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Gottfried Schatz Feuersucher Die Jagd nach dem Geheimnis der Lebensenergie Illustriert von P. Leslie Dutton

Verlag Neue Z端rcher Zeitung


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Alle Bücher von Wiley-VCH werden sorgfäl- Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet tig erarbeitet. Dennoch übernehmen Autodiese Publikation in der Deutschen ren, Herausgeber und Verlag in keinem Fall, Nationalbibliografie; detaillierte bibliografieinschließlich des vorliegenden Werkes, für sche Daten sind im Internet über <http:// die Richtigkeit von Angaben, Hinweisen dnb.d-nb.de> abrufbar. und Ratschlägen sowie für eventuelle Druckfehler irgendeine Haftung © 2011 Wiley-VCH Verlag & Co. KGaA, Boschstr. 12, 69469 Weinheim, Germany 1. Auflage 2011

Autor Gottfried Schatz Unterer Rebbergweg 33 4153 Reinach Schweiz

Illustrator P. Leslie Dutton 422 Curie Boulevard Philadelphia, PA 19104-6059 USA

Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form – durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgendein anderes Verfahren – reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden. Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen oder sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige gesetzlich geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche markiert sind. Printed in the Federal Republic of Germany. Gedruckt auf säurefreiem Papier. Satz TypoDesign Hecker GmbH, Leimen Druck und Bindung Ebner & Spiegel GmbH, Ulm Umschlaggestaltung Bluesea Design, Vancouver Island BC ISBN Wiley-VCH: 978-3-527-33084-3 Vertrieb außerhalb der Schweiz exklusiv durch Wiley-VCH ISBN NZZ Libro: 978-3-03823-677-1 Vertrieb in der Schweiz exklusiv durch Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich


Inhaltsverzeichnis

Die Generation ohne Eigenschaften 1 Ödland

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Feuerspiele Anfänge

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Feuerpilger

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Unter Einwanderern 45 Miriam

51

Freunde trotz allem Oasenjahre

57

65

Revolutionen

75

Das Herz der Feuermaschine Irrlichter Stillstand

83

93 105

Des Rätsels Lösung

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Unter Brandstiftern und Blumenkindern 129

VII


Der Sieg einer Idee

147

Auf der Insel der Seligen 155 Kämpfe in Bern 165 Endspiel 171 Bestandsaufnahme Epilog Dank

187

195 197

Anhang 199 1 ATP (Adenosintriphosphat) 199 2 Laden und Entladen der »ATP-Batterie« 201 3 Die beiden Membranen eines Mitochondrions

202

4 ATP-Bildung bei der Vergärung von Zucker zu Milchsäure 203 5 Mitchells Hypothese zur ATP-Bildung in Mitochondrien 205 6 Die beiden Arbeitsweisen des F1.Fo-Komplexes 207 7 Das Racker–Stoeckenius-Experiment, das Mitchells Hypothese zum Sieg verhalf 209 8 Die historische »Friedenserklärung« von 1977 210 9 Aufbau und Wirkungsweise der protonengetriebenen F1.Fo-Turbine 212 10 Wichtige Etappen auf dem Weg zur Enträtselung der Lebensfeuer 213 Index 217

VIII

Inhaltsverzeicnis


La guerre, on ne la fait pas : c’est elle qui nous fait. Jean-Paul Sartre: Les séquestrés d’Altona

Die Generation ohne Eigenschaften

Ich bin ein Kind des Mars. Sein Zweiter Weltkrieg hat meine ersten Jahre überschattet und prägt noch heute mein Denken und Tun. Dies wurde mir erst bewusst, als ich Europa verlassen hatte und mein früheres Ich wie in einem fernen Spiegel sah: Die Kindheit unter Barbaren, Bomben und Besatzern; die Jugend in einem gelähmten Österreich; den langen Weg zur Wissenschaft; und das unstete Wanderleben meiner wissenschaftlichen Generation, von der ich hier berichten will. Kein Wunder, dass ich nirgends so recht hingehöre. Die Schweiz ist mein Zuhause, doch nicht meine Heimat. Diese ist Österreich, aber mein Geburtshaus lag hart an der ungarischen Grenze, wo Kroatisch, Ungarisch und Romani sich in das singende »Heanzisch« der deutschstämmigen Südburgenländer mischten. Mein Deutsch lässt sich keiner österreichischen Gegend zuordnen, da meine Mutter mit Ungarisch aufwuchs und mir ihr blass gefärbtes Hochdeutsch vererbte. Meine Frau ist Dänin, brachte aber jedes unserer drei Kinder in einem anderen Land zur Welt. Diese sprechen mit ihr dänisch, mit mir englisch, mit ihren Freunden schwyzerdütsch, hochdeutsch, englisch oder französisch. Da sie dann Ehepartner aus Russland, der Schweiz und Rumänien wählten, könnten wir an Familientreffen

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mit unseren bunt gefächerten Reisepässen gemütlich Poker spielen. Und zwei Universitäten ernannten mich zum Professor für Biochemie, obwohl ich in diesem Fach weder Vorlesungen besucht noch Prüfungen abgelegt habe. Mir behagt dieses Leben. Mars kappte zwar meine Wurzeln, schenkte mir dafür aber kritische Distanz – und damit Freiheit. Mein Inneres sträubt sich gegen Predigten, Paraden, Prozessionen, Nationalfeiern, Festansprachen, Trommelwirbel, Ehrensalven, Schützenvereine, Weihrauch, Uniformen, Orden und amtliche Kopfbedeckungen jeder Art. Dies macht mich zum unbequemen Zeitgenossen – und nicht immer beliebt. Es ließ mich jedoch schon früh die starren Traditionen erkennen, welche das Österreich meiner Jugend in eine rückwärtsblickende klerikale Republik und einen verbissenen marxistischen Gegenstaat spalteten. Starre Traditionen sind Gegner des Neuen und Wegbereiter des Vorurteils – und damit Feinde der Wissenschaft. Diese ist ja eine Reise in die unbekannte Wildnis, und mit überschwerem Gepäck und falsch gezeichneten Karten reist es sich da gefährlich. Meine Freunde und ich fanden den Krieg nicht bedrohlich, sondern spannend. Wir hungerten zwar oft und kauerten nächtelang in kalten Schutzbunkern, fanden aber gegen Kriegsende überall Stahlhelme, scharfe Munition und spiegelblanke Bajonette, mit denen wir viel lieber Krieg spielten als mit selbstgebasteltem Pfeil und Bogen. Und nichts war aufregender als ein nächtlicher Luftkampf mit seinen dumpf dröhnenden Flugzeugen, den donnernden Flugabwehrgeschützen, den tastenden Lichtfingern der Scheinwerfer und Leuchtspurgeschosse und – als sehnlich erwarteter Höhepunkt – dem feurigen Absturz eines Flugzeugs. Als dann der Krieg kurz vor mei-

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nem neunten Geburtstag plötzlich aus war, erlebten wir dies nicht als Befreiung, sondern als Niederlage. Wir schämten uns und wollten bei unseren Kriegsspielen nicht mehr »die Deutschen«, sondern nur noch »die Amis« sein. In unserer Freizeit ergatterten wir von den Bauern der Umgebung Milch, Brot und Eier oder klauten aus zerbombten Häusern Holz für unsere Öfen. Diese Zeit brannte mir die inneren Koordinaten eines Marskindes ein, die mich für meine Kinder zum Fossil machen. Ich schalte beim Verlassen eines Raumes unbewusst alle Lichter ab, werde beim Betreten eines Gourmetladens schnell verwirrt und muss mir eine sarkastische Bemerkung verkneifen, wenn ein Restaurantgast sich darüber entsetzt, dass man ihm statt der bestellten französischen eine italienische Salatsauce zumutet. Die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg ist wohl die beste, die Europa je erlebte. Warum fühlen wir uns nicht alle wie im Paradies? Für Marskinder sind die inneren Koordinaten von Friedenskindern schlichtweg ver-rückt. Mars soll ein miserabler Liebhaber gewesen sein, zeugte aber dennoch viele österreichische und deutsche Kriegskinder. Die meisten von ihnen führen ein ganz normales Leben; ich könnte sie nur an ihrem Alter und ihrer Herkunft erkennen, da uns Marskindern besondere Merkmale fehlen. Wir haben den Zweiten Weltkrieg weder verschuldet noch geführt und ihn überlebt, ohne seine Grauen voll zu begreifen. Vor und nach uns wollte jede Generation die Welt neu erfinden – wir wollten nur die alte wieder zusammenflicken. Am liebsten hätten wir das Rad der Zeit zurückgedreht und wie in einem rückwärts laufenden Film gesehen, wie die Bomben in ihre Flugzeuge und die Geschosse in ihre Gewehre zurückfliegen und die Die Generation ohne Eigenschaften

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Trümmerhalden sich wieder zu den Wohnhäusern, Schulen und Geschäftsläden zusammenfügen, die sie einst gewesen waren. Die Arbeit vor uns war kein Neu-, sondern ein Wiederanfang, die Rekonstruktion einer Vergangenheit, die wir nur aus Erzählungen kannten. In der turbulenten ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts prägte fast jedes Jahrzehnt in Deutschland und Österreich seine eigene Generation. Die drei Generationen vor mir hatten entweder eine glänzende Kultur geschaffen, Revolution ausgerufen, Bürgerkrieg geführt, scheußliche Verbrechen begangen, unsagbares Leid erlitten oder nach Kriegsende über unsere Köpfe hinweg ein vereintes Europa begründet. Die Generation nach mir wollte es bereits meinen britischen und französischen Altersgenossen gleichtun, die im Überschwang des Sieges ihre Länder in soziale Utopias verwandeln wollten. Meine Generation kann mit nichts dergleichen aufwarten. Wir sind die Generation ohne Eigenschaften. Die Geschichte hatte uns dazu ausersehen, unsere zerstörten Länder wieder aufzubauen und der Generation nach uns die Steigbügel zu halten. Wir schienen dazu bestimmt, in die Vergessenheit zu treiben, ohne eine eigene Spur zu zeichnen. Der Wiederaufbau unserer Städte und Straßen verlief erstaunlich schnell und ließ vergessen, dass der Krieg auch unser geistiges Erbe verwüstet hatte. Davon zeugten besonders unsere Universitäten, die in der Zeit des Naziwahns – nicht immer ganz unfreiwillig – ihre jüdischen oder »politisch untragbaren« Professoren und Studenten vertrieben hatten und nun in dumpfer Nabelschau vor sich hindämmerten. Ihre geistigen Feuer waren erloschen. Um sie wieder zu entfachen, mussten Marskinder ihre österreichische oder deutsche Heimat verlassen und

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in ferne Länder ziehen, um zündende Funken von ihren vertriebenen Landsleuten und deren Kollegen zu holen. Manche dieser Feuersucher kehrten nie mehr heim, und vielen wurde die Reise zur mühevollen Odyssee, deren Lied keine Muse je gesungen hat. Denn die Heimkehrer erwartete keine Dankbarkeit, sondern oft nur das Misstrauen und der Neid derer, die daheim geblieben waren und sich dabei sichere Dozenturen und Professuren ersessen hatten. Dennoch konnten viele Heimkehrer wissenschaftliche Schlüsselpositionen erobern. Ihnen ist es zu verdanken, dass in Deutschland und Österreich wieder Feuer der Wissenschaft brennen, die das Wohl und die Zukunft dieser Länder sichern. Vielleicht ist dies eine Spur, die meine Generation ohne Eigenschaften in den Sand der Geschichte gezeichnet hat.

Die Generation ohne Eigenschaften

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Ödland

»So, da håbn’s eanere Extrawürschtln, Herr Daukta« knurrte Aloysius Zacherl durch das Ausgabefenster unserer Grazer Universitätsbibliothek und verschob drei abgegriffene Lehrbücher der Physiologischen Chemie um einige Millimeter in meine ungefähre Richtung. Amtsgehilfe Zacherl war, wie meine Tante aus sicherer Quelle wusste, der außereheliche Spross eines dem obersteirischen Erbadel entstammenden »Wirklichen Hofrats« und einer Kleinbauerntochter aus dem oststeirischen Sinabelkirchen. Diese sündige Mesalliance zweier unvereinbarer Welten hatte einen Kentauren österreichischer Prägung gezeugt, dessen vornehm geschwungener, vom Vater ererbter Mund dazu verdammt war, dem abscheulichen sinabelkirchner Dialekt der Mutter zu dienen. Zacherl hatte das Studium der Jurisprudenz frühzeitig abgebrochen und sich zum bösartigen Bibliotheksdiener gewandelt, der Bücher über alles, Studenten aber gar nicht schätzte und sich deshalb redlich bemühte, diese von jenen fernzuhalten. Mit dem unverdienten Doktortitel wollte er mir diesmal wohl klar machen, dass ein studentisches Nichts wie ich nicht Lehrbücher verlangen dürfe, die keiner angekündigten Vorlesung entsprachen. Als gelernter Österreicher war ich zwar gegen das unfreundliche Wiehern

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von Amtsschimmeln immun; schlimm war jedoch, dass die Lehrbücher aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammten, wir aber bereits das Jahr 1956 schrieben. Diese in Ehren ergrauten Wälzer waren kaum geeignet, mir das Tor zur Biochemie (die damals noch »Physiologische Chemie« hieß) zu öffnen. Die chemischen Vorgänge in lebenden Zellen hatten mich nämlich schon als Gymnasiast in ihren Bann gezogen, doch meine Lehrer wussten darüber nichts – und auch an unserer Universität gab es damals für diese neue Wissenschaft weder Professoren noch Vorlesungen. Da ich mir ein Studium in einer anderen Stadt nicht leisten konnte und es keine Stipendien gab, hatte ich mich entschlossen, Chemie zu studieren und die Biochemie auf eigene Faust zu erlernen. Wie ich aber nun wusste, konnte ich dabei nicht auf Lehrbücher aus unserer Universitätsbibliothek zählen. Also versuchte ich es bei unseren Buchhandlungen. Diese hatten seit Kriegsende ihre liebe Mühe, da ihre bewährten Verkaufsrenner – die Blut-, Schollen- und Sippenschinken – plötzlich aus der Mode waren und nun als Ladenhüter vor sich hinschmollten. Sie waren dabei immer noch besser dran als Hitlers »Mein Kampf«, der sich beim Einmarsch der Sowjetsoldaten in Tausenden von Haushalten buchstäblich über Nacht in seine einzelnen Seiten aufgelöst hatte, um als Toilettenpapier in einem ihm würdigen Ambiente weiterhin für die Reinheit der arischen Rasse zu sorgen. Ich hatte wenig Hoffnung, in diesen tristen Buchhandlungen fündig zu werden. Mein erster Versuch bei unserer »Universitätsbuchhandlung« im Stadtzentrum war beispielhaft für alle, die noch folgen sollten. »Habe die Ehre, der Herr« grüßte mich der kantige Verkäufer Franz Kroissenbrunner, von dem man munkelte, er sei einer der

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»illegalen« Grazer Nazis gewesen, die Hitlers Weg nach Österreich geebnet und damit Graz zum fatalen epitheton ornans »Stadt der Volkserhebung« verholfen hatten. Auf meine Bitte »Ich hätt’ gern ein Lehrbuch der Physiologischen Chemie« legte er mir das vor kurzem erschienene Lehrbuch des Zürcher Biochemikers Franz Leuthardt auf den Ladentisch. »Sunst hamma nix, aber des da is sicha naimodischer als a amerikanischer Schmarrn«, ließ er mich wissen. »Sauteuer is er hålt, der Schweizer Herr«, fügte er hinzu und begrub damit meine Hoffnungen, denn der Preis des Buches entsprach etwa einem Wochenlohn meines Vaters. Und auf meine Frage nach englischen Lehrbüchern antwortete Kroissenbrunner nur mit einem verächtlichen Kopfschütteln. Dies war das gleiche Graz, in dem einst Wissenschaftler von Weltrang wie Ludwig Boltzmann, Karl Cori, Karl von Frisch, Viktor Hess, Otto Loewi, Ernst Mach, Erwin Schrödinger, Nikola Tesla, Alfred Wegener und Richard Zsigmondy gelebt und geforscht hatten und in welcher der junge Richard Strauss im Jahre 1906 die österreichische Uraufführung seiner skandalumwitterten »Salome« dirigiert hatte. Das Ende des »Tausendjährigen Reiches« hatte keinerlei geistige Aufbruchsstimmung ausgelöst. Die wenigen wissenschaftlichen Leuchten, die damals an der Grazer Universität lehrten – wie der Physiker Adolf Smekal und der Physikochemiker Otto Kratky –, konnten nichts an der Tatsache ändern, dass meine Ausbildung als Chemiker an den führenden Lehr- und Forschungsstätten Großbritanniens und der USA nur für mitleidiges Lächeln gesorgt hätte. Das Musikland Österreich musste fast zwei Jahrzehnte lang Atem holen, bis es die »Kapellmeistermusik« Gustav Mahlers und die »entarteten« Klänge Ödland

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Strawinskys oder der Neuen Wiener Schule wieder in seinen Konzertsälen willkommen hieß und sich eingestand, dass die Werke eines Maurice Ravel oder Claude Debussy keineswegs die parfümiert-verweichlichten Machwerke waren, als die Hitlers Kulturkommissare sie oft abgestempelt hatten. Noch 1960 hörte ich zwei Studienkollegen darüber rätseln, ob Hindemith ein englischer oder deutscher Komponist sei. Unter dem Druck der Besatzungsmächte und der österreichischen Linksparteien setzten die Grazer Theater zwar gelegentlich politisch engagierte Stücke aufs Programm, spielten sie aber meist vor halbleerem Haus. Und da Grazer Museen bis heute keine bedeutende Sammlung moderner Gemälde besitzen und ihre wenigen neueren Meisterwerke nach dem »Anschluss« Österreichs als »entartete Kunst« im Ausland entsorgt hatten, begegneten wir bei den Museumsbesuchen unserer Schulklasse zwar unzähligen akademischen Landschafts-, Fürsten- und Heiligenporträts, aber nur ganz selten einem bedeutenden expressionistischen oder abstrakten Meisterwerk. Später fragte ich mich oft, weshalb Österreich nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches so lange geistig gelähmt blieb, während es nach dem der Donaumonarchie Revolution, Bürgerkrieg und einen unerhörten, wenn auch tragisch kurzen kulturellen Höhenflug erlebte. Die allgemeine Not nach 1945 kann dies nicht ausreichend erklären, denn sie war auch nach 1918 erdrückend – und der Zusammenbruch von Sozialgefüge und nationaler Identität nach dem Ersten Weltkrieg wahrscheinlich noch einschneidender als nach dem Zweiten. Doch die Vertreibung hochrangiger Künstler und Wissenschafter durch Hitler und die spätere Säuberung unseres Wissen-

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schafts- und Kulturinbetriebs von untragbaren, aber nicht immer unfähigen »Nazis« hatten für einen zweifachen Kahlschlag gesorgt, der zur Zeit meines Studiums Duckmäusern und Mitläufern die einmalige Gelegenheit bot, ihre dünnen Stämmchen ungehindert gegen den Himmel zu recken. Ein zweiter Grund war wohl, dass die äußere Bedrohung Österreichs durch Hitlerdeutschland den 1934 kurz aufflackernden Bürgerkrieg zwischen Rechtskonservativen und Austromarxisten ungelöst eingefroren hatte, sodass er nach Kriegsende im besetzten Österreich als Kalter Bürgerkrieg weiterschwelte und nach Abzug der ausländischen Besatzung im jahrzehntelangen Patt Großer Koalitionen das Land in zwei unversöhnliche Lager spaltete. Diese zwei Lager schufen im Österreich der Nachkriegszeit zwei spiegelbildliche Gegenwelten: Eine schwarze und eine rote. Staatliche Posten, darunter auch viele Universitätsprofessuren und fast alle leitenden Klinikstellen, waren entweder »rot« oder »schwarz« – und damit nur Bewerbern zugänglich, die sich mit dem richtigen Parteibuch eingefärbt hatten. Wir Studenten konnten dafür die entsprechende Studentenverbindung wählen – entweder den schwarzen und erzkatholischen Cartellverband oder den roten Bund sozialistischer Akademiker, der allerdings trotz seines Namens bei der Suche nach akademischen Posten weniger Gewicht hatte. Daneben gab es eine Fülle »freiheitlicher« Studentenverbindungen, die wegen ihrer rechtslastigen Ausrichtung damals noch nicht in das offizielle politische Landschaftsbild passten und deren Mitglieder oft ohne Gesichtsschutz mit scharfem Säbel fochten, um sich nach Art gewisser Urvölker ihre Stammeszugehörigkeit ins Gesicht zu schneiden. Ödland

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Die dabei eingehandelten Narben konnten zwar ebenfalls, vor allem in der Privatindustrie, als Befähigungsnachweis für einen lukrativen Posten dienen, doch die alles überragende Macht war der »Proporz« zwischen Rot und Schwarz, gegen den Ausbildung, Können und Motivation für nichts zählten. Diese politische und kulturelle Lähmung belastete Österreich schwerer als alle Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs und ist selbst heute noch nicht überwunden. Im Jahrzehnt nach Kriegsende erwachten in mir zum ersten Mal Fragen zu dem, was ich als Kind erlebt hatte – und immer größere Zweifel an dem, was die Erwachsenen mir darüber erzählten. Warum waren alle so erbost, als man vor dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier in der Grazer Paulustorgasse ein Mahnmal für die gefolterten und ermordeten Opfer enthüllte? Warum fuhr mir die Besitzerin unseres Lebensmittelladens so unwirsch über den Mund, als ich sie fragte, warum sie damals bei der Radionachricht von Hitlers Tod geweint hätte, wo doch Hitler ein böser Mann gewesen war? Warum waren so viele Bekannte plötzlich ohne Arbeit oder mussten unter Aufsicht der Besatzungssoldaten die Straßen von Gebäudetrümmern räumen? Auch mit den Juden schien etwas nicht zu stimmen; sie mussten Schlimmes verbrochen haben, denn ich hörte über sie oft tuscheln, hatte aber lange keine Ahnung, wie sie aussahen und warum sie unsere Stadt verlassen hatten. Als einer von ihnen aus der Emigration nach Graz zurückkehrte, um sein im Jahre 1938 »arisiertes« Kleidergeschäft wieder in Besitz zu nehmen, polterte unser Hausmeister (wohl unisono mit vielen anderen Grazern): »Jetz kummt a daher, der Feigling, wo’s koan Kriag net mehr gibt, und reisst si glei a ganzes

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Gschäft untern Nogl.« Immer deutlicher spürte ich, dass man mir vieles verschwieg, verzichtete aber bald darauf, mit weiteren Fragen die Erwachsenen gegen mich aufzubringen. Als ich im Jahre 1954 mein Universitätsstudium begann, hatte sich das Blatt immer noch nicht gewendet. Spätestens dann hätte ich mich fragen müssen, warum Graz zur geistigen Provinz verkommen war. Ich machte mir jedoch darüber kaum Gedanken, hatte man mir doch im Gymnasium so viel über Alexander den Großen, die Punischen Kriege und unsere Kaiserin Maria Theresia erzählt, dass die Zeit für Österreichs neuere Geschichte offenbar nicht mehr gereicht hatte. Das Österreich der Nachkriegsjahrzehnte schlief den Schlaf des Ungerechten. Es wollte vor allem seinen »Steffl« (den Wiener Stephansdom) und die Staatsoper in altem Glanz erstrahlen lassen und übersah dabei, dass diese Kulturikonen auf geistigem Ödland standen, das unsere wissenschaftliche Ausbildung viel einschneidender behinderte als die verrotteten Apparaturen und zerbombten Institutsgebäude. Mir wurde das wahre Ausmaß dieses Schadens erst bewusst, als ich in den USA arbeitete und die Lücken meines Wissens fast täglich zu spüren bekam. Der Krieg hatte aber auch noch andere Spuren hinterlassen: Viele Professoren, Assistenten und Labordiener befleißigten sich eines ruppigen Kasernentons und schnaubten uns Studenten bei jeder nur möglichen Gelegenheit an. Wehe dem, der sich während eines Gesprächs mit seinem Professor am Arbeitstisch anlehnte oder dem Labordiener nicht die gebührende Reverenz erwies! Im Österreich meiner Jugend vereinigte sich altösterreichischer Beamtendünkel mit preußischem »Abhärtungs«-Wahn zu eiÖdland

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ner unheiligen Allianz, die der Weihrauch der mächtigen katholischen Kirche noch unheiliger machte. Am schlimmsten war jedoch, dass die politischen Wechselbäder uns die Ideale geraubt hatten. Zeitgeschichte, soziale Gerechtigkeit, Frauenrechte, Toleranz, Schutz von Minderheiten und demokratische Fairness bedeuteten uns wenig oder nichts. Wir halfen unseren nächsten Verwandten und Freunden, wollten aber vor allem den Krieg und den Hunger vergessen, in ferne Länder reisen und uns eine Zukunft bauen, die fatal der Vergangenheit glich. Vielleicht werden Historiker und Soziologen ein freundlicheres Bild vom Österreich meiner Jugend zeichnen, doch ich empfand damals meine Heimat als ein verstocktes geistiges Abseits ohne politische Reife, Ehrlichkeit oder Weltoffenheit. Thomas Bernhard, Peter Handke, Michael Scharang, Elfriede Jelinek und viele andere österreichische Autoren haben die Frustration und die innere Wut meiner Generation über das verlogene Schweigen und die geistige Lähmung unseres Landes mit oft bestürzender Heftigkeit für die Nachwelt festgehalten. Schon in meinem zweiten Studienjahr beschloss ich, Österreich so bald wie möglich zu verlassen, um freiere Luft zu atmen und mir eine wissenschaftliche Zukunft zu schaffen. Da diese Zukunft »Biochemie« hieß, schuf ich sie mir mit einem selbst gebastelten Studiengang. Wie es sich für einen wissenschaftlichen gradus ad Parnassum gebührt, hatte er genau festgelegte Stufen. Als erste Stufe durchpflügte ich den Biochemie-Teil der Chemical Abstracts, einer damals weit verbreiteten Zeitschrift, die in unserer Universitätsbibliothek auflag und von jeder chemischen oder biochemischen Veröffentlichung eine kurze Zusammenfassung sowie die Namen und Adressen

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der Autoren angab. Als zweite Stufe erwarb ich farbige Postkarten von Graz und versandte sie – als dritte Stufe – an die Autoren, deren Arbeiten ich interessant fand. Meine lapidare Grußbotschaft »Please send me copies of all your papers« war zwar grammatisch korrekt, aber nicht eben bescheiden. Stufen vier bis sechs waren die schwersten: Sie bedeuteten Warten, Warten – und Wa.r..t…e….n, da ich mir die teure Luftpost ersparen wollte. Noch heute kann ich es kaum glauben, dass mir überhaupt jemand antwortete, doch einige großmütige Seelen sandten mir tatsächlich einen oder zwei ihrer neuesten Artikel. Nicht so David E. Green, der im amerikanischen Madison an der University of Wisconsin die Zellatmung – also die Verbrennung von Nahrung in lebenden Zellen – erforschte. Greens weltberühmte Arbeitsgruppe hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Verbrennungsorgane unserer Zellen – die »Mitochondrien« – bis ins letzte Detail zu erforschen. Green war ein Mann der großen Geste und sandte mir ein gewichtiges Paket mit mehreren hundert seiner Publikationen. Dass dieses Paket mit Luftpost kam, verstärkte nur seine Aura eines Manna, das in der Grazer Nachkriegswüste vom Himmel auf mich herabregnete. Viele dieser Publikationen gelten heute als Klassiker, und alle trugen den Stempel von Greens elegantem Schreibstil, der mich sofort begeisterte und mir meine Expedition in die Welt der Mitochondrien erleichterte. Ich las diese Artikel in unserem Stadtpark auf einer abgelegenen Bank im Schatten einer alten Ulme. Die Bank war fast immer verwaist, weil man ihr nach Kriegsende eine Holzplanke abgeschraubt hatte, wohl um damit ein Wohnzimmer warm zu halten. In diesem luftigen Hörsaal erfuhr ich mit Staunen, wie in jeder Zelle meines Körpers Ödland

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Hunderte von winzigen Mitochondrien meine Nahrung verbrennen, ohne dabei Feuer oder Rauch zu entwickeln. Diese Abermilliarden glimmender Feuerpunkte waren es also, die meinem Körper Wärme und Kraft schenkten! Doch wie sie dies zuwege brachten, war ein Geheimnis, das weder David Green noch irgendein anderer Wissenschaftler gelüftet hatte. Nichts schien mir wichtiger und spannender, als diesem Geheimnis nachzuspüren. Lauschige Parkbänke waren schon immer für Treueschwüre gut – und so beschloss ich auf meiner, den winzigen Lebensfeuern meine ersten Forscherjahre zu widmen. Doch würde sich dieser Einsatz lohnen? Hatte ein biochemischer Außenseiter wie ich eine Chance, gegen bestens ausgebildete und glänzend begabte amerikanische Wissenschaftler wie David Green zu bestehen und Neues zu entdecken? Ich wusste noch nicht, dass solche Selbstzweifel nie verstummen, weil sie ein unverzichtbarer Teil jedes Forscherlebens sind.

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David E. Green (1910–1983), 1967

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Oft habe ich mich gefragt, warum die Zellfeuer mich so magisch in ihren Bann zogen. Wahrscheinlich war ich schon immer ein Pyromane. Die meisten Kinder finden Feuer aufregend, doch meine Faszination überschritt wohl bei weitem die Grenzen des Normalen. Als mir mein Vater einst von Irrlichtern erzählte, die nachts über Sümpfe tanzen, ertrank ich auf der Suche nach ihnen um ein Haar in unserem Dorftümpel. Und eine farbige Illustration zum Grimm-Märchen »Das blaue Licht« ließ mich alle nur möglichen Lebensmittel und Stofftücher aus unserer Küche in den Garten schmuggeln, um dort herauszufinden, ob sie mit blauer Flamme brennen würden. Selbst den Zellfeuern lief ich schon als Kind über den Weg, da ich wissen wollte, warum der Düngerhaufen am Bauernhof meines Onkels an kalten Morgen wie ein Vulkan dampfte. Als ich den Onkel einmal nach dem Grund fragte, meinte er schmunzelnd »tå trinna brennt hålt was«. Eines Morgens überwand die Neugier meinen Ekel; ich schlich mich im Morgengrauen zum dampfenden Düngerhaufen und griff auf der Suche nach dem rätselhaften Feuer mit einem Arm tief in den widerlichen Brei – doch was meine Hand schließlich zutage förderte, war nur warmer Dünger. Er bedeckte nach Abschluss des Ex-

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periments meine Kleider und mein Gesicht und rief mit seinem Parfum augenblicklich meine Eltern auf den Plan, die herausfinden wollten, was sich abgespielt hatte. Mein Onkel, im Dorf für seinen Humor bekannt, brummte nur »Tås tea tå a Mistbui is, håw i eh scho imma gwisst«. Meine Mutter jedoch – eine pflichtbewusste Dorflehrerin – war außer sich und hatte wegen mir eine der ganz seltenen heftigen Auseinandersetzungen mit meinem Vater. Wie sie mir später erzählte, hatte sie während ihrer Ausbildung von den Ideen Sigmund Freuds gehört und war überzeugt, dass in meiner »analen Phase« etwas schief gelaufen war. Noch am gleichen Morgen wanderte sie mit mir zu einem bekannten Kinderarzt ins benachbarte Provinzstädtchen Güssing, um meine seelische Fehlentwicklung im Keim zu ersticken. Ich war damals gerade sieben Jahre alt und kann mich noch gut der Worte – und noch besser der Therapien – entsinnen, mit denen der stattliche alte Arzt die psychologische Hypothese meiner Mutter quittierte. »Va tein naichmodeanen Zeich hålt i nix. Was tea tå braucht san a Poa urntliche Watschn« – und nach einer eindringlichen Warnung, so etwas ja nie wieder zu versuchen, verpasste er mir vor den schuldbewussten Augen meiner Mutter zwei schallende Ohrfeigen. Heute weiß ich, dass das von mir gesuchte Feuer in den Abermilliarden von Bakterien glomm, welche die organischen Stoffe des Düngers verbrannten und so ihre Lebensenergie gewannen. Einige Jahre später begann ich, mein ganzes Taschengeld für Chemikalien und Experimentierbücher auszugeben und zum Schrecken meiner Familie unsere Wohnküche als Laboratorium zu missbrauchen. Da wir an das städtische Gasnetz angeschlossen waren, konnte ich un-

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serem Küchenherd mit wenigen Handgriffen eine lange, zischende Stichflamme entlocken. Unser Stadtgas wurde damals noch aus glühendem Koks und Wasserdampf gewonnen und enthielt deshalb große Mengen giftigen Kohlenmonoxids; mein Vorgehen war also nicht nur wegen der Brandgefahr sträflicher Leichtsinn. Doch das war nur der Anfang. Apotheken und Drogerien waren zu jener Zeit immer noch wahre Zauberküchen und lagerten in ihren kunstvoll geschnitzten Holzregalen schreckerregende Arsenale hochgiftiger, übelriechender oder feuergefährlicher Stoffe. Und sie verkauften sie fast jedem, der nach ihnen verlangte – sogar einem Fünfzehnjährigen wie mir. Josef Krasiˇc, der schnauzbärtige Besitzer einer urtümlichen Drogerie beim Jakominiplatz, schien dabei nicht nur keinerlei Skrupel, sondern ausgesprochen Spaß zu haben. Wenn er mich durch seine ovalen, goldgefassten Schubertbrillen misstrauisch beäugte und erwartungsvoll brummte »Jetzt bin i aber gspannt, was für a Zeug du heut wieder wüllst« erinnerte er mich an ein Geschöpf des Hades, das Ungeheuer aus der Unterwelt feilbietet. Wie um dieser Rolle gerecht zu werden, verströmte Krasiˇc einen infernalischen Mundgeruch, der seine Kunden sofort auf Distanz gehen ließ und wahrscheinlich wesentlich dazu beitrug, dass er wenige Jahre später Konkurs anmelden musste. An diesem Debakel war aber auch sein exotisches und viel zu kostspieliges Warenlager schuld, mit dem er sich an der Universität zu rächen suchte. Krasiˇc liebte nämlich die Chemie ebenso leidenschaftlich wie er deren akademische Vertreter hasste: Diese hatten ihn auf Drängen des gefürchteten Laboraufsehers Swoboda schon nach drei Semestern eines leidvollen Chemiestudiums aus der Universität katapultiert, weil er trotz SwoboFeuerspiele

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das mehrmaliger Verwarnung brennbare Lösungsmittel mit glimmender Zigarette im Mundwinkel umzufüllen pflegte und damit jedesmal um ein Haar gefährliche Brände auslöste. Nun rächte er sich an Swoboda, indem er dessen einträglicher Chemikalien-Ausgabestelle durch seine Dumpingpreise das Wasser abgrub. Mit seinem reichen Angebot an organischen Substanzen, welche die Studenten als Teil ihrer Ausbildung selber synthetisieren sollten, ließ er auch die Autorität seiner ehemaligen Professoren nicht ungeschoren, da viele Studenten diese Substanzen einfach bei ihm kauften. Dies sicherte ihm zwar das Wohlwollen der Studenten, nicht aber ein ausreichendes Einkommen. »Kann ich dreißig Gramm Kalium haben?« fragte ich ihn einmal – nicht ohne Herzklopfen, denn schon wenige Wassertropfen lassen dieses Metall mit violetter Flamme explodieren. Auf seine erstaunte Frage »Was wüllst denn du mit so was?« pokerte ich gekonnt »Ich brauche es zur Reduktion eines Ketimins nach der Swarowsky-Reaktion«. Eine solche Reaktion gab es zwar gar nicht, doch ihr Name genügte, um die Krasiˇcischen Zweifel zu zerstreuen; bereitwillig schnitt er zwei fingerlange Stücke von einer Kaliumstange ab, die er zum Schutz vor Korrosion in einer Glasflasche unter Paraffinöl lagerte, übertrug die Stücke mit einer Pinzette in ein kleineres Fläschchen mit Paraffinöl und schob mir diese potentielle Bombe mit den wohlmeinenden Worten zu: »Tuast ma aber ja guat aufpassen damit.« Er ahnte nicht, dass er mit dieser leichtsinnigen Transaktion mithalf, unseren Parkwächter in Angst und Schrecken zu versetzen: Wenn dieser seine nächtlichen Runden um den Springbrunnen drehte, schossen wir auf das Becken mit Gummischleudern Kaliumbrocken, die sich im Wasser sofort entzünde-

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ten, mit zischender Flamme wild umherrasten und schließlich mit ohrenbetäubendem Knall explodierten. Der arme Mann wurde bei der Suche nach der Ursache dieses Spuks fast wahnsinnig und soll sich dabei sogar mehrmals bekreuzigt haben. So behauptete es jedenfalls mein Freund Heimo, der ihn als unser Aufpasser sorgfältig im Auge behielt. Mein kühnster Traum war jedoch, den Gott des Feuers in meine Gewalt zu bringen – den Lichtträger Phosphorus. Nach Art der Götter zeigt sich das Element Phosphor uns Sterblichen in verschiedener Gestalt – als roter oder weißer, gelegentlich auch als violetter oder schwarzer Phosphor. Sie sind zwar alle hoch feuergefährlich, haben aber dennoch unterschiedliche Charaktere. Besonders der weiße Phosphor ist das Böse schlechthin: Er ist hochgiftig, sendet im Dunkeln ein fahl-gelbgrünes Leuchten aus und bildet übelriechende Gase, die, ebenso wie er selber, sich an Luft spontan entzünden können. Als in den letzten Kriegsjahren viele Städte im Hagel der PhosphorBrandbomben in Flammen aufgingen, wurden Menschen immer wieder von brennenden Tropfen weißen Phosphors getroffen, der hartnäckig an der Haut klebte, weil heimtückische Bombenbauer ihm Kautschuk beigemischt hatten. Wenn diese lebenden Fackeln dann verzweifelt in die überall angelegten Löschbecken sprangen, um die Feuer an ihrem Körper zu ersticken, flammten diese nach Verlassen des schützenden Wassers oft wieder auf. Monatelang träumte ich davon, diesen Feuergott, in einer Glasflasche unter Wasser gefangen, mein Eigen zu nennen. Ich ahnte aber auch, dass dies kein leichtes Unterfangen sein würde: Selbst Kinder wussten damals um die Schrecken brennenden Phosphors, da FeuerwehrFeuerspiele

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leute und »Blockwarts« kurz vor Kriegsende diese Schrecken in Schulveranstaltungen dramatisch geschildert und mit kleinen Phosphorbrandbomben oft sogar vorexerziert hatten. Als ich endlich meinen Mut zusammenraffte und meinen Hadeslieferanten Krasicˇ fragte: »Kann ich 100 Gramm Phosphor haben?«, stutzte dieser zum ersten Mal. »Den roten?«, fragte er misstrauisch – und als ich mit gespielter Gleichgültigkeit entgegnete: »Nein, den weißen«, sah ich ihn zum ersten Mal wütend. »Bist du ganz deppert wurn?«, schnaubte er und blies mir seinen Hades-Atem weit über den üblichen Sicherheitsabstand hinaus ins Gesicht. »Des is nix für an Rotzbua wie di. Verschwind, aber dalli, sonst hol’ i die Polizei.« Da ich auch bei anderen Apotheken und Drogerien abblitzte, blieb mir schließlich nur noch der Gang zu meinem Vater, der am nächsten Tag dienstlich in das benachbarte Städtchen Leoben reisen wollte. »Du, Vati, könntest du für mich dort etwas kaufen?«, bat ich zuckersüß, drückte ihm einen Zettel mit der lateinischen Bezeichnung für weißen Phosphor in die Hand und flunkerte dann, nicht ohne schlechtes Gewissen: »Hier in Graz ist alles davon ausverkauft. Sag einfach, dass du Ingenieur bei der Regierung bist, dann kriegst du es bestimmt.« Mein argloser Vater, der uns nur selten einen Wunsch abschlug, überreichte mir bei seiner Rückkehr tatsächlich ein mit Wasser gefülltes braunes Fläschchen, ohne zu ahnen, welche Bestie in Form eines weiß-gelben Würfels darin gefangen lag. Noch heute schaudert es mich beim Gedanken, was meinem Vater bei dieser Mission alles hätte zustoßen können. Nun aber sah ich zum ersten Mal mit eigenen Augen diesen Feuergott im Dunkeln fahl-grün leuchten und fand endlich heraus, dass die nächtlichen Sumpffeuer, nach denen

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ich als Kind vergeblich gesucht hatte, selbstentzündliche, gasförmige Abkömmlinge des Phosphors sind. Welcher Triumph – ich konnte sie nach Lust und Laune in meinem Küchenlaboratorium erzeugen, da mir nun der Feuergott höchstpersönlich zu Diensten war. Aus diesen Küchenversuchen und meinen Experimentierheften lernte ich, dass eine brennende Substanz Elektronen (negativ geladene Elektrizitätsteilchen) an Sauerstoff abgibt, dass sie ihn dabei zu Wasser »reduziert« und dass sie umso heftiger brennt, je inniger sie mit Sauerstoff vermengt ist. Ein kompaktes Holzscheit bietet dem Gas nur wenig Angriffsfläche und brennt daher nur langsam. Spaltet man es in feine Späne, so vergrößert sich seine Oberfläche und damit auch seine Brenngeschwindigkeit. Und als fein zerstäubtes Sägemehl bietet es dem Sauerstoff so viel Angriffsfläche, dass es mit verheerender Wucht explodieren kann. Auch eine sauerstoffspendende Substanz – wie der Kalisalpeter im alten Schwarzpulver – kann die zahme Verbrennung von Schwefel und Holzkohle zur Explosion steigern. Die gewaltigste Sprengkraft entwickeln jedoch Substanzen, in denen Sauerstoffatome mit den brennbaren Kohlenstoffund Wasserstoffatomen im gleichen Molekül in einer hochgespannten Anordnung zusammengepfercht sind. Nitroglycerin (der aktive Bestandteil des Dynamits) und Trinitrotoluol (das gefürchtete TNT) sind solche Moleküle, die den Lauf der Welt tiefgreifend – wenn auch nicht immer zum Besseren – verändert haben. Die alliierten Bombergeschwader lieferten uns solche Moleküle fast jede Nacht ohne Bestellung und franko Haus. Wenn sie mir damit bei meinem Lauf zum Schutzbunker zuvorkamen, erlebte ich die fast unvorstellbare Feuerspiele

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Wucht explodierender Sprengbomben oder das wütende Zischen von Thermit-Brandbomben aus gefährlicher Nähe. Glücklicherweise bewahrte mich mein Schutzengel davor, je in Reichweite einer explodierenden PhosphorBrandbombe zu geraten. Nie habe ich die Macht des Feuers stärker empfunden als in jenen Bombennächten. Als ich ein viertel Jahrhundert später am Fernsehschirm sah, wie das Feuer von brennendem Kerosin und verflüssigtem Wasserstoffgas die Erdschwere besiegte und die ersten Menschen zum Mond entsandte, verspürte ich wieder den Schauer, der mir damals als Kind über den Rücken gelaufen war. Das Feuer hielt mich mehr denn je in seinem Bann, weil ich inzwischen erfahren hatte, dass es auch in meinen Körper brennt – und dass es von weither gekommen war.

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Anfänge

Vor viereinhalb Milliarden Jahren ballten sich in unserer Milchstraße Gase und Staub zu einem neuen Himmelskörper zusammen. Dabei erhitzten sie sich so stark, dass Atomkerne miteinander verschmolzen und immense Energiemengen als Hitze und Licht freisetzten. Unsere Sonne war geboren. Die Materie, aus der sie sich geformt hatte, enthielt auch Asche von Sternen, die Jahrmilliarden zuvor ausgebrannt oder explodiert waren und ihre Trümmer in die Tiefen des Weltalls geschleudert hatten. Bei der Geburt unserer Sonne ging ein Teil der Materie seine eigenen Wege und verdichtete sich zu Planeten, die in elliptischen Bahnen um die Sonne zogen. Einer von ihnen ist unsere Erde. Kaum hatte sie sich abgekühlt und gefestigt, verwandelte der Aufprall eines verirrten Himmelskörpers sie wiederum in einen Feuerball und entriss ihr dabei den Mond – und in den folgenden Hunderten von Jahrmillionen schlugen gigantische Meteore ihr unzählige Krater, die heute wieder eingeebnet sind. Doch als vor etwa dreieinhalb Milliarden Jahren Ruhe einkehrte, regten sich auf diesem geschundenen Planeten winzige, hochgeordnete Materieklumpen, die sich fortpflanzten und immer komplexere Formen annahmen. Vielleicht entstanden sie in den heißen Meteorkratern und gewöhn-

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ten sich erst allmählich an die gemäßigten Temperaturen, die uns heute umgeben. Um ihren Energiehunger zu stillen, spalteten diese ersten Lebewesen wahrscheinlich organische Stoffe zu kleineren Bruchstücken – ähnlich den heutigen Hefezellen, die Zucker zu Alkohol und Kohlendioxid »vergären«. Gärung liefert zwar wenig Energie, braucht aber kein Sauerstoffgas; für die frühen Lebewesen war dies entscheidend, da dieses Gas der jungen Erdatmosphäre noch fehlte. Als sich das Leben immer mehr ausbreitete und die vergärbaren Stoffe aufbrauchte, drohte ihm eine Energiekrise – bis ein neuartiges Lebewesen auftauchte, das sich von Sonnenlicht ernährte. Dieses erfinderische Lebewesen erschloss dem Leben auf unserem Planeten eine unbegrenzte Energiequelle – das atomare Feuer unserer Sonne. Die lichterntenden Lebewesen sollten das Antlitz der Erde tiefgreifend verändern. Sie überwucherten Meere und Land und verseuchten bei ihrem Siegeszug die Umwelt mit Sauerstoffgas, das sie aus Wasser freisetzten. Mit diesem gefährlichen Abfall lösten sie wahrscheinlich eine der größten ökologischen Katastrophen der Erdgeschichte aus: Sauerstoffgas ist ein Gift, das viele Zellbausteine durch Oxidation zerstört. Die erfinderische Natur entwickelte darauf Lebewesen, die sich gegen dieses tödliche Gas zu schützen wussten und schließlich sogar lernten, mit ihm die Überreste anderer Zellen zu verbrennen. Das Leben hatte die »Atmung« erfunden – und damit das Feuer gezähmt. Dieses Lebensfeuer war jedoch kein wilder Brand, bei dem Elektronen in einem elektrischen Kurzschluss vom Brennstoff auf Sauerstoff überspringen; es war ein gebändigtes Feuer, das den Elektronen einen geordneten Weg aufzwang, sodass sie statt feuriger Flam-

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men nützliche Energie lieferten. Energie ist die Fähigkeit, Arbeit zu leisten; atmende Zellen konnten nun selbst nachts und am finsteren Meeresgrund arbeiten – und noch dazu mit einer Intensität, wie sie das Leben bisher nicht gekannt hatte: Atmende Lebewesen setzten pro Gramm und Sekunde bis zu 50 000-mal mehr Energie um als ein Gramm Sonne. Die Zellfeuer, die auf unserem Planeten nun allerorts aufglommen, waren Kinder der Sonne: Brennmaterial und Sauerstoffgas waren letztlich gespeicherte Sonnenenergie. Vor etwa zwei Milliarden Jahren beherbergte unsere Erde mindestens drei verschiedene Lebensformen, die alle

In einem Feuer (links) stürzen Elektronen (als Cricketbälle gezeichnet) wie in einem Wasserfall ungehindert von einem Brennstoff (wie Holz, Kohle oder Nahrung) auf Sauerstoff und liefern dabei nur Wärme und Licht; bei der Zellatmung (rechts) folgen sie einem geordneten Weg, bei dem sie nutzbringende Arbeit leisten.

Anfänge

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den heutigen Bakterien glichen. Eine Form ernährte sich vom Sonnenlicht. Eine andere »veratmete« die Überreste dieser Lebewesen. Und die dritte konnte weder das eine noch das andere, sondern begnügte sich wie die frühesten Zellen mit der Gärung. Doch gerade diesen rückschrittlichen Lebewesen gelang vor etwa eineinhalb Milliarden Jahren ein Meisterstück: Sie fingen atmende Bakterien ein, benützten sie als Kraftwerke und boten ihnen im Gegenzug eine bessere Verwahrung ihrer Erbsubstanz sowie eine schützende Umgebung. Die atmenden Bakterien waren damit offenbar zufrieden; sie gewöhnten sich an ihren Wirt, überließen ihm den größten Teil ihrer Erbsubstanz und konnten bald nicht mehr ohne ihn leben. Sie verkümmerten zu seinen Atmungsorganen – den Mitochondrien. Umgekehrt nahmen sie mit der Zeit ihrem Wirt so viele Aufgaben im Zellgeschehen ab, dass auch dieser schließlich nicht mehr allein leben konnte. Diese »Symbiose« schuf eine neuartige Zelle, die wirksame Kraftwerke und die Erbsubstanz zweier Lebewesen besaß. Nun hatte die Natur endlich den Baustein, um komplexe Pflanzen, Tiere und Menschen zu entwickeln. Jede der etwa zehntausend Milliarden Zellen meines Körpers entstammt der Vereinigung atmender mit nichtatmenden Zellen, welche die moderne Zelle zeugte. Diese moderne Zelle ist etwa tausendmal so groß wie eine Bakterienzelle und hat verschiedene Innenräume. Die Membran, welche die Zelle umhüllt, ist nicht nur eine Barriere gegen außen, sondern ein fein gewirktes Organ, in dem Hunderte von Proteinen emsig ihrer Arbeit nachgehen. Einige pumpen unablässig Salze in die Zelle hinein oder aus der Zelle heraus – und andere lauschen den Botschaften benachbarter Zellen. Diese Botschaften

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mögen lauten »Höre auf zu wachsen, denn jetzt bin ich hier«; oder »Wandere in meine Richtung, damit wir gemeinsam ein festes Gewebe bilden können«; oder auch »Begehe Selbstmord, denn du stehst mir im Wege«. Mein fadenförmiges Erbmaterial DNS lagert, hochverdrillt und mit Proteinen in 46 Chromosomen verpackt, in einem runden Zellkern in der Mitte der Zelle. Als Staatsarchiv und zentrale Verwaltung beschäftigt dieser Kern etwa tausend Proteine, die meine Gene lesen, kopieren, auf Schäden prüfen und, wenn nötig, ausbessern. Und da es sich nun einmal um eine Verwaltung handelt, sorgen fast ebenso viele Proteine dafür, dass etwas nicht geschieht: Dass Gene im Schlummerzustand verharren, wenn sie nicht gebraucht werden oder mit ihrer Aktivität der Zelle schaden könnten. Diesen Verhinderungsbeamten verdanke ich es, dass die Zellen meiner Haut und meiner Leber so verschieden sind und verschiedene Aufgaben erfüllen – und dass mir die Diagnose »Krebs« bisher erspart blieb. Dutzende oder Hunderte von länglichen Mitochondrien kümmern sich um die Atmung; meist gleichen sie immer noch den Bakterien, die sie einst waren, können aber auch zu einem Netz verschmelzen, das die ganze Zelle durchzieht. Pflanzenzellen besitzen dazu noch mehrere mitochondrienähnliche, grüne Chloroplasten, mit denen sie das Licht der Sonne einfangen. Ein System flacher Membransäcke – Zellbiologen gaben ihm den furchterregenden Namen »endoplasmatisches Retikulum – bildet Cholesterin, baut Gifte ab und schleust Proteine aus der Zelle hinaus oder in die Zelle hinein. Hunderttausende winziger Körnchen – die Ribosomen – bauen unter Anleitung meiner Gene Proteine, und ein kaum sichtbares Spinnennetz aus hauchdünnen Stäbchen und muskelähnAnfänge

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Aufschnittmodell einer modernen Zelle. Ribosomen, Chromosomen und das Spinnennetz hauchdünner Fäden (das Zytoskelett) sind im Modell nicht sichtbar. Der Durchmesser der Zelle beträgt etwa 10 millionstel Meter (10 μm).

lichen Fasern erlaubt es meinen Zellen, die Form zu ändern oder sich fortzubewegen. Alle diese Strukturen sind vom »Zytosol« umspült, einer zähflüssigen, hochkonzentrierten Lösung von wiederum tausenden verschiedener Proteine, die sich um die Gärung und andere Stoffwechselprozesse kümmern, das Wachstum regeln und die Botschaften entschlüsseln, welche die Antennen-Proteine der Zelloberfläche ihnen melden. Dieses hochkomplexe biologische Staatswesen braucht natürlich immens viel Energie, welche die urtümliche Gärung nie und nimmer liefern könnte. Eine Pflanze bezieht deshalb die meiste Energie vom Lichteinfang ihrer Chloroplasten – und ich von der Atmung meiner Mitochondrien. Doch wie gelangt die Energie aus den Mitochondrien dorthin, wo die Zelle sie braucht? Das Leben entwickelte dafür eine wasserlösliche Substanz, die Energie innerhalb einer Zelle überträgt. Sie findet sich noch heute in allen

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Lebewesen, spielt in ihnen eine ähnlich wichtige Rolle wie die Elektrizität in unserer Technologie und ist ein komplexes organisches Molekül mit einer Kette aus drei Phosphaten. Biochemiker nennen sie Adenosintriphosphat oder kurz ATP. ATP ist ein friedfertiges weißes Pulver, das für sich allein keine Energie liefern kann. Löst man es jedoch in Wasser, so zerfällt es langsam, wobei sich zwei Phosphate von der Kette abspalten und dabei Wärme entwickeln. Da Zellen mit Wärme meist nicht viel anfangen können, ersannen sie Proteine, welche die Abspaltung des äußersten Phosphats bis zu hunderttausendfach beschleunigen und mit der dabei freiwerdenden Energie biologische Prozesse antreiben. ATP zerfällt dabei zu einem »freien« Phosphat und dem energieärmeren Adenosindiphosphat – dem ADP. Im wässrigen Innenraum einer Zelle wirkt jedes ATP-Molekül somit wie eine mobile chemische Batterie, die überall in der Zelle Energie liefern kann – für die Kontraktion eines Muskels, eine Salzpumpe in der Zellmembran, die Teilung einer Zelle oder das elektrische Signal eines Nervs. Wenn ATP seine Energie abgegeben und ein Phosphat verloren hat, wird dieses mithilfe eines energieliefernden Prozesses – wie Zuckergärung, Lichteinfang in Chloroplasten oder Atmung in Mitochondrien – wieder an ADP angeheftet und damit die »ATP-Batterie« wieder aufgeladen. Mitochondrien und Chlorplasten sind zwar von Membranen umhüllt, doch diese haben Schleusen, welche ADP, ATP und Phosphat durchlassen. Jedes Molekül ATP ist ein Quäntchen Sonnenfeuer, das als energiereiches Lichtteilchen bei der Verschmelzung von Atomkernen im Sonneninneren entstand, sich in einer zehn Millionen Jahre langen Irrfahrt zur SonnenAnfänge

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Dieses Porträt eines teilweise aufgeschnittenen Mitochondrions zeigt die glatte äußere und die stark gefaltete innere Membran. Ein typisches Mitochondrion ist etwa 1 millionstel Meter (1 μm) lang.

oberfläche durchkämpfte und von dort in acht Minuten zu unserer Erde raste, wo lichterntende Zellen es erhaschten und über die Nahrungskette meinem Körper schenkten. Als ich auf meiner abgeschiedenen Parkbank Greens Arbeiten über Mitochondrien las, erschien mir die »Entladung« eines ATP Moleküls zu ADP wie das kurze Aufblitzen eines ererbten Sonnenfunkens. Ich bin eben ein unverbesserlicher Pyromane. Doch mit welchem Zauberstab bannen Chloroplasten die Energie des Sonnenlichts als ATP? Und wie vermögen Mitochondrien dieses ATP in ihrem Feuer zu schmieden? Die Suche nach den Antworten sollte Hunderte von Forschern über Jahrzehnte beschäftigen und auch mein Leben entscheidend prägen.

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Index

a Abtreibung, 79 Adenosindiphosphat, s. ADP Adenosintriphosphat, s. ATP ADP, 34, 84–85, 174, 180, 200, 203–209 Altmann, Richard, 213 Anastasia, falsche, 70 Arber, Werner, 158 Atmung, 15, 28–33, 68, 87, 98–99, 103, 107, 112–114, 171, 191, 200–206, 213– 215 Atmungskette, 202–205 ATP Bildung, 33, 84–88, 174, 177, 201–209 Funktion, 33 Mitchells Hypothese, 122–123, 149– 152, 205–206 Struktur, 33, 199–201 Auswanderung, 46–47

b Bakterien, 20, 30, 71, 75–76, 121, 144, 169, 179 Basel, 77, 156–159, 161, 171–172, 182, 185, 190 Baseldytsch, 161 Beinert, Helmut, 98 Belitser, Vladimir, 214 Bernhard, Thomas, 14 Bethe, Hans, 135 Betrug, 100–102, 105, 183–184 Beyer, Robert E., 93 Biotech-Branche, 76 Biozentrum Basel, 157–159, 161–162, 166, 171–172 Birnstiel, Max L., 156 Bloch, Konrad, 36

Boltzmann, Ludwig, 9 Bombennächte, 26 Boyer, Paul D., 72, 111, 151, 173–175, 177, 195, 215 Brainin, Norbert, 39 Bronner, Gerhard, 41 Bund sozialistischer Akademiker, 11 Burgenländer, 46–47, 49 Burger, Max M., 158 Bürgerkrieg, 4, 10–11 Butow, Ginny, 62 Butow, Ron, 61–63

c Cambridge, 65, 96–97, 99, 107, 113, 121, 176 Carafoli, Ernesto, 111, 113 Cartellverband, 11 Chance, Britton, 107–110, 151, 173, 195, 214 Chemical Abstracts, 14 chemische Hypothese, 114 Chloroplasten, 31, 33, 123, 148, 192 Chromosomen, 31–32, 70 Claude, Albert, 214 Columbia Universität, 36, 97, 99 Computer, 77, 193 Cori, Karl, 9 Cornell, Ezra, 133–134, 140 Cornell Universität, 61, 72, 76, 81, 131– 150, 156, 158, 171–172, 182, 184 Crane, Fred L., 98 Crick, Francis, 106 Cross, Richard, 215 Cytochrom c, 68 Cytochromoxidase, 99, 143–144, 213

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d

h

Darwin, Charles, 153–154 Debussy, Claude, 10 Deutschland, 4–5, 11, 35–36, 61– 62, 99, 130–131, 214 digitale Revolution, 76–78 DNS, 31, 75, 77, 106, 179 Mitochondrien, 70–71, 202 Chloroplasten, 123 Donaumonarchie, 10, 62 Doping, 140–142 Düngerhaufen, 19–20

Hammes, Gordon G., 134 Handke, Peter, 14 Harnoncourt, Nikolaus, 156 Harvard Club, 49 Harvard Universität, 72, 97, 140 Haslbrunner, Ellen, 70 Hatefi, Youssef, 98, 215 Hefe, 26, 37, 69, 88–90, 93 Heimkehrer, 5 Henry-Ford-Stiftung, 134 Hess, Viktor, 9 Hindemith, Paul, 10 Hinkle, Peter C., 128 Hippie-Zeit, 81–82, 136–137 Hitler, Adolf, 8–12, 35– 41, 52–53, 188 Högenauer, Gregor, 72 Hohn, Thomas, 157

e Empfängnisverhütung, 78–79, 81–82 endoplasmatisches Retikulum, 31 Engelhardt, Vladimir, 99, 214 Enovid, 78 Erdölkrise, 145, 159 Erikson, Raymond, 182 Ernster, Edit 117 Ernster, Lars, 113–114, 116, 118, 151–152, 172, 195 Europäische Gemeinschaft, 166

i Institute of Enzyme Research, Madison, 97–98, 110 Israel, 139

j f Faktor 1, s. FI Fälschung, 100–102, 183–184 Farkas, Karl, 41 Fessenden, June M., 93, 95–96 FI, 85–88, 103, 147, 174, 179–180, 202 FI.Fo-Komplex, 149–152, 179, 205–209, 212 Fink, Gerald R., 134 Fischer, Hans, 36 Fiske, Cyrus Hartwell, 213 Fo, 86–87, 202 Free Love, 81–82 Freud, Sigmund, 20, 38 Frisch, Karl von, 9

g Gärung, 28, 84–85, 203–204 Gehring, Walter, J., 162 genetic engineering, 76 Gentechnologie, 162 Gestapo, 12, 40 Graz, , 7–10,12–15, 24, 41, 52–54, 61, 70, 79, 137, 155–156, 187–190, 194 Green, David E., 15–17, 94, 96–102, 215

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Jagendorf, André T., 147–148 Jelinek, Elfriede, 14 Juden, 12, 36, 39– 40, 49, 53, 117, 139 Junge, Wolfgang, 148, 192, 215 Jurt, Joseph, 168

k Kafka, Franz, 188 Kagawa, Yasuo, 86–87, 149–150, 151, 179, 215 Kalckar, Herman, 99, 214 Kalium, 22 Karobath, Manfred, 72 Keilin, David, 99, 213 Kellenberger, Eduard, 158 Kennedy, Eugene P., 110, 214 Kent State University, 144 Kissinger, Henry A, 134 Kölliker, Rudolf Albert von, 35, 213 Krasicˇ, Josef, 21–22 Kratky, Otto, 9 Kraus, Karl, 39–40 Krebszellen, 31, 37, 63, 84, 96, 117, 180– 182 Kreil, Gunther, 68, 72 Kreisler, Georg, 41 Kroissenbrunner, Franz, 8–9, 188


l land grant college, 133 Lang, Carl 53–54 Lavoisier, Antoine Laurent, 213 Lee, Chuan-pu, 172 Lehninger, Albert L., 110–112, 116, 136, 151, 173, 195, 214 Leuthardt, Franz, 9, 155 Linnean Society, 153 Lippmann, Fritz, 99, 214 Loewi, Otto, 9 Lohmann, Karl, 99, 214 Louvard, Daniel, 165

m Mach, Ernst, 9 MacLennan, David H., 94 MacMunn, Charles A., 213 Madison, 15, 93–100, 110, 173, 176 Mahler, Gustav, 9 Maizel, Jacob V., 105 Mars, 1–4, 40, 55, 60, 117, 135, 139, 145, 190, 195 Max-Planck-Institute, 145 Merz, Carl, 41 Milchsäure, 84, 180, 203–204 Mitchell, Peter, 106, 111–116, 121–129, 147–154, 174, 195, 205, 209, 215 Mitchells Hypothese, 114, 122–123, 128, 149–152, 205–206 Mitochondrien Atmung, 110 Aufbau, 34, 202 Bildung, 69, 71, 129 DNS, 70–71 Entdeckung, 35, 190–191 Evolution, 30 Membranen 103, 122–123, 202, 205– 208 Matrix, 202, 206, 212 Proteinextrakte, 88, 94, 110 Monroe Highschool, 51–54 Moyle, Jennifer, 121, 127 Musik, 59–60 Mut, 69

n Nachkriegszeit, 2– 4, 8–14, 55, 189 NASA, 102 Nationalsozialisten, Nazis, 9, 11, 60, 65, 194 Netzmittel, 105–106

Neue Zürcher Zeitung, 168–169 Neu-Sandez, 39 Nitroglycerin, 25 Nixon, Richard, 49, 81, 145 Nobelpreis, 36, 65, 72, 86, 116, 147, 152– 153, 172, 174, 176–177, 179, 182, 195

o Oesterhelt, Dieter, 149–150 Oligomycin, 86 Oligomycin-Faktor, s. Fo Olympiade, 107 Onkel Paul, 48–50 Open University, 173 Österreich, 1–14, 36, 39– 42, 46, 48–50, 53–73, 81, 90, 105, 114, 129–135, 139, 144, 155–160, 189–190, 194

p Palese, Peter, 72 Paris, 165, 176 Pastrami sandwich, 125 Penefsky, Harvey S., 85, 88, 214 Perutz, Max, 176 Pferderennen, 140–142 Pf lanzengene, 76 Pf lüger Eduard, 213 Phosphor, 23–26 Pille, 78–79, 81–82 Pincus, Gregory, 78 Planeten, 27 Pletscher, Alfred, 158 Polioviren, 84 political correctness, 138, 140 Popper, Karl, 128 Postdoktorand, 35, 42, 61, 65, 72, 79, 86, 89–90, 93, 103, 128, 135, 143, 149, 160, 171, 185, 187 promotio sub auspiciis praesidentis, 66 Proteine, künstliche, 75 Protonengefälle, 122–124, 148–152, 173– 174, 179, 206–209, 215 Protonenpumpe, 150–151, 208–209 Public Health Research Institute, 60, 94, 129, Pullman, Maynard E., 85, 86, 88, 128, 214

q Qualtinger, Helmut, 41

Index

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r Racker, Efraim, 36–42, 44, 58, 61, 65, 83, 89, 93–96, 101, 107–108, 114, 116, 119, 124–125, 129, 134, 136, 139–140, 143, 147, 149, 150–152, 172–176, 179–187, 195–196, 209, 214–215 Racker Symposium, 172–173 Racker-Stoeckenius-Experiment, 150– 151, 209 Ravel, Maurice, 10 Revolution, 4, 10, 128, 191 biologische, 75–77, 106 digitale, 76 „Hippie“, 136 sexuelle, 78–81 Ribosomen, 31–32 Rilke, Rainer Maria, 196 Rochester, 51, 60, 139 Röntgenstrahlen, 176–177 Rosen, Miriam, 54 Rossi, Carlo, 111

s Salome, 15 Salpeter, Edwin E., 135 Sanger, Fred, 65, 176 Sanger, Margaret, 78 Sartre, Jean-Paul, 1 Sauerstoff, 25, 28–29, 89–90, 143, 173, 205, 213 Scharang, Michael, 14 Schatz, Gottfried Basel, 158–163 Bern, 166–168 Biochemievorlesung, 136–137 Familie, 1–2, 46– 49 Institut für Biochemie Wien, 65–73 Institute of Enzyme Research, Madison, 97–98 Ithaca, 132–145 Jugend, 1–3, 21–25, 51–55 Kindheit, 19–20 Laboratorium Racker, 58–63 New York, 45–50, 51–55, 57– 63, 83 Paris, 165 Studium, 7–9, 14–16 Wien, 129–132 Zürich, 155–156 Scheraga, Harold. A., 134 Schiele, Egon, 40 Schrödinger, Erwin, 9 Schwarzenbach, James, 159

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Feuersucher

Schwarzpulver, 25 Schweiz, 1, 42, 72, 76, 145, 155, 159–161, 165, 187, 194 Schweizerischer Wissenschafts- und Technologierat, 166–168 SDS, 105–106 Sexualhormone, 78 sexuelle Revolution, 78–82 Shedd, John A., 69 Sheehan, Mary, 51–53 Slater, Edward C., 113–115, 151 Smekal, Adolf, 9 Smith, Archie L., 93–95, 102–103 Sonne, 27–34, 127 sorority, 137–138 Spector, Mark, 180–184 Sprengstoffe, 25 Srb, Adrian, 134 Stanford Universität, 173 Stoeckenius, Walther, 149–151, 209 Strawinsky, Igor, 10 Strauss, Richard, 15 Studenten, 4, 7, 11, 13, 22, 36, 79–82, 110, 128, 130, 135–139, 143–144, 147, 149, 155, 159–161, 184–189, 192, 194 Studentenverbindungen, 11–12 Subba-Row, Yellagaprada, 213 Swetly, Peter, 72 Synagoge, 194

t Tesla, Nikola, 9 TNT (Trinitrotoluol), 25 Transistor, 76–77 Tuppy, Hans, 65–67, 71–73, 129, 176 Tzagoloff, Alexander, 94

u Überfremdungsinitiative, 159 Universitäten, 2, 4, 35–36, 47, 61, 81, 130, 133–134, 138, 140, 156, 159, 165– 168, 190 USA, 9, 13, 35–37, 45–50, 58, 62, 66, 72, 76–78, 83, 97–102, 110, 130–135, 145, 156, 158, 167, 183, 214–215

v Vautier, Ben, 160 Verwaltung, 166–167


w

y

Wakil, Salih J., 98 Walker, John E., 176–179, 195, 215 Wallace, Alfred Russel, 153–154 Warburg, Otto, 85, 99, 143, 213 Watson, James E., 106, 176, 195 Webster, George, 93, 95, 101–105, 183 Wegener, Alfred, 9 Weinberg, Robert A., 182 Weissmann, Charles, 156 White, Andrew Dickson, 133 Wien, 36–42, 65, 68, 83, 88–89, 103, 129, 131, 135, 155, 171, 185, 189 Wiener Akademie für Bildende Künste, 37 Williams, R. P. J., 152–153 Wintersberger, Erhard, 72 Witt, Horst T., 148 Wolfe, Thomas C, 188

Yoshida, Masasuke, 215

z Zacherl, Aloysius, 7 Zellatmung, 15, 29, 68, 213 Zelle, Bau, 30–32 Zellkern, 31 Zellmembran, 30 Zsigmondy, Richard, 9 Zucker, 28, 37, 84, 88, 114, 180, 199–200, 203–204 Zürich, 155–158 Zytosol, 32, 202

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Feuersucher. Die Jagd nach dem Geheimnis der Lebensenergie