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Das Online-Magazin für psychologische Themen, Schicksalsanalyse und therapeutische Arbeit Herausgeber: Alois Altenweger, www.psychologieforum.ch, www.szondi.ch, Szondi-Institut Zürich


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Das Online-Magazin für psychologische Themen, Schicksalsanalyse Und therapeutische Arbeit Dezember 2013 Szondi-Institut Zürich

Die Verantwortung für den Inhalt der Texte, die vertretenen Ansichten und Schlussfolgerungen liegt bei den Autoren bzw. den zitierten Quellen Fotos: Alois Altenweger Szondi-Institut Zürich, Krähbühlstrasse 30, 8044 Zürich, www.szondi.ch, info@szondi.ch , Tel. 044 252 46 55


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Inhalt Thema im Schnittpunkt Über Gedanken die eigene Hirnaktivität und die Emotionen steuern Bettina Jakob

Psychologisches Methodenintegration in der Psychotherapie Rosmarie Barwinski et al.

Psychotherapie Was Online-Therapien taugen Heike Dierbach

Medizin und Gesundheit Alkoholabhängigkeit: Psychotherapie und Medikamente verlängern Abstinenz Benjamin Waschow

Veranstaltungen Dem Teufel vom Karren gefallen

Bücher und Zeitschriften IMAGO

Zu guter Letzt Zum Neuen Jahr


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_Thema im Schnittpunkt

Über Gedanken die eigene Hirnaktivität und die Emotionen steuern Kann ein Mensch seine Emotionen nicht ausbalancieren, wird sein Leben schnell schwierig. Grund dafür kann eine überaktivierte Gehirnregion sein, die mithilft, Empfindungen zu verarbeiten und zu regulieren. Probanden können mit geeigneten Gedanken das aktivierte Areal beruhigen, wenn sie laufend über ihre eigene Hirnaktivität informiert werden. Forschende der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich weisen mit einem neuartigen Ansatz des Neurofeedbacks erstaunliche Ergebnisse aus. Bettina Jakob Die Fähigkeit, Emotionen wie Angst, Wut und Trauer zu regulieren, ist sehr wichtig für das Wohlbefinden und für die zwischenmenschlichen Begegnungen im Alltag. Bei psychischen Erkrankungen ist diese Regulation häufig beeinträchtigt. Insbesondere bei Betroffenen von Angsterkrankungen und Depressionen sind die Mandelkerne, die sogenannten Amygdalae, oftmals verstärkt aktiv. Diese zentralen Strukturen im Gehirn sind an der Verarbeitung emotionaler Informationen beteiligt. In psychotherapeutischen Behandlungen von psychischen Störungen werden bislang Strategien entwickelt, um die Amygdalae-Aktivität zu mildern. Allerdings fällt es Patientinnen und Patienten oftmals schwer, die für sie individuell wirksame Strategie zu finden und anzuwenden. Einen neuen Ansatz stellen nun Forschende der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in Zusammenarbeit mit der ETH


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Zürich vor: Über die Rückmeldung der eigenen Hirnaktivität mit bildgebenden Verfahren kann mittels kognitiver Techniken die Aktivität der Mandelkerne beeinflusst werden. «Womöglich ein Meilenstein in der Entwicklung neuer Therapieansätze», sagt Forschungsgruppenleiter Prof. Uwe Herwig. Die richtigen Gedanken steuern die Aktivität des Gehirns Mittels moderner bildgebender Verfahren ist es möglich, die individuelle Hirnaktivität, welche im Magnetresonanz-Tomographen aufgezeichnet wird, einer Testperson nahezu in Echtzeit zurückzumelden. Über dieses Neurofeedback können die Probandinnen und Probanden lernen, die gewünschte Hirnregion – im vorliegenden Fall die Mandelkerne – aktiv zu kontrollieren und mittels mentaler, etwa kognitiver Techniken in ihrer Aktivität zu regulieren. Die Autorinnen und Autoren der in «Brain Topography» publizierten Studie zeigten den Probanden Bilder von Gesichtern mit negativen Emotionen wie Angst, Trauer und Wut. Gleichzeitig massen sie mithilfe von funktioneller Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) die Aktivität der Amygdala – und meldeten diese über verschiedene Farbinformationen neben den Gesichtern an die Testpersonen zurück. Über kognitive Kontrolle mittels beschreibender Bewertung der Situation – der Vergegenwärtigung etwa, dass es sich um ein Experiment handelt, dass lediglich Bilder präsentiert werden –, sollten die Probanden versuchen, die eigene Hirnaktivität zu beeinflussen. Mit erstaunlichen Erfolg: «Gesunden Probanden gelang es über vier Sitzungen hinweg, ihre Amygdala-Regulation durch Neurofeedback zu verbessern», so Erstautorin Annette Brühl. «Dies zeigt, dass das Echtzeit-Feedback der Hirnaktivität mittels fMRT beim Training der Emotionsregulation helfen kann.» In Zukunft könnte diese Technik eine zusätzliche Methode innerhalb der Psychotherapie bei Patienten darstellen, die mit der Regelung von Emotionen Schwierigkeiten haben. Literatur: Annette B. Brühl, Sigrid Scherpiet, James Sulzer, Philipp Stämpfli, Erich Seifritz, Uwe Herwig. Real-time Neurofeedback Using Functional MRI Could Improve Down-Regulation of Amygdala Activity During Emotional Stimulation: A Proof-of-Concept Study. Brain Topography. Epub November 16, 2013. http://dx.doi.org/10.10548-013-0331-9

Bettina Jakob Media Relations Universität Zürich Seilergraben 49, 8001 Zürich Tel. +41 44 634 44 39 Fax +41 44 634 23 46 bettina.jakob@kommunikation.uzh.ch


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_Psychologisches

Methodenintegration in der Psychotherapie In der Psychotherapieforschung können drei Etappen unterschieden werden: Ergebnisforschung (welche Ergebnisse erzielt das Verfahren?); Erforschung der Kombination von Prozessvariablen und Ergebnismerkmale (welche Prozessmerkmale korrelieren mit welchem Ergebnis?) sowie eine naturalistische Wende mit der Untersuchung von therapeutischen Mikroprozessen und der Evaluation von Psychotherapien unter realen Praxisbedingungen. Rosemarie Barwinski (Redaktion), Fernanda Pedrina, Regula Weiss, Christine Widmer

Die Ergebnisforschung, aber auch weitgehend die Erforschung der Kombination von Prozessvariablen und Ergebnismerkmalen zeichnen sich dadurch aus, dass über den TherapieErfolg die Über- bzw. Unterlegenheit einer Methode zu beweisen versucht wird. Die Methodik entspricht hier vor allem dem Typus der experimentellen, vergleichsgruppenkontrollierten Wirkungsforschung. Unerwartetes Ergebnis dieser Forschungsstrategie ist, dass sehr unterschiedliche Therapieverfahren zu annähernd gleichen Ergebnissen führten. Aufgrund der Erkenntnisgrenzen dieses Methodentyps, aus der relativen Praxisferne und durch die auf bestimmte Variablen orientierte bedingte Entfernung vom klinischen Fallbezug zeichnete sich Mitte der 1980er Jahre eine Wende ab. Für die Phase-3-Methodik besteht das Ziel, durch die systematische Untersuchung konkreter Therapieprozesse herauszufinden, welche Faktoren therapeutischen Fortschritt bedingen und welche ihn behindern. Verknüpft ist damit auch die Frage, wie unterschiedliche psychotherapeutische Methoden integriert werden können. Die Annahme, dass ausschliesslich eine Methode bei einem Störungsbild zum Erfolg führt, kann nicht allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Dies war auch der Grund, warum unsere Arbeitsgruppe auf einen Artikel von Joachim Küchenhoff zum Thema «Der integrative Prozess in der Psychotherapie: Methodenvielfalt – Synergismus – Integration» aufmerksam machen möchte. Joachim Küchenhoff geht der Frage nach, welcher Prozess durchlaufen werden muss, um unterschiedliche psychotherapeutische Methoden im klinischen-institutionellen Kontext zu integrieren. Nach der Klärung relevanter Begriffe verweist er auf Prozessparameter in der klinischen Integration und illustriert anhand von zwei Beispielen, wie dieser Prozess konkret in die Praxis umgesetzt werden kann. Methodenintegration verläuft nach Küchenhoff in Stufen, welche mit folgenden Begriffen definiert werden können: Methodenvielfalt, Eklektizismus, modulare Techniken, Methodensynergie und Methodenintegration.


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Methodenvielfalt meint das ganze methodische Repertoire der Psychiatrie und Psychotherapie. Sie ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Behandlungskonzeption. Ein eklektisches Vorgehen bedient sich verschiedener Systeme und setzt die Elemente der Systeme neu zusammen. Entscheidend ist bei einem eklektischen Vorgehen, dass eine Regel sichtbar wird, unter der die bekannten Elemente neu kombiniert werden. Modulare Techniken sind dagegen Bausteine, die im Rahmen eines Gesamtkonzeptes angewendet werden. Darum können lediglich zusammengestellte Elemente verschiedener Konzeptionen nicht als Therapiemodelle bezeichnet werden. Methodensynergie beschreibt ein Zusammenspiel verschiedener «Kräfte», die zusammenwirken, eigenständige Elemente bleiben, aber ein gemeinsames Ziel verfolgen. Methodenintegration schliesslich führt Behandlungselemente nicht einfach zusammen, sondern meint die Erarbeitung neuer Modelle.

Methodenintegration dürfte noch in weiter Ferne liegen.

(Foto©Alois Altenweger)

Küchenhoff versteht den integrativen Prozess als Ergänzungsreihe, die mit der Vielfalt beginnt, über den Eklektizismus und die Synergie läuft und bei der Integration endet. Er postuliert, dass der integrative Prozess bestimmten Gesetzmässigkeiten folgt, und führt folgende Parameter auf, die diesen Prozess ermöglichen: – –

Den Anstoss für den integrativen Prozess sieht er in den Erfahrungen aus der praktischen Arbeit. Voraussetzungen für den Prozess sind Bereitschaft zur Kooperation und Neugier. Zudem seien Kenntnis verschiedener Theorien und Achtung vor Andersdenkenden, Kompetenz und Verzicht auf Omnipotenz sowie Abstinenz von beruflichen Glaubenskriegen unverzichtbare Bedingungen. Es müsse geklärt werden, wer in einer Institution die Integration will, und es muss eine Metatheorie entwickelt werden, die als Klammer für die zu integrierenden Verfahren dienen kann.


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Pragmatische Kriterien, an denen sich der Integrationsgrad messen lässt, sind zum Beispiel die gewählte Sprachregelung eines Behandlungsteams in Konferenzen und Fallbesprechungen sowie die Frage, welche Informationen an Patienten weitergegeben werden. Hier erweist sich nach Küchenhoff, welches Therapiekonzept in Wahrheit vertreten wird.

Anhand von zwei Beispielen – Psychopharmakologie und Psychotherapie sowie Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung – illustriert Joachim Küchenhoff, wie Methodenintegration auf einer psychiatrischen Therapiestation konkret aussehen kann. Beim Thema Psychopharmakologie und Psychotherapie macht er auf zwei Probleme aufmerksam: dass einerseits die Medikamentenwirkung oft nur neurobiologisch erfasst wird und beziehungsdynamische Aspekte der Medikamentengabe nicht berücksichtigt werden. Andererseits bestehe die Gefahr, dass Psychopharmaka zwar gegeben werden, aber dieser Schritt nicht reflektiert werde. Den Prozess der Integration beschreibt er bei diesem Thema wie folgt: – – – –

Eine Methodenvielfalt wird dort praktiziert, wo polypragmatisch Psychotherapie und Psychopharmakologie nebeneinander her ohne Berührungspunkte gegeben werden. Ein eklektisches Vorgehen ist dann gegeben, wenn die eine Therapie diesem die andere jenem Ziel dient. Synergetisch werden die beiden Therapiezweige eingesetzt, wenn die Wechselwirkungen zwischen den Verfahren berücksichtigt werden. Eine Integration ist dann erreicht, wenn es eine klinische Theorie der Wechselwirkung gibt.

Im Falle der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörungen kommt er zum Schluss, dass sie auf der Ebene der Methodensynergie angesiedelt werden kann, aber keine integrative Therapie entstanden ist. Fazit seiner Überlegungen ist die Forderung nach mehr Klarheit und Reflexion auf dem Wege zu einer Methodenintegration, da die Vorteile einer Therapiekombination nur so deutlicher werden. Küchenhoffs Artikel ist für uns ein Beitrag zur psychotherapiewissenschaftlichen Forschung, die sich explizit zum Ziel gesetzt hat, von der psychotherapeutischen Erfahrung auszugehen, wie sie sich im institutionellen Kontext darstellt. Der im Bereich der Psychotherapieforschung besonders deutliche Widerspruch zwischen Forschung und Praxis zeigt sich auch als Bedürfnis nach Methodenintegration, da die Komplexität der Praxis eine Einschränkung auf eine Methode nicht erlaubt. Wie weit diese Praxis auf eine Theorie zurückgreifen sollte, die gewissermassen als Metatheorie fungieren kann, ist eine Frage, die diskutiert werden muss. Unserer Meinung nach sind es vor allem naturalistische Studien, die zu einer Entwicklung einer Methodenintegration aufgrund von Erfahrungswerten beitragen. Kontakt: r.barwinski@swissonline.ch Text Küchenhoff in: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, 2009,160(1), 12–19.


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_Psychotherapie

Was Online-Therapien taugen Online-Therapien gegen Depressionen entwickeln sich derzeit rasend schnell. Die Behandlung ist kostengünstig - doch hilft sie auch? Heike Dierbach

Nicht einmal ihre beiden Pferde konnte Ingrid Wagner (Name von der Redaktion geändert) in ihren schlimmsten Phasen versorgen. Dabei sind die zwei eigentlich ihre große Freude. Aber die Schatten, die sie immer wieder überfielen, waren stetig dunkler geworden. Die 58-jährige Bürokauffrau nahm keine Einladungen mehr an und traute sich kaum noch aus dem Haus. "Autofahren ging gar nicht mehr", sagt sie. Nachts lag sie wach, am Tag kamen ihr aus dem kleinsten Grund die Tränen. Ihre Hausärztin stellte schließlich die Diagnose Depression und sagte: "Sie brauchen sofort eine Therapie." Doch das ist leicht gesagt, wenn man in der Provinz in Sachsen-Anhalt wohnt. "In der Gegend gibt es ganze zwei Therapeuten", erzählt Wagner. "Beide sagten: Melden Sie sich in einem halben Jahr wieder." Dann las sie von einem Internetprogramm gegen Depressionen. "Ich habe sofort angerufen. Bedenken hatte ich keine. Hauptsache, es hilft!" Pausen sind gut Seelische Beschwerden heilen mit einem Computerprogramm - das klingt wie eine Mischung aus Orwells "1984" und "Raumschiff Enterprise". Die Therapeuten der Zukunft heißen nicht mehr Müller und Schulze, sondern Deprexis, Novego, Get.on oder net-step, und sie bestehen nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Nullen und Einsen. Kann das funktionieren? Sicher ist: Diese Behandlungsform entwickelt sich mit Lichtgeschwindigkeit - und sie wird immer besser erforscht.

Wer im Netz mit den Begriffen "Depression" und "Onlinetherapie" sucht, stößt auf viele Angebote. Es gibt Beratung durch niedergelassene Psychotherapeuten, die nur über EMail abläuft, reine Onlineprogramme ohne menschliche Unterstützung und eine Mischung aus beidem: automatische Programme, die ab und zu einen Therapeuten einbeziehen. "Die


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Wenn alles seine Farbe verliert….

Mischform ist am weitesten verbreitet und am besten erforscht", sagt Thomas Berger, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern. Anfang März bekommt Ingrid Wagner den Zugangsschlüssel für Deprexis, ein reines Onlineprogramm. Als sie sich einloggt, fragt es sie zunächst, was ihr besonders Probleme mache. "Ich hatte gleich das Gefühl, da sitzt mir einer gegenüber", sagt sie heute. In einer Liste kreuzt sie Schlafstörungen an - anschließend zeigt ihr Deprexis Atemtechniken und eine Anleitung für Traumreisen. Wagner probiert es mit der Vorstellung, mit dem Pferd an einem Strand zu galoppieren. "Komischerweise hat das geholfen." Am nächsten Tag bekommt sie eine SMS: "Kleine Übung: Atmen Sie dreimal tief durch. Mit jedem Atemzug wird der Abstand zu den Problemen größer." Wie wirksam sind Online-Programme? Die meisten Onlineprogramme basieren auf der klassischen Verhaltenstherapie: Der Patient bekommt Übungen, um sein Verhalten zu verändern und so seine Stimmung zu beeinflussen. Nur dass die Tipps nicht vom Therapeuten erklärt werden, sondern vom Computer. Als Onlinebehandlungen starteten, waren viele Experten skeptisch. Ein Computer soll können, wozu sonst acht Jahre Ausbildung nötig sind? "Erst habe ich auch nicht daran geglaubt", sagt Philipp Klein, Psychiater an der Uniklinik Lübeck. "Aber die Forschung hat mich überzeugt." Klein ist an einer bundesweiten Untersuchung über Deprexis beteiligt. Weltweit liegen über 1000 Studien zu Onlineprogrammen vor. Forscher des KarolinskaInstituts in Stockholm sichteten Ende 2012 die wichtigsten 108 Arbeiten und kamen zu dem Schluss: "Für die Behandlung von Depressionen, Angststörungen und sozialen Phobien gilt die Wirksamkeit als nachgewiesen." Im Vergleich zu herkömmlicher Psychotherapie schnitten Onlineprogramme nicht schlechter ab. Diese Erfolge gelten vor allem für die Mischformen. Reine Onlineprogramme wurden seltener untersucht und zeigten eine geringere Wirkung. Das lag aber vor allem an einer hohen Quote von Abbrechern, die als Misserfolge gewertet wurden. Wer dabeiblieb,


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profitierte auch von rein technischen Programmen gut. Zur Psychotherapie per E-Mail oder Telefon gibt es erste Erfolg versprechende Studien. Warum ist Onlinetherapie dann bei uns noch so wenig verbreitet? Viele Anbieter vermeiden sogar das Wort Therapie und sprechen nur von Selbsthilfe. Das könnte daran liegen, dass fast alle Studien aus dem Ausland stammen. "Die Ergebnisse sind aber gut übertragbar", sagt Klein. Deutsche Untersuchungen zu Depressionen gibt es nur eine Handvoll, alle zeigen eine positive Wirkung. Fünf weitere Studien laufen gerade. Für Betroffene hat das einen großen Vorteil: Sie können Online-Therapie kostenlos ausprobieren.

Nur knapp jeder dritte Betroffene sucht Hilfe Als Wagner sich eine Woche nach ihrem Therapiebeginn an den Computer setzt, ist sie noch niedergeschlagen, aber auch neugierig. In der Sitzung geht es um negative Gedanken, die sie nicht stoppen kann. Deprexis schlägt ihr eine Übung vor, doch mit dieser kann sie nichts anfangen. Sie drückt den Knopf "Das habe ich nicht verstanden", und das Programm zeigt eine andere Übung: Immer wenn die Gedanken kommen, soll sie etwas Angenehmes machen. Sie fängt an, Liebesromane zu lesen - das klappt prima.

Wenn die Welt schwer verständlich wird.

(Foto©Alois Altenweger)

"Onlineprogramme haben den Vorteil, dass der Patient weiß, dass er selbst an sich arbeiten muss", sagt der Psychologe Thomas Berger. "Es ist ja kein Therapeut da." Manche Teilnehmer schreiben Heikles zudem lieber auf, als es zu erzählen. Auch Wagner berichtet das: "Ein Therapeut hat vielleicht Vorurteile oder schlechte Laune. Bei Deprexis stimmte der Ton immer." Das größte Plus der Programme ist laut Berger aber, dass man Menschen erreiche, die vielleicht nie in eine Praxis kämen. Und das sind die meisten: Nur knapp jeder dritte Betroffene sucht eine angemessene Therapie. Deshalb sieht die Bundespsychotherapeutenkammer die Telemedizin nun zumindest als "Chance".


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Jeder zweite wählt den Computer-Therapeuten Diese wittern auch die Krankenkassen. Denn obwohl die Onlineanleitung zur Selbsthilfe bis zu 600 Euro kostet, ist sie viel günstiger als 20 Stunden bei einem Psychotherapeuten. Mehrere Kassen unterstützen die aktuellen Studien. In England und Schweden gehört Onlinebehandlung bereits zur Regelversorgung. Die Psychiatrie des Karolinska-Instituts fragt alle neuen Patienten, ob sie lieber persönlich behandelt werden möchten oder von einem Programm. Jeder zweite wählt den Computer. "Onlineprogramme dürfen aber nicht dazu führen, dass es weniger Geld für normale Psychotherapie gibt", warnt der Lübecker Psychiater Philipp Klein. "Viele Patienten werden weiterhin das persönliche Gespräch brauchen." Nicht geeignet ist eine alleinige Online-Therapie zum Beispiel bei Suizidgedanken oder bipolarer Depression, bei der neben depressiven Episoden auch Hochstimmung und Hyperaktivität auftreten. An einem Sonnabend gibt Ingrid Wagner sich schließlich einen Ruck: Sie geht für eine Stunde mit auf eine Geburtstagsfeier. "Alle haben sich gefreut. Ich habe gemerkt, dass ich dazugehöre, egal, wie es mir gerade geht", sagt sie. Als Belohnung kauft sie sich am Montag darauf eine CD. In der nächsten Sitzung geht es ums Autofahren. Deprexis fragt: "Was ist Ihr Ziel?" Logisch, wieder fahren zu können. "Wie können Sie das in kleine Schritte aufteilen?" Wagner überlegt. Am nächsten Tag fährt sie eine kleine Runde durchs Dorf. "Als ich wieder

(Foto©Alois Altenweger)


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hier ankam, hab ich mir gesagt: Komm, nun schaffst du noch eine Runde!" Sie macht weiter, fährt abends, nachts, dann bis in die nächste Stadt. "Wenn die Angst zu groß wurde, hab ich angehalten und eine SMS von Deprexis gelesen. Dann ging es wieder." Onlineprogramme sind keine Wundermittel Im Rückblick klingt es manchmal, als wäre das alles ganz einfach gewesen. Aber auch ein Onlineprogramm ist kein Wundermittel, sondern eine Anleitung für harte Arbeit. "Oft hat eine Technik auch nicht gleich funktioniert", sagt Wagner. "Aber ich habe trotzdem weitergemacht - und plötzlich ging es." Schritt für Schritt kämpft sie sich zurück ins Licht. "Besonders geholfen hat mir, dass das Programm jederzeit verfügbar war. Einen Therapeuten hätte ich ja nicht nachts um zwei anrufen können." "Für den Einzelnen kann ein Onlineprogramm ein Ersatz für eine Psychotherapie sein", sagt Thomas Berger, "für das gesamte Gesundheitswesen nicht." Aber es ist ein zusätzliches Werkzeug, das Menschen helfen kann - am besten, bevor sie krank werden. Die Universität Lüneburg erforscht zurzeit "Get.on Stimmung", ein Programm für depressionsgefährdete Menschen. "Wir hoffen, dass wir damit die Entwicklung der Krankheit verhindern können", sagt Dirk Lehr, Psychotherapeut und Projektleiter. Erste Ergebnisse machen Mut. Ingrid Wagner geht es nach drei Monaten deutlich besser. Manchmal kehren die Schatten zurück, aber dann macht sie eine ihrer Übungen. "Ich bin der Depression nicht mehr ausgeliefert", sagt sie. Trotzdem fällt ihr der Abschied von Deprexis schwer. Die SMSNachrichten hat sie deshalb alle aufgehoben. "Man hat ja irgendwie doch eine Beziehung aufgebaut."

Quelle: Heft 05/2013


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_Medizin und Gesundheit

Alkoholabhängigkeit: Psychotherapie und Medikamente verlängern Abstinenz Gezielte Medikation und individuelle Psychotherapie kommen bisher in der Behandlung von Alkoholabhängigen nur selten zum Einsatz. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass sich beide in gestuften Behandlungsprogrammen bewähren: Erhalten Patienten zunächst Medikamente und anschließend zusätzlich psychotherapeutische Betreuung, lassen sich schwere Rückfälle reduzieren oder hinauszögern. Benjamin Waschow

Entscheidend für den Behandlungserfolg ist eine hohe Motivation der Betroffenen zur Psychotherapie. Die Studienergebnisse der Forschergruppe um Prof. Dr. Michael Berner, Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums und Ärztlicher Direktor der Rhein-Jura-Klinik Bad Säckingen, stehen als Vorabveröffentlichung des Fachmagazins Alcoholism: Clinical & Experimental Research online. „Bisher werden Alkoholabhängige in Deutschland vorwiegend von Suchtberatern betreut“, sagt Prof. Berner. „Erst seit wenigen Jahren übernehmen die Krankenkassen auch die Kosten für störungsspezifische, evidenzbasierte Psychotherapien. Nach wie vor lehnen jedoch viele Therapeuten alkoholabhängige Klienten aufgrund vermeintlich geringer Behandlungschancen ab.“ Ähnliches gelte für sogenannte Anti-Craving-Medikamente, die das Verlangen nach Alkohol reduzieren können. Auch sie gehören bislang nicht zur Standardbehandlung. In einer gemeinsamen Studie der Universitätskliniken Freiburg, Tübingen und Mannheim konnten Berner und seine Kollegen nun zeigen, dass sowohl Anti-Craving-Medikamente als auch Psychotherapie den nächsten Rückfall hinauszögern können. Bereits die Einnahme von Medikamenten verdoppelte die Chance abstinent zu bleiben. Wurden die Patienten zusätzlich psychotherapeutisch betreut, vervierfachte sich die Wahrscheinlichkeit dauerhafter Abstinenz. An der Studie nahmen 109 Patienten teil, die während einer Behandlung mit Anti-CravingMedikamenten beziehungsweise Placebos einen schweren Rückfall erlitten hatten. Sie wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt: 55 Patienten erhielten Medikamente und medizinische Betreuung, während 54 Patienten zusätzlich eine individuell abgestimmte, störungsspezifische kognitive Verhaltenstherapie absolvieren sollten. Nur 33 Betroffene traten die Therapie jedoch an: „Die prinzipielle Bereitschaft zur Therapie genügt nicht. Oft fehlt die


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Willenskraft, den Plan auch umzusetzen und einen fremden Therapeuten aufzusuchen. Hier kann eine enge Kooperation und Vernetzung von behandelnden Ärzten und Psychotherapeuten helfen“, so Berner. Auch die individuelle Anpassung der Therapie an die Bedürfnisse des Patienten sei entscheidend für den Behandlungserfolg. Von einer Therapie ohne innere Zustimmung („Commitment“) des Patienten sei dagegen abzuraten.

„Sowohl die Behandlung mit Anti-Craving-Medikamenten als auch die umfassende Information über die Möglichkeit psychotherapeutischer Betreuung sollten unbedingt zu selbstverständlichen Bestandteilen der Behandlung von Alkoholabhängigkeit werden“, fordert Berner. Dafür sei jedoch auch ein öffentliches Umdenken nötig: Alkoholabhängigkeit müsse als psychische Störung begriffen werden. Bisher würden Patienten mit Alkoholproblemen oft nicht als Kranke gesehen. “Wenn man die Öffentlichkeit fragt, wo in der Versorgung oder in der Forschung gespart werden soll, werden immer die alkoholbezogenen Störungen zuerst genannt“, so Psychiater Berner. Titel der Originalpublikation: The Place of Additional Individual Psychotherapy in the Treatment of Alcoholism: A Randomized Controlled Study in Nonresponders to Anticraving Medication – Results of the PREDICT Study doi: 10.1111/acer.12317

Alkohol (Foto©Alois Altenweger)

Kontakt: Prof. Dr. Michael Berner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg / Rhein-Jura-Klinik Bad Säckingen Telefon: 07761 5600-172 dr.m.berner@rhein-jura-klinik.de


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_Bücher und Zeitschriften IMAGO Interdisziplinäres Jahrbuch für Psychoanalyse und Ästhetik, Band 2

Buchreihe: Imago Verlag: Psychosozial-Verlag 219 Seiten, Broschur, 165 x 240 mm Erschienen im Dezember 2013 ISBN-13: 978-3-8379-2264-6, Bestell-Nr.: 2264 Euro 19.90 (+Versandspesen) Das Periodikum IMAGO wurde mit dem Ziel gegründet, Diskussionen zwischen Kunst, Ästhetik, Psychoanalyse und angrenzenden Disziplinen anzustoßen und zu intensivieren. Das Jahrbuch versammelt interdisziplinär orientierte Beiträge, die sowohl grundsätzliche theoretische Fragen behandeln als auch Deutungen empirischen Materials liefern. Das weitgefächerte Themenspektrum des zweiten Bandes reicht von der Untersuchung der affektiven Frömmigkeit bei Rogier van der Weyden über Kunst- und kreativitätsphilosophische Betrachtungen zu Werkkonzeption und Traum-Figuren im Schaffen von Pier Paolo Pasolini bis zur Auseinandersetzung mit dem ästhetischen Diskurs der documenta 13. Mit Beiträgen von Manfred Clemenz, Adrian Gaertner, Jutta Eming, Kaspar Lüdi, Tina Öcal, Regine Prange, Hans Ulrich Reck, Thomas Röske, Timo Storck und Christine Taxer

Inhalt »Furchtbarer und freudiger Wahn, ein schwärmerischer, inspirierter Bruder der Vernunft« Kunst- und kreativitätsphilosophische Betrachtungen zu Werkkonzeption und Traum-Figuren in Literatur, Philosophie und Film bei Pier Paolo Pasolini Hans Ulrich Reck Identitätskonfusion im digitalen Universum Adrian Gaertner


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Schellings Kristall Zur Rezeptionsgeschichte einer Identitätsmetapher in Kunst und Kunsttheorie, mit Lacan betrachtet (Teil 1) Regine Prange Begehren und kein Ende Zur Konjunktur eines Begriffs in der gegenwärtigen Mediävistik Jutta Eming Vom wahrhaft Erschreckenden zum erschreckend Wahren Eine Schweigeszene im dritten Akt des König Ödipus Kaspar Lüdi Zwischen Furcht und Hoffnung Das Beauner Weltgericht Rogier van der Weydens in der affektiven Frömmigkeit Christine Taxer Sexualisiertes Leiden Zu einigen Lithografien von Richard Grune Thomas Röske Entzugserscheinungen oder was Psychoanalyse und Ästhetik voneinander haben Timo Storck »Imagines ad aemulationem excitant« Kunst- und sozialtheoretische Überlegungen zu den Fälschungen Wolfgang Beltracchis im Fokus frühneuzeitlicher Überbietungsdynamiken Tina Öcal Von Bienen und Hunden Zum ästhetischen Diskurs der documenta 13 Manfred Clemenz

_Veranstaltungen «Dem Teufel vom Karren gefallen». Zur Transformation in der Psychoanalyse der Psychosen Zyklusvortrag: Freitag, 10. Januar 2014 Vortrag von: Aebi, Elisabeth Klinisches Seminar: Samstag, 11. Januar 2014 Link: http://www.psychoanalyse-zuerich.ch/PSZ-Psychoanalytis.10.0.html


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Ausgehend vom Konzept der «Besetzung» soll ein Eindruck vermittelt werden um welche Themenkomplexe es gehen könnte, wenn wir es mit dem sogenannt brüchigen Narzissmus psychotischer Strukturen zu tun haben. Was hinter Begriffen wie negativer Narzissmus, rahmengebende Struktur, Arbeit des Negativen, Klinik des Negativen steht, sind elaborierte, differenzierte Theorien einer zeitgenössischen Psychoanalyse, die nur flüchtig gestreift werden können. Aus diesen Theorien, die aus der klinischen Erfahrung gewonnen worden sind, lassen sich wichtige Implikationen, sei dies für die Behandlung in einer psychiatrischen Institution oder für die psychoanalytische Technik einer ambulanten Psychotherapie oder Psychoanalyse ableiten. Mit meinen Betrachtungen zu Fragen der Transformierbarkeit festgefahrener Besetzungen und Identifizierungen versuche ich, theoretische Konzeptualisierungen mit der eigenen Klinik zu verbinden und zwar an einem Beispiel der Transformation von ausagierten Projektionen und destruktiven Introjekten hin zu differenzierten Affekten und einem fürsorglichen Introjekt, eine Transformation von Unsymbolisiertem, im sinnlich körperlich Verhafteten hin zu Vorstellungen und schliesslich zu Sprache Gebrachtem, das denk- und mitteilbar geworden ist. Ich hoffe, damit den Anstoss zu einer gemeinsamen Diskussion geben zu können. Elisabeth Aebi Schneider, lic. phil., Psychoanalytikerin SGPsa/IPA. Eigene Praxis in Bern. Supervisorin. Dozentin am Sigmund-Freud-Zentrum Bern. Präsidentin der Symposiumskommission der SGPsa. Mitglied des Frankfurter Psychoseprojekts (FPP). Anmeldung zum Zyklusvortrag und Seminar bis 20.12.2013 bei yvonne-schoch@bluewin.ch Kurskosten: Fr. 90.– Publikationen: - Aebi, E. (1997): Racamiers Konzepte der «narzisstischen Verführung» und der «Urtrauer» ‐ dargestellt an klinischen Beispielen aus der analytischen Psychosentherapie. Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, XII, 4 - Behringer A., Aebi, E. (2000): Sie haben mir die Psychose genommen. Auf dem Weg in die Welt der Objekte. Forum der psychoanalytischen Psychosentherapie, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen - Aebi, E. und Schneider, H.‐R. (2004): Angehörige in der Psychoanalyse der Psychosen – Theoretische und technische Aspekte. Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, XIX, 2 - Aebi, E. (2004): Ein Zimmer für sich allein. Kommentar zu Problemen der Behandlungstechnik in der psychoanalytisch orientierten Therapie psychotischer Patienten. Forum der psychoanalytischen Psychosentherapie, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen - Aebi Schneider E. (2010): Wenn es zu Ende geht. Gedanken zum Aufhören. Koreferat zu Jacques Press. Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, XXV, 4


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_zu guter Letzt

Auch im neuen Jahr – Gilt es trotz dem verheissungsvollen Blick in die Ferne auf Schnee und Steine unter den Füssen zu achten.

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