Der andere schlägt Erik zwei, Mitbürger nicht mehr in den Steinweg trauen, zum Schaden der dortigen Ladeninhaber, Immobilienbesitzer und des Lebensgefühls einer offenen, einer dreimal mit der Faust ins Gesicht, ein Auge und die Backe schwellen an, die toleranten Stadt. Brille fällt runter, ist verbogen. Erik ist hilflos, sieht nichts mehr, er hebt die Schuldig machen sich in der Diskussion viele, in allererster Linie die Prügler Hände, um sich zu ergeben. Sabine mischt sich ein, beruhigt den Schläger, ihr selbst, die mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden tut er nichts. Da liegt Michael plötzlich wieder am Boden, müssen. Da sind aber auch einzelne Gastronomen mit schon fast an der Eingangstür zum Haus. Er hat eine PlatViele Lokale haben bis fünf Uhr geöff- ihren Flatrate-Sauf-Partys, die Stadt mit verbummelten zwunde am Kopf, blutet. Doch er ringt den Angreifer zu Boden, hat ihn im Schwitzkasten. Die zwei scheinen klein net, Menschenmassen drängeln sich Genehmigungsverfahren und laxen Konzessionen, und auch Landespolitiker wie der Coburger CSU-Landbeizugeben. Sabine, Erik und Michael flüchten ins Haus, in den Kneipen und oft auch auf der tagsabgeordnete Jürgen W. Heike, der im Bayerischen endlich in Sicherheit, doch die Täter lassen nicht locker, Rundfunk angesichts der Massenschlägerei im Steinweg drängen sich mit rein, drücken, schieben, drohen. Den Straße, der Alkohol fließt in Strömen, vom August 2012 von einer fast „bürgerkriegsähnlichen dreien gelingt es, die Polizei anzurufen. Sabine holt den eine gefährliche Mixtur. Entwicklung“ spricht. Das ist Gift für unser Denken. Hund aus ihrer Wohnung. Ihr Freund im Obergeschoss Hat nicht die bayerische CSU die Putzstunde eingeredet aus dem Fenster auf die Angreifer ein. Schließlich führt, damit die Sperrzeiten nahezu abgeschafft und den Kommunen den Rest geben die Täter auf. So schnell, wie sie aus dem Dunkel der Nacht aufgetaucht sind, tauchen sie wieder darin ein. Für die Opfer folgt der Schock, das Zittern, überlassen? War es nicht der Freistaat, der mit der Polizeireform die Anzahl das Warten auf die Polizei, die Spurensuche. „Schwere Körperverletzung“ steht verfügbarer Polizisten nachts auf ein Maß reduziert hat, über das der Leiter der Polizeiinspektion Coburg, Polizeidirektor Joachim Mittelstädt, am liebsten auf dem Ermittlungsbogen. Ermittlungen ohne Erfolg, die Täter sind bis jetzt gar keine Auskunft geben möchte. Übrigens ging die Frage voraus, ob er beauf freiem Fuß. Geblieben ist die Angst. Sabine hat jetzt immer ein Pfefferspray dabei. Und sie meidet nach zwei Uhr früh den Steinweg. Erik geht nachts mög- stätigen könne, dass nachts in der Regel weniger Polizisten Schicht hätten als lichst schnell durch die Stadt, „es ist irgendwie eine sehr aggressive Stimmung“, früher. „Wir haben ganz einfach oft zu wenig Polizeieinsatzkräfte für die neue Feierkultur“, räumt Mittelstädt ein. Auch Jürgen Köhnlein, Bezirksvorsitzender sagt er. der Deutschen Polizeigewerkschaft in Oberfranken, bemängelt im Bayerischen Rundfunk wörtlich, dass die Personaldecke auch in Coburg inzwischen „auf Kante genäht“ sei. Und auch die – oder besser – wir Medien haben eine merkwürdige Rolle: Auf der einen Seite müssen wir über Missstände berichten, über die Ängste der Menschen, über Täter und Opfer, sorgen damit aber auch dafür, dass sich Michael, Erik und Sabine sind noch glimpflich davon gekommen. Doch Fälle Stimmungslagen im Gedächtnis verfestigen, sich Prophezeiungen erfüllen, wir wie dieser haben Coburg, haben vor allem dem Steinweg einen zweifelhaften als Verstärker wirken. Wenn die selbst im Steinweg beheimatete Neue Presse Ruf eingebracht. Die Partymeile gilt im kollektiven Coburger Bewusstsein als jedem Steinwegpinkler und Schaufensterbruch Platz im eigenen Medium einTreffpunkt prügelnder Jugendbanden, als Ort regelmäßiger Gewaltexzesse, den räumt, versinkt ein Revier noch tiefer im allgemeinen Bewusstsein, der richtige man am besten meidet. Vor allem nachts nach 0 Uhr. Viele Lokale haben bis Platz für Kriminelle zu sein. Eine Rückkopplung. Der eine oder andere freut fünf Uhr geöffnet, Menschenmassen drängeln sich in den Kneipen und oft auch sich vielleicht sogar beim Katerfrühstück nach durchzechter Nacht über die auf der Straße, der Alkohol fließt in Strömen, eine gefährliche Mixtur. Kein Wochenende ohne Schlägerei, keiner, der keine Geschichte aus seinem Bekannten- oder Freundeskreis zu erzählen wüsste, von Beleidigungen, Provokationen, Schlägen. Die vielen Meldungen, Opfer, Prozesse der letzten Jahre vor dem Landgericht formen sich im Kopf zu einem eindeutigen Bild: ja, es ist schlimmer geworden, es ist brutaler geworden, es ist gefährlicher geworden auf Coburgs Spuren einer Schlägerei im Gesicht von Straßen. Unser Hirn ist gefüttert worden mit viel leicht verdaubarer Nahrung, Adrian Stock. Der Tänzer hatte Glück: die uns vergiftet und uns Angst macht. Die Verletzungen sind der SchminkJeder Einzelfall ist schlimm, manchmal tragisch, zieht oft ein lebenslanges, kunst von Monika Messerschmidt zu wenn auch leises Leiden hinter sich her. Familien werden zerstört, Persönlichverdanken, der Leiterin Maske Reithalle keiten verletzt; körperliche Wunden, Blut, Schmerz und Tränen sind sichtbare des Landestheaters Coburg.

Blut, Schmerz und Tränen

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Foto: Martin Settele

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Medienpräsenz in einer kurzen Polizeinachricht. Vielleicht würde er die Lust verlieren, wenn ihn keiner mehr wahrnimmt? Auf der anderen Seite müssen wir Medien die Situation darstellen, dürfen nichts schönreden. Wenn die schiere Masse, Größe und Aufmachung der Bericht­erstattung andere Themen aber in den Schatten stellt, dann wirkt die bekannte Broken-Windows-Theorie über das echte Erleben auf der Straße hinaus: Kleine Schäden wie eingeschlagene Fensterscheiben, so die Theorie, fördern die weitere Zunahme an Zerstörung, Vandalismus, Gewalt. Eine Sogwirkung mit freundlicher Unterstützung Ihrer lokalen Medienlandschaft. Dankbar nehmen dann auch Rechtsradikale das Thema auf: „Straßenkriminalität und Vandalismus explodieren“, behauptet der Fränkische Heimatschutz. Coburg sei die Hochburg für Vandalen und Linksextremisten, heißt es auf deren Homepage. Besoffene, sogenannte Russlanddeutsche schlügen grundlos Passanten zusammen, von einem versuchten Totschlag zweier Türken auf dem Sambafestival ist die Rede. Mit der Angst der Menschen lässt sich gut Stimmung machen. Dabei, soviel sei schon vorneweg gesagt, sind Russlanddeutsche unterproportional an Gewalttaten beteiligt, so der oberste Richter am Landgericht Coburg, Gerhard Amend, und auch die Polizei bestätigt: Nationalitäten spielen bei der Kriminalität auf Coburgs Straßen nur eine untergeordnete Rolle. Wieder ein Bedrohungsszenario, das sich gefühlt ganz anders darstellt. Die Massenschlägerei im Steinweg im August letzten Jahres war eine Ausnahme, eine mit großer öffentlicher Wirkung allerdings.

Zwölf Kneipen auf 95 Metern und bis zu 4000 Partygänger pro Nacht: der Steinweg in Coburg

ein blick in die Statistik

Überfall um 4:30 Uhr früh: Opfer Sabine will unerkannt bleiben

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Foto:Frank Wunderatsch

Was aber sagen die Zahlen nun eigentlich? Bundesweit ist die Anzahl an Gewaltkriminalität laut Bundeskriminalamt von 218.000 2007 auf 197.000 2011 zurückgegangen, die Zahl der gefährlichen oder schweren Körperverletzungen von 151.000 auf 139.000. Knapp 10% aller in Deutschland Verurteilten haben sich dabei einer Körperverletzung schuldig gemacht. Auch in Bayern ist die Zahl der Körperverletzungen laut Bayerischer Polizeistatistik seit 2007 etwa gleichgeblieben, ebenso die Zahl der vorsätzlichen leichten Körperverletzungen. Schwere oder gefährliche Körperverletzungen gibt es seit 2007 sogar gut 6% weniger. Mit über 16.000 allerdings immer noch eine hohe Zahl. Ähnliche Werte auch für ganz Oberfranken: Dort gab es im Jahr 2011 den zweitniedrigsten Wert im 10-Jahres-Vergleich in Sachen Straßenkriminalität. Gleichzeitig stieg aber die Anzahl an Gewalttaten um gut 7% auf 1862 im Jahr. Über 81% dieser Gewalttaten sind schwere oder gefährliche Körperverletzungen, viele davon auf offener


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Straße. Das sind die Meldungen, die für Schlagzeilen sorgen. Beruhigend: Neun schweren Körperverletzungen im kompletten Stadtgebiet Coburg im Jahr 2012. von zehn Fällen werden in Oberfranken aufgeklärt. In Coburg selbst ist die StraZur Verharmlosung taugen diese Fakten allerdings nicht. Die Zahlen geben ßenkriminalität von 2007 bis 2012 gegenüber den Vorjahren leicht ansteigend. nämlich keine Auskunft über den Grad der Brutalität, wenn die Fäuste erst einDazu gehört, das muss man der Vollständigkeit halber sagen, auch so ein Delikt mal fliegen. Und da liegt wohl das größte Problem. „Wenn früher einer auf dem wie Fahrraddiebstahl. Mit 392 gab es aber weniger einfache Körperverletzungen Boden lag, war Ende. Heute geht’s da oft erst richtig los.“ sagt Richter Gerhard als noch 2011. Und gefährliche und schwere Körperverletzungen gab es 123 im Amend, der viele der Schläger hinter Schloß und Riegel geschickt hat. „Es gibt Stadtgebiet Coburg, das sind so viele wie in den letzten Jahren. Wissenschaftler ja kaum mehr eine Hemmschwelle, auch keinen Respekt mehr vor der Polizei“, gehen zwar davon aus, dass es zehn mal mehr Straftaten gibt als bekannt werden, räumt auch Rico Böhme ein, Sprecher der Steinweg-Gastronomen, seit dreißig auf der anderen Seite hat aber auch das Anzeigeverhalten zugenommen, ein ge- Jahren DJ im Coburger Nachtleben. Er selbst war Augenzeuge der Massenschlägenläufiger Trend. Smartphones machen zudem schnelle Kommunikation über gerei vom August. „Die Schläger sind den Polizisten ins Gesicht gesprungen“, Zwischenfälle möglich. Allesamt Ergebnisse, die eigentlich für Alarmismus sagt er. Auch die oberfränkische Polizei stellt in ihrem Jahresbericht 2011 fest: nicht taugen, wenn auch jeder Einzelfall einer zuviel ist. „Polizeieinsätze werden immer gefährlicher. Enthemmung durch Alkohol, Deutlicher sind die Zahlen, wenn man, wie von der gesteigerte Aggressivität Einzelner und festzustelCoburger Polizeiinspektion ermittelt, nur die Zeit zwischen 0 lender Werteverlust führen immer wieder zu Wider„Wenn früher einer auf dem Boden lag, standshandlungen gegen rechtmäßige Eingriffe von und 6 Uhr, nur am Samstag und Sonntagmorgen und nur den Innenstadtkern rund um den Steinweg unter die Lupe nimmt. war Ende. Heute geht’s da oft erst Vollstreckungsbeamten.“ Wen wundert es da, dass die Da gab es alleine im Steinweg 2004 im ganzen Jahr 17 Aggresunterbesetzte Polizei vor dem Hintergrund des Persorichtig los.“ sionen gegen Personen, im Jahr 2012 waren es 78. Im gesamten nalmangels keine rechte Lust verspürt auf handgreifinnerstädtischen Bereich stieg die Zahl aller Körperverletzunliche Auseinandersetzungen. Auch daher würden die gen, Nötigungen, Beleidigungen und Sexualdelikte von 45 auf Ordnungskräfte wohl eine Rückkehr zu alten Sperr158. Auch die festgestellten Verunreinigungen im öffentlichen Raum verdoppel- zeiten bevorzugen. Noch 2008, bei früheren Mannstärken, war davon übrigens ten sich in den letzten fünf Jahren. Steigerungen um viele hundert Prozent also. keine Rede, da feierte die Polizei ihr Konzept SIPCO (Sicherheit – Prävention Das klingt in der Tat dramatisch und ist es im Einzelfall ja auch. Damals aber, – Coburg) aus dem Jahr 2005: „Es ist sicherer geworden in der Innenstadt“, hieß 2004, gab es ja auch noch die langen Sperrzeiten. Um ein Uhr, spätestens um es damals. drei Uhr, waren die Läden dicht. Heute gehen junge Menschen oft erst um 23 Die tatsächliche Bedrohung also, vor oder nach einem nächtlichen KneiUhr abends weg, auch, weil sich der Lebensrhythmus verschoben hat. Lange penbesuch in der Coburger Innenstadt das Opfer einer Gewalttat zu werden, Ladenöffnungszeiten, Schichtbetrieb bei großen Unternehmen. Für Partygän- ist nach allen vorliegenden Zahlen ähnlich wir vor zehn Jahren. Wenn aber etger oder Kneipenbesucher kann es da auch mal vier Uhr werden. Die schiere was passiert, dann oft im Umfeld des Steinwegs oder der Nachbargassen, und Erhöhung der Fallzahlen zwischen 0 und 6 Uhr taugt also nicht für den Entwurf wenn, dann vor allem nach Mitternacht. Diese Fixierung auf Ort und Zeit ist eines bevorstehenden Bürgerkriegs. Man müsste die Zahlen schon in Beziehung eine einfache Botschaft, die ihre Wirkung nicht verfehlt: vor allem die gefühlte zu den Öffnungszeiten setzen. Bedrohung nämlich nimmt seit Jahren zu. Auch, weil die Meldungen drastischer Zudem befinden sich heute im Steinweg auf gerade mal 95 Metern zwölf gas- werden, weil der Grad der Brutalität, mit dem zugeschlagen und zugetreten tronomische Betriebe, Clubs, Bars, Kneipen. Viele weitere im direkten Umfeld. wird, unerträgliche Ausmaße erreicht hat. Das aber ist ein gesellschaftspolitiAlles spielt sich mitten in der Stadt ab, nicht fernab auf dem platten Land auf sches, kein Coburger Problem. Diese Brutalität bricht sich Bahn, ungeachtet dem Parkplatz einer Diskothek, wird dadurch anders wahrgenommen, gelangt von Öffnungszeiten und Gesetzen. mehr ins Bewusstsein. „Viele Menschen auf engem Raum, lange Öffnungszeiten, mehr Alkohol, dazu noch das Rauchverbot in den Clubs, das alles fördert die Zahl der nächtlichen Gewalttaten auf der Straße“, räumt Polizei­d irektor Joachim Mittelstädt ein. Das sei übrigens kein innerstädtisches Phänomen: Beim Zeltfasching in Meeder oder der Kirchweih in Eicha sei es ähnlich. Dort sind viele Hundert Gäste auf engstem Raum, in Coburg dürften nach inoffiziellen ge- Wer heute Stiefeltritte ins Gesicht bekommt, der hat von solch Erkenntnissen schätzten Zahlen an guten Abenden 3000 bis 4000 Personen im Innenstadtkern freilich nichts. Im Fall des Falles geht es erst einmal ums nackte Überleben. unterwegs sein. Vorsichtig gerechnet sind an über 100 Wochenend- oder Feier- So wie bei Andreas Ruppert (Name geändert) aus dem südlichen Landkreis tagen im Jahr insgesamt also mindestens 200.000 Personen im Innenstadtkern Coburg. Gemeinsam mit einem Freund war er vor einigen Jahren auf Kneipenunterwegs, große Veranstaltungen wie Sambafestival, Schlossplatzfest oder tour in der Vestestadt. Am frühen Morgen wollten sie in Richtung Marktplatz, HUK-Open-Airs nicht mitgerechnet. Natürlich hat ein attraktives Nachtleben ein Taxi suchen. Der Weg führte sie durch den Steinweg, als sich drei Typen auch eine Sogwirkung. Das zeigt sich an der Zahl der seit 2005 ermittelten Tat- an ihre Fersen hefteten. Alle sportlich, alle nicht aus Coburg, sie wollten wisverdächtigen. Fast 60% kommen nicht aus Coburg, Tendenz steigend. Das Par- sen, „Wo kann man denn jetzt in Coburg noch hingehen, wo gibt es denn noch tyvolk reist aus Bamberg, Lichtenfels, Sonneberg, Hildburghausen, Schwein- Weiber?“, erinnert sich Andreas. „Aber wir haben nicht reagiert, um sie nicht furt nach Coburg an. Auch das relativiert die Zahl von 123 gefährlichen oder zu provozieren“. Ohne Erfolg. Das Trio trat ihnen auf die Hacken, begann zu

Geil auf Gewalt

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Ge walt auf Coburgs Str a SSen rempeln, zu schubsen. „Irgendwann merkst du, dass du aus der Nummer nicht mehr rauskommst.“ Die aggressiven Drei drängten sie in Richtung Nägleinsgasse. Dort, mitten in der Stadt, „gerade mal ein Licht brannte, es war ziemlich düster“, legte Andreas seine Brille ab, zog seine Uhr aus. „Ich war merkwürdig kontrolliert“, sagt er rückblickend. Angst habe er nicht gehabt, eher Wut. Ganz Doch was kann man tun? In einigen Punkten sind sich alle Parteien einig: Das anders als sein Freund. Der zitterte am ganzen Leib, versuchte zu beschwichti- allerwichtigste wohl ist Null Toleranz für Schläger und Kriminelle. Die Gesetze gen. Bis er einen Fausthieb ins Gesicht bekam. Die Haut über der Nase platzte sind da, die Aufklärungsquoten sind hoch. Es wäre eine fatale Botschaft, wenn auf, Blut lief an ihm herunter. Wie paralysiert blieb er stehen, unfähig, etwas Schlägereien als Kavaliersdelikte durchgehen – für die Opfer, aber auch für die zu tun. „An ihm hatten die drei jetzt kein Interesse mehr“, sagt Andreas, „alle Täter. Und es ist eine gute Nachricht, wenn Täter hart bestraft werden. Auwaren durchtrainiert, Kampfsportler, die haben sich ein ßerdem muss die Verfügbarkeit von Alkohol eingedämmt Opfer gesucht und das war ich.“ Andreas, 1,90 Meter groß, werden: 51% der Tatverdächtigen waren nachweislich Sie gehen zu dritt auf ihn los, treten, alkoholisiert. Der tatsächliche Anteil dürfte noch weitaus sportlich, gutaussehend, er also sollte Sparringspartner der nächtlichen Schlägertruppe werden. Dann gehen sie schlagen, boxen. Sie tänzeln um ihn höher sein, so die Polizei. Alkohol ist Aggressionsverstärzu dritt auf ihn los, treten, schlagen, boxen. Sie tänzeln um ker Nummer 1. Doch Alkohol gibt es heute rund um die herum, prügeln auf ihn ein, ein un- Uhr, ihn herum, prügeln auf ihn ein, ein ungleicher Kampf, geil an Tankstellen kann man sich in tiefster Nacht Spiriauf Gewalt. Fußtritte an den Kopf, ins Gesicht, Andreas tuosen zum günstigen Preis holen und ordentlich „vorglügleicher Kampf, geil auf Gewalt. stürzt, rappelt sich wieder hoch, „nur nicht auf dem Boden hen“. Gastronomen stehen in der Pflicht, keinen Alkohol liegen“, er wehrt sich, beleidigt seine Peiniger, „damit sie an Minderjährige abzugeben; die Türsteher, niemanden Fehler machen“, und das tun sie, Andreas trifft mit den Fäusten, trifft mit dem mit Alkohol rein- und auch nicht mit Gläsern oder Flaschen rauszulassen; die Fuß, dann machen sich die drei aus dem Staub. „Vielleicht hat es ihnen keinen Stadt, die Alkoholabgabe an Minderjährige zu ahnden, schließlich ist das eine Spaß mehr gemacht, vielleicht auch zu lange gedauert.“ Zehn Minuten schätzt Ordnungswidrigkeit. er, aber man verliere auch das Gefühl für Zeit. Andreas ist blutverschmiert, die Für die Gastronomen verweist Rico Böhme, Sprecher der Steinweg-GasBacke blau, er kümmert sich um seinen Freund. Sie haben Glück gehabt. Die tronomen, zudem auf die vielen Maßnahmen, die man bereits umgesetzt hat: äußeren Wunden verheilen in den nächsten Wochen, und auch die inneren. Sie Seit letztem Sommer gibt es Türsteher, die passen auch auf das Mitnehmen gehen auch heute noch gerne aus, auch nachts. „Manchmal ist es aber besser, der Getränke auf; es gebe keine Plakatierung mehr für Flatrate-Partys; die sich direkt von der Kneipe von einem Taxi abholen zu lassen.“ Die Täter aber Gastronomen versuchten darauf zu achten, dass kein Alkohol an Minderjährige laufen noch heute frei herum. „Die Polizei hat uns Fotos gezeigt, da waren sie ausgegeben wird, „aber garantieren kann man das natürlich nicht.“ Und auch in nicht dabei.“ Der Fall war übrigens 2003. Gewaltbereite Personen gab es auch Sachen öffentlicher Ordnung passe man auf. Kürzlich habe man einem jungen damals schon. Mann Schrubber und Eimer in die Hand gedrückt. Er hatte an die Fassade eines

Foto: Henning Rosenbusch

Keine Gnade

Staatsgewalt will längere Sperrzeiten: der Leiter der Polizeiinspektion Coburg, Joachim Mittelstädt, sein Stellvertreter Robin Buß und Pressesprecher Markus Reißenberger (v. r. n. l.)

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Foto: Frank Wunderatsch

Lokals gepinkelt. Früh Zeichen setzen, Grenzen ziehen, darum gehe es den Gastronomen, und für die geht es um ihren guten Ruf, um lange Öffnungszeiten und, damit verbunden, um guten Umsatz. Ein schlechtes Image, Prügeleien vor dem eigenen Laden sind da kontraproduktiv. Und dann natürlich der Appell an die jungen Partygänger selber: „Jeder sollte auch auf seinen Kumpel aufpassen, damit der keinen Unsinn macht.“ Von einer Sperrzeitverlängerung hält er dagegen nichts. Die aber fordert die Polizei und verweist auf ihre Statistik für den Coburger Innenstadtkern zwischen 0 und 6 Uhr. Erlangen sei ein positives Beispiel, führt man bei der Polizei an. Dort gebe es seit 2007 eine Sperrzeit von 2 bis 6 Uhr früh. Aber nur in der Innenstadt. Drumherum ist genug Platz für Nachtschwärmer und Partygänger. „Bloß nicht“, sagen die Steinweggastronomen und verweisen auf die Wettbewerbsverzerrung. Außerdem muss es für eine Verlängerung der Sperrzeiten triftige Gründe geben. In Passau zum Beispiel hat das Verwaltungsgericht erst im November 2012 eine Stadtratsentscheidung gekippt. Sechs Gastronomen hatten gegen die Verlängerung der Sperrzeit geklagt – und Recht bekommen. Eine Blamage für die Stadtführung. Das möchte man sich in Coburg ersparen und sucht nach anderen Lösungen. Ein Vorschlag liegt auf dem Tisch, der eine sechs Mann starke Fußstreife eines Security-Unternehmens vorsieht, bezahlt von Gastronomie, Ladeninhabern, Immobi-

lienbesitzern. Vorschläge sehen vor, unter der Woche um 2 Uhr zu schließen und am Wochenende um 4 Uhr. Eine Entscheidung darüber wird wohl erst im Sommer fallen. Wichtig sei auch, heißt es von verschiedenen Seiten, dass es im Umfeld der Innenstadt, am Stadtrand oder auch im nahen Landkreis eine Großraumdiskothek gibt, um die Anzahl der Nachtschwärmer räumlich zu entzerren. Bis vor einigen Jahren zog die Diskothek „Stern Radio“ in Sonneberg viele Besucher an. Versuche, neue Tanztempel in Rödental oder Cortendorf zu etablieren, sind schon frühzeitig gescheitert. Dort gäbe es keine kleinen Gassen, sondern große hell­erleuchtete Parkplätze, die im besten Fall von den Diskothekenbetreibern selbst überwacht werden müssen. Aber es gibt keine geeigneten Diskotheken, so bleibt für viele Partyhungrige nur der Weg in die Stadt, wo sich dann alles trifft. Mit bekannten Folgen.

Vorsorge für die Zukunft Doch alle Ordnungspolitik packt das Problem nicht an der Wurzel. Kurzfristig mag sie für ein Gefühl der Sicherheit sorgen, auch für einen Rückgang der nächtlichen Straßenkriminalität in der Coburger Innenstadt, der Kern des Problems aber liegt tiefer. Das zeigt auch die Zero Tolerance Policy aus New York: Der damalige Bürgermeister Rudolph Giuliani machte in den 1990er Jahren aus dem kriminellen Sumpf New York eine sichere Stadt, dennoch war das Konzept nur bedingt erfolgreich. Zeitgleich nämlich stieg die Zahl an Gewalttaten im benachbarten Newark. Ein Nullsummenspiel. Kritiker bemängelten außerdem polizeistaatliche Tendenzen. Neben allen Regeln, allen Gesetzen, allen Vorschriften sind also vor allem auch ergänzende präventive Konzepte gefragt. So geht die Coburger Polizei selbst in die Schulen, übt Gewaltvermeidung, trainiert Umgangsformen, soziales Verhalten. „Viele junge Menschen wissen nicht, wie man einem Konflikt frühzeitig aus dem Weg geht oder ihn im Ernstfall friedlich löst“, sagt Robin Buß, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Coburg. „Früher wurde das von Vereinen, Eltern, der Schule gemacht, hier können wir nur Defizite ausgleichen“. Ein vorbildliches Engagement. Auch Gerhard Amend, der am Landgericht Coburg viele Fälle wegen schwerer oder gefährlicher Körperverletzung verhandelt, zweifelt an der Wirksamkeit rein polizeilicher Maßnahmen. „Die Täter haben oft ein geringes Selbstbewusstsein“, sagt er und spricht von regelrechten Karrieren, die schon ganz früh anfangen, mit häufigem Schuleschwänzen, kleinen harmlosen Delikten, einem Ladendiebstahl. Viele der Täter hätten ein großes Frustpotential in Beruf oder Familie, seien nicht in Vereinen oder

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Letzte Rettung: Pfefferspray gegen Angreifer

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anderen zivilen Sozialstrukturen integriert. Deswegen fordert er, früher einzugreifen, in den Familien, präventiv wirksam zu werden. Auch Gerhard Spiess von der Uni Konstanz spricht in seiner Studie „Jugendkriminalität in Deutschland – zwischen Fakten und Dramatisierung“ von einer kleinen Gruppe junger Mehrfach- und Intensivtäter, die an Straßenkriminalität überproportional beteiligt seien. Und auch er fordert nach ausgiebigen Studien in erster Linie nicht mehr Härte, sondern mehr Prävention.

Die gerechte Strafe gibt es nicht Wenn das Schicksal einen allerdings so hart trifft wie die Familie Geuther in Niederfüllbach, sind alle Diskussionen, alle Studien Makulatur, mag jede angeführte Statistik wie Hohn und Spott klingen, und Prävention kommt zu spät: die Familie hat im letzten Jahr ihren gerade mal 17-jährigen Sohn verloren. Er starb nach einem Schlag eines jungen Mannes aus dem Nachbarort. Gewalt, brutale Gewalt ist kein Problem des Steinwegs in Coburg. Wenn sie ausbricht, kann sie einen überall treffen.

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Noch gibt es keine Anklageschrift, der Täter ist auf freiem Fuß. Ob überhaupt verhandelt wird, wie der Fall rechtlich ausgeht, werden die Ermittlungen ergeben; ein fast traumatischer Zustand für die Eltern, deren psychisches Elend bei jedem Wort, jeder Träne spürbar ist, das aus jeder Pore der mühsam um Fassung bemühten Gesichter dringt. Anka und Martin Geuther haben es bis heute, über ein halbes Jahr später, nicht geschafft, das Zimmer ihres verstorbenen Sohnes aufzuräumen. Zu schmerzhaft ist der Verlust. Sandro war ein Mensch mit Ecken und Kanten, hatte seinen eigenen Kopf, erzählen die Eltern, aber auch eine soziale Ader. Er machte gerade eine Ausbildung bei einem Coburger Unternehmen, ein normaler Jugendlicher eben. Doch jetzt ist Sandro tot. Wie als Mahnmal tollt stattdessen ein junger Dobermann in der Wohnung herum, der Psychologe hat das empfohlen. Es war am 8. Juni 2012. Tagsüber hat Martin Geuther Rasen gemäht, danach für alle gegrillt, Sohn Sandro war dabei, will sich danach noch mit Freunden treffen. Ein ganz normaler Tag wie in Tausenden Familien an einem schönen Sommertag. Um halb elf Uhr abends dann klingelt das Telefon, Celine ist dran, das Patenkind, wie eine Schwester für Sandro. „Ihr müsst schnell kommen, Sandro ist bewusstlos“, sagt sie. Die Eltern wissen nicht, was los ist, wissen zu

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Foto: Aaron Rößner

Foto: Henning Rosenbusch

„Er ging noch ein paar Schritte, dann sackte er zusammen“ – Tatort in Grub am Forst

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zen konnten, ihren Glauben an Gott verloren haben, die nach weltlicher Gerechtigkeit schreien. Aber, sagt Martin Geuther, „die gerechte Strafe gibt es ohnehin nicht.“

Alle sind gefragt Das Schicksal der Familie Geuther macht sprachlos. Man findet keine Worte für den Schrecken, der so plötzlich ein normales Leben zerstört. Sein eigenes Kind zu verlieren, das ist die Horrorvorstellung aller Eltern. Man fühlt sich machtlos, frustriert. Und hat Angst. Gewalt kann jeden treffen, auch das eigene Kind. Da helfen am Ende des Tages keine Gesetze, keine Strafen, keine Ordnungspolitik, keine Sperrzeiten. So wichtig die rechtlichen Rahmenbedingungen also auch sind, so zeigt das Schicksal der Familie Geuther, worauf es vor allem auch ankommt: auf uns alle. Hinschauen, sich einmischen, junge Menschen auf den rechten Weg führen, Grenzen ziehen, erziehen. Eltern, Schulen, Unternehmen, Vereine, Kirchen, soziale Organisationen sind gefragt. Soziale Verantwortung geht uns alle an.

Foto: Henning Rosenbusch

diesem Zeitpunkt nicht, dass Sandro nie mehr die Augen öffnen wird. 13 Tage Hoffen und Bangen, 13 Tage „er ist jung, er schafft das“, 13 Tage „die Hölle auf Erden“, sagt Mutter Anka Geuther. Am 21. Juni stirbt Sandro im Klinikum Lichtenfels. Was sich an jenem Abend am Bahnhof in Grub am Forst ereignete, versuchen Ermittlungsbehörden zu rekonstruieren. Dem tödlichen Schlag gehen wohl ein Wortgefecht und eine Rangelei zwischen Sandro und seinem Gegenüber voraus. Dann trifft der Täter Sandro mit der Faust am Hals. Es scheint sicher, dass Sandro an den Folgen dieses Schlages starb. So ein Schlag bringt Blutdruck und Sauerstoffzufuhr zum Gehirn durcheinander, kann zur Bewusstlosigkeit oder zum Tod führen. Sandro geht noch ein paar Schritte, sackt dann in sich zusammen. Er hatte schon zu diesem Zeitpunkt fast keine Chance, zu überleben. „Das Hirn war nur noch Matsch“, sagt später ein Arzt zu den Eltern. Sandro war eigentlich ein kerngesunder Junge, bestätigt die Obduktion nach dem Tod. Es war keine Erkrankung, die zum Tod führte, es waren die Folgen des Schlages. Ob der gezielt oder im Streit erfolgte, das wird das Gericht klären müssen. Zurück bleiben zwei Eltern und ein Halbbruder, für die nichts mehr ist, wie es war, die sich schuldig fühlen, die ihren Sohn, ihren Bruder nicht beschüt-

„Es ist, wie wenn einem das Herz herausgerissen wird.“

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Interview

COBURGS ZUKUNFT

Fragen an Oberbürgermeister Norbert Kastner und IHK-Präsident Friedrich Herdan Stärken bündeln, ein Ziel formulieren, gezielt investieren. In Bildung. In Infrastruktur für Unternehmen. Das war das Fazit des Leitartikels von Wolfram Hegen in der ersten Ausgabe des COBURGER im Dezember 2012 zur Zukunft Coburgs vor dem Hintergrund jahrelanger politischer Grabenkämpfe und des aktuellen Sparzwangs. Zu diesem Thema in dieser Ausgabe ein Doppelinterview mit zwei wichtigen Protagonisten der Stadt, Oberbürgermeister Norbert Kastner und IHK-Präsident Friedrich Herdan. Beide Interviewpartner stellten sich getrennt voneinander Fragen, die sich ein Unternehmen stellen müsste, das in die Krise gekommen ist.

Norbert Kastner

Friedrich Herdan

sollte man eine Stadt (in ihrer 1 Warum Gesamtheit, nicht nur die kommunale Gebiets­körperschaft) aus dem Blickwin­ kel eines Unternehmens sehen? Norbert Kastner Auch wenn eine Stadt von Haus aus eine völlig andere Aufgabenstellung hat, kann man doch in einigen Bereichen von Unternehmen lernen. So haben, wie wir, zwischenzeitlich viele Kommunen zur besseren Steuerung die kaufmännische Buchführung eingeführt. Benchmarking (Vergleiche mit anderen Kommunen) und eine strategische Personalentwicklung sind heute ebenso selbstverständlich wie eine ganze Reihe anderer Instrumentarien, die von den Unternehmen auf Verwaltungen übertragen wurden. Friedrich Herdan Grundsätzlich müssen Kommunen bei Beachtung des Gemeinwohls und sozialer Belange nach Kriterien der Wirtschaftlichkeit arbeiten. Gefordert ist starke Bürgerorientierung bei gleichzeitig hoher Produktivität der städtischen Unternehmen und Effizienz der Stadtverwaltung.

sollte man eine Stadt nicht aus 2 Warum dem Blickwinkel eines Unternehmens sehen? NK Weil man das in vielen Bereichen schlichtweg nicht kann. Ich denke da beispielsweise an den gesamten Bereich der so genannten „übertragenen

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Aufgaben“, bei denen wir im Auftrag des Staates handeln und keinen eigenen Gestaltungsspielraum haben. Der gesamte Bereich der sogenannten Daseinsvorsorge gehört zu unseren Pflichtaufgaben, unabhängig davon, ob diese wirtschaftlich zu erbringen sind. Zudem dürfen wir als Stadt aufgrund der geltenden gesetzlichen Regelungen keine Gewinnerzielungsabsichten haben, was uns schon einmal grundsätzlich von jedem Unternehmen auf dem freien Markt unterscheidet. FH Unternehmen wie Kommunen müssen Aufgaben zur Sicherung des Gemeinwohls und im sozialen Bereich angemessen wahrnehmen. Bei Kommunen wiegen solche Leistungen schwerer. Entsprechend dieser Gewichtung verschieben sich die Prioritäten in der Leistungserbringung zwischen Kommune und Unternehmen.

hat die vor wenigen Jahren noch 3 Warum reiche Stadt Coburg innerhalb kurzer Zeit finanzielle Probleme? NK Bei gleichbleibenden, in vielen Bereichen sogar vermehrten Aufgaben und gleichzeitig sinkenden Einnahmen, bleiben finanzielle Engpässe in der Regel nicht aus. FH Coburg hat sich finanziell in guten Jahren mit vielen freiwilligen Leistungen überfrachtet. Bemerkenswert ist, dass Coburg trotz sehr hoher Steuerkraft – Rang 3 von 96 Städten und Landkreisen in Bayern (2011) – in eine angespannte Finanzlage geraten konnte. Die aktuelle Finanzlage wird zusätzlich strapaziert, weil nicht alle städtischen Unternehmen kostendeckend arbeiten. Dies gilt es zu optimieren. Als Beispiel ist die Wirtschaftsförderungsgesellschaft anzusehen, die zum Großteil Dienstleistungen erbringen muss, denen keine direkten Einnahmen gegenüberstehen. Es ist festzustellen, dass sich die Effizienz dieser städtischen Gesellschaft in den letzten Jahren erfreulicherweise gesteigert hat. Der eingeschlagene Weg ist richtig.

war der größte Erfolg für den Stand­ 4 Was ort Coburg in den letzten fünf Jahren und warum? NK Die Tatsache, dass viele unserer Coburger Unternehmen intensiv in und am Standort Coburg investiert haben und investieren. Das ist neben der einen oder anderen Firmenansiedlung beziehungsweise Neugründung in Coburg ein ganz wichtiger Indikator dafür, dass wir als Stadt gut aufgestellt sind. FH Der Anschluss Coburgs an das Bundesautobahnnetz durch Fertigstellung der A 73 im Jahr 2008 hat die Region auf der Straße zeitlich näher an wirtschaftliche Ballungsräume herangerückt. Wirtschaftsansiedlungen wie z.B. das Kundenservicezentrum „Service 4 EVU“ und erfolgreiche Ausgründungen aus der Hochschule wie z.B. BestSens oder die Sensaction AG erhöhen die Wirtschaftskraft und bewirken im demografischen Wandel Wanderungsgewinne.

war der größte Misserfolg für den 5 Was Standort Coburg in den letzten fünf Jahren und warum? NK Das Abschneiden im Standortvergleich der Firma Brose, in dem wir mit Bamberg und Würzburg verglichen wurden. Vor dem Hintergrund, dass Bamberg fast doppelt und Würzburg über dreimal so groß ist wie Coburg, muss man das allerdings sehr differenziert betrachten. FH Die misslungene Umsetzung diverser kostenträchtiger Projektplanungen im Coburger Süden in den letzten Jahren, zuletzt durch einen Stadtratsbeschluss, der inhaltlich aktuellen marktwirtschaftlichen Interessen von Investoren zuwider lief. Coburg bleibt damit im Standort-Wettbewerb beim Auf- und Ausbau der Wirtschaftsstruktur gegenüber vergleichbaren Städten wie z.B. Bamberg und Schweinfurt, die für Unternehmen optimale Übernachtungs- und Tagungskapazitäten anbieten, weiterhin zurück. Darüber hinaus können Chancen zur Entwicklung des Tourismusgeschäftes und damit verbundener Arbeitsplätze auch in Zukunft nur begrenzt genutzt werden.

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Interview

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Welche drei größten Stärken hat Coburg?

NK Coburg ist ein starker Wirtschaftsstandort. Coburg ist nicht zuletzt durch seine Familienfreundlichkeit eine Stadt mit hoher Lebensqualität. Coburg hat eine sich überaus positiv entwickelnde Hochschule. FH Hoher Besatz an Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Hohe Finanz- und Steuerkraft. Gut ausgestattete Bildungslandschaft, Rang 1 von 43 Mittelstädten (Bertelsmann-Gutachten).

welchen Stärken liegen auch die 7 In größten Chancen Coburgs? NK Die Chancen liegen in der Kombination dieser Stärken. FH Die Wirtschaftsstruktur aus traditionsreichen, aber modernen Global Playern wie auch jungen, aufstrebenden Industrie- und Dienstleistungsunternehmen bietet eine ausgezeichnete Basis für die künftige wirtschaftliche Entwicklung des Standortes. Diesen Bestand gilt es durch Förderung bei Investitionsentscheidungen, Hilfestellung und Beratung in Krisenzeiten, enge Kontaktpflege etc., besser zu pflegen. Die Familienfreundlichkeit unserer Stadt ist ebenfalls ein wichtiger Standortfaktor, dabei allein kann es jedoch nicht bleiben. Vor allem sind Neuansiedlungen nach Kräften zu fördern.

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Welche Stärken sind wertlos?

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In welchen Schwächen liegt eine Gefahr?

NK In jeder der genannten Schwächen liegt eine Gefahr für die zukünftige Entwicklung unserer Stadt. FH Zum einen in der zögerlichen Förderung von Projekten zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur und der Hotel- und Tagungskapazitäten. Die Teilhabe an wirtschaftlichen Wachstumsprozessen in einer globalisierten Welt wird wesentlich bestimmt von Erreichbarkeit und Zentralität. Zum anderen im demografischen Wandel mit rückläufiger und alternder Bevölkerung. Dieser ist gefährlich für die Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft in der Region.

das Integrierte Stadtentwicklungs­ 12 Kann konzept ISEK aus dem Jahr 2008 heute noch als Leitfaden der Stadtentwicklung dienen? NK Selbstverständlich – und das tut es auch! Das ISEK ist sicherlich nicht für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt, sondern ein Leitfaden für die zukünftige Entwicklung. Deshalb müssen wir einzelne Ziele auch immer wieder den aktuellen Entwicklungen anpassen. FH Das Instrument des ISEK stellt die Grundlage für relevante Entscheidungen der Stadtentwicklung dar. Das ISEK sollte aber nicht als in Stein gemeißelte Doktrin gesehen werden, sondern vielmehr als Leitfaden, der kontinuierlich auf die tatsächliche Entwicklung in der Region weiterzu-

NK Eine Stärke ist nur dann wertlos, wenn man sie nicht nutzt. Wir wollen genau das Gegenteil. FH Stärken sind per se immer von hohem Wert.

drei größten Schwächen 9 Welche hat Coburg? NK Vor allem die räumliche Begrenztheit des Stadtgebiets lässt uns an der einen oder anderen Stelle nicht die Entwicklungsmöglichkeiten, die wir gerne hätten. Die verkehrliche Erschließung Coburgs ist mit der Fertigstellung der A 73 besser, aber sicher noch ausbaufähig. Was uns fehlt ist eine leistungsfähige Ost-West-Verbindung und eine, einem Oberzentrum entsprechende Anbindung an den überregionalen Bahnverkehr. Und die demographische Entwicklung. Wir werden älter und weniger. FH Die Verkehrsanbindung (kein richtlinien­ konformer Verkehrslandeplatz, derzeit kein gesicherter ICE-Systemhalt). Die fehlenden Hotelund Tagungskapazitäten. Der prognostizierte Bevölkerungsrückgang.

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©Leslie Murray 2012

entwickeln ist. Coburg sich mehr nach Süd­ 13 Sollte thüringen orientieren oder zur

Welche Schwächen sind egal?

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sollte die Zusammenarbeit mit 14 Wie dem Landkreis aussehen? Sollten beide partnerschaftlich arbeiten oder einer der beiden die Führungsrolle übernehmen? NK Seit ich mich zurück erinnern kann, arbeiten Stadt und Landkreis partnerschaftlich zusammen. Ich sehe aktuell keinen Grund, das zu ändern. FH Coburg Stadt und Landkreis müssen sich in Partnerschaft auf engstem Raum gut verstehen und zusammenarbeiten. Unter solchen Gegebenheiten bedarf es keiner Führungsrolle.

Sie einen Wunsch für Coburg 15 Wenn freihätten, wie würde Coburg im Jahr 2050 aussehen? NK Coburg wäre eine wachsende Stadt und ein Magnet für die gesamte Region, weil unsere Maßnahmen gegen den demographischen Wandel gegriffen haben, die Firmen vor Ort dem Standort die Treue gehalten haben und wir ein „Gesamtpaket Coburg“ vorweisen können, das die Menschen davon überzeugt, dass es toll ist, hier zu leben. FH Oberzentrum mit ICE-Systemhalt alle zwei Stunden. Richtlinienkonformer Verkehrslandeplatz. Florierende Tagungs- und Kongressstadt. Junge wie ältere Stadtbürger haben gute Berufs- und Lebenschancen. Durch Geburtenanstieg und Wanderungsgewinne wächst die Bevölkerung. Die Wirtschaft am Standort hat sich im Wettbewerb mit vergleichbaren Regionen durch gute Bestandspflege, qualifizierte Fach- und Führungskräfte und Ansiedlung neuer Wirtschaftsbetriebe überproportional entwickelt.

Aufgabe muss Coburg dazu 16 Welche als erstes erledigen?

Metropolregion Nürnberg?

NK Schwächen sind nie egal – man muss sie erkennen, ernst nehmen, nach Lösungen suchen und abstellen. FH In jeder Schwäche liegen Gefahren.

wenn auch an der Peripherie gelegen. Wir haben andererseits eine wichtige Brückenfunktion nach und viele wirtschaftliche Gemeinsamkeiten mit Südthüringen. So muss dieser Raum als „Region der engeren Zusammenarbeit“ begriffen werden. Neueste Erklärungen aus Sonneberg und Hildburghausen bestätigen mich in meiner Einschätzung.

NK Auf Grund unserer Lage kann die Antwort nur lauten: Das Eine tun, ohne das Andere zu lassen! FH Beides ist notwendig. Coburg ist einerseits Teil der Europäischen Metropolregion Nürnberg,

NK Wir sind zum Teil bereits seit Jahren dabei, Maßnahmen gegen die drängendsten Probleme umzusetzen. So in den Bereichen Familienfreundlichkeit, Bildung und Attraktivität der Stadt. Der Ehrlichkeit halber ist aber hinzuzufügen, dass wir, was die demographische Entwicklung angeht, die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nicht in wenigen Jahren umkehren können. FH Erstellung eines Masterplans 2030 in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Zeitnahe, konsequente Umsetzung der darin geplanten Maßnahmen und kontinuierliche Fortschreibung.

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Foto: Frank Wunderatsch

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Der Marathon-Mann

Zwölf Marathons im Jahr, Braveheartbattle-Run, Ultraläufe: Markus SüSSe aus Lautertal bekommt vom Laufen nicht genug. Daniela Greschke hat sich zum Training mit ihm verabredet.

Extremsportler Markus Süße beim Wintertraining

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Foto: Tamara Kulikova

S

onntagmorgen, 27. Januar, halb neun. Ich stehe vor einem Haus in Lautertal und habe Angst. Vor dem, was jetzt kommen wird. Das ist erst einmal Ultraläufer Markus Süße, eingehüllt in funktionellste Sportbekleidung. Ich, in der „Laufhose“ eines Kaffeevertrieblers, mit Baumwolljäckchen und in dick gestrickten Stutzen, fühle mich gleich noch ein bisschen unpassender. Kurz darauf komplettieren uns Dani Vetter und Andreas Kücker. Wir vier wollen heute „ein bisschen trainieren“. Die drei anderen für den Braveheartbattle Run, ich nur, um diesen Text zu schreiben. Und um zu verstehen, warum man so was macht. Auch wenn ich mich alle paar Wochen einmal zum Laufen „aufraffe“, habe ich dabei doch keine hehren Ziele. Ich tue es, mittlerweile nur noch höchst selten und niemals länger als dreißig Minuten. Um meinen Körper inklusive Geist zu lüften und mich ein wenig schneller zu bewegen, als inhäusig üblich und möglich. Markus hingegen scheint dem Laufen absolut verfallen. Wie sonst könnte man solche Sachen sagen wie: „Letztes Jahr waren es zwölf“, und damit die Teilnahme an Marathon- und Ultraläufen meinen, die etwas in ihrer Lauflänge variieren: Während ein Marathon „schon“ nach 42,195 Kilometern endet, sind beim Ultralauf 150 Kilometer veranschlagt. Selbst Markus allerdings gesteht, dass die zwölf Starts für ihn ein bisschen zu viel waren, Wieso dann also? „Ich wollte einmal in meinem Leben zwölf Läufe im Jahr.“ Doch zurück zum Selbstversuch, der Start steht an. „Wir laufen auch nicht schnell“ versucht mich der Ultraläufer zu beruhigen. „Am Anfang zwei Kilometer bergauf und dann nur noch gerade.“ Ein bisschen trägt die veranschlagte Streckenlänge zu meinen depressiven Gedanken bei. War im Vorgespräch noch von zehn Kilometern die Rede, mutierten diese bei einschlägigen Facebook-Einträgen zu 15 bis 20 Kilometern. Deshalb auch Markus’ Vorschlag zur Güte, doch erst „in Neukirchen einzusteigen und die letzten fünf Kilometer mitzulaufen.“ Ich allerdings lehne aus Ehrgeiz ab. Natürlich könnte es passieren, dass ich schnell die Segel streiche. Doch ich riskiere es. Gleichmäßig schnaufen wir den Berg hoch. Einen unendlichen Berg. Die anderen drei schnaufen gleichmäßig, während ich mich, mühsam nach Luft ringend, irgendwie vorwärts schleppe. (Und bereits jetzt hadere.) Wie Markus zum Laufen kam, weiß ich. Nachdem er 25 Jahre lang dem Basketball verfallen war, zwang ihn im Alter von 35 Jahren ein Kreuzbandriss in die Knie. Und auch persönlich steckte er in einer schweren Krise. Seine erste Ehe war gescheitert. „Trink ich oder lauf ich“, so sah er seine Optionen damals. Zehn Kilometer sei er ja schon immer mal gelaufen. Nach einem kurzen Umweg übers Mountainbiken kam der erste Lauf: „Der Berlin-Marathon mit einem Kumpel.“ Glücksgefühle inklusive. Dann Triathlon. Dann Wüstenläufe wie der Marokko-Marathon, das Erklimmen der Zugspitze. Markus Süße klingt völlig begeistert. „Einen langen in der Woche brauche ich.“ Der aktuelle Trainingslauf zählt schon aufgrund

Auf der Suche nach dem ultimativen Kick: Wüstenlauf bei 50° C

meiner Anwesenheit nicht dazu. Neulich, so weiß ich, ist Markus aus Frust an einem Samstagabend mal eben „einen Marathon um Coburg gelaufen“. Jeder andere hätte stattdessen wohl übermäßig Schokolade verzehrt oder diverse alkoholische Getränke vernichtet. Entsprechende Nachwirkungen inklusive. Doch bei denen sind wir noch nicht angekommen, wir sind im Hier und Jetzt. Und dieses Jetzt ist immer noch ansteigend. Meine Position also unverändert. Wenn Markus versucht, mich in Gespräche zu verwickeln (und dazu deshalb immer wieder ein Stückchen rückwärts läuft), dann ist das zwar sehr nett gemeint. Aber einfach zu viel. Jedes Wort wäre Verschwendung, ich brauche die ganze Luft zum Atmen. „Das schaffe ich niemals.“ Soviel ist sicher. Auch meine Mitläuferin ist in unerreichbare Ferne gerückt. Immerhin kann ich sie noch erkennen. Sie ist das absolute Gegenteil von dem, was ich mir unter einer Ausdauerläuferin vorgestellt habe. Grazil, langhaarig und mit keckem Grinsen im Gesicht verkörpert sie einen weitaus weiblicheren Frauentyp als den, der vor meinem geistigen Auge in Verbindung mit dem Wort Marathon erscheint. Bekleidet mit einem Schottenröckchen schwebt Dani anmutig den Berg hinauf. Der ist Pflicht beim Braveheartbattle Run. Der Rock, nicht der Berg. Denn den will die ehemalige Ludwigsstadterin Anfang März in Angriff nehmen. Heißt zwar „nur“ 26 Kilometer Lauflänge, dafür aber 50 Hindernisse, „da brauchst du trotzdem genauso lange.“ Sie läuft in erster Linie, „um meine Grenzen auszutesten und den Kopf frei zu bekommen.“ Erzählt sie in einem der seltenen Momente, in dem wir beide uns auf derselben Höhe befinden. Nur nach der Geburt ihrer kleinen Tochter hat sie ein Jahr pausiert, dann aber wieder mit dem Training angefangen. Sie habe Laufen schon immer cool gefunden, und auch schon immer an Marathon gedacht. Dann kam die Geburtstags-Wette

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der M ar athon-m ann

sehen, was coburg bewegt. unsere kameras sind dort, wo coburg lebt. wir sind das

mit einem 60jährigen Marathonläufer: „Da musste ich konsequent sein.“ Wobei, so gesteht sie, „der Anfang das Schwierigste ist.“ Etwaige Glücksgefühle würden sich erst nach einiger Zeit dazugesellen. Stimmt, momentan sind keine in Sicht. Nur die Kehrseiten meiner Mitläufer. Wobei die durchaus ansehnlich sind. Das verrät schon die Wahl der körperbetonten Kleidungsstücke. Wer sich allerdings schnellen Gewichtsverlust vom Laufen erhofft, wird enttäuscht. Das ist selbst bei einem Ultralauf nicht der Fall, erklärt Markus. „Der Körper denkt mit und speichert Wasser.“ Vor allem dann, wenn er ans lange Laufen gewöhnt sei. Nach drei Tagen ohne Laufaktivitäten müsse er am Tag 15 mal austreten. Und auch anderweitig scheinen sich Entzugserscheinungen zu äußern. „Meine Frau schmeißt mich raus, wenn ich drei Tage nicht gelaufen bin.“ Die 6jährige Tochter begleitet ihren Vater dann ab und an auf dem Rad. „Ich hab’ ihr dafür ein größeres versprochen“, lächelt Markus. Nein, das sei keine Erpressung. Mittlerweile ist der Berg geschafft. Fast war nicht mehr daran zu glauben. Während meine Motivatoren mit herum liegenden Baumstämmen posieren, indem sie diese mal eben schultern, schleppe ich mich weiter. Und danke dem Nebel, der davor schützt, zu weit in die noch vor mir liegende Strecke einsehen zu können. Dabei versuche ich nicht ständig „noch 13 Kilometer, dreizehn Kilometer“ zu denken. Denn das ist einer der Tricks beim Laufen. „Ich laufe keine vierzig Kilometer“, hat Markus mir erklärt, „ich laufe viermal zehn“. Jeder habe einen anderen Punkt, der ihm Schwierigkeiten bereite. „Bei mir ist der zwischen 20 und 30 Kilometern.“ Ab 30 zähle er nur noch runter. Komplexer sei es bei den Ultraläufen, wie dem Boa Vista, Markus’ ganz spezieller Herausforderung. „Die Insel hat was, der Lauf hat was, aber ich kann keinem erklären, warum das Ding so schwierig ist.“ Dieses Jahr will er ihn noch mal schaffen. Sechs Mal hat er es schon versucht: Dreimal komplett, zweimal bis Kilometer 70 und einmal „hat irgendwie gar nichts geklappt.“ Wovon seine Frau nicht sonderlich begeistert sei. Nicht zuletzt deshalb stünde er mit ihr auch während des Laufs in telefonischem Kontakt. Auch jetzt ist sein Handy dabei, wie es gerade offenbart. „Go go go“ klingt es, weil Markus vor dem Start eine App aktiviert hat. Wer will, kann ihm beim Laufen auf Runtastic folgen. Oder „gefällt mir“ drücken und so Motivation senden. Nicht, dass er diese aktuell nötig hätte. Er scheint, wie auch die anderen beiden, eher leicht unterfordert. Während mir langsam der rechte Fuß schmerzt, plaudern und scherzen die drei kontinuierlich. Und wirken kein bisschen angestrengt. Eine Leichtigkeit, vergleichbar in etwa mit der, die mich beim Schokoladenverzehr umgibt. Auch Danis Mann ist laufbegeistert, ein Aspekt den sie für wichtig hält. Da wird dann auch schon mal mit Laufbuggy und darin enthaltener Tochter trainiert. Da sie noch nicht lange in Weitramsdorf wohnt, genießt sie den Spaß mit der neuen Laufgemeinschaft ganz besonders. Und freut sich sogar über mich, die Bremse. „Das machst du wirklich gut“, lobt sie. Ich genieße währenddessen das Gefühl, einmal mit den anderen Schritt zu halten. Geplänkel und Gelächter

in coburg.

Foto: Frank Wunderatsch

www.itv-coburg.de

lokalfernsehen

Bad in der Lauter: Training extrem

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der M ar athon-m ann lassen Kilometerängste schwinden. Ansonsten ist die Position egal. So sieht das auch Markus: „Ich werd’ nie Erster werden“, doch darum ginge es ja nicht, „bei mir geht’s um den Spaß und das Durchhalten“. Und das erfordert zuweilen extreme Entscheidungen. Läuft man den Boa Vista nur bis Kilometer 71 (von 150), dann zählt er als erfolgreich absolvierter Ultra-Marathon. Entscheidet man sich fürs Weiterlaufen und bricht bei Kilometer 72 ab, gilt der Lauf als gescheitert. Oft ist ein Startgeld nötig, das wie in der Adagama-Wüste schon mal 10.000 Euro betragen kann. Wichtig sind also Sponsoren. Genauso das Pflegen der Füße, wobei es gegen aufgelaufene Stellen eigentlich kein Mittel gebe. Blasen werden geöffnet und getaped, und weiter geht’s. Markus anspruchsvollster Lauf? Der Grand Course du Verdon 1999: „Da konnte ich zwei Tage nicht mehr aufstehen.“ 400 Höhenmeter auf 500 Meter Länge – da ist das ja auch nicht wirklich verwunderlich. Natürlich werde vorund hinterher gefeiert: „Das darfst du jetzt nicht schreiben.“ Und der Gemein-

schaftsgeist, das Kennenlernen anderer Länder und Leute und der Spaß beim Laufen machen scheinbar alle Qualen wett. Der Gemeinschaftsgeist scheint auch für mich der Schlüssel zum kleinen Erfolg zu sein. Es ist soweit, ich habe es tatsächlich fast geschafft. Und weil es so schön ist, laufen wir am Ende schnell noch einhundert Meter durch die wunderbar frische Lauter, in der wir uns kurz zuvor schon auf Temperatur gebracht haben. Machbar, auch wenn ich meinen rechten Fuß erst eine halbe Stunde später wieder komplett spüren werde. Sofort spürbar ist dagegen die unbeschreibliche Freude darüber, 16,5 Kilometer gelaufen zu sein. Vielleicht das einzige Mal im Leben, das ich das erlebe. Wir umarmen uns alle, ich bin unendlich dankbar. Einzig bei all den begeisterten Facebook-Fans möchte ich mich noch entschuldigen: Es entstand wohl der Eindruck, ich wolle aktiver Läufer werden. Dem ist zwar nicht so, aber ich empfinde seit dem Test höchsten Respekt vor allen, die da mehr bewegen wollen. Und die Erschöpfung, unbeschreiblich. Man muss es einfach selbst erleben.

• Der ideale Einstieg für Anfänger ist eine 20minütige Mischung aus Laufen und Gehen. Man sollte hinterher nicht völlig erschöpft sein, sondern das Gefühl haben, noch weiter laufen zu können. • Erfolge sind recht schnell zu realisieren, dafür muss man Woche für Woche etwas weiter laufen. • Verlängert sich die Distanz, sollte das Tempo entsprechend verlangsamt werden. • Das richtige Tempo bei längeren Läufen hat man, wenn man sich permanent unterhalten könnte, ohne dabei in Atemnot zu geraten. • Beim idealen Laufstil sehen die Bewegungen weich und harmonisch aus, die leicht angewinkelten Arme schwingen locker und parallel zum Körper. Die Hände sind offen, locker und entspannt, der Blick rund zehn bis 15 Meter voraus gerichtet, um Hindernisse zu erkennen und den Nacken zu entspannen. • Wer in kurzer Zeit viele Kalorien verbrennen will, muss schnell laufen. Da dies jedoch zu Lasten der Kondition geht, sollte man je nach Anspruch der Strecke verschiedene Geschwindigkeiten mischen. Langsame Dauerläufe sind als Kalorienverwerter erst ab einer Laufzeit von neunzig Minuten ideal. So kann ein 75 Kilo schwerer Mann mit einem langsamen Dauerlauf von 90 Minuten 1000 Kalorien verbrennen.

Sumpf-Fußball Wurde anfangs zum Testen der Kondition von Skifahrern und finnischen Verteidigungskräften gespielt. Wegen der Härte des Spiels kommen auf sechs Feldsechs Auswechselspieler. Ein Muss, die ständige Beinbewegung. Wer stehen bleibt, versinkt. Skydiving Sportliche Variante des Fallschirmspringens. Gesprungen wird aus einem Flugzeug aus Höhen zwischen 1000 und 4500 Meter. Im freien Fall saust man mit bis zu 200 Stundenkilometern der Erde entgegen, bis sich der Fallschirm öffnet. Canyoning Begehen einer Schlucht von oben nach unten in den verschiedensten Varianten wie Abseilen, Klettern, Rutschen, Springen, Schwimmen oder Tauchen Rafting Immer noch sehr beliebt. Eine Mannschaft steuert hierbei in Schlauchbooten durch Wildwasser. Einstiegstipp: Eine Tour auf dem Inn durch die Imster Schlucht (Stufe 3 von 6), anspruchsvoller: Der Sam­ besi in Sambia (Stufe 5). Kitesurfen Gehört zu den jungen Sportarten. Der Sportler steht auf einem Board und lässt sich von einem Lenkdrachen übers Meer ziehen. Diverse Tricks, Sprünge bis zu zehn Metern und Rekordgeschwindigkeiten bis zu 100 Stundenkilometer sind möglich.

Nur für Harte: Braveheartbattle Run

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Foto: Frank Wunderatsch

Andere Extremsportarten

Foto: Frank Wunderatsch

Lauftipps

Das Leben ist schön: Winterlauf

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N

einem Revue-Theater vor einer Reisegruppe aus Lichtenfels aufgetreten.“ Und atürlich kennt man Marcus Geuss in Coburg. Gar keine Frage. Nicht das ist nur die Spitze des Tournee-Eisbergs. nur vom alljährlichen Schlossplatzfest. Seit Jahren agiert er souverän Marcus Geuss zog es schon immer auf die Bühne. Schon ganz früh, als Kind. auf der Bühne. Im Arm seinen Kompagnon, Hund Oskar, sein Alter Schauspieler war sein Traumberuf. Der aber scheiterte an der finanziellen SituEgo, dem er seine Bauchstimme leiht. Hinter der Bühne ist er ein fleißiger ation der Familie. So kam er zum Zaubern, als eine Art Ersatz. Der Grundstein Organisator, Planer, Motivator. Man kennt ihn von Firmenfeiern, aus dem für seine Karriere. Schnell langweilten ihn die Zauberkästen für Kinder. Er Kongresshaus, und so manch einer vom Besuch seiner Zauberwelt in Grub am wollte mehr und landete an der Zauberschule in Ulm. Die ließ ihn nicht mehr Forst. Marcus Geuss, ein Allrounder aus Coburg eben. Die lokale Kulturszene los und er sie auch nicht. Die Patentante half, sie wohnte zufälligerweise vor Ort. wäre ohne ihn wohl kaum mehr denkbar. Die deutsche aber auch nicht. Marcus Fortan gab es zwei Leben für ihn. Die Arbeitswoche Geuss ist nämlich weit mehr als ein provinzieller mit der Ausbildung zum Schriftsetzer bei der Neuen Kleinkünstler. Zum einen ist er ein echtes MultitaPresse. Und die Wochenenden, an denen er sich in lent: Zauberer, Bauchredner, Improvisateur, Autor, Ulm dem Studium der Zauberei widmete. Drei JahConferencier oder Synchronsprecher. So leiht er re lang über sechs Semester dauerte die Ausbildung. zum Beispiel Elchköpfen seine Stimme, die die FirMarcus Geuss über sein Leben Das haben nicht alle durchgehalten. „Bei der Prüma Hofmann in Bad Rodach für Weihnachtsmärkte auf der Bühne fung waren wir mit mir nur noch zu viert.“ in ganz Deutschland und sogar in London herstellt. Es war eine Zeit, die ihn prägen sollte. „Dort Zum anderen ist er in ganz Deutschland gefragt, habe ich auch meinen Zaubermeister kennengeals Mann für viele Bühnen, als einer, der beliebt und lernt, Dondo Burghardo.“ Aus dieser Begegnung ist eine tiefe Freundschaft gern gesehen ist, der über vielerlei Kontakte in der Branche verfügt. „Jahre lang war ich mit Wommy in ganz Baden-Württemberg unterwegs“, erzählt Geuss. geworden. Bis Dondo vor zwei Jahren starb. Die beiden aber sind über den Tod hinaus miteinander verbunden: Der Meister hat Marcus einige wertvolle ReUnd meint Frl. Wommy Wonder, den großen Travestiestar aus eben diesem Bundesland. Doch auch am Hamburger Schmidt Theater, im Berliner Tempo- quisiten und seinen Zaubermantel hinterlassen. Der Weg auf die Bühnen war steinig für Marcus Geuss. Natürlich habe er auch schon mal Lehrgeld zahlen drom und am Stuttgarter Renitenztheater gastierte er schon. An letzterem sogar müssen. Amüsiert erinnert er sich an eine Panne im Kongresshaus. Eine große drei Jahre lang mehrere Wochen, mit Wohnung über dem Theater: „Das waren meine schönsten Sommer.“ Oder in Brüssel, „das war sehr lustig, da bin ich in Veranstaltung, viele Besucher. Doch dann misslang ein Zaubertrick. Ein Ring sollte verschwinden und in einem Kaugummiautomaten wieder auftauchen. Der Ring aber kam nicht zum Vorschein. Marcus Geuss begann auf der Bühne, den Automaten auseinander zu legen. Doch der Ring war einfach weg. Peinlich. Wütend stellt er das Requisit hinter der Bühne ab. „Da macht es laut Wumm. Und der Ring kam aus der Maschine heraus.“ Heute, so sagt er, würde so eine Panne keiner im Publikum mitbekommen, aber damals fehlte ihm ganz einfach die Routine, den Fehler zu überspielen. Vor 15 Jahren übernahm er aus Ulm den Zauberladen und eröffnete in Grub am Forst seine Zauberwelt. Aus einem kleinen Zauberladen mit Probebühne wurde im Laufe der Zeit mit unglaublich viel Herzblut und noch mehr Geld ein Kleinkunsttheater. Ein kulturelles Schmuckkästchen für die ganze Region. Geuss entschied sich für das reine Künstlerleben und gab dafür seine Festanstellung beim ASB auf. Er hat diese Wahl nie bereut. Auch wenn es nicht einfach sei, sich auf dem Markt zu behaupten, räumt er ein. Generell habe es die Kleinkunst, meint Geuss, auch nicht so leicht in Deutschland. Anders in Frankreich. Die erfolgreichste Sendung dort sei eine Varietésendung: „Le grande Cabaret Du Monde“. In dieser treten vor allem Varietékünstler auf. Prominente sind dann deren Paten. Ein Riesenaufwand, so wie bei „Wetten, dass...“ in Deutschland. Nur einen Bruchteil davon wünscht

„Kleinkunst ist groSSe Kunst im kleinen Rahmen“

Der Mann mit dem Hund – oder steckt da noch mehr dahinter?

von Daniela Greschke und wolfram hegen A u s g a b e 2 / M ä r z 2013

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m agic m arcus sich Geuss auch für hiesige Gefilde. „Kleinkunst ist große Kunst im kleinen Ständig wird an Neuem gearbeitet: neue Texte, Zauberkunststücke, ProRahmen“, so wie sie die Gäste der Zauberwelt an den Abenden dort live erleben gramme oder gar neue Figuren. „Edna van de Flitterglitter ist das neueste Mitkönnen. Ob Künstler aus dem ganzen Bundesgebiet oder Marcelini selbst. glied in meiner Familie“. Damit wird es im Laufe des Jahres Travestie einmal Schwer vorstellbar ist Marcus Geuss ohne seinen Hund Oskar. Vor 13 Jahren ganz anders in der Zauberwelt zu sehen geben. Wann, wie und was ist noch ein verliebte er sich auf der Nürnberger Spielwarenmesse in diese Figur. „Irgend- kleines Geheimnis, wie so bei Zauberkünstlern üblich... wann hat jemand gesagt, ich möchte Sie nur mit dem Hund buchen. Ich sagte, Oft tritt er außerhalb der Heimat auf, so in Erfurt oder Kassel in der Konich sei kein Bauchredner, ich bin doch Zauberer. zertscheune. „Das klingt ein bisschen ländlich, ist Aber die Leute wollten eigentlich nur den Hund, auch sehr ländlich, aber für mich eines der schönsso entwickelte sich Oskar zu einer selbstständigen ten Häuser in Deutschland, wirklich ein ganz tolles Figur mit Eigenleben.“ Seitdem sind die beiden ein Varieté.“ In Erfurt hat er drei Monate gespielt, in Paar. Aber nicht nur seine Figuren sind wichtig, Kassel sechs Wochen. Doch schaut er sich auch Marcus Geuss über die Zauberwelt auch die persönliche Entwicklung. „Manche sehen gerne andere Shows an, wie die Michael Jackson in Grub am Forst Kabarettisten im TV und denken, die waren schon Show des Cirque du Soleil. „So einen Aufwand und immer so. Die haben aber auch klein angefangen so tolle Ideen habe ich selten gesehen. Das beflügelt und irgendwann den richtigen Menschen an der mich mit dem weiterzumachen, was ich tue“, sagt richtigen Stelle getroffen...“. Das erfordert neben Fleiß und Talent eben auch er. Sein größtes Herzblut jedoch steckt in seinem eigenen Theater in Grub, in Glück, weiß Geuss. Und die Nummern müssten allmählich wachsen. Über Mo- der Zauberwelt, die seit drei Jahren durch den Förderverein für Kleinkunst und nate, über Jahre. Varieté im Raum Coburg e.V. unterstützt wird. Ohne den Verein würde es wohl „Kleinkunsttheater und Varietés sind doch vor allem dafür da, die bunte keine Vorstellungen mehr geben, und aus diesem Grund sucht der Verein auch Kulturlandschaft und Vielfalt zu zeigen.“ Und Geuss selbst steht für diese bunte ständig Mitglieder und Sponsoren, die durch ihr Engagement diese Kultur­ Kulturlandschaft, in seiner Zauberwelt zusammen mit seinem Team oder auf arbeit möglich machen und unterstützen. den deutschen Bühnen als Einzelkämpfer, aber viel gefragt. Das muss auch so Eigentlich bliebe Geuss dafür zu wenig Zeit, wenn er sich nur noch auf sein, Geuss lebt von seiner Passion. „In Coburg liegt meine Tagesgage viel nied- seine Karriere konzentrieren würde. Aber das eigene Haus ist auch ein groriger als im restlichen Bundesgebiet oder gar in der Schweiz.“ ßer Vorteil. „Ich kann meine eigenen Sachen ausprobieren, meine eigene Er ist viel unterwegs, reichlich Arbeit inklusive. Die Suche nach Auftritts- Show spielen.“ Und Geuss holt namhafte Kollegen aus der ganzen Republik möglichkeiten, die Organisation seines Theaters, der Kartenvorverkauf, die und darüber hinaus ins Coburger Land. Andreas Rebers oder Kay Ray waWerbung, das Verteilen von Flyern, das Schreiben von Pressemitteilungen, das ren schon hier, Dr. Eckart von Hirschhausen, bevor er im Fernsehen beBuchen für zukünftige Programme und weitaus mehr. „Das sind so viele Sachen kannt wurde. Kollegen wie Stefan Bauer oder Desimo haben in Grub ihre und irgendwann denkst du: Mein Gott, du brauchst ja auch einmal eine neue Vorpremieren gespielt. Auf diese Weise zeigen Künstler im Raum Coburg, Nummer.“ Das erfordere eine Auszeit, auch wenn das oft schwierig sei. „Du Kronach, Lichtenfels Programme, die sonst nie hier zu sehen wären. Mit musst auch in der Stimmung sein, du setzt dich nicht einfach hin und sagst, so normalem Kabarett ist man in Coburg gut bestückt. Das machen Mitveranjetzt schreibe ich etwas Neues. Du brauchst Input.“ Inspiration dazu holt er sich stalter. Im Kongresshaus. Im schwarzen Bären in Beiersdorf. Geuss aber geht durch Erlebnisse oder bei seinen Auftritten. einen anderen Weg. „Ich versuche hier Perlen zu zeigen, die man sonst nicht

„Ich versuche hier Perlen zu zeigen, die man sonst nicht sehen würde“

Scharf

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m agic m arcus Multitalent mit vielen Gesichtern: Marcus Geuss mit Hund Oskar (links), gut versteckt zwischen Kollegen und Weggefährten (links unten) und mit Thomas Meyer, seinem Partner am Klavier.

sehen würde, wie Travestieshows, Zaubershows, Varieté oder spezielle Musikprogramme.“ Zum Beispiel kommt jetzt der Roger Stein, mit ihm hat er zusammen in Hannover gespielt. Einer der ganz Großen, der auch Kabarettpreise gewonnen hat. „Auch wenn die Zuschauer die Namen mancher Künstler nicht kennen, wenn das Thema interessiert, lassen sie sich einfach darauf ein. Die Zauberwelt steht für gute Unterhaltung und zauberhafte Abende, die den Alltag vergessen lassen.“ Eine besondere Herausforderung für Geuss ist alljährlich das Schlossplatzfest: Mit je einer Band- und Showbühne, Varietékünstlern und 20 bis 30 Gruppen, die die Bühnenbretter allabendlich frequentieren. „Die letzten drei Jahre hatten wir das Glück, dass wir an einem Abend die Abschluss-Show der Artistenschule Berlin als Finale hatten. Darüber waren wir sehr stolz. Wir versuchen, das auch dieses Jahr wieder zu bekommen. Du musst aber direkt hingehen und dich vor die Bühne stellen, sonst bekommst du es

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nicht mit.“ Deshalb auch die verschiedenen Startzeiten: „Zur vollen Stunde startet die Showbühne, 15 nach startet die Musikbühne. Damit wir eine Rotation auf dem Platz bekommen.“ Diese Woche sei, abgesehen von der monatelangen Vorarbeit, letztlich unbeschreiblich. „Du hast mit der Vor- und Nachbereitung praktisch sieben Tage, an denen Du voll unter Strom stehst. Nicht nur ich, sondern auch das ganze Team, das dahintersteht. Der heftigste Tag ist der Sonntag, die Show beginnt um 15 Uhr und geht durch bis 23 Uhr.“ Und so bleibt abschließend eigentlich nur noch der Blick in die Zauberwelt nach Grub am Forst. Ins Kleinkunsttheater in der Rosengasse 19. Der sich wirklich lohnt: Weiß man doch nie, wen man dort treffen könnte. Interessante Künstler und das unglaubliche Team von Helfern, das hinter Marcus Geuss steht. Natürlich den Hausherrn und Hund Oskar. Vielleicht aber auch Kammersängerin Gertrud Wagner, Las Vegas Star Gary Diamond oder Travestiekünstler Edna van de Flitterglitter. Magische Momente garantiert!

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Sie stehen eben nicht erst um elf Uhr auf, sie leben nicht nur vom Rausch des eigenen Erfolgs, sie trinken nicht hemmungslos Rotwein und sie rauchen auch nicht vorzugsweise starke Zigaretten und lesen dazu intellektuelle Literatur. Nein, ganz und gar nicht. Sie arbeiten hart, sie arbeiten viel, und das für wenig Geld – Schauspieler. Eine Geschichte über wenig Glamour und viel Schweiß erzählte Frederik Leberle vom Landestheater Coburg im ersten Teil seines persönlichen Tagebuchs in der Dezemberausgabe „Coburger – Das Magazin“. Im zweiten Teil nun gibt er uns einen Einblick hinter die Kulissen des Theaters. Was passiert, bevor der Vorhang sich hebt und nachdem er fällt? Wie bereitet sich ein Schauspieler vor? Was geschieht hinter der Bühne, während vorne die Künstler im Scheinwerferlicht glänzen?

KONZENTRATION UND ANSPANNUNG. DAS LEBEN HINTER DER BÜHNE STEHT DEM AUF DEN BRETTERN KAUM NACH.

gebnisse der Arbeit festzuhalten, Mittag zu essen und vielleicht für eine Stunde den Schlaf nachzuholen, den Mephisto – ganz in seinem Element – mir in der Nacht so teuflisch gestohlen hat. Etwa drei Stunden vor der abendlichen Vorstellung beginnt dann ein routinierter Ablauf. Zunächst noch einmal ein Blick ins Textbuch. Oft nur zur Kontrolle, doch dabei stellt sich schnell heraus, wie viel Text sich tatsächlich unwiderruflich ins Gedächtnis eingebrannt hat und welche Textpassagen auf wackeligen Beinen stehen. Interessante Momente tauchen dabei dann auch hin und wieder auf – beispielsweise, wenn man urplötzlich einen Text entdeckt, den man bisher noch nie gesagt hat. Kurios, aber durchaus kein früher. Am Morgen. Oder in der Nacht zuvor. Die einmaliges Erlebnis. Die Vorbereitung einer Vorstellung ist umso Vorstellung des folgenden Tages wirft ihre Schatten voraus. Bilder entstehen im Kopf, Textzeilen schwir- intensiver und zeitaufwendiger, je länger es her ist, ren umher. Der Geist kommt nicht zur Ruhe, geht in dass sie zum letzten Mal gespielt wurde. Den Text Gedanken das Stück noch einmal durch. Jede Text- des Lebkuchenmanns, der in der Vorweihnachtszeit lücke, jede Unsicherheit im Ablauf verhindert für knapp 50-mal innerhalb von weniger als sechs Wodie nächsten Minuten oder Stunden die Nachtruhe. chen (und dabei zumeist zweimal am Tag) über die Ein Griff zum Textbuch, das neben dem Bett liegt, Bühne des Großen Hauses tobte, habe ich mir nicht mehr täglich zur Vorbereitung ansehen müssen... bewirkt da bisweilen wahre Wunder. Am Tag einer Vorstellung stellt sich zumeist Wurde ein Stück dagegen mehr als vier Wochen lang bereits morgens genau das Gefühl ein, das mit ihr nicht gespielt, wird üblicherweise eine sogenannte verknüpft ist – Vorfreude, Nervosität, Konzent- Durchsprechprobe angesetzt, in der sich alle Beteiration oder pure Entspannung. In seltenen Fällen ligten am Abend des Vortages oder am Morgen des kann man dieses Gefühl auch als Panik beschreiben. Vorstellungstages treffen und das gesamte Stück Besonders wenn einem kurz vor Premieren auffällt, einmal durchsprechen – möglichst mit all den dass eine bestimmte Szene eigentlich noch nicht stimmlichen Farben, emotionalen Stimmungen ausreichend geprobt oder „probiert“ wurde, wie wir und inneren Haltungen wie auch den Zäsuren und am Theater sagen. Oder der Text des letzten Aktes Pausen beim Sprechen, die in der Vorstellung dann zwei Monologe enthält, die man längst auswendig später erforderlich sind. Nur auf diese Weise kann gelernt haben sollte, die aber partout nicht im Ge- bei einer Vorstellung, die entsprechend lange „lag“, gewährt werden, dass die Zuschauer auch Monate dächtnis bleiben wollen. Doch die Gedanken können nicht bei der abend- nach der Premiere noch dieselbe Qualität zu sehen lichen Vorstellung verweilen. Vormittags wird noch bekommen. Die heutige Produktion haben wir aber gerade ein anderes Stück geprobt. Und obwohl Mephisto, Graf Leicester oder Giuseppe und seine Horde wil- vor vier Tagen gespielt, eine Durchsprechprobe sollder Tiere mich die Nacht über wach gehalten haben, te daher nicht von Nöten sein. Stattdessen mache ich gilt es nun erst einmal, sich mit voller Konzentration mich etwa anderthalb Stunden vor der Vorstellung den Proben für die nächste Produktion zu widmen – auf den Weg in die Reithalle. Ganz entspannt – wäre mir nicht erst wenige Minuten vor Verlassen der ob Kinderstück, Musical, Drama oder Komödie. Nach dem Ende der Probe um 14:00 Uhr bleibt Wohnung schlagartig eingefallen, dass ich meinen ein wenig Zeit, um zumindest die wichtigsten Er- Bart noch kürzen und die Kanten desselben sauber Seitdem herrscht höchste Konzentration – und bis sich nicht der Vorhang schließt, bleibt diese Anspannung. Doch im Gegensatz zum Großen Haus gibt es auf der Studiobühne der Reithalle keinen Vorhang. Die Schauspieler sind zum Berühren nah, so nah, dass jede Regung auf der Bühne wahrgenommen werden kann. Aber eben auch so nah, dass jedes Geräusch hinter oder neben der Bühne gehört wird. Begonnen hat der Abend eigentlich schon viel

Keine Zeit zum Ausruhen von Frederik Leberle

„Stille ist ein Schweigen, das den Menschen Augen und Ohren öffnet für eine andere Welt.“ (Serge Poliakoff )

KEIN TAG WIE JEDER ANDERE Stille. Endlose Stille. Das letzte Wort auf der Bühne ist gesprochen, die Inspizientin lässt fünf Sekunden verstreichen, dann wird es dunkel. Stockdunkel. Auf der Bühne und im Zuschauerraum. „Black“ heißt das im Fachjargon. Seitlich der Bühne warten wir zu dritt in einem winzigen Raum. Die Kollegin sitzt noch auf der Bühne. Auf einem Trümmerhaufen. Sobald der Applaus beginnt, wird das Licht wieder angehen und wir auf die Bühne, um die Kollegin in die Mitte zu nehmen und uns zu verbeugen. Doch die Stille will nicht enden. Wir wagen kaum zu atmen. Nichts, absolut nichts... Vor knapp zwei Stunden haben wir die letzten privaten Worte miteinander gewechselt, bevor die Inspizientin uns auf unsere Plätze geschickt hat.

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KEINe zeit zum ausruhen

Foto: Val Thoermer

rasieren muss. Das bedeutet heute nur unnötigen zeitlichen Umbauten der Bühnenbilder die schwar- das Hemd über den Kopf zu ziehen – das allerdings Stress – bei einer Vorstellung wie „Viel Lärm um zen Vorhänge verschoben haben, die eine Einsicht enger geschnitten ist als das Probenhemd. Gut, dass sich für die vorangegangene Szene ganz organisch Nichts“, in der ich als Don Pedro von der Maske mit des Zuschauers verhindern sollen. In manchen Inszenierungen werden diese Vor- die Möglichkeit ergeben hat, zumindest den oberseinem feinen britischen Schnurrbart ausgestattet werde, hätte dies schmerzhaftere Folgen – denn auf hänge aber auch ganz bewusst weggelassen, um ten Knopf zu öffnen und die Ärmel des Hemdes beden Spezialkleber für den Bart reagiert frisch rasier- die rohe Maschinerie des Theaters, die mächtige reits hoch zu krempeln. Schuhe und Anzughose sind te Haut besonders „liebevoll“. Von dem alkoholhal- Hinterbühne und den Schnürboden zu zeigen. In schnell ausgezogen, die Jeans liegt griffbereit und der Reithalle gibt es solche Vorhänge ebenfalls – für die Stiefel haben auf Wunsch Gummischnürsenkel tigen Lösungsmittel ganz zu schweigen… Im Theater angekommen führt mich der Weg di- die heutige Produktion hat sich der Regisseur aber erhalten, damit ein Griff reicht, um sie anzuziehen. rekt in die Garderobe, um das Kostüm anzuziehen. bei den Beleuchtungsproben entschieden, den be- Mit der von der Maskenbildnerin perfekt griffbereit Oder zumindest die Teile des Kostüms, mit denen grenzten Platz dahinter ausschließlich für zusätz- positionierten Sprühflasche werden dann auf Stirne es dann weiter in die Maske geht. Wer bereits zu liche Scheinwerfer zu nutzen, um die Bühne auch und an den Schläfen Schweißspuren simuliert – im dieser Zeit entdeckt, dass vielleicht gerade heute von hinten mit einem Gegenlicht stimmungsvoll „Do-it-yourself-Verfahren“, da gleichzeitiges Umzieein Kostümteil fehlt, insbesondere falls im Verlauf beleuchten zu können. Das bedeutet aber im Gegen- hen und Frisurwechsel der Kollegin an anderer Steldes Stücks ein Kostümwechsel ansteht, erspart sich zug, dass ich nach meinem Abgang in Windeseile le die Handgriffe der Maskenbildnerin dringender später jede Menge unnötigen Adrenalinausstoßes. das Kostüm wechseln und im „Black“, dem kurzen benötigt. Dafür habe ich ja die Garderobiere an meiAuch die Vorbereitung späterer Kostümwechsel Moment nahezu absoluter Dunkelheit, über die ner Seite, die inzwischen den Kampf mit den Türen erfolgt bereits jetzt, es sei denn, während der Vor- Bühne gehen muss, um von der anderen Seite aus mit Bravour gewonnen hat, und mir das T-Shirt und stellung ist dafür genügend Zeit vorhanden. Am dann wieder aufzutreten. Auf den Proben hatte sich die Sportjacke reicht, deren Reißverschluss beim heutigen Abend ist dies jedoch nicht der Fall, im bereits herausgestellt, die Zeit ist knapp. Sehr knapp. Gang Richtung Bühne noch schnell geschlossen An der Perfektion des Ablaufs wurde daher ge- wird. Und auch der Regisseur hat sich zu meinem Gegenteil. Nach dem dritten Bild gehe ich ab, um zu Beginn des vierten Bildes wieder aufzutauchen. arbeitet: Nach meinem Abgang öffne ich die Tür zu Glück in letzter Sekunde noch dafür entschieden, In einem anderen Kostüm und von der gegenüber- dem kleinen Vorraum auf der linken Bühnenseite. den echten „Black“ nach einer gewissen Zeit durch liegenden Seite der Bühne. Im Großen Haus gibt es Die Garderobiere übernimmt diese Tür und hält sie ein stimmungsvolles Zwischenlicht abzulösen, in auf der Hinterbühne einen Weg von der linken auf fest, da ich gleich nach dem Umziehen wieder zurück dem ich dank der hellen Bodenplatten zumindest die rechte Seitenbühne, selbstverständlich komplett durch die Tür auf die Bühne muss. Da der Regisseur grob meinen Weg über die Bühne erkennen kann. unsichtbar für den Zuschauer. Die Sichtlinien dieses aber das Geräusch der zuschlagenden Tür nach Auf der rechten Seite erreiche ich so rechtzeitig den sogenannten „Umgangs“ werden bereits bei den meinem Abgang akustisch erhalten will, schließt sie winzigen Raum, in dem ich noch den Parka vom letzten Proben berücksichtigt und vor der Vorstel- – die eine Tür weiterhin offen haltend – eine andere Haken nehme, die Kapuze aufsetze und mir das prälung gerne von den Schauspielern überprüft. Hier Tür, um den entsprechend realistischen Sound zu parierte Sandwich greife. Die neue Lichtstimmung und da können sich nämlich während der zwischen- erzeugen. In der Zeit habe ich bereits begonnen, mir setzt ein und ich trete auf.

Bahnhofsatmosphäre vor dem Auftritt: Kiosk fürs Ensemble

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der entsprechende Pegel wird von der Tonabteilung eingestellt. Wenn sogar noch Zeit und Muße für einen echten Soundcheck bleibt, in dem die einzelnen Songs angespielt werden und das Monitoring überprüft und optimiert werden kann, ist das für Schauspieler ein wahres Fest. Denn nicht immer klingen die musikalischen Einspielungen auf der Bühne so kräftig wie im Zuschauerraum. Doch die Zeit auf der Bühne vor einer Vorstellung ist begrenzt. Zunächst arbeitet die Technik noch fieberhaft am Umbau des Bühnenbilds – stand doch am Morgen noch die Probendekoration für eine andere Produktion auf der Bühne. Gleichzeitig richtet die Beleuchtungsabteilung das Licht für die anstehende Vorstellung ein. Bis diese Arbeiten abgeschlossen sind, ist die Bühne für die Künstler gesperrt. Eine halbe Stunde vor der Vorstellung beginnt aber bereits der Einlass des Publikums. Wie wichtig es jedoch sein kann, die Bühne vor der Vorstellung noch einmal zu begehen, hat man verinnerlicht, wenn man das erste Mal hinter einer Bühnenkulisse abgehen will und die Treppenstufen, die dort die letzten zehn Vorstellungen auf einen warteten, nun einen Meter weiter rechts oder links angebracht wurden. Die Nachhaltigkeit dieses Lernprozesses steigt proportional mit der Höhe der Bühnenkulisse… Aber auch Stolperkanten, die neu entstanden sind, Kabel, die bisher nie an genau dieser Stelle verlegt waren oder ein Requisit, das ein Kollege gerade Fortsetzung auf Seite 71...

Foto: Val Thoermer

Sind alle Requisiten überprüft und ist auch die Bühne einmal in Augenschein genommen worden, geht es in die Maske. Je nach Aufwand kann die Verweildauer dort zwischen einer Minute und einer Stunde betragen. Eine ganze Stunde habe ich zu meinem Glück selbst noch nicht auf dem Maskenstuhl verbracht. Eine Minute habe ich dagegen bereits unterboten: als Lebkuchenmann, bei dessen dynamischen Abenteuern auf dem Küchenregal die Schminke nach wenigen Minuten eh nahezu komplett weggeschwitzt ist, reichte eine einfache Grundierung und ein wenig Teint. Außerdem haben sich im Verlauf der 50 Vorstellungen auch die Handgriffe der Maskenbildnerin wie bei einem Boxenstopp in der Formel 1 eingespielt. Wenn dann die Haare bereits in der Garderobe mit einer ausreichenden Menge des besonders starken, giftgrünen Gels in Position gebracht wurden, sind die 60 Sekunden in der Maske keine Utopie. Auch für das Ankleben der Mikroports ist die Maske zuständig. Diese werden in den reinen Schauspielproduktionen äußerst selten verwendet, in den Musicalproduktionen sind sie dagegen unverzichtbar. Weder darf sich ein angeklebtes Mikroport auf der Bühne lösen, noch ein an der Wange herunter laufender Schweißtropfen es verstopfen. Auch sollte es die Bewegungsfreiheit des Kopfes nicht einschränken, dennoch aber kaum überstehendes Kabel sichtbar sein. Eine Kunst für sich. Die Mikroports werden dann vor dem Einlass auf der Bühne auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft und

Foto: Val Thoermer

Die genaue Vorbereitung dieses Umzugs – bis hin zu der exakten Anzahl von Knöpfen, die an der Jeans bereits geschlossen sein dürfen, obwohl ich sie noch anziehen muss – erfolgt also bereits vor der Vorstellung, ebenso wie die Vorbereitung aller Requisiten. Bei der heutigen Vorstellung wird gleich zu Beginn der Vorstellung ein Tisch gedeckt, also stehen die entsprechenden Utensilien griffbereit auf zwei kleinen Beistelltischen auf der linken und rechten Seite der Bühne. In dem winzigen Raum auf der rechten Seite – der in mir inzwischen fast so etwas Ähnliches wie ein Heimatgefühl auslöst, da ich vor der Vorstellung etwa acht Minuten in diesen vielleicht zwei Quadratmetern auf das Ende des Einlasses zu warten habe – sind dies eine Wasserflasche mit zwei Gläsern, zwei Weingläser, eine Weinflasche und ein Korkenzieher, sowie eine Flasche Bier und zwei Teller mit Reis. Die Tischkante ist auf eigenes dringendes Anraten mit weißem Klebeband markiert, um in dem schummrigen Licht nicht doch ein Glas drei Zentimeter zu weit rechts abzustellen. Scherben bringen zwar Glück, doch gerade auf oder abseits der Bühne auch immer wieder Probleme. In Stücken wie „Blues Brothers“, in denen ein Straßenkehrer bereits als Rolle existiert, kann der Kollege geistesgegenwärtig einen zusätzlichen Auftritt improvisieren. Doch im Gegensatz zu dem Feuerwehrmann, der zumindest bei jeder Vorstellung im Großen Haus hinter der Bühne sitzt und das Geschehen überwacht, ist ein Straßenkehrer oder eine Putzfrau nicht in jeder Inszenierung vorgesehen…

Wenig Glamour hinter der Bühne: Szenen eines Schauspielerlebens A u s g a b e 2 / M ä r z 2013

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Ausflug in die Berge

Zuschauen.

KOHLHIESELS TÖCHTER

Schauspiel nach dem Schwank von Hans Kräly

Demnächst im Landestheater Männer mit nackten Beinen

THEATER GOES BASKETBALL

Eine Kooperation zwischen dem Landestheater Coburg und dem BBC Coburg A

DARUM GEHT ES

Zwei Teams mit je fünf Spielern und ein orangener Ball, der in den gegnerischen Korb befördert werden muss. Kurz: Basketball. Die Grundidee ist einfach, das Spiel dennoch ungemein schnell, dynamisch und abwechslungsreich. Wie ein guter Theaterabend. Kein Wunder also, dass Künstler, Mitarbeiter und Freunde des Theaters erneut zu einem sportlichen Kräftemessen mit den Basketball-Cracks der 1. Herrenmannschaft des BBC Coburg antreten. B

WO UND WANN SPIELT ES

Die HUK-COBURG arena ist Austragungsort für diesen Showdown. Anfang Mai. C

WAS ERWARTET MICH

Als die Initiatoren Werner Weiss und Frederik Leberle vor über einem Jahr ihre Idee präsentierten, eine Auswahl von Künstlern in einem regulären Basketballspiel gegen die 1. Herrenmannschaft des BBC spielen zu lassen, klang noch ein wenig Unglaube in den Fragen der Presse an. In kürzester Zeit wurde dann gemeinsam mit dem Management des BBC Coburg ein Abend organisiert, der nicht nur wegen seiner knapp 700 begeisterten Zuschauer und der unglaublichen Atmosphäre in der Angerhalle im Mai 2012 von der Presse als „neuer Stern am Event-Himmel“ gefeiert wurde. Nun wagt sich das Theaterteam in die Höhle des Löwen und verlangt eine Revanche. Das ungewohnte, aber mutige Cross-Over verspricht erneut einen spektakulären Abend. D

WER IST DABEI

Seit die Künstler letzte Spielzeit erstmals ihre Kostüme durch Sporthosen ersetzt haben, hat sie die Begeisterung nicht losgelassen. Sänger Benjamin Werth spielt in der 2. Mannschaft des BBC, Schauspieler Frederik Leberle mit den 1. Herren in der Bayernliga um den Aufstieg – soweit die Arbeitszeiten am Theater es zulassen. Gemeinsam mit Vivian Frey, der inzwischen mit den Eisenach Tigers die thüringische Bezirksliga aufmischt, werden die drei ein Team um sich versammeln, das dem BBC Paroli bieten will. Unterstützt werden sie dabei von dem Ballett Coburg – in eigenen Choreografien

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und als Cheerleader. Darüber hinaus ist mit einem ausgefallenen musikalischen Rahmenprogramm zu rechnen. E WANN

Einmalig am 4.5.2013 in der HUK-COBURG arena. Der Einlass startet um 17:00 Uhr, die Veranstaltung beginnt um 18:00 Uhr. Karten gibt es bei der Neuen Presse im Steinweg, bei der Sparkasse am Markt und bei den Heimspielen des BBC Coburg.

A Gerne würde Zacharias Kohlhiesel seine Tochter Anneliese dem tüchtigen Jungbauern Toni zur Frau geben. Hätte er nicht seiner Frau an deren Sterbebett versprochen, die begehrte „Liesl“ erst zu verheiraten, wenn sich auch für deren kühle Schwester Susi ein Bräutigam gefunden hat. Da dies kein leichtes Unterfangen ist, wird per Annonce ein Heiratswilliger gesucht. Die großzügige Mitgift lockt Rolf auf Kohlhiesels Hof und plötzlich taucht auch Peter in den Bergen auf, der eine Stelle als Knecht annimmt. Alle drei Männer sind jedoch eher an Liesl als an Susi interessiert. Selbstverständlich sorgen die riskant trickreichen Versuche, dem unwiderruflichen Versprechen doch irgendwie gerecht zu werden, für ein heilloses Durcheinander und jede Menge Gefühlschaos. B Ländliche Idylle – mit allem, was dazu gehört: ein Bahnhof, ein Wirtshaus, ein Stall und ein Balkon mit unbeschreiblichem Blick auf die Berge. Ob sich dann das Flair der 60er Jahre einstellt oder doch heutige Töne vorherrschen, wird sich zeigen.

Schatzsuche im Orient

DER BARBIER VON BAGDAD

Komische Oper von Peter Cornelius A Nureddin liebt Margiana, die Tochter von Baba Mustapha, dem Kadi. Da er bei einem Antrag eine Absage des Vaters befürchtet, plant er ein heimliches Treffen. Der Barbier Abul Hassan Ali Ebn Bekar soll Nureddins Bart dafür in Form bringen, rät Nureddin aber stattdessen kryptisch von dem Treffen ab. Nureddin lässt sich von seinem Plan nicht abbringen, trifft Margiana und wird von dem unerwartet früh zurückkehrenden Kadi überrascht. Das einzige Versteck ist eine Schatztruhe... B Im märchenhaften Bagdad, zunächst in Nureddins Zimmer, später im Margianas Frauen­ gemach im Palast des Kadi. C Der junge südafrikanische Opernregisseur Alessandro Talevi inszenierte in der letzten Spielzeit „Katja Kabanowa“ – intensiv, kurzweilig und in eindrucksvollen Bildern. Ein Highlight der Spielzeit. In dieser komischen Oper mag man weniger Dramatik vermuten – aber sieht das auch Talevi so? Auf einen weiteren Einblick in seine inszenatorische Schatztruhe darf man sich freuen. D Die Besetzung war bei Redaktionsschluss leider noch nicht bekannt – anders als die musikalische Leitung, die Anna-Sophie Brüning inne hat.

C Vor den „Blues Brothers“ mit ihren fast 40 – und fast immer – ausverkauften Vorstellungen gab es sicher im und auch um das Theater Stimmen, die eine Bühnenadaption des Kultfilms für äußerst gewagt hielten. Nun legt Schauspieldirektor Matthias Straub nach und bringt den 1962 mit Liselotte Pulver verfilmten Bauernschwank auf die Bühne. Wird aus dem Wagnis wieder Kult? Oder bringt das Ensemble zumindest die Mauern des Theaters zum Einstürzen? D Bis auf wenige Ausnahmen steht das gesamte Schaupielensemble in dieser Großproduktion auf der Bühne: Stephan Mertl als Zacharias, Philippine Pachl als Susi und Sandrina Nitschke als Anneliese Kohlhiesel, dazu die drei jungen Wilden – Frederik Leberle als Toni Oberammer, Sönke Schnitzer als Peter und Mathias Renneisen als Rolf – sowie Niklaus Scheibli als Simon und Makler, Thomas Straus als Bürgermeister und Helmut Jakobi als Feuerwehrhauptmann. Für zusätzliche Wucht sorgt wie bereits bei den „Blues Brothers“ der Chor „Unerhört“ und Souffleur Boris Stark als Knecht Fritzl – erstmals dabei ist die Blaskapelle des Musikvereins Rödental. E Vor der Premiere am 23.3.2013 im Großen Haus findet am 17.3. (11:00 Uhr) noch eine Matinee in der Reithalle statt. Weitere Vorstellungen im Großen Haus folgen am 28.3., an neun Terminen im April (4., 7., 9., 13., 17., 19., 21., 24. und 26.4.), sowie voraussichtlich auch im Mai und Juni.

E Vor der Premiere am 27.4.2013 im Großen Haus lockt am 21.4. (11:00 Uhr) in der Reithalle bereits eine Matinee zu ersten Eindrücken. Weitere Vorstellungen laufen im Mai (3., 9., 17. und 23.5.), Juni (1., 11. und 13.6.) und am 3.7.2013.

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zuschauen. demnächst im l ande sthe ater Niedergang und Auferstehung

MARIA DE BUENOS AIRES

Tangoballett von Mark McClain A Eine Hommage an den Tango. Eine Mischung aus Ballett und Oper. Eine Liebeserklärung an das pulsierende und doch untergehende Leben in Buenos Aires. Elend und Freude, Tod und Leidenschaft. Geister und Stimmen treffen auf Diebe und Huren, Schatten auf Psychoanalytiker. Und mittendrin lebt und leidet Maria – über die die Stimme ganz zu Beginn sagt: „Als Maria zur Welt kam, war der liebe Gott besoffen.“ B Die argentinische Hauptstadt Buenos Aires. Eine Metropole im Wandel der Zeit. C Nachdem das Ballett Coburg zur Weihnachtszeit mit dem klassischen „Nussknacker“ ganz Coburg verzauberte, widmet es sich jetzt dem südamerikanischen Tango mit seinen unsterblichen Melodien. Die Choreografien von Ballettdirektor

Sprecher verantwortlich, musikalisch übernimmt Milen Bozhkov den Tenor, Gabriela Künzler und Petra Gruber singen alternierend den Mezzo­ sopran. E Vor der Premiere am 6.4.2013 findet am 26.3. (19:00 Uhr) ebenfalls im Großen Haus eine Soiree statt. Weitere Vorstellungen im April (12., 18., 25. und 28.4.), Mai (15., 21. und 24.5.), sowie am 5.6.2013.

Luft und Liebe

REIGEN

Schauspiel von Arthur Schnitzler A „All you need is love“ – und die gibt es in Schnitzlers Schauspiel zu Genüge. Doch mehr noch sind es Lust und Leidenschaft, Trieb und Verlangen, die zehn Paare nacheinander zueinander führen. Der Soldat trifft zunächst auf die Dirne, bevor

C Nachdem in der vorletzten Spielzeit mit Vivian Frey in dem Jugendstück „Amoklauf mein Kinderspiel“ erstmals ein Schauspieler des Ensembles Regie führte, setzt Sebastian Pass diese Reihe nun fort. Auf seine Arbeit als Regisseur darf man überaus gespannt sein – zeichnet er sich doch bereits als Schauspieler durch ungemeine Kreativität und Spielfreude, aber auch durch genaues Timing und einen wunderbaren Schuss Verrücktheit aus. D Anna Staab und Nils Liebscher schlüpfen in die fünf Frauen- und Männerrollen und geben jeder einzelnen Figur einen ganz eigenen Charakter – wie sie es schon im „Elchtest“ mit höchster Wandelbarkeit getan haben. E Premiere am 23.2.2013 in der Reithalle, weitere Vorstellungen am 24. und 26.2., am 17., 21., 22., 23. und 24.3., sowie am 13. und 14.4.2013.

Abenteuerliche Weltreise

OH, WIE SCHÖN IST PANAMA Kinderstück von Janosch

A Als der kleine Tiger und der kleine Bär über eine Kiste stolpern, auf der in großen Buchstaben „PANAMA“ geschrieben steht und die so unglaublich köstlich nach Bananen duftet, gibt es für die beiden keine zwei Meinungen: Auf nach Panama! Die Reise beginnt und hält jede Menge spannende Begegnungen für die beiden besten Freunde bereit. Doch wie bei vielen Sehnsüchten gestaltet es sich dann nicht ganz so einfach, den Weg an das Ziel der Träume zu finden. Doch kommt es überhaupt darauf an anzukommen, wenn die Reise selbst so viel zu bieten hat? B Janosch hat mit seinen Kinderbüchern eine ganz eigene Welt geschaffen, zeitlos und allgegenwärtig.

© Bati Reinsbach. „Der Kritiker“

Mark McClain werden unterstützt von Ausstatter Andreas Becker, der bereits bei „Dracula“ durch Bühne und Kostüme imposante Bilderwelten erschuf. D Keine andere Abteilung ist so von dem eigentlichen Ensemblegedanken geprägt wie das Ballett. Und so stehen sie auch alle wieder gemeinsam auf der Bühne: Eriko Ampuku, Chi-Lin Chan, Mariusz Czochrowski, Emily Downs, Natalie Holzinger, Niko Illias König, Adrian Stock, Takashi Yamamoto, Po-Sheng Yeh und die beiden Elevinnen Greta Giorgi und Yukina Hasebe. Für die Stimme zeigt sich Marcello Mejia-Mejia als

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„Ist zufällig ein Hamlet-Experte im Publikum?“

er sich dem Stubenmädchen widmet, das später den Avancen des jungen Herrn nicht widerstehen kann, der wiederum die junge Frau zu verführen sucht, bevor diese ins Ehebett zurückkehrt, obwohl ihr Ehemann sich mit dem süßen Mädel vergnügt, das auch dem Dichter nicht abgeneigt ist, der bei der Schauspielerin ebenso gern gesehen ist wie der Graf. Als dieser im Bett der Dirne erwacht, schließt sich der Reigen. B Das Wien der Jahrhundertwende bietet jedem der zehn Paare sein Liebesnest – ob Flussufer oder Prater, Gasthof oder Herrenhaus, Salon oder Schlafzimmer.

C Der kleine Bär und der kleine Tiger sind der Inbegriff für pure Freundschaft. Bei allen anderen aufregenden Erlebnissen in diesem Kinderstück der Regisseurin Ute M. Engelhardt für Menschen ab vier Jahren wird dies sicherlich ebenso zum Ausdruck kommen, wie die Bedeutung von Sehnsucht und Fernweh. D Nicht nur den kleinen Tiger und den kleinen Bär, sondern auch alle anderen in Frage kommenden Rollen, übernehmen die beiden jüngsten Mitglieder des Schauspielensembles, Mathias Renneisen und Sönke Schnitzer. E Premiere am 28.4.2013 in der Reithalle, weitere Vorstellungen im April stehen bereits am 29. und 30.4. fest, eine Vielzahl von Terminen für den Mai und Juni ist geplant – unter der Woche stets um 10:00 Uhr, am Wochenende um 15:00 Uhr.

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KEINe zeit zum ausruhen Fortsetzung von Seite 67...

heute erstmals versehentlich exakt dort positioniert hat, wo man selbst später dringend Platz braucht, wollen entdeckt werden. Ganz unabhängig davon, ist der Gang auf die Bühne vor der Vorstellung auch ein Ankommen. Fußballspieler küssen den Rasen, Schauspieler atmen die Bühnenluft. Um 19:00 Uhr erklingt dann aus allen Lautsprechern in Garderobe und Maske, auf den Fluren und sogar in den Toiletten die Stimme der Inspizienz. „Dies ist das erste Zeichen, noch 30 Minuten bis Vorstellungsbeginn“. Bei einer Produktion im Großen Haus ziehe ich mich nun auf eine leere Probebühne zurück, um mich einzusprechen. Wie sich ein Sportler vor dem Wettkampf aufwärmt, gilt es nun die Stimme, das vielleicht wichtigste Werkzeug, auf Betriebstemperatur hoch zu fahren. Geht in diesem Moment die Tür auf, denkt sich der Eintretende vermutlich, er hat gerade einen mittelmäßig Verrückten beim schizophrenen Selbstgespräch ertappt – doch diese merkwürdigen Artikulationsübungen verbessern Klang und Verständlichkeit der Stimme für die Bühne. Tatsächlich gibt es auch Vorstellungen, vor denen ich meinem Körper genau dasselbe Stretching zukommen lasse wie vor einem Basketballspiel. Wird auf der Bühne viel getanzt, gesprungen oder gerannt, ist dies unumgänglich. Die Verletzungs­ gefahr auf der Bühne ist oft höher als beim Sport.

Denn der Körper ist nicht dauerhaft in Bewegung, sondern muss manchmal für eine besonders dynamische Wirkung explosive Bewegungen aus einem Ruhezustand heraus ausführen. In der Reithalle gibt es diese Räume zum Aufwärmen, Einsprechen oder Einsingen nicht. Dort wandle ich vor Vorstellungsbeginn über die Bühne, während ich besagte ominöse Laute von mir gebe und dann erneut den Text des Monologs im vierten Bild innerlich durchgehe. Meine Kollegin erscheint, um zwei besonders diffizil verschnittene Passagen noch einmal gemeinsam durch zu sprechen, in denen wir uns ständig gegenseitig ins Wort fallen. Wenn das auf Anhieb klappt, gehen wir mit einem Lächeln wieder auseinander. Und mit einem Gefühl der Sicherheit – da diese Passagen uns bei den Proben immer wieder zur Verzweiflung getrieben haben. Zu dritt sprechen wir dann noch die ersten drei bis vier Seiten des Stücks durch, um in einen gemeinsamen Sprechrhythmus zu kommen. Jedes Wort, jede Zäsur, jede Textüberschneidung ist in den Proben der letzten Wochen genau erarbeitet worden. Aber dennoch gilt es natürlich, an dem jeweiligen Abend einen lebendigen Rhythmus zu finden und Stimmungen des Partners sprachlich abzunehmen. Etwas skurril wirkt dabei, dass der Kollege mit einem blutüberströmten T-Shirt neben uns steht – für seinen späteren Auftritt... Doch nun wird es Zeit. Die Inspizientin schickt uns auf unsere Plätze, der Einlass beginnt in weni-

gen Minuten. Im Gegensatz zu Vorstellungen im Großen Haus kommt ihre Stimme jedoch nicht aus einem Lautsprecher – in der Studiobühne Reithalle sind die Wege kurz, so dass sie persönlich vor uns steht. Ein letzter Blick auf Schuhe, Jeans, T-Shirt und Sportjacke, die im Vorraum bereit stehen, ein Kontrollgriff in die beiden Hosentaschen nach Taschentuch und Handy, dann gehe ich über die Bühne in jenen winzigen Raum, in dem ich nun etwa acht Minuten lang den Einlass abwarte – bis die Vorstellung „Waisen“ beginnt. Der Tisch wird gedeckt, der Kollege tritt auf, die ersten Worte fallen und dann wird der Text lebendig. Das spüren wir und das spürt auch das Publikum, das immer stiller wird – gespannt, gefesselt, aufmerksam. Der Umzug nach dem dritten Bild funktioniert reibungslos, das vierte Bild vergeht wie in Trance und nachdem das letzte Wort verhallt ist, warten wir. Zu dritt in dem winzigen Raum. In der Stille. Endlos. Dass der Applaus erst aufbranden wird, wenn wir die Bühne wieder betreten, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Dass die Zuschauer viel zu mitgenommen sind, um sich auch nur zu bewegen, erfahren wir erst später. Nachdem das Licht wieder angegangen und auch von uns nach und nach die emotionale Anspannung abgefallen sein wird. Jetzt stehen wir nur in dem winzigen Raum und warten. In der Stille.

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WIR SIND DOCH GANZ NORMAL

schickes Auto. Für Außenstehende ein perfektes Familienleben. Aber eben auch nur für Außenstehende – und für seine Familie. Er selber ist innerlich zerrissen. Er fühlt sich auf dem falschen Weg, angetrieben von der Gesellschaft und seiner Familie. Durch unterschwelligen Druck will er es seinen Eltern „Recht machen“. Deswegen die Heirat, deswegen die Kinder. Ralf schaut auch da schon immer mal einem Männerhintern hinterher. Mit dem 30. Geburtstag aber ändert sich sein Leben. Er outet sich – für ihn der einzig richtige Schritt. Ralf Kühne will einfach

und Blut ist schwul – damit zurecht zu kommen, hat lange gedauert. Mittlerweile nehmen ihn die Eltern wieder an, stehen zu ihrem homosexuellen Sohn. Solche Offenheit und Toleranz von Seiten der Eltern, das hätten sich Ralf und Mathias von Anfang an gewünscht. Schwul sein ist normal. Angst davor braucht keiner zu haben, auch und gerade nicht die Eltern. Die aber stellten sich damals die Frage, was sie falsch gemacht haben könnten. Nichts, lautet die ganz einfache Antwort der beiden. Wir haben eben eine andere Neigung.

© Ralf Kühne

Die rund 400 sich offen bekennenden Schwulen fühlen sich in Coburg toleriert und akzeptiert. Beispiele sind das Ehepaar Ralf und Mathias Kühne oder der selbständige Unternehmer Mario Lauer aus Untersiemau. Lebensberichte von Homosexuellen aus der Region.

von thomas apfel

Hochzeit im Bürglaßschlösschen: Mathias und Ralf Kühne

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er 43-jährige Ralf Kühne und sein elf Jahre jüngerer Ehemann Mathias fühlen sich in Coburg wohl. So nehmen die beiden die für eine gefühlte Großstadt doch eher provinzielle Neugier, die ihnen entgegenschlägt, mit einem Schmunzeln auf: „Wer ist denn bei euch die Frau?“ „Wie schaut die Rollenverteilung aus?“ „Wie lebt ein schwules Paar zusammen?“ Nichts ist anders als bei jedem normalen Heteropaar – so lautet ihre schlichte und vielleicht für viele nicht befriedigende Antwort. Ralf Kühne ist freier Moderator und Sprecher beim Coburger Lokalsender Radio EINS. Ursprünglich stammt er aus Görlitz. Lange braucht er, bis er sich seine Neigung eingesteht. Er ist 30 Jahre alt, als er sein ganzes Leben auf den Prüfstand stellt. Ralf ist verheiratet, hat zwei Kinder, einen tollen Job, ein

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so sein, wie er ist und wie er fühlt. „Ich hab’ immer das getan, was andere wollten, damit musste Schluss sein. Wer zu mir steht, akzeptiert mich so wie ich bin. Ich bin doch auf einmal kein anderer Mensch“, so Ralf Kühne. Die beiden Kinder haben damals nichts über die wahren Gründe der Trennung erfahren. Inzwischen sind sie 15 und 18 Jahre alt, kennen die ganze Geschichte. Sie akzeptieren und respektieren ihren Vater und seine Ehe mit einem Mann. Seine damalige Ehefrau tut Ralf noch heute leid. Sie muss es aus heiterem Himmel getroffen haben, sagt er. Sie haben sich gut verstanden, sie hatten Kinder und alles schien perfekt. Sich seiner Frau zu offenbaren – für Ralf war das der schwierigste Schritt. Doch sein Coming-Out hat nicht nur seine Frau, sondern auch seine Familie sehr getroffen. Ihr eigen Fleisch

Auch bei Mathias gestaltet sich seine Zeit der Offenbarung als nicht so einfach. In seinem kleinen Dorf bei Schweinfurt kennt jeder jeden. Als Mathias damals einen farbigen Freund hat, ist das Gesprächsthema Nummer Eins im Ort. Er öffnet sich zunächst gegenüber seinen Freunden und anschließend seiner Familie. Vor allem der Vater braucht einige Zeit um mit dem Schwulsein klar zu kommen. Wieder die vielen Fragen nach den Fehlern in der Erziehung und dem Warum. Aber auch hier stehen die Eltern zu ihrem mittlerweile verheirateten Sohn, waren auch im vergangenen Jahr bei der Hochzeit in Coburg dabei. Wie Ralfs Eltern. Kennen und lieben gelernt haben sich Ralf und Mathias mit einem Mausklick auf der schwulen Internetplattform „gayromeo“. Beide waren eigentlich nur auf ein erotisches Abenteuer aus. Mittlerweile

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WIR SIND DOCH GANZ NORM AL

tragen sie den Ehering am Finger und sind glücklich. Geheiratet haben sie im vergangenen September im Coburger Standesamt. Der Standesbeamte Michael Rodenburger hat dort seit 2009 20 gleichgeschlechtliche Ehen getraut, für ihn sind schwule oder lesbische Hochzeiten etwas ganz Normales. Pro Jahr heiraten im Schnitt rund fünf solche Paare, die Tendenz zu homosexuellen Partnerschaften in Coburg nimmt zu. „Es sind Menschen wie du und ich, und Hauptsache sie sind glücklich!“. Auch Mario Lauer aus Untersiemau ist schwul.

mit der Homosexualität ihrer Kinder um. Doch noch immer gibt es auch im Raum Coburg viele Schwule oder Lesben, die sich nicht outen. Wegen dem Druck der Gesellschaft, ihrer Arbeitsstelle, der Familie oder den Freunden. Ralf Kühne spricht aus eigener Erfahrung, wenn er sagt: „Es ist eine schlimme Drucksituation für den Betroffenen.“ Und noch immer gebe es ja für gleichgeschlechtliche Partnerschaften gegenüber Hetero-Ehen große Nachteile. Schwule oder Lesben haben es schwerer, zum Beispiel bei Adoptionen. Sie haben nicht die

„Wollt ihr mal einen guten Schwulenwitz hören?“

Es gibt viElE WEgE, ProblEmE zu lösEn HiEr ist EinEr Davon: 09561/2383450 Anwaltskanzlei Büschel-Girndt | Hofer | Kestel info@anwaltskanzlei-bghk.de

w w w. a n wa lt s k a nzl e i -b g h k .d e

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Von irgendwelchen Anfeindungen oder komischen Sprüchen hat er nichts zu berichten. Der selbstständige Unternehmer betreibt einen ambulanten Pflegedienst. Im Ort ist er anerkannt und kommt mit jedem bestens aus. Viele erinnern sich noch an den November 2010. Mario Lauer heiratete damals seinen Lebensgefährten. Es war die erste Schwulenhochzeit in dem kleinen Örtchen Untermerzbach im Itzgrund. Eine Heirat zwischen zwei Männern und das mitten auf dem Land, das sorgte für reichlich Wirbel, das werden viele nicht vergessen. Die Ehe von Mario hatte dagegen keine lange Haltbarkeit, sie wurde im Februar dieses Jahres geschieden. Sie war laut Mario einfach ein Irrtum, wie es das bei Heteroehen eben auch immer wieder gibt. Das alles klingt nach relativer Normalität. Und vieles macht Menschen wie Ralf und Mathias Kühne oder Mario Lauer auch Hoffnung. Die Gesellschaft wird offener, gleichgeschlechtliche Paare gehören immer häufiger zum Straßenbild, junge Schwule wachsen heute anders auf, Eltern gehen toleranter

Steuervorteile wie normale Eheleute. „Wir haben zwar dieselben Pflichten. Wir sorgen füreinander in guten wie in schlechten Zeiten, und trotzdem gibt es eben diese Unterschiede zur normalen Ehe! Es ist eine Diskriminierung gegenüber Schwulen und lesbischen Eheleuten“, ärgert sich Ralf Kühne. Dafür gebe es keine plausiblen Gründe, nur die Mauern in manchen Köpfen. „Es ist einfach ungerecht und nicht ordentlich zu Ende gedacht“, so auch Mario Lauer. „Was soll denn bei schwulen Ehen anders sein als bei den Normalos?“, fragt er sich. Mario empfindet vor allem das bei gleichgeschlechtlichen Ehen fehlende Ehegattensplitting als unsinnig. Einen Schuldigen für die Ungleichbehandlung haben Schwule schon lange ausgemacht: die katholische Kirche. Diese wiederholt gebetsmühlenartig, Schwulsein wäre widernatürlich. Wie als Mahnung zitieren Ralf und Mathias den mittlerweile zurückgetretenen Papst Benedikt: „Jedes adoptierte Kind, das bei Homosexuellen aufwächst, ist jeden Tag einer seelischen Vergewaltigung ausgesetzt“…

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WIR SIND DOCH GANZ NORM AL

ner übernimmt den weiblichen Part und einer eher den männlichen. Oft sind Grenzen und Vorlieben auch fließend. Und ja, das Sexleben bei Schwulen ist offener und tabuloser. Darin sind sich Ralf, Mathias und Mario einig. Schwule feiern auch die besseren Partys, sind sich die drei sicher. „Wir haben untereinander einfach richtig viel Spaß und können auch so richtig über uns selber lachen“, sagen die Kühnes. Schwul sein also ist in Coburg angekommen. Viele haben davon vielleicht gar nichts mitbekommen, aber genauso wünschen es sich die Homose-

Foto: Peter Einheuser

Mario Lauer aus Untersiemau schade. Die regelmäßigen Treffen und der Erfahrungsaustausch unter den Gleichgesinnten hält er für immens wichtig. Auch um Orientierungslosen Halt zu bieten. Mario würde gerne bei der Organisation eines neuen Stammtisches in Coburg mithelfen. Und eine Ausnahme gibt es ja: alle sechs Wochen findet in der Disco „CO 1“ am Gemüsemarkt die „Pinkmania“ statt. Hier treffen sich Schwule und Lesben aus der Region zum ausgelassenen Feiern und Tanzen. Und zum Reden. Oft stellt sich dann heraus: Schwule ha-

Foto: Creatista

Das Leben in der Kleinstadt Coburg empfinden Ralf und Mathias dagegen unisono „als sehr angenehm“. „Je städtischer das Umfeld, umso einfacher fällt natürlich das Zusammenleben“, sagen die beiden. Die beiden verheimlichen nicht, dass sie ein Paar sind. Doch das Ehepaar Kühne hat im Laufe der Zeit ein Gespür dafür gefunden, wie viel Liebe in der Öffentlichkeit gezeigt werden kann. Eine Verkäuferin in einem Coburger Supermarkt bezeichnet Ralf und Mathias gerne liebevoll als altes Ehepaar. Den beiden rutscht beim Einkaufen

Lesbische Frauen haben es schwerer

dann auch mal ein „Schatzi, guck mal“ heraus. Klar gibt es dann auch mal den einen oder anderen Kuss oder eine zärtliche Umarmung. Provokativ sich wild knutschend irgendwo in der Coburger Öffentlichkeit zu präsentieren, ist dagegen tabu. Das läuft anonym ab, privat, hinter verschlossenen Türen. Einen richtigen Schwulentreff gibt es in Coburg aber nicht, keine Stammkneipe für die Community der Homosexuellen, ebenso wenig regelmäßige Treffen mit Gleichgesinnten, keinen Verein wie in den späten 80er Jahren „Colibri – Schwul und bunt, na und?“ – damals fand auch immer im ehemaligen Vertico monatlich ein schwul-lesbischer Abend statt. Die nächsten Schwulenbars gibt es erst wieder in Bamberg (M-Lounge) oder in Nürnberg (Colibri und Sachs und Söhne). Viele Homosexuelle treffen und organisieren sich dagegen mittlerweile in der digitalen Welt. Hier gibt es einschlägige Foren und Plattformen für alle Neigungen und Wünsche. Bei den Männern ist das die Internetseite „gayromeo“ bei den Frauen ist das „lesarion“. Genau das findet der 36-jährige Geschäftsmann A u s g a b e 2 / M ä r z 2013

Mario Lauer aus Untersiemau

ben es in der Region leichter als Lesben. Das kann die 30-jährige Britta M. nur bestätigen. Der Name ist geändert, sie will nicht geoutet werden und nicht zu viel erzählen. Nicht mehr als nötig. Zu oft hat sie mit Anfeindungen zu tun. Vor allem Männer scheinen mit dem Bild zweier sich liebenden Frauen ein Problem zu haben. „Dich hat wohl noch keiner so richtig ran genommen“ muss sie sich dann anhören. Lesbische Frauen haben es schwerer als schwule Männer. Die haben stattdessen vor allem mit jeder Menge Klischees zu kämpfen. Einer muss doch in einer Beziehung die Frau sein? Mathias Kühne antwortet sofort und bestimmt. „Ja, ich mach den Haushalt und bügle die Wäsche!“ Sein Ehemann Ralf hingegen kocht ganz gerne. Es sind Klischees und es bleiben Klischees. Eine klassische Rollenverteilung gibt es nicht bei Schwulen. Wie bei Heteropaaren macht jeder das, was er am besten kann. Und wie bei Heteropaaren gibt es auch hinter verschlossenen Schlafzimmertüren feste Rollen und Vorlieben. Ei-

xuellen in der Region. Sie sind normale Menschen, eben nur mit anderen Neigungen, Wünschen und einem gleichgeschlechtlichen Lebenspartner an der Seite. Schwule Paradiesvögel mit ausgefallenen Kostümen sind die Ausnahme, die gibt es eher nur im Fernsehen oder auf der Bühne. So läuft im Coburger Landestheater derzeit das Stück „Ein Käfig voller Narren“. Der Franzose Jean Poiret spielt darin mit Klischees aus der Schwulenszene. Homosexuelle lieben das skurrile Stück. Doch ihr Leben sieht anders aus – auch in Coburg.

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Foto: Frank Wunderatsch

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Über Ostern ist er in Tokio, empfiehlt auch mal einen Rotwein zum Fisch, schwärmt von Bordeaux und Frankenwein und leitet nebenbei noch das Hotel Goldene Traube in Coburg: Bernd Glauben

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irsche, Pflaume, Leder, Animalisch. Wenn Bernd Glauben von einem französischen Pinot Noir spricht, einem Spätburgunder, ist das auch ein Fest für Freunde der deutschen Sprache. Andere Weine sind erdig, haben einen Hauch von Rosenduft, eine Note von Brombeere. Weine zu riechen, zu schmecken, ihre Farbe zu deuten, sie zu bewerten und in eine Sprache zu übersetzen, die beim Gegenüber eine Vorstellung vom Geschmack auslöst, das ist keine eindeutige Wissenschaft, eher ein Kunsthandwerk. Bernd Glauben beherrscht diese Kunst, er ist Sommelier, seit 18 Jahren Präsident der Sommelier-Union Deutschland e. V., und seit 1994 Wahl-Coburger.

Vinophilität in Coburg Damals nämlich übernahm Glauben das Coburger Romantik Hotel Goldene Traube. Das erste Haus am Platze hat sich in dieser Zeit weit über die Grenzen Coburgs hinaus einen hervorragenden Ruf erarbeitet – vor allem auch bei sogenannten „vinophilen“ Gästen. Die schätzen die große Weinkarte im hauseigenen Restaurant mit ihren 450 Weinen, viele deutsche Weine, vor allem Frankenweine, aber auch alles, was darüber hinaus Rang und Namen hat. Die Gäste schätzen die kleine Weinboutique im

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Eingangsbereich des Hotels mit ihrer kleinen, aber feinen Auswahl. Und sie schätzen den Sachverstand des 50-jährigen gebürtigen Saarländers, der sein Hobby zur Berufung gemacht hat. Die Voraussetzungen waren gut: Glauben kommt aus einer Gastronomen-Familie, hat Hotelkaufmann gelernt. Da war es bis zum Weinkenner nicht mehr weit, aber dennoch ein langer Weg. „Ausgelernt hat man nie“, sagt er, der sich anfänglich viel selbst beigebracht hat, „learning by doing“. Und vor allem viel gereist ist und das auch heute noch tut, von Japan bis zum Ostblock, von Europa bis Südafrika, „man muss die Weine selbst probieren, Sommelier wird und bleibt man nicht, indem man Bücher nur liest“. Bei seinen Weinreisen rund um die Welt ist er jeden Tag bei drei bis vier Weingütern zu Gast, probiert jeweils 20 bis 30 Weine, dazwischen gibt es etwas Wasser oder Tee, um den Geschmack zu neutralisieren. Wichtigstes Utensil neben der feinen Nase ist dabei der Spucknapf. „Wenn man das alles trinken würde, könnte man das nicht lange durchhalten“, schmunzelt er. Seine Tätigkeit als Präsident der Sommelier-Union Deutschland e.  V. fordert ihm schon genug ab: Bis zu sechs Wochen ist er jedes Jahr im Dienste des Weines unterwegs. Und das weltweit. Dieses Jahr um Ostern herum geht die Reise zum Beispiel nach Tokio zur Sommelier-Weltmeisterschaft. Jeder der 52 Landesverbände bringt seine

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Foto: Henning Rosenbusch

Deut schl andsInhalt er ster Sommelier

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die feine na se Besten mit, die dann drei Tage lang um den Titel schmecken, schnuppern und eine theoretische Prüfung ablegen müssen. Bis zu zwei Jahre lang bereiten sich die Teilnehmer auf den Wettbewerb vor. Glauben ist in seiner Funktion auch Deutschlands Fachmann für die Medien, wenn es um Wein geht. „Gibt es einen guten Pinot Grigio für unter fünf Euro?“, wollte der FOCUS Ende 2012 von ihm wissen, als Kanzlerkandidat Peer Steinbrück diesen Preis als Untergrenze seines guten Geschmacks nannte. „Klar geht das“, sagte Bernd Glauben, aber „man muss schon suchen.“ Ein guter Wein sei nicht in erster Linie eine Sache des Preises – wenn der „Chef“ der deutschen Sommeliers spricht, hat das in Deutschlands Weinszene Gewicht. Das war auch so im September letzten Jahres. Da zitierte die Welt am Sonntag den Glaubenssatz „Rotwein zum Fisch, warum denn nicht?“. Ja, warum denn eigentlich nicht. Wer so gefragt ist, braucht Unterstützung. Ohne ein gutes Team im heimischen Coburg würde das alles nicht gehen. So hält seine Frau Barbara die Stellung in der Goldenen Traube, wenn er in der Welt unterwegs ist, den Medien Rede und Antwort steht. Mit ihr gemeinsam leitet er das Hotel. „Anders würde es nicht funktionieren“, das Geschäft im Hotel muss schließlich laufen, 365 Tage im Jahr. Ganz nebenbei zieht das Paar auch noch drei Kinder auf, die älteste Tochter ist 15.

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Vom Sommelier zum Genussmanager

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In Sachen Wein bekommt Bernd Glauben Unterstützung von einer jungen Kollegin. Anna-Lena Junge lernt in der Traube Sommelière, „die ist richtig gut“. Anna-Lena ist jetzt ein Jahr dabei, der Beruf „ist genau das Richtige für mich“, sagt sie. Die junge Westfälin kennt sich aus im Haus, vor allem im Keller, den man sich nicht als romantischen weinreben- und weinfässerverzierten Keller wie im Werbeprospekt eines Weingutes vorstellen muss, sondern als Aneinanderreihung verschiedener Kühl- und Kellerräume, in denen ordentlich sortiert bis zu 4000 Flaschen lagern, Schwerpunkt deutsche, vorzugsweise Frankenweine. Anna-Lena Junge ist eine weibliche Sommelière, und damit nicht die Ausnahme, sondern die Regel: Die Hälfte der mittlerweile über 1000 gelernten Sommeliers in Deutschland sind weiblich. Und sie alle, Frauen wie Männer, sind qualifiziert – vor zehn Jahren nämlich ist aus dem Anlern- ein ordentlicher Beruf geworden. Zwar kein Ausbildungsberuf gemäß der Ausbildungsordnung, aber immerhin gibt es mittlerweile anerkannte Schulen, in denen man den Abschluss zum IHK-geprüften oder staatlich geprüften Sommelier absolvieren kann. Auch dank der Arbeit von Bernd Glauben an der Spitze der Sommelier-Union. Mit Schmecken und Riechen von Wein auf Basis der Erfahrung ausgedehnter Weinreisen rund um die Welt ist es nämlich schon lange nicht mehr getan. „Ein Sommelier oder eine Sommelière ist heute eigentlich ein Genussmanager“, sagt Bernd Glauben. Sommeliers beraten, empfehlen passende Weine zu den Speisen, sind verantwortlich für das Weinsortiment eines Hauses. Sie verfügen über betriebswirtschaftliche, serviceorientierte und senso-

rische Qualifikationen. Möglich werden diese nicht durch Produktkenntnis allein. Der Genussmanager interessiert sich auch für das, was auf den Teller kommt. Er informiert sich beim Koch über Zutaten und Zubereitungsart der Speisen, um eine wichtige Voraussetzung für das Gespräch mit dem Gast zu schaffen. Der will heute mit Gespür, Verständnis und auf keinen Fall arrogant beraten werden. Verfügt der Genussmanager oder Sommelier dann auch noch über Talent, Kreativität, Menschenkenntnis, Charme und Glaubwürdigkeit, steht der Karriere nichts mehr im Weg. „Also doch nicht alles eine Frage der Nase“, so die Sommelier-Union über das Berufsbild. Die Vereinigung hat daher zusammen mit der Deutschen Wein- und Sommelierschule das Weiterbildungsprogramm „Weinkompetenz in der Gastronomie“ entwickelt, das praktisch, informativ und kompakt allen Belangen moderner Gastronomie im Umgang mit Wein Rechnung trägt. Der IHK-Abschluss „Geprüfter Sommelier“ ist öffentlich-rechtlich anerkannt. Die Voraussetzungen haben es in sich: entweder fünf Jahre einschlägige Berufserfahrung oder eine Ausbildung zum Restaurantfachmann in einem weinorientierten Haus und ein dreimonatiges Praktikum in einem Weingut. Empfindlich reagieren die ausgebildeten Weinkenner daher auch auf die geradezu inflationäre Verwendung des Begriffs „Sommelier“. Der ist nun mal nicht geschützt, und so erobern Wasser-, Saft- oder eben auch Biersommeliers die Schlagzeilen. „Dabei verfügen geprüfte Sommeliers ja aber auch über umfangreiche Kenntnisse bei unterschiedlichen Getränken wie Tee, Kaffee, Spirituosen, Wasser oder eben auch Bier“. Bernd Glauben füllt wie zum Beweis ein Hefeweizen in unterschiedliche Gläser, ein Rotwein-, ein Weißwein- und ein Weizenbierglas. In der Tat ist der Unterschied im Geschmack fast noch ausgeprägter als beim Wein. Das Bier aus bauchigen Rotweingläsern schmeckt aromatisch, aus einem klassischen Weizenglas dagegen eher langweilig. Beim Weinglas gelangen die Aromen breiter auf die Zunge, erreichen damit mehr Geschmacksnerven. Das ist beim Bier wie beim Wein. „Und aus der Flasche geht natürlich gar nicht“, sagt Glauben.

Die Nase ist das wichtigste Werkzeug Das Wort Sommelier kommt ursprünglich aus dem Altprovenzalischen. Der „saumalier“ war ein Saumtierführer. Seine Lasttiere trugen vorzugsweise Wein über die schmalen Gebirgspfade. Daraus wurde später der Sommelier, derjenige, der den Wein bringt. Auch ein anderes bedeutendes Wort der Weinbranche hat französische Wurzeln: „Terroir“, die Gegend also, aus der ein Wein stammt, deren Boden, das Klima, der Umgang des Menschen mit der Natur. Mit dem richtigen „Terroir“ beginnt ein guter Wein, sein Charakter, sein Geschmack, so Bernd Glauben. Er hat viele Terroirs gesehen, auf der ganzen Welt. Besonders im Gedächtnis bleiben ihm die Besuche im Bordeaux. „Das ist einfach Kult“, sagt er und gerät ins Schwärmen über die Weingü-

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die feine na se ter, historische, aber auch ultramoderne. „Bei den großen Châteaux kauft man schon ein und bezahlt hohe Preise, selbst wenn der Wein noch nicht abgefüllt ist“. Doch normalerweise steht vor dem Einkauf immer die Weinprobe. Beurteilt werden die edlen Stoffe nach Farbe, Duft und Geschmack. Das routinierte Schwenken des Weinglases, damit der Wein Luft bekommt, der Blick gegen das Licht, das Aufnehmen des Duftes, der Geschmack auf der Zunge, der Abgang oder Nachhall. Erst das Zusammenspiel aller Sinne mache die Bewertung eines Weines möglich. „Letztlich ist das eine Trainingsfrage“. Deswegen seien Weinreisen für einen Sommelier so entscheidend. „Wer seine Geschmacksnerven nicht trainiert, wird keine guten Leistungen bringen können.“ Dabei schmeckt die Zunge nur süß, sauer, salzig und bitter. Den Duft, das Aroma, alles das gilt es herauszuriechen. Die Nase ist einhundert Mal empfindlicher als die Zunge. Und um diese Zwischentöne zu beschreiben, bedienen sich Sommeliers dieser blumigen, fast schon lyrischen Sprache. Früchte wie Sauerkirschen, Pflaumen oder Himbeeren, Blumen wie Veilchen oder Rosen werden oft zur Beschreibung herangezogen. Für Bernd Glauben ist das sein „Kunst“-Handwerk.

Wenn er allerdings einen Wein empfehlen soll, wird es schwierig für ihn. „Ich kenne so viel hervorragende Weine, wo sollen wir anfangen?“ Es komme eben immer auf die Situation an, auf das Essen dazu, die Jahreszeit, die Stimmung. Ein Bordeaux gehöre natürlich dazu, ein Burgunder selbstverständlich auch. Die deutschen Weißweine gehörten weltweit zu den besten Weißweinen, gerade auf Grund ihrer guten Säurestruktur und Fruchtausprägung, dies gilt auch für einige Frankenweine. Stolz überreicht der Präsident der Deutschen Sommelier-Union bei einer der regelmäßigen Weinproben in seinem Hotel dem Vertreter eines toskanischen Weingutes eine Flasche Frankenwein. „Rotwein könnt ihr ja gut, aber probiert mal unseren Weißen“ gibt er dem Gast mit auf den Heimweg. Dann lässt er sich doch noch auf ein paar Tipps ein, jahreszeitengerecht: Im Frühling empfiehlt er einen frischen fruchtbetonten Weißwein wie einen modern gemachten Müller-Thurgau, einen Chardonnay oder einen Grauburgunder im Kabinettbereich. „Aber nicht zu kalt trinken, bei manchen kommt der Weißwein ja fast aus dem Gefrierfach“ sagt er. „Dann schmeckt man keine Frucht mehr.“ In der Regel entwickeln Weißweine je nach Qualitätsstufe ihr Aroma am besten bei einer Trinktemperatur zwischen 10° und 12°, wird er dagegen zu warm, „schmeckt man nur noch Alkohol“. Für den Sommer kann er sich gut einen Roséwein, einen Sauvignon Blanc oder einen Riesling vorstellen. Im Herbst kann es dann schon mal ein kräftiger

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Weibliche Sommelière: Anna-Lena Junge

Vier Fotos: Henning Rosenbusch

„Glaubens“sätze für den richtigen Wein

4000 Flaschen: Im Weinkeller der Goldenen Traube

Das Auge trinkt mit: Prüfender Blick für den Rotwein

Weißwein sein, eine Spätlese mit mehr Alkohol oder schon leichtere bis mittelschwere Rotweine wie ein Beaujolais, ein Spätburgunder oder ein Zweigelt. Im Winter dann greift Glauben am liebsten zu kräftigen Rotweinen wie einem Pinot Noir, mit dem typischen Geschmack nach eingelegten Pflaumen oder nach Unterholz duftend, oder auch mal zu einem Côtes du Rhône. Rotweine allerdings würden oftmals zu warm getrunken, weiß Glauben. Die Empfehlung mit der Zimmertemperatur komme aus Zeiten, da wohnte man bei 16–18 Grad, heute sind es oft 22 oder mehr. Sein Tipp daher: den Roten entweder im kühlen Keller und dann ein bisschen auf Temperatur kommen lassen oder andersrum, den Wein auf Zimmertemperatur vor dem Gebrauch ein paar Minuten

in den Kühlschrank. „Dann kann der Wein sein Aroma richtig entfalten, zu warm sind ja nur noch die Tannine schmeckbar.“ Auf die Frage, welche Weine er auf jeden Fall nicht empfehlen könne, hat Deutschlands oberster Sommelier auf jeden Fall sofort eine Antwort: Künstlich hergestellte, im Labor entworfene, nur aus Aromen zusammengesetzte Weine, wie sie oftmals aus der neuen Welt kommen „Das schmeckt man zwar nicht, aber Wein ist nun einmal ein Naturprodukt.“ Und das soll er auch bleiben. Wolfram Hegen

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Foto: Frank Wunderatsch

Inhalt

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Hier wohnten Juden und Nazis unter einem Dach

Nur eine Schutztüre mit schwerem Riegel zeugte im Haus Pilgramsroth 9 vom früheren Luftschutzraum. In ihm fanden die Bewohner Zuflucht vor Bombenangriffen. Da waren ihre jüdischen Mitbewohner schon längst nach Amerika geflohen.

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anchmal scheint nichts so, wie es ist. Wege, die sich auftun, enden in einer Sackgasse. Dokumente verschwinden auf mysteriöse Weise. Was klingt wie der Beginn eines Tatort-Krimis ist eigentlich nur die Spurensuche von Lebensgeschichten in einer Coburger Villa. Am Anfang war da einfach nur das Haus „Pilgramsroth 9“. Eine wunderschön renovierte Villa mit Fachwerk im Obergeschoss, Eckturm mit Zwiebelhaube und Polygonalerker aus dem Jahr 1911, auf deren 240 historischen Quadratmetern eine nette fünfköpfige Familie wohnt. Im Erdgeschoss hat der Hausherr sein Büro. Im ersten und zweiten Obergeschoss wohnt und schläft die Familie. Das verwinkelte Dachgeschoss, Traum jedes 14-jährigen mit Hang zum eigenen, abseits gelegenen Reich ist schon vorbereitet für einen Ausbau. Das blutrot gestrichene Esszimmer ist der Mittelpunkt des Familienlebens. Durch die im Original erhaltenen, bunten Glasscheiben der angrenzenden Küche fällt ein sanftes Licht auf den großen Esstisch. Ein gusseiserner Registerofen verbreitet wohlige Wärme. Der Ofen ist nicht in situ. Obwohl es so scheint, als hätte er schon immer von hier aus seinen Mitbewohnern eingeheizt. Das gute Stück hat der Hausherr Uli Hofmann als einen verrosteten alten Klumpen bei einem Bamberger Antiquitätenhändler liegen sehen. Und sich sofort darin verliebt. Der 1896 gegossene Ofen stammt aus dem schwäbischen Hüttenwerk SHW Aalen und kam über Magdeburg und Bamberg nun nach Coburg, wo er sandgestrahlt eine neue Wirkungsstätte im Pilgramsroth fand. Doch zurück zu den Anfängen. Das Baugesuch des Architekten und Bauherren Eduard Amend, Schöpfer von vier weiteren Villen in der nächsten Umgebung, wurde erst einmal abgelehnt. Die Pilgramsrothstraße hatte sich nämlich aus einem unchaussierten Ortsverbindungsweg im Laufe der Zeit zu einer nicht ordnungsgemäß ausgebauten Straße entwickelt und genügte nicht den Ansprüchen einer anbaufähigen Straße. Erst als Maurermeister Amend sich bereit erklärte, sich mit 1600 Mark an den Straßenbaukosten für die spätere Erweiterung der Pilgramsrothstraße zu beteiligen, wurde dem Baugesuch stattgegeben. Obwohl der Bauherr die Villa für sich selbst konzipiert hatte, verkaufte er sie in den zwanziger Jahren an die Familie Dorn, die ein Mädchenpensionat darin eröffnete. Die höheren Coburger Töchter sollten hier – so war es zu der Zeit üblich – gegen ein Kostgeld in einer privaten Schule die Dinge lernen, die Frauen damals zugedacht waren: nähen, sticken und sich um die Aussteuer

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kümmern, damit man etwas vorzuweisen hat, wenn ein ernstzunehmender Bräutigam auftaucht. Wirtschaftliche Probleme zwangen Marie Dorn jedoch dazu, das Pensionat zu schließen und die einzelnen Geschosse unter zu vermieten. Bis zu vier Familien wohnten in der Folgezeit im Haus. 1924 wurde es an den Coburger Juden Hermann Clauder verkauft. Ironie der Geschichte: bereits zwei Jahre zuvor mietete sich der Architekt Max von Berg, Planer der Alexandrinenhütte auf der Sennigshöhe, in die Villa ein. Wie sich später herausstellte, war dieser ein bekennender Nationalsozialist der ersten Stunde. Durchaus vorstellbar, dass es im Zusammenleben dieser Menschen mehr als nur Spannungen gab. In seiner Funktion als Luftschutzwart ließ von Berg später im Keller einen Bunker bauen, der wie ein Stollen gesichert war. Jahre später entdeckte der Hausherr bei der Arbeit im Keller noch Stücke des alten Bunkers und erst mit schwerem Gerät war es möglich, die Überreste dieses Zeugnisses der unheilvollen deutschen Geschichte zu entfernen. Jahrelang zeugte eine Schutztür mit schwerem Riegel und Verjüngungen in den Wänden, die zum Freiklopfen zwecks Sauerstoffzufuhr erdacht waren, davon, dass in der Nummer 9 ein offizieller Luftschutzraum für die Sicherheit der Anwohner

In der Villa wohnte in den 50er Jahren Familie Reinhardt, ihres Zeichens eine Coburger Bratwurstbrater-Dynastie

sorgen sollte. Hermann Clauder jedenfalls blieb es erspart, sich mit einem Stellvertreter der neuen Machthaber gemeinsam im Keller vor Bombenangriffen schützen zu müssen. Er machte sich 1936 auf den Weg nach Hamburg, um in die Neue Welt auszuwandern. Auf der Passagierliste eines Schiffes mit Ziel New York verliert sich seine Spur. Einmal kurz noch taucht der Name des ehemaligen Besitzers jüdischer Abstammung auf. Als die Familie Carl, die mit insgesamt fast vierzig Jahren die längste Zeit in dem Haus wohnte, die Villa im Jahre 1958 von einem Amerikaner namens Clauder kaufte. Dem Sohn des damaligen Eigentümers, der die Nummer 9 im Jahre 1997 an die Familie Hofmann veräußerte, gefiel es im übrigen so gut in der Gegend, dass er sich, nur einen Steinwurf entfernt oberhalb des Hauses, in dem er aufwuchs, ein bestehendes Haus umbaute.

Und auch über den Mieter und Luftschutzwart von Berg, der mit seiner Frau und seinem Sohn noch bis zu diesem vorletzten Verkauf in der Villa wohnte, gibt es heute keine Dokumente mehr. In der Akte des Stadtarchivs fehlen zehn Seiten, die vielleicht Auskunft geben könnten. Eine im wahrsten Sinne heiße Spur findet sich dann aber doch noch. In der Villa wohnte nämlich in den 50er Jahren Familie Reinhardt, ihres Zeichens eine Coburger Bratwurstbrater-Dynastie. Jeder Einheimische und auch so mancher Verbindungsstudent kannte sie, die Anna Reinhardt, genannt Anni, die zusammen mit ihrer Schwiegermutter Rosa, genannt Marie, auf dem Markplatz Bratwürste briet. Hier im Haus wohnte sie in den fünfziger Jahren, zusammen mit den Schwiegereltern und der Schwägerin. Hier ist auch Tochter Gabriele aufgewachsen. Alle fünf bis sechs Tage waren die Frauen an der Reihe und machten sich auf den Weg zum Marktplatz. Die Kiefernzapfen für den echten Geschmack lagerten im Gartenhaus hinter der Villa. Die Bratwürste kamen von Coburger Metzgereien. Später hatte Anni sogar das Glück, einen eigenen Stand zu ergattern. Über 50 Jahre lang hat Anni Reinhardt im blauen Dunst in Coburgs guter Stube gestanden und gebraten und geschwitzt. Bis vor zwei Jahren. Da war Anni Reinhardt 80 und hat aufgehört mit dem Braten. Und so ungesund kann die Coburger Bratwurst gar nicht sein, wenn man die 83-jährige heute noch so sieht und hört. Jung gehalten hat sie die Bratwurst, sagt sie. In dem Gartenhaus, wo einst säckeweise die „Kühla“ lagerten, finden sich 2013 nun die Utensilien einer Familie mit drei Kindern: Sandspielzeug, Gartentisch und modernes Grillgerät, um die Bratwurst im heimischen Garten genießen zu können. Und ganz nebenbei: die zehnjährige Tochter des Hauses macht sich gar nicht so viel aus diesem Coburger Schmankerl. Dafür bewohnt sie aber das Turmzimmer im 1. Stock – ein Mädchentraum in rosa und weiß und einem ganz besonderen Schrank. Wandschränke an sich sind ja nichts außergewöhnliches, aber der Kleiderschrank von Nelli schon, denn er steckt in dem bereits genannten polygonalen Eckturm mit Zwiebelhaube. Will heißen, der Turm ist gar kein begehbarer Turm, sondern eine Zierde, die dem Baustil des reduzierten Historismus geschuldet ist und darunter finden Hosen und Pullover der Tochter des Hauses ihren zugegebenermaßen ganz besonderen Platz. Manchmal ist nichts so, wie es scheint. Heidi Schulz-Scheidt

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hier wohnten‌

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Für Fragen stehen wir Ihnen unter Tel. (09561) 9 73 45 00 sowie unter E-Mail info@zentrum-coburg.de zur Verfügung!

www.zentrum-coburg.de Foto: Martin Settele A u s g a b e 2 / M ä r z 2013

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Die Uhr mit den zwei Seiten

Die Grande Reverso Ultra Thin Duoface von Jaeger-LeCoultre Die Reverso ist eine Legende aus der Schweizer Luxus-Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre. Bereits 1931 kam sie auf den Markt – die Uhr mit den zwei Zifferblättern. Jetzt, zum 180. Firmenjubiläum, wird sie mit der Grande Reverso Ultra Thin Duoface neu aufgelegt.

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s gibt Spielzeuge, die nicht so günstig sind, die einem aber jeden Tag Freude machen. Für alle, die eben lieber mal ein kleines Auto fahren und dafür etwas Großartiges am Handgelenk tragen wollen, ist die aktuelle Neuheit aus dem Hause Jaeger-LeCoultre genau das Richtige. Eine Uhr, die sich im Gehäuseträger drehen lässt. Das war 1931 bei der Einführung der Reverso schon ein Meilenstein der Uhrengeschichte. Eine internationale Uhr, eine Uhr mit zwei Zeitzonen auf der Vorderund Rückseite. Die Entwicklung ging übrigens auf die Bedürfnisse der britischen Armee zurück. Die war damals in Indien stationiert, da war es schick,

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zwei Zeitzonen am Handgelenk zu tragen. Ein kleiner Handgriff – und man war in der Heimat. 1994 dann der nächste technische Quantensprung: Die Uhrmacher von Jaeger-LeCoultre entwickelten für die Reverso ein Uhrwerk, das beide Anzeigen auf den zwei getrennten Zifferblättern alleine ansteuern konnte. Eine Revolution. Man nannte das Prinzip ganz einfach Duoface. 2011, zum 80. Geburtstag der Reverso erwies Jaeger-LeCoultre mit der Grande Reverso Ultra Thin 1931 der legendären Uhr eine ganz besondere Ehre. Und jetzt, nur zwei Jahre danach, freuen sich Uhrenliebhaber auf der ganzen Welt über die Gran-

de Reverso Ultra Thin Duoface. Die kommt gerade mal auf gut 9 Millimeter Dicke. Und das mit zwei Zifferblättern, eine wahrhafte Meisterleistung. Ihre Besonderheit entfaltet die neue Reverso beim Umdrehen. Dann erscheint statt des weißen ein schwarzes Zifferblatt. Zum einen mit der Zeit­ zone in einer 12 Stunden-Anzeige und als besonderer Clou mit einer 24-Stundenanzeige und den Wörter „Night“ links und „Day“ rechts. So wird auch die neueste Auflage der Kultuhr aus dem schweizerischen Vallée de Joux ihrem Ruf als Uhr für den Mann von Welt wieder mehr als gerecht. Nicht nur wegen der schon angesprochenen mechanischen Meisterleistung, die sich in den wenigen Millimetern Uhrmacherkunst verbirgt, sondern vor allem auch wegen ihrer Ästhetik. Die Reverso verströmt seit jeher den Esprit des Art Deco. An ihrem Design hat sich seit den 30er Jahren nicht viel verändert, das wohl ist es auch, was Sammler so sehr an ihr schätzen. Typisch ist die schlichte

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Jaeger-LeCoultre Verzierung der Kanten, die einfache Linienführung des rechteckigen Gehäuses. Auch der Schriftzug REVERSO geht auf den aus den 30er Jahren zurück. Eine Reverso ist damit immer auch ein Klassiker der Designgeschichte. Das mechanische Uhrwerk mit Handaufzug, das Jaeger-LeCoultre Kaliber 854/1, setzt sich bei einer Höhe von nur 3,80 mm aus 180 Einzelteilen zusammen, seine Unruh schwingt mit einer Frequenz von 21.600 Halbschwingungen pro Stunde und ist hinsichtlich der Präzision und Zuverlässigkeit mit den neuesten Errungenschaften der Jaeger-LeCoultre-Forschung ausgestattet. Die Grande Reverso Ultra Thin Duoface ist zum einen in 18 Karat Rotgold-Version oder auch in Edelstahl erhältlich. Beide Versionen sind mit einem Armband aus schwarzem Alligatorleder mit einer zum Gehäuse passenden Schließe ausgestattet. Ob Schmuckstück, Geldanlage oder als besonderes Geschenk. Diese Uhr ist immer irgendwie zeitlos. Wer also etwas Großartiges am Handgelenk tragen möchte, sollte einfach ein paar Tausend Euro weniger in ein Auto, sondern lieber in eine Legende der Uhrmacherkunst investieren. Der Preis liegt nämlich bei 8.100,– € für die Version in Edelstahl und bei 15.800,– € für die in Rotgold. Foto: Jaeger LeCoultre

Manufaktur Jaeger-LeCoultre. 1833-2013. Die Erfinder des Vallée de Joux. Jaeger-LeCoultre ist seit 1833 ein wichtiger Akteur in der Geschichte der Uhrmacherei und feiert nun sein 180-jähriges Bestehen. Zu einer Zeit, in der die Schweizer Uhrmacherei noch von kleinen Heimwerkstätten geprägt ist, beschließen Antoine LeCoultre und sein Sohn Elie, die verschiedenen Fertigkeiten der Uhrmacherei unter einem Dach zu vereinen. LeCoultre & Cie wird so die erste Manufaktur im Vallée de Joux. Sie beherbergt heute die mehr als 180 verschiedenen Fertigkeiten, die für die Konzeption und vollständige Fertigung hochwertigster Uhren erforderlich sind.

Foto: Jaeger LeCoultre A u s g a b e 2 / M ä r z 2013

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Alle Fotos: Martin Settele

Er war ein Kultauto, der Camaro. Jetzt gibt es ihn wieder – auch als Cabrio.Wir sind mit ihm durchs noch winterliche Coburger Land gefahren.

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an kann ihm ja viel vorwerfen, aber eines nicht: dass er langweilig ist, der Chevrolet Camaro. Ein Auto, über das man streiten muss. Ein kompromissloses Fahrzeug und bestimmt nicht „Everybody’s Darling“. Ein Auto wie ein Halbstarker, angeberisch, protzig, ein bisschen ordinär. Ein Macho. Ein Auto, das säuft, raucht, so politisch unkorrekt ist, dass es schon wieder geil ist. Beim Camaro geht es weniger um Technik, da geht es um das Gefühl, wie ein Cowboy durch die Stadt zu reiten, sich ab und zu mit einem Tritt aufs Gaspedal Respekt zu verschaffen, wenn das sanfte Blubbern der 8 Zylinder in der 6-Liter-Maschine zu einem lauten Röhren mutiert. Im Camaro ist jeder ein Steve McQueen, cool, sexy, mit Sonnenbrille. Jede Straße wird zur Route 66, Freiheit, Abenteuer. Man redet nicht über den Verbrauch, denn wer Camaro fährt, dem geht es um ein Lebensgefühl, um Spaß. Natürlich kann man mit dem dicken Teil auch seine zwei Kinder in die Schule bringen und mit Mama danach noch einen Ausflug machen, aber als Familienkutsche eignet sich der Camaro wirklich nicht. Die Kinder bekämen zwar gehörigen Respekt von ihren Klassenkameraden, aber wer will schon sein Kindergeld durch den Auspuff jagen: Mit 14 Litern Verbrauch sollte man schon rechnen, allerdings nur wenn man lässig und entspannt durch Stadt und Land cruised. Wenn man die über 400 PS aber mal so richtig galoppieren und dabei jeden Porsche wie

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ein junges Pferd hinter sich lässt, säuft der Motor schon mal ein halbes Ölfeld leer. Zeitgemäß ist das sicher nicht. Aber schon ein gutes Gefühl, wenn einen die Beschleunigung auch jenseits der 100 Stundenkilometer noch in den Sitz presst. Da ist man ja noch fast im zweiten Gang, im dritten Gang geht es dann rauf bis auf gut 150, der vierte bis über die 200, und im Fünften hat man dann den Gipfel erreicht. Die A73 fliegt an uns vorbei. Der sechste Gang dient dann der Entspannung. „Mein Maserati fährt 210“ sang schon Markus in den 80er Jahren, da fängt der Camaro erst an, würde er sich nicht selbst bei knapp 260 abregeln. Aber eigentlich ist der Bolide ja nicht zum Rasen da, sondern will gezähmt wie ein wildes Pferd sanft blubbernd über die Straßen gleiten. Wir wählen eine kleine Kreisstraße und beenden unseren Ausritt. Wer Camaro fährt, hat auch ein Stück Auto­ geschichte unterm Hintern. Mitte der 60er Jahre entwickelte Chevrolet das Fahrzeug. Der Camaro sollte den erfolgreichen Ford Mustang zum Duell herausfordern und verschaffte sich schnell Respekt. Muscle-Cars nennt man solche Fahrzeuge, man könnte es nicht besser beschreiben. Im eigenen GM-Konzern bekam der Camaro dann noch vom Opel Manta Konkurrenz. Lang ist es her. Vier Generationen lang avancierte der martialische Muskelprotz zum Kult, doch im Sommer 2002 war erst einmal Schluss. Trotz guter Verkaufszahlen, trotz

des starken Markennamens. Schon damals aber war das Fahrzeug wohl nicht mehr zeitgemäß, neue Modelle wie SUVs drängten auf den Markt. 2005 dann der Rückfall im Hause Chevrolet: Auf der Detroit Motor Show stellte man ein Konzeptfahrzeug vor, das wieder sehr stark an die 60er Jahre erinnerte. Der Retro-Look kam an. 2009 wurde der Camaro wieder aufgelegt. 2011 dann auch als Cabrio. Mit dem Camaro in den Frühling, das ist nichts für die gestylte Fönwelle, für Bussi-Bussi und Prosecco; das ist kernig, bullig, bodenständig, selbstbewusst, ein ordentlicher Bizeps am nackten Oberarm kann nichts schaden. Ein Feeling für den ganzen Mann oder die ganze Frau. Kraft und Autorität braucht man, um die über 400 PS und die zwei Tonnen im Griff zu haben; wenn man durch kleine Gassen tuckert, ein Zucken im Fuß, und

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vorfreude auf den frühling schon schießt der Camaro davon. Dazu eine dunkle Sonnenbrille, um den vielen aufgeschreckten, neugierigen oder neidischen Passanten nicht zu tief in die Augen schauen zu müssen. Und damit genug der Klischees, die sich bei der Fahrt in einem Camaro aber wirklich mit jedem Kilometer bewahrheiten und von denen es noch einige zu erzählen gäbe. Ansonsten, mal ganz sachlich betrachtet, muss man sich dagegen von einigen Vorurteilen verabschieden: Die Verarbeitung nämlich braucht sich absolut nicht zu verstecken, auch wenn’s statt dem Plastikinterieur ein wenig mehr edler Purismus sein könnte; Fahrgefühl und Fahrkomfort sind prima, hart genug für einen Sportwagen, gleichzeitig so angenehm, dass man ohne Kreuzschmerzen gemütlich cruisen kann. Gut, dass die Amerikaner da ein bisschen nachgearbeitet haben. Und auch die Ausstattung kann sich sehen lassen: Einparkhilfe mit Kamera, Isofix-Halterung für die Kinder, ABS, ESP, Bordcomputer, elektrisch verstellbare Außenspiegel, Berganfahrassistent, Tempomat, Gurtkraftbegrenzer, ein vernünftiges CD-Radio für die Hits aus den 60er Jahren, Doppelrohrauspuffanlage aus poliertem Edelstahl (sehr wichtig). Das alles für nur etwa 45.000 €. Bei anderen Marken wäre man bei der Leistung und Ausstattung im sechsstelligen Bereich. Die Automatik kostet zwei Tausender mehr, empfiehlt sich aber nicht. Sonst sind keine Varianten des Cabrios auf dem Markt. Keine andere Motorisierung, keine andere Ausstattung, kein anderer Preis. Sonderausstattung gibt’s zwar auch, die Liste ist aber erfreulich kurz, es geht also nur um „Kauf mich oder lass mich ganz einfach in Ruhe“ – kompromisslos eben. Das einzige Ärgernis ist, dass man nach dem Öffnen des Verdecks eine Abdeckung darüber stülpen muss. Das geht heute eigentlich schon wesentlich komfortabler – aber sei’s drum. Während andere Designs austauschbar geworden sind, sich in CW-Werten überbieten, dem Mainstream hinterher hecheln, juckt das den Camaro alles überhaupt nicht, wahrscheinlich lässt ihn auch dieser Autotest kalt, so cool ist er, eigenwillig, spektakulär, kompromisslos. Er entzieht sich einem objektiven Urteil. Er ist ein harter Hund. Wenn man so etwas sucht, ist der Amerikaner genau das Richtige, um ins sommerliche Abendrot zu reiten, das Dach offen, den Arm lässig aus dem Auto hängend. Wenn es dann mal Sommer wird.

Technische Daten und Ausstattung

Chevrolet Camaro Verbrauch

10,2 l (außerorts) · 20,9 l (innerorts) · 14,1 l (kombiniert) Benzin

Hubraum

6200 cm3

Leistung

432 PS

Höchstgeschwindigkeit 250 km/h Preis

ab 39.900 € (Coupé), ab 44.990 € (Cabrio)

Wolfram Hegen

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SPIEL ZEIT 2012/2013

Roland Fister

Steht Sünde dem Menschen ins Gesicht geschrieben?

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Impre ssum

Coburger – Das Magazin Ausgabe 2 / März 2013 Erscheinungsweise viermal jährlich Auflage 5000 Stück www.coburgermagazin.de Verlag: Das Magazin Verlagsgesellschaft UG (haftungsbeschränkt) Seidmannsdorfer Straße 84 96450 Coburg Telefon: 01523.404.3021 Herausgeber und Chefredakteur: Wolfram Hegen info@das-magazin-verlag.de Herausgeber und stv. Chefredakteur: Peter Einheuser info@das-magazin-verlag.de Weitere Autoren dieser Ausgabe: Daniela Greschke Wolfram Porr Heidi Schulz-Scheidt Frederik Leberle Thomas Apfel Fotografen dieser Ausgabe: Frank Wunderatsch Henning Rosenbusch Val Thoermer Martin Settele Aaron Rößner Shutterstock, News5

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Aus der Haup t stadt

Der Monaco Franke Neues Aus Der Hauptstadt

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eder blamiert sich halt so gut er eben kann. Die in Berlin genauso wie die in München, Hamburg oder Stuttgart und ja, auch wir Franken. „Das kann ein bisschen länger dauern“, sagen die Kids zu ihrer Mutter, als die sie auffordert, das Legostein-Schlachtfeld im Wohnzimmer aufzuräumen. „Wir bauen einen Großflughafen.“ Ja, wer den Schaden hat … Auf Facebook und den diversen sozialen Netzwerken machen hämische Cartoons wie dieser, bitterböse Zeichnungen, spöttische Witze und Bemerkungen über das Berliner Flughafendesaster die Runde. Und wir Franken lachen mit! Dabei sind auch wir nicht von Preisexplosionen und hochnotpeinlichen Fehlplanungen verschont. Man denke nur an die Hofer Freiheitshalle, bei der die Kosten für die Generalsanierung im Laufe der Bauarbeiten von zunächst 25,9 auf inzwischen mehr als 36 Millionen Euro regelrecht durch die Hallendecke gegangen sind. Oder man schaue nach Würzburg, wo sich der Umbau des alten Getreidespeichers am Hafen zum sogenannten Kulturspeicher nur deshalb um einen mittleren sechsstelligen Betrag verteuert hat, weil die Glasfassaden so zugebaut wurden, dass sie nicht mehr gereinigt werden konnten. Auch was Terminverzögerungen und schlechtes Timing angeht, können wir Oberfranken mitreden – die Bayreuther können sogar (ha!) eine Arie davon singen. Mit dem Slogan „Bayreuth 2013 – da steckt Wagner drin“ wirbt die Stadt am Roten Main für ihr umfangreiches Kulturprogramm im Wagner-Jubiläumsjahr. Schließlich feiert man in diesem Sommer den 200. Geburtstag des Komponisten. Doch dieses Versprechen wird die Stadt kaum halten können. Sicher ist, dass in diesem Sommer zwar noch mehr Touristen in die oberfränkische Regierungshauptstadt kommen werden als sonst. Sicher ist aber auch, dass die sich richtig ärgern werden: über das zumindest in weiten Teilen geschlossene Richard-Wagner-Museum (zur Festspielzeit sollen für eine Ausstellung des Hauses der Bayerischen Geschichte über Wagners großen Gönner Ludwig II. jetzt wenigstens einige Räume zugänglich sein) und ein eingerüstetes Festspielhaus. Klar, musste

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man die „Villa Wahnfried“, das zum Museum umgewandelte ehemalige Wohnhaus des Meisters, schließen, wenn es nun mal renoviert werden soll. Doch ausgerechnet jetzt? Die Pläne dafür wurden seit Jahren immer wieder verschoben oder verzögerten sich unnötig aufgrund eines langwierigen Architektenwettbewerbs für einen Neubau auf der Hausrückseite und wegen eines Streits um die Kosten, der sich letztlich an der Frage aufhängte, ob das Museum auch ein Café beherbergen sollte oder wie jetzt beschlossen doch nur (man stelle sich das mal in den Pinakotheken vor) einen Getränkeautomaten. Ach Goddla naa! Klar ist das Baugerüst

©Leslie Murray 2012

am weltberühmten Festspielhaus für die Sicherheit der Besucher schlichtweg unabdingbar, wenn es ansonsten offenbar rote Backsteine auf die Fans von Parsifal, Tristan und Isolde regnen würde. Aber war nicht schon viel länger bekannt, dass die Fassade des Opern-Mekkas am Grünen Hügel bröckelt und dringend etwas getan, sprich investiert werden muss? Auch darüber streiten inzwischen die Parteien – Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe auf der einen, ihre politischen Gegner und die Wagnerianer auf der anderen Seite. Dass das gerade erst zum Weltkulturerbe erklärte Markgräfliche Opernhaus

derzeit ebenfalls restauriert wird und das ganze Jahr über geschlossen bleibt, macht den Image-SuperGAU für die Wagnerstadt noch perfekt. „Kumm i heid ned, kumm i morgen“ könnte man die Bayreuther Posse auf gut Fränkisch überschreiben. Denn obwohl das alles (das Jubiläum genauso wie der Renovierungsbedarf) genau so überraschend kam wie die Tatsache, dass Heiligabend auch dieses Jahr auf den 24. Dezember fällt, ist man geneigt von einer gewissen „Wurschtigkeit“ zu sprechen, die uns Franken ja manchmal zu eigen ist. Im Januar hat nun Finanzminister Markus Söder (gut, der Mann ist Franke und muss im Zweifelsfall zahlen, aber warum eigentlich nicht Kunstminister Wolfgang Heubisch?) Bayreuth einen Betroffenheitsbesuch abgestattet und sich für eine Komplettsanierung ausgesprochen. Söder sagte bei seiner Ortsbegehung wörtlich: „Flickschusterei fände ich für Bayreuth nicht gut. Was in München möglich ist, muss auch in Bayreuth möglich sein.“ Schön und gut, aber niemand sollte sich zu früh freuen. Wenn es wie auf Flaschen auch einen Pfand auf leere Versprechungen gäbe, Franken wäre wohl das mit Abstand reichste Land weit und breit! Zugegeben: Der Freistaat hat immerhin bisher als einziger der drei Festspiel-Gesellschafter konkrete Zahlungsbereitschaft signalisiert. Dabei ist von 16 Millionen Euro die Rede, die bis 2020 bereitgestellt werden sollen. Söders Ministerkollege Heubisch schiebt den Schwarzen Peter derweil sowohl beim Stillstand in der Frage der Festspielhaussanierung, die nach vorsichtigen Schätzungen in etwa das Dreifache der genannten 16 Millionen Euro verschlingen dürfte, wie auch beim Umbau des Richard-Wagner-Museums dem Bund zu. Berlin erhebe „gigantische Auflagen“ und tue gerade so, „als wären wir hier in einer Bananenrepublik“, so der FDP-Politiker – sich im Moment seiner Äußerung möglicherweise nicht dessen bewusst, dass seine Liberalen im Bund (noch) mit in der Regierungsverantwortung stehen. Aber zurück nach München: Die alte PR-Weisheit „bad news are good news“ im Hinterkopf, schaut man hier fast schon ein klein wenig neidisch auf die Pannenherde der Republik. In Berlin haben sie den Großflughafen, Hamburg schreibt die nicht enden wollende Geschichte der nach wie vor nur halbfertigen Elbphilharmonie. Selbst die Schwaben

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auf ein wort

haben mit ihrem unterirdischen Bahnhof „Stuttgart 21“ ein Pfund, mit dem sie wuchern können und mit dem sie seit vielen Monaten die Schlagzeilen füllen. In der bayerischen Landeshauptstadt kann man an der Stelle gerade nicht mithalten („Zefix!“). Nicht weil es keine Großprojekte gäbe. Nur die nehmen sich gegenüber den Genannten geradezu bescheiden aus. Für den Bau der dritten Startbahn für den Flughafen Franz Josef Strauß, der sicherlich ein gewisses Pannenpotenzial gehabt hätte, haben ihnen die Wähler bei einem Bürgerentscheid jüngst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch aus der Austragung der Olympischen Winterspielen 2018 ist ja nun nichts geworden – da hat das südkoreanische Pyeongchang den Münchnern die Show gestohlen. So bleiben ein relativ neues, aber leider asbestverseuchtes Justizzentrum, eine an der gleichen „Krankheit“ leidende Neue Pinakothek (geschätzte Renovierungskosten: 60 Millionen Euro) oder die von Eitelkeiten und einer gewissen Großmannssucht geleitete Diskussion um eine neue Konzerthalle. Soll noch einer sagen, die „Preißn“ - also in diesem Fall die Hamburger - würden die Münchner nicht inspirieren! Ein Projekt gibt es noch, und das hat vielleicht am ehesten das Zeug dazu, „PR-technisch“ mit Berlin oder zumindest Hamburg Schritt zu halten: der zweite S-Bahntunnel quer durch die Münchner Innenstadt. Hier streiten Stadt, Land und Bund ebenfalls seit Jahren darum, wie die zunächst veranschlagten Kosten in Höhe von rund 2,2 Milliarden Euro verteilt werden sollen. Kürzlich verkündete Ministerpräsident Horst Seehofer den „Durchbruch“, nachdem man sich an ein vergessenes Darlehen der Stadt an die Flughafen München GmbH erinnert hatte, das man sogleich zurückforderte. Doch kaum schien alles geklärt, rechnete die Bahn in einem internen Bericht vor, dass die voraussichtlichen Kosten deutlich höher sein werden als angenommen. Das Verkehrsministerium zeigte sich überrascht, woraufhin die Bahn ihre Meinung höflich revidierte. Dabei hatte sie ihre Prognose gut begründet: mit Planungsfehlern, die neue Investitionen und zusätzlichen Bauaufwand nach sich ziehen dürften. Ein Schelm, wer jetzt Böses dabei denkt, gell?!

Neben mir brennt ein Auto. Jemand schreit. Sirenen tösen. Ich erinnere mich an die Schlacht von Ermershausen, damals 1978. Wir hatten das Rathaus besetzt, Barrikaden errichtet. Wollten selbständig bleiben. Die Gebietsreform der CSU wollte uns unterjochen, uns zu einem Teil von Maroldsweisach machen. Doch wir wehrten uns. Es war ein Krieg der Bürger gegen den Staat. Wir waren ein Rebellendorf, das letzte, das sich gegen die Münchner Diktatur stemmte. Bis die Polizei mit mehreren Hundertschaften Ermershausen stürmte und uns besiegte. Was war das für eine Schmach. Wir hatten verloren. Ich zog weg damals. Nach Neustadt bei Coburg. Die hatten schon lange ihren Frieden gemacht mit der Gebietsreform. Gehörten seit 1972 dem Landkreis Coburg an. Dafür durften sie sich Große Kreisstadt nennen. Das war der Deal. Hinter Neustadt war die Grenze zur DDR. Hier war die Welt zu Ende. Hier konnte ich mich einigeln, zur Ruhe kommen. Bis 1989 die Grenzen aufgingen. Damit begann das ganze Elend. Ich lernte eine Sonnebergerin kennen, wir heirateten, zogen nach Thüringen. Dort holte mich die Geschichte wieder ein. Jetzt wieder dieselben Bilder. Wieder brennt neben mir ein Auto. Wieder schreit jemand, tösen Sirenen. Dieses Mal stehen uns Polizisten aus Erfurt gegenüber. Hunderte. Tausende. Ich kämpfe an der Seite der Division Sonneberg der Truppen des Großkreises Coburg. Ich höre eine knarrige Stimme aus dem Volksempfänger. Der Schutzwall am Rennsteig steht wie eine Eins. Dieses Mal werde ich nicht verlieren, dieses Mal ist alles anders. Dieses Mal werden wir uns unsere Unabhängigkeit erkämpfen, uns vom Joch Thüringens befreien. Dieses Mal wollen wir nach Bayern, ins gelobte Land. Wir Sonneberger, Steinacher, Suhler, Hildburghauser. Und die Coburger kämpfen mit uns. Das Herzogtum hält zusammen. Dieses Mal werden wir gewinnen. Dieses Mal…. Es klingelt. Sechs Uhr früh. Zeit zum Aufstehen. Meine Faust, mit der ich gerade zum Schlag ausholen wollte, löst sich. Ich frühstücke, fahre zur Arbeit nach Coburg. Um Neustadt mache ich einen weiten Bogen. Die gehören jetzt nicht mehr zu Coburg dazu. Haben NEC als Kennzeichen. Aber immerhin: sie haben ihren Freiheitskampf gewonnen. Ich hätte dort bleiben sollen. Oder in Ermershausen: die wurden 1994 wieder selbstständig. Man darf nur nicht aufgeben.

An dieser Stelle laden wir Coburger und Nicht-Coburger, Zu- oder Abgereiste herzlich ein, ihre Meinung kundzutun. Hier in unserem Magazin. Wenn Sie etwas zu sagen haben, sprechen Sie uns an.

Schätzla, schau wie iech schau! Für den Coburger von Wolfram Porr

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Coburger | Das Magazin erscheint wieder im Juni 2013. Anzeigenschluss ist am 10. Mai 2013

Über den wolken

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Ohne Worte

...Und das zum Schluss Gutes Benehmen liegt im Verbergen dessen, wie viel wir von uns selbst und wie wenig wir von anderen halten.

Mark Twain Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte. Für die Tapferen ist sie die Chance.

Victor Hugo Männer, die behaupten, sie seien die uneingeschränkten Herren im Haus, lügen auch bei anderen Gelegenheiten.

Mark Twain Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie die Intelligenz. Jeder ist der Meinung, er hätte genug davon.

René Descartes

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