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Nachg e s p i e l t

Die Flamenco-Kadenz Teil 2

Improvisiert -26

3 Track 2

Von Franz Holtmann

Wie schon im ersten Teil zum Thema Improvisation im Kontext der Flamenco-Kadenz angedeutet, handelt es sich bei dieser Akkordkonstellation um eine gesetzte Form, die uns hier aber nicht im streng traditionellen Sinne interessiert, sondern eher als Anlass zur freien Melodiefindung dienen soll. Die drei Dur-Akkorde stehen, wie wir dort auch sehen konnten, in enger Verwandtschaft zum C-Dur-Tonraum und es braucht nur die zusätzliche Note G# (in diesem Fall zur C-Dur-Grundtonleiter), um dem dominanten Angelpunkt E-Dur gerecht zu werden (Skalen siehe Folge 1 in AG 4/00). G-Dur und F-Dur werden also nicht wie gewohnt in das C-Dur zurückgeführt, sondern lösen sich zum E-Dur hin auf. Nun ist aber die Auflösung in einen Dominantakkord eher das Fegefeuer, keinesfalls jedoch der selige Himmel, und so bleibt etwas geisterhaft Getriebenes, Unvollendetes in allen melodischen Bemühungen um Befriedigung. Da wir also nicht ankommen, sind wir gezwungen, weiter und weiter zu gehen. Die Suche nach immer wieder neuen Wegen innerhalb der engen Grenzen erschließt stetig neue Möglichkeiten, und obwohl wir uns ständig im Kreis bewegen, gibt es schöne Zwischenergebnisse, wenn man denn Spaß am Reisen hat. Improvisation heißt eh, dass man mit den Mitteln umgehen muss, die einem zur Verfügung stehen, und da ist es wie im Leben sonst auch: Nicht jeder, der viel redet, sagt auch viel. Zurück zu unseren Vokabeln. Das E als Teilziel (wie die Bergwertung bei der Tour de France) spielt also die Hauptrolle in der FlamencoKadenz, und als Note kann es den übrigen Akkorden beigegeben werden, was zu einem einigenden Bordun führt. Abb. 1 zeigt die Standardakkorde und Abb. 2 die Folge mit gleich bleibender Oberstimme (E), die sich geschmeidig in das Geschehen einfügt, aber natürlich jeweils eine zusätzliche Funktion einnimmt.

Bei G-Dur wird die zusätzliche Note E zur großen Sext bzw. zur nominellen 13, bei F-Dur übernimmt sie die Funktion der großen Septime bzw. maj7 (j7). Allein mit diesen Akkorden kann man nun schon seinen Spaß haben. Die lassen sich in allerlei rhythmischen Figurationen und formalen Konstellationen frei gruppieren – einzige Bedingung ist die formale Bindung, also eine rhythmisch-metrische Ordnung. Da gilt es

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nun, etwas zu probieren, aber da wir uns allesamt nicht außerhalb der Gesellschaft bewegen (nehm ich einfach mal an) und die Ohren auch nicht abschalten können, so erschließt sich das unüberhörbare iberische Kolorit der Kadenz von ganz allein. In der Akkordfolge von Abb. 1 kann der Zeigefinger optional aufgehoben werden, was für ein bunteres Treiben sorgt. Die leere B-Saite nimmt zu G zwar nur die schon gegebene Quinte ein – kann trotzdem für Bewegung sorgen und zum F entsteht dadurch die spannende #11, also die lydische übermäßige Quarte. Jetzt aber bloß nicht verkrampfen, warum das so ist, muss man nicht unbedingt wissen, um dennoch damit arbeiten zu können – Ausprobieren und Zuhören ist Trumpf!

Gelegentlich fehlen auftaktige Noten und Zielnoten bzw. Zielakkorde, die auf der zugehörigen CD zu hören sind; die gilt es logisch zu ergänzen! (Abb.3)

Die folgenden Beispiele zeigen darüber hinaus noch den ein oder anderen Weg, Melodien in dem vorliegenden Kadenzmodell zu finden.

Das folgende Beispiel zeigt eine achttaktige Form, die jeweils am Ende durch 16tel „verdichtet“ wird; auch die Akkorde verstärken diesen

Gern spielt man einen 6/8tel-Takt unter die spanischen Akkorde, dessen Akzente, wie im vorangestellten Beispiel zu sehen, auf den jeweiligen Zählzeiten 1 und 4 bei taktweise durchgezählten 8teln liegen. Die „falschen“ Noten in Takt 5 und 6 beweisen, dass alles nur eine Frage der richtigen Auflösung ist, um gut zu klingen. In diesem Sinne lässt sich wirklich jede Note als Durchgangs- oder Vorhaltston nutzen. Abb. 4 zeigt die gleiche Rhythmik mit Fingersatz für die Melodie in der IV./V. Lage; (Abb. 4).


Eindruck. Zu erwähnen noch die punktierten Viertelnoten in der zweiten Hälfte, die zu einem interessanten Versetzmuster führen (Abb. 5)

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Zum Schluss noch ein Frage- und Antwortspiel. Die Achtelnoten werden offen gespielt, die 16tel gemutet (neudeutsch = abgedämpft). Achte auf die Akkorde, die teilweise um ein Achtel versetzt gespielt werden (muss aber nicht). Sind doch nur Beispiele als Ausgangspunkt für eigene Exkursionen. Guten Flug! (Abb. 6).

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Workshop Improvisiert von Franz Holtmann aus AG 2-2001