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Autoren und Verlag danken für die freundliche Unterstützung durch Crowdfunding www.wemakeit.ch, Ernst Göhner Stiftung, Genossenschaft Migros Zürich, Migros-Kulturprozent, Swisslos – Kanton Aargau Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2013 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich Fotografie  Christian Beutler Gestaltung und Satz  Charis Arnold Grafikdesign, www.charisarnold.ch Illustration  Charis Arnold Grafikdesign, www.charisarnold.ch Locationscout  Caroline Schneeberger Lithografie  Fred Braune, www.fdb.ch Druck  Kösel GmbH & Co. KG, www.koeselbuch.de Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts. ISBN 978-3-03823-849-2 www.nzz-libro.ch NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung


Inhalt

Karte: Die Schweiz Karte: Die Agglomeration

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Wie tickt dieses Land?

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Hier endet Zürich. Landesgrenze, Koblenz Unser Haus ist unsere Burg. Familie Merlo, Klingnau Einkaufen mit Mister Coop. Hansueli Loosli, Würenlingen Die Geburt einer Agglomeration im Thurgau Ein Café im Niemandsland. Cornelia und Benno Schneider, Siggenthal Station Der ohnmächtige Lokalpolitiker. Hans Killer, Untersiggenthal Der Tarifverbund in der Nordwestschweiz Im Block. Dragana Todorovic, Nussbaumen Das Fertighaus im Berner Oberland Der Immobilienkönig und seine Neider. Werner Eglin, Baden Die Immobilienmakler in der Zentralschweiz Pflanzen fürs Paradies. Paul Anderes und Walter Germann, Wettingen Benzin im Blut. Willi Sträuli, Neuenhof Die Autopendler im Mittelland Auf dem Schloss. Maja Wanner, Würenlos Stadt statt Güterwagen. Rangierbahnhof Limmattal, Killwangen Die Grosssiedlung in Aarau Jenseits des Shoppingcenters. Werner Roth, Spreitenbach Die neue Ordnung in Lausanne West Herr Regierungsrat liebt das Chaos. Markus Notter, Dietikon Mehr Kultur, aber subito! Martin von Aesch, Schlieren Der Auszug der Verwaltung aus Bern Nicht Tokio. Oliver Reichenstein, Zürich Altstetten Baut endlich höher! Joëlle Zimmerli, Zürich Aussersihl

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So tickt dieses Land! 202 ABC der Agglomeration 206 Dank 208 Anmerkungen 208


Die Schweiz Reportagen aus einem Land im Umbruch 33 57 73 89 113 137 153 177

Die Geburt einer Agglomeration im Thurgau Der Tarifverbund in der Nordwestschweiz Das Fertighaus im Berner Oberland Die Immobilienmakler in der Zentralschweiz Die Autopendler im Mittelland Die Grosssiedlung in Aarau Die neue Ordnung in Lausanne West Der Auszug der Verwaltung aus Bern

BASEL

BERN

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Grundlage: Swisstopo, eigene Darstellung


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Grundlage: Swisstopo, eigene Darstellung

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Die Agglomeration Stationen einer Reise von Koblenz nach Zürich

Hier endet Zürich. Landesgrenze, Koblenz Unser Haus ist unsere Burg. Familie Merlo, Klingnau Einkaufen mit Mister Coop. Hansueli Loosli, Würenlingen Ein Café im Niemandsland. Cornelia und Benno Schneider, Siggenthal Station Der ohnmächtige Lokalpolitiker. Hans Killer, Untersiggenthal Im Block. Dragana Todorovic, Nussbaumen Der Immobilienkönig und seine Neider. Werner Eglin, Baden Pflanzen fürs Paradies. Paul Anderes und Walter Germann, Wettingen Benzin im Blut. Willi Sträuli, Neuenhof Auf dem Schloss. Maja Wanner, Würenlos Stadt statt Güterwagen. Rangierbahnhof Limmattal, Killwangen Jenseits des Shoppingcenters. Werner Roth, Spreitenbach Herr Regierungsrat liebt das Chaos. Markus Notter, Dietikon Mehr Kultur, aber subito! Martin von Aesch, Schlieren Nicht Tokio. Oliver Reichenstein, Zürich Altstetten Baut endlich höher! Joëlle Zimmerli, Zürich Aussersihl

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Wie tickt dieses Land?

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«Es ist fast peinlich, wenn man sagt, man wohne in der Agglo.» Der Satz fällt an einem Abend in Dürnten im Zürcher Oberland. Gesagt hat ihn Kathrin Sulser. Eine Woche lang begleiten wir sie und ihre Familie für eine Reportage. Wir wollen wissen, wie ganz normale Schweizer leben und denken. Nicht das Aussergewöhnliche interessiert uns, sondern der Durchschnitt. Und die Sulsers, sie zählen sich dazu: «Nicht auffällig, so wollen wir durch die Welt gehen», sagt Familienvater Daniel. In Dürnten dämmert es uns: Irgendjemand hat einen Keil in dieses Land getrieben. Einen Keil zwischen Stadt und Agglomeration. Er teilt die Schweiz in Gut und Böse, in Kluge und Dumme. Denn eigentlich dürfte es Familien wie die Sulsers und ihren Lebensstil nicht geben. Sagt man. Aber wer ist «man»? Wer hat uns diese Bilder vom richtigen Leben in den Kopf gepflanzt? Es sind Experten und Publizisten, Architekten und Journalisten, die allesamt in der Stadt wohnen. Deshalb sind sie, die Städter, immer die Klugen, und die draussen, die in der Agglomeration leben, immer die Dummen. Weil selber hat man ja immer recht. Also fordern sie: Baut dicht, lebt urban, das ist die Zukunft! Sie spotten über die Agglomeration, diese wortwörtliche Anhäufung, die sie abschätzig nur «Agglo» nennen. Das «Hüsli» ist für sie ein «Krebsgeschwür», das die Schweiz zerfrisst, der Traum vom Eigenheim eine «Geisteskrankheit». Doch in Dürnten sagt uns an diesem Abend Daniel Sulser: «Die Agglo ist ‹Figgi-und-Müli›. Man ist weg und doch nicht draussen.» Die Agglomeration ist die Stadt des 21. Jahrhunderts. 45 Prozent der Schweizer Bevölkerung wohnt in ihr: mehr als in den Kernstädten oder auf dem Land. Doch die Bewohner dieser neuen Stadt haben keine Stimme. Sie sind jene Menschen, die Häuser bauen oder Wohnungen kaufen; dort, wo sie es sich leisten können. Sie sind jene Menschen, die durch ihr Handeln bestimmen, wie unsere Landschaft aussieht. Sie sind jene Menschen, die merken, dass über sie gesprochen wird, aber die nie gefragt werden: Wie soll eure Schweiz in Zukunft aussehen?


Wollte man die Idealwelt der Städter karikieren, wir würden in einer herausgeputzten DDR leben: Im sozialistischen Staat fuhren die Untertanen alle Eisenbahn. Und sie wohnten, wo immer möglich, in Mehrfamilienhaus-Siedlungen, von Strassenbahnen erschlossen. Verzerrte man, was in der Agglomeration geschieht, ergäbe sich eine Art USA im Mittelland. Symbolisiert durch das raumplanerische Laisser-faire der letzten 60 Jahre und die Ikonen der Konsumgesellschaft: das Automobil und das Einfamilienhaus. Der Abend in Dürnten war für uns ein Aha-Moment. Wir wollten verstehen, wie dieses kleine, vor Wohlstand strotzende Land und seine nunmehr 8 Millionen Bewohner ticken. Deshalb dieses Buch. Da wussten wir noch nicht, dass die Schweizer ein paar Monate später mit ihrem Ja zur Zweitwohnungsinitiative ein erstes Exempel statuieren und im Frühling 2013 das Raumplanungsgesetz verschärfen würden. Ihre Botschaft ist klar: So wie bis anhin kann es nicht weitergehen. Nur, wie lässt sich die zunehmende Dichte von Menschen und Bauten managen, ohne die prächtigen Landschaften zu zerstören? Wie können wir den immer knapperen Boden clever nutzen, ohne alle unsere Freiheiten zu verlieren? Wie sehen sie aus, die amerikanische DDR, die sozialistischen USA? Also suchten wir nach einem Landstrich, wo wir die Schweiz von morgen studieren konnten – und wurden vor unseren Haustüren fündig. Wir fuhren von Koblenz, wo die Aare in den Rhein mündet, über Baden nach Zürich: auf der Suche nach der wahren Grenze der grössten Schweizer Stadt. Auf diesen 45 Kilometern lesen wir die Zeit: Wir erfahren, wie das Land allmählich zur Stadt wird. Wie Familien in der Agglo­ meration wohnen, wie Detailhändler unsere Landschaft prägen. Wie ein Gemeindeammann die Dorfpolitik verwaltet und eine junge Serbin im Wohnblock eine Heimat findet. Wir treffen einen Immobilieninvestor, der die Kleinstadt umpflügt. Wir ent­ decken, wo sich die Menschen ihr persönliches Glück kaufen: in der Gärtnerei. Wir sprechen mit der Frau eines Medienkönigs und einem pensionierten Sekundarlehrer. Wir besuchen ebenso einen Auto­händler, den «Tätschmeister» der singenden «Schlie-

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remer Chind» wie einen alt Regierungsrat aus Dietikon oder die schärfste Kritikerin der Stadtzürcher Baupolitik. Doch Klingnau, Würenlingen, Untersiggenthal, Nussbaumen, Baden, Wettingen, Würenlos, Neuenhof, Dietikon, Schlieren und Zürich – alle diese Gemeinden sind nur Beispiele, sie könnten irgendwo in der Schweiz liegen. Die Fahrt von Koblenz über Baden nach Zürich ist ein Lehrpfad für das ganze Land. Nichtsdestotrotz machen wir Abstecher nach Ittigen und Lausanne, ins Berner Oberland, ins Baselbiet, in die Innerschweiz, ins Glarnerland und in den Thurgau, wo sich ebenfalls Bemerkenswertes tut. Dort lernen wir die Kniffe der Hausmakler kennen, begleiten Autopendler auf ihrem Arbeitsweg, entdecken, wie die Bundesverwaltung die Zersiedelung fördert, oder erleben, wie man Ordnung ins Vorstadtchaos bringt. Ein Jahr lang dauerte unsere Reise durch die Agglomeration. Immer waren wir im Auto unterwegs. Denn trotz S-Bahn-Ausbau und Ortsbussen bis in die letzten Weiler: Die Agglomeration ist Autoland. Unsere Kutsche war ein dunkelblauer Volvo 940 Polar, Baujahr 1994. Ein Auto, das die Funktion vor die Form stellt, dafür maximalen Komfort bietet – und das deshalb so gut in die Agglomeration passt. Der Volvo ist pragmatisch aus Prinzip. An einem Winterabend sitzen wir im «Fressbalken», der Autobahnraststätte Würenlos, über Schnitzel, Pommes frites und Rivella Blau. Unter uns rauscht der Feierabendverkehr auf der A1. Wir erinnern uns, wie wir selber aufgewachsen sind. Paul Schneeberger, der Ältere von uns, Jahrgang 1968, in Luzern in einem Wohnblock aus den 1960er-Jahren. Der Jüngere, Matthias Daum, Jahrgang 1979, in einem Reihenhaus in Ürikon, gebaut auf der grünen Wiese. Die Bauten waren keine ästhetischen Perlen. Aber zufrieden waren wir beide in unserer Kindheit. Es ist diese Erfahrung, die uns ahnen lässt: Das Glück findet einen überall. In der Agglomeration wie in der Stadt, im «Hüsli» wie im Block. Doch was braucht es, dass dies so bleibt? Bis heute ist die Schweiz einfach passiert. Ungeplant. Aber reicht das auch in Zukunft? In einem Land, in dem bald einmal 10 Millionen Menschen wohnen – und wo immer mehr Menschen über ein Gefühl der Enge klagen? Das wollen wir herausfinden.


Koblenz. Kanton Aargau. Noch stehen am Ende der Sunnehofstrasse erst drei verlorene Giebelhäuschen. Doch die zwei Dutzend Bauge­

spanne künden vom Wandel. Von der Zukunft. Wir lenken den Volvo auf einen Garagenvor­platz – und steigen aus. Das Surren der Hochspannungsleitungen übertönt die zwitschernden Vögel. Aus dem Tal, wo wir den Rhein vermuten, weht das Rauschen des Verkehrs: die leise Kakofonie der Agglomeration. Im nächsten Sommer werden auf dieser Wiese vier dreistöckige Blöcke mit grellgrüner Fassade stehen. Darin 42 Eigentumswohnungen, die dem nahen Deutschland auf der anderen Seite des Rheins den Rücken zuwenden. Gebaut im Minergiestandard. Mit Tiefgarage und Hobbykellern. Mit grossem Balkon und Reduit. Ein Stadtquartier, gebaut auf der grünen Wiese. Wir schauen uns an. Nicken. Hier ist, was wir über ein Jahr lang gesucht haben: die wahre Stadtgrenze von Zürich. Klar, es ist nicht die politische Stadtgrenze, die sich durch Koblenz zieht; die ist seit Jahrzehnten unverrückbar, als wäre sie gottgegeben. In Koblenz endet auch nicht das Zürich in unseren Köpfen. Zu tief hat sich der Lokalchauvinismus in den grauen Zellen eingebrannt. Wir Schweizer sind Kleinkrämer im Geist.

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Wir sind Dietiker, Badener oder Untersiggenthaler. Luzerner oder Üriker. So denken wir zumindest. Aber handeln wir auch danach? Mitnichten. Geht es um unsere Träume und Wünsche, um unsere Arbeit und unsere Liebsten, um unsere Lebensentwürfe, dann kümmern uns keine Linien auf den Landkarten. Dann interessiert uns nur Handfestes: der nahe Autobahnanschluss oder die gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, der Wald hinter dem Haus oder der eigene Garten, der sichere Schulweg unserer Kinder oder die Nachbarn – und zuallererst: unser eigenes Geld. Und genau diese Wünsche, Träume, die wir dank unserem Wohlstand verwirklichen können, markieren die wahre Stadtgrenze von Zürich. 45 Kilometer vom Hauptbahnhof in Zürich entfernt in einem 1500-Seelen-Ort, dort, wo die Aare in den Rhein fliesst. Wer im nächsten Sommer an der Sunnehofstrasse einziehen wird, der lebt an einem der äussersten Ränder des Einzugsgebietes der grössten Schweizer Stadt. Genau 46 Minuten, das verspricht das Verkaufsinserat in der Aargauer Zeitung, dauert die Fahrt mit dem Auto nach Zürich; vorausgesetzt, am Limmattaler Autobahnkreuz herrscht für einmal kein Stau. Mit dem Zug ist der Neu-Koblenzer sogar in 38 Minuten am Hauptbahnhof. Und wenn in wenigen Jahren eine direkte S-Bahn-Linie von Koblenz über Baden nach Zürich führt, wird die Gemeinde endgültig zum Aussenquartier der Grossstadt. Doch unser Bewusstsein liegt immer ein paar Schritte hinter unserem Verhalten zurück. In Zürich spricht niemand von Koblenz. In Koblenz niemand von Zürich. Wir steigen wieder in den Volvo. Draussen gleitet Koblenz vorbei. Das langgezogene Dorf ist mehr ein skurriler Grenzort als eine Boom­town. Das Restaurant Engel ist geschlossen, die «Blume» macht Betriebsferien. Zwei Männer zwängen ein Bett­ sofa in einen schmalen Hauseingang, eine junge Frau sieht ihnen dabei zu – sonst sind die Strassen menschenleer. Dafür stauen sich die Lastwagen auf der Rheinbrücke vor dem Grenzübergang: 15 000 Fahrzeuge fahren täglich durch dieses Nadelöhr. Schnaubend quälen sich die Brummis um die scharfe Kurve auf die Hauptstrasse. Ihre schweren Abgase kitzeln uns in der Nase.


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Grenz端bergang, Koblenz


Koblenz lebte lange von der Grenze. Doch längst sind in Europa die Grenzbarrieren gefallen – und mit ihnen gingen die Geschäftsmodelle flöten. Wer von Deutschland in die Schweiz fährt, sieht zwar noch immer als erstes eine Raiffeisen-Filiale. Aber seit die deutschen Steuerbehörden ihre Schwarzgeldsünder auch im Nachbarland jagen, wagt kaum mehr einer, seine Euros im Koffer in die Schweiz zu schmuggeln. Die Filiale Koblenz ist eine unter vielen. Und fuhren früher viele Deutsche aus dem Schwarzwald ins Aaretal, um hier Teigwaren und Schokolade zu kaufen, so fliesst heute der Warenverkehr in die andere Richtung. Schweizer Einkaufstouristen füllen im nahen Waldshut die Kofferräume ihrer Autos mit günstigen Lebensmitteln. Und nicht nur das. An der Koblenzer Bahnhofstrasse an der Fassade eines alten Schuppens hängt ein Banner: «Hallo Eidgenosse – Eine Bitte – Bevor Sie in Deutschland Möbel kaufen … ! Schauen Sie mal kurz in unser Zustelllager.» Wir fahren weiter. Vorbei an den Tankstellen am Dorfrand und dem Königreichsaal der Zeugen Jehovas. In den Vorgärten an der Hauptstrasse knattern Flaggen im Wind: viermal das Schweizerkreuz, einmal die blau-gelben Farben des Kosovo. Auf geht’s!

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Die Geburt einer Agglomeration im Thurgau Rh

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Grundlage: Swisstopo, eigene Darstellung


FRAUENFELD


«Das Gärtchendenken hat keine Zukunft» «Die Häuser kommen näher», sagt Liselotte Peter, 50, während sie ihren Subaru über den Feldweg zum Hof steuert. «Für uns Bauern wird es immer schwieriger.» Gut 30 Hektaren bewirtschaftet ihre Familie in der dritten Generation. Milchwirtschaft, etwas Ackerbau, und aus Liebhaberei verarbeitet sie jeden Herbst ein paar Dutzend Tonnen Hochstammobst zu Most. Schliesslich sind wir hier in «Mostindien». Das 450-Seelen-Dorf Kefikon in der Gemeinde Gachnang im Thurgau hat seine ländliche Unschuld längst verloren. Wie überall im Westen von Frauenfeld schmiegt

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sich ein Einfamilienhaus-Speckgürtel um die Dorfkerne. Giebeldachhäuschen, davor ein Sitzplatz, rundherum ein Rasenstreifen. Architektur ab Stange. Das neue Zeitalter begann im Jahr 1976, als die National­ strasse 7 von Winterthur nach Frauenfeld eröffnet wurde. Die Thurgauer jubelten, endlich waren sie schneller in Winterthur, Zürich oder Bern. Keiner dachte daran, dass die Autobahn nicht nur die Städte verbindet, sondern auch Menschen und Firmen auf das Land zwischen den Zentren spült. Ohne gross zu planen, haben die Kefiker und die Gachnanger deren Landhunger gestillt. Sie haben Landwirtschaftsland zu Bauland gemacht. Und als die Bauzonen voll waren, haben sie einfach wieder neue geschaffen. Am meisten profitiert von dieser Entwicklung haben die Bauern. Zumindest jene, die ihre Höfe aufgaben, ihr Land erst verpachteten und es schliesslich verkauften, wenn sie dem Angebot nicht mehr widerstehen konnten. Die Gelegenheit macht Geschäftemacher. Doch der Boom ist vielen nicht mehr ganz geheuer. 1998 zählte man in Gachnang 2700 Einwohner, 2013 bereits 3600 – bei 4600 Gochlingern soll Schluss sein. Später, in der Bauernstube bei einem Glas Most, sagt Liselotte Peter: «Man will die Gemeinden immer weiterentwickeln. Aber bringt es das?» Nicht, dass die Präsidentin des Dorfvereins und langjährige SVP-Gemeinderätin eine Ewiggestrige wäre. Sie weiss, Stillstand ist für eine Gemeinde wie Gachnang ein Rückschritt. «Aber kann man das Schicksal einer Gemeinde überhaupt beeinflussen?», fragt die heutige Kantonsrätin nachdenklich. Gachnang versucht es. Zusammen mit den Nachbarn Frauenfeld und Felben-Wellhausen nimmt man das Planungsschicksal in die eigenen Hände. Gemeinsam wollen die drei Gemeinden die Zersiedlung stoppen und ihren «grünen Thurgau» retten. Es ist ein kompliziertes Unterfangen. Und ein Lehrstück über den beschränkten Einfluss der Raumplanung – und über die Ohnmacht von Lokalpolitikern. Die Schweiz wird auf drei Ebenen geplant – beim Bund, bei den Kantonen und bei den Gemeinden. Der Bund bestimmt die Strategie, die heute lautet: Siedlungen verdichten und trotzdem Lebensqualität erhalten, unverbaute Landschaften schützen und


trotzdem die Entwicklung nicht auf wenige Zentren beschränken. Auf diesem Raumkonzept basieren die Richtpläne der einzelnen Kantone. Sie bestimmen wiederum, was Siedlungs-, Landwirtschafts-, Erholungs- oder Naturschutzgebiet ist und was eine schützenswerte Landschaft. Daran orientieren sich die Zonen­ pläne der einzelnen Gemeinden. Erst sie zeigen, ob und wie hoch auf einer bestimmten Landparzelle gebaut werden darf und ob eine Bauzone für Wohnen, Gewerbe oder Industrie gedacht ist. So weit, so einleuchtend. Da sich die Wirtschafts-, Verkehrsund Siedlungsentwicklung aber nicht an politische Grenzen hält, wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Zwischen­ ebenen eingeführt. Zum Beispiel schlossen sich Gemeinden zu Pla­nungsgruppen zusammen. Seit 2001 ergänzen Agglomerations­programme das Planungsinstrumentarium. Sie haben zum Ziel, die Entwicklung von Siedlung und Verkehr besser aufeinander abzustimmen. Will man herausfinden, was all diese Programme tatsächlich bewirken, muss man eintauchen in die Welt von gelben, roten und blauen Bundesordnern. Man muss dorthin gehen, wo in der Schweiz die Macht hockt: in die Gemeinden. An einem nebelverhangenen Novembermorgen in der Gemeindeverwaltung von Gachnang. Vis-à-vis am Tisch Matthias Müller, 58, Anwalt von Beruf, Mitglied der EVP und seit 1999 Ge­ meindeammann. «Es kann nicht immer so weitergehen», sagt Müller. «Wir wollen eine ländliche Agglomerationsgemeinde bleiben.» Mit einem Arzt, einer Metzgerei, einer Post, einem bedienten Bahnschalter. Und damit, Matthias Müller tippt die beiden Ordner auf dem Tisch an, soll der Balanceakt zwischen Fortschritt und Bewahren gelingen: mit dem regionalen Richtplan «Siedlung und Verkehr» der drei Gemeinden Frauenfeld, Gachnang und Felben-Wellhausen. Der regionale Richtplan ist eine mehrere Hundert Seiten di­cke Gebrauchsanweisung. Er legt fest, wo und wie bis ins Jahr 2030 in der Agglo­meration Frauenfeld mit ihren 28 000 Bewohnern 4000 neue Einwohner leben und arbeiten sollen. Nur, ist das realistisch? Denn Gachnang, Felben-Wellhausen und Frauenfeld liegen nicht am Ende der Schweiz, sondern mittendrin. «Neuzu-

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züger kommen vor allem wegen des S-Bahn-Anschlusses», sagt Gemeindeammann Matthias Müller. Im Süden die A1, St. Margrethen–Genf, im Norden die A7, Winterthur–Kreuzlingen: 15 Minuten nach Winterthur, 40 Minuten nach Zürich. Die Bahnhöfe an der Strecke Winterthur–Romanshorn sind Teil des Zürcher S-Bahn-Netzes: eine Viertelstunde nach Winterthur, 30 Minuten an den Flughafen Kloten. «Familie Zürcher wohnt im Thurgau», texteten einst die Ostschweizer Standortförderer. Kein Wunder bei diesen Baulandpreisen: Um die 1000 Franken kostet der Quadratmeter in Winterthur, 550 Franken in Gachnang, 450 in FelbenWellhausen. Seit der Richtplan publiziert worden ist, bestürmen Immobilienhändler die Gemeindeverwaltungen und die Grundbesitzer in den drei Thurgauer Gemeinden. Denn seither ist klar, wo Landwirtschaftsland in Bauzone umgewandelt wird. Der Run auf den Boden erinnert an den Goldrausch am Colorado. «Deshalb hat das Gärtchendenken keine Zukunft», sagt Müller. Allein könne eine Gemeinde wie Gachnang dem Druck aus dem Westen nichts entgegensetzen. Die Einsicht, dass man die Zukunft besser gemeinsam plant, hat aber auch mit Geld zu tun. Der Bund bezahlt nämlich seit 2008 jährlich zwischen 300 und 350 Millionen Franken an die Verkehrsinfrastruktur in den Agglomerationen. «Das machte uns hellhörig», sagt Urs Müller, 38, der Bauvorsteher der Stadt Frauenfeld. Der Politiker des lokalen Linksbündnisses «Chrampfe & Hirne» arbeitet in einem Bürogebäude, eingeklemmt zwischen Coop-Megacenter und Altstadthügel. «Denn Frauenfeld hat ein Verkehrsproblem. 18 000 Autos quälen sich täglich durchs Städtchen.» Also liess Urs Müller seine Planer, Ingenieure, Geografen, Bauzeichner und Politikerkollegen antraben. Sie sollten einen Richtplan für Frauenfeld und seine zwei Nach­ bargemeinden zimmern. Denn Verkehrspolitik ist Siedlungs­ politik. Um das kleine Gachnang und Felben-Wellhausen ins Boot zu holen, rang sich die Hauptstadt ein Zugeständnis ab: Sie verzichtete auf Bauland, zugunsten der beiden kleinen Partner. «Bei ihnen gibt es noch zentrale Parzellen in Bahnhofs­nähe, während in der Stadt die letzten unbebauten Wiesen an den


Hügeln liegen, fern von öffentlichem Verkehr und Autobahn», sagt Stadtrat Urs Müller. So werden in den kommenden Jahren zwar 22 Hektaren Land neu eingezont, rund 30 Fussballfelder, im Wert von gegen 100 Millionen Franken. Aber das geschieht dort, wo es raumplanerisch sinnvoll ist. Matthias Müller, der Gemeindeammann von Gachnang, sagt: «Vor zehn Jahren wäre es unmöglich gewesen, einen solchen Richt­plan zu erstellen.» Sein Vorgänger und der Frauenfelder Stadtpräsident hatten das Heu nicht auf der gleichen Bühne, der Stadt-Land-Graben war zu tief. Müller selber ist in Frauen­feld aufgewachsen. «Es steht und fällt mit den Personen», sagt auch sein Amtskollege Urs Müller. Also ging er, der Städter, in die beiden Gemeinden an Ratssitzungen, nahm den Kollegen die Angst vor dem grossen Partner und überzeugte sie: Um unsere Probleme zu lösen, müssen wir zusammenarbeiten. «Solche Sachen macht man nur, solange man es sich leisten kann», sagt Werner Künzler, 54, SVP-Gemeindeammann von Felben-Wellhausen, der Dritte im Bunde der Agglomacher. Allein der Richtplan kostete die Gemeinden 650 000 Franken. Künzler spielt im Trio die Rolle des bodenständigen Skeptikers. Stolz trägt der ehemalige Pachtbauer mit einem Gemeindewappen-Pin am Jackett sein Amt zur Schau. Auch in Felben-Wellhausen ist der Bauboom sichtbar. Aus dem Bauerndorf mit über zwanzig Höfen ist in einem Vierteljahrhundert eine ländliche Wohngemeinde geworden; die Einwohnerzahl verdoppelte sich auf heute 2500. Blickt Werner Künzler aus seinem Bürofenster, sieht er an diesem Nachmittag die Umzugswagen beim brandneuen Mehrfamilien­ haus Residenza vorfahren. «Ein regelrechter Zuwanderungstrom ist das», sagt Künzler, «dabei wollen wir sinnvoll und massvoll wachsen.» Das heisst um höchstens 25 Personen im Jahr. Allein, was die Besitzer mit ihren Grundstücken machen, bestimmt nicht die Gemeinde. Ob sie eine «Residenza» mit 22 grosszügigen Wohnungen bauen oder ein Einfamilienhaus. Wie am Villenhügel des Dorfs, dem Gutsberg, wo Säuleneingänge die Häuser schmücken und kleine Swimmingpools in den Gärten stehen. Dort würden die Planer und Politiker gerne mehr bauen: Verdichten, lautet das Gebot der Stunde. Doch viele Besitzer

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blocken ab. Das Land wird gehortet, man kann es sich leisten – und der Preis könnte ja noch weiter steigen. «Die Leute investieren ihr Geld heute lieber in Immobilien und Grundstücke als in Aktien», sagt Werner Künzler. Je länger die Stunden in den Verwaltungsbüros werden, desto mehr erhält man den Eindruck: Ein grosser Wurf ist der Richtplan nicht. Wieso etwa legen die Gemeinden nicht alle ihre Industriezonen zusammen? Allein das Dorf Felben-Wellhausen hat deren zwei – an beiden Enden der Gemeinde eine. Ja, wieso nicht das grosse Reinemachen wagen? Weil die Thurgauer, stolz auf ihre Bodenhaftung, sich lieber auf das Machbare beschränken. «Es war schon ein grosser Schritt, den Verkehr und die Siedlung aufeinander abzustimmen», sagt Stadtrat Müller, also die Tief- und Hochbauer, die Ingenieure und Architekten an einen Tisch zu bringen. Doch zu viel politische Pragmatik schadet. Der Planung, der Wirtschaft – und vor allem der Landschaft. Das zeigte sich in Gachnang bei der Diskussion um die so­ genannten strategischen Arbeitsplatzzonen, also bei der Frage: Wo sollen in Zukunft in der Region Firmen angesiedelt werden? Eigentlich hatte man den idealen Ort gefunden und auf allen Plänen violett eingefärbt: im Gewerbegebiet Islikon, westlich der Frauenfelder Zuckerfabrik. Das Land ist flach, bestens erschlossen – und zusätzliche Arbeitsplätze im Ort verringern den Pendlerverkehr. Nur wollten die Bauern ihr Kulturland nicht verkaufen. Die Anwohner schimpften in Leserbriefen gegen die geplante «Lidl-Zone». Darauf strichen die Behörden sie flugs aus dem Richtplan. «Eben. Es braucht den Mut, Nein zu sagen», sagt die Bäuerin Liselotte Peter in ihrer holzgetäferten Stube mit dem hellblauen Kachelofen in Kefikon. Bei der Diskussion um das Gewerbegebiet Islikon ist dies den Landwirten gelungen. Zumindest vorerst. Für die nächsten 20 Jahre wächst hier Mais und weidet das Milchvieh.

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Siggenthal Station, wo Benno und Cornelia Schneider ein Café führen, das ihren Namen trägt, war früher Niemandsland.

Ein Bahnhof, ein paar Häuser im Grünen, später noch ein Zementwerk. Das war’s. Doch als wir mit unserem Volvo das Coop-Center in Würenlingen verlassen und auf der Kantonsstrasse in Richtung

Baden fahren, wähnen wir uns in «Main Street America». Tankstelle reiht sich an Tankstelle, Gewerbebetrieb an Autogarage. Und dann, in einem Bau aus den 1950er-Jahren, das Café Schneider. So unscheinbar das Café aussieht; es ist ein Pionier. «Mein Vater hatte erkannt: Wenn immer mehr Leute ein Auto fahren, liegt unsere Zukunft an der Kantonsstrasse», erzählt Benno Schneider. Der 60-Jährige führt den Betrieb in zweiter Generation. Wir treffen ihn und seine Frau Cornelia, die den Service leitet, an einem ruhigen Dienstagnachmittag in ihrem Betrieb. Die roten Sitzpolster im Lokal und der hell glänzende Platten­ boden erinnern an einen amerikanischen Diner. Der Duft der unbegrenzten Freiheit liegt in der Luft. «Im Moment sind kaum Würenlinger hier», sagt Benno Schneider nach einem kurzen Blick in den grossen Spiegel an der

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Wand. «Das ist nicht untypisch. Wir haben viele Gäste, die von auswärts kommen oder auf der Durchreise sind. Das A und O für den Erfolg unseres Betriebs sind die Parkplätze.» Trotz unseres Gesprächs: Den beiden Cafébesitzern entgeht nichts, was sich hinter ihrem Rücken tut. Alle Gäste werden begrüsst, viele mit Namen. Siggenthal Station ist ein Dazwischen-Land und ein gutes Beispiel dafür, wie die Schweiz mit Bauten allmählich aufgefüllt wird. Begonnen hatte die Geschichte dieses Ortes zwischen den alten Dörfern 1859 mit der Eisenbahn. Ihre Erbauer folgten nicht den bestehenden Landstrassen, sondern zogen eine möglichst gerade Linie in die Landschaft. So kam der Bahnhof SiggenthalWürenlingen auf die Grenze der Gemeinden Untersiggenthal und Würenlingen zu stehen. Wie in einer Frontier-Stadt in Amerika gesellten sich zum Stationsgebäude weitab der beiden Dörfer erst das Hotelrestaurant Bahnhof und später ein paar Wohnhäuser. Und wie es sich für ein Nest im Niemandsland ohne Sheriff gehört: ein schummriger Nachtclub mit «monatlich wechselnden Girls». Das auffälligste Wahrzeichen aber setzte die Industrie. 1912 bauten die Portland-Cement-Werke in Siggenthal Station ihren Zementofen ins Nirgendwo. Passé sind die Tage, an denen der Rauch aus den Schloten die Nachbarschaft mit einem weissen Schleier überdeckte. Aber bis heute werden hier 900 000 Tonnen Zement pro Jahr produziert. 40 Jahre später öffnete das Café. Cornelia Schneider holt aus dem Büro eine Festschrift – und schwelgt in Erinnerungen. Vater Schneider, ein waschechter Würenlinger, hatte in Zürich Konditor gelernt. Dort traf er nicht nur die Frau fürs Leben, sondern entdeckte auch die Gastronomie der Grossstadt: das Café. Nach zwei Jahren mit eigener Bäckerei im Dorfkern von Würenlingen zog er 1952 in den Neubau im Niemandsland um. Noch heute ist die Aufbruchsstimmung dieser Tage an der Fassade ablesbar: Auf der Stirnseite zum Parkplatz prangt ein Sgraffito, das den Segen des Brots für die Menschheit preist. Und auf der Strassenseite glimmt eine elegante Leuchtschrift. Das «Schneider» war allen ein Begriff, die regelmässig zwischen Waldshut, Koblenz und Ba-


den unterwegs waren. Enkelinnen kehrten hier mit ihren Grossmüttern ein. Einkaufstouristen aus der Innerschweiz machten bei den Schneiders einen Kaffeehalt. «Passanten machen auch heute einen grossen Teil unserer Kundschaft aus», sagt Cornelia Schneider. Zu Fuss aber kommt hier kaum jemand vorbei, alle kommen sie mit Auto, Töff oder Velo. Denn die Lage an der Hauptstrasse ist unwirtlich. «Je mehr der Verkehr zunimmt, desto eher wird er für uns zu einem Handicap», sagt Benno Schneider. 12 000 Fahrzeuge fahren täglich durch Siggenthal Station. Die Route ist unter Lastwagenchauffeuren beliebt als kürzester Weg von Waldshut auf das Schweizer Autobahnnetz. Gerade donnert ein dunkelblauer Sattelschlepper der Speditionsfirma Eckert aus Albbruck in der deutschen Nachbarschaft über den Asphalt. Selbst die dreifachverglasten Fenster schlucken den Lärm nicht ganz. Doch für Schneiders ist nicht so sehr der Krach das Problem, auch mit dem Gestank der Abgase können sie leben, aber das Abbiegen auf ihren Parkplatz wird immer schwieriger. Die Lage an der Durchgangsstrasse, einst ein Segen, wird für das Café Schneider zum Fluch. Dagegen können auch die Stammgäste aus dem Dorf nichts ausrichten. Etliche sind im «Schneider» Gast, seit das Lokal existiert. Und manche von ihnen erinnern sich, wie Benno, das dritte von fünf Kindern, das Geschäft von Vater Karl übernahm. «Mit einem Knalleffekt.» Die beiden Schneiders stritten sich in der Backstube. Da schmiss der Junior dem Vater ein Blech mit 80 frischen Cremeschnitten vor die Füsse: «Du oder ich! Entscheide dich!», herrschte er ihn an. Der Senior verstand und zog sich aus dem Betrieb zurück. Heute verliert Benno Schneider kein schlechtes Wort über seinen Vater. Ja, was würde Vater Schneider heute tun, da die Gemeinde Würenlingen, auf deren Boden das Café liegt, rasant wächst? Und Benno Schneider trotzdem froh sein muss, wenn er den Umsatz in seinem Café halten kann. Dabei stemmen sich die Schneiders wie alle Kleinunternehmer mit aller Kraft gegen den Niedergang. Dreimal täglich treffen sich Handwerker und Gewerbler aus der Region im Café zu ihrem

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Stammtisch. Die erste Runde kehrt bereits um 7 Uhr in der Früh ein, dann, wenn das Café öffnet, die zweite zum Znüni, und die letzte Runde kommt nach Feierabend. Und längst servieren die Schneiders mehr als nur Kaffee, der bei ihnen noch weniger als 4 Franken kostet, oder hausgemachte Patisserie. «Meine Speziali­ tät sind Cremeschnitten und Kirschtorten», sagt Benno Schneider stolz. Heute gibt es über Mittag auch Tagesmenus für bloss 15 Fran­ken: etwa «Hausgemachter Hackbraten mit Ofenkartoffeln und Rüeblistengeli» oder «Handy-Toast garniert mit knackigen Salaten». Täglich gehen zwischen 25 und 45 Menus über die Theke. In der besten Zeit, von den 1970er-Jahren bis in die 1990erJahre, arbeiteten 30 Personen im Betrieb, heute sind es noch zehn. 2010 gaben Schneiders die Bäckerei auf, die seit 1952 Rückgrat des Betriebs war. Etwa 15 Prozent der Produktion – «wir verarbeiteten über 100 Tonnen Mehl im Jahr» – verkaufte Bäcker Schneider sel­ber, den Rest lieferte er an andere Abnehmer, auch an Coop. Doch der Grossverteiler ist vom Kunden zur Konkurrenz geworden. Der nahegelegene Aarepark und die vier Tankstellenshops in der unmittelbaren Umgebung machten dem Lebensmittelladen der Schneiders den Garaus. Auch er war Teil des Mini-Imperiums, das sich die Familie Schneider im Niemandsland aufgebaut hatte. 40 Jahre lang war er in Siggenthal Station das einzige Geschäft mit Gütern für den täglichen Bedarf – seit 2007 ist der Laden Geschichte. Nur Brot wird hier noch verkauft, von einem Bäcker aus Leuggern, einem Dorf in der weiteren Nachbarschaft. So sind die Schneiders seit einigen Jahren am Zurückbuchstabieren. Heute wohnen sie nicht mehr in der Wohnung über dem Café, sondern in einem Neubauquartier ein paar 100 Meter entfernt. «Das schafft etwas Distanz.» Und der Konditor aus Leidenschaft fügt an: «Wenn der Richtige kommt, der den Betrieb übernehmen will … Wir sind bereit.» Nicht nur, weil sich die Zeiten im Niemandsland ändern. Auch, weil sie keine Kinder haben, die den Betrieb übernehmen könnten, und weil die Gesundheit unter dem strengen Bäcker­ beruf litt. «Früher waren wir fast ein 24-Stunden-Betrieb», er­ innert sich Benno Schneider. Um 3 Uhr stieg er jeweils zusammen mit seinen Angestellten in die Backstube, heute kann er


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17 Nachtclub, Siggenthal Station 18 Zementwerk, Siggenthal Station 19 Landstrasse, Siggenthal Station

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20 CafĂŠ Schneider, Siggenthal Station 21 Blick auf die andere Seite der Aare, Siggenthal Station 22 Benno und Cornelia Schneider, CafĂŠtiers 23 Schwerverkehr, Siggenthal Station

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«aus­schlafen». Sein Konditorenhandwerk beginnt er um 4.30 Uhr. «Ich beschränke mich auf meine Passion», sagt der Patron. Bis zu den autofreien Sonntagen in den 1970er-Jahren war das Café sieben Tage die Woche geöffnet, und zwar bis um Mitternacht. Seither nur noch von Montag bis Samstag, und um 18.30 Uhr am Abend ist Schluss. Die kürzeren Öffnungszeiten widerspiegeln das veränderte Ausgehverhalten der Kundschaft. Nach Siggenthal Station kommt abends, wer schnell in einem Tankstellenshop etwas kaufen will oder wen es nach den Inter­national Girls im Nachtclub Bändli gelüstet. Wer gut essen oder sich entspannt bei ein paar Bieren unterhalten will, der fährt anders­wo hin. Mit dem Auto, dem Töffli oder dem Bus. «Man geht in unserer Gegend nicht mehr dort in den Ausgang, wo man wohnt», sagt Cornelia Schneider. Es ist paradox: Vater Karl Schneider brachte mit seinem Café ein Stück Stadt aufs Land. Und nun, da das Land auch hier schleichend zur Stadt wird, sind die goldenen Zeiten des «Schneider» vorbei. Erst als wir im Volvo auf eine Lücke im Verkehrsstrom warten, um vom Café-Parkplatz auf die Kantonsstrasse einzubiegen, dämmert es uns. Selbst in Siggenthal Station wirken heute die Ideen der Planer und Architekten: Die «Statiönler», wie sich die Bewohner nennen, suchen im Ausgang nicht den Charme einer amerikanischen Kleinstadt mit ihren Fast-Food-Buden, sondern die klassische europäische Stadt des 19. Jahrhunderts. Mit ihren Kaffeehäusern, Plätzen und Gassen.

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Volvo im Kuhg채ssli-Kreisel, W체renlingen


Die Grosssiedlung in Aarau

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«Man kennt sich ja» Martin Koenig, 64, steht auf dem Balkon seiner 3-ZimmerWohnung im vierten Stock. «Schauen Sie, diese Aussicht!» In der Dun­kelheit erahnt man am Horizont die Jurakette. «Und wäre es wind­still, Sie hörten nichts!» Tatsächlich: Ausser dem Rauschen der Herbstböen, die an diesem Donnerstagabend über das Mittelland peitschen, herrscht Stille. Kein Autolärm, kein Tramquietschen, kein Zugbrausen, kein Flugzeugbrummen und kein Menschengeschnatter. Dabei haben Martin Koenig und seine Partnerin Brigitt Iseli über 2500 Nachbarn, verteilt auf 1258 Wohnungen. Ein Siebtel der

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Aarauerinnen und Aarauer wohnt in der mittleren Telli, 1,5 Kilo­ meter nordöstlich des Stadtzentrums. Die vier riesigen Wohn­ bauten sind ein imposanter Anblick. Bis zu 19 Geschosse und 50 Meter hoch. Gebaut in drei Etappen. 1973, 1982 bis 1985 und 1989. Mit ihrer Silhouette wollten die Architekten Hans Marti und Hans Kast die Konturen der Jurahügel aufnehmen. Der Volksmund sah dies anders, er taufte die Telli-Blöcke «Staumauer». Aber zwischen den Wohnzeilen ist Platz, viel Platz. Eine gewellte Parklandschaft, Rasenflächen, Baumgruppen, und mittendurch fliesst der Sengelbach. Den Autoverkehr verbannten die Architekten in weitläufige Tiefgaragen. Die Telli-Siedlung ist eine Stadterweiterung im Geiste der französischen «grands ensembles». Man verdichtete in die Höhe, um auf dem Boden Freiräume zu schaffen, man baute urbane Dichte mit Blick ins Grüne. Alle Wohnungen sind nach Osten und Westen ausgerichtet, auf ihren zwei Balkonen geniessen die Bewohner Morgen- und Abendsonne, und zu den Attikawohnungen gehören grosszügige Dachgärten. Doch für viele Schweizer sind Grosssiedlungen Bausünden, Schandflecken oder «Scheissgegenden». Also, wer will in der TelliSiedlung wohnen? «Auch wir kamen mit Vorurteilen hierher», sagen der Architekt Martin Koenig und die Musiklehrerin Brigitt Iseli. Die mittlere Telli war eine Übergangslösung. Sie hatten sich beide von ihren Ehepartnern getrennt, die Kinder wurden flügge und die Familienhäuser zu gross. Die Frischverliebten fragten sich: «Was brauchen wir zum Wohnen»? «Nicht viel», war die Ant­wort. Erst zog Iseli mit ihrem Sohn in die Telli, Koenig zog später nach. «Zu dritt war es aber zu eng. Zum Glück zog mein Sohn bald aus», sagt sie. Was als Provisorium begann, wurde zum Daheim. 16 Jahre wohnt das ältere Paar nun hier, gleich neben dem Auenwald an der Aare. Wegziehen? «Kaum vorstellbar.» Das dunkle Holztäfer, die kleine Küche, der schmale Balkon, die Aussicht: Die Bleibe versprüht den Charme einer Ferienwohnung. Koenig sagt: «Wir könnten uns ein Einfamilienhaus leisten. Doch ein Haus macht sesshaft.» Iseli und Koenig aber wollen unabhängig sein, die Tür hinter sich abschliessen und verreisen können. «Oder zu Fuss


einkaufen gehen, abends mit dem öffentlichen Verkehr ins Konzert, ins Kino, ins Theater», sagt Iseli. All dies bietet die Telli. Im Viertelstundentakt fährt der Bus ins Stadtzentrum, und das Einkaufszentrum mit Coop, Denner, Post, Bank, Apotheke, Drogerie, H & M und Handy-Laden liegt gleich um die Ecke. Die «Tellianer» können ihre Einkaufswagen bis vor die Wohnungstür schieben. «Es sind auch ideale Alterswohnungen. Etwas klein zwar, aber gut geplant und praktisch», sagt Koenig. Als Maria Gutierrez, 44, das erste Mal in ihrer neuen 4,5Zimmer-Wohnung stand, wollte sie gleich wieder ausziehen. Sie, die Süditalienerin, die mit sechs Geschwistern in einem Haus mit Umschwung aufgewachsen war, sollte in dieser Betonwüste leben? Ohne Fenster in Bad und Küche – ohne Garten? Niemals. Doch Maria und ihr Mann Jesus, Sohn spanischer Einwanderer, hatten nichts anderes gefunden. 1989 waren in Aarau günstige Wohnungen rar. Also blieben sie. «Vorerst», sagten sie. Daraus wurden mehr als zwei Jahrzehnte. Viele ihrer Nachbarn hatten Kinder, bald auch das Ehepaar Gutierrez. «Wir sassen im Sommer draussen, organisierten Feste, wir waren wie eine Grossfamilie», erzählt Maria von früher. Die Kinder genossen dort in den waldigen Auen ihre Freiheit, und die Hausfrau Maria Gutierrez schätzte die nahegelegenen Läden. Die Einsamkeit der Vorstadt befiel sie nie. Doch wer Kinder hat, der will mehr Wohnraum. Auch die Telli-Bewohner. Mit den Jahren zogen die meisten Schweizer Familien weg, sie hatten ein bezahlbares Haus im Grünen gefunden. Auch die Eltern Gutierrez träumten vom eigenen «Hüsli». «Aber wir sind nicht so sparsam», sagt Maria. Wenn nur der Mann arbeite, könne man kaum etwas auf die Seite legen; obschon er als Geschäftsleiter eines Computerladens ordentlich verdient. Sowieso gibt es für das Ehepaar Gutierrez wichtigere Dinge als das Wohnen: «Es würde mich reuen, statt 1500 mehr als 2000 Franken für eine Wohnung zu bezahlen.» Dann müsste sie auf Ferien verzichten und Jesus auf seinen neuen Töff, den schwarzen Yamaha-Chopper. Auch den Traum von der Selbstständigkeit müsste er begraben. Nur die Kinder Ramon, 15, und Jessica, 13, wünschen sich ein Haus oder eine grös­-

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sere Wohnung. Maria Gutierrez zuckt mit den Schultern: «Bis wir genug auf der Seite haben, sind die selber längst ausgezogen, und ich mag mit 50 nicht noch einen Garten bestellen.» Weshalb funktioniert das Zusammenleben in der riesigen Telli-Siedlung? Die Antwort darauf weiss Hans Bischofberger, der Leiter des Gemeinschaftszentrums. Er hat einen grauen Wuschelkopf und trägt eine Faserpelzjacke. In seinem Büro mit dem braun-grünorangen Interieur hängt der Mief der 1970er-Jahre. Seit sieben Jahren ist Bischofberger Mister Telli. Bezahlt wird er von den Be­wohnern sowie von einer Stiftung der Landeskirchen und der Stadt Aarau. Das GZ ist Anlaufstelle und Treffpunkt, Bischofberger und die Telli-Bewohner führen eine Kegelbahn, die Disco Metropol und das Café Malibu, sie organisieren einen Kinder­treff, einen Mittagstisch oder leisten Nachbarschaftshilfe. Zehnmal im Jahr erscheint die Quartierzeitung Telli-Post. Und wer den Weg ins GZ selber nicht findet, den besucht Bischofberger, den hier alle «Bischi» nennen, persönlich zu Hause: Neuzu­züger werden mit Informationsmaterial eingedeckt, Neugeborene beglückt man mit einem Windelpack. «Wir wissen, wer bei uns wohnt», sagt er. Doch ein Sozialarbeiter garantiert keinen Hausfrieden. Ebenso wenig wie die Überwachungskameras oder die Hauswarte mit ihrer Nulltoleranz gegenüber Abfall und Schmierereien. Für Behaglichkeit in den Betonblöcken sorgen die Bewohner und Bewohnerinnen selber. Sie kümmern sich um ihre Telli. «Man ist stets freundlich und hilfsbereit zu allen Nachbarn», sagt Brigitt Iseli. Sie gibt ein paar Beispiele: Ihr Partner bringt dem wissbegierigen Sohn der serbischen Familie jeden Morgen die gele­sene Aargauer Zeitung vorbei. Und als eines Abends die türkische Hausgenossin mit blutendem Finger vor der Tür stand, fuhr Iseli sie in die Notfallaufnahme. Wenn nötig zeigen die Telli-Bewohner auch Zivilcourage. Sie weisen den Jugendlichen zurecht, der seine Zigarettenkippe im Hauseingang wegwirft. Oder sie klingeln bei der Familie im oberen Stock, wenn der Sohn einen Tag lang in der Wohnung herumrennt. «Man kennt sich ja», meint Martin Koenig.


Das liegt auch an der Cleverness der Architekten. Sie unterteilten die Megasiedlung in kleine Einheiten. Zwar müssen sich zwei Hausnummern mit je rund 25 Wohnungen die Waschküche und den Eingang teilen, aber pro Stockwerk placierte man nur zwei Wohnungen. Somit kennt die Telli weder düstere Korridore noch endlose Laubengänge. Nun gerät man ins Grübeln. Sind Grosssiedlungen am Ende doch ein geeignetes Mittel gegen die Zersiedelung der Schweiz? Haben Raumplaner, Architekten, Immobilieninvestoren und Po­litiker das «grand ensemble» voreilig auf dem Müllhaufen der Städtebaugeschichte entsorgt? Mehr noch: Müssen wir wieder an Wohnutopien glauben? Sozialarbeiter Bischofberger lacht. Auch die Telli-Siedlung habe Probleme, zum Beispiel die Eigentümerstruktur. Heute gehören rund 300 Wohnungen ihren Bewohnern, den Rest teilen sich institutionelle Immobilienanleger wie Wincasa, Livit oder die Bürgergemeinde Aarau. Bewohner berichten von unglaublich komplizierten Eigentümerversammlungen. Statt über dringend notwendige Liftsanierungen oder Beleuchtungskonzepte zu befinden, streitet man über das richtige Waschmittel. Es sei zum Haareraufen. Verschärft wird das Problem durch die unsichere Rechtslage. Niemand weiss, wie stichhaltig der 80-seitige Grundeigentümer­ vertrag noch ist. Die Allgemeinheit darf zwar die Parkanlage oder die Tiefgarage benutzen, trotzdem bleibt es Privatgrund. Mehr­ mals anerbot die Stadt, sich intensiver um diesen «scheinöffentlichen» Raum zu kümmern, aber dagegen wehrten sich die Wohneigentümer. Sie wissen, wer zahlt, befiehlt. Auch das städtische Quartierentwicklungsprojekt «allons-y-Telli» brachten die Bewohner beinahe zum Scheitern. «Fremde Fötzel» sind hier nicht gern gesehen, die «Tellianer» sind unabhängig und stolz darauf. «Die Telli könnte ohne Aarau existieren. Aber Aarau nicht ohne die Telli», meint GZ-Leiter Bischofberger. Für den täglichen Bedarf muss niemand das Quartier verlassen. Handkehrum stehen hier der Werkhof, das Busdepot und die Kläranlage der Stadt – darauf kann Aarau nicht verzichten. Aber Selbstbewusstsein kippt schnell in Ignoranz. So sah man jahrelang tatenlos zu, wie Schweizer Familien abwanderten.

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Nun sind im Quartierschulhaus die Ausländerkinder bald unter sich. 70 bis 90 Prozent der Schüler sprechen zu Hause kein Deutsch, und aus keinem anderen Aarauer Schulhaus schaffen weniger Kinder den Sprung in die Bezirksschule oder ans Gymnasium. Deshalb mahnt Sozialarbeiter Bischofberger: «Die Schulfrage muss man dringend lösen.» Denn an ihr, nicht an der viel gescholtenen Architektur, entscheidet sich die Zukunft der «Staumauern».

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In unserem Rücken donnern die Züge durch den Bahnhof Schlieren. Noch ein Espresso im Kebab-Grill «Ali Baba 2». Wir warten

auf Martin von Aesch. Auf den Mann, der die «Schlieremer Chind», den bekanntesten Kinder­ chor der Deutschschweiz, wieder zum Leben erweckt hat. Der Schlieren, diese 17 000-Seelen-Vorstadt, zurück auf die Kulturlandkarte der Schweiz setzen will. Und dessen Vater in den 1950er-Jahren mit dem Cabaret Rotstift aus einem Schwingkeller die Schweiz erobert hatte. «Schliere, deet bim Gaswärk a de Limmet, i de Nöchi vom Chloschter Fahr! Deet bim Gaswärk a de Strecki Züri-Basel und Züri-Zug-Baar.» So sang das Lehrer-Cabaret 1968. Ein buschiger Schnauz und eine brummige Stimme. Er ist es: Martin von Aesch. Und ehe wir uns versehen, sind wir mittendrin. In Schlieren und seiner Geschichte. Martin von Aesch, 1951 in Zürich geboren und unter anderem hier aufgewachsen, erzählt vom Stolz der Arbeiterstadt zu Zeiten der Wagi, der Schweizerischen Wagons- und Aufzüge­fabrik AG. «Schlieren war SP-Land, die Krone, hier vis-à-vis, das SP-Lokal», sagt er und zeigt auf den grüngrauen Block. 1985 kam das Aus für die Wagi. «Das war ein Schock. Ab dann ging es lange

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‹hindeabe›.» Katerstimmung machte sich breit. Schlieren wurde zum Synonym für die Vorstadt. Für die Tristesse. Für das Ausländerghetto. Aus «Little Italy» wurde «Little Albany». Heute hat nur jeder zweite Schlieremer einen Schweizerpass. Und die SVP hat die Sozialdemokraten als stärkste politische Kraft abgelöst. Doch nach und nach erholt sich Schlieren. Ein neues Selbstbewusstsein erwacht. «Dort, wo Zürich Zukunft hat», lautet der offizielle Slogan der Stadt. Und für einmal steckt in einem Werbespruch ein Quäntchen Wahrheit. Denn die Jahre, in denen der Mittelstand aus Schlieren wegzog, auf den Mutschellen oder auf das andere Limmatufer, sind vorbei. «Heute kommen wieder Leute zu uns», sagt Martin von Aesch, «es werden hier Arbeitsplätze geschaffen und Wohnungen gebaut. Wir haben mit der S-Bahn wahnsinnig gewonnen, wir sind näher an die Stadt Zürich gerückt.» Das sei ein riesiger Vorteil gegenüber den Orten auf der anderen Seite der Limmat. In den Dörfern, wo man jahrelang mit Spott über das darbende Schlieren sprach, wo die Steuerfüsse ebenso tief wie die Ausländeranteile sind, herrscht nun Stagnation. Auch von Aesch selber kehrte nach Schlieren zurück. Zwischenzeitlich wohnte er in Oberengstringen. Dort unterrichtete er bis 1999 Primarschüler und betreibt mit Freunden einen Jazzclub. Mit dem Mittelstand kam auch der Stolz zurück nach Schlieren. Etwa auf das markante Haus der Drogerie Locher mit den eleganten Leuchtschriften aus den 1950er-Jahren. Hier, an der Ringstrasse, soll dereinst ein Stadtplatz entstehen. «Ein erster Schritt ist bereits sichtbar», sagt Martin von Aesch und weist mit dem Zeigefinger auf die neue Parkside-Überbauung. Ein grossspuriger Name für einen fünfstöckigen Mocken mit Wohnungen, Büros und Geschäften, gebaut im modern-urbanen Allerweltsstil. Denn noch ist hier mehr Asphalt als Park. Der Raum für Velo­ fahrer und Fussgänger ist knapp. Eine Strasse windet sich um die triste Grünfläche. Hier wendet der Trolleybus, der Schlieren mit der Stadt Zürich verbindet. Auf der anderen Seite brandet der Autoverkehr auf den vier Spuren der Badenerstrasse. Und am Hori­zont: der Wald auf dem Schlieremer Berg. Das Naherholungs­ gebiet, von dem alle schwärmen.


Aber ein Wald allein macht die Schlieremer nicht glücklich. Die Stadt muss leben. Kultur muss her – aber subito. «Kulturelle Veranstaltungen sind enorm wichtig. Sie führen Menschen zusammen, die sonst alle ihre eigenen Wege gehen und in ihren Milieus verwurzelt sind», sagt von Aesch, als wir weitergehen. «Nein, wir haben keinen Krach untereinander, aber wir le­­ben doch Rücken an Rücken. Vor allem Albaner und Türken bleiben lieber unter sich.» Mit einem Anflug von Stolz berichtet von Aesch vom Sommer 2011. Damals verwandelte das «Schlieren-Fest» die Stadt während elf Tagen in eine einzige Festhütte. Stände mit Spezialitäten aus aller Herren Ländern lockten. Auf den Bühnen gaben sich schweizerische Pop-Grössen wie Seven oder die wiederbelebten Sauterelles die Ehre. Und die «Kleine Niederdorfoper» wurde in einer auf Schlieren zugeschnittenen Fassung gegeben. Auf diesen Anlass hin hatte Martin von Aesch auch wieder 25 «Schlieremer Chind» zu einem Chor zusammengetrommelt. Was von Aeschs Vater Werner vor fast 60 Jahren für seine Primarschüler gegründet hatte, lässt sein Sohn heute bei besonderen Gelegenheiten wieder aufleben. «Natürlich bilden die ‹Schlieremer Chind› die heutige Realität ab», sagt von Aesch schmunzelnd, «damals war der Giorgio, oder wie auch immer er hiess, der einzige Italiener im Chor, heute sind wir die ‹United Colors of Benetton›». Die neun- bis elfjährigen Kinder verlassen am Mittwochnachmittag ihre ethnisch ge­ prägten Klüngel und proben gemeinsam. Der Chor als Integrationsmaschine: Wer einen Solopart vortragen will, muss lupenreines «Züritütsch» können. «Beeindruckend an der neusten Auflage war nicht nur das Engagement der Kinder, sondern auch der Stolz der Eltern», erzählt von Aesch. «Ein Vater, der selber Mühe mit Deutsch hat, konnte es fast nicht fassen, dass seine Tochter auf der Bühne solch einen prominenten Auftritt hatte.» Inzwischen haben wir das Klischee-Schlieren verlassen. Das Verkehrsrauschen verebbt. Wir stehen auf dem Platz vor der reformierten Kirche. Ein properes Idyll mit Parkbänken und Kandelabern im Retrostil. «Hier liess sich ein Teil des Bauerndorfs Schlieren erhalten», sagt Martin von Aesch.

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Dem Erhalt des Erbes widmete der 62-Jährige auch seine persönliche Jugendrebellion. Mit gleichgesinnten Bewegten engagierte er sich in den 1970er-Jahren erfolgreich gegen die Verbauung des grünen Schlieremer Bergs und gegen den Abriss des ganzen alten Dorfkerns. Heimatschutz war damals progressiv. Dank von Aesch und seinen Mitstreitern überlebte auch das «Stürmeier­huus», Teile davon stammen noch aus dem 15. Jahrhundert. Heute wirtet hier ein gehobener Beizer, und es treten hin und wieder Kleinkünstler auf. 40 Jahre später sorgt sich Martin von Aesch nicht mehr um historische Bauten. Niemand mehr will das Zentrum umstechen. Stattdessen wird auf den Industriebrachen gebaut. Kubische Wohnblöcke mit bonbonfarbigen Balkonen. Wuchtige Ensembles. Ja, ganze Stadtteile. «Wichtig ist, dass wir die Hüllen auch zu füllen wissen.» Nicht nur mit Menschen und Jobs. Auch mit Kultur. Doch Kultur aus Schlieren bleibt Mangelware. Und Kultur über Schlieren ist meist Persiflage. Etwa, wenn der Komiker Mike Müller im Schweizer Fernsehen seinen Vorzeige-Albaner Mergim Muzzafer aus einem Schlieremer Wohnzimmer die Schweiz erklären lässt. Oder selber als Reiseführer durch den Vorort führt: «Die Einheimischen schätzen es sehr, wenn der fremde Gast ein paar Wörtchen ihrer Sprache beherrscht: Merci, Adieu oder ‹Figg di sälbär›!» Die Schlieremer waren «not amused». «Zunächst musste ich einmal leer schlucken», liess sich der Stadtpräsident im Lokalblatt zitieren. Und auch Martin von Aesch sagt: «Es ärgert mich, wenn man über Schlieren lästert. Aber was ich an Schlieren toll finde, weiss ich selber nicht immer.» Es mangle nämlich nicht nur an Theatern, Konzerten oder Bars, es mangle auch an guten Beizen. «Wobei», von Aesch muss plötzlich schmunzeln, «immer­hin haben wir jetzt ein Steakhouse hier, das sogar Prominenz von auswärts anzieht. Kürzlich hat doch tatsächlich die Berner Nationalrätin Christa Markwalder im Lokalfernsehen das Steak, das sie in Schlieren gegessen hatte, als ihr Highlight der Woche bezeichnet.» Ist Schlieren denn Heimat für ihn? Martin von Aesch mag die Frage nicht. Sie engt ihn ein. «Wenn schon, dann ist das Limmat­-


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77 Locher-Haus und Trolleybus, Schlieren 78 Badenerstrasse, Schlieren 79 Blick übers Limmattal, Schlieren 80 Martin von Aesch, Leiter «Schlieremer Chind» 81 Restaurant Salmen, Schlieren

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Stadtgrenze zu Zürich, Schlieren Autohändler, Schlieren Blick vom Bahnhof auf Neubau­gebiet Rieterpark, Schlieren «Stürmeierhuus», Schlieren

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tal meine Heimat.» Von Oberengstringen, wo er über Jahre wohnte, bis nach Wettingen und Baden. Hier leben seine Familie, seine Freunde, seine Kollegen. «Aber», wirft er ein, «das ist wohl ein Zufall.» Hätte er eine Lehrerstelle in einem anderen Teil des Kantons angenommen, wäre er vermutlich dorthin gezogen. «Bemerkenswert», sagt von Aesch, «ist aber, dass italienische Secondos, die hier aufgewachsen sind, ein Heimatgefühl für Schlieren empfinden.» Diese Heimweh-Schlieremer haben einige der Wohnungen bezogen, die in den letzten Jahren in grosser Zahl entstanden. Für den Rückkehrer von Aesch hingegen ist Schlieren ein Stadtquartier. Von Zürich, versteht sich. «Ich bin schnell weg von hier.» In 10 Minuten ist er am Hauptbahnhof und in einer Viertelstunde am See. Ja, er ist ein urbaner Mensch. «In einem Krachen leben? Nein, das könnte ich nicht.» «Wieso ziehen Sie denn nicht gleich in die Stadt?» «Das ist jetzt genau so eine überhebliche Frage, wie sie nur Stadtzürcher stellen können. Schlieren gehört zu Zürich. Nein: Zürich gehört zu Schlieren. Punkt.» Und wie als Beweis dafür, dass die Städter einen sonderbaren Blick auf sein Schlieren haben, reicht uns Martin von Aesch ein Buch, das er schon die ganze Zeit unter dem Arm trägt. Es ist eine fotografische Dokumentation des «räumlichen Wandels», «der Urban­isierung der Schweiz». Menschenleere Landschaften. Agglomerations-Einöde. Ob wir damit etwas anfangen könnten? Er nicht. «Das ist nicht mein Schlieren.» Die Uhr zeigt 10.30 Uhr. Zeit für eine Einkehr. Aber eben, Beizen sind rar. Das «Stürmeierhuus» ist geschlossen. So landen wir im «Salmen», einem Traditionslokal mit 1950er-Jahre-Flair. Auf der Bühne im angebauten Saal trat jeweils von Aeschs Vater Werner mit dem Cabaret Rotstift auf. Und von Aesch Junior lernte hier den Jazz kennen, der ihn seit damals begleitet. Heute ist der «Salmen» eine Pizzeria mit einem Wirt aus Albanien. Die grosszügige Gaststube ist gut gefüllt, Arbeiter sitzen bei der Znüni­ pause. Eine Seniorenrunde am Nebentisch bestellt Feldschlösschenbier. «Vier Grosse, bitte!» Und genüsslich paffen die Herren ihre Zigaretten. Der Kellner verteilt tellergrosse Aschenbecher.

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Niemand schert sich ums Rauchverbot. Ein Hauch von Anarchie schwebt durch die Agglomeration. In der Stadt wäre schon längst die Gewerbepolizei eingeschritten. Nach dem Motto: Bussgeld her – oder der Laden macht dicht.

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Hauptbahnhof, Z端rich


Matthias Daum, Paul Schneeberger: Daheim