Reto Baumann, Werner Bosshard, Silvan Keller (Hg.): Grasshoppers. Fussball in Zürich seit 1886

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BOSSHARD SILVAN KELLER (HG.)

GRASSHOPPERS FUSSBALL IN ZÜRICH SEIT 1886

RETO BAUMANN
WERNER
STATISTIKEN
ESSAYS, FUNDSTÜCKE,

Inhalt

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Auch wenn du grad nicht in Mode bist 12 GC unser André Grieder 44 Der Langzeitfan und (Ad-hoc-)Helfer: Walti Bolfing 48 Amateure aus grossbürgerlichem Haus Christian Schürer 78 Wo Hoppers wohnten Nat Bächtold und Silvan Keller 88 Posieren im Fotostudio 1900–1907 98 Der Mäzen: Heinz Spross

104

Dem Geld auf der Spur Grégory Quin et al 142 «Lasst die stürmischen Jungen ran!» Ricardo Cabanas 150 Fundstücke 166

Der Mannschaftsarzt: Daniel Hüssy 172 Heimat Stadion Christian Koller 224

Der Zentralvorstand: Geri Aebi 230 Von Fahnen und Choreos 260 GC und die Juden Dario Venutti

274

Der Ex-Junior und (Kultur-)Bewegte: Christoph Schaub 280 «Begriifsch!?» André Grieder 298 Reihe 7, links neben dem Spielereingang Fredy Bickel 308

Die Fernseherin: Helen Hürlimann 314 Die zweite Haut kummerbube.com 336

«Setzt wieder auf BlauWeiss und gebt uns den Heugümper zurück!» Christian Jungen 344 Starke Marke Silvan Keller

350

Die Kurven-Krea(k)tive: Andrea Bariffi 356 «Rasen betreten verboten!» Marianne Meier und Seraina Degen 380 Der Kurvenfan: Rafael König 386 Wer hats verbockt? Res Strehle 396 The Hoppers and the Wolf Pack Johnny Philipps 404 GC neu denken 410 Statistik 480 Rivalitäten

Auch wenn du grad nicht in Mode bist

Unser Projekt startete in der Abstiegssaison 2018/19. Ein paar Vorbemerkungen unsererseits.

Vorhergehende Doppelseite: Dübendorfer Bahnhofsgraffiti im Mai 2022, Fotografie Elena Sciarrone.

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AmAnfang dieses Buchprojekts steht ein Text in der Sonntagspresse. «Eine Katastrophe in Zeitlupe» heisst es da am 10. März 2019 in grossen Buchstaben. Und dann als Lead: «Sie müssen ohnmächtig zuschauen, wie ihr Klub auseinanderfällt. Drei GC-Fans sagen, warum sie trotzdem immer noch ins Stadion gehen.»

Ohnmächtig? Whatsapp sonntagmorgens um 07.14 von Werner an Reto: «Man müsste halt doch die Klubgeschichte schreiben. Das gäbe ein Schwelgen.» Reto, einer der drei interviewten GCFans aus dem Bericht, um 07.46: «Ja, Klubgeschichte schreiben, das habe ich mir dieser Tage auch wieder gedacht. Lust und Zeit?» Samt Clin d’œil.

Es kommt zu einem kurzen Austausch weiterer Textmessages, dann erste Sitzungen, bald steht die wilde Schnapsidee, ernst zu machen mit dem Buchprojekt zur Geschichte der Grasshoppers. Ebenso kurz entschlossen fragt Reto bei Silvan an, einem anderen der im Text zitierten Fans. Auch er sagt nicht Nein. Vielmehr stellt sich heraus, dass er bereits Recherchen zur Clubgeschichte betreibt.

Und so nimmt die Buchgeschichte ihren Lauf. Jetzt, über drei Jahre und unzählige Arbeitsstunden später, nach etlichen Hochs und Tiefs liegen zwei Bände vor. Es sind 1136 Seiten geworden in zwei Bänden, ausgegangen waren wir von 400 bis 500, maximal. Aber so soll es sein, die Geschichten, die Erzählungen und das Material bestimmen den Umfang.

Parallel zum Buchprojekt sind die Fussballer abgestiegen, erst nach zwei Saisons ohne restlos zu überzeugen wieder aufgestie gen. Und ja, der Profibetrieb der Grasshoppers wurde nach China verkauft.

GC hat Geschichte. Mit der jüngeren Vergangenheit, die durch Jahre von Konfusion und Erfolglosigkeit geprägt sind, droht diese vergessen zu gehen. Das wollen wir verhindern. Das Buch will die über 130-jährige Entwicklung des Grasshopper-Clubs einordnen,

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nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich, sozial, kulturell. Eine rein chronologisch erzählte Vereinsgeschichte ist nicht unser Ziel. Wir wollen ein Lesebuch, das in der Sache solide recherchiert ist, aber auch Luft bietet für Leichteres. Im Vordergrund steht eine Reihe von Essays, die ausgewählte Aspekte des GC ausleuchten – von der Gründerzeit im Selnau-Quartier bis zum neuen GC im globalisierten Fussball. Diese Essays ergänzt ein ausgedehntes Lexikon zu den wichtigsten GC-Persönlichkeiten, den Spielern und Spielerinnen, Trainern und Präsidenten und ihren Orten. Im Lexikon ist aber auch Platz für allerlei Fundstücke in Geschichtenform. Einen weiteren Schwerpunkt bildet unser Blick auf die Fans, eigene wie gegnerische. Wir räumen ihnen Platz ein in Form von Selbstporträts respektive für ihren fremden Blick auf GC, würdigen sie aber auch in unzähligen Bilddokumenten.

Erstmals in der Vereinsgeschichte unternahmen wir als Grundlage ausgedehnte Archivrecherchen zum Grasshopper-Club, seinen Personen und Orten. Dabei sind wir auf viele Trouvaillen gestossen – reichlich schriftliche Quellen, überraschend viele Objekte der materiellen Vereinskultur und Fotografien zu allen Entwicklungsschritten des Clubs. So haben wir durch unsere Arbeit die weitreichenden Vereinspublikationen (frühe Jahresberichte, alle Jahrgänge der Cluborgane) zusammengetragen und digital erschlossen. Dank der Unterstützung des GC-Zentralvor stands konnten wir in einer umfassenden Scanaktion mehrere Tausend Bilder aus dem Nachlass von Walter Scheiwiller digitali sieren, die nach dessen Tod zuerst im Sportmuseum landeten und jetzt im Bundesamt für Sport liegen. In seinen Aufnahmen nahm der herausragende Sportfotograf und GC-Mann – Scheiwiller war lange Jahre im Clubvorstand aktiv – alle Aspekte des Ver einslebens in den Blick. Seine Bilder bilden das ikonografische Fundament unserer Bücher.

Wir stemmen die Anstrengung aus Überzeugung im Kollektiv; über 50 Autorinnen und Autoren haben sich bereit erklärt mitzu tun. Ihnen gehört unser erster und hauptsächlicher und grosser

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Dank. Wir waren überrascht, wie freud- und lustvoll alle anpackten, recherchierten und texteten. Wie viele dabeigeblieben sind, auch wenn die eigene (Liebes-)beziehung mit GC immer einmal wieder auf die Probe gestellt worden ist und zwischenzeitliche Hänger überwunden werden wollten. Letztlich aber ist es ihnen gegangen wie uns: Es war Zeit, dem schleichenden Niedergang der Grasshoppers etwas entgegenzusetzen. Sich aufzulehnen gegen das trümmlige Taumeln und Stolpern des Clubs in den letzten Jahren. Anzuschreiben gegen die drohende Bedeutungslosigkeit. Das Buch als Selbstvergewisserung in Zeiten der Krise. Vom selben Geist geleitet waren unsere vielen Gesprächspartner, wie wir schnell einmal festgestellt hatten. Sie gaben bereitwillig Auskunft und haben uns an ihrem tiefem Vereinswissen teilhaben lassen. Es war Zeit, dieses aufzuschreiben. Auch ihnen allen gilt unser herzlichster Dank. Entstanden ist letztlich ein vielstimmiges Panoptikum zur Clubgeschichte. Natürlich decken die vorliegenden Bände nicht alles ab, was theoretisch möglich und inhaltlich wünschenswert gewesen wäre. Gut möglich, dass Leserinnen und Leser die eine oder andere Persönlichkeit oder den einen oder anderen Aspekt mit Blick auf GC vermissen werden; der nicht unbeschränkte Platz hat uns zur Auswahl gezwungen. Gleichwohl dürfen wir behaupten: Die beiden Bände sind reichhaltig geworden. Dabei sehen wir die Bücher als Ausgangspunkt und Wegmarke im Aufbau eines Archivs des Grasshopper-Clubs, eines Dokumentations zentrums zur Geschichte des Traditionsvereins, die der Bedeutung der Hoppers für Zürich gerecht wird. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen.

Auch
in Mode bist 11
wenn du grad nicht

1886 Gründung 1893 Strassburg – GC 0:1; erstes Spiel der Grasshoppers im Ausland 1897 Erstes Derby gegen FCZ 1898 Erster Schweizermeister 1909–1916 Nichtteilnahme Meisterschaft 1909 Bezug Spielfeld an der Hard turmstrasse 1917 Einweihung Tribüne auf Hard turmplatz

1937 GC – Lausanne Sports 10:0 (Cupfinal) 1939 Zehnte Meisterschaft 1943 Zehnter Cupsieg 1949 Abstieg in die NLB 1951 Wiederaufstieg in NLA 1952 Brasilien-Reise (Copa Rio) 1952 Fünftes Double Timeline GC

1954/55 Weltreise 1957 Meistercup-Viertelfinal 1963 100. Derby in einem Pflicht spiel gegen FCZ 1964 Gründung Donnerstag-Club 1968 Tribünenbrand 1971 GC – FC Basel 4:3 n. V. (Meisterschaftsfinal)

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1925–1934 Ära Kürschner - Escher 1926 Erster Cupsieger 1927 Erster Doublegewinner 1929 Eröffnung Stadion Hardturm 1934 Tribünenbrand 1935 Hardturmkauf durch Walter Schoeller 1935–1948 Ära Rappan

1974–1985

Ära Oberholzer

1978

GC – Eintracht Frankfurt 1:0 (Halbfinalqualifikation UEFA-Cup)

1978 UEFA-Cup-Halbfinal gegen Bastia

1978 GC – Real Madrid 2:0 (Meistercup)

1981

West Bromwich Albion – GC 1:3 (UEFA-Cup)

1979 Meistercup-Viertelfinal gegen Nottingham Forest

1979 Ipswich Town – GC 1:1 (UEFA-Cup)

1984 20. Meisterschaft; GC – Servette 1:0 n. V. (Entscheidungsspiel im Wankdorf)

1986 Feierlichkeiten 100-Jahr-Jubi läum 1988 1991 Hitzfeld-Jahre 1990 Neuntes Double 1993 1997 Gross-Jahre 1993 Lugano – GC 4:1 (Cupfinal gegen Subiat, Esposito, Tami)

1995/96 und 1996/97 Teilnahme an Champions League-Gruppenphase

1996 GC – Glasgow Rangers 3:0 (Champions League Gruppen phase) 1996 Ajax – GC 0:1 (Champions League Gruppenphase) 1997 Börsengang 2000 200. Derby in einem Pflicht spiel gegen FCZ

2003 27. Meisterschaft 2003 1. Stadionabstimmung 2004 GC – FCZ 6:5 n. V. (Cup-Halbfinal) 2008 Abriss Stadion Hardturm 2013 19. Cupsieg 2013 2. Stadionabstimmung 2018 3. Stadionabstimmung 2019 Abstieg in Challenge League 2020 Übernahme der Aktienmehrheit durch die Champion Union HK Holdings Limited aus Hongkong 2020 4. Stadionabstimmung 2021 Wiederaufstieg

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GC unser

Der Grasshopper-Club ist kein Verein wie irgendeiner: GC ist Olympiasieger, Weltmeister, Europameister. Nicht im Fussball, dafür sorgten Sportlerinnen und Sportler aus anderen Sektionen. Aber auch auf dem grünen Rasen muss sich die Konkurrenz an den Bestmarken der Zürcher abarbeiten.

Zeit für eine Würdigung des Flaggschiffs des traditionsreichen und polysportiven Clubs. Zeit auch, daran zu erinnern, wie eng GC mit der Stadt verstrickt ist – und umgekehrt, findet André Grieder.

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Maradona

hängt überlebensgross an der Wand, Muhammad

Ali prangt etwas kleiner, Elvis und Che Guevara sind in einem Gesicht vereint. Das El Lokal ist eine popkulturell durchcollagierte Bar mit Livemusik, kuratiert vom Wirt Viktor Bänziger. Ihn hatte einst Erich Vogel vom Ballspielclub Albisrieden zu den Inter-A-Junioren von GC geholt. Bänziger sass dann oft auf der Bank. Und als Cheftrainer René Hüssy den langmähnigen, spiel intelligenten Aufbauer auch noch zum Coiffeur schicken wollte, kehrte er von GC zum BC zurück.

Viktor Bänziger, dem die Stadt Zürich 2011 den Kulturpreis verlieh, spürt, was zum urbanen Kanon gehört und an den Wänden seiner Bar ikonisiert werden darf. Sollte jedoch im verwinkelten El Lokal ein GC-Sticker zu finden sein, dann hat ein Fan ihn heimlich angebracht. Sicher nicht der Wirt.

Das El Lokal liegt zwischen der Sihl und dem Schanzengraben. Ganz in der Nähe, an der Flössergasse, gründete der Engländer Thomas Edward Griffith 1886 mit den Kameraden Pfister, Nabholz, Hasler, Hubacher, Geyelin, Severin, Wunderly und Goldschmid den Grasshopper-Club. Sie waren 15 bis 20 Jahre jung, sie absolvierten eine Lehre, besuchten das Gymnasium, noch studierte keiner an der Uni oder der ETH, aber sie hatten eine Zukunft als Kaufmann, Unternehmer, Ingenieur, Zünfter. Sie waren allerdings nicht nur sportlich, sondern auch hedonistisch Bewegte. Man liess schon mal ein Training sausen, weil ein Bierabend attraktiver schien und benahm sich einmal in LausanneOuchy derart daneben, dass man im Gefängnis landete. Diesen Halodri aus dem Quartier Selnau, gesegnet mit dem Durst einer Studentenverbindung, einem innovativen Sportsgeist und bildungsnaher Herkunft, hätte es im El Lokal wohl gefallen. Die Bar ist eine seismografische Institution mitten in der Stadt, ein Kristal lisationspunkt urbanen Lebens, hier trinken Schauspielerinnen, Banker, Architektinnen und Wohngenossenschaftler ihr Abendbier, hier werden Wladimir Putin, Jimi Hendrix und André Breitenreiter diskutiert. Und hier hat nicht nur der Wirt eine GC-Vergangenheit.

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Ein Mannschaftsfoto aus der Günderzeit, aufgenommen auf dem Schiessplatz Sihlhölzli; stehend mit Ball: Thomas Edward Griffith. GC-Archiv, Fussball-Sektion, Glasplatten

Gemessen an seiner Geschichte, seinen Erfolgen und seiner Verwurzelung in der Stadt müsste der Grasshopper-Club Zürich prominent von einer El-Lokal-Wand strahlen. GC ist die erfolgreichste, international bekannteste Sportmarke der Schweiz. Zu ihr gehören zwölf Sektionen mit Sportlerinnen und Sportlern, die Olympiamedaillen gewannen, Weltmeister wurden und über 400 nationale Titel holten. Der Fussball kann Jahrhunderttrainer wie Izidor Kürschner, Karl Rappan, Hennes Weisweiler und Ottmar Hitzfeld, Weltklassespieler wie Fredy Bickel, Günter Netzer und Giovane Élber vorweisen. Sowie 27 Meistertitel und 19 Cupsiege – Rekorde, denen die Schweizer Konkurrenz nach wie vor hinterherhinkt.

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nichts gegen die «akute Entfremdung» auszurichten vermöge. Die leicht elitäre, bürgerliche NZZ immerhin ist ein passender Ort, um die GC-Geschichte zu bewahren. Noch besser ist es, sie in Buchform zu feiern, an ihre starke Verwurzelung in der Stadt Zürich zu erinnern und ihr eine Zukunft zu geben. Was hiermit geschieht.

GC und der Duft der weiten Welt

Nach der Ära Kürschner/Rappan stieg GC erstmals ab, mit Trainer Willi Treml 1951 wieder auf und holte 1952 gleich das Double. Der etwas schrullige Deutsch-Tscheche überliess Aufstellung und Mannschaftsführung auch einmal Fredy Bickel und widmete sich umso leidenschaftlicher der Organisation von Reisen und eines europäischen Wettbewerbs. Er schuf den Grasshopper Cup, in dem sich die besten Teams aus Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich, Jugoslawien und der Schweiz massen. Treml indessen fehlte das Geld, um diese Vorform des Meistercups bzw. der Champions League zu finanzieren, und GC wollte sich nicht weiter engagieren. Die französische Sportzeitung L'Équipe übernahm.

Bis zum nächsten Titelgewinn von GC vergingen vier Jahre, nicht zuletzt, weil fleissig gereist worden war. Willi Treml führte seine Spieler ab Dezember 1954 unter anderem nach Irland, Kanada, Panama, Mexiko, Japan, Hongkong, Indonesien und Ceylon.

21 Länder besuchte die GC-Reisegesellschaft, 52 318 Kilometer brachte sie hinter sich, 140 Stunden war sie in der Luft, durch schnittlich 2,8 Tage lagen zwischen den 18 Freundschaftsspielen – 16 Siege, zwei Remis. Am 17. Februar 1955 landete man in Zürich Kloten, drei Tage später war Rückrundenstart. Eine gute Vorbereitung sah schon damals anders aus.

Nicht alle Stammspieler hatten die Weltreise mitgemacht. Fredy Bickel, der ebenso beliebte wie treue Rasenrastelli vom Hard turm, arbeitete als Vertreter eines Benzinimporteurs und fehlte wie auch der beinharte Verteidiger Aldo Zappia, der in der Immo bilienfirma von GC-Sektionspräsident Charles Barrier angestellt

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Vor dem Achtefinal-Hinspiel im Europapokal der Landes meister 1978 in Madrid: Heinz Hermann, Andy Egli und Bigi Meier posieren als Stierkämpfer auf dem Rasen des Bernabeu-Stadions. Ringier Bildarchiv, RBA8, Walter L. Keller © Staatsarchiv Aargau, Aarau / Ringier Bildarchiv

war. Beide wollten das Entgegenkommen ihrer Chefs bezüglich Freitage für Fussballerisches nicht ausreizen. Zudem erwartete Zappias Frau just um die Abflugzeit ihr erstes Kind. Aldos zweiter Sohn, Ivo, entwickelte sich bei GC zu einem technisch starken Talent, verfügte aber nicht über die Grinta seines Vaters, um eine Karriere im Spitzenfussball zu schaffen. Er wurde Juwelenfasser und half später neben Bigi Meier, Ruedi Elsener und Kurt Jara bei den GC-Senioren aus – und in der Küche des El Lokal.

Aldo Zappia verkörperte ebenso wie Fredy Bickel den vernünfti gen, das Amateurprinzip hochhaltenden Gegenpart zu Toni Schellenberg in Werner Düggelins Film Taxichauffeur Bänz von 1957.

Oscar-Preisträger und GC-Fan Maximillian Schell spielt darin die sen abgehalfterten Hoppers-Star Schellenberg, einen Schlufi, der Geld veruntreut und im Casino verjubelt. Er verliert seinen Job als Verkäufer beim Autohändler und GC-Mann Hurter und kehrt nach Hause aufs Land zurück: «D’Stadt isch nüüt für mich.»

Das wunderbare Drama in Schwarz-Weiss und mit viel zürche rischem Flair kam nach einer 30-jährigen Erfolgsphase in die

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Kinos. Von 1926 bis 1956 holte GC zehn Meistertitel und 13 Cupsiege, darunter sechs Doubles. Nach Kürschner, Rappan und Treml hatte 1955 der Wiener Willhelm Hahnemann das Traineramt übernommen. Im Mai 1956 schlug GC im Cupfinal die Young Boys vor 50 000 Zuschauern 1:0. Die Meisterschaft beendete das Team um Fredy Bickel, Robert Ballaman und Starschauspieler Hannes Schmidhauser (Ueli der Knecht) mit acht Punkten vor dem Zweiten La Chaux-de-Fonds. Ein Jahr danach, am 26. Juni 1957, feierte Taxichauffeur Bänz Premiere. GC und seine Fussballer waren der «talk of the town» – das Image des erfolgsorientierten und sich Richtung Professionalismus entwickelnden Fussballclubs verfestigte sich.

Die Grasshoppers sollen indes nicht nur filmisch, sondern auch in Finnegans Wake des irischen Schriftstellers James Joyce verewigt sein, der lange in Zürich lebte und auf dem Friedhof

Claudio Sulser (links) jubelt über sein Tor gegen Real Madrid im Rückspiel auf dem Hardturm. GC gewinnt an diesem 1. November 1978 mit 2:0 und zieht in den Viertel final gegen Nottingham Forest ein. Keystone-SDA/ Photopress-Archiv

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kommunizieren. Denn während sie auf die Geschäftsstelle am Limmatquai verzichtete, verbesserte sie die Infrastruktur auf dem Campus in Niederhasli und errichtete beim Eingang eine anfangs von Ricardo Cabanas geleitete Schule.

Aber zurück in die Stadt: Von April 2011 bis Juni 2019 hatten sich GC-Fans im Sächs Foif treffen können, einer Bar an der Heinrichstrasse 65, Kreis 5. Hier wurde gejasst, ein GC-Quiz veranstaltet, ein Gespräch mit Politikerinnen zur Stadionproblematik geführt, Bier getrunken und auf bessere Zeiten gehofft. Im Februar 2017 stach ein FCZler einen 22-jährigen GC-Fan vor dem Lokal nieder und verletzte ihn mittelschwer. In einer Mainacht 2018 explodierte zwischen der Eingangstür und dem schweren, metallenen Rollladen ein angeblich von FCZ-Fans gesetzter Sprengkörper. Der Mietvertrag für das Sächs Foif wurde nicht erneuert. Das El Lokal ist kein GC-Lokal. Wirt Viktor Bänziger ist, wenn schon, Fan von der Ü50-Mannschaft des BC Albisrieden. Bei GC war er vor über 50 Jahren gelandet, weil Erich Vogel damals fleissiger und erfolgreicher als alle anderen Trainer im ganzen Kanton nach Talenten gesucht hatte. Bänzigers Mutter, dem Proletariat und dem FCZ zugeneigt, bestrafte ihren Sohn wegen des Transfers zum noblen Grasshopper-Club mit Schweigen. Erst als er zurück war beim BC Albisrieden, redete sie wieder normal mit ihm. Viktor Bänziger redet mit allen – ob FCZ- oder GC-Fan. Er prägt sein Lokal künstlerisch und narrativ als weltoffen, integrativ und tolerant. Deshalb ist es ja auch ein verlässlicher Seismograf urbaner Befindlichkeit.

In der Diaspora der GC-Fans könnte die Befindlichkeit besser sein. Es gibt aber ein paar ältere Männer, die sich rührig für den Grasshopper-Club einsetzen und sein Erbe ehren. René Thurnherr und Heinz Ingold spielten einst in der ersten Mannschaft. Heute organisieren sie das Botschaftertreffen, bei dem sich allerlei GC-Grössen und Angewandte während eines Heimspiels im Bauch des Letzigrunds zu Wein, Fleischkäse und nostalgischem Smalltalk treffen. Adi Noventa, ein weiterer ehemaliger GC-

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Der 27. Titel: Richard Núñez und Marcel Koller an der Meisterfeier vor dem Zürcher Stadthaus, 1. Juni 2003. Keystone-SDA/Paolo Foschini

Spitzenfussballer, bringt einmal monatlich sogenannte und wahrhaftige GC-Legenden im Restaurant Adlisberg zu einem Lunch zusammen. Noventa lädt immer eine Persönlichkeit dazu ein, um den Wissensstand der Legenden zu aktualisieren. GC-Verwaltungsrat András Gurovits, Präsident Sky Sun und Trainer Giorgio Contini trugen schon vor. Wer die Altherren trifft, könnte allerdings bald Geschichte sein: Ausbildungschef Timo Jankow ski dozierte über taktische Periodisierung – kurz darauf war er weg. Sportdirektor Bernhard Schuiteman diagnostizierte fehlen des Tempo im GC-Kader – bald darauf verabschiedete er sich. Geschäftsführer Jimmy Berisha führte durch den baulich erweiterten Campus – zwei Wochen später war er entlassen.

Auch Lara Dickenmann kam bei den Legenden vorbei. GC und die Frauen! Im Fussball waren sie während Jahrzehnten bloss Zierde an Meisterfeiern und rauschenden Bällen im Baur au Lac oder arbeiteten im Club-Sekretariat, nun ist die Eigentümerin der Fussball AG weiblich und der General Manager des Frauenfussballs ebenso. Dickenmann, aufgewachsen, als GC noch «das Nonplusultra» gewesen sei, ist die erfolgreichste Fussballerin der

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Drei Spielszenen aus einer Partie gegen den Lausanne Football Club (2:1) vom 26. März 1894 auf dem Platz am Mythenquai. Gemäss einem von Captain Ernest A. Westermann verfassten und in der Zeitschrift Der Fussball publizierten Spielbericht wohnten dem Spiel stattliche 800 Zuschauer bei. GC-Archiv, Fussball-Sektion, Blaues Album

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bevor er für die Spiele ins Seefeld übersiedelte, ins damalige Bodmergut. Im März 1899 bezog der Club einen neuen Platz in der Nähe des heutigen Bahnhofs Hardbrücke, zwischen der Hardstrasse und dem Viadukt. Ab Beginn der Saison 1907/08 spielte GC wie der FC Zürich in der Hardau, wo die Fussballer im Innenbereich der damaligen Velorennbahn aufliefen. 1909 schliesslich fanden die Grasshoppers an der Hardturmstrasse ihre Heimat: Der Textilunternehmer Cäsar Schoeller und ein anderer Gönner stellten dem Verein damals ein geeignetes Landstück zur Verfügung. Cäsar Schoeller war Vater des späteren, langjährigen GC-Zentralpräsidenten Walter Schoeller, der im Mittelalter er baute Hardturm an der Limmat diente der Familie als Wohnsitz.

Teure Bankette

Die frühen Mitglieder des Grasshopper-Clubs Zürich trafen sich nicht nur auf dem Fussballplatz, sondern auch in Gaststuben, wo sie Vereinsangelegenheiten regelten, die Geselligkeit pflegten und dabei dem Alkohol nicht abgeneigt waren. Anfänglich kamen die Spieler im bereits erwähnten Café Stäubli zusammen. Nachher trafen sie sich im Gambrinus an der Schoffelgasse und anschliessend im Franziskaner an der Niederdorfstrasse. Dann

Amateure aus gross bür ger lichem H aus 61

Undatierte Flugaufnahme des Hardturm-Areals mit Sta dion und Trainingsplätzen, vermutlich im Sommer 1954 während eines WM-Spiels aufgenommen. Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller

spenden. Seitdem besitzen wir […] keine Einträge mehr. Dies will jedoch nicht heissen, dass er heute nicht mehr Mitglied der PdA ist. Sollte er tatsächlich ausgetreten sein, so ganz sicher nur aus taktischen Gründen.»

Die deutliche Ablehnung des «Oktogon» durch das Stimmvolk war nicht nur Ausdruck finanzpolitischer Zurückhaltung. Als Nachwirkung der Geistigen Landesverteidigung der 1930er- und 1940erJahre gab es immer noch eine kulturkonservative Stimmung, die der vor allem aus den Vereinigten Staaten einströmenden moder nen «Massenkultur» sehr skeptisch gegenüberstand. Diese äus serte sich im Bereich des Sports in einer Ablehnung des Profitums und von Massenzuschauerveranstaltungen. Beispielsweise schrieb Arnold Kaech, der Direktor der Eidgenössischen Turn- und Sport

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Bildreportage von Candid Lang für den A.T.P. Bilder dienst über die Arbeiten an den Stehrampen des Hard turm-Stadions im Hinblick auf die WM 1954. Ringier Bild archiv, RBA1-3-4600_2 © Staatsarchiv Aargau, Aarau/ Ringier Bildarchiv

Heimat Stadion 205

Saisonfinale und Meister schaftsentscheidung gegen Winterthur im Hardturm, 11. Juni 1983 (6:1). Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller.

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Undatierte Themenbilder, Ende 1980er-/Anfang 1990erJahre. Schweizerisches Natio nalmuseum, Actualités

Lausanne ASL, LM-179792.102 und LM-179793.37

Von Fahnen und Choreos 241
Cupfinal gegen Xamax im Berner Wankdorf, 4. Juni 1990 (2:1). © Dölf Preisig/ Fotostiftung Schweiz Suisses

Zuschauer im Regen:

Trotzdem wirft GC unter Erich Vogel und István Szabó (rechts auf der Bank) den FCZ in der 1. Runde aus dem Ligacup. Resultat des Derbys im Letzigrund am 11. August 1973: 1:1 n. V., 3:4 n. P. Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller

Er hatte auf dem Hardturm nicht mehr das Ballmonopol. Aber er war ehrgeizig und bereit, sich Herausforderungen zu stellen und sich weiterzuentwickeln. «Durch GC hatte sich eine Welt für mich aufgemacht», erinnert er sich. Der bildungsferne Metzgersohn aus dem Kreis «Cheib» besuchte Kurse der Volkshochschule über Literatur und Kunst. Er schaffte das Handelsdiplom, arbeitete bei der Bank Vontobel, sah im Kunstgewerbemuseum «sicher 80 der 100 besten Filme der Welt». Godards À bout de souffle, Hitchcocks Vertigo, Welles’ Citizen Kane. Ging in das Kunst- und das Schauspielhaus. Er reiste nach Paris, besuchte acht Monate lang an der Sorbonne Vorlesungen über Literatur und Theater. Eine deutsche Studentin gab ihm ihre Semesterarbeit zum Lesen und Korrigieren. «Das kann ich auch», war sein Eindruck. Er holte im «sehr harten» Heimstudium der Akad die eidgenössische Matura nach und studierte an der Universität Zürich Soziologie, Germanistik und Theater.

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Aber er blieb stets am Ball, übernahm bei GC das B2, dann gleichzeitig das B1 und C1. Der Beginn seiner Karriere als Trainer. In zwei Jahren verloren seine Junioren ein einziges Spiel – im Penaltyschiessen gegen Freienbach hatte Kurt Becker verschossen. Diese zwei Jahre, schwärmt er heute, seien die schönste Zeit seiner ganzen Laufbahn gewesen. Jeden Spieltag gelassen auf der Trainerbank sitzen zu können und überzeugt zu sein, «wir werden gewinnen», spende eine Lebensqualität, die ihm auch Siege in der Champions League und Meistertitel im professionellen Fussball nicht beschert hätten. Denn vor allem: An Niederlagen konnte er sich nie gewöhnen, konnte mit ihnen nicht umgehen. Wenn seine Schwester Edith im Eile mit Weile vorne lag, fegte er die Spielsteine vom Tisch. Als Trainer der ersten Mannschaften von GC, Xamax und des Schweizer U-21-Nationalteams häuften sich jedoch die Niederlagen. Er habe am Spielfeldrand so schmerzhaft gelitten, dass er seine Karriere als Trainer – mit

Unter den Augen von Erich Vogel redet István Szabó auf die Spieler ein, darunter Ruedi Elsener (links) und Goalie René Deck (im schwarzen Outfit). Hinter der Bank steht Sektionspräsident Werner Brunner (mit Brille). © Dölf Preisig/ Fotostiftung Schweiz

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Verlängerung im Ligacup:

April 1979: GC präsentiert im Hardturm die neuen Leib chen. Für Walter Scheiwiller posieren Heinz Hermann (diese Seite) sowie Andy Egli, Herbert Hermann und Peter Traber (nächste Seite). Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller

Sicher bleibt rätselhaft, wieso die Fussballer von GC immer häufiger in Farben ohne jeden historischen Bezug oder gar in solchen anderer Clubs auflaufen, vor allem auf fremdem Terrain. Aber nicht nur: Sogar zu Hause verzichtet GC zuweilen auf die eigenen Farben. So spielten die Hoppers bereits im ersten Spiel der Saison 2021/22 zu Hause im Klassiker gegen Basel in schwarzblau, ein absolutes No-go, und in der Folge war dies im Verlauf der Saison vor eigenem Anhang mehrfach der Fall. Der Mangel an Identitätsbewusstsein hat sich im Zug der häufigen Führungswechsel schon früher abgezeichnet.

Begonnen hatte der fremde Farbreigen um 1980 mit der Kombination Schwarz-Orange. Ab Mitte der 1980er-Jahre traf man sodann auf den Mix Gelb-Blau, seit den 1990er-Jahren zudem auf Schwarz-Rot , wieder Orange-Schwarz, Beige, GelbSchwarz, Rot, Gelb, Leuchtgelb, Pink, Grau-Schwarz, Orange, Violett-Pink, Violett-Hellblau, Rosa, Blau-Schwarz, SchwarzGrau, Grau, Schwarz-Grün.

Einmal abgesehen davon, dass diese Leibchen gegen die Statu ten des Clubs verstossen, fragt man sich: Warum um Himmels Willen foutiert sich ausgerechnet ein Club, der seine Tradition gerne betont, um seine Identität und setzt auf ästhetisches Tutti frutti? Schon klar, wegen des Fernsehens braucht man heute zur Unterscheidung vom Gegner bei Auswärtsspielen eine Alterna tive zum Heimleibchen. Aber warum dann nicht wenigstens eine Clubfarbe stärker betonen, statt auf Farben zu setzen, die man eher je nach Shirt mit Palermo, Dortmund oder Schottland asso ziiert? Dies forderten auch die Fans, als sie am 22. Februar 2020 beim Auswärtsspiel in Schaffhausen ein klassisches GC-Leibchen über der ganzen Kurve entrollten und die Vereinsführung mit Zitieren von Artikel 1 daran erinnerten, dass eigentlich blau-weiss de rigueur wäre.

Der Brand-Manager Colin Fernando brachte die Misere 2019 des Vereins in einem Gastbeitrag unter dem Titel «GC fehlt eine klare Identität» auf persoenlich.com auf den Punkt, als er bilanzierte:

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zurück!» 339
«Setzt wieder auf Blau-Weiss und gebt uns den Heugümper
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LEXIKON

RETO BAUMANN
WERNER
13 A

«Es war am Pfingstmontag 1990. Wir hatten zum dritten Mal hintereinander den Cup gewonnen, 2:1 gegen Xamax im Berner Wankdorf. Am Abend in Zürich erwartete uns vor dem Hardturm ein goldenes Tram. Wir, die Mannschaft, die Trainer und Betreuer stiegen ein und fuhren mit ihm durch die Stadt. Den Pokal nah men wir natürlich auch mit. Aus dem offenen Fenster verkündeten wir immer wieder: ‹Wir haben gewonnen! GC ist Cupsieger!› Drinnen im Tram feierten wir ausgelassen. Wir sassen um kleine Tischchen herum, es gab Bier und Apéro. Die Passanten draussen winkten uns eher verdutzt zu, manche riefen ‹Bravo›. Von einer Stadt in Euphorie, Menschenmassen oder Strassenparty keine Spur. Erstens war Zürich einfach so. Zweitens ist der FCZ halt schon stärker in der Stadt verankert als wir. Drittens war man sich von uns damals einfach gewohnt, dass wir Titel holen. GC, das war der Nobelklub. Der Rekordmeister. Der Rekordcup sieger. Erfolge wurden erwartet. Ich erinnere mich vor allem an eine grosse Entspannung, eine Genugtuung, die ich auf der Fahrt im goldenen Tram empfand: Wir hatten alle unsere Ziele erreicht, waren vor wenigen Wochen Meister geworden, jetzt auch Cupsieger. Ein weiteres Mal. Bei mir entlud sich dieser Druck eher auf eine ruhige, geniesserische Art, nicht ekstatisch. Ich war damals 28, schon verheiratet und Familienvater. Den Ton im Tram gaben andere an, eher die Jungen.

Wir hatten eine starke Mannschaft damals, über Jahre hinweg.

Martin Brunner, Andy Egli, Adrian de Vincente, Marcel Koller, Mats Gren, Marc Strudal, Thomi Bickel, der junge Alain Sutter, das war auch zwischenmenschlich ein tolles Team. Mit fast allen habe ich noch heute Kontakt. Mich wundert nicht, dass viele von

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Martin Andermatts GC-Moment «Manche riefen ‹Bravo›!»

«Es ging familiär zu»: Fans lassen Martin Andermatt während der Feier zum Cupsieg am 4. Juni 1990 im Festzelt hochleben. Blicksport/Björn Lindroos

ihnen später Trainer oder Sportchefs geworden sind. Alle interessierten sich schon als Spieler für Taktik, für den Fussball an sich. Das hatte ich so bei anderen Teams noch nicht gesehen, nicht mit dieser Leidenschaft. Es passte aber zum damaligen GC. Wir empfanden es alle als Auszeichnung, dort zu spielen. Und wir hatten prägende Trainer. Zuerst Timo Konietzka, ein harter Hund, dann Kurt Jara, der viel Wert auf Technik legte, und ab 1988 Menschenfänger Ottmar Hitzfeld. Von ihm habe ich in Sachen Menschenführung und Taktik unglaublich viel lernen können. Wir spielten schon damals mit Viererkette in der Abwehr. Als ich Jahre später als Trainer zu Eintracht Frankfurt in der Bundesliga kam, gab es dort immer noch Spieler, die hatten von diesem System keine Ahnung, kannten nur Manndeckung.

Für mich war die Fahrt im Tram auch eine Abschiedsfeier. Mein Wechsel zu Servette stand fest. Dass ich stattdessen dann zu Wettingen gehen würde, wusste ich noch nicht. Wir drehte zwei, drei Runden übers Bellevue, den Bürkliplatz, die Bahnhofstrasse und den Limmatquai. Zum Schluss fuhren wir zum Hardturm, dort erwarteten uns einige treue Fans.

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Telefongespräch mit Martin Andermatt am 3.7.2020, aufgezeichnet von Raphael Brunner

Es war nicht so, dass sich in Zürich niemand für Fussball interessierte. Zum Cupfinal gab es Sonderzüge, das Stadion in Bern war voll, GC-Supporter reisten aus der ganzen Schweiz an. Gerade der Cupfinal war aber eher ein Familiending. Generell wurde Fussball noch nicht so als gesellschaftlicher Event emporstilisiert.

Dass die Stadt einen Empfang oder eine grosse Feier organisiert, hätte niemand erwartet. In Basel hätte es nach einem Cupsieg vielleicht ein spontanes Volksfest gegeben. Bei uns ging es eher familiär zu. Den Cupsieg gefeiert, das haben wir, die Mannschaft und der Staff, unsere Frauen sowie ein paar Fans und Gönner, die man persönlich kannte. Die Siegesfahrt im goldenen Tram war typisch – und ist darum mein GC-Moment.»

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sen die beiden entscheidenden Treffer zum sensationellen Endstand von 4:2. (fab)

Karriere: Xamax und Cantonal (bis 1926), GC (1926/27), Étoile Carouge (1927/28), Cantonal (1928/29), Saint-Eugène (Alge rien, 1929/30), GC (1930–1934), Sochaux (1934–1938), Ser vette (1938–1942), La Chaux-de-Fonds (1942–1944). 52 Län derspiele für die Schweiz (30 Tore). Mit GC: 2 Meisterschaften, 3 Cupsiege. NLA 1933/34: 28 Sp (20 S/5 U/3 N), 33 T.

Abegglen, Max «Xam» Neuenburg, 11.4.1902 Zermatt, 25.8.1970 — Max «Xam» Abegglen war zweifellos neben dem Engadiner Eishockeyspieler Richard «Bibi» Torriani (HC Davos) der populärste Schweizer Mannschaftssport ler der Zwischenkriegszeit (1918–1939). Im November 1928 setzte die Schweizerische Fussball- und Athletik-Zei tung Abegglen II gross auf die Titelseite: «Unser grösstes Stürmertalent und gleichzeitig die Seele des Grasshopper angriffs».

Im Jahr 1902 in Neuenburg geboren, bestach der kleingewachsene (165 cm), technisch brillante offensive Mittelfeldspieler/Stürmer durch seine Vista ebenso wie durch sein Dribbling und seine stete Torgefahr. Abegglen II war stark in Spielaufbau und Abschluss. Wegen seines grossen, strategischen Spielverständnisses nannte ihn die französische Presse der Zeit bisweilen «Napoleon der Stadien». Auch in Zürich nahm er als Captain die Zügel in die Hand. Neben dem Platz verschmitzt, bescheiden, ja schüchtern auftretend, tobte er sich auf dem Rasen regel

recht aus. In der März-Ausgabe des Grasshopper 1924 wurde sein Spielwitz in einem 1. April-Text überspitzt aus gebreitet: «Abegglen vollbrachte unter anderm folgende Bewegungen, um den Ball am Gegner vorbeizubringen: 1. 22 Mal abwechselnd von rechts nach links dann grad aus … Durchbruch. 2. 15 Mal rechts und links, 4 mal rück wärts, diesmal um den Gegner herum und dann gradaus … Durchbruch. 3. Einmal links, einmal rechts und dann (oh Wunder!) sprang der Ball aus Ruhestellung ohne von je mandem berührt zu werden über den Gegner … Durch bruch. Tosender Beifall.» Das heisst aber auch, Abegglen war kaum mit fairen Mitteln vom Ball zu trennen: Kaum ein Spieler wurde in den 1920er- und 1930er-Jahren so oft gefoult wie er, er blieb aber von gravierenden Verletzun gen verschont.

Zwischen 1922 und November 1937 traf Abegglen II das Tor in 68 Länderspielen nicht weniger als 32 Mal, was Rekord bedeutete, der erst 2001 von Kubilay Türkyilmaz überboten werden sollte. Gleich bei seinem Debüt gegen die Niederlande erzielte er drei Treffer. Im Jahr 1924 ge hörte er zur Schweizer Auswahl, die in Paris an den Olym pischen Spielen sensationellerweise Silber holte und erst im Finale gegen Uruguay um Superstar Andrade, damals das weltbeste Team, mit 0:3 deutlich unterlag. Als beste europäische Mannschaft wurde die Schweiz (inoffizieller) Europameister.

«Xam», wie ihn alle nannten, Abegglen war ein Na turtalent, schon als zehnjähriger Knabe gründete er zu

Max «Xam» Abegglen Versetzt Verteidiger in Angst und Schrecken: Xam Abegglen im Cup-Halbfinal am 4.3.1928 gegen die Young Fellows im Förrlibuck-Stadion, GC gewinnt das Derby mit 3:1, den dritten Treffer erzielt dabei Abegglen. Im Grasshopper heisst es dann: «Xam kann mit einem dritten Goal das Schicksal des Spieles endgültig besiegeln. Ein Wald von blau-weissen Fähnchen erhebt sich auf der Tribüne und mit nichtendigendem Beifall wird die gefallene Entscheidung bejubelt.» Aufnahme aus einem zeitge nössischen Fotoalbum des GrasshopperClubs Zürich. GC-Archiv, Fussball-Sektion, Blaues Album

Abegglen, Max «Xam» 18

sammen mit Kumpels vom Neuenburger Lateingymna sium eine nach ihm benannte Schülermannschaft, Xamax; mit 16 wechselt er zum FC Cantonal Neuenburg (1918/19) in die höchste Spielklasse, ehe er bei Lausanne-Sports spielte (1929–1923) und dann GC bis zum Karriereende (1941) treu blieb. Mit den Zürchern wurde er unter den Trainern Dori Kürschner und Karl Rappan nicht weniger als sechsmal Schweizermeister und fünfmal Cupsieger, holte zweimal das Double.

Im Krisenjahr 1934 – zwischen Tribünenbrand und Ende der Ära Kürschner-Escher und der Übernahme der Vereinsgeschicke durch Schoeller und dem Amstantritt von Karl Rappan als Trainer – schultert der Captain der 1. Mannschaft bereitwillig als Interimstrainer noch mehr Verantwortung. Seine Resultate bilanziert Xam laufend im Cluborgan. Zum Saisonende publiziert er eine Rück schau auf die turbulente Saison 1934/35 (Grasshopper, Juni 1935), gespickt mit Zahlenmaterial und Grafik. Die Mannschaft klassiert sich unter erschwerten Bedingungen auf Platz vier.

Nach der Karriere blieb Abegglen als Geschäftsmann in Zürich. Von 1940 bis 1950 dozierte er an der ETH Zü rich über Fussball im Sportlehrerkurs. Was ihm sicher lag, nicht umsonst wurde er bereits zu seiner Aktivenzeit auch «der Fussball-Professor» genannt. Schon 1925 verfasste er im von Hans Enderli und Arnold Wehrle betreuten Schwei zer-Sport-Kalender eine mit reichlich Statistik gespickte Analyse zur Leistungsentwicklung der Schweizer Natio nalmannschaft. Wir gehen davon aus, dass die in Franzö sisch publizierten Spielberichte aus dem Cluborgan Grass hopper der 1930er-Jahre teilweise ebenfalls aus seiner Feder stammen. Er engagierte sich auch im Firmenfuss ball: Abeggeln trainierte die Mannschaft der Maschinenfabrik Zürich-Oerlikon (MFO) von dessen Gründung im Jahr 1941 bis 1947.

Der Tod ereilte Xam im Alter von 68 Jahren während eines Ferienaufenthalts in Zermatt im Sommer 1970. Er starb an einem Herzschlag. (fab/pö/bow) Karriere: Xamax (1912–18), Cantonal (1918/19), Lausanne (1919–23), GC (1923–41). 68 Länderspiele für die Schweiz (32 T). Mit GC: 5 Meisterschaften, 8 Cupsiege. In der NLA: 118 Sp (72 S/ 25 U/61 N), 61 T.

Abrashi, Amir Uzwil, 27.3.1990 — «Draussen im Schilf» sei er aufgewachsen, sagte Amir Abrashi 2011 in einem Gespräch für das Winterhurer Jahrbuch auf dem Campus in Niederhasli. Die Geografie hörte man ihm an, spricht der zum albanischen Nationalspieler aufgestiegene Ab

fangjäger im Mittelfeld doch einen astreinen Thurgauer Dialekt. Die Eltern und die drei älteren Schwestern kamen aus dem Kosovo nach Bischofszell, wo Abrashi als Nach zügler geboren wurde. «Irgendwie schon komisch» sei es in der Provinz gewesen. Zur wahren Heimat wurde für das «extrem schüchterne» Kind der Fussballplatz.

Als der Vater in Winterthur eine Stelle fand, zog die Familie um und Amir Abrashi fand in der Juniorenabtei lung des FC Winterthur Unterschlupf. Bevor er 2010 zu GC wechselte, schloss er seine vierjährige Lehre als Kons truktionsschlosser bei Sulzer Chemtech ab. Der Vater hatte auf die solide Berufsausbildung gedrängt. Die Eltern hätten wohltuend «wenig Ahnung» gehabt vom Fussball, ihren Sohn also nicht gepusht. So wurde er früh selbst ständig. Die Fussballkarriere war allein sein Traum. Zu gleich mochte der Lehrling seinen Job, die körperliche Ar beit. Fuhr Abrashi nach Feierabend zum Training auf die Winterthurer Schützenwiese, war er bereits auf Betriebs temperatur.

Die Chance, sich in der höchsten Liga zu beweisen, er hielt er, als ihn der damalige Trainer Ciriaco Sforza zum Rekordmeister holte. Nach einem Jahr auf Leihbasis zog GC die Kaufoption. Zwischen Winterthur und Niederhasli pendelte Abrashi damals mit seinem gleichzeitig ver pflichteten Kumpel Ermir Lenjani, der wie er im Arbeiter viertel Töss wohnte.

Bei GC erlebte Abrashi eine turbulente Zeit. Nach zwei enttäuschenden Saisons, die auf den Rängen 7 und 8 endeten, folgte das Zwischenhoch unter den Trainern Uli Forte und Michael Skibbe, in denen GC zwei Mal Vize meister wurde und den Schweizer Cup gewann, ohne wirklich zur Ruhe zu kommen. In der ersten Saison unter Pierluigi Tami folgte der Absturz auf Rang 8. In der Kri sensaison erfüllte sich jedoch Abrashis Traum vom Aus landtransfer. Er wechselte zum SC Freiburg in die 2. Bun desliga, wo er im Sommer 2015 gegen den 1. FC Nürnberg debütierte und gleich in seiner ersten Saison den Aufstieg in die höchste Spielklasse feiern konnte.

Amir Abrashi gehört zur Generation, die früh vom Verband gefördert wurde. Als Jugendlicher spielte er in der regionalen Nachwuchsauswahl «Team Thurgau». Für die U18-Nationalmannschaft kam er zwei Mal zum Ein satz, etablieren konnte er sich spätestens in der U21-Aus wahl unter Tami, auf den er dann als Clubtrainer wieder traf. 18 Länderspiele absolvierte Abrashi auf dieser Stufe. Er gehörte zu jenem Team, das 2011 unter Tami in Däne mark eine sensationelle U21-Europameisterschaft spielte und erst im Finale an Spanien scheiterte. Der Thurgauer

Abrashi, Amir 19

Rolf Blättler Mit dem Sprungseil holt sich Blättler (Mitte) zusammen mit Kunz und Gerber die von Trainer Albert Sing gefor derte Kondition. Ringier Bildarchiv, RBA8_ Fussball_Grasshoppers_AlteBilderbis1970_ SW_3; Kurt Zimmermann © Staatsarchiv Aargau, Aarau/Ringier Bildarchiv

Kunststück eines doppelten Hattricks. Im April dessel ben Jahrs war der Kanonier vom Dienst gegen Servette mit seinem ersten Penalty für GC überhaupt für das 2000. Meisterschaftstor der Hoppers-Geschichte be sorgt, seit 1933/34 der Meister in einer gemeinsamen gesamtschweizerischen Liga erkoren wurde.

Einmal nur spielte GC während Blättlers Zeit auf dem Hardturm mit um den Titel, in der Saison 1967/68: Die Hoppers waren als Zweite nach 26 Runden punkt gleich mit dem FC Zürich und Lugano, unterlagen dann aber in den Entscheidungsspielen dem Stadtrivalen. Mit seinen 16 Treffern war Blättler aber wiederum erfolg reichster Saisontorschütze seiner Mannschaft.

Im Sommer 1969 zog es Rolf Blättler ins Tessin zu Lu gano. Nicht geändert hatte die Leibchennummer: Wo er auch spielte, Rolf Blättler trug die Nummer 10. Auch bei seinen 28 Auftritten im Nationaldress (zwölf Tore), dar unter das Spektakel-7:1 gegen Rumänien im Hardturm am 24. Mai 1967 – Blättler traf da zum 4:0 und 5:0. Drei Jahre später schoss er beim 2:1-Erfolg gegen Frankreich erneut zwei Tore – es war das erste Fussballspiel, das das Schwei zer Fernsehen live und in Farbe zeigte.

Keine Liebesgeschichte entspann sich zwischen Blättler und dem Cupfinal. Dreimal mit drei verschiede nen Teams (Lugano 1971, Basel 1972, St. Gallen 1977) stand er im Endspiel, dreimal musste er als Verlierer vom Platz. Trotz der Niederlagen zählte er die ersten beiden Finalbegegnungen später zu seinen besten Erlebnissen als Fussballer. In weniger guter Erinnerung ist ihm, dass sein Ausgleichstreffer im dritten Cupfinal gegen YB in der 80. Minute wegen Offside annulliert wurde. Zu ei

nem Meistertitel immerhin reichte es Blättler, mit Basel 1972. In St. Gallen half er später mit, dass sich der da malige Liftclub in der NLA etablieren konnte. In Luzern schliesslich gehörte er 1979 zum Aufstiegsteam in die NLA. Ein weiterer Aufstieg – diesmal in die NLB –glückte ihm 1981 als Spielertrainer von Locarno. 1986 wirkte er als Trainer der Olympiamannschaft, die die Qualifikation für die Sommerspiele 1988 in Seoul verpasste. Blättlers beeindruckende Bilanz als Spieler mit 19 Saisons in der Nationalliga: 174 Tore in 332 NLAEinsätzen und 23 Treffer in 110 NLB-Spielen.

Hatte Blättler in St. Gallen halbtags als Autoverkäu fer gearbeitet, war er in Locarno als Versicherungsex perte tätig. Dem Tessin ist er verbunden geblieben, lange Jahre schon wohnt er in Minusio, kickte einige Jahre noch für die Senioren des FC Lugano. In der Sonnen stube hat er 37-jährig auch das Tennis für sich entdeckt. Dreimal noch holte er sich in seiner Altersklasse den Schweizermeistertitel. (pö/bau)

Karriere: Wettingen (1954–1963, Junioren + 1. Mannschaft/ 1. Liga), GC (1963–1969), Lugano (1969–1971), Basel (1971–1972), St. Gallen (1972–1977), Luzern (1977–1979), Locarno (1979–1983, Spielertrainer). 28 Länderspiele für die Schweiz (12 T). Mit GC in der NLA: 143 Sp (63 S/30 U/50 N), 101 T. 3 × Schweizer Torschützenkönig. Debüt bei GC: 19.6.1963 Basel –GC 1:1 (Alpencup).

Bleuler, Hanns Antigua (Guatemala), 17.10.1884 – Wytham (England), 5.12.1931 — Ein Passant fand am Samstagvor mittag, 5. Dezember 1931, in einer Allee etwas ausserhalb von Wytham bei Oxford den leblosen Körper Hanns Bleu

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lers, der an einem Strick von einem Baum baumelte. Ver schiedene englische Zeitungen berichteten unter Berufung auf polizeiliche Quellen und einen Schwager Bleulers, dass der frühere GC-Zentralpräsident einige Schreiben und eine ungeöffnete Flasche Whisky in seinen Taschen mit sich geführt habe. Wie der Presse weiter zu entnehmen ist, nahmen die Schreiben Bezug auf den GrasshopperClub und die Professionalisierungsfrage. Das Berufsspie lertum wurde in der Schweiz erst 1933 verbandsrechtlich erlaubt. Zuvor war es Fussballspielenden verboten, gegen ein Entgelt zu kicken. Der Einführung des Profispieler tums war eine kontrovers geführte Debatte vorausgegan gen. Welche Bewandtnis es mit diesen Schreiben hatte, ob allenfalls gar ein Zusammenhang mit Bleulers Tod be stand, bleibt jedoch unklar. Über den genaueren Inhalt der Schreiben ist in der Presse nichts zu erfahren. Auch unsere Suche nach den polizeilichen Fallakten verlief ins Leere.

Bleuler war promovierter Chemiker und lehrte an verschiedenen Universitäten im Vereinigten Königreich, unter anderem in Leeds, zuletzt noch zwei Jahre in Lon don. Seinen beruflichen Wirkungskreis verlegte Bleuler nach Abschluss seines Studiums an der ETH (1907) und der Promotion an der Universität Bern (1912) nach Eng land, wo er während fast 20 Jahren tätig war. Zuvor war Bleuler während fünf Jahren (1908–1913) Präsident der beiden Sektionen Fussball und Rudern und damit nach heutiger Terminologie Zentralpräsident des Clubs.

Bleuler entstammte dem einflussreichen Geschlecht der Bleulers, die ursprünglich aus Zollikon stammten und sich seit dem 18. Jahrhundert auch in Hirslanden und Riesbach niederliessen. Seine ersten Lebensjahre verbrachte Bleuler noch in Guatemala, wo sein Vater Otto Caspar Bleuler (1843–1887) Zucker- und Kaffee plantagen betrieb und es zu einem ansehnlichen Vermö gen brachte. Der frühe Tod von Bleulers Mutter veran lasste den Vater zur Rückkehr in die Schweiz. Nur wenige Monate nach der Rückkehr verstarb indessen auch er. Dem vollwaisen Hanns nahmen sich Verwandte an, unter ihnen sein Onkel Hermann Bleuler (1837–1912). Dieser war der Vater von Walter Bleuler, der sich schon 1890 GC anschloss und ihn in den folgenden Jah ren massgeblich prägte.

Der neun Jahre jüngere Hanns Bleuler stiess erst 1903 zum Club und machte sich vor allem um den Ruder sport verdient. Die GC-Ruder-Sektion wurde unter an derem auch auf sein Bestreben hin gegründet. Bleuler war ihr zweiter Präsident (1905/06). Auf den Fussball platz wagte sich Bleuler hingegen nur selten. Es lassen

sich nur wenige Einsätze nachzeichnen. Von Bedeutung war Bleuler als grosszügiger Gönner. Während seiner Präsidialzeit liess er dem Club immer wieder grössere Summen zukommen. Als die Fussball-Sektion im Jahr 1909 den ersten Platz an der Hardturmstrasse bezog, kam Bleuler etwa für die kostspielige Umzäunung des Spielfeldes auf.

Die Umstände von Bleulers Tod blieben letztlich ungeklärt. Sein Todesfall ist auf der privat betriebenen Webseite «unsolved-murders.co.uk» verzeichnet, die über 7000 ungeklärte Todesfälle aus dem Vereinigten Königreich auflistet. (sk)

Bleuler, Walter Riesbach, 25.5.1875 – Monatna VS, 6.12. 1931 — Walter Bleuler war ein älterer Cousin Hanns Bleu lers und gehörte ab 1890 zum festen Etat der FussballSektion. Bleuler war Teil jener GC-Mannschaft, die 1893 in Strassburg ihr erstes Spiel im Ausland absolvierte. In der in Stuttgart erschienen Zeitschrift Der Fussball, die kurzzeitig auch als offizielles GC-Cluborgan fungierte, heisst es im April 1895, dass Bleuler seit drei Jahren jedes Spiel absolviert habe, was jedoch nicht ganz den Tatsa chen entspricht. Bleuler spielte meist als «Outside-Left», also als Flügelstürmer, und beherrschte das «Centern», im heutigen Sprachgebrauch Flanken, meistergültig.

Bleuler, der an der landwirtschaftlichen Schule am Eidgenössischen Polytechnikum (ETH) studierte (1894–1899), stammte aus einflussreichem Haus. Sein Vater Hermann Bleuler-Huber (1837–1912) war Oberstkorps kommandant, seinerzeit in Friedenszeiten der höchste Dienstgrad in der Schweizer Armee, und galt gemeinhin

Bleuler, Walter 79
Walter Bleuler Porträtaufnahme von Johannes Meiner vom 13. November 1896. Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich, MEI 003324

Gröblis Fussballkarriere ist statistisch auf 179 NLA-Par tien, 16 internationale Wettbewerbsspiele, 18 Tore und 7 Gelbe Karten zu summieren. Diese Zahlen hat Fredy Grö bli nicht im Kopf, seine einzige Rote Karte aber schon. Als Junior in der ersten Mannschaft Wetzikons habe er ge meint, nun schon ein Star zu sein und beim Schiedsrichter lauthals reklamieren zu können. «Ein Lehrblätz» sei der Platzverweis gewesen, Coolness, Fairness und Zuverlässig keit seien zu seinen herausragenden Qualitäten geworden.

«Der Fussball hat mich nie losgelassen, ich habe ihm so viel zu verdanken», sagt Fredy Gröbli. Während Jahren glänzte er im Mittelfelfeld der Lugano-Senioren, war in Montagnola, seinem Wohnort südlich Lugano, Vorstand und Sportchef vom FC Collina d’Oro, hilft dort immer noch mit und «tschuttet» gerne mit seinen Enkelkindern. Dass er bei GC einst nicht mehr «gebraucht» wurde, ist für ihn eine Randnotiz der logischen Fussballentwicklung. Mit Erich Vogel seien viel Theorie, ein anderer Führungs stil sowie mit Thomas und Hans Niggl, Christian Gross, Ruedi Elsener, Francis Montandon, Roger Berbig und Hans Stemmer aus dem Reserveteam eine talentierte, for sche Spielergeneration im Kader der 1. Mannschaft auf getaucht. So sei nun mal der Lauf der Dinge. (ag) Karriere: GC (1967–1974), Lugano (1974–1980). Mit GC in der NLA: 118 Sp (67 S/26 U/25 N), 16 T. 1 × Meister.

Gross, Christian Zürich, 14.8.1954 — Der Blick von Höngg in Richtung Uetliberg und herunter auf die Hard turm-Brache, wo einst das Stadion der Grasshoppers stand und dereinst eine neue Arena hochgezogen werden soll, ist wunderschön. Diese Aussicht, noch auf den altehr würdigen Hardturm, bot sich auch dem Primarschüler Christian Gross, wenn er sich mit seinen Kollegen auf dem Hönggerberg zum Fussballspielen traf, sei es auf einer der damals noch zahlreichen unverbauten Wiesen, sei es auf dem Pausenplatz des Schulhauses Bläsi, wo die Jugend mit einem Tennisball zwischen den Bänkli tschuttete. «Dort will ich hin, auf den Hardturm», sagte sich Gross, «GC ist mein Club.»

Sein Traum erfüllte sich bald. Im zweiten Jahr bei den Junioren des lokalen SV Höngg machte ihm der gegneri sche Trainer nach einem Spiel gegen GC den Wechsel run ter in den Hardturm schmackhaft. Der 13-jährige Chrigel, für sein Alter schon recht gross und kräftig, war geschmei chelt und stolz zugleich. Nach Rücksprache mit seinen El tern, der Vater Stadtpolizist, die Mutter erfolgreiche Turmspringerin im Schwimmclub Zürich, sagte er GC noch so gerne zu. Später erklärte er einmal: «Der Wegzug

zu den Grasshoppers war eine schicksalshafte Wende in meinem Leben. Bis heute bin ich zutiefst mit diesem Club verbunden. GC ist die Wiege, dort liegen die Wurzeln mei ner ganzen Karriere – bis heute. Nichts geht tiefer als die erste Liebe.»

Der Sprung des talentierten Mittelfeldspielers in die 1. Mannschaft war nur eine Frage der Zeit. Mit 18 Jahren gehörte er bereits zum Stamm, seine Mitspieler waren René Deck und Roger Berbig, Roland Citherlet, die NigglZwillinge, Bigi Meier, Rainer Ohlhauser, Ruedi Elsener, Peter Meier, der «Wembley-Meier», und Adi Noventa. So zusagen nebenbei besuchte Gross das Literargymnasium Rämibühl, er rasselte aber auf spektakuläre Weise durch die Matura: Er liess die Mathe-Aufgaben von seinem sich auf dem WC versteckenden Mitspieler Berbig lösen. Der Schwindel flog auf.

Fortan setzte Gross entschlossen nur noch auf den Fussball – und bald trennte er sich im Streit von seinem Herzensclub GC. Gross wollte in den Verhandlungen um einen neuen Vertrag eine fixe Transfersumme schriftlich festgehalten haben, Präsident Karl Oberholzer weigerte sich. Es kam zum Bruch, Gross wechselte zu Lausanne, später zu Neuchâtel Xamax, in die Bundesliga zu Bochum; zurück in der Schweiz spielte er noch für St. Gallen, Lu gano und Yverdon. Bei den Waadtländern beendete er im Sommer 1988 seine Spielerkarriere im Spitzenfussball. Ei nen Titel hat er nicht gewonnen, ein einziges Länderspiel bestritten.

Damals war er 34-jährig, er hätte als Assistent von Ottmar Hitzfeld zu GC zurückkehren können. Gross lehnte ab, er wollte als (Spieler-)Trainer allein und selbst ständig für eine Mannschaft verantwortlich sein. Er heu erte zur Überraschung vieler beim 2.-Ligisten FC Wil an – und führte den Provinzclub auf direktem Weg in die Na tionalliga B. Mit dem gleichen unermüdlichen Einsatz wie für den Fussball chrampfte er damals für seinen zweiten Arbeitgeber Blacky, eine Firma für Sportbekleidung. Gross war bei Blacky als Marketingleiter angestellt und dank seiner Beziehungen mitverantwortlich, dass die Schweizer Nationalmannschaft von diesem Unternehmen eingekleidet wurde. Mit einem Schmunzeln erinnert er sich immer wieder gerne an seine Zeit beim Ausrüster aus Wil, an die knallbunten Trikots mit dem springenden Pferd im Logo. Einmal sei er um 4 Uhr in der Frühe mit dem Auto losgefahren, um den Kölner Haien 60 Trikots fristgerecht zu liefern. Und als Diego Maradona im Let zigrund mit der SSC Napoli gegen Wettingen spielte, or ganisierte er einen schwarzen Hengst, auf dem ein Spieler

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Gross, Christian

des FC Wil im Blacky-Dress, der Maradona sehr ähnlich sah, um die Letzigrund-Tartanbahn ritt. Dem Stadionspeaker hatte Gross aufgetragen, zu vermelden, dass Ma radona eine Runde reite. Alles geschah wie abgesprochen – und in den italienischen Zeitungen stand geschrieben, dass Maradona vor dem Spiel um den Platz geritten sei … Gross war schon immer ein wenig Schlitzohr und Gambler gewesen: Dass sein Vater Polizist war, hinderte ihn nicht, als Teenager auf dem frisierten Töffli durch Zü rich zu donnern; oder bei der Matura zu schummeln; sich mit dem mächtigen GC-Boss Oberholzer auf einen Ver tragspoker einzulassen; im Herbst seiner Trainerlaufbahn in exotischen Ligen wie in Saudi-Arabien und Ägypten anzuheuern; oder das Himmelfahrtskommando bei Schalke 04 einzugehen. Zu diesem Image der Person Christian Gross passt, was seine Freunde über ihn sagen: Er sei überaus witzig, gescheit und charmant, man könne mit ihm Spass haben und herzhaft lachen.

In seinem Beruf als Trainer aber zeigte er, so die Wahrnehmung fast aller seiner Begleiter, ein anderes Ge sicht: das des strengen, unerbittlichen, ernsthaften, kom promisslosen, stets fordernden und absolut erfolgsorien tierten Fussballlehrers. Dabei ist klar, dass er seine herausragende Trainerkarriere nicht nur seinem Fachwis sen, seiner Beharrlichkeit und seinem Durchsetzungsver mögen verdankt, sondern vor allem seiner Persönlichkeit, seinem Charisma – und seiner Empathie. Gross ist einer, der die Menschen gern hat, und er ist überzeugt, dass jeder Spieler Wärme braucht. Jeder müsse spüren, dass der Coach ihn schätze und nur das Beste für ihn wolle. Es müsse in einem Team eine Ambiance herrschen, in der sich jeder wohlfühlen und entwickeln könne.

Mit dieser Überzeugung kehrte Gross zu seiner ersten Liebe zurück, als ihn Sportchef Erich Vogel im Sommer 1993 als GC-Trainer verpflichtete. Die Zürcher waren zu vor mit Coach Leo Beenhakker und Spielern wie Élber, Alain Sutter, Sforza, Thomas Bickel und Gren in die Ab stiegsrunde gefallen. Der nach dem Absturz arg unter Druck gekommene Vogel wie auch der auf diesem Niveau unerfahrene Gross gingen ein beträchtliches Risiko ein. Der Tages-Anzeiger fragte: «Wird GC jetzt ein Provinz klub?» Und Gross wusste, dass er diese Chance packen musste: «Ein Coach ohne sportlichen Erfolg überlebt nicht lange.» Auch die Spieler reagierten zurückhaltend. Mar cel Koller erinnert sich: «Wir standen Gross skeptisch ge genüber. Aber es ist ihm gelungen, das Kollektivdenken zu fördern, den Spielern die Freude am Fussball zu vermit teln. Ich habe mit meinen Mannschaftskollegen nie so viel

Christian Gross Porträt für die Saison 1972/73, aufgenommen im September 1972. Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller

unternommen wie unter Gross. Er ging mit uns zum Kon zert von Joe Cocker ins Hallenstadion, er lud uns während eines Trainingslagers zum Konzert der Rolling Stones ins Maracanã-Stadion in Rio ein. Oder er unternahm mit uns eine Stadtrundfahrt durch Zürich.»

Der Trainer versuchte stets auch mit Motivationsme taphern zu arbeiten. So stellte er die gewonnenen Pokale

Christian Gross Fotosession auf dem Hardturm für die Saison 1972/73. Neben den Porträts machte Walter Scheiwiller in diesem Jahr auch Aktionsbilder der Spieler. Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller
Gr oss, Christian 229

den Verein ab und tritt neu als FFC United Schwerzenbach an. 2008 dann wechselt der Verein bereits wieder den Na men. Eine Saison lang firmiert Müllers Team unter dem Namen GC/Schwerzenbach, ab Juli 2009 dann definitiv als Grasshopper-Club Zürich.

Da hat Müller bereits ein erstes Mal zum fussballeri schen Höhenflug angesetzt mit dem Gewinn des Cups 2008. Beim 4:2-Sieg gegen Bern im Stade de Suisse (im Vorprogramm der YB-Männer gegen Xamax) steuert sie den Treffer zum zwischenzeitlichen 2:2 bei – bis heute ihr persönliches Highlight. «Als junge Spielerin zum ersten Mal in einem grossen Stadion vor vielen Zuschauern zu spielen, das war schon speziell», erinnert sich Müller.

Einen zweiten Höhenflug erlebt Müller nicht in Form eines weiteren Titels. Im Heimspiel gegen Kriens stürzt sie im Oktober 2009 unglücklich zu Boden, sie spürt ihre Beine nicht mehr. Die Rega transportiert sie mit dem Rettungshelikopter für weitere Untersuchungen ins Spital. Für Müller geht die Sache glimpflich aus, der beim Lande anflug aus der Verankerung gezogene Kunstrasenplatz muss jedoch in einer Nachtschicht neu verlegt werden.

2010 wagt Caroline Müller den Schritt ins Ausland. Für ein Jahr schnürt sie die Schuhe bei UD Levante in Spanien, einem Land, mit dem sie sich seit den regelmäs sigen Ferienaufenthalten als Kind emotional verbunden fühlt. Das Abenteuer als Profispielerin bleibt gleichwohl kurz – wegen einer Hüftverletzung Müllers risikiert der Verein keine Vertragsverlängerung. Im September 2011 kehrt sie zu GC zurück und arbeitet wieder zu 100 Prozent als Lageristin. Nach nur einem Auftritt im GC-Dress al lerdings fällt die Stürmerin aufgrund einer Hüftoperation aus und kehrt erst im Mai 2013 wieder auf den Platz zu

rück. Obwohl sie seit je zu den treffsichersten Schweizer Stürmerinnen zählt, bekommt Müller erst 2017 im Alter von 28 Jahren ihr erstes Aufgebot fürs Nationalteam. Das Länderspiel-Debüt gibt sie schliesslich anlässlich des Zy pern-Cups im Februar 2018 gegen Italien. Zwei weitere Länderspieleinsätze folgen.

An ihrer Treffsicherheit hat sich über die Jahre nichts verändert. Die Bilanz Ende der Saison 2017/18: 25 Tore in 28 Spielen. Die Liga-Torjägerkrone muss sie sich aller dings mit zwei anderen Spielerinnen teilen. Bei der offi ziellen Pokalübergabe an einem Donnerstagabend glänzt sie dann durch Abwesenheit mit der einfachen Begrün dung, sie müsse trainieren. Zwei Tage später dreht sie das erste Spiel der neuen Saison mit zwei Toren im Allein gang. Bis 2021 trägt sie letztlich das GC-Dress. Mit 121 Toren seit der definitiven Eingliederung Schwerzenbachs in den Grasshopper-Club steht Caroline Müller mit gros sem Abstand als Rekordtorschützin des Vereins zu Buche. Das macht sie zur grossen GC-Figur, genau wie Marcel Koller, der einst im selben Schwamendinger Schulhaus gross geworden ist wie Müller. (rfr) Karriere: Polizei (2000–2003), Oerlikon/Polizei (2003/04), Schwerzenbach (2004–2007), United Schwerzenbach (2007/ 08), GC/Schwerzenbach (2008/09), GC (2009/10), Levante (2010/11), GC (2011–2021). NLA-Debüt: 21.9.2005, Schwer zenbach – LUwin.ch 0:2. Mit United Schwerzenbach Cup siegerin 2008. 3 Länderspiele für die Schweiz (0 T). Mit GC: 224 Spiele (201 Meisterschaft/23 Cup), 121 T. Debüt bei GC: 9.8.2008 GC/Schwerzenbach – LUwin.ch 1:1.

Müller, Dieter Offenbach am Main (BRD), 1.4.1954 — «Der FC Bayern statt Wettingen, ich freute mich, wieder Bun desligaluft schnuppern zu können.» Das schreibt Dieter Müller in seiner Biografie Meine zwei Leben zu seinem Wechsel nach Saarbrücken im Herbst 1985, wo ihn Trainer Uwe Klimaschewski später auch einmal zum Wunderheiler schickte, um der Torflaute des Stürmers zu begegnen.

Von solchen Methoden ist in Zürich nichts bekannt, sie waren aber auch nicht nötig, glaubt man der NZZ, die im Juli schon vor Saisonstart schrieb Dieter Müller habe sich «in kurzer Zeit in jeder Beziehung hervorragend in die Mannschaft integriert». Bei GC hatte der 31-jährige Stürmer einen Vertrag über sechs Monate abgeschlossen, er sollte bis zur Ankunft von Mats Gren die Lücke schlies sen, die aufgrund einer Verletzung von Claudio Sulser ent standen war.

Geblieben ist der als zweifacher französischer Meister von Bordeaux zu GC gestossene Müller aber gerade ein

Caroline Müller Ballkontrolle auswärts gegen zwei Baslerinnen, 23. Februar 2020. Grasshopper Club Zürich, Fussball-Sektion, GC Frauenfussball; Daniela Porcelli/JustPictures 376
Müller, Dieter

mal einen Monat und sieben Ligaspiele lang. Drei Mal hatte er getroffen, einmal schob er allein vor dem Torwart ein, einmal skorte er per Kopf, einmal per Penalty. Er trat auch als Vorbereiter in Erscheinung, war aber laut NZZ gelegentlich «nach einer Stunde konditionell völlig über fordert». Tatsächlich war Müller vor seinem Intermezzo bei GC vom 1. FC Nürnberg als «abgetakelt und zu dick» abgelehnt worden. Was ihn dann später nicht daran hin derte, mit seinen zwei Treffern für Saarbrücken die Nürn berger abzuschiessen. Er hatte in den Wochen davor einige Kilo abgenommen und ein verschärftes Konditions training absolviert.

Im Hardturm hatte Müller bereits im Frühling seiner Karriere gespielt: Im November 1976 eröffnete der Schüler von Hennes Weisweiler beim 3:2-Sieg des 1. FC Köln ge gen GC das Skore, schon im Hinspiel der UEFA-Cup-Be gegnung hatte er getroffen. Das war wenige Monate, nachdem er an der EM die Krone des Torschützenkönigs geholt und Deutschland im Halbfinale gegen Jugoslawien mit seinen drei Toren im Alleingang ins Finale geschossen hatte. Weil aber die Chemie mit Trainer Helmut Schön nicht stimmte, war Müller nicht die ganz grosse National teamkarriere vergönnt. Sein letztes Länderspiel? Die Schmach von Córdoba, die Niederlage gegen Österreich an der WM 1978.

Für die WM war er aufgeboten worden als Bundes liga-Torschützenkönig 1977 und 1978. Mit Köln holte er 1977 zudem den Pokal und 1978 die Meisterschaft. Noch immer Rekord bedeuten seine sechs Treffer gegen Werder Bremen im August 1977 – nie hat ein Spieler in einer Bun desligapartie häufiger getroffen. Auch deshalb hatte ihn die Leserschaft des Kölner Express zum Stürmer des Jahr hunderts erkoren. Fussballer war übrigens schon Müllers Vater, Heinz Kaster. Er kickte einst für Eintracht Frank furt. Weil der sich aber aus seinem Leben gestohlen und er ihn 42 Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, nahm Mül ler zu Beginn seiner Kölner Zeit den Namen seines Stief vaters Alfred Müller an.

Am Ende seiner Karriere kehrte der Stürmer von Saar brücken dahin zurück, wo alles begonnen hatte, zu Kickers Offenbach. Später präsidierte er den Verein zwölf Jahre lang. Heute betreibt der Porsche-Liebhaber, der an der WM in Argentinien sogar Zeit gefunden hatte, für 6000 Mark einen Oldtimer Marke Hupmobile zu kaufen, eine Fussballschule. Die Arbeit hier habe ihm geholfen, den Krebstod seines 16-jährigen Sohns zu verarbeiten. Müller selbst wäre 2012 auch beinahe verstorben. Nach einem Herzinfarkt stand sein Herz für 31 Minuten still, fünf Tage

lag er im Koma. Da war dann für den Genussmenschen, der in seiner Zeit in Bordeaux durch seine Freundschaft mit dem Kellermeister des Château Mouton-Rothschild zum Wein gefunden hatte, auch fertig mit Rauchen. Ein Mensch des Savoir-vivre also. Womit GC-Fans erahnen können, woher die paar überflüssigen Pfunde stammten, die Müller in Blau-Weiss auf den Rippen trug. (bau) Karriere: Kickers Offenbach (1986–1989), 1. FC Köln (1973–1981), VfB Stuttgart (1981/82), Girondins Bordeaux (1982–1985), GC (1985), Saarbrücken (1985/86), Kickers Offenbach (1986–1989). 12 Länderspiele für Deutschland (9 T). Mit GC in der NLA: 7 Sp (3 S/2 U/2 N), 3 T. Debüt in der NLA: 7.8.1985 Grenchen – GC 0:2. Karriere als Trainer: Kickers Offenbach (2000).

Müller, Kurt «Kudi» Luzern, 9.5.1948 — «Im Angriff wartet man noch immer darauf, Kurt Müller werde, wie früher in Luzern, ein Spiel entscheiden», schrieb die NZZ Ende April 1972 vor der Partie der letzten Chance. Es ging gegen Basel um die Meisterschaft. Müller traf nicht, Basel gewann mit 2:1 und wurde Meister, GC Dritter. Und die NZZ stellte fest: «Wie rasch sich die Zeiten ändern: Vor einem Jahr war Müller der meistumworbene Spieler der Schweiz.»

Kudi Müller war im Sommer 1971 nach dem Abgang von Ove Grahn der Königstransfer des amtierenden Meis

Kurt «Kudi» Müller Atelier-Porträt, 1971. Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller «Kudi» 377
Müller, Kurt

«Es gibt für mich nicht den einen GC-Moment. Aber als Erstes kommt mir mein erstes Abendessen in Zürich mit Karl Oberholzer in den Sinn … Wer hätte das gedacht: Günther Netzer von Real Madrid zu GC! Körperlich hätte ich gut bei Real weitermachen können, ich war nie so fit wie damals. Der Trainer Miljan Miljanić hat mich zehn Jahre meines Lebens gekostet, puh, der hat uns rumgejagt. Aber Reals Philosophie war es, alle drei Jahre einen neuen Ausländer zu präsentieren, eine neue Attraktion sozusagen. Wir waren nur zwei Ausländer und meine Zeit war abgelaufen, so musste ich gehen.

Nach Deutschland zurück wollte ich nicht, nicht den Erfolg aufwärmen! St. Pauli war ein Thema, eine Arbeit im geschäftlichen Bereich, die Medien machten sich schon lustig: St. Pauli, Netzers letztes Angebot. Immer mal wieder kam mich dieser Karl Oberholzer in Madrid besuchen. Er war damals Direktor bei der BBC und Präsident von GC. Ein netter Typ. Aber für mich war ein Wechsel in die Schweiz zu den Grasshoppers kein Thema.

Dann wurde Helmuth Johannsen Trainer von GC, und der kannte mich natürlich von der Bundesliga. Er war ein schlauer Fuchs, der über den Tellerrand hinausgeschaut hat. ‹Ich habe eine junge Mannschaft›, sagte er zu mir, ‹Du könntest dich um diese Jungen kümmern›. Da hatte er mich. Ich bin ein Kümmerer! Wo es sich lohnt, kümmere ich mich, die anderen fallen durch den Rost. Aber Oberholzer sagte, dass er nichts bezahlen könne. Daran wäre der Wechsel noch fast gescheitert, 200 000 Franken im Jahr, so wenig Geld. Ich wollte dann wenigstens die Einnahmen aus dem ersten Spiel, doch auch die habe ich nicht erhalten. Trotzdem habe ich Ja gesagt.

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«Ich bin ein Kümmerer! Wo es sich lohnt, kümmere ich mich»

Nach sechs Wochen ohne Training kam ich in Kloten an. Oberholzer empfing mich und führte mich als Erstes ins Emilio zum Nachtessen aus. Einer der Besitzer war Real-Fan, der andere Barcelona-Fan. Stellen Sie sich vor, was dort los war. Ich fand es sehr sensibel von Oberholzer, dass er mich in ein spanisches Lokal ausführte. Alle Kellner waren Spanier. Ich achte sehr auf solche Kleinigkeiten und schätze sie. Beim ersten Training war ich als Erster in der Kabine, und bei jedem, der reinkam bin ich aufgestanden und habe ihn freundlich begrüsst. Die meinten wohl, der Netzer sei abgewrackt und spiele um seine letzte Rente. Aber da haben sie sich getäuscht!

Wenn die miteinander sprachen, verstand ich kein Wort. Kein Wort! Da merkte ich, dass die keinen Dialekt sprechen, sondern eine eigenständige Sprache.

«Wenn die miteinander sprachen, verstand ich kein Wort»: Trainer Helmuth Johannsen stellt das Team auf fürs Mannschaftsfoto zur Saison 1976/77, Günter

Netzer wartet auf seinen Einsatz. Aufnahme von Walter Scheiwiller. Bundes amt für Sport BASPO, Foto archiv Scheiwiller

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ereilte ihn der Tod.» In GC-Kreisen wurden unweigerlich Erinnerungen wach an Law Adam, den nur wenige Jahre zuvor dasselbe Schicksal ereilt hatte.

Walter Weiler war 1926 zu GC gestossen, ein Jahr nach seinem älteren Bruder Max. Ihr Stammklub war der noch junge Sportclub Veltheim, bei dessen Gründung 1915 die Weilers eine zentrale Rolle gespielt hatten. Als der FC Winterthur und der FC Veltheim 1915 beschlossen zu fu sionieren, war in der Winterthurer Vorortsgemeinde eine Gruppe junger, talentierter Spieler schwer enttäuscht, hatte der FCV doch soeben den Aufstieg in die Serie A ge schafft. Kurzerhand wurde der SC geründet, erster Präsi dent wurde Eugen Weiler, der in der Folge seine fünf jün geren Brüder nachzog, darunter auch Max und Walter. Es entspann sich eine Erfolgsgeschichte rund um die WeilerBrüder. In der Saison 1922/23 gelang dem Team unter Trainer Gustav Gottenkieny der Aufstieg in die Serie A.

Max und Walter Weiler zog es weg aus Veltheim, nur kurz gingen sie dabei aber getrennte Wege, als Walter für drei Jahre nach Le Havre wechselte. Einmal bei den Grasshoppers angekommen, blieben sie bis zu ihrem Kar riereende den Blau-Weissen treu. Max musste seine aktive Laufbahn 1938 wegen einer Knieverletzung beenden und war forthin als Verwaltungsbeamter tätig. Bei seinem Tod 1969 würdigte ihn der Grasshopper als «dankbarer Spie ler», «entschlossen, sehr schnell im Antritt, ausgestattet mit wachem Reflex», sei er praktisch auf jeder Position einsetzbar gewesen, ein eigentlicher Allrounder: «Trotz aller Erfolge blieb er stets der bescheidene, ruhige Mensch, der auch bei Siegesfeiern nicht zum Überborden neigte.» Ähnlich charakterisierte das Bieler Tagblatt Max Weilers Stärken in einer Serie über Ex-Internationale: «Weiler I war ein ruhiger und bescheidener Sportsmann, im Fussball allerdings sehr temperamentvoll und mit einer enor men Sprungkraft versehen. Er strömte eine grosse Sicher heit aus und war kolossal beweglich, seine akrobatischen Einlagen waren sehenswert». Bei Bruder Walter strich das Bieler Tagblatt hingegen dessen Vielseitigkeit heraus: «Er debütierte als Aussenläufer, war ein bewährter Verteidiger im Riegelsystem und sogar Stopper in der W-Formation». Es sei aber vor allem das «Backbollwerk Minelli-Weiler Il» mit Severino Minelli gewesen, das in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre «europäischen Klang» gehabt habe: «War Minelli mehr der lateinische Typus, so wirkte der sachliche und nüchterne, aber auch harte Weiler Walter mehr im englischen Stil.»

Beide haben als Grasshopper mehrfach die Captain binde der Schweizer Nationalmannnschaft getragen, Max

zwischen 1931 und 1934, Walter 1936. Sie waren zusam men im Kader an den Olympischen Spielen 1924 und an der WM 1934, Walter nahm zusätzlich auch an der Olym piade 1928 für die Schweiz teil.

Walter Weiler hatte didaktische Veranlagung, nach seiner Aktivzeit wurde er vom Schweizerischen Fussballund Athletik-Verband als Verbandssportlehrer berufen. 1944, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte er den Fuss ball-Lehrgang für die Jugend für den Fussballverband, der auf grosses Echo stiess und ins Französische und Italieni sche übersetzt wurde. Die Zeichnungen in der Publikation stammen dabei von Walter Diggelmann. Diese verwen dete dann auch Roger Quinche in seinem SJW-Heft Wir spielen Fussball

Bei einem der letzten Einsätze von Walter Weiler wurde Der Bund bereits schwärmerisch-melancholisch in einem kurzen, mit «Schwanengesang» betitelten Text. «Hinter der scheinbar harten Schale» treffe man auf einen feinen edlen Kern, der nicht nur Fussball als sein Leben betrachte: «Nein, da hat Walter Weiler als Liebhaberei die Musik, nennt einen prächtigen sonoren Bariton sein eigen, greift in die Tasten des Klaviers und entlockt ihm perlende Passagen oder zieht handkehrum mit Pinsel und Palette, die er ebenfalls meisterlich zu führen weiss, über Land, um die schöne Natur auf die Leinwand zu bannen. Wirklich, Walter Weiler kann Vorbild sein.» (bow) Karriere von Max Weiler als Spieler: Veltheim (1915–1925, Ju nioren und 1. Mannschaft), GC (1925–1937). 38 Länderspiele für die Schweiz (3 T). Mit GC: 4 × Meister, 5 × Cupsieger. Kar riere als Trainer: Schaffhausen (1942–1947) Karriere von Walter Weiler als Spieler: Veltheim (1921–1923), Le Havre (1923–1926), GC (1926–1943). 25 Länderspiele für die Schweiz (4 T). Mit GC: 7 × Meister, 10 × Cupsieger (5-mal aktiv im Einsatz).

Weiss, Eberhard St. Gallen, 17.4.1910 – Thalwil, 21.12. 1983 — Eberhard Weiss war nach dem Zweiten Weltkrieg Präsident der GC-Fussballer und hatte ein unrühmliches Kapitel in der Clubgeschichte zu verantworten: den ersten Abstieg aus der Nationalliga A, 1949. Allerdings: Auch der Wiederaufstieg samt anschliessendem Doublegewinn 1952 geschah unter seiner von 1948 bis 1955 dauernden Ägide. Ebenso fielen die beiden Reisen nach Brasilien an den Rio-Cup 1952 (siehe Thomas Preiss’ GC-Moment) und die Weltreise 1954/55 in seine Amtszeit – beide Ex peditionen sollten den Grasshoppers über lange Jahre noch reichen Gesprächsstoff liefern. Beruflich war Weiss schon früh im Familiengeschäft M. Weiss & Co in Zürich

Weiss, Eberhard 566

eingespannt. Dazu gehörten regelmässige Reisen nach Ostafrika, lange Aufenthalte vor Ort. Er musste den Wa renfluss von der Schweiz in die dortigen Gebiete sicher stellen. Die Firma agierte zu Spitzenzeiten an bis zu 36 Standorten als Handelsvertretung verschiedenster Schweizer Marken und vertrieb dabei unterschiedlichste Güter, von Lebensmitteln über Textilien und Uhren bis hin zu Stacheldraht und später auch Textilmaschinen. Sukzessive kam als weiterer Geschäftszweig der Kaffeeund Teehandel dazu, nur dass der Warenstrom da die Richtung änderte: aus dem Tanganjika-Gebiet gings nun in die Schweiz.

Die geschäftlichen Familienpflichten waren es denn auch, die einer möglichen grösseren Fussballkarriere von Weiss im Wege standen. Denn der Stürmer galt als Talent, schaffte unter Dori Kürschner den Sprung ins Fanion team. In der Saison 1929/30 gelangte Weiss zu 19 Einsät zen in der 1. Mannschaft, anlässlich eines Freundschafts spiels gegen Bayern München im September 1929 war Weiss bei der 2:4-Niederlage für beide Zürcher Treffer be sorgt. Im Grasshopper 11/1930 aber liest man sodann: «In der Zwischenzeit hat unser lieber Freund Weiss sein Do mizil nach Afrika verlegt. In ihm hat uns nicht nur ein gu ter Sportsmann und talentierter Spieler, sondern was noch weit wichtiger ist, ein guter Freund und treuer Kamerad verlassen. Ein von uns veranstaltetes Abschiedsfest bewies durch den ausserordentlich grossen Aufmarsch, dass es sich keiner nehmen lassen wollte, unserem Hardy die auf richtigsten Glückwünsche, die an dieser Stelle wiederholt seien, auf den weiten Weg mitzugeben.» (bau)

Weisweiler, Hans «Hennes» Lechenich (Deutsches Reich), 5.12.1919 Aesch bei Birmensdorf, 5.7.1983 — Sektionspräsident Karl Oberholzer zögerte nicht, als er vom Wunsch Hennes Weisweilers erfuhr, nach Europa zurück zukehren. Der damals 62-Jährige hatte seinen lukrativen Vertrag mit New York Cosmos, wo er seit 1980 wirkte, aufgelöst, mit über einer halben Million Franken jährlich war dieser dotiert. Oberholzer schreckte das nicht, er suchte den Kontakt und traf auf einen Trainer, dem es nicht ums Geld ging, wichtiger waren ihm Umfeld, Ar beitsbedingungen, Strukturen und eine harmonische Zu sammenarbeit mit dem Vorstand.

Die Einigung erfolgte schnell, am 7. März 1982. Ge meinsam mit Oberholzer schaute er sich das Spiel gegen Servette an: GC gewann 3:0, 14 000 Zuschauer waren im Hardturm. Weisweiler, der in der Schweiz seit 1978 als profunder Kolumnist der Zeitung Sport bekannt war, war

vom Doppeltorschützen Claudio Sulser beeindruckt (er hatte auch das 1:0 durch Zanetti vorbereitet) und beur teilte GC als «Kampfmannschaft par excellence». Weis weiler unterschrieb für zwei Jahre, in der Presse war vom «aussergewöhnlichsten Trainertransfer in der Geschichte des Schweizer Fussballs» zu lesen. Beim Entscheid hatte offenbar Weisweilers junge Frau Gisela mit eine Rolle ge spielt. Sie, mit der er einen halbjährigen Sohn hatte, über zeugte ihn vermutlich, dass er es nicht mehr nötig habe, sich dem Stress der Bundesliga auszusetzen.

Mit Weisweiler verpflichtete GC den vierten bundes deutschen Trainer in Serie. Allerdings einen, der aus der Reihe tanzte, wie sich Kurt Jara erinnert, der in Zürich mit Weisweiler ein nahes Verhältnis pflegte – auch weil ihre beiden Frauen regelmässig miteinander Tennis spielten: «Hennes war zwar ein Deutscher wie sein Vorgänger Timo Konietzka, aber anders. Menschlich offener, bei ihm hatte man auch durch seine Vergangenheit nie das Gefühl, es sei Druck da.»

In Deutschland wunderte man sich derweil, dass der Startrainer für sein Engagement in Zürich Angebote aus der Bundesliga ausgeschlagen hatte, wo er doch sehr an der deutschen Liga hänge und in der Nähe von Köln ein eigenes Haus besässe. Das ZDF fragte ihn in der Halbzeit pause von GC-Servette, was ihn denn dazu bewegen könne, einen Club mit einem Zuschauerdurchschnitt von

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Hennes Weisweiler Porträt für die Saison 1982/83, aufgenommen im Juli 1982. Bundesamt für Sport BASPO, Fotoarchiv Scheiwiller

Der Grasshopper-Club Zürich hat Geschichte. Mit der jüngeren Vergangenheit, die durch Jahre konfuser Erfolglosigkeit geprägt ist, droht diese vergessen zu gehen. Das wollen die Herausgeber dieses Buchs verhindern. Das zweibändige Werk ordnet die 136-jährige Entwicklung von GC ein, nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich, sozial und kulturell.

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