Denk Edition 2 | 2022 - Seebrunnerkreis

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Quo vadis? SEEBRUNNER KREIS | Edition 2 | 2022


Die wichtigsten Innovationen sind jene, die das Denken verändern. Prof. Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger


VORWORT

Die Zukunft verpflichtet sich die Abwärtsspirale nur noch rascher. Eine Umkehr ist nur möglich, wenn auf allen Ebenen strategische Prozesse in Gang gesetzt werden. Die Politik muss als Hüterin der Rahmenbedingungen schnell mutige Entscheidungen treffen. Konzertierte Anstrengungen von Führungskräften, HR-Managern und qualifizierten Coaches sind erforderlich. Schon in der Schule müssen junge Menschen im Hinblick auf ihren späteren Einstieg ins Berufsleben professionell beraten und intensiv begleitet werden. Es braucht eine neue Willkommenskultur in den Betrieben, Wertschätzung und Angebote, um Freizeit, Familie und Beruf gut vereinbaren zu können. In Anbetracht der mannigfaltigen Herausforderungen haben wir diese Ausgabe dem mutigen Blick in die Zukunft gewidmet und die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts in den nächsten zehn Jahren als Schwerpunktthema gewählt. Die Zukunft verpflichtet und so möchten wir Sie mit den Denkimpulsen in diesem Magazin dazu einladen, nicht in Verzagtheit zu versinken, sondern gemeinsam mit uns proaktiv, von Mut und Visionen getragen, die Zukunft zu gestalten. Lassen Sie uns Krisen als Chancen begreifen, um gemeinsam im Generationendialog unsere Wirtschaft zukunftsfit zu machen. Die Notwendigkeit liegt auf der Hand und wie der deutsche Aphoristiker Michael Richter schon einst festhielt, gilt: Wir sind unsere einzige Chance.

Foto: Neumayr/LEO

An Krisen mangelt es uns wahrlich nicht. Die vergangenen Jahre haben einen Dauerkrisenzustand beinahe schon zur Normalität werden lassen und selbst der größte Optimist stößt bei den gegenwärtigen Entwicklungen an Grenzen. Der mittlerweile höchst prominente Begriff der Resilienz weicht langsam einer anhaltenden Verzagtheit – auch in der Wirtschaftswelt. So haben die herausfordernden Umstände der vergangenen Jahre nicht zuletzt auch das Verständnis von Arbeit verändert. Der bereits vorhandene Fachkräftemangel wurde durch die jüngsten Entwicklungen verstärkt. Bei der Mitarbeitersuche hat sich der Spieß umgedreht: Mittlerweile müssen sich Unternehmen bei potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten bewerben. In diesem Prozess werden auch Unterschiede der „Gen Z“ sowie der „Millennials“ zur bestehenden Arbeitnehmerschaft immer deutlicher: Laut neuesten Studien beschäftigen Erstgenannte einerseits vor allem finanzielle Sorgen und ein Gefühl des Dauerstresses, nicht zuletzt verschärft durch die Vielzahl der Krisen. Andererseits stellen sie hohe Ansprüche an den Arbeitgeber und definieren ihre Zielmatrix neu. Ein Fokus auf Mental Health, eine Übereinstimmung des Wertebilds, flexible Arbeitszeitmodelle, die Work-Life-Balance und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Thematik des Klimawandels stellen das Minimum im bewerberseitigen Forderungskatalog gegenüber Unternehmen dar. Auch die makroökonomischen Rahmenbedingungen haben die Einstellung verändert, wie Teilnehmer unserer Workshopreihe „Quo vadis, Salzburg“ es beschrieben haben: Viele junge Leute wollen nur mehr 30 Stunden pro Woche arbeiten. Eine der Begründungen: „Mehr lohnt sich nicht, weil mit dem zusätzlichen Geld wenig anzufangen ist, was die Lebensfreude erhöht.“ Es habe keinen Sinn zu sparen, da das Geld durch Nullzinspolitik und Inflation jedes Jahr real weniger wird. Ergänzend stellt die durch die Ukraine-Krise weiter steigende Teuerungsrate immer mehr Haushalte vor Existenzprobleme. Exorbitant hohe Lohnnebenkosten erschweren Gehaltssteigerungen als probates Gegenmittel. Die Veränderung der Zielmatrix hat signifikante und bereits spürbare Auswirkungen auf den Standort. Eine Wirtschaft, die trotz Krise Vollbeschäftigung vorweisen kann und massiv unter Fachkräftemangel leidet, kommt immer mehr in Bedrängnis. Wenn man mit Unternehmern spricht, klingen häufig Frust und Resignation durch. Doch mit dieser Einstellung dreht

Harald Ronacher Kurator und Vorstandssprecher des Seebrunner Kreises


06 Globalisierung trifft Lokalisierung. Wie sinnvoll ist eine Ressourcenverlagerung nach Europa?

18 Wie sich die Generationen Y und Z das Arbeitsleben der Zukunft vorstellen.

56 Die Digitalfakultät: Ein Booster für Alma Mater und Wirtschaft.


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WIRTSCHAFT

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GLOKALISIERUNG Globalisierung trifft Lokalisierung. Wie sinnvoll ist „Made in Europe“?

RÜCKGRAT S-LINK Salzburgs wichtigstes Nahverkehrsprojekt geht in die nächste Planungsphase.

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FERNER KONTINENT Über die chancenreiche Beziehung von Europa und Afrika.

ZUKUNFTSKONFERENZ Was von der „Konferenz zur Zukunft Europas“ zu erwarten ist.

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FOKUS AUF DEN WESTBALKAN Zum EU-Beitritt der Westbalkanstaaten.

NEW WORK – ALLES ANDERS? Wie sich die Generationen Y und Z das Arbeitsleben der Zukunft vorstellen.

BIG 5

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STANDORTRESILIENZ Die Bedeutung der Widerstandsfähigkeit. Wo in Salzburg Nachholbedarf besteht.

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BREMSE ÜBERREGULIERUNG Erreichbare Ziele als Motivation für große Veränderung.

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INVESTITIONEN IN DIE BILDUNG Kernthemen der Zukunftsfähigkeit von Salzburger Unternehmen.

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MARKETING FÜR DEN STANDORT Versteckt hinter Kultur und Tourismus: Die Hidden Champions der Salzburger Industrie.

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MASTERPLAN FÜR DIE ENERGIEPOLITIK Infrastruktur, Bildung, Forschung und Entwicklung als Bausteine der Zukunft.

VORDENKER

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WENDEPUNKT Die Zeichen unserer Zeit stehen auf Wende – in allen Bereichen.

POLITIK

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KULTUR

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ASTREINES DESIGN Vom Balkonhochhaus zum Tiny House in den Bäumen: Mit kreativen Bauideen in die Zukunft.

WISSENSCHAFT

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DIE NEUE DIGITALFAKULTÄT Einzigartige Universität: Ein Booster für Alma Mater und Wirtschaft.

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SICHERE VERBINDUNG VON SYSTEMEN Wie die FH Salzburg für die Zuverlässigkeit komplexer Anwendungssysteme sorgt.

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CYBERCRIME Mit Experimenten, Bestandsaufnahmen und Statistiken gegen Cyberangriffe.

MITDENKER

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UNKULTUR DER GNADENLOSIGKEIT Verführerisches Tool Internet. Wie die Macht sozialer Medien ausgenutzt wird.

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FRAMERS Buchtipp: Wie wir bessere Entscheidungen treffen können.

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INFLATIONSGESPENST Buchtipp: Eine Weltgeschichte von Geld und Wert.

CONTRAPUNKT

STANDORTSTRATEGIE WIRD ÜBERARBEITET Über die Rolle der Salzburger Politik im Zeitalter des Umbruchs.

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RAUM NEU ORDNEN Landesrat Sepp Schwaiger über neue Planungsinstrumente im Land Salzburg.

VERTRAUEN IN ALGORITHMEN Wohin führt die Ausweitung künstlicher Intelligenz? Ein zukunftsweisender Diskurs.

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CLUBLEBEN


Foto: unsplash.com

WIRTSCHAFT


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Glokalisierung Nach zwei Jahren Pandemie und mit einem Krieg vor der Haustür wissen wir, was Lieferketten sind und wo wir Europäer unsere Abhängigkeiten haben. Durch den Druck der Ereignisse ist ein Kofferwort modern geworden: Glokalisierung. Zusammengesetzt aus Globalisierung und Lokalisierung.

Die Wirtschaft klagt über fehlende Mikrochips und explodierende Rohstoffpreise. Wir erleben, was es heißt, von einem Land bei den Erdgas- und Erdöllieferungen abhängig zu sein, welches gegen ein Nachbarland einen blutigen Krieg führt und deshalb mit heftigen Wirtschaftssanktionen belegt wird. Der Handel mit Nickel wurde an der Rohstoffbörse in London im März ausgesetzt, weil der Preis für eine Tonne an einem einzigen Tag um 50 Prozent auf über 100.000 Dollar gestiegen ist. Die Liste der Verwerfungen ließe sich beliebig fortsetzen. Die Menschen haben sich in der Pandemie dem „Cocooning“ verschrieben, sich also in ihr häusliches Ambiente zurückgezogen. Die Überlegung liegt nahe, Gleiches in der Wirtschaft zu versuchen. Ganz neue Anglizismen kamen in Mode: „Repatriation“ oder „Reshoring“ beschreiben den Prozess, Produktionen wieder zurück in sichere Gefilde zu holen. Was betörend klingt und leicht gesagt ist, ist freilich schwer getan. Wir haben über das Thema mit Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der Wirtschaft gesprochen, Studien gelesen und bei Adam Smith nachgeschlagen. Der im 18. Jahrhundert lebende Schotte ist der Begründer der modernen Nationalökonomie. 1776 erschien sein Opus magnum „The Wealth of Nations“, das ihn berühmt machte und dessen zentrale Thesen auch heute noch ihre Relevanz haben. Wohlstand, so schrieb er damals, entstehe durch Arbeit und Handel. Jeder Mensch solle das erzeugen, was er am besten könne. Durch Arbeitsteilung und Handel würden alle profitieren.

FIW: NUR STRATEGISCHE INDUSTRIEN ZURÜCKVERLAGERN Der Forschungsschwerpunkt Internationale Wirtschaft (FIW) hat jüngst eine Studie publiziert, inwieweit der Außenhandel Österreichs und der EU gegenüber globalen wirtschaftlichen Schocks wie der Coronapandemie anfällig ist. Das Ergebnis: Ein Drittel der ausländischen Importe sind „risikobehaftete“ Produkte, d. h. Produkte, die im Falle von Handelsturbulenzen ein erhebliches Verfügbarkeitsrisiko darstellen. Vor allem der Hightech-Sektor und die medizinische Versorgung sind von Lieferungen aus China abhängig. „Nichtsdestotrotz haben sich die globalen Wertschöpfungsketten als widerstandsfähig erwiesen“, schreiben die Wirtschaftsforscher und erinnern auch daran: „China hat Europa mit seinen enormen Produktionskapazitäten durch die Pandemie geholfen.“ CONCLUSIO DER STUDIE Eine generelle Verlagerung risikoreicher Produktionen nach Europa ist wirtschaftlich nicht tragfähig. Stattdessen sollte das globale Handelssystem gestärkt werden, um im Falle externer Schocks widerstandsfähiger zu sein. Nur strategische Industrien sollten zurück nach Europa verlagert werden.


Foto: Eva trifft Fotografie

Foto: Gössl

WIRTSCHAFT

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Links oben: Maximilian Gössl Links unten: Manfred Rosenstatter Rechts: Irene Schulte

EUROPÄISCHER WOHLSTAND BERUHT AUF ARBEITSTEILUNG Die Geschäftsführerin der Salzburger Industriellenvereinigung, Irene Schulte, greift die Argumente Adam Smiths auf: „Die internationale Arbeitsteilung ist sinnvoll, der europäische Wohlstand beruht darauf. Wir können die Globalisierung nicht zurückdrehen, das zu versuchen wäre kontraproduktiv.“ Grundsätzlich wäre es zwar erfreulich, wenn Produktionen zurück nach Europa und Österreich geholt werden könnten, dazu müsste allerdings die Wettbewerbsfähigkeit durch Investitionen in F&E, Digitalisierung, Fachkräftequalifikation und die Senkung der Steuer- und Abgabenquote erhöht werden. Obwohl eines der Ziele des aktuellen EU-Lieferkettengesetzes ein „Level Playing Field“ ist, sei zu befürchten, dass die Wettbewerbsfähigkeit durch das EU-Lieferkettengesetz verschlechtert wird, warnt Schulte. Geplant ist, dass Unternehmen nachweisen müssen, dass bei Vorlieferanten die Menschenrechte, soziale und Umweltstandards eingehalten werden. „Eine Kontrolle der gesamten Wertschöpfungskette im EU-Ausland ist unzumutbar. Der Mittelstand kommt mit den weitreichenden Vorstellungen und geplanten Haftungen an seine Grenzen“, stellt die IV-Geschäftsführerin fest.

Bei der Auslagerung von Tätigkeiten, die in Hochlohnländern aus Kostengründen nicht mehr durchgeführt werden können, seien Strategien der Diversifizierung bei den Zulieferern, und zwar bezogen auf einzelne Betriebe wie auch Regionen, notwendig. Ein drastisches Beispiel, wie zu geringe Diversifikation bei den Zulieferern massive Probleme erzeugen kann, sind die Kabelbäume für die Autoindustrie. Über diese Kabelbäume verlaufen heute alle erforderlichen Daten und Vernetzungen in modernen Fahrzeugen. Problematisch ist nun, dass aktuell die überwiegende Produktion in der Ukraine erfolgen sollte, welche aus Kostengründen von Rumänien dorthin verlegt wurde. Dieses Beispiel und viele weitere, die in der Coronakrise den Nachschub versickern ließen, hätten gezeigt, dass Produktionslinien „nicht so rasch aus dem Boden gestampft werden können“, sagt Irene Schulte. Nicht zuletzt deshalb, weil Knowhow, das anderswo auf der Welt vorhanden ist, erst aufgebaut werden muss. Dazu kommen noch langwierige Genehmigungsprozesse, die einem raschen Reagieren entgegenstehen. Ein möglicher Weg, um wettbewerbsfähig zu bleiben, ist die Verlagerung der Produktion von Komponenten: Diese können an einem Standort außerhalb Österreichs in eigenen Firmen


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hergestellt und anschließend in den Stammwerken zusammengesetzt werden. Auf diese Weise hat es etwa Palfinger geschafft, zu wettbewerbsfähigen Preisen maßgeschneidert Kräne anzubieten. Das Erfolgsrezept ist bedauerlicherweise auch durch einen Krieg auszuhebeln, wie das jüngste Beispiel zeigt: Viele Unternehmen ziehen sich aus Russland zurück und müssen ihre Investitionen großteils abschreiben. Ein weiteres zu evaluierendes Risiko ist die Abhängigkeit von Vorprodukten, weiß Irene Schulte. Drastisches Beispiel ist die Chipindustrie. Dort gab es Fehleinschätzungen bezüglich der benötigten Mengen – unter anderem im Bereich alternativer Antriebstechniken. Die Produktion kann bei derartigen Nachfrageüberhängen nicht rasch genug hochgefahren werden. Erschwert wird die Planbarkeit zudem durch die Abhängigkeit von knappen Rohstoffen. Hier nennt Schulte ein Salzburger Beispiel, wie Reshoring (also das Zurückholen von Produkten in das nähere Umfeld des jeweiligen Unternehmens) und gelebte Regionalität wirken: Das Familienunternehmen Adler Pharma im Pinzgau bezieht seine medizinischen Kräuter aus der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz).

INVESTITIONEN IN DIE TIEFE DER PRODUKTION Alles selbst zu machen ist nicht so einfach. Auch jene Unternehmen, die seit vielen Jahren eine hohe Wertschöpfungstiefe als Konzept verfolgen, wissen, welch hoher Anstrengung es bedarf, das auch umzusetzen. Irene Schulte nennt hier die Firmen Windhager und Hagleitner als Beispiele aus den Branchen Metall und chemische Industrie. Hohe Fertigungstiefe ist das Erfolgsgeheimnis bei der Windhager Zentralheizung GmbH, einem innovativen Familienunternehmen in Seekirchen, das mit eigener Entwicklung Maßstäbe bei schadstoffarmen Heizungen setzt. Ob bei Kabelbäumen, der Blechfertigung oder in der Schweißerei – es wird fast alles selbst gefertigt. Den Fachkräftemangel spürt man auch bei Windhager, weshalb im Herbst eine der modernsten Kesselschweißroboteranlagen in Betrieb gehen wird. Bei der Hagleitner Hygiene International GmbH im Pinzgau wurde die Dienstleistungspalette über eigene Vertriebsnetze ausgebaut und seit Beginn der Pandemie die Herstellung von Desinfektionsmitteln verstärkt, die für die eigenen Spender mitgeliefert wurden.


WIRTSCHAFT

REKRUTIERUNG VON FACHKRÄFTEN AUS ANDEREN WIRTSCHAFTSBEREICHEN Dem Fachkräftemangel hierzulande, den Maximilian Gössl im Gespräch mit DENK anschaulich als Bremse bezeichnet, versuchen viele Unternehmen entgegenzuwirken, indem sie sich nach Personal in anderen Branchen umsehen, das umgeschult werden kann. Darunter leidet derzeit der Tourismus besonders. Fertigkeiten, die sich in der Industrie nutzen lassen, bringen aber auch Fachkräfte aus anderen Sparten mit. Irene Schulte nennt das Flachgauer Unternehmen Sigmatek als Beispiel: Bei der Produktion von Automatisierungssystemen – im Speziellen bei der Herstellung von Elektronikteilen – können zum Beispiel die manuellen Fertigkeiten von Friseurinnen und Friseuren sehr gut eingesetzt werden. Die Lehre Schultes daraus: „Es lohnt sich, in anderen Branchen nach handwerklichtechnischen Fertigkeiten zu suchen.“ KEINE RÜCKKEHR IN DIE KLEINSTAATEREI Der Rückfall in eine Kleinstaaterei ist aber aus volkswirtschaftlichen und vielen anderen Gründen sinnlos. „Wenn wir vom Zurückholen von Produktion reden, dann ergibt das nur Sinn, wenn wir dabei in größeren staatlichen Einheiten – etwa der Europäischen Union – denken“, ist der Trachtenhersteller Maximilian Gössl überzeugt. Er leitet das 1947 gegründete Unternehmen in dritter Generation. Heute sind 100 Mitarbeitende in Produktentwicklung und Handel beschäftigt. Gefertigt wird allerdings nicht mehr in Österreich. Aus einem einfachen Grund: „Tracht verlangt hohe Handwerkskunst beim Nähen, hierzulande gibt es aber schon lange keine ausreichende Zahl an Fachkräften mehr, die das beherrschen.“ Deshalb wurde bei Gössl die Erzeugung der hochwertigen Kleidungsstücke in umliegende Länder, insbesondere nach Ungarn, ausgelagert. Die Qualitätssicherung bei den mittelständischen Partnerbetrieben erfolgt durch eigene Expertinnen und Experten vor Ort. Dadurch war das Traditionsunternehmen bislang weder durch Corona (außer durch Produktionsunterbrechungen wegen Quarantänemaßnahmen) noch durch den Krieg von einer Unterbrechung der Lieferketten betroffen. Deshalb sagt Maximilian Gössl auch voller Überzeugung: „Solange wir in Europa noch vernünftige Bedingungen für die Fertigung vorfinden und genügend Fachkräfte bekommen, wollen wir unsere Modelle quasi vor der Haustür herstellen. Die Entwicklung der Kollektionen und die Qualitätssicherung werden immer in Salzburg bleiben. Das ist unsere Kernkompetenz.“

FACHKRÄFTEMANGEL TREIBT VIELE IN DIE FERNE Die Unternehmenspolitik der kurzen Wege könnte allerdings mittelfristig (vermutlich nicht nur bei Gössl) ein Ende haben, weil auch in den osteuropäischen Ländern feststellbar ist, dass Fachkräfte rar und gefragt sind und in andere Branchen abwandern. Engpässe am Arbeitsmarkt, wie sie in weiten Teilen der Wirtschaft hierzulande immer drastischer werden, stehen einer handelspolitischen Einigelung Österreichs entgegen: „Es ist ungewiss, ob wir auf Dauer unseren Weg werden weitergehen können. Bei der Wahl zwischen besserer Qualität weiter weg und schlechterer in der Nähe werden wir im Zweifel die Distanz wählen müssen“, sinniert Gössl. Dabei spielen für sein Unternehmen vor allem auch ökologische Überlegungen mit, während die höheren Lieferkosten aus entfernteren Ländern betriebswirtschaftlich nachrangig sind: „Wir haben sehr hochwertige Produkte, da fällt der Transport weniger stark ins Gewicht als bei Billigware.“ LANGLEBIGE PRODUKTE SIND WENIGER BETROFFEN Die Diskussion, die aktuell in den Medien stattfindet, dass „Fast Fashion“ – also billige Ware aus Fernost – sich bald nicht mehr lohne, kann die Firma Gössl mit großer Gelassenheit verfolgen. Engpässe in Produktion und Logistik, die in eine Lieferlotterie ausarten, fechten das Salzburger Unternehmen nicht an: „Wir haben ein langlebiges, nachhaltiges Produkt, unterliegen auch keinen extremen, sich alle sechs Wochen ändernden Modetrends.“ Produziert wird langlebiges Gewand aus natürlichen Stoffen, das lange seinen Wert behält. Deshalb wird auch ein Reparatur- und Änderungsservice angeboten. JUST IN TIME FUNKTIONIERT NICHT MEHR Die Firma Alumero produziert mit 340 Beschäftigten maßgeschneiderte Lösungen aus Metall an vier Standorten: in Seeham, im niederländischen Helmond nahe Eindhoven, im slowenischen Bistrica bei Maribor sowie im polnischen Chorzów, 80 km westlich von Krakau, dem größten Werk des Unternehmens. Hier arbeiten bei 160 bis 180 Beschäftigten insgesamt auch bis zu 60 Ukrainer, die in Zeiten wie diesen natürlich merkbar unter starkem mentalen Druck stehen und dennoch einen guten Job machen. Die Herausforderung eines Krieges direkt an der Grenze Polens ist extrem, die Planbarkeit der Produktion sei jedoch schon in den Jahren zuvor in vielerlei Hinsicht viel aufwendiger geworden, erläutert der Industrielle Manfred Rosenstatter im Gespräch mit DENK: „Unter den gegenwärtigen Umständen ist eine Produktion just in time nicht mehr möglich. Früher wurde


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WIRTSCHAFTLICHE VERWERFUNGEN DURCH DEN KRIEG Salzburgs Exportwirtschaft wurde in den vergangenen Jahren durch den Handelskonflikt zwischen den USA und China, den Brexit und Covid vor große Herausforderungen gestellt. „Russlands Krieg gegen die Ukraine hat neben menschlichem Leid und Zerstörung massive wirtschaftliche Verwerfungen gebracht, die uns vor enorme Herausforderungen stellen“, weiß der Außenwirtschaftsexperte der Wirtschaftskammer Salzburg, Thomas Albrecht. Die Europäische Union, die USA und viele andere Länder haben auf Russlands Krieg in der Ukraine in einer bisher noch nie da gewesenen Einigkeit mit scharfen Sanktionen reagiert, die direkte bzw. indirekte Auswirkungen auf die Salzburger Exporte und Importe sowie den Dienstleistungsverkehr haben. Von 80 Salzburger Unternehmen werden insgesamt Güter im Wert von rund 155 Millionen Euro nach Russland geliefert. Die Salzburger Wirtschaft ist in Russland mit etwa zwei Dutzend Niederlassungen (Produktion bzw. Vertrieb) vertreten. Einfuhrseitig werden Güter im Wert von rund 28 Millionen Euro importiert (Energieimporte scheinen hier nicht auf, weil sie ja zuerst in Ostösterreich ankommen), somit ergibt sich für die Salzburger Wirtschaft ein Exportüberschuss in Höhe von 127 Millionen Euro. Beim Blick auf die gesamte Exportstatistik Salzburgs liegen Deutschland, die USA, Tschechien, Italien, Ungarn und die Schweiz auf den ersten sechs Plätzen. Im Exportranking belegt Russland den 14. Platz. Der Anteil der russischen Exporte am Gesamtexportvolumen der Salzburger Wirtschaft beträgt lediglich 1,7 Prozent, jener der Ukraine 0,6 Prozent. Dennoch sind die mit dem Krieg einhergehenden Auswirkungen – beispielsweise auf die Transportwirtschaft, Logistik, Energiepolitik, Verfügbarkeit von Rohstoffen, Lieferketten etc. – fatal.

unter idealen Umständen aus Kostengründen die Lieferkette so getaktet, dass die Kosten möglichst gering waren. „Brexit, Pandemie und die Geopolitik haben bei vielen Unternehmen die Erkenntnis gebracht, dass diese Methodik nicht mehr funktioniert“, erläutert Rosenstatter. Heute wird „just in case“ geplant und gearbeitet.

Er selbst hat in seinem Unternehmen alle Prozesse evaluiert, die gesamte Lieferkette auf Schwachstellen untersucht und überlegt, wie mit den Ergebnissen umzugehen ist. Evaluiert wurden die Produktionsstandorte selbst, aber auch die wirtschaftlichen, länderspezifischen, geopolitischen und gesundheitlichen Risiken entlang der gesamten Lieferkette. Auch die Rohstoff- und Energiepreise, die aktuell in lichte Höhen schießen, fließen in die Resilienzanalyse ein. Die Konsequenzen aus den Analysen lassen sich am Beispiel des polnischen Werkes in Zahlen gießen: Dort belief sich der Lagerwert bei Rohstoffen und Halbzeugen früher auf 14 Millionen Zloty, das sind rund 3 Millionen Euro. Heute ist der Wert der Lagerbestände auf rund 9 Millionen Euro angewachsen, rechnet Rosenstatter vor. Trotz aller Vor- und Umsicht wird die Planbarkeit unter dem Vorzeichen verrücktspielender Warenbörsen immer schwieriger. BREITER AUFSTELLEN AUF DEN ROHSTOFFMÄRKTEN Am Beispiel des wichtigsten Metalls, das bei Alumero verarbeitet wird, nämlich Aluminium, zeigt er die Konsequenzen auf: Die Einstandspreise haben sich binnen Jahresfrist verdoppelt, zugleich sind die Energiekosten explodiert. Die Folge: „Unsere Kunden substituieren teilweise unser Metall, weichen auf günstigere Werkstoffe aus. Wie sich das weiterentwickelt, ist noch nicht absehbar.“ Ein Problem für die Branche ist, dass der weltweit zweitgrößte Aluminiumhersteller Rusal, einst vom russischen Oligarchen Oleg Deripaska gegründet, seinen Firmensitz in Moskau hat. Mit einer Liefermenge von 1,6 Millionen Tonnen hatten die Russen vor dem Krieg in Europa einen Marktanteil von 25 Prozent bei Rohstoffen und Halbzeugprodukten. Dieser Lieferant könnte zukünftig mit Strafzöllen (im Gespräch sind 32 Prozent) belegt werden, was die Preise noch weiter steigen lassen würde. Der größte Aluminiumlieferant, die Hongqiao-Gruppe, hat ihren Sitz in China. Was die Europäische Union jetzt bei Erdgas und Erdöl versucht, nämlich Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu reduzieren, sieht Manfred Rosenstatter auch in anderen Bereichen als Gebot der Stunde. Österreich und die EU seien gefordert, strategische Allianzen zu schmieden und die Resilienz sowie Visibilität zu erhöhen. Dass vieles nur langfristig möglich sei, werde sehr bald in unseren Lebensmittelgeschäften spürbar sein: Die „größte Kornkammer Europas“ werde – wenn der Krieg nicht bald beendet wird – als Lieferant von Getreide und Mehl ausfallen. „Was nicht gesät wird, kann auch nicht geerntet werden. Das wird in eine noch angespanntere Situation führen, deren Folgen jetzt noch gar nicht absehbar sind.“


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WIRTSCHAFT

Ferner Kontinent


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Afrika ist an der Straße von Gibraltar gerade einmal 14 Kilometer von Europa entfernt. So nah und doch so fern ist der Kontinent vor unseren Toren. Wir haben dazu die stellvertretende Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich, Mariana Kühnel, befragt, die unter anderem für den Bereich EU-Politik und Außenwirtschaft zuständig ist.

Europa (und damit auch Österreich) hat Afrika seit Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich vernachlässigt. Worin sehen Sie die Ursachen dafür? Es stimmt, wir haben Afrika zu wenig auf dem Radar. Afrika ist der Kontinent des ungenützten Marktpotenzials für Österreich, das zeigen die Zahlen deutlich. Unsere Wirtschaft exportierte auch 2021 nur Waren im Wert von 1,86 Milliarden Euro auf den afrikanischen Markt, das sind 1,1 Prozent der gesamten Exportleistung. Österreich importierte 2021 aus Afrika 2,2 Milliarden Euro, das entspricht 1,25 Prozent der gesamten österreichischen Importe. Die Gründe für das verhaltene Engagement sind vielfältig. Afrika ist ein riesiger Kontinent mit sehr unterschiedlichen Volkswirtschaften in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien und in manchen Ländern auch mit speziellen Herausforderungen, etwa was die öffentliche Auftragsvergabe betrifft, das sollte man ehrlicherweise auch ansprechen. Ich würde mir ein neues Storytelling wünschen. Eine Geschichte, die davon erzählt, dass Afrika aus wirtschaftlicher Sicht eine enorm zukunftsgerichtete Seite im Hinblick auf Klima- und Umweltschutz sowie nachhaltige Energien hat. Eine Geschichte, die von einem Afrika berichtet, das gekennzeichnet ist durch hohe Wachstumsraten, immense Chancen, eine sich entwickelnde dynamische Start-up- und Innovationsszene, Technologiesprünge und einen enormen Unternehmergeist.

Wie sehen Sie die Beziehungen zwischen den afrikanischen Staaten und der EU? Die wirtschaftlichen Beziehungen sind gut, jedoch mit reichlich ungenütztem Potenzial. Es bedarf einer gemeinsamen Vorgangsweise und Kommunikation sämtlicher EU-Akteure: Die Verhandlungen über eine neue EU-Afrika-Partnerschaft bieten eine Chance, ein einfaches und einheitliches Regelwerk zu entwickeln, welches den heutigen Ansprüchen einer neuen Zusammenarbeit entspricht. Welche Staaten sind die Top 10 der Länder, mit denen Österreich im Besonderen und die EU im Allgemeinen engere Beziehungen unterhalten? Die Republik Südafrika ist mit knapp einem Drittel der österreichischen Afrika-Exporte der mit Abstand wichtigste Zielmarkt; gefolgt von Ägypten, Marokko, Mali, Algerien, Nigeria und Tunesien. Senegal, Libyen und Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) runden die Top 10 ab. Auch bei den österreichischen Importen ist Südafrika die Nummer 1. Libyen liefert traditionell viel Erdöl. Marokko, Tunesien und Algerien runden die Top 5 ab. Welche Warengruppen dominieren? Wir exportieren vor allem Kessel, Maschinen, Apparate und mechanische Geräte, Baumwollgewebe für Kleidung, Kraftfahrzeuge und elektrotechnische Waren, Getränke, pharmazeutische Erzeugnisse, Papier und Pappe, optische Geräte, Mess- und Prüfinstrumente, Kunststoffwaren, Eisen- und Stahlprodukte. Österreichische Importe aus Afrika sind zum Großteil Erdöl aus Libyen sowie Erze, Schlacken und Aschen und Kraftfahrzeuge aus Südafrika.


WIRTSCHAFT

Afrika Einfuhr 2 224 138 240 € Ausfuhr 1 859 873 215 €

Nordafrika

Einfuhr 1 236 877 468 € Ausfuhr 706 246 218 €

Handel Österreichs mit Afrika 2021

Westafrika

Zentral-, Ost-, Südafrika

Südafrika

Ägypten

Einfuhr 77 512 883 € Ausfuhr 417 037 310 €

Einfuhr 909 747 889 € Ausfuhr 736 589 687 €

Einfuhr 840 227 468 € Ausfuhr 602 184 264 €

Einfuhr 67 302 224 € Ausfuhr 254 289 098 €

Marokko

Mali

Algerien

Nigeria

Einfuhr 186 468 974 € Ausfuhr 179 936 570 €

Einfuhr 151 719 € Ausfuhr 164 937 409 €

Einfuhr 99 175 747 € Ausfuhr 140 201 595 €

Einfuhr 2 265 874 € Ausfuhr 114 861 829 €

Tunesien

Senegal

Libyen

Côte d’Ivoire

Einfuhr 129 120 377 € Ausfuhr 81 676 723 €

Einfuhr 481 913 € Ausfuhr 49 911 799 €

Einfuhr 754 791 391 € Ausfuhr 49 466 405 €

Einfuhr 42 349 701 € Ausfuhr 34 978 161 €


Mariana Kühnel | Foto: Nadine Studeny Photography, Grafiken: iStock.com


WIRTSCHAFT

Wo hätten aus Ihrer Sicht österreichische Unternehmen eine Chance, wo könnten afrikanische Unternehmen bei uns reüssieren? Es gibt fünf Megatrends, die enorme Chancen am afrikanischen Kontinent bieten: 1. eine rasch wachsende und sich urbanisierende Bevölkerung mit steigender Kaufkraft 2. schnell voranschreitende Industrialisierung 3. großer Aufholbedarf beim Schließen der Infrastrukturlücke 4. gewaltiger Ressourcenreichtum und Herausforderungen des Klimawandels 5. Überspringen von Entwicklungsschritten bei der Einführung mobiler und digitaler Technologien

„Diese Megatrends decken sich mit den Stärkenfeldern österreichischer Firmen. Das International Trade Centre (ITC) sieht für Unternehmen aus Österreich nutzbare Exportpotenziale von 2 Mrd. Dollar.“

Wie viele österreichische Unternehmen sind derzeit mit eigenen Niederlassungen/Produktionsstätten in Afrika aktiv? Südafrika weist mit 70 der insgesamt rund 200 Niederlassungen in Afrika die größte rot-weiß-rote Präsenz auf. Die österreichischen Investitionen in Afrika sind dagegen marginal. Wo sehen Sie die wichtigsten infrastrukturellen Investitionsprojekte? Das rasche Wachstum der Bevölkerung treibt die Nachfrage nach jedweder Infrastruktur, sei es im Bereich Gesundheit, Energie, (Wohn-)Bau, Wasser und Abwasser, Erweiterung und Modernisierung der Eisenbahn-, U-Bahn- und Busnetze, Kommunikationseinrichtungen, Bildung etc. Durch das Überspringen von Entwicklungsschritten bei der Einführung mobiler und digitaler Technologien sehen wir enorme Chancen. Die Einbindung des afrikanischen Kontinents in die Neue Seidenstraße Chinas hat schon vor ein paar Jahren Diskussionen ausgelöst. Seit die europäische Industrie massiv unter der

Verknappung von Chips leidet, ist das Thema auf der Agenda weiter oben angesiedelt. Was können wir als Europäer tun, um zumindest als strategischer Partner in Afrika wahrgenommen zu werden? Wichtigster Punkt sind eine gemeinsame Vorgangsweise und Kommunikation sämtlicher EU-Akteure sowie Verhandlungen über eine neue EU-Afrika-Partnerschaft auf Augenhöhe.

„Im Rahmen des EU-Afrika-Gipfels vom Februar 2022 wurde von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betont, in den kommenden sieben Jahren 150 Mrd. Euro aufzubringen, um in Afrika Straßen, Bahnlinien und Internetverbindungen auszubauen und Anlagen für Sonnen- und Windenergie zu errichten.“

Wie können wir aus der Geschichte der Entfremdung, die in den Zeiten der Kolonialmächte begonnen und sich ab den Fünfziger-/Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Erlangung der Unabhängigkeit fortgesetzt hat, zu einer neuen „Lovestory“ durch eine europäische Afrika-Strategie kommen? Mit klarer, offener Kommunikation beider Seiten und dem Bekenntnis, dass gemeinsam an den großen Fragen der Zukunft – Klimaschutz, Gesundheit, Frieden und Sicherheit – gearbeitet werden muss. Wie kann durch Investitionen in Infrastruktur, Ausbildung, Produktionsstätten oder den Umweltschutz auf dem afrikanischen Kontinent ein weiteres Wegdriften Afrikas von Europa verhindert werden? Nachhaltige Investitionen und Partnerschaften auf Augenhöhe können jedenfalls eine stärkere Integration bringen. Im Infrastrukturbereich gibt es jahrzehntelange Kooperationen und Projekte.


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Kann der Green Deal der EU auch eine afrikanische Dimension erhalten? Natürlich muss es auch im europäischen Interesse sein, dass die afrikanischen Länder den Übergang zu einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft schaffen. Vor allem der Aspekt, dass das Wachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt wird, wird hier entscheidend sein. Das „Global-Gateway-Investitionspaket Afrika–Europa“ ist hier ein guter erster Schritt. Auch wenn Österreich sich in Sachen Entwicklungshilfe nicht gerade durch üppige Zuwendungen hervortut, könnte durch gezielten Einsatz der Mittel Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden? Ja, der gezielte Einsatz von Mitteln ist natürlich die beste Option. Gerade hier setzen wir an. Beispielsweise gibt es Wirtschaftspartnerschaften der Austrian Development Agency (ADA), welche wir unterstützen. Zusätzlich gibt es auch Aktivitäten einzelner Firmen. Gelungene Entwicklungszusammenarbeit ist kein Nullsummenspiel, sondern ein Win-win. Was geben Sie Unternehmen mit, die mit Afrika in Wirtschaftsbeziehungen treten wollen? Welche Tipps gibt es für Investoren und Exporteure? Die wichtigste Botschaft ist: Gehen Sie nach Afrika, schauen Sie sich die Märkte an und lernen Sie neue Geschäftspartner kennen. Und vor allem: Nützen Sie die Geschäftschancen. Das von Franziska Brandl, Managing Director KTM South Africa, beim Africa Day 2021 genannte Motto „You’ll only regret the things you haven’t done“ kann ich nur unterstreichen. Trauen Sie sich.

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Auch im Umweltbereich (Wasser und Abfall) forcieren wir seit Jahren die Zusammenarbeit. Österreichische Unternehmen haben exzellente Lösungen für die Herausforderungen im Hinblick auf Nachhaltigkeit und grünes Wachstum (Green Growth). Gerade im Bereich der Ausbildung, Stichwort Lehrlingsausbildung, hat Österreich viel zu bieten, erste Projekte wurden gestartet. Natürlich muss hier bei österreichischen Initiativen auch die europäische Ebene stärker mitgedacht werden. Die 150 Milliarden Euro schwere europäische Initiative „Global-GatewayInvestitionspaket Afrika–Europa“ soll Afrika bei einer starken, inklusiven, grünen und digitalen Erholung und Transformation unterstützen.

TIPPS FÜR UNTERNEHMEN

1. Nützen Sie Plattformen wie den Africa Day in Österreich und vor Ort (z. B. Marktsondierungen, Wirtschaftsmissionen etc.), um mit anderen Unternehmen mögliche Geschäfte auszuloten. 2. Nützen Sie die Außenwirtschaft Austria mit den Wirtschaftsdelegierten. Denn sie haben ihre Finger am Puls der Märkte, bekommen jede Entwicklung mit und stehen allen WKO Mitgliedern für individuelle, maßgeschneiderte Beratungen zur Verfügung. Das spart Unternehmen viel Zeit und Geld. Bleiben Sie in Kontakt mit den Wirtschaftsdelegierten – auch über den YouTube-Kanal LookAUT. www.youtube.com/c/lookaut/about 3. Wer auf der Suche nach Förderungen ist, sollte sich die Initiative go-international anschauen – das ist die österreichische Internationalisierungsoffensive und ein „Startgeld für Mutige“. Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort fördern die WKO die Exportambitionen österreichischer Unternehmen.


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WIRTSCHAFT


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New Work – alles anders? Die Generationen Y und Z wollen bei der Arbeit neue Wege im Einklang mit menschlichen Bedürfnissen gehen. Aber wie sehen diese neuen Wege aus? Lena Marie Glaser befasst sich in Forschung und Beratung mit „New Work“.

Die Juristin hat einen interessanten Berufsweg als Expertin hinter sich: Sie begann nach dem Studium als Rechtsreferentin im Finanzministerium. „Mit klaren Vorgaben, wann und wo ich jeden Tag im Büro zu sein habe.“ Dieses „alte Arbeitsmodell“ ließ sie nach einigen Jahren hinter sich, weil sie zur Erkenntnis gekommen war, dass das nicht ihrem Lebensentwurf entspricht und sie nach ihren eigenen Bedürfnissen arbeiten möchte. Daraufhin gründete sie ihr Unternehmen und Zukunftslabor basically innovative. Zukunft der Arbeit ist jetzt ihr Thema, das sie erforscht und in der Unternehmensberatung den Betrieben vermittelt. Ihre eigene Generation steht dabei im Mittelpunkt: Was wollen junge Leute und was nicht? Folgende Punkte streicht Lena Marie Glaser heraus:

„Junge Menschen haben eine Sehnsucht nach einem Arbeiten nach Werten und Bedürfnissen, sie wollen mehr Wahlmöglichkeiten und unter besseren Bedingungen arbeiten. Sie wollen in Entscheidungen eingebunden werden, die sie betreffen. Klima- und Umweltschutz ist ihnen wichtig wie auch soziale Gerechtigkeit und Diversität. Bei allem, was sie tun, stellen sie die Sinnfrage.“

Einen Paradigmenwechsel hat es auch bei den klassischen Statussymbolen gegeben, deren Bedeutung rapide abgenommen hat, dafür hat das Bewusstsein stark zugenommen, dass einem die Arbeit mehr geben muss, als nur Dinge abzuarbeiten. Stattdessen bedeuten Wertschätzung und Anerkennung viel, von Führungskräften wollen die Millennials Feedback erhalten. Mit diesem neuen Anforderungsprofil tun sich viele Teamleiter schwer, weil eine neue Leadership-Kultur eingefordert wird, weiß Glaser. Dabei klafft eine Lücke zwischen großen Unternehmen, die New Work bereits implementieren, und mittelständischen Unternehmen. Wer den Zug der Zeit verpasst, werde den Anschluss am Arbeitsmarkt verlieren, was angesichts des ohnehin schon enormen Fachkräftemangels letal sein kann. Niemand brauche sich der Illusion hingeben, dass eines Tages – nach dem Ende der Pandemie – alles wieder so werde, wie es früher einmal war: „Es gibt keinen Weg zurück“, ist Lena Marie Glaser überzeugt. Auszuloten gelte es, was in Sachen Homeoffice und Zusammenarbeit machbar ist. Eine Studie von Capgemini hat festgestellt, dass Unternehmen, die keine hybriden Arbeitsformen anbieten, für ein Drittel aller jungen Leute keine Joboption sind. Das heiße nicht, dass sie es für erstrebenswert hielten, ständig von zu Hause zu arbeiten, erklärt die Unternehmensberaterin: Der Arbeitsplatz sei der Ort des Andockens, der sozialen Verbindung, des Treffens und Austauschens. Hier gehe es darum, gemeinsame Projekte zu strukturieren und zu besprechen, kreativ zu sein, den Teamspirit hochzuhalten. Büros vollständig aufzugeben sei keine Lösung.


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Die Zukunft der Arbeit werde noch viel stärker als bisher in Beziehung zur Sinnhaftigkeit des Tuns stehen, resümiert Glaser, die im September im Verlag Kremayr & Scheriau das Buch „Arbeit auf Augenhöhe“ publiziert. Ein Umdenken ist gefragt: neue Wege gehen, von Fehlern lernen und das Wissen der Vielen einbinden. Hybrides Arbeiten werde zum Standard, wobei der Arbeitsplatz im Unternehmen als sozialer Ort der Gemeinsamkeit an Stellenwert gewinnen werde. Die Unternehmenskultur werde noch viel bewusster als bisher gelebt werden müssen und nicht zuletzt müsse Nachhaltigkeit glaubhaft verfolgt werden, will man junge Leute ansprechen.

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VERUNSICHERTE FÜHRUNGSKRÄFTE BRAUCHEN SCHULUNG Corona habe schonungslos aufgezeigt, wer gut und wer schlecht führen kann, rekapituliert Lena Marie Glaser: „Wer verstanden hat, dass es Managementaufgabe ist, einen Rahmen zu stecken und ein Vertrauensverhältnis zu seinem Team aufzubauen, tut sich um ein Vielfaches leichter als Anhänger des Mikromanagements.“ Der Weg vom einen zum anderen ist kein leichter. Es brauche für die Führungskräfte passende Schulungen. Dabei müsse es um Stärkung der Sozialkompetenz, Konfliktmanagement, Kreativität, Empathie und Achtsamkeit gegenüber sich selbst und den Menschen im jeweiligen Umfeld gehen. Alle diese Fähigkeiten lerne man weder in der Schule noch im Studium.


BIG 5

Den Standort resilienter machen

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Multiple Krisen stellen unseren Wirtschaftsstandort derzeit auf eine harte Probe. Jetzt zeige sich, dass Salzburg resilienter – im Sinne von Eigenständigkeit und Unabhängigkeit – werden muss, sagt Raiffeisen-Generaldirektor Heinz Konrad.


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NACHHALTIGKEIT IM TOURISMUS Der Tourismus hat für Salzburg mit einem hohen Anteil an unselbstständig Erwerbstätigen, dem Beitrag zur Wertschöpfung und der Vergabe von Aufträgen an Zulieferer im Bundesländervergleich eine überdurchschnittliche Bedeutung. Für eine erfolgreiche Zukunft Salzburgs als Tourismusregion sei es maßgeblich, betont Heinz Konrad, dass auch in diesem Bereich den aktuellen Trends und Entwicklungen Rechnung getragen wird – allen voran der Nachhaltigkeit: „Das Bewusstsein dafür und vor allem auch der Wunsch unserer Gäste nach einem verantwortungsvollen und schonenden Umgang mit knappen Ressourcen werden stetig größer. Dies zu berücksichtigen ist unerlässlich, da der Klimawandel besonders den Tourismus vor große Herausforderungen stellt und ihn maßgeblich beeinflusst.“ RESSOURCE WISSEN MANAGEN Für ein Land wie Österreich mit wenigen Bodenschätzen gelte es umso mehr, den Grundsatz zu beherzigen, dass „Wissen die einzige Ressource ist, die sich durch Gebrauch vermehrt, Humanressourcen und fachliches Know-how stellen wesentliche Assets unseres Wirtschaftsstandorts dar.“ Deshalb gelte es, Salzburgs Attraktivität als Arbeits- und Lebensumfeld für junge, engagierte Menschen und ausgebildete Fachkräfte weiter zu steigern. Die potenziellen Maßnahmen

reichen dabei von Qualitätssteigerung in der Lehrlingsausbildung über das Angebot durchgängig englischsprachiger Ausbildungen und den Ausbau von Study-and-Work-Programmen bis hin zur Steigerung der Studierendenquote in Salzburg, fordert Heinz Konrad. ENERGIEERZEUGUNG UND -VERBRAUCH SYNCHRONISIEREN „Pandemie und Ukraine-Krieg haben unsere starke Abhängigkeit von Importen in den Bereichen Energie und Rohstoffe schonungslos aufgedeckt“, konstatiert Konrad. Österreich liegt mit einem Anteil an importierter Energie in Höhe von rund 58 Prozent knapp über dem EU-Durchschnitt. Vor diesem Hintergrund ist es erklärtes Ziel der Klima- und Energiestrategie des Landes Salzburg, in Zukunft so viel Energie im eigenen Bundesland zu gewinnen, wie auch verbraucht wird. Daneben gelte es, die Treibhausgasemissionen signifikant zu reduzieren und die Energiegewinnung aus erneuerbaren Energieträgern weiter auszubauen. Langfristig müssten damit Energieautonomie, nachhaltige Energiegewinnung sowie Klimaneutralität angepeilt werden.

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Der Standort Salzburg ist mit vieldimensionalen Herausforderungen konfrontiert, die in unterschiedlichster Weise „dem Begriff der Resilienz eine selten zuvor da gewesene Bedeutung verliehen haben. Stärke und Betroffenheit stehen dabei in einem indirekten Verhältnis zueinander: Je stärker die Ausgangsposition, desto geringer die Krisenanfälligkeit. In anderen Worten: Je eigenständiger und unabhängiger unser Wirtschaftsstandort aufgestellt ist, desto weniger weitreichend stellen sich die Auswirkungen einer Krise dar und desto eher gelingt deren Bewältigung“, ist Generaldirektor Konrad überzeugt.

Heinz Konrad Generaldirektor Raiffeisenverband Salzburg


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Die Bremse der Überregulierung lösen

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„Wir haben uns selbst gefesselt durch Regulierungen und Verbote, die der Politik Gestaltungsmöglichkeiten nehmen“, konstatiert der Vorstandsvorsitzende der Salzburger Sparkasse, Christoph Paulweber. Hier besteht aus seiner Sicht ebenso Handlungsbedarf wie bei der Energiewende und dem „War for Talents“.


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„Die Forschung zeigt eindeutig, dass erreichbare Ziele mehr motivieren als Verbote. Das Korsett an Regulierungen, das wir uns angelegt haben, engt auch die Veränderungsmöglichkeiten der Politik ein. Dauer und Mühsal von Behördenverfahren sind ein Ergebnis davon“, stellt Christoph Paulweber im Gespräch mit DENK fest. Das zu ändern, hat die Salzburger Politik nur zum Teil selbst in der Hand. Es sollte aber alles getan werden, was möglich ist, um die Blockaden abzubauen. Wie die Fesseln inzwischen wirken, zeigt das Beispiel des Baus von Windkraftanlagen: Die Politik ist weitgehend dafür und hat elf mögliche geeignete Standorte definiert. Die überwiegende Mehrheit der Menschen im Land ist – wie jüngste Umfragen zeigen – ebenfalls dafür, fossile Brennstoffe durch Windenergie und andere Alternativen zu ersetzen. „Dennoch bringen wir nichts zusammen“, beklagt der Sparkassen-Chef, der feststellt, dass Jahrhundertinvestitionen wie das Kraftwerk Kaprun oder die Großglockner-Hochalpenstraße von der Politik angeschoben wurden, wozu sie heute nicht mehr in der Lage sei. Heute ist die Politik von den eigenen Verfahren und Regeln eingeschnürt, derer sie nicht mehr Herr wird.

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STRATEGIE FÜR KÜNFTIGE ENERGIEVERSORGUNG Der Krieg in der Ukraine mit all seinen Auswirkungen hat das Thema Energiewende von der langen Bank auf die unmittelbare Agenda gebracht. Für die vom Bannstrahl des Boykotts gegen Russland getroffenen fossilen Brennstoffe braucht es Alternativen, um aus der Abhängigkeit herauszukommen und wieder zu einer stabilen Energieversorgung zurückzukehren. Dem steht aber die Erfahrung der vergangenen Jahre entgegen, die dazu geführt hat, dass sich mögliche Investoren Themen wie neue Wasserkraftwerke gar nicht mehr anzusprechen trauen. Zu gegenwärtig sind die Erfahrungen, dass bei jedem Projekt sofort jemand schreit, dass das gar nicht infrage komme.

Christoph Paulweber Vorstandsvorsitzender Salzburger Sparkasse

Gar nicht auf der Agenda der Energiepolitik stehen strategische Investitionen etwa in Afrika, wo bekanntermaßen die Sonne verlässlicher scheint als bei uns. Riesige Solarkraftwerke in der Sahara, verbunden mit Stromleitungen durch das Mittelmeer, würden den Kontinent stärken und vom Tropf ständiger Entwicklungshilfezahlungen nehmen. Angesichts vieler labiler Regierungen und Diktatoren müsste diese Strategie genau überlegt werden, um nicht vom Regen in die Traufe zu kommen. Überwunden werden müssten auch alte Ressentiments aus der Kolonialzeit. Angesichts des Zeitdrucks, sich aus der Abhängigkeit von Öl und Gas aus Russland zu befreien, vermisst Christoph Paulweber eine Strategie der Energiewende. Aktuell gebe es eine ideologisch bestimmte Grundsatzdiskussion: „Hier der Ansatz, sofort zu Energien zu switchen, die vollkommen grün sind, dort das Gegenkonzept, auch Übergangstechnologien in den Blick zu nehmen.“ AUF WELCHE ENERGIEFORMEN SETZEN WIR? Die Politik müsse Entscheidungen treffen, moniert der Sparkassen-Chef im Hinblick auf die künftig durch Banken und Sparkassen zu prüfende Einhaltung der ESG-Spielregeln durch Unternehmen. Die Abkürzung ESG steht für Environmental, Social und Governance und bezieht sich auf die drei zentralen Faktoren zur Messung der Nachhaltigkeit und der gesellschaftlichen Auswirkungen einer Investition. Wenn es nur um den CO2-Ausstoß bei Investitionsvorhaben gehe, sei das ja machbar. Im Rahmen einer Energiestrategie müsste die Politik jedoch zusätzlich festlegen, auf welche Technologien künftig gesetzt werden soll. Wasserstoff, Photovoltaik, Solarenergie, Bioenergie wie Hackschnitzel oder Biogas? Würde das grundlegend entschieden, täten sich auch die Unternehmen leichter und bekämen mehr Planbarkeit, so Paulweber. Gefordert sei die Politik von den Kommunen über das Land bis hin zur EU. SALZBURG DARF SICH NICHT AUF ATTRAKTIVITÄT DES STANDORTS AUSRUHEN Ein weiteres brennendes Thema ist der Fachkräftemangel. Salzburg laufe hier Gefahr, sich zu lange darauf auszuruhen, dass der Standort ein attraktives Umfeld bieten könne. Es gebe eine Reihe negativer Faktoren: „Salzburg ist trotz aller Bemühungen kein Bildungsstandort bei technischen Ausbildungen und Studien, die Lohnnebenkosten sind zu hoch und Wohnraum ist extrem knapp“, moniert Paulweber. Die junge Generation sei viel flexibler, was den Wohn- und Arbeitsort anbelangt, hier entsprechend attraktive Angebote zu machen sei eine Herausforderung, die rasch angegangen werden müsse.


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Investitionen in die Bildung Hans Peter Schützinger erachtet drei Kernthemen als essenziell für die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen am Standort Salzburg: Investitionen in Lehre und Ausbildung, in (bestehende) Unternehmen und in die Verkehrs- und Ladeinfrastruktur.


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INVESTITIONEN IN DIE VERKEHRS- UND LADEINFRASTRUKTUR Der Standort brauche zukunftsfähige Verkehrs- und Mobilitätslösungen: „Gemeint ist das Zusammenspiel von öffentlichem Verkehr und Individualverkehr. Wir brauchen Parkflächen im Zentrum und am Stadtrand Salzburgs. Für die Pendler bedarf es einer leistungsfähigen Infrastruktur mit Bus oder Bahn. Die Bahnhochleistungsstrecke nach Wien und München, wo auch die beiden großen Flughäfen für Geschäfts- und Urlaubsreisende liegen, würde dem Standort Salzburg guttun.“ Parallel dazu gelte es, die Dekarbonisierung der Mobilität voranzutreiben. Konkret müsste gezielt in den Aufbau der Elektroladeinfrastruktur sowie in die Versorgung mit Grünstrom investiert werden. Nur so könne die Transformation hin zur CO2-neutralen Mobilität bewerkstelligt werden. Die Porsche Holding hat dafür die Marke Moon als „Enabler für Ladeund Energiekomplettlösungen“ geschaffen.

INVESTITIONEN IN (BESTEHENDE) UNTERNEHMEN Österreich – und damit auch Salzburg – zeichne sich durch Stabilität und Sicherheit sowie eine gute Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus. Zugleich aber auch durch Überregulierung und ständig weiter ausufernde Bürokratie, kritisiert der Chef der Porsche Holding: „Die hohen Steuern- und Abgabenquoten wirken für viele Unternehmen in Krisenzeiten doppelt belastend und bremsen oder verhindern gar Investitionen, die notwendig sind. Auch lohnabhängige Abgaben sollten für Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer in einem Rahmen bleiben, den sich beide Seiten leisten können. Anreize, Neues zu schaffen und so die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, sollten zukünftig mehr in den Fokus der politischen Entscheider rücken.“ Hans Peter Schützinger meint damit die Gewährung steuerlicher Vorteile für Unternehmen, die zukunftsfähige Investments tätigen. Ein Schritt wurde beispielsweise mit der Elektromobilitätsförderung gesetzt, die einen Investitionsanreiz für Unternehmen darstellt und zugleich die Marktdurchdringung einer neuen, zukunftsweisenden Technologie vorantreibt. Generell sollten eigenkapitalstärkende Maßnahmen unterstützt werden. Wichtig sei, dass dabei nicht nur Startups oder Neugründungen unterstützt werden, sondern auch etablierte Unternehmen. Die Porsche Holding ist als größtes Automobilhandelshaus Europas in 29 Ländern auf vier Kontinenten im Groß- und Einzelhandel tätig und beschäftigt mehr als 34.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 2400 davon allein in der Firmenzentrale in Salzburg.

Foto: Porsche Holding

INVESTITIONEN IN LEHRE, AUS- UND WEITERBILDUNG „Die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Salzburg kann langfristig angesichts des Fachkräftemangels nur sichergestellt werden, wenn mit Hochdruck in Ausbildung und Lehre investiert wird“, so Hans Peter Schützinger. Die Porsche Holding Salzburg hat bereits vor längerer Zeit eine innovative Personalstrategie aufgesetzt. Die Bandbreite reicht von Lehrlingsausbildung, Traineeprogrammen über ein MBA-Programm in Kooperation mit der Wirtschaftsuniversität Wien bis hin zu spezifischen Finanz- und IT-Programmen. „Das Engagement einzelner Unternehmen reicht nicht aus, um Salzburg zukunftsfähig zu halten. Dazu bedarf es eines Schulterschlusses von Politik, Bildungseinrichtungen und Unternehmen – mit dem klaren Ziel, das Bildungsniveau und die Qualifizierung für den Arbeitsplatz von morgen zu steigern“, sagt Schützinger. „Die Fortführung der dualen Ausbildung für technische und gewerbliche Berufe bis hin zum Bachelorlevel steht ebenso weit oben auf der Prioritätenliste wie die Stärkung des IT-Standorts.“

Hans Peter Schützinger Sprecher der Geschäftsführung der Porsche Holding Salzburg


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Marketing für den Standort

Foto: Palfinger

Das Technologie- und Maschinenbauunternehmen Palfinger ist der weltweit führende Produzent und Anbieter innovativer Kran- und Hebelösungen. CEO Andreas Klauser fordert eine bessere Anbindung an internationale Drehscheiben und eine Marketingkampagne für den Standort Salzburg.


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SALZBURG IST MEHR ALS KULTUR UND TOURISMUS Für Klauser ist das eine wichtige Voraussetzung, den Standort noch attraktiver zu machen. Würde Salzburg hier weiter zurückfallen, wäre das ein erheblicher Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Regionen. Eines Sinnes sieht sich der Chef des einzigen Salzburger Unternehmens, das im ATX gelistet ist, mit der Überlegung des Seebrunner Kreises, eine Kampagne für den Standort zu entwerfen. Die Marketingaktion soll das Bundesland als innovativ, „cool“ und lebenswert zeigen, in dem es viele berufliche Chancen gibt. Es sei hoch an der Zeit, zu zeigen, dass Salzburg nicht nur ein Tourismus- und Kulturland ist, sondern von einer höchst aktiven Industrie geprägt ist, die viele Weltmarktführer und zahllose Hidden Champions vorweisen kann. „Mehr als ein Viertel der Wertschöpfung im Land“, betont Klauser, „wird durch die Industrie erzielt.“ EIGENINITIATIVE GEGEN FACHKRÄFTEMANGEL Standortmarketing sei auch deshalb so bedeutsam, weil der Fachkräftemangel immer mehr Probleme für die Wirtschaft mit sich bringe. Palfinger selbst hat dem entgegengewirkt, indem im oberösterreichischen Lengau mit einem Investitionsaufwand von 3,7 Millionen Euro ein hochmodernes Ausbildungszentrum geschaffen wurde. Dort werden Lehrlinge auf die Anforderungen der Digitalisierung im Maschinenbau, der

Softwareentwicklung und der Industrie 4.0 vorbereitet. Über 100 junge Menschen werden hier auf 16 Ausbildungswegen geschult. AUSBILDUNGSFOKUS AUF MINT UND SOFTWAREENTWICKLUNG Notwendig sind aus Klausers Sicht auch weitere Schritte in der Ausbildung. Vor allem Bildungsangebote für MINT-Berufe, IT- und Softwareentwickler sind notwendig, denn der Bedarf werde auch in Zukunft in der Industrie massiv steigen. Ein Blick auf die Entwicklung des Mitarbeiterstandes von Palfinger spricht Bände: Im ersten Quartal 2020 beschäftigte der internationale Technologiekonzern weltweit 10.905 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Vergleichszeitraum zwei Jahre später ist der Beschäftigtenstand auf 12.049 gestiegen. Mit seiner neuen Vision & Strategie 2030 setzt das Unternehmen in den kommenden Jahren gezielt auf die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit: „Wir werden als innovatives Technologieunternehmen modernste Hardware mit fortschrittlichster Software aus einer Hand kombinieren. Unsere Lösungen werden smart, vernetzt, umweltfreundlich und noch leistungsfähiger sein“, sagt Andreas Klauser.

Foto: Peter Rigaud

Mit rund 12.000 Beschäftigten, 34 Fertigungsstandorten und einem weltweiten Vertriebs- und Servicenetzwerk von rund 5000 Stützpunkten ist Palfinger auf beste Verkehrsverbindungen angewiesen. Durch die Einstellung der Flüge von Salzburg nach Wien sind viele Verbindungen ab der Bundeshauptstadt weggefallen, vor allem das Netz Richtung Osteuropa wird schmerzlich vermisst. Der CEO der seit 1999 an der Wiener Börse notierten Aktiengesellschaft, Andreas Klauser, fordert deshalb eine bessere Verkehrsanbindung an internationale Drehscheiben. Damit ist nicht nur der Flughafen Salzburg gemeint. Klauser geht es generell darum, die Schnellverbindungen von und nach Salzburg auf der Straße und der Schiene rasch und leistungsfähig auszubauen.

Andreas Klauser CEO Palfinger AG


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Masterplan für die Energiepolitik

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Drei Themen nennt Peter Unterkofler von Jacoby Pharma als zentrale Anliegen, um den Wirtschaftsstandort in den nächsten zehn Jahren voranzubringen: Infrastruktur, Bildung sowie Forschung und Entwicklung. Der Krieg Russlands in der Ukraine verlange nach einem Masterplan der Energiepolitik.


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INFRASTRUKTURPROJEKTE VORANTREIBEN Moderne Infrastruktur- und nachhaltige Mobilitätskonzepte seien der Schlüssel für den Ausbau und die Ansiedelung von Unternehmen. Daher müssten wichtige Energieprojekte (z. B. Limberg III) im Land Salzburg vorangetrieben werden. „Genehmigungsverfahren für Projekte mit einem besonderen öffentlichen Interesse dürfen und können künftig nicht mehr ausufern – wir haben schlicht keine Zeit dafür, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen“, moniert der IV-Präsident. NEUE VERKEHRSANBINDUNGEN Verkehrsinfrastruktur und Erreichbarkeit sind für den Ausbau und die Ansiedelung von Unternehmen standortentscheidend. Peter Unterkofler: „Für den Zentralraum liegen viele Lösungsvorschläge auf dem Tisch. Unter anderem der Autobahnhalbanschluss Hagenau oder die Pläne für Salzachbrücken, um gemeinsam mit dem Berchtesgadener Land Gewerbegebiete zu entwickeln.“ Der Bau der Salzburger Regionalstadtbahn (S-Link) verbessert die Verbindung vom nördlichen Flachgau bis nach Hallein. Die Hochleistungsstrecke im Flachgau bringt mehr Platz für Nah- und Güterverkehr und eine erhebliche Zeitersparnis. Die Zugstrecke beim Pass Lueg müsse katastrophensicher werden. Nach der coronabedingten Flaute brauche es vom Flughafen Salzburg wieder zahlreiche internationale Verkehrsanbindungen. MEHR LEISTUNGSORIENTIERUNG IN DER BILDUNG Zweiter großer Schwerpunkt ist die Bildung: „Wichtig wäre generell ein Bekenntnis zu mehr Leistungsorientierung, mehr Mut zur Spitzen- bzw. Elitenbildung“, so Unterkofler. Die MINT-Kompetenzen für sich ständig verändernde Berufsfelder gelte es zu verbessern. Nach einem landesweiten Schulentwicklungsplan werden infolge der IV-Bestrebungen ab Herbst 2022 MINT-Schwerpunktklassen an Salzburger Mittelschulen in jedem Bezirk eingerichtet.

Die Salzburger Industrie treibt außerdem die Vorbereitungen für den HTL-Standort Neumarkt mit Schwerpunkt auf IT sowie die Verhandlungen mit Land, Bildungsdirektion und Bundesministerium voran. Gemeinsam mit der Stadtgemeinde Neumarkt forcieren ortsansässige Unternehmen diesen HTLStandort. Fünfzig Unternehmen sichern jährlich 267 Absolventinnen und Absolventen fixe Jobs in der Region zu. Erfreulich ist für Peter Unterkofler die Errichtung der neuen Fakultät für Digitale und Analytische Wissenschaften: „Ein Meilenstein für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Salzburg.“ MITTEL FÜR FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG ERHÖHEN Um den Wirtschafts- und Wissensstandort Salzburg nachhaltig zu festigen, brauche es Anschubfinanzierung und Fördermittel für Forschung und Bildung. 1,7 Prozent des Bruttoregionalprodukts werden seit 2017 jedes Jahr in Salzburg für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Zu wenig, wenn man den für ganz Österreich erreichten Wert von 3,1 Prozent in Betracht zieht. Innovationswerkstätten für Start-ups und Wachstumsfinanzierung in Form von Eigenkapital oder nachrangigem Fremdkapital („Venture Capital“) sollen ausgebaut und die Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft forciert werden. „Außerdem brauchen FH und Universität weitere HightechFächer und eine exzellente Wissensverwertung. So wird es uns gelingen, Salzburg als Technologiestandort zu etablieren.“

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Die Energie-, Mobilitäts- und Ressourcenwende sieht Peter Unterkofler als große Chance für die Region, die Sicherheit der Versorgung des Landes mit erneuerbaren Energien sei eine Herausforderung: „Unsere bestehenden Gasnetze und Speicherkapazitäten werden dann als Transportsystem für erneuerbare Gase wie Biogas, synthetisches Methan und synthetischen Wasserstoff dienen.“

Peter Unterkofler Geschäftsführer Jacoby GM Pharma und IV-Präsident


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VORDENKER

Wendepunkt


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Die Zeichen unserer Zeit stehen auf Wende. Nicht nur beim Klima. Bildung, Digitalisierung, Fachkräftemangel, nachhaltige regionale Produktion, Energie und Raumordnung verlangen nach neuen Lösungen. Wir haben in drei Workshops mit Mitgliedern des Seebrunner Kreises die Frage gestellt, wo der Schuh drückt und wie sich der Standort Salzburg in den nächsten Jahren entwickeln soll.

Der Fächer der angesprochenen Themen ist breit, einig war sich die Teilnehmerrunde darin, dass es ein „generationenübergreifendes Denken“ geben muss. Akute Probleme, die oft eng miteinander verzahnt sind, gilt es zu lösen. So wird der eklatante Fachkräftemangel durch teure Wohnungsmieten und hohe Immobilienpreise, die Nullzinspolitik und die Inflation noch verschärft, was sich in folgendem Statement eines Teilnehmers ausdrückt: „Junge Menschen wollen oft nur noch 30 Stunden pro Woche arbeiten, weil mit mehr Zeit am Arbeitsplatz und zusätzlichem Einkommen kein Mehrwert mehr geschaffen werden kann. Sparen lohnt sich wegen der Nullzinspolitik und der massiven Geldentwertung nicht. Eigene vier Wände zu erwerben ist durch die Preisexplosion für die Millennials längst außer Reichweite geraten, sofern die jungen Leute nicht auf Finanzreserven der Familie zurückgreifen können.“ Die Steuerlast auf Löhnen und Gehältern tut ihr Übriges. Der Fiskus ist auf allen Ebenen der Gewinner: Die Nullzinspolitik in Kombination mit einer enormen Geldentwertung belastet die Sparerinnen und Sparer und reduziert die Zahlungen des Staates für die steigenden Schulden. Die Preissteigerungen spülen riesige Summen an Mehrwertsteuer, Mineralölsteuer und dazu noch satte Dividenden in die Kasse des Finanzministers, Gleiches bewirkt die schleichende Progression bei der Lohnsteuer. Große Sorge bereiten den Mitgliedern des Seebrunner

Kreises die langen Behördenverfahren bei so gut wie allen größeren Projekten. „Wie sollen wir die Energiewende jemals schaffen, wenn wir für das Aufstellen eines Windrades von der ersten Idee bis zur Umsetzung drei Jahrzehnte brauchen“, kritisierten Workshopteilnehmer. Der Krieg in der Ukraine und die daraus resultierenden Probleme mit Lieferengpässen und enormen Preissprüngen bei fossilen Brennstoffen sollten als Signal für ein Umdenken gesehen werden. Allen müsse klar sein – wie das Landeshauptmann Wilfried Haslauer jüngst bei einer Veranstaltung des Seebrunner Kreises betonte –, dass die Energiewende in der Landschaft sichtbar wird, gleichgültig, ob es sich um Wasserkraftwerke, Solar- oder Photovoltaikanlagen handelt. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, Natur- gegen Klimaschutz auszuspielen. Wenngleich es eine Illusion ist, dass Europa oder gar Salzburg aus der Globalisierung „aussteigen“ könnte (siehe dazu den Artikel „Glokalisierung“ auf S.7), besteht Einigkeit, dass überall dort, wo regionale Lösungen möglich sind, diese auch umgesetzt werden sollten. Wenn irgend möglich, sollte die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln, Gütern des täglichen Bedarfs und Arzneien sowie Hygieneartikeln durch heimische Produktion sichergestellt werden. In fünf Arbeitsgruppen wurden die zentralen Themen diskutiert. Nachstehend einige Überlegungen zu notwendigen Maßnahmen:


Foto: Manuel Horn

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EMPLOYER BRANDING Der Fachkräftemangel wird als Entwicklungsbremse gesehen, helfen könnten folgende Maßnahmen: 1. Entwickeln einer Employer-Branding-Kommunikationsstrategie für den gesamten Wirtschaftsstandort („Salzburg als innovatives, cooles Bundesland mit hoher Lebensqualität“ präsentieren). 2. Die restriktive Zuwanderungspolitik überdenken, vereinfachte Arbeitsgenehmigungen für Schlüsselkräfte und die konsequente Umsetzung der Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte. 3. Erleichterung von Firmengründungen durch Finanzierungsinstrumente (Start-up-Risikokapital, Spin-off-Infrastruktur und Seedfinancing). 4. Unterstützung und Beratung, besonders von KMU, bei der Personalsuche durch „HR Talks“ mit Fachleuten, die praktische Rekrutierungstipps geben. 5. Weitere Forcierung der dualen Ausbildung mit dem Fokus auf Wertschätzung und Anerkennung gegenüber dem Ausbildungsweg. 6. Testimonialkampagne mit erfolgreichen ehemaligen Lehrlingen, die Karriere gemacht haben. 7. Für internationale Interessenten an Jobs in Salzburg: Begleitungs- und Unterstützungsangebote schaffen (Hilfe bei Wohnungssuche, Jobsuche für Partner oder Partnerin, Anmeldung von Kindern in Schule oder Kindergarten). AUS- UND WEITERBILDUNG Eng mit dem Employer Branding verwoben ist das Dauerthema der Bildung. Vorschläge dazu sind: 1. Das Thema Entrepreneurship in die Lehrpläne einarbeiten. 2. Nutzung moderner Lernmethoden und Arbeits-

techniken in allen Bildungsbereichen.

3. Lernen und Lösen von Aufgaben in Teams, wie dies auch in den Unternehmen praktiziert wird. 4. Weiterer Ausbau des erfolgreichen Talentechecks mit einem Nachsorgegespräch nach einiger Zeit zur Evaluierung der erfolgten Entwicklung und des Karrierewegs. 5. Eltern für eine Wahl der (Aus-)Bildung anhand der tatsächlichen Talente und Fähigkeiten ihrer Kinder sensibilisieren („nicht jeder muss studieren“). 6. Attraktivität technischer Berufe für Frauen erhöhen. 7. Nach der Einführung der Digitalfakultät (siehe Artikel auf Seite 56) braucht es Anschlussmaßnahmen, um große Unternehmen am Standort dafür zu gewinnen, im Bereich der Mobilitätstechnologien eine „Corporate University“ nach dem Vorbild der höchst erfolgreichen PMU zu gründen. ENERGIEWENDE UND BEHÖRDENVERFAHREN Kein Verständnis herrscht für Obstruktionspolitik bei so gut wie jedem größeren Projekt. Eine Wende von der Verhinderungs- zur Ermöglichungskultur ist dringend erforderlich: 1. Behördenverfahren sollten generell gestrafft und in Form eines „One-Stop-Shops“ abgeführt und zeitlich eng begrenzt werden. Dazu bedarf es eines Schulterschlusses mit Natur- und Klimaschutz. 2. Einhellig begrüßt wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Ansatz von Landesrat Sepp Schwaiger, in der Raumordnung Zonen für Energieprojekte auszuweisen. Diese müssten politisch außer Streit gestellt werden. 3. Für notwendig erachtet wird die Erstellung eines Energie-Masterplans, der im Detail den Bedarf der Energieverbraucher darstellt und deren Möglichkeit,


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auf andere Energieformen umzusteigen, evaluiert. 4. Der Bund müsse so rasch wie möglich Entscheidungen treffen und kommunizieren, wie Lieferausfälle von russischem Erdöl und Erdgas kompensiert werden können. 5. Überarbeitung von Vorschriften des Ortsbildschutzes, der Raum- und Bauordnung, damit kleinräumige Energieprojekte wie Solarpaneele auf Dächern ober über Parkplätzen nicht verhindert werden. 6. Zur Nutzung der alternativen Energieformen braucht es regionale Speichermöglichkeiten und Energiegemeinschaften, die den produzierten Strom auch regional direkt an Verbraucherinnen und Verbraucher weitergeben können. Regulatorische Hürden, die dem entgegenstehen, sind zu beseitigen. NACHHALTIGE REGIONALE LÖSUNGEN In den Pandemiejahren haben viele Salzburgerinnen und Salzburger ihr Verhalten verändert. „Cocooning“, Selbstversorgung und Homeoffice waren Treiber der Entwicklung. Darauf gilt es aufzubauen: 1. Handel, Gastronomie und Verbraucher sollten beim Einkauf und Konsum von Lebensmitteln und anderen Produkten noch mehr als bisher auf die Herkunft achten. Nicht zuletzt auch, um sinnlose Transportwege zu vermeiden. Dazu sollten Informationskampagnen entwickelt werden. 2. Der öffentliche Personennahverkehr hat in den vergangenen Jahren bereits massiv an Attraktivität gewonnen. Die bestehenden Pläne zum weiteren Ausbau müssen rasch umgesetzt werden. 3. Der Ausbau der übergeordneten Hochleistungsbahnstrecke München–Linz muss beschleunigt werden. 4. Die ländlichen Regionen sollen besser durch den

S. 34 links: Gerald Heerdegen (Fahnengärtner), Gerhard Blechinger (FH-Rektor), Nicola Schiess und Kurator Harald Ronacher S. 34 rechts: Wolfgang Immerschitt (DENK-Chefredakteur), Michael Kajnih (IPT Holding) sowie Andrea Starzer und Michael Kohlfürst (Promomasters), die via Video zugeschaltet waren S. 35: Reihenfolge von links: Martin Krispler (Maschinenring), Christoph Leinberger (Raiffeisenverband Salzburg) und Rudolf Hinterleitner (Donau Versicherung)

ÖPNV versorgt und Angebote von „Beförderungsmöglichkeiten auf Abruf“ sollten ausgebaut werden. 5. Alle Formen der Selbstversorgung („Urban Gardening“) bei Lebensmitteln und Energie sollen forciert werden. DIGITALISIERUNG UND ROBOTIK NUTZEN Salzburg hat in den vergangenen Jahren den Zugang zu Ausbildungswegen im Bereich der Digitalisierung und Technik forciert. Diese Entwicklung muss weitergehen, das Potenzial arrivierter Unternehmen und Start-ups gehoben werden: 1. Große Erwartungen werden in die neue Digitalfakultät an der Universität Salzburg gesetzt, die eng mit der Fachhochschule, der PMU und der Universität Mozarteum zusammenarbeitet. Rund um diese Initiative sollen Unternehmen in einen Forschungs- und Entwicklungscluster eingebunden werden. 2. Begrüßt werden die Überlegungen, auf dem Gelände des Techno-Z in Salzburg-Itzling einen „Digitaltower“ zu errichten, der Platz für Spin-offs von Forschenden und Studierenden schafft. 3. Start-up-Finanzierungen sind auszubauen. Die bestehenden Initiativen sollen gebündelt werden. An die Banken wird appelliert, gemeinsam über einen Fonds nachzudenken, der Risikokapital für innovative Projekte bereitstellt. 4. Arbeitsgruppen von Wissenschaftern, Unternehmern und Fördergebern sollen ausloten, welche Möglichkeiten es gibt, Roboter in Bereichen einzusetzen, die besonders unter dem Arbeitskräftemangel leiden. Ziel muss es sein, im Bereich der Robotik vorhandene Kompetenzen zu stärken.


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Standortstrategie wird überarbeitet Der Seebrunner Kreis hat in Workshops mit Mitgliedern die Frage gestellt, wohin sich Salzburg in den nächsten zehn Jahren entwickeln soll. Wir haben Landeshauptmann Wilfried Haslauer zu einigen der dort formulierten Thesen befragt.

Wir befinden uns in einer „multiplen Krisenkonjunktur“, die weitreichende Auswirkungen hat, nicht zuletzt auf junge Menschen. Was kann die Politik tun, um den Millennials Perspektiven aufzuzeigen? Ich würde hier nicht zu sehr generalisieren und alle in einen Topf geben. Oftmals streben unsere „Jungen“ einfach nach mehr Flexibilität. Es ist klar, dass als Konsequenz des über viele Generationen errichteten Wohlstands eine Tendenz zu erkennen ist, dass junge Menschen die Arbeit nicht mehr als oberste Priorität sehen. Trotzdem betrifft dies nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, der sich dies wirklich leisten kann und will. Gleichzeitig ist die Lust am Konsum der Generation „30 Wochenstunden“ größer als je zuvor. Ich glaube also, dass sich dieser Effekt mit der Lust am Konsum wieder selbst aufhebt. Grundsätzlich vertrete ich zudem die Meinung, dass sich Arbeitswille, Engagement und Durchhaltevermögen in unserer Gesellschaft auszahlen sollen. Diese Perspektive möchte ich der jungen Generation proaktiv mitgeben. Die Energiewende wurde bisher schaumgebremst vorangetrieben. Gibt es einen Masterplan für Salzburg, welche Verbraucher wann und wie betroffen wären und welche Alternativen es bei einem Gaslieferstopp für die Wirtschaft gäbe? Als schaumgebremst würde ich die Energiewende in Salzburg nicht bezeichnen. Immerhin werden wir im Rahmen un-

serer Klima- und Energiestrategie Salzburg 2050 schon 2030 als Etappenziel 65 Prozent Anteil an erneuerbaren Energien etablieren, zudem Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gewinnen. Bis 2050 wird Salzburg dann komplett klimaneutral, energieautonom und nachhaltig sein. Zum Masterplan für Salzburgs gasabhängige Industrie haben sich seit dem russischen Einmarsch natürlich die Vorzeichen geändert. Im Hintergrund bereiten wir uns auf den unwahrscheinlichen Fall eines kompletten Lieferstopps vor. Hier würden zunächst die angefüllten Speicher genutzt. Aber, so ehrlich müssen wir sein, im Notfall müssen wir Privathaushalte bevorzugen.

VERFAHRENSDAUER DEUTLICH VERKÜRZEN Ist ein runder Tisch denkbar, bei dem über sofort umsetzbare Projekte insbesondere für Biogas-, Photovoltaik- sowie Windkraftanlagen gesprochen wird, die in Schnellverfahren genehmigt und rasch umgesetzt werden können? Die Zeit in der Energiewende drängt, das zeigen die häufigeren Extremwetterereignisse und der gleichzeitige höhere Energiebedarf. Innovation, Effizienz, Wirtschaftlichkeit und eine standortangepasste Wahl der Energieform unter Berücksichtigung umweltrelevanter Parameter stehen deshalb im Mittelpunkt der Entscheidungen unserer Energiepolitik.


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Genau deshalb setzen wir uns gezielt für Entbürokratisierung und nachvollziehbarere Rahmenbedingungen im Bereich der Bau- und Raumordnung ein. Ich finde es löblich, dass sich so viele private Haushalte an der Energiewende beteiligen möchten. In diesem Zusammenhang muss auf Energiegemeinschaften hingewiesen werden, die einen absoluten Mehrwert darstellen. Im Bereich der erneuerbaren Energien hat es in den vergangenen Jahren einen merkbaren Kulturwandel in Salzburg gegeben. Besonders Windenergie wird immer positiver gesehen. Wir müssen natürlich schauen, wo man dies im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben realisieren kann. Auf der Landeshauptleutekonferenz Ende Mai haben wir uns darauf verständigt, die bisherigen Verfahrensdauern deutlich zu kürzen. Es ist höchst an der Zeit, kostenintensive UVP-Genehmigungsverfahren zu straffen. Es gibt zudem im Landesentwicklungsplan definierte Standorte, die eine ausreichende Windkraft haben. In diesen Bereichen müssen wir uns mit Durchführung von Verfahren die Genehmigungsfähigkeit anschauen. Den angesprochenen runden Tisch für die Anlagen im Schnellverfahren begrüße ich grundsätzlich. Längerfristig wird im Interesse der Standortentwicklung die Notwendigkeit gesehen, Behördenverfahren zu straffen und zeitlich eng zu begrenzen. Geht das? Es ist in diesen Dingen, aber auch generell in der Politik so, dass Veränderungen nicht automatisch jedem gefallen werden. Jeder Druck erzeugt auch Gegendruck, das gehört in einer Demokratie auch dazu. Unser Anspruch in der Landesregierung ist, dass wir gute und langfristige Lösungen zum Wohle der Salzburgerinnen und Salzburger vorantreiben. Im Lichte von Digitalisierung, Innovation und Globalisierung sind wir dabei, unsere Standortstrategie zu evaluieren und zu überarbeiten. Ein enormes Problem stellt der Fachkräftemangel dar. Zweifelsohne, der Fachkräftemangel ist ein Problem, mit dem wir stark zu kämpfen haben. Die Reform der Rot-WeißRot-Karte, die beinhaltet, dass die Verfahren einfacher und schneller werden, ist ein wichtiger Schritt. Denn je effektiver und einfacher der Weg zur Rot-Weiß-Rot-Karte ist, desto konkurrenzfähiger sind wir auch als Wirtschafts- und Forschungsstandort. Das Entgegenwirken in dieser Entwicklung rein über ausländische Arbeitskräfte wird allerdings nur einen

Bruchteil des Bedarfs decken, vielmehr brauchen wir junge Menschen aus Österreich, die von einer hochwertigen Ausbildung profitieren und die gefragten Schlüsselpositionen besetzen. Damit dies gelingt, sind wir mit der Innovation Salzburg und der Lehrlingsoffensive genau in dieser Mission unterwegs. Zudem legen wir ein besonderes Augenmerk auf technischnaturwissenschaftliche Berufe. Die Bildungspolitik wird vom Seebrunner Kreis als entscheidend für langfristige Erfolge gesehen. Reformbedarf besteht bei der Vermittlung von Entrepreneurship und dem Lösen von Aufgaben in Teams, wie das auch in der Arbeitswirklichkeit geschieht. Unser Bildungssystem lebt davon, dass es auf die Herausforderungen der aktuellen Zeit angepasst wird. Entrepreneurship und Teamaufgaben sind wesentliche Lerninhalte, die unseren Kindern und Jugendlichen während ihrer Schullaufbahn nähergebracht werden sollten, um gut auf die Arbeitswelt vorbereitet zu sein. Ich sehe eine Chance, dass diese Inhalte in den Lehrplänen unterkommen. Die Umsetzung vor Ort liegt natürlich immer in der Hand der Lehrkraft. Es ist auch jetzt schon sehr viel möglich und es gibt viele Lehrerinnen und Lehrer, die diese Inhalte bereits sehr gut im Unterricht integrieren. Wir wissen alle, wie langwierig Lehrplanreformen sind und dass hier die Mühlen auf Bundesseite oft relativ langsam mahlen. Bis die Inhalte in eigenen Fächern abgebildet werden, wird es noch dauern. Wir werden uns aber jedenfalls dafür einsetzen.

CORPORATE UNIVERSITY NACH VORBILD DER PMU Das Beispiel der PMU zeigt, dass eine Corporate University eine enorme Dynamik entwickeln kann. Deshalb schlägt der Seebrunner Kreis vor, eine solche Corporate University auf dem Executive Level der Managementausbildung (etwa wie die London Business School) zu gründen. Soll diese Idee weiterverfolgt werden? Die PMU hat sich allgemein seit ihrer Gründung vor zwei Jahrzehnten als unverzichtbarer Grundpfeiler der Salzburger Bildungs- und Forschungslandschaft etabliert und sich weit über die Landesgrenzen hinaus einen exzellenten Ruf erarbeitet. Von dieser hohen Qualität in der Ausbildung und Forschung profitiert langfristig gesehen auch Salzburgs medi-


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zinische Versorgung. Eine äquivalente Gründung einer zweiten Corporate University in Salzburg mit möglichem Mobilitätsschwerpunkt setzt natürlich eine privatwirtschaftlich organisierte Grundfinanzierung voraus. Wenn dieser Grundpfeiler abgesichert ist, kann man darüber durchaus diskutieren. In Salzburg gibt es einige durchaus erfolgreiche Initiativen zur Finanzierung von Start-ups. Vielfach wird jedoch ein Mangel an Risikokapital beklagt. Nach Auffassung des Seebrunner Kreises wäre eine konzertierte Aktion von Land Salzburg, Banken, Versicherungen, Unternehmen und Seed-Finanzierern sinnvoll. Wir haben mit Startup Salzburg ein sehr erfolgreiches Programm etabliert, woraus mittlerweile über 40 innovative Unternehmensgründungen hervorgegangen sind. Vonseiten des Landes und auch des Bundes werden in unserem Inkubationsprogramm die Start-ups auch förderseitig unterstützt. Was das Risikokapital privater Wagniskapitalgeber und sogenannter Venture-Finanzierungen betrifft, haben wir österreichweit die Herausforderungen, dass diese Kultur sowie Anreize weiter ausgebaut werden müssen. Wir haben uns auch den Forderungen der Start-up-Szene angeschlossen, Beteiligungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in einer einfacheren Form und mit attraktiver Besteuerung ohne hohen bürokratischen Aufwand zu erleichtern, neue Rechtsformen und eine einfachere Übertragung von Anteilen sowie unkomplizierte Kapitalerhöhungen zu unterstützen. Steuererleichterungen für „Business Angels“ und die Stärkung des vorbörslichen Kapitalmarkts helfen bei der Frühphasenfinanzierung.

Berufen, der Talentecheck ist die Ebene darüber. Zudem bildet der neue und österreichweit einzigartige Zweig [management. cyber.security] an der HAK Tamsweg die Cybersecurity-Spezialisten von morgen aus. Mit der österreichweit ersten Fakultät für digitale und analytische Wissenschaften an der Universität Salzburg sowie eigenen Digital-Schwerpunkten an der Fachhochschule Salzburg sorgen wir auch auf akademischem Niveau für die Fachkräfte der Zukunft. Ein Manko des Standorts wird bei der Verkehrsanbindung gesehen. Sind zeitnahe Lösungen denkbar? Vor allem auf der Bahn tut sich nun einiges. Das Land Salzburg bemüht sich bereits seit einigen Jahren, dass die Tauern-Pyhrn-Schober-Achse in das Kernnetz der TEN-Strecken (Transeuropäische Verkehrsnetze) in Europa aufgenommen wird. Nun ist es endlich gelungen, dass die Europäische Kommission die Aufnahme dieser Achse vorgeschlagen hat und aller Voraussicht nach auch das Europäische Parlament und der Rat der EU zustimmen werden. Damit können wir vor allem für den Ausbau der Tauernstrecke, wie zum Beispiel beim Pass Lueg, auf die Unterstützung der Europäischen Union zählen. In Deutschland wird jedoch gleichzeitig auf den Autobahnausbau der A8 gesetzt. Mit diesem zusätzlichen Ausbau würden neue Probleme auf die Salzburger Autobahnen – vor allem auf die A10 im Sommerreiseverkehr – zukommen. Es braucht deshalb eine bessere europäische Zusammenarbeit, um das Problem mit dem Transitverkehr zu lösen und nicht nur punktuell die Staus zu verschieben.

In den Bereichen Digitalisierung und Robotik gibt es besonders bei KMU einen Nachholbedarf. Ist es ein Ziel des Landes, proaktiv einen Beratungs- und Förderungsschwerpunkt in diesem Bereich zu schaffen? Automatisierung, Robotik und allgemein neue Arbeitswelten sind definitiv ein großes Thema, jetzt und in Zukunft noch mehr. Um hier genügend Fachkräfte zu generieren, setzen wir mehrere Maßnahmen: Bereits in der Schulzeit legt das neue Fach „Digitale Grundbildung“ den Fokus auf Programmieren, Fake-News-Erkennung und vieles mehr. Weiters bieten wir verstärkt Beratung, Werbung und Unterstützung in MINT-­

Foto: Manuel Horn

DIGITALISIERUNG UND VERKEHRSANBINDUNG

Landeshauptmann Wilfried Haslauer


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Foto: unsplash.com

Raum neu ordnen


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Bauprojekte beanspruchen öffentliche Räume. Was hier geschieht, wird für viele sichtbar und dadurch auch sehr leicht angreifbar. Arik Brauer hat das sehr treffend in seinem Lied „Sie hab’n a Haus baut“ beschrieben. Landesrat Sepp Schwaiger hat Akzente in der Raumordnung und beim Grundverkehr gesetzt.

LANDESENTWICKLUNGSPROGRAMM Ein besonderer Fokus liegt auf der „Mutter aller Planungsprogramme“, dem Landesentwicklungsprogramm (LEP). Das ist die verbindliche überörtliche Planung für die Entwicklung der Raumordnung des Landes in den kommenden 20 Jahren. Eine Art Verfassung für alle darunter angeordneten regionalen und kommunalen Planungswerkzeuge. Der vorgegebene Rahmen steckt Grenzen ab, innerhalb derer sich Regionalprogramme und die Räumlichen Entwicklungskonzepte in den Gemeinden bewegen müssen. Jedenfalls dürfen sie dem LEP nicht widersprechen. Das bisherige LEP stammte aus dem Jahr 2003 und hatte sich nach knapp 20 Jahren überlebt. Das neue Programm kommt mit rund 35 Seiten aus. „Das alte war wie ein Telefonbuch und für die Entscheidungsträger in den Gemeinden nicht leicht lesbar. Ich sehe in der Neufassung der Verordnung einen Korridor, innerhalb dessen sich die Gemeinden und Regionalverbände bei ihren Raumplanungen bewegen. Die Verbindlichkeit bezieht sich allerdings auf raumordnende Werkzeuge und gilt nicht für sämtliche Politikfelder, dafür sind andere Ressorts zuständig“, erklärt Sepp Schwaiger. Insofern sei er doch überrascht gewesen, dass es zahlreiche Stellungnahmen von NGOs gab, die alles Mögliche in die Verordnung hineinschreiben wollten, was aber mit den Mitteln der Raumordnung gar nicht gesteuert werden kann. Das LEP regelt vier Bereiche:

FREIRAUM- UND BODENSCHUTZ Die Landesverordnung schützt den gesamten Grünraum, natürlich sind Hauptsiedlungsräume in den Gemeinden ausgenommen, und nennt taxativ die Ausnahmen für die Entwicklung. Möglich sind die Abrundung zur Schaffung kompakter Siedlungen und die Erweiterung bestehender Betriebe und Flächen, die in besonderem öffentlichen Interesse stehen. Die rote Ampel bekommen flächenfressende Nutzungen wie Chaletdörfer, Zweitwohnsitze und touristische Investorenmodelle. Durch die konstruktive und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Gemeinden in Verbindung mit dem Raumordnungsgesetz aus 2018 wurde der Flächenverbrauch deutlich verringert, wie die Grafik auf S. 42 zeigt. „Natürlich ist mir als Agrar- und Raumordnungslandesrat der Schutz des Bodens ein besonderes Anliegen. Der konsequente Weg der Maßnahmen zu geringerem Bodenverbrauch zeigt sich in der Widmungsbilanz der vergangenen Jahre.“ FÖRDERBARER WOHNBAU Die Städte und Gemeinden mit überörtlicher Funktion müssen Flächen für förderbaren Wohnbau vorsehen. Alle anderen Gemeinden sind angehalten, bei der Erstellung ihres Räumlichen Entwicklungskonzepts Flächen zu prüfen, die für den förderbaren Bau von Wohnimmobilien (Eigentum oder Miete) geeignet sind.


POLITIK

111,9 98,2 80,8 68,8

70,6

70,6

59,9

55,2

51,3

2010

2011

2012

2013

2014

2015

Quelle: Land Salzburg, Grafik: Inspiranto

Baulandwidmungen in Salzburg (in Hektar):

ENERGIERAUMPLANUNG Das Thema Energieraumplanung erlebte in den Iden des März dieses Jahres eine breite öffentliche Diskussion. Der Entwurf für das LEP sieht elf Standorte für insgesamt 65 mögliche Windräder vor. Diese Standorte wurden bereits im Vorfeld mittels einer strategischen Umweltprüfung analysiert, erklärt Landesrat Schwaiger. Dafür wurde ein Kriterienkatalog aufgestellt, der 41 einzelne Positionen umfasst. Ein wesentliches Kriterium war eine permanente Windstärke von 5 Metern pro Sekunde (das entspricht 18 km/h) in einer Höhe von 100 Metern. Das ist nur an wenigen Plätzen im Bundesland gegeben. Zudem darf es keine Verwirbelungen an den Rotorblättern geben, weil sonst keine adäquate Stromerzeugung möglich ist. Deshalb sind an manchen Standorten nur zwei Anlagen, an anderen bis maximal zwölf möglich. Ansonsten kämen sie sich „in die Quere“. Im Kriterienkatalog werden auch Entfernungen zu Wohnsiedlungen, Verkehrsflächen, Flüssen, Seen oder Brunnen angeführt. Ein weitgehendes Ausschlusskriterium sind ausgewiesene Natur- und Landschaftsschutzgebiete. Dennoch gab es Querschüsse, insbesondere vonseiten des Alpenvereins, was Sepp

2016

46,2

2017

2018

Betriebsbauland

2019

40,4

41,9

2020

2021

Wohnbauland

Schwaiger sehr geärgert hat: „Wie sollen wir die Energiewende schaffen, wenn jede Form von alternativer Energie abgelehnt wird? Es muss uns aber allen klar sein, dass Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen – als einzig möglicher Schritt weg von Öl, Gas und Atomenergie – in der Landschaft sichtbar ist!“ Geprüft wurden auch die wesentlichen Bioindikatoren für Flächen, die für Photovoltaikanlagen genutzt werden können. Grundsätzlich ausgeschlossen soll „gutes Grünland“ sein. Grünes Licht gibt es dagegen für vorbelastete Bereiche wie Emissionsstreifen entlang von Straßen oder Bahnen, Deponien, Lagerplätze, ehemalige Gewerbestandorte sowie Grenzertragsböden und natürlich für die vielen gewerblichen und privaten Dächer von Gebäuden oder Parkplätzen. Nicht im LEP enthalten sind Korridore für die „linienhafte Verkehrsinfrastruktur“. Dazu gibt es eigene Sachprogramme, die das regeln. Aber auch hier sieht man am Beispiel der Hochleistungsstrecke durch den Flachgau, wie schwierig es inzwischen geworden ist, ökologisch sinnvolle Investitionen umzusetzen. Ganz abgesehen davon, dass mit der Verhinderungstaktik auch der Ausbau des S-Bahn-Verkehrs mit einer höheren Taktung der Züge unmöglich gemacht wird.


42 43 STEUERUNG DES TOURISMUS Heftige Diskussionen gab es in den vergangenen Jahren über einige touristische Bauprojekte. Einigen strittigen Projekten schiebt das LEP einen Riegel vor: „Wir wollen keine Projekte mehr in abgelegenen Lagen. Die Entwicklung eines nachhaltigen, angemessenen Tourismus ist gewünscht, soll aber künftig nur noch dort stattfinden, wo der Tourismus sinnvollerweise hingehört, nämlich in den Hauptsiedlungsbereichen“, erläutert Schwaiger.

Foto: Land Salzburg

DIFFERENZIERUNG ZWISCHEN ZENTRALRAUM UND INNERGEBIRG Eine Neuerung des Landesentwicklungsprogramms ist die Differenzierung zwischen dem Zentralraum vom Flachgau bis zum Pass Lueg und den Gauen innergebirg. Genauer abgegrenzt als bisher werden zudem die jeweiligen Zuständigkeiten. Das Land ist Aufsichtsbehörde und Begleiter der Planungsinstrumente der Regionen und Gemeinden: „Wir wollen auf keinen Fall Oberlehrer sein, sondern als Dienstleister und juristischer Ratgeber gemeinsam mit Regionalverbänden und Gemeinden etwas bewegen“, sagt der Raumordnungslandesrat im Gespräch mit DENK. Die Gemeinden sind für die Räumlichen Entwicklungskonzepte, Flächenwidmung und Bebauungspläne zuständig, die Regionalverbände sieht Schwaiger vor allem bei überörtlichen Gewerbegebieten, ortsübergreifenden Grünraumkonzepten und gemeinschaftlich genutzten Infrastruktureinrichtungen gefordert.

Landesrat Sepp Schwaiger arbeitet an neuen Planungsinstrumenten.

FOKUS AUF LEISTBARES WOHNEN Ein Megathema ist momentan die Explosion der Preise für Wohnraum. Vor allem junge Salzburgerinnen und Salzburger, die keine Unterstützung durch die Familie erfahren können, haben längst die Illusion verloren, dass sie es sich je werden leisten können, in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Et­was Druck aus dem Kessel des Immobilienmarktes will Landesrat Schwaiger durch das neue Raumordnungsgesetz nehmen. Er setzt auf Start- und Übergangswohnungen, die unter vereinfachten Regeln und mit weniger Bürokratie errichtet werden können. Flexibilität bei den Wohnungsgrößen und Zuweisung durch die Gemeinden sind ein Ansatz, ein anderer der sparsame Umgang mit Grund und Boden durch Nachverdichtung, Überbauung von Supermärkten und vereinfachten Ausbau von Dachböden durch die Anhebung der Traufenhöhe um 75 cm. Verfahren und Genehmigungen sollen durch eine Digitalisierungsoffensive in der Raumordnung und beim Baurecht beschleunigt und die Bearbeitungszeit verkürzt werden. Übergeordnetes Ziel ist dabei, dass die Jugend weiterhin Entwicklungsmöglichkeiten in ihren Orten vorfindet. „Ohne die nachkommenden Generationen in unseren Gemeinden werden wir den Generationenvertrag nicht aufrechterhalten können“, sagt der Landesrat. GRUNDVERKEHRSGESETZ NACHGESCHÄRFT Politische Debatten gab es in der jüngeren Vergangenheit auch über den Grundverkehr. Im Mittelpunkt standen dabei landwirtschaftliche Grundstücke, die an Nichtagrarier veräußert wurden. Vor allem im Pinzgau wurden in den Jahren von 1995 bis 2003 Rechtsgeschäfte vorgenommen, die nicht ordnungsgemäß dokumentiert wurden. Dieser Vorwurf treffe zu, müsse aber auch unter den damaligen Rahmenbedingungen gesehen werden. In dieser Phase war der Oberpinzgau ein Ziel-5b-Gebiet. Es gab also Förderungen der EU, um das unterdurchschnittliche Bruttoregionalprodukt anzuheben. Die Entscheidung fiel auf die Weiterentwicklung des Tourismus. Dafür wurden damals größere Umwidmungen vorgenommen. Den Fokus richtet das neue Grundverkehrsgesetz auf klare Regeln bei Rechtsgeschäften mit Bau- und Grünland. Land- und forstwirtschaftliche Grundstücke wurden neu definiert und Bewirtschaftungskonzepte werden eingefordert. Werden diese nicht umgesetzt, sieht das Gesetz nun einen vereinfachten Weg zur Versteigerung vor, wenn der Grund widmungswidrig verwendet wird. Jetzt gibt es auch nur noch eine Grundverkehrskommission statt bisher fünf. Bei Verkäufen von Bauland wird künftig eine Meldung zur Begründung des Hauptwohnsitzes, die sogenannte Positiverklärung, eingeführt. Damit wird ein weiterer Schritt zur Verhinderung von Zweitwohnsitzen und vor allem von spekulativem Leerstand gesetzt.


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Rückgrat S-Link Beim wichtigsten Nahverkehrsprojekt Salzburgs, dem S-Link, laufen noch bis 2023 die Detailplanungen, dann steht der genaue Verlauf vom Hauptbahnhof bis Hallein fest. DENK hat mit Landesrat Stefan Schnöll über die aktuellen Projekte und seine verkehrspolitischen Visionen gesprochen.

In die Stadt Salzburg pendeln schon jetzt täglich 60.000 Menschen ein, das Einzugsgebiet geht über den Zentralraum nach Oberösterreich und in das benachbarte Bayern hinein. Das sind in Summe eine Million Menschen. Dazu kommt noch der touristische Verkehr. Um die Verkehrsbewegungen zu bewältigen, gibt es nur wenige Landesstraßen, eine Autobahn, das regionale Busnetz und zwei schienengebundene Linien. Der Autoverkehr dominiert. „In jedem Auto sitzen im Schnitt nur 1,4 Menschen, die Hälfte aller Fahrten ist kürzer als 5 km, jede zehnte Fahrt sogar unter einem Kilometer“, rechnet Stefan Schnöll vor. Das sei ein Beleg dafür, dass der öffentliche Personennahverkehr nicht attraktiv genug ist, und hat zur Folge, dass die Stadt unter Stau und Lärmbelastung leidet. Vergleichbare urbane Zentren hätten eine wesentlich bessere Verkehrsinfrastruktur, konstatiert Landesrat Schnöll. Karlsruhe, das häufig als Vorbild in Nahverkehrsfragen herangezogen wird, sei gerade dabei, eine Regionalbahn auf einer kurzen Strecke durch das Zentrum in den Untergrund zu verlegen, weil oberirdisch der Platz fehlt. Das gelte auch in Salzburg: „Eine schienengebundene Anbindung zwischen dem Norden und dem Süden der Stadt oberirdisch herzustellen ist angesichts der Enge der Straßen nicht möglich, eine Verdichtung des Busnetzes funktioniert nur noch begrenzt, denn schon jetzt stehen sich an den Haltestellen im Zentrum die

Obusse im Weg. Die Fahrt vom nördlichen Flachgau ins Stadtzentrum mit Bahn und Bus dauert viel zu lange“, resümiert Schnöll. GESAMTVERKEHRSKONZEPT VERBINDET DIE REGION Das werde sich mit dem Abschluss der ersten beiden Bauetappen vom Hauptbahnhof zum Mirabellplatz und dann weiter zur Akademiestraße schon erheblich verbessern, ist er überzeugt. Man dürfe aber nicht nur diese Strecke sehen: „S-Link ist ein Gesamtverkehrskonzept, das Stadt, Land Salzburg und die Regionen im Zentralraum miteinander verbindet.“ Die Planungen bis Hallein werden weiter vorangetrieben, bis Ende 2023 sollen sie abgeschlossen sein. Von der Trassenführung ab der Akademiestraße in den Tennengau wird es auch abhängen, wann die kurze unterirdisch geführte Regionalbahn wieder an der Oberfläche fährt. Zudem wird die Anbindung des Messezentrums und des bestehenden Stieglgleises geplant. Das wird dazu führen, dass mit dem S-Link auch Tausende Lkw-Fahrten durch den Schienentransport ersetzt werden können. Der Nutzen des Vorhabens ist groß, weshalb es auch gelungen ist, für dieses überregionale Projekt den Bund als maßgeblichen Finanzierungspartner zu gewinnen, der über die Hälfte der Gesamtkosten tragen wird.


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Er stehe jedenfalls nicht für reine Symbolpolitik zur Verfügung. Sollte der S-Link wider Erwarten „versenkt“ werden, dürfe man sich künftig nie wieder über Staus, Lärm und Abgase beklagen. INFRASTRUKTURAUSBAU IN BAYERN STOCKT Unglücklich ist Landesrat Stefan Schnöll mit dem Infrastrukturausbau im benachbarten Bayern. Es sei in Deutschland kein Mut zu erkennen, eine Verkehrswende herbeizuführen. Im Gegenteil: Es zähle nur das Auto, weshalb auch die Autobahn A8 dreispurig ausgebaut werden soll. Auf der Schiene nach München und weiter zum Flughafen zu kommen ist sehr mühsam und daran wird sich auch lange Zeit nichts ändern. Beim Ausbau der Verbindung München–Salzburg über Mühldorf soll es zu erheblichen Verzögerungen kommen. Durch ein neues Bundesgesetz könnte das Projekt nochmals mindestens zehn Jahre aufgeschoben werden. Richtung Wien ist die Bahnverbindung besser, aber zu den Randzeiten werden Flüge nicht erreicht, was zusätzlich Zeit und Geld kostet, weiß der Landesrat. Er verstehe deshalb die Forderung aus der Wirtschaft, die Fluganbindung an internationale Drehkreuze ab Salzburg zu verbessern. S-BAHN UND ANSCHLUSSBAHNEN Froh ist Stefan Schnöll, dass die Planungen für die Hochleistungsstrecke der Bahn durch den Flachgau gut vorankommen. Die Situation für die Gemeinden Elixhausen und Hallwang ist durch eine durchgängige Führung der Trasse im Tunnel attraktiver geworden. Der Abtransport des Tunnelaushubs durch Güterzüge hat die Diskussion zwischen Artenschutz (Grubenlaufkäfer und Steinkrebse) und Klimaschutz am Tunnelaus-

Scannen Sie den QR-Code um ein Video zur geplanten Streckenführung zu sehen. Aktuelle Informationen über das Projekt S-Link: www.s-link.at

gang in Henndorf zu einem guten Ende geführt. Der Ausbau habe auch erfreuliche Auswirkungen auf den S-Bahn-Verkehr im Flachgau: Die Züge sind jetzt schon tagsüber überfüllt und neue Kapazitäten für die Verdichtung des Taktfahrplans werden dringend benötigt. Positive Signale gibt es auch für das Projekt Anschlussbahnen. Das Land fördert die Nutzung von Gleisanlagen, die Gewerbegebiete mit dem übergeordneten Schienennetz verbinden. Das Eisenwerk Sulzau-Werfen und der Halleiner Schrott- und Metallhändler Weiss haben inzwischen viele Transporte auf die Schiene verlagert. BAHNINVESTITIONEN AM PASS LUEG UND IM PINZGAU Erfreuliche Nachrichten gebe es auch, was die TauernPyhrn-Schober-Achse betrifft: Die EU-Kommission hat diese Bahnstrecken in das übergeordnete Netz aufgenommen, womit es auch Ausbauförderungen aus Brüssel gibt. Das ist insbesondere für die Verlegung der Bahn beim Pass Lueg in einen steinschlag- und lawinensicheren Tunnel wesentlich, weil die EU hier mitfinanzieren wird. Auch die Arbeiten am Wiederaufbau der Pinzgauer Lokalbahn nach dem verheerenden Hochwasser vergangenes Jahr laufen. Die Trasse wird ein Maximum an Hochwasserschutz gewährleisten. Von Zell am See wird die Schmalspurbahn ab Frühjahr 2023 bis Mittersill fahren, ein Jahr danach auch wieder bis Krimml. Insgesamt kostet das Bauvorhaben 17 Millionen Euro.

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„Wenn es jetzt Stimmen aus der Landeshauptstadt gibt, die eine Volksbefragung fordern, dann ist das sicher nicht ein Thema für die Bevölkerung der Stadt allein, sondern muss überregional stattfinden, da das Jahrhundertprojekt für eine Million Menschen im Einzugsgebiet von Relevanz ist. Ich verstehe Politiker nicht, die ständig nach Befragungen der Bürgerinnen und Bürger rufen: Politiker sind gewählt worden, um Entscheidungen zu treffen. Andere Städte sind hier viel mutiger.“

Landesrat Stefan Schnöll


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Ideen für die Zukunft Europas

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Die EU hat 2021 eine Konferenz zur Zukunft Europas eingerichtet. Dabei wurden in Diskussionsreihen mit Bürgerinnen und Bürgern Ideen für die gemeinsame Zukunft entwickelt. Die Ergebnisse liegen jetzt vor und werden nun an die Organe der EU herangetragen. Wir haben mit Bundesministerin Karoline Edtstadler über die Ergebnisse gesprochen.


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Wie viele Bürgerinnen und Bürger haben sich an der Zukunftskonferenz beteiligt? Österreich hat die EU-Zukunftskonferenz von Anfang an voll unterstützt und zählt zu den aktivsten Mitgliedsstaaten. Betrachtet man den Umfang der eingebrachten Beiträge im Verhältnis zur Einwohnerzahl, liegt Österreich mit 161 konkreten Beiträgen pro eine Million Einwohnerinnen und Einwohner unter den Top 6 der EU-Mitgliedsstaaten. Wir müssen auch in Zukunft die Bürgerinnen und Bürger an den Prozessen der Europäischen Union teilhaben lassen. Es braucht wirksame Brücken zwischen den Institutionen der EU und den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort – analog zur österreichischen Initiative der Europa-Gemeinderäte – in allen Mitgliedsstaaten der EU. In Ihrem Bericht fordern Sie ein Voranstellen der geopolitischen Interessen – was muss die EU hier leisten? Europa muss seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellen. Wir müssen uns vor Angriffen schützen und müssen in der Lage sein, unsere eigenen Interessen verteidigen zu können. Dies gilt im Besonderen für die unmittelbare Nachbarschaft der Union, in der auch Russland und andere Akteure Einfluss ausüben. Während die Abhängigkeit von Russland und China reduziert werden muss, sollten die Beziehungen zu jenen Ländern und Regionen, welche die europäischen Werte teilen, weiter vertieft werden. Dazu gehört beispielsweise auch, dass wir unsere Abhängigkeiten bei Rohstoffen so weit wie möglich reduzieren. Was passiert nach dem Zwischenbericht mit den Vorschlägen der Zukunftskonferenz? Wir stehen erst am Anfang des Zukunftsprozesses. Die Ergebnisse liegen jetzt auf dem Tisch, nun müssen wir auch liefern, Verhandlungen führen und am Ende des Tages Ent-

scheidungen treffen. Wir werden noch länger dieses krisenhafte Geschehen im Osten vor unseren Augen und vor der Haustür der Europäischen Union haben. Gerade deshalb sind wir gefordert, jetzt etwas zu tun und die Europäische Union weiterzuentwickeln. „Europa wird in Krisen geschmiedet“, hat Jean Monnet, Wegbereiter der europäischen Einigung, einst gesagt. Ich sehe in allen Krisen und in den zahlreichen Herausforderungen, denen die Europäische Union heute gegenübersteht, die echte Chance auf die so notwendige Veränderung. Unsere Aufgabe ist es daher, gerade jetzt ein neues und besseres Europa zu schmieden. Der Ukraine wurde eine Mitgliedschaft in Aussicht gestellt. Was bedeutet das für die Länder auf dem Balkan, die teilweise bereits mehr als zehn Jahre in der „Warteschleife hängen“? Die Ukraine ist ein westliches Land, welches das Recht hat, einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft zu stellen. Wir müssen aber auch festhalten, dass es in den Verträgen kein FastTrack-Verfahren gibt. Wir werden Möglichkeiten finden, um die Ukraine an die EU heranzuführen, ein EU-Beitritt geht aber nicht von heute auf morgen, das sehen wir vor allem auch auf dem Westbalkan. Uns darf jetzt nicht der Fehler passieren, den Erweiterungsprozess am Westbalkan erst dann abzuschließen, wenn es zu spät ist. Vor zirka zwei Jahren haben wir beschlossen, dass die Verhandlungen mit Albanien und Nordmazedonien aufgenommen werden sollen. Es gibt keinen Grund für eine weitere Verzögerung, denn Putin verfolgt auf dem Balkan eine klare Agenda. Wir müssen den Staaten auf dem Westbalkan eine klare Beitrittsperspektive geben und Blockaden innerhalb der EU ausräumen. Die Debatte zwischen Bürgern und Politikern gipfelte in einem Bericht mit 49 Vorschlägen, die konkrete Ziele und mehr als 320 Maßnahmen für die EU-Institutionen zur Umsetzung enthalten. Näheres dazu: https://futureu.europa.eu/?locale=de

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Was erwarten Sie sich von der Europakonferenz und welche Erkenntnisse konnten bisher gewonnen werden? Als die „Konferenz zur Zukunft Europas“ angekündigt wurde, war die Welt noch eine andere. Es gab keine Pandemie und keinen Krieg in Europa. Europa ist jetzt mehr denn je gefordert, sich für die Zukunft aufzustellen. Ich halte es deshalb nach wie vor für extrem wichtig, dass Europa unter Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger auch überlegt, in welche Richtung es gehen soll. Wir müssen auf diese Veränderungen reagieren und uns auf unsere eigenen Stärken besinnen. Um den „European Way of Life“, Europa als Ort von Stabilität, Wohlstand, Freiheit und höchster Lebensqualität abzusichern, braucht es vor allem Veränderungen in drei Bereichen: 1. das Voranstellen der geopolitischen Interessen Europas 2. die Rückbesinnung auf die Wirtschaftsmacht Europas 3. die nachhaltige Stärkung im Inneren Europas

Karoline Edtstadler Bundesministerin für EU und Verfassung


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Fokus auf den Westbalkan Der russische Einmarsch in der Ukraine hat viele politische Themen auf europäischer Ebene auf eine neue Stufe gehoben. So auch die Frage der Rolle des Westbalkans in der EU. Hier fordert der Gründer und Leiter des Instituts der Regionen Europas, Franz Schausberger, nun einen „Booster“.

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Die Staaten des Westbalkans haben zum Teil schon vor über einem Jahrzehnt Beitrittsanträge bei der EU gestellt. Österreich hat sich aus historischen, wirtschaftlichen und politischen Gründen ebenso lange dafür eingesetzt, die Länder des Westbalkans an die EU anzunähern oder ihnen den Beitritt zu ermöglichen. Jetzt hängen sie in einer Warteschleife, kritisiert der frühere Landeshauptmann Franz Schausberger. „Es gibt Versprechungen und Erklärungen mit den immer gleichen Argumenten. Das hat Frustration in diesen Ländern ausgelöst, ihren Reformwillen teilweise erlahmen lassen und dafür gesorgt, dass sich die Staaten immer mehr an andere

angelehnt haben. Russland, die Türkei und Saudi-Arabien wurden zu wichtigen Ansprechpartnern der Region.“ Die Europäische Union müsse jetzt im Blick auf die neue geopolitische Situation durch den Krieg in der Ukraine einen Schritt vorwärts tun und die Verhandlungen wieder intensivieren. Dies hat Ende März auch Bundeskanzler Karl Nehammer gefordert. Bei einem Besuch in Serbien sprach er davon, dass wir den Westbalkan „nicht anderen überlassen dürfen“. Gerade in diesem Land gab es bis zum Ukraine-Krieg – auch aus historischen Gründen – eine starke „Pro-Russland-Bewegung“.


REFORMEN FÜR INTEGRATIONSFORTSCHRITTE Ungeachtet dessen habe Serbien – nach anfänglicher Skepsis – die Sanktionen zum Teil mitgetragen, sich klar gegen den Krieg und für die territoriale Integrität der Ukraine ausgesprochen sowie die UNO-Resolution gegen die russische Invasion mitbeschlossen. Zudem wurde Anfang des Jahres die von der EU geforderte Justizreform durchgeführt. Ihr grundlegendes Ziel war es, Richter und Staatsanwälte unabhängiger von politischem Einfluss zu machen. Dazu mussten grundlegende Bestimmungen der Verfassung geändert werden. Bei der Volksabstimmung haben die Wähler mit großer Mehrheit zugestimmt. Leider ohne Reaktion der EU, bedauert Schausberger. „In den Beitrittsverhandlungen wurden Reformschritte zu Recht eingefordert. Wenn diese von den Beitrittskandidaten gegangen werden, muss es auch einen Schritt vorwärts bei der Integration gehen.“ VETO GEGEN NORDMAZEDONIEN Fast schon grotesk mutet das Verhalten im Falle Nordmazedoniens und Albaniens an. Die EU hat mit Nordmazedonien als erstem Staat des westlichen Balkans 2001 ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen unterschrieben. Das Land hat den lange Zeit schwelenden Konflikt mit Griechenland wegen der Namensgebung beigelegt. Es gab das Versprechen, Beitrittsverhandlungen aufzunehmen, sobald dieser Streitpunkt vom Tisch ist und entsprechende Reformschritte bei Justiz, öffentlicher Verwaltung und den Nachrichten- und Sicherheitsdiensten umgesetzt wurden. Das alles wurde erfüllt, was im Europäischen Rat mit dem Beschluss über die Eröffnung der Beitrittsverhandlungen „belohnt“ wurde. Doch dann legten die Niederlande und Bulgarien ein Veto ein. Da die Verhandlungen mit Nordmazedonien mit jenen Albaniens junktimiert sind, dreht auch dieser griechische Nachbar seine Wartezimmerrunden. Schausberger sagt, er hoffe sehr, dass diese Länder angesichts der Ereignisse jetzt endlich in die Endrunde der Gespräche gehen können. Eher Rück- als Fortschritte gibt es bei Bosnien-Herzegowina, das 2016 seinen Beitrittsantrag abgegeben hat, ohne dass seither nennenswerte Fortschritte erzielt wurden, konstatiert der Chef des Instituts der Regionen Europas mit Sitz in Salzburg: „Wir verlieren als Gemeinschaft an Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Region, wenn immer wieder innenpolitische Einzelinteressen von EU-Ländern den Prozess der Integration des Westbalkans blockieren.“

Foto: IRE

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IRE-Gründer Franz Schausberger fordert einen neuen Fokus der EU auf den Westbalkan.

VERLUST AN GLAUBWÜRDIGKEIT UND ANSEHEN IN DER REGION Einen weiteren Punkt für Verärgerung gebe es für den Kosovo, schildert Franz Schausberger: Am 1. Jänner 2008 sind in allen Staaten des westlichen Balkans (außer dem Kosovo) Visaerleichterungen mit der EU in Kraft getreten. Anschließend hat die Europäische Kommission Fahrpläne für eine Visabefreiung erstellt. Nordmazedonien, Montenegro, Serbien und Albanien haben die Bedingungen erfüllt und deshalb seit 2010 Visafreiheit. Im Falle des Kosovos ist die EU um keinen Schritt weitergekommen, was dort für erhebliche Frustration sorgt. NEUBEWERTUNG DER BEZIEHUNG ZUR TÜRKEI Neu zu überdenken sei auch das Verhältnis zur Türkei, für die ein Vollbeitritt wohl nicht infrage komme, aber eine Sondervereinbarung der EU mit dem Staat am Bosporus wäre sinnvoll. Die Türkei spiele im Krieg Russlands gegen die Ukraine eine bedeutende Rolle als Vermittler und habe nicht zuletzt ihren politischen Einfluss am Westbalkan ausgebaut.

DAS INSTITUT DER REGIONEN EUROPAS Das Institut der Regionen Europas (IRE) ist eine gemeinnützige Stiftung, die 2004 vom ehemaligen Salzburger Landeshauptmann Univ.-Prof. Franz Schausberger gegründet wurde, um ein Forum für europäische Regionen, Gemeinden und Unternehmen zu schaffen. Das IRE unterstützt die Vernetzung der europäischen Regionen sowie die Regionalisierung und Dezentralisierung in Europa.


Foto: Tom Klocker

KULTUR

Astreines Design


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Die Architekten Chris Precht und seine Frau Fei arbeiten gemeinsam mit dem Betriebswirt Rudi Obauer in Pfarrwerfen daran, die Architektur ein Stück weg von der Uniformität Richtung Betonung regionaler und kultureller Besonderheiten zu entwickeln. Dabei experimentieren sie mit ökologischen Baustoffen und Konzepten, die unsere Vorstellung des Möglichen infrage stellen.

Fernheizkraftwerken gespeist, es gibt eine kompostierende Toilette und eine Wasseraufbereitungsanlage. Jeder Raum wird genutzt, selbst in den Zwischenböden gibt es Kofferablagen und Stauraum. Eine mehrteilige Videoreihe zeigt die Entstehungsgeschichte von Bert: www.baumbau.at „Wir haben bei diesem Projekt den Business Case umgekehrt. Wir hatten weder einen Investor noch einen Klienten. Wir wollten einfach zeigen, was machbar ist und wie wir uns den Bezug zur Natur vorstellen“, erläutert Rudi Obauer. Gerade in den großen Städten hätten die Bewohnerinnen und Bewohner oft keinen Bezug zur Natur und wüssten deshalb gar nicht, wie schützenswert sie ist.

Foto: Tom Klocker

Den Ort für das Gespräch haben die beiden Protagonisten dieses Artikels bewusst gewählt: Wir treffen uns nahe dem Architekturbüro im Pfarrwerfener Ortsteil Maier. Am verwitterten, von Fichtennadeln bedeckten Tisch fehlt nur die „gute Seele des Architekturbüros“. Fei Precht ist gerade zum zweiten Mal Mutter geworden und kümmert sich um das Baby. Eines Tages wird das Kind wohl mit großen Augen staunend vor einem der „Freizeitprojekte“ der von Obauer und Precht gemeinsam gegründeten Firma Baumbau stehen. Das Tiny House, das auf den Namen Bert hört, wurde wie ein Baumhaus als Gegenentwurf zu den landschaftsfressenden Chaletdörfern konstruiert. Ausgangspunkt des Konzepts war die Überlegung, möglichst wenig Boden zu versiegeln. Die Verbindung zum Boden ist ein Stamm mit einem Durchmesser von 3,6 Metern, in einigen Metern Höhe liegen je nach Modell eine oder mehrere Querröhren mit großen Fenstern, die die Verbindung der Wohnräume zur Natur herstellen. Im Stamm sind Stiege, Nassräume und Versorgungsleitungen untergebracht. Gefertigt wird das Baumhaus bei Holzbau Maier in Bramberg sowie der Tischlerei Decker in Itter im Bezirk Kitzbühel. Die spezielle Verglasung wird von Glas Gasperlmair aus dem Pongau hergestellt. Vor fünf Jahren wäre das Projekt so noch gar nicht umsetzbar gewesen. Erst die Erfindung neuer Produktionsprozesse erlaubte die Herstellung der Tragstruktur aus 15 cm dicken, gebogenen Massivholzplatten. Der Wohnraum ist mit dunklem Stoff ausgeschlagen, was Geborgenheit auf 28 oder 42 Quadratmetern vermittelt, außen ist der Korpus mit Lärchenschindeln gedeckt. Die Haustechnik ist durchwegs ökologisch: Strom liefern Solarpaneele, die Heizung wird von örtlichen


Zusammenleben neu gedacht: das Farmhouse

Foto: Manuel Horn

KONNOTATION MIT FANTASYGESCHICHTEN Die publizistische Resonanz auf Bert war enorm. Journalisten sahen in den an den Enden verglasten Querröhren Ähnlichkeiten mit den einäugigen Minions, andere verglichen die Baumhäuser mit „Hobbithöhlen in den Baumwipfeln“. Chris Precht findet diese Vergleiche super: „Wir haben unser Ziel erreicht, wenn die Menschen positive Konnotationen mit Märchen- und Fantasygeschichten haben und durch unser Projekt das Kind und somit das Ursprüngliche in ihnen angesprochen wird.“ Es kamen Anfragen aus dem In- und Ausland. Ein Großauftrag aus Indien für 500 Exemplare von Bert wurde abgelehnt. Umgesetzt wurde dafür ein Projekt des Chefs des berühmten Steirerecks in Wien, Heinz Reitbauer. In der Dependance des Wiener Haubenlokals in Pogusch bei Kapfenberg wurden vier Baumbau-Häuser errichtet, die Glas- und Vogelhäuser, Rehlein- und Jagdhütten als Übernachtungsmöglichkeiten für die Gäste ergänzen. Dies ist ein wichtiges Merkmal der Arbeit der jungen Vordenkerinnen und Vordenker: Man baut nicht mit jedem Partner ein Projekt, sondern dreht auch hier wieder die Perspektive um. Projektpartner werden gezielt ausgesucht und es wird geprüft, ob sie die Werte und Visionen des innovativen Architektenteams aus Pfarrwerfen teilen. Nur wenn Letzteres gegeben ist, kommt eine Zusammenarbeit infrage.

Foto: Studio Precht

KULTUR

V. l. n. r.: Chris Precht und Rudi Obauer


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Foto: Studio Precht

BALKONHOCHHAUS UND VERTIKALE GÄRTEN Bert ist längst nicht das einzige innovative Projekt, das aus der Precht’schen Kreativwerkstatt kommt. In Tel Aviv planten sie etwa ein Balkonhochhaus mit begrünten Terrassen, die so ineinander verschachtelt sind, dass sie sich gegenseitig maximalen Schatten spenden, und in Toronto einen 18-geschoßigen Turm ganz aus Holz. Mit dem „Farmhouse“ entwickelten sie ein Konzept für modularen Wohnbau aus ineinandergefügten Dreiecken, bei dem die Bewohner in vertikalen Gärten ihre eigenen Lebensmittel produzieren können. Beim Gespräch mit DENK zeigt Chris Precht ein Projekt, das gerade im Entstehen ist. Der Auftraggeber wolle etwas baulich Unvorstellbares realisieren: einen exklusiven Bau mit aneinandergesetzten Halbkreisen, die sich von oben zu einem Blütenkelch zusammenfügen. In diesen Halbkreisen sind die Zimmer für gerade einmal 24 Gäste untergebracht. Dazwischen wachsen Bäume, die Schatten spenden und ein perfektes Kleinklima erzeugen. Mehr Natur geht nicht mehr.

ÜBER DAS STUDIO PRECHT Der Pfarrwerfener Architekt Chris Precht war als Schüler des Sportgymnasiums Zams auf dem Weg in in eine Profikarriere als nordischer Kombinierer. Mit 18 Jahren ging er in „Sportpension“, weil sich die Olympischen Spiele nicht ausgingen. Er studierte stattdessen Architektur. 2008 schaute er sich in Peking die Olympischen Spiele an, lernte seine Frau Fei kennen, mit der er 2013 das Architekturbüro Penda in der chinesischen Hauptstadt gründete. Bis zu 20 Mitarbeiter arbeiteten an internationalen Projekten. 2015 dann der Schicksalsschlag: Der Vater von Chris, Albert Precht, ein international bekannter Kletterer, stürzte in Kreta beim Abseilen ab. Das Paar löste 2017 schweren Herzens das Architekturbüro in China auf, musste eine Reihe guter Klienten aufgeben und übersiedelte nach Pfarrwerfen, um näher bei der Mutter zu sein. Heute arbeiten hoch über Pfarrwerfen im Ortsteil Maier acht innovative Menschen aus einem internationalen Umfeld, die demnächst in eine ehemalige Tischlerei in Werfen übersiedeln werden, um mehr Platz zu haben. Aus Werfen kommt Rudi Obauer. Er ist der Sohn des hochdekorierten gleichnamigen Kochs und Gastronomen. Rudi Obauer junior hat nach der Matura eine Koch/Kellner-Lehre absolviert. Lehre mit Matura war damals noch „außerirdisch“. So wie der nächste Schritt: Ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Privatuni Schloss Seeburg und in Dubai folgte. Dort lernte er eine „andere Welt“ kennen, sammelte Inspiration und knüpfte viele Kontakte. Als Nächstes machte er in einer digitalen Werbeagentur in der Schweiz halt. Irgendwann kreuzte er dann den Weg von Chris Precht beim Langlaufen. Daraus entstand vor vier Jahren schließlich ein Gemeinschaftsprojekt. Obauer kümmert sich als COO um Organisation und die Finanzen an beiden Standorten: Seit einigen Jahren gibt es nämlich wieder ein Architekturbüro in Schanghai, wo sechs Architekten tätig sind. Mehr Infos unter: www.precht.at Mehr über die Arbeit, Vision und Geschichte des Studios Precht erfahren Sie in unserer neuesten Podcastfolge. Reinhören lohnt sich!

Der Tree Tower in Toronto


WISSENSCHAFT

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Die neue Digitalfakultät


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ANALYTIK

An der Universität Salzburg gibt es seit Jahresbeginn die neue Fakultät für Digitale und Analytische Wissenschaften. Sie ist in Österreich einzigartig. Daraus soll jetzt ein Booster für die Alma Mater wie auch die Wirtschaft werden.

Die Digitalfakultät zählt im Sommersemester 1250 Studierende, in einigen Jahren, so hofft Dekan Arne Bathke, sollen es mindestens 2000 Studierende sein. Ihnen werde eine Reihe von Studiengängen geboten, „die einen fruchtbaren Boden für den Berufseinstieg in einigen der gefragtesten Disziplinen bilden sowie die Möglichkeit bieten, die digitale Transformation unserer Welt intelligent und verantwortungsvoll zu gestalten“, stellt Dekan Bathke fest. Das Studienangebot umfasst vier Bachelor- und sieben Masterstudiengänge sowie Lehramtsund Doktoratsstudiengänge. Grafik: Inspiranto

Drei bestehende Fachbereiche wurden in der neuen Fakultät zusammengeführt: Geoinformatik, Informatik und Mathematik, dazu kommt ein vierter Bereich, der sich mit Artificial Intelligence und Human Interfaces befasst. Beschäftigt werden aktuell bereits zirka 40 Professorinnen, Professoren und Habilitierte. Dazu kommen jetzt vier neue Stiftungsprofessuren, die durch das Land Salzburg finanziert werden. Zusätzlich wird auch noch ein Research College mit Prädocs und Postdocs aufgebaut. Zwei Professuren im Bereich Human-Computer Interaction und Data Science wurden bereits umgesetzt. Die Ausschreibung für die vier Stiftungsprofessuren und eine aus Bundesmitteln finanzierte Professur für Künstliche Intelligenz wird gerade vorbereitet.


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WISSENSCHAFT

Oben: Dekan Univ.-Prof. Arne Bathke Rechts: Die neue Digitalfakultät in Salzburg-Itzling soll weiter ausgebaut werden.

GRÖSSTE INVESTITION IN DIE FORSCHUNGSFÖRDERUNG Das Land Salzburg stemmt von den Anfangsinvestitionen in Höhe von 12,7 Millionen Euro fast 10 Millionen, der Rest kommt aus dem Uni-Budget. Landeshauptmann Wilfried Haslauer sprach bei der Vorstellung des Projekts von der „größten Einzelinvestition im Rahmen der Forschungsförderung des Landes“ und einer enormen Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Salzburg. Die Anschubfinanzierung des Landes begrüßen Dekan Bathke und seine beiden Stellvertreter Stefan Lang und Günter Maresch, weil damit flexibel auf einen Bedarf reagiert werde; eine universitäre Leistungsvereinbarung hätte eine Vorlaufzeit von mindestens drei Jahren gehabt. Ziel sei es natürlich, dass langfristig der Bund die Finanzierung übernimmt, zumal dieses Projekt den universitären Standort und mit ihm den der Wirtschaft deutlich aufwertet.

BREITES KOOPERATIONSNETZ Eine Stärke der Digitalfakultät ist ihre Vernetzung, und zwar sowohl national als auch international. Wichtig ist Dekan Bathke die Zusammenarbeit am Wissenschaftsstandort Salzburg. Vernetzungen gibt es bei Forschungsprojekten und interdisziplinären Studiengängen. Kooperiert wird sehr eng mit der Fachhochschule, mit der es auch bereits gemeinsame Abschlüsse gibt, mit der PMU, dem Mozarteum und der Pädagogischen Hochschule. In dem Forschungsverbund eingebunden sind das Christian Doppler Lab for Geospatial Information for Humanitarian Action, das Ludwig Boltzmann Institute for Digital Health and Prevention, das Salzburg Center for Smart Materials und das Intelligent Data Analytics Lab Salzburg.


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WISSENSCHAFT

sich künftig eine Reihe von Spin-offs, also Unternehmensneugründungen durch Absolventinnen und Absolventen der Digitalfakultät. Deshalb wird – wie wir in DENK berichtet haben — direkt neben den Forschungsgebäuden des Techno-Z ein „Digitaltower“ errichtet, in dem es genügend Fläche für die Firmengründerinnen und -gründer geben wird. DIVERSITÄT WIRD GEFÖRDERT Ein großes Anliegen ist den drei Dekanen, dass sich noch mehr Frauen in technischen Studiengängen auch für eine universitäre Karriere entscheiden – aktuell gibt es unter den 40 habilitierten Forschenden erst vier Frauen. Die Zahl der Studierenden hat sich unterdessen bereits in Richtung Ge-

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ABSOLVENTINNEN UND ABSOLVENTEN SIND IN SALZBURG GEFRAGT Wenn man sich in der Wirtschaft umhört, erhält die neue Fakultät viele Vorschusslorbeeren. Es gibt allerdings auch die Befürchtung, die Absolventinnen und Absolventen könnten mehrheitlich ins Ausland abwandern, zumal ja auch das Studium international ausgerichtet ist. Diese Befürchtung zerstreut der gebürtige Hamburger Bathke: „Je besser der Standort, je mehr Unterstützungsstrukturen es gibt, desto eher bleiben die Leute hier. Wir haben in Salzburg eine Reihe Global Player und viele Hidden Champions und das Lebensumfeld ist hervorragend, was Unternehmen ebenso in die Mozartstadt bringt wie WissenschaftlerInnen sowie Spezialisten.“ Er erwarte

Die beiden Vizedekane Assoz. Prof. Stefan Lang und Univ.-Prof. Günter Maresch


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Am Campus der Digitalfakultät gibt es auch offen zugängliche Labors.

schlechtergleichgewicht entwickelt. Im Fach Mathematik sind 50 Prozent der Studierenden weiblich, in der Informatik stellen Frauen auch bereits ein Drittel. Universitätsprofessor Günter Maresch beschäftigt sich in seinem Fachbereich damit, wie es gelingen kann, noch mehr Frauen für technische Berufe zu begeistern. „Wir versuchen, Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen anzusprechen“, lautet die Devise. Das beginnt schon im Kindergarten mit den Spürnasenecken, geht über das Projekt „Mozart macht MINT“ gemeinsam mit der Stiftung Mozarteum bis hin zu einem Projekt, das Raumvorstellung an Schülerinnen und Schüler vermitteln soll. Maresch: „Untersuchungen haben gezeigt, dass ein gutes Raumverständnis der Schlüsselfaktor für MINT-Berufe ist.“ RÄUMLICHES DENKEN IST ENTSCHEIDEND FÜR MINT-BERUFE Dafür hat der Fachbereich Mathematik eine Plattform geschaffen, die schon jetzt 40.000 Schülerinnen und Schüler gratis nutzen. Die Trainingstools für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe, die auf allen Geräten funktionieren, sind so konzipiert, dass sie direkt in den Unterricht und in die Lehre integriert werden können und auf spielerische Art und Weise viele Facetten des Raumvorstellungsvermögens fördern. Während das Angebot auf junge Leute über 13 zugeschnitten ist, wird es jetzt erweitert und zusätzlich für Sieben- bis Dreizehnjährige passend gemacht. Das wird auch möglich, weil die EU auf den internationalen Erfolg dieser Initiative aufmerksam wurde und eine Förderung von vier Millionen Euro gegeben hat, damit dieses Projekt weiterentwickelt werden kann.

OFFEN ZUGÄNGLICHE LABORS AM CAMPUS Am Campus wurden einige Labors eingerichtet, die von Schulen, Unternehmen und generell von Interessenten genutzt werden können, wie z. B. das häufig von Schulen gebuchte iDEAS:lab. Am MINT-Labor, das als Interreg-Projekt ebenfalls mit Förderung der EU umgesetzt wurde, sind auch die Universitäten in Passau und Linz beteiligt. Hier gibt es eine eigene Veranstaltungsreihe, bei der Schulklassen mit spannenden Projekten im digitalen Umfeld in Kontakt kommen. Vizedekan Maresch ist überzeugt davon, dass diese Form der Wissenschaftskommunikation auf Dauer sehr erfolgreich sein wird. KÜNSTLICHE INTELLIGENZ IN DER GEOINFORMATIK Längst sei auch in der Geoinformatik die Fusion der wissens- und maschinenbasierten Ansätze erfolgt, schildert Vizedekan Stefan Lang: „Wir bringen das Beste der beiden Welten zusammen.“ Ein Hauptforschungsgebiet ist die Interpretation von Bildern, die etwa von Satelliten aufgenommen werden. Damit werden verschiedenste geografische Phänomene kontinuierlich mit künstlicher Intelligenz analysiert. Im Übrigen, so Lang, sind bildgebende Verfahren in der Geoinformatik ähnlich wie in der Medizin. Die Methoden funktionieren auf beiden Ebenen, nur in einem anderen Maßstab. DENK wird in der kommenden Ausgabe ausführlich über den Forschungsbereich Geoinformatik berichten. Wer an einem Studium an der Fakultät für Digitale und Analytische Wissenschaften Interesse hat, findet hier alle notwendigen Informationen: www.plus.ac.at/digitale-und-analytische-wissenschaften


FH-Prof. Christian Neureiter mit einem der Junior-Researcher, Dominik Vereno | Foto: Manuel Horn

WISSENSCHAFT


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Sichere Verbindung von Systemen Die Anwendungssysteme im automotiven Bereich, bei Smart City, Smart Grid und Industrie 4.0 werden immer komplexer. Wie sie dennoch verlässlich funktionieren können, daran arbeitet das Josef-Ressel-Zentrum (JRZ) an der FH Salzburg unter Leitung von FH-Professor Christian Neureiter. Die Partner des Salzburger Josef-Ressel-Zentrums tragen große Namen: Bosch, Siemens, ChargePoint (ehemalig has·to·be) und Geoconsult. Die Zusammenarbeit entstand auf Basis vorangegangener Kooperationen. Christian Neureiter hat nach dem Studium lange in einem Zulieferbetrieb der Autoindustrie gearbeitet. Danach hat es ihn zur Salzburg AG verschlagen. Hier wie dort hatte er immer mit komplexen Systemen zu tun, bei denen Menschen aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen aufeinandergetroffen sind. Sie bei der Entwicklung komplexer Systeme zusammenzubringen wurde seit 2013 zu seinem Forschungsgegenstand. Damals wechselte Neureiter an die FH und war dort im ersten JosefRessel-Zentrum tätig, das sich mit der Sicherheit von Smart Grids (also intelligenten Stromnetzen) befasste und von Professor Dominik Engel geleitet wurde – DENK hat mit Engel in der vergangenen Ausgabe ein Interview geführt. Die damals entwickelten Methoden wurden später auf andere Bereiche übertragen. HERAUSFORDERUNG E-AUTO-FLOTTEN Der Wirtschaftspartner ChargePoint (früher has·to·be) unterstützt das Josef-Ressel-Zentrum beim Thema Smart Grids. Das Radstädter Unternehmen ist Full-Service-Anbieter für E-Mobilitäts-Plattformen. Martin Klässner, der has·to·beGründer, war im Übrigen wie Neureiter seinerzeit auch in der Smart-Grid-Modellregion Salzburg engagiert. Die gemeinsame Aufgabenstellung jetzt ist es, verschiedene Gewerke zu koordinieren, die alle einen unterschiedlichen Hintergrund haben. „Wenn ich alle an Bord bringen möchte, brauche ich eine gemeinsame Sprache, die alle verstehen“, erklärt Christian Neureiter. Die Forschungsfrage von ChargePoint ist, wie bei zu-

nehmenden Zulassungen von E-Autos das Stromnetz und die Ladeinfrastruktur mit der Stromnetz- und Verkehrsplanung auf einen Nenner gebracht werden können. Die im Josef-Ressel-Zentrum entwickelte SGAM-Toolbox, die dies ermöglicht, kam bereits in namhaften Unternehmen zum Einsatz. Unter anderem beim Beratungsunternehmen Boston Consulting Group und dem zweitgrößten Stromerzeuger weltweit, EDF (Électricité de France). SMARTE GEBÄUDE IN EINER SMARTEN STADT Die Firma Geoconsult aus Salzburg stellt einen Forschungsauftrag zur Modellentwicklung im Bereich Smart City und Building Information Modeling (BIM). BIM ist ein Planungswerkzeug für Architektinnen und Architekten, eine Arbeitsmethode für die vernetzte Planung, den Bau und die Bewirtschaftung von Gebäuden. Dabei werden alle relevanten Bauwerksdaten digital modelliert, kombiniert und erfasst. Für Geoconsult ist die ganzheitliche und interdisziplinäre Betrachtung und Modellierung städtischer Infrastruktur das zentrale Thema. Das Josef-Ressel-Zentrum arbeitet daran, Systeme auf verschiedenen Ebenen und Domänen zu verknüpfen. PRODUKTIONSPLANUNG INDUSTRIE 4.0 Eine gänzlich andere Herausforderung hat Siemens an das Josef-Ressel-Zentrum herangetragen: Wie kann die Lieferkette mit der Produktion synchronisiert werden? Dabei geht es um den Datenaustausch etwa zwischen einem Stahlproduzenten und dem Verarbeiter. Stähle unterschiedlicher Güte können so in die Produktionsplanung eingetaktet werden, wodurch der Prozess optimiert werden kann. Dazu wurde die öffentlich zugängliche RAMI-Toolbox entwickelt.


WISSENSCHAFT

JR-Zentren nach thematischen Clustern 2020

Mathematik, Informatik, Elektronik

7

Life Sciences und Umwelt

3

Maschinen- und Instrumentenbau

2

Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften

2

Chemie

1

Materialien und Werkstoffe

1

Medizin

1

17

JR-Zentren

100

100

50

50

0

14

1995

14

15

18

20

18

20

2000

Aktive CD-Labors

31

35

37

37

42

48

58

65

2005

Aktive JR-Zentren

61

2010

61

65

77

76

80

2015

81

87

97

106 108

2020

Forschungsausgaben (Mio. Euro)

0

Forschungsausgaben (Mio. Euro)

Anzahl der Forschungseinheiten

Quelle: https://www.cdg.ac.at/ueber-uns/zahlen-daten-fakten, Grafik: Inspiranto

Entwicklung der Christian-Doppler-Forschungsgesellschaft


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STÄNDIG AUF DEM PRÜFSTAND Die Konstruktion der Josef-Ressel-Zentren ist – wie auch jene der Christian-Doppler-Labors – bewusst auf Zeit angelegt. 1,7 Millionen Euro Budget stehen dem Salzburger JRZ für die gesamten fünf Jahre zur Verfügung. Genau die Hälfte zahlen die vier Industriepartner, die von Anfang an dabei sind. Diesen Betrag verdoppelt die Christian-Doppler-Forschungsgesellschaft. Gerade in diesen Tagen fand – zwei Jahre nach der Gründung – die Zwischenevaluierung statt. Nach fünf Jahren ist dann Schluss. „Bis dahin sollte es uns gelungen sein, uns so weit zu etablieren, dass wir das Forschungsfeld in den Regelbetrieb der FH integrieren können. Je besser unsere Ergebnisse für die Industrie sind, desto besser sind unsere Chancen“, erklärt Neureiter. Dabei kann er ein gewichtiges Argument in die Waagschale legen: Zwei der vier Industriepartner sind nicht mit ihren Österreich-Niederlassungen involviert, sondern mit den Müttern in Deutschland: Bosch Stuttgart und Siemens Erlangen vertrauen auf die Kompetenz in Salzburg. „Wir zeigen damit, dass wir uns international bewähren.“ Voller Optimismus ist auch Junior Researcher Dominik Vereno. Er hat vergangenes Jahr seinen Master gemacht. Für seine Abschlussarbeit über den Einsatz von maschinellem Lernen in intelligenten Stromnetzen erhielt er den Wissenschaftspreis der Salzburg AG. Jetzt arbeitet er an seiner Doktorarbeit. Dazu begibt er sich demnächst ein halbes Jahr in die USA, wo er an einer renommierten Uni forschen will, welche jetzt schon eine gute Zusammenarbeit mit dem Josef-Ressel-Zentrum in Salzburg pflegt. Drei Jahre hat er sich für die Doktorarbeit insgesamt gegeben. Danach, sagt Vereno im Gespräch mit DENK, könne er sich gut vorstellen, selbst ein derartiges Forschungszentrum zu gründen und zu leiten.

Foto: Manuel Horn

AUTOS KOMMUNIZIEREN MIT DER UMGEBUNG Bei Bosch, dem größten Fahrzeugzulieferer weltweit, lautet die zentrale Forschungsfrage: „Wie können bei steigender Komplexität der Fahrzeuge Datenschutz und Sicherheit gewährleistet werden?“ Dazu, so Professor Neureiter, muss einerseits die Fahrzeugarchitektur beherrscht werden. Besonders bei den demnächst autonom fahrenden Autos braucht es andererseits eine Abstimmung des Bordcomputers mit Parkgaragen, Ampeln und Ladestationen. Hier fließen verschiedene Forschungsfelder ineinander. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, zu lernen, die kritische Infrastruktur nicht zu beeinträchtigen. Das Josef-Ressel-Zentrum ist im Schloss Urstein untergebracht.

WAS IST EIN JOSEF-RESSEL-ZENTRUM? Das heutige Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort hat über die Christian-Doppler-Forschungsgesellschaft Labors an den Universitäten und Josef-Ressel-Zentren (JRZ) an den Fachhochschulen ins Leben gerufen. In Salzburg gibt es ein JRZ. Ziel der Einrichtungen ist eine Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Konkret geschieht dies in eigens eingerichteten Forschungseinheiten mit Laufzeiten von fünf (FH) bzw. sieben (Uni) Jahren, in denen anwendungsorientierte Grundlagenforschung betrieben wird. Das Forschungsprogramm der Josef-Ressel-Zentren basiert auf Fragestellungen von Unternehmen und wird von Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam bearbeitet. Dabei sind alle Themen, zu denen Unternehmen einen Forschungsbedarf haben, wichtig und zulässig. Die Forschungseinheiten können flexibel über ihre gesamte Laufzeit hinweg auf neue Entwicklungen reagieren, neue Module einrichten, neue Unternehmenspartner einbinden und das Budget anpassen. CD-Labors und JR-Zentren haben keine eigene Rechtspersönlichkeit, sondern sind in eine Universität, Fachhochschule oder Forschungseinrichtung eingebettet. Auf diese Weise arbeiten sie in einem optimalen wissenschaftlichen Umfeld und die begrenzte Laufzeit kann einfach umgesetzt werden.


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Cybercrime


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In jüngster Zeit gab es eine Reihe von spektakulären Fällen, bei denen Unternehmen und Institutionen durch Angreifer von außen lahmgelegt wurden. DENK hat über das Phänomen mit dem Geschäftsführer von nic.at, Robert Schischka, gesprochen und ihn um Tipps für Unternehmen gebeten.

Die Bedrohung durch Cyberangriffe nimmt kontinuierlich zu. Kein Unternehmen kann sich sicher fühlen. Die Fälle, die bei CERT.at landen, sind nur die Spitze eines Eisberges. „Viele Betroffene melden Vorfälle nicht, weil sie einen Reputationsverlust fürchten“, weiß Robert Schischka. Gesammelt werden Meldungen, die von Betroffenen, Sicherheitsforschern und Partnern aus der Hard- und Softwarebranche wie auch Herstellern von Antivirenprogrammen und nicht zuletzt von den internationalen Netzwerk-CERT-Partnern stammen. Teilweise werden auch bewusst Rechner ins Netz gestellt, die zum Angriff freigegeben werden. Dabei wird analysiert, welcher Art die Angriffe sind und wo sie herkommen. Die Erkenntnisse werden dann mit den großen Anbietern von Softwarelösungen, Telekommunikation oder Cloud-Lösungen geteilt, damit sie Gegenmaßnahmen ergreifen können. Von Zeit zu Zeit sehen sich die Experten des CERT auch selbst an, wo es Verwundbarkeiten gibt. Ein Indikator sind etwa veraltete Verschlüsselungsverfahren. Das Zertifikat einer Website kann jeder auslesen und die Eigenschaften überprüfen. Oft sind auch noch Exchange-Server (über die der Mailverkehr läuft) online, die nicht mehr serviciert werden. Schischka vergleicht das mit einem abgelaufenen Pickerl bei einem Auto. Solche Websites sind leichte Beute für Hacker.

Aus all diesen Quellen und Analysen werden Statistiken erstellt, aus denen herausgelesen werden kann, dass in den vergangenen Jahren die Kurve deutlich nach oben zeigt. Dokumentiert wird, wie viele Produkte eine Schwachstelle haben, bei wie vielen Systemen sie im Einsatz sind und welche User ein Problem haben. In Österreich treten inzwischen jedes Jahr wei über 60.000 Fälle auf, bei denen ein potenzielles oder akutes Problem vorliegt. GESUNDENUNTERSUCHUNG FÜR DIE IT Die erste Maßnahme, die von Unternehmen ergriffen werden sollte, ist eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Systeme und Software, rät Schischka. Üblicherweise werden Rechner mit vorinstallierter Standardsoftware gekauft. Dazu kommen in kürzester Zeit zusätzliche Applikationen, Tools, Hardwarekomponenten und so weiter. Bei vielen Unternehmen, resümiert der CERT-Chef, weiß niemand, was überhaupt aktuell im Einsatz ist – geschweige denn, dass bekannt ist, welche Produkte einzelner Hersteller Probleme hatten und eine offene Flanke darstellen. Kurzum: Binnen kurzer Zeit gibt es einen Turm von Problemen, der eines Tages in sich zusammenstürzen kann, wenn ein ungebetener externer Besucher die Schwachstellen erkennt.


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„Deshalb“, so Schischka, „ist es wichtig, das Asset Management in den Griff zu bekommen.“ Sich also einen Überblick über die Installationen zu verschaffen und die kritischen Bereiche zu analysieren. Kaum ein Unternehmen sei in der Lage, die Risikoeinschätzung selbst vorzunehmen. Es sei deshalb sinnvoll, sich externe Unterstützung zu holen und einen Notfallplan zu entwickeln. Das bedeute nicht, dass das Problem outgesourct werden soll. Das funktioniere ohnedies nicht, da die Letztverantwortung bei der Geschäftsführung bleibe. Dennoch seien Investitionen in die Sicherheit firmenintern oft schwer zu argumentieren, weil sich ja bei guter Vorsorge weniger Angriffspunkte bieten und daher auch seltener Vorfälle zu verzeichnen sind. „Das ist, als würde man auf seinen Körper achten, regelmäßig zur Gesundenuntersuchung gehen und sich dann ärgern, dass man nie krank wird“, meint Robert Schischka. Dadurch, dass die Versicherungen Sicherheit mit Prämienhöhen verknüpfen, gebe es jetzt einen pekuniären Maßstab, den die Finanzverantwortlichen anlegen können. Druck auf die Manager wird auch über die Compliance-Seite ausgeübt: Wer sich des Themas nicht annimmt, haftet persönlich. ABHÄNGIGKEIT VON DER IT IST GESTIEGEN Für Unternehmen hat Schischka neben der „Inventur der IT“ eine Reihe von Tipps, wie sie sich gegen Angriffe von außen wappnen können:

1. Bewusstsein entwickeln, dass die IT ein überlebenswichtiger Faktor ist, um den man sich kümmern muss.

2. „Lästige“ Fragen bei Lieferanten und Dienstleistern zu deren sicherheitstechnischer Ausstattung und Prozessen stellen und sich nicht blind auf Service Level Agreements und Pönalevereinbarungen verlassen. Was hilft ein Lieferant, der selbst das Backup nicht im Griff hat und im Schadensfall eine Pönale zahlen muss, nur leider sind die Daten trotzdem weg? 3. Schulung des Personals. Oft wird Schadsoftware per Mailanhang verschickt. Wird sie geöffnet, wird die Mailbox des Nutzers übernommen. Vor jedem Klick sollte die Frage gestellt werden, ob dem Absender vertraut werden kann. 4. Haftungsfragen beachten. Falls es eine Versicherung gibt, lohnt sich eine Abschätzung, was tatsächlich abgedeckt ist und wie groß im Vergleich dazu ein möglicher Schaden durch den Datenverlust ist. Die Versicherungen verlangen inzwischen Nachweise der Qualität der IT-Security, dafür gibt es bei positiven Werten einen günstigeren Tarif.

5. Externe Eindringlinge erkennen. In regelmäßigen Abständen das System auf Zugriffe von außen untersuchen und prüfen, ob es zu berechtigten Zugriffen oder Abfluss von Daten gekommen sein kann. Beispiele für hinterfragenswerte Vorfälle sind etwa ungewöhnlicher Datenverkehr in Regionen, mit denen man keine Geschäftsbeziehungen unterhält, oder generell Verkehrsmuster, die so bisher nicht beobachtet wurden. Solchen Beobachtungen sollte man zumindest zeitnah nachgehen, da sie ein Hinweis auf einen Hackerangriff sein können. Sollten Daten verschwunden oder manipuliert sein, ist es notwendig, zu prüfen, bis zu welchem Zeitpunkt in der Vergangenheit den Daten noch vertraut werden kann. 6. Vorsicht bei peripheren Geräten. Von der Zeiterfassung über Zutrittssysteme bis zur Produktionssteuerung werden heute in Unternehmen und Haushalten IT-gesteuerte Geräte eingesetzt. Sehr viele von den Protokollen dahinter haben keinen Sicherheitsfokus. Problematisch sind Billighandys, bei denen es nach zwei Jahren keinen Support mehr gibt, oder Sensoren für wenige Cent, für die es keine Updates gibt. 7. Wichtige Accounts und Applikationen mit einer 2-Faktor-Autorisierung schützen. Username und Passwort reichen nicht aus. Passwörter sollten hochqualitativ sein und nicht für mehrere Anwendungen wiederverwendet werden. WIE SYSTEME ANGEGRIFFEN WERDEN Robert Schischka ortet einige besonders häufig auftretende Angriffsmuster. Das eine ist eine Kombination aus Social Engineering und Technologie. Dabei gibt sich eine Person beispielsweise als Anlageberater aus und angelt sich dabei Bankdaten. Das sei kein technischer Angriff, aber ein sehr erfolgreicher. Ungleich aufwendiger ist dagegen eine technische Manipulation, bei der sich ein Hacker in die Telebanking-Applikation am Handy einschleicht. Eine „Erfolgsstrategie“ der Cyberkriminalität sind FakeMails unter Nutzung des Mailaccounts einer internen Person. Die dringende Durchführung einer Überweisung wird dabei angeordnet. Seiner Erfahrung nach funktioniere der Betrug bei autoritär geführten Unternehmen recht gut: Wenn die Unternehmenskultur auf „Gehorchen“ ausgerichtet ist, wird die Anweisung „Überweisen Sie Geld auf dieses Konto“ ohne Reflexion und Rückfrage ausgeführt. Ein besonders häufig auftretendes Phänomen sind breit angelegte Angriffe auf Schwachstellen in Softwareprogrammen. Dafür bekommen die Hacker unfreiwillige Hinweise von Herstellern von Software, die Security Patches für bestimmte Komponenten ausliefern.


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Werden dabei die Schwachstellen ausgemacht, verhält sich das wie bei einem Gelegenheitsdieb, der bei allen parkenden Autos probiert, ob die Tür versperrt ist. Ist die Tür zur IT offen, können die Zugänge für das Unternehmen gesperrt werden. Um die Daten wieder freigeschaltet zu bekommen, wird Lösegeld verlangt. Davon betroffen können auch kleine Unternehmen sein, weiß Schischka. Es sei ein Trugschluss, zu meinen, dass eine Bäckerei, Rechtsanwaltskanzlei oder Tischlerei kein Ziel wäre. Das liegt daran, dass die Hacker, wenn sie erst einmal die Daten analysiert haben, genau wissen, mit wem sie es zu tun haben, und den Obolus nach der Zahlungsfähigkeit festlegen. Da diese Form der Internetkriminalität sehr einfach zu skalieren ist, findet sie auch massenweise statt. Weniger häufig sind dagegen gezielte Angriffe auf einzelne große Unternehmen und Institutionen. Für die Invasoren sind diese Attacken sehr aufwendig. Werden sie dennoch gestartet, sind sie für die Betroffenen sehr schwer abzuwehren und die Folgen extrem teuer. Davon kann auch hierzulande eine Reihe von Unternehmen eine Elegie rezitieren. Schischka weiß von enormen Kosten, die durch Produktionsstillstände, den Aufbau einer Schatteninfrastruktur und die Datenmigration entstehen. Meistens werden dazu externe Topexperten beigezogen, deren Honorare entsprechend hoch sind. Längst seien die Hacker arbeitsteilig unterwegs und in Banden organisiert, weiß Schischka: „Einer schreibt eine Schadsoftware, ein anderer verteilt sie, ein weiterer analysiert das Opfer und dann gibt es auch noch jemanden, der den Tarif für das Lösegeld festlegt und kassiert.“ Österreich sei kein Hotspot für solche Bandenkriminalität, die meisten Datendiebstähle erfolgten vom Ausland aus. Wobei das Ursprungsland schwer zu eruieren sei, könne doch jeder weltweit einen Server mieten und damit falsche Fährten legen.

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„Programmupdates richten den Scheinwerfer auf ein Sicherheitsproblem. Danach beginnt die Uhr zu ticken. Wer nicht rasch das Update durchführt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit Besuch von außen bekommen.“

Robert Schischka Geschäftsführer nic.at und CERT.at

ÜBER ROBERT SCHISCHKA Der Geschäftsführer der Vergabestelle für österreichische Internetadressen – nic.at – und der hundertprozentigen Tochter CERT.at ist WU-Absolvent. Während des Studiums hat er die Liebe zur Technik entdeckt. Mit dem Internet hat er sich schon in den Neunzigerjahren beschäftigt, als das noch eine Domäne der akademischen Welt war. Seine Passion hat er als Mitarbeiter von Universitätsprofessor Hans Robert Hansen – dem damaligen Inhaber des Lehrstuhls für Informationssysteme – ausleben können. Von dort wechselte er zu einer Tochter der Nationalbank, die sich mit Sicherheitstechnik befasst. Nach einem Intermezzo als Berater wechselte er schließlich 2003 zur nic.at. Hier wie bei der Tochter CERT.at ist er Geschäftsführer. CERT.at ist der Ansprechpartner für IT-Sicherheit im nationalen Umfeld. Es vernetzt andere CERTs und CSIRTs (Computer Security Incident Response Teams) aus den Bereichen kritische Infrastruktur und IKT (Informations- und Kommunikationstechnik) und gibt Warnungen, Alerts und Tipps für KMUs heraus. Bei Angriffen auf Rechner auf nationaler Ebene koordiniert CERT.at und informiert die jeweiligen Netzbetreiber sowie die zuständigen lokalen Security-Teams.


MITDENKER

Gnadenlose Unkultur Die Social-Media-Plattformen haben in den vergangenen Monaten nicht nur Meinungen transportiert, sondern standen auch selbst im Fokus. DENK hat mit dem Wissenschafter Benjamin Hasselhorn über die herrschende Verrohung der demokratischen Debatte und die Unkultur der Gnadenlosigkeit gesprochen. Social-Media-Kanäle vernetzen Menschen, helfen ihnen, in Kontakt mit dislozierten Schul- und Studienfreunden, Familienmitgliedern oder Gleichgesinnten zu bleiben. Menschen mit ähnlichen Interessen finden zueinander. Inhalte über Hobbys, Erziehungs- und Gesundheitsprobleme werden produziert und Meinungen jenseits der etablierten Medien diskutiert. Dazu kommt der offensichtliche Wunsch, eigene Idole auf Schritt und Tritt zu verfolgen, was für diese sehr stattliche Einkünfte bringt, den Börsenwert des Konzerns von Mark Zuckerberg auf 480 Milliarden Dollar steigen lässt und der Gilde der Influencer ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Die Summen, die hier in Bewegung sind, machen sprachlos. Eine jüngst veröffentlichte Studie von Hopper HQ hat ergeben, dass die fünf reichweitenstärksten Personen auf Instagram mehr als eine Million Dollar für jedes einzelne Posting bekommen. Spitzenreiter ist dabei CR7 – Cristiano Ronaldo –, dessen 408 Millionen Follower den Wert jedes Fotos oder Videos plus Kurztext hochgeschraubt haben: 1,6 Millionen Euro fließen dafür. Darben müssen auch Kylie Jenner, Lionel Messi, Dwayne Johnson oder Selena Gomez nicht. Ihre mehr als 300 Millionen Follower sorgen dafür, dass bei jeder Nachricht an die Fans 1,1 bis 1,5 Millionen Dollar in ihre Kassen wandern. Im Vergleich zu den Kickern, Schauspielstars sowie Sängerinnen und Sängern stehen Politikerinnen und Politiker abseits des grellen Scheinwerferlichts der Aufmerksamkeit. Wenig verwunderlich ist, dass US-Politiker weit vorne liegen. Auf Twitter etwa führt noch immer Ex-Präsident Barack Obama mit 130 Millionen Followern. Das heißt: Ein Drittel der Amerikanerinnen und Amerikaner will wissen, was Obama zu sagen hat. Sein emeritierter Nachfolger Donald Trump, der nach dem Sturm auf das Kapitol von der Plattform entfernt wurde, brachte es in seinen besten Zeiten „nur“ auf gut 80 Millionen Onlinefans. Österreichische Politikerinnen und Politiker können von solchen Zahlen nur träumen.

VIEL MARKTMACHT BEI WENIGEN ANBIETERN Zu den sechs Social-Media-Plattformen mit den meisten Nutzerinnen und Nutzern zählen Facebook, WhatsApp und Instagram, die alle zum Meta-Platforms-Konzern gehören und zusammen 5,3 Milliarden Nutzer haben. Es folgen GoogleTochter YouTube mit 2,5 Milliarden, das chinesische WeChat mit 1,2 Milliarden und die rasch wachsende chinesische Videoplattform TikTok mit einer Milliarde Userinnen und Usern. Angesichts dieser Ballung an Meinungsmacht bei wenigen Eigentümern in den zwei Supermächten der Welt verwundert es nicht, dass es seit Längerem Versuche gibt, die unbeschränkte Nutzung der Daten der User einzuschränken. In der Anonymität des Internets „veröffentlichen Personen vernünftige und radikale Ansichten. Sie spielen mit Worten, gieren nach Aufmerksamkeit. Und sie schießen im Bestreben, besonders viel Aufmerksamkeit zu erhaschen, nicht selten übers Ziel. Dann wird aus einem Meinungsbeitrag rasch ein Hassposting“, schrieb Wolfgang Böhm jüngst in einem Leitartikel in der Tageszeitung „Die Presse“. REGELN FÜR DIGITALE DIENSTE UND MÄRKTE Die Europäische Union will zwei Gesetze über die digitalen Märkte und die digitalen Dienste verabschieden. Damit würde erstmals ein europaweit einheitlicher Rechtsrahmen entstehen, der freilich auch umstritten ist, weil sich der Staatenverbund damit in die Selektion von Informationsquellen einmischen würde. In den Medien wird zudem darüber spekuliert, wie das Match zwischen dem Meinungsfreiheit-Absolutisten Elon Musk und den Regulatoren einer zunehmend verrohenden Debatte, Social-Media-getriebener Hetzjagden und Hasspredigten im Netz ausgehen wird. Das Phänomen der Abkehr von einer gewissen demokratischen Etikette begann etwa vor zehn Jahren, als die Generation der Millennials in den Onlinediskurs einstieg.


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PSYCHOLOGISCHE SELBSTBESTÄTIGUNGSMASCHINE Der Wissenschafter sieht auch Politikerinnen und Politiker in einem Dilemma: Sie stehen unter Dauerbeobachtung und tendieren deshalb dazu, möglichst vorsichtig zu formulieren. Gleichzeitig gibt es eine Überempörung bei bestimmten Äußerungen. Das Ganze, so Hasselhorn, funktioniert nach der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, die Georg Franck (er war bis 2015 Ordinarius für digitale Methoden in Architektur und Raumplanung an der TU Wien) in einem viel beachteten Buch beschrieben hat. In den sozialen Medien ist das „ein sich selbst ernährendes System. Der Like-Button ist eine psychologische Selbstbestätigungsmaschine. Möglichst viel Wahrnehmung ist das Ziel“, formuliert Hasselhorn. Soziale Medien verstärkten problematische Tendenzen in den Menschen, indem eine Welt in Schwarz und Weiß gemalt werde, was aber gar nicht unbedingt der Realität entspreche: „Unsere Gesellschaft ist in Wirklichkeit nicht derart polarisiert, wie es auf Social Media oft erscheint. Aber genau solche Wahrnehmungsverzerrungen führen dann dazu, dass wir tatsächlich immer weiter auseinanderdriften.“ In der Bringschuld sieht Benjamin Hasselhorn die Medien und die Wissenschaft. In den Medien sollten verschiedene Meinungen zugelassen werden: „Aufgabe der Medien ist es nicht, vorzugeben, was richtig ist, sondern die Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen, eine begründete Meinung zu bestimmten Themen zu entwickeln. Der Wissenschaft obliegt es, die Differenziertheit und Komplexität von Sachproblemen aufzuzeigen.“

WER SICH AN SHITSTORMS BETEILIGT, IST IMMER AUF DER FALSCHEN SEITE „Unversöhnlichkeit und Gnadenlosigkeit zerstören unsere Gesellschaft. Das Internet ist ein verführerisches Tool, um Material zu finden – egal ob zehn Tage oder zehn Jahre alt –, mit dem man einen Shitstorm gegen eine andere Person entfachen kann. Gegen diese Tendenz hilft eigentlich nur eine konsequente Ächtung eines solchen Vorgehens“, erklärt Hasselhorn. „Derjenige, der sich an einem Shitstorm beteiligt, steht damit immer auf der falschen Seite. Das ist sowohl eine moralische Frage als auch eine aus gesellschaftspolitischer Sicht ganz pragmatische: Je pluralistischer und diverser unsere Gesellschaften werden, desto notwendiger sind ein Mindestmaß an Gemeinsamkeit, eine Kultur der Versöhnlichkeit und des konstruktiven Miteinanders.“

Foto: Markus Pletz

Diese Generation ist früh mit Social Media in Berührung gekommen und heute täglich vier Stunden online. In dieser Zeit werden Meinungen verbreitet, die sich häufig wenig um Fakten scheren. Die Mechanismen und Algorithmen der sozialen Medien verstärken die Tendenz und beeinflussen damit den gesellschaftlichen Diskurs. Der Würzburger Historiker Benjamin Hasselhorn sieht im Gespräch mit DENK eine Tendenz, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. In einer Echokammer sitzend werden durch die Algorithmen Informationen bereitgestellt, die die eigenen Meinungen verstärken. Es werden hauptsächlich Inhalte angezeigt, auf die wir positiv reagieren. So entstehen im ungünstigsten Fall Gesinnungsgemeinschaften, die ihre eigenen Ansichten zu moralisieren beginnen und verabsolutieren. „Wer eine andere Auffassung vertritt, repräsentiert das Böse, Streitgegner werden zu Feinden. Die eigene Meinung wird überhöht, es wird hypermoralisiert“, meint Benjamin Hasselhorn. Er zitiert den US-amerikanischen Sozialpsychologen Jonathan Haidt, der – zugespitzt – sagt, dass der IQ von Menschen, die ein Sachproblem zu einer Gut-Böse-Frage machen, um 10 Punkte sinke.

BENJAMIN HASSELHORN ist Akademischer Rat a. Z. am Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg. Er hat Geschichte und Theologie in Mainz und Göttingen studiert und in beiden Fächern mit dem Doktorat abgeschlossen. Danach war er unter anderem viereinhalb Jahre bei der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt tätig und dort mit der Organisation des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation im Lutherhaus in Wittenberg befasst. Die Frage, wie Forschungsergebnisse einer interessierten Öffentlichkeit vermittelt und für die Gesellschaft fruchtbar gemacht werden können, beschäftigt ihn seitdem. Derzeit arbeitet der junge Wissenschafter an einer Habilitationsschrift über Geschichtsmythen und betreibt begleitend den YouTube-Kanal „Mythistory“. In diesem Zusammenhang befasst er sich auch mit der gesellschaftspolitischen Rolle von Social Media.


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Framers Der menschliche Geist besitzt die Fähigkeit, Deutungsmuster zu erstellen, um Informationen einzuordnen. Mittels Frames stoßen wir immer wieder auf ganz neue Lösungswege. Um diese Fähigkeit werden uns künstlich intelligente Maschinen immer beneiden.

„Pandemien oder Populismus, neue Waffen oder neue Technologien, Klimawandel oder soziale Ungerechtigkeit – wie Menschen auf derartige Bedrohungen reagieren, kann über Leben und Tod entscheiden – und ob der Mensch als Spezies überlebt oder ausstirbt.“ Dabei gibt es immer wieder „Video-Killed-the-Radio-Star-Momente“, bei denen Lösungen gefunden werden, die aus der Fähigkeit resultieren, dass der Mensch es vermag, kritische Herausforderungen zu meistern, indem er sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. „Ein KI-System kann nichts erfinden. Es kann keine gedanklichen Modelle entwickeln. Es kann weder verallgemeinern noch erklären.“ Das ist der Grundgedanke des Buches „Framers“, das der gebürtige Salzburger Viktor Mayer-Schönberger mitgeschrieben hat. Frames erlauben uns, zu generalisieren und zu abstrahieren und auf diese Weise Gemeinsamkeiten zwischen Situationen zu erkennen, die auf den ersten Blick unterschiedlich erscheinen. „Mit ihrer Hilfe können wir uns in neuen Situationen zurechtfinden, ohne alles von Grund auf neu lernen zu müssen.“ Menschen, die genau dieses tun, nennen die Autoren eben „Framers“, weil sie Situationen „bewusst in einen kognitiven Rahmen stellen. Dabei lassen sie uns rasch gute Entscheidungsoptionen finden.“ Die Autoren liefern Beispiele aus ganz unterschiedlichen Bereichen. In der Quantenphysik wurde in den 1960er-Jahren die Entdeckung des Higgs-Bosons vorausgesagt, die „Gottesteilchen“ wurden erst 50 Jahre später am CERN in Genf tatsächlich entdeckt. Framers waren auch die Flugpioniere des 19. Jahrhunderts, Filmregisseure wie Steven Spielberg oder die Extrembergsteiger Peter Habeler und Reinhold Messner,

die als Erste den Mount Everest ohne Flaschensauerstoff erklommen. Sie warfen alles, was seit der Erstbesteigung des höchsten Berges der Welt 1953 als medizinischer Konsens über das Klettern in solchen Höhenlagen galt, über den Haufen, indem sie Sauerstoff durch Geschwindigkeit „ersetzten“. Mannigfaltig sind auch die Beispiele im Buch aus der Wirtschaft: Steve Jobs, der Gründer von Apple, kommt für sein Neudenken mobiler Kommunikation zu Ehren, Ingvar Kamprad, der Gründer von IKEA, für seine Lebensabschnittsmöbel als Kontrapunkt zum über Generationen vererbten Mobiliar oder Ben Bernanke, ehemaliger amerikanischer Notenbankchef, für seinen Lösungsweg in der Weltfinanzkrise ab 2007. Am Ende des Buches liefern die Autoren noch eine Anleitung zum Arbeiten mit Frames, für die sie den Leserinnen und Lesern eine Mutinjektion mitgeben: „Die Grenzen unserer Vorstellungskraft sind die Grenzen unserer Welt. Die Menschheit ist nicht an eine bestimmte Wirklichkeit gebunden, sondern kann jede auskosten, die sie zu erschaffen beschließt. Wir tragen diese Kraft in uns …“

Umschlag und Foto: Redline-Verlag München, Grafik: Inspiranto


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Das Inflationsgespenst Die Geldentwertung hat in den vergangenen Monaten enorme Dimensionen angenommen, die Niedrigzinspolitik wird dagegen vorerst unverändert beibehalten. Das Inflationsgespenst ist zurück, aufgeweckt durch übermäßige Geldbeschaffung.

Der Untertitel des 400 Seiten umfassenden Werks des deutschen Finanzexperten Thomas Mayer lautet: „Eine Weltgeschichte von Geld und Wert“. Es ist aber mehr als das. Aufbauend auf einem historischen Fundament vom Ursprung des Geldes über die Globalisierung der Geldordnung bis hin zu den historischen Finanzkrisen, betrachtet der Autor die Lehren aus der Geschichte für die aktuelle Situation. Seit Jahrzehnten gibt es in Europa divergente Auffassungen über die Währungspolitik. Bei Gründung der EWG bildeten Frankreich, Belgien und Luxemburg den Club der Monetaristen. Ihre Auffassung: Die gemeinsame Währung ist Katalysator für die wirtschaftliche Integration. Die Ökonomisten um Deutschland und die Niederlande wollten erst die ökonomischen Voraussetzungen schaffen, ehe man an eine gemeinsame Währung denken könne. Mayer verwendet eine nette Metapher: Während die Monetaristen der Ansicht waren, dass man schwimmen am besten lerne, indem man ins Wasser geworfen werde, meinten die Ökonomisten, dass es wohl besser sei, erst einmal schwimmen zu lernen. Mit dem Schwimmenlernen wurde es leider nichts. Spätestens mit dem Aufspannen der diversen Rettungsschirme über Griechenland und anderen verschuldeten Staaten in Europa im Gefolge der Weltfinanzkrise war das Match entschieden. „Der Geist war aus der Flasche“, schreibt Thomas Mayer, die diversen Rettungsaktionen wurden über neue Schulden finanziert. Obwohl es der EZB rechtlich eigentlich verboten ist, monetäre Staatsfinanzierung zu betreiben, wurden 2020 Staatsanleihen im Ausmaß von 992 Milliarden Euro gekauft. Resümee des Autors: „Die lateineuropäische Wirtschaftskultur hat die deutsche komplett verdrängt.“

Nun dem Inflationsgespenst durch steigende Zinsen Paroli zu bieten ist schwer vorstellbar, weil das die verschuldeten Staaten nicht stemmen könnten. Also werde die Inflation bei niedrigen Zinsen so lange anhalten, bis die Staatsschuld auf ein tragbares Niveau abgeschmolzen sei. Erschreckende Aussichten für die Sparerinnen und Sparer – aber das steht ja in der Jobbeschreibung von (Inflations-)Gespenstern. Vielleicht ist es ein Trost für die Geschröpften, dass sich in der Geschichte nicht viel geändert hat. Das zeigt das nachstehende Zitat von Jean-Baptiste Colbert, dem Finanzminister unter Ludwig XIV. „Die Kunst der Besteuerung besteht darin, die Gans so zu rupfen, dass sie unter möglichst wenig Geschrei so viele Federn wie möglich lässt.“ Thomas Mayer ist Ökonom und ausgewiesener Finanzexperte. Er war unter anderem für den Internationalen Währungsfonds in Washington, für die Investmentbanken Salomon Brothers und Goldman Sachs und als Chefvolkswirt der Deutschen Bank tätig.

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CONTRAPUNKT

Vertrauen in Algorithmen


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Künstliche Intelligenz ist die Fähigkeit von Software, intelligente Handlungsweisen zu entwickeln, die eigenständiges Handeln und Lernen ermöglichen. KI erkennt Objekte, versteht Sprache und kann Entwicklungen vorhersagen. Wohin uns das führt, haben wir Roland Sommer, Geschäftsführer des Vereins Industrie 4.0, und Andreas Spechtler von Silicon Castles gefragt.

Muss die Politik enge Rahmenbedingungen für die Entwicklung definieren oder sollte man den forschenden Unternehmen und Institutionen freie Hand lassen? Sommer: Es gibt bereits eine Reihe von Initiativen, die klare Rahmenbedingungen zu künstlicher Intelligenz (KI) definieren (z. B. Ethik-Leitlinien für eine vertrauenswürdige KI der Europäischen Kommission oder die Initiative Digitaler Humanismus in Wien). Innerhalb dieser Rahmenbedingungen sollte es die Möglichkeit geben, Forschung und Entwicklung frei und offen zu betreiben. Spechtler: Grundsätzlich müssen Rahmenbedingungen für einen ethischen Umgang mit KI geschaffen werden. Ein solches Regelwerk darf sinnvolle Anwendungen nicht verhindern. Auch bürokratische Hürden müssen vermieden werden. In der globalen geopolitischen Konkurrenz ist es wichtig, KI sinnvoll zu reglementieren. Wenn wir von einer künstlichen Superintelligenz sprechen, muss dies allerdings unbedingt geschehen, damit deren Einsatz sicher ist. Insgesamt besteht für die Politik Handlungsbedarf, damit sie nicht nur reagieren kann, wenn KI in immer größerem Maße eingesetzt wird. Stephen Hawking bemerkte im Jahr 2017: „Erfolgreiches Schaffen einer effektiven künstlichen Intelligenz könnte das größte Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation sein – oder das schlimmste. Wir wissen es nur nicht.“ Wie ist Ihr Standpunkt? Sommer: Wir stehen gegenwärtig an einem Scheideweg, in welche Richtung sich die künstliche Intelligenz weiterentwickeln wird. Europa hat für sich definiert, dass es diese Entwicklungen basierend auf europäischen Werten weiterentwickeln möchte und wird. Diesen Standpunkt teile ich zu 100 Prozent. Spechtler: Unter der Annahme, dass Stephen Hawking von einer Superintelligenz spricht, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit das wichtigste Ereignis unserer Zivilisation sein. Bei dieser Frage geht es aber nicht darum, ob die Technologie in der Sache an sich gut oder böse ist. Es geht darum, wie

Technologie eingesetzt wird. KI kann für den Klimaschutz eingesetzt werden, dann hat sie das Potenzial, viel Gutes beizutragen. Sie kann aber genauso mit verheerenden Auswirkungen für Kriege eingesetzt werden. Es geht immer darum, dass Menschen in Freiheit darüber entscheiden, wie sie eine Technologie nutzen. Bleibt beim flächendeckenden Einsatz von künstlicher Intelligenz noch Raum für Datenschutz? Sommer: Für erfolgreiche Anwendungen der künstlichen Intelligenz ist es notwendig, dass es ausreichend Vertrauen in die Systeme und Algorithmen gibt. Datenschutz, insbesondere der Schutz persönlicher Daten, bzw. die klare Definition, was mit den Daten passiert, ist dafür eine Grundvoraussetzung. Darüber hinaus gibt es mittlerweile auch technische Lösungen und Spielregeln, die den Schutz personenbezogener Daten gewährleisten (Synthetisierung von Daten, Pseudonymisierung, aber auch neue Initiativen wie das Dateninfrastrukturprojekt GAIA-X). Das heißt, ich würde es genau umgekehrt sehen: Der Datenschutz ist eine wesentliche Voraussetzung für einen breiten Einsatz künstlicher Intelligenz. Spechtler: Grundsätzlich sind für den Einsatz von KI keine personalisierten Daten notwendig, sondern meistens aggregierte. Generell muss es immer Raum für Datenschutz geben. Europa kann hier seine Vorreiterrolle im Datenschutz weiter ausbauen. Und ein guter Datenschutz muss auch nicht negativ für die Entwicklung von KI sein. Tatsächlich gibt es auch schon Ansätze für das datenschutzkonforme Trainieren von künstlicher Intelligenz. Wie wird künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt verändern? Sommer: Gegenwärtig beobachten wir, dass uns in Österreich, aber auch in vielen anderen Ländern, nicht die Jobs ausgehen, sondern vielmehr qualifizierte Menschen, die ganz unterschiedliche Tätigkeiten ausführen. Künstliche Intelligenz wird dabei aber weniger eine Linderung des Fachkräftemangels bringen, sondern vielmehr neue Potenziale eröffnen, und


CONTRAPUNKT

Foto: Andreas Handl

Was identifizieren Sie als größtes Potenzial von künstlicher Intelligenz? Sommer: Die Kombination sehr unterschiedlicher Bereiche, die allesamt ihrerseits viele Daten verarbeiten, um daraus übergreifende Muster zu identifizieren, die neue Erkenntnisse bringen, hat für mich ein großes Potenzial – insbesondere in einer Welt, die zunehmend komplex wird. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen (Klimaschutz, Gesundheit, Welternährung, Ressourcenverknappung etc.) können nur in einem umfassenden Ansatz angegangen werden und dabei kann uns die künstliche Intelligenz unterstützen. Spechtler: Für mich liegt das größte Potenzial darin, dass die Menschen mehr Zeit und Möglichkeiten haben werden, sich kreativen und zwischenmenschlichen Tätigkeiten zu widmen oder sich auch sozial zu engagieren. Sie werden auch

Roland Sommer, Geschäftsführer des Vereins Industrie 4.0 Österreich – der Plattform für intelligente Produktion

immer weniger repetitive und körperlich anstrengende bis gefährliche Tätigkeiten ausüben müssen. Eine Frage der Identität: Wie wird KI unser Selbstverständnis als Wissensgesellschaft verändern? Sommer: Daten, Information, Wissen und das kreative Einsetzen des Wissens werden die wichtigsten „Produktionsfaktoren“ in Zukunft werden; gleichzeitig wird die starke Rolle des Menschen beibehalten. Der Zugang zu Information und Wissen wird uns in den nächsten Jahrzehnten massiv prägen, was wiederum zu einer Weiterentwicklung unserer kulturellen Identität führen wird. Spechtler: Meiner Meinung nach wird die Wissensgesellschaft gestärkt werden. Es geht aber auch hier darum, dass eine ethische Anwendung von KI immer im Vordergrund stehen sollte. Ist für Sie das Erreichen von „Artificial Super Intelligence“ realistisch und überhaupt erstrebenswert? Sommer: In den kommenden Dekaden erscheint mir das Erreichen dieser künstlichen Superintelligenz nicht realistisch, und ganz grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass künstliche Intelligenz als Werkzeug betrachtet werden sollte, das den Menschen unterstützt und bei dem es nicht darum geht, eine Superintelligenz zu erschaffen. Spechtler: Die einhellige Meinung von Forschern lautet, dass eine Artificial Super Intelligence in den nächsten 30 Jahren entwickelt werden kann. Die Frage ist aber, welche Art von Superintelligenz geschaffen wird. Grundsätzlich ist möglich, was in der Vorstellungskraft der Menschen liegt. Deshalb braucht es ein ethisches Regelwerk zur Kontrolle, ähnlich dem Lieferkettengesetz. Und dieses Gesetz muss dann auch durchgesetzt werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass Technologiefeindlichkeit, wie wir sie häufig beobachten, deshalb entsteht, weil es zu viele ethisch schlechte Anwendungsbeispiele des technologischen Fortschritts gibt. Wir müssen daher daran arbeiten, positive Anwendungsbeispiele zu schaffen. Hier sind große Unternehmen, die öffentliche Hand und auch Start-ups gefordert.

Foto: Siliconcastles

zwar insbesondere in der Verbindung unterschiedlicher und bislang getrennter Bereiche (z. B. bei Energieerzeugung und Energieverbrauch oder durch die enge datentechnische Verzahnung ganzer Wertschöpfungsketten). Spechtler: Wie bei jeder neuen Technologie wird der zunehmende Einsatz von KI zu Jobverlusten führen. Gleichzeitig werden auch neue Arbeitsplätze entstehen. Von einem Drohgespenst möchte ich deshalb hier nicht sprechen. Klar ist, dass die Menschen in Zukunft sich noch schneller werden anpassen müssen. Hier ist die Bildungspolitik gefordert, denn diese Anpassungsfähigkeit muss in der Schule und in der Weiterbildung trainiert werden. Die Chance liegt darin, dass Prozesse viel effizienter und schneller passieren können, der „fehleranfällige“ Faktor Mensch wird immer weniger eine Rolle spielen. Repetitive oder gefährliche Aufgaben werden in Zukunft mehr von Robotern oder Maschinen übernommen werden, sodass der Mensch sich auf kreative und zwischenmenschliche Bereiche fokussieren kann. Nehmen wir die Pflege als Beispiel: Roboter werden in Zukunft noch mehr Aufgaben übernehmen und dabei belastbarer sein als menschliche Pflegekräfte. Im Gegenzug hat das Pflegepersonal mehr Zeit, sich mit den Menschen zu unterhalten und sich um ihre emotionalen Bedürfnisse zu kümmern.

Andreas Spechtler, geschäftsführender Gesellschafter des Business-Accelerators Silicon Castles


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Clubleben Im ersten Halbjahr gab es ein dichtes Veranstaltungsprogramm des Seebrunner Kreises, wobei gleich zu Beginn mit einer Zeitlinien-Veranstaltung zum Thema „Die Auswirkungen des Krieges auf Europa“ ein volles Haus die Betroffenheit vieler Menschen zeigte. Es folgten Themenabende zur Windkraft und zu Frauen in Führungspositionen. Eine starke Präsenz unserer Mitglieder gab es zudem beim Wirtschaftsforum Salzburg, das sich mit dem „Standort im Wettbewerb“ befasste. Abgerundet wurde der Veranstaltungsreigen durch die bekannten After-Work-Treffen. Fotos: Manuel Horn Links: (v. l. n. r.) Wilfried Haslauer, Univ.-Prof. Gerhard Mangott, Hannelore Veit, Hans Peter Schützinger und Michael Strugl Rechts: Univ.-Prof. Gerhard Mangott

Seit Februar raubt uns allen der Krieg in der Ukraine den Atem. Die Auswirkungen auf Europa, Österreich und damit auch Salzburg sind enorm. Bei der Zeitlinien-Veranstaltung schilderten Univ.-Prof. Gerhard Mangott (Politikwissenschafter Universität Innsbruck), Hans Peter Schützinger (CEO Porsche Holding Salzburg), Markus Reisner (Oberst des Generalstabs des Bundesheeres) und Michael Strugl (Vorstandsvorsitzender der Verbund AG) die Situation.

Zeitlinien zum Ukraine-Krieg


CLUBLEBEN

Fotos: Manuel Horn

„Wovon wir uns verabschieden müssen, ist die Vorstellung, dass wir weiterhin als Trittbrettfahrer unterwegs sein können“, sagte Landeshauptmann Wilfried Haslauer. Die Neutralität gehöre inzwischen zur DNA Österreichs, aber diese müsse auch verteidigt werden.

INFLATION UND UNTERBROCHENE LIEFERKETTEN Ein breit diskutiertes Thema war die Energie. Die Abhängigkeit Österreichs von russischen Gas- und Erdöllieferungen mache klar, sagte Verbund-Chef Strugl, dass die Dringlichkeit, alternative Energiequellen anzuzapfen, enorm ist – zugleich bedauerte er „elendslange Verfahren“ in diesem Bereich. Es brauche Akzeptanz dafür, dass „die Energiewende spürbar und in der Landschaft auch sichtbar sein wird“. Probleme bereiten der Wirtschaft infolge der Energielücke die unterbrochenen Lieferketten sowie enorme Preissteigerungen bei Rohstoffen und Vorprodukten. PorscheHolding-Chef Schützinger schilderte dazu das Problem, dass die Ukraine Kabelbäume für Pkw nur noch in stark verringertem Maß liefern konnte, was bei den Werken des Volkswagen-Konzerns zu einem enormen Lieferverzug geführt habe. Professor Mangott räumte allzu optimistische Erwartungen aus, dass es zu einer baldigen Beendigung des Krieges kommen werde, dazu lägen die Positionen Russlands und der Ukraine zu weit auseinander. Die Abnützungsschlacht habe Putin überrascht. Oberst Reisner rechnet damit, dass „wir mit dem Krieg leben lernen müssen“.


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Foto: Denise Prinz

Standort im Wettbewerb Auf großes Interesse unserer Mitglieder stieß das von der Industriellenvereinigung Salzburg und dem Management Center Innsbruck veranstaltete Wirtschaftsforum. Wirtschaftsminister Martin Kocher schilderte Herausforderungen im Wettbewerb um die besten Köpfe, der Präsident der IHK München und Oberbayern, Klaus Josef Lutz, prangerte zunehmenden Dirigismus an. Der Salzburger IV-Präsident Peter Unterkofler verwahrte sich vehement gegen eine „Energietriage“ als Folge eines Erdgasboykotts.

After Work

Zu einer Institution sind inzwischen unsere After-Work-Treffen in Salzburg geworden. Dieses Format erfreut sich vor allem bei der steigenden Zahl junger Mitglieder wachsender Beliebtheit und ist ein Garant für spannende Gespräche und einen interessanten Austausch.

Fotos: Denise Prinz


CLUBLEBEN

Fotos: Manuel Horn

Rückenwind für Windparks

Rechts (v. l. n. r.): Philipp Schmölzer, Leonhard Schitter, Sepp Schwaiger, Martin Voggenberger und Christoph Paulweber

Der Strombedarf in Salzburg wird bis 2040 weiter steigen. Derzeit wird die Hälfte des Verbrauchs durch die Salzburg AG abgedeckt. Um den zusätzlichen Bedarf zu decken, braucht es zwei bis drei Windräder pro Jahr. Dazu, sagte Salzburg-AGVorstandschef Leonhard Schitter beim Talk im Turm auf Einladung der Salzburger Sparkasse, brauche es die Akzeptanz der Bevölkerung und neue rechtliche Rahmenbedingungen für die Verfahren, die beschleunigt werden müssen, wenn die Energiewende geschafft werden soll. Im oberösterreichischen Munderfing wurde – so Bürgermeister Martin Voggenberger – exemplarisch gezeigt, wie es gelingt, einen Windpark zu realisieren. Alle Fraktionen in der Gemeindeversammlung arbeiteten zusammen und schafften es letztlich, alle Hürden zu meistern. Anders in Salzburg. Hier ortet Landesrat Sepp Schwaiger derzeit noch viele „laute Gruppen, die sich als organisierte Meinungsmacher gegen jedes Projekt stellen“.


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Fotos: Waltraud Dorn

Rezepte für Führungsstrukturen

Rechts (v. l. n. r.): Harald Ronacher, Kurator des Seebrunner Kreises, Anna Doblhofer-Bachleitner (Geschäftsleitung Raiffeisenverband Salzburg), Brigitte Bach (Vorständin Salzburg AG), Allegra Frommer (Vorstandsvorsitzende Hogast) und Wilfried Weitgasser (Geschäftsführer Porsche Austria)

Frauen sind in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert. Was Unternehmen tun, um mehr Diversität in die Führungsteams zu bringen, diskutierten auf Einladung des Seebrunner Kreises und des BIG-5-Partners Raiffeisenverband Salzburg Anna Doblhofer-Bachleitner (Geschäftsleitung Raiffeisenverband Salzburg), Allegra Frommer (Vorstandsvorsitzende Hogast), Brigitte Bach (Vorständin Salzburg AG) und Wilfried Weitgasser (Geschäftsführer Porsche Austria). Die Maßnahmen, die in den vier großen Salzburger Unternehmen gesetzt werden, um die Diversität in den Führungsteams zu erhöhen, sind mannigfaltig. An vorderster Front stehen Talentmanagement, Mentoring bei der Karriere von Frauen, Chancengleichheit bei Bewerbungen und nicht zu-

letzt die Ermutigung, technische Bildungswege einzuschlagen. Einig waren sich die Diskutantinnen und Diskutanten am Podium darüber, dass angesichts der demografischen Entwicklung kein Weg an der gezielten Förderung von Karrieren von Frauen in den Betrieben vorbeiführt. Brigitte Bach wies dabei auf Studien hin, aus denen hervorgeht, dass diverse Teams die wirtschaftlichen Ergebnisse um bis zu 57 Prozent verbessern, „weil sie lösungsorientierter, kreativer, nachhaltiger und erfolgreicher agieren“. Wobei „divers“ Alter, geografische Herkunft und Geschlecht der Teammitglieder umfasst.


Impressum VERANTWORTLICH FÜR DEN INHALT Verein zur Förderung des wirtschaftspolitischen Wissens Seebrunner Kreis Merianstraße 13 5020 Salzburg office@seebrunnerkreis.at KONZEPT UND DESIGN Werbeagentur INSPIRANTO Schiffmanngasse 22 5020 Salzburg +43 (0)662/908600 www.inspiranto.com CHEFREDAKTION Dr. Wolfgang Immerschitt Gislarweg 10 5300 Hallwang bei Salzburg +43 (0)676/848497100 wolfgang.immerschitt@kommunikationsmanager.at LEKTORAT Mattias Feldner – mattias@mitliebegelesen.at Johannes Kugler – j.kugler@sbg.at DRUCK Salzkammergut-Media Ges.mbH Druckereistraße 4 4810 Gmunden

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Wenn Sie das Gefühl haben, genug über der Welten Lauf nachgedacht zu haben, können Sie jetzt den Blickwinkel ändern: Denken Sie voraus! Der Seebrunner Kreis spricht ganz bewusst Menschen an, die etwas bewegen wollen und auch können. Wenn Sie ein besonderes Interesse daran haben, den Standort Salzburg weiterzubringen, sind Sie bei uns genau an der richtigen Adresse. Wir machen uns abseits vom politischen Alltag Gedanken über die Entwicklung der Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft und deren Rahmenbedingungen. Wir sind in den letzten Jahren deutlich jünger, diverser, regionaler und bunter geworden und wollen diesen Weg auch weiter fortsetzen.