Kultur
DER ∂TANDARD
DIENSTAG, 25. JUNI 2024 | 23
„Kitsch braucht den Antikitsch“
Heiteres Gemälderaten mit Musikbegleitung
Kommende Woche starten die Festspiele Reichenau, bald darf man vor Ort auf Stücke von Autorinnen hoffen: Intendantin Maria Happel verspricht Reformen für das Theater im Schatten der Rax.
Die Styriarte huldigte Caravaggio und Monteverdi
INTERVIEW: Margarete Affenzeller
Stefan Ender
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Foto: APA / Georg Hochmuth
er eine war ein wilder Hund und vielleicht der Heftigste und Sinnlichste seiner Zunft: Caravaggio. In seinen Bildern: das echte, schmutzige, faltige Leben, in Szene gesetzt aber wie eine Show. Scheinwerfer an! Wen interessierte der apollinische Manierismus seiner Vorgänger? Michelangelo Merisi um 1600 mit Sicherheit nicht. Der andere schlug zur selben Zeit gang- und hörbare Pfade durch das Dickicht der polyphonen, kontrapunktischen Renaissancemusik. Weniger ist mehr, „reduce to the max“. Eine Singstimme, eine Klampfe und ein paar Akkorde. Im Wesentlichen sind die Ingredienzien der Musik Claudio Monteverdis und die der heutigen Popmusik die gleichen. Warum nicht beide italienischen Pioniere des Barock zusammenspannen? Die Styriarte versprach für einen Abend in der Grazer Helmut-List-Halle einen „Dialog zwischen Caravaggio und Monteverdi“. Für den Maler war die Gruppe Teatri 35 zuständig: Gaetano Coccia, Francesco Ottavio De Santis und Antonella Parrella stellten unter Zuhilfenahme von vielen Tüchern und wenigen Requisiten 18 Gemälde von Caravaggio und ein CaravaggioPorträt von Ottavio Leoni als Tableaux vivants nach.
Musik zum Umkleiden Parallel dazu interpretierte das fünfköpfige Ensemble La Venexiana Werke von Monteverdi, Benedetto Ferrari, Sigismondo D’India und anderen. Zu einem Dialog kam es dabei nicht wirklich. Die neun Vokalwerke bezogen sich nicht auf die 19 Gemälde, sondern wirkten als Begleitmusik für die Umkleidetätigkeit und die Posen der Schauspieler. Die drei verstanden es, mit einfachsten Mitteln stimmungsvolle Caravaggio-Stills zu kreieren. Ein Schmunzeln entlockte dem Publikum dabei das gruselige Highlight der Bilderreihe, Salome mit dem Kopf Johannes‘ des Täufers. Auch der Finger des ungläubigen Thomas in der Wunde von Jesus wurde von den meisten als solcher erkannt. Da die katholische Kirche ein kardinaler Auftraggeber Caravaggios war, wurde man einer Folge von Martyrien, Kreuzigungen und Auferweckungen ansichtig. Wäre es eine gute Idee gewesen, weniger Tableaux vivants zu zeigen, diese dafür aber jeweils mit einem dazu passenden Musikstück zu kombinieren? Wahrscheinlich. Wäre es interessant gewesen, dazu im Hintergrund Projektionen der dargestellten Werke einzublenden, samt Titeln? Möglicherweise. So hörte und sah man in der Helmut-List-Halle Dinge, die nicht wirklich etwas miteinander zu tun hatten. Auf der linken Seite berichteten zwei Sängerinnen (Emanuela Galli, Agnese Allegra) und ein Sänger (Giacomo Schiavo) mit mehr oder weniger gefälligen Stimmen von Liebe und Leid in Hirten- und Götterkreisen, umtröpfelt von Cembalo und Theorbe. Rechts wickelten sich drei Schauspieler ein und aus und nahmen einminütige Posen ein. Und doch: Als Reaktion auf das heitere Gemälderaten mit Musikbegleitung flutete nach einer guten Stunde begeisterter Applaus die Halle. Ein Beweis für die „Macht der Musik“, so das diesjährige Motto der Styriarte? Oder doch einer für die der Bilder? Wer weiß. p styriarte.com
Maria Happel geht bei den Festspielen Reichenau in ihr drittes Jahr als Intendantin, ist dem Festival aber schon viele Jahre verbunden.
M
aria Happel ist für Überraschungen gut. Die Burgschauspielerin, kurzzeitige Reinhardt-Seminar-Leiterin und nun in ihre dritte Saison gehende Festspielchefin hat für ihre Intendanz bei den Festspielen Reichenau eine Entdeckung aus China im Talon: Stefan Zweigs Stück 24 Stunden aus dem Leben einer Frau. Die Inszenierung von Meng Jinghui hat Happel im Vorjahr nahe Schanghai so fasziniert, dass sie jetzt alles tut, um sie nach Reichenau zu holen. STANDARD: Meng Jinghuis Inszenierung könnte bald in Österreich zu sehen sein? Happel: Ja, ich arbeite daran. Es ist mir ein Anliegen, dass das Programm der Festspiele nicht im Regionalen versuppt, das ist ja klar. Ich will auch internationale Perspektiven hereinholen, und Mengs Arbeit hat mich total begeistert. STANDARD: Sie sind dabei, Reichenau in die Zukunft zu führen. Haben Sie für die Festspiele eine Dramaturgie definiert – im Unterschied zu dem, was vorher war? Happel: Ich würde sagen, Innovation kommt aus der Tradition – und davon gibt es in Reichenau genug. Ich weiß auch, dass man ein fahrendes Schiff nicht umdrehen kann. Ein Kurswechsel ist aus meiner Sicht nicht nötig, aber eine Entwicklung gibt es sehr wohl. Das Publikum erwartet zwar jene Autoren, die mit der Landschaft vor Ort verbunden sind. Schnitzler steht auf der Wunschliste immer an erster Stelle – wir haben Umfragen gemacht. Aber es gibt auch heute Menschen, die sich von dieser Gegend inspirieren lassen. STANDARD: Woran denken Sie da? Happel: Sommerfrische kriegt der-
zeit eine neue Bedeutung. Das hat einerseits mit der Pandemie zu tun, aber auch mit dem Klimawandel. Es hat im Sommer am Semmering einfach sieben, acht Grad weniger als in der Stadt. Das ist ein Thema. Ein weiterer wichtiger Grundpfeiler ist die Nähe zu Wien. Unser Publikum ist in der Regel zwar älter, aber es verjüngt sich laufend. STANDARD: Welche Reformschritte unternehmen Sie? Happel: Wir sind noch nicht ganz bei den lebenden Zeitgenossen. Dieses Jahr ist es ein Sprung zu Thomas Bernhard. Die Arbeit an Der Ignorant und der Wahnsinnige ist insofern besonders, als Hermann Beil das Stück inszeniert, der noch ein Weggefährte Bernhards war. Gemeinsam mit Therese Affolter und Martin Schwab gibt er die Staffel weiter. Wir versuchen auch, mit Dramatisierungen und Überschreibungen die Stücke und Stoffe ins Heute zu führen. STANDARD: An welches Publikum richten sich die Festspiele? An das bürgerliche, das aus Wien anreist? Happel: Nach Reichenau kommt jenes Publikum, das sich für meine Art des Theaters interessiert. Und mir liegt es am Herzen, Geschichten zu erzählen, von Anfang bis zum Ende. Das fehlt mir am Theater manchmal. Das Zerrissene hat genauso seine Berechtigung, aber dafür stehe ich nicht. Der Deal mit Emotionen – dafür gehe ich ins Theater. STANDARD: Intendanzwechsel gehen üblicherweise mit einer Verjüngung einher. Das Durchschnittsalter der Regieführenden in Reichenau liegt 2024 aber bei über 70 Jahren. Happel: Es ist schlicht ein Zufall, dass wir im Alter heuer so hoch liegen. Ich bin immer dafür, junge Ta-
lente zu fördern. Heuer bin ich etwas in die eine Richtung gerutscht, aber das kann man ja wieder ausgleichen. STANDARD: Sie hatten bisher auch keine einzige Autorin dabei – zwölf Stücke von zwölf Autoren. Ist Ihnen diese Schieflage kein Dorn im Auge? Happel: Ich bin natürlich auf der Suche nach Autorinnen oder zumindest nach Stücken, die ein Frauenschicksal in den Vordergrund rücken. Frauen müssen einfach vorkommen, klar! Ich führe entsprechende Gespräche, doch sie betreffen erst die nächste Spielzeit. Darüber hinaus überlege ich, eine Art Stückewerkstatt für junge Schreibende im Herbst einzuführen. Der Plan war auch immer, dass genug Jugendliche aus dem Reinhardt-Seminar eine Chance bekommen. STANDARD: Ist diese Verbindung zwischen Reichenau und Reinhardt-Seminar durch Ihren Abgang als Leiterin unterbrochen worden? Happel: Keineswegs, der Kooperationsvertrag ist weiter aufrecht, und ich stehe zu diesem Angebot. STANDARD: Ist Ihnen inzwischen klar, was die Studierenden mit dem offenen Brief von Ihnen wollten? Happel: Nicht wirklich. Ich musste aber auch irgendwann aufhören, darüber nachzudenken. Es gab ja in dieser Sache bedauerlicherweise keine Gesprächsbasis. STANDARD: Wenn Sie von einer Schreibwerkstatt sprechen, haben Sie da auch Stückaufträge im Auge? Happel: Ganz genau, auch mit einer Jury. Es wäre toll, wenn sich junge Autoren und Autorinnen mit der Semmering-Gegend und den hier liegenden Themen literarisch beschäftigen.
STANDARD: Zurück zu Max Reinhardt. Sie zitieren gern seine berühmten Sager, etwa jenen von den Schauspielern, die „sich die Kindheit in die Tasche gesteckt haben“. Ist das nicht eine verklärende Sicht auf den Beruf? Happel: Ich denke, es geht ihm um dieses spielerische Moment, das Kinder antreibt, sobald sie sich von der Welt etwas abgeschaut haben. Dann heißt es, ich bin die Mutter, und du bist das Kind! Also diese Behauptung, etwas zu sein, oder Rollen zu vergeben. STANDARD: „Wir leben davon, dass uns die alten Zauberer die Geheimnisse ins Ohr flüstern“ – das ist doch Kitsch. Happel: Aber trotzdem funktioniert es genau so. Guter Kitsch ist ja nicht zu verachten! Vor allem dann nicht, wenn er sich mit Antikitsch verbindet wie bei Claus Peymann, da hab’ ich mir viel angeeignet. STANDARD: Sie haben in einem Interview gesagt, Frauen müssen sich heute nicht mehr von Regisseuren quälen lassen. Haben Sie „Qualen“ erlebt? Happel: Das liegt lange zurück. In meinem Fall und den Fällen vieler Kolleginnen und Kollegen war es oft übergriffig. Man wurde vorgeführt, vor Kollegen verbal durch den Schmutz gezogen. Der Punkt war auch, dass wir oft geschwiegen haben. Jeder und jede war froh, wenn es einen anderen getroffen hat, und wir sind nicht aufgestanden. Regisseure sagten, man müsse einen Schauspieler „wund machen, und am nächsten Tag kriegt man, was man will“. Eine sadomasochistische Vorgehensweise! Meine Motivation, Regie zu führen, kommt aus dem Willen zu beweisen, dass man auch ohne Sadismus inszenieren kann. MARIA HAPPEL Ieitet Reichenau seit 2021.