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Das Buch basiert auf einem Vorlesungszyklus des Autors im Rahmen des Öffentlichen Programms der Universität St. Gallen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2014 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich Umschlag: Atelier Mühlberg, Basel Gestaltung, Satz: Claudia Wild, Konstanz Druck, Einband: Kösel GmbH, Altusried-Krugzell Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts. ISBN 978-3-03823-892-8 www.nzz-libro.ch NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung


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«Es ist oft klüger, ein paar Stunden über sein Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat für Geld zu arbeiten.» George Soros


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Inhaltsverzeichnis

Es geht um Ihre Zukunft!

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Ein kleiner Werkzeugkasten zur Finanzplanung und Vermögensverwaltung

1.1 1.1.1 1.1.2 1.2 1.3 1.4 1.4.1 1.4.2 1.4.3 1.4.4 1.5 1.6 1.6.1 1.6.2 1.6.3 1.6.4 1.6.5 1.7

Zins und Zinseszinseffekt Die Macht des Zinseszinseffekts Was ist ein realistischer Zinssatz? Der Zeitwert des Kapitals Ein wenig Formalismus kann nicht schaden … Rendite und Risiko Die Rendite Das Risiko Zusammenhang zwischen Rendite und Risiko Konsequenzen für die Finanzplanung Inflation, Deflation und Stagflation Die heimlichen Renditekiller: Spesen, Gebühren und andere Kosten Kostenelemente von Finanzdienstleistungen Retrozessionen, Provisionen und Kickbacks Alternative Preismodelle Mehrwert von Finanzdienstleistungen Wie man Bank- und Beraterkosten senkt Legosteine von Finanzprodukten

17 19 21 24 27 29 33 33 39 49 51 53 59 60 63 66 68 70 73

2

Finanzplanung und Finanzplan

2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.5.1 2.5.2 2.5.2.1 2.6 2.7

Warum wir auf eine seriöse Finanzplanung nicht verzichten können Finanzplanung als Antwort auf die Herausforderungen Zielsetzung einer erfolgreichen Finanzplanung Der finanzielle Masterplan Der erste Baustein: Lebensentwurf Das Lebensphasenmodell Dimensionen eines Lebensentwurfs Grundannahmen und Nebenbedingungen Der zweite Baustein: Bestandsbilanz Der dritte Baustein: Risikoprofil

77 78 84 86 89 92 94 98 102 105 109


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Inhaltsverzeichnis

2.7.1 2.7.2 2.7.3 2.7.4 2.8 2.8.1 2.8.2 2.9 2.10 2.11 2.12 2.12.1 2.12.2 2.13

Entwurf einer Risikokarte Individuelles Risikoprofil Unterschiedliche Risikoexposition in unterschiedlichen Lebensphasen Alternativen und Varianten erarbeiten Der vierte Baustein: Lebensphasen-Budgetierung Das Lebensphasenbudget Lebensphasen-Budgetierung Der fünfte Baustein: Kapitalrechnung Der sechste Baustein: dynamischer Finanzplan Der siebte Baustein: Entscheidungs- und Massnahmenplan Der achte Baustein: Finanzplancontrolling Feststellen von Abweichungen Anpassungs- und Korrekturmassnahmen Fallstricke auf dem Weg zum Ziel

110 114 116 118 119 121 124 126 134 136 139 140 140 142

3

Kollektive und private Vorsorge

3.1 3.1.1 3.1.2 3.1.3 3.1.4 3.1.5 3.2 3.3 3.3.1 3.3.2 3.3.3 3.3.4 3.4 3.5 3.5.1 3.5.2 3.5.3 3.5.3.1 3.5.3.2 3.5.3.3 3.6 3.7 3.7.1 3.7.1.1 3.7.1.2

Das Vorsorgesystem der Schweiz Die erste Säule: AHV, IV und Ergänzungsleistungen Die zweite Säule: berufliche Vorsorge Die dritte Säule: Selbstvorsorge Ausgewählte Versicherungsprodukte der Selbstvorsorge Bank- oder Versicherungsprodukt? Vom Drei-Säulen- zum Drei-Schichten-Modell Management der eigenen Pensionskassenguthaben Einkäufe in die Pensionskasse Vorbezug von Vorsorgegeldern Rente oder Kapital Entscheidungskriterien Wahl von Freizügigkeitskonti Immobilien als Element der Vorsorge Immobilien als Kapitalanlage Liquiditätswirkungen von Immobilienanlagen Hypothekarstrategien Wahl des Hypothekarmodells Amortisation von Hypotheken Einsatz von Vorsorgekapital Der vorzeitige Rückzug aus dem Erwerbsleben Steuern und Vorsorgeplanung Grundlagen der individuellen Steueroptimierung Produktbasierte Steuervorteile Zusätzliche Einzahlungen in die Pensionskasse

145 147 148 151 163 170 179 180 182 183 187 188 192 196 197 198 200 203 203 211 214 217 220 220 221 225


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Inhaltsverzeichnis

3.7.1.3 Staffelung von Zahlungen 3.7.1.4 Vor- und nachzeitige Pensionierung 3.7.2 Vermögen verschenken

225 227 227

4

Legosteine der Vermögensverwaltung in turbulenten Zeiten

4.1 4.2 4.3 4.3.1 4.4 4.4.1 4.4.2 4.4.3 4.4.4 4.4.5 4.4.5.1 4.4.5.2 4.4.5.3 4.4.5.4 4.5 4.5.1 4.5.2 4.5.3 4.6

Rahmenbedingungen in turbulenten Zeiten Abstimmung Finanzplanung/Vermögensverwaltung Das Anlagerisiko Risikoklassifizierung von Anlageinstrumenten Der Anlageprozess Ziele festlegen Lebenszyklusorientierte Asset Allocation Das Konzept der Diversifikation Die Anlagestrategie Anlageentscheidungen umsetzen Anlagefonds Exchange Traded Funds Strukturierte Produkte Fremdwährungen Performanceevaluation und Kontrollmassnahmen Messgrössen des Erfolgs Risikogewichtete Performance Korrekturmassnahmen Einige weitverbreitete Irrtümer …

229 230 233 236 239 243 244 246 251 255 264 267 270 272 277 279 280 282 283 285

5

Die Grenzen im Kopf überwinden

5.1 5.2 5.2.1 5.2.2

Facetten der Geldpersönlichkeit Grenzen im Kopf Ausgewählte Effekte der Behavioral Finance Vermeidbare Konsequenzen der Irrationalität

6

Vom Umgang mit Banken, Beratern und Betreuern

6.1 6.2 6.3 6.4 6.5 6.5.1 6.5.2 6.5.3 6.5.4

Bank, unabhängiger Vermögensverwalter oder Finanzberater? Beratungsorganisation und Beratungsform Beratungsansatz Mandatstypen Anforderungen an einen Finanzberater Struktur von Beratungsgesprächen Das Kontaktgespräch Das Setup-Gespräch Die Beratungsgespräche

287 289 297 298 305 307 308 310 315 318 320 321 323 326 328

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Inhaltsverzeichnis

6.5.5 6.6 6.7 6.8

Das Performancegespr채ch Sorgfaltspflichten Aktuelle Entwicklungen im Anlegerschutz Haftung f체r fehlerhafte Beratung

329 331 337 338

7

Sechs goldene Regeln zum Schluss

341

Der Autor

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Es geht um Ihre Zukunft!

Kein Tag vergeht ohne Medienmeldungen zur gefährdeten Finanzierung der Altersvorsorge, zu den Folgen tiefer Zinsen für Versicherungen, zu den finanziellen Folgen der demografischen Entwicklung und zur Notwendigkeit einer intensiveren finanziellen Selbstvorsorge für die späteren Lebensphasen. Meist sind es kritische oder negative Meldungen. Und oft sind sie verbunden mit der unterschwelligen Warnung vor der am Horizont aufziehenden Gefahr einer finanziellen Unterversorgung im Alter oder gar der Altersarmut. Die meisten von uns nehmen diese Botschaften schon gar nicht mehr auf. Doch sie haben eben doch einen wahren Kern. Dass soziale Netze nicht mehr so dicht geknüpft sind und staatliche wie private Vorsorgesysteme sich in den kommenden Jahrzehnten vor grosse finanzielle Herausforderungen gestellt sehen, ist offensichtlich. Ebenso offensichtlich wird die Bedeutung der Eigenverantwortung für die individuelle finanzielle Vorsorge hinsichtlich künftiger Lebensphasen für die meisten Menschen weiter zunehmen. Zwar wird der Staat für die sozial schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft auch weiterhin die Existenzsicherung auf einem minimalen Niveau sicherstellen und die damit verbundenen Leistungen sogar noch ausbauen. Wer über ein überdurchschnittliches Einkommen und Vermögen verfügt, braucht sich über seine Vorsorge wenig Gedanken zu machen. Doch für den grossen Teil der Bevölkerung, den sog. Mittelstand, sehen die Zukunftsperspektiven anders und vor allem düsterer aus. Steigende Kosten der Gesundheits- und Vorsorgewerke, wachsende Abgaben und sinkende Leistungen für die Versicherten ziehen sich als roter Faden durch die noch vor uns liegenden politischen Diskussionen im Zusammenhang mit unserem Vorsorge- und Versicherungssystem. Etwas plakativ müssen wir feststellen: Nur ein Narr verlässt sich für die Sicherung seiner Altersvorsorge heute noch allein auf die staatlichen Vorsorgesysteme. Wir wissen um die Notwendigkeit einer langfristigen Planung von Einkommen und Vermögen, wenn wir dereinst unsere späteren Lebensphasen zumindest unter finanziellen Aspekten einigermassen sorgenfrei gestalten möchten. Doch viel zu wenige Menschen beschäftigen sich frühzeitig und systematisch mit den Problemstellungen, die es im Zusammenhang mit der finanziellen Vorsorge zu bedenken gilt. Wir verdrängen und verschieben finanzielle Entscheidungen, weil wir uns eigentlich gar nicht mit diesen Problemen auseinandersetzen wollen. Umfragen und


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Es geht um Ihre Zukunft!

Untersuchungen bestätigen, wie wenig sich die meisten von uns mit den zentralen Fragen der finanziellen Vorsorge befassen, ja wie oft wir uns dieser Fragestellungen überhaupt nicht bewusst sind. Jeder1 kennt das Sprichwort: Über Geld redet man nicht. Ein Blick in die finanzplanerische Realität der Bevölkerung zeigt, dass man offenbar auch ungern darüber nachdenkt, wenn man nicht gerade durch die jeweiligen Umstände dazu gezwungen wird. Nicht von ungefähr stellte eine Studie vor einiger Zeit fest, dass sich die Menschen länger und systematischer mit dem Kauf eines neuen Autos oder einer Kücheneinrichtung befassen als mit der finanziellen Planung und Vorsorge für die künftigen Lebensphasen. Dieses weitverbreitete Verdrängen, Vergessen und Verschieben finanzbezogener Fragen hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist psychologischer Natur. Wir befassen uns ungern mit Risiken, die unser Leben dereinst negativ beeinflussen könnten. Wir mögen uns nicht in der Blüte unserer Jahre mit der Finanzierung unserer späteren und spätesten Lebensphasen beschäftigen. Und wir gehen stillschweigend davon aus, dass sich unsere Einkommen und Vermögen in den kommenden Jahren wohl schon so entwickeln werden, dass wir unsere Lebenspläne in der einen oder anderen Form verwirklichen können. Ein anderer, nicht minder wichtiger Grund für den fahrlässigen Umgang mit unserer finanziellen Vorsorge liegt im fehlenden oder mangelhaften Wissen der meisten Menschen finanzielle Fragestellungen betreffend. In Schule und beruflicher Ausbildung bekommen wir meist nur wenig an Wissen vermittelt, das uns bei der Bewältigung finanzieller Probleme unterstützen könnte. Und das Wenige an Handwerk, das wir etwa im Bereich der Finanzmathematik gelernt haben, vergessen wir im Laufe des Lebens wieder. Wer weiss schon nach vielen Jahren noch, wie Zinseszinsrechnungen durchzuführen sind, wie eine Rente aus einem Vermögensstock berechnet wird, oder wie gross ein Kapital sein muss, um dem Besitzer über eine bestimmte Zeit hinweg ein bestimmtes Einkommen zu sichern? Gilt es dann noch, schwankende Ertragsströme, eigene finanzielle Verpflichtungen, potenzielle Versicherungsleistungen, Einkommen aus Sozialwerken oder Steueraspekte in die Überlegungen einzubeziehen, wird das Ganze vollends unübersichtlich. Doch nichts kommt uns im Laufe unseres Lebens so teuer zu stehen wie das Verdrängen und Verschieben notwendiger finanzieller Entscheidungen. Während die Nachkriegsgeneration sich noch auf die Leistungen der von ihnen initiierten und aufgebauten Sozial- und Vorsorgewerke verlassen konnte, sehen sich die Generation der Babyboomer und ihre Nachkommen mit der Frage konfrontiert, wer denn die zukünftigen Renten für ihre letzten Lebensphasen bezahlen soll und

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Wir verwenden hier und im Folgenden der sprachlichen Einfachheit halber ausschliesslich die männliche oder weibliche Form, wobei das jeweils andere Geschlecht immer mitgemeint ist.


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Es geht um Ihre Zukunft!

ob die einst von Politikern und Arbeitgebern gemachten Versprechungen in den kommenden Jahrzehnten noch erfüllt werden können. Entscheidungen zur Gestaltung der finanziellen Zukunft werden schon heute immer mehr dem Einzelnen überlassen. Es sind Entscheidungen, die wir verdrängen, weil wir uns ihnen aus welchen Gründen auch immer nicht stellen wollen, oder weil wir durch sie schlicht überfordert sind. Zwar kann uns eine wachsende Zahl von Beratern und Institutionen bei der Formulierung unserer finanziellen Bedürfnisse, bei der Beantwortung unserer finanziellen Fragen und beim Treffen und Umsetzen von finanz- und risikobezogenen Entscheidungen unterstützen. Sie versprechen, uns diese Entscheidungen abzunehmen und sie für uns, und ausschliesslich in unserem Interesse, zu treffen. Doch die Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass letztlich ein jeder für seine finanzielle Gesundheit selbst verantwortlich ist. Es ist wichtig, sich selbst mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Und es ist wichtig, sich das dazu notwendige Wissen und Können selbst anzueignen. Wir dürfen uns nicht mehr wie bisher auf andere verlassen – auf Banken, Vermögensverwalter, auf den Arbeitgeber oder auf den Staat. Mancher hat in den vergangenen Jahren erkennen müssen, dass Vertrauen gut, kritische Kontrolle aber besser ist. Unzureichende Performance in der Vermögensverwaltung, zu risikoreiche Anlagestrategien oder sich häufende Leistungskürzungen bei Sozial- und Vorsorgewerken zeigen, dass wir gut daran tun, die Leistungsversprechen derjenigen, die unsere zur Sicherung der finanziellen Zukunft vorgesehenen Vermögenswerte verwalten, immer wieder kritisch zu hinterfragen. Kontrollieren und hinterfragen kann aber nur, wer etwas versteht von dem, was er überwachen und beurteilen will. Das heisst nicht, dass wir nun alle selbst zu Finanzexperten werden müssen. Doch unser Wissen und Können sollten uns zumindest ermöglichen, unsere finanz- und risikobezogenen Bedürfnisse zu erkennen, sie zu formulieren und im Gespräch mit Banken, Finanzplanungsinstitutionen oder sonstigen Beratern die richtigen Fragen zu stellen, die erhaltenen Antworten kritisch zu überprüfen sowie aus einer Vielzahl von Angeboten die für uns optimale Lösung auszuwählen. Das bezeichnet man in der Fachsprache als Financial Literacy. Mit diesem auf Deutsch nur schwer fassbaren Begriff wird die Fähigkeit bezeichnet, • finanz- und risikobezogene Fragestellungen aus dem eigenen Lebensumfeld zu erkennen und zu formulieren, • die für die eigene private Finanzplanung notwendigen Instrumente der modernen Finanztheorie zu verstehen und auf die eigenen Fragestellungen anzuwenden, • und nicht zuletzt ein kritisches Gespräch mit Fachleuten aus der Finanzwelt über eigene Finanzprobleme führen zu können.

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Es geht um Ihre Zukunft!

Financial Literacy

Financial Literacy beinhaltet das Basiswissen und -können, das wir brauchen, um grundlegende Problemstellungen unserer finanziellen Lebenssphäre zu verstehen, mit Fachleuten zu diskutieren und selbstständig oder mit Unterstützung Dritter zu lösen. Dazu gehören insbesondere Fragestellungen im Zusammenhang mit unserer individuellen Finanzplanung und Vermögensverwaltung. Damit sind wir bei der Zielsetzung dieses Buches. Es will Ihnen das Wissen und Können vermitteln, das Sie brauchen, um sich in der immer komplexeren Welt der privaten Finanzplanung und Vermögensverwaltung zurechtzufinden. Wenn Sie die einzelnen Abschnitte sorgfältig durchgelesen haben, werden Sie in der Lage sein, selbst eine fachlich fundierte Finanzplanung für sich und Ihre Familie durchzuführen. Sie werden fähig sein, mit Ihrer Ansprechperson aus dem Bank- oder Finanzumfeld zielgerichtete und fachlich fundierte Gespräche über Ihre Finanzplanung und Vermögensverwaltung zu führen. Und Sie sollten in der Lage sein, Ihrem Gesprächspartner die richtigen Fragen zu den richtigen Themen zu stellen, die erhaltenen Antworten zu verstehen, sie in Bezug zu Ihren persönlichen Bedürfnissen zu setzen und entsprechend zu beurteilen. Die einzelnen Abschnitte helfen Ihnen, dieses Ziel zu erreichen. Sie können Sie in der vorgegebenen Reihenfolge lesen, oder aber Sie suchen sich diejenigen Themen heraus, die Sie im Zusammenhang mit Ihrer Finanzplanung besonders interessieren: • Im ersten Abschnitt lernen Sie einige Basisinstrumente kennen – sozusagen die Buchstaben des Alphabets der Finanzplanung und Vermögensverwaltung –, um Ihre Financial Literacy zu verbessern. • Im zweiten Abschnitt befassen wir uns mit den wichtigsten Elementen einer integrierten Finanzplanung. Sie lernen, Ihren individuellen Lebensentwurf in finanzielle Zielsetzungen zu übersetzen, Ihre aktuellen und künftigen finanziellen Möglichkeiten und Grenzen zu erkennen, sie in Zahlen zu fassen und daraus realistische Zielsetzungen zur Verwirklichung Ihres Lebensentwurfs abzuleiten. Sie lernen die Kernelemente eines individuellen, auf diese Zielsetzungen ausgerichteten Finanzplans kennen und erfahren, wie Sie Schritt für Schritt einen solchen Finanzplan erarbeiten. • Der dritte Abschnitt vermittelt Ihnen das Grundwissen, das Sie brauchen, um unser auf drei Säulen aufgebautes Vorsorgesystem mit seinen Stärken und Schwächen und deren Konsequenzen für Ihre langfristige Vorsorgeplanung zu verstehen. • Der vierte Abschnitt führt Sie anwendungsorientiert und ohne viel Formalismus in die wichtigsten Grundlagen der langfristigen Vermögensplanung und -ver-


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Es geht um Ihre Zukunft!

waltung ein. Er beschreibt die Legosteine eines erfolgreichen Kapitalaufbaus und Kapitalerhalts und skizziert einige Grundwahrheiten der modernen Finanztheorie, die viele private wie professionelle Investoren immer wieder vergessen und deren Berücksichtigung zwar nicht Garant, aber doch unabdingbare Voraussetzung für Ihren langfristigen Anlageerfolg ist. Der fünfte Abschnitt befasst sich mit der wichtigen Erkenntnis, dass auch in der Finanzwelt unserer eigenen Vernunft und Rationalität Grenzen gesetzt sind. Erkenntnisse der Behavioral Finance helfen uns, individuelles Endscheiden und Handeln im Finanz- und Risikobereich besser zu verstehen und zu steuern. Wir lernen in diesem Abschnitt auch die Dimensionen unserer Geldpersönlichkeit kennen. So verstehen wir, wie unser Verhalten im Zusammenhang mit finanziellen Entscheidungen auch durch den Charakter, die Erfahrungen und den soziokulturellen Hintergrund mitbestimmt wird. Dem richtigen Umgang mit Banken, Beratern und Betreuern ist der sechste Abschnitt gewidmet. Sie lernen, wie man eine geeignete Fachperson findet und auswählt, wie man sich auf Beratergespräche vorbereitet, welche Fragen man stellt und wie man Antworten im Zusammenhang mit den eigenen finanz- und risikobezogenen Zielsetzungen beurteilt. Der abschliessende siebte Abschnitt fasst in sechs goldenen Regeln der Finanzplanung die wichtigsten Ergebnisse und Schlussfolgerungen zusammen und zeigt Ihnen die zentralen Konsequenzen für Ihr eigenes finanzplanerisches Denken, Entscheiden und Handeln. Die einzelnen Abschnitte sollen Ihnen eine nicht nur lehrreiche, sondern hoffentlich auch spannende Einführung in die Welt der modernen Finanzplanung und -anlage geben. Finanzielle Sorgen oder die Ungewissheit über die eigene finanzielle Zukunft gehören zu den emotionalen Belastungen, die unsere Lebensfreude und unsere Erwartungen an die Zukunft dämpfen. Verfügbares Kapital dagegen bedeutet Willens- und Handlungsfreiheit. Das Wissen um die eigenen finanziellen Möglichkeiten und Grenzen schafft Freiraum zur gezielten Lebensplanung und -gestaltung. Es ist das Ziel dieses Buches, Ihnen aufzuzeigen, wie Sie systematisch und zielorientiert diese Möglichkeiten und Grenzen erkennen und wie Sie Ihre finanziellen Optionen auf Ihre individuellen Lebensziele ausrichten.

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Ein kleiner Werkzeugkasten zur Finanzplanung und Vermögensverwaltung

Wer sich in einem fremden Land bewegt, ohne die Sprache seiner Bewohner zumindest ansatzweise zu verstehen, ist auf Gedeih und Verderb auf die Hilfe von anderen, sprachkundigeren Menschen angewiesen. Das ist in der Finanzwelt nicht anders. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Sprache entwickelt, die für die meisten Nicht-Fachleute zur Fremdsprache geworden ist. Die verwirrende Vielfalt von Bezeichnungen, Fachausdrücken, Formeln und Produktenamen täuscht zusammen mit dem Finanzjargon von Banken, Bankern und Beratern leicht darüber hinweg, dass es mit der Finanzsprache ist wie mit jeder Sprache: Ein einfacher Grundwortschatz reicht meist schon, um die grössten Verständigungsbarrieren zu überwinden, um die wichtigsten Fragen zu formulieren und die erhaltenen Antworten zu verstehen. Auch das finanzielle Alphabet besteht letztlich aus einigen wenigen Grundbegriffen und Regeln. Man kann sie ohne vertieftes Theorieverständnis und vor allem ohne viel Mathematik verstehen.


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1 Ein kleiner Werkzeugkasten zur Finanzplanung und Vermögensverwaltung

In diesem Abschnitt befassen wir uns mit den wichtigsten Grundbausteinen der Financial Literacy, die Sie brauchen, um sich selbst um Ihre Finanzplanung und Vermögensverwaltung kümmern zu können. Wir stellen uns einen kleinen Werkzeugkasten zusammen, mit dessen Hilfe wir die wichtigsten Probleme erkennen, die zentralen Fragen stellen und die erhaltenen Antworten verstehen und beurteilen können. Dieser Werkzeugkasten zur Financial Literacy beinhaltet die folgenden sechs Basisinstrumente: 1. Das Verständnis der Bedeutung von Zins und Zinseszinseffekt; 2. das Verständnis des Zeitwerts von Geld und Kapital und die Fähigkeit, diesen Wert für einen beliebigen Zeitpunkt in der Zukunft zu berechnen; 3. das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Rendite und Risiko; 4. das Verständnis der Bedeutung von Inflation und Deflation für Kapital und Einkommen; 5. das Verständnis der Bedeutung von Spesen, Gebühren, Steuern und anderen Kostenelementen für das Vermögenswachstum; 6. das Verständnis der grundlegenden Produktbausteine, aus denen jedes beliebige Finanzprodukt zusammengesetzt werden kann. Mit diesen sechs Bausteinen eines elementaren Finanzverständnisses wollen wir uns im Folgenden etwas eingehender befassen. Wir benötigen dazu auch einige ein-

Zinseszinseffekt

Produktbausteine

Barwerteffekt

Financial Literacy Rendite und Risiko

Kosten, Steuern, Gebühren Inflation und Deflation

Abbildung 1: Basiswerkzeug zur Financial Literacy.


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1.1 Zins und Zinseszinseffekt

fache finanzmathematische Werkzeuge, die wir in einigen für die Finanzplanung hilfreiche (aber für Ihre Finanzplanung nicht zwingend notwendige) Formeln zusammengefasst haben. Doch keine Angst, Sie brauchen zu deren Verständnis keine weitreichenden mathematischen Kenntnisse oder Fähigkeiten. Ein einfacher Taschenrechner reicht, um die angeführten Beispiele selbst nachzuvollziehen und die Berechnungen auf die eigene Situation anzuwenden. Und wenn Ihnen das zu weit geht, dann genügt es, wenn Sie den Text dieses Abschnitts sorgfältig durchlesen, um die wichtigsten Effekte zumindest in ihren Auswirkungen zu verstehen, selbst wenn Sie diese nicht konkret berechnen und in Zahlen ausdrücken möchten. Dennoch empfehle ich Ihnen, sich auch ein paar elementare finanzmathematische Fähigkeiten als wichtigen Teil Ihrer Financial Literacy anzueignen. Es lohnt sich in jeder Hinsicht!

1.1 Zins und Zinseszinseffekt

Das wichtigste Instrument für das langfristige Kapitalwachstum ist der Zinseszinseffekt. Kapital, das wir für eine bestimmte Zeit anlegen, arbeitet für uns. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist der Zins (z), den wir dafür erhalten, dass wir ein Kapital (K) jemandem für eine vereinbarte Zeit (t) zur Verfügung stellen. Es ist wichtig zu verstehen, was genau mit dem Zins entschädigt wird. Wir schauen uns das am Beispiel einer Obligation an, für die Sie als Anleger einen jährlichen Zinsertrag gutgeschrieben erhalten. Der Zinssatz soll Ihnen vor allem drei Aspekte Ihrer Kapitalanlage abgelten: • den Verzicht auf das angelegte Kapital während der Anlagedauer. Sie könnten das Geld ja auch ausgeben; durch Ihre Anlage üben Sie Konsumverzicht. Je länger Sie bereit sind, auf Ihr Kapital zu verzichten, desto höher fällt die entsprechende Basisentschädigung über den Zinssatz aus. • das Risiko, das Sie mit der Kapitalanlage eingehen (bspw. das Risiko, dass die Firma, welche die Obligation ausgegeben hat, in der Zwischenzeit in Konkurs geht und Ihnen den Anlagebetrag nicht mehr oder nur teilweise zurückzahlen kann; oder dass Ihnen die versprochenen Zinsen nicht ausbezahlt werden). Je grösser das Konkursrisiko einer Firma ist, desto grösser wird der Risikozuschlag im Zinssatz sein. Und je länger Sie Ihr Kapital binden, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit eines Kapitalverlusts. Der Risikozuschlag im Zins steigt deshalb auch mit der Bindungsdauer des Kapitals. • das Risiko, dass Ihr Kapital bei der Rückzahlung nicht mehr gleich viel Wert ist wie zum Anlagezeitpunkt (z. B. wegen der inzwischen aufgelaufenen Inflation). Das Risiko eines Kaufkraftverlusts und der damit zusammenhängende Risikozuschlag steigen ebenfalls mit der Bindungsdauer des Kapitals.

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1 Ein kleiner Werkzeugkasten zur Finanzplanung und Vermögensverwaltung

Zinssatz Kapitalverzicht

Risiko

Zinssatz

1,8 %

Zinskurve

1% Kaufkraftverlust 6 Monate

3 Jahre

Zeit

Abbildung 2: Zinskurve und Basiselemente des Zinssatzes.

Weil alle drei Faktoren von der Bindungsdauer des Kapitals abhängig sind, liegen die langfristigen Zinsen im Normalfall höher als die Zinssätze für kurzfristige Anlagen. Wenn die Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen gross ist, spricht man von einer steilen Zinskurve, ist die Differenz gering, von einer flachen Zinskurve. In den sehr seltenen Situationen, wo die kurzfristigen Zinsen höher liegen als die langfristigen (z. B. in Zeiten finanzieller Krisen oder als Folge geldpolitischer Massnahmen von Notenbanken), spricht man von einer inversen Zinsstruktur; sie spielt für unsere finanzplanerischen Überlegungen jedoch keine Rolle. Der Verlauf der Zinskurve wird vor allem durch zwei Faktoren bestimmt. Zum einen von den Erwartungen der Anleger an die Zukunft der gesamten Wirtschaft und der Unternehmung, die eine Obligation zum Kauf anbietet, und von den damit verbundenen Zins- bzw. Risikoentwicklungen. Zum anderen von den geld- und konjunkturpolitischen Massnahmen der Notenbanken (etwa der Schweizerischen Nationalbank SNB, aber auch der Europäischen Zentralbank EZB oder der amerikanischen Notenbank Fed). Die Ersteren prägen vor allem die langfristigen Zinsen, Letztere die kurzfristigen, wobei sich die Massnahmen der Notenbanken bspw. über die Beeinflussung von Inflationserwartungen je länger, desto mehr auch auf die langfristigen Zinsen auswirken.

Merkpunkte

Zinsen sind eine Entschädigung für Kapitalverzicht, erwarteten Kaufkraftverlust und erwarteten Kapitalverlust während der Anlageperiode. Die mit der Anlage verbundenen Risiken des Kapitalverlusts und des Kaufkraftverlusts sind umso höher, je länger die Bindungsdauer der Anlage ist. Deshalb sind langfristige Zinsen in der Regel höher als kurzfristige Zinsen. Für die Finanzplanung sind vor allem die mittel- und langfristigen Zinsen von Bedeutung. Sie werden durch die Erwartungen der Anleger bezüglich der


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1.1 Zins und Zinseszinseffekt

Wirtschaftsentwicklung, der Zinsentwicklung und der Risikoentwicklung geprägt. Eine wichtige Rolle kommt dabei auch den Inflationserwartungen der Marktteilnehmer zu.

1.1.1 Die Macht des Zinseszinseffekts

Nach Ablauf der vereinbarten Anlagezeit erhalten wir das Kapital plus den vereinbarten Zins zurück. Legen wir beides erneut an, erhalten wir anschliessend die nächste Zinszahlung sowohl auf dem ursprünglichen Kapital als auch auf dem zuvor vereinnahmten und wieder investierten Zins. Die letztere Komponente bezeichnet man als Zinseszins. Unser Kapitalstock wächst also nicht gleichmässig (oder linear), sondern progressiv (oder exponentiell). Weil immer auch auf dem erzielten Zins in den Folgejahren wieder ein Zinsertrag anfällt, bezeichnet man die progressive Wachstumsrate des Kapitals als den Zinseszinseffekt. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht die Bedeutung, die der Zinshöhe dabei zukommt: Sie können 1000 Franken für zwanzig Jahre zu einem Zinssatz von a) 10 Prozent, b) 4 Prozent oder c) 1 Prozent anlegen. Ihr Endkapital nach diesen zwanzig Jahren setzt sich wie folgt zusammen: Endkapital

Zinszahlungen auf Anfangskapital

Zinseszinszahlungen

Bei 10 % pro Jahr

6 727 Fr.

2 000 Fr.

3 727 Fr.

Bei 4 % pro Jahr

2 191 Fr.

800 Fr.

391 Fr.

Bei 1 % pro Jahr

1 220 Fr.

200 Fr.

20 Fr.

Das Beispiel zeigt, wie der Zinseszinseffekt erst bei grösseren Zinszahlungen wirklich zu greifen beginnt. Bei einem Zinsniveau, wie wir es gegenwärtig in den europäischen Ländern haben, kann er nur wenig zum langfristigen Kapitalwachstum beitragen. Steigen die Zinsen jedoch auf mindestens 3 bis 4 Prozent, nimmt sein Beitrag exponentiell zu. Die Abbildung 3 zeigt schematisch das Grundprinzip des Zinseszinseffekts am Beispiel der Entwicklung eines Kapitalbetrags von 1000 Franken über einen Zeitraum von 10, 15 und 25 Jahren hinweg bei Zinssätzen von 2, 4 und 6 Prozent. Für finanzplanerische Überlegungen spielt deshalb der Zinssatz, der auf dem heute oder künftig angelegten Kapital erzielt werden kann, eine ganz wichtige

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1 Ein kleiner Werkzeugkasten zur Finanzplanung und Vermögensverwaltung

5000 4500 4000 3500 3000 Nach 10 Jahren

2500

Nach 15 Jahren

2000

Nach 25 Jahren

1500 1000 500 0

Bei 2 %

Bei 4 %

Bei 6 %

Abbildung 3: Der Zinseszinseffekt.

Rolle. Schon kleine Unterschiede in den Zinsannahmen bedeuten über einen längeren Zeitraum hinweg einen grossen Unterschied für das verfügbare Kapital am Ende des Anlagezeitraums. Der gleiche Effekt wirkt natürlich nicht nur beim Zins, sondern auch bei Dividendenausschüttungen, die sogleich wieder reinvestiert werden. Nur lässt sich hier das Kapitalwachstum nicht so einfach berechnen, da Dividenden im Zeitverlauf schwanken und in einzelnen Jahren vielleicht auch ganz ausfallen können. Mathematisch können wir den Zinseszinseffekt mit der folgenden einfachen Formel berechnen: Kt = K0(1 + z)t (Formel I) Dabei setzen wir die folgenden Werte ein: • für K0 das Anfangskapital, das uns zur Verfügung steht; • mit t bezeichnen wir die Anzahl Jahre, während der wir das Kapital anlegen wollen; • für z setzen wir den unterstellten Zinssatz ein, den wir während der Zeitperiode t erzielen können; • Kt ist dann das Endkapital nach Ablauf der gewählten Jahre t.


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1.1 Zins und Zinseszinseffekt

Ein einfaches Rechenbeispiel Unser Anfangskapital K 0 sei 2000 Franken, die Anlageperiode t = 12 Jahre, der in dieser Periode zu erzielende Jahreszins z = 4 Prozent. Damit errechnet sich unser Endkapital nach 12 Jahren wie folgt: K 12 = 2000 (1 + 0.04)12 = 3202.– Um den Term 1,0412 zu berechnen, kann man auf einen einfachen wissenschaftlichen Taschenrechner zurückgreifen, oder aber einen solchen Rechner im Internet aufrufen, die Zahl 1.04 eingeben, die mit y x bezeichnete Taste anklicken und die Zahl 12 für den Exponenten eingeben. Das Ergebnis in der Anzeige wird dann noch mit dem Anfangskapital multipliziert. Für unsere Überlegungen zur Finanzplanung ist diese einfache Berechnung des Zinseszinseffekts ausreichend. Mit ihr können wir die Frage beantworten, wie gross ein investiertes Kapital nach einer bestimmten Zeitperiode oder zu einem bestimmten Zeitpunkt (bspw. bei unserer Pensionierung) sein wird. Wir finden diese Basisformel auch als Baustein in den in Abschnitt 1.3 vorgestellten Berechnungen von Antworten auf etwas komplexere Fragen im Rahmen unserer Finanzplanung. Die 72er-Regel

Wer nicht gerne mit Formeln rechnet, kann auch eine einfache Faustregel anwenden, um die Macht des Zinseszinseffekts zu verstehen. Sie wird als 72er-Regel bezeichnet und zeigt, wie lange es bei einem bestimmten Zinssatz ungefähr dauert, bis sich ein beliebiges Kapital allein aufgrund des Zinseszinseffekts verdoppelt hat. Dazu teilt man einfach die Zahl 72 durch den Zinssatz. Ist der Zinssatz bspw. 4 Prozent, so dauert es 72 : 4 = 18 Jahre, bis aus 1000 rund 2000 Franken geworden sind (genau gerechnet mit unserer Formel I wäre das Kapital in diesem Zeitraum auf 2026 Fr. angewachsen). Umgekehrt kann man sich fragen, wie hoch der Zinssatz sein müsste, dass ein Kapital sich in einem bestimmten Zeitraum verdoppeln würde. Dazu teilt man die Zahl 72 durch den gewünschten Zeitraum. Will man sein Kapital z. B. in zehn Jahren verdoppeln, müsste man dazu einen jährlichen Zins von rund 72 : 10 = 7,2 Prozent erzielen. Der Zinseszinseffekt zeigt die Bedeutung des Zinssatzes für die Kapitalentwicklung über einen langen Zeitraum hinweg. Bei einem Ausgangskapital in unserer Pensionskasse von bspw. 500 000 Franken wächst das Kapital im Zeitraum von zwanzig Jahren bei einer Verzinsung von 2 Prozent auf 743 000 Franken, aber auf fast 1,1 Millionen im Fall einer Verzinsung von 4 Prozent. Im zweiten Fall würden also für

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1 Ein kleiner Werkzeugkasten zur Finanzplanung und Vermögensverwaltung

künftige Rentenleistungen gut 350 000 Franken mehr zur Verfügung stehen als bei der geringeren Verzinsung. Je nachdem, ob man von 2 Prozent oder von 4 Prozent ausgeht, verändert sich das erwartete Kapitalwachstum z. B. in zwanzig Jahren damit vom rund 1,5-Fachen des Ausgangskapitals (bei 2 %) auf das fast 2,2-Fache (bei 4 %). Der erfolgreiche amerikanische Investor Warren Buffet meint: «Zinseszins ist ungefähr so, als ob man einen Schneeball einen Hang hinunterrollt. Man kann mit einem ganz kleinen Schneeball anfangen. Wenn er lange genug den Hang hinunterrollt und der Schnee nur ein wenig klebt, dann hat man am Ende eine riesige Schneekugel.» Und ähnlich wie bei der Lawine entsteht der grösste Zuwachs an Vermögen in den letzten Jahren der Halteperiode.

1.1.2 Was ist ein realistischer Zinssatz?

Für unsere Finanzplanung ist die Zinsannahme, die wir für die nächsten Jahre und Jahrzehnte treffen, eine der wichtigsten Grundlagen zur Beurteilung unserer künftigen finanziellen Situation. Auch für die ganz einfachen Berechnungen gilt es deshalb, sich selbst und allenfalls seinen professionellen Diskussionspartnern einige kritische Fragen zum Zinssatz zu stellen. Zwei davon sind besonders wichtig: 1. Was ist ein realistischer Zinssatz, der sich über einen längeren Zeitraum hinweg im Durchschnitt erzielen lässt und mit dem wir im Rahmen unserer langfristigen Finanzplanung rechnen sollen? 2. Soll man mit nominal erzielten Zinsen rechnen (Nominalzins), oder soll der Zinssatz um eine Inflationsrate korrigiert werden (Realzins)? Die realistische Rendite Mit was für einer Rendite bzw. welchem Zinssatz kann und soll man realistischerweise rechnen? Aus einer langfristigen Perspektive heraus betrachtet, kann man folgende Überlegungen anstellen:2 • Die durchschnittliche Jahresrendite eines gut diversifizierten Aktienportfolios lag in den vergangenen dreissig Jahren bei 9,37 Prozent nominal und 7,67 Prozent real (d. h. unter Berücksichtigung der Inflation). • Bundesobligationen rentierten im gleichen Zeitraum durchschnittlich rund 4,58 Prozent nominal und 2,96 Prozent real. • Pensionskassen rechnen heute bei ihren Beitrags- bzw. Rentenberechnungen mit einer durchschnittlichen Verzinsung der Pensionskassenguthaben von noch 1,75 Prozent.3 Im Jahr 2002 betrug dieser Zinssatz noch 4 Prozent.

2 3

Vgl. Bank Pictet: Performance von Aktien und Obligationen in der Schweiz (1926–2012); Genf 2012. Gültig ab dem 1.1.2014; zuvor betrug der Mindestzinssatz 1,5 %.


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1.1 Zins und Zinseszinseffekt

Die Wahl des Zinssatzes, den man der eigenen Finanzplanung zugrunde legen sollte, hängt von zwei Faktoren ab: zum einen vom Anlagehorizont, d. h. von der Zeitdauer bis zum Zeitpunkt, an dem man über das Kapital verfügen will, und zweitens von der eigenen Risikobereitschaft und -tragfähigkeit.

Anlagehorizont

Je länger der Anlagehorizont ist (d. h., je länger man das Kapital anlegen

kann, bis man es benötigt), desto höher kann der erwartete Zinssatz angesetzt werden. Unter einigermassen normalen Marktbedingungen sind die langfristigen Zinsen höher als die kurzfristigen. Zehnjährige Anlagen rentieren mehr als Festgeldanlagen, die einen Zeithorizont von maximal einem Jahr haben. Aktien, die man über einen längeren Zeitraum hinweg halten kann, haben zumindest in der Vergangenheit eine höhere Rendite erzielt als kurzfristige Anlagen, die man rasch wieder liquidieren kann, wenn man das Kapital benötigt. Risikobereitschaft/-tragfähigkeit

Im gewählten Zinssatz für finanzplanerische Berechnun-

gen kommen auch die Risikoneigung und die Risikotragfähigkeit des Planenden zum Ausdruck. Wer einen höheren Zinssatz wählt, kann grössere Beträge in seinen Finanzplan einsetzen, mit denen er in einer vielleicht noch fernen Zukunft rechnen zu können glaubt. Der Zinseszinseffekt zeigt, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Zinssätzen exponentiell mit dem Faktor Zeit wachsen. Gleichzeitig wächst aber mit dem Faktor Zeit auch die Unsicherheit darüber, wie sich die Welt, der Markt und damit der tatsächlich erreichbare Zinssatz entwickeln werden. Der vorsichtige Finanzplaner wird deshalb mit Sicherheitsabschlägen auf dem erwarteten Zinssatz rechnen. Der Abschlag wird umso grösser sein, je weniger er sich einen Irrtum bei der Schätzung des erwarteten Zinses leisten kann (wir befassen uns in Abschnitt 2.7 noch eingehender mit dem Thema des individuellen Risikoprofils).

Nominalzins oder Realzins Wir leben letztlich nicht von nominellen Geldbeträgen, sondern von dem, was wir uns mit diesem Geld kaufen können. Deshalb ist für die Finanzplanung nicht der nominelle Zins wichtig (also der effektiv realisierte Zinssatz bzw. der daraus resultierende Ertrag), sondern der kaufkraftbereinigte, also der um die Inflation korrigierte Zinssatz. Wir brauchen die Ergebnisse unserer Finanzplanung ja um festzustellen, mit welchen Zahlungen wir zu einem zukünftigen Zeitpunkt rechnen können, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten und unseren Lebensstandard abzusichern. Wenn wir uns für eine bestimmte Geldsumme in zwanzig Jahren nur noch halb so viel kaufen können wie heute, dann muss dieser Betrag doppelt so hoch angesetzt werden, um kaufkraftmässig dem heutigen Gegenwert zu entsprechen. Für die Berechnung künftiger Einnahmen und Ausgaben müssen wir deshalb immer

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5 Die Grenzen im Kopf überwinden

Ohne näher darüber nachzudenken, unterstellen wir uns selbst einen weitgehend rationalen und vernünftigen Umgang mit unseren Finanzen. Damit unterliegen wir jedoch einem grossen Irrtum. Unser Verhältnis zu Geld und unser damit zusammenhängendes Denken, Entscheiden und Handeln wird in einem hohen Mass von emotionalen, mentalen und sozialen Faktoren bestimmt, die tief in unserem Unterbewusstsein und unserer Persönlichkeitsstruktur verankert sind.


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5 Die Grenzen im Kopf überwinden

Sprichworte zum Thema Geld füllen ganze Bibliotheken. Sie drücken aus, dass Geld in unserer sozialen und psychischen Welt neben seiner ökonomischen Funktion als Zahlungsmittel oder als Instrument zur Wertspeicherung noch viele andere Wirkungen hat. Geld verschafft Ansehen und Status. Geld kann Surrogat für Liebe sein. Es gilt bei manchen Männern als Ausdruck sexueller Potenz, verschafft Macht und Reputation und gilt vielen Menschen als der Schlüssel zum Glück. Mit Geld steigen Wahlmöglichkeiten, eröffnen sich Chancen, steigen Beliebtheit und Attraktivität. Empirische Untersuchungen zeigen immer wieder, dass reiche Menschen als vertrauenswürdiger eingeschätzt werden als solche ohne Geld. Sie erhalten vor Gericht geringere Strafen, finden schneller einen Liebes- und Lebenspartner oder werden eher in hohe Ämter gewählt. Andererseits ist Geld der Hauptgrund für private und gerichtliche Auseinandersetzungen. Und über kein anderes Thema wird in Partnerschaften so oft gestritten wie über Geld. Geld eröffnet Freiräume zur selbstständigen Gestaltung seines Lebensentwurfs und beeinflusst damit im positiven wie im negativen Sinn die Entwicklung unserer Persönlichkeit. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass das Thema Geld und Besitz die meisten Menschen tagtäglich und einen grossen Teil ihres bewussten Lebens hindurch viel intensiver beschäftigt als viele andere Bedürfnisse. Macht Geld glücklich?

Die Frage, ob Geld glücklich macht, ist eigentlich überflüssig, sagt doch schon das bekannte Sprichwort, dass dem eben nicht so sei. Eine Vielzahl von Untersuchungen hat sich der Frage gewidmet, wie das Gefühl des Glücklichseins und materielle Rahmenbedingungen bzw. Wohlstand miteinander in Beziehung stehen. Alle kommen sie zum mehr oder weniger gleichen Ergebnis: Die Zufriedenheit mit sich und seinem Leben hat wenig zu tun mit Geld und Besitz. So fühlen sich offenbar Menschen in ärmeren Ländern trotz den aus unserer Sicht schlechten materiellen Rahmenbedingungen zufriedener als viele Menschen in reichen Ländern. Fast scheint es, als ob Zufriedenheit, Glück und Zuversicht negativ mit dem erreichten Wohlstand korrelieren. Je mehr Geld und Besitz jemand hat, desto mehr scheint er Ängsten vor seiner Zukunft und dem möglichen Verlust des Erreichten ausgesetzt zu sein. Wir gewöhnen uns sehr rasch an ein einmal erreichtes Wohlstandsniveau. Das Erreichte wird zur Selbstverständlichkeit, und je mehr wir erreichen, desto grösser wird die Furcht davor, es wieder zu verlieren und auf ein tieferes Niveau abzusteigen. Der Ökonom spricht in diesem Zusammenhang vom negativen Grenznutzen des Geldes: Der Nutzen einer zusätzlichen Geldeinheit wird mit wachsendem Wohlstand immer geringer. Das ist etwa so wie bei einem Glas Wasser – ist der erste Durst einmal gelöscht, schmeckt jeder weitere Schluck etwas weniger köstlich, bis schliesslich noch mehr Wasser überhaupt keinen positiven Effekt mehr bewirkt, sondern nur noch zu Problemen führt.


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5.1 Facetten der Geldpersönlichkeit

Aber das bedeutet nicht, dass ein anderes Sprichwort stimmt, das sinngemäss «arm, aber glücklich» besagt. Wer seine materiellen Grundbedürfnisse nicht abdecken kann, ist zumindest in unserem sozialen Umfeld oft wenig zufrieden und wird von Zukunftsängsten geplagt. Die meisten von uns sind keine Philosophen, und ein zufriedenes Sein ist oft durchaus mit einem bestimmten Niveau von Haben verknüpft. Ein auch künftig erfüllendes Sein setzt deshalb eine seriöse Planung des Habens voraus. Und damit sind wir wieder bei unserem Thema.

5.1 Facetten der Geldpersönlichkeit

Die Art und Weise, wie wir mit Geld umgehen, wie wir es sparen, ausgeben, investieren oder verschenken oder welche Bedeutung wir ihm zumessen, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Dieses unterschiedliche Verhältnis zu Geld und Besitz wirkt sich auch auf die Beurteilung und Umsetzung finanzieller Entscheidungen aus. In der psychologischen Literatur zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen Individualität und finanziellem Entscheidungsverhalten spricht man deshalb von der Geldpersönlichkeit des Menschen. Das Verständnis unserer Geldpersönlichkeit hilft uns, die vielen Faktoren zumindest ein Stück weit zu objektivieren, die unser subjektives Verhalten in finanziellen Angelegenheiten mitbestimmen. Es sind vor allem drei Kategorien solcher Einflussfaktoren, die unsere Geldpersönlichkeit prägen: individuell-psychologische, biografische und soziokulturelle Faktoren.

Individuellpsychologische Einflussfaktoren

Biografische Einflussfaktoren

Soziokulturelle Einflussfaktoren

Abbildung 72: Faktoren Geldpersönlichkeit.

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5 Die Grenzen im Kopf überwinden

Individuell-psychologische Faktoren sind Teil des Verhaltens, das unseren Charakter von Geburt an mitbestimmt. Sie beeinflussen Eigenschaften wie Risikofreudigkeit, Geiz oder Gier, die Grosszügigkeit im Umgang mit Geld sich selbst und anderen gegenüber, aber auch Besitzstreben und andere geldbezogene Charakterzüge. Zwar ist es der Wissenschaft bisher nicht gelungen, genetisch verankerte Bestimmungsfaktoren der Geldpersönlichkeit zu isolieren, aber es scheint offensichtlich, dass sich solche Eigenschaften auf das Verhalten der Menschen im Zusammenhang mit Geld und Gut auswirken. Biografische Einflussfaktoren unserer Geldpersönlichkeit basieren auf unserem individuellen Erlebnishintergrund. Lebenserfahrungen prägen von früher Kindheit bis ins hohe Alter unseren Umgang mit Geld. Die Forschung zeigt, wie sich unsere Geldpersönlichkeit im Laufe unseres Lebens verändert und sich den jeweiligen biografischen Lebensumständen anpasst. So beeinflusst etwa das Lebensalter und die damit einhergehende Lebenserfahrung unsere Risikowahrnehmung und Risikobereitschaft. Im Alter von sechzig Jahren gehen wir anders mit Geld und Besitz um als mit fünfundzwanzig Jahren. Auch das individuelle ökonomische und soziale Umfeld spielt bei der Bestimmung unserer Geldpersönlichkeit eine wichtige Rolle. Aktueller Besitz, das Wohlstandsniveau und der soziale Status beeinflussen unser finanzielles Verhalten weit über das rationale Entscheiden und Handeln hinaus. Und schliesslich wirkt sich auch unsere Financial Literacy stark auf unseren Umgang mit Geld und die Diskussion finanzieller Fragestellungen aus. Damit sind wir bei den soziokulturellen Faktoren, die sich von den beiden anderen Gruppen von Einflussfaktoren nicht so eindeutig abgrenzen lassen, wie wir das der Einfachheit halber hier tun (tatsächlich beeinflussen sich die drei Kategorien von Bestimmungsfaktoren der Geldpersönlichkeit wiederum wechselseitig). Sie beziehen sich auf die jeweils geltenden monetären Wertvorstellungen der Menschen in einem bestimmten soziokulturellen Kontext. Solche gesellschaftlichen Werte und Normen beeinflussen seit je unser Finanzverhalten. Zwar möchten die meisten Menschen gerne mehr verdienen, doch misst ein Amerikaner einem hohen Einkommen einen anderen Statuswert zu als ein Europäer. In jeder westlichen Gesellschaft und Kultur spielen ökonomische Faktoren eine Schlüsselrolle für die Bestimmung des Geld- und des Risikoverhaltens der Menschen. Untersuchungen zeigen den Zusammenhang zwischen Religion, Staatsform, Technologie, Geschichte und anderen Faktoren und dem Finanzverhalten der Menschen. So bestimmen etwa Wertvorstellungen zu Reichtum, Gerechtigkeit oder Solidarität die Beurteilung von Zinsen, von Risikoabsicherungen oder der Fairness von Managereinkommen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Ein Anleger in Brasilien wird sich – auch bei identischer ökonomischer und finanzieller Ausgangslage – andere Überlegungen zu seiner langfristigen Finanzplanung machen als ein Franzose oder ein Russe.


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5.1 Facetten der Geldpersönlichkeit

Engländer zeigen ein anderes Verhalten im Umgang mit Versicherungen als Deutsche; Schweizer haben ein anderes Verhältnis zu Konsumkrediten als Amerikaner. Alle diese Einflussfaktoren wirken sich auf unseren Umgang mit Geld aus. Sie beeinflussen unser Sparverhalten, unser Ausgabenmuster, unsere Anlagestrategie, unsere Investitions- und Desinvestitionsentscheidungen, unsere Risikowahrnehmung und -bereitschaft, unsere Haushaltsführung, unser Verhältnis zu Schulden und Verpflichtungen, zu Sparsamkeit oder Verschwendung, zu Geiz und Gier und zu vielen weiteren Aspekten, die in ihrer Gesamtheit unsere Geldpersönlichkeit definieren. Zwar kann man auch in finanziellen Dingen nur schwer aus der eigenen Haut schlüpfen. Doch wenn wir die wichtigsten Aspekte unserer eigenen Geldpersönlichkeit erkennen, können wir versuchen, ihre positiven Aspekte zu nutzen und die negativen Auswirkungen abzuschwächen. Zumindest aber werden wir uns bewusst, dass unser geldbezogenes Verhalten wahrscheinlich weit weniger rational und vernunftgesteuert ist, als wir uns das selbst gerne vormachen. Ist Besitzstreben angeboren?

Wissenschaftszweige wie die Soziobiologie, die Anthropologie oder die Sozialpsychologie führen seit langem eine erbitterte Diskussion zur Frage, ob das universell feststellbare Streben der Menschen nach Gut und Besitz angeboren oder vielmehr durch kulturelle Faktoren bedingt sei. Die Soziobiologie unterstellt, dass die Fortpflanzungschancen eines Individuums wie auch einer Gruppe durch Besitz erhöht werden und sich damit Menschen mit ausgeprägtem Besitzinstinkt einfacher reproduzieren können. Das Besitzstreben und letztlich auch seine extremste Form der Besitzgier wären damit biologisch bedingt. Ethnologen und Anthropologen dagegen zeigen anhand entsprechender Studien, wie primär kulturelle Aspekte das Streben von Völkern und ihrer Angehörigen nach Besitz und Gütern entwickelt und unterstützt haben. Seine eigene Geldpersönlichkeit zu verstehen, ist genauso schwierig wie der Versuch, seine übrigen Charaktereigenschaften objektiv zu beschreiben. Aber es ist hilfreich, es wenigstens zu versuchen. Denn wie in vielen Bereichen des Lebens ist auch in Geldangelegenheiten die Selbsterkenntnis eine wichtige Voraussetzung, um sein finanz- und risikobezogenes Verhalten zu beeinflussen. Viele der Stolpersteine, die uns unsere Natur auf dem Weg zum finanziellen Erfolg in den Weg legt, kann man umgehen, wenn man sie erkannt hat. Wir können Geldpersönlichkeit anhand von vier sich gegenseitig beeinflussenden Aspekten beschreiben. Sie charakterisieren unsere zeitliche Orientierung, unser Sicherheitsbedürfnis, unser Entscheidungsverhalten und unsere Wertorientierung in finanziellen Dingen. Die Ausprägung dieser Faktoren wird wiederum durch kul-

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5 Die Grenzen im Kopf überwinden

Zeitliche Orientierung

Wertorientierung

Dimensionen der Geldpersönlichkeit

Sicherheitsorientierung

Entscheidungsorientierung Abbildung 73: Dimensionen der Geldpersönlichkeit.

turelle und soziale Faktoren, aber auch durch die Lebensphase, in der wir uns befinden, oder durch materielle Rahmenbedingungen beeinflusst. Die vier Aspekte stehen nicht unabhängig nebeneinander, sondern überschneiden und ergänzen sich gegenseitig. Zeitliche Orientierung Menschen sind in Bezug auf Geld und Gut entweder mehr gegenwartsbezogen oder eher zukunftsorientiert: • Gegenwartsorientierte Menschen leben im Hier und Heute. Sie suchen sich ihre Wünsche jetzt oder möglichst rasch zu erfüllen. Das Geld, das sie verdienen oder sonstwie erhalten, geben sie schnell wieder aus. Wenn sie sparen, tun sie das zielorientiert: für ein Auto, eine Ferienreise oder für ein anderes klar umschriebenes Bedürfnis. Ist die nötige Summe beisammen, wird das Auto gekauft oder die Ferienreise gebucht. In einer extremen Ausprägung verschuldet man sich bspw. über einen Konsumkredit, um ein Bedürfnis noch schneller befriedigen zu können, oder beschafft sich das Auto mit einem Leasingvertrag, um sogleich damit losfahren zu können. Solche Menschen sind ausgabenorientiert. Ihr zeitlicher Planungshorizont in finanziellen Dingen ist meist kurz. Man bezeichnet sie auch als Lebe-heute-Typ.25

25 Vgl. dazu Schönemann, Doris: Die Financial Literacy bestimmt das Verhalten, in: denaris 2/2008, S. 23–27.


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5.1 Facetten der Geldpersönlichkeit

Das andere Extrem ist dann natürlich der Lebe-morgen-Typ. Seine Geldpersönlichkeit ist sparorientiert. Er gönnt sich nur das Nötige und spart den Rest für eine spätere Lebensphase, oft ohne genaue Vorstellungen davon zu haben, wozu die Ersparnisse dann eingesetzt werden sollen. Das wachsende finanzielle Polster vermittelt ihm ein Gefühl der Sicherheit, ohne dass er im Einzelnen zu sagen wüsste, vor welchen Risiken er sich eigentlich absichern muss. Sein finanzieller Planungshorizont ist sehr langfristig. Im Extremfall wird er das angesparte Kapital gar nie antasten und es nach seinem Tod an seine Erben weitergeben. Natürlich gehören die meisten Menschen nicht ausschliesslich zum einen oder zum anderen Typ. Sie vereinigen in ihrer Geldpersönlichkeit Elemente von beiden. Doch es ist hilfreich, sich einmal Gedanken darüber zu machen, welche Aspekte der beiden Typen man in seiner eigenen Geldpersönlichkeit findet. Sicherheitsorientierung Der Aspekt der Sicherheitsorientierung spricht die Bedeutung an, die wir dem Gefühl der finanziellen Sicherheit zumessen. Wir sind uns bewusst, dass es finanzielle Sicherheit im strengen Sinn des Wortes für die meisten von uns nie gibt. Wirtschaftsgeschichte ist die Auflistung einer langen Reihe von Beispielen, wie in allen Epochen und Gesellschaften immer wieder scheinbar sicheres Kapital entwertet und scheinbar sicherer Besitz zerstört wurde. Doch wir denken nicht in historischen Zeiträumen. Wir gehen davon aus, dass über die nächsten paar Jahrzehnte in unserem europäischen Kulturraum und insbesondere in unserem eigenen Land einigermassen stabile ökonomische Verhältnisse herrschen und wir auch für unsere Finanzplanung von mehr oder weniger gesunden finanziellen Rahmenbedingungen ausgehen können. Auch unter solchen Voraussetzungen müssen wir mit wachsender Unsicherheit und Ungewissheit leben. Unsere Renten werden wahrscheinlich geringer ausfallen, als wir das heute noch erwarten. Wir wissen nicht, was wir uns für die dann ausbezahlten Beträge noch werden kaufen können. Wir wissen auch nicht, um wie viel uns der Staat unser Einkommen und Vermögen durch neue Steuern und Abgaben reduzieren wird. Wir kennen unsere tatsächlichen finanziellen Bedürfnisse in späteren Lebensphasen nicht. Wir wissen nicht, was uns die Hypothek auf unserem Haus dereinst kosten wird, was das Alters- oder Pflegeheim an finanziellen Ressourcen verlangt oder was die Bedürftigkeit von Anverwandten für die zu unserer Vorsorge gedachten Sicherheitspolster bedeutet. Während sich die einen Menschen kaum den Kopf über solche Fragen der künftigen finanziellen Sicherheit zerbrechen, nehmen andere die Ungewissheit zum Anlass, sich mit allen möglichen Instrumenten und Massnahmen gegen deren Auswirkungen zu wappnen. Das finanzielle Sicherheitsbedürfnis ist bei vielen Menschen stark ausgeprägt, bei anderen ist es kaum vorhanden. Natürlich hängt

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5 Die Grenzen im Kopf überwinden

diese Ausprägung auch mit der im vorigen Abschnitt erwähnten zeitlichen Orientierung zusammen. Der Lebe-heute-Typ wird sich wenig Gedanken über zukünftige finanzielle Probleme machen, während sich der Lebe-morgen-Typ intensiv mit ihnen auseinandersetzt und sie als Motivation für seine Spar- und Anlagebemühungen sieht. Entscheidungsorientierung Es gibt Menschen, die treffen finanzielle Entscheidungen gerne selber. Sie gehen davon aus, dass sie die Verantwortung für ihre finanzielle Zukunft selbst übernehmen sollten. Deshalb befassen sie sich intensiv mit den für solche Entscheidungen notwendigen Grundlagen. Sie verbessern ihr Finanzwissen, diskutieren offene Fragen mit Fachleuten und beschaffen sich benötigte Informationen. Sie lassen sich gerne beraten, treffen aber schliesslich selbst die Entscheidungen, die direkt mit ihrer finanziellen Zukunft zu tun haben. Andere wiederum delegieren solche Entscheidungen lieber dem Spezialisten. Sie würden zwar gerne verstehen, welche Lösungen für sie geeignet sind und weshalb. Sie gehen aber davon aus, dass solche Fragen im heutigen Finanzumfeld zu komplex sind, als dass man sie als Nichtfachperson selbst beantworten könnte. Das überlässt man deshalb Fachleuten, die man dazu als geeignet betrachtet. Zu welchem Typ gehören Sie?

Sicher kann man die meisten von uns nicht einfach dem einen oder dem anderen Typ zuordnen. Aber es ist sinnvoll, sich zu überlegen, zu welchem Typus man selbst gehört. Denn es gibt noch einen dritten Typ, der gar nicht so selten anzutreffen ist: Jene Menschen, die schlicht nichts entscheiden, weil sie nicht wissen, ob sie finanzielle Fragen selbst beantworten oder das doch besser an Fachleute delegieren sollen. Wir wissen inzwischen, dass dieses Nicht-Entscheiden eine der unglücklichsten Eigenschaften einer Geldpersönlichkeit ist.

Wertorientierung Der vierte Aspekt unserer Geldpersönlichkeit ist die Wertorientierung. Sie beinhaltet die unserem finanziellen Entscheiden und Handeln zugrunde liegenden Wertmassstäbe. Die selbstkritische Benennung dieser Werte ist nicht einfach. Wer gibt schon gerne zu, dass Geld an sich für sein Selbstbewusstsein wichtig ist, etwa weil er glaubt, aus Kapitalbesitz Status und Anerkennung ableiten zu können? Oder wer ist selbstkritisch genug einzugestehen, dass er im Grunde ein Verschwendertyp ist, der sich wenig aus Ersparnissen und dafür umso mehr aus den Dingen macht, die man mit Geld kaufen kann? Finanzbezogene Werte beziehen sich vor allem auf Aspekte wie Sicherheit, Grosszügigkeit, Status und Anerkennung sowie Lebensstil. Aber auch Aspekte der


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5.1 Facetten der Geldpersönlichkeit

Gerechtigkeit oder der Fürsorge können wichtige Einflussgrössen für unser finanzielles Verhalten und Empfinden sein. Beispiele von Fragen zur Bestimmung der eigenen Geldpersönlichkeit

Zeitliche Orientierung • Wie wichtig ist für mich regelmässiges Sparen? • Würde ich einen Konsumkredit aufnehmen und über die Zeit wieder abzahlen, um mir einen momentan nicht finanzierbaren Wunsch sofort erfüllen zu können? • Möchte ich den Grossteil meines Kapitals einmal an meine Erben weitergeben? • Verzichte ich eher heute auf die Erfüllung von Wünschen, um sie mir dafür in einer späteren Lebensphase erfüllen zu können? Sicherheitsorientierung Was heisst für mich finanzielle Sicherheit? • Wann fühle ich mich in Bezug auf meine finanzielle Vorsorge sicher, und wann habe ich ein ungutes Gefühl, das mich belastet? • Wie gross ist mein Vertrauen, dass ich dereinst die erwarteten Zahlungen aus Renten und Kapital erhalten werde und dass ich damit meinen erwünschten Lebensstil aufrechterhalten kann?

Entscheidungsorientierung • Möchte ich die wichtigen finanziellen Entscheidungen zu meiner finanziellen Zukunft selbst treffen können? • Verlasse ich mich dazu auf Fachleute, die mir diese Entscheidungen abnehmen? • Zögere ich Anlageentscheidungen immer wieder hinaus, weil ich nicht weiss, wie ich mich entscheiden soll? Wertorientierung • Sind ein gutes Einkommen und Besitz wichtig für meine soziale Stellung und mein Ansehen, das ich in meinem sozialen Umfeld geniesse? • Hätte ich mehr Geld zur Verfügung, als ich für meinen gewünschten Lebensstil brauche, könnte ich mich leicht davon trennen? • Welche Gefühle lösen finanzielle Verluste in mir aus? Exogene Einflussfaktoren der Geldpersönlichkeit Die in den obigen Abschnitten skizzierten Aspekte sind Ausprägungen unserer Geldpersönlichkeit und damit Teil unseres Charakters. Wie genau und wie ausgeprägt sie sich äussern, ist auch von Umweltfaktoren abhängig, zu denen kulturelle Aspekte, unser soziales Umfeld oder die Lebensphase gehören, in der wir uns gerade befinden.

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5 Die Grenzen im Kopf überwinden

Kulturelle Faktoren

Sie wirken sich stark auf das Finanzverhalten der Menschen in einer

Gesellschaft aus. Sie kommen im Sparverhalten, in der Einstellung gegenüber Schulden (insbesondere Konsumkrediten) oder im Risikoprofil zum Ausdruck. Die amerikanische Wirtschaft bspw. wird stark von der kreditfinanzierten Konsumnachfrage bestimmt. Die Pro-Kopf-Verschuldung der Amerikaner durch Konsumkredite (etwa in der Form von Krediten auf Kreditkartenkonti) ist überdurchschnittlich hoch. Die durchschnittliche Sparneigung ist dagegen gering. Der Schweizer konsumiert nicht weniger, finanziert seinen Konsum aber entweder aus dem laufenden Einkommen oder aus Ersparnissen. Auch im Anlageverhalten zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen. Der Lateinamerikaner wertet aus historischer Erfahrung den Kaufkrafterhalt seiner Anlagen höher als die Bruttorendite; der Asiate erweist sich als risikobereiter als der Europäer; der Amerikaner ist Aktien gegenüber offener als der Deutsche usw. Doch auch der Mikrokosmos des eigenen Lebens prägt unsere Geldpersönlichkeit: unsere Erziehung, Vorbilder aus Familie und Freundeskreis, Werte und Normen, die wir in Schule und Ausbildung mitbekommen haben. Soziale Faktoren

Eine oft unterschätzte Rolle spielt das soziale Umfeld. Wir orientieren uns

in unserem Finanz- und Risikoverhalten, aber auch in der Ausprägung unserer finanziellen Wertordnung stark an unserem unmittelbaren sozialen Umfeld. Wir vergleichen uns in finanzieller Hinsicht nicht mit Menschen in völlig andersgearteten Situationen, sondern mit unseren Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen. Wenn alle einen sehr hohen Bonus bekommen, fühlen wir uns unterbezahlt, wenn der eigene Bonus etwas geringer ausfällt. Wenn wir mehr verdienen als die meisten Menschen unseres sozialen Umfelds, fühlen wir uns wohlhabend, unabhängig von der konkreten Höhe unserer Bezüge. Lebensphase

Nicht zuletzt prägt auch die jeweilige Lebensphase unsere Geldpersönlichkeit.

In der Aufbau- und der Konsolidierungsphase suchen wir mit höherer Risikobereitschaft nach Rendite oder gewichten die Statusfunktionen von Einkommen und Besitz höher als in späteren Phasen, wo das Sein gegenüber dem Werden und Haben immer stärker ins Gewicht fällt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass in späteren Lebensphasen die Zufriedenheit mit dem einmal erreichten Besitzstand wächst, dass Geld und Besitz aber mit dem Alter zugunsten anderer Werte an Bedeutung verlieren. Bei der Interpretation solcher Untersuchungen sollte man beachten, dass sich auch der Alterungsprozess vor einem gesellschaftlichen Hintergrund abspielt. Der Fünfzig- oder Sechzigjährige von heute ist nicht mehr vergleichbar mit dem Altersgenossen der 1980er-Jahre. Er hat sein bisheriges Leben unter anderen gesellschaftspolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen gelebt und hat damit auch eine andere finanzielle Werthaltung und andere Erwartungen an die künftige Lebensqualität entwickelt.

Diese vielfältigen Einflüsse auf die Geldpersönlichkeit machen eine lebensphasenübergreifende Finanzplanung schwierig. Wie sollen wir heute erkennen, welche


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5.2 Grenzen im Kopf

Bedeutung wir dem Aspekt Sicherheit in einer vielleicht noch um Jahrzehnte entfernten Lebensphase zumessen werden und was das für die Höhe des finanziellen Polsters bedeutet, das wir dann gerne zur Verfügung hätten? Welche Einstellung zum Risiko werden wir künftig haben? Was hat ein aus Kapital und Einkommen abgeleiteter sozialer Status künftig noch für eine Bedeutung? Solche Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Trotzdem ist es wichtig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und ihren Einfluss auf unser Entscheiden und Handeln zu erkennen. Die Erkenntnisse können uns helfen, unser Verhalten im Umgang mit Geld etwas selbstkritischer und damit objektiver zu beurteilen. Ein neuer Forschungszweig: Finanzgerontologie

Mit den vielfältigen Aspekten des Alters und des Alterns befasst sich der Wissenschaftszweig der Gerontologie. Dabei stehen immer mehr auch ökonomische Fragen im Brennpunkt des Interesses. Unter dem Begriff der Finanzgerontologie werden einerseits die Konsequenzen der demografischen Entwicklung auf die Vorsorgesysteme untersucht, andererseits aber auch Fragen der Veränderung individuellen Finanz- und Risikoverhaltens im Alter diskutiert.

5.2 Grenzen im Kopf

Theorie und Praxis der Vermögensverwaltung gehen meist von der unausgesprochenen Annahme aus, dass die Menschen, die finanzielle Entscheidungen treffen, • erstens gut informiert sind, • zweitens wissen, was für sie selbst oder für andere gut und richtig ist • und drittens grundsätzlich vernünftig denken, entscheiden und handeln. Die Erfahrung lehrt, dass nichts davon stimmt, weder für den privaten Anleger, der sein Kapital sicher und wertsteigernd investieren will, noch für den professionellen Berater, der ihn dabei unterstützt. Unser Denken in finanziellen Angelegenheiten wird von einer Vielzahl von psychologischen, biologischen und sozialen Faktoren beeinflusst, deren wir uns meist gar nicht bewusst sind. So ist der Anlageprozess denn auch gepflastert mit Stolpersteinen, die wir wohl nie ganz umgehen können. Aber indem wir sie uns bewusst machen, können wir zumindest versuchen, ihren Einfluss auf unser Verhalten zu erkennen und ihn damit etwas zu neutralisieren. Behavioral Finance

Die Behavioral Finance als relativ neuer Zweig der Finanzwissenschaft befasst sich mit psychologischen Aspekten von Finanzentscheidungen und untersucht, weshalb theoretisch unterstelltes rationales Verhalten der Menschen durch effektiv festgestelltes irrationales Verhalten überlagert wird. Sie zeigt, dass mensch-

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Der Autor

Beat Bernet gründete und leitete nach der wirtschaftswissenschaftlichen Promotion an der Universität Zürich und Positionen in der Unternehmensberatung und bei Banken während vieler Jahre eine international tätige Beratungsfirma. 1986 wurde er als ordentlicher Professor für Bank- und Finanzmanagement auf den Bankenlehrstuhl der Universität St. Gallen / HSG berufen. Er war geschäftsführender Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen und Dekan der betriebswirtschaftlichen Abteilung der Universität. Neben seinen akademischen Tätigkeiten blieb er durch Verwaltungsratsmandate von Banken und Finanzorganisationen, so etwa als langjähriger Präsident einer börsenkotierten Kantonalbank, mit der Finanzpraxis verbunden. Heute ist er Partner und Inhaber einer auf KMU ausgerichteten Beteiligungsgesellschaft sowie als unabhängiger Gutachter und Berater für Fragestellungen zu Bank-, Finanz- und Anlagethemen tätig. Er publiziert regelmässig Medienbeiträge, Aufsätze und Bücher zu aktuellen Bank- und Finanzthemen.


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Anleitung für die eigene Finanzplanung! Beat Bernet: Zwischen Rendite und Risiko  

Bernet legt uns einen Werkzeugkasten und eine Anleitung in die Hand, um die wichtigen Fragen rund ums Geld zu verstehen und mit der Materie...

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